21. November 2019

Die unglaubliche Dummheit. Eine Wählerschelte.

Es ist zugegebenermaßen ziemlich billig sich an der tatsächlichen oder vermeintlichen Bödheit von Politikern abzuarbeiten. Eine breite Mehrheit der politisch interessierten Menschen in Deutschland tendiert ohnehin dazu diejenigen, die anderer Meinung sind als sie selbst, als unreflektiert oder zumindest wenig reflektiert, um nicht zu sagen im Extremfall als blöd, einzuschätzen. Das ist "Tagesgeschäft" und kaum einer Zeile wert. Doch manchmal, gefühlt viel zu häufig, aber dann doch zumindest erwähnenswert selten, gibt es Aussagen von Politikern, die so himmeljauchzend dumm sind, dass man sie doch mit ein paar Zeilen kommentieren möchte (und damit meine ich nicht Lapsen wie Kobold statt Kobalt). Weniger allein ihres Inhaltes wegen, sondern primär wegen der sich dadurch so offenkundig zeigenden Ignoranz, Dummheit oder Inkompetenz. Im besten Falle aller drei genannten Eigenschaften. 

17. November 2019

Maurice Baring, "Venus"

Da im vorigen Eintrag der Name Charles Cros fiel, und das Thema die Kontaktaufnahme mit dem Mars war, sei als Ausgleich die Traumvariante aus dem Umzirk der Jahrhundertwende vom inneren Schwesterplaneten Venus hierhergesetzt.

Die Unmöglichkeit, mit irdischen Teleskopen einen Blick durch die undurchdringliche Wolkendecke zu werfen und Genaueres über die Verhätlnisse auf ihrer Oberfläche zu erfahren, haben ihr in der phantastischen Literatur immer einen zweiten Platz hinter dem roten Planeten zugewiesen. Svante Arrhenius' Mutmaßung von 1915, daß es sich um eine ins Extrem gesteigerte Variante der "grünen Hölle" der tropischen Regenwälder handeln können (aufgrund der größeren Sonnennähe) - "everything on Venus is dripping wet," schrieb er.


We must therefore conclude that everything on Venus is dripping wet…A very great part of the surface of Venus is no doubt covered with swamps, corresponding to those on the Earth in which the coal deposits were formed…The constantly uniform climactic [sic] conditions which exist everywhere result in an entire absence of adaptation to changing exterior conditions. Only low forms of life are therefore represented, mostly no doubt belonging to the vegetable kingdom; and the organisms are nearly of the same kind all over the planet. The vegetative processes are greatly accelerated by the high temperatures.


(The Destiny of the Stars, 1918, New York: G. P. Putnam's Sons; im Original Stjärnornas Öden, 1915)

Diese Vision war den Autoren der Pulp-Magazine, allen voran Edgar Rice Burroughs, ein Geschenk, aufgeladene Dschungelabenteuer unter einer "primitiven" Tier- und Eingeborenenwelt spielen zu lassen. Für eher symbolistisch gestimmte Autoren der vorhergehenden Generation blieb der symbolische Gehalt einer "Welt der Liebe" anziehender.

*     *     *

Charles Cros - "Sonnet astronomique" (1873)

Alors que finissait la journée estivale,

Nous marchions, toi pendue à mon bras, moi rêvant
À ces mondes lointains dont je parle souvent.
Aussi regardais-tu chaque étoile en rivale.

Au retour, à l'endroit où la côte dévale,
Tes genoux ont fléchi sous le charme énervant
De la soirée et des senteurs qu'avait le vent.
Vénus, dans l'ouest doré, se baignait triomphale.

Puis, las d'amour, levant les yeux languissamment,
Nous avons eu tous deux un long tressaillement
Sous la sérénité du rayon planétaire.

Sans doute, à cet instant deux amants, dans Vénus,
Arrêtés en des bois aux parfums inconnus,
Ont, entre deux baisers, regardé notre terre.

Zeitmarke: Vor [200] - 150 - 100 Jahren: "Hallo Mars - Hier Erde!"


(Popular Science Monthly, September 1919)

Vorausgeschickt sei, daß es sich bei der ersten temporalen Wegmarke um kein "richtiges" Jubiläum handelt, sondern um ein Gerücht, eine "moderne Legende" (wie sie eben im Bereich der Wissenschafts- und Technikgeschichte ebenso auftreten wie in anderen Bezirken), und beim zweiten Datum um kein spezielles Vorkommnis, sondern nur eine gängige Meldung über eine seinerzeit kurrente Idee - die aber hierbei Gelegenheit bietet, das Thema nett zu illustrieren.

15. November 2019

1971: Boeing 2707, Concorde - ein Déjà Vu aus der Urzeit des Klimaalarmismus


(x magazin, Oktober 1971)

Dem englischen Autor und von Profession einer der reichsten Söhne seiner Ära, Horace Walpole (1717-1797), der heute nur noch als Verfasser des ersten und niemals gelesenen "gotischen Schauerromans" The Castle of Otranto (1765) ein fernes Gerücht ist, nicht aber als ältester Sohn des ersten britischen Premierministers Robert Walpole oder einer der bedeutendsten Briefschreiber seiner Zeit (die Ausgabe seiner Korrespodenz umfaßt 80 Bände, fast ausnahmslos auf Französisch abgefaßt),  verdankt die englische Sprache den Ausdruck "serendipity", ins Deutsche auch als Lehnwort "Serendipität" geschmuggelt - der höchst nützliche, völlig unerwartete Zufallsfund, der einem bei einer Suche nach etwas völlig anderem unterkommt und der das obskure Objekt der Begierde weit übertrifft. Abgeleitet hat Walpole das Wort 1754 in einem Brief an seinen Freund Horace Mann von einer (womöglich sogar existierenden) Legende um die "drei Prinzen von Serendip, die stes andere Schätze fanden, als sie gesucht hatten" (Serendip ist hier die alte, ungebräuchliche Bezeichnung für die Insel Taprobane, deren Name eine obsolete Benennung für Ceylon darstellt; denen, die dies noch als den alten Namen für Sri Lanka kennen, wird an dieser Stelle sicher die Zeile "Her name was Magill / but she called herself Lil. / But everyone knew her as Nancy" aus "Rocky Raccoon" einfallen.)

10. November 2019

眉村 卓 - Taku Mayumura (1934-2019)



Es fragt sich, ob es ratsam ist, im Deutschen einen kleinen Nachruf, eine bescheidenes Gedächtnisblatt für einen Autor zu bringen, von dem nur eines mit Sicherheit zu sagen ist: nämlich daß jeder einzelne leser, der sich hierhin verirrt, mit diesem Namen absolut nichts verbindet. Anders als bei Musikstars, die an dieser Stelle gewürdigt wurden (in der letzten Zeit etwa Anne Vanderlove oder Yao Li) läßt sich eine solche terra incognita, ein solcher unausgefüllter Fleck auf der eigenen inneren Landkarte, auch nicht durch ein paar Einspielungen von Liedern wettmachen. Der bloße Hinweis auf das Werk reicht nicht, da es hiesigen Lesern unzugänglich bleiben wird und die Resonanzen, die es bei der Leserschaft eines solchen Autors hervorrufen würde, schlicht nicht gegeben sind.

7. November 2019

"...and it is always eighteen ninety-five": Vincent Starrett, "221b"



- Vincent Starrett - 221b

Here dwell together still two men of note
Who never lived and so can never die:
How very near they seem, yet how remote
That age before the world went all awry.
But still the game’s afoot for those with ears
Attuned to catch the distant view-halloo:
England is England yet, for all our fears –
Only those things the heart believes are true.

A yellow fog swirls past the window-pane
As night descends upon this fabled street:
A lonely hansom splashes through the rain,
The ghostly gas lamps fail at twenty feet.
Here, though the world explode, these two survive,
And it is always eighteen ninety-five.

(March 1942)


"221B"

Hier wohnen immer noch die zwei bekannten Herrn
Die es nie gab und deshalb niemals sterben.
Wie nahe scheinen sie uns - und wie fern
Liegt ihre Zeit. Der Weltlauf fiel in Scherben.
Und doch beginnt die Jagd - für alle, deren Ohren
Den alten Klang vernehmen. Trotz aller Gefahr -
Trotz unsrer Furcht ist England nicht verloren.
Denn nur an was das Herz glaubt, ist auch wahr.

Ein gelber Nebel wabert vor den Fenstern
Wenn sich die Nacht auf die berühmte Straße senkt.
Die fahlen Gaslaternen werden zu Gespenstern
Wenn eine Hansom-Droschke durch den Regen lenkt.
Auch wenn die Welt zerbirst - die beiden werden bleiben.
Hier wird man immer 1895 schreiben.

(U.E.)

4. November 2019

"Ballade en novembre": Feuille commémorative Anne Vanderlove



Es bleibt mir die Erinnerung
An die Lieben, die vergehn
Es ist jetzt Zeit, die Tür zu schließen
Es ist jetzt Zeit, schlafen zu gehn.
Ich war nicht immer nett und gut
Mit Haar, das in die Augen stieb
Doch hat er mich so akzeptiert
Und vielleicht sogar etwas lieb.

Auf Strand und Garten fällt der Regen dicht...
Und sind jetzt meine Augen feucht
liegt es am Regen im Gesicht.

Der Nordwind fängt wild an zu wehn
Der mir im Spiel das Haar zerwühlt
Ich war nicht immer wirklich schön
Er wohl was für mich gefühlt.
Mein Kleid ist stets noch mitgenommen
Und mein Haar ist wie wild zerstiebt.
Er hat mich, wie ich war, genommen.
Ich hab ihn wirklich sehr geliebt.

Qu'on me laisse à mes souvenirs
Qu'on me laisse à mes amours mortes
Il est temps de fermer la porte
Il se fait temps d'aller dormir
Je n'étais pas toujours bien mise
J'avais les cheveux dans les yeux
Mais c'est ainsi qu'il m'avait prise
Je crois bien qu'il m'aimait un peu

Il pleut sur le jardin, sur le rivage
Et si j'ai de l'eau dans les yeux
C'est qu'il me pleut sur le visage

Le vent du Nord qui s'amoncelle
S'amuse seul dans mes cheveux
Je n'étais pas toujours bien belle
Mais je crois qu'il m'aimait un peu
Ma robe a toujours ses reprises
Et j'ai toujours les cheveux fous
Mais c'est ainsi qu'il m'avait prise
Je crois que je l'aimais beaucoup

Il pleut sur le jardin, sur le rivage
Et si j'ai de l'eau dans les yeux
C'est qu'il me pleut sur le visage

Si j'ai fondu tant de chandelles
Depuis le temps qu'on ne s'est vus
Et si je lui reste fidèle
À quoi me sert tant de vertu ?
Qu'on me laisse à mes amours mortes !
Qu'on me laisse à mes souvenirs
Mais avant de fermer la porte
Qu'on me laisse le temps d'en rire
Le temps d'essayer d'en sourire

3. November 2019

Treppenwitz: Greta allein zu Haus




Daß den Olympischen, denen wenn nicht die Lenkung des Weltgeschicks, so doch dessen fallweise Pointierung und Zuspitzung obliegt, ein mitunter durchaus, nun: olympischer Humor eignet, wurde ja erst vor wenigen Tagen an dieser Stelle angelegentlich des Auftauchens des Kometen Borisov angemerkt. Neu ist diese Erkenntnis natürlich nicht: der Mythenschatz des alten Griechenlands ist von solch ironischen Volten undenkbar; neben der Ausgeliefertheit des Einzelnen an die Ἀνάγκη, das Fatum (dazu, wie sehr dies zum Fatalismus der damaligen Lebensgefühls beigetragen hat, hat Jacob Burckhardt in in den Bänden seiner Griechischen Kulturgeschichte zwischen 1898 und 1902 einiges angemerkt), bildet die Bestrafung der Vermessenheit der Sterblichen darin den Basso ostinato.

2. November 2019

Noch einmal Thüringen: Zu den Koalitionsmöglichkeiten jenseits von Blau-Schwarz-Gelb

Die Kollegen Llarian und Meister Petz haben in diesem Blog zur Diskussion über die Bildung einer blau-schwarz-gelben Koalition in Thüringen Stellung genommen. Das Erfurter Patt hat aber nicht nur dieses Bündnis – mag man es nun bürgerlich nennen oder nicht – auf den Debattentisch geworfen. Nein, auch andere, unterschiedliche Absurditätsgrade aufweisende Kooperationsmöglichkeiten wurden mit mehr oder weniger Ernsthaftigkeit dem (ab)geneigten Publikum unterbreitet. Im Folgenden sollen diese Regierungsoptionen einer Erörterung unterzogen wurden:

1. November 2019

CONTRA: Warum eine blau-schwarz-gelbe Koalition keine "bürgerliche" Koalition ist


­
Am Tag nach der Wahl - die endgültige Zusammensetzung des Parlaments in Erfurt steht aufgrund des knappen FDP-Ergebnisses noch nicht einmal ganz fest - erschallen, nicht zuletzt hier im kleinen Zimmer - die Rufe nach einer AfD-CDU-FDP-Koalition. 

Dass ich so einer Koalition ablehnend gegenüber stehe, genauso wie einer CDU/FDP-Beteiligung an einer Koalition mit der Linken, wird nicht überraschen. Mir geht zwar Thüringen an sich offen gestanden relativ gepflegt am Allerwertesten vorbei, und ich verlange ja auch nicht, dass die Repräsentanten eine größere Weltweisheit an den Tag legen als die, die sie repräsentieren (siehe Eingangszitat). 

Nicht am Sitzfleisch kann mir vorbeigehen, dass das Ganze als "bürgerlich-konservativ-liberale Mehrheit" nicht nur von Höcke und Gauland verkauft, sondern auch von einigen originär bürgerlichen, konservativen und liberalen als solche gekauft wird. 

PRO: Warum eine schwarz/blau/gelbe Koalition Sinn machen würde

Ab und zu gibt es in Zettels Raum die Kategorie Pro & Contra, in der zwei Autoren in einer bestimmten Frage gegensätzliche Ideen diskutieren. Aufgrund der aktuellen Situation in Thüringen haben ich und Meister Petz uns entschieden einen solchen Beitrag zu verfassen. Im folgenden Beitrag lesen Sie die von mir verfasste Pro Seite, kurzfristig wird die Contra Seite zugefügt.

***

Zugegeben: Ich glaube nicht wirklich daran, dass eine solche Koalition wirklich zustande kommen könnte, es gibt sehr gute Gründe anzunehmen, dass eine solche für CDU und auch die FDP verheerend ausgehen würde. Die FDP würde in den Medien systematisch bespuckt, gevierteilt, gehängt und erschlagen werden (und anschließend würde es unangenehm werden) und die Karriere von Mohring wäre mit dem Merkelschen Bannstrahl auch beendet, bevor sie eigentlich so richtig begonnen hätte. 

Dennoch wäre eine solche Koalition nicht die dümmste aller Ideen für das Land selber. Und es spricht weit mehr dafür als nur das dumme Gesicht eines Lars Klingbeil (der es auch vorgestern wieder nicht lassen konnte, angesichts eines weiteren, desaströsen SPD-Absturzes gegen die FDP zu hetzen), wobei das sicher schon ein sehr guter Grund wäre. 

31. Oktober 2019

"Hallowe'en in a Suburb" / "Vorstadt-Halloween"




"Hallowe'en in a Suburb"

The steeples are white in the wild moonlight,
And the trees have a silver glare;
Past the chimneys high see the vampires fly,
And the harpies of upper air,
That flutter and laugh and stare.

For the village dead to the moon outspread
Never shone in the sunset’s gleam,
But grew out of the deep that the dead years keep
Where the rivers of madness stream
Down the gulfs to a pit of dream.

29. Oktober 2019

"To seek out new worlds", II: Ein Planet namens "Gulliver"?

In Anknüpfung an das gleichfalls so betitelte Posting von vor zwei Wochen aus Anlaß der Verleihung des diesjährigen Physik-Nobelpreises soll es auch heute wieder um ferne Welten gehen, um Planeten, die außerhalb unseres heimischen Sonnensystems ihre Zentralgestirne umlaufen - aber nicht nur. Diesmal geht es sogar um die Möglichkeit für das geneigte pp. Publicum, in dieser Sphäre entscheidend tätig zu werden - wenn auch nur in einem winzigen Maßstab. Zu gewinnen gibt es dabei nichts (sieht man einmal davon ab, daß, in welch bescheidenem Maß auch immer, als Namensgeber tätig werden darf); die Gründung des galaktischen Imperiums der Menscheit steht noch (sit veni verbo) in den Sternen, und auf den Weltlauf wird dies, das kann man fest garantieren keinerlei Einfluß haben. Und dennoch...

22. Oktober 2019

2I/Borisov - Komet Borisov


(Abb.: Shutterstock)


- Аполлон Алекса́ндрович Григорьев, "Комета"

Когда средь сонма звезд, размеренно и стройно,
Как звуков перелив, одна вослед другой,
Определенный путь свершающих спокойно,
Комета полетит неправильной чертой,
Недосозданная, вся полная раздора,
Невзнузданных стихий неистового спора,
Горя еще сама и на пути своем
Грозя иным звездам стремленьем и огнем,
Что нужды ей тогда до общего смущенья,
До разрушения гармонии?.. Она
Из лона отчего, из родника творенья
В созданья стройный круг борьбою послана,
Да совершит путем борьбы и испытанья
Цель очищения и цель самосозданья.

- Июнь 1843

Apollon Alexandrowitsch Grigoriew (1822-1864)

"Der Komet"

Wenn einen Sternkreis, der harmonisch scheint
In dem man jede Stimme nur im Einklang hört,
Im Streben auf das eine Ziel vereint
Jetzt ein Komet durch wilde Irrfahrt stört.

Ein Irrläufer, ein Bruchstück voller Wahn
Ein Wüterich, in dem die Zwietracht loht;
Das Unglück selbst, und der auf seiner Bahn
Den andern Sternen selbstsüchtig mit Feuer droht.

Wem nützt dann diese wilde Konfusion,
Die alles packt, bevor die Harmonie zerbricht?
Aus dem "Warum?", dem Wandel selber schon
Hält Zwist dann übers Gleichmaß das Gericht.

Kann es vielleicht durch Kampf und Prüfung überwinden
Sich selbst neu schaffen und sich selber finden.

- Juni 1843                                                                                           (Nachdichtung: U.E.)

21. Oktober 2019

Peter Handkes Beschreibungslust

Walter Jens soll das Wort von Handke als „Heino der Metaphysik" geprägt haben. Eine Antwort:

Platons Höhlengleichnis kritisierte die Verwechslung der Dinge, die unsere Sinne wahrnehmen, mit der Wirklichkeit: Wir seien in unserer Höhle gefesselt und sähen nicht das echte Leben, sondern nur dessen Schatten an der Wand. Für Platon waren die wahren Dinge die göttlichen Urbilder, also das, was sie sein sollten. Peter Handke bemerkte das Rätsel so: „Für viele heißt nur das Wirklichkeit, was nicht in Ordnung ist.“ (Das Gewicht der Welt, Journal 1977) Er beschrieb unablässig den universalen Bildverlust, den modernen: das Vergessen und Vertauschen der Maßstäbe, Überflutung statt Anschauen. Die Dinge und Traditionen sprächen dadurch nicht mehr. Ihm ging es um eine Rettung und er nannte sie in „Der Bildverlust“ eine „Weltbestandsschleppe, über die ganze Erde streifend.“ Die Sprache der Welt-Bilder ist mehr als eine Moralreligion, sie ist die Antwort der Schöpfung auf die Frage, was uns retten kann.

16. Oktober 2019

Viele Stühle, eine Meinung

Es ist schon ein Hohn für sich. 

Am letzte Woche vergangenen Dienstag zerrt ein "Mann" (es wird sich später herausstellen, dass es ein Syrer mit subsidiärem Schutzstatus ist) den Fahrer eines LKW aus dessen Kabine und fährt mit dem LKW (den er offensichtlich kaum beherrscht und vor allem nicht in der Lage ist die Sicherheitssysteme abzuschalten) auf mehrere Autos auf. Die Autos stoppen seine Fahrt, so dass zwar Menschen verletzt werden, aber in glücklicher Fügung niemand getötet. Anschließend wird der Mann festgesetzt.

14. Oktober 2019

"To explore strange new worlds...": Zum Physiknobelpreis für Mayor und Queloz

Bei den regelmäßig wiederkehrenden Ritualen im Bereich der "harten", der exakt messenden, quantifizierbaren Naturwissenschaften (auch als MINT-Fächer bezeichnet), zu denen eben auch die alljährliche Verleihung der höchsten Auszeichnung auf diesen Gebieten, eben des von Alfred Nobel gestifteten und nach ihm benannten Preises, gehört, gibt es seit ein paar Jahrzehnten für Zuschauer, denen die Entwicklung dieser Fächer nicht vollständig böhmische Dörfer sind, der nicht ganz zutreffende Eindruck, es würden hier Koryphäen, von denen er (oder sie) noch nie etwas gehört habe, für ein Lebenswerk geehrt, von dessen Existenz man bis dato kenntnisfrei gelebt habe. Hingegen seien vor einem guten Jahrhundert, als die Namen der so Ausgezeichneten von Wilhelm Röntgen, Nils Bohr, Pierre und Marie Curie, Albert Einstein oder Werner Heisenberg lauteten, sowohl die Personen Bestandteil eienr informierten Allgemeinbildung gewesen und ihr Werk stünde für ein neu aufgeschlagenes Kapitel in der Geschichte ihrer jeweiligen Fächer. Ein solcher kursorischer Blick in den Rückspiegel täuscht, wie das Durchgehen der Liste frühere Preisträger schnell ergibt: Pieter Zeeman (Nobelpreis für Physik 1902) und  Joseph John Thomson (Nobelpreis für Physik 1906) dürften auch zu ihrer Ägide den meisten Zeitgenossen so ungeläufig:gewesen sei wie den heutigen Nachgeborenen. Dennoch ist dieser Eindruck, wie so oft, nicht völlig falsch. Die letzten Nobelpreisträger für Physik, deren Namen auch Laien "ein Begriff" sein dürften die von Kip Thorne (Nobelpreis für Physik 2017, für die Voraussage von Gravitationswellen, die in den 1990er Jahren durch die diversen LIGO-Experimente nachgewiesen wurden) und Peter Higgs (Nobelpreis 2013 für die Voraussage des nach ihm benannten Bosons, das subatomaren Partikeln Ruhemasse verleiht und in diesem Jahren am schweizerischen CERN nachgewiesen wurde).

24. September 2019

SInd wir wenige? Kann ich aus diesem Irrsinn noch aussteigen? Ein Gedankensplitter.

Normalerweise versuche ich (ehrlich!) die Welt positiv zu sehen: Die Regierung Merkel wird bald enden, der EZB geht das deutsche Geld so langsam aus und die SPD beendet ihre klagvolle Existenz unter Jubelschreien der eigenen Mitglieder. Es sind kleine Zeichen der Hoffnung, aber sie sind doch da. Der Irrsinn der vergangenen Jahre fällt so allmählich ihren Protagonisten auf die Füße und eine Gegenbewegung formiert sich, zwar langsam, aber doch kontinuierlich. Zumindest wäre das so meine irgendwie zusammengebaute Hoffnung.

18. September 2019

Es wird nie genug sein.

Schaut man die Tage eine der deutschen, politischen "Talkshows" (mein Beileid dazu), dann kommt man nicht umhin in nahezu allen dieser Shows ein ziemlich ähnliches Konzept zu sehen. Die eine (meist kleinere) Hälfte der Gäste kommt aus dem tatsächlich eher "bürgerlichen" Spektrum (also nicht die Wortverwässerung, die die Grünen für sich reklamieren, sondern aus dem echten Bürgertum), während die andere Hälfte aus dem Grünen bis dunkelroten Spektrum stammt. Dazu kommen dann ein oder zwei Spinner, die auf der grünen Seite dann den "Idealisten" spielen dürfen. Gerne nimmt man junge Leute, denen man die radikalen (und teilweise dummdreisten) Ideen zumindest nicht all zusehr verübelt.

7. September 2019

Die zersplitterte Linke. Die zu den Bobos strebenden Konservativen und Liberalen. Der lachende Dritte. Ein Gedankenspaziergang.

Es gibt wohl drei Hauptzielgruppen linker Politik:

1. Im Staatsdienst, in der (mit öffentlichen Geldern alimentierten) Sozialindustrie oder in der Medienbranche beschäftigte, großstadtbewohnenede Akademiker mit einem Abschluss zumeist in einer Geistes- oder Gesellschaftswissenschaft.

2. In Ausbildungsberufen tätige Arbeitnehmer.

3. Voll oder überwiegend von Sozialleistungen lebende Bürger respektive Bezieher prekärer nichtstaatlicher Einkünfte (zum Beispiel Jobber und Kleinrentner).

Wie es sich für eine gute Kategorisierung gehört, ist die vorstehende Aufzählung mit dem groben Pinsel gezeichnet und wird dadurch freilich nicht jedem Einzelfall gerecht. Dies gilt auch für die folgenden weiteren Ausführungen:

31. August 2019

Wie wählt er, der Ossi?

Morgen wählt natürlich nicht „der Ossi“. Vielmehr entscheiden nur die Sachsen und die Brandenburger über die Zusammensetzung ihrer jeweiligen Landtage. Wer nicht das Glück hatte, in den letzten Wochen von deutschen Feuilleton- und Twitter-Debatten verschont geblieben zu sein, hat die Anspielung in der Überschrift zweifellos verstanden.

Der SPIEGEL-Titel vom 24. August „So isser, der Ossi“, illustriert mit einer schwarz-rot-goldenen Angler-Kopfbedeckung, hat für einige veröffentlichte Erregung gesorgt. Die einen warfen dem Nachrichtenmagazin Doppelstandards vor, weil dessen Redaktion im Falle anderer Personengruppen abwertende Pauschalurteile unter keinen Umständen, also auch nicht mit offenkundig triefender Ironie, aufs Cover brächte. (Ein Aufmacher „So isser, der Moslem“ oder „So sind sie, die Weiber“ würde bei dem Hamburger Blatt sicher noch nicht einmal das Stadium eines unausgegorenen Vorschlags erreichen.) Andere, insbesondere ostdeutsche Linke (gemeint ist das Lager, nicht die Partei), beklagten den Inhalt der Generalisierung: Wie man an ihnen sehe, seien doch nicht alle Bewohner der neuen Bundesländer pöbelnde Merkel-Gegner wie das Zerrbild des berühmt gewordenen Hutbürgers. Man möge den Osten differenzierter betrachten. Eine Zusammenfassung der Diskussion mit durchaus interessanten Nebensträngen findet man in der SPIEGEL-Online-Kolumne von Stefan Kuzmany.

29. August 2019

Anfrage an den Schöpfer- und Erlösungsglauben

Wer in einer einsamen Gegend zum nächtlichen Himmel aufblickt, sieht nicht nur viele Sterne, sondern ein Problem.

Die Größe unseres Universums und die Möglichkeit von weiteren belebten fernen Planeten bedeuten eine Anfrage an die jüdische und christliche Rede von einem Schöpfergott mit Interesse an und Beziehungen zu den Menschen auf unserer Erde und eine spezifisch-kritische Anfrage an den Glauben der Christen: Was wird in ihrem Weltbild aus der Vorstellung von einem Gott, dessen „Sohn“ vor 2000 Jahren als Jude Jesus in Galiläa in der Gestalt eines Gottmenschen aufgetreten sein soll? Muss die Christologie der Kirchen nicht schon jetzt geändert werden oder kann sie noch solange, also lange, bestehen bleiben, nämlich bis es einen Kontakt mit einem Planeten gibt, auf dem eine vergleichbare Gattung mit einer ähnlichen Bewusstseins-, Sprach-, Schuld- und Erlösungsgeschichte lebt?

27. August 2019

Vowärts nimmer: Berlin ruft die DDR aus.

Zugegeben: Es ist inzwischen schwer geworden nur noch auf ein einzelnes "Problem" in Berlin hinzuweisen, denn inzwischen ist der Morast an Problemen und Katastrophen derart dicht geworden, dass das Ganze eine so feste Melange ergibt, dass einem irgendwann nur noch der Begriff des failed state durch den Kopf geht.                                                                     
Die neuste Ausgeburt ist der "Lompsche Mietendeckel", was aber auch schon eine Mogelpackung in Begrifflichkeit ist, denn real handelt es sich um das massiveste Mietkürzungsprogramm, dass die Republik seit 80 Jahren gesehen hat. Das Programm existiert derzeit noch als Entwurf, aber schon dieser Entwurf alleine, vollkommen unabhängig davon, ob er das Gesetzgebungsverfahren erfolgreich durchläuft oder dann von diversen Gerichten wieder kassiert werden könnte, dürfte eine verheerende Wirkung auf dem Berliner Wohnungsmarkt entfalten, die erst einmal ihres Gleichen suchen dürfte. Wer immer eine vermietete Wohnung in Berlin sein Eigen nennt, dürfte damit den besten Zeitpunkt des Verkaufes hinter sich haben und wer immer mit dem Gedanken gespielt haben dürfte, eine solche zu erwerben, wird schleunigst Berlin aus der Karte möglicher Alternativen streichen. Der SED dominierte Senat hat sich entschlossen die Vermieter der Hauptstadt faktisch zu enteignen, praktischerweise in einer Form, wo er meint, dass er keine Entschädigungen zahlen muss, was er bei offenen Enteignung, wenn auch unter sehr viel murren, tun müsste.

10. August 2019

Ai Weiwei hat Recht: Deutschland ist selbstzentriert. Er hätte auch „narzisstisch“ sagen können.

Als ob es dieser Probe aufs Exempel bedurft hätte, fanden in einem Interview (hinter der Bezahlschranke), welches ein Filmredakteur der WELT mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei führte, dessen das Gespräch einleitenden Äußerungen zu seinem bevorstehenden Wegzug aus Deutschland die größte Resonanz bei den Multiplikatoren dieser Republik. Deutschland sei „keine offene Gesellschaft“, sondern „eine Gesellschaft, die offen sein möchte, aber vor allem sich selbst beschützt“. Es gebe „kaum Raum für offene Debatten, kaum Respekt für abweichende Stimmen“, so der Dissident weiter.

Eine schlüssige Begründung für seinen Befund bleibt der bald 62-Jährige schuldig. Denn die von Ai Weiwei als Beispiel für seine Beobachtung angeführten Rauswürfe aus Berliner Taxis – einer davon als Klimax eines Streits über ein geöffnetes Fahrzeugfenster – lassen einen Bezug zu einer Verengung des Meinungskorridors vermissen und könnten nur dann als Beleg für eine mangelnde Offenheit der deutschen Gesellschaft dienen, wenn sie von Ressentiments getragen wären. Der Schluss, dass Ai Weiwei das Verhalten der Taxi-Chauffeure auf Rassismus zurückführt, liegt aufgrund seiner Erwähnung einer Befassung der Antidiskriminierungsstelle nicht allzu fern.

31. Juli 2019

"A small step for a man..."



Zu dem Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen schreibe, ist es nicht 50 Jahre, sondern genau ein halbes Jahrhundert und zehn Tage her, seit zum ersten Mal ein Mensch auf einem anderen Himmelskörper Spuren hinterlassen hat - denn der Ausstieg von Neil Armstrong erfolgte nach Mitteleuropäischer Zeit um 2 Uhr und 56 Minuten, gut drei Stunden nach dem Datumswechsel und gut sieben Stunden, nachdem die Mondfähre - das LEM, das Lunar Excursion Module um 20 Uhr 17 Universal Time (also der Zeitzone von Greenwich) im Mare Tranquillitatis, dem Meer der Ruhe, aufgesetzt hatte.  Und es ist sieben Tage plus ein Halbjahrhundert vergangen, seit die Kommandokapsel Columbia von einem Sikorski Sea King-Helikopter nach ihrem "Rücksturz zur Erde" im Pazifik an Bord des Flugzeugträgers U.S.S. Hornet gehievt worden war. Die drei Astronauten Neil Armstrong, Edwin "Buzz" Aldrin und Michael Collins verblieben allerdings noch bis zum 10. August in der präventiven Isolation ihrer winzigen Monade isoliert, bis, nach menschlichem Ermessen, sichergestellt war, daß kein irgendwie gearteter Keim, keine unbekannte Gefahr durch den kontakt mit dem außerirdischen Material zur Gefahr zu werden drohte. Niemand hatte ernsthaft mit einer solchen Möglichkeit gerechnet wie sie zwei Jahre später etwa der Film The Andromeda Strain, dt. Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All als Katastrophenfall durchspielte; aber angesichts der absoluten Neuheit, des allerersten menschlichen Kontakts mit dem Extraterrestrischen wollte die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA jegliches denkbare Restrisiko nach Möglichkeit minimieren. (Während der Pause zwischen den beiden Mondexkursionen, als sie Helme absetzten und während sie die insgesamt 21 Kilogramm eingesammelten Gesteins auf dem Gitterboden der Mondfähre für den Start vom Mond gleichmäßig verteilten, um eine Unwucht bei der Beschleunigung zu vermeiden, hatten die beiden Astronauten übrigens von "einem scharfen, an den Geruch von heißem Kupfer" erinnernden Geruch berichtet, der vom Mondgestein ausging.)

28. Juli 2019

"μῆνιν ἄειδε θεὰ Πηληϊάδεω Ἀχιλῆος..."

Der Sonntag den Künsten!

Zur allfälligen Erinnerung daran, was einmal mit dem Ideal der humanistischen Bildung gemeint war, in jenen verwehten Zeiten, da man im weißen, männlichen, christlichen und generell in zweifelhaften Traditionen grundierten Europa sich noch an derlei sozialen Konstrukten zu orientieren pflegte - also etwa vom Aufkommen des Bürgertums im Lauf des achtzehnten Jahrhunderts bis etwa in die Mitte des zwanzigsten (manche würden die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", den Sommer 1914, als Scheidemarke ansehen, doch wirken solche kulturellen Prägungen erfahrungsgemäß einige Jahrzehnte weiter fort, auch wenn "der Sturm, den wir Fortschritt nennen," um Walter Benjamin zu paraphrasieren, über sie hinweggegangen scheint) - als Memento daran sei, gewissermaßen als Gastbeitrag, diese kleine Fingerübung in Rezitation eingestellt, mit der ein womöglich nicht ganz unbekannter homo politicus vor einigen Jahren den praktischen Nutzen der Kenntnis klassischer Poesie ad coulos (und mitnichten nur ad auriculis) führte:


(Boris Johnson in der Talkshow des australischen Senders ABC, am 23. September 2013)

26. Juli 2019

Deutschland, das Venezuela der Klimaerwärmung. Ein kleiner Gedankensplitter.

Es ist heiß. Zweifelsfrei. Auch wenn der Rekord von Lingen wohl eher fragwürdig erscheint, so kann man beruhigt davon ausgehen, dass heute wirklich einer der heißesten Tage der letzten 150 Jahre gewesen ist. Und warm ist es noch immer: Vor meinem Fenster sind immer noch satte 30 Grad und Mitternacht ist gerade durch.

22. Juli 2019

Precht hat (in diesem Punkt) Recht: Die Deutschen lieben Verbote. Aber warum nur?

Richard David Precht ist der Robert Habeck der deutschen Philosophie. Wie der designierte Erlöser des bundesrepublikanischen Gemeinwesens sonnt sich der mit einer eigenen Sendung im Staatsfunk belehnte Weisheitsfreund in der ihm von Frauen und Medien entgegengebrachten Bewunderung, die mit rationalen Argumenten oder bei einer verständigen Würdigung der bisher erbrachten fachlichen Leistungen wohl nur schwerlich nachvollzogen werden kann.

In einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen Zeitung redet der Vordenker der geistigen Wellness nun staatlichen Verboten das Wort. Zusammengefasst äußert der promovierte Germanist, dass sich Politiker nicht aus Angst vor sinkenden Umfragewerten davon abhalten lassen dürften, das Vernünftige zu tun, zumal der Wahlbürger bei Einschränkungen seiner Freiheit erst verärgert sei, diese Restriktionen dann aber gutheiße, wie die Erfahrungen mit dem Tabakbann in öffentlichen Gebäuden und Gaststätten bewiesen. Eine Umgestaltung der Gesellschaft sei viel leichter, als man denke. Denn: „Die Menschen lieben Verbote.“

21. Juli 2019

SCRUM. Ein Gastbeitrag

"Scrum" als Rahmenwerk des Arbeitsalltags: Wenn Wissen durch Gewissen ersetzt wird.

Ein Gastbeitrag von Frank2000.

In diesem Forum stehen Themen der Tagespolitik oft im Vordergrund. Dabei gibt es in der Wirtschaft durchaus Themen, die sowohl eines ersten als auch eines zweiten Blicks würdig sind. Ich lade Sie ein mit mir zusammen eines dieser spannenden Themen zu durchleuchten: Scrum.
Fast überall in der westlichen Arbeitswelt, die sich mit Softwareentwicklung oder digitalen Produkten beschäftigt, hat sich Scrum als Rahmenwerk durchgesetzt. Dieser Artikel beschäftigt sich vor allem mit den Grenzen von Scrum und warum Scrum in so vielen Fällen problematisch ist.

20. Juli 2019

银色的声音沉默了。 Zum Tod von Yao Li



姚莉(1922年9月3日-2019年7月19日) / Yao Li (3.9.1922 – 19.7.2019)


银色的声音沉默了 - "Die Silberne Stimme ist für immer verstummt." 

Genau genommen stimmt dieser Satz natürlich nicht. Denn zum einem war die Stimme von  姚莉 (Yao Li), die gestern in Hong Kong im Alter von 96 Jahren gestorben ist, seit einem halben Jahrhundert "verstummt". Nach dem Tod ihres fünf Jahre älteren Bruders Yao Min, 姚民, Yao Min, am 30. März 1967, hat sie keine Schallplattenaufnahmen mehr eingespielt (obwohl sie bis zu ihren "offiziellen Bühnenabschied" 1975 noch als Sängerin auftrat, während sie als Managerin für EMI Music Records Hong Kong tätig war). Und zum anderen bleiben natürlich die mehr als 400 Lieder, die sie während ihrer Plattenkarriere ab Ende der 1930er Jahre aufgenommen hat.

17. Juli 2019

"Uschi kann brauchen, was es gelernt hat." Eine Scharade

Daß Frau von der Leyen gestern vom Europäischen zur neuen Präsidentin der EU-Kommission gewählt worden ist, wurde ja gestern schon an dieser Stelle gewürdigt. Hier nun sei auf ein paar Aspekte verwiesen, die sich an diesem Vorgang in nachgerade archetypischer Weise zeigen und die durchaus auf tiefer liegende Probleme und Webfehler in der Aufstellung dieses transnationalen Gebildes namens "EU" hinweisen - nicht zuletzt die unheilvolle Neigung des polit-medialen Komplexes, das "soziale Konstrukt" EU (hier ist dieses leidige Modewort einmal angebracht) mit dem Kultur- und Traditionsraum Eurpoa - dem "Abendland", der "alten Welt" - in ein zu setzen. Daß dies ist leicht polemisch-sarkastischer Weise geschieht, sei dem Protokollanten nachgesehen. Solche Flapsigkeit ist ein publizistisches Prärogativ der schreibenden Zunft genau dieses Europas, um das es hier geht, seit Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die Wien, Paris und London die Kaffeehauskultur aufkam und mit ihr die Gazetten, die literarischen und politischen Wochenblätter, die den Betreibern die Lauf- oder besser Sitzkundschaft sicherten. Die Tradition der publizistischen Agora als Hallraum der Öffentlichkeit verdankt ihr Herkommen mindestens im gleichen Maß der Einführung des Kaffees wie der Lockerung der frühneuzeitlichen Zensurgesetze.

16. Juli 2019

Marginalie: Panzer-Uschi wird zur Kaiserin gewählt

Wenn auch nur knapp, hat das Europäische Parlament Ursula von der Leyen (vulgo "Zensursula", "Panzer-Uschi") dann doch zur Kommissionspräsidentin abgenickt. Bereits vor dieser Kür hatte die Niedersächsin mitgeteilt, von ihrem Amt als Verteidigungsministerin zurückzutreten, dies unabhängig vom Ausgang des Votums der zwischen Straßburg und Brüssel migrierenden Deputierten. In der kaputtgesparten Bundeswehr wird diese Ankündigung mit großer Erleichterung aufgenommen worden sein. Denn eine weniger loyale und eine weniger auf die tatsächlichen Bedürfnisse der einstmals (zumindest in ihrem werblichen Selbstbild) starken Truppe eingehende Chefin (männlich/weiblich, vor "Röschen" jedoch immer männlich) haben die unter Waffen stehenden Verbände in der Bundesrepublik wohl noch nie erdulden müssen.
 
Aber was ist mit Europa? Wir sollten es da vielleicht mit Marx (Karl, nicht Reinhard) halten: Wenn man einer nach Ansicht des Verfassers glaubwürdigen, hier nicht offenzulegenden Quelle folgt, war José Manuel Barroso mit seinem Normsetzungsfuror die Tragödie. Der ischiasgeplagte Jean-Claude Juncker, dessen Kommission laut Mitteilung der vorbezeichneten Auskunftsperson die Gesetzesinitiativen auf der Ebene des Staatenverbundes im Vergleich zu der Regentschaft des Portugiesen immerhin um vierzig Prozent reduziert haben soll, und die schwache Kandidatin von der Leyen, die sowohl für den nach der Hegemonie in der EU strebenden Emmanuel Macron als auch für die zentrifugalen osteuropäischen Leader akzeptabel ist, wären demnach die Farce. Gaudeamus igitur!

Noricus

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13. Juli 2019

Wenn der Ofen ausgeht: Grüner Stahl und die Rückkehr der Atomkraft

Wie der eine oder andere Leser weiß, ist dieser Autor ein bisschen in der Welt des Stahls bewandert, insbesondere in seiner Erzeugung. Wenn man heutzutage nach Neuerungen und Innovationen in der Stahlindustrie sucht (die aktuelle METEC in diesem Jahr in Düsseldorf zeugt davon), dann gibt es neben dem unvermeidlichen Thema der Digitalisierung ein anderes, mehr oder minder interessantes Thema: Grüner Stahl.

9. Juli 2019

Vom Verfall des politischen Anstandes: Von Lammert zu Kubicki zu Roth

Der Mann, der den Berg abtrug, war derselbe, der anfing, kleine Steine wegzutragen.
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                                                                                     Konfuzius.

Es ist vielleicht eine lustige Ironie, dass es ausgerechnet Claudia Roth, die ja von Deutschland per se keine allzu hohe Meinung hat, zufiel, den bisherigen Tiefpunkt der traurigen Entwicklung des deutschen Parlamentarismus zu setzen, seit die AfD bei der Bundestagswahl 2017 plötzlich ein Achtel(!) des deutschen Volkes vertritt. So lehnte sie in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni diesen Jahres einen Antrag der AfD zum Hammelsprung zur Feststellung der Beschlussfähigkeit mit der Begründung ab, der Sitzungsvorstand würde die Beschlussfähigkeit (und damit die Anwesenheit von wenigstens der Hälfte aller Bundestagsabgeordneten) eindeutig bejahen. Die Geschäftsordnung des Bundestages sieht in Paragraph 45 der aktuellen Geschäftsordnung die Möglichkeit für eine Fraktion vor, die Beschlussfähigkeit in Frage zu stellen und damit einen Hammelsprung zu fordern. Allerdings hat eben diese Ordnung an der Stelle eine kleine Hintertür eingebaut, nämlich dass der Sitzungsvorstand die Beschlussfähigkeit in dem Moment nicht eindeutig bejaht. Was dieser aber tat, obwohl es offenkundig (und zwar absolut offenkundig) war, dass kaum ein Bruchteil der Parlamentarier anwesend war und man schon arge Tomaten auf den Augen haben musste, um hier von einer Beschlussfähigkeit auszugehen.

5. Juli 2019

Umfrage des Tages: Zweidrittelmehrheit für mehr Überwachung von Internetkommunikation und sozialen Netzwerken

Laut einer Umfrage des Deutschlandtrends halten

  • 71 % die Gefahr durch Rechtsextreme Anschläge für sehr hoch,
  • 66 % glauben der Staat "Neonazis und Rechtsextremen zu oft freie Bahn lasse" und
  • 65 % möchten deshalb Sicherheitsorganen mehr Befugnisse zur Überwachung von Internetkommunikation und sozialen Netzwerken einräumen,
wie die Welt in einem lesenswerten Artikel, der die Umfrageergebnisse zusammen fasst und teilweise bildlich darstellt, berichtet.


Techniknörgler

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4. Juli 2019

Zeitmarke, leicht verspätet. 23. Mai 1819: Vor 200 Jahren erschien "Rip Van Winkle"


(Titelseite der ersten Lieferung des Sketch-Book. Abb.: Wikimedia)

Daß diese Zeitmarke mit einer leichten Verspätung von gut 10-11 Tagen erscheint (was übrigens genau dem Unterschied zwischen dem "alten" julianischen Kalender und dem "reformierten" gregorianischen entspricht, als dieser 1582 für die katholische Christenheit - 10 Tage und anderthalb Säkula später, 1752 für England und seine Kolonien verbindlich wurde - 11 Tage), hat den schlichten Grund, daß das Jubiläumsdatum dem Protokollanten, als er zu Anfang des Jahres eine kleine Liste an fällig werdenden runden Gedenkmarken notierte (aus dem anstehenden Abschnitt: am 26. dieses Monats wird der Urvater der "Gaia-Theorie," James Lovelock, seinen 100. Geburtstag begehen; am 1. August jährt sich zum zweihunderdsten Mal der Geburtags von Herman Melville) schlicht nicht "auf dem Schirm war" und er bis erst drei Tage nach dem Verstreichen des Termins gewahr wurde. Man kann also, passend zum Thema sagen, er habe es schlicht verschlafen. Immerhin nicht um zwei volle Jahrzehnte, die der durchaus zweifelhafte Protagonist dieser kleinen Erzählung.

Ohne Worte

Auf der Facebook-Seite der FFF-Gruppe Fridays for Future Köln wurde heute folgendes Ersuchen gepostet:



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U.E.

© Ulrich Elkmann. Für eine knappe Anmerkung und Kommentare bitte hier klicken.

1. Juli 2019

Kein zweiter "Sommer 1914"

Don Alphonso, dessen Kolumne "Stützen des Gesellschaft" seit geraumer Zeit für Leser mit geistiger Unabhängigkeitserklärung so ziemlich der einzige Grund War, noch ein Augenmerk auf die Tageszeitung, "hinter der immer ein kluger Kopf steckt" (gemäß der längst in den Nebel der Bonner Urzeit entwichenen Eigenbewerbung der FAZ), bevor er im vorigen Frühling seinen Stecken von der immer mehr zur kleinen publizistischen Schwester der taz  mutierendenen faz zur Welt weitersetzte, hat heute auf dem Kurznachrichtendienst Twitter folgenden zum aktuellen Weltaufreger mitgeteilt: 



25. Juni 2019

Warum die Juden?

Die Frühmenschen breiteten sich, wohl von Afrika her, überallhin als Jäger, Bauern, Städte- und Reichsgründer aus: in Europa, Asien und auf dem amerikanischen Kontinent. Sie bauten in Ägypten und Amerika Pyramiden, entwickelten Waffen und hatten überall ein ähnliches Schmuckbedürfnis. Aber ihre Religionen und das Verhältnis zu Welt, Leid und Tod entwickelten sich sehr verschieden.

22. Juni 2019

Fall Lübcke: Artikel 18 Grundgesetz und der innerparteiliche Ausrichtungskampf

Gemäß dem Pressekodex (Ziffer 13) ist die Unschuldsvermutung auch von Journalisten in Ausübung ihrer Tätigkeit zu beachten. Daran sollte man angesichts der jeglichen berufsethischen Standards hohnsprechenden Agitation, die der gewaltsame Tod des CDU-Politikers und Regierungspräsidenten des Regierungsbezirks Kassel, Walter Lübcke, im bundesrepublikanischen Blätterwald ausgelöst hat, bei aller Resignation ob der voraussichtlichen Sinnlosigkeit solcher Kassandrarufe doch erinnern.

20. Juni 2019

Der Glaube und die Angst. Ein Gedankensplitter.

"Wer nichts weiß, muss alles glauben." 
                                                   Marie von Ebner-Eschenbach

Ein schöner Aphorismus, man glaubt kaum, dass er schon mehr als 100 Jahre auf dem Buckel hat. Folgender ist mir noch nicht begegnet, falls er neu sein sollte, reserviere ich mir hiermit das Copyright: "Wer Angst hat, glaubt alles."

19. Juni 2019

Von Ultimaten und Artikeln. "Liebe FfF-Kids..."


(Notstandsgebiet Münster, 19.6.2019; 16:30. Sichtbare Folgen des Klimawandels: Dürresommer fallen jetzt extrem aus. [Eigenes Photo])


...wir müssen mal ein ernstes Wort miteinander reden. So geht es, beim besten Willen, nicht. Daß ihr mit eurem freitgälichen Schulschwänzen Gratisaufmüpfigkeit simuliert, daß ihr, anders als bei früheren Anfällen von kollektivem Jugendirresein, nicht gegen die Politik, alle alten Spießer und deren Medien im Kreis hüpft, sondern mit deren Segen und Beifall; daß ihr keine Ahnung habt von dem, wofür ihr steht, daß ihr, die ihr unbedingt "das Klima" retten möchtet, nicht imstande sid, euren Wohlstandsmüll hinter euch ienzusammeln: geschenkt. Alles nachgesehen. Aber daß ihr augenscheinlich außerstande seid, die Notizbuchfunktion eurer Wischtelephone zu bedienen, daß ihr außerstande scheint, zwei Zahlen in einem Notizbuch aus Papier zu notieren (ja, Relikte aus dem Erdzeitalter wie wir benutzen dergleichen mitunter noch): das ist bedenklich. Wenn eure Lehrer nicht ein Auge darauf haben, verpaßt ihr doch glatt den Termin zum Schulschwänzen.

18. Juni 2019

"Was die Welt / im Innersten zusammenhält." Eine späte Adnote zum Tod Murray Gell-Manns

Zugegeben: die Nachricht ist nicht taufrisch, und für diejenigen, die Ereignisse und Wegmarken im Bereich der Naturwissenschaften verbuchen, sicher auch keine Neuigkeit mehr (auch wenn des Referent zugeben muß, daß sie, da er nicht breitbandig-allgemein, sondern nur noch sehr zielgerichtet ein Auge auf die Weltläufte hat, eine Woche brauchte, um bis zu ihm vorzudringen - so mag sie auch für andere um ewig gleichen Rauschen der politisch dröhnenden Kulisse untergegangen sein): Murray Gell-Mann, "Vater" der Quarks - oder besser: der Erklärungsmodell für Partikel, Untereinheiten, Elemente, aus denen sich die kleinsten Bausteine der Materie zusammensetzen - ist am Freitag, dem 24. Mai 2019, in Santa Fe im amerikanischen Bundesstaat New Mexico gut vier Monate vor seinem 90. Geburtstag und genau ein halbes Jahrhundert, nachdem er im Jahr der ersten bemannten Mondlandung den Nobelpreis für Physik verliehen bekommen hatte, gestorben. (Den Preis bekam er allerdings nicht für das schlüssige Postulat der Quarks von 1964, sondern für seine Beiträge zur Klassifizierung und Erklärung des gewissermaßen "darüberliegenden" Elementarteilchenzoos, unter anderem seines Klassifikationsschemas der Hadronen von 1953, der Neuformulerung der schwachen Wechselwirkung - die er mit Richard Feyman entwickelte und zur Chiralität, zum Symmetriebruch im Bereich der starken Wechselwirkung.)

17. Juni 2019

Görlitz oder: Wie die CDU lernte, den Pyrrhussieg zu lieben

Das ist ja noch einmal gut gegangen, mag man sich in so manchen Redaktionsstuben dieses Landes und allen relevanten Parteien außer der AfD gedacht haben. Und vielleicht waren die sogenannten Rechtspopulisten – jedenfalls jene, die außerhalb von Görlitz residieren – insgeheim gar nicht unglücklich darüber, dass der eigene Bewerber um den Posten des Oberbürgermeisters der ostsächsischen Stadt dem – darf man dies aufgrund der Ähnlichkeiten des Settings im Anklang an die letzte österreichische Bundespräsidentenwahl so schreiben? – Kandidaten des Establishments unterlegen ist.

16. Juni 2019

Robert Habeck und der Versuch meine Sprachlosigkeit in Worte zu fassen

­Zettel schrieb im März 2011, vor dem Hintergrund der innepolitischen Geschehnisse in Deutschland, inklusive der von den Grünen gewonnen Landtagswahl in Baden Württemberg, als Folge der Havarie eines Atomkraftwerks in Fukushima, folgende Sätze:

"Sie kriecht, die deutsche Volksseele. Mal ist sie mehr braun gefärbt, mal mehr grün. Die Dummheit ist dieselbe; das Bauchgefühl, das heute triumphiert hat. Die Dummen haben gewonnen.

Mir war um dieses Land nie bange gewesen. Jetzt glaube ich, daß Deutschland wieder der Unvernunft, daß es ein weiteres Mal Ideologen zum Opfer fallen kann."

Er wurde für diese Sätze damals im Diskussionsraum des kleinen Zimmers teilweise sehr heftig attackiert. Ich denke das lag daran, dass die meisten in seiner Kritik nur die (dann zugegebnermaßen sehr polemisch und unsachlich wirkende) Schmähung eines ungeliebten Siegers bei einer Landtagswahl sahen.

Ich selbst habe Zettels Kritik nie so verstanden. Mir schien Zettels Kritikpunkt ein anderer, welcher klar auf der Hand liegt: Eine Emotion, eine Angst diktiert die politische Entscheidung und rückt die Aufgabe unserer parlamentarischen Demokratie, einen gesellschaftlichen Interessenausgleich herbeizuführen, in den Hintergrund. Es ist wohl das, was Udo di Fabio in einem Interview, welches ich vor Zeiten einmal sah, als "den Hang der Deutschen zum Romantizismus in der Politik" bezeichnete: Die Neigung sich seinem Gefühl in Reinheit hinzugeben und Pragmagtismus zu schmähen.

10. Juni 2019

Dänisches Dynamit und deutscher Dogmatismus: Sozis mit rechtem Einschlag und grüne Monothematik

„Etwas ist faul im Staate Dänemark“ (Shakespeare, Hamlet), mag es in dem einen oder anderen europäischen Linken denken. Denn in dem skandinavischen Land wurde das progressive Dogma, wonach Programmentlehnungen bei den Rechtspopulisten nicht der sich bedienenden Gruppierung, sondern dem politischen Gottseibeiuns nützten, eindrucksvoll widerlegt. Die Sozialdemokraten aus dem nordnachbarlichen Königreich haben nämlich mit einem restriktiven Migrationskurs einen Sieg bei den heurigen Parlamentswahlen eingefahren, und die Dansk Folkeparti wurde von stolzen 21,1 Prozent anno 2015 auf ziemlich ernüchternde 8,7 vom Hundert dezimiert.

Freilich: Die 25,9 Prozent, die Socialdemokraterne beim diesjährigen Urnengang errungen haben, stellen im Vergleich mit den Resultaten von vor vier Jahren (26,3 vom Hundert) sogar einen leichten Verlust dar. Aber wenn man bedenkt, dass bei der deutschen Korrespondenzpartei ein Ergebnis von gut einem Viertel der gezählten Stimmen vor 15 Jahren mit Sicherheit noch zu einer Enthauptung des auf nationaler Ebene auftretenden Spitzenkandidaten geführt hätte und heutzutage die SPD solcherlei Zuspruch nicht einmal mehr in ihren Erbhöfen wie etwa Bremen erreicht, muss man vor Mette Frederiksen durchaus den Hut ziehen. Zugegeben: Bis hierher haben wir nur die halbe Wahrheit erzählt.

5. Juni 2019

Miszelle: "Kein Pillepalle"

Es gibt Nachrichten, bei denen erübrigt sich weitgehend eine Kommentierung. Sie sind selbsterklärend - oder versprechen, es im Rückblick zu werden. Sie werden gleichsam nur zu Protokoll gegeben; wer sie notiert, gehorcht der Chronistenpflicht. (Die legendärste Variante stellt vielleicht Franz Kafka lapidare Notiz vom 2. August 1914 dar: "Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. - Nachmittags Schwimmschule.") Aus dem gleichen Zweck sei deshalb nur kurz die Meldung hergesetzt, die heute Mittag die BILD-Zeitung als zunächst exklusive Notiz mitzuteilen wußte, ehe sie von den übrigen Verteilern der Kommunikation am Dorfbrunnen des Global Village, Ortsteil Germanien aufgegriffen wurde.

"In der Union bahnt sich offenbar eine Wende an:

"In der Fraktionssitzung am Dienstag sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach BILD-Informationen, die Union solle jetzt „die Nerven behalten“ und sich vor allem beim Thema Klimaschutz noch über den Sommer gedulden, da man die beiden in Auftrag gegebenen Regierungs-Gutachten noch abwarten wolle. Doch danach dürfe es von der Regierung „kein Pillepalle mehr“ geben, sondern Beschlüsse, die zu „disruptiven“ Veränderungen führten. Schließlich sei seit 2012 beim Klimaschutz nichts mehr passiert.

"Die Union müsse bei dem Thema mit Lösungen überzeugen und darüber beraten, wie man am besten eine Bepreisung des Ausstoßes von umweltschädlichem CO2 erreichen könne. Dabei dürfe es nicht darum gehen, immer noch einen Cent hier und dort draufzuschlagen."

Dies ist eine Miszelle, wohlgemerkt, keine Marginalie. Denn was sich in dieser Ankündigung abzeichnet, dürfte alles andere als marginal sein. Offenkundig hat der Wahlerfolg der Grünen bei der Europawahl dazu geführt, daß sowohl Sozial- wie Christdemokraten beschlossen haben, der einzige Weg zu künftigem Erfolg bestehe darin, das Geschäftsmodell der Grünen zu kopieren und durch Erhöhung der utopistischen Regelungswut zu übertreffen. Was sich hinter der detailfreien Formulierung "kein Pillepalle" verbirgt, ist nicht schwer zu erraten. Es dürfte nicht darum gehen, die Anzahl der Windräder in Deutschland von jetzt rund 35.000 auf 300.000 zu erhöhen, in der eiteln Hoffnung, die Winde zum beständigen Wehen animieren zu können. Vielmehr dürfte es ein Hinweis darauf sein, daß die in unschönem Ringelreihen der verschiedenen Medien seit Monaten angekündigte "Bepreisung des Ausstoßes von umweltschädlichem CO2" (ein in ihrer Umständlichkeit typische Merkel-Formulierung), kurz: die CO2-Steuer, im Herbst alternativlos ins Haus steht. Die traurige Notwendigkeit, sich vor der nächsten Reiseetappe in grüne Etappe noch über den Sommer gedulden zu müssen, dürfte weniger dem Warten auf Feigenblatt-Expertisen geschuldet sein, sondern zum einen dem schlichten Umstand, daß es für die Parteien der GroKo keine Möglichkeit gibt, dies vorher in eine legal bindende Form zu gießen - in dieser Woche findet die letzte Sitzungswoche des Bundestages vor der Sommerpause statt; die darauf folgende Sitzung ist für die zweite Septemberwoche, dem 9.9.2019, angesetzt. Zum zweiten, weil man wohl erst das Verstreichen der drei im Herbst anstehenden Landtagswahlen - in Brandenburg und Sachsen am 1. September, in Thüringen am 27. Oktober - abwarten möchte, um die zu erwartende Marginalisierung der eigenen Parteien und das zu erwartende hohe Abschneiden der Blaualternativen (die zumindest in Sachsen die stärkste Kraft stellen dürften) nicht noch zu verschärfen. 

3. Juni 2019

Arrivebätschi

Es war einmal ein kleines Mädchen, das ward von seinen Eltern Andrea geheißen, aber weil es so quirlig und vorlaut und nervig war, nannte alle Welt es nur "Bätschi". Es kam aus der Krachmacherstraße in Irgendwo; leider stammte es nicht aus Schweden, wo quirlige Anarchistinnen sonst gern herkommen, und es hatte auch keinen NeSüdseekönig als Papa, sondern stammte aus der Vulkaneifel, was vielleicht ihr explosives Temperament erklären könnte (später, nach vielen Jahren, erklärte sie einem Interviewer auf die Frage, ob die "Frankfurter Schule" sie beeinflußt habe: "He? Hallo? Ich habe eine Schule in der Eifel besucht!").

All das konnte sie nicht verwinden und trat der SPD bei. Auf die Frage, inwieweit ihr Denken von der Frankfurter Schule beeinflusst wurde, retournierte sie einst: “Hey hallo! Ich habe eine Schule in der Eifel besucht.” Andrea Nahles gilt als Ziehtochter der großen rheinland-pfälzischen Sozialdemokraten Kurt Beck und Rudolf Scharping. Bis heute unverkennbar, die Mixtur aus Bär und Ziege.

2. Juni 2019

Zitat des Tages: Bundeskanzler Habeck mit Grün-Rot-Rot

Mit diesem Ergebnis hätten die Grünen bei einer Regierungsbildung zwei Optionen: Mit der CDU/CSU kämen sie auf eine klare absolute, mit SPD und Linken immerhin noch auf eine knappe relative Mehrheit.
- "Grüne überholen erstmals Unions - SPD so schlecht wie nie" vom 01.06.2019 auf welt.de

Kommentar:
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Unter Politikjournalisten hatte Grün-Rot bereits 2010 eine Zweidrittel-Mehrheit  mit den Grünen vor der SPD. Dies brachte Ronald Gläser damals zu der Überschrift "Zweidrittelmehrheit für die neue Bundeskanzlerin Claudia Roth mit der SPD als Juniorpartner". Auch wenn es keinen konkreten Hinweis auf eine Unterstützung für Claudia Roth als Kanzlerkandidatin gab, so war dies doch die einzige Überspitzung an dieser Schlagzeile. 

Vor 3 Jahren konnte ich den deutlichen Vorsprung der Grünen vor der SPD unter Journalisten noch als Beleg für die Entkoppelung des Politikjournalismus vom Durchschnittsbürger anbringen. Das hat regelmäßig zu nachdenklichen Gesichtern geführt, selbst bei progressiven Studenten. Inzwischen dürften die sich in ihrem Selbstbild als Avantgarde bestätigt fühlen.

Nun mag man einwenden, das wir keine verfassungsändernde Mehrheit für Grün-Rot mit Claudia Roth als Bundeskanzlerin haben, sondern nur eine knappe Mehrheit für Grün-Rot-SED unter einem Bundeskanzler Habeck.

Aber seien wir mal ehrlich: Es braucht keine Zweidrittel-Mehrheit im gesamten Wahlvolk, um eine enorme Annäherung der Wähler an die grünen Vorreiter in den Medien zu erkennen. Die noch vor 10 Jahren in dieser Intensität abwegige Verschiebung zu den Grünen als stärkste Partei vor der CDU leitet nicht nur ein neues politisches Zeitalter in Deutschland ein. Auch der Vorwurf, Medienschaffende seien bezüglich ihrer Parteipräferenz zu weit vom Wahlvolk entfernt, greift nicht mehr.  

Wer jetzt noch die langfristig Auswirkung der grünen Dominanz in etablierten, narrativbildenden Institutionen auf die öffentliche Meinung und insbesondere die Prägung junger Menschen bestreitet, soll sich bitte aus der aktiven Politik zurück ziehen und langfristigen Strategen platz machen. Auf lange Sicht spielt für werte-orientierte Politik nur der erfolgreiche Landgewinn in narrativprägenden Institutionen eine Rolle. Seien es liberale Werte, seien es konservative Werte, sei es eine Mischung in der Form liberal-konservativer Werte, seien es klassische sozialdemokratische Werte der Arbeiterbewegung oder die grün-progressive Sozialarbeiter- und Kulturreformerbewegung. 

Und wer jetzt noch als CDU-Karrierepolitiker Angela Merkel unter der rein machtpolitischen Erwägung verteidigt, eine Regierung ohne Unions-Kanzler sei durch ihren Ausverkauf der CDU und der bürgerlichen, narrativprägenden Institutionen undenkbar geworden, hat den Schuss nicht gehört. 

Allerdings ist es für diese Erkenntnis jetzt wohl zu spät. Selbst eine Grün-Schwarze Koalition wäre jetzt auf Bundesebene (!) nicht mehr zwangsläufig unionsgeführt und die Grünen haben gute Chancen SPD und SED auf der einen Seite und die Union auf der anderen Seite bei Koalitionsverhandlungen gegeneinander auszuspielen. 



Techniknörgler

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31. Mai 2019

Marginalie: Stirbt mit dem alten, weißen Mann auch der Kavalier aus?

Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, so habe ich den Namen Michael Wendler zum ersten Mal in Berichten über einen Markenrechtsstreit gelesen. Falls Ihnen der besagte Herr gänzlich unbekannt ist, werte Leserschaft, so drückt sich darin nicht ein Mangel an Bildung, sondern vielmehr sogar ein Übermaß derselben aus. Denn intellektuelles Niveau wird ja gerne in der Distanz zu den Lustbarkeiten des breiten Publikums gemessen.

Michael Wendler ist, wie uns die Wikipedia aufklärt, „Sänger und Songschreiber“ und damit wohl genau die Kategorie einer öffentlichen Person, an der Interesse zu hegen dem durchschnittlichen Adressaten des Stern von dessen Redaktion unterstellt wird. Der Tonkünstler, so ist einem Eintrag im Online-Auftritt des Hamburger Wochenmagazins zu entnehmen, buchte nach allerlei Irrungen und Wirrungen für sich und seine bessere Hälfte zwei Plätze in einem Flugzeug von Miami nach Mallorca. So weit, so unspektakulär. Als problematisch an der Reservierung erwies sich, dass die beiden Sitze nicht nur nicht nebeneinander, sondern auch in unterschiedlichen Preisgruppen gelegen waren: der eine in der business, der andere in der economy class. Auch die Tränen seiner 18-jährigen Freundin, die – wie man als Sänger und Songschreiber wissen sollte – nicht lügen (ich spreche von den Tränen, von den Freundinnen will ich nichts gesagt haben), bewegten den 46-jährigen Barden – wir verhandeln ein Boulevardthema, dabei gehören Altersangaben zur lex artis – nicht dazu, mit dem Platz in der Holzklasse vorliebzunehmen und seiner Angebeteten die komfortablere Reisemöglichkeit zu offerieren, was das Nachrichtenmagazin entsprechend kritisch anmerkt.

30. Mai 2019

Je est l'autre: Victor Segalen nach 100 Jahren


(Victor Segalen, 1904 in Nouméa. Abb. Wikimedia)


Sein Ende war so merkwürdig und widersprüchlich wie alles an dem Mann, dessen Leiche in den letzten Tagen des Maimonats vor einhundert Jahren, am Mittwoch, dem 21. 5. 1919, in einem verlassenen Waldstück nahe dem kleinen Dorf Huelgoat in der Bretagne, im Départment Finisterre, dort, wo Frankreichs Landausläufer wie ein Finger in den Atlantik weist, nach zwei Tagen Abwesenheit von seiner Frau und einer guten Freundin der Familie gefunden wurde, auf dem aufgebreiteten Mantel liegend und eine Kopie von Shakespeares Hamlet neben sich, nachdem er sich zu einem seiner ausgedehnten Spaziergänge verabschiedet hatte, die er als Kur gegen seine Ausgelaugtheit, neuralgischen Anfälle und malariaähnlichen Zustände unternahm, nachdem er die vier Monate bis zum März in diversen Sanatorien verbracht hatte. Die Militärärzte vor Ort befanden auf einen Unfall: der 41-jährige Victor Segalen habe sich am Knöchel eine tiefe Fleischwunde beim Sturz über einen scharfkantigen Baumstubben zugezogen, habe beim Versuch, die Wunde abzubinden, das Bewußtsein verloren und sei am Blutverlust gestorben. Seine wenigen (damaligen) Leser und die, die von dem Leben des Autors, der heute einer classiques mineurs der französichen Literatur der Jahrhundertwende und einer der großen Klassiker des Exotismus gilt, warne von Anfang an überzeugt, daß er selbst seiner Existenz ein Ende gesetzt hat. Erst seine letzte Biographin, Marie Dollé, nennt in ihrem Buch Victor Segalen: Le voyageur incertain von 2006, den Suizid klar beim Namen.

Wenn die Realität kommt. Ein Streiflicht zum Schulschwänzen.

Die heilige Greta ist jetzt fast ein Dreiveirtel Jahr, ihre deutschen Jünger jetzt teilweise ein knappes halbes Jahr "im Streik" (mal ab von Ferienunterbrechungen). Und das Ende ist bisher nicht abzusehen.

28. Mai 2019

Starlink



"...dort oben leuchten die Sterne / und unten leuchten wir..." heißt es im Kinderlied, wenn es zum Martinstag, zu Beginn der tiefsten Jahresendzeit, darum geht, mit Laternen einen noch so bescheidenen Kontrapunkt zum schwindenden Tageslicht zu setzen. Gegen die unmittelbare Impression der scheinbar unendlich fernen und unendlich ewigen Leuchtfeuer (was sie in Bezug auf die Kleinheit und Kürze des menschlichen Lebens tatsächlich darstellen) in den Tiefen des Alls vermag alles menschliche Ingenium bislang nichts entgegenzusetzen. Nicht außerhalb der ebenfalls kleinen Bereichs der Kunst und der Literatur jedenfalls und den Bildern, die deren Metaphern und Themen in der menschlichen Phantasie anzünden. Gestaltungen und Zeichensetzungen menschlicher (oder jedenfalls sterblicher) Hand werden auch wohl noch in Jahrmillionen allein diesem Bereich vorbehalten sein: ob es nun darum geht, den Mars durch Terraformierung als eine zweite Erde ergrünen zu lassen, wie in Arthur C. Clarkes bekanntestem Science-Fiction-Roman The City and the Stars (1956) sieben Sonnen als Signum einer am Magie grenzenden Supertechnik in enger Formation einander umkreisen zu lassen (die deutsche Übersetzung isr denn auch unter dem Titel Die sieben Sonnen erschienen), wie in Jack McDevitts Infinity Beach aus dem Jahr 2000 ein halbes Dutzend passender Sterne gleichzeitig als Supernova zu zünden, um weit über die Grenzen des Inseluniversums unserer Milchstraße hinaus ein sichtbares Signal zu setzen: wir sind hier! wir sind intelligent! oder ob es wie in der Anmoderation von Ross Rocklynnes (1913-1988) kleiner Erzählung "Find the Face" (in Galaxy Science Fiction, September 1968) heißt: At the edge of forever, the stars form a Face. But whose? And why?



(Abb. Internet Science Fiction Data Base)

"The face was spread across that whole sky along whose star-clouded shores my elegant boat swam. it subtended an arc of 130°, and that was a lot of sky. I stared stupidly, expecting the face's drooping- star-gleaming lips to curl in contempt, his coal-sack nostrils to pinch in displeasure, his God-eyes, with groups of burning-bright stars where the irises were, to fume at me in cosmic anger. ... But no, his expression, frowning, distant, remained the same. How handsome a man, he that looked down upon me but through me; and, indeed, seemed to have no interest in me. The hair, gray-black, was swept in a haughty wave of radiant gases over his forhead, which in turn was so neatly limned and shaped by clouds and strings of primal hydrogen matter. Hair untidly covered the tops of of his ears, which in turn were but stellar helices with darks and brights of deftly brushed in by an Artist whose identity I could not conceive." (S. 70)

27. Mai 2019

Ibiza-Affäre: Königs- und Bauernopfer

Sebastian Kurz und seine Übergangsregierung sind Geschichte. Der Nationalrat hat sämtlichen Mitgliedern des Kabinetts um den ÖVP-Shootingstar das Misstrauen ausgesprochen. Ist der 32-Jährige in seinem (jedenfalls für einen Politiker und im Vergleich zum Verfasser dieser Zeilen) zarten Alter bereits ein Gescheiterer?

Ich glaube nicht: Eigentlich hätte es für Kurz nicht besser laufen können. Bei der Europawahl fuhr seine Partei satte Gewinne ein – in dem österreichischen Bundesland, das der endunterfertigte Autor (vor allen anderen) liebt, kamen die Schwarzen auf wahrlich volksparteiliche 44 Prozent – und die motley crew der Unterstützer des Absetzungsantrages – SPÖ, FPÖ und JETZT (Liste Pilz) – dürfte nicht viel mehr einen als ihre Abneigung gegen Sebastian Kurz. Anders gesagt: Das Volk hat für den jungen Kanzler gestimmt, eine Politikerelite gegen ihn. Das ist eigentlich der perfekte Märtyrerstatus, wie ihn die Blauen so gern für sich verbuchen würden.