19. Februar 2020

Ein Wald von Fragezeichen

Alle politischen, philosophischen und religiösen Gewissheiten, wie die Natur zu retten wäre und damit auch die Menschheit, scheinen verloren zu sein. Das Denken nur mit Bedenken ist in einen Abgrund geschlingert, in dem es nun zweifelnd liegt und zu den Kondensstreifen hochschaut: Ist alles vergeblich? Die Wissenschaftler tun so, als ob sie damit zufrieden wären, dass wir nichts Sicheres wissen, ja überhaupt nicht wissen können in der Art, in der die früheren Philosophen und Theologen eine „Wahrheitsfrage“ stellten und zu beantworten vermeinten. Das Denken hat durch diesen Sturz vielleicht sogar eine erste neue Wahrheit gefunden, die lautet: Wir wissen eben nichts sicher und das muss uns genügen?

14. Februar 2020

Zehn Jahre Kulturkampf. Ein Vogelflug über bundesrepublikanische Dekaden. Eine Liebeserklärung an die alte CDU. Ein gerüttelt Maß an Merkel-Kritik. Eine Schelte des dichotomischen Zeitgeists

Von Spengler habe ich gelernt, dass große Geister – wenn ich mich erinnere, erwähnt der Autor des Untergangs des Abendlandes in diesem Zusammenhang Dante und den von ihm verehrten Goethe – Ereignisse und Zustände aus der Vogelperspektive betrachten, während der Normalsterbliche (und insbesondere natürlich der Zeitgenosse einer erstarrten Zivilisation) die Warte des Froschs zu verlassen nicht imstande ist. Bei aller Selbstüberschätzung würde sogar der Urheber der vorliegenden Zeilen eingestehen, dass er, auch wenn er sich noch so sehr streckte, den Schöpfer der Commedia und den Verfasser des Faust bei weitem nicht erreichte. Doch die Idee, die Dinge unter möglichster Ausschaltung der eigenen Alltagsbefangenheit zu befunden und zu begutachten, hat auch für den intellektuellen Fußsoldaten Noricus ihren Reiz.

10. Februar 2020

Erfurt: quousque tandem?

Unirdisch klingt Getöse von Berlin.

Und es regieren grausige Magien.

- Ernst Blass (1890-1939), "Regen" (1912)

Mit Voraussagen soll man vorsichtig sein, insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen, lautet ein bekanntes Bonmot, das zumeist Mark Twain zugeschrieben wird. In diesem Belang sehe ich mich als angelegentlicher Kommentator der politischen Zeitläufe in einer Zwickmühle, denn ich pflege mich hinsichtlich des Ausgangs von Kabalen, Krisen und Entwicklungen nur dann "aus dem Fenster zu lehnen," wenn ich anhand gewisser Anzeichen, Symptome oder Tendenzen, und sei es nur aus einem vagen Bauchgefühl heraus, vermeine sagen zu können, "wohin die Reise geht". Das mag nun nicht zutreffen, aber ich für meinen Teil mag das Prophetengeschäft ungern in der Manier ahnungsfreier Kaffeesatzleserei zu betreiben. Un coup de dés jamais n'abolira le hasard, ein Würfelwurf schafft den Zufall nicht aus der Welt, befand Stephane Mallarmé vor gut 130 Jahren, aber ein leichtes "Fühlt-sich-SO-an" hat sich als hilfreich erwiesen, um die Faktoren zu wägen und zu gewichten, aus denen sich diese Erwartung zusammensetzt. Und für die eine des Entwicklungen, um die es in dieser kleinen Note gehen soll, zeigt sich meine Kristallkugel in absoluter Schwärze, vernebelt, opak. Die andere Entwicklung läßt sich hingegen eindeutig umreißen: Nicht in den Details ihres Weges, aber doch in ihrem Endresultat.

Zitat des Tages: Äpfel mit Birnen

"Wir werden das so nicht durchhalten", sagte Prien. Sie sei überzeugte Antikommunistin, aber "einen respektablen Ministerpräsidenten wie Bodo Ramelow mit einem Herrn Höcke (Thüringens AfD-Chef Björn Höcke, Anm. d. Red.) gleichzusetzen, ist eine politische und historische Verzerrung", sagte Prien. "Diese Realität hätten wir viel früher zur Kenntnis nehmen müssen."

Aus dem Zeit-Online Artikel "CDU-Landesministerin will Linke nicht wie AfD behandeln"

Kommentar:

Eine manipulative Meisterleistung. Es wurde schließlich nicht Höcke gewählt, sondern Kemmerich.  Es werden also Äpfel mit Birnen verglichen: Der Kandidat auf Seiten der SED mit einem der vielen Wähler Kemmerichs. 

Bei Ramelow kommt es nicht darauf an, ob er von Linksextremen mitgewählt wird, denen er Einfluss auf die Regierungspolitik verschafft, denn es komme ja auf den "integeren" Kandidaten an, nicht wer ihn wählt. Verglichen wird der SED-Kandidat dann aber nicht mit Kemmerich, sondern mit Höcke. Weil sich Kemmerich alles anrechnen lassen muss, was ein Wähler in einer geheimen Wahl für rechtsextreme Fantasien hat. Das er denen nicht auch nur den kleinen Finger gereicht hat, lässt man nicht gelten. Dies sei schon "Kooperation". 

Das der Zeit-Artikel den manipulativen Vergleich nicht kritisch hinterfragt und akzeptiert ist genauso wenig überraschend, wie es deren gutes Recht ist mit gnadenlosen Doppelmaßstäben parteiisch für den Demokratischen Block unter Führung der Partei der Arbeiterklasse einzutreten. Das aber scheinbar "bürgerliche", "konservative" oder "ausgewogene" Medien wie Welt und FAZ die Botschaft nur durchreichen, ohne einen kritischen Kommentar, in dem die Absurdität des ganzen hervorgehoben und den Heuchlern um die Ohren gehauen wird, ist zwar auch deren gutes Recht in einer Demokratie mit Pressefreiheit, aber 

1. eine Bankrotterklärung des bürgerlichen Lagers
und
2. mit diesem Mangel an Rückrad im bürgerlichen Lager wird es diese Demokratie mit Pressefreiheit, als echte pluralistisch-liberale Demokratie anstatt als halb-autoritäre, gelenkte Demokratie eventuell bald nicht mehr geben.

Oder glaubt hier jemand ernsthaft, die SED zusammen mit Grünen und SPD werden jeden Einfluss, den sie jetzt gewinnen können, nicht nutzen, um Strukturen zu schaffen, die eine Wiederholung eines solchen "Tabubruchs" mit "subtilen" Methoden in Zukunft zu verhindern gedenken?

Wenn solche Kommentare schon aus der CDU kommen?


Techniknörgler

© Techniknörgler. Für Kommentare bitte hier klicken.

Zitat des Jahrhunderts: Kommunisten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Cyril Ramaphosa, und liebe Gäste dieses Businessforums, ich darf vielleicht hinzufügen: Kommunisten unter freiheitlichen Bedingungen sind auch nicht mehr die Kommunisten, die sie einmal waren.­

Bundeskanzlerin Angela Merkel, "Eingangsstatement von Bundeskanzlerin Merkel beim Wirtschafts-Round-Table in Pretoria", zitiert nach der Mitschrift Pressekonferenz Donnerstag, 6. Februar 2020, abrufbar auf der Webseite der Bundesregierung.

Kommentar:

Plötzlich gibt alles seinen tiefen Sinn.

Techniknörgler

© Techniknörgler. Für Kommentare bitte hier klicken.

9. Februar 2020

Der Fall Kemmerich(s) oder: Von der grenzenlosen Torheit des politisch-medialen Mainstreams

Wenn Wahlen etwas veränderten, dann wären sie längst abgeschafft, lautet ein Bonmot, das dereinst eher in linken Kreisen die Runde machte. Wenn Wahlen etwas verändern, dann werden sie abgeschafft, könnte man die Posse nach der Kür des FDP-Mannes Thomas Kemmerich zum thüringischen Ministerpräsidenten in Anlehnung an diesen Sponti-Spruch trefflich kommentieren.

Zur Causa Kemmerich wurde vielleicht schon von jedem alles gesagt. Auch in diesem Blog war der Vorgang bereits Gegenstand mehrerer Beiträge. Ich möchte hier nicht die Argumente wiederholen, weshalb die von der Bundeskanzlerin geforderte und vom Gros des politisch-medialen Mainstreams herbeigetwitterte Rückgängigmachung der in Rede stehenden Wahl eine Todsünde wider elementare demokratische Prinzipien darstellt, von denen man dachte, dass sie zumindest bei der Union, der FDP, der SPD und den Realo-Grünen außer Streit stehen. Nein, ich möchte im Folgenden näher darlegen, weshalb sich die letztendlich auf kurze Sicht erfolgreichen Hysterie-Ausbrüche des Meinungshegemons mittel- bis langfristig (aus der Perspektive der entsprechenden Akteure) als kontraproduktiv erweisen werden.

8. Februar 2020

Republik der Feiglinge oder Republik der Angst?

Die Wahl von Thüringen ist wahrlich nicht nur eine Zäsur in Deutschlands politischem Betrieb, sie ist auch ebenso ein Augenöffner, den diese Autor in dieser Form nicht für möglich gehalten hätte. Diese Moment der außerordentlichen Klarheit eines Zustandes, noch dazu eines ganzes Landes, sind selten, selbst Wahlen verschleiern gerne den wahren Character ihres Hintergrundes, von mehr oder minder manipulierten Meinungsumfragen gar nicht erst angefangen.

Was sich in den vergangenen drei Tagen deutlich gezeigt hat ist die alles beherrschende Eigenschaft der deutschen Politik: Angst. Selten war Angst so deutlich zu spüren, zu sehen, wahrzunehmen, ja zu atmen.

7. Februar 2020

Die strukturelle Schwäche der Bürgerlichen - Vorwort

Das bürgerliche Lager ist in einer Krise. Diese Krise ist zum Teil selbstverschuldet, zum Teil strukturell bedingt. Aber auch die eigenen Fehler sind meines Erachtens ein Ausdruck einer strukturellen Schwäche, die zu diesen Fehlern verleitet. Eine strukturelle Schwäche, die dem bürgerlichen Lager inhärent ist und es von anderen politischen Strömungen  rechts wie links  unterscheidet. Weder Linke, Progressive, Grüne, Sozialisten und Kommunisten noch (nicht-bürgerliche) Rechtspopulisten, Rechtsaußen, Rechtsradikale oder Rechtsextremisten teilen diese Schwäche.

Diese Schwäche  so meine Hypothese, die ich in folgenden Beiträgen näher ausführen werde  ist im Kern der Wunsch (und für einen nicht geringen Teil die Notwendigkeit zum Aufrechterhalten des eigenen Selbstbildes und Selbstbewusstseins) von gesellschaftlichen Institutionen, die von sich behaupten die öffentliche Moral zu vertreten und zu verteidigen, als anständiger Mitbürger anerkannt zu werden und damit auch die ständige Sorge, diesen gesellschaftlichen Status aberkannt zu bekommen – und zwar auch dann, wenn sie diese Institutionen gar nicht mehr dominieren, wie sie es noch bis in die 60er gewohnt waren, ja sogar wenn sie von ihren ausgemachten Feinden übernommen wurden. Das war für Bürgerliche kein Problem, solange sie selber die gesellschaftlichen Institutionen dominierten oder zumindest zusammen mit moderat-mittigen Progressiven und Linken hälftig teilten, die einen Grundrespekt für den politischen Gegner aufbrachten und gemeinsam die explizit anti-bürgerlichen Revolutionäre klein hielten. Sobald diese Institutionen jedoch von links-progressiven Aktivisten (in Deutschland insbesondere in Gestalt der Grünen) dominiert werden, lässt sich das bürgerliche Lager hacken.

Ich gehe sogar so weit zu sagen: Diese Schwäche ist so zentral, dass nahezu alle anderen Probleme und Schwächen der Bürgerlichen entweder aus ihr entspringen oder erst durch diese direkt oder indirekt zu einem relevanten Problem verstärkt werden.

Diese Schwäche näher auszuleuchten, mögliche Einwände gegen diese Hypothese zu entkräften sowie die Konsequenzen und Folgeschwächen für das bürgerliche Lager zu beleuchten ist das Anliegen dieser Serie. 

­
Techniknörgler

© Techniknörgler. Für Kommentare bitte hier klicken.

Die strukturelle Schwäche der Bürgerlichen - Vorwort für Zimmerleute

In dieser kleinen Serie möchte ich die Lage des bürgerlichen Lagers beschreiben und Überlegungen zu den Mechanismen und Gründen hinter seinem derzeitigen Zustand anstellen. Die Lagebeschreibung wird zu einem großen Teil den geneigten Lesern vermutlich nichts offenbaren, was nicht viele Zimmerleute zumindest schon gefühlt haben, aber bisher nicht systematisch strukturiert und in Worte gefasst wurde. Letzteres nachzuholen ist mein Ziel, denn wenn man jemandem, insbesondere eine größere Menschenmenge, ein Problem erläutern oder von einer Kurskorrektur überzeugen will, gibt es keine Alternative. Diese kleine Serie ist also alternativlos.

Aus diesem Grund ist es aber auch keine rein akademische Abhandlung. Die Serie wird nicht wie ein akademisches Paper strukturiert sein, auch wenn ich um das Erläutern und Dozieren nicht vollständig herum kommen werde. Stattdessen wird es eine Erzählung sein, die auch darauf ausgelegt ist, Nicht-Zimmerleute zu überzeugen. Zu diesem Zwecke ist auch gerne jederzeit konstruktive Kritik  (inhaltlich wie auch zur Struktur) angebracht, die für eine eventuelle Überarbeitung nach Abschluss der Serie herangezogen wird, bevor die (überarbeitete) Serie noch an anderer Stelle veröffentlicht wird.
Techniknörgler

© Techniknörgler. Für Kommentare bitte hier klicken.

6. Februar 2020

Thüringen: ein Husarenstück


(Titelillustration von Roger Letsch. Mit freundlicher Genehmigung des Erstellers von dieser Stelle zweitverwendet.)

Der geschätzte Netztagebuchmitautor Larian hat ja in seinem vorausgehenden Blogbeitrag die wichtigsten Aspekte des heutigen Geschehens im Thüringer Landtag prägnant umrissen - inklusive der Benennung als "Husarenstück" (was über die geläufige Metaphorik eines solchen parlamentarischen Kabinettstücks auch als ein Nicken über die Jahrhunderte zurück empfinden darf, da man bei "Thüringen" fast so stark wie beim benachbarten Brandenburg an Preußen, Fontane und nicht zuletzt den "alten Fritz" denken mag - eine solche Erweiterung des Assoziationsraums würde unserem öffentlichen medialen Diskurs - sit venia verbo - in seiner Engführung auf die "fatalen zwölf Jahre" durchaus guttun). Ich möchte mich deswegen hier zuvörderst auf eine kleine Blütenlese der Reaktionen der dort angesprochenen "üblichen Verdächtigen" beschränken, um den Ton dieser das gewohnte Maß sprengenden Schaumproduktion griffig vor Augen zu stellen - und zu dokumentieren, falls es einigen dieser Fingerfertigen in den Sinn kommen sollte, ihre Torheiten der Lethe anzuvertrauen, jenem Fluß der antiken Mythologie, der denen, die aus ihm tranken, alles Vorgefallene aus dem Gedächtnis löschte. (Fun fact: zu den Grenzflüssen des Hades zählten die "ollen Griechen" auch die Mnemosyne, die das Gegenteil bewirkte: alles Geschehene wieder ins Gedächtnis zu rufen und den daraus Trinkenden mit der Gabe der Allwissenheit auszustatten: ein Fluch jener besonderen mythologischen Spielart in der Manier des Sisyphus und Tantalus, wir wir seit Jorge Luis Borges' Funes el memorioso wissen.)  

5. Februar 2020

Empörung und Verzweifelung. Eine Wahlnachlese.

Es war schon ein lustiges Husarenstück, das die Thüringer AfD (ja, die Höcke-AfD) da zusammengebracht hat. Statt sich mit der ihr zugedachten Rolle am Katzentisch zufrieden zu geben, wählte man, scheinbar recht unerwartet, halt geschlossen den Kandidaten der FDP und -schwupps- war dieser dann Ministerpräsident von Thüringen. Der Coup war von A-Z gut geplant, er war unerwartet, er war angetäuscht (man stellte ja einen eigenen Kandidaten auf) und er war richtig zeitlich durchgeführt in genau dem Wahlgang, wo er Sinn machte. 

4. Februar 2020

Kai aus der Kiste

Nicht "Kai." Tom. Tom Radtke. Aber es hätte auch Hans oder Franz oder in diesem Falle sogar "Achmed Schachbrett" sein können. Warum es völlig belanglos ist, dazu nach einem ausholenden Schlenker weiter unten.

Als Andy Warhol vor über einem halben Jahrhundert, im Jahr des grassierenden Irrsinns 1968, sein bekanntestes Bonmot prägte, daß "in Zukunft jeder für 15 Minuten Berühmtheit erlangen könnte" ("In the future, everybody will be world famous for 15 minutes"; der Satz fiel bei der Eröffnung einer Austellung von Photos von Warhol in Stockholm, als sich bei der Vernissage haufenweise Besucher um ihn scharten, um mit dem damaligen Superstar der Pop Art abgelichtet zu werden) könnte es durchaus der Fall gewesen sein, daß "Andy" an das Phänomen gedacht hat, daß wir - nicht erst seit den letzten 20 Jahren, aber im Zeitalter des ubiquitären Weltnetzes mehr und mehr sehen.