19. Mai 2019

Der dritte Mann oder: Wer steckt hinter dem Ibiza-Video, das die österreichische Politik erschüttert?

Tragik und Komik liegen bekanntlich eng beieinander. Und so ist es wohl die personale, letztlich vielleicht nur aus seinem charakterlichen Habitus erklärbare Tragik des Heinz-Christian Strache, dass er, obwohl im Laufe des nunmehr berühmt-berüchtigten Abends des 24. Juli 2017 eine „eingefädelte Falle“ witternd, in diese getappt ist. Die Komik der Begebenheit liegt darin, in welch unvergleichlich plumper Art und Weise sich der zurückgetretene FPÖ-Chef bei der Zusammenkunft auf Ibiza um Kopf und Kragen geredet hat.

Wenn man die in den letzten Tagen ohnehin reichlich zur Anwendung gelangte Recht-und-Moral-Brille beiseitelässt, so ist der völlige Mangel an Format, der sich in Straches redseliger Prahlerei manifestiert, das eigentlich Verstörende an dem der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel zugespielten Video. Zutreffend stellt Claudius Seidl in einem nunmehr hinter die Bezahlschranke verschobenen Beitrag für die FAZ fest, dass patentierte bad guys ganz anders in eine solche Begegnung gegangen wären.

18. Mai 2019

Abflug?

Nur eine winzige Mißzelle, eigentlich nur ein Halbsatz. Aber er sei als zetliche Wegmarke hergesetzt,

Im Kaffeesatz der Zukunft zu lesen zu versuchen, ist stets eine mißliche Angelegenheit; der neben Mark Twain so ziemlich jedem weiteren skeptischen Denker zugeschriebene Satz "Voraussagen sind schwerig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen" hat mehr als seine Berechtigung. Auf der anderen Seite gibt es so etwas wie eine Erwartungshaltung in bezug auf das, von dem man erwartet, daß es ins Haus stehen könnte. Und in diesem Punkt möchte der Protokollant zu Protokoll geben, daß er seine bisherige felsenfeste Haltung, was das weitere politische Schicksal der Frau Bundeskanzler, Dr. phys. Angela Merkel, anbetrifft, leichte Risse bekommen hat.

16. Mai 2019

"Kära fröken Greta..."



"Jag tillstår, sade fröken Greta, att jag tycker hon år det skönaste som Gud skapat - blott allt för mycket luftig, alltför litet folk. Man tycker, att hon, rätt som det år, kunde försvinnar i en sky." - Fredrika Bremer (schwedische Romanautorin, 1801-1865), Nina. Stockholm: L. J. Hjerta, 1835, Bd. I, S. 43-44.

("Ich gebe zu, daß Fräulein Greta gesagt hat, daß ich sie für das Schönste halten würde, daß Gott erschaffen hat - nur ist sie viel zu abgehoben, viel zu kindisch. Man hat den Eindruck, daß sie sich in jedem Augenblick auflösen und wie eine Wolke verschwinden könnte.")

Kära fröken Greta, dear Ms Thunberg, liebe, geehrte ... 

... und hier stutze ich schon in meinem Schreiben an Sie, an Dich, an Euch - denn ich habe nicht angefragt, welchem der zahlreichen in Frage kommenden Geschlechter Sie sich selbst zuzuordnen belieben, ob als unentschlossen, präpubertär, als Pippi-Langstrumpf rediviva oder als Neuauflage von Lotta aus der Krachmacherstraße (eine Rolle, die Ihr Vater Svante Ihrer kleinen Schwester Beata zuschrieb; bei Ihnen würde es sich somit um ihre ältere Schwester Mia Maria handeln) - und ohne eine solche Klärung wäre eine Anfrage an Sie behufs einer solchen Klärung eine üble Zuschreibung meinerseits, Essentialismus oder Existenzialismus oder Expressionismus - auf jeden Fall bäh und pfui in der politischen Diktion des 21. Jahrhunderts, das keine komplizierten Wörter mit mehr als zwei Silben schätzt und lieber mit dem Herzen sieht. Es geht um folgende Sache:

12. Mai 2019

Und sie diskutieren doch: Wie und warum in Frankfurt nicht geschehen ist, was sonst so häufig passiert

Mit den Worten „Es kam diesmal anders“ lässt Thomas Thiel auf FAZ.net seinen sehr lesenswerten Artikel über eine an der Universität Frankfurt abgehaltene, im griffigen Journalisten-Jargon als „Kopftuchkonferenz“ bezeichnete Veranstaltung beginnen. Tatsächlich: Der auf Twitter erschienene Hashtag #schroeter_raus, unter dem von einem letztlich unidentifizierten Autor nicht nur zur Absage des Debattentermins, sondern auch zu einer Entlassung von dessen Organisatorin, der in der Bankenmetropole lehrenden Ethnologin Susanne Schröter, aufgerufen wurde, führte trotz Unterstützung seitens der Lobby der Verhüllungsfreunde nicht zu dem erwartbaren Geschehensablauf. Vielmehr fand der Gedankenaustausch statt; von einer Emeritierung der Professorin ist keine Rede.

Solcherart spielten sich vergleichbare Situationen freilich nicht immer ab, wie die durch Susanne Schröter selbst erfolgte Ausladung des Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, im Jahr 2017 belegt. Die NZZ ordnet die damalige Reaktion der Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam richtig ein: Seinerzeit sprachen sich nämlich sowohl eine nicht unbeträchtliche Anzahl Lehrender als auch der Allgemeine Studentenausschuss (AStA – in der Eigenbezeichnung wohl eher „Studierendenausschuss“) dagegen aus, Wendt, dem man zweifellos ein großes Bewusstsein für Publicity nachsagen kann, was seine Dämonisierung als Hassfigur der Linken aber nicht rechtfertigt, einen Platz auf dem Podium einzuräumen.

9. Mai 2019

Waldkampf



Wenn man nachts im Traum in einem Buch liest... 

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Klong! Kalong! Plonk! Hier ist Schang Kloot, und er kommt die Treppe hinab gekollert, gebeugt von der Last der EU und geplagt vom Ischias, den Kopf voran, eine Stufe nach der anderen. Soweit ihm bekannt ist, ist das die einzige Art und Weise, nach unten zu gelangen. Manchmal scheint es ihm, als ginge es auch anders, wenn ihm das Gepolter nur einen Moment Zeit lassen würde, darüber nachzudenken. Und dann wieder scheint es alternativlos. Als er und die EU ganz unten angekommen waren, weil es nicht mehr tiefer ging, setzte er sich langsam auf, hielt seinen schmerzenden Kopf und sagte zu sich: 

"Aua! Pu! Ich muß mir für diese EU wirklich etwas einfallen lassen. Das wird nicht leicht für einen Bären von sehr geringem Verstand, wie ich es bin. Aber es bleibt mir wohl keine Wahl. Pu!" Und so wollen wir ihn im Weiteren auch nennen.

7. Mai 2019

Danke für nichts. Werbepause redux

Liebe (lieber? liebes?) EDEKA: an dieser Stelle wurde vor mittlerweile gefühlten zweieinhalb Ewigkeiten - im November 2016 - eine leicht launige Lanze für Euch gebrochen, als Eure damalige Weihnachtswerbung unter den reichlich hanebüchenen Verdacht gestellt wurde, ihr würdet damit finstere nationalistische, intolerante, vorgestrige und überhaupt mittelalterliche Botschaften den nichtsahnenden Zuschauer direkt ins Unbewußtsein beamen (Werbepause). Wie es scheint, war das wohl leicht voreilig gehandelt. Zum diesjährigen Muttertag habt ihr euch zum Ausgleich einen Spot gegönnt, der immerhin auf die Auslotung Freud'sche Untiefen verzichtet und seine schlichte Botschaft unverstellt präsentiert: "Wir sagen Danke."

5. Mai 2019

Europa ist die Antwort? Ein Gedankensplitter zum Verlust linker Macht.

Die ehemals sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) ist ja nun schon des öfteren durch eher, sagen wir mal simple, Wahlplakate aufgefallen. Wenn man nix zu sagen hat, dann sagt man es möglichst blumig, vielleicht fällt noch das eine oder andere Stimmvieh darauf herein. Auch zur Europawahl diesen Jahres plakatiert sie ähnlich blumig: "Europa ist die Antwort."

Nun, es ist schön, dass die SPD meint Europa sei die Antwort, vor allem wenn man bedenkt, dass niemand, auch nicht die SPD, eine Frage gestellt hat. Nun ist aber die Frage nach der Frage eigentlich eine ganz spannende und vielleicht in der Konsequenz die Wahlwerbung eine etwas zu ehrliche, als die Genossen sich das eigentlich wünschen.


4. Mai 2019

Zeitmarke. 五四运动 - 4. Mai 1919. Vor 100 Jahren fiel der Startschuß für Chinas Aufbruch in die Moderne



Was am Sonntag, dem 4. Mai 1919, vor genau einhundert Jahren also, auf dem Tainnammen-Platz, dem "Platz des Himmlischen Friedens" in Beijing, damals dem Westen noch durchweg in der Variante Peking geläufig, seinen Anfang nahm und seither als 五四运动, wǔ sì yùndòng, "Bewegung des Vierten Fünften" geläufig ist, war, rein historisch betrachtet, eine kleine Fußnote, eine eher unbedeutende Episode in der Unruhe und dem politischen Chaos, das das nominell republikanisch verfaßte China, gut acht Jahre nach dem Ende der letzten Kaiserdynastie der Qing unter dem damals sechsjährigen Kindherrscher auf dem Himmelsthron, dem Xuantong-Kaiser (宣統帝), der aller Welt unter seinem "bürgerlichen" Namen 溥仪 / Puyi geläufig ist, den er führte, seit ihn die Putschistenregierung des Warlords Feng Yuxiang nach ihrer Machtübernahme in Beiping (wie die "Hauptstadt des Nordens", Bei Jing, von 1922 bis zur Machtergreifung der Kommunisten 1949 hieß) aus der Verbotenen Stadt nach Tianjin vertrieben hatte, ausmachte. Kulturell und für das Selbstverständnis Chinas auf seinem Weg in die Moderne ist diese Episode hingegen kaum zu überschätzen.


3. Mai 2019

"Klimanotstand"


Münster (Westf.), Tag 3 der Reiwa-Ära - 令和 の3日目 (Fr., d. 3.Mai 2019). Die judäische Klimastreikfront ist aus den Ferien zurück. (Eigenes Foto)

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Von Carl Schmitt (1888 bis 1988) ist ein Zitat im Gedächtnis geblieben, das, ungeachtet seiner üblen Rolle als "Kronjurist" und Rechtfertiger der diktatorischen Willkür im Dritten Reich in seiner Triftigkeit weiterhin Bestand für sich beanspruchen kann. Es findet sich zu Beginn seiner ersten Schrift, Politische Theologie - Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität, erschienen 1922, und lautet: "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet" (S. 9). Von daher bitte ich um nähere Auskunft: Wann genau hat die Endzeitsekte namens "Fridays for Future", kurz FfF, um die bezopfte Erlöserin aus Schweden, die kindliche Kaiserin des Klimastreiks, in deren Zeichen seit ein paar Monaten jeden Freitagnachmittag der Schulunterricht boykottiert wird, in diesem Land noch mal die Regierungsgewalt samt der Befugnis zur Ausrufung des Ausnahmezustands übernommen? Um die Agenturmeldungen von gestern zu zitieren:

Als erste Stadt in Deutschland hat Konstanz den Klimanotstand ausgerufen. Wie ein Sprecher der Schüler-Bewegung "Fridays for Future" Konstanz am Donnerstagabend mitteilte, fasste der Gemeinderat auf deren Initiative hin dazu einen einstimmigen Beschluss. Die Stadt Konstanz stellt damit alle Entscheidungen unter einen Klima-Vorbehalt.Wie die Stadt im Internetdienst Twitter mitteilte, wurde die Stadtverwaltung beauftragt, zusätzliche Maßnahmen zur Umsetzung des Beschlusses auszuarbeiten. Sie soll nach Angaben von "Fridays for Future" auch künftig einen jährlichen Report über den Fortschritt bei der Vermeidung von CO2-Emissionen herausgeben.
Nach diesem Muster hatten zuvor bereits die Städte Vancouver, Oakland, London und Basel den Klimanotstand beschlossen. Die seit Monaten andauernden Schülerdemonstrationen von "Fridays for Future" können damit in Deutschland einen wichtigen politischen Erfolg verbuchen. "Die Ausrufung des Klimanotstandes durch den Konstanzer Gemeinderat ist ein wichtiges Zeichen für ganz Deutschland", erklärten die Organisatoren in der baden-württembergischen Stadt. (FOCUS)

Man muß das - obwohl es offenkundig sein sollte - wahrscheinlich immer wieder repetieren: es gibt keine Katastrophe, die sich hier auswirkt, die Wüste wächst nicht, schon gar nicht bis an die Ufer des Bodensees; verheerende Dürren oder Überschwemmungen sind nicht zu vermelden, kein Atoll ist, trotz jahrzehntelanger Ankündigung, in den Fluten des Pazifik oder des Indischen Ozeans versunken, sämtliche Termine, an denen der Menschheit ob ihres schändlichen Umgangs mit dem Klima, der Umwelt, der Atmosphäre das Wasser bis zum Hals stehen sollte, sind ergebnislos verstrichen, selbst die Anzahl der globalen Eisbärenpopulation (dem langjährigen Wappentier des Klimaalarmismus) mußte Anfang dieses Jahres gegenüber den extrapolierten Zahlen um 3800 Tiere auf jetzt weltweit 29.800 nach oben korrigiert werden (wie man in diesem Bericht auf S. 3 nachlesen kann). Die Wetterkapriolen - wie die kurze Hitzeperiode im Frühsommer des vergangenen Jahres - halten sich durchweg im Bereich der Variabilität der langjährigen Durchschnittswerte (und waren kein Vergleich mit dem Juli und August des "Jahrhundertsommers" 2003). Gestern morgen um 06:00 herrschten im Konstanz Lufttemperaturen von 5,8°C, die bis Mittag auf 18,6 Grad anstiegen; heute Nacht ging dort länger anhaltender Regen nieder, der gegen 6 Uhr morgen die Niederschlagsmenge von 10,3 Liter pro Quadratmeter erreichte (sh. hier): ein absolut durchschnittliches April-Schmuddelwetter also. Was treibt Gemeinwesen in Deutschland, in Europa, der westlichen Welt, dazu, hier allen Ernstes unter dem Rubrum "Notstand" Maßnahmen zu erlassen, ohne jeden konkreten Anlaß, ohne tatsächliche Notsituationen, die dergleichen rechtfertigen würden? Natürlich kann man darauf verweisen, daß es sich hier ja nur um "Symbolpolitik" handelt, um die Ankündigung reichlich belangloser "Gutachten", von denen zu erwarten steht, daß sie Städten wie Landkreisen im Zug des ohnehin grassierenden Zeh-Oh-Zwei-Fiebers ohnehin ins Haus stehen werden. Daß hier bislang nichts weiter als ein ziemlich folgenloser Kotau von dem herrschenden Zeitgeist stattfindet. Nur sollte man dabei im Hinterkopf behalten, was der Begriff "Notstand" gemeinhin an Bedeutung in sich trägt. Um aus der Definition des Online-Lexikons Wikipedia zu zitieren (eingedenk der dort aufgeführten Warnungen, daß es sich nicht um belastbare Rechtsauskünfte handelt; hier geht es um die semantische Bedeutung dieser Vokabel):

"Kommt es in einem bestimmten Gebiet aufgrund von Naturkatastrophen, Krieg, Aufruhr oder ähnlichem zu einer unüberschaubaren Lage, so kann der Notstand, auch Ausnahmezustand, ausgerufen werden. In der Regel hat dies dann zur Folge, dass die öffentliche Gewalt auf ihre Bindung an Gesetz und Recht insoweit verzichten kann, wie sie es zur Bekämpfung des Notstandes für erforderlich hält. In den demokratischen Ländern bedeutet der Notstand in der Regel die Verkürzung des Rechtsschutzes gegen hoheitliche Maßnahmen sowie Zurückdrängung von längere Zeit in Anspruch nehmenden behördlichen oder legislativen Verfahren." (Wikipedia, Artikel "Notstand")

Es mag sein, daß ich hier, wie man so volkstümlich sagt, die Flöhe husten höre und das Gras wachsen sehe: aber wer würde, angesichts der bereits in Kraft getretenen Fahrverbote für Dieselfahrzeuge anhand irrwitziger "Belastungen" durch Stickoxide und Feinstaub (die während der mehr als drei Jahrzehnte, in denen der Öko-Wahn bereits in diesem Land grassiert, nie als bedrohlich ausgemacht worden waren), angesichts der sich abzeichnenden Zerschlagung des Automobilindustrie durch Staat und von jeder Verantwortung befreite Lobbygruppen, eine Garantie dafür abgeben mögen, hier würde es bei bloßer Symbolik bleiben? Hier würden nicht genau solche Beschlüsse demnächst zum Anlaß genommen, tatsächlich Notstandsmaßnahmen zu erlassen, in die verheerender Weise in die bürgerlichen Freiheiten und Besitzrechte der Staatsbürger eingreifen? Daß die Medien, in Tateinheit mit der Politik, dem so unreflektierten wie infantilen Treiben der Klimakids Beifall zollen - bis hin zur EU-Führung in Gestalt eines Herrn Juncker und dem Oberhaupt der katholischen Kirche, darf als ein durchaus beunruhigendes Zeichen gewertet werden.

Man sollte die historischen Parallelen nicht überstrapazieren. Aber beunruhigend bleibt der Gedanke, daß beim letzten Durchgang, als, um die bekannte Zeile von Herbert Grönemeyer zu zitieren "den Kindern das Kommando" gegeben wurde, als ihnen nahegelegt wurde, sie dürften die öffentliche Ordnung, die herrschenden Institutionen ohne Bedenken zerschlagen, ohne Rücksicht auf Konsequenzen, im Namen einer höheren Gerechtigkeit - als ihnen dies von der eigenen politischen Führung auf Auftrag erteilt wurde, vor einem halben Jahrhundert, hieß das Unterfangen bekanntlich "Kulturrevolution". Auch dort herrschte die Regression, die Infantilität, der besinnungslose Rausch des Hier-und-Jetzt, und die Slogans der Roten Garden ("Es ist erlaubt, das Hauptquartier zu bombardieren!") unterschieden sich in ihrer benehmenden Primitivität in nichts von den immergleichen einfältigen Parolen einer Greta Thunberg.

Andererseits läßt sich eines ebensowenig übersehen: die "Schulstreiks fürs Klima" sind in ihrer tatsächlichen Wirkungslosigkeit, in ihrer dummen Hilflosigkeit nichts weniger als lächerlich. Sie sind die Travestie eines tatsächlichen Aktionismus, eine Persiflage gegenüber dem tatsäclich zerstörerischen Potential, wie es die von der - im buchstäblichen Sinn massenmörderischen - "Großen Proletarischen Kulturrevolution" inspirierten "68er" - an den Tag legten, bis hin zu des destruktiven Energie, die die Anti-Atomkraft-Bewegung zehn Jahre darauf oder noch die "Antifa" entwickeln konnten, als sie vor zwei Jahren anläßlich des G7-Gipfels in Hamburg das dortige Schanzenviertel zwei Nächte in Trümmer legen konnten. Wenn sich die Politik von diesem Kindergarten auf der Nase herumtanzen läßt, sagt dies mehr über ihren eigenen desolaten Zustand als über "die Macht der Straße" aus, die als gesellschaftliche Gegenkraft darin Ausdruck findet (Neu ist dieser Befund nicht: in der "Occupy-Bewegung" von 2011 zeigte sich die Desolatheit der "Protestkultur" zum ersten Mal in dieser hilflosen Form ganz unverstellt). Überhaupt scheint dieser seit Generationen etablierte Gegensatz  -"ihr da oben - wir hier unten!" - in den letzten zehn, vielleicht zwanzig Jahren seltsam aufgehoben zu sein: hier arbeiten nicht mehr unterschiedliche Pole im gesellschaftlichen Geschehen gegeneinander; hier leben sich zwei Pole frei aus, die beide - die "Politik" wie die "Straße" (wahlweise: "das Volk", "die Gegenkultur") genau dasselbe aufs Panier geschrieben haben: einen unreflektierten Gutmenschen-Utopismus, der um die Widersprüche der Wirklichkeit nichts weiß und der glaubt, sämtliche - vermeintlichen wie tatsächlichen Gegensätze und Friktionen mit hemmungslosen Geldgeschenken und dem Skandieren einfältiger Slogans bewältigen zu können - in Tateinheit mit einem ebenso enthemmten Hedonismus, der zwar schrill beklagt wird (von der "Politik" ebenso wie in den schlichten Parölchen): aber es bleibt seltsam folgenlos: ein immer wieder in den Medienberichten auftauchendes Bild der "Zukunfts-Freitage" war, daß die hüpfenden Jugendlichen nicht einmal bereit waren, den von ihnen hinterlassenen Berg von Fastfood- und Süßigkeits-Verpackungen einzusammeln, ja, daß ihnen dies als Zeichen dessen, was sie hier "anklagen", nicht einmal ansatzweise bewußt wäre.

Es ist diese Janusköpfigkeit, die so bezeichnend für den momentanen Abschied von aller Vernunft (den jegliches Jugendirresein nun einmal in sich trägt) ist: ist dies eine Bewegung, die einen tatsächlich zerstörerischen Kern in sich trägt, eine Kulmination aus einem halben Jahrhundert Gegenkultur und Verachtung aller "westlichen Werte", allen "Fortschritts" im Namen einer ahnungslosen Naturromantik, die aber die westliche Moderne seit ihrer Entstehung als dunkle Gegenströmung begleitet hat und vor einem halben Jahrhundert mit "1968" zum ersten Mal wirkmächtige Form gefunden hat, die sich seitdem vor allem im Zeichen der Öko-Bewegung (aber auch anderen inhaltsfreier Heilslehren wie etwas des Genderismus) hat ausdehnen können? Oder ist dies nichts als eine letzte Form infantiler Wohlstandsverwahrlosung, die wie ein Spuk verschwinden wird, sobald der Strom nicht mehr ununterbrochen aus der Steckdose kommt und die drei Mal im Jahr angesetzten Flüge in den Kurzurlaub tatsächlich dem neuen Puritanismus zum Opfer fallen? Vielleicht (ja, wahrscheinlich) scheint: beides. Noch aber ist, auch in diesem Bereich, eine bedrohlicher Krise dieses unlustigen Treibens nicht in Sicht; es ist noch viel Luft nach oben. Und bis es so weit ist, werden wir in diesem Land noch zahlreiche bizarre Manifestationen dieses Irrsinns bewundern dürfen. Einen Vorgeschmack gab es bereits 24 Stunden nach der ersten Ausrufung des "Notstands":

Klima-Aktivisten stellen RWE ein 47-Tage-Ultimatum
Auf der Hauptversammlung des Energieversorgers stellen die „Fridays For Future“-Aktivisten den Konzern an den Pranger. Doch mit ihrer Kritik ignoriert die Schülerbewegung den radikalen Wandel des Unternehmens. Klima-Aktivisten Luisa Neubauer von der Schülerbewegung „Fridays For Future“ ermahnte die Eigentümerversammlung: „Jede Person hier im Saal trägt Verantwortung.“ „Kein Konzern in ganz Europa trägt mehr Verantwortung für die Klimakrise als RWE“, erklärte Neubauer, die im Namen der kritischen Aktionäre das Rederecht auf der Hauptversammlung ausübte. Die RWE-Anteilseigner verkauften „ihre Verantwortung für ein paar Cent Rendite“. Im Saal wurden Unmutsäußerungen laut.










U.E.

© Ulrich Elkmann. Für Kommentare bitte hier klicken.

1. Mai 2019

Vorwärts zum wahren Sozialismus! Herr Kühnert legt die Karten auf den Tisch.

Es gibt Meldungen, bei denen kann man sich jedwede Kommentierung ersparen. Man braucht sie nur im Original-Ton zu präsentieren; sie richten den, den die Verlautbarung betrifft. So auch die Äußerungen, die der Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten in der SPD, kurz Jusos genannt, heute aus Anlaß des Tags der Arbeit von sich gegeben hat, dem bezeichnenderweise höchsten Feiertag im liturgischen Festkalender aller sozialistischen Systeme. Wie die Welt vermeldet:

"Kühnert fordert Kollektivierung von Großunternehmen
Juso-Chef Kevin Kühnert hat die Kollektivierung von Großunternehmen wie dem Automobilkonzern BMW gefordert. "Ohne Kollektivierung ist eine Überwindung des Kapitalismus nicht denkbar", sagte Kühnert der Wochenzeitung "Die Zeit". Auch private Vermietungen solle es im "Optimalfall" nicht mehr geben.

"Wie genau solche Kollektivierungen ablaufen sollten, ließ Kühnert in dem Interview offen. "Mir ist weniger wichtig, ob am Ende auf dem Klingelschild von BMW 'staatlicher Automobilbetrieb' steht oder 'genossenschaftlicher Automobilbetrieb' oder ob das Kollektiv entscheidet, dass es BMW in dieser Form nicht mehr braucht", sagte er der "Zeit". Entscheidend sei, dass die Verteilung der Profite demokratisch kontrolliert werde. "Das schließt aus, dass es einen kapitalistischen Eigentümer dieses Betriebs gibt."

28. April 2019

先生林德納说中文。Herr Lindner spricht Chinesisch



Vorgestern also, am Freitag den 26. April hat auf dem 70. ordentlichen Parteitag der Freien Demokratischen Partei in Berlin ihr Bundesvorsitzender Christian Lindner einen kleinen publizistischen Coup gelandet, indem der seine gut einstündige Rede mit einem auf Mandarin vorgetragenen (freilich mühsam vom Spickzettel abgelesenen, aber anschließend auf Deutsch wiederholten Satz eröffnet hat, während hinter ihm vier Hanzi in den Farben des Parteilogos kanariengelb auf magentafarbenem Hintergrund prangten, die wohl für die meisten anwesenden Delegierten ebenso böhmische Dörfer dargestellt haben dürften. Das Ziel des Redners war auch nicht, unbedingt verstanden zu werden, sondern dient als Fingerzeig auf die wachsende Bedeutung der zweitgrößten Wirtschaftsnation im 21. Jahrhundert und ihre wachsende Verflechtung in die globale Ökonomie. Um die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu zitieren:

„Nach Lage der Dinge“ würden „unsere Kinder“ künftig neben Englisch auch Chinesisch lernen müssen, sagte Lindner mit Blick auf den wachsenden weltweiten Einfluss Chinas. Er habe einen „Selbstversuch gestartet“ und könne daher nun sagen: „Diese Sprache ist ein Brocken.“ Daher solle alles dafür getan werden, „dass es sich für die Chinesen auch weiterhin lohnt, Deutsch und Englisch zu sprechen“.

Aus der Schwalbenperspektive (21): Der Strafstoß, der alles entscheidet?

Nach der Aufregung um das abrupte Ende der Nationalmannschaftskarrieren von Jérôme Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller hat der deutsche Fußball seinen neuen Skandal: Die Rede soll hier nur en passant von dem heftig umstrittenen Strafstoß zugunsten des FC Bayern in dessen Pokalhalbfinal-Match gegen Werder Bremen sein. Konsens dürfte darüber herrschen, dass die betreffende Elfmeter-Entscheidung zumindest diskussionswürdig war. Doch bei allem Verständnis für den Unmut der hanseatischen Kicker sind ins Verschwörungstheoretische tendierende Ansätze (der berühmte Bayern-Bonus) und die Mär, der Sportverein aus der Stadt an der Weser sei durch den Fingerzeig auf den Punkt um seine Fahrt nach Berlin gebracht worden, was angesichts der über den gesamten Spielverlauf zu konstatierenden Überlegenheit des Teams aus der Isarmetropole eine noch nicht einmal mit ausreichender Wahrscheinlichkeit gesegnete Konjektur ist, für eine sachliche Analyse unergiebig.

25. April 2019

Ein Fußabdruck im Sand. Vor 300 Jahren erschien "Robinson Crusoe"



Heute vor genau dreihundert Jahren, am Dienstag, den 25. April 1719, erschien in London, beim Buchdrucker und -händler T. Walker, die erste Ausgabe des Buches, das seitdem, unter anderem, den Ruf hat, der "erste Roman" der Neuzeit zu sein: The Life and Strange Suprizing Adventures of Robinson Crusoe, of York, Mariner: who lived eight and twenty years, all alone in an un-inhabited island on the coast of America … Written by himself. Natürlich war dies nicht der erste Versuch einer längeren, geschlossenen Erzählung auf Buchlänge, die sich um das Lebensschicksal seines Protagonisten herum zentriert und - nicht unwichtig - sein Seelenleben, seinen inneren Kosmos in den Mittelpunkt der Schilderung rückt. Auch im englischen Sprachbereich, aber auch im französischen, wo die Literaturgeschichte als ersten Beispiel die Princesse de Cleves der Marie-Madeleine de La Fayette von 1678 als erstes Beispiel verbucht, hatte es Ansätze gegeben, aus den ziellosen Geschehenssträngen des pikaresken Abenteuerromans, den satirischen Burlesken und den exotischen Lokalitäten der fiktionalen Reiseberichten mit ihren oft ins Utopische lappenden Schilderungen ein geschlosseneres ganzen zu formen. Aber dem "Robinson" war es als erstem vergönnt, sich hier ins kulturelle Gedächtnis einzuprägen. Und zwar nicht nur im eigenen Heimathafen, also der englischen Literatur, auch nicht nur dem Kulturerbe Europas (beziehungsweise "des Westens" - zu dessen prägenden Texten er ohne zweifel zu zählen ist), sondern weltweit, sofern dort solche Texte eine Rolle spielen. Auch für Leser oder Zuschauer in China oder Japan, in Lateinamerika, in Russland wie den Teilen Afrikas, in denen von einer literarischen Tradition die Rede sein kann, ist das Bild des auf seiner Insel gestrandeten unfreiwilligen Eremiten, dem nach Jahrzehnten der Einsamkeit die Begegnung mit einem menschlichen Fußabdruck am Strand zur existentiellen Krisis gerät, ein unvergeßlichen, sofort wiedererkannter Zündmoment der Erinnerung.

16. April 2019

Sans paroles.

« Notre-Dame de Paris, c'est notre histoire, notre littérature. C'est l’épicentre de notre vie, c’est l’étalon d’où partent nos distances. C’est tant de livres, de peintures. C’est la cathédrale de tous les Français, même de ceux qui n'y sont jamais venus. Cette histoire, c’est la nôtre. »

- Emmanuel Macron




(via Figaro)




Ce soir l'âme de l'Europe brûle.



U.E.

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13. April 2019

Der hässliche Deutsche zeigt wieder (sein) Gesicht

Irgendwo, ich glaube auf WELT-Online, war einmal sinngemäß zu lesen, dass es ein großes Missverständnis sei, Robert Habeck für einen Realo zu halten. Jedenfalls ist das öffentliche Auftreten des in Lübeck geborenen Politikers dazu angetan, diese Aussage zu bestätigen.

Freilich, die jüngsten rhetorischen Fehlleistungen des Umweltministers des nördlichsten deutschen Landes wurden von Schwergewichten seiner Partei wie Winfried Kretschmann und Tarek Al-Wazir kritisiert, und auch das SPD-Personal zeigte sich (mit Ausnahmen, die ohne Rückgriff auf hämische oder justiziable Wortspenden zu kommentieren schwerfallen dürfte) den Expropriationsphantasien des Hoffnungsträgers der Grünen gegenüber hartleibig. Die medialen Reaktionen auf Habecks Vergesellschaftungsträumereien fielen indessen weitgehend achselzuckend aus – der NZZ kommt die Ehre zu, die Angelegenheit klar analysiert und das Kind beim Namen genannt zu haben.

8. April 2019

Fridays for Doom, eine Anleitung zum Absturz

Die "Bewegung" Fridays For Future (Freitage für Zukunft war vielleicht entweder nicht griffig genug oder beim ersten Wort zu ehrlich) hat nun einen Katalog vorgestellt, was sie denn nun für die nächsten Jahre fordern. Das ist grundsätzlich erst einmal etwas Positives, denn damit hat das Geschwurbel ein Ende und die kurze Liste ist im Unterschied zum üblichen Grüngeschwafel erstaunlich kurz und griffig.

30. März 2019

Ein Ur-Feminismus

Was waren das für schöne Zeiten!
In Ecclesia mulier taceat!
Jetzt, da eine Jegliche Stimme hat,
Was will Ecclesia bedeuten? (Goethe)

Es heißt, der Protest gegen den Zwang zur Heteronormativität habe Teile der Queerbewegung mit dem postmodernen Feminismus verbunden. Auch in der katholischen Kirche wird jetzt weit heftiger die Öffnung aller Ämter für Frauen gefordert.

28. März 2019

Bedeutung von Wissen im Spannungsfeld von Dogma und Naturwissenschaft am Beispiel der Klimafrage

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Kürzlich landete ich zufällig in der Sendung "Hart aber fair." Thema war der Klimawandel. Wie sollte es auch anders sein im Schatten der aktuellen Geschehnisse um Greta Thunberg und der "Fridays for Future" Bewegung. Diskutiert wurde fast alles im Umfeld dieses Themas, politisches und persönliches. Nur eines stand fest und mußte nicht diskutiert werden: Der Klimawandel ist im Wesentlichen verstanden, der Mensch ist der maßgebliche Treiber und hat es in der Hand das Klima zu beeinflussen.

Warum stellt diese Auffassung kein Mensch mehr in Frage? Befragt man dazu einen dieser These zugewandten Laien, wird er sagen: "Weil der (durch den Menschen verursachte) Klimawandel wissenschaftlich bewiesen ist."

Diese Aussage ist auf zwei, grundsätzlichen Ebenen nicht ganz richtig. Zum einen kann Wissenschaft keine Sachverhalte beweisen, sondern lediglich gemachte Annahmen mehr oder weniger gut absichern. – Was grundsätzlich etwas anderes als ein Beweis ist. Zum anderen arbeitet die Wissenschaft zur Absicherung von Theorien mit experimenteller Überprüfung. Dies ist im Falle der Klimamodellierung, bzw. der Klimatheorien aber nicht so ohne weiteres möglich. Was das bedeutet, werde ich im folgenden Beitrag versuchen zu erläutern.

26. März 2019

自杀者之歌。 Zum 30. Todestag des Dichters 海子 Hai Zi (1964-1989)



面朝大海, 春暖花开
   
从明天起, 做一个幸福的人
喂马, 劈柴, 周游世界
从明天起,关心粮食和蔬菜
我有一所房子, 面朝大海, 春暖花开
从明天起, 和每一个亲人通信
告诉他们我的幸福
那幸福的闪电告诉我的
我将告诉每一个人
给每一条河每一座山取一个温暖的名字
陌生人, 我也为你祝福
愿你有一个灿烂的前程
愿你有情人终成眷属
愿你在尘世获的幸福
我只愿面朝大海, 春暖花开
- 1989.1.13

Der Blick auf's Meer, wenn zur Frühlingszeit die Blumen blühen
   
Ab morgen will ich ein glücklicher Mensch sein
Will Pferde füttern, Brennholz hacken, eine Weltreise machen
Ab morgen will ich Korn und Gemüse sorgsam behandeln
Ich habe ein Haus mit Blick auf's Meer, wo zur Frühlingszeit die Blumen blühen
Ab morgen will ich all meinen Lieben schreiben
Ihnen von meinem Glück erzählen
Was mir der Funke dieses Glücks erzählt hat
Will ich allen erzählen
Ich will jedem Fluss und jedem Berg einen freundlichen Namen geben
Fremder, auch dich will ich segnen
Ich wünsche dir eine glänzende Zukunft
Ich wünsche dir eine große Liebe
Ich wünsche dir das Glück dieser Welt
Ich wünsche mir nur den Blick auf’s Meer, wenn zur Frühlingszeit die Blumen blühen
(13. Januar 1989)

Heute vor dreißig Jahren, am Sonntag, dem 26. März 1989, wurde um 5 Uhr morgens im Bezirk Qinhuangdao, neun Kilometer von der Hafenstadt Shanhaiguan am chinesischen Meer und dreihundert Kilometer genau östlich von der Hauptstadt Beijing entfernt, ein junger Mann von 25 Jahren von einem Güterzug überrollt und getötet. Es war ein klarer Selbstmord. Im Rucksack, den er in der Nähe abgelegt hatte, fanden sich vier kurze Abschiedsnotizen und vier Bücher in chinesischer Übersetzung: die Bibel, David Henry Thoreaus "Walden, oder das Leben in den Wäldern", Thor Heyerdahls "Kon-Tiki" und ein Auswahlband mit Erzählungen von Joseph Conrad. Die erste Notiz lautete: "Mein Name ist Zha Hasheng. Ich unterrichte Philosophie an der Chinesischen Staatsuniversität für Politik und Rechtsfragen. Mein Tod soll niemanden belasten oder beschuldigen. Meine bisherigen Verfügungen sind hiermit ungültig; meine Papiere sollen an Luo Yihe, den Herausgeber der Zeitschrift "Oktober" (十月) übergeben werden, damit er entscheiden kann, was damit geschehen soll." Aus den anderen Zetteln (deren Inhalt erst 2004 publiziert wurde) erhellte der wahrscheinlich Grund für den Suizid des jungen Dichters: die akute Befürchtung, an Schziphrenie erkrankt zu sein, den Stimmen im eigenen Kopf hilflos ausgeliefert zu bleiben und den Verstand zu verlieren.

18. März 2019

Marginalie: Wo man singt, da lass dich nicht ruhig nieder

Stellen Sie sich vor, Sie wären mit einem ehemaligen deutschen Fußballnationalspieler befreundet und würden zu dessen Hochzeit eingeladen. Als Sie bei der Feierlichkeit eintreffen, müssen Sie zur Kenntnis nehmen, dass Ihr kickender Gastgeber auch einen berüchtigten Autokraten zu seinem Vermählungsfest gebeten hat. Freilich, es gab schon früher Anhaltspunkte für eine gewisse Nähe zwischen dem Ballkünstler und dem Präsidenten, aber dass die Verbindung der beiden Männer so weit geht, dass der Sportler den Politiker seiner Verehelichungszeremonie beizieht und ihn sogar zu seinem Trauzeugen bestellt, hätten Sie nicht gedacht.

10. März 2019

Aus der Schwalbenperspektive (20): Schlechter Stil oder eine Entscheidung mit dem Rücken zur Wand? Gedanken zu Jogi Löws jüngster Personalvolte

Das Thema, das Fußball-Deutschland in der vergangenen Woche beschäftigte, war nicht die am 24. Spieltag der Bundesliga eingetretene Punktgleichheit zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München, sondern die mit sofortiger Wirkung ausgesprochene Entlassung von Jérôme Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller aus den Diensten der Nationalmannschaft. Sportlich richtig (und eher zu spät als zu früh), jedoch stilistisch fragwürdig, so lässt sich eine weit verbreitete Kommentarlinie zu der Entscheidung des Bundestrainers zusammenfassen.

Nach dem, was bisher über die näheren Umstände der Ausbootung der drei Weltmeister von 2014 ruchbar wurde, soll der Termin in der Isar-Metropole von Jogi Löw sehr kurzfristig anberaumt worden sein und die Gespräche mit den nicht vorinformierten Spielern nicht besonders lange gedauert haben. Soweit ersichtlich, hat der DFB dieses Setting bislang nicht dementiert. Dass der Verband fast zeitgleich mit der persönlichen Verständigung der drei Athleten an die Presse ging, lässt sich anhand der Chronologie der Ereignisse nachvollziehen.

4. März 2019

Marginalie: Ein Gericht voller Narren – Merkel, Merz und AKK vor dem Kadi

Der Verfasser dieser Zeilen ist ein karnevalistischer Analphabet: Mit Erstaunen nimmt er zur Kenntnis, dass sowohl in den Elferräten des rheinischen Fasteleers als auch beim Stockacher Narrengericht Männer mit lustigen Kopfbedeckungen einer Veranstaltung präsidieren, in der Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

3. März 2019

Doping im Spitzensport: Warum der Staat nicht tun sollte, was die betroffenen Verkehrskreise nur halbherzig angehen

Die Weltmeisterschaft im nordischen Skisport ist heute mit dem Langlaufrennen der Herren in der freien Technik über 50 Kilometer zu Ende gegangen. Aus Sicht des DSV-Kaders verliefen die (knapp) zwei Wochen von Seefeld sehr erfreulich: Insbesondere die nach dem bisherigen Saisonverlauf nicht unbedingt zu erwartende Einzel-Goldmedaille für Eric Frenzel und der – so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit herstellende – Großschanzen-Triumph des Markus Eisenbichler sorgten für einen unverhofft siegreichen Auftakt der Spiele.

In das frühlingshafte Licht des Kräftemessens in der Luft und in der Loipe ragte indessen der inzwischen allzu bekannte Schatten des Hochleistungssports hinein: Die Ermittlungen gegen einen Thüringer Arzt und gegen fünf – laut den einschlägigen Medienberichten hinsichtlich der ihnen vorgeworfenen Eigenblutinjektionen offenbar geständige – Langläufer aus Österreich, Estland und Kasachstan sowie eine mögliche Ausweitung auf den Profi-Radsport sind die bislang bekannten Hauptzutaten dieses – so die wohl mittlerweile allgemein akzeptierte journalistische Benennung – „Dopingskandals“.

28. Februar 2019

Die Hand am Regler: Drei, zwei, eins - Bilanzkreis

Der Handel hat in Deutschland traditionell keinen guten Ruf. Früher als "Schacher" diffamiert den Juden und Pfeffersäcken überlassen, heute in seiner lateinischen Übersetzung als "Kommerz" ein Schimpfwort für Massenproduktion von geringem Wert gebraucht, und in seiner schlimmsten Form, dem "Freihandel", auf Anti-TTIP-Demos bekämpft. Im Branchenvergleich liegen Arbeitnehmer des Einzelhandels bei vergleichbarer Qualifikation am unteren Ende des Gehaltsspektrums. 

Ich habe ja einige Zeit meines Berufslebens im Handel verbracht und bin bis heute immer wieder erstaunt, wie wenig verbreitet auch nur grundlegendes Wissen über die Gesetzmäßigkeiten des Handels ist. Ein alter Händlerwitz zeigt schön, wie die Komplexität des Handels unterschätzt wird: Der Mathelehrer trifft den mit Abstand schlechtesten Schüler, den er je unterrichtet hat, wie dieser gerade mit einem Benz der Oberklasse vorfährt. Neugierig geworden, fragt er ihn: "Na, Maier, wovon können Sie sich denn so einen schönen Wagen leisten?" - "Ach wissen Sie, Herr Lehrer, ich kaufe Schrauben um fünf Pfennig und verkaufe die um zehn weiter. Und von den fünf Prozent kann ich gut leben!"

Bein den hier zu meiner großen Freude sehr angeregten Diskussionen über Strom fällt mir auch auf, dass viele der Teilnehmer ein sehr fundiertes technisches Wissen haben, das meines, zumindest wenn es um die Erzeugung geht, bei weitem übersteigt. Dabei kommt mir aber ein anderes, und meiner Ansicht nach sogar noch wichtigeres Thema oft zu kurz, und das ist die ökonomische Seite. Nun mag man argumentieren, dass das ja egal sei, weil der Blackout wegen Strommangel sowieso bevorsteht. 

Nun ist Strom tatsächlich kein Handelsgut wie jedes andere, und das hat Gründe, die nicht nur innerhalb des Marktes zu suchen sind, nämlich technische (die ausreichend diskutiert werden und auf die ich deshalb nur wo zum Verständnis notwendig eingehen werde) und auch gesellschaftliche: Das Funktionieren unserer Gesellschaft basiert auf der permanenten Verfügbarkeit von Strom, weshalb diese auch das dominierende Anforderungskriterium ist.

Wir wissen aber auch, dass in anderen Bereichen Unterversorgung in der Regel nicht aus einem tatsächlichen Mangel heraus entsteht. Ein nennenswerter Anteil des Hungers in der Welt liegt nicht an der fehlenden Produktion von Lebensmitteln, sondern an unzureichenden ökonomischer Strukturen, Handelswegen, Marktzugängen etc. Ich möchte im folgenden ein wenig den Strommarkt beschreiben und aufzeigen, welch fundamentale Bedeutung er nicht nur für die Preise, sondern auch für die Versorgungssicherheit hat.
Aber nun genug der einleitenden Worte, und medias in res: Was macht unser Freund aus dem Beispiel (er hat die Branche gewechselt, weil er gehört hat dass die Energiebonzen nicht nur S-Klasse, sondern Maybach fahren), nachdem er am Strand von Amrum eine Stunde lang ein Kilo Watt in einen Kübel geschaufelt hat? Und ändert es was, wenn währenddessen die Sonne scheint und ein s-teifer Onshorewind dazu weht?

26. Februar 2019

Zitat des Tages: Die Logikerin


"Parität erscheint mir logisch" 
- Bundeskanzlerin Angela Merkel


Kommentar:

Rot-Rot-Grün hat es also in Brandenburg vollbracht. Die (formal in der Opposition befindlichen) Grünen haben ein Gesetz zur Abschaffung freier Wahlen und Einführung einer ständestaatlichen Republik eingebracht, Rot-Rot hat es in modifizierter Form verabschiedet. Gemäß des neuen Wahlrechtes müssen die Parteien nun zwei Listen aufstellen: Eine für Frauen und eine für Männer. Aus diesen beiden Listen müssen dann nach dem Reißverschlussprinzip die Listenvorschläge der Parteien zusammengesetzt werden. Das verstößt zwar Eklatant gegen unabänderbare Verfassungsprinzipien, insbesondere die Freiheit der Wahl, was aber nicht heißt, dass es auch für verfassungswidrig erklärt wird. Dass die Wahlberechtigten in Identitätsgruppen eingeteilt werden, die jeweils ihre eigenen Vertreter haben (gemeint ist hier nicht die Einteilung nach Wohnort, also in Wahlkreise), ist zwar ständestaatlich (also dem Austrofaschismus verwandt), aber kann mit der notwendigen Sophisterei und dem Betreiben von Begründungsfindung anstelle von Rechtsfindung beiseite geschoben werden. Damit muss man rechnen, denn ein solcher Vorstoß kommt erst, nachdem man sich gute Chancen ausmahlt, die notwendigen Verbündeten in den entscheidenden Institutionen zu haben.

Man wird Gleichberechtigung mit Gleichstellung verwechseln aus dem nachträglich ins Grundgesetz eingefügten Auftrag zur Förderung der tatsächlichen Gleichberechtigung einen Auftrag zur Gleichstellung herauslesen, daraufhin den angeblichen Auftrag zur Gleichstellung gegen die unabänderbaren Verfassungsgrundsätze abwägen, um aus der weiblichen Mehrheit unter den Wahlberechtigten ein legitimes Interesse an einer mindestens fünfzigprozentigen Repräsentation im Parlament logisch zu folgern, da sonst einer so großen Identitätsgruppe ihre kollektive Ergebnisgleichheit verweigert wird, welche das Interesse an unabänderbaren Verfassungsgrundsätzen überwiegt.

Das bei der Beschlussfassung der Verfassungsänderung zugesichert wurde, der Auftrag zur Förderung tatsächlicher Gleichberechtigung sei kein Auftrag zur Gleichstellung und Erlaube auch keine Quoten, weiß kaum jemand und muss auch der breiten Öffentlichkeit nicht in Erinnerung gerufen werden, insbesondere wenn Universitäten und Medien mitmachen.

Das nachträgliche Änderungen des Grundgesetzes keine unabänderbaren Verfassungsgrundsätze einschränken können, kann man wegschwafeln.

Das nicht jedes Mitglied einer Identitätsgruppe diese Vertritt oder autorisiert wäre in ihrem Namen zu sprechen, das heißt die Gruppe nicht repräsentieren kann, sofern nicht aus freien demokratischen Wahlen hervorgegangen, umgekehrt aber auch ein Mitglied einer ganz anderen Gruppe als Repräsentant durch freie Wahl autorisiert werden kann, wird genauso ignoriert werden, wie die Ironie, das man Frauen offenbar zwingen muss, die von den Grünen gewünschte Mindestzahl an Frauen als ihre Repräsentanten zu wählen, weil die weibliche Mehrheit unter den Wählern in der Wahlkabine bei der geheimen Stimmabgabe nicht das grüne Wunschwahlergebnis liefert.

Bezeichnend ist aber die Entwicklung, die mich in meinem Vertrauen in die Standhaftigkeit etablierter Institutionen erschüttert hat, weshalb ich auch jetzt nicht überrascht wäre, wenn das brandenburgische Verfassungsgericht und vielleicht auch das Bundesverfassungsgericht die Änderung absegnet:


  1. Zuerst wird die Frauenquote in einigen Parteien eingeführt. Es gibt schon hier verfassungsrechtliche Bedenken, aber die werden mit dem Versprechen, es sei nur eine zeitlich befristete Maßnahme, bis eine höhere Beteiligung von Frauen in der Politik sich von selber einstelle und erhalte, in Kombination mit dem Hinweiß auf die Autonomie der Parteien beiseite gewischt.
  2. Dann wird aus der temporären Maßnahme eine permanente Institution (die Utopie, mit deren Eintreten die befristete Maßnahme auslaufen soll, tritt schließlich nie ein).
  3. Und plötzlich ist es angeblich ein verfassungsrechtliches Gebot, es allen Parteien aufzuzwingen und meinungsbildende sowie einflussreiche Institutionen sind entweder von Unterstützern dieser Uminterpretation dominiert (etablierte Medien, Universitäten) oder aber haben an entscheidenden Schlüsselpositionen mit Unterstützern und Sympathisanten zu kämpfen: Die Union als ehemalige Volkspartei in Form von Angela Merkel, Kramp-Karrenbauer und der Frauenunion und die Verfassungserichte z.B. in Form einer linken Schriftstellerin, die schon Jahre nichts mehr mit ihrem Jurastudium angefangen hat und jetzt in eines der höchsten Richterämter Brandenburgs katapultiert wurde. Entscheidend wird der Druck und Einfluss der Progressiven auf die Verfassungsgerichte und hier auch auf die formal konservativen Richter sein. Dies ist aber langfristig nur eine Funktion der andere genanten Institutionen (Medien, Universitäten, Union als Volkspartei und politischer Arm des bürgerlichen Lagers).


Wie ist das möglich?

Dazu vielleicht in einem zukünftigen Artikel mehr. An dieser Stelle ist nur wichtig, das es so ist. Und es ist nicht das erste mal, dass mir dieses progressive Muster auffällt. Die Angst der Progressiven, die reaktionäre Rechte könnte dieses Muster kopieren und selber anwenden, kommt nicht von ungefähr.

Bleibt zum Abschluss nur noch die Feststellung, dass es unter den etablierten Parteien nur noch eine - nochmals in Worten: eine einzige - Partei gibt, die noch ohne wenn und aber hinter dem Grundgesetz samt seines Kernes, der freien demokratischen Grundordnung, steht: Die FDP.

Von den Grünen geht der letzte Coup ganz offiziell und formal aus. Linke und SPD machen freudig mit (und hätten das auch im Zweifel selber eingebracht). Die Union stimmte zwar in Brandenburg dagegen, aber im Bund hat man Merkel und ihre Nachfolgerin installiert und die Frauenunion möchte weniger Konkurrenzdruck für ihre Karierepolitikerinnen (die Frauenplätze sind weniger umkämpft als die Männerplätze und auch wenn man frau öffentlich verkündet man frau hätte gerne mehr Frauen in der Politik, also mehr Konkurrentinnen um die Futtertröge: es besteht kein Interesse von Seiten der so Bevorzugten dies zu ändern und man hat als Frau auch seine ganz eigenen, subtilen Mobbing-Methoden, um die niedrige Frauenbeteiligung in den Parteien weiterhin sicherzustellen), weshalb man auch keine Klage von dem Verfassungsgericht einreichen möchte. Dies überlässt man der besagten FDP, den bedeutungslosen Piraten und der AfD.

Womit wir dann auch bei der letzten relevanten Partei im deutschen Parteienspektrum sind. Die AfD ist zwar auf der einen Seite sicherlich über jeden Verdacht erhaben, den Ständestaat in grün zu befürworten und hat selbstverständlich gegen das neue Wahlrecht gestimmt sowie die (zutreffenden) verfassungsrechtlichen Argumente vorgetragen. Aber eine Partei, die den Höcke-Flügel duldet und sich sogar von ihm treiben (um nicht zu sagen reiten) lässt, ist selber keine Stütze der Verfassungsprinzipien, die man nun vor lauter Schreck, da einem links-grün mal wieder mit dem Schleifen der FDGO zuvorgekommen ist, für sich in Anspruch nimmt.

Bleibt nur die FDP. Die ist übrigens im brandenburgischen Landtag nicht vertreten. In dem sitzt also nur noch eine demokratische Partei, die CDU, und die wackelt.


Techniknörgler

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11. Februar 2019

Höcke: Ein Fall für den Verfassungsschutz? - Teil 3

Teil 3: Zusammenfassung


Ist Höcke "Rechts"? 

Antwort: Höcke ist auch rechts. Aber genauso links. Je nach Thema. Beim Frauenbild rechts, bei der Wirtschaftspolitik links. Bei der Einwanderungspolitik rechts, bei der Außenpolitik links. Und so weiter.

10. Februar 2019

Höcke: Ein Fall für den Verfassungsschutz? - Teil 2

Teil 2: Mit dem Feuer Zündeln: wirklich problematische Aussagen

2.1 Übergang vom Völkischen zum Faschismus

Höckes Buch ist ja insgesamt recht lang. Irgendwann bin ich das erste Mal über eine Formulierung gestolpert, deren Kontext ich tatsächlich problematisch finde:

Höcke: "Man könnte noch ein paar weitere hinzufügen, wie Schutz und Pflege von Landschaft, Ökologie und Kultur, eine ausgewogene Sozialstruktur. In der Summe geht es um das »gute Leben« des Volkes. Allerdings nicht hedonistisch-materialistisch verstanden, sondern als »eudaimonía« im antiken Sinne – als sinnvolles, sittlich-tugendhaftes Leben."

Höcke: Ein Fall für den Verfassungsschutz?

Ein Gastbeitrag von Frank2000.

Vorvorwort (von Llarian): Unser geschätzter Zimmermann Frank2000 hat einen extrem ausführlichen wie ausgesprochen lesenswerten Gastbeitrag geschrieben, der sich mit Björn Höcke beschäftigt. Aufgrund des Umfangs haben wir beschlossen den Beitrag in drei Teilen zu veröffentlichen, heute erfolgt Teil 1.)

Vorwort
Höcke ist nach allgemeiner Lesart ein AfD-Politiker, der selbst für die AfD ungewöhnlich "rechts" sei. Da bietet es sich doch an, diese Aussage zu überprüfen. Sollte sich allerdings herausstellen, dass Höcke tatsächlich radikale Positionen vertritt, muss das für die AfD insgesamt keineswegs gelten. Die folgenden Zitate stammen allein von Höcke und sind keine offizielle Stellungnahme oder Wahlaussage der AfD.

Nachprüfbare Zitate oder gar Texte zu Höcke sind in den Medien Mangelware. Das führte den Autor Llarian zu der wütenden Bemerkung: "Es kann doch nicht die Aufgabe des Bürgers sein, die journalistische Arbeit zu tun, nur weil die Journalisten keine Lust dazu haben." (Link).

6. Februar 2019

Freiheit ist, Dinge zu tun, die andere nicht mögen. Ein Gastbeitrag von Frank2000

Den ADAC kennt in Deutschland wohl jeder. Diese Organisation ist eine der größten und ältesten Lobbyorganisationen dieses Landes. Ganz früher nannte man so was mal Interessensgruppe, aber diesen Begriff würden heute nur noch wenige verstehen. Lobby. Dieses Wort ist heute verpönt, klingt ... unsozial, ausbeuterisch ... abweichlerisch. Vor allem Letzteres mögen die Kulturdeutschen nicht, heute noch viel weniger als früher. Aber ich schweife ab. Was ist eine Lobbyorganisation? Das ist ein Zusammenschluss von Menschen, um gemeinsame Interessen zu vertreten. Eigentlich etwas völlig ... Normales.

In der Mitgliederzeitschrift des ADAC (02/19) stand jetzt ein kleiner Hinweis auf die erste in Betrieb genommene "Section-Control". Ich lasse jetzt mal außen vor, warum das eigentlich englisch benannt wird. Warum nicht "Sektionskontrolle", "Streckenradar" oder "Mittelmessung"? Die deutsche Sprache ist so aufgebaut, dass man über Komposita neue Terme erzeugt - würde man von Anfang an zum Beispiel "Mittelmessung" verwenden, dann würde bereits in wenigen Monaten der Begriff so selbstverständlich verwendet werden wie "Brückenschlag", "Löffelbagger" oder zehntausend andere zusammengesetzte Begriffe, die zu neuen eigenständigen Worten wurden. Aber die Kulturdeutschen haben kollektiv beschlossen, verrückt zu werden. Und so wird jetzt statt "Mittelmessung" "Section-Control" eingeführt.

5. Februar 2019

Thema verfehlt

Die SPD hat schon länger das Problem, daß sie ihre Stammwähler nicht mehr zufrieden stellen kann und diese enttäuscht abwandern. Diese Stammwähler wären an mehr Wohnungsbau interessiert, an niedrigeren Strom- und Benzinpreisen, sie wollen weiter mit ihrem Diesel zur Arbeit fahren können und etwas mehr Netto im Geldbeutel würden sie auch gerne nehmen. Aber das sind alles keine Themen, bei der die SPD in der Bundesregierung echte Aktivitäten entwickeln würde.

Stattdessen versucht sich noch "sozialer" zu werden. Was im Zweifelsfall bedeutet, daß sie die Forderungen irgendwelcher Lobbyverbände oder der SED-Konkurrenz erfüllt - unabhängig davon, welche Folgen das hat.

Konkret bastelt Minister Heil derzeit an einer "Respekt-Rente". Die vor allem kompliziert und teuer ist - und zu sehr merkwürdigen und ungerechten Effekten führt.
Was genau ist eigentlich das Problem, das er beseitigen will?

2. Februar 2019

War auch wieder falsch.

Das Ritual ist inzwischen reichlich eingefahren, auch wenn es in Details schon einmal variiert wird:

Der Sozialismus/Kommunismus wird irgendwo mit großen Pauken und Trompeten eingeführt. Die vereinigte Linke ist sich einig, dass jetzt endlich(!) für das betreffende Volk die große Zeit der Freiheit und wirtschaftlichen Verbesserung eintritt, man sammelt Grußadressen, bejubelt die großen "Helden" der Freiheit und ist ganz außer sich vor Freude, wenn alle Verbindung zu vermeintlich "imperialistischen" Systemen umgehend gekappt werden. Demonstrationen werden im ganzen Landes abgehalten, um sich und der Welt so richtig zu beweisen das jetzt die Zeit des Glücks anfangen hat.

31. Januar 2019

„Europas Seele“?

Welchen stimmigen Ersatz gibt es für den umstrittenen Begriff „christliches Europa“? Es existiert noch das poetische Relikt „die Seele Europas“, aber das wirkt peinlich und überholt. Vielleicht die vagen Bezeichnungen „Europas ideelles Band“, „ideelle Substanz“? Da fehlen aber die Migranten, der Pluralismus. „Wertekosmos“ klingt ungeografisch und opahaft. „Wirtschaftsgemeinschaft“ wäre realer – aber das Leben ist bunter und hässlicher: Gemeinschaft auch mit Armen, mit Kinderehen, Genitalverstümmelungen und Antisemiten? Niemanden ausgrenzen – eine Utopie? Oder der Biss eines „europäischen Gewissens“? Am einfachsten ist es, man spricht nur abstrakt von einer „Identität Europas“. Ein Lokal ohne aushängende Speisenkarte.

30. Januar 2019

"Зимняя ночь" / "Winternacht"




Aus gegebenem Anlaß.

- Борис Пастернак, "Зимняя ночь" (1946)

Мело, мело по всей земле
Во все пределы.
Свеча горела на столе,
Свеча горела.
Как летом роем мошкара
Летит на пламя,
Слетались хлопья со двора
К оконной раме.
Метель лепила на стекле
Кружки и стрелы.
Свеча горела на столе,
Свеча горела.
На озаренный потолок
Ложились тени,
Скрещенья рук, скрещенья ног,
Судьбы скрещенья.
И падали два башмачка
Со стуком на пол.
И воск слезами с ночника
На платье капал.
И все терялось в снежной мгле
Седой и белой.
Свеча горела на столе,
Свеча горела.
На свечку дуло из угла,
И жар соблазна
Вздымал, как ангел, два крыла
Крестообразно.
Мело весь месяц в феврале,
И то и дело
Свеча горела на столе,
Свеча горела.

27. Januar 2019

Wann wird es Zeit für Mistgabeln?

Zugegeben: Die Frage ist natürlich mit einem kleinen Zwinkern gestellt. Aber auch nur mit einem kleinen. Denn angesichts dessen, dass diese Regierung sich inzwischen nicht mehr auf eine Möglichkeit beschränkt dieses Land zu vernichten, stellt sich wirklich die Frage, ob es nicht wirklich allmählich eine Revolution braucht, um diesem Spuk ein Ende zu machen.

24. Januar 2019

Aus der Schwalbenperspektive (19): Ist der Handball der bessere Fußball?

Auch bei Menschen, die sich für Fußball interessieren oder gar als Fans dieser Sportart bezeichnen, gehört Gejammer beziehungsweise, um es vorsichtiger zu wenden, eine kritische Haltung bezüglich einiger Phänomene im Zusammenhang mit der Lederkugeltreterei gleichsam zum guten Ton: Die Kapitalismusskeptiker betrauern die Kommerzialisierung der einstigen Arbeitervergnügung; an Fairness und Nüchternheit orientierte Zeitgenossen werden von der Schwalben- und Rudelbildungstheatralik abgestoßen, und außerdem wäre da ja noch der Videobeweis, der wie wahrscheinlich wenige andere Modifikationen des Regelwerks die Zuschauergemeinde spaltet.

23. Januar 2019

Marginalie: Der Polizist, dein Helfer und (vielleicht zukünftiger) Freund

Wer über die Beatles ein bisschen mehr weiß, als es der Allgemeinbildungskanon der Popkultur erfordert, kennt zweifellos das Lied „Lovely Rita“, das – auf dem nach Ansicht des Verfassers überschätzten Album Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band veröffentlicht – so etwas wie eine Liebesgeschichte zwischen dem lyrischen Paul-McCartney-Alter-Ego und einer meter maid, der offenbar eine reale Politesse vornamens Meta Pate stand (was uns jetzt nicht zu Meta-Reflexionen beschwingen soll), tonkünstlerisch fingiert.

Gefühlsberauschende Begegnungen zwischen der Staatsgewalt und dem einfachen Bürger (m/w) gibt es aber auch in der außermusikalischen Wirklichkeit, und so sucht(e?) die Berliner Polizei auf ihrem offiziellen Instagram-Account laut Pressemeldungen nach einer charmanten, wegsuchenden Unbekannten, die einem Uniformierten den Kopf verdreht hat.

„Das Netz“ reagiert(e?) auf diesen Aufruf, wenn man zum Beispiel WELT- und SPIEGEL-Online Glauben schenken darf, zum kleineren Teil mit einem Seufzer ob so hoher Romantik und zum größeren Teil mit Ablehnung, da diese zwischenmenschliche Dienstleistung in die Nähe von Stalking zu rücken sei.

Ansicht des Verfassers: Gerade die Berliner Polizei hätte etwas anderes zu tun, als den moderatore d’amore zu spielen, aber für einen #aufschrei reicht diese zweifellos gut gemeinte Aktion bei weitem nicht aus. Um es mit dem großen kanadischen Schauspieler William Shatner zu formulieren: „Get a life!“

Noricus

© Noricus. Für Kommentare bitte hier klicken.

17. Januar 2019

Dumm, dümmer, Gillette? Ein Streiflicht zu Filterblasen.

Der Markenname Gillette dürfte den meisten Erwachsenen der westlichen Welt ein Begriff sein. Auch wenn es das Unternehmen in eigener Form  nicht mehr gibt (es gehört seit 2005 zu Procter & Gamble) so ist die Marke Gillette immer noch deutlicher Marktführer bei Nassrasierprodukten, mit fast 50% Marktanteil. Und das will schon etwas heißen, auch in Anbetracht dessen, dass im Bereich dieser Produkte Gillette im oberen Preisbereich aufgestellt ist.

9. Januar 2019

Mitgeprügelt? Nein. Aber auch nicht unschuldig.

Die Republik ist entsetzt. Nicht zu Unrecht. Ein Bundestagsabgeordneter wurde von drei Vermummten niedergeschlagen, und als er bewusstlos am Boden lag noch mit Fußtritten attackiert. Das war dann doch einer zuviel. Das Bild, das die AfD daraufhin ins Netz stellte und von diversen Medien (wenn auch verpixelt) verbreitet wurde, trug dann vielleicht auch einen nicht unmaßgeblichen Teil dazu bei, dass man die ganze Aktion nicht, wie inzwischen schon zur Routine geworden, mit einem Schulterzucken ignorierte. Zu brutal und deutlich waren die Spuren und zu deutlich die Assoziation, dass es sich hier nicht um eine scheinbar so harmlose "Prügelei" handelte, sondern um einen bewussten Ausbruch von Brutalität, der, wenn eine Tötungsabsicht schon nicht nachgewiesen werden kann, so doch zumindest die Inkaufnahme einer Tötung impliziert.­

8. Januar 2019

Aus der Schwalbenperspektive: Ribe(r)ye oder La Bavette d'Or


Ein leider viel zu früh verstorbener Freund von mir arbeitete seinerzeit als Schlossführer in einer prächtigen fränkischen Barockresidenz. An ihn musste ich kürzlich denken, denn er hatte die Angewohnheit, bei seinen mehr als kurzweiligen Führungen immer dieselbe Fangfrage zu stellen. War die Besuchergruppe gegen Ende der Runde im mit reichlich Zierat versehenen Thronsaal versammelt, ließ er sie immer schätzen, wie viel Gold wohl in der prunkvollen Ausstattung verwendet worden war. Und meistens tappte der überwiegende Teil der Gruppe in die Falle: "Ein Kilo", hieß es - ja bis zu zehn Kilo wurden aufgerufen, bis mein Freund mit diebischer Freude verkündete, dass ein Gramm Blattgold ungefähr eine Fläche von einem halben Quadratmeter bedecken könne.

Nun ist selbst ein "Tomahawk-Steak", wenn man es rundum mit dem glänzenden Element überzieht, keinen halben Quadratmeter groß - der reine Materialwert der "kostbaren" Verpackung von Franck Ribérys Abendmahlzeit liegt also ungefähr einen Euro teurer als ein Meter Melitta Toppits extra reißfeste Alufolie, falls der französische Balltreter schwächeln und sich den Rest auf den Weg einpacken lassen sollte.

5. Januar 2019

Land unter im südlichen Bayern: Vorsicht vor einfachen Klimawahrheiten

Das Foto, mit dem ich diesen Beitrag illustriere, habe ich heute kurz vor Mittag im äußersten Südosten Bayerns aufgenommen. Es zeigt zwei Skistöcke mit einer Länge von 125 Zentimetern, die ich auf einer ebenen Fläche in einer Höhe von etwa 1000 Metern in den unberührten Schnee gerammt habe. Die Spitze (also der unterste Teil) der Stöcke erreichte übrigens nicht den Boden, sondern eine weitere, harte bis eisige Schneeschicht, die zu durchdringen die Stockteller verhinderten. Realistischerweise kann man von einer Schneehöhe an meinem Messort – Stand heute Mittag – von mindestens 130 bis 140 Zentimetern ausgehen. In den circa sieben Stunden seit meiner Sondierung dürften an der besagten Stelle noch einmal 15 bis 30 Zentimeter Schnee gefallen sein.

Warum erzähle ich Ihnen das? Wenn Sie nicht beschlossen haben, dieses Wochenende nachrichtenlos zu verbringen, haben Sie zweifellos von dem „Schneechaos“ – so ein häufig gebrauchter Terminus – in den Bergen gehört oder gelesen. Freunde des passiven Wintersportgenusses werden auch mitbekommen haben, dass der Qualifikationsdurchgang für das morgige Dreikönigsspringen in Bischofshofen – einem Ort im Salzburger Pongau, also in den östlichen Nordalpen (oder nördlichen Ostalpen, wenn man so will) – abgesagt wurde.

1. Januar 2019

Bitte ohne Schall und Rauch: Gedanken zur alljahresendlichen Feuerwerkskritik

Hand aufs Herz: Haben Sie gestern (beziehungsweise heute) die eine oder andere Rakete in den Nachthimmel steigen lassen? Wenn ja, dann haben Sie die – soweit ersichtlich – einhellige Empfehlung der Multiplikatoren-Elite dieses Landes, auf die Silvesterknallerei zu verzichten, entweder nicht mitbekommen oder vorsätzlich missachtet. „Brot statt Böller“ ist der Klassiker unter den Jahresendabrüstungsforderungen, später wurde die Kracherkritik dann auch auf den zu vermeidenden Stress für Haus- und Wildtiere gestützt, seit neuestem rücken die Gesundheitsgefahren für den Menschen, neben Verbrennungen und Schädigungen der Sinnesorgane auch körperliche Belastungen durch die Feinstaubfreisetzung, in den Vordergrund. Und der MDR rechnet uns dann noch die Anzahl an Straßenkilometern respektive Lehrern vor, die man mit dem Geld, das die Deutschen am 31. Dezember in die Luft blasen, sanieren beziehungsweise einstellen könnte.