19. November 2018

Die Relativismus-Religion

Es wird geklagt, die political correctness führe zu einem Universalismus, der nicht mehr der Natur des Menschen entspreche: die Vielfalt würde vernichtet, wenn die Unterschiede zwischen Mann und Frau und zwischen den Kulturen geleugnet würden, die krampfhafte Gleichstellung sei ein Aufstand gegen den gesunden Menschenverstand. Auch die Kirchen in Deutschland seien inzwischen aus Angst vor einem Bedeutungsverlust abgefallen zu politisierten geistig-moralischen Wohlfühlleistern, um ihr Mitspracherecht zu behalten. Ist das die Realität und welches Anliegen äußert sich in diesen Klagen?

18. November 2018

Thwip. Zum Tode von Stan Lee.

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Der Ruhm kam vergleichsweise spät. 1961, also vor mehr als 50 Jahren schuf Stan Lee, zusammen mit Jack Kirby, den ersten großen Marvel Comic, die fantastischen Vier. Es folgten die bekannten Figuren vom Hulk bis zu seiner wohl erfolgreichsten Figur: Spider Man. Es mögen manche die Aussage in Zweifel ziehen, aber man könnte auch sagen, Stan Lee ist der eigentliche Schöpfer des Marvel Comic Universums, wie wir es heute kennen.

30. Oktober 2018

Die große Lösung und die lästigen Formalien

Es steht schlecht um die Regierungskoalition in Berlin, die einstmals eine große war. Schon von Beginn an mochte sie keiner so wirklich, inzwischen ist sie weiten Wählerschichten geradezu verhaßt. Und nicht nur die Anhänger der in der Koalition verhakten Parteien sehnen sich nach dem Befreiungsschlag, nach der großen Lösung, die den Frust endlich beendet.

Auf SPD-Seite wird schon seit Regierungsbildung darüber geredet. Spätestens seit dem Debakel in Bayern wird in weiten Parteikreisen und dem Parteiumfeld gefordert: Sofort raus aus der GroKo, die schadet uns nur.

Auf Unions-Seite blieb der Frust länger unter der Decke und richtete sich mehr gegen die Parteiführungen als den Koalitionspartner. Aber auch hier liegen seit den Wahldesastern in Bayern und vor allem Hessen die Nerven blank. Die bisher absolut Merkel-treue Hessen-CDU hat schon am Wahlabend unisono die Schuld an der Niederlage an die Berliner GroKo abgeschoben.
Und seit nun Merkel gestern ihren Abschied angekündigt hat, gibt es auch auf Unionsseite die Hoffnung auf die große Lösung. Ein Hoffnungsträger (irgendein Friedrich Kramp-Spahn) wird neuer Parteivorsitzender, übernimmt das Kanzleramt, und dann wird die Republik wieder so wie vor Merkel.

Es ist erstaunlich, daß bei diesen Wunschvorstellungen auch erfahrene politische Aktivisten oft vergessen, daß nach dem ersten Schritt noch einige weitere kommen werden. Und die sind dann nicht so einfach und erfolgbringend. Sondern das Risiko ist groß, daß nach der großen Lösung nicht die Befreiung kommt, sondern ein noch viel größeres Desaster.

29. Oktober 2018

Merz? Ja, ist denn heut scho Weihnachten?

­Die Hessenwahl war bei Licht betrachtet vor allem eins: Ziemlich langweilig. Es stellte sich allenfalls die Frage ob die SPD noch tiefer stürzen würde, als ohnehin schon überall eingepreist war, doch am Ende kam dann wirklich ein Ergebnis raus, dass die Demoskopen im Wesentlichen so erwartet hatten (eigentlich auch einmal etwas ungewöhnliches in letzter Zeit).

21. Oktober 2018

Ein Brief an Angela Merkel

Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,

im Bundestagswahlkampf 2013 haben Sie mit dem Slogan „Sie kennen mich“ geworben. Das war zwar ein ungewollter politischer Witz; denn als Persönlichkeit sind Sie für die Deutschen in all den Jahren opak geblieben. Aber ich will Sie gleichwohl beim Wort nehmen. Ja, ich kenne Sie, Frau Bundeskanzlerin. Und deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass Ihnen diese lust- und mutlose Große Koalition in Berlin, diese pausenlosen Bloßstellungen, Demütigungen und Niederlagen noch den geringsten Spaß machen.

19. Oktober 2018

Moments bloguicaux: Paradoxes zum Herdenverhalten

Der Verfasser dieser Zeilen liest zwar keine bunten Blättchen. Doch wird er auf der Website seines E-Mail-Providers und in den Online-Auftritten der Qualitätsmedien gleichwohl ausreichend mit Geschichten aus dem Human-Interest-Ressort versorgt. Zugegeben: Manchmal können auch diese Nebensächlichkeiten den Anlass für eine nicht völlig belanglose Reflexion bilden.

Immer wieder wird berichtet, dass die Gewandungsgepflogenheiten aristokratischer Stilikonen, wie insbesondere der beiden Herzoginnen Kate und Meghan aus dem Vereinigten Königreich, dazu führen, dass ein Kleid in kurzer Zeit ausverkauft ist oder ein Internet-Shop zusammenbricht.

Dem Endunterfertigten stellen sich diesbezüglich zwei Fragen: Wie erkennen die Imitationswilligen so schnell, um welches Modestück es sich bei dem von den Blaublüterinnen (besser gesagt: durch Heirat blaublütig Gewordenen) handelt? Warum wollen nicht ganz wenige Frauen das gleiche Garderobenelement ihr Eigen nennen, da es doch als mittlere gesellschaftliche Katastrophe gilt, wenn zwei Damen zu einer Veranstaltung in übereinstimmendem Fummel erscheinen?

Und, als an- und abschließende Aporie des Autors hinsichtlich dieses Themas: Warum herrscht bei Männern Uniformzwang, der sich hinsichtlich der Notwendigkeit eines Strangulationsaccessoires in jüngerer Vergangenheit gottlob mehr und mehr auflockert, während den Frauen eine beneidenswerte Diversität an Körperbedeckungsvarianten offensteht?

Noricus

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17. Oktober 2018

Was dem einen sein Denunziant ist

­Aufgrund der Landtagswahl ist ein sehr schönes Thema in den letzten Wochen liegen geblieben: Die interessante Frage wie man richtig denunziert, wer alles ein Denunziant ist und vor allem wer alles kein solcher ist.
Doch fangen wir am Anfang an: Wie öfter in den letzten Jahren legt die AfD mal wieder vor. Nachdem sie für das Bundesland Hamburg bereits ein solches geschaffen hat, möchte sie nun auch in Sachsen ein Portal auflegen, in dem Schüler Anzeige gegen ihre Lehrer erstatten können, wenn diese die gebotene politische Neutralität missachten. Simpel übersetzt: Schüler sollen, auf Wunsch anonym, ihre Lehrer "verpetzen" können, wenn diese in ihrem Unterricht auf die AfD einprügeln.

15. Oktober 2018

It’s Upper Bavaria, stupid – Zu regionalen Besonderheiten im bayerischen Wahlverhalten

Das vorläufige Endergebnis der Wahl des Bayerischen Landtages gestaltet sich wie folgt (Angaben in Prozent):

CSU 37,2
Grüne 17,5
FW 11,6
AfD 10,2
SPD 9,7
FDP 5,1

Viele kluge Köpfe haben sich in Analysen dieses Resultats geübt. Der Verfasser dieser Zeilen möchte zum besseren Verständnis des Urnenganges im Freistaat auch sein intellektuelles Scherflein beitragen und dabei auf bestimmte regionale Besonderheiten im Abstimmungsverhalten näher eingehen. Schauen wir uns also zunächst an, wie die in den Landtag einziehenden Parteien in den einzelnen Regierungsbezirken abgeschnitten haben (alle Angaben in Prozent):

13. Oktober 2018

Ein bisschen Zahlenmagie zur Bayernwahl

Am Donnerstag habe ich mich der Landtagswahl in Bayern vom politischen Setting her genähert, heute will ich das Augenmerk auf die im Endeffekt alles entscheidenden Zahlen richten. Wenn man die in den letzten eineinhalb Monaten durchgeführten Umfragen heranzieht, ergeben sich für die Parteien, die Chancen auf einen Einzug in das Freistaatsparlament haben, voraussichtlich die folgenden Schwankungsbreiten (in Prozent ausgedrückt):

CSU 33–36
Grüne 16–19
AfD 10–14
SPD 10–13
FW 7–11
FDP 5–6
Linke 4–5

11. Oktober 2018

Weiß-blaues Wahlorama

Am Sonntag wählen wir Bayern unseren neuen Landtag. Wenn man trotz aller von Trump, Brinkhaus und dem Brexit eingeflößten Skepsis gegenüber Umfragen und Prognosen auf das vorliegende Sondierungsmaterial Bedacht nimmt, so könnte der 14. Oktober ein weiterer Meilenstein in der Erosion der Volksparteien werden. Die CSU pendelt in den Erhebungen zwischen 33 und 35 Prozent, die SPD ist in der von INSA zwischen dem 2. und 8. Oktober durchgeführten Befragung sogar auf gerade noch nicht einstellige 10 Prozent gefallen.

8. Oktober 2018

Und ewig grüßt die Apokalypse

­Vor knapp drei Jahren, im Dezember 2015, war es eine zukünftige Erderwärmung von zwei Grad Celsius, die deutlich unterschritten werden musste, um einen Übergang in eine "Heisszeit" - was immer das bedeutet - sicher zu verhindern.

Heute veröffentlichte das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) in einem Sonderbericht die Kunde, dass eine Begrenzung der zukünftigen Erderwärmung auf lediglich 1,5 Grad Celsius immer noch möglich ist. Zumindest dann, wenn man zu "beispiellosen Veränderungen" in unserer Gesellschaft bereit ist. Wer es ein bisschen weniger sachlich möchte als in der "Süddeutschen", kann das Ganze auch im Qualitätsmedium "Die Zeit", unter der Rubrik "Wissen", nachlesen: Es weht ein Hauch biblischer Apokalypse durch die Neuzeit, die sich der sündige Mensch - mal wieder - selbst einbrockt. So weit also nichts Neues, außer vielleicht, dass es heuer die ehemals progressiven, linken Kräfte der jungen Bundesrepublik sind, welche den christlichen "Schuld und Sühne" Gedanken für sich entdeckt haben und nicht die ewig gestrigen, verstaubten und naiv bibeltreuen.

Fragen zu allen Dingen überhaupt: Ist es Kunst, kann es weg, und wenn es weg ist, ist es dann noch Kunst?

"Going, going, gone". 
(Banksy)

Die Briten haben den Deutschen nicht nur Errungenschaften wie eine eigene Währung, eine Königin und den Linksverkehr voraus, sondern auch - und das gehört in Deutschland zum Pflichtwissen gebildeter Kreise: Humor. Dieser wird auch gerne geschätzt, solange er im Bereich von toten Papageien oder einschlafenden Kirchenbesuchern verweilt. Was die Deutschen dagegen nie verstanden haben, ist der sogenannte practical joke oder kurz prank. Deshalb haben wir es nie zu einer Tradition gebracht - man denke nur an Verstehen Sie Spaß, wo ein zum Verzweifeln fader Schweizer  völlig einfallslos irgendwelche Prominenten "reinlegte", das galt dann als Samstag-Abend-Unterhaltung. Die wenigen gelungenen Ausnahmen - Bernd Fritz' großartiges Buntstiftschlecken bei Gottschalk oder kürzlich Joko und Klaas' Ryan-Gosling-Fake bei der Goldenen Kamera - wurden eher missbilligt

Einen außergewöhnlichen prank hat der britische Künstler Banksy jetzt im Vatikan des Kunstmarkts, bei Sotheby's in London abgezogen. Er hatte im Rahmen eines seiner Werke einen Schredder verbaut, der just in dem Moment, als der Hammer bei einem Gebot von 860.000 GBP fiel, das Bild in kleine Streifen zerschnitten hat.   

7. Oktober 2018

Warum Kavanaughs Ernennung eine gute Nachricht ist

Brett Kavanaugh wird Richter am Supreme Court of the United States. Das ist eine gute Nachricht. Und zwar nicht nur dann, wenn man für den 53-Jährigen oder seinen Förderer Donald Trump Sympathien hegt (die dem Verfasser dieser Zeilen ebenso fremd sind wie einschlägige Antipathien), sondern auch, wenn man bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen der letzten Jahre und Dekaden bedenklich findet.

Über Kavanaughs Qualität als Jurist kann der Endunterfertigte nicht urteilen, fehlen ihm dazu doch sowohl Einblicke in die bisherige Arbeit des Mannes aus Washington als auch Kenntnisse des amerikanischen Rechtssystems, die für eine halbwegs seriöse Bewertung ausreichen würden. Um Kavanaughs Fähigkeiten als Rechtsprechungsorgan ging es in der Debatte über seine Eignung als Höchstrichter auch gar nicht. Vielmehr wurde ihm zur Last gelegt, in jungen Jahren einen moralisch verwerflichen Lebenswandel geführt zu haben, der in der versuchten Vergewaltigung eines damals 15-jährigen Mädchens gegipfelt haben soll.

3. Oktober 2018

Marginalie: Verständnis für Alan Posener? Einfach nur peinlich

­Zugegeben: Sich an Alan Posener abzuarbeiten ist nicht viel ehrenvoller als an Jakob Augstein: Beide leben in einer linken Parallelwelt, die mit der Realität in Deutschland nur am Rande zu tun hat. Dennoch lohnt es sich das neueste Elaborat aus Poseners Feder, dass er heute auf online Seite der Welt veröffentlicht hat, einmal kurz durchzulesen, erlaubt es doch einen recht klaren Blick auf das linke Denken dieser Tage.

29. September 2018

Was wird da aufgedeckt in der Kirche?

Die Kräfte der Stille und der Mitte drohen Europa zu verlassen.
Gehen sie wirklich fort, dann muss das Abendland verdorren. (1933)

Romano Guardini, † 1. 10. vor 50 Jahren



Wie seltsam die alten Worte Stille und Mitte. Wir hören heute andere: Verstrickung, Vertuschung, Missbrauchstudie, Machtstrukturen, Risikofaktor, Frühwarnsysteme. Die Psychologen sind nicht erstaunt, dass die Anzahl der „Betroffenen“ in Deutschland genauso groß ist wie die in Irland, USA und Australien. Der Mensch ist überall derselbe. Aber von Christen und Amtsträgern erwartet man Vorbildlicheres.

25. September 2018

Ein Brief an Horst Seehofer

Lieber Horst Seehofer,

ich hoffe, Sie nehmen mir die vertrauliche Anrede nicht übel. Wir kennen uns ja nicht. Das heißt: Sie wissen nichts von mir (und das ist auch gut so) und ich lese, sehe und höre von Ihnen immer nur in den Medien. Was dort über Sie berichtet wird, ist jedenfalls seit drei Jahren meist nicht besonders wohlwollend. Von links wird Ihnen vorgeworfen, die Arbeit der Bundesregierung zu sabotieren; von rechts werden Sie des Maulheldentums geziehen. Wenn ich ehrlich sein darf: Beide Anschuldigungen sind, nachdem man sie ihrer polemischen Glasur entkleidet hat, nicht ganz unberechtigt. Und Sie haben mir oft genug Rätsel aufgegeben und mich zu verwundertem Kopfschütteln veranlasst.

Doch inzwischen glaube ich zu verstehen, was der Zweck Ihres Handelns ist. Als einer der letzten verbliebenen politischen Haudegen dieser Republik ist Ihnen natürlich klar, dass die CDU ein Kanzlerwahlverein ist, der ziemlich viele ideologische Kröten schluckt, wenn er sich mit der aktuellen Nummer Eins immer noch mehr Chancen ausrechnet als mit den designierten oder auch nur gemutmaßten Thronprätendenten. Und deshalb ist Ihr vordringliches Ziel, Merkel so weit zu schwächen, dass auch die Schwesterpartei einen Wechsel in der Führungsebene für geboten erachtet.

24. September 2018

Mooßn, du bleibst nee hiea!

"Es gab nur eine Hetzjagd", so tönt es allerorten in der konservativ-patriotisch-nationalen (Auf sich selbst nicht zutreffen wollendes bitte streichen) Filterbubble. Natürlich nicht vom "Hasen" gegen den "Kanacken", sondern von der Volksvernichterin Merkel im Verbund mit der Lügenpresse gegen Hans-Georg Maaßen. Ich spare mir einzelne Zitate und setze den Spin als bekannt voraus.

Der geschätzte Kollege Techniknörgler hat an dieser Stelle geschrieben, dass Merkel "inhaltlich" gewonnen habe, weil die Mehrheit der Bevölkerung Maaßen für untragbar hält. Nun war es Merkel ja offenkundig egal, ob Maaßen im Amt bleibt, und wenn ja, in welchem - Merkel handelt primär danach, was sie im Amt hält, und da wäre ein Rücktritt Seehofers gefährlicher geworden. Wenn nicht die SPD seinen Kopf gefordert hätte, würde er noch heute als Verfassungsschutzpräsident herumdilettieren - zumindest für ein paar Wochen. Und nach dieser kurzen Einleitung komme ich zum eigentlichen Thema. Auch wenn die jetzige Begründung an den Haaren herbeigezogen ist und mehr über die Entscheidenden aussagt als über den, über dessen Amt entschieden wurde - Maaßen war aus meiner Sicht tatsächlich entlassungsreif. Aber nicht wegen diesem unsäglichen Hype um das Zeckenbissvideo, sondern wegen seines Verhaltens rund um den Anschlag am Breitscheidplatz. 

23. September 2018

Merkels schwerste Sünde

Viel ist hier schon über die Fehler Angela Merkels geschrieben und geklagt wurden. Von der Energiewende, die Griechenland- und Eurorettung oder ihre Entscheidungen während der Flüchtlingskrise 2015/16.

Aber ihre schwerste Sünde hat Angela Merkel nach den Ausschreitungen in Chemnitz begangen. Genau genommen ist es eigentlich auch nur die bisher gravierendste Inkarnation ihrer Kernsünde. Schon in den vorherigen Fällen war es meiner Einschätzung nach der giftigste Aspekt ihrer Regentschaft, häufig aber überlagert durch ihre ganz praktischen Fehlentscheidungen. Auch hier wurde dieser Aspekt lediglich zeitweilig angekratzt.

Wohnen wird Chefsache. Rette sich wer kann.

­Die Frau Bundeskanzler hat um davon abzulenken, dass sie bei ihrem Märchen ertappt wurde und dem x.ten Messermord abzulenken um auch ein Thema zu beharken, dass sie bis dato im Wesentlichen ignoriert hat, einen "Wohn- und Mietgipfel" im Kanzleramt angesetzt.  Dazu wurde flugs das Thema Wohnungspolitik zur Chefsache erklärt. Der gelehrige deutsche Michel weiss dann auch: Jetzt wirds ernst. Und teuer.

21. September 2018

Aus nicht mehr ganz aktuellen Anlaß

Auch wenn es vielleicht nicht mehr der aktuellste aller Anlässe ist, so möchte ich doch im Kontext Trump darauf hinweisen, dass die amerikanische Botschaft, deren Umzug ja nun seit ewigen Jahren verschoben wurde, vor knappen vier Monaten in Jerusalem eröffnet wurde.

Vollkommen unabhängig davon möchte ich auf das Spendenkontro der Friedrich Naumann Stiftung  hinweisen:

Emfpänger:
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
Spendenkonto:
Commerzbank Berlin
BLZ: 100 400 00
Konto Nr.: 266 9661 04
IBAN: DE12 1004 0000 0266 9661 04
BIC: COBADEFFXXX 

Llarian

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12. September 2018

Chemnitz und die Macht der Phantasie

Es stimmt schon: Hans-Georg Maaßen hat nicht gesagt, dass er das seit Tagen heiß diskutierte Antifa-Zeckenbiss-Video für eine Fälschung halte. Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz hat sich vielmehr wie folgt geäußert:
Es liegen keine Belege dafür vor, dass das im Internet kursierende Video zu diesem angeblichen Vorfall authentisch ist.
Und:
Nach meiner vorsichtigen Bewertung sprechen gute Gründe dafür, dass es sich um eine gezielte Falschinformation handelt, um möglicherweise die Öffentlichkeit von dem Mord in Chemnitz abzulenken.

11. September 2018

Politische Symmetrie

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Die Diskussion um das Phänomen der AfD lässt mich oftmals ratlos zurück. Dies liegt vor allem daran, dass im Zusammenhang mit ihr monokausale Erklärungen samt monokausaler Schlüsse präferiert zu werden scheinen. Selbst wenn man versucht sie differenziert zu sehen, werden Argumente gerne monokausal missverstanden. Von Befürwortern, wie Gegnern der AfD. Woran liegt das? Ich vermute, dass dies mit einem Symmetriebruch der politischen Landschaft zu tun hat, durch welchen sehr starke Rückstellkräfte wirken und möchte im Folgenden versuchen, meine diesbezüglichen Gedanken zu erläutern.

Nur ein Herzinfarkt. Dann ist ja alles gut. Kleine Anmerkung.

Das Opfer von Köthen starb nach erster Untersuchung an einem Herzinfarkt. Na, dann ist ja alles gut. Wäre ja auch zu dumm gewesen, wenn der kleine Flächenbrand, der seit dem Mord von Chemnitz im Osten vor sich hinkokelt, noch etwas mehr Sprit bekommen hätte. Liest man die Presse, so muss man den Eindruck bekommen, dass ja eigentlich nichts passiert ist, das Opfer hatte ja eine Herzvorerkrankung und wäre daran ja ohnehin vermutlich irgendwann gestorben. Die Täter können ja nichts dafür, dass der junge Mann eben vorerkrankt war, als sie ihn verprügelten. Sie gingen davon aus, dass er gesund sein würde und das bisschen Prügel sicher gut wegstecken würde. Und immerhin haben sie ihm nicht den Schädel gebrochen.

9. September 2018

Politische Lyme-Borreliose nach Zeckenbiss: Noch etwas zu Chemnitz

Gestern habe ich mich in einem Blogartikel mit den derzeit der breiten Öffentlichkeit bekannten Videos zu den behaupteten "Hetzjagden" in Chemnitz befasst. Heute möchte ich die politische Dimension der Diskussion kommentierend beleuchten.

Die Bilanz des bisherigen einschlägigen Auftretens von Bundeskanzlerin Merkel kann eigentlich nur "peinliche Panne" lauten. Zum einen hat die Regierungschefin bei der Auswahl ihrer Quellen, aus denen sie die Grundlagen für ihre Einschätzung der Lage bezog, einen eklatanten Mangel an Sorgfalt walten lassen: Ein Film, der von einem bestens erkennbar der linksextremen Szene angehörigen User(kollektiv) ins Internet gestellt wurde, war wohl letztlich das einzige objektive Beweismittel, auf das die mächtigste Frau im Staat ihre Einlassungen stützte. Bei den Strafverfolgungs- und den Sicherheitsbehörden hatte sie offenkundig nicht nachgefragt, denn sowohl die Generalstaatsanwaltschaft Dresden als auch das Bundesamt für Verfassungsschutz können dem ihnen vorliegenden Material zu Chemnitz jedenfalls derzeit keinen Hinweis auf eine xenophobe Hetzjagd entnehmen.

8. September 2018

Noch einmal Chemnitz. Was man weiß, was man nicht weiß

Vielleicht ist zu Chemnitz, wie die Kanzlerin meint, tatsächlich schon alles gesagt worden. Denn wenn die mächtigste Frau im Staat, von der Presse gewöhnlich zum Gegenentwurf zum Twitter-Topuser Trump stilisiert, offenbar allein aufgrund eines in der Fake-News-Hölle der sozialen Medien veröffentlichten Videos mit - seien wir aufrichtig - doch eher geringer Schockwirkung von "Hetzjagden" spricht und ihr zahlreiche Medienvertreter auf derselben Grundlage dabei sekundieren, ist das so realsatirisch, wie es sich ein aufstrebender Drehbuchschreiber nicht besser hätte einfallen lassen können.

FakeNews aus dem Kanzleramt oder "Ein Fall für Pofalla"

Bei aller Kritik (wenn das Wort noch ausreichend ist) an Frau Bundeskanzler Merkel, kann man ihr normalerweise nur begrenzt vorwerfen, dass sie sich allzu vorschnell äußert. In aller Regel wartet sie ein paar Tage ab und schaut was die Presse so schreibt, bevor sie dann dem Bürger ihre ganz persönliche Meinung, die dann zufällig mit dem dem Narrativ der Presse übereinstimmt, mitzuteilen. Was in der Vergangenheit oft den großen Vorteil hatte, dass sie sich eigentlich nie im Gegenwind der zumindest veröffentlichten Meinung befand und ihr recht große Zustimmungsraten einbrachte, zumindest bei denen, die die Medienmeinung vorher konsumiert hatten.

4. September 2018

Ein verheerendes Urteil. Eine kurze Anmerkung zu Kandel.

Achteinhalb Jahre Gefängnis. Das ist das Urteil für den Messermord von Kandel, in dem ein afghanischer Flüchtling seine Ex-Freundin brutal mit einem Brotmesser überfiel und mit etlichen Stichen zu Tode brachte. Achteinhalb Jahre.

Effektiv gute fünf, von denen auch acht Monate bereits durch die Untersuchungshaft abgesessen sind. Am Ende wird der Täter noch gute vier Jahre in einem deutschen Gefängnis sitzen und wird, zumindest wenn es nach unserer Regierung geht, auch dann kaum abgeschoben werden. Oder kurz: Es spricht einiges dafür, dass er Ende 2022 wieder auf deutschen Strassen unterwegs sein dürfte.

2. September 2018

Chemnitz und die Plattentektonik der deutschen Politik

Für den Beobachter aus der Ferne ist es nahezu unmöglich, sich Gewissheit darüber zu verschaffen, was genau in Chemnitz im Laufe der letzten Woche vor sich gegangen ist, zu widersprüchlich und häufig auch zu tendenziös sind die Berichte von den Demonstrationen und den Geschehnissen am Rande dieser Kundgebungen. Politisch wirksam dürften aber ohnehin eher die mediale Aufbereitung der Ereignisse in der sächsischen Großstadt und die darauf bezogenen Reaktionen des Bürgers werden.

Es ist wohl nicht unangemessen hyperbolisch, wenn man die kommenden Landtagswahlen in Bayern (14. Oktober 2018) und in Sachsen (voraussichtlich 1. September 2019) als Schicksalswahlen bezeichnet. Zwischen Alpen und Main steht immerhin die zur Gewohnheit gewordene Alleinherrschaft der CSU auf dem Spiel. Im anderen Freistaat könnte sich die AfD zur stärksten Kraft mausern. Beide genannten Eventualitäten wären dazu geeignet, messbare bis erdbebenartige Erschütterungen in der Bundespolitik hervorzurufen.

24. August 2018

Llarians Welt: Die Kleinigkeit im Aldi

­Vorbemerkung: Nicht jedes Thema ist politisch, nicht jeder Gedanke ein Politikum. Manchmal sind es die alltäglichen Dinge, die einen beschäftigen, eine Äußerung suchen und einem irgendwie doch auf der Seele liegen. Es müssen nicht immer vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen sein, nicht immer ist es das große Programm und doch haben kleine Dinge die Kraft (oder Hartnäckigkeit) einen länger zu beschäftigen. Genau davon handelt Llarians Welt. Wenn Sie, lieber Leser, nur hier sind um politische Kommentare zum Weltgeschehen zu lesen, dann ist diese Kategorie nichts für Sie und lesen Sie bitte einen anderen Beitrag. Andernfalls möchte ich Ihnen einen kleinen Einblick in meine Welt verschaffen.

21. August 2018

Der Rechtstaat und der Mob

­ „Die Unabhängigkeit von Gerichten ist ein hohes Gut. Aber Richter sollten immer auch im Blick haben, dass ihre Entscheidungen dem Rechtsempfinden der Bevölkerung entsprechen“
Diese beiden Sätze, die der amtierende Innenminister von NRW, Herbert Reul, von sich gab, sind derzeit eine prima Vorlage um seine politische Karriere zu beenden. Seit er sie von sich gab findet ein vergleichsweise nettes Kesseltreiben gegen ihn statt und Verteidiger hat er dabei nicht auf seiner Seite. Naheliegend also, dass er inzwischen zu Kreuze kriechen musste und sich von seiner eigenen Aussage zu distanzieren sucht, mithin erklärt er nicht damit gerechnet zu haben "missverstanden" zu werden.

16. August 2018

Say a little prayer - Zum Tod von Aretha Franklin

Der Jazz und der Rock'n'Roll lato sensu sind die beiden großen genuin amerikanischen Beiträge zur abendländischen Musik. In dem Klanguniversum, das in der Neuen Welt seinen Urknall erlebt hat, gibt es einige Sänger, deren Namen zu kennen zum Kanon einer einigermaßen soliden Allgemeinbildung gehört. Beispielhaft wären Louis Armstrong oder Elvis Presley, aber auch die heute im Alter von 76 Jahren verstorbene Soul-Legende Aretha Franklin zu nennen.

Titel wie "Respect", "Chain of fools", "You make me feel like a natural woman" oder das in der Überschrift erwähnte "Say a little prayer" gehören zu den Evergreens der Musik des 20. Jahrhunderts. Mit ihrem Lied "Think!" trat Franklin in dem Film Blues Brothers als Inhaberin eines (ins Deutsche schlechterdings nicht kongenial übersetzbaren) soul food restaurant auf. Bei der Grammy-Verleihung des Jahres 1998 sprang die in Memphis, Tennessee, geborene Queen of Soul für den kurzfristig verhinderten Luciano Pavarotti ein und gab dessen Vorzeige-Arie Nessun dorma (aus Puccinis Turandot) zum Besten, freilich in ihrem eigenen Stil und in den von ihr auf Italienisch vorgetragenen Passagen mit charmantem Anglo-Akzent (was beides nicht jedermanns Sache sein mag).

So wie Little Richard die shouter-Tradition im Rock'n'Roll - wieder lato sensu - nachhaltig geprägt hat und ihm insbesondere jeder Soul-Interpret (männlich/weiblich) dafür tributpflichtig ist, hat Franklin gut hörbar einen enormen Einfluss auf das, was nach ihr kam, ausgeübt. Dass viele ihrer Epigonen freilich nicht dieselbe Klasse und keine vergleichbare Geschmackssicherheit aufwiesen, steht auf einem anderen Blatt.

Aretha Franklin hat ein nicht ganz unbedeutendes Kapitel der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts geschrieben. Sie wird deshalb unvergesslich bleiben.

Noricus

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12. August 2018

Die linke Sammlungsbewegung "Aufstehen": Sommertheater oder sozialistischer Neuanfang?

Was bestimmte politische Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit betrifft, erweist sich Deutschland als verspätete Nation: So bedienen die populistischen Parteien in anderen Ländern Europas schon längst den wählerstimmenträchtigen Wunsch nach einem Sozialismus ohne Willkommenskultur. Die AfD mag es in dieser Hinsicht schwerer haben: Denn während sich etwa die FPÖ oder der Front National (beziehungsweise nunmehr: Rassemblement National) in dem Erfolg sonnen dürfen, zu einer restriktiveren Migrationspolitik in ihren jeweiligen Staaten beigetragen zu haben, und sie sich nunmehr entsprechend der Lieblingsbeschäftigung von Politikern Gedanken darüber machen können, wie man fremdes Geld verteilt, befindet sich die Partei um Gauland noch bei dem Schritt, dass man die Zahl der Gäste beschränken muss, bevor man das free lunch bestellen kann.

8. August 2018

Kleine Sottise zum Supersommer

Während der Endunterfertigte diese Zeilen schreibt, geht an seinem Wohnort ein Gewitter mit Starkregen nieder. Das atmosphärische Nass war in der angesprochenen Region zwar kein so seltener Gast wie andernorts, doch ließ die (zumeist herrschende) betörende Hitze gleichwohl fast alle Verrichtungen des Alltagslebens unerfreulicher und beschwerlicher werden, als sie es auch unter neutralen Bedingungen ohnehin schon wären.

Der Verfasser dieses Beitrages kann auf Temperaturen über 20 Grad ohne weiteres verzichten. Der allgegenwärtigen Jeremiade, dass es hierzulande neun Monate lang zu kalt und im restlichen Quartal nicht warm genug sei, mochte er sich noch nie anschließen.

Für alle jene, die hohe Quecksilbersäulen bevorzugen, scheint die Begeisterung über das Badewetter indessen keine ungetrübte Freude zu sein. Denn wo die Sonne erbarmungslos vom Himmel herabbrennt, da scheint der menschengemachte Klimawandel nicht weit zu sein. Heute denkt dies der Mainstream in einem Atemzug. Beim Supersommer 2003 kam dagegen zuerst der Fasching, dann der Aschermittwoch, oder um es in Zettels Worten zu formulieren: erst die kollektive Besoffenheit, dann der Kater.

Da behaupte noch einer, dass Merkel diese Republik in Schlaf und Stillstand versetzt hat. Unsere Hysterien entwickeln wir jedenfalls weiter.

Noricus

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22. Juli 2018

Die ZEIT und das Erbe der Sarrazin-Debatte

Es ist schwierig, nicht allzu lange zurückliegende Ereignisse in ihrer historischen Bedeutung korrekt zu erfassen. Unter diesem Vorbehalt scheint dem Urheber dieser Zeilen eine Einschätzung der Debatte um Thilo Sarrazins Werk "Deutschland schafft sich ab" als Kulminations- und Wendepunkt bestimmter Entwicklungen in der Kulturgeschichte der Bundesrepublik gleichwohl gerechtfertigt zu sein.

Vieles, was die damalige Kontroverse mit sich brachte, war zwar nicht neu, trat bei jener Gelegenheit allerdings in einer derart gehäuften und plakativen Form auf, dass es zu einer Mobilisierung von Menschen führte, die den betreffenden Tendenzen zuvor keine nähere Beachtung geschenkt hatten: So erinnerte das Einschreiten der Kanzlerin und anderer Exponenten der Staatsgewalt in einer rein gesellschaftlichen, mangels Rückendeckung durch eine im Parlament vertretene Partei eben noch nicht politischen Debatte an die Moralaposteleien der Leinwand-Saubererhalter früherer Dekaden. Neu war dagegen der Schulterschluss zwischen dem Gros der Medien und der Mehrzahl der hohen Staatsfunktionäre. Angela Merkel mag durch diese Solidarisierung für ihre von der Presse frenetisch beklatschten, da dem in den einschlägigen Kreisen dominierenden Weltbild entsprechenden Kursänderungen der Jahre ab 2011 ermutigt worden sein.

20. Juli 2018

Hilfe, wir werden normal!

Wenn man als Konsument der deutschen Medien mit informationell belanglosen Zitaten aus Angela Merkels Sommerpressekonferenz behelligt wird, könnte man denken, dass in dieser heißen Jahreszeit alles so ist wie in den letzten Jahren. Doch weit gefehlt: Die zum "Asylstreit" skandalisierte Auseinandersetzung um Kurskorrekturen in der Migrationspolitik liegt gerade einmal wenige Wochen zurück. Und über die Nachwehen dieser Konfrontation wird noch immer gesprochen, auch in Zettels Raum.

19. Juli 2018

Der AfD in die Hände gespielt? Nein, den Grünen in die Hände gespielt!

Die Interpretation im Großteil der traditionellen Medien, unter den Merkelanhängern in der CDU und natürlich links der Mitte ist eindeutig. Horst Seehofer hat mit dem Asylstreit lediglich "Agendasetting für die AfD betrieben" (Zitat Michael Spreng im FOCUS-Interview), d.h. in der Terminologie der progressiven Linken "der AfD eine Platform geliefert" und ihre Positionen damit satisfaktionsfähig und relevant gemacht. In dieser Darstellung klingt natürlich eindeutig die inhaltlich-politische Wertung heraus, Seehofers Position sei falsch, die hofierte Meinung nicht nur eine schlechte Wahlkampfstrategie, die nach hinten losgegangen ist, sondern auch inhaltlich "deplorable".

Der inhaltlichen Wertung aber enthalte ich mich hier. Ob man die einwanderungsskeptische Haltung teilt, es für eine von Seehofer aufgeblasene Pseudokrise hält, Merkels Kurs für richtig oder eine Katastrophe oder irgend etwas dazwischen hält, ändert nichts an einem simplen Fakt: Angesichts der Umfrageergebnisse nicht nur bezüglich der voraussichtlichen Wahlentscheidung in der anstehenden bayrischen Landtagswahl, sondern auch bezüglich der inhaltlichen Positionierung der Wähler, ihrer Meinung von Seehofer und Söder, und  insbesondere ihrer Sympathie oder ihrem Missfallen hinsichtlich des Asylkurses der CSU ist die nächstliegendste Schlussfolgerung bei objektiver Betrachtung, die außerhalb der Filterblase in Zettels kleinem Zimmer blickt, klar: Dieser Kurs ist vom Wahlvolk im großen und ganzen nicht goutiert wurden.

Ob, wie impliziert, tatsächlich weitere Stimmen von der CSU zur AfD abgewandert sind, wage ich zwar zu bezweifeln. Wer Seehofers Kurs für richtig hielt, wandert deswegen nicht zur AfD ab oder aber ist es schon lange vorher und nicht erst nach Seehofers Aktion. Wer ihn für nicht ausreichend hielt ist vermutlich schon längst zur AfD abgewandert und falls nicht, wäre derjenige es ohne Seehofers Aktion erst recht. Ein konkreter Wähler, der eine Bewegung nach Rechts durch Abwandern zur AfD bestraft, aber ein verharren an Merkels Seite mit Loyalität zur CSU goutierte, der wäre ein bizarres Wesen. Das mag man in Kreisen glauben, in dem man an Wähler als einfach gestrickte Wesen glaubt, der durch "deplatforming", Informations-"gatekeeper" und "Meinungsmacher" auf simpelste Weise gelenkt werden könnte und müsste: Hört der Wähler von etablierten Institutionen was rechtes, so werde er rechter, hört er etwas progressives, so werde er progressiver. Durch einen nach rechts gelehnten Seehofer werde daher so mancher Wähler plötzlich rechtsnational und wechsele zur AfD.

Die Wählerstimmen für die AfD sind aber nicht signifikant gestiegen.

Dies steht natürlich auch im Widerspruch zu der These, Wähler würden das "Umkippen" oder  eine mangelnde Durchsetzungsfähigkeit von Seehofer mit einer Abwanderung zur AfD strafen.

Realistisch und nahe liegend ist dagegen folgende Interpretation: Wähler in der Mitte waren von Seehofers Auftritt in vielen Fällen inhaltlich und in den übrigen Fällen zumindest von der Form her abgestoßen.

Kurz: Zettels kleines Zimmer ist nicht für die Haltung, Wahrnehmung und Stimmung im Land repräsentativ.



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Techniknörgler

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16. Juli 2018

Warum Angelique Kerber das Wimbledon-Finale gewann

"Wer redet jetzt noch von Fußball?", fragte Barbara Rittner in ihrer Funktion als Expertin bei der ZDF-Übertragung des Damen-Finales des Tennisturniers in Wimbledon, während Angelique Kerber ihren gerade errungenen Sieg auf dem heiligen Rasen der Arena des Londoner Stadtteils bejubelte. Wir reden in diesem Beitrag jedenfalls nicht in erster Linie von Fußball, sondern wollen die Gründe analysieren, weshalb die 30-jährige Norddeutsche die Hahnenkamm-Abfahrt unter den Filzkugelschlagbewerben letztlich doch so souverän gewann.

11. Juli 2018

Ein schales Gefühl

­Nun ist es also da, das große Urteil im nicht weniger großen NSU Prozess. Mehr als fünf Jahre hat der Prozess gedauert, mehr als 400 Sitzungstage wurden aufgewandt und so knappe 30 Millionen Euro an Kosten verursacht. Und am Ende standen eine Reihe von Urteilen, die so wie es sich derzeit darstellt, auch durchaus nach einer Woche hätten fallen können. Was am Ende bleibt ist ein sehr schales Gefühl und nicht unbedingt eine Sternstunde der Rechtsstaates.

9. Juli 2018

Das Ende der Spezialdemokratie. Ein Gedankensplitter.

Fast 46% der Zweitstimmen (und sogar noch ein bischen mehr bei den Erststimmen) entfielen im besten Jahr der deutschen Sozialdemokratie(1972) auf die SPD unter ihrem damaligen Anführer Willy Brandt (der dadurch als Kanzler bestätigt wurde und mit der FDP eine absolute Mehrheit in die neue Regierung führen konnte). Gerhard Schröder schaffte es im Jahr 1998 zwar nur noch 41% von der SPD zu überzeugen, in absoluten Zahlen legte er jedoch gegen Brandt sogar noch zu (da sich durch die Wiedervereingung die Wählerbasis deutlich vergrößerte).

5. Juli 2018

Beschlagene Kristallkugel



(Bildquelle: Pixabay)

Die Schusterkugel ist beschlagen; der Ausblick in die Zukunft völlig ungewiss.

Der Protokollant kann sich nicht erinnern, zu irgendeinem Zeitpunkt der letzten nun dreieinhalb Jahrzehnte, die er sich als eigenständig urteilendes, sich die Weltläufe einen eigenen Reim machendes Zoon politikon einschätzt - für ihn stellten der Falklandkrieg und sein Eintreten dafür inmitten einer geschlossenen Front von kategorischen Ablehnern so etwas die die Äquatortaufe in politicis dar - jemals so ratlos auf die Folgen konkreter politischer Ereignisse geblickt zu haben wie nach dem Abschluß der hektisch inszenierten "Koalitionskrise" der letzten 19 Tage, den Folgen von Frau Merkels und Herrn Seehofer angeblich zerrüttetem Vertrauenverhältnis, dem kurz bevorstehenden Zerbrechen der jahrzehntealten Parteibruderschaft von christdemokratischer und christsozialer Union, von Frau Merkels atemlos aufgesetztem und präsentiertem "Asyldeal" - der sich umgehend als ein Klingklang aus leeren Worten und dem vagen Versprechen entpuppte, vielleicht demnächst mit dem Ziel vagester Vorstellungen einmal tatsächlich zu verhandeln. Ein "Deal," der umgehend von fünf der angeblich 14 beteiligten Staaten dementiert wurde. "Auf lange und mittlere" Sicht war es in den vergangenen Jahrzehnten stets unsicher, welche Folgen sich aus politischen Ereignissen ergeben würden: das Schicksal der DDR und des Kasernensozialismus des Ostblocks konnte über den größten Zeitraum der 1980er Jahre niemand erahnen - aber die unmittelbaren Folgen, für die nächsten Jahre, nachdem sich im Sommer 1989 die Risse in der Ost-West-Mauer zeigten und beständig verbreiterten: das ist eine andere Sache. Irgendwann wurde es, schon im Oktober '89, deutlich, daß der Fall der Mauer nur eine Frage der Zeit war, und daß diesem Ereignis die Wiedervereinigung beides Teile Deutschlands so unausweichlich folgen würde, wie es die Ahnung historischer Dynamiken zuläßt. Auch, daß der einzig relevante Antagonismus, die Schicksalsfrage des gesamten einunzwanzigsten Jahrhunderts, der Konflikt zwischen der freien Welt des Westens und dem unreformierbaren, expansionistischem Islam sein würde, war spätestens am 11. September 2001 jedem halbwegs aufmerksamen Beobachter eisern klar.

1. Juli 2018

Auf, auf, liebe Bettvorleger

­Da ist es nun, das berühmte "Verhandlungsergebnis" von Angela Merkel, und es ist am Ende verheerender als man hätte befürchten können. Nicht nur hat sie keinerlei Unterstützung für die Begrenzung der Zuwanderung in Europa selber erfahren, sie hat noch jede Menge Zusagen an andere gemacht, was Deutschland in Zukunft noch so alles übernehmen werde.

29. Juni 2018

Aus der Schwalbenperspektive (17): Ein Sommer ohne Märchen - Noch etwas zum Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft

Vermutlich ist zum peinlichen Vorrunden-Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft schon alles geschrieben worden (auch in diesem Medium war dieser Betriebsunfall bereits Thema), doch erheischt ein solches mit Kometenwiederkehr-Seltenheit gesegnetes Ereignis zweifellos eine umfassende blogikalische Behandlung.

Aus Sicht des Verfassers hat das Scheitern der Löw-Truppe in (beziehungsweise: an) der Gruppenphase mehrere Ursachen, und wenn der endunterfertigte Autor einige davon in der Folge näher erörtert, möchte er vorab dem Eindruck entgegenwirken, dass er es ja schon immer besser gewusst habe als der Bundestrainer. Vielmehr beruht die nachstehende Analyse auf einer Beobachtung dessen, was in den letzten Monaten und Wochen geschehen ist, und nicht auf prophetischer Begabung.

28. Juni 2018

Aus der Schwalbenperspektive: In hoc signo...



Nach dem doch recht abrupten Ende der deutschen Teilnahme an der Fußballweltmeisterschaft in Rußland, nach dem Wegfall eines Sommermärchens vermittelst der 'Schaft für Schland, nach einem, man kann es nicht völlig abstreiten, nicht ganz glücklichen Tourneeverlauf, bietet es sich an, zum Abschluß auf diesem Netztagebuch doch eine kleine Miszelle dieser Facette des Daseins "in unserem Juniversum" (©Arno Schmidt) zu widmen. Vor allem gilt es, die Verantwortlichen für dieses kleine Mißgeschick zu benennen, das "Die Welt" als "Die historische Schmach der deutschen Nationalmannschaft" nannte und das Geschehen damit rhetorisch neben das an der Westfront vor einhundert Jahren, im Frühsommer 1918 einreihte. Eigentlich gehörte zur Komplettierung noch "...im Felde unbesiegt" dazu - aber das wäre selbst dort wohl zu sehr mit der optischen Evidenz in Widerspruch geraten. Fragen wir also, wer hier den Dolch im Gewande führte. Spaßig ists, daß, nachdem zuerst das "deutsch" wie vor 3 Jahren auf Betreiben von Frau Merkel persönlich das "national" entsorgt wurde und nur Die Mannschaft übrigblieb, im Augenblick der Niederlage diese entsorgten Gespenster wieder ihren Modergruften entsteigen.

27. Juni 2018

Fragen an den Papst

Wer bringt es übers Herz, den Film von Wim Wenders anzusehen? Wer könnte „einen Mann, der Paläste und Limousinen ablehnt“, kritisieren?

25. Juni 2018

Erdung

Laut aktuellen Umfragen wird der Kurs der CSU auch in Bayern unter dem Strich nicht honoriert. Könnte man dies für sich alleine noch als Folge des Streites in der Union interpretieren (schließlich weiß bei so einem parteiinternen Konflikt - und der Streit zwischen den Schwesterparteien ist dem äquivalent - niemand, welcher der konträren Positionen eine Stimme für die Streithäne zugute käme und folglich befürchten beide Seiten das schlimmste, nämlich wie ihre Stimme dem Gegenteil ihrer eigenen Vorlieben zugute kommen könnten, und wählen eine Partei mit eindeutiger Positionierung), so ist die höhere Zustimmungsrate für Merkel im Vergleich zu Seehofer oder Söder selbst in der CSU zusammen mit einer Zweidrittelmehrheit für Merkels „Europäische Lösung“ bundesweit als auch auch in Bayern eindeutig.

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24. Juni 2018

John Ames Mitchell, "Drowsy" (1917)

Южный полюс Луны задремал, он уснул между гор величавых,
Поражающих правильной формой своей. 
Это — мысль, заключенная в стройных октавах, 
Эти горы живут без воды, в полосе неподвижных лучей,—

Ослепительно ярких, как ум, и ложащихся отблеском странным
На долины, что спят у подножия гор, 
Между кратеров мертвых, всегда светлотканных, 
Вечно тихих, нетронутых тьмой, и ничей не ласкающих взор.

Эти страшные горы горят неподвижностью вечного света,
Над холодным пространством безжизненных снов, 
Это ужас мечты, это дума веков,
Запредельная жизнь Красоты, беспощадная ясность Поэта.

Константин Бальмонт - Южный полюс Луны (1899)

Der Südpol des Monds. er schläft zwischen majestätischen Bergen
Besiegt von ihren starren kristallenen Formen.
Er ist ein Gedanke - in schlanke Oktaven gebannt..
Diese Berge leben wasserlos, in einem Streifen ewigen Lichts. 

Gleißend hell wie der Verstand, senden sie
einen Lichtstrahl ins ewige Dunkel der Täler
am Fuß der toten Krater, ins ewige Schweigen
das nie von einem sterblichen Auge berührt wurde.

Diese furchtbaren Berge brennen in der Stille des ewigen Lichts
Unter den toten Träumen des eisigen Alls
Dies ist der Schrecken der Träume, der Gedanke der Ewigkeit -
Die ewige tote Schönheit, gnadenlose Klarheit - Dichter: dein Ziel.

- Konstantin Balmont (1867-1942), "Der Südpol des Monds" (1899)



Zu den Verlusten im Bereich der populären Bildkunst, weitab von den ätherischen Gefilden der Hohen Kunst, sondern im Bereich des praktisch-faktisch Anschaulichen, zu Genießenden, der illustrierenden Gebrauchskunst, zählt, mit einer gewissen Paradoxität, die "astronomische Kunst" - jene Bilder, die ferne Welten, andere Planeten, Monde, interstellare Weiten in anschauliche Bildfindungen umsetzten und die die Entdeckungen der Astronomie der letzten zwei Jahrhunderte in eine direkt sinnliche Erfahrung transponierten. Zwar wird auch dieses Metier immer noch gepflegt, aber die außerirdischen Landschaften, die Ansichten von den Oberflächen der Planeten und Monde unseres Sonnensystems und fremder Sterne hat in den letzten zwei Jahrzehnten keine namhaften Künstlerpersönlichkeiten mehr hervorgebracht, mit deren Namen bestimmte Tönungen, Bildgebungen, eben ein unverwechslicher Stil (wie immer man ihn definieren will) verbunden ist.

22. Juni 2018

Der Preis der Arroganz

Seit Donald Trump antrat um Präsident der USA zu werden, bekam er aus Deutschland vor allem eines: Häme. Dabei sowohl lustige, geschmacklose, intelligente, dämliche, pointierte, widerliche, passende wie unpassende, aber vor allem immer wieder eins: Häme.

19. Juni 2018

Aus der Schwalbenperspektive: Böse Menschen haben keine Lieder

Jetzt aber, nach der schmählichen Niederlage, gilt die Gegenstimmung des Kummers und der Wut zuvörderst der eigenen Mannschaft, die das hehre Gefühl durch eine Art nationaler Indolenz verleugnet und buchstäblich zu Grabe gebracht hat. Sie ist von der Fahne gegangen, sie hat ihre Geschichte verloren. Aber das sind sie eben, die Herren mit den vielen Pässen, Selbstdarsteller ohne bodenverwurzelten, ehrsamen Mannschaftsgeist - hoch dotierte Stars ihrer eigenen Erlebniswelt. (Herbert Kremp in der WELT*). 

Nun ist also das erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft absolviert, und Jogis Buben haben sich überzeugend sowohl in die Reihe der versagenden Titelverteidiger (Frankreich 2002, Italien 2010 und Spanien 2014 in der Vorrunde ausgeschieden) als auch in das allgemein in der ersten Runde nicht überzeugende Auftreten der Top-Teams eingefügt. Frankreich hat mit viel Dusel gegen Australien gewonnen, Argentinien Unentschieden gegen Island, Brasilien das Gleiche gegen die Schweiz, und England ließ gegen Tunesien in der ersten Halbzeit Chancen liegen, die schon mindestens bis zum Halbfinaleinzug gereicht hätten, um anschließend durch ein Brechstangentor von Kane in der Nachspielzeit noch ein mühsames 2:1 zu erreichen.

Ideenlos, unkonzentriert, mit schlechter Abstimmung und auch irgendwie satt wirkend  (bezeichnend das gemütliche Zurücktraben vom Dreimal-in-Folge-Champions-League-Gewinner Toni Kroos beim Gegentor) schleppte sich der Titelverteidiger durch das Spiel, hatte Pech bei den wenigen Abschlüssen und Glück, dass die Mexikaner auch recht leichtfertig mit ihren Chancen umgingen und dass der Schiedsrichter bei Hummels' Foul in der zweiten Halbzeit nicht auf den Punkt zeigen wollte. So gab es eine insgesamt nicht unverdiente 0:1-Niederlage gegen einen zwar auf dem Papier deutlich schwächeren, aber beherzt auftretenden Gegner, der von seinen Fans so nach vorne gepusht wurde, dass es angeblich in Mexiko zu einem Erdbeben kam (ob das in Moskau auch noch spürbar war?).

Nun, beherztes Auftreten kann man zumindest der Anfangsformation nicht unterstellen, und selbst wenn Kimmich sehr offensiv unterwegs war, fehlte er hinten, so dass Hernandez für das schnelle Umschaltspiel der Mexikaner immer eine freie Anspielstation bot und die deutsche Innenverteidigung mit Mats und Jerome "Wir waren hinten immer allein" Hummels und Boateng in Bedrängnis bringen konnte. 

Und wie sah es mit der Unterstützung der Fans aus? Nun sind ja trotz aller Sommermärchen-Legenden die 80 Millionen deutschen Bundestrainer in der Regel so kritisch, dass die Anhänger der Bayern geradezu als You'll-never-walk-alone-Gemeinschaft durchgehen könnten. Und diesmal hatte das ganze noch eine politische Komponente - durch die Özil-Gündogan-Erdogan-Affäre. Diese hatte nämlich zur Folge, dass die normalerweise verlässlichste Gruppierung der deutschen Fans - die von Claudia Roth und Schuldkult gebeutelten "Nur-alle-vier-Jahre-dürfen-wie-mal-stolz-sein"-Patrioten der (laut Bildzeitung natürlich nur von Merkel persönlich) entnationalisierten "Mannschaft" die kalte Schulter zeigten und die Passdeutschen mit Pfiffen auf das Spielfeld begleiteten. Dazu findet ja das wahre "Endspiel" (gerade in Verlängerung) in Berlin statt, und die Angst, ein Erfolg der Deutschen bei der WM könnte die Unsägliche im Amt halten, ist mit Händen zu greifen. 

18. Juni 2018

Schneeflöckchens Brautschau

Wenn "man" keine echten Probleme hat - oder man sich um die echten Probleme der Welt nicht kümmern will, dann bieten "First World Problems" willkommene Ablenkung. Z. B. beschäftigt man sich dann in der ehemals liberalen ZEIT mit der Frage, ob das eigene Beischlaf-Verhalten auch politisch korrekt ist: "Warum liebe ich nur weiße Frauen?"

Wenn die ZEIT bei ihrer Nachwuchsauswahl auf ein bißchen mehr Allgemeinwissen und Praxisnähe achten würde, dann wüßte der Autor, daß "gleich und gleich gesellt sich gern" schon immer ein Grundprinzip bei der menschlichen Partnerwahl ist. Daß auch Heiratsvermittler oder Partneragenturen persönliche Umstände, Hobbies und Hintergrund abfragen, um möglichst viele Übereinstimmungen zu finden - das gibt nämlich die beste Chance, daß es paßt.

17. Juni 2018

Georges Simenon, auteur du "Lolita"



"Lolita, light of my life, fire of my loins. My sin, my soul. Lo-lee-ta: the tip of the tongue taking a trip of three steps down the palate to tap, at three, on the teeth. Lo. Lee. Ta. She was Lo, plain Lo, in the morning, standing four feet ten in one sock. She was Lola in slacks. She was Dolly at school. She was Dolores on the dotted line. But in my arms she was always Lolita. Did she have a precursor? She did, indeed she did."
- Vladimir Nabokov, Lolita (1955), Kap. 1

Vor nunmehr vierzehn Jahren, im März 2004, war es für die kleine Welt der belles lettres eine kleine Sensation, zumindest ein weltweit vermerktes divertimento, als der Germanist und Schriftsteller Michael Maar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Nachweis erbrachte - soweit sich dergleichen in einem so volatilen Gebiet wie den Geheimissen des künstlerischen Kreativität eben dingfest machen läßt - daß Nabokovs Nymphet, seine Kindfrau, die die pädophile Obsession seines Ich-Erzählers aus den Sphären des neurotischen Verbrechens an einem Kind und der der Libertinage erotischer Literatur in ihrer dunklen Ausprägung, die seit den Tagen des Marquis de Sade kalkuliert und ebenso obsessiv immer wieder mit ultimativen Tabubrüchen spielt, in die Sphäre der Literatur, der Weltliteratur transformierte - daß Dolores Haze, genannt Lolita, in der Tat eine Vorläuferin besaß. Nicht nur im Kosmos des Romans ("In point of fact, there might have been no Lolita at all had I not loved, one summer, an initial girl-child. In a princedom by the sea," lautet der nächste Satz, mit dem Humbert Humbert seine fatale sexuelle Fixierung auf präpubertäre Mädchen in einem Anklang an Edgar Allen Poes "Annabel Lee" - und dessen Kindbraut Virginia Clemm, die dieser heiratete, als sie 13 war - erklärt), und auch nicht im Oeuvre seines exilrussischen Autors, sondern in einem bis dahin völlig vergessenen Text eines ebenso verschollenen Autors: in der Erzählung "Lolita" von Heinz von Lichberg, die 1916 in dem Band Die verfluchte Gioconda, im Darmstädter Falken-Verlag in einer Auflage von 1000 Exemplaren verlegt, als neunte von insgesamt fünfzehn kleinen Erzählungen erschienen ist. (Michael Maar, "Was wußte Nabokov?" FAZ vom 19. März 2004, S. 37; und ders., "Den Mann, der 'Lolita erfand,'" FAZ vom 26. März 2004, S. 46)

14. Juni 2018

Blut im Wasser?

Wenn man die heutige Presse verfolgt hat, insbesondere die Springersche Welt, dann kriegt man umhin den Eindruck, dass sich etwas tut in Berlin. Es scheint das erste mal richtiges Blut im Wasser zu sein und der eiserne Griff, mit dem Merkel die CDU seit Jahren hält, scheint ungewöhnlich locker.

12. Juni 2018

"Only Trump could go to North Korea"

"Only Nixon could go to China." Vor 46 Jahren, im Februar 1972, stand dieser politische Slogan für ein Ereignis, das die politische Landkarte in Ostasien, und in langfristiger Hinsicht: der ganzen Welt, veränderte: den einwöchigen Staatsbesuch des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon im China des Großen Steuermann Mao Tse-tung, im sechsten Jahr der unseligen Kulturrevolution, beim Versuch, die alte Gesellschaft, die alte Kultur Chinas endgültig zu vernichten und an ihre Stelle den geschichtslosen Neuen Menschen zu setzen, jener letzte utopische Paroxysmus, der drei Millionen Menschen das Leben kostete, in jenem China, das die Vereinigten Staaten von Amerika seit 1949, seit die "roteste aller roten Sonnen" das neue Reich der Mitte auf dem Tiananmenplatz ausgerufen hatte, zu seinem größten Feind erklärt hatte. Zum einen wegen des militärischen und strategischen Bündnisses mit der nationalchinesischen (Exil)Regierung Tschiang Kai-cheks auf Taiwan, den die USA während des Zweiten Weltkriegs als Bündnispartner im Kampf gegen Japan unterstützt hatten (diesem Bündnis verdankt China übrigens den Sitz im Sicherheitsrat der nach Kriegsende gegründeten Vereinten Nationen) - sondern als Inbegriff des Kapitalismus, der Marktwirtschaft, des Gewinnstrebens und vor allem des Individualismus. Vorausgegangen war dem von Außenminister Henry Kissinger arrangierten Treffen die sogenannte "Pingpong-Diplomatie" - die gegenseitigen Besuche der National-Tischtennismannschaften im Jahr zuvor, die eine allererste Bresche in die Mauer zwischen den seit Jahrzehnten gekappten Beziehungen schlugen. Das war noch nicht das Ende des Kalten Krieges zwischen den beiden "Systemen", es war nicht das Ende der Kulturrevolution, des Gefängnisses für alles, was ein menschliches Wesen ausmacht, den der Maoismus darstellte. Dazu brauchte es den Tod Maos vier Jahre später, den Rückbau des Zwangs, die ökonomischen Reformen von Mao Nachfolger Deng Xiaoping ab 1978, der davon unabhängigen wachsenden Tuchfühlung zwischen den beiden chinesischen Staaten und den Modus vivendi, der nicht mehr auf die Zerstörung und bedingungslose Vernichtung des Gegenübers zielte. Aber es war der erste Riß in der Mauer. Heute ist die Volksrepublik China eine wirtschaftliche Supermacht, ein Staat, der seine industrielle Revolution, die ihn ins Herz des 21. Jahrhunderts befördert, in einem atemverschlagenden Tempo nachholt - etwas, das der Sozialismus niemals eingelöst hat, der nur eine verheerte Natur und verheerte Menschen zurückließ - es ist, bei allen Defiziten und gebliebenen Einengungen, die wohlhabenste und, man kann es nicht genug betonen: die freieste Gesellschaft, die China - wohlgemerkt: das Reich der Mitte, nicht die umgebende Diaspora von Taiwan, Hongkong oder Singapur - in den zweieinhalb Jahrtausenden seiner Geschichte je erlebt hat. Zum ersten Mal nimmt China nicht nur am wachsenden Fortschritt teil, jenem Prozeß, der im Europa der Renaissance erfunden wurde, an der wissenschaftlichen permanenten Revolution des Weltwissens: zum ersten Mal steht es auch der Welt offen.

11. Juni 2018

The boy who cried Nazi

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Nahezu jeder kennt die Geschichte vom Hirtenjungen und dem Wolf, eine uralte Fabel, die noch auf Äsop vor mehr als 2500 Jahren zurückgeführt werden kann. Die Geschichte wird seit eben jener Zeit in tausenden von Abwandlungen erzählt, doch im Wesentlichen ist die Moral immer die selbe: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er die Wahrheit spricht. Es ist eine gute Geschichte für Kinder, wenn man ihnen erklärt, warum Lügen allenfalls einen kurzfristigen Nutzen bringen kann, auf die lange Bank aber recht unerwünschte Folgen nach sich zieht.

7. Juni 2018

Halt die Taube fest!

Seit hunderten von Jahren stehen sich im Park zwei Statuen gegenüber: Ein junger Römer und eine Göttin, beide nackt. Da erscheint eines Tages eine gute Fee und erfüllt den beiden ihren größten Wunsch - sie dürfen für einige Stunden ihre Sockel verlassen. Die beiden verschwinden im Gebüsch. Rascheln, flüstern, kichern. "Wir haben noch zehn Minuten", japst er schließlich. "Gut. Dann hältst du jetzt die Tauben fest, und ich scheiße drauf!"

Dieser zugegeben mit einem meterlangen Bart ausgestattete Witz erklärt aus meiner Sicht wunderschön den eigentlichen Hintergrund rund um Gaulands Vogelschiss-Äußerung. 

5. Juni 2018

Dr. Llarian: Und die AfD wird von Vollidioten geführt

Irgendwie war es klar. Es konnte ja nicht anders kommen. Die Regierung erntet was sie gesäht hat und ist sowas von in der Ecke wie es nicht feierlich ist. Man drängt sich gegenseitig in die Verantwortung für das was man angerichtet hat. Pöbel-Stegner versucht verzweifelt wie vergeblich die Folgen der eigenen Politik dem ungeliebten Koaltionspartner in die Schuhe zu schieben, Nahles wird von den Jusos und den eigenen Landesverbänden demontiert, bevor sie überhaupt irgendeinen Pflock eingeschlagen bekommt. Derweil zerlegt sich die SED bei der Frage ob man sich eher dem internationalen als dem nationalen Sozialismus verpflichtet fühlt. Und die FDP? Die fällt vor allem dadurch auf, dass sie gar nicht auffällt. Die "Besseropposition" mag zwar bei dem einen oder anderen Intellektuellen gut ankommen, Aufmerksamkeit von Presse und Wählern gewinnt man damit aber scheinbar nicht. Von den Grünen fängt man besser gar nicht erst an.

1. Juni 2018

Eine Kultur der Angst

­Es war ein Tweet. Eine kleine Nachricht von weniger als 160 Zeichen, meist nicht allzu reflektiert, in diesem speziellen Fall gerade einmal 53 Zeichen lang (Leerzeichen mitgezählt). 53 Zeichen reichen heute bereits aus, um Existenzen zu vernichten, um eine Hundertschaft von völlig Unbeteiligten arbeitslos zu machen, um einen aberwitzigen Sturm an Distanzierungen und Verurteilungen auszulösen.

28. Mai 2018

Der Herausgeber. Zum Tod von Gardner Dozois


(Bildquelle Wikimedia)

"I know that journalism largely consists in saying 'Lord Jones Dead' to people who never knew that Lord Jones was alive," schrieb G. K. Chesteron vor mehr als 100 Jahren im zweiten Band seiner Pater-Brown-Erzählungen, The Wisdom of Father Brown (1914), und der Protokollant sieht sich im Fall von Gardner Dozois in genau dieser Situation.

Zu den Besonderheiten der Science Fiction als literarischem Genre - neben der Tatsache, daß sie die Gesamtheit der Welt, in all ihrer Bedeutung: das gesamte Universum, die Tiefe der Zeit bis zu ihrem Beginn im Big Bang (und zu den hypotethischen Zuständen davor) bis zu ihrem Ende, in sämtlichen Variationen, dem menschlichen Urbedürfnis des Geschichtenerzählens zugänglich macht - zählt das, was man als ein "dialogisches Verhältnis" mit der Leserschaft nennen kann. Der Ideenschatz, die Tropen, die Themen, die Standardsituationen - sie alle bilden ein Kontinuum, in dem sich die Autoren wie die Leser in diesem Mikrosmos des Narrativen bewegen: Texte antworten auf andere Texte, Ideen verselbständigen sich, neue Autoren, die etwas originelles beizutragen haben, werden schon nach wenigen Veröffentlichungen bekannt, selbst wenn es sich dabei nur um einige kurze Erzählungen handelt. In sehr großem Maß verdankt sich diese Besonderheit - die es in dieser Form in keinem anderen literarischen Genre gibt - der Besonderheit, daß ein Großteil der innovativen Texte bis heute in der Form nicht von Romanen, sondern als kürzere Erzählungen publiziert wird. Die SF-Magazine, die sich allein auf Science Fiction kaprizieren, verdanken zwar ihren Ursprung der Spezialisierung des alten "pulp magazines", der amerikanischen Groschenhefte in den 1920er Jahren, die den wachsenden Bedarf als Genreliteratur, als spannender, anspruchsloser, aber themenzentierter Unterhaltungskost bedienten: anders als die Magazine alten Stils, wie etwa des berühmten Strand Magazine (in dem ab 1891 die Abenteuer Sherlock Holmes' abgedruckt wurden, neben den Kinderbüchern von E. Nesbit, zahllosen historischen Romanen, exotischen Abenteuern, und die Gegenwart des Hier & Jetzt ins Auge fassenden "Mainstream"-Texten von Arthur Quiller-Couch bis zum frühen P. G. Wodehouse), lieferten sie Detektiv- und Kriminalstories, Wildwestgeschichten, Seeabenteuer - und nichts sonst. Anders als bei diesen Veröffentlichungen kam es aber in der SF von Anfang an zu einem Austausch der Ideen, zu einer besonderen Bindung der Leserschaft. 

25. Mai 2018

Die große Datenkraken-Show

Das große Finale hat stattgefunden. Die Ritter des Lichts gegen den erzbösen Feind, den großen Kraken. Manche behaupten, der Kraken habe gewonnen. Andere sehen ihn als Verlierer.

Wahrscheinlich haben sie beide recht. Einerseits ist es blamabel, wenn in einer solchen Sitzung nur Wahlkampf getrieben wird auf Kosten von Information und Diskussion. Andererseits ist generell zu befürchten, daß im Bereich Internet unkundige Politer schlechte Gesetze machen.

Das Ganze ist übrigens - bevor das übliche EU-Bashing anfängt - kein spezielles Problem der EU und ihrer Gremien. Auch in jedem anderen Parlament bleibt die Sacharbeit in Wahlkampfzeiten auf der Strecke. Auch in den nationalen Parlamenten wäre nicht mehr aus einer solchen Veranstaltung herausgekommen, siehe das Beispiel USA.
Und speziell der deutsche Bundestag mit seinem bekannten Internet-Analphabetismus und seiner Neigung zur moralisierenden Fachunkenntnis hätte so einen Termin bestimmt noch viel deutlicher versemmelt.

Das eigentliche Problem ist das Veranstaltungsformat selber.

21. Mai 2018

"Kapow! Zong!! In Your Face!!!" - Zum Tod von Tom Wolfe

Im Rückblick, aus der Distanz von mehr als einem halben Jahrhundert, fallen dem Betrachter beim Blick auf die "wilden Sechziger" bestimmen Merkmale ins Auge - gerade auch für deren erste Hälfte, bevor der Zeitgeist entgrenzt wurde, "alles möglich schien", die Farben psychedelisch flackerten und die Vernunft für ein paar Jahre eine Auszeit nahm und die Nachrichten wie die populäre Imagination sich den beiden Polen der rohen Gewalt (auf den Straßen der Großstädte des Westens wie den Dschungeln Südasiens) und des so grenzenlosen wie infantilen Hedonismus in die Arme warfen: davor: in jener Zeit, als "die Zukunft" in Gestalt des "Raumfahrtzeitalters" und der "Elektronengehirne" greifbare Gestalt zu gewinnen schien, als die persönliche Umgestaltung des westlichen Lebensstils im Zuge von "Sexwelle" und Antibabypille, von Cool Jazz bis zum gezähmten Rock'n'Roll sich von der Enge und dem pastosen Einerlei der fünfziger Jahre freizuschwimmen schienen, als das Stilideal in den frühen James-Bond-Filmen mustergültig zu betrachten war: das gleichzeitige Auftreten, in dieser Kurzperide, von einigen Kulturphänomenen, die dies eint: ein nicht zu übersetzender Name und die Tatsache, daß sie als Brechung, Reflexion, fundamentale Kritik an dieser Zeit gedacht waren und sofort zu ihrem Kennzeichen wurden, von der "Pop Art", die eben keine "populäre Kunst" war, sondern eine höchst elitäre Grundsatzkritik der als seicht und schundig empfundenen Warenkultur des Westens mit seinen eigenen Mitteln. Der Bossa Nova (eigentlich die B.N.), die im Upsrungsland einen recht radikalen Bruch mit den Gepflogenheiten des Samba darstellte, sofort im Rest der Welt als seicht-plätschernde "Fahrstuhlmusik" aber den Soundtrack für zahllose Filme im Milieu des internationalen Jetsets abgab, akustisches Pendant zu den Palmenstränden der Copacabana, und die eben nicht mit ihrer wörtlichen Bedeutung "Neue Welle" einzufangen ist; sowenig wie die "Nouvelle Vague" des französischen Kinos oder die "New Wave" der englischen Science Fiction um Michael Moorcock, die die als verstaubt empfundenen Konventionen der Nachkriegszukünfte um die avantgardistischen literarischen Techniken von Autoren wie James Joyce oder John Dos Passos und die nihilistische Welthaltung des Existenzialismus zu erweitern suchten. Und so ist auch der "New Journalism", der um diese Zeit in den USA entstand, mehr (und zugleich viel weniger) als einfach "neuer Journalismus": der Anspruch war nicht eine Auflockerung des bislang gepflegten Reportagestils, sondern eine grundsätzliche Infragestellung der Trennung zwischen nüchterner, dem Leser eine Deutung überlassenden Darstellung und dem direkten Involvement des Berichterstatters - und vor allem: seiner Persönlichkeit - nicht zuletzt dem direkten Engagement für das Berichtete und dem Stil, in dem dieser Bericht erfolgte. Und verbunden war dieser "neue Journalismus" vor allem mit einem Namen: Tom Wolfe.

Wolfe hat diesen "persönlichen Stil", auch in seinem Land und zu seiner Zeit, geprägt von den Befindlichkeiten der beiden ersten Nachkriegsjahrzehnte, nicht entwickelt: vorangegangen waren etwa Norman Mailer mit Essays wie "The White Negro" von 1957, Gore Vidal, Truman Capote (von dem er ein Kapitel auf In Cold Blood/Kaltblütig in seiner Referenzanthologie The New Journalism von 1793 abdruckte) oder Guy Talese. Und natürlich ist die Aufbereitung als literarischer Text, das bewußte Verschwimmen der Grenzen zwischen Roman, mehr oder minder skrupulöser Reportage und satirischer Überspitzung beziehungsweise sarkastischer Anklage der Zeitläufe, alles andere als neu: Mark Twains sardonischer Reisebericht einer touristischen "Pilgerfahrt zu den heiligen Stätten des Christentums", The Innocents Abroad von 1869, dürfte das erste namhafte Beispiel dieses Genres darstellen; und seitdem zieht sich diese Haltung wie ein roter Faden durch nicht nur den amerikanischen Sektor der Gutenberg-Galaxis: von den muckraking journalists, die in den Jahrzehnten vor und nach der Jahrhundertwende soziale Mißstände der wuchernden Metropolen schilderten, mit Upton Sinclairs The Jungle, der Schilderung der verheerenden Zustände in den Schlachthöfen Chicagos von 1903 als wirkungsvollstem Beispiel. Und natürlich ist dieser Stil nicht auf die USA beschränkt geblieben. Für den deutschen Sprachraum dürfte das Paradebeispiel der "rasende Reporter" Egon Erwin Kisch sein, dessen Bücher aus den 20er und 30er Jahren die hastige Rastlosigkeit, das hemmungslose In-den-Vordergrund-Stellen der eigenen Persönlichkeit, das ostentative Kultivieren "linker" Positionen bis zum Extremismus und - last not least - die Tendenz, jeden Knalleffekt bis zum Anschlag auszureizen und es mit der Wahrheit nicht genau zu nehmen, gerade was die Augenzeugenschaft betrifft, ihn als mustergültiges Exemplar dieser Gattung ausweisen. (Wobei die beiden letztgenannten Punkte naturgemäß in jeder Art von journalistischer Tätigkeit als tödliche Versuchung lauern.)

Was Wolfe vor allem auszeichnete, war sein ganz persönlicher, unverwechselbarer, manchmal (manchmal? eigentlich immer) bis ins Extrem überdrehter Stil, der in vielen seiner Texte droht, die Substanz des dort Geschilderten unter sich zu begraben (in einer Rezension der Zeitschrift TIME hieß es bündig: "He uses a language that explodes with comic-book words like "POW!" and "boing." His sentences are shot with ellipses, stabbed with exclamation points, or bombarded with long lists of brand names and anatomical terms. He is irritating, but he did develop a new journalistic idiom that has brought relief from standard Middle-High Journalese."), ein fast marktschreierischer Ton, eine Wildheit der Tonlage, die jeden Lehrmeister des "klassischen" Reporterhandwerks so zur Verzweiflung getrieben hätte wie die Bühnenauftritte eines James Brown einen Tanzlehrer des Barock, der jede Konzentration auf die 5-W-Fragen ("Wer ist beteiligt? Was ist geschehen? Wo? Wann? Wie?") rücksichtslos in Grund und Boden fährt, und der der eine eigentliche Grund ist, warum seiner Bücher, den Zeitgeist der Sixties wie keine anderen repräsentierend, bis heute aufgelegt und gelesen werden, während zahllose andere Texte, die genau dies auch für sich beanspruchen können, so vergessen und verschollen sind, daß selbst ihr Verschollensein der Vergessenheit anheimgefallen ist: von A. S. Neills Autobiographie (für alle "antiautoriäten" Erziehungsbewegungen der 60er und 70er Jahre der grundlegende Anstoß) über die Schriften Herbert Marcuses theoretischen Schriften und besonders seiner späten Programmschrift Der eindimensionale Mensch, Richard Farinas Been Down So Long It Looks Like Up to Me  oder die, nun, "Romane" Richard Brautigans, aber auch andere Texte aus dem Umfeld des New Journalism: Norman Mailers The Armies of the Night (über den Vietnamkireg) oder Of a Fire on the Moon  (das wahrscheinlich das schlechteste und uninformierteste Buch ist, das über das Apolloprojekt der ersten bemannten Mondlandung je geschrieben worden ist: Wolfes Schilderung der "Mercury Seven", The Right Stuff von 1979, darf als direktes Kontrastprogramm zu Mailers Text gelesen werden: während Mailer das Raumfahrtprogramm nur zu einer Rundumanklage der menschlichen Hybris im Besonderen und des American Way of Life im Allgemeinen nutzt, leuchtet unter Wolfes hemdsärmlig-burschikoser Oberfläche die Bewunderung für das technische Können, den Pioniergeist, die Transposition des zupackenden Ingenieur-Ingeniums flächendeckend hervor), die grellen Texte Terry Southerns (dessen Neigung zur bizarren Groteske sie ebenfalls in einer Kategorie jenseitsvongutundböse, beziehungsweise faktisch versus dadaistisch, verortet) oder Hunter S. Thompsons.

Um einen Eindruck von Wolfes kobolzschlagendem Stil zu vermitteln, gibt es kein besseres Beispiel als die Auftaktsequenz von From Bauhaus to Our House, seinem Rundumschlag gegen die Zumutungen der modernen Architektur von 1981 (deutsch unter dem Titel Mit dem Bauhaus leben), angefangen mit den "drei weißen Göttern" Walter Gropius, Mies van der Rohe und Le Corbusier und den desaströsen Auswirkungen ihres vermeintlich funktionalen Minimalismus:

O BEAUTIFUL, for spacious skies, for amber waves of grain, has there ever been another place on earth where so many people of wealth and power have paid for and put up with so much architecture they detested as within thy blessed borders today?

I doubt it seriously. Every child goes to school in a building that looks like a duplicating-machine replacement-parts wholesale distribution warehouse. Not even the school commissioners, who commissioned it and approved the plans, can figure out how it happened. The main thing is to try to avoid having to explain it to the parents.

Every new $900,000 summer house in the north woods of Michigan or on the shore of Long Island has so many pipe railings, ramps, hob-tread metal spiral stairways, sheets of industrial plate glass, banks of tungsten-halogen lamps, and white cylindrical shapes, it looks like an insecticide refinery. I once saw the owners of such a place driven to the edge of sensory deprivation by the whiteness & lightness & leanness & cleanness & bareness & spareness of it all. They became desperate for an antidote, such as coziness & color. They tried to bury the obligatory white sofas under Thai-silk throw pillows of every rebellious, iridescent shade of magenta, pink, and tropical green imaginable. But the architect returned, as he always does, like the conscience of a Calvinist, and he lectured them and hectored them and chucked the shimmering little sweet things out.

Every great law firm in New York moves without a sputter of protest into a glass-box office building with concrete slab floors and seven-foot-ten-inch-high concrete slab ceilings and plasterboard walls and pygmy corridors—and then hires a decorator and gives him a budget of hundreds of thousands of dollars to turn these mean cubes and grids into a horizontal fantasy of a Restoration townhouse. I have seen the carpenters and cabinetmakers and search-and-acquire girls hauling in more cornices, covings, pilasters, carved moldings, and recessed domes, more linenfold paneling, more (fireless) fireplaces with festoons of fruit carved in mahogany on the mantels, more chandeliers, sconces, girandoles, chestnut leather sofas, and chiming clocks than Wren, Inigo Jones, the brothers Adam, Lord Burlington, and the Dilettanti, working in concert, could have dreamed of.

*Uff* 

(An dieser Passage zeigt sich auch, was Übersetzer an Wolfes Texten zur Verzweiflung treiben kann: jedem amerikanischen Leser sind die ersten Worte O Beautiful, for spacious skies / amber waves of grain als die Auftaktzeilen von Amerikas "inoffizieller Nationalhymne", "America the Beautiful" von 1910, tausendfach bei Sportveranstaltungen und Schulfeiern gespielt und gesungen, geläufig: für Nichtamerikaner lassen sich solche Assonanzen, solche Anspielungen, deren Hallraum einen großen Teil des Reizes ausmacht, schlechterdings nicht nachbilden.) 

Der andere Grund dafür, daß Wolfes Texte bis heute aufgelegt und gelesen werden, dürfte ein letzthin als politisch zu kategorisierender sein. Was Autoren wie Norman Mailer, Hunter S. Thompson, Michael Herr, Guy Talese schrieben, war von einem direkten Handlungsimpetus getragen: die Haltung dieser Autoren war nicht nur "extrem links", sie fußte auch auf einer generellen Ablehnung des amerikanischen Systems, seiner Erscheinungen und seiner Politik, nicht nur in jenen Jahren, sondern aus Prinzip: als zerstörerisch, als "entfremdend" und unmenschlich. Das Ziel war immer, durchaus unverhohlen: es zu überwinden, abzuschaffen, es grundsätzlich durch etwas Neues - also Utopisches - zu ersetzen, und dazu in fundamentale Opposition zu treten. Genau das war auch die Haltung der underground culture, der Studentenrevolte, darin suchte sie sich ihre Symbole und Heldengestalten, daraus, eben aus der Fundamentalopposition zu allem, was sie um sich herum sahen, erklärt sich ihre verhängnisvolle Verehrung für die Diktatoren und Massenmörder der "3. Welt", von Mao Tse-tungs Revolutionsgarden über den Schlächter Ernesto "Che Guevara" bis zu Fidel Castro. Wolfe hingegen stand au-dessus de la mêlée: ihm war das Treiben seiner Zeitgenossen - von den "Merry Pranksters" um Ken Kesey (des Autors von One Flew Over the Cuckoo's Nest) und ihres wilden Trip mit einem wracken Schulbus durch den Wilden Westen Kaliforniens mitsamt dem Ziel, ihre haschrebellischen Kommilitonen mit LSD zu beglücken (The Electric Kool Aid Acid Test, die Schilderung dieses Unterfangens, in dem schon alle schwarzen Züge der Hippie-Lebensweise, vom Drogenmißbrauch bis zur mörderischen Gewalt der Hells Angels, anklingen, erschien 1968, vor einem halben Jahrhundert, in jenem Kulminationsjahr, am gleichen Tag wie seine zweite Sammlung von Reportagen, The Pump House Gang, die sich eben jenen eingangs erwähnten "007"-Zeitgeistlichkeiten widmet: kalifornischen Surfern, dem Lebensstils Hugh Hefners, Marshall McLuhan und Natalie Wood, den Symbolen und Lebensstilen jener Jahre, die dann "1968" unter sich begrub - bis hin zu den Gen X-Vertretern der 1990er Jahre - stets nur eine Facette des absurden Welttheaters, in dem die conditio humana  so aussichtslos wie für den abgeklärten Beobachter ebenso erheiternd wie ermüdend ihre immergleichen Tragikomödien aufführt, ohne Hoffnung auf Erlösung oder Genesung. Hinter der Maske des Clowns und des Marktschreiers verbarg sich in Wolfes Fall ein genuiner Konservativer. In diesem Belang trifft er sich mit Joan Didion, der anderen Vertreterin des New Journalism, deren die Zeitumstände referierende Texte, begonnen mit dem Band Slouching Toward Bethlehem von 1968 bis heute lesbar geblieben sind. In Didions Texten zeigt sich eine andere Facette nicht so sehr der Konservatismus, sondern der amerikanischen Lebensphilosophie: sie sind durch einen Quietismus geprägt, durch eine Konzentration auf das Private, Kleinteilige, Persönliche (bei Didion zeigt es sich vor allem in ihrem Buch The Year of Magical Thinking von 2005, Autobiographie, Selbsttherapie und bescheidener Gedenkaltar nach dem Verlust ihres Mannes und ihrer Tochter in den beiden Jahren zuvor. Wolfe wäre, aufgrund seiner prinzipiell satirischen und sarkastischen Lebenshaltung, das läßt sich wohl ohne Maliziösität sagen, zu einer solchen asketischen wie aufrichtigen Trauerarbeit nicht imstande gewesen). Das allerdings, ohne mit den Ideen, dem Denkrahmen des klassischen Konservatismus Hand in Hand zu gehen. Wie so oft handelte es sich in beiden Fällen um ein Lebensgefühl, eine Haltung, nicht um eine politische Philosophie. Daß Wolfe ein genuiner Konservativer war, zeigt sich in seinem vielleicht gelungendsten fiktinalen Text, der längeren Erzählung "Ambush at Fort Bragg", gesammelt in der letzten Kollektion von Reportagen, Hooking Up von 2000: der Schilderung eines mutmaßlichen Mißhandlungsskandals an einer Militärakademie, bei dem Rekruten unter Verdacht stehen, einen homosexuellen Kameraden aufgrund seiner sexuellen Orientierung schwer mißhandelt zu haben. Die mitgeschnittenen Telefonate, die Gespräche der Soldaten scheinen zunächst den Fall eindeutig zu entscheiden: aus vielen dampft nachgerade eine tiefe Ablehnung und Verachtung von "Tunten", von der Grellheit und Verantwortungslosigkeit vieler schwuler Lebensführungen. Wirklich aufgeklärt wird des Casus nicht, aber für den Leser sind die drei Seiten wichtig, an dem ein Offiziersanwärter dem Ich-Erzähler und Wolfe-Substitut erklärt, warum es kein Marine gewesen sein kann: bei aller Ablehnung ist dies nicht ihr Stil; solche Gewalt, solche Mißhandlung widerspricht allem, wofür sie mit ihrer Ausbildung, ihrem Gewissen, mit der Entscheidung, in einer Eliteeinheit für die Werte, für die Amerika steht, gegebenenfalls ihr Leben in die Bresche zu werfen. Diese Passage, die von einem vierschrötigen, tätowierten Glatzkopf stammt, läßt am Ende den Leser begeistert zurück. Nicht, weil Konservative  -oder Wolfe-Leser - homophobe Vorurteile hegen oder bestätigt sehen wollen - beides trifft nicht zu - sondern weil hier auf einen grundsätzlichen Anstand, auf Toleranz (auch in Sinne des "Aushaltenmüssens") abgehoben wird, diese jeder politischen Korrektheit und Minderheitenhofierung um Lichtjahre vorgeschaltet ist und sie überflüssig macht.

Ob Wolfes vier Romane die Zeitläufe überstehen werden, jene Produkte der zweiten Hälfte seiner Autorenlaufbahn, wird die Zeit zeigen. The Bonfire of the Vanities von 1985, hat immerhin noch die Vorteile der konzisen Konzentration und der Zeitgeistsatire, mit denen die Welthaltung und der Lebensstil der "Masters of the Universe", der New Yorker Börsenmakler gnadenlos aufgespießt werden. Das Buch verdankt sich einer Wette Wolfes mit dem Herausgeber des Rolling Stone, in dem der Text zwischen Juni 1984 und August in 27 Fortsetzungen erschien. Wolfe hatte daran erinnert, daß viele Autoren des 19. Jahrhunderts - von Charles Dickens, George Eliot, Balzac (und nicht zuletzt Alexandre Dumas pêre) ihre Werke unter Termindruck verfaßt haben, sich von Fortsetzung zu Fortsetzung hangelnd, dem Leser nur ein oder zwei Monate oder gar Wochen voraus, und das dies eine gute Kur gegen die Ausuferung und Fahrigkeit der zeitgenössischen Literatur sei. Auch würde die Konzentration auf kurze Spannungsbögen der uferlosen Salbarei und Selbstspiegelung heilsam einen Riegel vorschieben. Der Roman selbst verdankt sich der Tatsache, daß Wolfe erklärte: unter solchen Umständen könne jeder, auch er, einen brauchbaren Roman verfassen; der Wetteinsatz des Rolling Stone von 200.000 Dollar tat ein übriges. Daß an dieser Einstellung etwa sein mag, zeigt der Umstand, daß Wolfe für die gut 850 Seiten seines zweiten Romans, A Man in Full, danach mehr als zwölf Jahre Arbeitszeit und unzählige Anläufe benötigte.

Als Mißgriff dürfte hingegen sein letzter Titel, The Kingdom of Speech, erschienen im August 2016, zu werten sein. In diesem Zangenangriff auf Charles Darwin und Noam Chomsky zieht Wolfes Polemik, man muß es so sagen, auf beiden Fronten den Kürzeren. Mit Charles Darwin und der Evolutionstheorie sich anzulegen hat sich schon hunderte von Malen als intellektueller Offenbarungseid erwiesen; dieses Gerüst der Naturerklärung steht felsenfest; und Wolfes Vorwurf, Darwin und seiner Nachfolger hätten das Werk Alfred Russel Wallaces geplündert und ihm den ihm gebührenden Ruhm vorenthalten, hat nicht einmal den Vorteil der Originalität vor sich: Parteigänger Wallaces verfechten dies seit seinem Tod 1913 - und für die Triftigkeit einer Theorie ist dergleichen absolut bedeutungslos. Chomsky ist, nicht nur für viele konservative wie liberale Denker (im alten, "europäischen" Sinn dieser Vokabel: "liberal" bedeutet im heutigen englischsprachigen Diskurs hingegen das gleiche, was im Deutschen als "linksgrün" bezeichnet wird) eine höchst negative gesehene Figur, eine Bête noir, ein Feind der Offenen Gesellschaft und Prediger des politischen linken Extremismus. Aber seine Sprachtheorie, vor sechzig Jahren entwickelt, steht auf einem anderen Blatt. Zwar haben sich seine Spezifika, die Ableitungsbäumchen, der Unterschied zwischen "Oberflächen-" und "Tiefenstruktur" einer allen allen Sprachen zugrundeliegenden, und damit angeborenen Sprachstruktur, nicht gehalten (nicht zuletzt wegen der Unentscheidbarkeit, ob dergleichen "in den Genen verankert" liegt oder ob die schlichte Notwendigkeit zu bestimmten sprachlichen Ausdrucksleistungen durch die Wirklichkeit vorgegeben ist). Aber seiner Erkenntnis - oder besser: seine Formulierung des schlichten universellen Beobachtung - daß der Mensch einen "angeborenen Sprachinstinkt" habe, eine Anlage zum Erwerb einer Sprache (und sei sie, bei Taubheit, in Gesten kodifiziert), und daß ein Mensch, bei dem es nicht bis zum dritten Lebensjahr zum Spracherwerb kommt, nicht mehr dazu in der Lage sein und ein mentaler Krüppel bleiben wird: daran kann auch Wolfes Indignation nicht rütteln.

Bleiben werden hingegen, aus der Sicht des Protokollanten, zumindest die beiden schmalen Bändchen, mit denen er sich, in Gestalt einer polemischen Kampfschrift, den beiden Ausprägungen der Moderne annimmt, die zu den, nicht angeborenen, aber unvermeidlichen Ausprägungen des Alltag gehören: der Architektur und der abstrakten Kunst, From Bauhaus to Our House (1981) und The Painted Word (1978), Rundumschläge, die beide Abteilungen kreativer Anmaßung und des Anspruchs auf alleinige Gültigkeit restlos niederbügeln.

Am vorigen Montag, dem 14. Mai 2018, ist Tom Wolfe im Alter von 88 Jahren gestorben.




Ulrich Elkmann

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