16. Juli 2018

Warum Angelique Kerber das Wimbledon-Finale gewann

"Wer redet jetzt noch von Fußball?", fragte Barbara Rittner in ihrer Funktion als Expertin bei der ZDF-Übertragung des Damen-Finales des Tennisturniers in Wimbledon, während Angelique Kerber ihren gerade errungenen Sieg auf dem heiligen Rasen der Arena des Londoner Stadtteils bejubelte. Wir reden in diesem Beitrag jedenfalls nicht in erster Linie von Fußball, sondern wollen die Gründe analysieren, weshalb die 30-jährige Norddeutsche die Hahnenkamm-Abfahrt unter den Filzkugelschlagbewerben letztlich doch so souverän gewann.

11. Juli 2018

Ein schales Gefühl

­Nun ist es also da, das große Urteil im nicht weniger großen NSU Prozess. Mehr als fünf Jahre hat der Prozess gedauert, mehr als 400 Sitzungstage wurden aufgewandt und so knappe 30 Millionen Euro an Kosten verursacht. Und am Ende standen eine Reihe von Urteilen, die so wie es sich derzeit darstellt, auch durchaus nach einer Woche hätten fallen können. Was am Ende bleibt ist ein sehr schales Gefühl und nicht unbedingt eine Sternstunde der Rechtsstaates.

9. Juli 2018

Das Ende der Spezialdemokratie. Ein Gedankensplitter.

Fast 46% der Zweitstimmen (und sogar noch ein bischen mehr bei den Erststimmen) entfielen im besten Jahr der deutschen Sozialdemokratie(1972) auf die SPD unter ihrem damaligen Anführer Willy Brandt (der dadurch als Kanzler bestätigt wurde und mit der FDP eine absolute Mehrheit in die neue Regierung führen konnte). Gerhard Schröder schaffte es im Jahr 1998 zwar nur noch 41% von der SPD zu überzeugen, in absoluten Zahlen legte er jedoch gegen Brandt sogar noch zu (da sich durch die Wiedervereingung die Wählerbasis deutlich vergrößerte).

5. Juli 2018

Beschlagene Kristallkugel



(Bildquelle: Pixabay)

Die Schusterkugel ist beschlagen; der Ausblick in die Zukunft völlig ungewiss.

Der Protokollant kann sich nicht erinnern, zu irgendeinem Zeitpunkt der letzten nun dreieinhalb Jahrzehnte, die er sich als eigenständig urteilendes, sich die Weltläufe einen eigenen Reim machendes Zoon politikon einschätzt - für ihn stellten der Falklandkrieg und sein Eintreten dafür inmitten einer geschlossenen Front von kategorischen Ablehnern so etwas die die Äquatortaufe in politicis dar - jemals so ratlos auf die Folgen konkreter politischer Ereignisse geblickt zu haben wie nach dem Abschluß der hektisch inszenierten "Koalitionskrise" der letzten 19 Tage, den Folgen von Frau Merkels und Herrn Seehofer angeblich zerrüttetem Vertrauenverhältnis, dem kurz bevorstehenden Zerbrechen der jahrzehntealten Parteibruderschaft von christdemokratischer und christsozialer Union, von Frau Merkels atemlos aufgesetztem und präsentiertem "Asyldeal" - der sich umgehend als ein Klingklang aus leeren Worten und dem vagen Versprechen entpuppte, vielleicht demnächst mit dem Ziel vagester Vorstellungen einmal tatsächlich zu verhandeln. Ein "Deal," der umgehend von fünf der angeblich 14 beteiligten Staaten dementiert wurde. "Auf lange und mittlere" Sicht war es in den vergangenen Jahrzehnten stets unsicher, welche Folgen sich aus politischen Ereignissen ergeben würden: das Schicksal der DDR und des Kasernensozialismus des Ostblocks konnte über den größten Zeitraum der 1980er Jahre niemand erahnen - aber die unmittelbaren Folgen, für die nächsten Jahre, nachdem sich im Sommer 1989 die Risse in der Ost-West-Mauer zeigten und beständig verbreiterten: das ist eine andere Sache. Irgendwann wurde es, schon im Oktober '89, deutlich, daß der Fall der Mauer nur eine Frage der Zeit war, und daß diesem Ereignis die Wiedervereinigung beides Teile Deutschlands so unausweichlich folgen würde, wie es die Ahnung historischer Dynamiken zuläßt. Auch, daß der einzig relevante Antagonismus, die Schicksalsfrage des gesamten einunzwanzigsten Jahrhunderts, der Konflikt zwischen der freien Welt des Westens und dem unreformierbaren, expansionistischem Islam sein würde, war spätestens am 11. September 2001 jedem halbwegs aufmerksamen Beobachter eisern klar.

1. Juli 2018

Auf, auf, liebe Bettvorleger

­Da ist es nun, das berühmte "Verhandlungsergebnis" von Angela Merkel, und es ist am Ende verheerender als man hätte befürchten können. Nicht nur hat sie keinerlei Unterstützung für die Begrenzung der Zuwanderung in Europa selber erfahren, sie hat noch jede Menge Zusagen an andere gemacht, was Deutschland in Zukunft noch so alles übernehmen werde.

29. Juni 2018

Aus der Schwalbenperspektive (17): Ein Sommer ohne Märchen - Noch etwas zum Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft

Vermutlich ist zum peinlichen Vorrunden-Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft schon alles geschrieben worden (auch in diesem Medium war dieser Betriebsunfall bereits Thema), doch erheischt ein solches mit Kometenwiederkehr-Seltenheit gesegnetes Ereignis zweifellos eine umfassende blogikalische Behandlung.

Aus Sicht des Verfassers hat das Scheitern der Löw-Truppe in (beziehungsweise: an) der Gruppenphase mehrere Ursachen, und wenn der endunterfertigte Autor einige davon in der Folge näher erörtert, möchte er vorab dem Eindruck entgegenwirken, dass er es ja schon immer besser gewusst habe als der Bundestrainer. Vielmehr beruht die nachstehende Analyse auf einer Beobachtung dessen, was in den letzten Monaten und Wochen geschehen ist, und nicht auf prophetischer Begabung.

28. Juni 2018

Aus der Schwalbenperspektive: In hoc signo...



Nach dem doch recht abrupten Ende der deutschen Teilnahme an der Fußballweltmeisterschaft in Rußland, nach dem Wegfall eines Sommermärchens vermittelst der 'Schaft für Schland, nach einem, man kann es nicht völlig abstreiten, nicht ganz glücklichen Tourneeverlauf, bietet es sich an, zum Abschluß auf diesem Netztagebuch doch eine kleine Miszelle dieser Facette des Daseins "in unserem Juniversum" (©Arno Schmidt) zu widmen. Vor allem gilt es, die Verantwortlichen für dieses kleine Mißgeschick zu benennen, das "Die Welt" als "Die historische Schmach der deutschen Nationalmannschaft" nannte und das Geschehen damit rhetorisch neben das an der Westfront vor einhundert Jahren, im Frühsommer 1918 einreihte. Eigentlich gehörte zur Komplettierung noch "...im Felde unbesiegt" dazu - aber das wäre selbst dort wohl zu sehr mit der optischen Evidenz in Widerspruch geraten. Fragen wir also, wer hier den Dolch im Gewande führte. Spaßig ists, daß, nachdem zuerst das "deutsch" wie vor 3 Jahren auf Betreiben von Frau Merkel persönlich das "national" entsorgt wurde und nur Die Mannschaft übrigblieb, im Augenblick der Niederlage diese entsorgten Gespenster wieder ihren Modergruften entsteigen.

27. Juni 2018

Fragen an den Papst

Wer bringt es übers Herz, den Film von Wim Wenders anzusehen? Wer könnte „einen Mann, der Paläste und Limousinen ablehnt“, kritisieren?

25. Juni 2018

Erdung

Laut aktuellen Umfragen wird der Kurs der CSU auch in Bayern unter dem Strich nicht honoriert. Könnte man dies für sich alleine noch als Folge des Streites in der Union interpretieren (schließlich weiß bei so einem parteiinternen Konflikt - und der Streit zwischen den Schwesterparteien ist dem äquivalent - niemand, welcher der konträren Positionen eine Stimme für die Streithäne zugute käme und folglich befürchten beide Seiten das schlimmste, nämlich wie ihre Stimme dem Gegenteil ihrer eigenen Vorlieben zugute kommen könnten, und wählen eine Partei mit eindeutiger Positionierung), so ist die höhere Zustimmungsrate für Merkel im Vergleich zu Seehofer oder Söder selbst in der CSU zusammen mit einer Zweidrittelmehrheit für Merkels „Europäische Lösung“ bundesweit als auch auch in Bayern eindeutig.

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Techniknörgler

© Techniknörgler. Für Kommentare bitte hier klicken.

24. Juni 2018

John Ames Mitchell, "Drowsy" (1917)

Южный полюс Луны задремал, он уснул между гор величавых,
Поражающих правильной формой своей. 
Это — мысль, заключенная в стройных октавах, 
Эти горы живут без воды, в полосе неподвижных лучей,—

Ослепительно ярких, как ум, и ложащихся отблеском странным
На долины, что спят у подножия гор, 
Между кратеров мертвых, всегда светлотканных, 
Вечно тихих, нетронутых тьмой, и ничей не ласкающих взор.

Эти страшные горы горят неподвижностью вечного света,
Над холодным пространством безжизненных снов, 
Это ужас мечты, это дума веков,
Запредельная жизнь Красоты, беспощадная ясность Поэта.

Константин Бальмонт - Южный полюс Луны (1899)

Der Südpol des Monds. er schläft zwischen majestätischen Bergen
Besiegt von ihren starren kristallenen Formen.
Er ist ein Gedanke - in schlanke Oktaven gebannt..
Diese Berge leben wasserlos, in einem Streifen ewigen Lichts. 

Gleißend hell wie der Verstand, senden sie
einen Lichtstrahl ins ewige Dunkel der Täler
am Fuß der toten Krater, ins ewige Schweigen
das nie von einem sterblichen Auge berührt wurde.

Diese furchtbaren Berge brennen in der Stille des ewigen Lichts
Unter den toten Träumen des eisigen Alls
Dies ist der Schrecken der Träume, der Gedanke der Ewigkeit -
Die ewige tote Schönheit, gnadenlose Klarheit - Dichter: dein Ziel.

- Konstantin Balmont (1867-1942), "Der Südpol des Monds" (1899)



Zu den Verlusten im Bereich der populären Bildkunst, weitab von den ätherischen Gefilden der Hohen Kunst, sondern im Bereich des praktisch-faktisch Anschaulichen, zu Genießenden, der illustrierenden Gebrauchskunst, zählt, mit einer gewissen Paradoxität, die "astronomische Kunst" - jene Bilder, die ferne Welten, andere Planeten, Monde, interstellare Weiten in anschauliche Bildfindungen umsetzten und die die Entdeckungen der Astronomie der letzten zwei Jahrhunderte in eine direkt sinnliche Erfahrung transponierten. Zwar wird auch dieses Metier immer noch gepflegt, aber die außerirdischen Landschaften, die Ansichten von den Oberflächen der Planeten und Monde unseres Sonnensystems und fremder Sterne hat in den letzten zwei Jahrzehnten keine namhaften Künstlerpersönlichkeiten mehr hervorgebracht, mit deren Namen bestimmte Tönungen, Bildgebungen, eben ein unverwechslicher Stil (wie immer man ihn definieren will) verbunden ist.

22. Juni 2018

Der Preis der Arroganz

Seit Donald Trump antrat um Präsident der USA zu werden, bekam er aus Deutschland vor allem eines: Häme. Dabei sowohl lustige, geschmacklose, intelligente, dämliche, pointierte, widerliche, passende wie unpassende, aber vor allem immer wieder eins: Häme.

19. Juni 2018

Aus der Schwalbenperspektive: Böse Menschen haben keine Lieder

Jetzt aber, nach der schmählichen Niederlage, gilt die Gegenstimmung des Kummers und der Wut zuvörderst der eigenen Mannschaft, die das hehre Gefühl durch eine Art nationaler Indolenz verleugnet und buchstäblich zu Grabe gebracht hat. Sie ist von der Fahne gegangen, sie hat ihre Geschichte verloren. Aber das sind sie eben, die Herren mit den vielen Pässen, Selbstdarsteller ohne bodenverwurzelten, ehrsamen Mannschaftsgeist - hoch dotierte Stars ihrer eigenen Erlebniswelt. (Herbert Kremp in der WELT*). 

Nun ist also das erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft absolviert, und Jogis Buben haben sich überzeugend sowohl in die Reihe der versagenden Titelverteidiger (Frankreich 2002, Italien 2010 und Spanien 2014 in der Vorrunde ausgeschieden) als auch in das allgemein in der ersten Runde nicht überzeugende Auftreten der Top-Teams eingefügt. Frankreich hat mit viel Dusel gegen Australien gewonnen, Argentinien Unentschieden gegen Island, Brasilien das Gleiche gegen die Schweiz, und England ließ gegen Tunesien in der ersten Halbzeit Chancen liegen, die schon mindestens bis zum Halbfinaleinzug gereicht hätten, um anschließend durch ein Brechstangentor von Kane in der Nachspielzeit noch ein mühsames 2:1 zu erreichen.

Ideenlos, unkonzentriert, mit schlechter Abstimmung und auch irgendwie satt wirkend  (bezeichnend das gemütliche Zurücktraben vom Dreimal-in-Folge-Champions-League-Gewinner Toni Kroos beim Gegentor) schleppte sich der Titelverteidiger durch das Spiel, hatte Pech bei den wenigen Abschlüssen und Glück, dass die Mexikaner auch recht leichtfertig mit ihren Chancen umgingen und dass der Schiedsrichter bei Hummels' Foul in der zweiten Halbzeit nicht auf den Punkt zeigen wollte. So gab es eine insgesamt nicht unverdiente 0:1-Niederlage gegen einen zwar auf dem Papier deutlich schwächeren, aber beherzt auftretenden Gegner, der von seinen Fans so nach vorne gepusht wurde, dass es angeblich in Mexiko zu einem Erdbeben kam (ob das in Moskau auch noch spürbar war?).

Nun, beherztes Auftreten kann man zumindest der Anfangsformation nicht unterstellen, und selbst wenn Kimmich sehr offensiv unterwegs war, fehlte er hinten, so dass Hernandez für das schnelle Umschaltspiel der Mexikaner immer eine freie Anspielstation bot und die deutsche Innenverteidigung mit Mats und Jerome "Wir waren hinten immer allein" Hummels und Boateng in Bedrängnis bringen konnte. 

Und wie sah es mit der Unterstützung der Fans aus? Nun sind ja trotz aller Sommermärchen-Legenden die 80 Millionen deutschen Bundestrainer in der Regel so kritisch, dass die Anhänger der Bayern geradezu als You'll-never-walk-alone-Gemeinschaft durchgehen könnten. Und diesmal hatte das ganze noch eine politische Komponente - durch die Özil-Gündogan-Erdogan-Affäre. Diese hatte nämlich zur Folge, dass die normalerweise verlässlichste Gruppierung der deutschen Fans - die von Claudia Roth und Schuldkult gebeutelten "Nur-alle-vier-Jahre-dürfen-wie-mal-stolz-sein"-Patrioten der (laut Bildzeitung natürlich nur von Merkel persönlich) entnationalisierten "Mannschaft" die kalte Schulter zeigten und die Passdeutschen mit Pfiffen auf das Spielfeld begleiteten. Dazu findet ja das wahre "Endspiel" (gerade in Verlängerung) in Berlin statt, und die Angst, ein Erfolg der Deutschen bei der WM könnte die Unsägliche im Amt halten, ist mit Händen zu greifen. 

18. Juni 2018

Schneeflöckchens Brautschau

Wenn "man" keine echten Probleme hat - oder man sich um die echten Probleme der Welt nicht kümmern will, dann bieten "First World Problems" willkommene Ablenkung. Z. B. beschäftigt man sich dann in der ehemals liberalen ZEIT mit der Frage, ob das eigene Beischlaf-Verhalten auch politisch korrekt ist: "Warum liebe ich nur weiße Frauen?"

Wenn die ZEIT bei ihrer Nachwuchsauswahl auf ein bißchen mehr Allgemeinwissen und Praxisnähe achten würde, dann wüßte der Autor, daß "gleich und gleich gesellt sich gern" schon immer ein Grundprinzip bei der menschlichen Partnerwahl ist. Daß auch Heiratsvermittler oder Partneragenturen persönliche Umstände, Hobbies und Hintergrund abfragen, um möglichst viele Übereinstimmungen zu finden - das gibt nämlich die beste Chance, daß es paßt.

17. Juni 2018

Georges Simenon, auteur du "Lolita"



"Lolita, light of my life, fire of my loins. My sin, my soul. Lo-lee-ta: the tip of the tongue taking a trip of three steps down the palate to tap, at three, on the teeth. Lo. Lee. Ta. She was Lo, plain Lo, in the morning, standing four feet ten in one sock. She was Lola in slacks. She was Dolly at school. She was Dolores on the dotted line. But in my arms she was always Lolita. Did she have a precursor? She did, indeed she did."
- Vladimir Nabokov, Lolita (1955), Kap. 1

Vor nunmehr vierzehn Jahren, im März 2004, war es für die kleine Welt der belles lettres eine kleine Sensation, zumindest ein weltweit vermerktes divertimento, als der Germanist und Schriftsteller Michael Maar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Nachweis erbrachte - soweit sich dergleichen in einem so volatilen Gebiet wie den Geheimissen des künstlerischen Kreativität eben dingfest machen läßt - daß Nabokovs Nymphet, seine Kindfrau, die die pädophile Obsession seines Ich-Erzählers aus den Sphären des neurotischen Verbrechens an einem Kind und der der Libertinage erotischer Literatur in ihrer dunklen Ausprägung, die seit den Tagen des Marquis de Sade kalkuliert und ebenso obsessiv immer wieder mit ultimativen Tabubrüchen spielt, in die Sphäre der Literatur, der Weltliteratur transformierte - daß Dolores Haze, genannt Lolita, in der Tat eine Vorläuferin besaß. Nicht nur im Kosmos des Romans ("In point of fact, there might have been no Lolita at all had I not loved, one summer, an initial girl-child. In a princedom by the sea," lautet der nächste Satz, mit dem Humbert Humbert seine fatale sexuelle Fixierung auf präpubertäre Mädchen in einem Anklang an Edgar Allen Poes "Annabel Lee" - und dessen Kindbraut Virginia Clemm, die dieser heiratete, als sie 13 war - erklärt), und auch nicht im Oeuvre seines exilrussischen Autors, sondern in einem bis dahin völlig vergessenen Text eines ebenso verschollenen Autors: in der Erzählung "Lolita" von Heinz von Lichberg, die 1916 in dem Band Die verfluchte Gioconda, im Darmstädter Falken-Verlag in einer Auflage von 1000 Exemplaren verlegt, als neunte von insgesamt fünfzehn kleinen Erzählungen erschienen ist. (Michael Maar, "Was wußte Nabokov?" FAZ vom 19. März 2004, S. 37; und ders., "Den Mann, der 'Lolita erfand,'" FAZ vom 26. März 2004, S. 46)

14. Juni 2018

Blut im Wasser?

Wenn man die heutige Presse verfolgt hat, insbesondere die Springersche Welt, dann kriegt man umhin den Eindruck, dass sich etwas tut in Berlin. Es scheint das erste mal richtiges Blut im Wasser zu sein und der eiserne Griff, mit dem Merkel die CDU seit Jahren hält, scheint ungewöhnlich locker.

12. Juni 2018

"Only Trump could go to North Korea"

"Only Nixon could go to China." Vor 46 Jahren, im Februar 1972, stand dieser politische Slogan für ein Ereignis, das die politische Landkarte in Ostasien, und in langfristiger Hinsicht: der ganzen Welt, veränderte: den einwöchigen Staatsbesuch des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon im China des Großen Steuermann Mao Tse-tung, im sechsten Jahr der unseligen Kulturrevolution, beim Versuch, die alte Gesellschaft, die alte Kultur Chinas endgültig zu vernichten und an ihre Stelle den geschichtslosen Neuen Menschen zu setzen, jener letzte utopische Paroxysmus, der drei Millionen Menschen das Leben kostete, in jenem China, das die Vereinigten Staaten von Amerika seit 1949, seit die "roteste aller roten Sonnen" das neue Reich der Mitte auf dem Tiananmenplatz ausgerufen hatte, zu seinem größten Feind erklärt hatte. Zum einen wegen des militärischen und strategischen Bündnisses mit der nationalchinesischen (Exil)Regierung Tschiang Kai-cheks auf Taiwan, den die USA während des Zweiten Weltkriegs als Bündnispartner im Kampf gegen Japan unterstützt hatten (diesem Bündnis verdankt China übrigens den Sitz im Sicherheitsrat der nach Kriegsende gegründeten Vereinten Nationen) - sondern als Inbegriff des Kapitalismus, der Marktwirtschaft, des Gewinnstrebens und vor allem des Individualismus. Vorausgegangen war dem von Außenminister Henry Kissinger arrangierten Treffen die sogenannte "Pingpong-Diplomatie" - die gegenseitigen Besuche der National-Tischtennismannschaften im Jahr zuvor, die eine allererste Bresche in die Mauer zwischen den seit Jahrzehnten gekappten Beziehungen schlugen. Das war noch nicht das Ende des Kalten Krieges zwischen den beiden "Systemen", es war nicht das Ende der Kulturrevolution, des Gefängnisses für alles, was ein menschliches Wesen ausmacht, den der Maoismus darstellte. Dazu brauchte es den Tod Maos vier Jahre später, den Rückbau des Zwangs, die ökonomischen Reformen von Mao Nachfolger Deng Xiaoping ab 1978, der davon unabhängigen wachsenden Tuchfühlung zwischen den beiden chinesischen Staaten und den Modus vivendi, der nicht mehr auf die Zerstörung und bedingungslose Vernichtung des Gegenübers zielte. Aber es war der erste Riß in der Mauer. Heute ist die Volksrepublik China eine wirtschaftliche Supermacht, ein Staat, der seine industrielle Revolution, die ihn ins Herz des 21. Jahrhunderts befördert, in einem atemverschlagenden Tempo nachholt - etwas, das der Sozialismus niemals eingelöst hat, der nur eine verheerte Natur und verheerte Menschen zurückließ - es ist, bei allen Defiziten und gebliebenen Einengungen, die wohlhabenste und, man kann es nicht genug betonen: die freieste Gesellschaft, die China - wohlgemerkt: das Reich der Mitte, nicht die umgebende Diaspora von Taiwan, Hongkong oder Singapur - in den zweieinhalb Jahrtausenden seiner Geschichte je erlebt hat. Zum ersten Mal nimmt China nicht nur am wachsenden Fortschritt teil, jenem Prozeß, der im Europa der Renaissance erfunden wurde, an der wissenschaftlichen permanenten Revolution des Weltwissens: zum ersten Mal steht es auch der Welt offen.

11. Juni 2018

The boy who cried Nazi

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Nahezu jeder kennt die Geschichte vom Hirtenjungen und dem Wolf, eine uralte Fabel, die noch auf Äsop vor mehr als 2500 Jahren zurückgeführt werden kann. Die Geschichte wird seit eben jener Zeit in tausenden von Abwandlungen erzählt, doch im Wesentlichen ist die Moral immer die selbe: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er die Wahrheit spricht. Es ist eine gute Geschichte für Kinder, wenn man ihnen erklärt, warum Lügen allenfalls einen kurzfristigen Nutzen bringen kann, auf die lange Bank aber recht unerwünschte Folgen nach sich zieht.

7. Juni 2018

Halt die Taube fest!

Seit hunderten von Jahren stehen sich im Park zwei Statuen gegenüber: Ein junger Römer und eine Göttin, beide nackt. Da erscheint eines Tages eine gute Fee und erfüllt den beiden ihren größten Wunsch - sie dürfen für einige Stunden ihre Sockel verlassen. Die beiden verschwinden im Gebüsch. Rascheln, flüstern, kichern. "Wir haben noch zehn Minuten", japst er schließlich. "Gut. Dann hältst du jetzt die Tauben fest, und ich scheiße drauf!"

Dieser zugegeben mit einem meterlangen Bart ausgestattete Witz erklärt aus meiner Sicht wunderschön den eigentlichen Hintergrund rund um Gaulands Vogelschiss-Äußerung. 

5. Juni 2018

Dr. Llarian: Und die AfD wird von Vollidioten geführt

Irgendwie war es klar. Es konnte ja nicht anders kommen. Die Regierung erntet was sie gesäht hat und ist sowas von in der Ecke wie es nicht feierlich ist. Man drängt sich gegenseitig in die Verantwortung für das was man angerichtet hat. Pöbel-Stegner versucht verzweifelt wie vergeblich die Folgen der eigenen Politik dem ungeliebten Koaltionspartner in die Schuhe zu schieben, Nahles wird von den Jusos und den eigenen Landesverbänden demontiert, bevor sie überhaupt irgendeinen Pflock eingeschlagen bekommt. Derweil zerlegt sich die SED bei der Frage ob man sich eher dem internationalen als dem nationalen Sozialismus verpflichtet fühlt. Und die FDP? Die fällt vor allem dadurch auf, dass sie gar nicht auffällt. Die "Besseropposition" mag zwar bei dem einen oder anderen Intellektuellen gut ankommen, Aufmerksamkeit von Presse und Wählern gewinnt man damit aber scheinbar nicht. Von den Grünen fängt man besser gar nicht erst an.

1. Juni 2018

Eine Kultur der Angst

­Es war ein Tweet. Eine kleine Nachricht von weniger als 160 Zeichen, meist nicht allzu reflektiert, in diesem speziellen Fall gerade einmal 53 Zeichen lang (Leerzeichen mitgezählt). 53 Zeichen reichen heute bereits aus, um Existenzen zu vernichten, um eine Hundertschaft von völlig Unbeteiligten arbeitslos zu machen, um einen aberwitzigen Sturm an Distanzierungen und Verurteilungen auszulösen.

28. Mai 2018

Der Herausgeber. Zum Tod von Gardner Dozois


(Bildquelle Wikimedia)

"I know that journalism largely consists in saying 'Lord Jones Dead' to people who never knew that Lord Jones was alive," schrieb G. K. Chesteron vor mehr als 100 Jahren im zweiten Band seiner Pater-Brown-Erzählungen, The Wisdom of Father Brown (1914), und der Protokollant sieht sich im Fall von Gardner Dozois in genau dieser Situation.

Zu den Besonderheiten der Science Fiction als literarischem Genre - neben der Tatsache, daß sie die Gesamtheit der Welt, in all ihrer Bedeutung: das gesamte Universum, die Tiefe der Zeit bis zu ihrem Beginn im Big Bang (und zu den hypotethischen Zuständen davor) bis zu ihrem Ende, in sämtlichen Variationen, dem menschlichen Urbedürfnis des Geschichtenerzählens zugänglich macht - zählt das, was man als ein "dialogisches Verhältnis" mit der Leserschaft nennen kann. Der Ideenschatz, die Tropen, die Themen, die Standardsituationen - sie alle bilden ein Kontinuum, in dem sich die Autoren wie die Leser in diesem Mikrosmos des Narrativen bewegen: Texte antworten auf andere Texte, Ideen verselbständigen sich, neue Autoren, die etwas originelles beizutragen haben, werden schon nach wenigen Veröffentlichungen bekannt, selbst wenn es sich dabei nur um einige kurze Erzählungen handelt. In sehr großem Maß verdankt sich diese Besonderheit - die es in dieser Form in keinem anderen literarischen Genre gibt - der Besonderheit, daß ein Großteil der innovativen Texte bis heute in der Form nicht von Romanen, sondern als kürzere Erzählungen publiziert wird. Die SF-Magazine, die sich allein auf Science Fiction kaprizieren, verdanken zwar ihren Ursprung der Spezialisierung des alten "pulp magazines", der amerikanischen Groschenhefte in den 1920er Jahren, die den wachsenden Bedarf als Genreliteratur, als spannender, anspruchsloser, aber themenzentierter Unterhaltungskost bedienten: anders als die Magazine alten Stils, wie etwa des berühmten Strand Magazine (in dem ab 1891 die Abenteuer Sherlock Holmes' abgedruckt wurden, neben den Kinderbüchern von E. Nesbit, zahllosen historischen Romanen, exotischen Abenteuern, und die Gegenwart des Hier & Jetzt ins Auge fassenden "Mainstream"-Texten von Arthur Quiller-Couch bis zum frühen P. G. Wodehouse), lieferten sie Detektiv- und Kriminalstories, Wildwestgeschichten, Seeabenteuer - und nichts sonst. Anders als bei diesen Veröffentlichungen kam es aber in der SF von Anfang an zu einem Austausch der Ideen, zu einer besonderen Bindung der Leserschaft. 

25. Mai 2018

Die große Datenkraken-Show

Das große Finale hat stattgefunden. Die Ritter des Lichts gegen den erzbösen Feind, den großen Kraken. Manche behaupten, der Kraken habe gewonnen. Andere sehen ihn als Verlierer.

Wahrscheinlich haben sie beide recht. Einerseits ist es blamabel, wenn in einer solchen Sitzung nur Wahlkampf getrieben wird auf Kosten von Information und Diskussion. Andererseits ist generell zu befürchten, daß im Bereich Internet unkundige Politer schlechte Gesetze machen.

Das Ganze ist übrigens - bevor das übliche EU-Bashing anfängt - kein spezielles Problem der EU und ihrer Gremien. Auch in jedem anderen Parlament bleibt die Sacharbeit in Wahlkampfzeiten auf der Strecke. Auch in den nationalen Parlamenten wäre nicht mehr aus einer solchen Veranstaltung herausgekommen, siehe das Beispiel USA.
Und speziell der deutsche Bundestag mit seinem bekannten Internet-Analphabetismus und seiner Neigung zur moralisierenden Fachunkenntnis hätte so einen Termin bestimmt noch viel deutlicher versemmelt.

Das eigentliche Problem ist das Veranstaltungsformat selber.

21. Mai 2018

"Kapow! Zong!! In Your Face!!!" - Zum Tod von Tom Wolfe

Im Rückblick, aus der Distanz von mehr als einem halben Jahrhundert, fallen dem Betrachter beim Blick auf die "wilden Sechziger" bestimmen Merkmale ins Auge - gerade auch für deren erste Hälfte, bevor der Zeitgeist entgrenzt wurde, "alles möglich schien", die Farben psychedelisch flackerten und die Vernunft für ein paar Jahre eine Auszeit nahm und die Nachrichten wie die populäre Imagination sich den beiden Polen der rohen Gewalt (auf den Straßen der Großstädte des Westens wie den Dschungeln Südasiens) und des so grenzenlosen wie infantilen Hedonismus in die Arme warfen: davor: in jener Zeit, als "die Zukunft" in Gestalt des "Raumfahrtzeitalters" und der "Elektronengehirne" greifbare Gestalt zu gewinnen schien, als die persönliche Umgestaltung des westlichen Lebensstils im Zuge von "Sexwelle" und Antibabypille, von Cool Jazz bis zum gezähmten Rock'n'Roll sich von der Enge und dem pastosen Einerlei der fünfziger Jahre freizuschwimmen schienen, als das Stilideal in den frühen James-Bond-Filmen mustergültig zu betrachten war: das gleichzeitige Auftreten, in dieser Kurzperide, von einigen Kulturphänomenen, die dies eint: ein nicht zu übersetzender Name und die Tatsache, daß sie als Brechung, Reflexion, fundamentale Kritik an dieser Zeit gedacht waren und sofort zu ihrem Kennzeichen wurden, von der "Pop Art", die eben keine "populäre Kunst" war, sondern eine höchst elitäre Grundsatzkritik der als seicht und schundig empfundenen Warenkultur des Westens mit seinen eigenen Mitteln. Der Bossa Nova (eigentlich die B.N.), die im Upsrungsland einen recht radikalen Bruch mit den Gepflogenheiten des Samba darstellte, sofort im Rest der Welt als seicht-plätschernde "Fahrstuhlmusik" aber den Soundtrack für zahllose Filme im Milieu des internationalen Jetsets abgab, akustisches Pendant zu den Palmenstränden der Copacabana, und die eben nicht mit ihrer wörtlichen Bedeutung "Neue Welle" einzufangen ist; sowenig wie die "Nouvelle Vague" des französischen Kinos oder die "New Wave" der englischen Science Fiction um Michael Moorcock, die die als verstaubt empfundenen Konventionen der Nachkriegszukünfte um die avantgardistischen literarischen Techniken von Autoren wie James Joyce oder John Dos Passos und die nihilistische Welthaltung des Existenzialismus zu erweitern suchten. Und so ist auch der "New Journalism", der um diese Zeit in den USA entstand, mehr (und zugleich viel weniger) als einfach "neuer Journalismus": der Anspruch war nicht eine Auflockerung des bislang gepflegten Reportagestils, sondern eine grundsätzliche Infragestellung der Trennung zwischen nüchterner, dem Leser eine Deutung überlassenden Darstellung und dem direkten Involvement des Berichterstatters - und vor allem: seiner Persönlichkeit - nicht zuletzt dem direkten Engagement für das Berichtete und dem Stil, in dem dieser Bericht erfolgte. Und verbunden war dieser "neue Journalismus" vor allem mit einem Namen: Tom Wolfe.

Wolfe hat diesen "persönlichen Stil", auch in seinem Land und zu seiner Zeit, geprägt von den Befindlichkeiten der beiden ersten Nachkriegsjahrzehnte, nicht entwickelt: vorangegangen waren etwa Norman Mailer mit Essays wie "The White Negro" von 1957, Gore Vidal, Truman Capote (von dem er ein Kapitel auf In Cold Blood/Kaltblütig in seiner Referenzanthologie The New Journalism von 1793 abdruckte) oder Guy Talese. Und natürlich ist die Aufbereitung als literarischer Text, das bewußte Verschwimmen der Grenzen zwischen Roman, mehr oder minder skrupulöser Reportage und satirischer Überspitzung beziehungsweise sarkastischer Anklage der Zeitläufe, alles andere als neu: Mark Twains sardonischer Reisebericht einer touristischen "Pilgerfahrt zu den heiligen Stätten des Christentums", The Innocents Abroad von 1869, dürfte das erste namhafte Beispiel dieses Genres darstellen; und seitdem zieht sich diese Haltung wie ein roter Faden durch nicht nur den amerikanischen Sektor der Gutenberg-Galaxis: von den muckraking journalists, die in den Jahrzehnten vor und nach der Jahrhundertwende soziale Mißstände der wuchernden Metropolen schilderten, mit Upton Sinclairs The Jungle, der Schilderung der verheerenden Zustände in den Schlachthöfen Chicagos von 1903 als wirkungsvollstem Beispiel. Und natürlich ist dieser Stil nicht auf die USA beschränkt geblieben. Für den deutschen Sprachraum dürfte das Paradebeispiel der "rasende Reporter" Egon Erwin Kisch sein, dessen Bücher aus den 20er und 30er Jahren die hastige Rastlosigkeit, das hemmungslose In-den-Vordergrund-Stellen der eigenen Persönlichkeit, das ostentative Kultivieren "linker" Positionen bis zum Extremismus und - last not least - die Tendenz, jeden Knalleffekt bis zum Anschlag auszureizen und es mit der Wahrheit nicht genau zu nehmen, gerade was die Augenzeugenschaft betrifft, ihn als mustergültiges Exemplar dieser Gattung ausweisen. (Wobei die beiden letztgenannten Punkte naturgemäß in jeder Art von journalistischer Tätigkeit als tödliche Versuchung lauern.)

Was Wolfe vor allem auszeichnete, war sein ganz persönlicher, unverwechselbarer, manchmal (manchmal? eigentlich immer) bis ins Extrem überdrehter Stil, der in vielen seiner Texte droht, die Substanz des dort Geschilderten unter sich zu begraben (in einer Rezension der Zeitschrift TIME hieß es bündig: "He uses a language that explodes with comic-book words like "POW!" and "boing." His sentences are shot with ellipses, stabbed with exclamation points, or bombarded with long lists of brand names and anatomical terms. He is irritating, but he did develop a new journalistic idiom that has brought relief from standard Middle-High Journalese."), ein fast marktschreierischer Ton, eine Wildheit der Tonlage, die jeden Lehrmeister des "klassischen" Reporterhandwerks so zur Verzweiflung getrieben hätte wie die Bühnenauftritte eines James Brown einen Tanzlehrer des Barock, der jede Konzentration auf die 5-W-Fragen ("Wer ist beteiligt? Was ist geschehen? Wo? Wann? Wie?") rücksichtslos in Grund und Boden fährt, und der der eine eigentliche Grund ist, warum seiner Bücher, den Zeitgeist der Sixties wie keine anderen repräsentierend, bis heute aufgelegt und gelesen werden, während zahllose andere Texte, die genau dies auch für sich beanspruchen können, so vergessen und verschollen sind, daß selbst ihr Verschollensein der Vergessenheit anheimgefallen ist: von A. S. Neills Autobiographie (für alle "antiautoriäten" Erziehungsbewegungen der 60er und 70er Jahre der grundlegende Anstoß) über die Schriften Herbert Marcuses theoretischen Schriften und besonders seiner späten Programmschrift Der eindimensionale Mensch, Richard Farinas Been Down So Long It Looks Like Up to Me  oder die, nun, "Romane" Richard Brautigans, aber auch andere Texte aus dem Umfeld des New Journalism: Norman Mailers The Armies of the Night (über den Vietnamkireg) oder Of a Fire on the Moon  (das wahrscheinlich das schlechteste und uninformierteste Buch ist, das über das Apolloprojekt der ersten bemannten Mondlandung je geschrieben worden ist: Wolfes Schilderung der "Mercury Seven", The Right Stuff von 1979, darf als direktes Kontrastprogramm zu Mailers Text gelesen werden: während Mailer das Raumfahrtprogramm nur zu einer Rundumanklage der menschlichen Hybris im Besonderen und des American Way of Life im Allgemeinen nutzt, leuchtet unter Wolfes hemdsärmlig-burschikoser Oberfläche die Bewunderung für das technische Können, den Pioniergeist, die Transposition des zupackenden Ingenieur-Ingeniums flächendeckend hervor), die grellen Texte Terry Southerns (dessen Neigung zur bizarren Groteske sie ebenfalls in einer Kategorie jenseitsvongutundböse, beziehungsweise faktisch versus dadaistisch, verortet) oder Hunter S. Thompsons.

Um einen Eindruck von Wolfes kobolzschlagendem Stil zu vermitteln, gibt es kein besseres Beispiel als die Auftaktsequenz von From Bauhaus to Our House, seinem Rundumschlag gegen die Zumutungen der modernen Architektur von 1981 (deutsch unter dem Titel Mit dem Bauhaus leben), angefangen mit den "drei weißen Göttern" Walter Gropius, Mies van der Rohe und Le Corbusier und den desaströsen Auswirkungen ihres vermeintlich funktionalen Minimalismus:

O BEAUTIFUL, for spacious skies, for amber waves of grain, has there ever been another place on earth where so many people of wealth and power have paid for and put up with so much architecture they detested as within thy blessed borders today?

I doubt it seriously. Every child goes to school in a building that looks like a duplicating-machine replacement-parts wholesale distribution warehouse. Not even the school commissioners, who commissioned it and approved the plans, can figure out how it happened. The main thing is to try to avoid having to explain it to the parents.

Every new $900,000 summer house in the north woods of Michigan or on the shore of Long Island has so many pipe railings, ramps, hob-tread metal spiral stairways, sheets of industrial plate glass, banks of tungsten-halogen lamps, and white cylindrical shapes, it looks like an insecticide refinery. I once saw the owners of such a place driven to the edge of sensory deprivation by the whiteness & lightness & leanness & cleanness & bareness & spareness of it all. They became desperate for an antidote, such as coziness & color. They tried to bury the obligatory white sofas under Thai-silk throw pillows of every rebellious, iridescent shade of magenta, pink, and tropical green imaginable. But the architect returned, as he always does, like the conscience of a Calvinist, and he lectured them and hectored them and chucked the shimmering little sweet things out.

Every great law firm in New York moves without a sputter of protest into a glass-box office building with concrete slab floors and seven-foot-ten-inch-high concrete slab ceilings and plasterboard walls and pygmy corridors—and then hires a decorator and gives him a budget of hundreds of thousands of dollars to turn these mean cubes and grids into a horizontal fantasy of a Restoration townhouse. I have seen the carpenters and cabinetmakers and search-and-acquire girls hauling in more cornices, covings, pilasters, carved moldings, and recessed domes, more linenfold paneling, more (fireless) fireplaces with festoons of fruit carved in mahogany on the mantels, more chandeliers, sconces, girandoles, chestnut leather sofas, and chiming clocks than Wren, Inigo Jones, the brothers Adam, Lord Burlington, and the Dilettanti, working in concert, could have dreamed of.

*Uff* 

(An dieser Passage zeigt sich auch, was Übersetzer an Wolfes Texten zur Verzweiflung treiben kann: jedem amerikanischen Leser sind die ersten Worte O Beautiful, for spacious skies / amber waves of grain als die Auftaktzeilen von Amerikas "inoffizieller Nationalhymne", "America the Beautiful" von 1910, tausendfach bei Sportveranstaltungen und Schulfeiern gespielt und gesungen, geläufig: für Nichtamerikaner lassen sich solche Assonanzen, solche Anspielungen, deren Hallraum einen großen Teil des Reizes ausmacht, schlechterdings nicht nachbilden.) 

Der andere Grund dafür, daß Wolfes Texte bis heute aufgelegt und gelesen werden, dürfte ein letzthin als politisch zu kategorisierender sein. Was Autoren wie Norman Mailer, Hunter S. Thompson, Michael Herr, Guy Talese schrieben, war von einem direkten Handlungsimpetus getragen: die Haltung dieser Autoren war nicht nur "extrem links", sie fußte auch auf einer generellen Ablehnung des amerikanischen Systems, seiner Erscheinungen und seiner Politik, nicht nur in jenen Jahren, sondern aus Prinzip: als zerstörerisch, als "entfremdend" und unmenschlich. Das Ziel war immer, durchaus unverhohlen: es zu überwinden, abzuschaffen, es grundsätzlich durch etwas Neues - also Utopisches - zu ersetzen, und dazu in fundamentale Opposition zu treten. Genau das war auch die Haltung der underground culture, der Studentenrevolte, darin suchte sie sich ihre Symbole und Heldengestalten, daraus, eben aus der Fundamentalopposition zu allem, was sie um sich herum sahen, erklärt sich ihre verhängnisvolle Verehrung für die Diktatoren und Massenmörder der "3. Welt", von Mao Tse-tungs Revolutionsgarden über den Schlächter Ernesto "Che Guevara" bis zu Fidel Castro. Wolfe hingegen stand au-dessus de la mêlée: ihm war das Treiben seiner Zeitgenossen - von den "Merry Pranksters" um Ken Kesey (des Autors von One Flew Over the Cuckoo's Nest) und ihres wilden Trip mit einem wracken Schulbus durch den Wilden Westen Kaliforniens mitsamt dem Ziel, ihre haschrebellischen Kommilitonen mit LSD zu beglücken (The Electric Kool Aid Acid Test, die Schilderung dieses Unterfangens, in dem schon alle schwarzen Züge der Hippie-Lebensweise, vom Drogenmißbrauch bis zur mörderischen Gewalt der Hells Angels, anklingen, erschien 1968, vor einem halben Jahrhundert, in jenem Kulminationsjahr, am gleichen Tag wie seine zweite Sammlung von Reportagen, The Pump House Gang, die sich eben jenen eingangs erwähnten "007"-Zeitgeistlichkeiten widmet: kalifornischen Surfern, dem Lebensstils Hugh Hefners, Marshall McLuhan und Natalie Wood, den Symbolen und Lebensstilen jener Jahre, die dann "1968" unter sich begrub - bis hin zu den Gen X-Vertretern der 1990er Jahre - stets nur eine Facette des absurden Welttheaters, in dem die conditio humana  so aussichtslos wie für den abgeklärten Beobachter ebenso erheiternd wie ermüdend ihre immergleichen Tragikomödien aufführt, ohne Hoffnung auf Erlösung oder Genesung. Hinter der Maske des Clowns und des Marktschreiers verbarg sich in Wolfes Fall ein genuiner Konservativer. In diesem Belang trifft er sich mit Joan Didion, der anderen Vertreterin des New Journalism, deren die Zeitumstände referierende Texte, begonnen mit dem Band Slouching Toward Bethlehem von 1968 bis heute lesbar geblieben sind. In Didions Texten zeigt sich eine andere Facette nicht so sehr der Konservatismus, sondern der amerikanischen Lebensphilosophie: sie sind durch einen Quietismus geprägt, durch eine Konzentration auf das Private, Kleinteilige, Persönliche (bei Didion zeigt es sich vor allem in ihrem Buch The Year of Magical Thinking von 2005, Autobiographie, Selbsttherapie und bescheidener Gedenkaltar nach dem Verlust ihres Mannes und ihrer Tochter in den beiden Jahren zuvor. Wolfe wäre, aufgrund seiner prinzipiell satirischen und sarkastischen Lebenshaltung, das läßt sich wohl ohne Maliziösität sagen, zu einer solchen asketischen wie aufrichtigen Trauerarbeit nicht imstande gewesen). Das allerdings, ohne mit den Ideen, dem Denkrahmen des klassischen Konservatismus Hand in Hand zu gehen. Wie so oft handelte es sich in beiden Fällen um ein Lebensgefühl, eine Haltung, nicht um eine politische Philosophie. Daß Wolfe ein genuiner Konservativer war, zeigt sich in seinem vielleicht gelungendsten fiktinalen Text, der längeren Erzählung "Ambush at Fort Bragg", gesammelt in der letzten Kollektion von Reportagen, Hooking Up von 2000: der Schilderung eines mutmaßlichen Mißhandlungsskandals an einer Militärakademie, bei dem Rekruten unter Verdacht stehen, einen homosexuellen Kameraden aufgrund seiner sexuellen Orientierung schwer mißhandelt zu haben. Die mitgeschnittenen Telefonate, die Gespräche der Soldaten scheinen zunächst den Fall eindeutig zu entscheiden: aus vielen dampft nachgerade eine tiefe Ablehnung und Verachtung von "Tunten", von der Grellheit und Verantwortungslosigkeit vieler schwuler Lebensführungen. Wirklich aufgeklärt wird des Casus nicht, aber für den Leser sind die drei Seiten wichtig, an dem ein Offiziersanwärter dem Ich-Erzähler und Wolfe-Substitut erklärt, warum es kein Marine gewesen sein kann: bei aller Ablehnung ist dies nicht ihr Stil; solche Gewalt, solche Mißhandlung widerspricht allem, wofür sie mit ihrer Ausbildung, ihrem Gewissen, mit der Entscheidung, in einer Eliteeinheit für die Werte, für die Amerika steht, gegebenenfalls ihr Leben in die Bresche zu werfen. Diese Passage, die von einem vierschrötigen, tätowierten Glatzkopf stammt, läßt am Ende den Leser begeistert zurück. Nicht, weil Konservative  -oder Wolfe-Leser - homophobe Vorurteile hegen oder bestätigt sehen wollen - beides trifft nicht zu - sondern weil hier auf einen grundsätzlichen Anstand, auf Toleranz (auch in Sinne des "Aushaltenmüssens") abgehoben wird, diese jeder politischen Korrektheit und Minderheitenhofierung um Lichtjahre vorgeschaltet ist und sie überflüssig macht.

Ob Wolfes vier Romane die Zeitläufe überstehen werden, jene Produkte der zweiten Hälfte seiner Autorenlaufbahn, wird die Zeit zeigen. The Bonfire of the Vanities von 1985, hat immerhin noch die Vorteile der konzisen Konzentration und der Zeitgeistsatire, mit denen die Welthaltung und der Lebensstil der "Masters of the Universe", der New Yorker Börsenmakler gnadenlos aufgespießt werden. Das Buch verdankt sich einer Wette Wolfes mit dem Herausgeber des Rolling Stone, in dem der Text zwischen Juni 1984 und August in 27 Fortsetzungen erschien. Wolfe hatte daran erinnert, daß viele Autoren des 19. Jahrhunderts - von Charles Dickens, George Eliot, Balzac (und nicht zuletzt Alexandre Dumas pêre) ihre Werke unter Termindruck verfaßt haben, sich von Fortsetzung zu Fortsetzung hangelnd, dem Leser nur ein oder zwei Monate oder gar Wochen voraus, und das dies eine gute Kur gegen die Ausuferung und Fahrigkeit der zeitgenössischen Literatur sei. Auch würde die Konzentration auf kurze Spannungsbögen der uferlosen Salbarei und Selbstspiegelung heilsam einen Riegel vorschieben. Der Roman selbst verdankt sich der Tatsache, daß Wolfe erklärte: unter solchen Umständen könne jeder, auch er, einen brauchbaren Roman verfassen; der Wetteinsatz des Rolling Stone von 200.000 Dollar tat ein übriges. Daß an dieser Einstellung etwa sein mag, zeigt der Umstand, daß Wolfe für die gut 850 Seiten seines zweiten Romans, A Man in Full, danach mehr als zwölf Jahre Arbeitszeit und unzählige Anläufe benötigte.

Als Mißgriff dürfte hingegen sein letzter Titel, The Kingdom of Speech, erschienen im August 2016, zu werten sein. In diesem Zangenangriff auf Charles Darwin und Noam Chomsky zieht Wolfes Polemik, man muß es so sagen, auf beiden Fronten den Kürzeren. Mit Charles Darwin und der Evolutionstheorie sich anzulegen hat sich schon hunderte von Malen als intellektueller Offenbarungseid erwiesen; dieses Gerüst der Naturerklärung steht felsenfest; und Wolfes Vorwurf, Darwin und seiner Nachfolger hätten das Werk Alfred Russel Wallaces geplündert und ihm den ihm gebührenden Ruhm vorenthalten, hat nicht einmal den Vorteil der Originalität vor sich: Parteigänger Wallaces verfechten dies seit seinem Tod 1913 - und für die Triftigkeit einer Theorie ist dergleichen absolut bedeutungslos. Chomsky ist, nicht nur für viele konservative wie liberale Denker (im alten, "europäischen" Sinn dieser Vokabel: "liberal" bedeutet im heutigen englischsprachigen Diskurs hingegen das gleiche, was im Deutschen als "linksgrün" bezeichnet wird) eine höchst negative gesehene Figur, eine Bête noir, ein Feind der Offenen Gesellschaft und Prediger des politischen linken Extremismus. Aber seine Sprachtheorie, vor sechzig Jahren entwickelt, steht auf einem anderen Blatt. Zwar haben sich seine Spezifika, die Ableitungsbäumchen, der Unterschied zwischen "Oberflächen-" und "Tiefenstruktur" einer allen allen Sprachen zugrundeliegenden, und damit angeborenen Sprachstruktur, nicht gehalten (nicht zuletzt wegen der Unentscheidbarkeit, ob dergleichen "in den Genen verankert" liegt oder ob die schlichte Notwendigkeit zu bestimmten sprachlichen Ausdrucksleistungen durch die Wirklichkeit vorgegeben ist). Aber seiner Erkenntnis - oder besser: seine Formulierung des schlichten universellen Beobachtung - daß der Mensch einen "angeborenen Sprachinstinkt" habe, eine Anlage zum Erwerb einer Sprache (und sei sie, bei Taubheit, in Gesten kodifiziert), und daß ein Mensch, bei dem es nicht bis zum dritten Lebensjahr zum Spracherwerb kommt, nicht mehr dazu in der Lage sein und ein mentaler Krüppel bleiben wird: daran kann auch Wolfes Indignation nicht rütteln.

Bleiben werden hingegen, aus der Sicht des Protokollanten, zumindest die beiden schmalen Bändchen, mit denen er sich, in Gestalt einer polemischen Kampfschrift, den beiden Ausprägungen der Moderne annimmt, die zu den, nicht angeborenen, aber unvermeidlichen Ausprägungen des Alltag gehören: der Architektur und der abstrakten Kunst, From Bauhaus to Our House (1981) und The Painted Word (1978), Rundumschläge, die beide Abteilungen kreativer Anmaßung und des Anspruchs auf alleinige Gültigkeit restlos niederbügeln.

Am vorigen Montag, dem 14. Mai 2018, ist Tom Wolfe im Alter von 88 Jahren gestorben.




Ulrich Elkmann

© Ulrich Elkmann. Für Kommentare bitte hier klicken.

19. Mai 2018

Der Zufall – eine schöpferische Ursache?

Dem Zeitgeist erscheinen Wahrheiten, die als absolut und beweisbar ausgegeben werden, als überholte Ideologien. Er anerkennt als neue Leitideen: Nur subjektive Erkenntnisse, einen Pluralismus von Denkmodellen und bestenfalls eine Ökumene der Verschiedenheiten. Er argumentiert: Da die Weltentstehung und die chemische und biologische Evolution des Lebens einem Haufen von Zufällen zu verdanken sind, sei alles zu relativieren und jeder herausgelesene Sinn als hineingelesener zu hinterfragen.

14. Mai 2018

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit in Ellwangen

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"Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?"
Dieser wunderschöne Aphorismus stammt wohl von Georg Christoph Lichtenberg und ist inzwischen schon mehr als 200 Jahre alt (und hat kein bischen seiner Aussage eingebüßt). Das erstaunliche daran ist, dass die meisten Menschen, die einem solchen Experiment zum Opfer fallen, auch danach felsenfest davon überzeugt sind, dass es das Buch sein muss, das hohl klingt. Das hätte dann direkt zu der Erkenntnis Descartes geführt (was historisch nicht richtig ist, da Descartes ein gutes Jahrhundert vor Lichtenberg lebte): "Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe."

12. Mai 2018

10. Mai 2018

Meckerecke: Zur Diskussion über die Anti-Abschiebe-Industrie

Der Verfasser dieser Zeilen hat meistens (und derzeit ganz besonders) subjektiv Besseres zu tun, als sich in das einzuschalten, was hierzulande als gesellschaftlich oder politisch relevante Debatte betrachtet wird. Doch in dem konkreten Fall, der im Folgenden zu verhandeln sein wird, lohnt sich ein kurzer Abstecher auf den Schießplatz zu Hornberg, weil das zum Vortrag gebrachte Spektakel so kennzeichnend ist für die Scheindiskussionen, die in dieser Republik als abendfüllend durchgehen.

Der erste Gedanke des endunterfertigten Autors, als er von Alexander Dobrindts Äußerung über die „aggressive Anti-Abschiebe-Industrie“ las, war der, dass nun wohl die üblichen Verdächtigen (und vielleicht auch einige Unverdächtige) über das ihnen hingehaltene Stöckchen springen würden. Und so kam es dann auch.

9. Mai 2018

RE: Zur Kündigung des Joint Comprehensive Plan of Action ("Iranabkommen") durch die USA




Aufgrund der aktuellen Entwicklung im Verhältnis der Vereinigten Staaten von Amerika zur theokratischen Diktatur des Irans, nämlich der Aufkündigung des im Juni 2015 in Wien unterzeichneten Joint Comprehensive Plan of Action (J.C.P.O.A) und die Wiedereinsetzung der vor diesem Abkommen geltenden wirtschaftlichen Sanktionen scheint es angezeigt, die Begründung, die Präsident Donald Trump gestern gestern im Weißen Haus vor der Presse verlas, vollständig und im Wortlaut zu dokumentieren. Die Neigung der Medien, insbesondere der deutschen, solche ausführlichen Begründungen extrem verkürzend zusammenzuschneiden, zu unterschlagen und unweigerlich mit negativ abwertenden Kommentaren zu versehen, ohne dem Zuschauer die Chance auf die Bildung eines eigenständigen Urteil zuzugestehen, darf, nach den Erfahrungen der ersten 18 Monate der Amtzeit von Präsident Trump, für die deutschen Medien als eisernes Gesetz gewertet werden. Nichts zuletzt etwa angesichts einer so unsäglichen wie unsäglich dummen Äußerung, zu der sich ein Georg Restle, Redaktionsleiter des ARD-Politmagazins "Monitor" als Reaktion auf die Meldung der Deutschen Presse Agentur auf das Ende des "Iran-Deals" hinreißen ließ:

 @georgrestle
Folgen @georgrestle folgen
Und das am 8.Mai: Oberster Kriegstreiber sitzt im Weißen Haus.
11:45 Uhr - 8. Mai 2018


Nirgendwo sonst die die negative Einstellung zu einem der leitenden politischen Führer der freien westlichen Welt so ausgeprägt, nirgendwo sonst werden seine Erfolge dermaßen beharrlich verschwiegen. Das Internet, die sozialen Medien, die Netztagebücher können hier ein bescheidenes Gegengewicht setzen. Das sei hiermit versucht.

*          *          *




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(Videoquelle: PBS News Hour)

6. Mai 2018

1841: "Ein Tag auf dem Planeten Pluto"

"Die 'Hohlwelten' zumal haben etwas so Weichselzöpfiges, daß eine abschließende Aufklärung noch nicht möglich ist." (Arno Schmidt)

The Earth has holes at both its poles,
And in the land between them
There dwells a race from Inner Space
(No mortal man has seen them).
F. Gwynplaine MacIntyre, "Improbable Bestiary: The Hollow Earthers"



(Alexander v. Ungern-Sternberg. Bildquelle Wikimedia)

Der Sonntag den Künsten!

Vor einigen Wochen hieß es aus Gelegenheit einer kleinen, durchaus trivialen literarischen Archäologie zu Levin Schücking und seinem im Morgenblatt für gebildete Leser erschienenen Fragment über "Swift in Moor-Park":

Im selben Jahrgang, 1841, erschien in den ersten Ausgaben des Januars, in den Nummern 2 bis 4 (2.-4. Januar) eine kleine Erzählung des ebenfalls heute verschollenen Freiherrn von Sternberg (einer der Hauptbeyträger des Blattes), dessen vollständiger Name Alexander von Ungern Sternberg (1806-1866) heute nur noch mit dem Titel seiner Sammlung von Kunstmärchen von 1850, Braune Märchen, in schemenhafter Erinnerung ist, die zu ihrer Zeit im Gewand des Volkstümlich-Burlesken das seinerzeit Äußerste an Erotisch-Anzüglichem austesteten. (Der Titel war zur jener Zeit selbstredend unverfänglich. Heute wäre es genau andersherum.) In dieser Fingerübung im Genre dessen, was Fachleute heute als "Proto-Science Fiction", als Vorläufer des Genres vor den ersten "richtigen" Verfassern dieser Spielart wie H.G. Wells und Kurd Laßwitz, bezeichnen, geht es um einen "Tag auf dem Planeten Pluto." Wenn man im Hinterkopf behält, daß die Entdeckung des neunten Planeten (seit 2006 leider seiner planetaren Würde entkleidet) mitsamt seiner Benennung erst 90 Jahre später, 1930, erfolgte, dann könnte man mutmaßen, hier sei einem Autor in absolut unheimlicher Weise ein Blick hinter die Nebel des Zukünftigen gewährt worden. Enfin, es verhält sich anders. Dazu demnächst mehr.
Wie versprochen, hier nun der (freilich literarisch ebenfalls durchaus unbedeutende) kleine Text:

*          *          *

"Ein Tag auf dem Planeten Pluto". Vom Freiherrn von Sternberg

30. April 2018

Zeitmarke: Vor 50 Jahren: "Open the pod doors, Hal!"

Vor fünfzig Jahren, vor einem vollen halben Jahrhundert, im April 1968, als das Kulminationsjahr der Sixties gerade seinen Anlauf zur politischen, jugendrebellischen und militärischen Entgrenzung (im Einsatz des amerikanischen Militärs in Vietnam, jedenfalls im medialen Echo in allen Ländern des Westens; daß diese verstärkten Einsätze auf den blutigen und für Südvietnam desaströsen Verlauf der vom Vietcong am 30. Januar gestarteten Tet-Offensive war, ging auch damals in unseren Medien ziemlich unter) - genauer: am 3. April 1968 lief in den Kinos der Vereinigten Staaten ein Science Fiction-Film an, der sofort und bis heute unangetastet nicht nur ein Klassiker des Genres ist, sondern sein absoluter Höhepunkt, vorher und seither nie wieder erreicht, eine Sternstunde des Kinos, eine optische Offenbarung: Stanley Kubricks "2001 - A Space Odyssey". Ein Film, der unseren Eindruck von dem, was "die Zukunft" in der visuellen Imagination ausmachte, ein für allemal verändert und geprägt hat - auch wenn dieser Film, aufgrund seiner Einzigartigkeit, seinem Verstoß gegen alle Konventionen des Genres - der Science Fiction wie dem erzählenden Spannungskinos - selbst keine Nachfolger gefunden hat, nicht stilprägend wurde und ein Solitär blieb wie die drei außerirdischen Monolithen, deren Erscheinen die Handlung strukturiert.

Man kann davon ausgehen, daß jeder, der für den spröden Zauber des Films empfänglich ist, seine Bilder, seine Szenen, den Ablauf der Handlung unauslöschlich im Gedächtnis gespeichert hat; von daher könnte es hinreichen, als Hommage einfach eine dieser Szenen noch einmal Revue passieren zu lassen, kommentarlos: jener Schnitt, als der nach dem ersten Mord, dem Sündenfall in der afrikanischen Savanne, als erstes Werkzeug - als Mordwerkzeug! - triumphierend in die Luft geworfene Ast sich in ein Raumschiff verwandelt und zu den Klängen des Opus 314 von Johann Strauss (Sohn), gespielt von den Berliner Philharmoniker unter dr Leitung von Herbert von Karajan, sich vor dem Zuschauer die Zukunft des Jahres 2001 in der Erdumlaufbahn auftut.


29. April 2018

Eine unehrliche Frage und eine noch unehrlichere Anzeige

Eines der normalerweise schönsten Instrumente, um eine deutsche Regierung zu ärgern, ist die Methode der "kleinen Anfrage". Kleine Anfragen können von jeder Fraktion gestellt werden, dienen zwar (hoffentlich) meist der Informationsgewinnung, sind aber auch ein adäquates Mittel um ein bischen gegen die Regierung zu stänkern.
Da die Rolle des Oberstänkerers derzeit der AfD nahezu natürlich zufällt, ist es auch kein Zufall das sie in der ja noch nicht allzu langen Legislaturperiode schon bald die 200 voll haben wird. Die meisten Anfragen gehen genau so sang und klanglos unter wie der Name schon vermuten lässt, aber einzelne bieten dann doch ein mehr oder minder großes Erregungspotential.
So fragte die AfD in einer Anfrage vom 22.03. diesen Jahres eine Reihe von Fragen zum Thema der Entwicklung der Zahlen von Schwerbehinderungen, insbesondere im Hinblick auf Verwandtenehen und wieviele dieser Verwandtenehen einen Migrationshintergrund haben. Die Bundesregierung beantwortete dann am 10.04. auch die meisten Fragen, gab aber auch an, dass Behinderungen aus Verwandtenehen nicht erfasst würden, entsprechend auch nicht der Migrationshintergrund solcher Ehen. Beantworten konnte man nur wieviele Menschen ohne deutschen Pass in Deutschland eine Behinderung aufweisen.

27. April 2018

Bärenhöhlengleichnis: Gehört der Mundgeruch zu Griechenland?

Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür / Und ich weiß, er bleibt hier (...) 

Steht es in den Sternen (uuhhuuhhhhuuuuuu) / Was die Zukunft bringt (uuhuhuu) / Oder muß ich lernen / Dass alles zerrinnt?

Marianne Rosenberg, 1975 (Hervorhebung Petz)

Je länger die Diskussion um den Satz "Der Islam gehört..." bzw. "...gehört nicht zu Deutschland" andauert, um so abstruser wird sie. Der sonst so häufig zitierte Aphorismus "Manche Aussagen sind so falsch, dass nicht mal das Gegenteil wahr ist" scheint hier in Vergessenheit geraten zu sein. Selbst diejenigen, die den Satz als sinnlos betrachten (vgl. "Die Zukunft singt gefrorene Integrale"), wollen das zum Teil nur für den Wahrheitswert einräumen, der ihrer eigenen Haltung zum Islam bzw. den Muslimen (zu dieser Unterscheidung später mehr) entspricht. Das wäre auch wirklich viel verlangt - wem der Untergang dräut, der hat keine Zeit mehr für Sprachphilosophie. 

Ich schon. Und deshalb mal eine kleine Textkritik.

23. April 2018

Antisemitismus. Nein! Doch! Oh!

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Ja, in der letzten Woche kam er mal wieder ganz überraschend vorbei: Antisemitismus vulgaris. In Gestalt eines Auftritts in Berlin, wo ein syrischer Flüchtling (neudeutsch "Geflüchteter") meinte einem Mitbürger, den er fälschlicherweise aufgrund seiner Kippa für einen Juden hielt, seinen Gürtel und dessen Eigenschaften als Nahkampfwaffe zu demonstrieren. Um erst gar kein Mißverständis entstehen zu lassen aus welchem Grund es zu dieser Demonstration kam, rief er während seiner Vorführung auch permanent das Wort Yahudi, was wohl auf arabisch Jude bedeutet und auf Berliner Straßen inzwischen recht häufig als Beleidigung verwendet wird.

19. April 2018

Die Quote und die FDP

­Die Quote ist heute ein gesellschaftlich weithin akzeptiertes Instrument, um definierten Gruppen Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe im weitesten Sinne zu gewähren. Als Begründung für das Instrument der Quote dient gerne, dass die jeweilige Gruppe ohne die Quote benachteiligt würde. Die Benachteiligung wird dabei an der Asymmetrie im Hinblick auf die Teilhabe der jeweiligen Gruppe im Vergleich zu ihrem Reziprok festgemacht.

Ob diese Begründung stimmt, soll nicht das Thema dieses Beitrags sein. Einen Einwand zu ihr möchte ich jedoch formulieren: Asymmetrie entsteht nicht notwendig durch äußeren Druck, sondern auch durch freie Entscheidung. Das erscheint mir zumindest kein unerheblicher Einwand zu sein, in einer Gesellschaft mit liberal verfassten Rechtsstaat, inklusive dezidiertem Minderheitenschutz.

Ich möchte hier zunächst meine grundsätzlichen Einwände gegen das Instrument der Quote aus einer liberalen Warte heraus formulieren:

18. April 2018

TESS

In Anknüpfung an das Experiment, das vor zwei Monaten (zwei Monate! es kommt dem Protokollanten wesentlich kürzer vor) auf diesem Netztagebuch unternommen wurde - nämlich die Videoeinbindung des Erststarts der bislang größten von einer Privatfirma produzierten Rakete, der Falcon Heavy, sei auch für diese Nacht eine Live-Übertragung versucht. Diesmal geht es um den Start von TESS, dem "Transiting Exoplanet Survey Satellite", der in dieser Nacht, um 0 Uhr 51 (MESZ) an der Spitze einer Falcon 9 von der Startrampe 40 in Cape Canaveral in die Umlaufbahn geschossen werden soll, nachdem der ursprünglich für vorgestern terminierte Countdown zwei Stunden vor dem Zeitpunkt "0" zum Zweck weiterer Sicherheitsüberprüfungen abgebrochen worden war. Wie am Montag beträgt das Startfenster diesmal 30 Sekunden. 48 Minuten nach dem Abheben soll der Satellit in seine ausgesprochen elliptische Umlaufbahn einschwenken. Die Startstufe soll nach dem "Rücksturz zur Erde", also nach gut 8 Minuten, auf der vor der Küste Floridas im Atlantis stationierten Roboterplattform Of Course I Still Love You aufsetzen. Aufmerksame Beobachter werden sich erinnern, daß zwei der vier Propellergondeln der schwimmenden Landungsplattform beim Erststart der Falcon Heavy im Februar beschädigt worden waren, als der mittlere der drei Erststufenbooster, der Center Core, beim (fast) ungebremsten Aufschlag auf die Meeresoberfläche (nur zwei der neun vorgesehenen Merlin-Triebwerke hatten gezündet) gut in 100m Entfernung explodierte. Sie sind währenddessen durch zwei der im Pazifik vor dem Startplatz der AFB (Air Force Base) Vandenberg Dienst tuenden Just Read the Instructions ersetzt worden. (Darin  liegt auch der Grund, warum bei den seit erfolgten Falcon 9-Starts keine weichen Landungen mehr erfolgten.) (Seit Februar 2018 befindet sich ein drittes Roboterschiff im Bau, das als weitere Landeplattform bei zukünftigen Starts der Falcon Heavy zum Einsatz kommen soll, unter den Namen A Shortfall of Gravitas. Wie die leicht exzentrischen Namen der Schwesterschiffe handelt es sich dabei um einem Raumschiffnamen aus Iain M. Banks SF-Roman The Player von Games (dt. unter dem Titel Das Spiel Azad erschienen) von 1988; dem zweiten des "Culture"-Zyklus).



(Wie üblich bei den Übertragungen der Starts von SpaceX ist zu erwarten, daß die Übertragung erst gut zehn Minuten vor dem Ende des Countdowns "live geschaltet" wird - bis dahin bitte ich jeden, der sich zu diesem Zweck hierhin verirren sollte, um Geduld. Nach Abschluß des Starts - und hier klopft der Prokollant hart auf Holz - wird der oben eingebundene Videofeed durch eine Aufzeichnung des Starts ersetzt werden. Nachtrag: 09:40: das obige Video ist jetzt eine neun-minütige Aufzeichnung des des Starts,)

Die letzte Statusmeldung auf der Nachrichtenseite spaceflight.now lautet momentan:

Updated: 04/18/2018 21:51 Stephen Clark
T-minus 3 hours and counting. NASA and SpaceX launch team members are gathering in preparation for final countdown activities, which will include fueling of the Falcon 9 rocket with kerosene and liquid oxygen propellants.
The launch team will oversee loading of high-pressure helium into the rocket, then give the "go" to pump RP-1 kerosene into the Falcon 9 at 5:41 p.m. EDT (2141 GMT). Super-cold liquid oxygen will begin flowing into the two-stage rocket at 6:16 p.m. EDT (2216 GMT).
Zusätzlich zum oben eingebundenen Videostream von SpaceX kann der Start über den Übertragungskanal der amerikanischen Weltraumbehörde NASA verfolgt werden oder über die Netzseite von SpaceX.

17. April 2018

Ausgerechnet Westernhagen

­Normalerweise sollte das Thema keine zwei Artikel in einer Woche wert sein. Aber die deutsche, kulturelle, sich selbst empfindende Intelligenz, ist wie die Justiz, ihre Mühlen mahlen langsam und sie muss erst einmal so richtig wachwerden.

Diese Woche aktuelles Thema: Echo zurückgeben. So haben inzwischen einige Künstler verschiedener Coleur angekündigt ihre jeweiligen Echos nun zurückgeben zu wollen. Nun, das ist sicher ihr gutes Recht. Wobei ich gerne zugebe, dass mich das als Einzeltat wesentlich mehr überzeugt als das genau dann anzukündigen, wenn es diverse andere auch tun. Es gehört nicht viel Mut dazu etwas aus einer Gruppe heraus zu tun, aber sei es drum.
Traurig dagegen ist eher wer und mit welchen Methoden nun plötzlich seiner Empörung Ausdruck verleiht.

15. April 2018

Kontrapunkt: Ein Echo vom Echo

Auch dieses Jahr nutzt die Musikbranche mal wieder die Gelegenheit und feiert sich selber, das Ergebnis nennt sich Echo und wiederholt sich jedes Jahr aufs neue. Und weil das an und für sich ziemlich langweilig ist, hat man dieses Jahr dann einen großen Eklat gefunden, was sicher sowohl für die Veranstalter als auch für die Musiker nicht unbedingt das schlechteste ist.
Und der Eklat ist: Antisemitismus. Den man bei zwei der diesjährigen Favoriten in ihrem Bereich gefunden hat. Und das deutsche Feuilleton hat mal wieder ihre Sau gefunden, um sie erfolgreich durchs Dorf zu treiben. Und es ist ein reichlich dankbares Schweinchen, denn es wird ja niemand so richtig wagen Antisemitismus zu verteidigen, bzw. jeder kann sich mal so richtig profilieren ein Verteidiger "der Juden" zu sein (zumindest so lange diese im dritten Reich ermordet wurden, doch dazu später).

11. April 2018

Weg mit dem Dino

Nein, hier soll es nicht um Fußball gehen. Sondern um das aktuelle BVerfG-Urteil zur Grundsteuer. Nicht überraschend hat das Gericht festgestellt, daß die nach uralten Kriterien berechnete Steuereintreibung grundgesetzwidrig war.

Der Grund: Weil eine Überprüfung und Neubewertung aller Grundstücke in Deutschland zu kompliziert und aufwendig ist, haben die Finanzbehörden auf die eigentliche alle sechs Jahre fällige Aktualisierung einfach verzichtet. Und im Jahre 2018 immer noch die Grundstücks- und Gebäudewerte sowie die Einwohnerzahlen der Gemeinden aus dem Jahre 1933 (Osten) bzw. 1954 (Westen) für die Berechnung benutzt.

Seit Verkündung des Urteils überschlagen sich nun Politiker aller Parteien mit Vorschlägen, wie man das nun künftig regeln solle. Und dabei werden dann Verfahren vorgeschlagen, die noch komplizierter und aufwendiger sind als das bisherige. Bisher scheint kein Vorschlag aufgetaucht zu sein, der wirklich praktikabel und gerichtsfest sein würde.
Dann sollte man doch lieber mal die logische Alternative wählen: Die Grundsteuer einfach abzuschaffen.

8. April 2018

Levin Schücking, "Swift in Moor-Park" (1840)

Der Sonntag den Künsten!

Und zwar sei der heutige Termin zur Abwechslung einer kleinen literarischen Ausgrabung gewidmet: nicht einer vergessenen Trouvaille (dazu reicht die Qualität des Textes nicht hin), sondern höchstens einer verschollenen Kuriosität, oder, in der Schreibweise jeder Zeit "Curiostität." Zudem ist es als Fortsetzung der kleinen Reihe von Ehrbezeigungen an den größten Satiriker Irlands - und einen der bedeutendsten der gesamten englischen Literaturgeschichte überhaupt - zu sehen: an Jonathan Swift, dessen Geburtstag sich im vergangenen November zum 350. Mal jährte. Diesmal jedoch nicht mit einer neuen Übersetzung eines seiner Gedichte, sondern mit einem erzählenden Text, der sich einem wichtigen und prägenden Abschnitt seiner Biographie widmet, wenn auch in stark romantisierender und frei fabulierender (und auch, wo er sich an die historischen Tatsachen hält, nicht immer faktengetreuer) Weise: einem von zwei "Fragmenten eines Romans" (so der Untertitel), den Levin Schücking, zu Beginn seiner Laufbahn als Schriftsteller, 1840 in der damals verbreitesten und auflagenstärksten (ein Wort, bei dem man sich die ""-Gänsefüßchen hinzudenken sollte; sh. dazu die kurzen Anmerkungen zum Schluß) Literaturzeitschriften, dem in der Cotta'schen Buchhandlung in Stuttgart und Tübingen verlegten "Morgenblatt für gebildete Leser" publiziert hat. "Swift in Moor-Park" erschien dort in Fortsetzungen zwischen Freitag, dem 6. Juni und Freitag, dem 19. Juni 1840. Der Text ist in keiner der Novellensammlungen Schückings aufgenommen und auch sonst seit seinem Erscheinen vor fast 180 Jahren niemals nachgedruckt worden. Die Orthographie entspricht der Vorlage - mit der Ausnahme von Umlauten am Wortanfang von Substantiven, an denen die typographische Convention der in Frakturschrift gesetzten Vorlage eine Aenderung in eine Doppelletter bewirkt hat, die im Fall von Kleinbuchstaben im Original nicht erfolgte. Als Textgrundlage diente das Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek.

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(Erste Seite der Ausgabe des Morgenblatts vom 22. April 1842 mit der ersten Folge der "Judenbuche".)



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"Swift in Moor-Park. Fragmente eines Romans"

          I.
Moor-Park liegt in der Grafschaft Surrey, unweit der Stadt Farnham. Im Jahre 1688 war dieser durch seine geschmackvollen Parkanlagen berühmte Landsitz das Eigenthum und die Residenz des Ritters William Temple, eines Mannes, den damals England den Weisesten seiner Staatsmänner und Schriftsteller nannte. Er hatte den beiden Stuarts der Restauration als Rath und Gesandter gedient, und trotz seines Mangels an Bereitwilligkeit, den Launen dieser unklugen Regenten seine Überzeugungen und Ansichten über ihre politischen Maßregeln zu opfern, ihnen eine Achtung abgerungen, die kaum die Werkzeuge ihres Despotismus, die Männer der berüchtigten Cabal, besaßen. Aber der Hof war durch diese und das Beispiel von oben während der Regierung Karls II. und Jakobs II in eine Verderbtheit gerathen, und hatte sich zu Schritten verleiten lassen. welche den, alle Zweizüngigkeit hassenden Diplomaten mehr als einmal veranlaßten, sich vor allen Staatsangelegenheiten auf seine Güter zu flüchten, um friedlich seine Gärten zu bauen und die Erfahrungen seines Lebens in Denkschriften der Nachwelt aufzuzeichnen.

Sir William Temple hatte viel erfahren; er hatte die stürmische Periode der englischen Revolution erlebt, er hatte Cromwell und Monk, die Stuarts und endlich Wilhelm von Oranien über sein Vaterland herrschen, es unter dem Beile der Fanatismus und der empörenden Mißhandlungen leichtsinniger Willkür bluten sehen. Er war der Zeitgenosse Richelieus und Ludwigs XIV., hatte die Stürme des dreißigjährigen Kriegs und den Glanz der Sonne von Versailles erlebt, selbst den Frieden von Aachen vermittelt und auf dem Kongreß von Nymwegen England als Mediateur vertreten; er war ein Freund des Großpensionärs Johann de Witt und des Prinzen von Oranien geworden, und hatte für des lezteren Vermählung mit der englischen Maria gewirkt; kurz, das ganze siebzehnte Jahrhundert mit der Menge seiner glänzenden und nichtigen, großen und blutigen Erscheinungen war an dem diplomatischen Auge des alten Sir William Temple vorübergezogen. Er hatte einer jeden dieser Erscheinungen ihren Tribut an dem Schatz seiner Erfahrungen abgefordert, und in solchem Besitz konnte er mit Recht sagen, zum Reichtum fehle ihm nichts als Geld, konnte er zufrieden und ohne weiteren Ehrgeiz alle Aufforderungen von sich weisen, die ihn aus der Ruhe seiner Zurückgezogenheit ziehen wollten, um ihn als Minister auf die Stufen eines Thrones zu stellen, den ein wankelmüthiger Herrscher wie Jakob II. in bedenklichem Schwanken zu halten sich angelegen seyn ließ. Auf einem flachen Haupte sitze ein Hut fest, sagte Sir William, auch wenn es ein schwerer goldener sey. Als durch die Revolution von 1688 Wilhelm von Oranien auf den englischen Thron gelangte, war er vom Alter zu gebeugt und an seine Muße zu gewohnt, um dem ehrenvollen Ruf an den Hof dieses Fürsten nachkommen zu mögen.

7. April 2018

Prankenhieb: Post-Fakten

Gewisse Phänomene scheinen unerklärlich. Ich frage mich zum Beispiel, wieso Unternehmen in Deutschland ungefähr 560 Mio pro Jahr in spätpubertierende Jugendliche mit Youtube- oder Instagram-Account reinbuttern, die keinen ganzen Satz sagen können. Oder warum ausgerechnet andere hipseinwollende Spätpubertierende die Bartmode der frühen Taliban kopieren. Ich finde keine Antwort, die sowohl erklärend als auch ontologisch sparsam ist. Entweder ist es halt diesmal doch ein saugutes Gemisch an Chemtrail-Substanzen, das Zuckerberg und Coudenhove-Kalergi da zusammengerührt haben, oder ich muss voll Erstaunen mit den Schultern zucken. 

Manch andere Zeitgenossen verzweifeln geradezu ob der Frage, wie ein Volk, dessen großartige, ein Jahrtausend (minus zwölf) alte, unvergleichliche Kulturleistungen sie sich gegen die archaischen Invasoren zu verteidigen entschlossen haben, zu 87% ihre Stimme an Parteien geben konnte, die den sicheren Volkstod heraufbeschwören. Und mit dieser Frage kann man unterschiedlich umgehen: 

Man kann - wie Klonovsky - sich zynisch abwenden und allfällig geschändete Volksgenossinnen mit kaum verhohlener Häme im Rahmen seiner Möglichkeiten "auf die Konsequenzen ihres sog. Wahlverhaltens hinweisen".

Andere geben sich auch damit nicht zufrieden, dass manchmal auch ist, was nicht sein darf, und es müssen finstere Mächte herbeigerufen werden. 

5. April 2018

Cui Bono oder die Frage nach dem Neuling

­Die Vorgeschichte muss man kaum groß erklären: Es gab einen Anschlag in Großbritannien der dem ehemaligen Agenten Sergej Skripal galt und mit einem vergleichsweise seltenen Nervengift, das unter dem Namen Nowitschok bekannt ist, ausgeführt wurde. Skripal liegt noch immer im Krankenhaus und wenn man sich den Wirkmechanismus von Nervengiften ansieht, wird er, selbst wenn er den Anschlag übersteht, schwer davon gezeichnet bleiben. Nowitschok ist ein Nervengift, das gezielt als chemische Waffe entwickelt wurde, ist selbst unter C-Waffen vergleichsweise hochgiftig und wurde wohl in Russland entwickelt. Das sind noch die vergleichsweise(!) unbestrittenen Fakten.
Aufgrund der unterstellten Motivlage und dem verwendeten Gift, wurde Russland durch Großbritannien für den Anschlag verantwortlich gemacht, das widerum dies bestreitet, es gab wechselseitige Ausweisungen, die inzwischen die halbe westliche Welt betreffen. Auch das ist noch vergleichsweise unumstritten.

2. April 2018

Eine Klarstellung

Aus aktuellem Anlass und bezugnehmend auf einen Artikel in einem anderen Blog diesen Landes, möchte ich für mich, und vielleicht auch stellvertretend für den einen oder anderen Blogger-Kollegen, ein paar Dinge unbedingt klarstellen: 
Der Stern, das in Deutschland bekannte Wochenmagazin, legendär nicht erst seit Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher, veröffentlicht grundsätzlich nie irgendwelche, sogenannten Fake-News. Der Stern ist und war immer eine Hochburg des Journalismus: Die erschienenen Artikel wurden und werden seit jeher intensiv geprüft und sind nach allen journalistischen Standards über jeden Zweifel erhaben, ein Born der Qualität in jedweder Beziehung.