Er legte die Pistole wieder in die Schublade zurück und schob sie zu.
Nein – nicht auf diese Weise. So würde Louise nicht lange genug leiden. Sie würde einfach tot sein, und das wäre es dann. Es kam darauf an, dies möglichst lange dauern zu lassen. Laß deine Phantasie spielen!
Wie konnte er ihr Leiden verlängern? Womit sollte er überhaupt anfangen?
Der Mann, der vor dem Ankleidespiegel im Schlafzimmer stand, schloß sorgfältig seine Manschettenknöpfe. Er ließ sich lange genug Zeit damit, um den Kindern zuzuhören, die draußen auf der Straße vorbeiliefen, vor ihrem zweistöckigen warmen Haus; wie kleine graue Mäuse, wie Herbstblätter.
Am Lärmen der Kinder konnte man ablesen, wie weit das Jahr fortgeschritten war. An ihrem Geschrei konnte man hören, welcher Abend jetzt war. Es war ganz unverkennbar spät im Jahr: Oktober. Der letzte Oktobertag, mit weißen Knochenmasken und ausgeschnittenen Kürbissen und dem Geruch nach tropfendem Kerzenwachs.
Nein. Schon seit einiger Zeit lief alles falsch, und es half nichts, daß es Oktober war. Wenn überhaupt, machte es alles nur noch schlimmer. Er rückte seinen schwarzen Schlips zurecht. Wenn jetzt Frühling wäre - er nickte leicht, ruhig, regungslos, seinem Spiegelbild zu – dann gäbe es vielleicht noch eine Chance. Aber heute nacht brannte die Welt lichterloh nieder. Es gab kein frisches Frühlingsgrün, keine Frische, die in der Luft lag, keine Verheißung.
Auf dem Flur waren leise laufende Schritte zu hören. „Das ist Marion,“ sagte er zu sich selbst.
„Meine Kleine. All ihre acht Jahre. Nie ein Widerwort. Nur ihre leuchtenden grauen Augen und ihr fragender kleiner Mund.“ Seine Tochter war dem ganzen Abend über nach draußen und wieder hinein gestürzt, hatte verschiedene Masken ausprobiert und ihn gefragt, welche die gruseligste, die schrecklichste war. Sie hatten sich bei am Ende für die Skelettmaske entschieden. Die war „richtig schlimm!“ Die würde die Leute aber richtig erschrecken!
Wieder fing er den nachdenklichen und abschätzenden Blick auf, mit dem er sein Spiegelbild ansah. Der Oktober hatte ihm noch nie gefallen – schon seit damals, als er vor vielen Jahren zum ersten Mal im Herbstlaub gelegen und den Wind gehört und die kahlen Bäume gesehen hatte. Er hatte damals weinen müssen, ganz ohne Grund. Und ein wenig von jener Traurigkeit kehrte jedes Jahr wieder zurück. Mit dem Anbruch des Frühlings verschwand sie stets.
Aber heute Nacht war es anders. Es fühlte sich an, als ob dieser Herbst eine Million Jahre lang dauern sollte.
Es würde keinen Frühling geben.






























