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8. Dezember 2008

El Kaida '09: Verlagerung der Geschäftsaktivitäten aus dem Irak nach Afghanistan, Pakistan, Indien?

Wie ein global tätiger Konzern kann die Kaida ihre Geschäfts- Aktivitäten je nach Standort- Bedingungen verlagern. Es spricht einiges dafür, daß sie das im Augenblick tut.

Spätestens mit der Nominierung des für den Surge verantwortlichen Bob Gates zum Verteidigungsminister ist klar, daß Barack Obama nicht daran denkt, sein Versprechen aus dem Wahlkampf wahrzumachen und die US-Truppen binnen 16 Monaten restlos aus dem Irak abzuziehen.

Alles spricht dafür, daß er im Gegenteil die Politik von Präsident Bush fortsetzen und Soldaten nur in dem Maß abziehen will, in dem sie durch irakische Truppen ersetzt werden können. Zu der Metamorphose, die Barack Obama im Augenblick durchmacht, gehört, daß er sich vom Kriegsgegner zum Kriegsherren mausert.

Die Kaida hat dann die Option, die ich vor vier Wochen skizziert habe: Obama auf die blutige Art zur Einhaltung seines Wahlversprechens zu zwingen.

Eine neue Welle von Anschlägen könnte die Öffentliche Meinung in den USA so weit mobilisieren, daß im Frühjahr 2009 eine ähnliche Stimmung entsteht wie vom Frühjahr 2007 bis zum Frühjahr 2008, als eine Mehrheit der Amerikaner nur heraus aus dem Irak wollte, koste es, was es wolle. Die jetzige nominierte Außenministerin Clinton hat sich im Februar 2008 bereits konkrete Gedanken darüber gemacht, was bei dem bedingungslosen Abzug der USA aus den irakischen Fahrern und Übersetzern werden würde, die für die USA gearbeitet hatten; und aus den US-Zivilisten im Irak.

Die Kaida hatte damals mit ihren von den Medien breit publizierten Anschlägen und mit dem Versuch, im Irak einen Bürgerkrieg in Gang zu bringen, in den USA eine massive defätistische Stimmung erzeugt. Sie könnte das jetzt noch einmal probieren.

Es ist freilich fraglich, ob sie zu einem solchen letzten, verzweifelten Versuch, den Sieg doch noch zu erzwingen, überhaupt noch in er Lage ist. Mit der parlamentarischen Verabschiedung des Truppenabkommens zwischen Bagdad und Washington ist der demokratische Irak so gestärkt worden, daß der Sieg jetzt in greifbare Nähe gerückt ist (siehe hier im Blog den Artikel vom 27. November und die damit übereinstimmende Analyse von Charles Krauthammer in der Washington Post vom vergangenen Freitag).

Angenommen, sie muß sich im Irak geschlagen geben - was kann dann die Kaida noch tun? Sie kann den Standort Irak aufgeben und sich auf ein anderes, weitaus erfolgreicheres Geschäftsfeld konzentrieren, nämlich den Raum Afghanistan - Pakistan - Indien.



Die Washington Post brachte gestern einen Artikel von Richard A. Clarke, der unter den Präsidenten Clinton und George W. Bush im Weißen Haus für die Koordination der Maßnahmen zur Bekämpfung des Terrorismus zuständig war. Unter der Überschrift "Plans of Attack" (Angriffspläne) untersucht Clarke die momentane Strategie der Kaida.

Clarke teilt die Analyse, daß die Anschläge von Mumbai letztlich auf das Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan zielten: Indien wird als Reaktion auf die Anschläge Truppen an die Grenze zu Pakistan entsenden. Pakistan muß reagieren und seinerseits dort Truppen aufmarschieren lassen. Diese muß es aus dem Grenzgebiet zu Afghanistan abziehen, also aus dem Gebiet, in dem die Kaida bekämpft wird. Das zu erreichen war das eigentliche Ziel der Anschläge in Mumbai.

Clarke entwirft ein Doppel- Szenario - ein Treffen von Führern der Terroristen (Kaida, Taliban, Laschkar-i-Taiba) in Pakistan und eine Sitzung im Weißen Haus, in dem dann Präsident Obama residiert. Beide befaßt mit der Strategie für das Jahr 2009.

Die Kaida, so geht der eine Teil des Szenarios, wird parallel zwei Ziele verfolgen:

In Afghanistan die US-Truppen zu Luftangriffen auf Dörfer zu zwingen, welche Terroristen beherbergen. Das werde dort die Stimmung so beeinflussen, daß Präsident Karsai keinen Wahl haben werde, als einen Abzug der US-Truppen zu verlangen.

Präsident Obama werde sich dem widersetzen. Also bedürfe es eines zweiten, parallelen Vorgehens: Die USA durch geeignete Operationen der Kaida weich machen: "... we may have to increase their pain level. We have done that before"; man werde den Schmerz steigern müssen, wie schon früher.

Und die Sitzung im Weißen Haus?

Clarke läßt sie zu im wesentlichen denselben Folgerungen kommen: Zu erwarten seien neue Anschläge der Kaida auf der arabischen Halbinsel, in Europa und auch in den USA selbst; vermutlich ausgeführt von Europäern oder Asiaten, die sich der Kaida angeschlossen haben. Ab April werde es in Afghanistan eine Offensive der Terroristen geben; und zwar erstmals mit gemeinsamen Verbänden der Taliban und der Kaida.

Darauf werde man halt reagieren müssen - durch die Entsendung von weiteren Truppen nach Afghanistan, durch zivile Wiederaufbau- Maßnahmen, durch Druck auf die europäischen Verbündeten, sich ihrerseits in Afghanistan stärker militärisch zu engagieren. Und vor allem durch diplomatisches Einwirken auf Pakistan.



Clarkes Fazit ist ernüchternd:
Seven years after 9/11, the United States has neither eliminated the threat from al-Qaeda nor secured Afghanistan, where bin Laden's terrorists were once headquartered. To accomplish these two tasks, we must now eliminate the new terrorist safe haven in Pakistan. But that will require effective action from a weak and riven Pakistani government. It might also depend upon dealing with the long- standing India- Pakistan rivalry.

Sieben Jahre nach 9/11 haben die USA weder die Bedrohung durch die Kaida beseitigt noch Afghanistan gesichert, wo die Terroristen bin Ladens einst ihr Hauptquartier hatten. Um diese beiden Aufgaben zu bewältigen, müssen wir jetzt das neue sichere Rückzugsgebiet der Terroristen in Pakistan beseitigen. Dies aber wird wirksames Handeln seitens einer schwachen und gespaltenen pakistanischen Regierung erfordern. Es dürfte auch vom Umgang mit der alten Rivalität zwischen Indien und Pakistan abhängen.
Es könnte sich als einer der größten außenpolitischen Fehler der Regierung Bush erweisen, daß man Musharraf fallengelassen hat. Als ich vor knapp einem Jahr die Auffassung vertreten habe, daß der Westen nach dem Mord an Benazir Bhutto keine Wahl hätte, als Mushrarraf zu unterstützen, hat mir das heftige Kritik eingebracht. So, wie sich seither die Lage in Pakistan entwickelt hat, dürften inzwischen viele nicht nur in den USA sich Musharraf zurückwünschen.



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4. Dezember 2008

Mumbai: Das Drehbuch für die Anschläge wurde schon 1993 geschrieben

In einem amerikanischen Gefängnis sitzt der Terrorist Ramzi Jusef, der 1995 gefaßt wurde. Es scheint, daß von ihm ein direkter Weg zu den Anschlägen von Mumbai führt. Dies jedenfalls ist der Inhalt einer Analyse von Fred Burton und Ben West, die gestern im Informationsdienst Stratfor erschien.

Stratfor ist spezialisiert auf Informationen aus dem Bereich von Geheimdiensten, die überwiegend gegen saftiges Honorar an Firmen, Regierungen und Organisationen verkauft werden. Ein kleiner Teil davon wird auch auf der Website von Statfor publiziert und in einer Mailing List verbreitet.

Jener Ramiz Jusef also, der jetzt in den USA einsitzt, war der Planer eines der ersten Großangriffe, die von der Kaida beabsichtigt worden waren. Die Ermittler nennen ihn den New York Landmarks Plot, den Angriffsplan auf Wahrzeichen von New York. Bevor er in die Tat umgesetzt werden konnte, wurden im Juli 1993 acht Beteiligte verhaftet. Aus ihren Aussagen und aus aufgefundenen Dokumenten ließ sich rekonstruieren, was geplant gewesen war. Es liest sich bis in die Einzelheiten wie der jetzige Angriff auf Mumbai:

Das Ziel sollten bekannte Luxus- Hotels sein, das Waldorf- Astoria, das St. Regis und das U.N. Plaza. Um die Sicherheitskräfte zu verwirren, sollten weitere Ziele angegriffen werden, zum Beispiel der Lincoln- und der Holland- Tunnel und ein Landeplatz für Hubschrauber. Als die Terroristen verhaftet wurden, waren diese Zielobjekte bereits im Detail ausspioniert; es gab genaue Lagepläne, Fotos, Video- Aufzeichnungen.

Es war geplant gewesen, daß einige Terroristen die Hotels schon lange vor dem Anschlag infiltrieren sollten, etwa als Küchenpersonal getarnt. Am Tag des Angriffs sollten kleine Kommando- Trupps die Hotels stürmen und sich mit diesen eingeschleusten Komplicen vereinen. Andere Trupps sollten die anderen Ziele angreifen und ein Chaos in Manhatten auslösen, das den Sicherheitskräften ein Eingreifen erschweren sollte.

Die Parallelen zu dem Angriff auf Mumbai sind verblüffend. Burton und West weisen auf die folgenden Ähnlichkeiten hin:
  • Die Ziele waren in beiden Fällen Luxushotels im Finanzentrum des Landes. Personen, die die verhaßte westliche Welt symbolisieren (VIPs in den New Yorker Hotels, westliche Gechäftsleute und Juden in Mumbai) sollten getötet oder als Geiseln genommen werden.

  • Auch in Mumbai waren die Hotels genau ausgespäht worden. Die Angreifer hatten Lagepläne dabei und kannten sich offenbar in den Hotels genau aus. Mindestens einer war zuvor als Hilfskoch in das Hotel eingeschleust worden. Vorauskommandos hatten bereits Waffenlager angelegt, deren sich die Angreifer bedienten.

  • So, wie in New York Verkehrsknotenpunkte (zwei Tunnel) attackiert werden sollten, wurde in Mumbai parallel zu den Hotels ein Bahnhof angegriffen.

  • Beide Städte liegen am Wasser. Das erleichtert es, Gruppen von Angreifern aus Booten in die Nähe der Zielobjekte zu bringen. Im New York Landmark Plot war das geplant; in Mumbai kamen mindestens zwei Gruppen von Terroristen per Boot an.

  • Für die Bewegung innerhalb der Stadt waren in beiden Fällen unauffällige Transportmittel vorgesehen. In New York sollten die Terroristen Lieferwagen kapern; in Mumbai erreichte ein Trupp das Ziel per Taxi, ein anderer bemächtigte sich eines Polizeiautos.
  • Die Autoren weisen darauf hin, daß terroristische Organisationen wie die Kaida generell dazu tendieren, ausgearbeitete Pläne nicht aufzugeben, auch wenn sie im ersten Anlauf nicht gelangen. Was vor fünfzehn Jahren für New York geplant gewesen war, wurde jetzt offenbar an einem anderen Ort in die Tat umgesetzt.



    Der Ablauf der Anschläge, wie ich ihn am Montag beschrieben habe, wird in dem aktuellen Artikel von Burton und West im wesentlichen bestätigt. Neu ist lediglich, daß offenbar zusätzlich zu den Trupps, die aus Karachi über Wasser kamen, schon lokale Teams in die Hotels eingeschleust worden waren. Die Zahl der beteiligten Terroristen könnte also doch höher gelegen haben als etwas über zehn.

    Auch Burton und West vermuten, daß der Angriff auf der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Terror- Organisationen basierte. Der Plan stamme offenkundig von der Kaida. An der Vorbereitung und Ausführung könnten die pakistanische Organisation Lashkar-e-Taiba und lokale indische Terroristen beteiligt gewesen sein.



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    1. Dezember 2008

    Mumbai: Wie die Anschläge abliefen. Wie die Täter ausgebildet worden waren

    Wieviele Terroristen waren es, die das Blutbad von Mumbai angerichtet haben? Anfangs war in einigen Meldungen von mehreren hundert die Rede.

    Als die indische Regierung von wenig über zehn sprach, hielt ich das zunächst für unglaubwürdig. Wie können rund zehn Männer fast zeitgleich an zehn Orten zuschlagen, fast zweihundert Menschen ermorden, ganze Hotels durchkämmen und Geiseln nehmen? Wie können sie eine ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzen?

    Inzwischen gibt es Berichte über die Einzelheiten des Ablaufs und über das Training der Terroristen, die diese geringe Zahl doch nicht abwegig erscheinen lassen.



    Für die heutige Washington Post hat Emily Wax zusammen mit zwei indischen Journalisten den Ablauf rekonstruiert.

    Danach kamen die Terroristen aus dem pakistanischen Karachi. Für die Überfahrt hatten sie einen Fischtrawler gekapert und dessen vierköpfige Besatzung ermordet.

    Eine Gruppe ging mit zwei Booten an Land, wobei sie von Fischern beobachtet wurde, und nahm sich zwei Taxen zum Oberai- Hotel. Eine zweite Gruppe landete nah dem Tadsch- Mahal- Hotel. Beide Gruppen teilten sich dann vermutlich in Untergruppen zu je zwei oder drei Personen auf.

    Gegen 21.35 Uhr überwältigte eine dieser Untergruppen die Wachen des Oberai- Hotels und drang in dieses ein. Etwa um dieselbe Zeit tauchten zwei andere bei Leopold's Café auf und feuerten wahllos um sich. Anschließend gingen sie zu Fuß zu dem nur drei Minuten entfernten Tadsch- Mahal- Hotel. Dabei passierten sie eine schmale Gasse, in der sie ebenfalls um sich schossen und Menschen ermordeten.

    Das Tadsch Mahal betraten sie durch den nur schwach gesicherten Hintereingang. Im Hotel trafen sie sich mit zwei Komplicen und begannen, in der Lobby um sich zu schießen und Geiseln zu nehmen.

    Ungefähr zur gleichen Zeit stürmten zwei weitere Terroristen in die drei Kilometer vom Tadsch Mahal entfernte CST-Bahnstation. Sie feuerten mit ihren automatischen Waffen und warfen Granaten. 48 Menschen wurden hier ermordet. Die anwesenden Polizisten gingen in Deckung und taten nichts.

    Nach ungefähr zwanzig Minuten begaben sich diese beiden Terroristen wieder auf die Straße und schossen dort weiter um sich. Anschließend bemächtigten sie sich eines Polizeiautos, ermordeten dessen Insassen bis auf einen, der sich tot stellte, und schossen aus diesem Wagen auf eine Menschenmenge.

    Das Polizeiauto war auf dem Weg zum Cama- Krankenhaus gewesen, aus dem ein Notruf gekommen war. Offenbar war dort eine weitere Gruppe von Terroristen schon mit der Ermordung von Menschen beschäftigt.



    Zumindest in der Größenordnung könnte also die Zahl von etwas mehr als zehn Terroristen zutreffen. Der Eindruck eines viel größeren Angriffs entstand, weil sie in kleinen Gruppen operierten, die in kurzer Zeit von Tatort zu Tatort eilten. Dies war aufgrund der geringen Entfernungen möglich.

    Damit eine so kleine Gruppe derart wirksam operiert - und das drei Tage durchhält -, müssen die Terroristen allerdings hoch trainiert gewesen sein. Über ihr Training berichtet heute in den indischen Rediff News Vicky Nanjappa. Sie beruft sich auf einen indischen Geheimdienst- Offizier, der die Trainingsmethoden der Terroristen dokumentiert hat.

    Es handelt sich danach um ein Trainingsprogramm, das von der Kaida entwickelt und von der Lashkar-e-Tayiba übernommen wurde, die möglicherweise hinter den jetzigen Anschlägen steht. Unterschieden wird zwischen Fedayin, den Kämpfern, und Mudschahedin, den Elitekämpfern, die bei einem solchen Anschlag eingesetzt werden. Nur etwa jeder zwanzigste der Fedayin, die sich für das Ausbildungs- Programm bewerben, durchlaufen es und werden zu Mudschahedin geadelt.

    Das Programm umfaßt drei Stufen.

    Die erste besteht in einer Gehirnwäsche. Den Kämpfern wird eingehämmert, daß ihre Aufgabe sei, so viele Menschen wie möglich zu töten, und daß die Erfüllung dieser Aufgabe ihren eigenen Tod einschließen werde. Nur wer diesen Teil "erfolgreich" absolviert, also die Mentalität einer Killermaschine erwirbt, gelangt in den zweiten Teil der Ausbildung. Er ist dann auch motiviert für das harte körperliche Training, das nun folgt und fünf bis sechs Monate dauert.

    Das Ausbildungsziel sind körperliche Höchstleistungen: 100 Meter in 12 Sekunden, 10.000- Meter- Lauf, fünfstündiger Marsch mit 20 Kilo Gepäck. Weiterhin wird trainiert, fünf Nächte ohne Unterbrechung wach zu bleiben und zwei Tage ohne Nahrung auszukommen, und es wird eine allgemeine Combat- Ausbildung durchgeführt.

    Der dritte Teil besteht in spezieller Ausbildung an der Waffe; vor allem an automatischen Gewehren und im Umgang mit Granaten.

    Diese Mudschaheddin haben also wenig mit den "Selbstmord- Attentätern" gemein, die sich im Irak einen Sprengstoff- Gürtel umschnallen und diesen irgendwo zünden. Sie sind den Spezialeinheiten regulärer Streitkräfte vergleichbar. Das erklärt, wie sie in Mumbai derart wirksam zuschlagen und so lange durchhalten konnten.



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    29. November 2008

    Spiel über die Bande? Der (möglicherweise) komplexe Hintergrund der Anschläge von Mumbai

    Terrorismus ist angewandte Psychologie. Durch Anschläge und Geiselnahmen soll Aufmerksamkeit erzeugt, sollen Menschen eingeschüchtert, sollen Entscheidungen beeinflußt, sollen Wut und Haß geschürt werden. Terrorismus ist das Spiel von Zynikern mit den Emotionen von Menschen.

    Jeder Anschlag kann alle diese Wirkungen haben, und er kann sie bei zahlreichen Gruppen, in vielen Staaten haben. Das macht es so schwer, Motive und Ziele zu analysieren. Wenn, wie jetzt in Mumbai, noch nicht einmal die Täter bekannt sind, bleibt viel Raum für Spekulationen. Sehr viel Raum.

    Gestern habe ich über einen Erklärungsansatz aus einer indisch- israelischen Quelle berichtet, der mir Plausibilität für sich zu haben scheint: Der Hauptadressat ist die indische Öffentlichkeit und die indische Regierung. Das Ziel ist es, die sich seit einiger Zeit abahnende Orientierung Indiens nach Westen hin, seine Zusammenarbeit auch mit Israel zu stören. Deshalb der Angriff auf eine jüdische Einrichtung, das Herausgreifen amerikanischer und britischer Geiseln.

    Ich halte das weiter für plausibel. Inzwischen gibt es aber weitere Informationen und Gesichtspunkte, die es möglich erscheinen lassen, daß der Hintergrund der Anschläge noch viel komplexer ist; daß dahinter der Versuch stecken könnte, die ganze labile Situation in der Beziehung zwischen Indien, Pakistan und auch Afganistan zu beeinflussen.

    Auf einen dieser möglichen Zusammenhänge hat gestern die Chef- Korrespondentin von CNN, Christiane Amanpour, hingewiesen, die inzwischen aus Mumbai berichtet. Ergänzende, damit übereinstimmende Informationen findet man auch in dem Informationsdienst Stratfor.

    Danach ist es ein wesentliches Ziel der Anschläge, die Spannungen zwischen Indien und Pakistan anzuheizen.

    Das könnte, so Amanpour, Pakistan zwingen, Truppen vom Kampf gegen die Kaida im Grenzgebiet nach Afghanistan abzuziehen und sie an die Grenze nach Indien zu verlegen. Die Anschläge könnten auf diesem Weg die Kaida von dem Druck durch pakistanische Truppen entlasten, dem sie gegenwärtig ausgesetzt ist.

    Zum Zeitpunkt der Anschläge befand sich der pakistanische Außenminister Schah Mehmud Qureschi zu einem Staatsbesuch in Indien. Seit dem Ende der Herrschaft von Musharaf bemüht sich Pakistan um eine Verbesserung der Beziehungen zu Indien. Dieser Prozeß ist durch die Anschläge akut bedroht. Daß man ihn auf beiden Seiten zu retten versucht, geht daraus hervor, daß Qureschi nach den Anschlägen nicht zurückreiste, sondern den Besuch ostentativ fortsetzt.

    Der indische Ministerpräsident Manmohan Singh befindet sich, so analysiert es Statfor, in einer Zwickmühle: Schreibt er die Anschläge lokalen Terroristen zu, dann gibt er zu, die Sicherheitslage im Land nicht im Griff zu haben. Schreibt er sie Pakistan zu, dann wird das nicht nur die Spannungen zwischen den beiden Ländern verstärken, sondern Singh würde auch unter einen immensen Druck geraten, Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

    Dies wiederum würde Pakistan destabilisiern. Die ganze Region könnte dabei in eine noch labilere Lage geraten als die, in der sie sich ohnehin befindet; zum Nutzen der Kaida.



    Wenn diese Analyse stimmt, dann hätte die Kaida - möglicherweise unterstützt durch lokale Islamisten, vielleicht auch durch die Mafia von Mumbai - ein komplexes Spiel über die Bande begonnen. Getroffen werden soll zuerst die indische Regierung, dann die Regierung Pakistans; am Ende soll eine Verbesserung der Operationsbedingungen der Kaida im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan als das eigentliche Ziel der Anschläge stehen.

    Warum hat man sich - die Richtigkeit dieser Analyse einmal vorausgesetzt - gerade jetzt zu den Anschlägen entschlossen?

    Es hat vergleichbare, durch ein Attentat in Indien ausgelöste Spannungen schon mehrfach gegeben; und stets haben die USA als Vermittler gewirkt und das Schlimmste verhindert. In der jetzigen Übergangs- Situation in Washington ist das nicht im bisherigen Maß möglich. Das dortige gegenwärtige Interregnum könnte ausschlaggebend dafür gewesen sein, daß die Kaida gerade jetzt zugeschlagen hat.

    Wie immer diese Vermutungen zu beurteilen sind - ein Faktum wurde gestern mitgeteilt: Die indische Regierung hat den Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI, Generalleutnant Achmed Schudscha Pascha, gebeten, zu Gesprächen nach New Delhi zu kommen. Ein Vorgang ohne Präzedenz; bisher galt der ISI in Indien als eine feindliche Organisation, die in Indien nicht nur spioniert, sondern dort auch für Anschläge verantwortlich ist.

    Nichts macht es deutlicher als dieser Besuch, daß die Regierungen sowohl in New Delhi als auch in Islamabad die Lage als äußert kritisch beurteilen.



    Mit Dank an C.K. Für Kommentare bitte hier klicken.

    28. November 2008

    Zitat des Tages: "Die Attentäter von Bombay wollen Frieden und Gerechtigkeit"

    Les Moudjahidin du Deccan ... demandent que les musulmans d’Inde puissent vivre en paix. (...) On peut donc comprendre ces attaques de Bombay comme ... un appel aux autorités indiennes pour qu’elles fassent justice aux musulmans (...).

    (Die Mudschahedin des Deccan ... verlangen, daß die Moslems in Indien in Frieden leben können. (...) Man kann also die Angriffe in Bombay als ... einen Appell an die indischen Behörden verstehen, daß sie den Moslems Gerechtigkeit widerfahren lassen (...).)

    Aus einem Interview im gestrigen Nouvel Observateur.

    Kommentar: Das Bemerkenswerte an diesem Zitat ist weniger die erstaunliche These, daß diejenigen, die seit zwei Tagen in Mumbai am Werk sind, mit Massenmord und Geiselnahme dafür eintreten, in Frieden leben zu können und Gerechtigkeit zu erfahren.

    Das Bemerkenswerte ist vielmehr, wer das gesagt hat. Nicht ein Islamist. Noch nicht einmal ein Moslem. Sondern Christophe Jaffrelot, einer der führenden französischen Politologen.

    Jaffrelot ist Direktor des Centre d'études et recherches internationales (CERI), der bedeutendsten französischen Forschungs- Einrichtung für internationale Fragen. Das CERI ist eine Einrichtung des nationalen Forschungs- und Lehrinstituts SciencesPo, in dem die Elite der französischen Politologen ausgebildet wird.



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    Terrorismus als angewandte Psychologie: Was soll mit den Anschlägen in Mumbai erreicht werden?

    Von militärischen Aktionen unterscheiden sich terroristische Angriffe dadurch, daß sie keine materiellen Ziele verfolgen, sondern psychologische. Der Gegner soll nicht unmittelbar militärisch oder wirtschaftlich geschwächt werden, sondern es soll Schrecken (lat. terror) verbreitet werden. Terrorismus ist angewandte Psychologie.

    Die konkreten Absichten können verschieden sein. Es kann zum Beispiel darum gehen, politische, wirtschaftliche und andere Verantwortliche einzuschüchtern und damit gefügig zu machen; das war eines der wesentlichen Ziele des "individuellen Terrors", wie ihn die RAF zu praktizieren versuchte.

    Das primäre Ziel kann es auch sein, den Haß zwischen Bevölkerungsgruppen anzustacheln und damit zugleich die Kampfbereitschaft der eigenen Anhänger zu stärken. Das stand oder steht beim Terror der irischen IRA im Vordergrund; bei dem der baskischen ETA, teils auch bei dem der Palästinenser.

    Vor allem aber sind die Adressaten des Terrors die Öffentlichkeiten bestimmter Länder oder auch die gesamte Weltöffentlichkeit. Anschläge führen zu Medienberichten, die auf die Themen aufmerksam machen, denen die Terroristen zu mehr Beachtung verhelfen wollen. Über den Hebel der Öffentlichkeit können in demokratischen Ländern Regierungen in ihren Entscheidungen beeinflußt werden.

    Beherrschend ist dieses Ziel der Beeinflussung der Öffentlichkeit in asymmetrischen Kriegen wie dem, den die Kaida und andere Dschihadisten gegen den Westen führen. Hier dient der Terror fast ausschließlich dazu, Bilder des Schreckens samt den zugehörigen Kommentaren in die Medien des Feindes zu bringen.

    Manchmal haben die Terroristen Glück, und das führt zu sofortigen Demutsgebärden wie dem Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak, nachdem im März 2004 in Madrid gebombt worden war; unmittelbar vor Wahlen, die den Sozialisten der PSOE die Macht brachten.

    Der Regelfall ist eher ein allmählicher psychologischer Abnutzungskrieg. Das Medien- Zeitalter hat ihn möglich gemacht.

    Aus Vietnam waren die USA nicht deshalb abgezogen, weil sie den Krieg verloren gehabt hätten, sondern weil seine Fortsetzung bis zum Sieg angesichts der Opfer und Kosten der Öffentlichkeit nicht mehr zu vermitteln gewesen war. Dies war der erste Krieg, der via TV live in die Wohnzimmer gebracht wurde; das erwies sich als der entscheidende strategische Vorteil der Nordvietnamesen.

    Daraus haben die heutigen Dschihadisten ihre Lehre gezogen. Sie haben im Irak Geiseln vor laufender Kamera abgeschlachtet, sie haben ihren Terror vor Wahlen in den USA verstärkt, sie haben immer wieder das Internet und die Medien sehr effizient für ihre "Propaganda der Tat" genutzt.

    Sie hatten damit einen großen Teil der amerikanischen Öffentlichkeit, sie hatten die gesamte Führung der Demokratischen Partei, sie hatten auch denjenigen, der demnächst Präsident der USA wird, in der ersten Hälfte des Jahres 2007 so weit, daß diese bereit gewesen waren, den Krieg verloren zu geben und den Irak den Dschihadisten zu überlassen. Nur dank der Standfestigkeit von Präsident Bush scheiterte das.



    Was und wer steckt hinter den jetzigen Anschlägen in Mumbai? Das ist heute nicht viel klarer als gestern, als ich die wichtigsten Möglichkeiten zusammengestellt habe. Hinzugekommen ist allerdings eine weitere, etwas überraschende Variante: Daß die Mafia von Bombay eine zentrale Rolle gespielt haben könnte. Wenn das so sein sollte, dann wird man ihr freilich eher eine unterstützende Funktion zuordnen. Daß sich in der Unterwelt massenhaft Selbstmord- Attentäter rekrutieren ließen, ist sehr unwahrscheinlich.

    "Belastbare" Erkenntnisse über die Täterschaft fehlen heute wie gestern. Die obigen Überlegungen lassen aber doch eine begründete Vermutung zu. Diese trifft sich mit der Einschätzung eines indischen Experten.

    In der Jerusalem Post berichet heute Yaakov Lappin über ein Gespräch mit Oberst Behram A. Sahukar, der unter anderem als Spezialist für Sicherheit und Terrorismus am indischen Institute of Defense Studies and Analyses (IDSA) tätig war und der gegenwärtig an der United Service Institution of India forscht.

    Wer ist der Adressat der Anschläge von Mumbai?

    Diese Stadt ist das New York Indiens. Das Geschäfts- und Hotelviertel, in dem die Anschläge verübt wurden, hat für Inder einen ähnlichen Symbolwert, wie ihn das World Trade Center für die USA hatte.

    Daß man sich dieses Ziel ausgesucht hat, läßt vermuten, daß es primär die indische Öffentlichkeit ist, die beeinflußt werden soll, nicht diejenige der USA oder Europas. Den meisten im Westen ist Bombay allenfalls als der Sitz von Bollywood ein Begriff. Für Inder aber symbolisiert diese Stadt ihren Aufstieg zur modernen Industrienation. Anschläge dort treffen das Land ins Mark.

    Wenn der Adressat die indische Öffentlichkeit ist - warum dann aber die gezielte Geiselnahme von Amerikanern, Briten und Israelis? Das Interview mit Oberst Sahukar liefert eine mögliche Erklärung:
    "There have been growing strategic ties between India and the US ... and growing ties between India and Israel," Sahukar said. Indian- Israeli relations have "been getting stronger by the day," Sahukar noted (...)

    Americans, British nationals and Israelis had been singled out in Mumbai as a result "of the closeness of their governments to us," Sahukar explained. The attackers perceive India's close ties with these countries and its partnership in the global war on terror "as a war against true Islam," he added.

    "Es bilden sich immer engere strategische Verbindungen zwischen Indien und den USA ... und engere Beziehungen zwischen Indien und Israel", sagte Sahukar. Die Beziehungen zwischen Indien und Israel werden "jeden Tag stärker", bemerkte Sahukar (...).

    Amerikaner, Briten und Israelis wurden in Mumbai "wegen der Enge der Beziehungen ihrer Regierungen zu uns" herausgegriffen, erläuterte Sahukar. Die Angreifer würden die engen Bindungen Indiens an diese Länder und dessen Beteiligung als Partner im globalen Krieg gegen den Terror "als Krieg gegen den wahren Islam" sehen, fügte er hinzu.
    Wenn Sahukar recht hat, dann würden sich diese Anschläge exakt in das beschriebene Muster psychologischer Kriegsführung durch die Terrroristen fügen: Sie wollen über die indische Öffentlichkeit auf die indische Regierung Druck ausüben mit dem Ziel, daß diese ihren prowestlichen Kurs ändert. So, wie es 2004 in Madrid gelungen ist, freilich mit Hilfe eines Regierungswechsels.

    Zugleich sollen - das nannte Sahukar als weiteres Ziel - innerhalb von Indien die Gegensätze zwischen den Hindus und den überwiegend der Unterschicht angehörenden Moslems verstärkt werden; das wäre eine weitere der oben genannten klassischen psychologischen Zielrichtungen eines Terror- Angriffs. Je größer diese Gegensätze werden, desto mehr können die Dschihadisten in Indien auf weitere Anhänger und Sympathisanten, auf neue Mitglieder rechnen.



    Wer hat die Anschläge geplant und ausgeführt? Es muß nicht unbedingt eine einzige Organisation sein. Von der Waffenbeschaffung und der taktischen Planung über das Training der Terroristen bis zur genauen Ortskenntnis verlangen solche Anschläge das Wissen und die Fähigkeiten zahlreicher "Spezialisten" auf lokaler wie auf überregionaler Ebene. Aus diesem Grund waren zum Beispiel schon in den siebziger Jahren internationale Terroristen an der Zusammenarbeit mit der RAF interessiert.

    In dem Interview spricht Sahukar von einer möglichen "coalition of home- grown Indian jihadi sleeper cells and Pakistan- based radical elements", einer Koalition zwischen einheimischen Zellen von "Schläfern" und Extremisten, die ihre Basen in Pakistan haben.

    Als Indiz für die Beteiligung der Letzteren sieht er es, an daß die Terroristen mit Landungsbooten (die vermutlich von einem Mutterschiff abgesetzt worden waren) in Mumbai an Land gegangen waren. Auch sei die Koordination einer so umfangreichen Aktion nur einer großen Organisation zuzutrauen.

    Als eine möglicherweise ebenfalls beteiligte Gruppe nennt Sahukar die "Jaish e Muhammad"- Gruppe von Omar Sheikh und Maulana Mazood Azhar. Das würde - wenn es zutrifft - die Verbindung zwischen den jetzigen Anschlägen und dem Krieg im Irak herstellen und auch auf die übereinstimmende psychologische Strategie verweisen.

    Omar Sheik nämlich war der Mann, der im Jahr 2002 im Irak den jüdischen amerikanischen Journalisten Daniel Pearl vor laufender Kamera bestialisch abschlachtete; ein besonders brutaler Versuch der psychologischen Beeinflussung der amerikanischen Öffentlichkeit.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: NSF. Als Werk der US-Regierung in der Public Domain.