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21. Januar 2010

Gorgasal und Obama (5): Erwartungen

Präsident Obama über die Erfolge seiner Bemühungen um Frieden im Nahen Osten:
[W]hat we did this year didn't produce the kind of breakthrough that we wanted, and if we had anticipated some of these political problems on both sides earlier, we might not have raised expectations as high.



© Gorgasal. Für Kommentare bitte hier klicken.

10. Dezember 2009

Gorgasal und Obama (3): Kinderstube

Heute war Präsident Obama in Oslo, um den Friedensnobelpreis entgegenzunehmen. Nun ist nicht jedem ganz klar, für welche Verdienste genau er den Preis zuerkannt bekam, aber darum soll es uns heute nicht gehen.

Uns soll es heute um Benimm gehen. Und um elementare Höflichkeit.

Anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises speist der Preisträger normalerweise mit dem norwegischen König zu Mittag und mit dem Preiskomitee zu Abend, besucht ein klassisches Konzert, besichtigt die Ausstellung im Nobel-Friedenszentrum, gibt eine Pressekonferenz und nimmt an einem von Kindern organisierten Friedensevent teil.

Welche dieser Termine hatte Obama eingeplant?

Keinen. Nur eine "Kurzaudienz" von 15 Minuten beim norwegischen König. (Bin ich der einzige, dem nicht ganz klar wird, wem hier eine Audienz bei wem gewährt wird?)

Nun hat der Präsident der USA natürlich nicht Zeit für alles und jeden, der Terminkalender ist voll, und obendrein sind die Sicherheitsvorkehrungen teuer und ein Heidenaufwand. Alles gewichtige Argumente. Aber ich kann mir die Feststellung nicht verkneifen, dass all das Obama nicht daran hinderte, in Kopenhagen für die Olympischen Spiele in Chicago zu werben.

Nach dem allgemeinen Aufschrei in Norwegen, Schweden, England und weiß Gott wo noch hat Obama jetzt für einen Teil der geplanten Festivitäten zugesagt. Aber die Frage bleibt: hat Obama denn überhaupt keinen Anstand? Keine Kinderstube? Oder als Alternative zu all dem nicht zumindest einen kompetenten Stab, der ihn vor den allerpeinlichsten Fettnäpfchen bewahrt?

Zumindest gegenüber König Harald hätte ich von Obama doch etwas mehr Höflichkeit erwartet - in Anbetracht seines bekannten Respekts vor gekrönten Häuptern.



© Gorgasal. Für Kommentare bitte hier klicken.

2. Dezember 2009

Gorgasal und Obama (2): Obama zitiert Eisenhower

Zitate von historischen Persönlichkeiten sind etwas Schönes. Man ordnet eigene Ansichten in einen historischen Kontext ein, man stellt sich sozusagen auf die Schultern von Riesen, man beweist Bildung (nun gut, genauer: die Redenschreiber beweisen, dass sie mit Zitatensammlungen umgehen können).

Und so hat auch Präsident Obama in seiner Rede zu Afghanistan, die Zettel bereits kommentierte, einen seiner Vorgänger zitiert: Dwight D. Eisenhower, seines Zeichens Oberbefehlshaber der alliierten Landung in der Normandie 1944 und nach dem Krieg Präsident der Vereinigten Staaten. Nicht wahr, so jemand wird genügend zitierfähige Weisheiten hinterlassen haben, die bei der Strategie in Afghanistan weiterhelfen können?

Und welches Zitat von Eisenhower bringt Obama?
Each proposal must be weighed in the light of a broader consideration: the need to maintain balance in and among national programs.

Jeder Vorschlag muss im Lichte einer umfassenderen Überlegung abgewogen werden: der Notwendigkeit, Ausgewogenheit innerhalb und zwischen nationalen Zielsetzungen zu bewahren.

Ein schwammigeres, lavierenderes Zitat haben Obamas Souffleure bei Eisenhower wohl nicht gefunden. Aber es passt gut zu Obama und seiner Präsidentschaft.

Fürs nächste Mal: Wikiquote hat mehr Auswahl.



© Gorgasal. Die Inspiration stammt von David Beito. Für Kommentare bitte hier klicken.

17. September 2009

Zitat des Tages: Barack Obama, der Tribun des Volkes

Obama fancies himself tribune of the people, spokesman for the grass roots, harbinger of a new kind of politics from below that would upset the established lobbyist special-interest order of Washington. Yet faced with protests from a real grass-roots movement, his party and his supporters called it a mob -- misinformed, misled, irrational, angry, unhinged, bordering on racist. All this while the administration was cutting backroom deals with every manner of special interest -- from drug companies to auto unions to doctors -- in which favors worth billions were quietly and opaquely exchanged.

(Obama gibt sich als der Tribun des Volkes, als das Sprachrohr der Basis, als der Vorbote einer neuen Art Politik von unten, welche die etablierte Ordnung des Lobbyismus und der Partikularinteressen in Washington umstürzen soll. Als man sich aber Protesten einer wirklichen Basisbewegung gegenübersah, da nannten seine Partei und seine Unterstützer sie einen Mob - falsch informiert, irregeführt, irrational, wütend, einseitig, fast schon rassistisch. Und das alles, während seine Regierung in Hinterzimmern Kuhhandel mit jeder Art von Partikularinteressen trieb - von Unternehmen der Pharmaindustrie über Automobil- Gewerkschaften bis hin zu den Ärzten -, bei denen im Stillen und im Dunklen Wohltaten im Wert von Milliarden von Dollars verteilt wurden.)

Charles Krauthammer in der Washington Post über Präsident Obama.


Kommentar: Demagogen haben häufig ein bemerkenswert ambivalentes Verhältnis zum Demos; zu dem Volk, als dessen Führer sie auftreten.

Einerseits umwerben sie dieses Volk. Sie schmeicheln ihm. Nicht er selbst könne die Welt ändern, hat Obama im Wahlkampf immer wieder gesagt; nur das ganze amerikanische Volk könne das: Yes, we can!

Sie tun alles mit dem Volk und für das Volk, diese Volkstribunen. Vorgeblich. Denn in Wahrheit verachten sie das Volk.

Sie brauchen es als Adressaten ihrer Versprechungen und Verführungskünste. Sie brauchen es, das vertrauensvolle Volk, damit es sie an die Macht trägt.

Aber wehe, wenn es sich erdreistet, dieses Volk, anderer Meinung zu sein als sein Tribun: Dann wird es zum "Mob". Dann sind seine Äußerungen nur noch "Stammtischgerede".



Kaum jemals wird der Volkstribun, ist er einmal an die Macht gelangt, zum großen Staatsmann. Denn es sind ja gerade nicht die Eigenschaften eines Staatsmannes - Augenmaß, Verantwortungsbewußtsein, Charakterstärke in schwierigen Situationen -, die den Demagogen an die Spitze bringen. Sondern es ist die Kunst der Verführung; es ist das "Charisma".

Barack Obama war ein brillanter Wahlkämpfer; vielleicht der genialste Wahlkämpfer in der Geschichte der modernen USA. Er erweist sich immer mehr als einer der unfähigsten Präsidenten, die dieses Land jemals hatte. So, wie bei uns Gerhard Schröder als Wahlkämpfer unschlagbar war - und als Kanzler ein Desaster.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

29. August 2009

Kurioses, kurz kommentiert: In Jena ein Hauch Obama

Sogar ein Hauch Obama weht über den Marktplatz von Jena. Matschie beschwört den Wandel: "Wir haben die Chance, hier was zu bewegen." Das Publikum schaut entschlossen. Selbst Steinmeier unterbricht seinen Plausch für einen kurzen Moment.

Aus dem Bericht von Michael Schlieben in "Zeit- Online" über den Wahlkampf in Thüringen. Die Szene spielt gestern auf dem Marktplatz von Jena, wo Steinmeier und Matschie eine gemeinsame Kundgebung hatten.

Kommentar: Der Satz "Das Publikum schaut entschlossen" qualifiziert Michael Schlieben endgültig für den Deutschen Journalistenpreis.

Der Autor ist schon früher durch ungewöhnliche journalistische Leistungen aufgefallen; siehe Die "einzigartig starken" 68er und die Leiharbeiter; ZR vom 8.1. 2009 sowie Kanzler Westerwelle?; ZR vom 18.2. 2009.



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27. Juni 2009

Wahlen '09 (4): Wahlhilfe für Merkel aus dem Weißen Haus. Aber wo bleibt die Wahlkampfstimmung?

Ein Herz und eine Seele sind sie auf einmal, der Barack und die Angela. Aus Washington berichtet Gregor Peter Schmitz für "Spiegel- Online" über den Präsidenten:
Er beginnt mit "Willkommen" auf Deutsch, er lobt Merkels "Weisheit" und "Direktheit", er erinnert an seinen Besuch der Dresdner Frauenkirche Anfang Juni, deren Wiederaufbau der ganzen Welt zeige, was mit vereinten Kräften möglich sei. Obama begrüßt "meine Freundin Angela Merkel". Deutschland, schwärmt er, werde einen besonderen Platz in seinem Herzen behalten, wegen des freundlichen Empfangs in Berlin als Präsidentschaftskandidat vor 220.000 Menschen im Juni 2008.
Womit wir beim Thema sind.

Nein, das ist nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Zwischen Obamas kühlem wenn nicht rüdem Verhalten gegenüber der Kanzlerin bei seinem Kurzbesuch in Deutschland vor drei Wochen und dem jetzigen Überschwang - wie immer bei Obama mit einem Stich ins Kitschige - hat sich nur allerdings etwas verändert: Die Umfragewerte für die deutschen Parteien.

Fast durchweg zeigen die Daten der Institute im Juni eine abfallende Tendenz für die SPD und das linke Lager und einen spiegelbildlichen Anstieg der Werte für Schwarzgelb. Bei der Forschungsgruppe Wahlen zum Beispiel lag Schwarzgelb Ende Mai bei 48 und die Volksfront bei 47 Prozent; Mitte Juni war es 50 zu 44 Prozent. Ähnlich sehen die Daten der anderen Institute aus.

Solche Umfragen verfolgt man natürlich auch in Washington. Präsident Obama muß gegenwärtig davon ausgehen, daß er auch für den Rest seiner Amtszeit nicht den Wunschpartner Steinmeier als deutsches Gegenüber haben wird, sondern die Kanzlerin Merkel. Es kann also nicht schaden, sie sich zu verpflichten, indem er ihr im Wahlkampf hilft. Es kostet Obama nichts; es wird ihm später nützen. Und die Kanzlerin nimmt dieses Geschenk natürlich gern entgegen.

Eigentlich sollte der Höhepunkt des Besuchs der gemeinsame Auftritt im Rosengarten des Weißen Hauses sein, mit wunderschönen Fotos und Filmaufnahmen für den CDU- Wahlkampf. Da spielte nun leider das Wetter nicht mit; aber daß der Präsident die Kanzlerin lobte, bleibt ja dennoch - siehe "Spiegel- Online" - in Deutschland nicht ungehört.

Ob Obamas Urteil über Merkel ("Chancellor Merkel is smart, practical, and I trust her when she says something" - sie sei smart, praktisch und er glaube ihr, wenn sie etwas sagt) nun allererste Sahne war, darüber kann man streiten; in einem Arbeitszeugnis wäre das wohl eher ein Minimallob. Aber solche versteckten Feinheiten werden gern überhört; für den Wahlkampf zählt nur das grobe Bild, wie es in die Medien gelangt.

Und das ist positiv. Obama benimmt sich eindeutig geschickter als Merkel selbst im vergangenen Jahr ihm gegenüber, als sie die Rede vor dem Brandenburger Tor verhinderte. Denn auch damals, Ende Juli 2008, zeichnete sich schon der Wahlsieg Obamas ab. An seinen Auftritt in Berlin hat Obama gestern erinnert; auch das wohl eine kleine, aber feine Spitze gegen Merkel.



Sicher war Obamas Wahlsieg damals natürlich noch bei weitem nicht. Sicher ist auch heute, drei Monate vor den Wahlen, natürlich der Sieg von Schwarzgelb nicht.

Aber es läuft gut. Es läuft weit besser als im Vorwahlkampf Ende März, als vieles für eine Niederlage von Schwarzgelb sprach.

Dazwischen liegen die Europawahlen, die der Union und der FDP Auftrieb gaben und die SPD in ein Stimmungstief stürzten; dazwischen liegt auch das erfolgreiche Management der Opel-Krise und der sich ausbreitende Eindruck, das Schlimmste sei in der Rezession überstanden. (Daß bei der Arbeitslosigkeit das Schlimmste noch bevorsteht, daß wir mit einer Inflation rechnen müssen, ist vielen Wählern wohl noch nicht klar).

Es herrscht in Deutschland in diesen Tage eine Stimmung des "Es wird schon irgendwie gut gehen". Man weiß sich bei dieser vernünftigen, starken Kanzlerin in guten Händen, sozusagen. Keine Experimente, diese Haltung scheint sich auszubreiten.

Das ist eine Momentaufnahme, so wie die Ende März. Seither ist ein Vierteljahr vergangen, und ein Vierteljahr dauert es noch bis zur Wahl. Das Pendel kann in dieser Zeit auch wieder zurückschwingen. Der eigentliche Wahlkampf liegt ja noch vor uns.

Und das ist das vielleicht Seltsamste an dieser Wahl: Dreizehn Wochen vor dem Wahltag wird sie immer noch kaum wahrgenommen. Drei Monaten vor den US-Wahlen, Anfang August 2008, war der Wahlkampf schon auf seinem Höhepunkt. Bei uns gibt es ihn so richtig noch gar nicht.

Das liegt nicht an einem Unterschied in der Mentalität oder den Umständen der Wahl zwischen Deutschland und den USA. Es ist eine Besonderheit dieses Wahljahrs.

Schauen Sie sich zum Vergleich einmal die Galerie der Titelbilder des "Spiegel" im Wahljahr 1976 an. Schon im Januar "Tendenzwende?" mit Helmut Schmidt als Titelboy. Im Februar "Machtwechsel?", jetzt mit Helmut Kohl. Im März "Wandel in der CDU" mit dem CDU- Hoffnungsträger Albrecht auf dem Titel. Im April "Jungwähler - Schwenk zur CDU", mit einem Gespräch mit Helmut Schmidt über die Wahlaussichten der sozialliberalen Koalition. Ebenfalls im April "Was will die FDP?" über die Möglichkeit eines Koalitionswechsels der FDP nach den Wahlen. Und so fort, bis es dann in den Wochen vor der Wahl kaum noch andere Titelthemen gab.

Es muß wohl schon diese heiter- resignierende Gelassenheit sein, mit der wir Deutschen diese Krise durchleben, daß wir in diesem Jahr so gar nicht in Stimmung fürs Kämpfen kommen, und sei es auch nur das Wahlkämpfen.



Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Lizenz freigegeben. Ausschnitt.

6. Juni 2009

Zettels Meckerecke: Narziß Obama. Gibt es eigentlich irgend etwas, was sich nicht um ihn dreht? Und wieso fallen so viele auf den Narziß herein?

Hat man je in einem hohen Staatsamt einen größeren Egozentriker, einen in sich selbst mehr verliebten Narziß erlebt als IHN, Barack Obama?

Wenn man IHM glaubt, dann war seine eigene Biografie auf wundersame Weise mit so ungefähr allem verwoben, was in dieser Welt an Wichtigem passierte.

Schon seine "very existence" - daß es ihn also überhaupt gibt - verdankt ER keinem Geringeren als John F. Kennedy.

Natürlich ist er der Versöhner mit dem Islam. Während des Wahlkampfs gingen die Demokraten zwar heftig gegen diejenigen vor, die auf seinen middle name aufmerksam machten; aber heute nennt er sich selbst stolz Barack Hussein. Aufgewachsen unter Moslems. Wer anders als ER, vom Schicksal berufen, könnte die Vereinigten Staaten mit den Moslems versöhnen?

Als er gestern Buchenwald besuchte, da war - wen wundert es? - natürlich auch die Befreiung dieses KZ eine Episode in SEINER Familiengeschichte. Der Großonkel Charlie Payne hatte mitbefreit, wenn auch nur das Nebenlager Ohrdruf. (Freilich nicht Auschwitz, wie Obama einst schwadronierte).

Heute nun feierte man in der Normandie den D-Day. Seltsam wäre es gewesen, wenn nicht auch da SEINE Familie eine Rolle gespielt hätte. Seine Großvater, Stanley Dunham, war zwar, nun ja, nicht direkt an der Invasion beteiligt. Aber immerhin marschierte er sechs Wochen danach in Frankreich ein. Sagte Obama heute am Omaha Beach. (Den, sich freudianisch versprechend, Gordon Brown "Obama Beach" nannte).



Wie kann man auf einen solchen Narziß, einen solchen Egozentriker hereinfallen? Wie kann jemand, der sich so ungehemmt als der charismatische Führer aufspielt, komplett mit geschichtsgeladener Familien- Biografie, von unseren Medien so wohlwollend behandelt werden? Von Medien, die doch sonst jeden Politiker erbarmungslos auf Normalmaß reduzieren?

Ich weiß es wirklich nicht. Mir scheint, daß viel mehr an Führerglauben, an Bedürfnis nach Hingabe an den Erlöser, in der Volksseele schlummert, als ich es für möglich gehalten hatte.



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5. Juni 2009

Marginalie: Obama zeigt Merkel die kalte Schulter. Im Wortsinn

So etwas habe ich noch nicht erlebt.

Da besucht ein ausländischer Regierungschef, Barack Obama, zugleich Staatsoberhaupt, Deutschland. Er wird, wie anders, von der Kanzlerin empfangen, führt mit ihr Gespräche, besucht mit ihr dann Buchenwald.

Wenn ein Staatsgast mit dem Gastgeber gemeinsam eine Stätte besucht, dann ist es üblich, daß der Gastgeber den Gast führt; daß er ihm das eine oder andere erklärt. Wenn dann beide einen Weg gemeinsam gehen, dann unterhält man sich. Der Gast ist freundlich zum Gastgeber; der Gastgeber versucht seiner Rolle gerecht zu werden und ist seinerseits so freundlich, wie es denn irgend geht. Selbst wenn es Spannungen geben sollte.

Haben Sie die Übertragung aus Buchenwald gesehen? Man legte gemeinsam gelbe Rosen nieder. Dann gab es einen langen, langen Gang durch das Gelände. Obama, die Kanzlerin, Elie Wiesel, der Buchenwald- Überlebende Bertrand Herz.

Obama wandte seine Aufmerksamkeit ausschließlich Wiesel zu. Merkel würdigte er keines Blickes. Ihre Versuche, sich am Gespräch zu beteiligen, scheiterten offensichtlich. Schließlich sprach sie Herz an, mit dem sie ein paar Worte wechselte.

Nicht anders war es, als man später in einer Gruppe zusammenstand. Obama unterhielt sich mit den anderen. Merkel stand außerhalb, wie ein dummes Schulmädchen. Manchmal kehrte ihr der Präsident im Wortsinn den Rücken zu. Merkel versuchte mehrfach, sich ins Gespräch einzuschalten. Die Reaktion Obamas war exakt null. Keine Antwort, noch nicht einmal eine mimische.

Dann gab es die abschließenden Reden. Merkel kurz, ehrlich und präzise. Obama nach Worten suchend; ihm fehlte offensichtlich der Teleprompter. Elie Wiesel ungemein beeindruckend; ein Mann, der durch seine Persönlichkeit wirkt. Obama und Wiesel umarmten einander. Obama zeigte gegenüber Merkel keine Geste.

Wiesel aber hat die Kanzlerin umarmt. Mir schien, daß in diesem Augenblick dieser große Mann es auch nicht mehr hinnehmen wollte, wie Obama mit seiner Gastgeberin umging.



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20. März 2009

Kurioses, kurz kommentiert: "Konspirative Personalfindung". Wie die Regierung Obama partnerschaftlich mit den Europäern zusammenarbeitet

In Brüssel herrschte Verblüffung. "Amerika behandelt das als rein amerikanische Angelegenheit, also haben sie von der Stavridis- Entscheidung auch nichts durchblicken lassen", sagen Nato- Mitarbeiter. "Die konspirative Personalfindung erinnert fast an eine Papstwahl", sagt Stefani Weiss, Nato- Expertin der Bertelsmann- Stiftung in Brüssel, SPIEGEL ONLINE.

Gregor Peter Schmitz in "Spiegel- Online" über die Entscheidung Washingtons, den Admiral James Stavridis zum neuen Oberbefehlshaber der Nato zu machen.

Kommentar: Was ist daran kurios? Kurios ist, daß viele Europäer von ausgerechet diesem Präsidenten Obama einen neuen, partnerschaftlichen Stil des Umgangs erwartet hatten.

Erinnern Sie sich noch an den peinlich- anbiedernden "Offenen Brief", den der Kanzlerkandidat Steinmeier am 12. Januar an den damals kurz vor seiner Amtseinführung stehenden "sehr geehrten Barack Obama" geschrieben hat? In dem zum Beispiel dies zu lesen stand:
Ich bin jetzt 53 Jahre alt, und noch nie in meiner aktiven Erinnerung hat die Einführung eines amerikanischen Präsidenten so viel Hoffnung und Zuversicht ausgelöst. Nicht nur bei uns in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Die Erwartungen an Sie gehen fast über das menschliche Maß hinaus. (...)

Sie wollen partnerschaftlich handeln und Neues wagen. Deshalb sehen wir im Beginn Ihrer Präsidentschaft vor allem Chancen. Gerade jetzt. Auch für uns.
Gerade mal neun Wochen ist es her, daß Steinmeier diesen Schmus schrieb. Irgendwie schon ganz weit weg, finden Sie nicht?



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9. März 2009

Zitate des Tages: Obamas Unredlichkeit, Merkels Aufrichtigkeit

Clever politics, but intellectually dishonest to the core. Health, education and energy -- worthy and weighty as they may be -- are not the cause of our financial collapse. And they are not the cure. The fraudulent claim that they are both cause and cure is the rhetorical device by which an ambitious president intends to enact the most radical agenda of social transformation seen in our lifetime.

(Clevere Politik, aber intellektuell unredlich bis in den Kern hinein. Gesundheit, Bildung und Energie - so bedeutsam und gewichtig sie sein mögen - sind nicht die Ursache unseres finanziellen Zusammenbruchs. Und sie sind nicht die Therapie. Die verlogene Behauptung, daß sie sowohl die Ursache als auch die Therapie seien, ist das rhetorische Mittel, mittels dessen ein ehrgeiziger Präsident den radikalsten Plan für eine Änderung der Gesellschaft durchsetzen will, den wir in unserem Leben gesehen haben.)

Charles Krauthammer in seiner aktuellen Kolumne in der Washington Post über Präsident Obama. Überschrift: "The great non sequitur", die große Unlogik.


Die Wahl von Angela Merkel zur Parteivorsitzenden und Bundeskanzlerin ist das konsequente Einstehen für diese deutsche Einheit und das Ergebnis der Standfestigkeit, Führungsstärke und Glaubwürdigkeit von Angela Merkel. (...)

Das hervorstechende Merkmal von Christdemokraten ist nicht der Konservatismus. Unsere Wurzeln liegen in der christlich- sozialen, der liberalen und der konservativen Tradition. Und auch christlich- sozial ist nicht gleichzusetzen mit "Katholik" aus dem Westen. Unsere Suche nach mehr Stammwählern sollte uns nicht blind machen für neues Bürgertum und jene Liberalität, die die Vielfalt in einem demokratischen Gemeinwesen achtet.


Annette Schavan am Samstag in einem Gastbeitrag im "Hamburger Abendblatt" über Kanzlerin Merkel.


Kommentar: Unter den führenden Politikern der freien Welt gibt es im Augenblick vermutlich keinen größeren Gegensatz als den zwischen Barack Obama und Angela Merkel.

Obama ist offenbar entschlossen, die amerikanische Gesellschaft radikal zu verändern, und er nutzt dazu die jetzige Wirtschaftskrise, indem er vorspiegelt, diese Krise - die eine Krise der Banken, des Finanzsystems ist - hätte etwas zu tun mit den Feldern, auf denen er die amerikanische Gesellschaft verändern will.

Er liegt damit auf der Linie der zynischen Bemerkung seines Stabschefs Rahm Emanuel, auf die Gorgasal in "Zettels kleinem Zimmer" hingewiesen hat und die auch Charles Krauthammer zitiert: ""You never want a serious crisis to go to waste. This crisis provides the opportunity for us to do things that you could not do before." Man werde eine schwere Krise nie ungenutzt lassen wollen. Die jetzige liefere die Gelegenheit "für uns", Dinge zu tun, die man zuvor nicht hätte tun können.

Die Art, wie die Kanzlerin mit der Krise umgeht, ist das genaue Gegenteil. Nüchtern, vorsichtig, um den Ausgleich von Interessen bemüht. Ohne den Anspruch, sie kenne dank höherer Eingebung Rezepte, mit denen man schnell aus dieser Krise kommen werde. Und natürlich ohne die Chuzpe, die Krise zur Veränderung der Gesellschaft zu nutzen.

So ist eben Angela Merkel: Standfest und glaubwürdig, wie Annette Schavan sie porträtiert. Ohne jede Begabung zur Demagogie. Ohne die Flausen einer Gesellschaftsveränderung im Kopf. Wer in der DDR aufgewachsen, intelligent und ehrlich ist, der weiß, was davon zu halten ist.



Wie sieht es allerdings mit der von Schavan genannten "Führungsstärke" aus? Diese läßt im Augenblick die Kanzlerin nach Ansicht mancher CDU-interner Kritiker vermissen (auf die Schavan in ihrem Beitrag antwortet). Ihnen fehlt das konservative Profil der CDU.

Mag sein, daß die CDU dieses Profil schärfen sollte. Ich neige allerdings eher der Charakterisierung zu, die Schavan für die CDU findet. Aber sei dem, wie es sei: Wer in einer Partei gut ein halbes Jahr vor entscheidenden Wahlen die eigene Spitzenkandidatin demontiert, der handelt unverantwortlich.

Er braucht sich dann nicht zu wundern, daß die parteiinterne Kritik vom politischen Gegener freudig aufgegriffen wird. Wenn Oettinger, Steinmeier, die CSU, Struck, Schönbohm und Nahles in einer Großen Koalition der Merkel- Kritiker auftreten und unisono deren angebliche "Führungsschwäche" kritisieren, dann ist das in der Tat ein Alarmsignal.

Manchmal würde man sich dann von Merkel schon etwas mehr von Obamas Chuzpe wünschen.



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6. Januar 2009

Zettels Meckerecke: Kniesehnenreflexdiplomatie. Anmerkung zu Sarkozy, Steinmeier und Co. Oder sind's doch nicht die Reflexe? Nebst etwas zu Obama

Gut, "Kniesehnenreflexdiplomatie" ist kein besonders schönes deutsches Wort. Es ist aber die korrekte Übersetzung des kürzeren und lesbareren englischen Ausdrucks "knee jerk diplomacy". Und dieser wiederum scheint mir eine gute Bezeichnung für das zu sein, was beispielsweise Nicolas Sarkozy mit seinem gestrigen Besuch in Israel vorerxerziert hat.

Ich habe diesen Ausdruck "knee jerk diplomacy" gestern in einem lesenswerten Kommentar von Michael Rubin im Middle East Forum gefunden. Rubin meint damit "demanding a truce regardless of the cause of the fighting" - einen Waffenstillstand ohne Rücksicht auf die Ursache der Kämpfe zu verlangen. So, wie es nicht nur Sarkozy tut, sondern beispielsweise auch der deutsche Außenminister (nicht aber seine Kanzlerin).

Das geschieht anscheinend reflexhaft; so wie der Unterschenkel (wenn neurologisch alles in Ordnung ist) nach oben schnellt, wenn der Doktor auf die Patellarsehne klopft.

An sich ist das ein sinnvoller Reflex, der über die sogenannte Alpha- Gamma- Kopplung dafür sorgt, daß die Muskulatur sich mechanischer Beanspruchung anpaßt, indem sie ihren Tonus erhöht. Wenn aber der Arzt mit dem Hämmerchen auf die bekannte Stelle klopft, dann wird dieser Reflex dysfunktional ausgelöst. "Eine dumme Antwort des Organismus auf eine dumme Frage", wie ich es einmal einen Physiologen habe formulieren hören.

Reflexe sind nun einmal (vergleichsweise) dumm. Das ist der Preis dafür, daß sie schnell sind, also ohne Nachdenken und Entscheiden funktionieren.



Diplomaten freilich, Staatsmänner wie Sarkozy und (naja) Steinmeier sollten eigentlich nachdenken, bevor sie handeln. Sie sollten nicht reflektorisch reagieren.

Krieg ist etwas Entsetzliches. Menschen sterben, Menschen werden verstümmelt. Es ist unsere natürliche Reaktion, unser emotionaler Reflex, zu sagen: Hört sofort auf mit dieser Barbarei! Stoppt den Wahnsinn! Daß wir diesen Reflex haben, diese Reaktion eines spontanen Mitleidens, gehört zum Kern unserer Menschlichkeit.

Von verantwortlichen Staatsmännern kann man aber verlangen, daß sie nicht einem emotionalen Reflex folgen, sondern daß sie nachdenken und abwägen, bevor sie handeln.

Würden wir unsere Verantwortlichen danach wählen, wie gut bei ihnen emotionale Reflexe funktionieren und wie sehr sie ihr Handeln von diesen bestimmen lassen, dann könnten wir gleich Claudia Roth zur Kanzlerin machen.

Nun sind weder der zwar hektische, aber rational agierende Sarkozy noch der schwergängige Westfale Steinmeier dafür bekannt, daß sie übermäßig dazu neigen, emotionalen Wallungen zu folgen. Wenn sie - und viele andere, von Ban Ki-moon bis zu Gordon Brown - auf den Gaza- Krieg reflexhaft mit der Forderung nach einem sofortigen Waffenstillstand reagieren, dann liegt der Verdacht nahe, daß der Reflex so ganz spontan doch nicht ist.



Würde Israel diesen Forderungen folgen, dann müßte es mit dem Klammerbeutel gepudert sein. Es hätte dann nichts erreicht, stünde als besiegt da, wäre schlimmer daran als vor Beginn des Gaza- Kriegs. Natürlich wissen das auch Sarkozy und Steinmeier. Was also wollen sie mit ihren "Appellen"?

Erstens für sich selbst politisch punkten. Sich innenpolitisch als Friedensfreunde profilieren; Steinmeier will immerhin Kanzler werden. Er würde gewiß gern in die Fußstapfen eines anderen "Friedenskanzlers" treten.

Zweitens einen außenpolitischen Führungsanspruch ihres Landes demonstrieren. Das dürfte ein maßgebliches Motiv Sarkozys sein. Frankreich hat den EU-Vorsitz abgegeben; aber Sarkozy agiert weiter, als sei er immer noch der oberste aller EU-Europäer. Ad majorem Galliae gloriam.

Drittens möchte man sich bei den Arabern lieb Kind machen.

Eindeutig auf der Seite Israels stehen Politiker mit einer klaren freiheitlichen Überzeugung, wie Angela Merkel und George W. Bush. Diejenigen, deren Flexibilität weniger durch Überzeugungen erschwert wird, überlegen natürlich, welche Vorteile sie und ihr Land davon haben, schön neutral zu bleiben.

"Zu einseitig" sei die Erklärung der Kanzlerin ausgefallen, rügte laut dem aktuellen gedruckten "Spiegel" (2/2009, S. 93) Martin Schulz, Vorsitzender der Europäischen Sozialisten im Europäischen Parlament, die Erklärung der Kanzlerin. "... so schränke sie den Spielraum deutscher Außenpolitik ein".

Tja, so ist das nun einmal mit Überzeugungen. Sie schränken den eigenen Spielraum ein.



Heute sind es noch genau zwei Wochen, bis Barack Obama seinen Amtseid als der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika leistet. Während er fast täglich melden läßt, was er in der Wirtschaftspolitik zu tun gedenkt, hat er sich zum Nahen Osten bisher auffällig zurückgehalten, mit Hinweis darauf, es könne zu einer Zeit nur einen Präsidenten geben, und der heiße George W. Bush.

Ab dem 20. Januar heißt er Barack Obama. Ich ahne, wie er sich verhalten wird, verrate es aber nicht.

Na gut, ich deute es an, indem ich diesen Artikel vom 28. Juni 2008 verlinke.



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16. Dezember 2008

Von Bush zu Obama (5): Mutmaßungen über Barack. Will Obama der große Transformator werden? Eine provokante These von Charles Krauthammer

Streng genommen ist Barack Obama noch nicht zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt.

Zwar waltete gestern das Electoral College seines Amtes; jenes Gremium, das man in Deutschland traditionell als dasjenige der Wahlmänner bezeichnet. Politisch korrekt müßte es natürlich "Wahlfrauen und - männer" heißen. Nennen wir es, da ein unnützes Fremdwort immer noch besser ist als politische Korrektheit, das Gremium der Elektoren.

Diese 538 Elektoren also haben gestern ihre Stimmen abgegeben. Sie haben sich dazu nicht alle getroffen, sondern die Elektoren jedes Staats haben das in der jeweiligen Hauptstadt erledigt. Jetzt werden die Stimmzettel nach Washington geschickt und dort ausgezählt. Alles sehr traditionell, den Verkehrsverhältnissen im 18. Jahrhundert geschuldet.

Vermutlich erhielt Barack Obama 365 dieser 538 Stimmen; so viele Elektoren jedenfalls sind aufgrund des Wahlergebnisses aus seinem Lager entsandt worden. Sicher ist das aber nicht, denn die Elektoren sind frei bei der Abgabe ihrer Stimmen; und gezählt wird erst im Januar.



Welche Politik wird Präsident Obama verfolgen?

Welches ist die wahre Farbe eines Chamäleons? Hat es überhaupt eine? Eher wohl nicht.

Woran Barack Obama glaubt und welches seine Ziele als Präsident sind, weiß niemand. Dieser Mann hat sich in seinem ganzen Leben jeder neuen Situation perfekt angepaßt.

Im Wahlkampf war er, solange er gegen die spröde Hillary Clinton antrat, der Künder des Wandels; derjenige, der die Nation heilen und die Welt gesund machen will. Am Tag seines Siegs über Clinton verwandelte er sich in einen nüchternen Staatsmann, gegen den der neue Kontrahent John McCain wie ein spontaner Hitzkopf wirkte.

Er hat den Wandel versprochen, aber seine bisherigen Entscheidungen sind so ausgefallen, als wolle er ein Maß an Kontinuität wie kaum ein Präsident vor ihm.

Er hat gegen "Washington" gewettert und holt jetzt, einen nach dem anderen, Leute aus dem Washingtoner Establishment in sein Team; von Rahm ("Rahmbo") Emanuel aus dem einstigen Stab von Bill Clinton über George W. Bushs Verteidigungsminister Robert Gates bis zu Paul Volcker, einst Präsident der Notenbank unter Ronald Reagan.

Wie paßt das zusammen? Man kann, wie Robert Cohen kürzlich in der Washington Post schrieb, nach einer "höheren Warte" Ausschau halten, auf der sich das vereinen läßt. Ich kann allerdings diese Warte bisher nicht sehen und neige eher der Auffassung zu, daß der Präsident Obama schlicht das, was der Kandidat Obama versprochen hat, als Geschwätz von gestern betrachtet, das ihn nicht mehr schert.

Und weil ich jetzt eine Alternative zu dieser Auffassung vorstellen möchte, zitiere ich diese zunächst einmal so, wie ich es in der letzten Folge dieser Serie geschrieben habe:
Seine entstehende Regierung sieht immer mehr aus wie ein "Kabinett der nationalen Einheit". (...) Präsident Obama wird, das jedenfalls zeichnet sich schon jetzt ab, kein Neuerer sein, sondern ein Präsident der Kontinuität, vielleicht der Stagnation; der Verteidigung des Bestehenden und nicht des Wandels.

Oder sagen wir es positiv: Er wird zum Glück wenig von dem einhalten, was er im Wahlkampf versprochen hat.
Charles Krauthammer sieht das ganz anders. Und was Charles Krauthammer schreibt, sollte immer Anlaß zu ernsthaftem Nachdenken geben.



In seiner aktuellen Kolumne in der Washington Post verspricht Krauthammer schon im Titel etwas, von dessen Existenz ich - siehe das Chamäleon - nicht überzeugt bin: "The real Obama", der wahre Obama, heißt die Kolumne.

Krauthammer entwickelt eine Theorie, die etwas Bestechendes hat, weil sie die Fakten brillant unter einen Hut bringt. Was natürlich nicht heißt, daß sie richtig sein muß.

Krauthammers Ausgangspunkt ist eine Deutung ähnlich der zitierten von mir: "Because Obama's own beliefs remain largely opaque, his appointments have led to the conclusion that he intends to govern from the center" - weil Obamas eigene Auffassungen im Dunklen blieben, würden seine personellen Entscheidungen als Hinweise auf eine Politik der Mitte verstanden werden.

Krauthammer schlägt aber eine andere Interpretation vor. Eine Deutung, die darauf hinausläuft, daß Obama sehr wohl den radikalen Wandel realisieren will, den er im Wahlkampf - in dessen erster Phase - versprochen hat.

Obama hat, so Krauthammer, die Außenpolitik in die Hände der Profis Hillary Clinton, Robert Gates und James Jones gelegt, damit sie ihm auf diesem Feld, das ihn wenig interessiert, den Rücken freihalten.

Ebenso hat er Fachleute aus der politischen Mitte - Tim Geithner, Larry Summers und Paul Volcker - für die Wirtschaftspolitik ausgesucht, damit sie für ihn die jetzige Krise bewältigen. Für ihn und für das, was er eigentlich mit seiner Präsidentschaft anstrebt:
... to effect a domestic transformation as grand and ambitious as Franklin Roosevelt's. As Obama revealingly said just last week, "This painful crisis also provides us with an opportunity to transform our economy to improve the lives of ordinary people." Transformation is his mission. Crisis provides the opportunity. The election provides him the power.

... im Inneren eine Transformation herbeizuführen, so großartig und so ehrgeizig wie die von Franklin Roosevelt. Wie Obama bezeichnenderweise letzte Woche sagte: "Diese schmerzliche Krise gibt uns auch eine Gelegenheit, unsere Wirtschaft zu transformieren und das Leben der einfachen Leute zu verbessern". Transformation ist seine Mission. Die Krise bietet die Gelegenheit. Die Wahl liefert die Macht.
Die Krise, schreibt Krauthammer, hat die Basis für ein Maß staatlichen Eingreifens geschaffen, wie es das seit dem New Deal nicht mehr gegeben hat. Niemand im Kongreß tritt mehr dafür ein, daß Mehrausgaben gegenfinanziert werden müssen. Die Öffentliche Meinung verlangt Handeln und nimmt dafür jede Ausgabe in Kauf.

Obama habe für sein Ziel einer Transformation der amerikanischen Gesellschaft "undreamt-of amounts of money" zur Verfügung, Geldbeträge, von denen man nur hatte träumen können. Er habe zugleich das Mandat eines grandiosen Wahlsiegs, dazu noch breite Mehrheiten sowohl im Senat als auch im Repräsentantenhaus.

Was wird er mit dieser Macht tun? Krauthammer:
Obama was quite serious when he said he was going to change the world. And now he has a national crisis, a personal mandate, a pliant Congress, a desperate public -- and, at his disposal, the greatest pot of money in galactic history. (...)

It is his one great opportunity to plant the seeds for everything he cares about: a new green economy, universal health care, a labor resurgence, government as benevolent private- sector "partner." (...)

... the stage is set for a young, ambitious, supremely confident president -- who sees himself as a world- historical figure before even having been sworn in -- to begin a restructuring of the American economy and the forging of a new relationship between government and people. (...)

He intends to transform America. And he has the money, the mandate and the moxie to go for it.

Es war Obama vollkommen ernst, als er sagte, daß er die Welt ändern werde. Und jetzt hat er eine nationale Krise, ein persönliches Mandat, einen willfährigen Kongreß, eine verzweifelte Öffentlichkeit - und einen Topf Geld zur Verfügung, den größten in der Geschichte der Galaxie. (...)

Das ist seine eine, große Chance, die Saat für das zu legen, das ihm wichtig ist: Eine neue, grüne Ökonomie, Krankenversicherung für alle, ein Wiedererstarken der Gewerkschaften, die Regierung als der fürsorgliche Partner des "privaten Sektors". (...)

... die Bühne ist bereitet für einen jungen, ehrgeizigen, über die Maßen selbstbewußten Präsidenten - der sich schon als eine Gestalt der Weltgeschichte sieht, bevor er auch nur seinen Amtseid geleistet hat -, die amerikanische Wirtschaft umzustrukturieren und ein neues Verhältnis zwischen Regierung und Volk zu schmieden.

Er will Amerika transformieren. Und er hat das Geld, das Mandat und die Entschlossenheit, es anzupacken.



Gerade die Nominierung von Konservativen, von Leuten aus dem Establishment für die Felder der Außen- und der Wirtschaftspolitik soll also, so die provokante These Krauthammers, in diesen Bereichen für soviel Ruhe sorgen, daß Obama auf seinem eigentlichen Feld, demjenigen der Sozial- und Gesellschaftspolitik, Umwälzungen einleiten kann.

Diese Analyse ist für den Konservativen Charles Krauthammer natürlich ein Szenario des Schreckens. Viele in Europa, sehr viele hier in Deutschland werden finden, daß das doch eine höchst erfreuliche Perspektive sei.

Einleuchtend jedenfalls erscheint mir Krauthammers Analyse. So einleuchtend wie meine bisherige, entgegengesetzte Vermutung, daß Obama, nachdem die Wahl erst einmal gewonnen ist, das Gewand des Erlösers abgestreift hat wie der Saunabesucher seinen Bademantel, bevor er in die Kabine tritt.

Werden die kommenden Monate zeigen, welche der beiden Interpretationen die richtige ist? Vielleicht. Aber vielleicht verblüfft das Chamäleon uns ja auch noch mit ganz neuen Farbtönen.



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8. Dezember 2008

El Kaida '09: Verlagerung der Geschäftsaktivitäten aus dem Irak nach Afghanistan, Pakistan, Indien?

Wie ein global tätiger Konzern kann die Kaida ihre Geschäfts- Aktivitäten je nach Standort- Bedingungen verlagern. Es spricht einiges dafür, daß sie das im Augenblick tut.

Spätestens mit der Nominierung des für den Surge verantwortlichen Bob Gates zum Verteidigungsminister ist klar, daß Barack Obama nicht daran denkt, sein Versprechen aus dem Wahlkampf wahrzumachen und die US-Truppen binnen 16 Monaten restlos aus dem Irak abzuziehen.

Alles spricht dafür, daß er im Gegenteil die Politik von Präsident Bush fortsetzen und Soldaten nur in dem Maß abziehen will, in dem sie durch irakische Truppen ersetzt werden können. Zu der Metamorphose, die Barack Obama im Augenblick durchmacht, gehört, daß er sich vom Kriegsgegner zum Kriegsherren mausert.

Die Kaida hat dann die Option, die ich vor vier Wochen skizziert habe: Obama auf die blutige Art zur Einhaltung seines Wahlversprechens zu zwingen.

Eine neue Welle von Anschlägen könnte die Öffentliche Meinung in den USA so weit mobilisieren, daß im Frühjahr 2009 eine ähnliche Stimmung entsteht wie vom Frühjahr 2007 bis zum Frühjahr 2008, als eine Mehrheit der Amerikaner nur heraus aus dem Irak wollte, koste es, was es wolle. Die jetzige nominierte Außenministerin Clinton hat sich im Februar 2008 bereits konkrete Gedanken darüber gemacht, was bei dem bedingungslosen Abzug der USA aus den irakischen Fahrern und Übersetzern werden würde, die für die USA gearbeitet hatten; und aus den US-Zivilisten im Irak.

Die Kaida hatte damals mit ihren von den Medien breit publizierten Anschlägen und mit dem Versuch, im Irak einen Bürgerkrieg in Gang zu bringen, in den USA eine massive defätistische Stimmung erzeugt. Sie könnte das jetzt noch einmal probieren.

Es ist freilich fraglich, ob sie zu einem solchen letzten, verzweifelten Versuch, den Sieg doch noch zu erzwingen, überhaupt noch in er Lage ist. Mit der parlamentarischen Verabschiedung des Truppenabkommens zwischen Bagdad und Washington ist der demokratische Irak so gestärkt worden, daß der Sieg jetzt in greifbare Nähe gerückt ist (siehe hier im Blog den Artikel vom 27. November und die damit übereinstimmende Analyse von Charles Krauthammer in der Washington Post vom vergangenen Freitag).

Angenommen, sie muß sich im Irak geschlagen geben - was kann dann die Kaida noch tun? Sie kann den Standort Irak aufgeben und sich auf ein anderes, weitaus erfolgreicheres Geschäftsfeld konzentrieren, nämlich den Raum Afghanistan - Pakistan - Indien.



Die Washington Post brachte gestern einen Artikel von Richard A. Clarke, der unter den Präsidenten Clinton und George W. Bush im Weißen Haus für die Koordination der Maßnahmen zur Bekämpfung des Terrorismus zuständig war. Unter der Überschrift "Plans of Attack" (Angriffspläne) untersucht Clarke die momentane Strategie der Kaida.

Clarke teilt die Analyse, daß die Anschläge von Mumbai letztlich auf das Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan zielten: Indien wird als Reaktion auf die Anschläge Truppen an die Grenze zu Pakistan entsenden. Pakistan muß reagieren und seinerseits dort Truppen aufmarschieren lassen. Diese muß es aus dem Grenzgebiet zu Afghanistan abziehen, also aus dem Gebiet, in dem die Kaida bekämpft wird. Das zu erreichen war das eigentliche Ziel der Anschläge in Mumbai.

Clarke entwirft ein Doppel- Szenario - ein Treffen von Führern der Terroristen (Kaida, Taliban, Laschkar-i-Taiba) in Pakistan und eine Sitzung im Weißen Haus, in dem dann Präsident Obama residiert. Beide befaßt mit der Strategie für das Jahr 2009.

Die Kaida, so geht der eine Teil des Szenarios, wird parallel zwei Ziele verfolgen:

In Afghanistan die US-Truppen zu Luftangriffen auf Dörfer zu zwingen, welche Terroristen beherbergen. Das werde dort die Stimmung so beeinflussen, daß Präsident Karsai keinen Wahl haben werde, als einen Abzug der US-Truppen zu verlangen.

Präsident Obama werde sich dem widersetzen. Also bedürfe es eines zweiten, parallelen Vorgehens: Die USA durch geeignete Operationen der Kaida weich machen: "... we may have to increase their pain level. We have done that before"; man werde den Schmerz steigern müssen, wie schon früher.

Und die Sitzung im Weißen Haus?

Clarke läßt sie zu im wesentlichen denselben Folgerungen kommen: Zu erwarten seien neue Anschläge der Kaida auf der arabischen Halbinsel, in Europa und auch in den USA selbst; vermutlich ausgeführt von Europäern oder Asiaten, die sich der Kaida angeschlossen haben. Ab April werde es in Afghanistan eine Offensive der Terroristen geben; und zwar erstmals mit gemeinsamen Verbänden der Taliban und der Kaida.

Darauf werde man halt reagieren müssen - durch die Entsendung von weiteren Truppen nach Afghanistan, durch zivile Wiederaufbau- Maßnahmen, durch Druck auf die europäischen Verbündeten, sich ihrerseits in Afghanistan stärker militärisch zu engagieren. Und vor allem durch diplomatisches Einwirken auf Pakistan.



Clarkes Fazit ist ernüchternd:
Seven years after 9/11, the United States has neither eliminated the threat from al-Qaeda nor secured Afghanistan, where bin Laden's terrorists were once headquartered. To accomplish these two tasks, we must now eliminate the new terrorist safe haven in Pakistan. But that will require effective action from a weak and riven Pakistani government. It might also depend upon dealing with the long- standing India- Pakistan rivalry.

Sieben Jahre nach 9/11 haben die USA weder die Bedrohung durch die Kaida beseitigt noch Afghanistan gesichert, wo die Terroristen bin Ladens einst ihr Hauptquartier hatten. Um diese beiden Aufgaben zu bewältigen, müssen wir jetzt das neue sichere Rückzugsgebiet der Terroristen in Pakistan beseitigen. Dies aber wird wirksames Handeln seitens einer schwachen und gespaltenen pakistanischen Regierung erfordern. Es dürfte auch vom Umgang mit der alten Rivalität zwischen Indien und Pakistan abhängen.
Es könnte sich als einer der größten außenpolitischen Fehler der Regierung Bush erweisen, daß man Musharraf fallengelassen hat. Als ich vor knapp einem Jahr die Auffassung vertreten habe, daß der Westen nach dem Mord an Benazir Bhutto keine Wahl hätte, als Mushrarraf zu unterstützen, hat mir das heftige Kritik eingebracht. So, wie sich seither die Lage in Pakistan entwickelt hat, dürften inzwischen viele nicht nur in den USA sich Musharraf zurückwünschen.



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29. November 2008

Zitat des Tages: "Die Euphorie über Obama könnte sich schnell legen". Bush, Obama, Europa

European leaders have embraced Barack Obama's victory in the 2008 U.S. presidential elections, expecting the beginning of a new, brighter chapter in transatlantic relations. (...) But the initial euphoria about change in the Washington could wear off quickly as Europeans realize that America's overall national interest - remaining the leading economic and military power in the world - will not change and will continue to guide US foreign policy. (...)

If Europe wishes to have a significant impact on world politics, beyond the economic sphere, the Europeans will have to demonstrate that they are ready to play their part. Europe's leaders should get ready for change, including tough demands from a new and self-confident American President, demands which will be more difficult to turn down than in the past.


(Führende europäische Politiker haben Barack Obamas Sieg bei den Präsidentschaftswahlen 2008 begrüßt; sie erwarten den Beginn eines neuen, freundlicheren Kapitels in den transatlantischen Beziehungen. (...) Aber die anfängliche Euphorie über den Wechsel in Washington könnte sich schnell legen, wenn die Europäer merken, daß das allgemeine nationale Interesse der USA - die führende wirtschaftliche und militärische Macht in der Welt zu bleiben - sich nicht ändern wird und auch weiterhin die Außenpolitik der USA bestimmt. (...)

Wenn Europa über die ökonomische Sphäre hinaus einen signifikanten Einfluß auf die Weltpolitik haben will, dann werden die Europäer nachweisen müssen, daß sie bereit sind, ihre Rolle zu spielen. Die Führer Europas sollten bereit zum Wandel sein; dazu gehören harte Forderungen eines neuen und selbstbewußten amerikanischen Präsidenten, Forderungen, die schwerer abzulehnen sein werden als in der Vergangenheit.)

Michael F. Harsch und Calin Trenkov-Wermuth in dem von der Washington Post und Newsweek gemeinsam betriebenen Diskussionsforum PostGlobal.

Kommentar: Es ist mir immer unverständlich gewesen, was europäische Politiker wie Nicolas Sarkozy und Walter Steinmeier sich von einem Präsidenten Obama eigentlich Schönes, Gutes, Positives versprechen, das ihnen bei Präsident Bush fehlte. Wieso sie glauben, er werde in irgendeiner Weise mehr Rücksicht auf europäische Wünsche nehmen als Bush. Sind auch sie, wie die Teenies auf Obamas Wahlveranstaltungen, auf dessen Charisma hereingefallen?

Wenn andererseits diejenigen, die bisher ihre Distanz zu den USA gehalten, die gar von einem selbständigen Machtfaktor Europa geträumt haben, sich jetzt auf einmal in Transatlantiker verwandeln, nur weil Obama so nett guckt und viel schöner reden kann als George W. Bush - recht soll's sein.



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27. November 2008

Die Anschläge in Mumbai - Fakten und Spekulationen

Die Anschläge in Mumbai sind, was die psychologische Wirkung angeht, die schlimmsten seit 9/11. Zwar liegt die Zahl der Opfer weitaus niedriger als damals. (Die Bezirksregierung von Maharascha, deren Sprecher Bhushan Gagrani gegen vier Uhr MEZ eine Erklärung abgab, nannte 84 Tote und ungefähr 200 Verletzte; andere Schätzungen liegen höher). Aber wie 2001 in New York trafen die Anschläge eine Nation in ihr Zentrum. Mumbai, das früher Bombay (ungefähr 19 Millionen Einwohner) ist das New York Indiens.

Die Fakten, so wie sie sich am frühen Morgen darstellen:
  • Anders als z.B. "Spiegel- Online" im Augenblick behauptet, gab es nicht "Angriffe auf Luxushotels, Krankenhäuser, Cafes und einen Bahnhof". Attackiert wurden zwei Hotels (das Taj Mahal Palace und das Oberoi Trident), ein Bahnhof (die Chhatrapati Shivaji Railway Station), ein Restaurant (Leopold's Café), wahrscheinlich eine Polizeistation, möglicherweise ein Kino und ein Krankenhaus (das Cama Hospital für Kinder und Frauen).

    Außerdem wurden Menschen an verschiedenen Stellen auf offener Straße angegriffen. Der größte derartige Vorfall bestand darin, daß Terroristen ein Polizeifahrzeug eroberten und aus ihm heraus auf eine Gruppe von Journalisten feuerten, die sich zur Berichterstattung über ein vorausgegangenes Attentat versammelt hatten.

  • Alle Angriffsziele liegen im selben Stadtteil, auf einer Landzunge östlich der Back Bay ganz in Süden der Stadt (siehe Karte). Es gibt die Vermutung, daß ein Teil der (insgesamt vermutlich mehreren hundert) Terroristen über See eingedrungen sein könnten.

  • Die Angriffe richteten sich zumindest teilweise gegen Amerikaner und Briten. Nach ihnen suchten die Terroristen offenbar gezielt bei der Geiselnahme in den beiden Hotels. In CNN berichtete ein junger Mann, daß seine Eltern verschont geblieben waren, nachdem sich herausstellte, daß sie Moslems waren. Israel ist besorgt über das Schicksal von Juden, darunter der Familie eines Rabbiners.

  • In den Hotels spielten sich nach Augenzeugen- Berichten dramatische Szenen ab. Gäste versuchten sich in ihren Zimmern zu verbarrikadieren. Mit einem von ihnen führte CNN ein Telefon- Interview. Er schilderte als sein schrecklichstes Erlebnis, wie ein Gast sich über das Fenster zu retten versuchte und nun hilflos am Geländer hing. Was aus ihm wurde, konnte er nicht sagen. Eine Angestellte von CNN, die sich zufällig in dem Hotel aufgehalten hatte, bestätigte den Vorfall.

    Darüber, wieviele Geiseln noch in der Hand von Terroristen sind, ist bis zum frühen Morgen nichts bekannt. In der zitierten Stellungnahme behauptete der Sprecher Bhushan Gagrani, die Sicherheitskräfte hätten "die Lage völlig unter Kontrolle". Aber danach meldete CNN noch Schießereien.

  • Die Stadt Mumbai scheint in einer Art Schockzustand zu sein. Die Schulen bleiben heute geschlossen. Die Börse wird ebenfalls nicht öffnen.
  • Soweit die wichtigsten Fakten. Das meiste andere ist gegenwärtig Spekulation. Die Motive sind ebenso unklar, wie die Organisation unbekannt ist, die hinter den Anschlägen steckt.

    Islamistische Attentate hat es in letzter Zeit in Indien gehäuft gegeben (erst vor sechs Wochen starben dabei in New Delhi zwanzig Menschen), aber nichts von auch nur annähernd diesem Umfang. Die Täter könnten lokale Islamisten sein (eine solche Organisation, die Deccan Mudschaheddin, hat sich als Täter bekannt; was wenig zu sagen hat). Es könnte auch die Kaida sein. Für deren Täterschaft spricht der ausgezeichnet koordinierte Ablauf und die gezielte Auswahl westlicher Opfer.

    Mögliche Motive und Anlässe sind:
  • Es hat kürzlich wieder Cross Border Attacks (grenzüberschreitende Angriffe) pakistanischer und amerikanischer Kräfte auf Taliban- und Kaida- Truppen gegeben.

  • Indien nähert sich im Augenblick den USA an und hat kürzlich mit ihnen ein Nuklear- Abkommen geschlossen.

  • In Kaschmir haben im vergangenen Halbjahr die Spannungen wieder zugenommen.

  • In verschiedenen indischen Staaten finden derzeit Wahlen statt.

  • Als längerfristige Ursache für den erstarkenden Islamismus in Teilen Indiens dürfte die wirtschaftliche Entwicklung des Landes eine Rolle spielen. Die aufstrebende Mittelklasse besteht überwiegend aus Hindus; die Moslems gehören meist den Unterschichten an, die vom gegenwärtigen Aufstieg Indiens noch wenig profitieren. Dieser Hintergrund ist vor allem dann in Betracht zu ziehen, wenn die Drahtzieher lokale Islamisten sind.

  • Das wohl nächstliegende Motiv, falls die Kaida der Urheber ist, dürfte der bevorstehende Wechsel der Regierung in Washington sein. Mit Präsident Bush geht der Kaida ein optimales Feindbild verloren. Sie hat ein Interesse daran, schon jetzt den künftigen Präsidenten Obama zu testen, um zu entscheiden, ob sie ihre bisherige Strategie beibehalten oder ändern soll. Das gilt nicht nur für den Irak, sondern für alle Operationsgebiete der Terroristen.
  • Reagiert Obama in den nächsten Tagen - vorerst noch verbal - ebenso entschlossen wie bisher Bush, dann dürfte das für die Kaida ein erstes Signal sein, ihre bisherige Strategie fortsetzen, die USA als den großen Satan darzustellen.

    Sollte Obama Schwäche zeigen, dann könnte Osama bin Laden wieder eine Strategie aus der Versenkung holen, mit der er es schon einmal in den Jahren nach dem Anschlag auf das World Trade Center versucht hat; vor allem in einer Botschaft 2004: Den USA anzubieten, man werde sie in Ruhe lassen, sofern sie sich nur aus dem Irak, aus Afghanistan usw. zurückziehen.



    Die Informationen in diesem Artikel verdanke ich den Nachrichtensendern, die die vergangene Nacht über berichteten: Al Jazeera English, der BBC und vor allem CNN, das dank seines indischen Filialsenders CNN-IBN am umfangreichsten informiert hat.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: NSF. Als Werk der US-Regierung in der Public Domain.

    26. November 2008

    Von Bush zu Obama (4): Erst Hillary Clinton, jetzt Robert Gates. Barack Obamas Kabinett der nationalen Einheit

    Hand aufs Herz: Wie hoch hätten Sie vor einem halben Jahr dagegen gewettet, daß ein Präsident Obama ausgerechnet Hillary Clinton zu seiner Außenministerin machen würde und ausgerechnet Robert Gates zu seinem Verteidigungsminister?

    Die Berufung von Robert Gates in dieses Amt wird, so meldet es heute US News and World Report mit Verweis auf zahlreiche Quellen, Anfang kommender Woche bekannt gegeben werden. Die Nominierung von Hillary Clinton steht, so berichtete die New York Times, seit Ende vergangener Woche fest.

    Schwer zu sagen, welche der beiden Wahlen von Obama die Erstaunlichere ist: Die der Rivalin, mit der er sich den vermutlich erbittertsten Vorwahlkampf in der neueren Geschichte der USA geliefert hat? Oder die des Verteidigungsministers von George W. Bush?

    Ausgerechnet des Mannes, der für die Truppenaufstockung - den Surge - im Irak verantwortlich ist. Der diesen Surge zu einem Zeitpunkt zu verantworten hatte, als Barack Obama zusammen mit vielen seiner Parteifreunde den bedingungslosen Abzug der USA aus dem Irak verlangte. Eines Ministers, der gerade einen Vertrag mit dem Irak ausgehandelt hat, der in krassem Gegensatz zu dem nach wie vor nicht widerrufenen Versprechen Obamas steht, die US-Truppen innerhalb von sechzehn Monaten nach seinem Amtsantritt vollständig aus dem Irak abzuziehen.

    Man kann diese Entscheidungen unter das Chamäleonhafte Obamas subsumieren; diese Fähigkeit, die er sein ganzes Leben lang gezeigt hat, sich jeder neuen Lebenslage perfekt anzupassen.

    Als im Juni seine Nominierung feststand, verwandelte sich der Erlöser Obama in den nüchternen Sachpolitiker Obama, der freilich linke Positionen vertrat - Abzug aus dem Irak, Treffen mit Ahmadinedschad, Steuererhöhungen für die Reichen. Jetzt, seit er der President Elect ist, scheint schon die nächste Häutung anzustehen: Obama bewegt sich mit atemberaubender Geschwindigkeit von links aus hinein in die politische Mitte.

    Dieser Mann entscheidet ohne Emotionen, ohne Rücksicht auf das, was er zuvor gesagt oder vielleicht auch gedacht hatte; er ändert seine Positionen "ohne eine Spur von Scham", wie es Charles Krauthammer rücksichtslos formuliert hat.



    Mutig freilich sind seine Entscheidungen für Gates und für Hillary Clinton. Nicht nur, weil sie viele seiner gutgläubigen Wähler ungläubig gucken lassen dürften. Sondern auch, weil es mit beiden Personen nicht so einfach werden wird. Gehorsame Minister sehen anders aus.

    Über die Probleme, die Obama mit seiner Außenministerin Clinton und die diese Außenministerin mit ihrem Amt bekommen könnte, schrieb gestern Shmuel Rosner in Slate:
    Only a true believer can envision Obama and Clinton making a good team. You have to believe in Obama's ability to control Clinton's independence, believe in Clinton's capacity to execute someone else's policies, believe in the ability of these two rivals to suddenly become close, believe that knowledge and experience are not crucial for the job, believe that the complicated Clinton family drama will not be a problem, believe that policy differences can always be bridged, and believe that it's possible to be both an ambitious politician and an honest-to-God civil servant.

    Nur ein wahrhaft Gläubiger kann sich vorstellen, daß Obama und Clinton ein gutes Team abgeben. Man muß an Obamas Fähigkeit glauben, Clintons Drang zur Unabhängigkeit zu kontrollieren, an Clintons Bereitschaft glauben, die Politik eines anderen auszuführen, an die Fähigkeit dieser beiden Rivalen glauben, plötzlich eng zusammenzuarbeiten, glauben, daß Wissen und Erfahrung für das Amt nicht kritisch sind, glauben, daß das komplizierte Familiendrama der Clintons kein Problem sein wird, glauben, daß politische Gegensätze immer überwunden werden können, und glauben, daß man zugleich eine ambitionierte Politikerin und eine vor Gott pflichtgetreue Staatsdienerin sein kann.
    Rosner erläutert in dem lesenswerten Artikel diese Punkte im Detail und stellt sie in ihren historischen Kontext.

    Der letzte Punkt ist aus meiner Sicht besonders interessant. Anders als in parlamentarischen Systemen wie dem deutschen ist es unter dem amerikanischen Prinzip strikter Gewaltenteilung unüblich, daß jemand zwischen Legislative und Exekutive wechselt.

    Schon gar nicht ist es für einen Amerikaner vorstellbar, daß jemand Minister wird und dennoch zugleich Abgeordneter bleibt - also als Mitglied der Legislative sich selbst als Mitglied der Exekutive kontrolliert; daß er sich selbst als Abgeordneter das Geld bewilligt, das er in seiner Eigenschaft als Minister beantragt.

    Aber nicht nur eine solche Persönlichkeitsspaltung, sondern allein schon der Wechsel von der einen auf die andere Seite paßt nicht ins amerikanische System. Es handelt sich um sozusagen verschiedene Berufsgruppen mit einem unterschiedlichen Anforderungs- Profil: Als Abgeordneter ist man Politiker. Als Minister ist man das nicht, sondern Civil Servant.

    Ich habe das bewußt mit dem etwas altmodischen "Staatsdiener" übersetzt, obwohl man üblicherweise "Beamter" oder "Angehöriger des Öffentlichen Dienstes" sagen würde. Denn nach amerikanischem Verständnis ist der Minister als Civil Servant eben ein Diener und kein Interessenvertreter. Seine Loyalität hat seinem Land zu gelten und nur ihm. Die Tätigkeit für eine Partei ist damit unvereinbar.

    Schon das wird es der bisherigen Senatorin Clinton schwer machen, eine gute Außenministerin zu sein, schreibt Rosner, und weist auf die wenigen früheren Außenminister (Byrnes, Muskie) hin, die ebenfalls aus der Parteipolitik kamen. Hinzu kommt ihre geringe außenpolitische Erfahrung, ihre familiäre Bindung an den Geschäftsmann Bill Clinton, kommen die Querschüsse, die gegen sie aus dem Lager Obamas zu erwarten sind.



    Warum also hat sich Obama ausgerechnet Clinton ausgesucht? Warum ausgerechnet Gates? Man kann da naturgemäß nur spekulieren.

    Seine entstehende Regierung sieht immer mehr aus wie ein "Kabinett der nationalen Einheit". Er will - so scheint es mir - mit der Einbindung Hillary Clintons die Demokratische Partei in ihrer ganzen Breite hinter sich bringen. Er will mit der Übernahme von Bushs Verteidigungsminister seinen Willen zur Kontinuität deutlich machen und die Republikanische Partei, wenigstens in Teilen, hinter sich bringen.

    Es würde mich nicht wundern, wenn er auch noch John McCain irgendwie in seine Regierung holen würde; vielleicht als Special Adviser to the President oder dergleichen.

    Vielleicht ist das nicht falsch als Vorbereitung auf die Krisenjahre, auf die wir zusteuern. Gut möglich, daß Obama inzwischen zu der Überzeugung gekommen ist, daß er schon dann ein erfolgreicher Präsident gewesen sein wird, wenn es den USA in vier Jahren nicht schlechter geht als gegenwärtig.

    Präsident Obama wird, das jedenfalls zeichnet sich schon jetzt ab, kein Neuerer sein, sondern ein Präsident der Kontinuität, vielleicht der Stagnation; der Verteidigung des Bestehenden und nicht des Wandels.

    Oder sagen wir es positiv: Er wird zum Glück wenig von dem einhalten, was er im Wahlkampf versprochen hat.



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    Chávez' Doppelstrategie für Weg in den Sozialismus: An beiden Fronten gibt es Bewegung

    Wo im Zwanzigsten Jahrhundert der Sozialismus siegte, da tat er das auf eine von zwei Weisen: Entweder durch einen Putsch oder durch einen Bürgerkrieg.

    Beides war in der Oktoberrevolution angelegt, wo auf den Putsch der Bürgerkrieg folgte. Nur durch Putsch wurde der Sozialismus in den Ländern Osteuropas nach 1945 eingeführt; nur durch Bürgerkrieg zum Beispiel in China, Vietnam und Cuba.

    Hugo Chávez versucht, unterstützt von intellektuellen Beratern wie dem deutschen Professor Heinz Dieterich (der inzwischen allerdings mit Kritik nicht spart) und dem Briten Paul Cockshott, einen dritten Weg in den Sozialismus zu beschreiten.

    Dessen Kern ist eine Doppelstrategie: Im Inneren ein vorsichtiges Abwürgen der Freiheit; so vorsichtig, daß kein einzelner Schritt im Land selbst zu einem Aufstand führt oder international Empörung auslöst. Salami-Taktik also. Und dies nach außen abgesichert - vor allem gegen eine eventuelle US-Intervention abgesichert - durch eine "strategische Allianz" mit Rußland und mit China.

    Die beiden Fronten sind voneinander abhängig: Nur mit der Rückendeckung Moskaus und Pekings kann Chávez den Weg in den Sozialismus wagen. Und andererseits: Weil er diesen Weg gehen will, ist Venezuela für diese beiden Länder so interessant. Von ihnen begehrt als ein Brückenkopf gegen die USA auf dem südamerikanischen Kontinent.

    An beiden Fronten gab es in den vergangenen Tagen Neues. Es fanden Regional- und Kommunalwahlen statt, die ein weiterer Schritt innerhalb der Salami- Taktik sein sollten; und innerhalb der strategischen Zusammenarbeit mit Rußland erreichte ein russischer Flottenverband Venezuela, wo heute auch Präsident Medwedew eintreffen wird.



    Wissen Sie, wie die Wahlen am vergangenen Sonntag ausgegangen sind? Sie dürften sehr gegensätzliches Wissen haben, je nachdem, welcher deutschen Quelle Sie vertrauen.

    Überschrift und erster Satz der Meldung am Montag im "Deutschlandfunk" lauteten zum Beispiel "Venezuela: Chavez- Partei gewinnt Gouverneurswahlen in den meisten der 22 Bundesstaaten. Bei den Gouverneurswahlen in Venezuela haben sich die Anhänger von Präsident Chavez durchgesetzt".

    Und "Spiegel- Online" titelte bündig: "Chávez entscheidet Regionalwahlen für sich". Hatten Sie hingegen am Montag mehr Vertrauen in die Berichterstattung zum Beispiel der "Welt", dann erfuhren Sie dort: "Schlappe für Hugo Chavez bei Kommunalwahlen".

    Wie man sich denken kann, entstehen solche gegensätzlichen Schlagzeilen, wenn eine Wahl unklar ausgegangen ist. Wenn man also berichten kann, daß das Glas halb voll oder daß es halb leer ist. Den Kern der Sache getroffen hat der "Tagesspiegel": "Chávez verfehlt Ziel der Alleinherrschaft".

    Seinen Plan, am Sonntag einen entscheidenden Schritt in Richtung auf einen Einparteien- Staat zu tun, hat Chávez nicht realisieren können. Wie immer zuverlässig, berichtet in der New York Times deren Venezuela- Korrespondent Simon Romero, was sich bei diesen Wahlen zugetragen hat:

    Chávez Sozialistische Einheitspartei PSUV hat weiter das flache Land fest im Griff. Aber die Städte, die Industriegebiete sind in erstaunlichem Maß zur Opposition übergeschwenkt.

    Die Städte - das sind nicht nur die bürgerlichen, freiheitlich gesonnenen Schichten, die schon immer in Opposition zu Chávez standen. Sondern zunehmend verliert er auch dort an Unterstützung, wo er früher einmal seine treuesten Anhänger hatte: In den Armenvierteln, in den Slums.



    Der Hintergrund ist der beispiellose wirtschaftliche Niedergang Venezuelas, wie ihn Anfang dieses Jahres der Ökonom Francisco Rodríguez analysiert hat. Gerade den Ärmsten geht es keineswegs besser; es gab zum Beispiel 2006 in Venezuela mehr untergewichtige Kleinkinder, mehr Haushalte ohne Anschluß an die Wasserversorgung als im Jahr 1999. Zugleich hat sich die Lage bei den Menschenrechten dramatisch verschlechtert.

    Eine Zeitlang kann eine Regierung eine solche Entwicklung mit Propaganda, mit Versprechungen, mit Druck und Repression auffangen. Irgendwann bricht sich die Unzufriedenheit Bahn.

    Solange das noch möglich ist. Solange also das vorsichtige Abwürgen der Freiheit noch nicht so weit gediehen ist, daß solche Ausbrüche von Unzufriedenheit gar nicht mehr stattfinden können.

    Auch dieser Dritte Weg zum Sozialismus wird irgendwann an dem Punkt ankommen, wo sich die "Machtfrage" stellt, ein Lieblingswort der Kommunisten. Dann wird Chávez das, was in Venezuela jetzt noch an Rechtsstaatlichkeit und Demokratie übrig ist, bei Strafe des Machtverlusts, des Endes seines Sozialismus, beseitigen müssen. Jedenfalls wird er das versuchen; vielleicht mit Hilfe Cubas, das schon jetzt in Venezuela seine Agenten mit polizeilichen Befugnissen hat.



    Entscheidend wird dann die Unterstützung durch China und Rußland sein.

    Heute trifft Präsident Medwedew zum Auftakt einer Lateinamerika- Reise in Venezuela ein. Zu Gesprächen zwischen zwei "freien, souveränen Ländern, die sich einander annähern", wie Chávez es am Montag genannt hat.

    Angenähert haben sich jedenfalls vier russische Kriegsschiffe der Küste Venezuelas zwecks gemeinsamer Manöver mit der venezolanischen Kriegsmarine.

    Der Zerstörer "Admiral Tschabanenko" liegt in einem Hafen in der Nähe von Caracas am Kai. "Wir werden Kommunikations- Übungen, taktische Manöver, Übungen im Kampf gegen Drogen und Terrorismus durchführen, aber auch Luftabwehr- Übungen mit Suchoi- Jagdflugzeugen" sagte dazu der venezuelanische Vizeadmiral Luis Marquez Marquez.

    Wenn es in Venezuela hart auf hart kommt, dann steht Rußland an der Seite von Chávez; das ist die eine Botschaft dieses militärisch eskortierten Staatsbesuchs.

    Die andere richtet sich an die USA, speziell an deren neuen Präsidenten. Unter der Überschrift "In Sea Exercises, A Sign for Obama" (In den Seemanövern ein Zeichen für Obama) schreibt dazu heute Juan Forero in der Washington Post:
    The arrival of Russian President Dmitry Medvedev and a naval squadron in Venezuela this week is an unequivocal message to President-elect Barack Obama that his most nettlesome challenge in the Americas will be Venezuela's populist government and its oil-fueled crusade against U.S. influence, political analysts say.

    Nach Aussagen politischer Beobachter ist die Ankunft des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew und eines Flottenverbands diese Woche in Venezuela eine unmißverständliche Botschaft an den gewählten Präsidenten Barack Obama, daß seine unangenehmste Herausforderung auf dem amerikanischen Kontinent die populistische Regierung Venezuelas und ihr sich aus dem Erdöl speisender Kreuzzug gegen den Einfluß der USA sein wird.
    So ist es wohl. Rußland wird den jungen Mann in Lateinamerika testen, so wie man ihn in Osteuropa testen wird.

    Langfristig geht es aber um mehr: Um die politisch- militärische Rückkehr Rußlands in die westliche Hemisphäre. Um das erstmalige derartige Aufreten Chinas in der westlichen Hemisphäre.

    Und vor allem darum, ob der Dritte Weg von Chávez mit deren Unterstützung zum Erfolg führt; als Vorbild für ganz Lateinamerika, als Hoffnung für den Sozialismus weltweit.




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    25. November 2008

    Zitat des Tages: "Obama will die Präsidentschaft Clintons wieder herstellen". Ein Präsident auf höherer Warte.

    The unsurprising moderation of Barack Obama has caught many people by surprise. At this point, he seems intent on restoring a version of the old Clinton presidency. (...) The erstwhile "change" candidate seems intent on vindicating that old French expression: The more things change, the more they remain the same.

    (Die nicht überraschende Bewegung Obamas hin zur Mitte hat viele Leute überrascht. Gegenwärtig scheint er zu beabsichtigen, die alte Präsidentschaft Clintons in einer neuen Variante wieder herzustellen. (...) Der einstige Kandidat des "Change" scheint die Absicht zu haben, die alte französischen Redensart zu rechtfertigen: Je mehr sich etwas ändert, um so mehr bleibt es sich gleich.)

    Richard Cohen in der heutigen Washington Post über Barack Obama.

    Kommentar: Cohen fragt sich in der Kolumne auch, woher denn eigentlich die Schärfe der Auseinandersetzung mit Hillary Clinton im Vorwahlkampf gekommen sei, da die beiden doch offenbar weitgehend dieselben Positionen hätten. Dazu schreibt er:
    Usually, the passion of the campaign is shared by the candidates themselves and, for sure, their staffs. (...) But with Obama, he seemed always to distance himself from the heat of the campaign and to look down at it, as he did with that immense crowd in Berlin, as being of short-term use.

    Üblicherweise teilen die Kandidaten selbst und gewiß auch ihre Teams die Passionen des Wahlkampfs. (...) Aber was Obama angeht - er schien sich immer von der Hitze des Wahlkampfs zu distanzieren und auf diesen herabzublicken, so wie er auf die riesige Menge in Berlin herabblickte. Als auf etwas, das nur vorübergehend von Nutzen ist.
    In der Tat.

    Im Vorwahlkampf hatte Obama den Welterlöser gegeben, hatte er den Mann gespielt, der alles ändern wird, der mit "Washington" aufräumen will. "Yes, we can" - das sollten seine Wähler ihm abnehmen. Gemeinsam könne man den Wandel schaffen, die "Welt heilen".

    Als er diese Rhetorik am selben Tag aufgab und sich zum nüchternen Staatsmann wandelte, an dem er die Nominierung in der Tasche hatte, da wurde mir klar, was dieser Mann ist: Ein politisches Chamäleon.

    Cohen freilich sagt das freundlicher, mit einer fast schon überirdisch sanften Ironie:
    Obama's campaign showed us a candidate of maximum cool. He has always remained ironically detached, and that has served him -- and now us -- very well indeed. It's now clear that he will not govern from the left and not really from the center but, as his campaign suggested, from above it all.

    Obamas Wahlkampf zeigte uns einen maximal coolen Kandidaten. Er blieb immer ironisch abgehoben, und das hat ihm - und jetzt uns - in der Tat sehr gute Dienste geleistet. Es ist jetzt klar, daß er nicht von der Linken und eigentlich auch nicht wirklich von der Mitte aus regieren wird, wie das sein Wahlkampf nahegelegt hatte, sondern von einer höheren Warte aus.
    Fragt sich nur, ob seine Wähler diese Position der Ironie, diese höhere Warte auch erkannt hatten, als sie Barack Obama erst Hillary Clinton und dann John McCain vorzogen.



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    23. November 2008

    Kurioses, kurz kommentiert: Raten Sie mal, was Obama jetzt auch schon geworden ist. Über eine "Lektion in Demokratie"

    Just to watch these kids after the board voted on what they asked them to do, they were so elated. (...) You want to talk about "Yes we can!"? That was a lesson in democracy.

    (Man brauchte nur einmal diese Kinder zu sehen, nachdem der Verwaltungsrat so abstimmte, wie sie es beantragt hatten. Sie waren so beglückt! (...) Sie wollen über "Yes we can!" sprechen? Das war eine Lektion in Demokratie.)

    Der School District Superintendent (ungefähr: Bezirksschulrat) Dr. Joseph Laria über die Schüler einer Schule im Bezirk Hempstead (Stadt New York), die bisher den Namen "Ludlum Elementary School" getragen hatte.

    Und wie heißt sie künftig? Sie ahnen es. Mit sofortiger Wirkung heißt sie "Barack Obama Elementary School". So berichtete es am Freitag Jake Tapper in den ABC News. Noch bevor er Präsident ist, wurde Barack Obama schon Namenspatron einer Schule.



    Wie kam es zur Umbenennung? (Sie wurde sofort wirksam, aber erst nach der Amtseinführung von Präsident Obama wird der neue Name feierlich enthüllt).

    Laut Jake Tapper hatten Schüler der 5. Klasse eine Debatte zwischen Obama und McCain nachgespielt, die in der nahegelegenen Hofstra- Universität stattgefunden hatte. Danach verfaßten sie die folgende "Resolution":
    Whereas the Ludlum School students conducted a mock presidential debate related to the recent presidential elections and whereas the students did a wonderful job of carrying out their tasks and demonstrating their patriotism at an early age and whereas in recognition of their efforts and the victorious feat of Sen. Barack Obama in becoming the first African-American president of the United States, it be resolved that the Hempstead Board of Education proudly renames Ludlum Elementary School as the Barack Obama Elementary School.

    In Anbetracht, daß die Schüler der Ludlum- Schule eine Debatte nachspielten, die im Zusammenhang mit den kürzlichen Präsidentschafts- Wahlen stand, und in Anbetracht, daß die Schüler Großartiges darin leisteten, ihre Aufgaben zu erfüllen und schon in jungen Jahren ihren Patriotismus unter Beweis zu stellen, und in Anbetracht ihrer Leistung und der Siegestat von Senator Barack Obama, erster afro- amerikanischer Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, möge man beschließen, daß der Schulausschuß von Hempstead mit Stolz die Ludlum- Grundschule in Barack- Obama - Grundschule umbenennt.
    Ich habe diese Resolution zitiert und versucht, sie stilgenau zu übersetzen, weil dieser Text vielleicht doch gewisse Zweifel daran weckt, daß es die Fünftklässler dieser Schule waren, denen spontan die Idee kam, die Umbenennung zu beantragen. So recht nach dem Englisch von Fünftklässlern klingt die "Resolution" jedenfalls nicht.

    Und da liegt der Hase im Pfeffer.

    Gewiß ist es wünschenswert, wenn schon in der Grundschule Demokratie geübt wird. Gerade da haben wir Deutschen von den USA viel lernen können. Die Demokratisierung der deutschen Schulen im Zug der Reeducation hat viel dazu beigetragen, daß demokratisches Denken in Deutschland Wurzeln schlug.

    Es ist auch nicht zu kritisieren, sondern im Gegenteil selbstverständlich, wenn die Lehrer ihren Fünftklässlern dabei helfen, ihre demokratischen Impulse in die rechte Form zu gießen. Nur klingt diese "Resolution" doch sehr danach, als sei sie aus der Feder eines Lehrers geflossen und nicht aus den Kugelschreibern der Schüler.

    Und da haben wir die Kehrseite der "Erziehung zur Demokratie": Sie kann leicht in Indoktrination umschlagen.

    Die Schüler dieser Schule - überwiegend Schwarze und Latinos - mögen ja Obama- begeistert sein. Aber wäre es dann in einer Demokratie nicht die Aufgabe der Lehrer gewesen, ihnen auch die Vorzüge von dessen Gegenkandidaten nahezubringen? Sie zu lehren, auch die andere Seite zu sehen? Hätte man ihnen nicht zu bedenken geben müssen, daß jemand als Präsident erst einmal etwas geleistet haben muß, bevor eine Schule nach ihm benannt wird? Daß Schulen am besten überhaupt nicht nach aktiven Politikern benannt werden, die ja noch im Meinungsstreit stehen?

    Offenbar hat man das nicht getan. Jedenfalls findet sich in der Meldung darauf kein Hinweise. Sondern man hat den Schülern eine "Resolution" vorformuliert, die mit wenigen Änderungen ebenso von DDR- Schülern hätte "verabschiedet" werden können. Des Inhalts, sie hätten den brennenden Wunsch, ihre Schule nach Erich Honecker zu benennen.



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    21. November 2008

    Von Bush zu Obama (3): Guantánamo schließen. Prima! Und dann?

    Bitte schätzen Sie einmal, wieviele Gefangene es gegenwärtig in Guantánamo gibt. (Ich meine das amerikanische Gefängnis, nicht das cubanische gleichen Namens). Fünftausend? Tausend? Es sind, wie man heute bei Reuters lesen kann, ungefähr 255.

    Es waren einmal mehr; aber rund 500 Gefangene wurden bereits freigelassen oder an die Regierungen ihrer jeweiligen Herkunftsländer überstellt.

    Immer noch 255 Gefangene zu viel, werden Sie sagen. Ich stimme zu. Nahezu jedermann stimmt zu, einschließlich der US-Regierung. Und zwar der noch amtierenden, deren Verteidigungsminister Gates sich bereits bei seinem Amtsantritt für die Schließung des Gefängnisses auf dem US-Stützpunkt Guantánamo ausgesprochen hat.

    Auch Barack Obama hat im Wahlkampf versprochen, Guantánamo zu schließen. Er hat das am vergangenen Sonntag noch einmal bekräftigt: "I have said repeatedly that I intend to close Guantanamo, and I will follow through on that". Er habe wiederholt gesagt, daß er beabsichtigte, Guantánamo zu schließen, und er werde das durchziehen.

    Nur ist das leichter gesagt als durchgezogen. Darauf weist heute in der Washington Post Benjamin Wittes hin. Wittes weiß, wovon er spricht. Er ist Autor eines Buchs "Law and the Long War: The Future of Justice in the Age of Terror" (Das Gesetz und der lange Krieg: Die Zukunft der Justiz im Zeitalter des Terrors), war Redakteur der Washington Post und ist gegenwärtig Forschungsdirektor für Öffentliches Recht an der Brookings Institution.

    Bei den folgenden Informationen und Überlegungen stütze ich mich größtenteils, aber nicht ausschließlich, auf seinen Aufsatz.



    Obama könnte natürlich sein Versprechen einlösen, indem er Guantánamo schließt und die Gefangenen in andere Hafteinrichtungen verlegt. Damit wäre freilich wenig gewonnen, außer daß der antiamerikanischen Propaganda eines ihrer erfolgreichsten Themen genommen wäre.

    Denn das Problem ist ja nicht der Ort Guantánamo, sondern es ist die Frage, was man mit enemy combattants tun soll, die in amerikanische Hand geraten sind. "Feindliche Kämpfer" - das sind Personen, die gegen die USA gekämpft haben, die dafür ausgebildet wurden oder die jedenfalls dessen hinreichend verdächtig sind.

    Also Soldaten? Nein, Soldaten sind sie nicht. Sie trugen keine Uniform, als sie ergriffen wurden. Sie waren keine Angehörige der Armee irgendeines Staats. Sie waren das, was man mit Begriffen wie "Freischärler", "Partisanen", "irreguläre Kämpfer" bezeichnet. Also keine Kombattanten im kriegsrechtlichen Sinn und deshalb auch nicht in derselben Weise wie Soldaten durch das Kriegsrecht geschützt.

    Kann man diese Personen, wenn sie also keine Soldaten sind, einfach als Verbrecher betrachten und nach den allgemeinen Gesetzen aburteilen? Auch das ist schwierig. Nicht allein, weil unklar ist, welche Gerichte denn für sie zuständig sind und nach welchem Recht sie abgeurteilt werden sollen. Sondern auch deshalb, weil die USA das berechtigte Interesse haben, sie auch dann festzuhalten oder jedenfalls daran zu hindern, wieder in den Kampf gegen die USA einzutreten, wenn ihnen keine Verbrechen nachzuweisen sind.

    Das ist der Sinn, jedenfalls der primäre Sinn, einer Kriegsgefangenschaft. Feindliche Soldaten werden nicht deshalb inhaftiert, weil sie gegen Gesetze verstoßen hätten, sondern damit sie nicht weiterkämpfen können. Die Gefangenschaft endet mit dem Ende des Kriegs. Aber wann ist ein asymmetrischer Krieg gegen Terroristen zu Ende?

    Jedenfalls haben die USA ein berechtigtes Interesse daran, daß diese Personen nicht wieder Anschläge planen und verüben. Man wird sie also solange festhalten wollen, wie diese Gefahr besteht. Wie will man das aber unter die allgemeinen Gesetze subsumieren? Es gibt in einem demokratischen Rechtsstaat keine Präventivhaft, keine Haft auf Verdacht. (Gut, die deutsche Sicherungsverwahrung; die USA kennen so etwas nicht).



    Die 255 jetzt noch in Guantánamo einsitzenden Personen umfassen drei Gruppen:
  • Diejenigen, die für ein Strafverfahren in Frage kommen. Wieviele das sind, hängt davon ab, vor welche Art von Gericht sie gestellt werden sollen. Ein amerikanisches Bundesgericht? Militärgerichte? Die speziellen Gerichte (Military Commissions), die die Regierung Bush eingerichtet hat? Die Demokraten haben sie kritisiert. Wird Obama sie abschaffen? Durch welche Art von Gerichtsbarkeit ersetzen?

  • Die zweite Gruppe umfaßt ungefähr 60 Gefangene, die die USA gern an ihre Heimatländer übergeben würden. Das Problem ist, daß ihnen dort Mißhandlungen drohen könnten. (Diejenigen, die Guantánamo für eine Art KZ halten, werden das zynisch finden. Guantánamo ist aber keine Art von KZ).

  • Die dritte Gruppe umfaßt Kämpfer, denen keine individuellen Straftaten nachzuweisen sind, die freizulassen aber für die USA zu gefährlich wäre. Es muß bei diesen Leuten damit gerechnet werden, daß sie in ihre Gruppen zurückkehren und den Kampf gegen die USA wieder aufnehmen.
  • Mit allen diesen Schwierigkeiten, schreibt Wittes, haben sich Mitglieder der Regierung Bush in den vergangenen sieben Jahren herumgeschlagen. Man tue ihnen Unrecht, wenn man das nicht anerkenne.

    Und der neue Präsident? Er wird, meint Wittes, vor denselben Problemen stehen. Die simple Vorstellung, daß es zwischen den amerikanischen Werten und den nationalen Interessen der USA keinen Widerspruch gebe, könnte sich als "deadly wrong", als fataler Irrtum erweisen.

    Auch die neue Regierung werde, was die Behandlung der Gefangenen angeht, vor "wrenching choices with no easy answers" stehen; vor schmerzlichen Entscheidungen ohne einfache Antworten.



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