23. Mai 2022

"Leoparden küsst man nicht"





I.

Sollte es in einigen Jahrzehnten (so ab der Mitte des laufenden Jahrhunderts) noch Historiker geben, die sich mit der Geschichte dieses Landes ab dem Jahrtausendwechsel in klassischer Manier beschäftigen und dabei auch die Optik, die Obsessionen und den Umgang der Mächtigen miteinander und der Medien mit ihnen ins Auge fassen, dann dürften sie ab dem Jahr 2010, spätestens aber seit der Ägide des Kabinetts Merkel IV, der stetig zunehmende Anteil an Ministern oder Parteivorsitzenden der Regierungsparteien ins Auge stechen, deren Eignung und Interesse für ihr Amt durchweg negativ war, die „zu ihrer Zeit“ eine fast lähmende mediale Dauerpräsenz verbuchen konnten und die nach dem Abschied so rasant im Nirwana verschwunden sind, wie unverhofft daraus aufgetaucht sind. Welche Spuren hat das Wirken eines Heiko Maas, eines Martin Schulz, einer Claudia Roth, einer Andrea Nahles, eines Jens Spahn, einer Annegret Kramp-Karrenbauer e tutti quanti hinterlassen? Oder eines Peter Altmeier – außer der Tatsache, daß er einer der lautesten Claqueure von Kanzlerin Merkel war und seiner, es muß gesagt werden, grotesken Physiognomie? Blickt man einmal zwei Politiker-Generationen zurück, auf das entsprechende Personal unter den Kanzlern Brandt, Schmidt und Kohl, ist der Eindruck schlagend, daß solche Gestalten damals niemals in solche Positionen gewählt worden wären. Ein erster Vorläufer dieses Typs war wohl der unvergessene Norbert „Die Rente ist sischa!“ Blüm – aber genau deshalb ist er ins kollektive Gedächtnis der späten Westrepublik eingegangen: weil er ein Solitär war. Seit einigen Jahren, spätestens ab 2015, drängt sich jedoch der Eindruck auf, daß die politische Negativauslese dafür gesorgt hat, daß immer mehr Spitzenpositionen von solchen Gestalten besetzt werden und man nicht einmal den Kleinen Zyniker geben muß, um den Eindruck zu haben, ein Großteil der Mannschaft auf der Brücke des Traumschiffs „Germania“ sei von Federico Fellini gecastet worden. Im Kabinett von Merkels Nachfolger Scholz fallen einem sofort die Namen Schulze, Lemke, Spiegel, Lambrecht und Faeser ein, nach der Aussgae von Bauernverbänden auch der Name Özdemir. Frau Baerbock, hat sich, das muß man ihr lassen, als Außenministerin aus dieser Anwartschaft weitgehend freigeschwommen, seit der Krieg in der Ukraine klargemacht hat, daß „Regierung stellen“ mit Verantwortung verbunden ist und es nicht um die Selbstverwirklichung von Personen geht, denen in der freien Wirtschaft nicht einmal die Verwaltung einer Garderobe anvertraut worden wäre. Oder um die Befassung mit den konkreten Folgen von Vorgängen in der Welt – und nicht mit der Regelung der weltweiten Jahresdurchschnittstemperatur in 80 Jahren und der Rücksichtnahme auf fortwährend erfundene Geschlechter, von denen Biologie und Alltagserfahrung seit Jahrtausenden nichts gewußt haben. (Daß Fellinis letzter gelungener Film, „E la nave va“ aus dem Jahr 1983, bei uns im Kino unter dem Titel „Fellinis Schiff der Träume“ lief, fügt sich gut in diesen symbolischen Rahmen.)

18. Mai 2022

„Warum ich in das Lager der Nichtwähler wechseln werde.“ Ein Gastbeitrag von Frank2000





Ich gebe es zu: ich habe diesmal in NRW noch die AfD gewählt. Der Grund ist derselbe wie immer: der Wahl-O-Mat bestätigt mir, dass das Wahlprogramm der AfD mir Lichtjahre näher steht als das Programm jeder anderen Partei.
Ich spare mir an dieser Stelle im Einzelnen aufzuzählen, weshalb das AfD-Programm mir bei den Themen Energieversorgung, Schulpolitik, Einwanderung, Innere Sicherheit, Landwirtschaft und Nahrung, Verkehrspolitik, Subventionspolitik und Medienpolitik nähersteht als jedes andere Programm.

Wenn man dem medialen Mainstream und dem ÖR Rundfunk folgt, kann es sowie nur eine Antwort geben, warum mir das AfD-Programm liegt: nicht etwa, weil ich mich umfassend mit all diesen Themen beschäftigt habe und eine fundierte, demokratisch, freiheitlich und sozial ausgewogene Position habe, die auf den Werten des Grundgesetzes und der Bonner Republik beruht.

Sondern gemäß aktuell einzig erlaubter Meinung begrüße ich das Wahlprogramm der AfD, weil ich ein Nazi bin (sein muss!), weil ich rechtspopu... Quark: rechtsextremistisch bin; ein asozialer latenter Terrorist. Und als AfD-Wähler müsste mir a) zum "Schutz der Demokratie" das Wahlrecht aberkannt werden und b) zum "Schutz der Freiheit" müßte ich eingesperrt werden.

Michail Chodarjonok: „Über die Voraussagen blutdürstiger politischer Kommentatoren“





Um es gleich vorwegzunehmen: Nein, „Zettels Raum“ ist nicht unter die Putin-Fans gefallen (despektierlich, aber zurecht, auch als „Putin-Trolle“ bezeichnet). Auch ich nicht für meine Wenigkeit als derjenige, der diese Zeilen tippt. Auch wenn dieser Beitrag zur Hauptsache in der Übersetzung eines Textes besteht, der vor drei Monaten in einer russischen Zeitung erschienen ist; schlimmer noch: in einer Publikation, die auf die Berichterstattung über militärische Belange spezialisiert ist. Warum ich mich entschlossen habe, diesen Beitrag zur weiteren Kenntnisnahme zu übersetzen, dürfte bei dessen Lektüre schnell klar werden.

Der unmittelbare Anlaß war der gestrige Auftritt des Interviewgastes Michail Michailowitsch Chodarjonok (Михаи́л Миха́йлович Ходарёнок) im ersten Programm des russischen Staatsfernsehens (Россия 1) in der Sendung „60 Minuten“ („60 минут“). Was er während dieser gut zwanzig Minuten dem Fernsehpublikum und der sichtlich um Fassung ringenden Moderatorin Olga Skabajewa mitzuteilen hatte, hat, soweit es nach dem Echo in den russischen sozialen Medien zu beurteilen ist, dort für einen regelrechten Schock gesorgt. Er hat nämlich, wie man so schön sagt, „Tacheles geredet,“ „reinen Wein eingeschenkt.“ Ein kurzer, gut vier Minuten langer Ausschnitt aus diesem Interview ist gestern auch auf Twitter-Feeds, die sich mit dem Krieg Russlands in der Ukraine befassen, „viral gegangen.“

12. Mai 2022

"Wie nett, Sie zu kennen, Herr Lear!"





"How pleasant to know Mr.Lear!"
Who has written such volumes of stuff!
Some think him ill-tempered and queer,
But a few think him pleasant enough.

His mind is concrete and fastidious,
His nose is remarkably big;
His visage is more or less hideous,
His beard it resembles a wig.

He has ears, and two eyes, and ten fingers,
Leastways if you reckon two thumbs;
Long ago he was one of the singers,
But now he is one of the dumbs.

He sits in a beautiful parlour,
With hundreds of books on the wall;
He drinks a great deal of Marsala,
But never gets tipsy at all.

He has many friends, lay men and clerical,
Old Foss is the name of his cat;
His body is perfectly spherical,
He weareth a runcible hat.

When he walks in waterproof white,
The children run after him so!
Calling out, "He's gone out in his night-
Gown, that crazy old Englishman, oh!"

He weeps by the side of the ocean,
He weeps on the top of the hill;
He purchases pancakes and lotion,
And chocolate shrimps from the mill.

He reads, but he cannot speak, Spanish,
He cannot abide ginger beer:
Ere the days of his pilgrimage vanish,
How pleasant to know Mr. Lear!



“Wie nett, Sie zu kennen, Herr Lear!“
Der hat seltsame Bücher geschrieben.
Zumeist gilt er als Grantler und wirr,
Doch für ein paar ist er harmlos geblieben.

Sein Verstand ist scharf und präzise.
Seine Nase ist bemerkenswert groß.
Seine Visage ist eine recht miese.
Sein Bart ist ein Urwald aus Moos.

Er hat Ohren, zwei Augen, und der Finger Stück zehn
(Jedenfalls wenn man die Daumen mitzählt).
Vorzeiten konnt‘ er noch als Sänger durchgehn,
Doch jetzt ist er mit Stummheit gequält.

Er sitzt in einem feinen Saal, da
Stehen hunderte Bücher in Reih’n.
Er süffelt fortwährend Marsala
Ohne jemals beschickert zu sein.

Zu Freunden zählt er Laien und Geistliche.
Und „Old Foss,“ so heißt seine Katze.
Seine Gestalt ist eine kugelrund-feistliche
Mit einem runzlichten Hut auf der Glatze.

Will er den Regenmantel ausführen
Rennt die Kinderschar hinter ihm her,
„Da geht er im Nachthemd spazieren,
Der spinnerte Engländer, der!“

Er weint an des Ozeans Gestade
Er weint auf des Bergs lichten Höhn.
Er kauft Pfannkuchen ein und Pomade
Und Schokoladenkrabben beim Müller erstehn.

Er liest Spanisch, doch kann’s nicht parlieren.
Er erträgt keinesfalls Dunkelbier.
Eh‘ sich seine irdischen Spuren verlieren:
Wie schön, Sie zu kennen, Herr Lear!

10. Mai 2022

„День Победы“





(Die Hauptkirche der russischen Streitkräfte)

Der “Tag des Sieges” – Den‘ pobedi – in der UdSSR am 8. Mai 1945 als Zeichen des Sieges über das Dritte Reich dekretiert und alljährlich begangen (obwohl er erst 1963 zum arbeitsfreien Feiertag erhoben wurde) hat in den zwei Jahrzehnten von Präsident Putins Alleinherrschaft neben der ostentativen Demonstration der eignen militärischen Stärke eine gespenstische Wandlung von der Mahnung des „Nie wieder!“ zum „Wir können das wiederholen!“ durchgemacht. Aus „больше никогда!“ wurde „Можем повторить!“ und aus dem Kampf gegen den Nationalsozialismus eine Kampfansage an alles, was die Staatsdoktrin seither umstandslos als ihr entgegengesetzt als „фашист“ bezeichnet. Dieser Trend begann um die Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts und gipfelte in der Errichtung der „Hauptkirche der russischen Streitkräfte“ (Главный храм Вооружённых сил России), die im Juni 2020 eingeweiht wurde.

Llarians Welt: Hört endlich auf!

Eine der besten und tiefsten Aussagen von Donald Trump, auch wenn er diese wohl erst nach seiner bis dato ersten Präsidentschaft ausführte, war wohl: Everything woke turns to shit. 

Neben den offensichtlichen Beispielen aus der Wirtschaft, trifft diese tiefe Wahrheit aber vor allem auf Kunst und Unterhaltung zu. Das jüngste Beispiel ist Star Trek: Picard, das am vorigen Freitag dann den Abschluss seiner zweiten Staffel fand. Und Star Trek: Picard (auch als ST:P abgekürzt) war am Ende einer der größten Haufen Exkrement, den Hollywood in den letzten Jahren zusammen gedreht hat. Es ist wie ein Verkehrsunfall: Man will nicht hinsehen, aber die Neugier bringt einen doch dazu und immer wieder der Gedanke im Hinterkopf: Kann es noch schlimmer kommen? Ja, es kann. Und es kann nicht nur, es kommt schlimmer.

5. Mai 2022

Boris Johnson: "Dies ist die größte Stunde der Ukraine"



Der britische Premierminister Boris Johnson hat gestern, am 3. März 2022, vor der Werchowna Rada, dem Parlament der Ukraine, per Telepräsenz eine Rede gehalten, in der er unter anderem mit der Wendung „This is Ukraine’s finest hour“ („Die ist die größte Stunde der Ukraine“) auf die Rede anspielte, die sein Amtsvorgänger Winston Churchill am 18. Juni 1940 im Britischen Unterhaus hielt, in der der Satz: „This was their finest hour“ die Hoffnung ausdrückte, daß künftige Generationen von Engländern im Widerstand ihres Landes als einzigem Staat nach dem Fall Frankreichs gegen die Invasion und den Krieg des Dritten Reiches einst die „beste Stunde“ in ihrer Geschichte erblicken würden. Es gibt einen wesentlichen Unterschied: als Churchill seine Rede hielt, lag ein Kriegseintritt der Vereinigten Staaten noch in weiter Ferne, der Überfall auf die Sowjetunion war noch nicht erfolgt (er folgte fast genau ein Jahr später am 22. Juni 1941), und die Aussicht, daß England einen langen Krieg mit der Militärmacht Deutschland auf dem Höhepunkt ihrer militärischen Erfolge durchstehen, geschweige denn für sich entscheiden könnte, schien zu diesem Zeitpunkt auch vielen Engländern utopisch. Im Gegenzug dazu sieht es jetzt bei der Invasion der Ukraine, 10 Wochen nach ihrem Beginn, so aus, als ob die Ukraine tatsächlich eine reelle Chance hat, nicht nur gegen die russischen Invasoren zu bestehen, sondern diesen Krieg sogar für sich zu entscheiden.

Ich habe mich deshalb entschlossen, für Zettels Raum diese Rede in voller Länge, in deutscher Übersetzung und anschließend im Original, zu dokumentieren.

# # #

Vielen Dank, Präsident Wolodymyr Selenskyj, Herr Parlamentsvorsitzender, verehrte Abgeordnete der Werchowna Rada:

Es ist für mich eine große Ehre, an diesem entscheidenden Augenblick in der Geschichte zu Ihnen sprechen zu können, und ich habe Achtung vor dem Mut, den Sie zeigen, indem Sie heute hier tagen – und den Sie bislang gezeigt haben – trotz der barbarischen Angriffs auf Ihre Freiheit. Tag für Tag regnen Raketen und Bomben auf das unschuldige ukrainische Volk. Und im Süden und Osten Ihres wunderbaren Landes setzt Putin seinen grotesken und gesetzlosen Versuch fort, ukrainisches Land zu erobern und besetzt zu halten. Und seine Soldaten können sich nicht länger damit herausreden, daß sie nicht wissen, was sie tun. Sie verüben Kriegsverbrechen, und ihre Gräueltaten kommen überall da ans Licht, wo sie gezwungen sind, den Rückzug anzutreten – wie in Butscha, in Irpin, in Hostomel und an vielen anderen Orten.

Und wir im Vereinigten Königreich werden alles tun, damit sie für diese Kriegsverbrechen zur Verantwortung gezogen werden. Und heute, wo die Lage noch unklar ist, wo die Angst und die Sorge um die Zukunft noch besteht, habe ich eine Botschaft für Sie: Die Ukraine wird gewinnen. Die Ukraine wird frei sein. Und ich will Ihnen sagen, warum ich an Ihren Erfolg glaube.

1. Mai 2022

Das Ministerium für Wahrheit

Als Elon Musk vor nur wenigen Wochen verkünden musste, dass er nicht ganz 10% an Twitter erworben hatte, war das noch eine vergleichsweise unbedeutende Randmeldung. Eine eher belustigende, aber doch eher nur eine Randnotiz. Musk ist ja nicht gerade unbekannt für große PR und fordert auch schon mal amtierende, lupenreine Präsidenten zu einem persönlichen Duell über territoriale Konflikte (vulgo Kriege) heraus. Wer hätte ahnen können welch gigantischer Stich ins Wespennest sich aus einem vergleichsweise harmlosen PR-Stunt entwickeln würde.

Der Verrat der Intellektuellen - wieder einmal





Vielleicht wäre ich gut beraten, den Titel dieses Blogposts „ein wenig niedriger zu hängen.“ Denn der Anlaß ist nicht der „Verrat“ einer ganzen Klasse von Stichwortgebern, Meinungsmachern, Vordenkern, wie sie der französische Philosoph Julien Benda 1927 in seinem vor 90 Jahren viel rezipierten Buch „La trahison des clerks“ beschrieben hat, als ein großer Teil des „geistigen Eliten“ im Westen Europas (und beiden Amerikas) ihre Aufgabe, die Zeitläufe und ihre Krisen nüchtern zu analysiseren, verriet und sich stattdessen entweder der einen oder der anderen der beiden totalitären Ideologien an den Hals warf und die Lösung für die Zerrissenheiten der Zwischenkriegszeit in der Sympathie für den Sozialismus der roten oder der braunen Spielart sah. Entstanden war diese Erscheinung des „Intellektuellen“ im Gefolge der Dreyfus-Affäre in Frankreich von 1894, als die Anklage des (jüdischen) Hauptmanns der französischen Armee Alfred Dreyfus zu einer tiefgreifenden Polarisierung der „schreibenden Zunft“ führte.

In gewisser Weise war es nur folgerichtig, daß sich diese Deuter der Zeitläufe, die vor nichts so sehr zurückschreckten wie vor der Zustimmung und der Unterstützung des Bestehenden, sich nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs und dem Sieg der Bolschewiken in Russland nach Oktoberrevolution und Bürgerkrieg – oder wahlweise nach dem Modell des italienischen Faschismus als Gegenmodell – auf diese Weise positionierten und die Widersprüche und das scheinbare Chaos ihrer Gesellschaften ablehnten, die wir seit Karl Popper als „offene“ bezeichnen. Die Versuchung für Denker und Sinndeuter, sich als Ratgeber der Gewalt zu verstehen, zieht sich seit Platons „Staat“ und seinem Einfluß auf den Tyannen Dion von Syrakus ab dem Jahr 388 v.Chr. wie ein roter Faden durch die westliche Geistesgeschichte. Die letzte, schon blasse Parteinahme dieser Art war im Westen vor einem halben Jahrhundert zu sehen, als die „Achtundsechziger“ mit der Maobibel in der Hand gegen „das verhaßte System“ durch die Straßen zogen und seine Abschaffung forderten. (Die Ironie, daß es genau jenes System, seine Freiheit und der von ihm geschaffene Wohlstand es möglich gemacht hatten, daß sich Abertausende hinter dem roten Banner mit Hammer und Sichel versammeln konnten, ist auch schon vor fünf Jahrzehnten des öfteren bemerkt worden.)

26. April 2022

Elon und der blaue Vogel. Coda: "Der Twitterplag"





„Der Twitterplag“

Verdaustig war's, und baffe Woken
Rotieren zornig im Geflenn
Denn Elon ist jetzt Twitter-Man
Und die gabben Schreihäls' toben.

Hab acht vorm Twitterplag, mein Kind!
Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr!
Vorm SpaceX-Flieger sieh dich vor,
Dem mampfen Chatroom-Rind!

Er zückt' sein Angebot, vermehrt,
Das Board zu futzen ohne Saum,
Und lehnt' sich an den Googlebaum
Und stand da lang in sich gekehrt.

In sich getimed, so stand er hier,
Da kam verschnoff der Twitterplag
Mit Flammenlefze angewackt
Und gurkt' in seiner Gier.

Mit Eins! und Zwei! und bis auf's Bein!
Die biffe Klinge ritscheropf!
Packt er den Aufsichtsrat beim Schopf,
Und wichernd sprengt' er heim.

»Vom Twitterbann hast uns befreit?
Komm an mein Herz, musker Elon!
Oh, blumer Tag! Oh, schlusse Fron!«
So hüpfte er vor Freud'.

Verdaustig war's, und baffe Woken
Rotieren zornig im Geflenn
Denn Elon ist jetzt Twitter-Man
Und die gabben Schreihäls' toben.

(Mit Bitte um Verzeihung an Lewis Carroll und Christian Enzensberger)

25. April 2022

Aldi wird woke

Aldi, zumindest Aldi-Nord, ist heute mit einem besonders originellen Tweet aufgefallen, der sich mehr oder minder gut derzeit durchs deutsche Internet verbreitet:

19. April 2022

Juris Nacht. Mit einer Coda zum russischen „Z“





„Санкции были тотальные, но, тем не менее, Советский Союз первым запустил искусственный спутник Земли, первый космонавт наш, первый полет космической станции, первый выход в космос, первая женщина-космонавт. (…) Мы все сделали в условиях полной изоляции технологической.“ (В. Путин, 12 апреля 2022 / W. Putin, am 12. April 2022)


Daß unser polit-medialer Komplex, die Schicksal- und Lebensgemeinschaft zwischen unserer allgegenwärtigen Classe politique und dem Medienapparat, der ihnen diese Bühne zu dieser pausenlosen Selbstinszenierung bietet, sich in den letzten Jahren vornehmlich dadurch ausgezeichnet hat, keins der tatsächlichen Problem, mit denen sie konfrontiert werden und die sie zumeist selbst angerichtet haben, zu lösen und in den Griff zu bekommen, aber Weltspitze darin sind, symbolische Handlungen und Gesten zu finden, die diesen Zustand illustrieren, ist ja seit Jahren eines der konstanten Themen in meinen Beiträgen zu diesem Netztagebuch. Ob es die Frau Verteidigungsminister ist, die während dem Desaster des militärischen Rückzugs aus Kabul nichts Besseres zu tun hat, als mit der Ortsgruppe ihrer Partei „Flammkuchen für wohltätige Zwecke zu backen,“ ob es die Umweltministerin ist, die aus dem Anlaß dieser Wohltätigkeit sich erst einmal um ihre strapazierten Familienverhältnisse kümmern zu müssen, ob es Frau Lambrechts Vorgängerin im Amt ist, die zur höchsten Repräsentantin der EU umgewidmet wird, um sie vor der Prüfung durch einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß zu schützen, oder ob der Außenminister kurzerhand zum Staatsoberhaupt befördert wird, um den Genossen von der SPD die Blamage erspart bleibt, mit ihm im Wahlkampf als Kanzlerkandidat ins rennen gehen zu müssen – die Beispiel ließen sich mittlerweile beliebig vermehren. Oder, um den Gemeinplatz des Kleinen Zynikers herzusetzen: Diese Leute sind zu nichts mehr fähig, aber zu allem imstande.

15. April 2022

Elon Musk und der blaue Vogel

Man muss Elon Musk (wenigstens) eines lassen: Er ist ein Troll allererster Kajüte. Er fordert den russischen Präsidenten zu einem persönlichen Duell, er greift persönlich in den Ukraine-Krieg ein, ein paar Worte von ihm lassen den Bitcoin-Kurs explodieren. Seine Worte haben ein erstaunliches Gewicht für einen Privatmann, selbst Rockefeller, der am Ende noch einen Ticken reicher war (an seiner Zeit gemessen) hatte vermutlich nicht die selbe politische Macht seiner Worte.

14. April 2022

Ein Affront?

Man wollte ihn nicht. Die (deutsche) Boulevard-Presse zürnt: Die ukrainische Regierung, in Form ihres Präsidenten, habe Frank-Walter Steinmeier ausgeladen. Er möge doch bitte nicht nach Kiew kommen. Richtig daran ist erst einmal nur letzteres, ersteres ist falsch, weil Frank-Walter nie eingeladen war sondern sich selber einzuladen suchte, vermutlich um ein wenig davon abzulenken, welche Politik er die letzten 10 oder 20 Jahre so verfolgt hat.

12. April 2022

Ein Rücktritt





Heute also, am Tag 124 des Kabinetts von Bundeskanzler Scholz ist die „Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend,“ Anne Spiegel (Die Grünen) (um den Usus unserer Hauptstrommedien zu übernehmen, für die die Parteizugehörigkeit ein Teil des Namens ist, so wie ein akademischer Titel) von ihrem Amt zurückgetreten. Oder vielmehr: zurückgetreten worden. Zu desaströs war wohl, selbst für ihre Führungsspitze ihrer eigenen Partei, das Versagen, die Verantwortungslosigkeit, die Uneinsichtigkeit in den politischen Komment – und vor allem der bizarre mediale Auftritt, mit dem sie am Abend zuvor versucht hatte, ihr Verhalten nach der Flutkatastrophe im vergangenen Juli zu rechtfertigen, indem sie familiäre Schwierigkeiten ins Feld führte. Von eigener Einsicht darf man in Frau Spiegels Fall wohl nicht ausgehen – hier wäre ein Rücktritt vom Amt schon vor Wochen fällig geworden, als bekannt wurde, daß sie im Untersuchungssausschuß falsche Angaben zu ihrer Präsenz in den Wochen danach gemacht hatte und statt sich um die Organisation der Bewältigung der Folgen vor Ort zu kümmern, erst einmal vier Wochen Urlaub mit ihrer Familie in Frankreich gemacht hatte.

4. April 2022

Frieren für den Frieden? Ein Gedankensplitter

Vor einigen Tagen war in einer Randmeldung der Presse von einem CDU-Politiker zu lesen, "wir" müssten uns darauf vorbereiten den nächsten Winter halt bei 15 Grad und mit einem dicken Pullover zu verbringen. Mit "Blut, Schweiss und Tränen" hat es ja auch neulich der Bundespräsidentendarsteller einmal versucht. Viel glaubwürdiger war er leider auch nicht, ist doch davon auszugehen, dass mit diesem "wir" sich weder der Herrn im Schloss Bellevue noch der CDU-Politiker gemeint haben dürfte, der vermutlich ein ebenso schmuckes Eigenheim sein Eigen nennen wird, dass er halt notfalls mit Holz beheizen kann (es soll niemand sagen Politiker sind in ihrer Haltung besonders konsequent, wenn es um die eigene Haut geht).

3. April 2022

Eine wirkliche Mondrakete. Update aus der Etappe



Gründlich durchgecheckt,
steht sie da, und
wartet auf den Start.
Alles klar.
Experten streiten sich
um ein paar Daten.
Die Crew hat dann noch
ein paar Fragen, doch --
der Countdown läuft.

Peter Schilling, „Major Tom (Völlig losgelöst)“ (1982)

Beim Probelauf im Zug der Startvorbereitungen des SLS, der „Space Launch System,“ der Startrakete des Artemis-Mondflugprogramms der NASA, die im Lauf der nächsten Wochen oder Monate zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert wieder eine Raumkapsel auf den Weg zum Erdtrabanten starten soll, ist es heute, am Sonntag den 3. April 2022, zu einer ersten Verzögerung, einem ersten Aufschub gekommen. Der Countdown zu dem im Spezialistenjargon als „Wet Dress Rehearsal“ bezeichneten Probebetankung der Hauptstufe mit flüssigem Wasserstoff und Sauerstoff wurde gut zwei Stunden vor dem Beginn des Befüllungsvorgang wurde zunächst einmal angehalten und nach der Inspektion vor Ort durch ein Team von Technikern abgebrochen. Der Grund dafür war nach dem, was aus den schütteren Meldungen des NASA zu entnehmen war, ein ungenügender Druckaufbau im Pumpsystem des Starttisches, des „Mobile Launcher,“ auf dem die Rakete seit ihrem Transport zum Startkomplex 39B vor gut zwei Wochen steht. Für 23:30, auf Mitteleuropäische Sommerzeit umgerechnet, ist eine Pressekonferenz angekündigt, auf der die Entscheidung mitgeteilt wird, ob die NASA morgen, am 4. April einen zweiten Anlauf unternimmt oder erst die betroffenen Systemkomponenten einer genaueren Prüfung unterziehen will.

Diese “Generalprobe” verdankt ihren zunächst merkwürdig anmutenden Namen der Aufführungspraxis in Theatern und Orchestern, im Deutschen auf „Kostümprobe“ genannt, eben jenem „Dress Rehearsal“ entsprechend, in dem Schauspieler und Musiker die Aufführung in Kostüm und formalem Aufzug durchführen, nur in Abwesenheit des pp. Publikum..Das „wet“ tritt hinzu, weil hier die Betriebsflüssigkeiten ins Spiel kommen: der Flüssigwasserstoff und der Flüssigsauerstoff, die die Rakete dann beim Start auf die 12,8 Sekundenkilometer beschleunigen, die zur Erreichung einer stabilen Erdumlaufbahn benötigt werden. (Es handelt sich also nicht um ein Analogon zum „Wet T-Shirt-Contest“ – oder doch nur insofern, als das hier für die Jury „der entscheidende Part“ deutlich sichtbar wird.) Über den für Laien sonderbaren Spezialjargon gerade der amerikanischen Raumfahrtbehörde haben sich schon zu Zeiten des ersten Mondlandeprogramms vor einem halben Jahrhundert diverse Spötter lustig gemacht. Die Raumfahrtzeuge erreichen nicht die Umlaufbahn, sondern „erzielen Ortibaleintritt“ („achieve orbital insertion“), Raumfahrer unternehmen keinen „Weltraumspaziergang,“ sondern „extravehikuläre Aktivitäten,“ die Mondlandefähre war „lunares Exkursionsmodul“ („Lunar Excursion Module“; der polnische SF-Autor Stanisław LEM hat sich über diese Buchstabengleichheit in späteren Jahren des Öfteren mokiert); eine Stufe erreicht nicht „Brennschluß,“ sondern MECO, Main Engine Cutoff. Auch der Space Shuttle war in der offiziellen Nomenklatur das STS, das „Space Transportation System."

27. März 2022

Anmerkungen zur Energiewende (3): Die Sache mit dem Strom - Teil 2

Im heutigen Beitrag soll es erst einmal um das Gegenstück zur Photovoltaik, nämlich um den Windstrom gehen. 

Bevor wir uns den Zahlen widmen, sollte man ein paar Worte zu den Unterschieden verlieren: Wind hat sicher den Vorteil, dass er auch nachts weht, damit erscheint er auf den ersten Blick gegenüber der Photovoltaik im Vorteil. Auch weht er nicht nur im Sommer, sondern gerade im Winter, die Rotoren schneien nicht zu und gerade diese neigen, aufgrund ihrer großen Trägheit, auch weniger zum Zappeln als einzelne Sonnenkollektoren das tun. Eigentlich wäre damit der Windstrom ja der eindeutige Gewinner, wenn da nicht ein ganz gewaltiger Nachteil wäre: Der Windstrom zappelt tageweise. Und nicht zu knapp. 

22. März 2022

Anmerkungen zur Energiewende(2): Die Sache mit dem Speichern

Bevor ich mich dem Windstrom widme (und seiner Verteilung), möchte ich erst einmal das Speicherproblem ansprechen, bzw. die Möglichkeiten ansprechen wie man Strom speichern kann. Um nicht schon wieder den nächsten Seitenhieb auf Frau Baerbock loszuwerden, muss man einfach sagen: Strom zu speichern ist schwierig. Sehr schwierig. Und teuer. Doch der Reihe nach.

21. März 2022

Eine wirkliche Mondrakete



Aber voll-krass konkret.



Ich werde diesen Beitrag mit einem ungewohnten Rückgriff auf die eigene Biographie eröffnen, der zum eigentlichen Thema nichts zur Sache tut – und den ich den geneigten Leser bitten möchte, gleich wieder zu vergessen. Aber ich bin alt genug, um mich an die Bilder der „ersten Schritte auf dem Mond“ zu erinnern – an die Landung der Mondfähre „Adler“ im Meer der Ruhe im Sommer 1969. Es war eine Woche nach meinem neunten Geburtstag – und für mich, der sich ab dem vergangenen Winter für alles, was die nächtliche Sternenwelt betraf, begeistert hatte und für die Meldungen über die Raumfahrt, die die Nachrichten beherrschten, waren die Bilder aus den Studios von ARD und ZDF, vom „ersten“ und „zweiten Fernsehen,“ aus dem Kontrollzentrum in Houston und die schemenhaften Nebelbilder aus einer Entfernung von 380.000 Kilometern ein verspätetes Geburtstagsgeschenk, wie ich es mir nicht besser hätte wünschen können. Ich kann den Beginn dieser Faszination durch alles, was „nicht von dieser Welt ist,“ recht gut dingfest machen: der Flug von Apollo 8, bei dem die drei Astronauten William Lovell, William Anders und Frank Borman am Heiligen Abend 1968 um 21:49 Uhr unserer Zeit hinter der Rückseite des Erdtrabanten verschwanden, hat in meiner Erinnerung keinerlei Spuren hinterlassen, dafür aber die folgenden beiden Missionen von Apollo 9 und 10 im folgenden März und Mai, bei denen zum ersten Mal der Einsatz und die Navigation des LEM, des „Lunar Excursion Module,“ der Mondlandefähre im Weltraum geprobt wurde. Ich erinnere mich noch deutlich an das Gefühl der Enttäuschung, daß Apollo 9 dabei in der Erdumlaufbahn verblieb und nicht „dort weitermachte, wo ihre Vorgänger aufgehört hatten.“ (Im Alter von acht Jahren weiß man ein dramatisch retardierendes Moment weniger zu schätzen als in späteren Lebensstadien.) Über das Ferienwochenende, an dem dann die Mondlandung stattfand, waren meine Eltern mit meinen Geschwistern und mir auf Verwandtenbesuch nach Norden gefahren, in der Nähe des Dollarts an der Emsmündung. Ich erinnere mich, daß das Wetter an diesem Sonntag, dem 20. Juli 1969, für einen Hochsommertag ziemlich kühl war, bedeckt und mit leichten Regenschauern (ein Blick ins Archiv des Weltnetzes bestätigt für Hamburg eine Temperatur von 16° und Bremen mit 18°, mit starker Bewölkung und einem Luftdruck von 1017 mbar). Das erste und das zweite Programm hatten angesichts dieses alles in den Schatten stellenden Ereignisses ihre abendlichen Programme gepoolt; die ARD berichtete ab 17:10 Uhr bis zur (damals noch heiligen) Tagesschauzeit um 20:00 aus dem dafür reservierten Studio; um Viertel nach 6 gesellten sich die Mainzer hinzu (beim ZDF sah man keinen Anlaß, auf die Ausstrahlung der sonntäglichen Folge von „Bonanza“ zu verzichten – ein ebenso geheiligter Termin in der TV-Liturgie) bis 22:15; während „das Erste Programm“ sich noch für eine halbe Stunde nach 21:00 dazuschaltete. Für heutige Verhältnisse gestaltete sich die Übertragung mit einer Langsamkeit und Statik, die den Nachgeborenen nicht mehr zu vermitteln ist. Das lag vor allem daran, daß es so gut wie keine Bilder gab; die eng bemessenen Funkfrequenzen und Übertragungsraten aus der Mondfähre und der Kommandokapsel wurden für die Übertragung des Sensordaten benötigt; die Bilder aus dem „Capcom“ zeigten nichts als die Teams der Bodenkontrolle, angespannt vor den Monotoren sitzend, und die deutschen Moderatoren reichlich verlegen, weil sie wenig über den Stand der Mission mitteilen konnten, was über den in allen Zeitungen abgedruckten Zeitplan des Landeablaufs hinausging.

17. März 2022

Anmerkungen zur Energiewende: Die Sache mit dem Strom - Teil 1

Im ersten Teil der Serie beschäftige ich mich mit Grundsatzzahlen und ein bisschen Photovoltaik.

Zunächst mal ein paar Basiszahlen: Der deutsche Stromverbrauch im Jahr liegt so um die 550 Milliarden Kilowattstunden im Jahr (oder 550 Terawattstunden), der Gesamtenergieverbrauch (das schließt Verkehr und Heizen mit ein) dagegen bei ungefähr 2500 Terawattstunden.  Die Erzeugung von letzterem verbraucht allerdings gut 3640 Terawattstunden an Primärenergie, weil Umwandlung in Autos und Kraftwerken halt Verluste mit sich bringt (Physik is a bitch). 

Ankündigung einer Serie: Die Energiewende

Aufgrund der aktuellen Problematik und der Frage ob im nächsten Winter dann wirklich die Heizungen ausfallen werden, erscheint das Thema Energiewende ein sehr aktuelles zu sein und es bietet sich sehr gut für eine kleine Serie an. Ich hatte überlegt aufgrund der etwas zahlenlastigen aber auch dankbaren Thematik einen Video-Vortrag daraus zu machen, ich sehe aber, dass das etwas zu zeitaufwändig werden würde (vielleicht hole ich das irgendwann nach). 

16. März 2022

Herr Musk twittert auf Russisch (und Ukrainisch)



(Netzfund)

"'Große wissenschaftliche Ausgabe?' (Oh, ich weiß schon, was die Brüder so nennen: wenn sie uns zu dem Kind noch die placenta servieren!" – Arno Schmidt, Brand’s Haide (1951)

Auch die Aufgabe des gewissenhaften Philologen, des Hieronymus im Gehäus der Letternwüsten, unterliegt, so kann es mitunter scheinen, einem zeitgeistlichen Paradigmenwechsel. Während die Aufgabe des „klassischen Philologen“ etwa darin bestand, die vom Namenspatron dieses Netztagebuchs genannten Opera omnia zusammenzustellen, zu erläutern und zu klären, was wohl Homer gemeint haben könnte, als er in der Ilias und der Odyssee vom „weinfarbenen Meer“ - οἶνοψ πόντος – sprach und warum er den Himmel an keiner Stelle „blau“ (auf altgriechisch: γαλανό) nennt. Stattdessen findet sich bei ihm das Epitheton ornans χάλκεος, „Bronze“ oder „bronzefarben.“ William Gladstone hat das 1858, lange bevor er das Amt des englischen Premierministers bekleidete, damit zu erklären versucht, „die ollen Griechen“ seien halt samt und sonders farbenblind gewesen.

Wie dem auch sei: mit dem Aussterben der klassischen humanistischen Bildung ist man, wenn man diese spezielle Narrenkappe trägt, froh, wenn einem die (post-)modernen Kommunikationsmittel die Gelegenheit bieten, mit seinem Füllhorn des nutzlosen Wissens eine kleine erläuternde Fußnote zu irgendeinem kryptischen, rätselhaften Wellenschlag liefern zu können, der ein kurzes Kräuseln an der Oberfläche der diversen Dorfteiche namens „Facebook,“ „Instagram“ oder „Twitter“ im „Global Village“ ausgelöst hat. Vier Monate, nachdem es an dieser Stelle hieß „Herr Musk twittert auf Chinesisch“ (Zettels Raum vom 4. November 2021) hat der reichste Mann der Welt gestern, am Montag, den 4. März 2022, wieder einmal Gelegenheit dazu geboten – und darüber hinaus das Urteil bestätigt, wonach es sich beim Firmenchef von SpaceX nach dem Ausschluß des vorherigen Champions Donald „Orange-Man-Bad“ Trump von Facebook und Twitter um den unangefochtenen König in dieser Disziplin handelt. Elon Musk hat gestern auf Twitter dem gegenwärtigen RL-Wiedergänger von Sauron im dunklen Turm von Barad-dûr im Lande Mordor – Wladimir Wladimirowitsch Putin in der Zitadelle (russisch Кремль) von Moskau im Lande der Rus‘ – das Angebot gemacht, den Konflikt um das im Westen gelegende Land Gondor ganz nach dem Vorbild der alten Heldenepen zu entscheiden: durch einen Kampf Mann gegen Mann, bzw. Recke gegen Recke. (Isengard, Heimstatt von Saurons Verbündetem und Vasallen Saruman in Tolkiens „sekundärem Kosmos“ entspräche in dieser Sicht der Weltlage Weißrussland und seinem Potentaten Lukaschenko).

I hereby challenge Владимир Путин to single combat

Stakes are Україна

10. März 2022

Streiflicht: Blut, Schweiß und Kuchen


"Blut, Schweiß und Tränen" waren es nach einer etwas freien Übersetzung, die Winston Churchill seinen Landsleuten 1940 ankündigte. Es ist mitunter eines der meistzitierten Rede-Zitate, die heute den meisten Deutschen im Gedächtnis sind.

Joachim Gauck, seines Zeichens ehemaliger Bundespräisdent, versuchte es diese Woche mit seinem Churchill Moment und verkündete seinerseits:
„Wir können auch einmal frieren für die Freiheit und wir können auch einmal ein paar Jahre ertragen, dass wir weniger an Lebensglück und Lebensfreude haben.“

2. März 2022

Eine Zeitenwende



Es gibt Tage, an denen man aufwacht und bei der ersten Kenntnisnahme der internationalen Nachrichtenlage bestürzt feststellen muß, daß die Welt eine neue ist. Daß sich die Gewißheiten, die Konstellation der Weltpolitik, ihre Ziele und Ausrichtungen nicht mehr die sind, die sie am Vortag und während der Jahre und Jahrzehnte zuvor waren. Der 1. September 1939 war solch ein Tag, auch der 11. November 1989 und der 11. September 2001. Zwar ändert sich „im Inneren“ für viele Staaten, die nicht direkt von den Ereignissen betroffen sind, wenig – und doch markieren diese Daten eine weltgeschichtliche Zäsur. Seit der vergangenen Woche darf der 24. Februar 2022 als ein weiteres Datum dieser Art gelten.

Ich bin vor zwei Tagen im Diskussionsforum zu diesem Netztagebuch, dem „Kleinen Zimmer,“ in Hinblick auf meinen letzten, frivol gehaltenen Beitrag „Wippchen’s ukrainischer Krieg“ gemahnt worden: „Ich finde dieser Beitrag in Zettels Raum ist nicht gut gealtert.“ Das ist noch äußerst wohlwollend formuliert. Mit der Entwicklung, die wir seit fünf Tagen sehen, mit der skrupellosen militärischen Gewalt, der Invasion der Ukraine wirkt mein Beitrag nicht nur völlig irrig, sondern nachgerade obszön. Ich kann mich nur dafür entschuldigen. Und darauf hinweisen, daß ich nicht der einzige Beobachter gewesen bin, der diesem Irrtum erlegen ist. Ich hätte mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können, daß Putin mit der militärischen Drohkulisse ernst machen würde, daß er dies nicht als Druckmittel einsetzen würde, um von der internationalen Gemeinschaft eine Hinnahme der von ihm anerkannten „Unabhängigkeit“ der Regionen Luhansk und Donezk zu erpressen. Im „worst case scenario,“ im schlimmsten denkbaren Fall, hatte ich mit dem Aufbau einer russischen Truppenpräsenz in diesen beiden Grenzregionen zu Russland gerechnet, um in der Folge über ein Referendum nach dem Muster der Krim-Annektion von 2014 eine „formelle Legitimation“ für die Aufnahme in die russische Förderation zu erhalten.