24. Oktober 2020

Streiflicht: Wenn der Schwachsinn Normalität wird

Über den Irrsinn der derzeitigen Entwicklung wurde gerade erst hier geschrieben. Heute mal ein kleines Streiflicht auf dem täglichen Corona-Irrenhaus, anekdotenhaft, simpel, nicht repräsentativ und vermutlich am Ende eines sehr gute Beschreibung des realen Alltags.

22. Oktober 2020

Neues vom Erdtrabanten

Die amerikanische Weltraumbehörde NASA, die "National Aeronautics and Space Administration," macht es (oder: "mag es") in dieser Woche geheimnisvoll: gestern, am Mittwoch, dem 21. Oktober 2020, kündigte sie an, am kommenden Montag, den 26., um 18:00 Uhr Mitteleuropäischer Zeit, auf einer Pressekonferenz, die sich weltweit auf dem YouTube-Kanal der NASA verfolgen lassen wird, Einzelheiten zu "einer aufregenden neuen Entdeckung über den Mond" mitzuteilen. In ihrem Bulletin hielt sich die Behörde mit näheren Angaben bedeckt und ließ nur wissen, daß diese "wichtige neue Entdeckung Auswirkungen auf die Bemühungen der NASA hat, neue Erkenntnis im Hinblick auf den Mond im Hinblick auf die Erforschung des erdferneren Weltraums" haben wird ("This new discovery contributes to NASA's efforts to learn about the moon in support of deep space exploration"). Wie bei anderen Behörden ist man auch bei der NASA seit langem darin geübt, mit scheinbar präzisen Wendungen jede konkrete Inhaltsangabe zu umgehen. Klar ist nur, daß mit dem Programm der Raumforschung, die mit dem "Reiseziel Mond" genannt ist und weiter hinausweist, das Artemis-Programm gemeint ist, das darauf abzielt, ab dem Jahr 2024 wieder Astronauten zu dem Erdtrabanten landen zu lassen - 55 Jahre, nachdem zum ersten Mal ein Mensch seine Spuren im Mondstaub hinterließ - und im weiteren Verlauf dort eine Bais für eine beständige menschliche Präsenz aufzubauen. Soviel wurde gestern noch mitgeteilt: daß sich diese neuen Erkenntnisse den Beobachtungen mit dem fliegenden "Stratosphären-Observatorium für Infrarot-Astronomie" (Englisch: Stratospheric Observatory for Infrared Astronomy), abgekürzt SOFIA handelt.

15. Oktober 2020

Irrsinn, zweite Runde.

Am 22. März diesen Jahres, also vor knapp sechs Monaten, beschloss die deutsche Regierung in direkter Zusammenarbeit mit den Bundesländern den Lockdown, die wohl massivste Freiheitseinschränkung der Nachkriegsgeschichte auf dem Boden der BRD. Und damit einen epischen Fehlschlag mit gigantischen Proportionen. 

11. Oktober 2020

Louise Glück: Sechs Gedichte

***

Teleskop

Es gibt einen Augenblick, wenn du den Blick abwendest
in dem du nicht mehr weiß, wo du bist
denn du hast, so scheint es, woanders
gelebt: im Schweigen des Nachthimmels.

Du bist nicht länger auf dieser Welt.
Du bist anderswo,
da, wo Menschenleben nichts mehr bedeuten.

Du bist kein Lebewesen mehr, in einem Körper.
Du existierst wie die Sterne,
bist Teil ihres Schweigens, ihrer Unermesslichkeit.

Jetzt bist du wieder Teil der Welt,
in der Nacht, auf einem kalten Hügel
und baust das Teleskop ab.

Hinterher wird dir klar,
daß nicht dieses Bild falsch ist,
sondern daß der Bezug falsch ist.

Du siehst wieder, welche Distanz
zwischen allen Dingen der Welt liegt.

(aus: Averno, 2006)

8. Oktober 2020

Warum mich "female reboot" und Quotenschauspielerinnen ärgern

Ein Gastbeitrag von Frank2000. 

Hollywood dieser Tage hat schon einen deutlich sichtbaren Einschlag. Die Mehrzahl der veröffentlichten Filme und Serien hat weibliche Superheldinnen und weibliche Kämpfer. Nicht nur, dass so ziemlich jeder Actionfilm, der jemals mit einem Mann gedreht wurde, jetzt eine Neufassung mit einer Frau bekommt. Sondern auffällig dabei ist, dass in diesen neuen Filem und Neuverfilmungen die Männer "auf ihrem eigenen Gebiet" geschlagen werden sollen.

6. Oktober 2020

Zum Nobelpreis für Roger Penrose, Reinhard Genzel und Andrea Ghez

"Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch noch etwas Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt.

Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist."


- Douglas Adams, Das Restaurant am Ende des Universums



Heute sind in Stockholm die Träger des diesjährigen Nobelpreises für Physik bekannt gegeben worden. Die Namen der Preisträger finden sich in den Meldungen sämtlicher Medien; es erübrigt sich, sie hier vorzustellen. Statt dessen möchte ich mir bei dieser Gelegenheit einige spontane assoziative Überlegungen gönnen. Wie schon im vorigen Jahr geht es um Forschungen und neue Erkenntnisse im Bereich der Astronomie und der Kosmologie - also jenem Bereich zwischen Beobachtung und theoretischer Modellbildung, die sich damit befaßt, wie "das große Ganze" des Weltbaus bis jenseits des fernsten Sterns und dem Ende der Zeiten beschaffen sein mag. Und wie auch 2019 ähnelt sich die Konstellation der Ausgezeichneten. Vor einem Jahr wurde James Peebles für seine Forschungen zum Bereich der "dunklen Materie", die nach heutiger Erkenntnis den Großteil der Masse des Universums ausmacht, geehrt: ein "elder Statesman" der Physik, und ein Theoretiker; während die Schweizer Michel Mayor und Didier Queloz für den ersten Nachweis eines Exoplaneten, eines Planeten außerhalb des Sonnensystems, den ersten von mittlerweile über 4300 aufgefundenen, damit bedacht wurden. Praktiker also, die Beobachtungen durchführen, Daten erheben, gewissermaßen Feldforschung betreiben (sofern man im Bereich der Sternkunde davon sprechen kann).

27. September 2020

Die amerikanische Wahl: And the winner is...



Da der geschätzte Blogger-Kollege Llarian zu Beginn dieser Woche hinsichtlich der Ausgestaltung des Parcourses für die in gut fünf Wochen anstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA eine gute Übersichtkarte entworfen hat und die Regeln des Spiels als allgemein bekannt vorausgesetzt werden dürfen, kann ich es mir leicht machen und brauche nur noch wie beim letzten Wahlgang vor vier Jahren den Ausgang des Matches mitzuteilen.

Ich habe es mir in den letzten Jahren (die Wahl von 2016 war hier der Anlaß) zur Angewohnheit gemacht, einen anstehenden Wahlgang nicht unter der Perspektive "wer könnte es werden?", "was spricht für oder gegen diesen oder jenen Kandidaten?" zu sehen, sondern es auf die schlichte Frage "wer WIRD es?" herunterzubrechen. Es wird einen Wahlausgang geben, der Gewinner wird feststehen (wenn auch womöglich mit einiger legalistischer Verzögerung), und die Unwägbarkeiten, die "known knowns" und "known unknowns", vor allem die eigenen Präferenzen werden nach Feststehen des Endergebnisses keine Rolle mehr spielen. Das mag wie ein semantischer Taschenspielertrick wirken, es läßt die Angelegenheit aber in anderer Perspektive erkennen, es taucht sie in ein anderes Licht. (Man beachte auch, daß aus dieser Optik ein Faktor des üblichen wahltaktischen Rasenschachs weitgehend entfällt, nämlich Überlegungen der Art: "wenn Trump die 'swing states' nicht für sich entscheiden kann, aber statt dessen auf die Stimmen aus Minnesota, Wisconsin und Michigan zählen kann..." Es reicht, daß ein Kandidat auf eine Mehrheit an Wahlmännern aus seiner Partei zählen kann - deren Anzahl von der Bevölkerungszahl der jeweils entsendenden Bundesstaaten abhängt - die ihn im Dezember in sein Amt wählen.)

Freilich ist die Gemengelage dieses Mal etwas anders als 2016.

22. September 2020

Die amerikanische Wahl

Es sind noch sechs Wochen bis zur amerikanischen Wahl, einer ziemlich wichtigen Wahl in Anbetracht der Tatsache wie gegensätzlich die Standpunkte sind, die von den beiden großen Parteien derzeit eingenommen werden. Die deutsche Presse beschäftigt sich derzeit lieber mit wichtigeren Themen, beispielsweise der "Hochzeit von Sylvie" (Bild), den letzten Ausfällen von Jan Böhmermann (Welt) oder den letzten Eskapaden der aktuellen Sea-Watch-Weltenretter (Focus). Die reinen Fiktionsmaschinen wie Spargel, Prantlhausener Zeitung und Kinderstürmer nicht einmal erwähnt. 

Dabei wäre zur amerikanischen Wahl sehr viel zu sagen, denn wenn man die letzten Wochen in den USA nicht gerade durch das Kaleidoskop eines ARD-Faktenverdrehers wahrgenommen hat, so bahnt sich in den USA eine sehr seltsame Wahl an, die leider sehr dunkle Schatten auf das wirft, was die Amerikaner (und damit indirekt auch Europa) in den nächsten Jahren so erwartet.

17. September 2020

Leben auf der Venus?

­
Ja. Vielleicht. Eher nicht. Möglicherweise. Doch der Reihe nach.

1.
Für ein knappes Jahrhundert, nachdem die Darwinsche Evolutionstheorie dem Nachdenken über die Entstehung des Lebens und die Entwicklung höherer Lebensformen ein theoretisches Grundgerüst verliehen hatte, also ab den sechziger Jahren der 19. Jahrhunderts, bis zum Anbruch des "Raumfahrtzeitalters" fast genau 100 Jahre später, als die technischen Möglichkeiten entwickelt wurden, die Bedingungen, die anderenorts im Sonnensystem vorherrschen, aus der Nähe in Augenschein zu nehmen, war neben dem Mars unser Nachbarplanet Venus immer der aussischtsreichste Kandidat für eine weitere Wiege des Lebens. Anders als beim roten Planeten, dessen Temperaturen und Oberflächenformationen zumindest schemenhaft in den damaligen Teleskopen auszumachen waren, verwehrte die undurchdringliche Wolkendecke den Forscheraugen jeglichen Einblick. Nicht einmal die Dauer eines Tages ließ sich vor den ersten Visiten durch Raumsonden Mitte der 1960er Jahre angeben. Daher blieb den Spekulationen nur, sich an der Größe, die der der Erde beinahe entspricht, sowie an der größeren Nähe zur Sonne festzumachen. Der schwedische Physiker und Nobelpreisträger Svante Arrhenius (1859 geboren, dem Erscheinungsjahr von Darwins "The Origin of Species" und 1927 gestorben), der Entdecker des Treibhauseffektes, und, ja doch, ein entfernter Verwandter von Greta Thunberg, mutmaßte kurz nach der Jahrhundertwende folgendermaßen:

11. September 2020

Bundeswhahaharntag

"Nun haben aber die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe als den Gesang, nämlich ihr Schweigen. Es ist zwar nicht geschehen, aber vielleicht denkbar, daß sich jemand vor ihrem Gesang gerettet hätte, vor ihrem Schweigen gewiß nicht." - Franz Kafka, "Das Schweigen der Sirenen"
Vorausgeschickt sei, daß am heutigen Morgen, dem 10. September 2020, dem "Bundeswarntag", in meinem Kleinstädtchen um Punkt 11 Uhr tatsächlich eine Sirene geheult und zwanzig Minuten darauf Entwarnung gegeen hat. Auf der lokalen Ebene, auf der seit Anfang der 1990er Jahre, nach der Auflösung der zehn bis dahin dafür zuständigen zehn Warnämter, die Verantwortung für die Auslösung des Alarms liegt, funktioniert die Durchführung also durchaus noch. Jedenfalls soweit vor Ort noch eine solche Vorrichtung montiert und in Betriebsbereitschaft ist. Von den 80.000 Sirenen, die in den Anfangsjahrzehnten der Bundesrepublik (für die ehemaligen DDR habe ich keine Zahlen finden können) als flächendeckendes Alarmsystem installiert worden sind, sind mindestens die Hälfte nach der deutschen Wiedervereinigung demontiert worden; man findet Angaben, daß der Bestand aktuell bei gut 15.000 Vorrichtungen liegt. Aber gemäß den Meldungen, die am Nachmittag nicht nur in den sozialen Netzen (allem voran natürlich das sekundenaktuelle Dorftratsch-Hightech-Äquivalent Twitter, sondern auch in Berichten etwa bei der "Welt" und im "Focus" zu lesen waren, darf man den Probelauf des bundesweiten Alarmsystems unumwunden als Fiasko bezeichnen. Der Münchner "Merkur" schrieb sogar von einer "riesigen Panne". Das mag dem Tonfall des Boulevards geschuldet sein; in der Sache kann man dem Befund beipflichten.

9. September 2020

Stella Benson, "Tchotl" (1932)

­



Der erste Gedanke, der Nielsen durch den Kopf schoß, als der weiße Tropenhelm in seinem Blickfeld auftauchte, war, daß ihn jetzt ein ausländischer Reisender besuchen wollte. Das hätte ihn überrascht, denn soweit er wußte, hielten sich in der chinesischen Stadt Laopao ausschließlich Chinesen auf; er selbst bildete die Ausnahme. Es war etwas, das er nicht verdrängen konnte: auf allen Straßen scharten sich Menschenmengen um ihn, als ob er eine Art Fabelwesen wäre, das es aus der Zukunft in die Vergangenheit verschlagen hätte. Als der Besucher die Eingangsstufen erreicht hatte, wurde Nielsen freilich klar, daß ihn die helle Farbe des Tropenhelms genarrt hatte; es war nur ein Besucher, wie man ihm in Laopao erwarten konnte: ein junger chinesischer Geschäftsmann. Nielsen, der aus Minnesota stammte, besaß ein geschäftsmäßiges, freundliches Temperamt, und er wälzte sofort seine stämmigen Beine von dem Liegestuhl, auf dem er lag, um seinen Gast zu begrüßen. In seinen großen, hungrigen, leicht vorstehenden Augen blitzte es erwartungsvoll.

Das Gesicht des Neuankömmlings stand in markantem Gegensatz zum den perfekten Rundungen des Tropenhelms: es war schwermütig; die Wangenknochen verliehen ihm etwas Trauriges, obwohl (da es sich um ein chinesisches Gesicht handelte) keine Falten ihre Spur der Enttäuschung dort hinterlassen hatten.

5. September 2020

Wenn "Meinung" und "Person" nicht mehr getrennt werden dürfen.

Ein Gastbeitrag von Frank2000.

Ist eigentlich noch im kollektiven Gedächtnis verankert, dass es mal eine Zeit gab, in der das "Pseudonym" nichts anrüchiges war, sondern völlig normal?

30. August 2020

Stella Benson, "Ein Traum" (1930)

­


Das Nachfolgende ist eine genaue Niederschrift eines Traums, den ich in der letzten Nacht hatte. Es war ein Traum über eine dritte Person; ich selbst kam darin nicht vor. Mitunter habe ich diese unpersönlichen Träume, und jedesmal empfinde ich dabei im Schlaf ein Gefühl von Erwartung und Anspannung, und nach dem Aufwachen bleibt eine tiefe Aufgewühltheit zurück, die nichts mit dem Thema des Traums zu tun hat. Ich nehme an, daß sich darin die Erleichterung zeigt, für kurze Zeit von der Last der eigenen Persönlichkeit frei zu sein. Ich habe bei der Niederschrift nichts bewußt hinzugefügt, aber es fällt mir schwer, Worte zu finden, die die angespannte und erregende Atmosphäre des ganzen Traumgeschehens genau treffen, und deshalb, und nicht, weil ich etwas dazugesetzt hätte, scheint mir dabei vieles zu fehlen.

Mrs. Wander war eine Frau, die beständig unter Angstzuständen litt, und so konnte sie fast von Glück sagen daß ihr diesmal, wo wirklich Grund zur Sorge bestand, beinahe keine Zeit blieb, um sich zu fürchten. Erst vor einer, höchstens zwei Stunden hatte ihr der Arzt erklärt, daß sie sofort operiert werden müßte, um die Schmerzen zu lindern, die ihr den Kopf sprengten und eine Körperhälfte lähmten. Und jetzt saß sie hier, hielt die Hand von Mary, ihrer besten Freundin, und sah, wie der Arzt und die Krankenschwester ins Zimmer kamen, beide in schlohweißen Kitteln. Sie hatte gehofft, daß Marys nüchterne, praktische Freundlichkeit sie wie ein Schild vor dem Entsetzen bewahren würde, aber der Schild war nicht groß genug: die Furcht spülte darüber weg, die Schrecken lauerten hinter Marys robuster Gestalt wie eine Horde von Wilden im nächtlichen Urwald. Mrs. Wanders Hausarzt war auch da, und Mrs. Wander war fest entschlossen, ihm etwas zu sagen, aber ihr Unterkiefer und die Wangen schlotterten so sehr, daß die Worte zu einem sinnlosen Lallen wurden.

26. August 2020

Die EU, ein Pakt und ein Irrweg. Ein Gedankensplitter.

Dreimal kam mir nun der Hinweis auf eine eher unbekannte EU Initiative unter: Einmal durch einen aufmerksamen Leser, zum zweiten durch einen Artikel beim Kollegen Danisch und zum dritten (gestern) durch einen Artikel auf der Achse des Guten: Es geht um diese Initiative.

Ray Bradbury 1920 / 2020

­



In meiner kleinen Erinnerung an den 100. Geburtstag der Science-Fiction-Illustrators H. R. van Dongen in der vorigen Woche ging es, unter anderem, auch darum, ob diese Bebilderungen, diese Ausmalungen künftiger Zeiten einen gewissen überzeitlichen, um nicht zu sagen zeitlosen Reiz besitzen, oder ob sie notwendigerweise eine Patina annehmen, die ihnen den Stempel ihrer Entstehungszeit aufprägt, der sie, im schlechtesten Fall, späteren Betrachtern nur noch als bizarres Kuriosum erscheinen läßt. Daß gerade Bilder und Texte, die Zukünftiges imaginieren, hier besonders betroffen sind, zeigt jeder Blick in die Geschichte der SF, in der sich die alten Buch- und Magazintitelbilder finden, ebenso das Betrachten von Filmen, die älter als drei oder vier Jahrzehnte sind. (Es fällt freilich auf, daß dieses "Altern der Zukunft" etwa ab den späten 1970er Jahren bis zur Mitte der neunziger Jahre stark nachgelassen hat. Ein Film wie Ridley Scotts "Alien" von 1979 wirkt weit weniger verstaubt als die namhaften Produktionen des Genres, die nur zehn Jahre davor entstanden sind, etwa "Planet of the Apes" (1968), "Barbarella" (1967), oder Richard Fleischers "Fantastic Voyage" von 1966. (Stanley Kubricks "2001 - A Space Odyssey" bildet hier die absolute Ausnahme. Das ist nicht allein der sich rasant entwickelenden Tricktechnik geschuldet (Kubrick arbeitete wie Generationen von Regisseuren mit Miniaturen und Rückprojektionen; sondern vor allem eine Frage der inszenierten Ästethik.

20. August 2020

H. R. van Dongen 1920 / 2020

­

Die kleine Erinnerung an das Oeuvre des amerikanischen Science-Fiction-Künstlers Henry Richard van Dongen, der heute genau vor 100 Jahren, am 20. August 1920 in Rochester im Bundesstaat New York geboren wurde, bietet Gelegenheit zum einem angelegentlichen Schlnker zu zwei faits diverses.

12. August 2020

"Kometenstaub flammt in der Nacht auf." Die Perseiden

­


夕立のように降る ペルセウスの流星群
雨粒が尾を引く様な shooting stars
夏の夜はすごく短くて儚いね
だからもっと好きになる

- Sandaime J Soul Brothers, "R.Y.U.S.E.I." ("Meteor"), 2015

("Der Sternschnuppenschauer der Perseiden - fällt wie ein Sonnenuntergang
"Shooting stars" - sie fallen wie Regen
Sommernächte sind kurz und flüchtig
und ich wünsche mir Freunde, mit denen ich sie teilen könnte")

In der phantastischen Literatur, die sich mit "dem da draußen", den tatsächliche Gegebenen, befaßt, und der der realistischen Literatur, die in diesen Motivkanon hineinlappt, gibt es ein paar Grundmotive, ein paar Situationen und Motive, von denen man erwarten sollte, daß ihnen ein besonderer Zauber innewohnen müßte, eine Zündwirkung - und die ihnen, wenn man sie durchsieht, leider zumeist völlig abgeht. Für die "richtige" Science Fiction ist dies unzweifelhaft der Erstkontakt mit fremden Wesen, die allererste Begegung mit Intelligenzen, der Erweis, das "wir nicht allein" sind - und dies besonders in Form einer Botschaft, eines Funksignals, das die riesigen Schüsseln der Radioteleskope aus dem schweigenden All auffangen. Aller Erwartung nach müßten solche allerersten Kontakte geradezu atembenehmend aufgeladen sein, mit Erwarten, mit Schrecken. In der literarischen Praxis sind sie es nicht (übrigens auch nicht im Film: Kubricks ""2001 - Odyssee im Weltraum" bildet hier die Ausnahme von der Regel. Jodie Fosters großäugiges Lauschen unter den Kopfhörern in "Contact" (1997) geht jegliche solche Frisson ab. Die Gründe sind einleuchtend. Der Zauber der Erwartung ist im Moment des Eintretens hinfällig. Danach müssen die Autoren die Natur der Botschaft erläutern (oder sie für unentzifferbar deklarieren, wie es Stanislaw Lem in "Die Stimme des Herrn" 1968 getan hat), die Zuhörer müssen reagieren, das Fremde Gestalt und Namen, Absicht und Stimme erhalten, die Erde und die Handlung drehen sich weiter.

11. August 2020

Robert E. Howard, "Oh Babylon, verlorenes Babylon..." (1929)

­



- „Empire's Destiny“ (1929)

Bab-ilu's women gazed upon our spears,
And roses flung, and sang to see us ride.
We built a glory for the marching years
And starred our throne with silver nails of pride.
Our horses' hoofs were shod with brazen fears:
We laved our hands in blood and iron tears,
And laughed to hear how shackled kings had died.

Our chariots awoke the sleeping world;
The thunder of our hoofs the mountains broke;
Before our spears were empires' banners furled
And death and doom and iron winds were hurled,
And slaughter rode before, and clouds and smoke--
Then in the desert lands the tribes awoke
And death and vengeance 'round our walls were whirled.

Oh Babylon, lost Babylon! Where now
The opal altar and the golden spire,
The tower and the legend and the lyre?
Oh, withered fruit upon a broken bough!
The sobbing desert winds still whisper how
The sapphire city of the gods' desire
Fell in the smoke and crumbled in the fire;
And lizards bask upon her columns now.

Now poets sing her golden glory gone;
And Babylon has faded with the dawn.

- Robert E. Howard




10. August 2020

Streiflicht: "Jim Knopf und der Rassismus." Ein Fingerzeig für Franziska Weißgerber

­Zum Auftakt zunächst einmal eine TRIGGERWARNUNG:  In diesem Text findet sich, bei der Nennung eines Buchtitels, die Verwendung eines Wortes, für dessen Gebrauch man nicht erst seit heute, und durchaus berechtigt,  in Bann und Acht gestellt wird. Ich habe mich aber aus philologischen Gründen, und um argumentative Verkrampfung nach dem Motto "Der **** auf ... (* an dieser Stelle steht im Original ein unschönes Wort)" zu vermeiden, für die originale Nennung entschieden; zumal aus dem Kontext deutlich wird, wie dies zu werten ist.

*          *          *

Anlaß für diese kleine Glosse sind zwei kurze Artikel, die heute auf der Achse des Guten erschienen sind. Im ersten Text, "Laßt meinen Jim Knopf in Ruhe!" verwehrt sich die Autorin, Franziska Weißgeber, vehement, und ebenfalls völlig zurecht, gegen das in der ZEIT vorgebrachte Ansinnen, Michael Endes Kinderbuchklassiker als "rassistisch" zu werten und seine Lektüre anzukreiden.

7. August 2020

Lord Dunsany, "Der Südwind" (1906)

­
Einst setzten sich zwei Spieler zu einem Spiel zusammen, um sich die Ewigkeit zu vertreiben, und sie wählten die Götter als Spielfiguren für ihr Spiel, und zum ihrem Spielfeld erkoren sie sich den weiten Himmel, von einem Ende zum anderen, auf dem ein wenig Staub verteilt lag, und jedes Staubkörnchen davon war eine Welt, die auf ihrem Spielbrett kreiste. Und die Spieler waren in Roben gewandet, und ihre Gesichter verhüllt, und die Roben und die Schleier glichen sich, und ihre Namen lauteten Schicksal und Zufall. Und als sie ihre Züge machten und die Götter auf dem Spielfeld verschoben, wirbelte der Staub auf und erglänzte im Licht, das aus den Augen der Spieler hinter den Schleiern flammte. Und die Götter sprachen: "Seht, wie wir den Staub bewegen!"

Es ergab sich - oder war es vorherbestimmt? Wer will dies entscheiden? - daß ein Prophet mit Namen Ord eines Nachts die Götter erblickte, wie sie bis zu den Knie versunken über die Sternenfelder wateten. Und als er sich vor ihnen verneigte und ihnen Ehre erwies, sah er die Hand eines der Spieler, die gewaltig über ihren Häuptern schwebte und zu einem Zug ansetzte. Und Ord, der Prophet, erkannte die Wahrheit. Und dennoch wäre es Ord deshalb nicht übel ergangen, aber er begab sich unter die Menschen, und ließ sie wissen: "Es gibt eine Macht, die über den Göttern steht."

Dies vernahmen die Götter. Und so sprachen sie: "Ord hat es erkannt."

6. August 2020

Covidioten und BLM: Und noch einen drauf

Wie immer: Wenn man Bigotterie thematisiert, dann findet sich keine zwei Tage später einer, der noch einen drauf setzen muss. In diesem Fall unseren derzeitigen Bundespräsidentendarsteller.

Covidioten und BLM: Ein Eulenspiegel erster Güte

Seit dem Tod von George Floyd und der dadurch wieder an Schwung gewinnenden Black lives matter Bewegung hat es in Deutschland etliche Demos mit schwankenden Zahlen zwischen ein paar hundert und "offiziellen" 15.000 Teilnehmern gegeben. Diesen Demos ist eins gemeinsam: Sie verbreiten keine Viren. Egal wie dicht gepackt die Teilnehmer stehen (hier zum Beispiel ein schönes Bild, aber hier ein passender Film (so bei Minute 2 sehr gut zu sehen)). BLM ist gegen Covid immun.  

1. August 2020

Lord Dunsany, "Der Wachtturm" (1912)

­

 (Tour Sarrasine in Antibes)

An einem Abend im April saß ich in der Provence auf einem kleinen Hügel, hoch über einem alten Städtchen, das die Goten und Wandalen bislang mit ihren Vorstellungen von Neuzeitlichkeit verschont haben.

Oben auf dem Hügel lag eine alte, vom Zahn der Zahn lädierte Burg mit einem Wachturm und einem Brunnen, der noch Wasser führte, zu dem Stufen an der Innenwand hinunterführten.

Der Wachturm, der mit seinen schartigen Fensterluken nach Süden hin Ausschau hielt, bewachte ein weites Tal, das in der Dämmerung versank und aus dem leise die Abendgeräusche heraufklangen. Er sah den Schein der Lagerfeuer, die Wanderer angezündet hatten und hinter ihnen die dunklen Nadelwälder, sah einen Stern aufblinken und die Dämmerung das Départment Var einhüllen.

Während ich dort so saß und dem Quaken der grünen Frösche lauschte und den deutlichen, fernen leisen Stimmen, während die Lichter in dem kleinen Städtchen eines nach dem anderen aufleuchteten und die Dämmerung der Nacht wich, vergaß ich so viele Dinge, die am Tag bedeutend scheinen, und dachte statt dessen an Seltsames und Entlegenes.

Kleine Windstöße kamen auf und flüsterten hier und da; es wurde kühl, und ich wollte mich schon wieder an den Abstieg machen, als ich hinter mir eine Stimme vernahm: "Vorsicht! Obacht!"

31. Juli 2020

周作人《历史》 / Zhuo Zuoren, "Geschichte" (1928)

­

(Zhuo Zuoren)


周作人《历史》 

天下最残酷的学问是历史,他能揭去我们眼上的鳞,虽然也使我们希望千百年后的将来会有进步,但同时将千百年前的黑影投在现在上面,使人对于死鬼之力不住地感到威吓。我读了中国历史,对于中国民族和我自己失了九成以上的信仰与希望。“僵尸,僵尸!”我完全同感于阿尔文夫人的话。世上如没有还魂夺舍的事,我想投胎是真的,假如有人要演崇弘时代的戏,不必请戏子去扮,许多角色都可以从社会里去请来,叫他们自己演。我恐怕也是明末什么社会里的一个人,不过有这一点,自己知道有鬼附在身上,自己谨慎了,像癞病患者一样摇着铃铛叫人避开,比起那吃人不餍的老同类或者是较好一点了吧。

Zhuo Zuoren, "Geschichte"

Die grausamste Wissenschaft auf der Welt (1) ist die Geschichte. Sie läßt uns die Schuppen von den Augen fallen. Sie schenkt uns zwar die Hoffnung, daß es auch noch in hundert Jahren oder in tausend Jahren Fortschritt geben kann, aber sie macht uns auch deutlich, daß die vergangenen Jahrhunderte und Jahrtausende ihre Schatten auf unsere Gegenwart werfen, und wir erschrecken vor der dämonischen Macht, die sie besitzen.  Ich habe die chinesische Geschichte studiert, und ich habe neun Zehntel meiner Hoffnung und meines Glaubens an das chinesische Volk und an mich selbst eingebüßt. "Gespenster, Gespenster!" Ich kann Frau Alvings (2) Worten nur beipflichten. Vielleicht gibt es auf Erden keine Wiederauferstehung, aber ich glaube, eine Wiederverkörperung findet wirklich statt. Wenn man an einem Schauspiel aus der Vorzeit teilnehmen möchte, braucht man keine Schauspieler, die sich verkleiden; es reicht, Menschen aus unsere Gesellschaft zu nehmen und sie sich selbst spielen zu lassen. Ich fürchte, daß ich für meinen Teil einer jener Geheimgesellschaften am Ende der Ming-Zeit angehöre - freilich mit dem Unterschied, daß ich mir bewußt bin, daß ich ein Gespenst mit mir herumtrage. Ich bin vorsichtig, und läute eine Glocke wie ein Aussätziger, um andere auf Abstand zu halten. Ich hoffe, daß ich es damit etwas besser halte als diese Vorfahren, die nur eine unersättliche Gier nach menschlichem Fleisch antrieb (3).


28. Juli 2020

魯迅 《鴨的喜劇》 / Lu Xun, "Eine Entenkomödie" (1922)

­

 (Lu Xun. Holzschnitt von Li Qun, 1936)



俄國的盲詩人愛羅先珂君帶了他那六弦琴到北京之後不久,便向我訴苦說:
「寂寞呀,寂寞呀,在沙漠上似的寂寞呀!」 這應該是真實的,但在我卻未曾感得;我住得久了,「入芝蘭之室,久而不聞其香」,只以為很是嚷嚷罷了。然而我之所謂嚷嚷,或者也就是他之所謂寂寞罷。
我可是覺得在北京彷彿沒有春和秋。老於北京的人說,地氣北轉了,這裡在先是沒有這麼和暖。只是我總以為沒有春和秋;冬末和夏初銜接起來,夏才去,冬又開始了。
一日就是這冬末夏初的時候,而且是夜間,我偶而得了閒暇,去訪問愛羅先珂君。他一向寓在仲密君的家裡;這時一家的人都睡了覺了,天下很安靜。他獨自靠在自己的臥榻上,很高的眉棱在金黃色的長髮之間微蹙了,是在想他舊遊之地的緬甸,緬甸的夏夜。
「這樣的夜間,」他說,「在緬甸是遍地是音樂。房裡,草間,樹上,都有昆蟲吟叫,各種聲音,成為合奏,很神奇。其間時時夾著蛇鳴:'嘶嘶!'可是也與蟲聲相和協……」他沉思了,似乎想要追想起那時的情景來。
我開不得口。這樣奇妙的音樂,我在北京確乎未曾聽到過,所以即使如何愛國,也辯護不得,因為他雖然目無所見,耳朵是沒有聾的。
「北京卻連蛙鳴也沒有……」他又嘆息說。
「蛙鳴是有的!」這嘆息,卻使我勇猛起來了,於是抗議說,「到夏天,大雨之後,你便能聽到許多蝦蟆叫,那是都在溝裡面的,因為北京到處都有溝。」
「哦……」
過了幾天,我的話居然證實了,因為愛羅先珂君已經買到了十幾個蝌蚪子。他買來便放在他窗外的院子中央的小池裡。那池的長有三尺,寬有二尺,是仲密所掘,以種荷花的荷池。從這荷池裡,雖然從來沒有見過養出半朵荷花來,然而養蝦蟆卻實在是一個極合式的處所。
蝌蚪成群結隊的在水裡面游泳;愛羅先珂君也常常踱來訪他們。有時候,孩子告訴他說,「愛羅先珂先生,他們生了腳了。」他便高興的微笑道,「哦!」
然而養成池沼的音樂家卻只是愛羅先珂君的一件事。他是向來主張自食其力的,常說女人可以畜牧,男人就應該種田。所以遇到很熟的友人,他便要 勸誘他就在院子裡種白菜;也屢次對仲密夫人勸告,勸伊養蜂,養雞,養豬,養牛,養駱駝。後來仲密家果然有了許多小雞,滿院飛跑,啄完了鋪地錦的嫩葉,大約 也許就是這勸告的結果了。
從此賣小雞的鄉下人也時常來,來一回便買幾隻,因為小雞是容易積食,發痧,很難得長壽的;而且有一匹還成了愛羅先珂君在北京所作唯一的小說 《小雞的悲劇》裡的主人公。有一天的上午,那鄉下人竟意外的帶了小鴨來了,咻咻的叫著;但是仲密夫人說不要。愛羅先珂君也跑出來,他們就放一個在他兩手 裡,而小鴨便在他兩手裡咻咻的叫。他以為這也很可愛,於是又不能不買了,一共買了四個,每個八十文。
小鴨也誠然是可愛,遍身松花黃,放在地上,便蹣跚的走,互相招呼,總是在一處。大家都說好,明天去買泥鰍來餵他們罷。愛羅先珂君說,「這錢也可以歸我出的。」
他於是教書去了;大家也走散。不一會,仲密夫人拿冷飯來餵他們時,在遠處已聽得潑水的聲音,跑到一看,原來那四個小鴨都在荷池裡洗澡了,而 且還翻觔鬥,吃東西呢。等到攔他們上了岸,全池已經是渾水,過了半天,澄清了,只見泥裡露出幾條細藕來;而且再也尋不出一個已經生了腳的蝌蚪了。
「伊和希珂先,沒有了,蝦蟆的兒子。」傍晚時候,孩子們一見他回來,最小的一個便趕緊說。
「唔,蝦蟆?」
仲密夫人也出來了,報告了小鴨吃完蝌蚪的故事。
「唉,唉!……」他說。
待到小鴨褪了黃毛,愛羅先珂君卻忽而渴唸著他的「俄羅斯母親」了,便匆匆的向赤塔去。
待到四處蛙鳴的時候,小鴨也已經長成,兩個白的,兩個花的,而且不復咻咻的叫,都是「鴨鴨」的叫了。荷花池也早已容不下他們盤桓了,幸而仲密的住家的地勢是很低的,夏雨一降,院子裡滿積了水,他們便欣欣然,游水,鑽水,拍翅子,「鴨鴨」的叫。
現在又從夏末交了冬初,而愛羅先珂君還是絕無消息,不知道究竟在那裡了。
只有四個鴨,卻還在沙漠上「鴨鴨」的叫。
一九二二年十月