7. September 2019

Die zersplitterte Linke. Die zu den Bobos strebenden Konservativen und Liberalen. Der lachende Dritte. Ein Gedankenspaziergang.

Es gibt wohl drei Hauptzielgruppen linker Politik:

1. Im Staatsdienst, in der (mit öffentlichen Geldern alimentierten) Sozialindustrie oder in der Medienbranche beschäftigte, großstadtbewohnenede Akademiker mit einem Abschluss zumeist in einer Geistes- oder Gesellschaftswissenschaft.

2. In Ausbildungsberufen tätige Arbeitnehmer.

3. Voll oder überwiegend von Sozialleistungen lebende Bürger respektive Bezieher prekärer nichtstaatlicher Einkünfte (zum Beispiel Jobber und Kleinrentner).

Wie es sich für eine gute Kategorisierung gehört, ist die vorstehende Aufzählung mit dem groben Pinsel gezeichnet und wird dadurch freilich nicht jedem Einzelfall gerecht. Dies gilt auch für die folgenden weiteren Ausführungen:

31. August 2019

Wie wählt er, der Ossi?

Morgen wählt natürlich nicht „der Ossi“. Vielmehr entscheiden nur die Sachsen und die Brandenburger über die Zusammensetzung ihrer jeweiligen Landtage. Wer nicht das Glück hatte, in den letzten Wochen von deutschen Feuilleton- und Twitter-Debatten verschont geblieben zu sein, hat die Anspielung in der Überschrift zweifellos verstanden.

Der SPIEGEL-Titel vom 24. August „So isser, der Ossi“, illustriert mit einer schwarz-rot-goldenen Angler-Kopfbedeckung, hat für einige veröffentlichte Erregung gesorgt. Die einen warfen dem Nachrichtenmagazin Doppelstandards vor, weil dessen Redaktion im Falle anderer Personengruppen abwertende Pauschalurteile unter keinen Umständen, also auch nicht mit offenkundig triefender Ironie, aufs Cover brächte. (Ein Aufmacher „So isser, der Moslem“ oder „So sind sie, die Weiber“ würde bei dem Hamburger Blatt sicher noch nicht einmal das Stadium eines unausgegorenen Vorschlags erreichen.) Andere, insbesondere ostdeutsche Linke (gemeint ist das Lager, nicht die Partei), beklagten den Inhalt der Generalisierung: Wie man an ihnen sehe, seien doch nicht alle Bewohner der neuen Bundesländer pöbelnde Merkel-Gegner wie das Zerrbild des berühmt gewordenen Hutbürgers. Man möge den Osten differenzierter betrachten. Eine Zusammenfassung der Diskussion mit durchaus interessanten Nebensträngen findet man in der SPIEGEL-Online-Kolumne von Stefan Kuzmany.

29. August 2019

Anfrage an den Schöpfer- und Erlösungsglauben

Wer in einer einsamen Gegend zum nächtlichen Himmel aufblickt, sieht nicht nur viele Sterne, sondern ein Problem.

Die Größe unseres Universums und die Möglichkeit von weiteren belebten fernen Planeten bedeuten eine Anfrage an die jüdische und christliche Rede von einem Schöpfergott mit Interesse an und Beziehungen zu den Menschen auf unserer Erde und eine spezifisch-kritische Anfrage an den Glauben der Christen: Was wird in ihrem Weltbild aus der Vorstellung von einem Gott, dessen „Sohn“ vor 2000 Jahren als Jude Jesus in Galiläa in der Gestalt eines Gottmenschen aufgetreten sein soll? Muss die Christologie der Kirchen nicht schon jetzt geändert werden oder kann sie noch solange, also lange, bestehen bleiben, nämlich bis es einen Kontakt mit einem Planeten gibt, auf dem eine vergleichbare Gattung mit einer ähnlichen Bewusstseins-, Sprach-, Schuld- und Erlösungsgeschichte lebt?

27. August 2019

Vowärts nimmer: Berlin ruft die DDR aus.

Zugegeben: Es ist inzwischen schwer geworden nur noch auf ein einzelnes "Problem" in Berlin hinzuweisen, denn inzwischen ist der Morast an Problemen und Katastrophen derart dicht geworden, dass das Ganze eine so feste Melange ergibt, dass einem irgendwann nur noch der Begriff des failed state durch den Kopf geht.                                                                     
Die neuste Ausgeburt ist der "Lompsche Mietendeckel", was aber auch schon eine Mogelpackung in Begrifflichkeit ist, denn real handelt es sich um das massiveste Mietkürzungsprogramm, dass die Republik seit 80 Jahren gesehen hat. Das Programm existiert derzeit noch als Entwurf, aber schon dieser Entwurf alleine, vollkommen unabhängig davon, ob er das Gesetzgebungsverfahren erfolgreich durchläuft oder dann von diversen Gerichten wieder kassiert werden könnte, dürfte eine verheerende Wirkung auf dem Berliner Wohnungsmarkt entfalten, die erst einmal ihres Gleichen suchen dürfte. Wer immer eine vermietete Wohnung in Berlin sein Eigen nennt, dürfte damit den besten Zeitpunkt des Verkaufes hinter sich haben und wer immer mit dem Gedanken gespielt haben dürfte, eine solche zu erwerben, wird schleunigst Berlin aus der Karte möglicher Alternativen streichen. Der SED dominierte Senat hat sich entschlossen die Vermieter der Hauptstadt faktisch zu enteignen, praktischerweise in einer Form, wo er meint, dass er keine Entschädigungen zahlen muss, was er bei offenen Enteignung, wenn auch unter sehr viel murren, tun müsste.

10. August 2019

Ai Weiwei hat Recht: Deutschland ist selbstzentriert. Er hätte auch „narzisstisch“ sagen können.

Als ob es dieser Probe aufs Exempel bedurft hätte, fanden in einem Interview (hinter der Bezahlschranke), welches ein Filmredakteur der WELT mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei führte, dessen das Gespräch einleitenden Äußerungen zu seinem bevorstehenden Wegzug aus Deutschland die größte Resonanz bei den Multiplikatoren dieser Republik. Deutschland sei „keine offene Gesellschaft“, sondern „eine Gesellschaft, die offen sein möchte, aber vor allem sich selbst beschützt“. Es gebe „kaum Raum für offene Debatten, kaum Respekt für abweichende Stimmen“, so der Dissident weiter.

Eine schlüssige Begründung für seinen Befund bleibt der bald 62-Jährige schuldig. Denn die von Ai Weiwei als Beispiel für seine Beobachtung angeführten Rauswürfe aus Berliner Taxis – einer davon als Klimax eines Streits über ein geöffnetes Fahrzeugfenster – lassen einen Bezug zu einer Verengung des Meinungskorridors vermissen und könnten nur dann als Beleg für eine mangelnde Offenheit der deutschen Gesellschaft dienen, wenn sie von Ressentiments getragen wären. Der Schluss, dass Ai Weiwei das Verhalten der Taxi-Chauffeure auf Rassismus zurückführt, liegt aufgrund seiner Erwähnung einer Befassung der Antidiskriminierungsstelle nicht allzu fern.

31. Juli 2019

"A small step for a man..."



Zu dem Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen schreibe, ist es nicht 50 Jahre, sondern genau ein halbes Jahrhundert und zehn Tage her, seit zum ersten Mal ein Mensch auf einem anderen Himmelskörper Spuren hinterlassen hat - denn der Ausstieg von Neil Armstrong erfolgte nach Mitteleuropäischer Zeit um 2 Uhr und 56 Minuten, gut drei Stunden nach dem Datumswechsel und gut sieben Stunden, nachdem die Mondfähre - das LEM, das Lunar Excursion Module um 20 Uhr 17 Universal Time (also der Zeitzone von Greenwich) im Mare Tranquillitatis, dem Meer der Ruhe, aufgesetzt hatte.  Und es ist sieben Tage plus ein Halbjahrhundert vergangen, seit die Kommandokapsel Columbia von einem Sikorski Sea King-Helikopter nach ihrem "Rücksturz zur Erde" im Pazifik an Bord des Flugzeugträgers U.S.S. Hornet gehievt worden war. Die drei Astronauten Neil Armstrong, Edwin "Buzz" Aldrin und Michael Collins verblieben allerdings noch bis zum 10. August in der präventiven Isolation ihrer winzigen Monade isoliert, bis, nach menschlichem Ermessen, sichergestellt war, daß kein irgendwie gearteter Keim, keine unbekannte Gefahr durch den kontakt mit dem außerirdischen Material zur Gefahr zu werden drohte. Niemand hatte ernsthaft mit einer solchen Möglichkeit gerechnet wie sie zwei Jahre später etwa der Film The Andromeda Strain, dt. Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All als Katastrophenfall durchspielte; aber angesichts der absoluten Neuheit, des allerersten menschlichen Kontakts mit dem Extraterrestrischen wollte die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA jegliches denkbare Restrisiko nach Möglichkeit minimieren. (Während der Pause zwischen den beiden Mondexkursionen, als sie Helme absetzten und während sie die insgesamt 21 Kilogramm eingesammelten Gesteins auf dem Gitterboden der Mondfähre für den Start vom Mond gleichmäßig verteilten, um eine Unwucht bei der Beschleunigung zu vermeiden, hatten die beiden Astronauten übrigens von "einem scharfen, an den Geruch von heißem Kupfer" erinnernden Geruch berichtet, der vom Mondgestein ausging.)

28. Juli 2019

"μῆνιν ἄειδε θεὰ Πηληϊάδεω Ἀχιλῆος..."

Der Sonntag den Künsten!

Zur allfälligen Erinnerung daran, was einmal mit dem Ideal der humanistischen Bildung gemeint war, in jenen verwehten Zeiten, da man im weißen, männlichen, christlichen und generell in zweifelhaften Traditionen grundierten Europa sich noch an derlei sozialen Konstrukten zu orientieren pflegte - also etwa vom Aufkommen des Bürgertums im Lauf des achtzehnten Jahrhunderts bis etwa in die Mitte des zwanzigsten (manche würden die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", den Sommer 1914, als Scheidemarke ansehen, doch wirken solche kulturellen Prägungen erfahrungsgemäß einige Jahrzehnte weiter fort, auch wenn "der Sturm, den wir Fortschritt nennen," um Walter Benjamin zu paraphrasieren, über sie hinweggegangen scheint) - als Memento daran sei, gewissermaßen als Gastbeitrag, diese kleine Fingerübung in Rezitation eingestellt, mit der ein womöglich nicht ganz unbekannter homo politicus vor einigen Jahren den praktischen Nutzen der Kenntnis klassischer Poesie ad coulos (und mitnichten nur ad auriculis) führte:


(Boris Johnson in der Talkshow des australischen Senders ABC, am 23. September 2013)

26. Juli 2019

Deutschland, das Venezuela der Klimaerwärmung. Ein kleiner Gedankensplitter.

Es ist heiß. Zweifelsfrei. Auch wenn der Rekord von Lingen wohl eher fragwürdig erscheint, so kann man beruhigt davon ausgehen, dass heute wirklich einer der heißesten Tage der letzten 150 Jahre gewesen ist. Und warm ist es noch immer: Vor meinem Fenster sind immer noch satte 30 Grad und Mitternacht ist gerade durch.

22. Juli 2019

Precht hat (in diesem Punkt) Recht: Die Deutschen lieben Verbote. Aber warum nur?

Richard David Precht ist der Robert Habeck der deutschen Philosophie. Wie der designierte Erlöser des bundesrepublikanischen Gemeinwesens sonnt sich der mit einer eigenen Sendung im Staatsfunk belehnte Weisheitsfreund in der ihm von Frauen und Medien entgegengebrachten Bewunderung, die mit rationalen Argumenten oder bei einer verständigen Würdigung der bisher erbrachten fachlichen Leistungen wohl nur schwerlich nachvollzogen werden kann.

In einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen Zeitung redet der Vordenker der geistigen Wellness nun staatlichen Verboten das Wort. Zusammengefasst äußert der promovierte Germanist, dass sich Politiker nicht aus Angst vor sinkenden Umfragewerten davon abhalten lassen dürften, das Vernünftige zu tun, zumal der Wahlbürger bei Einschränkungen seiner Freiheit erst verärgert sei, diese Restriktionen dann aber gutheiße, wie die Erfahrungen mit dem Tabakbann in öffentlichen Gebäuden und Gaststätten bewiesen. Eine Umgestaltung der Gesellschaft sei viel leichter, als man denke. Denn: „Die Menschen lieben Verbote.“

21. Juli 2019

SCRUM. Ein Gastbeitrag

"Scrum" als Rahmenwerk des Arbeitsalltags: Wenn Wissen durch Gewissen ersetzt wird.

Ein Gastbeitrag von Frank2000.

In diesem Forum stehen Themen der Tagespolitik oft im Vordergrund. Dabei gibt es in der Wirtschaft durchaus Themen, die sowohl eines ersten als auch eines zweiten Blicks würdig sind. Ich lade Sie ein mit mir zusammen eines dieser spannenden Themen zu durchleuchten: Scrum.
Fast überall in der westlichen Arbeitswelt, die sich mit Softwareentwicklung oder digitalen Produkten beschäftigt, hat sich Scrum als Rahmenwerk durchgesetzt. Dieser Artikel beschäftigt sich vor allem mit den Grenzen von Scrum und warum Scrum in so vielen Fällen problematisch ist.

20. Juli 2019

银色的声音沉默了。 Zum Tod von Yao Li



姚莉(1922年9月3日-2019年7月19日) / Yao Li (3.9.1922 – 19.7.2019)


银色的声音沉默了 - "Die Silberne Stimme ist für immer verstummt." 

Genau genommen stimmt dieser Satz natürlich nicht. Denn zum einem war die Stimme von  姚莉 (Yao Li), die gestern in Hong Kong im Alter von 96 Jahren gestorben ist, seit einem halben Jahrhundert "verstummt". Nach dem Tod ihres fünf Jahre älteren Bruders Yao Min, 姚民, Yao Min, am 30. März 1967, hat sie keine Schallplattenaufnahmen mehr eingespielt (obwohl sie bis zu ihren "offiziellen Bühnenabschied" 1975 noch als Sängerin auftrat, während sie als Managerin für EMI Music Records Hong Kong tätig war). Und zum anderen bleiben natürlich die mehr als 400 Lieder, die sie während ihrer Plattenkarriere ab Ende der 1930er Jahre aufgenommen hat.

17. Juli 2019

"Uschi kann brauchen, was es gelernt hat." Eine Scharade

Daß Frau von der Leyen gestern vom Europäischen zur neuen Präsidentin der EU-Kommission gewählt worden ist, wurde ja gestern schon an dieser Stelle gewürdigt. Hier nun sei auf ein paar Aspekte verwiesen, die sich an diesem Vorgang in nachgerade archetypischer Weise zeigen und die durchaus auf tiefer liegende Probleme und Webfehler in der Aufstellung dieses transnationalen Gebildes namens "EU" hinweisen - nicht zuletzt die unheilvolle Neigung des polit-medialen Komplexes, das "soziale Konstrukt" EU (hier ist dieses leidige Modewort einmal angebracht) mit dem Kultur- und Traditionsraum Eurpoa - dem "Abendland", der "alten Welt" - in ein zu setzen. Daß dies ist leicht polemisch-sarkastischer Weise geschieht, sei dem Protokollanten nachgesehen. Solche Flapsigkeit ist ein publizistisches Prärogativ der schreibenden Zunft genau dieses Europas, um das es hier geht, seit Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die Wien, Paris und London die Kaffeehauskultur aufkam und mit ihr die Gazetten, die literarischen und politischen Wochenblätter, die den Betreibern die Lauf- oder besser Sitzkundschaft sicherten. Die Tradition der publizistischen Agora als Hallraum der Öffentlichkeit verdankt ihr Herkommen mindestens im gleichen Maß der Einführung des Kaffees wie der Lockerung der frühneuzeitlichen Zensurgesetze.

16. Juli 2019

Marginalie: Panzer-Uschi wird zur Kaiserin gewählt

Wenn auch nur knapp, hat das Europäische Parlament Ursula von der Leyen (vulgo "Zensursula", "Panzer-Uschi") dann doch zur Kommissionspräsidentin abgenickt. Bereits vor dieser Kür hatte die Niedersächsin mitgeteilt, von ihrem Amt als Verteidigungsministerin zurückzutreten, dies unabhängig vom Ausgang des Votums der zwischen Straßburg und Brüssel migrierenden Deputierten. In der kaputtgesparten Bundeswehr wird diese Ankündigung mit großer Erleichterung aufgenommen worden sein. Denn eine weniger loyale und eine weniger auf die tatsächlichen Bedürfnisse der einstmals (zumindest in ihrem werblichen Selbstbild) starken Truppe eingehende Chefin (männlich/weiblich, vor "Röschen" jedoch immer männlich) haben die unter Waffen stehenden Verbände in der Bundesrepublik wohl noch nie erdulden müssen.
 
Aber was ist mit Europa? Wir sollten es da vielleicht mit Marx (Karl, nicht Reinhard) halten: Wenn man einer nach Ansicht des Verfassers glaubwürdigen, hier nicht offenzulegenden Quelle folgt, war José Manuel Barroso mit seinem Normsetzungsfuror die Tragödie. Der ischiasgeplagte Jean-Claude Juncker, dessen Kommission laut Mitteilung der vorbezeichneten Auskunftsperson die Gesetzesinitiativen auf der Ebene des Staatenverbundes im Vergleich zu der Regentschaft des Portugiesen immerhin um vierzig Prozent reduziert haben soll, und die schwache Kandidatin von der Leyen, die sowohl für den nach der Hegemonie in der EU strebenden Emmanuel Macron als auch für die zentrifugalen osteuropäischen Leader akzeptabel ist, wären demnach die Farce. Gaudeamus igitur!

Noricus

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13. Juli 2019

Wenn der Ofen ausgeht: Grüner Stahl und die Rückkehr der Atomkraft

Wie der eine oder andere Leser weiß, ist dieser Autor ein bisschen in der Welt des Stahls bewandert, insbesondere in seiner Erzeugung. Wenn man heutzutage nach Neuerungen und Innovationen in der Stahlindustrie sucht (die aktuelle METEC in diesem Jahr in Düsseldorf zeugt davon), dann gibt es neben dem unvermeidlichen Thema der Digitalisierung ein anderes, mehr oder minder interessantes Thema: Grüner Stahl.

9. Juli 2019

Vom Verfall des politischen Anstandes: Von Lammert zu Kubicki zu Roth

Der Mann, der den Berg abtrug, war derselbe, der anfing, kleine Steine wegzutragen.
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                                                                                     Konfuzius.

Es ist vielleicht eine lustige Ironie, dass es ausgerechnet Claudia Roth, die ja von Deutschland per se keine allzu hohe Meinung hat, zufiel, den bisherigen Tiefpunkt der traurigen Entwicklung des deutschen Parlamentarismus zu setzen, seit die AfD bei der Bundestagswahl 2017 plötzlich ein Achtel(!) des deutschen Volkes vertritt. So lehnte sie in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni diesen Jahres einen Antrag der AfD zum Hammelsprung zur Feststellung der Beschlussfähigkeit mit der Begründung ab, der Sitzungsvorstand würde die Beschlussfähigkeit (und damit die Anwesenheit von wenigstens der Hälfte aller Bundestagsabgeordneten) eindeutig bejahen. Die Geschäftsordnung des Bundestages sieht in Paragraph 45 der aktuellen Geschäftsordnung die Möglichkeit für eine Fraktion vor, die Beschlussfähigkeit in Frage zu stellen und damit einen Hammelsprung zu fordern. Allerdings hat eben diese Ordnung an der Stelle eine kleine Hintertür eingebaut, nämlich dass der Sitzungsvorstand die Beschlussfähigkeit in dem Moment nicht eindeutig bejaht. Was dieser aber tat, obwohl es offenkundig (und zwar absolut offenkundig) war, dass kaum ein Bruchteil der Parlamentarier anwesend war und man schon arge Tomaten auf den Augen haben musste, um hier von einer Beschlussfähigkeit auszugehen.

5. Juli 2019

Umfrage des Tages: Zweidrittelmehrheit für mehr Überwachung von Internetkommunikation und sozialen Netzwerken

Laut einer Umfrage des Deutschlandtrends halten

  • 71 % die Gefahr durch Rechtsextreme Anschläge für sehr hoch,
  • 66 % glauben der Staat "Neonazis und Rechtsextremen zu oft freie Bahn lasse" und
  • 65 % möchten deshalb Sicherheitsorganen mehr Befugnisse zur Überwachung von Internetkommunikation und sozialen Netzwerken einräumen,
wie die Welt in einem lesenswerten Artikel, der die Umfrageergebnisse zusammen fasst und teilweise bildlich darstellt, berichtet.


Techniknörgler

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4. Juli 2019

Zeitmarke, leicht verspätet. 23. Mai 1819: Vor 200 Jahren erschien "Rip Van Winkle"


(Titelseite der ersten Lieferung des Sketch-Book. Abb.: Wikimedia)

Daß diese Zeitmarke mit einer leichten Verspätung von gut 10-11 Tagen erscheint (was übrigens genau dem Unterschied zwischen dem "alten" julianischen Kalender und dem "reformierten" gregorianischen entspricht, als dieser 1582 für die katholische Christenheit - 10 Tage und anderthalb Säkula später, 1752 für England und seine Kolonien verbindlich wurde - 11 Tage), hat den schlichten Grund, daß das Jubiläumsdatum dem Protokollanten, als er zu Anfang des Jahres eine kleine Liste an fällig werdenden runden Gedenkmarken notierte (aus dem anstehenden Abschnitt: am 26. dieses Monats wird der Urvater der "Gaia-Theorie," James Lovelock, seinen 100. Geburtstag begehen; am 1. August jährt sich zum zweihunderdsten Mal der Geburtags von Herman Melville) schlicht nicht "auf dem Schirm war" und er bis erst drei Tage nach dem Verstreichen des Termins gewahr wurde. Man kann also, passend zum Thema sagen, er habe es schlicht verschlafen. Immerhin nicht um zwei volle Jahrzehnte, die der durchaus zweifelhafte Protagonist dieser kleinen Erzählung.

Ohne Worte

Auf der Facebook-Seite der FFF-Gruppe Fridays for Future Köln wurde heute folgendes Ersuchen gepostet:



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U.E.

© Ulrich Elkmann. Für eine knappe Anmerkung und Kommentare bitte hier klicken.

1. Juli 2019

Kein zweiter "Sommer 1914"

Don Alphonso, dessen Kolumne "Stützen des Gesellschaft" seit geraumer Zeit für Leser mit geistiger Unabhängigkeitserklärung so ziemlich der einzige Grund War, noch ein Augenmerk auf die Tageszeitung, "hinter der immer ein kluger Kopf steckt" (gemäß der längst in den Nebel der Bonner Urzeit entwichenen Eigenbewerbung der FAZ), bevor er im vorigen Frühling seinen Stecken von der immer mehr zur kleinen publizistischen Schwester der taz  mutierendenen faz zur Welt weitersetzte, hat heute auf dem Kurznachrichtendienst Twitter folgenden zum aktuellen Weltaufreger mitgeteilt: 



25. Juni 2019

Warum die Juden?

Die Frühmenschen breiteten sich, wohl von Afrika her, überallhin als Jäger, Bauern, Städte- und Reichsgründer aus: in Europa, Asien und auf dem amerikanischen Kontinent. Sie bauten in Ägypten und Amerika Pyramiden, entwickelten Waffen und hatten überall ein ähnliches Schmuckbedürfnis. Aber ihre Religionen und das Verhältnis zu Welt, Leid und Tod entwickelten sich sehr verschieden.

22. Juni 2019

Fall Lübcke: Artikel 18 Grundgesetz und der innerparteiliche Ausrichtungskampf

Gemäß dem Pressekodex (Ziffer 13) ist die Unschuldsvermutung auch von Journalisten in Ausübung ihrer Tätigkeit zu beachten. Daran sollte man angesichts der jeglichen berufsethischen Standards hohnsprechenden Agitation, die der gewaltsame Tod des CDU-Politikers und Regierungspräsidenten des Regierungsbezirks Kassel, Walter Lübcke, im bundesrepublikanischen Blätterwald ausgelöst hat, bei aller Resignation ob der voraussichtlichen Sinnlosigkeit solcher Kassandrarufe doch erinnern.

20. Juni 2019

Der Glaube und die Angst. Ein Gedankensplitter.

"Wer nichts weiß, muss alles glauben." 
                                                   Marie von Ebner-Eschenbach

Ein schöner Aphorismus, man glaubt kaum, dass er schon mehr als 100 Jahre auf dem Buckel hat. Folgender ist mir noch nicht begegnet, falls er neu sein sollte, reserviere ich mir hiermit das Copyright: "Wer Angst hat, glaubt alles."

19. Juni 2019

Von Ultimaten und Artikeln. "Liebe FfF-Kids..."


(Notstandsgebiet Münster, 19.6.2019; 16:30. Sichtbare Folgen des Klimawandels: Dürresommer fallen jetzt extrem aus. [Eigenes Photo])


...wir müssen mal ein ernstes Wort miteinander reden. So geht es, beim besten Willen, nicht. Daß ihr mit eurem freitgälichen Schulschwänzen Gratisaufmüpfigkeit simuliert, daß ihr, anders als bei früheren Anfällen von kollektivem Jugendirresein, nicht gegen die Politik, alle alten Spießer und deren Medien im Kreis hüpft, sondern mit deren Segen und Beifall; daß ihr keine Ahnung habt von dem, wofür ihr steht, daß ihr, die ihr unbedingt "das Klima" retten möchtet, nicht imstande sid, euren Wohlstandsmüll hinter euch ienzusammeln: geschenkt. Alles nachgesehen. Aber daß ihr augenscheinlich außerstande seid, die Notizbuchfunktion eurer Wischtelephone zu bedienen, daß ihr außerstande scheint, zwei Zahlen in einem Notizbuch aus Papier zu notieren (ja, Relikte aus dem Erdzeitalter wie wir benutzen dergleichen mitunter noch): das ist bedenklich. Wenn eure Lehrer nicht ein Auge darauf haben, verpaßt ihr doch glatt den Termin zum Schulschwänzen.

18. Juni 2019

"Was die Welt / im Innersten zusammenhält." Eine späte Adnote zum Tod Murray Gell-Manns

Zugegeben: die Nachricht ist nicht taufrisch, und für diejenigen, die Ereignisse und Wegmarken im Bereich der Naturwissenschaften verbuchen, sicher auch keine Neuigkeit mehr (auch wenn des Referent zugeben muß, daß sie, da er nicht breitbandig-allgemein, sondern nur noch sehr zielgerichtet ein Auge auf die Weltläufte hat, eine Woche brauchte, um bis zu ihm vorzudringen - so mag sie auch für andere um ewig gleichen Rauschen der politisch dröhnenden Kulisse untergegangen sein): Murray Gell-Mann, "Vater" der Quarks - oder besser: der Erklärungsmodell für Partikel, Untereinheiten, Elemente, aus denen sich die kleinsten Bausteine der Materie zusammensetzen - ist am Freitag, dem 24. Mai 2019, in Santa Fe im amerikanischen Bundesstaat New Mexico gut vier Monate vor seinem 90. Geburtstag und genau ein halbes Jahrhundert, nachdem er im Jahr der ersten bemannten Mondlandung den Nobelpreis für Physik verliehen bekommen hatte, gestorben. (Den Preis bekam er allerdings nicht für das schlüssige Postulat der Quarks von 1964, sondern für seine Beiträge zur Klassifizierung und Erklärung des gewissermaßen "darüberliegenden" Elementarteilchenzoos, unter anderem seines Klassifikationsschemas der Hadronen von 1953, der Neuformulerung der schwachen Wechselwirkung - die er mit Richard Feyman entwickelte und zur Chiralität, zum Symmetriebruch im Bereich der starken Wechselwirkung.)

17. Juni 2019

Görlitz oder: Wie die CDU lernte, den Pyrrhussieg zu lieben

Das ist ja noch einmal gut gegangen, mag man sich in so manchen Redaktionsstuben dieses Landes und allen relevanten Parteien außer der AfD gedacht haben. Und vielleicht waren die sogenannten Rechtspopulisten – jedenfalls jene, die außerhalb von Görlitz residieren – insgeheim gar nicht unglücklich darüber, dass der eigene Bewerber um den Posten des Oberbürgermeisters der ostsächsischen Stadt dem – darf man dies aufgrund der Ähnlichkeiten des Settings im Anklang an die letzte österreichische Bundespräsidentenwahl so schreiben? – Kandidaten des Establishments unterlegen ist.