11. September 2021

"Hey Joe"





(Link: https://www.youtube.com/watch?v=DMYx3FrjKIM)

Aus aktuellem Anlaß hat „Zettels Raum“ sein Musikprogamm geändert.

Es geht um das Video zum einem neu-alten Protestsong jener klassischen Machart, die älteren Zeitgenossen noch aus der Ära der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung im Ohr ist, damals vorgetragen von Joan Baez, Pete Seger und „His Bobness“ Dylan, Gitarrenballaden über die Themen Krieg und Rassenbenachteiligung – zu jenen Zeiten, als solcher Protest im Zeichen der „Great society“ Präsident Eisenhowers noch ein weites und durchaus auch von konservativer Seite begrüßtes Echo fand. Und als der Aufschrei gegen die bestehenden Verhältnisse durchweg von der „linken“ Seite kam, im Namen der Teilhabe und Achtung. Tempi passati. Protest gegen die politische Korrektheit, die „Wokeness,“ den Niedergang alles Politischen im Namen einer gekaperten Symbolpolitik kann heute nur noch von einer Seite erfolgen, die von der Politik und den ihnen aufs engste verbundenen Medien umstandslos in der „rechten Ecke“ verortet wird.

(Ein Beiseit vorweg: da der Blogeditor, auf dem „Zettels Raum“ gehostet wird, bei meiner letzten „Musiksendung“ („Mit Musik geht alles besser“) die dort eingestellten Videosequenzen, die zunächst eingestellt worden waren, im Lauf der nächsten zwölf Stunden teilweise oder ganz – je nach verwendetem Browser - wieder löschte und einen Link an ihre Stelle plazierte, die aber auch nicht in allen Browsern angezeigt werden, werde ich nicht nur die unten behandelten drei Videos einbinden, sondern auch noch die URL separat als Link zum Anklicken bringen.)

9. September 2021

Neues von der Impfung: Das Narrativ muss stimmen!

Der eine oder andere mag es schon in den letzten Tagen gelesen haben: In einem Seniorenheim in Oberhausen kam es im Rahmen einer Aktion zum Thema "Booster-Impfung" zu einer Reihe von Impfkomplikationen. Kurz gesagt, von den 90 "nachgeimpften" Senioren hatten 9 schwere Impfkomplikationen, Zwei musten reanimiert werden und zunächst wurde fälschlicherweise auch berichtet es habe einen Toten gegeben.

Jetzt wäre das prinzipiell noch kein Beinbruch. Die Stichprobe ist für statistische Verhältnisse nicht nur klein, sie ist so klein, dass man fast keine Aussage daraus ableiten kann. Impfkomplikationen sind nicht neu (gerade mit den COVID-Impfstoffen) und entsprechend treten sie trivialerweise(!) auch gehäuft auf. Das ist am Ende ähnlich den Krebs-Clustern in der Nähe von Kernkraftwerken, die auch am Ende nur dem Zufall geschuldet sind. Also alleine noch kein Grund zur Panik. Es ist erst einmal auffällig, keine Frage, aber es für den Statistiker(!) weit davon entfernt einen Notfallalarm auszulösen.

4. September 2021

Symboldbild, das Drölfzigste.





Mit Dank für die Zusammenstellung an Argo Nerd, dessen Twitter-Account eine nie versiegende Quelle für solche Vorher-Nachher-Beispiele darstellt.

2. September 2021

Die Pandemie der Ungeimpften. Finde den Fehler!

Wenn Markus Söder nicht damit beschäftigt ist mal wieder ein bischen gegen "den Mann der ihm die Kanzlerschaft nahm" zu intrigieren, verkündet er schon einmal seine großen Weisheiten zum Thema Corona. Seine letzte große Weisheit dabei war, dass es jetzt keine Corona-Pandemie an sich, sondern nur noch eine Pandemie der Ungeimpften gäbe.


1. September 2021

Randbemerkung: Der Absturz der Union ist zwar überraschend aber folgerichtig

Neben Corona und Afghanistan ist es wohl das Thema: Der Absturz der Union und der damit einhergehende Aufstieg von Olaf Scholz (der so tut als habe er mit der SPD nix zu tun). Zunächst mal erscheint diese Entwicklung überraschend. Doch mit ein bischen Reflexion kommt man nicht umhin zu bemerken: Es wäre erstaunlich, wenn es anders wäre. Und das hat weder etwas mit Armin Laschet noch mit Olaf Scholz direkt zu tun.

30. August 2021

"Mit Musik geht alles besser"





Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug nach Treptow?
Ich muß mal eben dahin, mal rüber nach Ostberlin.
Ich find das echt gut, mit euren Oberindianern,
Bei euch ist alles im Lot:
Das ist ein Top-Angebot!

Du fährst ganz easy um halb elf mit der Ringlinie los
Und die Fahrt gibt's für umme, ich find das famos,
Und den Schuß gibt's dazu
Und alle jubeln: juhuu!

Bei Halt und bei Fahrt:
Das ist die Berliner Art.
So erreicht man sein Soll
Und kriegt die Statistiken voll.
Man muß das einfach wollen
Denn die Räder müssen rollen.
(Und klappts damit nicht
Droht die Punktierungspflicht.)

Geht nach dem Motto: was muß, das muß!
Und Doktor Brinkmann himself, der setzt dir den Schuß.
Dit iss der helle Wahnsinn!
Ja sehnse: dit iss Berlin!

Aus gegebenem Anlaß hat „Zettels Raum“ sein aktuelles Musikprogramm geändert.

„Chattanooga Choo Choo,“ neben „In the Mood“ und “Pennsylvania 6-5000” eine der Erkennungsmelodien des Glenn Miller Orchestra, war einer der Höhepunkte des Musicalfilm „Sun Valley Serenade“ der Twentieth Century Fox, am 10 August 1941 in den amerikanischen Kinos angelaufen. Die Schallplattenveröffentlichung auf dem Label Bluebird der Plattenfirma RCA Victor war zwei Wochen vorher, am 25. Juli, erschienen, als B-Seite für den langsamen, getragenen Foxtrot („Slowfox“) „I Know Why (And So Do You“). Es war aber die B-Seite, die dazu führte, daß sich die 78er Schellackplatte bis zum Februar 1942 mehr als 1,2 Millionen Mal verkaufte und als erste Ausnahme überhaupt mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet wurde. Sonja Henie, die in „Sun Valley Serenade“ gewissermaßen sich selbst spielte – eine Geflüchtete aus dem fernen Europa – glänzte dort eher weniger (ihr Metier war eher der Eisschnelllauf; in dieser Hinsicht war sie so einiges mit „Tarzan“ Johnny Weissmuller gemein) – ironischerweise hatte sie vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und bevor sie 1940 die amerikanische Staatsbürgerschaft erwarb, eher Sympathien für die Machthaber des Dritten Reichs gezeigt. Die Tatsache, daß auf ihrem Konzertflügel in ihrem Heim im norwegischen Landoya ein handsigniertes Photo von Hitler einen Ehrenplatz einnahm, führt dazu, daß die deutschen Truppen nach der Besetzung Norwegen den Hof „off limits“ erklärten und von Beschlagnahmen und Zerstörungen ausnahmen.

29. August 2021

Symboldbild 3.2 - Noch einmal zu Afghanistan





Ein Beiseit vorweg: Die Dezimale zeigt an, daß es sich wie im Fall von Software-Releases nicht um eine neue Vollversion, sondern um eine Nachmeldung zu dem vor einer Woche behandelten Versagen unserer Politik in Afghanistan handelt. Trotzdem macht die Treffsicherheit, mit der die sonst zu nichts mehr fähigen Politiker des Westens immer wieder aufs Neue sind, hierfür sinnträchtige Auftritte vor der Weltöffentlichkeit zu inszenieren.

# # #

Es ist mißlich, wenn die eigene, aus Gründen bruchstückhafte Erinnerung nicht genügend Anhaltspunkte liefert, um eine Frage zu klären, und die üblichen Wasserstellen im Weltnetz hier keine weiterführende Handreichung bieten. So kann ich denn nicht genau sagen, welcher sowjetische Propagandafilm mir im Lauf der letzten Woche einige Male ins Gedächtnis gekommen ist. Genauer gesagt: eine bestimmte Szene aus diesem Streifen. (Vielleicht ist ja der eine oder andere Leser in der Lage, meinen lückenhaften Erinnerungen auf die Sprünge zu helfen.) Aber ich habe den betreffenden Film vor fest 30 Jahren gesehen, in einer spätnächtlichen Ausstrahlung des ZDF, in unsynchronisierter Fassung mit Untertiteln. Da war, bevor ich mich ein wenig mit der russischen Sprache befaßt habe; mit einmal die kyrillischen Buchstaben konnte ich zu jener Zeit lesen. Bei diesem Film handelte es sich um eine Ausgrabung in den damals, zum Höhepunkt von Glasnost‘ weitgehend zugänglichen russischen Archiven. Nach Aussage des Ansagers (ja, so etwas gab es damals im Fernsehen noch!) war der als Monumentalstreifen angelegte Film kurze Zeit nach seiner Kinopremiere der Zensur zum Opfer gefallen und seither in Vergessenheit geraten. (Dieses Schicksal traf solche Großproduktionen nicht selten: auch der letzte Science-Fiction-Film der Stalinzeit, „Die Kosmische Reise“, Космический рейс, 1936 durch das größte Filmstudio der UdSSR, Mosfilm, unter der Regie von Wassili Schuralow gedreht, der letzte Stummfilm der russischen Filmgeschichte und mehr als deutlich von Fritz Langs „Frau im Mond,“ sagen wir, „inspiriert,“ traf dieses Schicksal zwei Wochen nach seiner Moskauer Kinopremiere, einschließlich des Vergessenwerdens.)

WARUM der Bannstrahl der Zensur den späteren Film traf, ist leicht verständlich. Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs, des „Großen Vaterländischen Kriegs“ entstanden, also Ende 1945 oder 1946 produziert, wird dort in kurzen exemplarischen Szenen die Geschichte des Kriegs umrissen – aber anders als in den „offiziellen“ Produktionen ist der Film über weite Strecken als leichte Unterhaltung, ja als Musical gestaltet: zu Beginn sieht man eine Brigade Kolchosbauern singend bei der Ernte; als am Ende die T-34-Panzer vor dem Berliner Reichstagsgebäude ausrollen, springt ein Rotarmist heraus und beginnt zur Ziehharmonikabegleitung Kasatschok zu tanzen … Der Kontrast zum schweren, bleiern lähmenden Pathos von Filmen wie Освобождённая земля / Die befreite Erde (Regie: Alexander Medwedkin, 1946) oder Великий перелом / Der Wendepunkt (Regie: Fridrich Ermler, 1945) könnte größer nicht sein. Und dieser Machart verdankt sich auch die oben erwähnte Szene: Im Frühjahr 1939 begehrt dort der Moskauer Botschafter in Paris Audienz vom französischen Premierminister Edouard Daladier, um ihn zu warnen: er solle dem Abkommen von München nicht vertrauen; Hitlers Diktatur plane einen Krieg und einen Angriff nicht nur auf Russland, sondern auch auf Westeuropa und wolle Frankreich besetzen; die einzige Lösung sei, sich zusammenzuschließen und darauf vorbereitet zu sein (der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom August 1939 war also, wie man sieht, aus der offiziellen Geschichtsversion getilgt).

Daladier ist in dieser Szene als groteske Karikatur gezeichnet: im Morgenmantel, ein Glas Cognac in der Hand, offensichtlich schwer betrunken, während hinter ihm in seinem Büro eine lärmende Party über die Bühne geht, dargestellt von einem kleinwüchsigen, grell geschminkten Knallchargenspieler, der sichtlich mit Hinblick darauf ausgesucht wurde, daß seine Physiognomie jenem Zerrbild entsprach, mit dem die Nazi-Karikaturisten (und später auch die Zeichner der sowjetischen Propaganda) etwa die Juden entstellten. Die Blindheit, die Ahnungslosigkeit der wirklichen Lage, die „französische Überheblichkeit,“ die hier die Folie abgeben, sind bis zum Anschlag überdreht. Nur: von solchen Propaganda-Machwerken erwartet man es nicht anders. Nicht erwartet wird hingegen, daß reale Politiker im realen Leben sich aufführen, als würden sie wetteifern, wer einem solchen Zerrbild möglichst nahe kommt.

22. August 2021

Symboldbild III. Unser Vietnam



Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – aber das ist ja schließlich Thema dieser kleinen Reihe, die so nicht geplant war, zu der unsere flächendeckend unfähige Politik aber immer neue Illustrationen liefert: es ist immer aufs Neue frappant, wie grandios die Riege von Berufspolitikern, Ministern, Letztverantwortlichen, denen wir die Führung dieses Landes anvertraut haben, an jeder tatsächlichen Krise, an jeder Herausforderung an Können und Führung scheitert – außer in der traumwandlerischen Fähigkeit, dafür symbolische Bilder zu liefern.

So auch im Fall (im doppelten Sinn) unseres Vietnam. Daß der Fall der afghanischen Hauptstadt Kabul an die Taliban, elf Tage nach dem Beginn ihrer Offensive, auf der ihnen das gesamte Land kampflos in die Hände fiel, an den Fall Saigons im April 1975 erinnert, als die letzten US-Bürger mit Hubschraubern von den Dächern des Botschaftskomplexes ausgeflogen wurden, ist in der letzten Woche unzählige Male in den Medienberichten erklärt worden. Aber es wird dadurch nicht falsch. Es ist sogar noch schlimmer; noch peinlicher und bloßstellender für die politischen und militärischen Führungen der westlichen Länder, die an dem jetzt nach zwei Jahrzehnte zu Ende gehenden längsten Militäreinsatz seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs teilgenommen haben. In Vietnam hatten die letzten amerikanischen Truppen Anfang 1973 das Land nach dem Abschluß des Pariser Abkommens im Jahr zuvor das Land verlassen; die Niederlage Saigons war seitdem absehbar; die „Operation Frequent Wind“ war unter Außenminister Kissinger seit Anfang des Jahres geplant worden. Und bei dieser Rettungsoperation, die in nur neun Stunden über die Bühne ging, wurden knapp 980 US-Bürger und 1.100 vietnamesische Helfer ausgeflogen. Das war nur die letzte Phase der Evakuierung: gut 40.000 Menschen waren in den acht Tagen zuvor vom Luftwaffenstützpunkt Tan Son Nhut ausgeflogen worden. So dramatisch die Bilder sich auch gleichen (die US-Regierung war vom schnellen Vorrücken der nordvietnamesischen Armee ebenfalls überrascht), steht dies im Kontrast zu dem völligen Versagen und dem Chaos, das uns seit einer Woche am Hamid Karzai Airport in Kabul vorgeführt wird.

17. August 2021

Auf dem Weg in die Barbarei. Ein Gedankensplitter.

Eine Unterart der in Australien geheimateten Kängurus sind die sogenannten Quokkas, Kurzschwanzkängurus, die so um die 60 cm groß werden. Eine auffällige und weniger attraktive Eigenschaft der Quokkas, die ansonsten recht possierlich wirken, ist ihre Bereitschaft den eigenen Nachwuchs zu opfern, wenn es opportun erscheint, bzw. wenn die Tiere sich bedroht fühlen. Die Kängurumutter wirft in diesem Fall das Jungtier aus dem Beutel und verdrückt sich, in der Hoffnung das der potentielle Räuber sich vom Jungtier ablenken lässt und sie selbst somit entkommen kann. Evolutionär ein scheinbar erfolgreiches Verhalten, wenn auch nicht unbedingt kompatibel zu menschlichen Ethik-Vorstellungen.

Heute kann man zurecht feststellen: Die deutsche Gesellschaft hat das moralische Verhalten von Quokkas erfolgreich übernommen und steht somit auf einer neuen ethischen Stufe.

16. August 2021

Streiflicht: Versteckt den Onkel!

Früher wurde das Motiv eher im Witz oder in der Klamotte gerne verwendet: Vor der großen Feier, der Hochzeit, dem Geburtstag oder auch nur der großen Party, wird der komische Onkel oder ersatzweise auch die halb demente Oma gerne versteckt. Muss ja nicht jeder wissen, dass der Onkel seine Finger nicht bei sich behalten kann oder die Oma nicht mehr ganz auf diesem Planeten lebt.

Mit der amerikanischen Präsidentenwahl 2020 wurde das Motiv dann endgültig auf die Politik ausgedehnt, nur mit der lustigen Pointe, dass man statt dem komischen Onkel lieber den eigentlichen Kandidaten verstecken musste, damit das gemeine Wahlvolk nicht merkt, dass dieser eigentlich nicht mehr auf diesem Planeten weilt und gerne mal bei Damen höchst unterschiedlichen Alters an den Haaren schnüffelt. Und wie es sich dann für die Realität gehört, wurde aus der Groteske dann endgültig die Farce, indem der komische Onkel dann auch tatsächlich zum Präsidenten gekürt wurde (heute hat man es als Satiriker nicht mehr allzu leicht es mit der Realität aufzunehmen. Well played, reality!). 

15. August 2021

"Aus der Tangentialen." Zum Tod von Karl Heinz Bohrer





Hand aufs Herz, lieber Leser: Wann haben Sie das letzte Mal etwas von Günter Grass gelesen?

* * *

Diese Frage ist als Auftakt eines kleinen Nachrufs für Karl Heinz Bohrer, der in der vorigen Woche im Alter von 88 Jahren in London gestorben ist, nicht ganz so frivol, wie es zuerst scheinen mag. Umformuliert zu „Wann haben Sie zuletzt eine Ausgabe des ‚Merkur‘ gelesen?“ macht sie schlagartig zwei Aspekte deutlich. Zum einen, wie weit uns die Debatten der „alten Bundesrepublik,“ der oft verlachten „Bunzreplik“ Bonner Zuschnitts und ihre intellektuellen Vertreter doch inzwischen entfernt sind; zum anderen, welch eine geistige Fallhöhe es zwischen diesen intellektuellen Fehden und Kontroversen der Jahre der Kanzlerschaft von Schmidt und Kohl – der Haltung zur terroristischen Gewalt der RAF, der „Nachrüstungsdebatte“ etwa – und dem gibt, was an „Kontroversen“ in der Berliner Republik seit Jahren aufgeführt wird. Wobei „Debatten,“ „Kontroversen“: das sind die falschen Worte: es gibt nur ein schrilles Gekreisch des Immergleichen und der Immergleichen, wenn einem Autor nachgesagt wird, er habe bei einem politisch mißliebigen, also „rechten“ Verlag publiziert. Nach spätestens einer Woche verstummt es, und beim nächsten „Vorfall“ wiederholt es sich wortgleich. Es gibt keinen Erkenntnisfortschritt, keine Rückbesinnung, keine Klärung unterschiedlicher Positionen, kein Ausleuchten der unterschiedlichen Aspekte mehr – also das, was das Wesen einer solchen Kontroverse ausmacht, die ja nicht darin besteht, daß man die Gegenseite von der Richtigkeit der eigenen Sicht überzeugt, und das die andere Seite gute Gründe für ihre Position beanspruchen kann. Es gibt nur noch schwarz und weiß, keine Grauzonen mehr, der einzige Wettbewerb besteht in der Schrille, mit der Abweichendes verdammt wird. Was die geistige Enge und Provinzialität angeht, so steht die Berliner Republik seit Mitte der 2010er Jahre ihrer Vorgängerin am gleichen Ort vor 1989 um nichts nach.

12. August 2021

Stolpern bis der Arzt kommt. Heute mit Armin Flaschet.

Armin Laschet, von diesem Autor kosend auch gerne als Flaschet bezeichnet, macht seinem Namen alle Ehre. Der Ball lag in den letzten Wochen mehrmals auf dem Elfmeterpunkt und Flaschet kam, sah, und ballerte den Ball in traumtänzerischer Sicherheit weit über den Kasten. Und das selbst dann, als weit und breit kein Torhüter auf dem Platz war.

10. August 2021

Rand Paul, "Der Moment der Wahrheit"





Heute, an dem Tag, da nach langer Pause wieder die BIK, , die Bundesinnenministerkonferenz – erweitert um den Gesundheitsminister und die Bundeskanzlerin – ein Gremium, das im Grundgesetz nicht vorgesehen ist und laut Gesetzeslage über keinerlei Weisungs- und Beschlußfähigkeit verfügt, sondern allein einen informellen Informationsaustausch dient und bei der es absehbar ist, daß uns „weitere drei, vier schwere Monate“ bevorstehen werden, die „epidemische Notlage von nationaler Trageweite“ bis weit in die Zeit nach der Wahl verlängert wird, und Schikanen gegen alle, die sich dem Druck, sich impfen zu lassen aufgebaut werden, die einem vor einem Jahr in Verbindung mit den Worten „freiheitlichen Rechtsstaat“ als unmöglich erschienen wäre – heute also hat die BILD-Zeitung, die sich in der letzten Zeit zu einem Bollwerk gegen die Einschränkungen, die planlosen Verlängerungen und den Machtrausch dieser Politik entwickelt hat, mit diesem Titelbild aufgemacht.

Unter den Reaktionen in den sozialen Medien fand sich auch der Satz: „Wenn das so weitergeht, wird Reichelt bald bald auf der Titelseite auf Artikel 20 (4) berufen.“ In Aussicht steht etwa, für Ungeimpfte ab Oktober die PCR-Tests, ohne deren negatives Ergebnis, das nicht älter als 48 Stunden sein darf, sie keine Veranstaltungen, Kino, Restaurants mehr betreten dürfen – ja nicht einmal mehr Lebensmittelgeschäfte oder Supermärkte. Dies käme einer Angewiesenheit auf Lieferdienste und einem völligen Ausschluß vom sozialen Leben gleich. Unter den gegenwärtigen Bedingungen eines „Lockdown light“ reicht es, beim Betreten eines Geschäfts der Maskenpflicht nachzukommen. Da die Kosten eines solchen PCR-Tests zwischen 30 und 50 Euro liegen, kann man sich vorstellen, welche Belastung durch solche eine Verordnung entstehen würde.

Deshalb scheint dies eine gute Gelegenheit, auf ein kurzes Video-Statement hinzuweisen, das Rand Paul, Senator im Kongreß der Vereinigten Staaten für den US-Bundesstaat Kentucky, vor zwei Tagen auf einer Facebook-Seite, auf Twitter und auf YouTube eingestellt hat und das in unserer Medien-Öffentlichkeit wohl nicht ohne Grund keinerlei Beachtung gefunden hat. Zettels Raum dokumentiert die dreieinhalb Minuten lange Rede im Folgen im Wortlaut und in Übersetzung.

7. August 2021

Wahlkampfauftakt



Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.



Heute, am Samstag, den 7. August, ist in Deutschland – jedenfalls in dem mikroskopischen Ausschnitt, den ich selbst in Augenschein nehmen konnte, nämlich Münster - der Bundestagswahlkampf 2021 in seine heiße Phase eingetreten – die sich dadurch auszeichnet, daß die antretenden Parteien an Lampenpfählen und Plakatwänden mit dem Aushängen der Konterfeis ihrer Kandidaten begonnen haben – hier bei uns zunächst nur die Grünen; dann in erheblich geringerem Maß, die Genossen mit den zukunftsfroh stimmenden Gesichtern der Großen Vorsitzenden Esken und dem Wunderkind Kevin Kühnert, von dem unsereins fast geglaubt hätte, er sei auf einer Expedition zum Andromedanebel verschollen. (Erste Abschweifung: da es ja 1. einen gehörigen Sturm im Wasserglas um die akademischen Meriten von Annalena „ich komm‘ aus dem Völkerrecht“ Baerbock gegeben hat und 2. die meistgefragte Wissensquelle Wikipedia im Ruch steht, über linke V.I.P.s nur Schmeichelhaftes zu verbreiten: die „allwissende Müllhalde teilt für den Genossen K. in dieser Hinsicht Folgendes mit: „Ein 2009 begonnenes Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin, in das er sich zuvor eingeklagt hatte, brach er ab und arbeitete anschließend dreieinhalb Jahre lang in einem Callcenter.“) Als Dritte im Bunde wurden Plakate der wahrscheinlich chancenlosen Kleinpartei VOLT gesichtet, deren Ausrichtung den meisten Lesern – und Wählern – völlig schleierhaft sein dürfte. Wenn man erfährt, daß sich die nationalen Ableger dieser Organisation in allen europäischen Ländern ein wortgleiches Programm zugelegt haben, daß sie sich „Progressismus“ und „globale Teilhabe“ auf die Fahnen geschrieben haben und sich als „pro-europäische Bürgerrechtsbewegung“ verstehen, beschleicht den skeptischen Beobachter der leise Verdacht, hier könnte es sich um eine Tarnorganisation der EU-Zentrale in Brüssel handeln.

2. August 2021

Impfung oder auch nicht. Ein Blick von der anderen Seite des Zauns.





Als zweiter verbliebener Hausautor dieses Netztagebuchs möchte ich den Beitrag des sehr geschätzten Kollegen Llarian von vorgestern zum Für und Wider der Entscheidung, sich prophylaktisch gegen den Erreger des Schweren Akuten Respiratorischen Syndroms (kurz SARS-CoV-2 genannt), zum Anlaß nehmen, um meine eigene Sicht auf dieses Dilemma kurz zu umreißen.

1. August 2021

Zwei Herzen in meiner Brust. Impfung oder auch nicht. Ein Gedankensplitter.

Vor einigen Monaten hatten wir in Zettels kleinem Zimmer eine recht interessante Diskussion zum Thema Impfung, seinerzeit insbesondere bezogen auf den Impfstoff von Astra-Zeneca. Ich habe zu diesem Zeitpunkt einen sehr "impf-affinen" Standpunkt vertreten, was allerdings dummerweise kaum ins Reale übertragen werden konnte, da zu diesem Zeitpunkt der Impfstoff in Deutschland noch sehr knappe Ware gewesen ist und noch lange Zeit knapp sein würde.

25. Juli 2021

Acqua alta. Noch einmal zum Hochwasser



Fünf Minuten im Studio
und schon steht für euch fest,
dass wir Verbrecher sind,
Ungeziefer, das die Erde
befallen hat.

(Hans Magnus Enzensberger, "Propheten im Studio". Aus "Wirrwarr", 2020)



Jetzt, elf Tage, also anderthalb Wochen nach dem verheerenden Überflutungen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz mit mehr als 200 Toten (allein in Deutschland sind aktuell 184 geborgen worden) und einem noch immer nicht abzuschätzenden Ausmaß an Zerstörungen, wird immerhin eines deutlich: diese Katastrophe ist das Zeichen, das Signum, das als Bild für das Ende der Ära Merkel stehen wird, das den Zustand des Landes, dem sie nun seit 16 Jahren vorsteht, in Bilder faßt. Nicht nur, weil diese Bilder der Schlammfluten, der zerstörten Gebäude, der grabenden Helfer im Schlick alle anderen Bilder des Jahres überlagern werden, sondern weil darin der katastrophale Zustand, in dem sich dieses Land mittlerweile befindet, unmittelbaren Ausdruck findet.

Und die Spaltung dieses Gemeinwesens wurde hier, zum ersten Mal, unmittelbar mit gewissenmaßen mit den Händen greifbar, deutlich. Während auf der Ebene der engagierten Helfer, der Feuerwehren, der THW (meistens jedenfalls), auch der im Katastrophengebiet aufgebrochen Bundeswehreinheiten die Rettungs- und Räumarbeiten unverzüglich und mit großen Engagement in Angriff genommen wurden, hat dieses Land, dieser Staat, auf seiner institutionellen Ebene in jeder Hinsicht versagt. Daß der WDR es in der Katastrophennacht nicht schaffte, sein Programm zu ändern, den Zuhörern Warnungen zu übermitteln und sie nach Möglichkeit über die Lage vor Ort aufzuklären, steht bespielhaft für dieses totale Versagen. Daß die Leitung des größten Sendehauses der ARD, jährlich mit einem Budget von 1,38 Milliarden Euro zwangsfinanziert, mit einem Stab von 4000 Mitarbeitern, nicht in der Lage ist, die Bürger vor der unmittelbaren Bedrohung für Leib und Leben zu waren, ist ja nur das eine. Daß im Rheinisch-Bergischen Kreis in NRW nach Aussage der Einsatzleitung die dort immerhin noch vorhandenen Sirenen bewußt nicht Alarm gaben, um „die Leute nicht in Panik zu versetzen,“ macht selbst hartgesottene Zyniker denn doch ein wenig sprachlos. Um die Leiterin der Pressestelle des Kreises, Birgit Bär, wörtlich zu zitieren:

21. Juli 2021

Streiflicht: Der erste gute Vorschlag.

Ein schönes, urdeutsches (und wahnsinnig langweiliges) Ritual ist es immer wieder, wenn nach Extremereignissen die Politiker aus ihrem Winterschlaf (okay, Sommerruhe) kommen und Vorschläge machen. Gerne auch solche, die am Ende mit dem Ereignis nur am Rande zu tun haben, aber vor allem ihrer politischen Richtung Wind geben.

20. Juli 2021

Jetzt will es keiner gewesen sein. Mehr Geschichten von der Flut.

Das mit dem Klimawandel war dann vielleicht doch ein bischen zu offensichtlich und inzwischen wird offenbar, dass es doch etwas seltsam anmutet, dass bei der letzten großen Flut vor etwas mehr als fünfzig Jahren, mitten in einer heute als so dunkel und verspiessert wahrgenommenen Zeit, die Vorkehrungen und Maßnahmen irgendwie besser funktioniert haben als im modernen 2021.

17. Juli 2021

Frau Baerbock, die Grünen, und die "Kobayashi Maru"



Logbuch “Zettels Raum,” Sol III, Sternzeit -301457,58.

Kirk : You're bothered by your performance on the Kobayashi Maru. Saavik : I failed to resolve the situation. Kirk : There's no correct resolution. It's a test of character.

I.
Lieber Leser: Ist Ihnen der „Kobayashi-Maru-Test“ ein Begriff?

Es ist kein Zeichen von Unbildung, auch nicht popkultureller Unbedarftheit, wenn dem so sein sollte. Aber nicht weniger Begriffe aus dem Bereich des Star-Trek-Universums, vor allem dem, was unter „Trekkies“ nur als „TOS“ bezeichnet wird (das Kürzel steht für „The Original Series,“ bei uns allgemein als „Raumschiff Enterprise“ geläufig, die drei Staffeln um Captain Kirk, „Pille“ MyCoy und Mr Spock, die in der USA in den Jahren 1967 bis 1969 ausgestrahlt wurden). Etwa der Ausdruck „Beam me up, Scottie!“ – der in dieser Form in dem 79 Folgen nie so fiel, der aber im englischen Sprachgebrauch zur stehenden Redenswendung wurde, stets mit ironisch-verzweifeltem Augenrollen geäußert wird und etwa unserem „Nun reichts aber endgültig!“ entspricht. Das Konzept des Beamens selbst, das Entmaterialisieren und Wiedererscheinens von Gegenständen und Personen durch technische Zauberei. Die Logik sagt zwar, daß für die Rückverwandlung aus einem Energiepuls mindestens eine der Sendestation entsprechende Empfangsvorrichtung vorhanden sein sollte (man stelle sich vor, mit einem Smartphone jemanden ohne „Händy“ anrufen zu können, weil die Schallwellen „in der leeren Luft“ erzeugt werden können, um die Absurdität des Konzept zu ahnen). Gene Roddenberry hatte sich für diesen Trick entschieden, um nichts von den 42 Minuten jeder Sendefolge mit umständlichen Anreise- und Landeszenen zu verschwenden, um „unsere Helden“ (und die unvermeidlichen „Rothemden“ als Kanonenfutter) an den Ort des Geschehens zu befördern. „Pilles“ ausdrucksloser Blick, wenn er den Sensorkopf seines Tricorders über einen leblosen Körper führte und das stets überraschende „Er ist tot, Jim!“ konstatierte. (Bei diesem „Sensorkopf“ handelte es sich übrigens um einen schlichten Salzstreuer aus Kunststoff.) Und eben den „Kobayashi-Maru“-Test.

16. Juli 2021

Keine Krise ungenutzt lassen

"Wer jetzt noch nicht begriffen hat, dass der Klimawandel seine Folgen hat, dem kann man nicht mehr helfen." 
                                                - Marie-Luise Anna Dreyer, MP
So manchem ist nicht mehr zu helfen. Angesichts der Fluten, die sich in den letzten Tagen über große Teile von NRW und dem nördlichen Teil von Rheinland-Pfalz ergossen haben, haben nicht wenige Menschen ihre Existenz verloren, einige ihr Leben und noch viel mehr ihr Dach über dem Kopf. Das ist nicht witzig und für den Betroffenen mit Sicherheit ein Schicksalsschlag härtester Sorte. Was es jedoch dummerweise nicht ist: Ein Zeichen für den Klimawandel. 

14. Juli 2021

Symbolbild II: "Der Dank des Vaterlandes"



Motto: „Wie Sie sehen, sehen Sie nichts.“

Vor ein paar Wochen schrieb ich an dieser Stelle, daß die Politik in diesem Land, wie es scheint, zu nichts mehr fähig außer dazu, für ihre Versagen vor den Aufgaben eines Staates mit traumwandlerischer Sicherheit symbolische Gesten und Sinnbilder zu finden. Ich schrieb es nicht zum ersten Mal – seit nun sechs Jahren ist es so etwas wie ein Basso continuo, ein Generalbaß, der sich in meinen Begleitungen zu der Politik in diesem Land zeigt. Auch bei der Rückkehr der letzten Bundeswehrsoldaten vom Einsatz in Afghanistan, dem Kommando Spezialkräfte (KSK) in den niedersächsischen Fliegerhorst Wunstorf, vor nun zwei Wochen, am 30 Juni, wurde dies wieder einmal deutlich. Weder die oberste Dienstherrin der Soldaten, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, noch die Bundeskanzlerin oder der Bundespräsident als Vertreter dieser Regierung, kein Bundestagsabgeordneter, kein Staatssekretär hat es für nötig gefunden, den Abschluß des fast zwei Jahrzehnte dauernden längsten Nachkriegseinsatzes deutscher Soldaten im Ausland zu würdigen.

29. Juni 2021

Rudolf Presber – „Pierrot guckt nach dem Mars“ (1914)





("Selfie" des chinesischen Mrs-Rovers Zhurong, aufgenommen am 4. Juni 2021 auf der Ebene Utopia Planitia. Die Bilddaten wurden am 5. Juni vom Orbiter Tianwen-1 zur Erde übertragen.)

Pierrot guckt nach dem Mars

Neues Forschen, neues Ahnen –
Und der Blick fliegt durch das Rohr.
Raucht es dort nicht von Vulkanen,
Treten dort nicht Berge vor?
Welch ein Wallen, welch ein Glimmen,
Tausend, tausend Meilen weit –
Kleine Glitzerinseln schwimmen
Auf der Meere Einsamkeit …
Und ich wache und ich zähle
- Unbekümmert des Katarrhs –
Fern die Seen und die Kanäle
Auf dem Mars.

Stunde, da die Sterne sprechen,
Sei willkommen meinem Wahn!
Dort die breiten weißen Flächen,
Deuten sie den Ozean?
Jene langen hellen Flecken,
Wie die Finger einer Hand,
Dehnt sich dort in öden Strecken
Wohl der Wüste flücht’ger Sand?
Dort, wo sanft in dunklen Blasen
Sich die Helle unterbricht,
Grünen schattige Oasen
Auf zum Licht? …

Müssen dort in Weltenweiten,
Ach, zu kurzem Schau’n beseelt,
Brüder unsresgleichen leiden
An der Sehnsucht, die uns quält?
Fahren dort auf schwanken Kielen
Durch das tück’sche Element
Schiffe auch nach fernen Zielen,
Die der Steuermann nicht kennt? …
Grübelnd über dem Geschicke
Wand ich, müde des Gestarrs,
Meine glanzbetäubten Blicke
Ab vom Mars.

Lange hab‘ ich noch gestanden
Auf der Warte, schlummerlos,
Und der Mars und die Trabanten
Standen hell und riesengroß.
Und sie schnitten mir Gesichter:
„Armer sphärischer Tourist,
Weh, daß du ein halber Dichter
Und ein halber Forscher bist!“
Und der Sterne hellster glühte:
„Ach, wie manchen, manchen Narrs,
Der, wie du, umsonst sich mühte,
Lacht‘ der Mars!“

19. Juni 2021

J.B.S.Haldane, "Das jüngste Gericht" (1927)





(J.B.S.Haldane)

„Denique montibus altior omnibus ultimis ignis
Surget, inertibus ima tenentibus, astris benignis,
Flammaque libera surget ad aēra, surget ad astra,
Diruet atria, regna, suburbia, castra.

Bernard von Cluny, De contemptu mundi, I, 33-36

Das Gestirn, das wir bewohnen, ist einst entstanden und wird ohne Zweifel einmal ein Ende finden. Es ist schon oft versucht worden, dieses Ende zu schildern, in unterschiedlich ausgefallener Weise. Die christliche Version enthält manches, das unserer Bewunderung wert ist, leidet aber unter zwei entscheidenden Nachteilen. Zum einen schildert sie die Ereignisse aus der Perspektive der Engel und nur eines kleinen Teils der Menschheit. Ein unparteilicher zukünftiger Historiker darf Anspruch auf die Pläne und Kommuniqués des Tieres aus der Offenbarung und seines Gefolges anmelden. Schließlich waren das Tier und sein falscher Prophet durchaus in der Lage, Wunder zu bewirken und ausgezeichnete Propagandisten. Eine Meldung wie „Weiterer Luftangriff auf Babylon abgewehrt. Siebzehn Erzengel von der Flugabwehr abgeschossen“ wäre für die Frühphase des Kriegs kennzeichnend, während „Mehr Greueltaten des Feindes: Prophet in brennenden Schwefel geworfen“ auf die Friedensverhandlungen hinweisen würde.

16. Juni 2021

Der Anti-Atommüll - Erfolgslauf

Der Anti-Atommüll - Erfolgslauf

ein Gastbeitrag von Frode.


Kernkraftwerke sind eine grundlastfähige, hoch verfügbare und CO2 - freie Form der Energieerzeugung. In Deutschland ist dennoch der Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen und eine Rückkehr ist extrem unwahrscheinlich. Die Proteste der Anti-Atombewegung haben letzten Endes zum Erfolg geführt. 

14. Juni 2021

Symbolbild





Ein Bild, so lautet das Sprichwort, sagt mitunter mehr als tausend Worte.

Vor einer Woche habe ich an dieser Stelle geschrieben, daß – nach meinem subjektiven, aber hartnäckigen Empfinden – die Politik dieses Landes zu nichts mehr fähig ist: weder zur Analyse der Lage, noch zu einem zielgerichteten Handeln. Mit einer vielsagenden Ausnahme: der Symbolpolitik. Mit der traumwandlerischen Fähigkeit, Situationen und Bilder hervorzubringen, in denen der desolate Zustand dieses Landes und seiner politischen Klasse schlagartig zur Kenntlichkeit entstellt wird.

Und wie zur Bestätigung dieser These findet sich heute mit dem Signum der ZDF, des Zweiten Deutschen Fernsehens, mithin einer öffentlich-rechtlichen Institution, die durch zwangsweise erhobene und nicht zu umgehende Tributzahlungen des Souveräns, des Staatsbürgers, unterhalten wird (hier bekommt dieses Verb, Verzeihung, dieses Tu-Wort, einen netten Doppelsinn) eine „Kachel,“ zur Verbreitung flotter Sprüche und Motti in den sozialen Medien gedacht, die deutlich macht, wie man bei diesem Staatssender sein Publikum einzuschätzen scheint.



11. Juni 2021

Arroganz und die Frage der Intelligenz. Ein (kleiner) Gedankensplitter.

Ein kleines Streiflicht. Nicht unbedingt die wichtigste Erkenntnis der letzten Jahre, aber doch vielleicht mal zwischenzeitlich unterhaltsam. 

Bei aller Kritik an Youtube (und da habe ich eine Menge von), so ist eines der mächtigsten und besten Features das Vorschlagen von Videos "die einem gefallen könnten". Und heute hat mir Youtube eine kleine Unterhaltung geschickt, die wirklich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert ist und die ich wirklich jedem empfehlen würde sich einmal vollständig anzusehen:





8. Juni 2021

Mrs. Malaprop Reloaded, oder: “Ich Tarzan, du Jane“





Es ist unübersehbar, daß sich die deutsche Politik – und die Protagonisten, von denen sie betrieben wird – im einem Stadium des fortgeschrittenen Verfalls befindet: zu armselig sind ihre Umtriebe, zu schlicht die Anlässe, die in ihren Reihen und in den Medien für kurzfristige Wellenschläge sorgen – und zu krass das flächendeckende Versagen angesichts der ersten wirklichen Krisen, denen sich dieser Staat – die Bundesrepublik als demokratisch verfaßter Rechtsstaat – zum ersten Mal in den jetzt sieben Jahrzehnten ihres Bestehens gegenübersieht: der Coronakrise und der selbstverschuldeten Migrationskrise. Und es gehört zu den Kennzeichen dieses Verfalls, dieser Dekadenz, daß aus dieser Hilflosigkeit, diesem Versagen keine Konsequenzen folgen: kein Innehalten, keine Rücktritte, keine Einsicht darin, versagt zu haben und nach Wegen zu suchen, die Ursachen dafür zu analysieren und anzugehen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen oder sie zumindest daran zu hindern, fröhlich am Zerfall dieser Republik weiterzuwerkeln und auf einen Schelm anderthalbe zu setzen. Die Farce des Ausstiegs aus der Kernenergie und der Umbau der Energieversorgung dieses einstmals führenden Industriestaats auf die Grundlage von Wind und Sonnenschein dauert nunmehr ein geschlagenes Jahrzehnt an, und es zeichnet sich keine Abkehr ab, kein Ausstieg vom Ausstieg, nicht der Hauch einer Einsicht, daß Wohlstand und das technische Niveau des frühen 21. Jahrhunderts auf diese Weise nicht zu haben sind. Der Wahnwitz der Grenzschleifung und die Einladung an sämtliche Mühseligen und Beladenen, sich von diesem Staat in Millionenzahl aushalten zu lassen, ohne Rücksicht auf die nationale und internationale Rechtslage, ohne Rücksicht auf die sozialen und materiellen Kosten, dauert weiterhin an. Über das fortwährende Versagen dieser Politik im Zuge der Corona-Krise ist an dieser Stelle in den letzten Monaten genug geschrieben worden. Daß es hier nicht zu einem weiteren Totalausfall gekommen ist, dürfte dem Umstand zu verdanken sein, daß sich alle Staaten der Welt hier zu Maßnahmen veranlaßt sahen und Deutschland hier dem Beispiel anderer Staaten gefolgt ist – wenn auch, bezeichnenderweise, ohne Gewichtung und Analyse der Einschränkungen. Daß jetzt, da ringsum, einschließlich der USA als von dem SARS-CoV-2 am stärksten betroffenen Land, angesichts rasant sinkender Fallzahlen die Lockdowns und Schließungen aufgehoben werden – diese Regierung aber darangeht, bei gleicher Entwicklung die „nationale epidemische Notlage,“ statt sie wie gesetzlich vorgesehen, am 30 Juni zu beenden, bis über die Bundestagswahl am 26. September hinaus zu verlängern, fügt sich nahtlos in dieses Bild.

1. Juni 2021

Schreckliche Juristen

Unser geschätzter Zimmermann Emulgator hat vor einigen Tagen einen Beitrag im kleinen Zimmer hinterlassen, der mich noch immer in einer Mischung aus Wut, Trauer und Ratlosigkeit zurücklässt. Natürlich nicht seines Beitragsinhaltes wegen, sondern wegen eines Ereignisses, dass er referenziert, von dem man unter normalen Umständen ernsthafte Zweifel haben müsste, dass es sich so zugetragen hat. Da es aber gerade das verantwortende Gericht selber ist, dass den Beschluss nicht nur gefasst, sondern auch veröffentlicht hat, kann am Inhalt nur wenig Zweifel bestehen.

27. Mai 2021

Streiflicht: Die Nummer mit dem Doktor

Franziska Giffey hat es am Ende doch nicht geschafft: So wie es derzeit aussieht, wird man ihr den Doktor wohl aberkennen, der politische Schmuh mit der Rüge war dann doch wohl zu schräg. Was die SPD nicht daran hindert den Rücktritt (bevor man sie dazu nötigt) so laut zu beklatschen, wie es nur geht. Aber Integrität wird heutzutage ja weit überschätzt.
Annalena Baerbock, die große Kanzlerhoffnung der Linken kämpft derzeit mit ähnlichen Problemen, wenn auch auf kleinerem Niveau. Der von ihr reklamierte Bachelor war ein reines Phantasieprodukt, ihre tatsächliche Ausbildung beschränkt sich auf ein gescheitertes Politikstudium in Deutschland und ein einjähriges Masterstudium in England, an dessen Endergebnis man durchaus Zweifel haben kann. 

23. Mai 2021

André Maurois – „Der Krieg gegen den Mond“ (1927)





(Fragment einer Weltgeschichte, erschienen im Verlag der Universität C-mb-e, 1992)
Kapitel XVIII.

Die globale Lage im Jahr 1962
Bis zum Jahr 1962 waren die letzten Spuren der Zerstörungen, die der Weltkrieg von 1947 hinterlassen hatte, beseitigt worden. New York, London, Paris, Berlin und sogar Peking waren wiederaufgebaut worden. Die Geburtenrate war so stark angestiegen, daß die Weltbevölkerung – trotz der mehr als 30 Millionen Todesopfer, die der Krieg von 1947 gefordert hatte – zur Zeit der weltweiten Volkszählung von 1961 das Vorkriegsniveau wieder erreicht hatte. Die Wirtschafts- und die Finanzkrise gingen zu Ende, und das Interesse an Sport und Kultur nahm wieder zu. Jeder Haushalt besaß jetzt ein Funkkino. Die Ballonolympiade von 1962 zwischen den Teams aus Tokio und Oxford lockte mehr als drei Millionen Zuschauer aus allen Teilen der Welt nach Moskau und war der Anlaß einer weltumspannenden Willkommensfeier.



Die Diktatoren der öffentlichen Meinung

Man muß gerechterweise einräumen, daß diese rasche Erholung, dieses unerwartet schnelle Verheilen der materiellen und moralischen Wunden, die der Krieg hinterlassen hatte, zum größten Teil das Werk jener fünf Männer war, die in jenen Jahren allgemein nur „die Diktatoren der öffentlichen Meinung“ genannt wurde. Seit 1930 waren die Politologen zu der Einsicht gelangt, daß in jeder Demokratie – in der die Politik von der öffentlichen Meinung bestimmt wird – die Macht zum größten Teil von denen ausgeübt wird, die die öffentliche Meinung beherrschen – also den Zeitungsverlegern. In allen Ländern zeigte sich, daß die größten Industriekapitäne und Finanziers darum bemüht waren, wichtige Zeitungen zu erwerben, und daß sie damit im Lauf der Zeit Erfolg gehabt hatten. Sie hatten sorgfältig darauf geachtet, daß die äußeren Formen der Demokratie erhalten geblieben waren. Die Bürger wählten weiterhin Abgeordnete in die Parlamente, und diese ihrerseits wählten Minister und Präsidenten - aber die Minister, Präsidenten und Abgeordneten behielten ihre Posten nur so lange, wie sie sich an die Vorgaben der Herren der öffentlichen Meinung hielten, und sie verhielten sich dementsprechend.

Diese verschleierte Tyrannei hätte gefährlich werden können, wenn die neuen Herren der Welt ihre Macht skrupellos ausgeübt hätten. Wie sich zeigte, war dies aber ein Glücksfall für die Welt gewesen. Im Jahr 1940 war die letzte unabhängige französische Zeitung von Grafen Alain de Rouvray für seinen Konzern „Les Journaux Français Réunis“ aufgekauft worden. Die Rouvrays waren eine Dynastie von Stahlmagnaten aus Lothringen, die die strenge puritanische Tradition dieser Gegen verkörperten. Alain de Rouvray besaß den Ruf, ein unermüdlicher Arbeiter und fast eine Art Heiliger zu sein. Im Louvre hängt sein Jugendbildnis, das von Jacques-Emile Blanche stammt und ihn im Alter von zwanzig Jahren zeigt. Das schmale Gesicht ist das eines strengen Asketen und erinnert in mehr als nur einer Hinsicht an Maurice Barrès. In England befand sich die British Newspapers Ltd. Seit 1942 im Besitz von Lord Frank Douglas, einem jungen Mann, der unter seinem umgänglichen Auftreten einen scharfen Verstand und in Eton geschulte Rechtschaffenheit verbarg. Mit seiner wilden blonden Mähne und seinen klaren blauen Augen wirkte Lord Frank eher wie ein Dichter als ein Mann der Tat. Der Herr über die amerikanische Presse war der alte Joseph C. Smack, ein etwas sonderbarer Mann, fast erblindet, der abgeschieden auf seinem Landsitz lebte, umgeben von einem Heer von Stenographen. Smack war für die schonungslose Respektlosigkeit seiner Radiogramme berüchtigt, genoß aber die Achtung der Weltöffentlichkeit. Der deutsche Zeitungsmagnat, Dr. Macht, und sein japanischer Kollege, Baron Tokungawa, stellten die anderen bedeutenden Mitglieder des Weltdirektoriums dar.

16. Mai 2021

H. G. Wells, “Der Mensch im Jahr eine Million” (1893)





Die Literatur, die es gibt, hat ohne Zweifel ihre Meriten, aber für philosophische veranlagte Köpfe sind die Bücher, die nicht geschrieben worden sind, weitaus faszinierender. Sie liegen einem nicht schwer in der Hand, das Umblättern entfällt. In schlaflosen Nächten kann man in ihnen ohne Kerzenlicht lesen. Ähnlich verhält es sich auch einem anderen Thema: der Mensch der Urzeit, wie wir ihn in den Werken der Anthropologen beschrieben sehen, ist sicher ein unterhaltsames und nettes Thema – aber der Mensch der Zukunft würde uns sicher um einiges mehr interessieren. Aber wo finden wir das geschildert? Wie Ruskin irgendwo mit Bezug auf Darwin schrieb: uns sollte nicht interessieren, was der Mensch einst gewesen ist, sondern was aus ihm wird.

Der philosophische veranlagte Leser, der im Lehnstuhl über diesen Satz nachsinnt, sieht vor sich in den Flammen des Kaminfeuers, durch den Rauch seiner Pfeife hindurch, eines dieser ungeschriebenen Bücher. Es ist großformatig, mit fettgedrucktem schwarzen Titel, und stammt anscheinend aus der Feder eines gewissen Professor Holzkopf, der an der Universität Weissnichtwo lehrt. „Die Merkmale des Menschen der fernen Zukunft, abgeleitet aus den Tendenzen der Gegenwart,“ lautet der Titel. Der verdiente Gelehrte geht streng nach den Methoden der Wissenschaft vor; seine Schlußfolgerungen sind zurückhaltend und vorsichtig, wie unser Leser feststellen muß – und doch sind diese Schlüsse bemerkenswert, vorsichtig gesagt. Wir vermuten, daß der Herr Professor sein Thema in aller Ausführlichkeit abhandelt, mit vielen Tabellen, aber wir erlauben unserem Leser – der das Buch ja als einziger lesen kann – sich an dieser Stelle auf ein paar passende Auszüge für ein Laienpublikum zu beschränken. Diese Passage etwa erscheint ihm verständlich genug, um sie zu zitieren: „Die Evolutionstheorie,“ schreibt der Professor, „wird heute von allen Zoologen und Botanikern anerkannt, und sie findet auch auf den Menschen Anwendung. Es herrschen noch Zweifel, ob sie seine geistige Entwicklung angemessen beschreibt, aber für seine körperliche Entwicklung wird sie als Erklärung akzeptiert. Der Mensch, so versichert man uns, stammt von affenähnlichen Vorfahren ab, die sich unter dem Einfluß von Umweltfaktoren zu Menschen entwickelten, und diese Affen stammten ihrerseits von niedrigeren Lebensformen ab – und so fort bis zum allersten Protoplasma. Wenn die Entwicklung des Universums nicht an einem Endpunkt angelangt ist, wird sich der Mensch auch in Zukunft weiterentwickeln – solange, bis er kein Mensch mehr sein wird, sondern einer anderen Lebensform Platz machen wird. Hier stellt sich sofort die faszinierende Frage: wie wird dieses Wesen beschaffen sein. Werfen wir einen Blick auf die Einflüsse, denen unser Äußeres unterliegt.

14. Mai 2021

Kernelemente einer freien Gesellschaft: was uns früher von einer Religion unterschieden hat. Ein Gastbeitrag von Frank2000



Die Geschichte der Menschheit ist voll von Gesellschaften, die die "WAHRHEIT" kannten. OK, eine solche "Wahrheit" ist dann manchmal von der Realität plattgemacht worden. Manchmal erst nach Jahrhunderten, manchmal schon nach fünfzehn Jahren. Das ändert aber nichts daran, dass ein sehr großer Teil der Menschen offensichtlich eine tief verwurzelte Sehnsucht nach der "Wahrheit" hat.

Solchen "Wahrheiten" nennt man "Staatsreligion" oder "Staatsideologie". Wobei es sich hier eher um eine künstliche Trennung handelt. In der Praxis ist zwischen einer "Religion" und einer "Ideologie" nur selten ein Unterschied auszumachen.

Die Bundesrepublik Deutschland hat nach dem Zweiten Weltkrieg einen anderen Weg eingeschlagen. Wir wollten die "freiheitlich-demokratische Grundordnung mit sozialen Elementen und verfassungsmäßig geschützen Grundrechten der Bürger" etablieren. In der Bonner Republik hat das auch ein paar Jahrzehnte ganz gut geklappt. Jetzt scheint es so, daß sich die Sehnsucht nach autoritäten Mechanismen - nach der "Wahrheit" - wieder durchsetzt. Ich versuche zu erklären, warum ich das so sehe.

Halten wir zunächst einmal fest, was keine Einschränkung einer "freiheitlich-demokratische Grundordnung" ist: Demokratische Prozesse und damit die "Diktatur der Mehrheit" sind kein grundsätzliches Hindernis. Es ist völlig normal und von unseren Gründervätern so gewünscht, daß es so was wie ein "aktuelles politisches Klima" gibt.

12. Mai 2021

Streiflicht: Wie heute Gesetze gemacht werden. Avanti Dillettanti!

Eine lustige Kleinigkeit. Dieser Autor wollte mal nachsehen, was denn nun gerade in seinem Bundesland gilt, wenn nun das Ermächtigungsgesetz mangels Inzidenz außer Kraft tritt. Und man kann nachsehen, das Land NRW bietet hier die Information an.

Ein schönes Gesetz, so mit allen möglichen Strafen und Verboten. Und ein handwerklich tolles Gesetz, ist es im Prinzip doch fast genau das selbe Gesetz wie vier Wochen zuvor. Wenn man es genau nimmt, dann ist es tatsächlich wie vier Wochen zuvor. Man hat den Header geändert und ein paar kleine Zeilen im Text und das war es dann. Und man war so gut in Copy&Paste, dass man sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, das Gesetz auch nur noch einmal zu lesen. Sonst wäre vielleicht aufgefallen, dass man im letzten Paragraphen, der das Datum des Inkraft- und des Außer-Kraft-Tretens regelt, halt auch ein paar Daten drin hat, deren Kopie sich nicht ganz so anbietet. Denn dieses tolle Gesetz, datiert auf den 10. Mai, tritt nicht nur rückwirkend am 23. April in Kraft, nein, es tritt auch am 14. Mai wieder außer Kraft. Doll, oder?

9. Mai 2021

"Vom Verschwinden des Malers im Bild": Victor Segalen, "Peintures" (1916)





Tout ce que vous venez de voir, existe, si vous l’avez bien su voir. Mais ne faites point comme cet Empereur peu lettré du temps de SONG, à qui le Peintre vantait cette Peinture et les autres déjà déroulées, et qui se prit à soupirer lourdement.

Devant ces Palais dans les nues, devant ces abîmes accessibles, ces faces hantées, ces palpitations éclatantes, ces supplices pieux, ces lèvres rouges et ces flammes amantes, ces paysages écarquillés mieux que des visages, ces êtres démoniaques ou gesticulants, ces vies incarnées dans la soie, la porcelaine, les laques ou les laines ; le triomphe réglé des quatre saisons dans le ciel, — l’Empereur se prit à soupirer lourdement. Il déplorait que tout cela ne fût pas de son domaine, de sa maison.

8. Mai 2021

Dumm, schädlich aber nicht ungerecht. Eine kleine Provokation.

Die SED hat, gemäß ihren intellektuellen Möglichkeiten, mal wieder vorgeschlagen eine Vermögensabgabe in Deutschland umzusetzen. Und man ist nicht kleinlich, man möchte das reichste Prozent der Bevölkerung ordentlich zur Kasse bitten, gestaffelt mit einem Maximalenteignungssatz von 30 Prozent. "Großzügig" gestundet mit einem Zinssatz von 2 Prozent über die Frist von 20 Jahren. 

Auch wenn es was von Schattenboxen hat, so ist es zumindest interessant mal darüber nachzudenken was diese Abgabe alles ist. 

6. Mai 2021

Palmström@150. Vor 1½ Jahrhunderten wurde Christian Morgenstern geboren



Heute soll an dieser Stelle der vorerst letzte Hinweis in dieser kleinen Serie von Jubiläumshinweisen erfolgen, die die Laune der Chronologie in dieser Woche bereithält, nachdem in den letzten drei Tagen auf John Collier, Mynona und Napoleon verwiesen wurde. Heute vor 150 Jahren, am 6. Mai 1871, wurde nämlich im München Christian Morgenstern geboren. Und im Gegensatz zu seinem Zunftkollegen Salomo Friedländer und Collier ist der Dichter der "Galenlieder" un keineswegs zu den Verschollenen und Vergessenen der Literaturgeschichte zu zählen - auch wenn seit mittlerweile 100 Jahren alle Kritiker regelmäßig mutmaßen: wird Morgenstern eingentlich noch gelesen? Zudem stimmt es ja: zu ihrer Zeit bekannte, vielegelesene komische Poeten bleiben nicht lange im Gedächtnis der nachfolgenden Lesergenerationen erhalten. Julius Stettenheim, dessen "Persona" "Wippchen" angeblich von jedem Kriegsschauplatz seit dem deutsch-östereichischen Krieg von 1866 in Knittelversen berichtete, ist so verschollen wie die Gelegenheitsverse, die Frank Wedekind eine Generation später für den Münchner "Simplicissmus" lieferte. Selbst Joachim Ringelnatz oder Klabund (etwa mit seinem "Kinder-Verwirr-Buch" von 1931 dürften heute eher passionierten Lyrik-Lesern oder Fans der Roaring Twenties geläufig sein als dem allgemeinen Publikum. Wobei natürlich die Frage ist, was von der "leichten Muse" aus der literarischen Produktion der letzten 200, 250 Jahre überhaupt noch "päsent" ist. In diesem Phänomen dürfte sich der Wandel des Mediengebrauchs ebenso spiegeln wie das Vergehen der Zeit: lange Zeit war es normal, daß "klassische" Jazz-Stücke von der Swing-Ära an bis etwa zu Dave Brubeks "Take Five" in dieser Weise beim Hörpublikum in dieser Weise "präsent" waren; oder den Kanon der Ohrwürmer von Elvis, den Beatles bis zu dem großen Stars Ende der 1970er Jahre: seitdem hat der Wiedererkennungswert solcher Evergreens, ob nun als Musikstück, als ikonischer Filmauftritt oder als Merkvers rapide abgenommen.

5. Mai 2021

Napoleon und die Raumfahrt. Zwei kleine Erinnerungen



Nachdem vorgestern an dieser Stelle auf den 120. Geburtstag von John Collier verwiesen wurde und gestern auf den 150. von Salomo Friedländer alias "Mynona," soll heute der Hinweis auf den 200. Todestag Napoleon Bonapartes erfolgen, der am 5. Mai 1821 im Longwood House auf seiner Verbannungsinsel St. Helena an der einsamsten Stelle des Südatlantiks starb. (Genauer: an der zweiteinsamsten Stelle: die am weitesten von jedem anderen Flecken Land entfernte Insel ist Tristan da Cunha.) Solche kalendarisch-nomerologischen Häufungen haben keinen tieferen Sinn, wie Astrologen vermuten könnten: sie sind statistisch einfach unvermeidbar, wenn in der Welt genügend genau datierte Ereignisse wie in diesem Fall Geburtstag und Todesdatum registriert worden sind.

Ich gehe davon aus, daß die Person und die Taten des "kleinen Korsen," des "Weltgeists zu Pferde," auch heute noch hinreichend geläufig sind, um sie hier nicht weiter erörtern zu müssen. Und wenn nicht: die Bibliotheken sind gefüllt mit Arbeiten, Biographien, Spezialwerken zu jedem Aspekt seines Lebens. Sogar die in den letzten Jahrzehnten aufgekommene Frage, ob Napoleon wirklich einem Magenkrebs erlegen ist oder doch mit Arsen vergiftet wurde (oder durch das Schweinfurter Grün, das zur Einfärbung der Tapeten im Longwood House verwendet wurde und Arsen als Gas abgab) dürfte gemäß der Diagnose der Autopsie bestätigt worden sein.

4. Mai 2021

Mynona@150. Eine kleine Erinnerung an Salomo Friedländer





Gealtert fühlte sich Professor Faust;
Die Wissenschaft ließ ihn so unbefriedigt.
Er schließt, in einem seltsam kom'schen Zwielicht,
Mit Satan einen Pakt (jawohl, da schaust!).

Wird wieder jung (daß dich der Affe laust!),
Treibt's mit 'nem Backfisch (Hand vom Nähen schwielicht),
Und saust nach Griechenland (ist das ein Vieh nicht?).
Sie stirbt als Kindesmörderin (mir graust!).

Zurückgekehrt, wagt er sich an den Thron;
Der Teufel hilft, er wird des Staats Erretter.
Endet als Fürst mit eignem Schloß am Meer -
Natürlich graptscht der Satan jetzt voll Hohn
Nach seiner Seele. Doch ('s wird immer netter!)
Der Hölle jagt sie ab das Engelsheer.

- Mynona (aus: "Hundert Bonbons. Sonette," 1918)

Wenn John Collier, auf dessen 120. Geburtstag gestern an dieser Stelle verwiesen wurde, im deutschen Sprachbereich (und mittlerweile wohl auch im englischen), zu den unbekannten Autoren zu rechnen ist, dann ist Salomo Friedländer, der heute vor genau 150 Jahren, am 4. Mai 1871 im heute polnischen Gollantsch geboren wurde und der seine literarischen Werke unter dem Nom de plume "Mynona" veröffentlichte, zu den völlig Vergessenen. Manche Leser von Kurt Tucholsky werden sich vielleicht noch an diesen Namen im Zusammenhang mit Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neuues" erinnern, als "Mynona" die Veröffentlichung des Antikriegsromans zum Anlaß für eine scharfe Polemik nahm und "Tucho" ebenso scharf zurückschoß. Viellicht ist dem einen oder anderen Kenner der "Roaring Twenties" noch die "Tarzaniade" ein vage erinnerter Titel, mit der Mynona die Popularität, der Edgar Rice Burroughs' Dschungelheld Mitte der zwanziger Jahre auch in Deutschland erlebtge, kommentierte. Aber ansonsten zählt er zu den unzähligen Verschollenen der Literaturgeschichte. Überraschend ist das nicht. "Mynona" gehörte zu den Parodisten, zu den Verfassern von Grotesken - und solche verzerrenden Echowerfer ereilt die "Furie des Verschwindens" eher als die Originale, denen ihr Echo galt. Auch Robert Neumann, Friedländers Zeit- und Zunftgenossse und vielleicht der brillanteste Stimmenimitator der deutschedn Literatur, ist heute weitgehend vergessen, ebenso Franz Blei, dessen "Literarisches Bestiarium" gut zeigt, WARUM das Haltbarkeitsdatum solcher Echos knapp bemessen ist: viele zeitgenössische Bestseller und Modeautoren sind ihrerseits genauso vergessen, und wirkliche Klassiker, die es geschafft haben, von Generation zu Generation weiter gelesen und gekannt zu werden, stehen oberhalb jeder Parodie.

3. Mai 2021

John Collier, "Zum Nachspülen" (1941)





Nervös wie ein junges Kätzchen stieg Alan Austen die finsteren, knarrenden Treppen in einer Adresse in der Nähe der Pell Street hinauf und brauchte lange Zeit, bis er im Finsteren den Namen, den er suchte, auf einer der Türen ausgemacht hatte.

Er stieß die Tür auf, so wie es ihm gesagt worden war, und fand sich in einem winzigen Zimmer wieder, das außer einem Küchentisch, einem Schaukelstuhl und einem gewöhnlichen Stuhl unmöbliert war. An einer der gelblichen Wände hingen ein paar Regalbretter, auf denen vielleicht ein Dutzend Flaschen und Gläser standen. Ein alter Mann saß im Schaukelstuhl und las eine Zeitung. Alan überreichte ihm wortlos die Karte, die ihm gegeben worden war.

"Setzen Sie sich, Mr. Austen," sagte der alte Mann in ausgesucht höflichem Ton. "Es freut mich außerordentlich, Ihre Bekanntschaft zu machen."

"Stimmt es," fragte Alan, "daß Sie ein Mittel anbieten, das ganz außergewöhnliche Wirkungen hat?"

2. Mai 2021

"Vom Verschwinden im Bild": Die Mumins, Virginia Woolf und die "Fahrt zum Leuchturm"





***

I.
Die vielleicht bekannteste Episode des "Verschwindens im Bild," zumindest was für junge Leser im Kindesalter die erste Begegnung mit dieser Trope angeht, findet sich in einem Buch, dessen Status im Hinblick auf sein Publikum durchaus schillert. Eigentlich sind es sogar zwei Stellen: in Roald Dahls "The Witches" von 1983 (1986 in deutscher Übersetzung als "Hexen hexen" erschienen) findet sich in der Passage, in der die aus Norwegen stammende Großmutter ihrem ungläubigen Enkel von der Existenz wirklicher böswilliger Zauberinnen erzählt, als Illustration die Geschichte von ihrer Jugendfreundin, die von einer solchen Hexe in ein Gemälde gebannt wurde.

Und ihr habt wirklich gedacht, die Justiz würde Euch retten

Mein Lieblingszitat über den deutschen Rechtsstaat ist eine Statistik: 80% der Deutschen glauben an den Rechtsstaat. Die anderen 20% haben ihn schon kennen gelernt.

Es ist erstaunlich wie viele Leute, trotz permanent erlebtem Gegenteil, immer wieder darauf vertrauen, die Justiz werde die Kohlen, die von der Politik ins Feuer geworfen wurden, schon wieder heraus holen. 
Aber wie sollte sie? Es sind die selben Leute. In Deutschland existiert die Gewaltenteilung nur in der Theorie, in der Praxis werden Richter bis zum obersten Verfassungsgericht durch die Legislative, bzw. da selbst diese nicht von der Exekutive getrennt ist, im Wesentlichen durch die Exekutive ernannt und bestimmt. Der derzeit amtierende Präsident des Verfassungsgerichtes, wie auch des ersten Senates, ist Stephan Habarth. Und Stephan Habarth ist kein politikfremder Gelehrter wie sein Vorgänger, sondern schlicht CDU Parteipolitiker. Und zwar mit allem drum und dran.

30. April 2021

Und da ist sie, die Gesinnungsdikatur. Eine Notiz von Frank2000





Seit mindestens vier Jahren wird hier in Zettels Raum die Gefahr diskutiert, daß Deutschland von der Bonner Republik in eine Berliner Republik abrutscht. Alle Entwicklungen der letzten vier Jahre sind in diesem Blog und dem dazugehörigen Forum vorausgesagt worden. Und von einem Teil der Teilnehmer wurden diese Vorhersagen als dystopische Verschwörungstheorien abgekanzelt, als weinerliche Verliererpose und rechte Echokammer.

Diese Notiz wollte ich schon schreiben, als das Bundesverfassungsgericht erstmals sich zum Gesetzgeber erhob: mit dem im wahrsten Sinn des Wortes historischen Urteilsspruch, daß Klimaschutz (in diesem Fall in der Form der CO2-Ziele) grundrechtseinschränkend sein müsse. Nicht nur "dürfe" - sondern "sein muß."

Aber heute bin ich noch auf eine zweite Meldung gestoßen: der Verfassungsschutz hat eine neue Überwachungskategorie eingeführt:

"Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates"

27. April 2021

Streiflicht: Spaß mit dem Oskar.

In Zettels kleinem Zimmer wird ja dann und wann die These vertreten, dass die Kontrolle über alles Öffentliche inzwischen fest in linker Hand ist und sich eine Mehrheit dem eben irgendwie anschließt, insofern kein Ausweg aus dieser Einseitigkeit besteht. Sieht man sich den deutschen Propagandafunk an, so kann man diesen Eindruck auch durchaus oftmals bestätigen.

25. April 2021

Ihr müsst abschwören. Pluralismus in Deutschland 2021.

Wenn man eine kompakte Beschreibung für den Zustand der politischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland 2021, im 16. Jahr der Herrschaft Merkel, abgeben müsste, dann wären die Beschreibung der Vorgänge um die Aktion #allesdichtmachen kein schlechter Ansatz.

Was ist passiert? Eine kleine Gruppe von Initiatoren sprach eine Gruppe von Schauspielern an, ob sie sich nicht an einer Kunstaktion zum Thema Lockdown beteiligen wollten, wo man sich mit dem Stilmittel der Ironie mit dem Thema auseinandersetzt. Herausgekommen ist eine Sammlung von 53 Videos, eingestellt auf Youtube und jedes zwischen knapp einer und gut drei Minuten lang. 

24. April 2021

Der Ausflug ins Bild - Pearl S. Buck, "Kaiserliche Hoheit" (1956)





Die einfachste und üblichste Methode, einen "Spaziergang im Bild" zu unternehmen, ist das Spielenlassen der menschlichen Phantasie, die Versenkung ins Dargestellte, die Tagträumerei. Die Gemälde im westlichen Kanon, die dazu am meisten verführen, dürften wohl die Stadtveduten Canalettos sein. Und vor chinesischer Kulisse findet sich solch ein Ausflug in Pearl S. Bucks romanhafter Schilderung des Lebensweges von Cixi, der "Kaiserinwitwe," dem "alten Buddha", die zwar nicht dem Rang nach, aber doch ihrer Macht macht die letzte Kaiserin auf dem Drachenthron war. "Imperial Woman," 1956 erschienen und im gleichen Jahr von Hans B. Wagenseil ins Deutsche übersetzt, zeichnet Cixis Leben vom Eintritt in den kaiserlichen Harem im Alter von 17 Jahren im Jahr 1852 bis zum Ausbruch des Aufstandes der "Vereinten Kämpfer für das Recht," bei uns als "Boxeraufstand" geläufig, nach und schildert ihre Wandlung von einem verletzlichen Wesen mit Kunstsinn zu einem skrupellosen macchiavellistischen Machtmenschen, der im Wortsinn über Leichen geht.

(Der Name "Orchidee," bei Pearl S. Buck "Orchid," der erste der wechselnden Namen und Titel, die Cixi im Roman gemäß der historischen Vorgabe trägt, ist eine wörtliche Übersetzung des Namensteils im ersten "offiziellen" Titel, 蘭貴人 / Lan Guiren, "edle Dame" Lan / 蘭 - als Konkubine 6. Ranges, den sie von ihrem Eintritt am 26. Februar 1852 bis zum Aufstieg in den fünften Rang am 28. Februar 1854 führte. Betonen möchte ich, daß meine Übersetzung der beiden Passagen völlig unabhängig von Wagenseils Übertragung entstanden ist. Bei meiner Fassung habe ich, entgegen meiner Gewohnheit, die Umschrift der Namen nach dem System von Wade und Giles, wie es sich bei Buck findet, beibehalten. In meinen Amerkungen benutze ich die heute gebräuchliche Pinyin-Transliterierung.)

22. April 2021

Der nächste Sargnagel

Das Geschichte sich schon mal wiederholt ist eine Kalenderweisheit. Und auch diese Woche lässt sie uns nicht hängen, diesmal allerdings mit umgekehrten Protagonisten. Am 3. Oktober 1995 wurde O.J. Simpson im Prozess um den Mord an seiner Frau frei gesprochen. Im Zuge des Prozesses kam es zu massiven Unruhen, die amerikanischen Polizeieinheiten waren auf massive Ausschreitungen vorbereitet und über 100 Millionen Menschen sahen den Urteilsspruch live. Simpson wurde frei gesprochen und die befürchteten Unruhen blieben aus.
Aus Sicht der Jury war das vermutlich, unabhängig von Simpsons Schuld, die auch im Laufe der kommenden Jahre immer deutlicher werden sollte, die richtige Entscheidung. Wer will schon verantwortlich sein, wenn ganze Städte in Flammen versinken und wer will sein Leben riskieren, hier einen Schuldspruch zu vertreten. Geschworene sind auch nur Menschen, und es ist um Rahmen der Aufladung dieses Prozesses nicht unwahrscheinlich, dass die Geschworenen im Falle eines Schuldspruches entweder untertauchen oder zumindest sehr lange unter intensivem Polizeischutz hätten leben müssen.

20. April 2021

Novelle des Infektionsschutzgesetz und die langfristigen Folgen für den Rechtsstaat. Ein Gastbeitrag von Frank2000



Die Novelle des Infektionsschutzgesetzes ist wohl kaum noch aufzuhalten; auch ein aufschiebender Eingriff in letzter Sekunde durch das BVG ist unwahrscheinlich. Welche praktischen Konsequenzen das Gesetz haben wird, ist anderswo schon ausreichend beschrieben worden: ein halbes Dutzend essentieller Grundrechtsparagraphen sind betroffen.

Trotzdem regt sich kaum Widerstand. Ein paar Blogger und das übliche Geraune der letzten Oppositionspartei AfD kann man nur als Sturm im Wasserglas bezeichnen. Politik, ÖR-Medien, Kunst & Kultur, linke aktivistische Szene, Gewerkschaften, Kirche: es gibt keinen Widerstand. Warum? Ich behaupte: weil so ziemlich alle glauben, dass das Ermächtigungsgesetz ein Corona-spezifischer Sonderfall ist, der langfristig überhaupt keine Auswirkung auf unser Land haben wird. Ich behaupte, die These geht wie folgt:

Der Fluch des Irrtums und der Lüge. Ein Gedankensplitter.

"Was wird man im Leben schwer los? Lügen. Sie prägen einen fast ein Leben lang."

                                                                                                --- Sinan Gönül

Ein Mann beobachtet einen brutalen Überfall, ein großer Mann überfällt eine Frau, schlägt sie brutal zu Boden und verletzt sie dabei erheblich. Einen Tag später verhaftet die Polizei einen Verdächtigen und führt den Zeugen zu einer Gegenüberstellung. Der ist sich überhaupt nicht sicher und hadert mit sich. Der Polizist weist ihn darauf hin, dass die Frau nicht nur schwerstens verletzt worden ist, sondern auch drei kleine Kinder hat, die nun furchtbar leiden. Der Zeuge windet sich und entschließt sich schließlich für den größten Mann, in der Hoffnung den richtigen identifiziert zu haben. Der Polizist lobt ihn, das wird er wohl sein. Zwei Tage später gibt es dann einen Termin beim Haftrichter, der Zeuge identifiziert den Täter, dieser wird angeklagt. Vier Wochen später dann die Verhandlung, der Zeuge ist sich inzwischen sicher, dass es sich um den Täter handelt. Er identifiziert ihn zweifelsfrei und dieser wird, da die Frau inzwischen verstorben ist, zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Nach einem Jahr im Gefängnis wird ein zweiter Verdächtiger verhaftet, der im Besitz von vielen Dingen ist, die beim Überfall erbeutet wurden. Es kommt zu einem weiteren Verfahren. Der Zeuge ist sich absolut und ohne Zweifel sicher den richtigen Täter benannt zu haben und das sagt er auch. Selbst als der zweite Verdächtige den Überfall gesteht, bleibt der Zeuge dabei, dass es sich dabei um eine Lüge handeln muss. Er weiß, was er gesehen hat.

18. April 2021

Das große Fressen. Ein Gedankensplitter zum Corona Bauch.

Frage an den eingesperrten Leser: Haben Sie heute schon gegessen? Und wieviel haben Sie sich bewegt? Und haben Sie jetzt schon ein schlechtes Gewissen, weil ich Ihnen nur zwei Fragen gestellt habe?

Das wir alle, einzeln aber auch insgesamt und als Gesellschaft, zuviel essen, ist kein Geheimnis. Kalorien sind billig, Zucker ist billig, Fett ist billig, Süßigkeiten sind billig und Gemüse ist zwar auch billig, schmeckt aber natürlich nicht halb so gut wie eine Tafel Schokolade (ja, ich weiß, Llarian erzählt mal wieder Binsen...). Prinzipiell ist das Aufnehmen von zu vielen Kalorien alleine noch nicht das große Problem. Wenn der Mensch sie auch verbraucht. Jemand, der auf dem Bau arbeitet, kann auch schon mal ein zweites Frühstück vertragen, wenn er denn ordentlich ranklotzt. Wenn er auf dem Bau arbeitet. Da ist es dauernd, dieses böse wenn. 

17. April 2021

Hail Lobster oder: Republikaner trinken auch Cola.

Während im deutschen der Kulturkampf eher noch im kleinen stattfindet (damit man ihn nicht so bemerkt), ist in den USA der Kampf in Folge der Wahl und des unerwarteten Sieges der Linken derzeit voll entbrannt. Die Linke wittert Morgenluft und schickt sich an nicht nur ein paar Gesetze zu ändern oder etwas Geld umzuverteilen, wie sie es historisch getan hat, die heutige Linke ist radikal unterwandert und hat begonnen das ganze Land von Grund auf neu zu gestalten und zu verändern.
Dieser Kampf ist schon lange nicht mehr auf die Politik (oder die Medien) selber beschränkt, selbst Universitäten und Schulen (sonst das liebste Feld der Gesellschaftsingenieure) sind nicht mehr der einzige Schauplatz. Heute bleibt in Amerika kein Feld mehr außen vor und ein wichtiges Feld ist das der Wirtschaft.  Angeführt von einigen Technologiekonzernen versucht die amerikanische Linke derzeit die Wirtschaft auf Linie zu bringen, ihre Politik zu teilen und nicht zuletzt ihre Propaganda zu verbreiten. Teilweise subtil, teilweise durch gesetzlichen oder sozialen Druck, teilweise sind einige Firmen auch freiwillig dabei, weil sie glauben dabei ein gutes Geschäft zu machen.

16. April 2021

Streiflicht: Ein bischen Hoffnung

Das der Vormarsch der Totalitären und Möchtergernfaschisten nicht nur diesem Autor, sondern auch vielen Zimmersleuten massiv Sorgen macht und die Laune verdirbt ist nicht neu. Wir bewegen uns mit massiven Schritten Richtung Diktatur und Unrechtsstaat, so dass jedem verbleibenden Rechtsstaatler oder gar Liberalen eigentlich nur Angst und Bange werden kann. Und dennoch sind es manchmal einzelne Streiflichter, die einem auch in dunklen Zeiten ein bischen Hoffnung aufs Gemüt scheinen lassen. Diesen speziellen Lichtstrahl, den ich heute bei der Achse des Guten wahrgenommen habe, möchte ich auch den Lesern dieses Blogs nicht vorenthalten. Die Freiheit ist in Frankreich, auch wenn sie schwer unter Beschuss ist, immer noch zuhause.


Kleiner Nachtritt, weil ich es mir nicht verkneifen kann: Das also ist das Gesicht der Querdenker, "Rechten" und Reichsbürger, wenn sie in Frankreich auflaufen und nicht in der ARD kommentiert werden. 


Llarian

© (Text) Llarian. Für Kommentare bitte hier klicken.

15. April 2021

Tokio 1948, Gong Qiuxia, und der Swinghop von 2013. Eine Flanerie durch die Assoziationsgeschichte





Das letzte Rätsel in diesem Netztagebuch fand sich gleich am Anfang dieses Jahres, im Zusammenhang mit der römischen Universalsauce Garum, als die Frage nach dem Verfasser eines kleinen Textes zum Thema gestellt wurde. Heute soll es um die Bereiche "Musik" und "Film" gehen, in einer Vorblende auf die Auflösung zum Thema, die ich am Wochenende hochladen werden. Anstoß war der Ausschnitt aus Akira Kurosawas Film "Träume" in meinem letzten Posting, und die Überlegung, daß ich an dieser Stelle schon geraume Zeit keine Musik mit Bezug zu Ostasien zum Thema genommen habe.

12. April 2021

11. April 2021

Übersterblichkeit Reloaded: Merkwürdigkeiten, Rätsel und die Erkenntnis, dass wir alle sterben werden

Die Erkenntnis, dass wir alle sterben werden ist nicht allzu neu. Die Behauptung, dass wir alle viel früher sterben werden, war dagegen die Grundlage für den massiven Freiheitsverlust der vergangenen 13 Monate, gerne als "Corona-Maßnahmen" euphemisiert. Und das Bundesamt für Statistik, das gerade hier in einer etwas unrühmlichen Rolle diskutiert wurde, liefert auch gleich die passenden Zahlen dazu.

10. April 2021

Das Ende der Fahnenstange. Ein Gedankensplitter zu Inflation, Wachstum und anderen unwichtigen Dingen.

Bei der Hintergrundrecherche für einen anderen Artikel, der noch in Arbeit ist, habe ich mich ein wenig intensiver mit dem Thema Inflation beschäftigt. Sie wissen schon, die Inflation, die seit Jahren so vor sich hindümpelt und der EZB permanent als Begründung dient weiters Geld zu drucken. Die selbe Inflation, die "gefühlt" jedes Jahr mehr und mehr steigt und von der uns das statistische Bundesamt im Auftrag der Regierung permanent erklärt, das finde nur in unserem Kopf statt. 

8. April 2021

Die Wut im Bauch

Ein persönlicher, vielleicht auch mein (vor)letzter Artikel. Dieser Artikel ist eine innere Reflektion, nicht redigiert, nicht überdacht und in Wut geschrieben. Wen das nicht interessiert, der braucht ab hier nicht weiter zu lesen.

Ich kann nur schlecht beschreiben welche Wut ich inzwischen empfinde, der Begriff des Wutbürgers, der noch vor wenigen Jahren so gerne verwendet wurde, um diejenigen, die eine Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen befürchteten, zu brandmarken, beschreibt die Situation nicht einmal schlecht. Man ist erwachsen, man hat gelernt seine Aggressionen zu kanalisieren, sich zu benehmen, keine Kraftausdrücke zu benutzen, sich zurück zu halten und die Form zu wahren. Und dennoch ist alles was ich derzeit für den amtierenden Ministerpräsidenten, den ich gerne immer verharmlosend Flaschet genannt habe, übrig habe nur noch der kalte Hass, der eigentlich keine solche Bezeichnung mehr zulässt.

7. April 2021

Flaschet und die Möhre oder wie man sich mit Anlauf lächerlich macht

Flaschet hat nachgedacht. Ein ganzes Osterwochenende. Das muss ein sehr schwerer Prozess gewesen sein, denn am Ende kam dann das heraus, was sich ein Penäler auch in der 5-Minuten Pause hätte überlegen können. Ein "Brücken-Lockdown" soll es sein. Was nichts anderes ist als ein harter Lockdown nach Wunsch der Frau Bundeskanzler und ihres bayrischen Adlaten, nur mit einer Möhre vorneweg, auf die ohnehin nach einem Jahr kein Mensch mehr rein fällt. Der Berg kreiste und gebar eine Maus. Eigentlich nicht einmal die, denn das was Flaschet da vorstellt ist eigentlich nur noch hochnotpeinlich.

5. April 2021

Osterbotschaft 2021



Ein Bild und zwei Zitate.



蒲 松 龄 《书 痴》 / Pu Songling, "Der Büchernarr" (1679 / 1766)





(Illustration aus einer Ausgabe des Liaozhai Zhiyi von 1886)

郎玉柱,是彭城人。他的父亲曾做过太守,为官清廉,得到俸禄后,不置田产,酷爱买书,积攒了满满一屋子。到了玉柱,尤其痴:家里非常贫困,东西都卖光了,只有父亲的藏书,一本也不忍卖掉。父亲在时,曾抄录《劝学篇》贴在郎玉柱书桌的右边。玉柱每天都要读上几遍,还罩上层白纱,恐怕磨坏了。玉柱读书倒不是为了做官,而是真的相信书中自有“千钟粟”“黄金屋”,因此昼夜苦读,四季不断。二十多岁了,也不知娶妻,盼望着书中那“颜如玉”的美人自己会来找他。有时亲戚朋友来到家里,他也不知问寒道暖。略说几句话,便又旁若无人地高声读起书来。客人无味,自己坐一会儿就走了。每次科考,学使总是首先选他参加,但却一直考不中。

一天,玉柱又在读书,忽然一阵大风吹来,将书刮跑了。玉柱急忙追赶,一脚踏空,双脚陷进地里。低头一看,见是一个坑,上头盖着层烂草。往下挖了挖,才知原来是古人窖藏粮食的地窖,里面的粮食已经腐烂成粪土了。虽然粮食没法吃,但玉柱更加相信“书中自有千钟粟”的说法确实不错。因此,读书也更加用功。又一天,玉柱爬梯子上书架高处找书,在一堆乱书中发现一个尺把长的小金车,惊喜万分。以为“书中自有黄金屋”的话又应验了。拿出去给人家看了看,原来是镀金的,并不是真金。玉柱沮丧不堪,暗地里埋怨古人欺骗自己。过了不几天,有个跟父亲同榜考中的人,做了本道的观察,此人信佛。有人便劝玉柱将金车献给他作佛龛。观察非常高兴,赐给玉柱三百两银子、两匹马。玉柱大喜,以为“书中车马多如簇、书中自有黄金屋”都应验了,越发刻苦攻读。

玉柱到了三十多岁,有人劝他该娶妻子了。玉柱说:“‘书中自有颜如玉’,我还愁没有漂亮的妻子吗?”又过了两三年,书里仍没出来个美女找他,大家都嘲讽他。这时,民间谣传天上的织女星私奔到了人间。有人和玉柱开玩笑:“织女私逃,大概是为了你吧?”玉柱知道他们是在戏弄自己,也不答理。一晚,读《汉书》读到第八卷,刚到一半的时候,见一个用纱剪成的美人夹在书页中。玉柱大惊道:“书中自有颜如玉,难道就是这个吗?”心里怅然若失。他再细看看那纱剪的美人,眼睛眉毛栩栩如生,脊背上隐隐约约有行小字:“织女。”玉柱十分惊异,天天把美人放到书上,反复观赏,至于废寝忘食。

2. April 2021

Statistik, Märchen und andere Geschichten. Eine kleine Lanze für Astra-Zeneca.

Es ist schon ein Kreuz mit dem Impfstoff in Deutschland. Da Ursel Fond-of-Lying die Bestellung bei Pfizer, wie erwartet, in den Sand gesetzt hatte, musste schnell ein neuer Kandidat her und das war AZD 1222 (vulgo der "Astra-Zeneca-Impfstoff"). Dieser bot zwei ganz entscheidende Vorteile: Erstens, er war billig (er kostet nur ein Viertel der Pfizer Variante) und außerdem war Astra-Zeneca im Unterschied zu Pfizer noch nicht völlig ausgebucht und wollte bis Ende 2021 knappe 200 Millionen Dosen an die EU liefern.

So weit, so gut. Was dann aber nicht so gut war, war dann die Verträglichkeit. Wie so oft, wenn etwas vor allem schnell gehen muss, war das Ergebnis eben nicht ganz optimal. Nach bisherigem Stand haben von den 2,4 Millionen in Deutschland mit dem Stoff geimpften 31 Impflinge eine Trombose entwickelt, wovon 9 gestorben sind. Vor allem und im Wesentlichen Frauen unter 60 Jahren. Schlimm, so die Bundesregierung, und zwar so schlimm, dass jetzt erst einmal Schluss ist mit Impfung und der Stoff nicht mehr an unter 60-jährige vergeben werden kann. Impfstopp.

31. März 2021

Béla Balázs, "Das Buch des Wan-Hu-Tschen" (1921)



(Béla Balázs)

Liu-Tschang ist eine reiche Stadt. In dieser lebte einmal ein armer Mensch namens Wan-Hu-Tschen. Seine Eltern hatten ihm ziemlich viel Geld hinterlassen und auch seine Verwandten waren vermögende Leute. Aber Wan-Hu-Tschan liebte keine ehrliche Arbeit; weder wollte er Handel treiben auf den Barken mit den Drachensegeln, noch hatte er Lust zur Seidenweberei. Stets befaßte er sich mit gelehrten Büchern, denn er wollte die Staatsprüfungen ablegen, um Beamter zu werden. Aber Wan-hu-Tschan war dumm. Nicht einmal den ersten Tschin-Grad mochte er zu erreichen. So verarmte er allmählich, und darum verstießen ihn auch seine Verwandten, ja sie machten sich auch noch lustig über ihn. Das ist es, was wir von Wan-Hu-Tschan wissen müssen.

Li-Fan war die Tochter des Staathalters, deren Lilienwangen das Herz Wan-Hu-Tschans zur Liebe entflammt hatten.

Doch auch Li-Fan lachte nur über ihn. Der Staathalter aber fing einen Brief des Wan-Hu-Tschen auf, der also lautete:

"O, mein Lieb, wie bist du mir so ferne,
Fern bist du mir, wie meinem Zimmer der Mond,
Dein weißes Bild zittert am Grunde meines Herzens.
So wie der Mond auf meines Zimmers Boden."

Da ließ der Statthalter den armen, dummen und arbeitsscheuen Freier aus seinem Hause werfen.

29. März 2021

Immer Ärger mit Joe

Der eine oder andere Leser mag sich an die Klamotte "Immer Ärger mit Bernie" erinnern, die vor knapp 30 Jahren in die Kinos kam und dort ganz anständigen Erfolg feierte. Der Plot war vergleichsweise simpel wie grotesk: Zwei Verlierer geraten in einen Strudel mit der Mafia, ihr Boss "Bernie"(ein Verbrecher) wird von eben dieser umgebracht und die beiden haben das Problem, dass sie den Anschein erwecken müssen, dass Bernie noch am Leben ist, um selber vor der Mafia zu entkommen. Deswegen unternehmen sie allerhand mit der Leiche und versuchen möglichst vielen Leuten zu verkaufen, dass Bernie noch sehr lebendig ist. 

28. März 2021

"Vom Maler, der im Bild verschwindet": Drei deutsche Echos einer Legende, um 1930





(Ernst Bloch in jüngeren Jahren)

In der deutschen Literatur um 1930 finden sich mehrere Erwähnungen - oder Ausarbeitungen der chinesischen Künstlerlegende vom - nicht genannten - Maler, der diese Welt verläßt, indem er das letzte von ihm geschaffene Gemälde betritt und sich darin verliert. In dieser Folge unserer lockeren Umkreisung dieses Topos, dieses Motivs, sollen drei Beispiele aus dieser Zeit angeführt werden, die mehr eint, als es auf den ersten Blick scheinen könnte. Zum einen bleibt in allen drei Texten der Verweis seltsam unkonkret, als könnte man die Anekdote als allgemein bekannt voraussetzen; darüber hinaus stehen sie im Kontext einer rein assoziativen Auslotung einer Motivkette, denen ihre Verfasser nachspüren: ein tastendes Umkreisen von Anklängen, von Erinnerungen, die wachgerufen werden: kein analytisches, sondern ein impressionisches Verfahren.

Beide Autoren erwähnen nicht, auf welche Quelle die Anekdote, die sie erzählen, zurückgeht. Das soll im nächsten Teil meiner kleinen Folge nachgeholt werden: es handelt sich tatsächlich um eine genuine chinesische Künstlerlegende, und sie ist mit einem konkreten Namen verbunden - auch wenn sie nicht über die wachsende Bekanntschaft mit der chinesischen Kultur, sondern mit der Japans in den 1890er Jahren nach Europa gelangt ist. Aber für eine solche Anekdote ist es belanglos, mit welchem Namen, welchem Auslöser sie verknüpft ist: es sind "Wandersagen." Die Geschichte von Ei des Kolumbus findet sich bereits in identischer Form in den Künstlerviten von Giorgio Vasari: dort wird die Lösung der Aufgabe, ein Ei "auf die Spitze zu stellen," Filippo Brunelleschi anläßlich des Entwurfs der Kuppel für den Dom von Florenz zugeschrieben.

26. März 2021

Das Corona-Desaster 6.5: The Chaostruppe Formerly Known As "Bundesregierung"





In den Büchern Kurt Tucholskys, zumal in der chronologisch sortierten Werksausgabe, fallen immer wieder die kleinen Sammlungen "unfrisierter Gedanken" (©Stanislaw Jercy Lec) auf, launische Aperçus zu Politik, Zeitläuften und der krummen menschlichen Natur, die unter dem wiederkehrenden Titel "Schnipsel" gesammelt sind. Zumeist in der "Weltbühne" Carl von Ossietzkys erschienen und ganz dem Geist der Sudelbücher Lichtenbergs verpflichtet, dürften sie zum Bleibendsten und Prägnantesten zählen, was der feurige linke Streiter, in all seiner Widersprüchlichkeit, hinterlassen hat - auch wenn sie so oft Einspruch herausfordern: "Alles ist richtig - auch das Gegenteil. Nur: Zwar - aber... Das ist NIE richtig." ("Weltbühne," 30. Dezember 1930) Drei kategorische Fehler in zwölf Worten - das muß man auch erst einmal hinkriegen.

Aber man kennt als Leser den Ton, den Gestus, und man erwartet, dort Sentenzen zu finden, die man vergeblich suchen wird, die aber dort vollendet am Platz wären. Nicht wenige apokryphe Zitate sind ja Voltaire, Friedrich dem Großen oder Konrad Adenauer ("Wat kehrt mich ming Jeschwätz von gestern?") auf diese Weise zugewachsen. Und bei "Tucho" erwarte ich fast, beim nächsten Durchblättern auf das Urteil zu stoßen: "Ihr glaubt, daß in der Politik entschieden wird, daß sie im Keller Kegel schieben, und wer als letzter danebenwirft, darf einen Zettel aus dem Zylinderhut ziehen? Ihr Ahnungslosen. Es ist alles noch viel schlimmer."

25. März 2021

Paul Ernst, "Das alte Bild" (1916)





(Schloß Darfeld, Münsterland. Eigenes Photo)

Ein junger Mann saß allein im Wohnzimmer seiner Eltern. Niemand außer ihm war im Hause; die Eltern, Geschwister, Freunde machten eine Vergnügungsfahrt, die Dienstboten waren beurlaubt. Vor den Fenstern in den blühenden Obstbäumen ruhte der Sonnenschein; das Summen der großen Stadt tönte von weitem; er wußte, daß alle Türen geschlossen waren, und daß lange Stunden ihn niemand in seiner Einsamkeit stören würde.

Er saß vor einem großen Bilde, das er schon als Kind geliebt, das ihm so vertraut war, als lebe er in ihm, unter den hohen Bäumen, durch welche man in der Ferne, sichtbar und doch verdeckt, das Schloß sah. Das Bild war von einem der sanften Künstler der Rokokozeit gemalt; da war ein rasenbedeckter Platz in einem Park, der ganz von den ungeheuer großen grünen Bäumen überwölbt war; mit einem eigenen Blaugrün hatte der Maler die Bäume gemalt, das wunderlich einlud zu Träumereien; ganz in bläulicher Ferne glänzte das phantastische Schloß mit vorspringenden und zurückweichenden Säulen und Bogen; es schien schlank und kühn in die Höhe zu streben, mit hohen Fenstern, die von flammenartig nach oben steigenden Ornamenten gekrönt wurden, hohen und schmalen Türen, zierlichen Balkons mit verschlungenen geschmiedeten Geländern, heiter sich schwingenden Treppen, steilen Dächern, deren Flucht unterbrochen war durch anmutig geformte Mansardenfenster. Vorn, auf dem schattigen Rasenplatz unter den vielhundertjährigen Bäumen, lustwandelte eine jugendliche Gesellschaft: auf niedlichen Stöckelschuhen trippelten hübsche Damen mit hochgetürmtem Haar und geschürzten Röckchen; ihnen zur Seite tänzelten junge Herren in Seidenstrümpfen, prächtigen, goldgestickten Röcken, mit dem Gefäß des leichten Degens spielend, der munter und lustig abstand hinter ihnen, oder beteuernd die Hand auf den Arm einer der kleinen Damen legend, oder sich zuwinkend, zierlich mit den dreieckigen Hüten in der Luft agierend. Für sich allein aber, unbeachtet von den anderen, am Stamme eines Baumes stand eine der jungen Damen, ein Blatt Papier in der Hand, das sie traumverloren betrachtete. Hinter ihr zog sich durch das Grün des Gebüsches hin deutlich erkennbar ein kleiner Fußpfad, der zu einem ländlichen Gehöft führen mochte oder vielleicht auch in Windungen zum Schloß lief.