18. März 2019

Marginalie: Wo man singt, da lass dich nicht ruhig nieder

Stellen Sie sich vor, Sie wären mit einem ehemaligen deutschen Fußballnationalspieler befreundet und würden zu dessen Hochzeit eingeladen. Als Sie bei der Feierlichkeit eintreffen, müssen Sie zur Kenntnis nehmen, dass Ihr kickender Gastgeber auch einen berüchtigten Autokraten zu seinem Vermählungsfest gebeten hat. Freilich, es gab schon früher Anhaltspunkte für eine gewisse Nähe zwischen dem Ballkünstler und dem Präsidenten, aber dass die Verbindung der beiden Männer so weit geht, dass der Sportler den Politiker seiner Verehelichungszeremonie beizieht und ihn sogar zu seinem Trauzeugen bestellt, hätten Sie nicht gedacht.

10. März 2019

Aus der Schwalbenperspektive (20): Schlechter Stil oder eine Entscheidung mit dem Rücken zur Wand? Gedanken zu Jogi Löws jüngster Personalvolte

Das Thema, das Fußball-Deutschland in der vergangenen Woche beschäftigte, war nicht die am 24. Spieltag der Bundesliga eingetretene Punktgleichheit zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München, sondern die mit sofortiger Wirkung ausgesprochene Entlassung von Jérôme Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller aus den Diensten der Nationalmannschaft. Sportlich richtig (und eher zu spät als zu früh), jedoch stilistisch fragwürdig, so lässt sich eine weit verbreitete Kommentarlinie zu der Entscheidung des Bundestrainers zusammenfassen.

Nach dem, was bisher über die näheren Umstände der Ausbootung der drei Weltmeister von 2014 ruchbar wurde, soll der Termin in der Isar-Metropole von Jogi Löw sehr kurzfristig anberaumt worden sein und die Gespräche mit den nicht vorinformierten Spielern nicht besonders lange gedauert haben. Soweit ersichtlich, hat der DFB dieses Setting bislang nicht dementiert. Dass der Verband fast zeitgleich mit der persönlichen Verständigung der drei Athleten an die Presse ging, lässt sich anhand der Chronologie der Ereignisse nachvollziehen.

4. März 2019

Marginalie: Ein Gericht voller Narren – Merkel, Merz und AKK vor dem Kadi

Der Verfasser dieser Zeilen ist ein karnevalistischer Analphabet: Mit Erstaunen nimmt er zur Kenntnis, dass sowohl in den Elferräten des rheinischen Fasteleers als auch beim Stockacher Narrengericht Männer mit lustigen Kopfbedeckungen einer Veranstaltung präsidieren, in der Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

3. März 2019

Doping im Spitzensport: Warum der Staat nicht tun sollte, was die betroffenen Verkehrskreise nur halbherzig angehen

Die Weltmeisterschaft im nordischen Skisport ist heute mit dem Langlaufrennen der Herren in der freien Technik über 50 Kilometer zu Ende gegangen. Aus Sicht des DSV-Kaders verliefen die (knapp) zwei Wochen von Seefeld sehr erfreulich: Insbesondere die nach dem bisherigen Saisonverlauf nicht unbedingt zu erwartende Einzel-Goldmedaille für Eric Frenzel und der – so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit herstellende – Großschanzen-Triumph des Markus Eisenbichler sorgten für einen unverhofft siegreichen Auftakt der Spiele.

In das frühlingshafte Licht des Kräftemessens in der Luft und in der Loipe ragte indessen der inzwischen allzu bekannte Schatten des Hochleistungssports hinein: Die Ermittlungen gegen einen Thüringer Arzt und gegen fünf – laut den einschlägigen Medienberichten hinsichtlich der ihnen vorgeworfenen Eigenblutinjektionen offenbar geständige – Langläufer aus Österreich, Estland und Kasachstan sowie eine mögliche Ausweitung auf den Profi-Radsport sind die bislang bekannten Hauptzutaten dieses – so die wohl mittlerweile allgemein akzeptierte journalistische Benennung – „Dopingskandals“.

28. Februar 2019

Die Hand am Regler: Drei, zwei, eins - Bilanzkreis

Der Handel hat in Deutschland traditionell keinen guten Ruf. Früher als "Schacher" diffamiert den Juden und Pfeffersäcken überlassen, heute in seiner lateinischen Übersetzung als "Kommerz" ein Schimpfwort für Massenproduktion von geringem Wert gebraucht, und in seiner schlimmsten Form, dem "Freihandel", auf Anti-TTIP-Demos bekämpft. Im Branchenvergleich liegen Arbeitnehmer des Einzelhandels bei vergleichbarer Qualifikation am unteren Ende des Gehaltsspektrums. 

Ich habe ja einige Zeit meines Berufslebens im Handel verbracht und bin bis heute immer wieder erstaunt, wie wenig verbreitet auch nur grundlegendes Wissen über die Gesetzmäßigkeiten des Handels ist. Ein alter Händlerwitz zeigt schön, wie die Komplexität des Handels unterschätzt wird: Der Mathelehrer trifft den mit Abstand schlechtesten Schüler, den er je unterrichtet hat, wie dieser gerade mit einem Benz der Oberklasse vorfährt. Neugierig geworden, fragt er ihn: "Na, Maier, wovon können Sie sich denn so einen schönen Wagen leisten?" - "Ach wissen Sie, Herr Lehrer, ich kaufe Schrauben um fünf Pfennig und verkaufe die um zehn weiter. Und von den fünf Prozent kann ich gut leben!"

Bein den hier zu meiner großen Freude sehr angeregten Diskussionen über Strom fällt mir auch auf, dass viele der Teilnehmer ein sehr fundiertes technisches Wissen haben, das meines, zumindest wenn es um die Erzeugung geht, bei weitem übersteigt. Dabei kommt mir aber ein anderes, und meiner Ansicht nach sogar noch wichtigeres Thema oft zu kurz, und das ist die ökonomische Seite. Nun mag man argumentieren, dass das ja egal sei, weil der Blackout wegen Strommangel sowieso bevorsteht. 

Nun ist Strom tatsächlich kein Handelsgut wie jedes andere, und das hat Gründe, die nicht nur innerhalb des Marktes zu suchen sind, nämlich technische (die ausreichend diskutiert werden und auf die ich deshalb nur wo zum Verständnis notwendig eingehen werde) und auch gesellschaftliche: Das Funktionieren unserer Gesellschaft basiert auf der permanenten Verfügbarkeit von Strom, weshalb diese auch das dominierende Anforderungskriterium ist.

Wir wissen aber auch, dass in anderen Bereichen Unterversorgung in der Regel nicht aus einem tatsächlichen Mangel heraus entsteht. Ein nennenswerter Anteil des Hungers in der Welt liegt nicht an der fehlenden Produktion von Lebensmitteln, sondern an unzureichenden ökonomischer Strukturen, Handelswegen, Marktzugängen etc. Ich möchte im folgenden ein wenig den Strommarkt beschreiben und aufzeigen, welch fundamentale Bedeutung er nicht nur für die Preise, sondern auch für die Versorgungssicherheit hat.
Aber nun genug der einleitenden Worte, und medias in res: Was macht unser Freund aus dem Beispiel (er hat die Branche gewechselt, weil er gehört hat dass die Energiebonzen nicht nur S-Klasse, sondern Maybach fahren), nachdem er am Strand von Amrum eine Stunde lang ein Kilo Watt in einen Kübel geschaufelt hat? Und ändert es was, wenn währenddessen die Sonne scheint und ein s-teifer Onshorewind dazu weht?

26. Februar 2019

Zitat des Tages: Die Logikerin


"Parität erscheint mir logisch" 
- Bundeskanzlerin Angela Merkel


Kommentar:

Rot-Rot-Grün hat es also in Brandenburg vollbracht. Die (formal in der Opposition befindlichen) Grünen haben ein Gesetz zur Abschaffung freier Wahlen und Einführung einer ständestaatlichen Republik eingebracht, Rot-Rot hat es in modifizierter Form verabschiedet. Gemäß des neuen Wahlrechtes müssen die Parteien nun zwei Listen aufstellen: Eine für Frauen und eine für Männer. Aus diesen beiden Listen müssen dann nach dem Reißverschlussprinzip die Listenvorschläge der Parteien zusammengesetzt werden. Das verstößt zwar Eklatant gegen unabänderbare Verfassungsprinzipien, insbesondere die Freiheit der Wahl, was aber nicht heißt, dass es auch für verfassungswidrig erklärt wird. Dass die Wahlberechtigten in Identitätsgruppen eingeteilt werden, die jeweils ihre eigenen Vertreter haben (gemeint ist hier nicht die Einteilung nach Wohnort, also in Wahlkreise), ist zwar ständestaatlich (also dem Austrofaschismus verwandt), aber kann mit der notwendigen Sophisterei und dem Betreiben von Begründungsfindung anstelle von Rechtsfindung beiseite geschoben werden. Damit muss man rechnen, denn ein solcher Vorstoß kommt erst, nachdem man sich gute Chancen ausmahlt, die notwendigen Verbündeten in den entscheidenden Institutionen zu haben.

Man wird Gleichberechtigung mit Gleichstellung verwechseln aus dem nachträglich ins Grundgesetz eingefügten Auftrag zur Förderung der tatsächlichen Gleichberechtigung einen Auftrag zur Gleichstellung herauslesen, daraufhin den angeblichen Auftrag zur Gleichstellung gegen die unabänderbaren Verfassungsgrundsätze abwägen, um aus der weiblichen Mehrheit unter den Wahlberechtigten ein legitimes Interesse an einer mindestens fünfzigprozentigen Repräsentation im Parlament logisch zu folgern, da sonst einer so großen Identitätsgruppe ihre kollektive Ergebnisgleichheit verweigert wird, welche das Interesse an unabänderbaren Verfassungsgrundsätzen überwiegt.

Das bei der Beschlussfassung der Verfassungsänderung zugesichert wurde, der Auftrag zur Förderung tatsächlicher Gleichberechtigung sei kein Auftrag zur Gleichstellung und Erlaube auch keine Quoten, weiß kaum jemand und muss auch der breiten Öffentlichkeit nicht in Erinnerung gerufen werden, insbesondere wenn Universitäten und Medien mitmachen.

Das nachträgliche Änderungen des Grundgesetzes keine unabänderbaren Verfassungsgrundsätze einschränken können, kann man wegschwafeln.

Das nicht jedes Mitglied einer Identitätsgruppe diese Vertritt oder autorisiert wäre in ihrem Namen zu sprechen, das heißt die Gruppe nicht repräsentieren kann, sofern nicht aus freien demokratischen Wahlen hervorgegangen, umgekehrt aber auch ein Mitglied einer ganz anderen Gruppe als Repräsentant durch freie Wahl autorisiert werden kann, wird genauso ignoriert werden, wie die Ironie, das man Frauen offenbar zwingen muss, die von den Grünen gewünschte Mindestzahl an Frauen als ihre Repräsentanten zu wählen, weil die weibliche Mehrheit unter den Wählern in der Wahlkabine bei der geheimen Stimmabgabe nicht das grüne Wunschwahlergebnis liefert.

Bezeichnend ist aber die Entwicklung, die mich in meinem Vertrauen in die Standhaftigkeit etablierter Institutionen erschüttert hat, weshalb ich auch jetzt nicht überrascht wäre, wenn das brandenburgische Verfassungsgericht und vielleicht auch das Bundesverfassungsgericht die Änderung absegnet:


  1. Zuerst wird die Frauenquote in einigen Parteien eingeführt. Es gibt schon hier verfassungsrechtliche Bedenken, aber die werden mit dem Versprechen, es sei nur eine zeitlich befristete Maßnahme, bis eine höhere Beteiligung von Frauen in der Politik sich von selber einstelle und erhalte, in Kombination mit dem Hinweiß auf die Autonomie der Parteien beiseite gewischt.
  2. Dann wird aus der temporären Maßnahme eine permanente Institution (die Utopie, mit deren Eintreten die befristete Maßnahme auslaufen soll, tritt schließlich nie ein).
  3. Und plötzlich ist es angeblich ein verfassungsrechtliches Gebot, es allen Parteien aufzuzwingen und meinungsbildende sowie einflussreiche Institutionen sind entweder von Unterstützern dieser Uminterpretation dominiert (etablierte Medien, Universitäten) oder aber haben an entscheidenden Schlüsselpositionen mit Unterstützern und Sympathisanten zu kämpfen: Die Union als ehemalige Volkspartei in Form von Angela Merkel, Kramp-Karrenbauer und der Frauenunion und die Verfassungserichte z.B. in Form einer linken Schriftstellerin, die schon Jahre nichts mehr mit ihrem Jurastudium angefangen hat und jetzt in eines der höchsten Richterämter Brandenburgs katapultiert wurde. Entscheidend wird der Druck und Einfluss der Progressiven auf die Verfassungsgerichte und hier auch auf die formal konservativen Richter sein. Dies ist aber langfristig nur eine Funktion der andere genanten Institutionen (Medien, Universitäten, Union als Volkspartei und politischer Arm des bürgerlichen Lagers).


Wie ist das möglich?

Dazu vielleicht in einem zukünftigen Artikel mehr. An dieser Stelle ist nur wichtig, das es so ist. Und es ist nicht das erste mal, dass mir dieses progressive Muster auffällt. Die Angst der Progressiven, die reaktionäre Rechte könnte dieses Muster kopieren und selber anwenden, kommt nicht von ungefähr.

Bleibt zum Abschluss nur noch die Feststellung, dass es unter den etablierten Parteien nur noch eine - nochmals in Worten: eine einzige - Partei gibt, die noch ohne wenn und aber hinter dem Grundgesetz samt seines Kernes, der freien demokratischen Grundordnung, steht: Die FDP.

Von den Grünen geht der letzte Coup ganz offiziell und formal aus. Linke und SPD machen freudig mit (und hätten das auch im Zweifel selber eingebracht). Die Union stimmte zwar in Brandenburg dagegen, aber im Bund hat man Merkel und ihre Nachfolgerin installiert und die Frauenunion möchte weniger Konkurrenzdruck für ihre Karierepolitikerinnen (die Frauenplätze sind weniger umkämpft als die Männerplätze und auch wenn man frau öffentlich verkündet man frau hätte gerne mehr Frauen in der Politik, also mehr Konkurrentinnen um die Futtertröge: es besteht kein Interesse von Seiten der so Bevorzugten dies zu ändern und man hat als Frau auch seine ganz eigenen, subtilen Mobbing-Methoden, um die niedrige Frauenbeteiligung in den Parteien weiterhin sicherzustellen), weshalb man auch keine Klage von dem Verfassungsgericht einreichen möchte. Dies überlässt man der besagten FDP, den bedeutungslosen Piraten und der AfD.

Womit wir dann auch bei der letzten relevanten Partei im deutschen Parteienspektrum sind. Die AfD ist zwar auf der einen Seite sicherlich über jeden Verdacht erhaben, den Ständestaat in grün zu befürworten und hat selbstverständlich gegen das neue Wahlrecht gestimmt sowie die (zutreffenden) verfassungsrechtlichen Argumente vorgetragen. Aber eine Partei, die den Höcke-Flügel duldet und sich sogar von ihm treiben (um nicht zu sagen reiten) lässt, ist selber keine Stütze der Verfassungsprinzipien, die man nun vor lauter Schreck, da einem links-grün mal wieder mit dem Schleifen der FDGO zuvorgekommen ist, für sich in Anspruch nimmt.

Bleibt nur die FDP. Die ist übrigens im brandenburgischen Landtag nicht vertreten. In dem sitzt also nur noch eine demokratische Partei, die CDU, und die wackelt.


Techniknörgler

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11. Februar 2019

Höcke: Ein Fall für den Verfassungsschutz? - Teil 3

Teil 3: Zusammenfassung


Ist Höcke "Rechts"? 

Antwort: Höcke ist auch rechts. Aber genauso links. Je nach Thema. Beim Frauenbild rechts, bei der Wirtschaftspolitik links. Bei der Einwanderungspolitik rechts, bei der Außenpolitik links. Und so weiter.

10. Februar 2019

Höcke: Ein Fall für den Verfassungsschutz? - Teil 2

Teil 2: Mit dem Feuer Zündeln: wirklich problematische Aussagen

2.1 Übergang vom Völkischen zum Faschismus

Höckes Buch ist ja insgesamt recht lang. Irgendwann bin ich das erste Mal über eine Formulierung gestolpert, deren Kontext ich tatsächlich problematisch finde:

Höcke: "Man könnte noch ein paar weitere hinzufügen, wie Schutz und Pflege von Landschaft, Ökologie und Kultur, eine ausgewogene Sozialstruktur. In der Summe geht es um das »gute Leben« des Volkes. Allerdings nicht hedonistisch-materialistisch verstanden, sondern als »eudaimonía« im antiken Sinne – als sinnvolles, sittlich-tugendhaftes Leben."

Höcke: Ein Fall für den Verfassungsschutz?

Ein Gastbeitrag von Frank2000.

Vorvorwort (von Llarian): Unser geschätzter Zimmermann Frank2000 hat einen extrem ausführlichen wie ausgesprochen lesenswerten Gastbeitrag geschrieben, der sich mit Björn Höcke beschäftigt. Aufgrund des Umfangs haben wir beschlossen den Beitrag in drei Teilen zu veröffentlichen, heute erfolgt Teil 1.)

Vorwort
Höcke ist nach allgemeiner Lesart ein AfD-Politiker, der selbst für die AfD ungewöhnlich "rechts" sei. Da bietet es sich doch an, diese Aussage zu überprüfen. Sollte sich allerdings herausstellen, dass Höcke tatsächlich radikale Positionen vertritt, muss das für die AfD insgesamt keineswegs gelten. Die folgenden Zitate stammen allein von Höcke und sind keine offizielle Stellungnahme oder Wahlaussage der AfD.

Nachprüfbare Zitate oder gar Texte zu Höcke sind in den Medien Mangelware. Das führte den Autor Llarian zu der wütenden Bemerkung: "Es kann doch nicht die Aufgabe des Bürgers sein, die journalistische Arbeit zu tun, nur weil die Journalisten keine Lust dazu haben." (Link).

6. Februar 2019

Freiheit ist, Dinge zu tun, die andere nicht mögen. Ein Gastbeitrag von Frank2000

Den ADAC kennt in Deutschland wohl jeder. Diese Organisation ist eine der größten und ältesten Lobbyorganisationen dieses Landes. Ganz früher nannte man so was mal Interessensgruppe, aber diesen Begriff würden heute nur noch wenige verstehen. Lobby. Dieses Wort ist heute verpönt, klingt ... unsozial, ausbeuterisch ... abweichlerisch. Vor allem Letzteres mögen die Kulturdeutschen nicht, heute noch viel weniger als früher. Aber ich schweife ab. Was ist eine Lobbyorganisation? Das ist ein Zusammenschluss von Menschen, um gemeinsame Interessen zu vertreten. Eigentlich etwas völlig ... Normales.

In der Mitgliederzeitschrift des ADAC (02/19) stand jetzt ein kleiner Hinweis auf die erste in Betrieb genommene "Section-Control". Ich lasse jetzt mal außen vor, warum das eigentlich englisch benannt wird. Warum nicht "Sektionskontrolle", "Streckenradar" oder "Mittelmessung"? Die deutsche Sprache ist so aufgebaut, dass man über Komposita neue Terme erzeugt - würde man von Anfang an zum Beispiel "Mittelmessung" verwenden, dann würde bereits in wenigen Monaten der Begriff so selbstverständlich verwendet werden wie "Brückenschlag", "Löffelbagger" oder zehntausend andere zusammengesetzte Begriffe, die zu neuen eigenständigen Worten wurden. Aber die Kulturdeutschen haben kollektiv beschlossen, verrückt zu werden. Und so wird jetzt statt "Mittelmessung" "Section-Control" eingeführt.

5. Februar 2019

Thema verfehlt

Die SPD hat schon länger das Problem, daß sie ihre Stammwähler nicht mehr zufrieden stellen kann und diese enttäuscht abwandern. Diese Stammwähler wären an mehr Wohnungsbau interessiert, an niedrigeren Strom- und Benzinpreisen, sie wollen weiter mit ihrem Diesel zur Arbeit fahren können und etwas mehr Netto im Geldbeutel würden sie auch gerne nehmen. Aber das sind alles keine Themen, bei der die SPD in der Bundesregierung echte Aktivitäten entwickeln würde.

Stattdessen versucht sich noch "sozialer" zu werden. Was im Zweifelsfall bedeutet, daß sie die Forderungen irgendwelcher Lobbyverbände oder der SED-Konkurrenz erfüllt - unabhängig davon, welche Folgen das hat.

Konkret bastelt Minister Heil derzeit an einer "Respekt-Rente". Die vor allem kompliziert und teuer ist - und zu sehr merkwürdigen und ungerechten Effekten führt.
Was genau ist eigentlich das Problem, das er beseitigen will?

2. Februar 2019

War auch wieder falsch.

Das Ritual ist inzwischen reichlich eingefahren, auch wenn es in Details schon einmal variiert wird:

Der Sozialismus/Kommunismus wird irgendwo mit großen Pauken und Trompeten eingeführt. Die vereinigte Linke ist sich einig, dass jetzt endlich(!) für das betreffende Volk die große Zeit der Freiheit und wirtschaftlichen Verbesserung eintritt, man sammelt Grußadressen, bejubelt die großen "Helden" der Freiheit und ist ganz außer sich vor Freude, wenn alle Verbindung zu vermeintlich "imperialistischen" Systemen umgehend gekappt werden. Demonstrationen werden im ganzen Landes abgehalten, um sich und der Welt so richtig zu beweisen das jetzt die Zeit des Glücks anfangen hat.

31. Januar 2019

„Europas Seele“?

Welchen stimmigen Ersatz gibt es für den umstrittenen Begriff „christliches Europa“? Es existiert noch das poetische Relikt „die Seele Europas“, aber das wirkt peinlich und überholt. Vielleicht die vagen Bezeichnungen „Europas ideelles Band“, „ideelle Substanz“? Da fehlen aber die Migranten, der Pluralismus. „Wertekosmos“ klingt ungeografisch und opahaft. „Wirtschaftsgemeinschaft“ wäre realer – aber das Leben ist bunter und hässlicher: Gemeinschaft auch mit Armen, mit Kinderehen, Genitalverstümmelungen und Antisemiten? Niemanden ausgrenzen – eine Utopie? Oder der Biss eines „europäischen Gewissens“? Am einfachsten ist es, man spricht nur abstrakt von einer „Identität Europas“. Ein Lokal ohne aushängende Speisenkarte.

30. Januar 2019

"Зимняя ночь" / "Winternacht"




Aus gegebenem Anlaß.

- Борис Пастернак, "Зимняя ночь" (1946)

Мело, мело по всей земле
Во все пределы.
Свеча горела на столе,
Свеча горела.
Как летом роем мошкара
Летит на пламя,
Слетались хлопья со двора
К оконной раме.
Метель лепила на стекле
Кружки и стрелы.
Свеча горела на столе,
Свеча горела.
На озаренный потолок
Ложились тени,
Скрещенья рук, скрещенья ног,
Судьбы скрещенья.
И падали два башмачка
Со стуком на пол.
И воск слезами с ночника
На платье капал.
И все терялось в снежной мгле
Седой и белой.
Свеча горела на столе,
Свеча горела.
На свечку дуло из угла,
И жар соблазна
Вздымал, как ангел, два крыла
Крестообразно.
Мело весь месяц в феврале,
И то и дело
Свеча горела на столе,
Свеча горела.

27. Januar 2019

Wann wird es Zeit für Mistgabeln?

Zugegeben: Die Frage ist natürlich mit einem kleinen Zwinkern gestellt. Aber auch nur mit einem kleinen. Denn angesichts dessen, dass diese Regierung sich inzwischen nicht mehr auf eine Möglichkeit beschränkt dieses Land zu vernichten, stellt sich wirklich die Frage, ob es nicht wirklich allmählich eine Revolution braucht, um diesem Spuk ein Ende zu machen.

24. Januar 2019

Aus der Schwalbenperspektive (19): Ist der Handball der bessere Fußball?

Auch bei Menschen, die sich für Fußball interessieren oder gar als Fans dieser Sportart bezeichnen, gehört Gejammer beziehungsweise, um es vorsichtiger zu wenden, eine kritische Haltung bezüglich einiger Phänomene im Zusammenhang mit der Lederkugeltreterei gleichsam zum guten Ton: Die Kapitalismusskeptiker betrauern die Kommerzialisierung der einstigen Arbeitervergnügung; an Fairness und Nüchternheit orientierte Zeitgenossen werden von der Schwalben- und Rudelbildungstheatralik abgestoßen, und außerdem wäre da ja noch der Videobeweis, der wie wahrscheinlich wenige andere Modifikationen des Regelwerks die Zuschauergemeinde spaltet.

23. Januar 2019

Marginalie: Der Polizist, dein Helfer und (vielleicht zukünftiger) Freund

Wer über die Beatles ein bisschen mehr weiß, als es der Allgemeinbildungskanon der Popkultur erfordert, kennt zweifellos das Lied „Lovely Rita“, das – auf dem nach Ansicht des Verfassers überschätzten Album Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band veröffentlicht – so etwas wie eine Liebesgeschichte zwischen dem lyrischen Paul-McCartney-Alter-Ego und einer meter maid, der offenbar eine reale Politesse vornamens Meta Pate stand (was uns jetzt nicht zu Meta-Reflexionen beschwingen soll), tonkünstlerisch fingiert.

Gefühlsberauschende Begegnungen zwischen der Staatsgewalt und dem einfachen Bürger (m/w) gibt es aber auch in der außermusikalischen Wirklichkeit, und so sucht(e?) die Berliner Polizei auf ihrem offiziellen Instagram-Account laut Pressemeldungen nach einer charmanten, wegsuchenden Unbekannten, die einem Uniformierten den Kopf verdreht hat.

„Das Netz“ reagiert(e?) auf diesen Aufruf, wenn man zum Beispiel WELT- und SPIEGEL-Online Glauben schenken darf, zum kleineren Teil mit einem Seufzer ob so hoher Romantik und zum größeren Teil mit Ablehnung, da diese zwischenmenschliche Dienstleistung in die Nähe von Stalking zu rücken sei.

Ansicht des Verfassers: Gerade die Berliner Polizei hätte etwas anderes zu tun, als den moderatore d’amore zu spielen, aber für einen #aufschrei reicht diese zweifellos gut gemeinte Aktion bei weitem nicht aus. Um es mit dem großen kanadischen Schauspieler William Shatner zu formulieren: „Get a life!“

Noricus

© Noricus. Für Kommentare bitte hier klicken.

17. Januar 2019

Dumm, dümmer, Gillette? Ein Streiflicht zu Filterblasen.

Der Markenname Gillette dürfte den meisten Erwachsenen der westlichen Welt ein Begriff sein. Auch wenn es das Unternehmen in eigener Form  nicht mehr gibt (es gehört seit 2005 zu Procter & Gamble) so ist die Marke Gillette immer noch deutlicher Marktführer bei Nassrasierprodukten, mit fast 50% Marktanteil. Und das will schon etwas heißen, auch in Anbetracht dessen, dass im Bereich dieser Produkte Gillette im oberen Preisbereich aufgestellt ist.

9. Januar 2019

Mitgeprügelt? Nein. Aber auch nicht unschuldig.

Die Republik ist entsetzt. Nicht zu Unrecht. Ein Bundestagsabgeordneter wurde von drei Vermummten niedergeschlagen, und als er bewusstlos am Boden lag noch mit Fußtritten attackiert. Das war dann doch einer zuviel. Das Bild, das die AfD daraufhin ins Netz stellte und von diversen Medien (wenn auch verpixelt) verbreitet wurde, trug dann vielleicht auch einen nicht unmaßgeblichen Teil dazu bei, dass man die ganze Aktion nicht, wie inzwischen schon zur Routine geworden, mit einem Schulterzucken ignorierte. Zu brutal und deutlich waren die Spuren und zu deutlich die Assoziation, dass es sich hier nicht um eine scheinbar so harmlose "Prügelei" handelte, sondern um einen bewussten Ausbruch von Brutalität, der, wenn eine Tötungsabsicht schon nicht nachgewiesen werden kann, so doch zumindest die Inkaufnahme einer Tötung impliziert.­

8. Januar 2019

Aus der Schwalbenperspektive: Ribe(r)ye oder La Bavette d'Or


Ein leider viel zu früh verstorbener Freund von mir arbeitete seinerzeit als Schlossführer in einer prächtigen fränkischen Barockresidenz. An ihn musste ich kürzlich denken, denn er hatte die Angewohnheit, bei seinen mehr als kurzweiligen Führungen immer dieselbe Fangfrage zu stellen. War die Besuchergruppe gegen Ende der Runde im mit reichlich Zierat versehenen Thronsaal versammelt, ließ er sie immer schätzen, wie viel Gold wohl in der prunkvollen Ausstattung verwendet worden war. Und meistens tappte der überwiegende Teil der Gruppe in die Falle: "Ein Kilo", hieß es - ja bis zu zehn Kilo wurden aufgerufen, bis mein Freund mit diebischer Freude verkündete, dass ein Gramm Blattgold ungefähr eine Fläche von einem halben Quadratmeter bedecken könne.

Nun ist selbst ein "Tomahawk-Steak", wenn man es rundum mit dem glänzenden Element überzieht, keinen halben Quadratmeter groß - der reine Materialwert der "kostbaren" Verpackung von Franck Ribérys Abendmahlzeit liegt also ungefähr einen Euro teurer als ein Meter Melitta Toppits extra reißfeste Alufolie, falls der französische Balltreter schwächeln und sich den Rest auf den Weg einpacken lassen sollte.

5. Januar 2019

Land unter im südlichen Bayern: Vorsicht vor einfachen Klimawahrheiten

Das Foto, mit dem ich diesen Beitrag illustriere, habe ich heute kurz vor Mittag im äußersten Südosten Bayerns aufgenommen. Es zeigt zwei Skistöcke mit einer Länge von 125 Zentimetern, die ich auf einer ebenen Fläche in einer Höhe von etwa 1000 Metern in den unberührten Schnee gerammt habe. Die Spitze (also der unterste Teil) der Stöcke erreichte übrigens nicht den Boden, sondern eine weitere, harte bis eisige Schneeschicht, die zu durchdringen die Stockteller verhinderten. Realistischerweise kann man von einer Schneehöhe an meinem Messort – Stand heute Mittag – von mindestens 130 bis 140 Zentimetern ausgehen. In den circa sieben Stunden seit meiner Sondierung dürften an der besagten Stelle noch einmal 15 bis 30 Zentimeter Schnee gefallen sein.

Warum erzähle ich Ihnen das? Wenn Sie nicht beschlossen haben, dieses Wochenende nachrichtenlos zu verbringen, haben Sie zweifellos von dem „Schneechaos“ – so ein häufig gebrauchter Terminus – in den Bergen gehört oder gelesen. Freunde des passiven Wintersportgenusses werden auch mitbekommen haben, dass der Qualifikationsdurchgang für das morgige Dreikönigsspringen in Bischofshofen – einem Ort im Salzburger Pongau, also in den östlichen Nordalpen (oder nördlichen Ostalpen, wenn man so will) – abgesagt wurde.

1. Januar 2019

Bitte ohne Schall und Rauch: Gedanken zur alljahresendlichen Feuerwerkskritik

Hand aufs Herz: Haben Sie gestern (beziehungsweise heute) die eine oder andere Rakete in den Nachthimmel steigen lassen? Wenn ja, dann haben Sie die – soweit ersichtlich – einhellige Empfehlung der Multiplikatoren-Elite dieses Landes, auf die Silvesterknallerei zu verzichten, entweder nicht mitbekommen oder vorsätzlich missachtet. „Brot statt Böller“ ist der Klassiker unter den Jahresendabrüstungsforderungen, später wurde die Kracherkritik dann auch auf den zu vermeidenden Stress für Haus- und Wildtiere gestützt, seit neuestem rücken die Gesundheitsgefahren für den Menschen, neben Verbrennungen und Schädigungen der Sinnesorgane auch körperliche Belastungen durch die Feinstaubfreisetzung, in den Vordergrund. Und der MDR rechnet uns dann noch die Anzahl an Straßenkilometern respektive Lehrern vor, die man mit dem Geld, das die Deutschen am 31. Dezember in die Luft blasen, sanieren beziehungsweise einstellen könnte.