16. Juli 2019

Marginalie: Panzer-Uschi wird zur Kaiserin gewählt

Wenn auch nur knapp, hat das Europäische Parlament Ursula von der Leyen (vulgo "Zensursula", "Panzer-Uschi") dann doch zur Kommissionspräsidentin abgenickt. Bereits vor dieser Kür hatte die Niedersächsin mitgeteilt, von ihrem Amt als Verteidigungsministerin zurückzutreten, dies unabhängig vom Ausgang des Votums der zwischen Straßburg und Brüssel migrierenden Deputierten. In der kaputtgesparten Bundeswehr wird diese Ankündigung mit großer Erleichterung aufgenommen worden sein. Denn eine weniger loyale und eine weniger auf die tatsächlichen Bedürfnisse der einstmals (zumindest in ihrem werblichen Selbstbild) starken Truppe eingehende Chefin (männlich/weiblich, vor "Röschen" jedoch immer männlich) haben die unter Waffen stehenden Verbände in der Bundesrepublik wohl noch nie erdulden müssen.
 
Aber was ist mit Europa? Wir sollten es da vielleicht mit Marx (Karl, nicht Reinhard) halten: Wenn man einer nach Ansicht des Verfassers glaubwürdigen, hier nicht offenzulegenden Quelle folgt, war José Manuel Barroso mit seinem Normsetzungsfuror die Tragödie. Der ischiasgeplagte Jean-Claude Juncker, dessen Kommission laut Mitteilung der vorbezeichneten Auskunftsperson die Gesetzesinitiativen auf der Ebene des Staatenverbundes im Vergleich zu der Regentschaft des Portugiesen immerhin um vierzig Prozent reduziert haben soll, und die schwache Kandidatin von der Leyen, die sowohl für den nach der Hegemonie in der EU strebenden Emmanuel Macron als auch für die zentrifugalen osteuropäischen Leader akzeptabel ist, wären demnach die Farce. Gaudeamus igitur!

Noricus

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13. Juli 2019

Wenn der Ofen ausgeht: Grüner Stahl und die Rückkehr der Atomkraft

Wie der eine oder andere Leser weiß, ist dieser Autor ein bisschen in der Welt des Stahls bewandert, insbesondere in seiner Erzeugung. Wenn man heutzutage nach Neuerungen und Innovationen in der Stahlindustrie sucht (die aktuelle METEC in diesem Jahr in Düsseldorf zeugt davon), dann gibt es neben dem unvermeidlichen Thema der Digitalisierung ein anderes, mehr oder minder interessantes Thema: Grüner Stahl.

9. Juli 2019

Vom Verfall des politischen Anstandes: Von Lammert zu Kubicki zu Roth

Der Mann, der den Berg abtrug, war derselbe, der anfing, kleine Steine wegzutragen.
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                                                                                     Konfuzius.

Es ist vielleicht eine lustige Ironie, dass es ausgerechnet Claudia Roth, die ja von Deutschland per se keine allzu hohe Meinung hat, zufiel, den bisherigen Tiefpunkt der traurigen Entwicklung des deutschen Parlamentarismus zu setzen, seit die AfD bei der Bundestagswahl 2017 plötzlich ein Achtel(!) des deutschen Volkes vertritt. So lehnte sie in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni diesen Jahres einen Antrag der AfD zum Hammelsprung zur Feststellung der Beschlussfähigkeit mit der Begründung ab, der Sitzungsvorstand würde die Beschlussfähigkeit (und damit die Anwesenheit von wenigstens der Hälfte aller Bundestagsabgeordneten) eindeutig bejahen. Die Geschäftsordnung des Bundestages sieht in Paragraph 45 der aktuellen Geschäftsordnung die Möglichkeit für eine Fraktion vor, die Beschlussfähigkeit in Frage zu stellen und damit einen Hammelsprung zu fordern. Allerdings hat eben diese Ordnung an der Stelle eine kleine Hintertür eingebaut, nämlich dass der Sitzungsvorstand die Beschlussfähigkeit in dem Moment nicht eindeutig bejaht. Was dieser aber tat, obwohl es offenkundig (und zwar absolut offenkundig) war, dass kaum ein Bruchteil der Parlamentarier anwesend war und man schon arge Tomaten auf den Augen haben musste, um hier von einer Beschlussfähigkeit auszugehen.

5. Juli 2019

Umfrage des Tages: Zweidrittelmehrheit für mehr Überwachung von Internetkommunikation und sozialen Netzwerken

Laut einer Umfrage des Deutschlandtrends halten

  • 71 % die Gefahr durch Rechtsextreme Anschläge für sehr hoch,
  • 66 % glauben der Staat "Neonazis und Rechtsextremen zu oft freie Bahn lasse" und
  • 65 % möchten deshalb Sicherheitsorganen mehr Befugnisse zur Überwachung von Internetkommunikation und sozialen Netzwerken einräumen,
wie die Welt in einem lesenswerten Artikel, der die Umfrageergebnisse zusammen fasst und teilweise bildlich darstellt, berichtet.


Techniknörgler

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4. Juli 2019

Zeitmarke, leicht verspätet. 23. Mai 1819: Vor 200 Jahren erschien "Rip Van Winkle"


(Titelseite der ersten Lieferung des Sketch-Book. Abb.: Wikimedia)

Daß diese Zeitmarke mit einer leichten Verspätung von gut 10-11 Tagen erscheint (was übrigens genau dem Unterschied zwischen dem "alten" julianischen Kalender und dem "reformierten" gregorianischen entspricht, als dieser 1582 für die katholische Christenheit - 10 Tage und anderthalb Säkula später, 1752 für England und seine Kolonien verbindlich wurde - 11 Tage), hat den schlichten Grund, daß das Jubiläumsdatum dem Protokollanten, als er zu Anfang des Jahres eine kleine Liste an fällig werdenden runden Gedenkmarken notierte (aus dem anstehenden Abschnitt: am 26. dieses Monats wird der Urvater der "Gaia-Theorie," James Lovelock, seinen 100. Geburtstag begehen; am 1. August jährt sich zum zweihunderdsten Mal der Geburtags von Herman Melville) schlicht nicht "auf dem Schirm war" und er bis erst drei Tage nach dem Verstreichen des Termins gewahr wurde. Man kann also, passend zum Thema sagen, er habe es schlicht verschlafen. Immerhin nicht um zwei volle Jahrzehnte, die der durchaus zweifelhafte Protagonist dieser kleinen Erzählung.

Ohne Worte

Auf der Facebook-Seite der FFF-Gruppe Fridays for Future Köln wurde heute folgendes Ersuchen gepostet:



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U.E.

© Ulrich Elkmann. Für eine knappe Anmerkung und Kommentare bitte hier klicken.

1. Juli 2019

Kein zweiter "Sommer 1914"

Don Alphonso, dessen Kolumne "Stützen des Gesellschaft" seit geraumer Zeit für Leser mit geistiger Unabhängigkeitserklärung so ziemlich der einzige Grund War, noch ein Augenmerk auf die Tageszeitung, "hinter der immer ein kluger Kopf steckt" (gemäß der längst in den Nebel der Bonner Urzeit entwichenen Eigenbewerbung der FAZ), bevor er im vorigen Frühling seinen Stecken von der immer mehr zur kleinen publizistischen Schwester der taz  mutierendenen faz zur Welt weitersetzte, hat heute auf dem Kurznachrichtendienst Twitter folgenden zum aktuellen Weltaufreger mitgeteilt: 



25. Juni 2019

Warum die Juden?

Die Frühmenschen breiteten sich, wohl von Afrika her, überallhin als Jäger, Bauern, Städte- und Reichsgründer aus: in Europa, Asien und auf dem amerikanischen Kontinent. Sie bauten in Ägypten und Amerika Pyramiden, entwickelten Waffen und hatten überall ein ähnliches Schmuckbedürfnis. Aber ihre Religionen und das Verhältnis zu Welt, Leid und Tod entwickelten sich sehr verschieden.

22. Juni 2019

Fall Lübcke: Artikel 18 Grundgesetz und der innerparteiliche Ausrichtungskampf

Gemäß dem Pressekodex (Ziffer 13) ist die Unschuldsvermutung auch von Journalisten in Ausübung ihrer Tätigkeit zu beachten. Daran sollte man angesichts der jeglichen berufsethischen Standards hohnsprechenden Agitation, die der gewaltsame Tod des CDU-Politikers und Regierungspräsidenten des Regierungsbezirks Kassel, Walter Lübcke, im bundesrepublikanischen Blätterwald ausgelöst hat, bei aller Resignation ob der voraussichtlichen Sinnlosigkeit solcher Kassandrarufe doch erinnern.

20. Juni 2019

Der Glaube und die Angst. Ein Gedankensplitter.

"Wer nichts weiß, muss alles glauben." 
                                                   Marie von Ebner-Eschenbach

Ein schöner Aphorismus, man glaubt kaum, dass er schon mehr als 100 Jahre auf dem Buckel hat. Folgender ist mir noch nicht begegnet, falls er neu sein sollte, reserviere ich mir hiermit das Copyright: "Wer Angst hat, glaubt alles."

19. Juni 2019

Von Ultimaten und Artikeln. "Liebe FfF-Kids..."


(Notstandsgebiet Münster, 19.6.2019; 16:30. Sichtbare Folgen des Klimawandels: Dürresommer fallen jetzt extrem aus. [Eigenes Photo])


...wir müssen mal ein ernstes Wort miteinander reden. So geht es, beim besten Willen, nicht. Daß ihr mit eurem freitgälichen Schulschwänzen Gratisaufmüpfigkeit simuliert, daß ihr, anders als bei früheren Anfällen von kollektivem Jugendirresein, nicht gegen die Politik, alle alten Spießer und deren Medien im Kreis hüpft, sondern mit deren Segen und Beifall; daß ihr keine Ahnung habt von dem, wofür ihr steht, daß ihr, die ihr unbedingt "das Klima" retten möchtet, nicht imstande sid, euren Wohlstandsmüll hinter euch ienzusammeln: geschenkt. Alles nachgesehen. Aber daß ihr augenscheinlich außerstande seid, die Notizbuchfunktion eurer Wischtelephone zu bedienen, daß ihr außerstande scheint, zwei Zahlen in einem Notizbuch aus Papier zu notieren (ja, Relikte aus dem Erdzeitalter wie wir benutzen dergleichen mitunter noch): das ist bedenklich. Wenn eure Lehrer nicht ein Auge darauf haben, verpaßt ihr doch glatt den Termin zum Schulschwänzen.

18. Juni 2019

"Was die Welt / im Innersten zusammenhält." Eine späte Adnote zum Tod Murray Gell-Manns

Zugegeben: die Nachricht ist nicht taufrisch, und für diejenigen, die Ereignisse und Wegmarken im Bereich der Naturwissenschaften verbuchen, sicher auch keine Neuigkeit mehr (auch wenn des Referent zugeben muß, daß sie, da er nicht breitbandig-allgemein, sondern nur noch sehr zielgerichtet ein Auge auf die Weltläufte hat, eine Woche brauchte, um bis zu ihm vorzudringen - so mag sie auch für andere um ewig gleichen Rauschen der politisch dröhnenden Kulisse untergegangen sein): Murray Gell-Mann, "Vater" der Quarks - oder besser: der Erklärungsmodell für Partikel, Untereinheiten, Elemente, aus denen sich die kleinsten Bausteine der Materie zusammensetzen - ist am Freitag, dem 24. Mai 2019, in Santa Fe im amerikanischen Bundesstaat New Mexico gut vier Monate vor seinem 90. Geburtstag und genau ein halbes Jahrhundert, nachdem er im Jahr der ersten bemannten Mondlandung den Nobelpreis für Physik verliehen bekommen hatte, gestorben. (Den Preis bekam er allerdings nicht für das schlüssige Postulat der Quarks von 1964, sondern für seine Beiträge zur Klassifizierung und Erklärung des gewissermaßen "darüberliegenden" Elementarteilchenzoos, unter anderem seines Klassifikationsschemas der Hadronen von 1953, der Neuformulerung der schwachen Wechselwirkung - die er mit Richard Feyman entwickelte und zur Chiralität, zum Symmetriebruch im Bereich der starken Wechselwirkung.)

17. Juni 2019

Görlitz oder: Wie die CDU lernte, den Pyrrhussieg zu lieben

Das ist ja noch einmal gut gegangen, mag man sich in so manchen Redaktionsstuben dieses Landes und allen relevanten Parteien außer der AfD gedacht haben. Und vielleicht waren die sogenannten Rechtspopulisten – jedenfalls jene, die außerhalb von Görlitz residieren – insgeheim gar nicht unglücklich darüber, dass der eigene Bewerber um den Posten des Oberbürgermeisters der ostsächsischen Stadt dem – darf man dies aufgrund der Ähnlichkeiten des Settings im Anklang an die letzte österreichische Bundespräsidentenwahl so schreiben? – Kandidaten des Establishments unterlegen ist.

16. Juni 2019

Robert Habeck und der Versuch meine Sprachlosigkeit in Worte zu fassen

­Zettel schrieb im März 2011, vor dem Hintergrund der innepolitischen Geschehnisse in Deutschland, inklusive der von den Grünen gewonnen Landtagswahl in Baden Württemberg, als Folge der Havarie eines Atomkraftwerks in Fukushima, folgende Sätze:

"Sie kriecht, die deutsche Volksseele. Mal ist sie mehr braun gefärbt, mal mehr grün. Die Dummheit ist dieselbe; das Bauchgefühl, das heute triumphiert hat. Die Dummen haben gewonnen.

Mir war um dieses Land nie bange gewesen. Jetzt glaube ich, daß Deutschland wieder der Unvernunft, daß es ein weiteres Mal Ideologen zum Opfer fallen kann."

Er wurde für diese Sätze damals im Diskussionsraum des kleinen Zimmers teilweise sehr heftig attackiert. Ich denke das lag daran, dass die meisten in seiner Kritik nur die (dann zugegebnermaßen sehr polemisch und unsachlich wirkende) Schmähung eines ungeliebten Siegers bei einer Landtagswahl sahen.

Ich selbst habe Zettels Kritik nie so verstanden. Mir schien Zettels Kritikpunkt ein anderer, welcher klar auf der Hand liegt: Eine Emotion, eine Angst diktiert die politische Entscheidung und rückt die Aufgabe unserer parlamentarischen Demokratie, einen gesellschaftlichen Interessenausgleich herbeizuführen, in den Hintergrund. Es ist wohl das, was Udo di Fabio in einem Interview, welches ich vor Zeiten einmal sah, als "den Hang der Deutschen zum Romantizismus in der Politik" bezeichnete: Die Neigung sich seinem Gefühl in Reinheit hinzugeben und Pragmagtismus zu schmähen.

10. Juni 2019

Dänisches Dynamit und deutscher Dogmatismus: Sozis mit rechtem Einschlag und grüne Monothematik

„Etwas ist faul im Staate Dänemark“ (Shakespeare, Hamlet), mag es in dem einen oder anderen europäischen Linken denken. Denn in dem skandinavischen Land wurde das progressive Dogma, wonach Programmentlehnungen bei den Rechtspopulisten nicht der sich bedienenden Gruppierung, sondern dem politischen Gottseibeiuns nützten, eindrucksvoll widerlegt. Die Sozialdemokraten aus dem nordnachbarlichen Königreich haben nämlich mit einem restriktiven Migrationskurs einen Sieg bei den heurigen Parlamentswahlen eingefahren, und die Dansk Folkeparti wurde von stolzen 21,1 Prozent anno 2015 auf ziemlich ernüchternde 8,7 vom Hundert dezimiert.

Freilich: Die 25,9 Prozent, die Socialdemokraterne beim diesjährigen Urnengang errungen haben, stellen im Vergleich mit den Resultaten von vor vier Jahren (26,3 vom Hundert) sogar einen leichten Verlust dar. Aber wenn man bedenkt, dass bei der deutschen Korrespondenzpartei ein Ergebnis von gut einem Viertel der gezählten Stimmen vor 15 Jahren mit Sicherheit noch zu einer Enthauptung des auf nationaler Ebene auftretenden Spitzenkandidaten geführt hätte und heutzutage die SPD solcherlei Zuspruch nicht einmal mehr in ihren Erbhöfen wie etwa Bremen erreicht, muss man vor Mette Frederiksen durchaus den Hut ziehen. Zugegeben: Bis hierher haben wir nur die halbe Wahrheit erzählt.

5. Juni 2019

Miszelle: "Kein Pillepalle"

Es gibt Nachrichten, bei denen erübrigt sich weitgehend eine Kommentierung. Sie sind selbsterklärend - oder versprechen, es im Rückblick zu werden. Sie werden gleichsam nur zu Protokoll gegeben; wer sie notiert, gehorcht der Chronistenpflicht. (Die legendärste Variante stellt vielleicht Franz Kafka lapidare Notiz vom 2. August 1914 dar: "Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. - Nachmittags Schwimmschule.") Aus dem gleichen Zweck sei deshalb nur kurz die Meldung hergesetzt, die heute Mittag die BILD-Zeitung als zunächst exklusive Notiz mitzuteilen wußte, ehe sie von den übrigen Verteilern der Kommunikation am Dorfbrunnen des Global Village, Ortsteil Germanien aufgegriffen wurde.

"In der Union bahnt sich offenbar eine Wende an:

"In der Fraktionssitzung am Dienstag sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach BILD-Informationen, die Union solle jetzt „die Nerven behalten“ und sich vor allem beim Thema Klimaschutz noch über den Sommer gedulden, da man die beiden in Auftrag gegebenen Regierungs-Gutachten noch abwarten wolle. Doch danach dürfe es von der Regierung „kein Pillepalle mehr“ geben, sondern Beschlüsse, die zu „disruptiven“ Veränderungen führten. Schließlich sei seit 2012 beim Klimaschutz nichts mehr passiert.

"Die Union müsse bei dem Thema mit Lösungen überzeugen und darüber beraten, wie man am besten eine Bepreisung des Ausstoßes von umweltschädlichem CO2 erreichen könne. Dabei dürfe es nicht darum gehen, immer noch einen Cent hier und dort draufzuschlagen."

Dies ist eine Miszelle, wohlgemerkt, keine Marginalie. Denn was sich in dieser Ankündigung abzeichnet, dürfte alles andere als marginal sein. Offenkundig hat der Wahlerfolg der Grünen bei der Europawahl dazu geführt, daß sowohl Sozial- wie Christdemokraten beschlossen haben, der einzige Weg zu künftigem Erfolg bestehe darin, das Geschäftsmodell der Grünen zu kopieren und durch Erhöhung der utopistischen Regelungswut zu übertreffen. Was sich hinter der detailfreien Formulierung "kein Pillepalle" verbirgt, ist nicht schwer zu erraten. Es dürfte nicht darum gehen, die Anzahl der Windräder in Deutschland von jetzt rund 35.000 auf 300.000 zu erhöhen, in der eiteln Hoffnung, die Winde zum beständigen Wehen animieren zu können. Vielmehr dürfte es ein Hinweis darauf sein, daß die in unschönem Ringelreihen der verschiedenen Medien seit Monaten angekündigte "Bepreisung des Ausstoßes von umweltschädlichem CO2" (ein in ihrer Umständlichkeit typische Merkel-Formulierung), kurz: die CO2-Steuer, im Herbst alternativlos ins Haus steht. Die traurige Notwendigkeit, sich vor der nächsten Reiseetappe in grüne Etappe noch über den Sommer gedulden zu müssen, dürfte weniger dem Warten auf Feigenblatt-Expertisen geschuldet sein, sondern zum einen dem schlichten Umstand, daß es für die Parteien der GroKo keine Möglichkeit gibt, dies vorher in eine legal bindende Form zu gießen - in dieser Woche findet die letzte Sitzungswoche des Bundestages vor der Sommerpause statt; die darauf folgende Sitzung ist für die zweite Septemberwoche, dem 9.9.2019, angesetzt. Zum zweiten, weil man wohl erst das Verstreichen der drei im Herbst anstehenden Landtagswahlen - in Brandenburg und Sachsen am 1. September, in Thüringen am 27. Oktober - abwarten möchte, um die zu erwartende Marginalisierung der eigenen Parteien und das zu erwartende hohe Abschneiden der Blaualternativen (die zumindest in Sachsen die stärkste Kraft stellen dürften) nicht noch zu verschärfen. 

3. Juni 2019

Arrivebätschi

Es war einmal ein kleines Mädchen, das ward von seinen Eltern Andrea geheißen, aber weil es so quirlig und vorlaut und nervig war, nannte alle Welt es nur "Bätschi". Es kam aus der Krachmacherstraße in Irgendwo; leider stammte es nicht aus Schweden, wo quirlige Anarchistinnen sonst gern herkommen, und es hatte auch keinen NeSüdseekönig als Papa, sondern stammte aus der Vulkaneifel, was vielleicht ihr explosives Temperament erklären könnte (später, nach vielen Jahren, erklärte sie einem Interviewer auf die Frage, ob die "Frankfurter Schule" sie beeinflußt habe: "He? Hallo? Ich habe eine Schule in der Eifel besucht!").

All das konnte sie nicht verwinden und trat der SPD bei. Auf die Frage, inwieweit ihr Denken von der Frankfurter Schule beeinflusst wurde, retournierte sie einst: “Hey hallo! Ich habe eine Schule in der Eifel besucht.” Andrea Nahles gilt als Ziehtochter der großen rheinland-pfälzischen Sozialdemokraten Kurt Beck und Rudolf Scharping. Bis heute unverkennbar, die Mixtur aus Bär und Ziege.

2. Juni 2019

Zitat des Tages: Bundeskanzler Habeck mit Grün-Rot-Rot

Mit diesem Ergebnis hätten die Grünen bei einer Regierungsbildung zwei Optionen: Mit der CDU/CSU kämen sie auf eine klare absolute, mit SPD und Linken immerhin noch auf eine knappe relative Mehrheit.
- "Grüne überholen erstmals Unions - SPD so schlecht wie nie" vom 01.06.2019 auf welt.de

Kommentar:
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Unter Politikjournalisten hatte Grün-Rot bereits 2010 eine Zweidrittel-Mehrheit  mit den Grünen vor der SPD. Dies brachte Ronald Gläser damals zu der Überschrift "Zweidrittelmehrheit für die neue Bundeskanzlerin Claudia Roth mit der SPD als Juniorpartner". Auch wenn es keinen konkreten Hinweis auf eine Unterstützung für Claudia Roth als Kanzlerkandidatin gab, so war dies doch die einzige Überspitzung an dieser Schlagzeile. 

Vor 3 Jahren konnte ich den deutlichen Vorsprung der Grünen vor der SPD unter Journalisten noch als Beleg für die Entkoppelung des Politikjournalismus vom Durchschnittsbürger anbringen. Das hat regelmäßig zu nachdenklichen Gesichtern geführt, selbst bei progressiven Studenten. Inzwischen dürften die sich in ihrem Selbstbild als Avantgarde bestätigt fühlen.

Nun mag man einwenden, das wir keine verfassungsändernde Mehrheit für Grün-Rot mit Claudia Roth als Bundeskanzlerin haben, sondern nur eine knappe Mehrheit für Grün-Rot-SED unter einem Bundeskanzler Habeck.

Aber seien wir mal ehrlich: Es braucht keine Zweidrittel-Mehrheit im gesamten Wahlvolk, um eine enorme Annäherung der Wähler an die grünen Vorreiter in den Medien zu erkennen. Die noch vor 10 Jahren in dieser Intensität abwegige Verschiebung zu den Grünen als stärkste Partei vor der CDU leitet nicht nur ein neues politisches Zeitalter in Deutschland ein. Auch der Vorwurf, Medienschaffende seien bezüglich ihrer Parteipräferenz zu weit vom Wahlvolk entfernt, greift nicht mehr.  

Wer jetzt noch die langfristig Auswirkung der grünen Dominanz in etablierten, narrativbildenden Institutionen auf die öffentliche Meinung und insbesondere die Prägung junger Menschen bestreitet, soll sich bitte aus der aktiven Politik zurück ziehen und langfristigen Strategen platz machen. Auf lange Sicht spielt für werte-orientierte Politik nur der erfolgreiche Landgewinn in narrativprägenden Institutionen eine Rolle. Seien es liberale Werte, seien es konservative Werte, sei es eine Mischung in der Form liberal-konservativer Werte, seien es klassische sozialdemokratische Werte der Arbeiterbewegung oder die grün-progressive Sozialarbeiter- und Kulturreformerbewegung. 

Und wer jetzt noch als CDU-Karrierepolitiker Angela Merkel unter der rein machtpolitischen Erwägung verteidigt, eine Regierung ohne Unions-Kanzler sei durch ihren Ausverkauf der CDU und der bürgerlichen, narrativprägenden Institutionen undenkbar geworden, hat den Schuss nicht gehört. 

Allerdings ist es für diese Erkenntnis jetzt wohl zu spät. Selbst eine Grün-Schwarze Koalition wäre jetzt auf Bundesebene (!) nicht mehr zwangsläufig unionsgeführt und die Grünen haben gute Chancen SPD und SED auf der einen Seite und die Union auf der anderen Seite bei Koalitionsverhandlungen gegeneinander auszuspielen. 



Techniknörgler

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31. Mai 2019

Marginalie: Stirbt mit dem alten, weißen Mann auch der Kavalier aus?

Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, so habe ich den Namen Michael Wendler zum ersten Mal in Berichten über einen Markenrechtsstreit gelesen. Falls Ihnen der besagte Herr gänzlich unbekannt ist, werte Leserschaft, so drückt sich darin nicht ein Mangel an Bildung, sondern vielmehr sogar ein Übermaß derselben aus. Denn intellektuelles Niveau wird ja gerne in der Distanz zu den Lustbarkeiten des breiten Publikums gemessen.

Michael Wendler ist, wie uns die Wikipedia aufklärt, „Sänger und Songschreiber“ und damit wohl genau die Kategorie einer öffentlichen Person, an der Interesse zu hegen dem durchschnittlichen Adressaten des Stern von dessen Redaktion unterstellt wird. Der Tonkünstler, so ist einem Eintrag im Online-Auftritt des Hamburger Wochenmagazins zu entnehmen, buchte nach allerlei Irrungen und Wirrungen für sich und seine bessere Hälfte zwei Plätze in einem Flugzeug von Miami nach Mallorca. So weit, so unspektakulär. Als problematisch an der Reservierung erwies sich, dass die beiden Sitze nicht nur nicht nebeneinander, sondern auch in unterschiedlichen Preisgruppen gelegen waren: der eine in der business, der andere in der economy class. Auch die Tränen seiner 18-jährigen Freundin, die – wie man als Sänger und Songschreiber wissen sollte – nicht lügen (ich spreche von den Tränen, von den Freundinnen will ich nichts gesagt haben), bewegten den 46-jährigen Barden – wir verhandeln ein Boulevardthema, dabei gehören Altersangaben zur lex artis – nicht dazu, mit dem Platz in der Holzklasse vorliebzunehmen und seiner Angebeteten die komfortablere Reisemöglichkeit zu offerieren, was das Nachrichtenmagazin entsprechend kritisch anmerkt.

30. Mai 2019

Je est l'autre: Victor Segalen nach 100 Jahren


(Victor Segalen, 1904 in Nouméa. Abb. Wikimedia)


Sein Ende war so merkwürdig und widersprüchlich wie alles an dem Mann, dessen Leiche in den letzten Tagen des Maimonats vor einhundert Jahren, am Mittwoch, dem 21. 5. 1919, in einem verlassenen Waldstück nahe dem kleinen Dorf Huelgoat in der Bretagne, im Départment Finisterre, dort, wo Frankreichs Landausläufer wie ein Finger in den Atlantik weist, nach zwei Tagen Abwesenheit von seiner Frau und einer guten Freundin der Familie gefunden wurde, auf dem aufgebreiteten Mantel liegend und eine Kopie von Shakespeares Hamlet neben sich, nachdem er sich zu einem seiner ausgedehnten Spaziergänge verabschiedet hatte, die er als Kur gegen seine Ausgelaugtheit, neuralgischen Anfälle und malariaähnlichen Zustände unternahm, nachdem er die vier Monate bis zum März in diversen Sanatorien verbracht hatte. Die Militärärzte vor Ort befanden auf einen Unfall: der 41-jährige Victor Segalen habe sich am Knöchel eine tiefe Fleischwunde beim Sturz über einen scharfkantigen Baumstubben zugezogen, habe beim Versuch, die Wunde abzubinden, das Bewußtsein verloren und sei am Blutverlust gestorben. Seine wenigen (damaligen) Leser und die, die von dem Leben des Autors, der heute einer classiques mineurs der französichen Literatur der Jahrhundertwende und einer der großen Klassiker des Exotismus gilt, warne von Anfang an überzeugt, daß er selbst seiner Existenz ein Ende gesetzt hat. Erst seine letzte Biographin, Marie Dollé, nennt in ihrem Buch Victor Segalen: Le voyageur incertain von 2006, den Suizid klar beim Namen.

Wenn die Realität kommt. Ein Streiflicht zum Schulschwänzen.

Die heilige Greta ist jetzt fast ein Dreiveirtel Jahr, ihre deutschen Jünger jetzt teilweise ein knappes halbes Jahr "im Streik" (mal ab von Ferienunterbrechungen). Und das Ende ist bisher nicht abzusehen.

28. Mai 2019

Starlink



"...dort oben leuchten die Sterne / und unten leuchten wir..." heißt es im Kinderlied, wenn es zum Martinstag, zu Beginn der tiefsten Jahresendzeit, darum geht, mit Laternen einen noch so bescheidenen Kontrapunkt zum schwindenden Tageslicht zu setzen. Gegen die unmittelbare Impression der scheinbar unendlich fernen und unendlich ewigen Leuchtfeuer (was sie in Bezug auf die Kleinheit und Kürze des menschlichen Lebens tatsächlich darstellen) in den Tiefen des Alls vermag alles menschliche Ingenium bislang nichts entgegenzusetzen. Nicht außerhalb der ebenfalls kleinen Bereichs der Kunst und der Literatur jedenfalls und den Bildern, die deren Metaphern und Themen in der menschlichen Phantasie anzünden. Gestaltungen und Zeichensetzungen menschlicher (oder jedenfalls sterblicher) Hand werden auch wohl noch in Jahrmillionen allein diesem Bereich vorbehalten sein: ob es nun darum geht, den Mars durch Terraformierung als eine zweite Erde ergrünen zu lassen, wie in Arthur C. Clarkes bekanntestem Science-Fiction-Roman The City and the Stars (1956) sieben Sonnen als Signum einer am Magie grenzenden Supertechnik in enger Formation einander umkreisen zu lassen (die deutsche Übersetzung isr denn auch unter dem Titel Die sieben Sonnen erschienen), wie in Jack McDevitts Infinity Beach aus dem Jahr 2000 ein halbes Dutzend passender Sterne gleichzeitig als Supernova zu zünden, um weit über die Grenzen des Inseluniversums unserer Milchstraße hinaus ein sichtbares Signal zu setzen: wir sind hier! wir sind intelligent! oder ob es wie in der Anmoderation von Ross Rocklynnes (1913-1988) kleiner Erzählung "Find the Face" (in Galaxy Science Fiction, September 1968) heißt: At the edge of forever, the stars form a Face. But whose? And why?



(Abb. Internet Science Fiction Data Base)

"The face was spread across that whole sky along whose star-clouded shores my elegant boat swam. it subtended an arc of 130°, and that was a lot of sky. I stared stupidly, expecting the face's drooping- star-gleaming lips to curl in contempt, his coal-sack nostrils to pinch in displeasure, his God-eyes, with groups of burning-bright stars where the irises were, to fume at me in cosmic anger. ... But no, his expression, frowning, distant, remained the same. How handsome a man, he that looked down upon me but through me; and, indeed, seemed to have no interest in me. The hair, gray-black, was swept in a haughty wave of radiant gases over his forhead, which in turn was so neatly limned and shaped by clouds and strings of primal hydrogen matter. Hair untidly covered the tops of of his ears, which in turn were but stellar helices with darks and brights of deftly brushed in by an Artist whose identity I could not conceive." (S. 70)

27. Mai 2019

Ibiza-Affäre: Königs- und Bauernopfer

Sebastian Kurz und seine Übergangsregierung sind Geschichte. Der Nationalrat hat sämtlichen Mitgliedern des Kabinetts um den ÖVP-Shootingstar das Misstrauen ausgesprochen. Ist der 32-Jährige in seinem (jedenfalls für einen Politiker und im Vergleich zum Verfasser dieser Zeilen) zarten Alter bereits ein Gescheiterer?

Ich glaube nicht: Eigentlich hätte es für Kurz nicht besser laufen können. Bei der Europawahl fuhr seine Partei satte Gewinne ein – in dem österreichischen Bundesland, das der endunterfertigte Autor (vor allen anderen) liebt, kamen die Schwarzen auf wahrlich volksparteiliche 44 Prozent – und die motley crew der Unterstützer des Absetzungsantrages – SPÖ, FPÖ und JETZT (Liste Pilz) – dürfte nicht viel mehr einen als ihre Abneigung gegen Sebastian Kurz. Anders gesagt: Das Volk hat für den jungen Kanzler gestimmt, eine Politikerelite gegen ihn. Das ist eigentlich der perfekte Märtyrerstatus, wie ihn die Blauen so gern für sich verbuchen würden.

25. Mai 2019

Zwei schöne Kampagnen

Die Fraktion der Pro-Europäer (gefühlt vielleicht 90% des politischen Betriebes, aber auch eine lockere Mehrheit der deutschen Wähler) hat ein Problem: Sie haben keine so rechten Themen mehr. Man kann zwar weiter hirnfrei "Frieden" (SPD), "Ein Europa für Frieden und Wohlstand" (CDU) oder "Europa ist die beste Idee, die Europa je hatte" (Grüne) plakatieren, aber so richtig verfangen tut der Quatsch nicht. Man hat schlicht keine Themen.­
Was einfach daran liegt, dass Europa durch die letzten Jahre wenig bis gar nichts (für den Bürger!) zuwege bringt, sondern sich lieber darin gefällt die realen Krisen wie die Merkelsche Flüchtlingsshow oder das griechische Finanzwunder auszusitzen. Das einzige Konzept der Pro-Europäer besteht in -Überraschung!- mehr Europa. Warum ist eigentlich unklar. Warum Europa Probleme, die es bisher nicht ansatzweise lösen konnte, durch noch mehr Macht in Brüssel lösen will, verbleibt im Nebel. 

21. Mai 2019

Kurz’ Kalkül – Kurz’ gefährliches Spiel

Die Koalition aus ÖVP und FPÖ wird nicht einmal mehr bis zu den voraussichtlich im September 2019 stattfindenden Nationalratsneuwahlen fortgesetzt. Den von Bundeskanzler Sebastian Kurz vorgeschlagenen Deal, wonach im Gegenzug zu Innenminister Herbert Kickls Demission das derzeitige Regierungsbündnis wenigstens noch bis zum nächsten Urnengang Bestand haben sollte, wurde von dem Kärntner abgelehnt. Vielmehr kündigten seine in Ministerpositionen befindlichen Parteifreunde ihr Ausscheiden aus dem Amt an, sollte Kurz dem Bundespräsidenten die Entlassung Kickls vorschlagen.

Verfassungsrechtlicher Hintergrund: Gemäß Artikel 70 Absatz 1 Satz 1 Halbsatz 2 Bundes-Verfassungsgesetz (B-VG) erfolgt die Entlassung einzelner Mitglieder der Bundesregierung auf Vorschlag des Bundeskanzlers. Den Bundeskanzler oder die gesamte Bundesregierung kann der Bundespräsident hingegen aus Eigenem (also ohne Vorschlag) ihrer Funktion entheben.