24. April 2017

Feu tricolore (6): Kurzes und Bündiges zur ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl

Als Blogger mit Beruf ist man im realen Leben bisweilen so sehr mit der Erwirtschaftung von Umverteilungsmasse beschäftigt, dass man nicht die Muße hat, von der Muse geküsst zu werden. Da also der Verfasser dieser Zeilen eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Kür des Präsidenten der Französischen Republik (jedenfalls vorerst) schuldig bleiben muss, wird im Folgenden auf das nicht gänzlich unerprobte Mittel der Wahlanalyse durch Aphorismen und ungeordnete Gedanken zurückgegriffen:

18. April 2017

Zeitmarke. Vor 100 Jahren: Die verrücktgewordene Kapelle (瘋狂樂隊)

Die Wochenenden immer den Künsten!

...Flöten schrillen, Banjos wimmern,
Und die Drumm geht schier in Trümmern,
Wütend, daß die Haare fliegen,
Alle Tasten sich verbiegen,
Schlägt der Meister Pianiste
Auf die alte Jammerkiste...
Immer toller wird das Wüten!
In der Instrumente Tüten
Mischt sich noch des Menschen Laut,
Heulend wie des Windes Braut:
Bass, Tenor und Bariton
Grölen zu dem Saxophon.
Ach, der Lärm wird riesengroß!
Hoffnungslos
Weicht der Mensch des Jazzes Stärke
Baff sieht er der Klassik Werke
In dem Chaos untergehn...


Zu den kulturellen Auswirkungen, die der Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg vom Frühjahr und Sommer des Jahres 1917 nach sich zog, wird allgemein ein Phänomen gerechnet, bei dem man diese Wechselwirkung wohl zu Recht bezweifeln kann: nämlich die Verbreitung jenes populären Musikstils, der alsbald unter dem Namen "Jazz" seinen Siegeszug durch die westliche Welt antrat. Auf der anderen Seite kann man, wenn man die Sache nicht zu bierernst angeht (eine Haltung, die bei Historikern des Genres eher nicht verbreitet ist), die Entstehung dieser speziellen Art des synkopierten Lärmens durchaus unter die unmittelbaren Folgen der Weltpolitik rechnen. Dieses scheinbare Paradox ist freilich keines. Herausgebildet hatte sich der Darbietungsstil in den Jahren zuvor, im südlichsten Süden der Vereinigten Staaten, in New Orleans - und hier insbesondere in denn Kaschemmen und Etablissements des größten Rotlichtviertels namens Storyville. Im Lauf des Sommers 1917 erfolgte durch die Behörden eine rigorose Schließung all dieser Räuberhöhlen, Bumslokale, Opium dens. Zum einen, weil sich jetzt die Gelegenheit ergab, unter dem Bedingungen des Kriegsrechts von Seiten der Ordnungsbehörden rigoros durchzugreifen, nachdem New Orleans als Versorgungshafen für die alsbald nach Europa übersetzenden Truppen bestimmt worden war. Zum anderen befürchtete man, daß unter dem exponentiellen Anwachsen von Soldaten und Arbeitern für den Nachschub die damals üblichen Maßnahmen zur "Hygienekontrolle" bei den zahllosen Prostituierten - was in diesem Fall, wie in anderen Hafenstädten überall auf der Welt ein kurzes Vorstelligwerden bei einem Arzt umfaßte, der die Damen auf erste Symptome der Syphilis kontrollierte - schlicht versagen würden. Selbstredend waren diese Maßnahmen nicht flächendeckend erfolgreich - ebensowenig wie die Schließung aller Bordelle in Frankreich 1946 oder das Verbot des käuflichen Sex vor ein paar Jahren in Schweden. Dennoch führte der Wegfall dieses Geschäftsektors zu einer Abwanderung der Musiker in andere Großstädte, die von diesem Boykott nicht betroffen waren. Und in denen sich - dies war der entscheidende Faktor - die Gelegenheit bot, mit jener Art des wilden hedonistischen, improvisierten Lärmens in die damals entstehenden Aufnahmestudios gebeten zu werden.  

17. April 2017

Die türkischen Demokraten: Ein paar Streiflichter

Es kam, wie es kommen musste und die deutsche Presse ist sich (mal wieder) einig: "Die Türken" haben die Demokratie abgewählt, Erdogan ist böse und man muss jetzt ganz vorsichtig sein, wie man weiter vorgeht. Die Vokabel des "Warnens" ist mal wieder in aller Politiker-Mund gelegt, obschon ja eigentlich nur das eingetreten ist, was ja ohnhin jeder gewusst hat. Ich möchte dem mal ein paar andere Gedanken hinzufügen, die ich in der öffentlichen Diskussion großenteils vermisse.

13. April 2017

Reine Endlichkeit, ohne Himmel

Die Tiere werden immer mehr der Menschenwürde angenähert und die Menschen immer mehr auf die Tierstufe herabgedrückt. Von Durs Grünbein wurde am 25. März 2017 ein Beitrag mit dem Titel „Unter Affen“ in DIE WELT veröffentlicht. Er ist einer der letzten, der den alten Blick in die Metaphysik mit dem jetzigen Lebensgefühl verbindet, mit einem ironisch-schmerzlichen Stirnrunzeln. Heute gilt der Streit um die Religionen als beendet – wenn man den fundamentalistischen Islam unter die Ideologien und nicht als religiösen Glauben rechnet. Nur der Kampf um die Ideologien dauert noch an. Der Gottesbegriff hat sich verflüchtigt. Selbst die Kirchgänger eines „lebens- und wirklichkeitsnahen“ Christentums benötigen ihn nicht.

11. April 2017

Avanti Dilettanti. Ein Gedankensplitter zu der der Idee, dass jeder studieren muss.

Das Bundesland Hessen hat einen interessanten Modellversuch gestartet: Um an hessischen Fachhochschulen ein Studium aufzunehmen, genügt derzeit eine mittlere Reife mit einer Benotung von besser als 2,5. Also anders gesagt: Ein mittelmäßiger Realschulabschluß. Das Bundesland verspricht sich davon einen vereinfachten Zugang zu Hochschulen und damit die Erleichterung der Möglichkeit auch ohne Abitur ein Studium abzuschliessen.

Zeitmarke: Пломбированный вагон - der versiegelte Zug



Im Gegensatz zu den Ereignissen, auf die vor wenigen Tagen an dieser Stelle auf die hundertjährige Wiederkehr eines für den weiteren Geschichtsverlaufs eminent wichtigen Datums verwiesen wurde - den Eintritt der Vereinigten Staaten von Amerika in den Ersten Weltkrieg - ist das "heutige" Geschehen - die Rückkehr des russischen Revolutionärs Wladimir Iljitsch Uljanov, genannt Lenin, aus seinem Zürcher Exil - durchaus in einigen hiesigen Medien vermerkt worden; so als Kurzbeitrag der heute-Sendung im Zweites Deutschen Fernsehen vor zwei Tagen oder als Fünf-Minuten-Zeitzeichen als "Kalenderblatt" heute im Deutschlandfunk. Während sich das ZDF hierbei auf keine Wertung einließ, konzedierte der DLF immerhin eine durchweg negative Sicht auf Person und Rolle jenes Mannes, der so lange von staatsozialistischen Regimen, von Gläubigen an die vermeintliche Utopie des Kommunismus und von jenen, die der Faszination der durch nichts gehinderten Entfaltung staatlicher Gewalt erlegen sind, als weltlicher Messias, als ein "Weltgeist" - nicht zu Pferde (als den Hegel Napoleon Bonaparte sah), aber ganz im Geist Hegels als "Weltgeist im Panzerwagen" - angesehen wurde.

9. April 2017

葉楓 - 好預兆 (1962)

Die Sonntage immer den Künsten. Auch wenn es sich sich um leichte, seichte Werke handelt und die Verfertiger, nach den Worten des Schutzpatrons dieses Metiers, Heinz Erhardt, nicht von der Muse, sondern der Pampelmuse geküßt wurden.

7. April 2017

Versuchsballons

Große Schlagzeilen, schreckliche Bilder: Assads Luftwaffe hat wieder einmal Zivilisten im "Rebellengebiet" mit Giftgas angegriffen.
Und in üblicher Weise laufen sofort die Islamistenversteher à la Lüders oder Todenhöfer in deutschen Fernsehstudios auf und werfen Nebelkerzen. Parallel in üblicher Weise die Welle der Putintrolle im Internet, die in jeder halbwegs passenden Diskussion die "Russia-Today"-Version der Ereignisse verbreiten.
Man wisse ja angeblich nichts Verläßliches über die Vorfälle und es könnten ja auch die Rebellen selber gewesen sein und vor allem kommt natürlich das "cui bono": So ein Giftgasangriff wäre doch militärisch völlig sinnlos und damit gäbe es überhaupt keine Motivation für Putin/Assad, sich so zu exponieren.

Ach so?
Kleine Rückblende:

Zeitmarke. Vor 100 Jahren: Kriegserklärung der USA an das Deutsche Kaiserreich

­
Das historische Gedächtnis - jedenfalls soweit es sich in öffentlichem Gedenken, in der medialen Erinnerung und, im weitesten Sinn, dem, was man das "öffentliche Gedächtnis" nennen könnte - jener historischen Tiefendimension von spezifischen Ereignissen, die zu dem geworden sind, was der französische Historiker Pierre Nora als Liens de la mémoire, als "Gedächtnisorte", charakterisiert hat - dieser Gedächtnisraum hat, was die "Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts" anbetrifft, in den letzten drei Jahren, also seit der hundertsten Wiederkehr ihres Auftakts, eine seltsame Spaltung durchlaufen. Während die publizistische Evokation der Ereignisse im Sommer 2014, zwischen den Daten des Attentats von Sarajewo am 28, Juni bis zu den "Guns of August" - die Depeschen, halbherzigen Vermittlungsversuche, die Unbekümmertheit, mit der ein ganzer Kontinent sich anschickte, sich in einen historisch nie dagewesenen Schindanger zu verwandeln - sich wie ein basso ostinato gedämpft durch das mediale Rauschen zogen, neben der Ukrainekrise und den ersten Nachrichten über die Tagesordnung der alltäglichen Bestialität des "Islamischen Staates" - nicht zuletzt in den zahlreichen Besprechungen von Christopher Clarks eingehender historischer Studie Die Schlafwandler, die sich der Gemengelage von Blindheiten und historischen Fehlanalogien widmete, die die damaligen politischen und militärischen Führungen in einem noch im Nachheinein lähmenden Automatismus in dieses Desaster hineinstolpern ließ - während also die, man möchte sagen "Prähistorie", jenes endgültige Ende des Alten Europas des "langen neunzehnten Jahrhunderts" Publizisten und TV-Moderatoren präsent war, hat sich über die nachfolgenden Jahre, die eigentliche Urkatastrophe, ein seltsamer Nebel gelegt. Eine Leerstelle des historischen Gedächtnisses ist entstanden, in dem der Verlauf des Kriegs, die daran beteiligten Parteien, die über endlose Monate festgefressenen Materialschlachten mit ihren Hunderttausenden von Toten, die Auswirkungen auf das Leben in den daran beteiligten Ländern, nicht mehr vorkommt.

6. April 2017

Insel im Nebel. Deutschland im Smog.

Viel ist in den vergangenen Wochen zum Brexit geschrieben worden. Warum er kommen wird, warum er nicht kommen wird, dass er schlimm wird, dass er harmlos wird, was er für die NATO bedeuten wird, was er für Europa bedeuten wird, was er nicht für NATO und Europa bedeuten wird und noch vieles mehr. Auch in unserem kleinen Zimmer gab und gibt es eine erregte Diskussion, eher Debatte dazu, die sich vielfach an der Frage entfacht wie geschickt oder ungeschickt der Brexit von Seiten der Briten durchgeführt wird.

4. April 2017

"Osmoderma eremita"



Zur Abwechslung einmal eine ganz schlichte und ganz dumme Frage:

Was ist eigentlich aus den Juchtenkäfern geworden?




(Abb.: Wikimedia)




U.E.

© Ulrich Elkmann. Für Kommentare bitte hier klicken.

3. April 2017

Montag, d. 3. April 2017. "Im Dar al-Harb nichts Neues"







In Sankt Petersburg sind heute um die Mittagszeit durch einen terroristischen Anschlag mit einer Nagelbombe in der U-Bahn elf Menschen getötet und mindestens 47 verletzt worden. Das Bild einer Überwachungskamera zeigt den mutmaßlichen Täter.

(Bildquelle: Thomas Kindler)

Musikalisches Interludium: Shidaiqu. 吳鶯音 - 明月千里寄相思


"Ein Schlager von Rang ist mehr 1950 /
als fünfhundert Seiten Kulturkrise."
- Gottfried Benn, "Kleiner Kulturspiegel"

Um es mit einem Motto aus Michael Klonovskys Netztagebuch acta diurna zu halten: Die Sonntage immer den Künsten!

"Dies ist kein Musikblog", wie der Gründer dieses Webdiariums, dieser kleinen Ecke auf der Allmende des "globalen Dorfs" (Marshall McLuhan), einmal feststellte. Dennoch: am Tag des Herrn, und zumal zu einer Zeit, an dem die vehement ins Lotophagische umgeschlagene Jahreszeit nahelegt, den Ärger über die Verfahrenheiten von Politik und Alltag zugunsten der Illusion des unbekümmerten Seelebaumelnlassens entschlossen hintan zu stellen, sei auch ein Schlenker ins unverbrüchlich Hedonistische verstattet. Zumal wenn sich die Gelegenheit ergibt, dabei auf einen hierzulande völlig unbekannten musikalischen Kosmos hinzuweisen, den auch der Aufbruch der Medien unter dem Signum der "Weltmusik" nicht, zumindest noch nicht, an westliche Ohren hat branden lassen.

26. März 2017

Die Glaubwürdigkeit der CDU und das Merkel Problem

­Etwas mehr oder weniger Lustiges passiert in diesen Tagen, wenn man mal dann und wann durch den Blätterwald wandert und nicht nur die Schlagzeilen zu London oder den römischen Verträgen durchliest: Die CDU versucht es mit Programm. Kalt erwischt von dem unerwarteten Erfolg von Martin Schulz (der auch retrospektiv nur schwierig nachzvollziehen ist), ist der CDU scheinbar in diesen Tagen aufgegangen, dass sie gar nicht mehr so alternativlos ist, wie sie sich selber gerne sieht.

23. März 2017

Kleine Erinnerung: Vor 25 Jahren starb F. A. von Hayek

Nur als Erinnerung: vor einem Vierteljahrhundert, am 23. März 1992, starb in Freiburg im Breisgau, gut einen Monat vor seinem dreiundneunzigsten Geburtstag, der Mann, den der Endunterfertigte, bei allem Bewußtsein über die Verkürztheit eines solchen Urteils, für den bedeutendsten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts erachtet: Friedrich August von Hayek: bedeutendster Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften von 1974 und durch sein Buch The Road to Serfdom, 1944 zeitgleich mit Karl Poppers ungleich voluminöserem The Open Society and Its Enemies erschienen, zum maßgeblichen Kronzeugen gegen die Versuchungen des Kollektivismus, der Staatsvergottung - nicht nur in den Führerdiktaturen seiner Zeit, sondern gegen die allen staatlichen Organisationen innewohnenden Tendenzen - und des obersten Prinzips der Freiheit des Einzelnen als unabdingbarer Grundlage einer prosperierenden, auf Dauer angelegten Gesellschaft, die diesem Einzelnen erst den Wohlstand, die Freiheit, sich nach den eigenen Maßstäben zu entscheiden, ermöglicht. Hayeks grundsätzlicher Einspruch gegen alle utopischen Entwürfe, gegen die Anmaßungen von Intellektuellen, Philosophen und Politikern - und zwar egal von welcher Couleur, welcher wohlmeinenden Intention, welchen noch so hehren Idealen ihr Tun motiviert wird - entspringt der Einsicht, daß niemand über ein solches Wissen verfügt, verfügen kann, daß jede Gesellschaft sich zwar dem Tun der einzelnen Individuen verdankt, aber diese Gesellschaft nie das Resultat einer bewußten Planung sein kann. (Damit greift Hayek ganz bewußt eine Erkenntnis auf, die zwei Jahrhunderte vor ihm der schottische Aufklärer Adam Ferguson (1723-1816) formuliert hat.)

Marginalie: Mal wieder die Lückenpresse

Das Thema Lückenpresse (und artverwandte Wörter) ist ja nun schon öfter öffentliches Thema gewesen, zuletzt besonders nach dem Mord von Freiburg, aber auch insbesondere nach dem Kesseltreiben von Köln 2015, bei dem sich die Presse nicht nur alle Mühe gab, den Vorfall zu ignorieren, als auch möglichst lange den Hintergrund zu verschweigen. Wir alle wissen wie das ausgegangen ist, und auch wenn sich die Medien mühen zu betonen, dass die meisten Deutschen ihnen immer noch glauben, so dürfte die Glaubwürdigkeit der selben mit den Vorgängen zu Silvester und zu Freiburg schon deutlich eingebeult worden sein.

22. März 2017

Zum Welttag der Poesie: 杜牧 - 金谷园



Daß die Vereinten Nationen - in Gestalt ihrer Unterorganisation UNESCO - manche Tage des Jahres  unter ein besonderes Motto, ein Thema gestellt haben, einer Sache, die damit in den Aufmerksamkeitsfokus der Öffentlichkeit gerückt und gefördert werden soll, dürfte bekannt sein. Weniger bekannt dürfte sein, daß seit der Einführung des ersten Termins, dem "Tag der Vereinten Nationen" (24. Oktober) im Jahr 1948 im Lauf der Jahrzehnte Dutzend solcher Gedenk- und Memorialtage hinzugekommen sind. Wobei man es hier neben unzweifelhaft lobenswerten wie dem Welttag des Buches (23. April - wohl nicht zufällig Shakespeares Geburtstag) und dem Internationalen Mädchentag (11. Oktober) auch zu, nun, sagen wir gewöhnungsbedürftigeren gebracht hat: vom "Earth Day" (22. April) bis zum Weltyogatag (21. Juni, seit 2015). Der "Tag des Deutschen Butterbrotes" (am letzten Freitag im September; seit 1999) ist allerdings nicht in die Obhut der UN gestellt und beschränkt sich bis dato auf Schland.

Ebenfalls seit 1999, mit Gültigkeit seit dem Jahr 2000, gibt es nun am heutigen 21. März den "Welttag der Poesie". Auf der Netzseite der Deutschen UNESCO-Kommission liest man dazu folgendes:

Die UNESCO hat den 21. März zum "Welttag der Poesie" ausgerufen. Er wurde erstmals im Jahr 2000 begangen. Der Welttag soll an den Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern.
Die UNESCO weist der Dichtkunst auch im Zeitalter der neuen Informationstechnologien einen wichtigen Platz im kulturellen und gesellschaftlichen Leben zu. Der Welttag der Poesie soll Verlage ermutigen, poetische Werke besonders von jungen Dichtern zu unterstützen, und er soll dazu beitragen, den kulturellen Austausch zwischen den Völkern zu intensivieren.
Auf der Seite der Vereinten Nationen zu diesem Termin erfährt man des weiteren, daß der Termin in diesem Jahr dem Werk des georgischen Dichters Nikolos Barataschwili (1817-1844) gewidmet ist, was man als Erweis für die Notwendigkeit dieses Tages nehmen könnte, dieweil der Endunterfertigte bislang noch nie von ihm gehört hatte. Aber da sich meine Kenntnis der georgischen Literatur und Sprache überhaupt durch eine ebensolch flächendeckende Unkenntnis auszeichnet, sei gestattet, daß ich mein Scherflein zu diesem Tag aus einem anderen Bereich besteuere.

杜牧 - 金谷园
繁华事散逐香尘
流水无情草自春
日暮东风怨啼鸟
落花犹似坠楼人

Du Mu (803-852), "Garten im Goldenen Tal"

Von der blühenden Pracht bleibt nur süßer Staub.
Das Wasser fließt ewig, das Gras regungslos.
Am Abend, wenn die Vögel im Ostwind rufen,
Fallen die Blüten wie das Kleid eines Mädchens - vor so langer Zeit.

21. März 2017

Dummes, fast unkommentiert: "Voll reinbrettern in Trump"



Noch zu den Genossen von der SPD und ihrer respektvollen, erwachsenen Art, sich auf den kommenden Wahlkampf einzustimmen. Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, daß dergleichen nicht von einer Werbeagentur wie etwa Scholz & Friends kommt, sondern von einer - einstmals - großen und respektierten Volkspartei. Zudem: sollte sich hier zeigen, wie unsere Parteien das geistige und geschmackliche Niveau der Leute einschätzen, von denen sie gewählt werden wollen, läßt das tief blicken. Ganz nach der Devise: "Du bist über 18 und passionierter Gamer? Aber Tetris ist viel zu ambitioniert für dich? Dann haben wir für dich in der SPD genau das richtige Level."

In einem heutigen Artikel der Berliner "Morgenpost" liest man dies:
Berlin. Der Schulz-Zug rollt bei der SPD. Hundertprozentig. Und der Zug der Genossen ist nicht zu stoppen – jedenfalls virtuell. Denn beim Onlinespiel "Schulzzug.eu", mit dem die SPD seit dem Wochenende ihren Wahlkampf auf Touren bringen will, gibt es erst gar keine Bremse. Und auch sonst bietet die Fahrt den Mitspielern ein paar Überraschungen....
Plötzlich steht AfD-Chefin Frauke Petry auf dem Gleis. Oder Donald Trump. Oder Wladimir Putin, mit nacktem Oberkörper. Was tun, so ganz ohne Bremspedal? Ganz einfach: Wenn, so die Spielanleitung, "fiese Populisten versuchen, mit ihren rückwärtsgewandten, beschränkten und mauerorientierten Ideologien den Weg zu versperren", muss der Spieler als Lokführer mit dem Zug auf ein anderes Gleis ausweichen oder es überspringen, sonst gibt es Minuspunkte. Mit dem Europastern, den man unterwegs auflesen kann, hat der Zug aber "volle Energie", jetzt gibt es sogar Extrapunkte, wenn die Lok in Schranken kracht – oder in die Mauern mit den Politikern dahinter. Die getroffene Figur fliegt dann zur Seite, virtuelles Blut fließt nicht.
Entstanden ist das in der Anmutung eher bescheidene 8-Bit-Pixelgrafik-Spiel im Willy-Brandt-Haus, und als eine der ersten Testerinnen brachte SPD-Generalsekretärin Katarina Barley unter Jubel gleich US-Präsident Trump zur Strecke. "Erst einen Stern sammeln und dann voll reinbrettern in Trump", hatte ihr jemand erklärt, ein Video zeigt die Szene."
Von der bodenlosen Geschmacklosigkeit einmal abgesehen: was sagt das über das #neulandverständnis einer Partei, die ein Videospielniveau mit einer Optik für State-of-the-art hält, das die Industrie vor über 30 Jahren hinter sich gelassen hat? Offenkundig dies: daß man bei den Genossen nie über Pacman und Space Invaders hinausgekommen ist.

Und jetzt stellen wir uns, nur ein paar Sekunden lang, vor, die AfD etwa würde sich dergleichen mit Frau Merkel & Co. erlauben.

(Abgelegt unter #infantil #schulzomania #pack-man)

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Nachtrag 1: Mittlerweile hat der Wellenschlag in den sozialen Medien zu einer ersten Reaktion geführt.

SPON, 21.03.2017, 17:35:

Entwickler entfernen Frauke Petry aus Schulzzug-Game 
Martin Schulz ist seit Kurzem ein inoffizielles Videospiel gewidmet. Es ist auf plumpe Art provokant: Mit dem "Schulzzug" kann man politische Gegner umfahren - darunter Frauke Petry. Nun soll diese Funktion entfernt werden. ... In der Rolle des SPD-Zugführers Martin Schulz kann man Figuren, die an Frauke Petry, Wladimir Putin oder Donald Trump erinnern, umfahren. Das gibt zwar meistens Minuspunkte, aber nicht immer. Die Macher des Spiels möchten anonym bleiben. Auf Twitter antworteten sie am Dienstag aber schnell, wenn man sie auf die Crash-Funktion ansprach. "Die Populisten, die dem Schulzzug den Weg versperren und wie von einem Schneepflug zur Seite geräumt wurden, haben zu dem Missverständnis geführt, dass wir es gut finden würden, Menschen zu überfahren", antworteten sie per Direktnachricht. "Dem ist natürlich nicht so - das Spiel zielt nur auf die Ideologien und Weltanschauungen ebendieser Populisten ab." Als Reaktion auf Kritik am Spiel hätten sie sich mittlerweile entschlossen, "bis auf Weiteres auf diese Metapher zu verzichten": Als kurzfristige Lösung nehme man die Figuren, die auf den Gleisen auftauchen, erst einmal aus dem Spiel. Man arbeite an einer Alternative.
Die letzten fünf Worte der Mitteilung scheinen freilich leicht ungeschickt formuliert.

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Nachtrag 2: Es gibt einen, nun, hübschen Soundtrack für dieses Spiel und seinen Protagonisten. Daß dieses Stück für sensible Zeitgenossen den Inbegriff des deutschspezifischen Konzepts "Fremdschämen" darstellt, gibt der Sache erst die rechte ... Entschuldigung ... richtige Würze. 

Zweites Deutsches Fernsehen, 13.05.1972: "Rollt er nach nirgendwo? Es liegt am Ihnen! Er rollte ganz klar auf den ersten Platz."

"Es fährt ein Zug nach nirgendwo / mit mir allein als Passagier ... es fährt ein Zug nach nirgendwo / den es noch gestern gar nicht gab ..."





Ulrich Elkmann

© Ulrich Elkmann. Für Kommentare bitte hier klicken.

15. März 2017

Die Angst vor dem Wähler

Am Wochenende war es teilweise schwer seinen Augen zu trauen: Da stellt sich ein europäischer Ministerpräisdent, der ansonsten nicht unbedingt im Rufe steht, besondere Austeilerqualitäten aufzuweisen, auf die Hinterbeine und verwehrt per oberster Order dem Außenminister einer zumindest vordergründig befreundeten Regierung die Landeerlaubnis, ein zumindest ungewöhnlicher und direkter Affront. Als die Familienministerin eben jenes Landes versucht dem Ministerpräsidenten ein Schnippchen zu schlagen und eben doch "so hinten rum" dessen Willen außer Kraft zu setzen, wird diese gar zur unerwünschten Person erklärt und des Landes verwiesen. Man reibt sich die Augen: Was ist da passiert?

10. März 2017

Des Kaisers kurze Kleider

Der Verfasser dieser Zeilen ist alles andere als ein Kenner traditioneller Kleiderordnungen. Und gesellschaftliche Anlässe scheut er ohnehin wie der Teufel das Weihwasser. Aber wenn der neue Bundespräsident für seinen Amtseinführungsempfang den Dresscode "Dunkler Anzug/Kurzes Kleid" ausgibt, so hätte sich der Erdunterfertigte auch ohne einschlägiges Hintergrundwissen gedacht, dass dies keine Aufforderung an die weibliche Gästeschar darstellt, ihre Beine möglichst freizügig darzubieten. Gemeint ist damit vielmehr, dass die Damen keine Abendgarderobe tragen sollen. Was in den zur Dienstantrittsfeier des Staatsoberhauptes geladenen Kreisen auch so verstanden wird.

8. März 2017

Gedanken zur Freiheit der Wissenschaft

­Würde mich jemand fragen was Wissenschaft ist würde ich als erstes anmerken wollen, daß der Wortstamm im Grunde unglücklich gewählt wurde. Wissenschaft hat nämlich im Sinne des Wegs zu Erkenntnis sehr viel mehr mit Zweifel, denn mit Wissen zu tun. Sie sollte daher, beschreibt das Wort doch einen Prozeß nicht das Ziel desselben, viel eher "Zweifelschaft" heißen.

Nach Karl Popper ist Wissenschaft dabei ein Prozeß, welcher mit intersubjektiv überprüfbaren (also falsifizierbaren) Theorien versucht, empirische Beobachtungen zu beschreiben. Die formulierte Theorie wird dabei immer wieder mit empirischem Datenmaterial abgeglichen. Solange die Theorie diesem Vergleich standhält, kann man sie als aktuellen Kenntnisstand der Wissenschaft bezeichnen. Es ist allerdings per definitionem unmöglich die Theorie als absolut richtig zu beweisen, denn: Gleichgültig wie viele empirische Beobachtungen die Theorie auch bestätigen, kann niemals die Möglichkeit ausgeschlossen werden, daß eine empirische Beobachtung einmal der Theorie widersprechen könnte.

Yildirim, Çavuşoğlu, Erdoğan und der Wahlkampf in Deutschland. Ein Vorschlag zur Güte

Nun hat nach einigem leidigen Hin und Her also der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu seinen mit Spannung erwarteten Wahlkampfauftritt auf deutschem Boden absolviert - nach vergleichbaren (oder zumindest laut angekündigten) Whistle stops seiner Kabinettskollegen Binali Yildirim (Ministerpräsident), Bekir Bozdağ (Justizminister), Nihat Zeybecki (Wirtschaftsminister) und einer für die nächsten Wochen in Aussicht gestellten Visite des Präsidenten der Türkischen Republik Recep Tayyip Erdoğan. Daß dies im Zuge einer Werbekampagne bei den hier lebenden Staatsbürgern der Türkei zur Volksabstimmung am 16. April über die Änderung der laizistischen Verfassung erfolgt, mit dem die demokratische Verfaßtheit dieses Staates durch etwas ersetzt werden soll, das auch wohlwollende Beobachter als "Präsidialdiktatur" bezeichnen, mag man, als wohlwollender Schonlängerhierlebender, mit einem Lächeln als "innere Angelegenheit der Türkei" zur Kenntnis nehmen. Auch daß es sich - eigentlich - für Politiker anderer Staaten nicht ziemt, im Ausland Wahlkampf zu betreiben - egal ob nun in demokratisch blütenweißen Belangen oder zur Absegnung einer brutalen Autokratie: geschenkt. Weder Herr Trump noch Frau May, nicht Herr Wilders oder Mme. Le Pen haben sich hierzulande als Wahlkämpfer die Ehre gegeben, aber, so sollte man bedenken: sie verfügen in diesem Land auch nicht über eine Basis von Millionen potentieller Wähler, die es zu mobilisieren gilt. Von türkischen Politikern sind wir in Deutschland seit geraumer Zeit dagegen solche Auftritte gewohnt - und schließlich kennt sogar die Jurisprudenz das Konzept des Gewohnheitsrechts, nach dem Verstöße gegen den strikten Buchstaben oder den Geist der Gesetze durch fortdauernde Nichtsanktionierung zu ihrer stillschweigenden Suspendierung führen. Sicher, der umgekehrte Fall ist schwer vorstellbar: daß also Sigmar Gabriel, Heiko Maas und Brigitte Zypries in Antalya, Ankara, Kars oder Istanbul vor einem endlosen Meer schwarzrotgoldener Fahnen für die Wahl Herrn Schulzens oder Frau Merkels ein vergleichbares Schaulaufen veranstalten könnten. (Der kleine Zyniker gibt an dieser Stelle zu bedenken, daß solche Staatsinsignien im Fall von Frau M. geeignet sein könnten, Unwillen auszulösen - weshalb die Gewohnheit der türkischen Regierung, sie bei ihren zahlreichen Besuchen am Goldenen Horn vor riesigen türkischen Flaggen zu plazieren, nicht etwa einen Bruch der diplomatischen Etikette darstellt, sondern von Rücksichtnahme zeugt.)

6. März 2017

Die innere Ruhe oder der Aufstand?

Der türkische Präsident Erdogan hat mal wieder alle Hände voll zu tun, möglichst viel Platz in deutschen Zeitungen zu erlangen. Nun, es ist ihm gelungen. Sein Nazi-Vergleich ist wunderbar geeignet in Deutschland maximal zu provozieren und Aufmerksamkeit ist ihm absolut sicher. Man darf sich fragen, warum er das macht.

3. März 2017

Zitat des Tages: "Ich halt mich als Moderator neutral raus"

„Aber weißt Du, wir müssen in so einer öffentlich-rechtlichen Sendung, wir müssen aufpassen, ich glaube, man darf da nicht zu oft drüber sprechen im Fernsehen, das kann wahnsinnig schnell… weil jetzt, allein dass wir jetzt darüber geredet haben ist schon für mich die Gefahr… ich halt mich als Moderator neutral raus, ist ein schwieriges…ich würde...ich mache folgenden Vorschlag: Wir reden da nicht weiter drüber, wir reden jetzt über Musik.“
Jan Böhmermann im Interview mit dem Rapper Kollegah im Gespräch über gegen diesen geäußerte Antisemitismusvorwürfe, NEO MAGAZIN ROYALE vom 02.02.2017 

Kommentar:
Dass ich als weitgehender Böhmermannabstinenzler überhaupt auf das Thema gekommen bin, habe ich Martin Sehmisch zu verdanken, der bei den Salonkolumnisten ausführlich darüber berichtet hat. Was Sehmisch hier schreibt, ist alles richtig - ich möchte aber gerne noch einen weiteren Punkt beleuchten: 

Dass Böhmermann behauptet, sich als Moderator bei einer politischen Frage "neutral rauszuhalten", ist der Witz des Jahrhunderts. In derselben Sendung zeigt er ganz klar "Haltung" gegen Trump ("Der Präsident der USA ist ein oranger Psychopath, der gesteuert wird von 'nem versoffenen Nazi"), Brexit ("Boris Johnson is a big wanker and Nigel Farage, too. Don't listen to them"), Seehofer ("Lachen wie im Bürgerbräukeller") und ähnliche Themen, die zu behandeln er im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht als "Gefahr" für sich selbst sieht.

1. März 2017

Fastenzeit

Karneval ist vorbei, jetzt kommt laut kirchlicher Tradition die Fastenzeit. Da verzichtet man auf manche schönen Sachen, insbesondere leckeres Essen und Trinken. Einige Wochen bestraft man sich selber für seine Sünden und tut Buße.

Und da für manche Leute Umwelt- und Klimaschutz die neue Religion ist, wird auch die Fastenzeit entsprechend abgewandelt. "Autofasten" fordern die Grünen im und außerhalb des Bundesumweltamtes. Immerhin - sie erkennen also inzwischen, daß Autofahren etwas Schönes ist.

Aber so ganz haben sie es doch nicht verstanden. Denn Ziel ihres Fastens ist es, daß die Leute gar nicht mehr damit aufhören. Daß sie einmal im Bus oder auf dem Rad sitzend begeistert sind von ihrem Verzicht und immer so weitermachen wollen. Der wahre Grüne müßte eigentlich umgekehrt fasten: Das Jahr über fröhlich den ÖV nutzend, um sich dann in der Fastenzeit ins Auto zu quälen.

Dieser Fastenaufruf ist nicht nur die übliche dümmliche Volkspädagogik, die davon ausgeht, daß die Menschen zu dumm und unwissend sind um von der Existenz von Bussen und Fahrrädern zu wissen und nur deswegen Auto fahren, weil ihnen bisher keiner von den Alternativen erzählt hat.
Das ist vor allem auch keine realitätsnahe Einstellung zum Fasten. Denn nach dem Fasten schmecken der Braten und der Wein doch wieder besonders gut, macht das Gasgeben erst recht wieder Spaß. Die Bundesumwelt-Bußprediger beweisen mit dieser Aktion wieder einmal, daß man wohl die komplette Behörde problemlos auflösen könnte.

Nicht ans Dogma hält sich der grüne Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu. Er ruft nicht zum Autofasten auf, sondern zum Autokorso um gegen die Unterdrückungspolitik Erdogans zu protestieren.
Nach Ansicht dieses Autors ist das die wesentliche lebensnähere, sympathischere und moralisch überlegene Einstellung.


R.A.

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