(Gulliver erblickt zum ersten Mal die fliegende Insel Laputa. Illustration von Grandville, aus: Voyages de Gulliver dans des contrées lointaines, Paris: H. Fournier ainé et Furne et Cie, 1838).
I.
Heute vor 300 Jahren, am 28. Oktober 1276, erschien in London im Verlag von Benjamin Motte die Erstausgabe der „Reisen in mehrere entlegene Länder der Welt, in vier Teilen, von Lemuel Gulliver, erst Schiffsarzt und anschließend Kapitän mehrerer Schiffe“ – ein Buch, das ab dem Zeitpunkt seines Erscheinens unter dem etwas handlicheren Titel „Gullivers Reisen“ bekannt ist und seither nie vergriffen gewesen ist. Gehalten war das Buch von der Form her ganz im Stil der Reiseberichte seiner Zeit, mit denen Fahrensleute von ihren Erkundungsfahrten in den damals noch auf den Karten weiß gehaltenen Gebieten des Erdballs berichteten. Obwohl der Herausgeber dieser Memoiren, Richard Sympson, in seinem vorausgestellten Avis an dem Leser versichert: „der Autor war so berühmt für seine Wahrhaftigkeit, daß es eine Art bei seinen Nachbarn in Redriff wurde, wenn man etwas fest behauptete, zu sagen, es sei so wahr, als ob Herr Gulliver gesprochen habe,“ wurden doch sehr bald Zweifel an dieser Wahrheitstreue angemeldet. Drei Wochen nach dem Erscheinen schrieb Jonathan Swift aus Dublin an seinen Freund und literarischen Mitstreiter Alexander Pope in Twickenham am 17. November 1726: „Ein hiesiger Bischof erklärte, das Buch sei voller unwahrscheinlicher Lügen, und was ihn anginge, so würde er so gut wie kein Wort davon glauben. Soviel also zu Gulliver.“ Diese Skepsis hat sich hartnäckig gehalten, und seit dieser Zeit gilt das Buch als eine der großen Satiren der Weltliteratur, das in seinen vier Teilen den Fokus sukzessive ausweitet: von der „Reise nach Lilliput,“ dem Land der Zwerge, als eine sarkastische Glossierung der (damals) letzten zwei Jahrhunderte englischer Geschichte; der „Reise nach Brobdingnag,“ dem Land der Riesen, als Anklage der gesamten europäischen Welt und besonders ihrer Kolonialgeschichte; der dritten Exkursion, der „Reise nach Laputa, Balnibarbi, Glubbdubdribb, Luggnag und Japan“ als eine nachträglich eingeschobene Dekonstruktion der Wissenschaft, der geschichtlichen Überlieferung und den utopischen Träumen der Menschheit wie etwa der Unsterblichkeit – und schließlich im vierten Teil, der „Reise in das Land der Houyhnhmns,“ der klugen Pferde einer Verdammung des gesamten Menschengeschlechts, die dort nur in Gestalt der vertierten, affenähnlichen und brutalen Yahoos in Erscheinung treten (der Name dieser vierbeinigen Philosophen ist vom englischen Ausdruck für „Wiehern“ abgeleitet und spricht sich „Winnims“ aus, nicht „Heunüms“). Die Tatsache, daß das Buch seit gut zweihundert Jahren zumeist in den auf kindliche Leser zugeschnittenen Bearbeitungen auf seine beiden ersten Teile reduziert worden ist, und die Anklage gegen da unverbesserliche schändliche Treiben der Menschen auf eine slapstickhaften Aspekte reduziert wurden ist, hat diesen Eindruck paradoxerweise nur noch verstärkt. Nachdem Gulliver die Kriegskünste und Waffentechnik des Abendlands dem Philosophenkönig in Brobdingnag als Krone des menschlichen Ingeniums gepriesen hat, kommt dieser zu dem nicht eben schmeichelhaften Fazit:
Nach dem, was ich aus deinem Bericht geschlossen habe, kann ich nicht umhin zu folgen, daß die Mehrzahl deiner Mitbürger die schändlichste Rasse kleinen abscheulichen Ungeziefers ist, der die Natur je gestattet hat, auf der Erdoberfläche herumzukriechen. (Buch 2, Kap. 6)
Der Eindruck, daß es sich bei Kapitän Gulliver um einen Verhökerer von Seemannsgarn und einen Aufbinder von Bären handeln würde, wurde auch nicht durch dem Umstand gemildert, daß der Verleger George Faulkner, der die „Reisen“ 1735 als den dritten von neun Bänden in die erste Gesamtausgabe von Swift Werke aufnahm, dem Text ein Idealporträt des Verfassers vorausstellte, das nicht nur eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Dechanten der St. Patricks-Kathedrale in Dublin aufweist, sondern ihn als „splendide mendax“ bezeichnet, als einen „glänzenden Lügner“ also. Und so hält sich bis heute hartnäckig die Überzeugung, Lilliput und Brobdingnag, Balnibarbi, die Hauptstadt des Landes Lagado mit seiner Großen Akademie und die fliegende Insel Laputa seien ebenso fiktiv und unerreichbar wie Mittelerde, Narnia oder Alices Wunderland, dessen Zugangsportale statt hinter Kaninchenlöchern und Spiegeln allein in der Phantasie jugendlicher Leser zu finden sind.





























