7. März 2021

Der letzte Beatnik. Zum Tod von Lawrence Ferlinghetti





(Lawrence Ferlinghetti in San Francisco, im November 1996)

Zu den Besonderheiten der Literaturentwicklung im 20. Jahrhundert - aber auch in der Kunst allgemein, zählt das regelmäßige Aufkommen radikaler Bewegungen, sich selbst absolut setzender Schulen. Nicht, daß es "Schulen" oder "Bewegungen" nicht auch schon davor, beginnend mit dem frühen 19. Jahrhundert, gegeben hätte - in der Kunst steht das Aufkommen des Impressionismus dafür, oder die Plein-Air-Malerei der "Schule von Barbican". Im Bereich der Literatur fällt etwa in England die "School of Spasmodic Poetry" in den 1830er Jahren darunter, deren Markenzeichen Bombast und frenetische Hektik bei der Gestaltung möglichst breitwandformatiger Sujets war. Aber das waren kleine, persönlich nicht miteinander verbandelte Schnittmengen von artistischen Einzelkämpfern. Den "Cenacles" (wie in jenen Jahren, nach dem Vorbild von Joris-Karl Huymsmans solche Künstler-und-Bohême-Klüngel genannt wurden) des 20. Jahrhunderts kamen die Präraffaeliten ab 1860 wohl am nächsten: eine kleine Gruppe von maximal einem halben Dutzend artistischen Frontkämpfern, in engem Kontakt und Rivalität verbunden und mit einem ästhetischen Credo, das dem zu ihrer Zeit tonangebenden künstlerischen Richtmaß eine radikale Kampfansage entgegen setzt. Nicht zuletzt gehört zum Umfeld eines solchen "Aufbruchs" auch eine wohlwollende Begleitung durch die Medien: im neunzehnten Jahrhundert die breit gestreuten Salonberichte über die Jahresausstellungen, wie sie bei Charles Baudelaire nachzulesen sind. Aber etwas ganz Entscheidendes unterscheidet all die Stürme im ästhetischen Wasserglas von ihren Nachfolgern aus den Jahren kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zum Ende der "Swinging Sixties".

4. März 2021

Das Impfdesaster # 4: Coronagipfel Reloaded





Ich schreibe dies hier am Tag 109 des 28-tägigen "Wellenbrecher-Lockdowns," den wir unbedingt benötigen, um Weihnachten 2020 unbeschwert im Kreis unserer Familie feiern zu können. Bekanntlich ist diese Maßnahme gestern auf der Konferenz der Bundesminister und der Regierungspräsidenten aufgrund des überwältigenden Erfolges in die fünfte Verlängerung bis zum Tag 133 gegangen.

Der Titel ist insofern irreführend, weil dieser Post mit dem Versagen bei der Bestellung und Verabreichung der Corona-Vakzinen direkt nichts zu tun hat. Aber ich habe diese Bezeichnung für diese Serie zum Thema "Versagen in der Pandemie" gewählt; und auch das gestrige Desaster gehört zu dem flächendeckenden Fiasko, von dem das "Impfdesaster" nur den auffallendsten Aspekt darstellt.

3. März 2021

Streiflicht: That didn't age well, Alexander Lambsdorff und das Werfen von Dreck.

Es ist nur eine Kleinigkeit, Alexander Lambsdorff, seines Zeichens heute einer der mehr oder weniger großen Vortänzer der FDP, wollte vor drei Wochen die Gelegenheit nutzen mal wieder ein bischen Dreck über den politischen Gegner zu kübeln und sah da eine totsichere Vorlage von Erika Steinbach als prima Vorganbe für einen Elfmeter. Erika Steinbach hatte geschrieben:
Von verschiedenen Seiten habe ich glaubhaft gehört, dass 50% der Covid-Patienten in Krankenhäusern aus dem arabischen Raum stammen. Für die Medien war das bislang kein Thema. Wäre eine reizvolle Aufgabe für unsere so fleißigen Netzwerk-Journalisten. Werden die aber nicht machen.

 Hier sah dann Alexander Lambsdorff seine Chance billige Punkte zu machen und twitterte seinerseits:

Es gibt widerliche Tweets, es gibt ekelerregende Tweets und es gibt Tweets von Erika #Steinbach. Sie ist Teil einer fauligen Lügenmarinade, die unsere Gesellschaft vergiften will. #Corona #noAfD

28. Februar 2021

Der Mond als Reklametafel. Nachtrag





Ne serait-ce pas un spectacle capable d’alarmer les esprits faibles et d’éveiller l’attention du clergé que de voir apparaître, sur le disque même de notre satellite, sur la face épanouie de la Lune, cette merveilleuse pointe-sèche que nous avons tous admirée sur les boulevards et qui a pour exergue : À l’Hirsute? (Villiers de l'Isle-Adam, 1873)



Wäre es nicht ein Schauspiel, das so recht geeignet wäre, empfindsame Seelen aufzuregen und den Klerus zu empören, wenn auf unserem himmlischen Begleiter, auf der hellen Mondscheibe, jener wunderbare Lockenbrenner erscheinen würde, dessen Bild wir alle auf unseren Boulevards bewundert haben und der von dem Schriftzug "Für prächtige Mähnen!" umrahmt ist?


Heinlein und Clarke mögen die bekanntesten Vorschläge unterbreitet haben, den Begleiter der Erde auf ihrer Bahn um die Sonne in eine kugelförmige Litfaßsäule (Litfaß-Kugel?) umzuwidmen - sie waren aber nicht die ersten und sind auch nicht die letzten geblieben. Das Besondere ihrer "bescheidenen Vorschläge" liegt darin, daß hier Luna höchstselbst als Träger der Werbebotschaft dienen sollte, um die nächtlichen Betrachter zum Konsum einer nicht unbekannten Getränkemarke anzuregen. Ein gleicher Fall liegt in Isaac Asimovs Kurzgeschichte "Buy Jupiter!" (zuerst erschienen in Venture Science Fiction im Mai 1958), in dem außerirdische Wesen die aus reiner Energie bestehen, den Erdlingen die Nutzungsrechte für den größten Planeten des Sonnensystems abkaufen - um ihn ebenfalls mit einer Werbebotschaft zu versehen. Asimovs Pointe liegt darin, daß der Unterhändler der Vereinten Nationen den im Geschäft offenkundig nicht sehr versierten Aliens nur die Lizenz für den Jupiter abgetreten hat: die nachfolgende Konkurrenz erhält mit dem Ringplaneten Saturn einen wesentlich markanteren Blickfang.

24. Februar 2021

Richard M. Powers 1921 | 2021





(Childhood's End, Ballantine Books 33, August 1953)

Vor fast genau einem halben Jahr habe ich an dieser Stelle aus Anlaß seines 100. Geburtstages an das Werk eines Science Fiction-Künstlers erinnert, der in den 1950er Jahren mithalf, "der Zukunft" (jedenfalls ihren populären Vorstellungen davon) "ein Gesicht zu geben: H. R. van Dongen, der zu den guten drei Dutzend Zeichnern, Illustratoren und Schöpfern von Titelbildern gehörte, die nach dem Ende der Groschenheftära der "Pulp-Magazine" und der Aufnahme von SF-Titeln in das Programm angesehener Verlage den bevorstehenden Zeiten ein Gesicht verliehen, das unmittelbar wiedererkennbar war und deren Bildfindungen bis heuute ihren Wiedererkennungswert beibehalten haben.

Aus dem gleichen Anlaß möchte ich heute an einen anderen Künstler aus diesem Metier erinnern, der zur selben Zeit und im gleichen Genre tätig war, dessen Werk aber in fast jeder Hinsicht den größtmöglichen Gegensatz zu dem van Dongens darstellt. van Dongen war ein strikt repräsentativer Künstler, seine Roboter und Raumschiffe waren "realistisch" (wenngleich sie mitunter nur symbolische Funktion hatten), sie stellen konkrete "Hardware" vor. Die Bilder von Richard M. Powers begründeten eine völlig andere Art der Visualisierung der Tropen und Versatzstücke, mit denen das Genre der Science Fiction arbeitet und an denen es zu erkennen ist. Anstatt möglichst dramatische Situationen aus den Texten wiederzugeben, setzen sie auf Andeutungen, die die Evokation: amorphe Massen, fast abstrakte Liniengebilde erinnern nicht mehr an die Art-Déco-Raumkreuzer eines Flash Gordon, die sich mit regenbogenfarbenen Energiestrahlen Raumschlachten liefern, sondern an die surrealistischen Landschaften von Joan Miró oder Yves Tanguy. Heute kann man nicht mehr so recht nachvollziehen, welche bildgebende Revolution diese Bilder darstellten, als sie in der Mitte der 1950er auf den Titeln der Taschenbuchreihen von Dell und Ballantine erschienen: heutige SF-Titel - auch bei deutschen Verlagen - sind oft kaum noch als Genreliteratur zu erkennen, so unkonkret und allgemein ist die Covergestaltung mittlerweile gehalten (es sei denn, es handelt sich um einen Titel der endlosen "Media Tie-Ins" aus den narrativen Kosmen von Star Wars und Konsorten). Aber in diesen Jahren verliehen diese Bilder eine doppelte Funktion: zum einen verliehen sie den Texten des Genres die Respektabilität, die die grellbunten Groschenhefte niemals besessen hatten, die ernsthafte Leser des Genres, die an einer literarischen Auseinandersetzung mit der Zukunft, mit den Möglichkeiten von Technik und Wissenschaft, die eben nur diese Literatursparte ermöglicht, immer reklamiert hatten. Und sie setzten eine unverkennbare "optische Duftnote," sorgten für einen unmittelbaren Wiedererkennungswert, ein Markenzeichen, daß man in der Buchhandlung an den gewünschten Artikel gekommen war.

23. Februar 2021

Werbepause. Der Mond als Reklametafel





Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle versucht, die Spur eines literarischen Motivs, eines Mems, nachzuzeichnen - in diesem Fall der "Blume des Paradieses," die einem Träumer im nächtlichen Kopftheater überreicht wird, und die er beim Erwachen neben sich findet. Da sich in diesem Monat die "Wiederaufnahme" der bemannten Mondlandungen nach der fast tödlich verlaufenen Mission von Apollo 13 im April 1970 zum 50. Mal gejährt hat, möchte ich diesmal die Spur eines Witzes nachverfolgen, der offenkundig aus Anlaß des "Space Race" zwischen den beiden Supermächten UdSSR und USA vor einem halben Jahrhundert entstanden ist. Alan Shepard, Edgar Mitchell und Stuart Roosa, die am 9. Februar 1971 mit der Raumkapsel "Kitty Hawk" der Mission Apollo 14 im Pazifik wasserten, leiteten nach den beiden "vorbereitenden" Missionen die Phase der länger auf dem Erdtrabanten verweilenden Visiten ein, die mehr Instrumente platzierten und mehr Mondgestein zur Erde zurückbrachten.

19. Februar 2021

Die ESA und die Diversität: ein bescheidener Vorschlag



An Herrn Johann-Dietrich Wörner, Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und den Ministerrat der ESA
ESA HQ
4 Rue du Général Bertrand
F-75007 Paris

Sehr geehrter Herr Wörner, sehr geehrte Damen und Herren des Ministerrats,

wie Sie vielleicht aus den Nachrichten erfahren haben, sind in diesen Tagen drei Raumfahrtmissionen beim Nachbarplaneten der Erde, dem Mars, eingetroffen: die Sonde al-Amal der Vereinten Arabischen Emirate am 9. dieses Monats, der chinesische Orbiter Tianwen-1 am folgenden Tag, und gestern hat Ihre amerikanische Schwesterbehörde NASA dort einen drei Meter langen und über zwei Meter hohen Rover gelandet, der mitsamt einem Helikopter dort nach möglichen früheren Lebensspuren suchen soll.

17. Februar 2021

Klabauterbach und der Hass: Aber ich liebe Euch doch alle!

"Ich liebe - Ich liebe doch alle - alle Menschen - Na ich liebe doch - Ich setzte mich doch dafür ein!"

                                                                                       -Erich Mielke, 13. November 1989 

Karl Lauterbach, vom einen oder anderen, auch diesem Autor, zärtlich als Klabauterbach bezeichnet, wird bedroht. Das ist, im Unterschied zu den Aussagen von vielen öffentlich "Bedrohten", ausgesprochen glaubwürdig. Und ausgesprochen schlecht: Wir leben in einem freien Land (noch), es regiert die Macht des Wortes, nicht der Faust und im Allgemeinen gilt (ebenso noch) Gewalt kaum als zulässiges Mittel der Politik. Es gibt sicher inzwischen zunehmend Aufweichungen davon (wenn mal wieder aus irgendeinem linken Grunde demonstriert wird und die Gewalt der Faust als Antwort auf die "Gewalt der Worte" oder "die strukturelle Gewalt der Gesellschaft" gerechtfertigt wird), aber der grundsätzliche Betrieb ist im Allgemeinen noch friedlich. Insofern gibt es keine Berechtigung oder Rechtfertigung Karl Lauterbach zu bedrohen. Und nein, jetzt kommt auch kein aber.

Das Impeachment fällt aus



Im Forum zu diesem Netztagebuch hat der geschätzte Mit-Protokollant Llarian seine Absicht dargelegt, dem neuen amerikanischen Präsidenten Biden die übliche Schonfrist von 100 Tagen einzuräumen, sich also bis Ende April des Urteils über die neue Politik der US-Regierung zu enthalten.Ich will versuchen, mich in diesem Beitrag daran zu halten; daß es nicht völlig möglich sein wird, liegt in der Natur der Sache, die in der Wahl Bidens. der Wahl seiner Minister und den bishrigen Maßnahmen als größtmöglicher Kontrast zu seinem Amtsvorgänger und der Rückgängmachung seiner Politik begründet liegt. So wie Donald Trump und seine Politik das maximale Kontrastprogramm zum "Sozialdemokratismus" Barack Obamas darstellte, so steht Biden bislang für die Rückkehr zu dieser Ausrichtung. Und auch in dem am Samstag klanglos versandeten zweiten Amtsenthebungsverfahren kann man eine bruchlose Fortsetzung der Politik der Democracts während der letzten vier Jahre auf der Oppositionsbank ausmachen: eine grelle, weitgehend inhaltsfreie und auf Showeffekte hin ausgelegte Effekthascherei, die einmal wieder demonstriert, daß nicht nur bei uns, sondern auch in den USA die Politik als Kunst des Möglichen und Umsetzbaren durch ein vergiftetes pseudomoralisches Schwarz/Weißschema ersetzt worden ist.

10. Februar 2021

Mittwoch, 10. Februar 2021. Coronagipfel



Es gibt Meldungen, Entwicklungen, die bedürfen keines Kommentars, weil sie für sich allein wirken. Die Graphik, die in meinem Geschichtsbuch in der 7. Klasse die Stärke der Grande Armee während der Rußlandfeldzugs Napoleons von Borodino bis zum Übergang über die Beresina zeigte, ist mir aus diesem Grund ins Gedächtnis gebrannt.

6. Februar 2021

Somerset Maugham, "Der Damensalon" (1922)





"Ich denke, daraus läßt sich wirklich etwas machen," sagte sie.

Sie sah sich aufmerksam um, und die Kraft der gestalterischen Phantasie strahlte ihr aus den Augen.

4. Februar 2021

Das Impfdesaster # 3: "Im Großen und Ganzen..."



(Netzfund: Screenshot aus einem Callcenter für die Terminvergabe der Coronaimpfung in Nordrhein-Westfalen. Nb: Am 31. Januar wurden in NRW isgesamt 11.000 Impftermine vergeben.)

"...ist nichts schiefgegangen." Dieser Satz, den Bundeskanzlerin Merkel vor zwei Tagen im Interview im Stil devoter Hofbereichterstattung in der ARD-Sendung "Farbe bekennen" (allein schon der Titel der Sendung ist ein Hohn) sagte, wird von ihr bleiben. Wie auch die beiden vorigen Sätze, die von dieser sprachlich fast rührend hilflosen Person in Gedächtnis bleiben werden: "Wir schaffen das!" und "...dann ist das nicht mehr mein Land."

Eines sollte ich vorausschicken: Ich besitze seit 19 Jahren keinen Fernseher mehr. Das Radiohören habe ich schon ein paar Jahre davor eingestellt. Die letzte Zeitung habe ich vor 10 Jahren aufgeschlagen. Die Rolle der Informationsbeschaffung hat in meinem Fall in jeder Hinsicht das Internet übernommen. Zum einen befinde ich mich damit auf dem Stand einens Zeitungslesers des 19. Jahrhunderts; zum anderen steht mir damit eine Informationsfülle zur Verfügung, wie es sie in der Geschnhichte der Menschheit nie zuvor gegeben hat: die sekundenschnelle Verfügbarkeit aller gewünschten Informationen, in allen Sprachen, die ich beherrsche, die Möglichkeit, "ad fontes" zu gehen - also die Quellen und Äußerungen direkt einzusehen, und die Möglichkeit, Hintergründe und Details mit ein, zwei Suchanfragen zu erfahren: das gab es noch nie. Aber diese punktgenaue, jederzeit aufrufbare Bereitstellung ändert den Blick auf die Nachrichtenlage. Sie hängt von meinem Interesse ab, und ich spüre nichts mehr von der Omnipräsenz mancher Themen, der Allgegenwart der immergleichen Politiker, die Themen der sich mittlerweile im Halbstundentakt wiederholenden Nachrichtenblöcke. Kurz gesagt: ich habe meinen persönlichen Blick als die Weltlage; wie sie sich den "geschätzten Zuschauern draußen an den Empfangsgeräten im Lande" darbietet, kann ich nicht sagen. Das entnehme ich nur dem schwachen, verzerrten Echo der politschen Netzecken wie der "Achse des Guten" oder "Tichys Einblick," den Kommentaren der Blogger, denen ich folge und dem Rauschen in den sozialen Medien.

1. Februar 2021

Das Impfdesaster. Fortsetzung



Es gibt eine Szene in Terry Gilliams herrlichem Fantasy-Film "Time Bandits" aus dem Jahr 1982, an die ich unwillkürlich angesichts der Nachrichten an diesem Wochenende denken mußte. Gilliams groteske Komödie handelt von einer Schar - nun, da die Vokabel "Zwerge" unter dem Verdikt des Herabwürdigenden steht, sagen wir: "Heinzelmännchen" -, die im Auftrag des Weltschöpfers die Detailarbeit erledigt haben und sich ungenügend dafür entlohnt fühlen und ihm daraufhin eine Karte entwenden, die die Schlupflöcher in Raum und Zeit zeigt, um ungestraft auf Raubzug in der Vergangenheit (oder ihrer Zukunft) ziehen zu können. Auf ihrer Odyssee durch die Historie landen sie in einem nächtlichen Ozean und werden von einem vorüberkommenden Dampfer aufgefischt. Während sie sich in Liegestühlen zigarrerauchend aufwärmen, fragt ein Steward, ob sie noch etwas wünschen. Der Chefheinzel hebt sein Martiniglas und ordert: "Eis! Soviel Eis wie möglich!" Und erst in diesem Moment fällt dem Zuschauer auf, daß der Name des Schiffes auf dem Rettungsring, der an der Wand hinter ihm hängt, "Titanic" lautet.

Auch wenn es zynisch und unangemessen ist: schließlich geht es als Folge des unglaublichen Impfstoff-Desasters, das die EU und zumal die deutsche Leitung angerichtet hat, um eine unabsehbare Verlängerung des Lockdowns wohl bis in den Sommer oder gar Herbst und um zehntausende von Toten, die bei einer zügigen Bestellung zu vermeiden gewesen wären. Aber mittlerweile gibt es Momente, in denen man das Versagen unserer Classe Politique nur noch mit schwärzestem Sarkasmus goutieren mag. Und in diesem Sinn frage ich mich, ob ich mich nicht selbst als Letztverursacher für dieses Chaos, diese fleischgewordene Unfähigkeit ansehen muß. Die alten Griechen (auch die "Zeitbanditen" statten ihnen ja einen Besuch ab) wußten noch, daß man vorsichtig sein muß, mit welchen Bitten und vorschnellen Gewißheiten man die Götter behelligt. Und als Ursula von der Leyen Ende 2019 zur Präsidentin der Europäischen Kommission gewählt wurde - ohne daß einer der 400 Millionen Staatsbürger der EU bei der Wahl im Sommer eine Stimme für sie abgeben konnte - habe ich recht vernehmlich meine Erleichterung darüber geäußert, daß diese Frau, die bislang in jedem politischen Amt eklatant versagt hat, nunmehr auf die Juncker-Sinekure befördert wurde, auf der ihre absolute Unfähigkeit hinfort keinen Schaden mehr anrichten konnte. Die naturgesetzliche Gültigkeit des von Laurence J. Peter formulierten Peter-Prinzips, nach dem in einer genügend großen Hierarchie (und was ist die EU anderes als eine gigantische Hierarchie?) jeder an die Stelle befördert wird, wo seine Unfähigkeit den größtmöglichen Flurschaden hinterläßt, hätte mich warnen sollen. Ich stelle mir vor, daß auf meine Unbedachtheit hin auf dem Olymp homerisches Gelächter erscholl und Göttervater Zeus "Hold my ambrosia!" (beziehungsweise "κρατήστε την ἀμβροσία μου!") brummte.

30. Januar 2021

Ein beunruhigender Aufruf





Seit gut zwei Wochen gibt es in den USA eine Petition, in der Autoren und Mitarbeiter großer Verlage die Forderung erheben, nicht nur dem aus dem Amt geschiedenen Präsidenten Donald Trump, sondern sämtlichen Mitarbeitern seiner Regierung (auf Englisch "Administration") das Recht zu verweigern, künftig Bücher zu publizieren und Verlagsverträge abzuschließen. Die Eingabe läuft unter dem Motto "No Book Deals For Traitors" - "Keine Verlagsverträge für Verräter" - und hat bis gestern, den 29. Januar 2021, 590 Unterzeichner gefunden.

Im Wortlaut lautet der Aufruf wie folgend:

27. Januar 2021

Die Coronalüge von BILD und "Handelsblatt"





Zugegeben: ganz sicher bin ich mir nicht, ob die Falschmeldung - auf Neudeutsch: Fake News, die vor langer Zeit, als in Deutschland noch Journalismus betrieben wurde, der seinem Ruf gerecht wurde, auch als "Zeitungsente" bekannt war - die vor zwei Tagen von "Handelsblatt" gebracht und anschließend von der BILD-Zeitung aufgegriffen worden ist, tatsächlich den Tatbestand der Lüge erfüllt. Dazu gehört nach juristischem wie allgemeinen Verständnis auch der Vorsatz, das Wissen, daß man die Unwahrheit sagt oder schreibt, daß man seine Leser oder Zuschauer bewußt täuscht.

Andererseits kann ich mir aber auch nicht vorstellen, daß bei einer Meldung von solcher Wichtigkeit, von solcher Bedeutung für die jetzt angelaufenen Impfkampagnen in der EU gegen SARS-CoV-2, sämtliche Kontrollmechanismen in den Chefredaktionen der beiden Zeitungen versagt haben sollen. Daß deutsche Journalisten schlicht nicht mehr in der Lage sein sollen, einfache Sätze auf Englisch zu verstehen.

Randbemerkungen zur Kommunikation oder warum man sich gar nicht verschwören muss.

Es ist mir schon mehrfach (und jüngst auch wieder) aufgefallen, dass oftmals das in vielen Debatten das Argument gezückt wird, diese oder jene Beobachtung sei ja eine Verschwörungstheorie. Mit der Implikation, dass das natürlich lächerlich, zumindest sehr unwahrscheinlich sei.

Dem ist real natürlich wirklich so. "Echte" Verschwörungen, wie man sie vielleicht aus Filmen oder Büchern kennt, sind tatsächlich extrem selten. Es gibt sie schon, beispielsweise in Form von Kartellen (beispielsweise das Schienen-Kartell oder auch das Wurst-Kartell), aber sie sind sehr selten und in aller Regel vor allem auch sehr klein. Sie können lange funktionieren, weil die Zahl der Beteiligten übersichtlich ist, aber sie tendieren genau deshalb auch dazu klein zu bleiben. "Die" große Verschwörung dagegen ist in freier Wildbahn noch nicht beobachtet worden. Und damit meint man so manchen Zusammenhang eben vom Tisch wischen zu können. 

26. Januar 2021

[Ohne Worte]

U.E.

© U.E. Für Kommentare bitte hier klicken.

25. Januar 2021

Roboter@100



(Titelbild der tschechischen Erstausgabe)

Die Genese der Standardtopoi die Science Fiction - jener Sparte der Literatur, die die Weiten des Universums, die Tiefen von Raum und Zeit, vor allem aber: die uns bevostehenden Möglichkeiten der technologischen Entwicklung - zum Schauplatz ihrer Texte nimmt, verläuft oft in mehreren Schritten. H. G. Wells' Zeitmaschine war nicht die erste Versetzung eines Protagonisten aus dem Hier-und-Heute in eine andere Zeit (obwohl sich frühere Erzählungen dies als Vision erklärten oder auf einen Erklärungsansatz zuliebe der bloßen Mystifikation gleich ganz verzichteten - so etwa der Fund das Manuskriptes in Mary Shelleys Roman "The Last Man," das das Ende der Menschheit im späten 22. Jahrhundert schildert und doch - so die Autorenfiktion - im Jahr 1827 in einer Höhle auf Sizilien entdeckt wurde); die weiteren Facetten des Themas wie Zeitparadoxa oder eine "Zeitpolizei," die die Veränderung der bekannten Geschichte verhindert, sind später an den Grundgedanken der willkürlichen Bewegung durch die Zeit angehängt. Auch das Raumschiff unterlag einer solchen sprunghaften, disruptiven Evolution: von den ersten Postulaten mittels Ballonflug von Eberhard Christian Kindermanns "Die Geschwinde Reise auf dem Lufft-Schiff nach der obern Welt" aus dem Jahr 1744 (die die ersten Aufstiege ins Lufft-Reich durch die Gebrüder Montgolfier immerhin um ein paar Jahrzehnte vorwegnahm) bis zu Edgar Allen Poes Hans Pfaahl, Jules Verne bemannter Kanonenkugel aus "De la terre à la lune" von 1865 und ab Percy Greggs "Across the Zodiac" von 1880 dann allerlei geheimnisvolle Wundertechnik, mit der sich die lästige Schwerkraft schlicht neutralisieren ließ.

22. Januar 2021

"Die verspätete Nation": Zur Reichseinigung vor 150 Jahren





Oder: Ein Gepräch im Hause Steinmeier über den abwesenden deutschen Nationalstaat.

Vor vier Tagen, am 18. Januar 2021, jährte sich zum 150. Mal der "Tag von Versailles," der Gründungsakt des Deutschen Reiches als konstitutionelle Monarchie und die Annahme der Regentschaft durch Wilhelm I, nachdem die neue Verfassung am 1. Januar des neuen Jahres in Kraft getreten war, die Reichstag und Bundesrat am 9. und 10. Dezember ratifiziert hatten. Formell begann mit der Verabschiedung auch die Regentschaft; die Annahme war ein formeller Akt. Es war die Kulmination der Hoffnung auf die Eingung der Deutschen in einem gemeinsamen Nationalstaat, der im Gefolge des Wiener Kongresses erstmals konkrete Gestalt angenommen hatte und beim Hambacher Fest 1832 erstmals zum Ausdruck gebracht worden war. Das Aufgehen, die Unterordnung der bis dahin existierenden Kleinstaaten und Monarchien in einer größeren nationalen Klammer. Das Zögern Wilhelm, den ihm angetragenen Titel des Deutschen Kaisers anzunehmen, verdankte sich diesem Impuls: er befürchtete, daß die Bedeutung Preußens als Primus inter Pares der deutschen Staaten erheblich schwinden würde. Aber mit der Etablierung der von Bismarck beförderten "kleindeutschen Lösung" - unter Ausklammerungs der k.u.k Doppelmonarchie - gab es zum ersten Mal einen Zusammenhalt "der Deutschen" in einer gemeinsamen nationallen Ordnung: etwas das auch das Mittelalter nie gekannt hatte, als das Heilige Römische Reich deutscher Nation zwar über den Ewigen Reichtstag über eine Proklamationsinstanz zur Regelung der Herrschaftsnachfolge und darüber auch in länderübergreifenden Rechtsfragen über eine entsprechende Gerichtsbarkeit verfügte, für das aber in jeder anderen Hinsicht das Urteil Voltaires zutraf: "Ce corps qui s'appelait et qui s'appelle encore le saint empire romain n'était en aucune manière ni saint, ni romain, ni empire." (Er hätte auch noch "ni allemand" hinzusetzen können.)

Man sollte annehmen, daß die Schaffung eines solchen Staates, einer Nation, dem Staatsoberhaupt einer Nation, die sich, bei allen Brüchen und Zäsuren, bei mehreren Neubegründungen, immer noch aus dieser Nationwerdung herleitet, immer noch Teil dieser historischen und kulturellen Matrix ist, zum 150. Jubiläum Anlaß zu einem öffentlichen Gedenken, zu einem Festakt sein sollte. Gemäß dem Tonus der Selbstdarstellung der Bundesrepublik Deutschland nicht mit Gepränge und militärischem Pomp, sondern mit ostentativer Schlichtheit, mit einer geradezu philiströsen Bescheidenheit, aber doch als eine markante Wermarke. In den USA mag man den Nationalfeiertag am 4. Juli mit Paraden und Tschingderassabumm ebenso zelebrieren wie die Französen die Erstürmung der Bastille am 14. Juli, ohne daß die Bürger dieser Nationen von den Leitmedien der Auftrag erteilt erhielten, sich lieber wegen der schwarzen Flecken in ihrer Vergangenheit in Grund und Boden zu schämen. Deutschland ist dies aus den naheliegenden Gründen nicht möglich. Das liegt nicht nur an dem Bruch durch den Massenmord des Dritten Reiches, sondern der daraus resultierenden Memorialkultur der letzten 70 Jahre. Aber immerhin war es bis in die siebziger und achtiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts möglich, das Gedenken an die davorliegenden Epochen, die diesen Staat, seine kulturellen Traditionen und Entwicklungen geprägt haben, zu pflegen, sine ira et studio.

Quo Vadis Joe Biden? Blindflug, McCarthy oder Business as usual? Ein Gedankensplitter.

Tja, nun ist er im weißen Haus: Joe Biden hat es geschafft den so verhassten Präsidenten Donald Trump zu beerben und wohnt seit vorgestern Mittag nun im wohl bekanntesten Wohnhaus der Welt. Der von den Medien herbei geschriebene Staatsstreich blieb aus, es blieb bei einer völlig langweiligen Machtübernahme, die schwer an Joe Bidens Wahlkampfveranstaltungen erinnerte: Keiner da, aber die Medien zeigen sich begeistert. Besonders der ehemalige Nachrichtensender CNN konnte sich kaum einkriegen vor Begeisterung. 

21. Januar 2021

Somerset Maugham, "Der Sinologe" (1922)





Er ist ein großer Mann, ziemlich stämmig, aber mit schlaffer Haltung, als ob er sich nicht genügend bewegen würde, mit rotem, glattrasiertem, breitem Gesicht und grauem Haar. Er spricht ziemlich schnell und nervös, mit einer hohen Stimme, die nicht zu seiner Körpergröße paßt. Er bewohnt die Gästezimmer in einem Tempel gleich außerhalb des Stadttors, wo außer ihm drei buddhistische Mönche und ein winziger Novize leben und die heiligen Riten durchführen. Seine Räume sind spartanisch eingerichtet, mit ein paar chinesischen Möbeln und einer unüberschaubaren Menge von Büchern. Es ist kalt; das Zimmer, in dem wir sitzen, wird von einem Ölofen nur unzureichend gewärmt.

20. Januar 2021

Somerset Maugham, "Der Taipan" (1922)





(Somerset Maugham. Gemälde von Philip Steegman, 1931. National Portrait Gallery)

Niemand wußte besser als er selbst, daß er ein bedeutender Mann war. Er war die Nummer eins in einem der wichtigsten Niederlassungen der bedeutendsten englischen Handelsfirma, die in China tätig war. Er hatte sich seine Stellung durch Fleiß und Kompetenz erworben und er dachte nur amüsiert an den unwissenden Angestellten zurück, als der er vor dreißig Jahren nach China gekommen war. Wenn er an seine Herkunft dachte, an das bescheidene kleine rote Reihenhaus in Barnes, einem Vorort, dessen Einwohner sich nach einer bescheidenen Eleganz sehnen und es doch nur zu einer schäbigen Tristesse bringen, und das mit der prächtigen Villa mit ihrer großen Veranda und geräumigen Zimmern verglich, die ihm als Geschäftsadresse und als Wohnsitz diente, mußte er zufrieden lächeln. Es hatte es weit gebracht. Er dachte daran zurück, wie er als Kind aus der Schule heimgekommen war (er besuchte St. Paul's), und mit seinen Eltern und seinen beiden Schwestern zu Abend gegessen hatte: es gab eine Scheibe kalten Braten, Brot und Butter und Tee mit viel Milch, und jeder bediente sich selbst, und verglich es mit den Mahlzeiten, die er jetzt einnahm. Er trug stets Abendgarderobe, und er erwartete, daß ihn die drei Boys bedienten - egal, ob er allein speiste oder Gäste empfing. Boy Nummer Eins war mit seinen Vorlieben bestens vertraut; er selbst mußte sich nie um die Einzelheiten der Haushaltführung kümmern, aber er ließ jeden Abend ein vollständiges Dinner auftischen, mit Suppe, Braten als Hauptgericht mit süßen und sauren Beilagen, so daß er nicht in Verlegenheit kam, wenn er spontan jemandem zum Essen einlud. Er war ein Gourmet und sah nicht ein, warum er weniger gut speisen sollte, wenn er keine Gesellschaft hatte.

Er hatte es wirklich weit gebracht. Das war der Grund, warum er kein Bedürfnis verspürte, nach England zurückzukehren. Er war seit einem Jahrzehnt nicht mehr in England gewesen, und verbrachte seinen Urlaub in Japan oder Vancouver, wo er sichergehen konnte, alte Bekannte aus China zu treffen. In der alten Heimat kannte er niemanden mehr. Seine Schwestern hatten ihrem Stand gemäß geheiratet; ihre Männer waren Beamte und ihre Söhne waren Beamte: zwischen ihnen gab es nichts Verbindendes; sie langweilten ihn. Er kam seiner Pflicht als Verwandter nach, indem er ihnen zu Weihnachten ein paar Meter feinen Seidenstoff schickte, ein paar auserlesene Stickereien, ein paar Pfund Tee. Es war nicht so, daß er geizig war: solange seine Mutter noch lebte, hatte er sie jeden Monat unterstützt. Aber er hatte nicht vor, nach England zurückzukehren, wenn er aus dem Geschäftsleben ausschied. Er hatte zu oft erlebt, daß andere damit gescheitert waren. Er würde ein Haus nahe der Pferderennbahn in Shanghai erwerben und den Rest seines Leben mit Bridgespielen, Reiten und Golfspiel angenehm zubringen. Aber bis dahin würde noch einige Zeit vergehen. In fünf oder sechs Jahren nahm Higgins seinen Abschied, und er würde die Leitung des Firmensitzes in Shanghai übernehmen. Bis dahin war er mit seiner Stellung hier ganz zufrieden; er konnte Rücklagen bilden, was in Shanghai nicht möglich war, und obendrein ein angenehmes Leben führen. Ein weiterer Vorteil war, daß er der wichtigste Mann der kleinen Gemeinschaft war; er bestimmte, was hier galt. Selbst der Konsul achtete darauf, es sich mit ihm nicht zu verscherzen. Mit einem seiner Vorgänger hatte es gewaltigen Ärger gegeben - und es war nicht er gewesen, der am Ende den Kürzeren gezogen hatte. Der Taipan reckte kampflustig das Kinn in die Höhe, als er an die kleine Episode dachte.

18. Januar 2021

"The Midnight Sky"





Vielleicht bin ich auch nur zu anspruchsvoll.

Und zudem ist es mißlich, den Stab über einen Film zu brechen - oder über einen Roman, ein Theaterstück - ohne ihn gesehen (oder gelesen) zu haben, nachgerade aus willentlicher Ignoranz. Soweit ich weiß, hat sich nur Julie Burchill, selbsternannte Königin des "literarischen Punks" und britische Kultur-Krawallnudel, in den "Plattenkritiken" dazu verstiegen, die sie über neue Pop- und Rockalben, noch bevor sie auf dem Markt waren, Ende der 1980er Jahre für den New Musical Express geschrieben hat.

Außerdem ist mir klar, und das seit Jahrzehnten, daß im Genre der Science Fiction hanebüchene Prämissen, wildeste Unwahrscheinlichkeiten und das Ignorieren aller Naturgesetze eher die Regel als die Ausnahme darstellen - und daß die audiovisuelle Spielart in Filmen und Fernsehserien hier noch einmal ungenierter mit der Realität umspringt. Selbst in der sogenannten "harten Science Fiction" - in der sich ein Autor bemüht, sich an den Erkenntnissen der Physik und Astronomie zu orientieren und seine Handlungen und die Spielregeln seiner Geschichte daran ausrichtet - ist es durchaus verstattet, etwa einen "Überlichtantrieb" zu postulieren, dessen tatsächliche Konstruktion die Relativitätstheorie kategorisch ausschließt, damit die Mannschaft (bzw. Diversschaft) des Sternenkreuzers "Markus Söder" der Bavarian Space Agency nicht diverse Jahrtausende braucht, um beim Orionnebel - Distanz: 1.200 Lichtjahre - einzutreffen. Aber wenn sie am Ziel aus dem Hyperraum ins Raumzeitkontinuum zurückstürzen, erwartet der Leser, daß sie unter Beachtung der naturgesetzlich verhängten Verkehrsregeln auf Beteigeuze III landen - und nicht, indem sie sich wie einst Pan Tau an die Melone tippen. (Das Beispiel macht klar, daß auch hier die Grenzen fließend sind: daß sich Captain James Tiberius Kirk und alle seine Nachfolger im Trekkieversum ohne Empfangsstation an beliebige Ziele beamen konnten, war den Budgetbeschränkungen der ersten Staffel von 1966 geschuldet, die den Bau einer Raumfährenattrappe nicht zuließen; die Spielwarenfirma Mattel hat dem Studio Desilu, das die drei Staffeln der "Original Series" produzierte, das "lebensgroße" kastenförmige Modell, das ab Folge 27 zum Einsatz kam, im Gegenzug für die Produktionsgenehmigung des Merchandisings finanziert. NARRATOLOGISCH entspricht das Beamen eben jenem "Rücksturz in den Normalraum" oder dem plötzlichen Auftauchen eines Zeitreisenden und bricht, wenn sich der Zuschauer einmal an dieses Versatzstück gewohnt hat, nicht den stillschweigenden Kontrakt, den Samuel Taylor Coleridge 1817 als "willing suspension of disbelief" bezeichnet hat - die Bereitschaft, solche Unmöglichkeiten um der Geschichte willen zu akzeptieren.)

16. Januar 2021

Freie Meinung, Big Tech & der Reichstagsbrand. Ein Gedankensplitter.

“There is freedom of speech, but I cannot guarantee freedom after speech.”

                                                                                                                    - Idi Amin 

Historische Vergleiche sind immer etwas schwierig, besonders dann, wenn sie sich auf die Nazis beziehen, aber dieser Vergleich drängt sich einfach viel zu sehr auf, als das man ihn liegen lassen könnte. Am 27. Februar 1933 brannte in Deutschland der Reichstag und in Folge des Brandes entstand eine bis dahin beispiellose Notverordnung, die "Reichstagsbrandverordnung", deren Auswirkungen direkt zur Machtergreifung und damit zum dritten Reich führten. Es ist ein, wenn nicht das Beispiel schlechthin, wie man aus einem eigentlich nicht einmal sehr dramatischen Ereignis die Grundlagen einer ganzen Gesellschaftsordnung aus den Angeln hebt und damit einen völlig neuen (im Beispiel sehr, sehr dunklen) Weg einschlägt. Dabei ist es nicht einmal erheblich, ob die Nazis den Brand selber legten oder ob sie nur einfach (heute würde man sagen in guter politischer Tradition) dem Prinzip folgten eine gute Krise nicht ungenutzt zu lassen.