7. September 2019

Die zersplitterte Linke. Die zu den Bobos strebenden Konservativen und Liberalen. Der lachende Dritte. Ein Gedankenspaziergang.

Es gibt wohl drei Hauptzielgruppen linker Politik:

1. Im Staatsdienst, in der (mit öffentlichen Geldern alimentierten) Sozialindustrie oder in der Medienbranche beschäftigte, großstadtbewohnenede Akademiker mit einem Abschluss zumeist in einer Geistes- oder Gesellschaftswissenschaft.

2. In Ausbildungsberufen tätige Arbeitnehmer.

3. Voll oder überwiegend von Sozialleistungen lebende Bürger respektive Bezieher prekärer nichtstaatlicher Einkünfte (zum Beispiel Jobber und Kleinrentner).

Wie es sich für eine gute Kategorisierung gehört, ist die vorstehende Aufzählung mit dem groben Pinsel gezeichnet und wird dadurch freilich nicht jedem Einzelfall gerecht. Dies gilt auch für die folgenden weiteren Ausführungen:

31. August 2019

Wie wählt er, der Ossi?

Morgen wählt natürlich nicht „der Ossi“. Vielmehr entscheiden nur die Sachsen und die Brandenburger über die Zusammensetzung ihrer jeweiligen Landtage. Wer nicht das Glück hatte, in den letzten Wochen von deutschen Feuilleton- und Twitter-Debatten verschont geblieben zu sein, hat die Anspielung in der Überschrift zweifellos verstanden.

Der SPIEGEL-Titel vom 24. August „So isser, der Ossi“, illustriert mit einer schwarz-rot-goldenen Angler-Kopfbedeckung, hat für einige veröffentlichte Erregung gesorgt. Die einen warfen dem Nachrichtenmagazin Doppelstandards vor, weil dessen Redaktion im Falle anderer Personengruppen abwertende Pauschalurteile unter keinen Umständen, also auch nicht mit offenkundig triefender Ironie, aufs Cover brächte. (Ein Aufmacher „So isser, der Moslem“ oder „So sind sie, die Weiber“ würde bei dem Hamburger Blatt sicher noch nicht einmal das Stadium eines unausgegorenen Vorschlags erreichen.) Andere, insbesondere ostdeutsche Linke (gemeint ist das Lager, nicht die Partei), beklagten den Inhalt der Generalisierung: Wie man an ihnen sehe, seien doch nicht alle Bewohner der neuen Bundesländer pöbelnde Merkel-Gegner wie das Zerrbild des berühmt gewordenen Hutbürgers. Man möge den Osten differenzierter betrachten. Eine Zusammenfassung der Diskussion mit durchaus interessanten Nebensträngen findet man in der SPIEGEL-Online-Kolumne von Stefan Kuzmany.

29. August 2019

Anfrage an den Schöpfer- und Erlösungsglauben

Wer in einer einsamen Gegend zum nächtlichen Himmel aufblickt, sieht nicht nur viele Sterne, sondern ein Problem.

Die Größe unseres Universums und die Möglichkeit von weiteren belebten fernen Planeten bedeuten eine Anfrage an die jüdische und christliche Rede von einem Schöpfergott mit Interesse an und Beziehungen zu den Menschen auf unserer Erde und eine spezifisch-kritische Anfrage an den Glauben der Christen: Was wird in ihrem Weltbild aus der Vorstellung von einem Gott, dessen „Sohn“ vor 2000 Jahren als Jude Jesus in Galiläa in der Gestalt eines Gottmenschen aufgetreten sein soll? Muss die Christologie der Kirchen nicht schon jetzt geändert werden oder kann sie noch solange, also lange, bestehen bleiben, nämlich bis es einen Kontakt mit einem Planeten gibt, auf dem eine vergleichbare Gattung mit einer ähnlichen Bewusstseins-, Sprach-, Schuld- und Erlösungsgeschichte lebt?

27. August 2019

Vowärts nimmer: Berlin ruft die DDR aus.

Zugegeben: Es ist inzwischen schwer geworden nur noch auf ein einzelnes "Problem" in Berlin hinzuweisen, denn inzwischen ist der Morast an Problemen und Katastrophen derart dicht geworden, dass das Ganze eine so feste Melange ergibt, dass einem irgendwann nur noch der Begriff des failed state durch den Kopf geht.                                                                     
Die neuste Ausgeburt ist der "Lompsche Mietendeckel", was aber auch schon eine Mogelpackung in Begrifflichkeit ist, denn real handelt es sich um das massiveste Mietkürzungsprogramm, dass die Republik seit 80 Jahren gesehen hat. Das Programm existiert derzeit noch als Entwurf, aber schon dieser Entwurf alleine, vollkommen unabhängig davon, ob er das Gesetzgebungsverfahren erfolgreich durchläuft oder dann von diversen Gerichten wieder kassiert werden könnte, dürfte eine verheerende Wirkung auf dem Berliner Wohnungsmarkt entfalten, die erst einmal ihres Gleichen suchen dürfte. Wer immer eine vermietete Wohnung in Berlin sein Eigen nennt, dürfte damit den besten Zeitpunkt des Verkaufes hinter sich haben und wer immer mit dem Gedanken gespielt haben dürfte, eine solche zu erwerben, wird schleunigst Berlin aus der Karte möglicher Alternativen streichen. Der SED dominierte Senat hat sich entschlossen die Vermieter der Hauptstadt faktisch zu enteignen, praktischerweise in einer Form, wo er meint, dass er keine Entschädigungen zahlen muss, was er bei offenen Enteignung, wenn auch unter sehr viel murren, tun müsste.

10. August 2019

Ai Weiwei hat Recht: Deutschland ist selbstzentriert. Er hätte auch „narzisstisch“ sagen können.

Als ob es dieser Probe aufs Exempel bedurft hätte, fanden in einem Interview (hinter der Bezahlschranke), welches ein Filmredakteur der WELT mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei führte, dessen das Gespräch einleitenden Äußerungen zu seinem bevorstehenden Wegzug aus Deutschland die größte Resonanz bei den Multiplikatoren dieser Republik. Deutschland sei „keine offene Gesellschaft“, sondern „eine Gesellschaft, die offen sein möchte, aber vor allem sich selbst beschützt“. Es gebe „kaum Raum für offene Debatten, kaum Respekt für abweichende Stimmen“, so der Dissident weiter.

Eine schlüssige Begründung für seinen Befund bleibt der bald 62-Jährige schuldig. Denn die von Ai Weiwei als Beispiel für seine Beobachtung angeführten Rauswürfe aus Berliner Taxis – einer davon als Klimax eines Streits über ein geöffnetes Fahrzeugfenster – lassen einen Bezug zu einer Verengung des Meinungskorridors vermissen und könnten nur dann als Beleg für eine mangelnde Offenheit der deutschen Gesellschaft dienen, wenn sie von Ressentiments getragen wären. Der Schluss, dass Ai Weiwei das Verhalten der Taxi-Chauffeure auf Rassismus zurückführt, liegt aufgrund seiner Erwähnung einer Befassung der Antidiskriminierungsstelle nicht allzu fern.

31. Juli 2019

"A small step for a man..."



Zu dem Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen schreibe, ist es nicht 50 Jahre, sondern genau ein halbes Jahrhundert und zehn Tage her, seit zum ersten Mal ein Mensch auf einem anderen Himmelskörper Spuren hinterlassen hat - denn der Ausstieg von Neil Armstrong erfolgte nach Mitteleuropäischer Zeit um 2 Uhr und 56 Minuten, gut drei Stunden nach dem Datumswechsel und gut sieben Stunden, nachdem die Mondfähre - das LEM, das Lunar Excursion Module um 20 Uhr 17 Universal Time (also der Zeitzone von Greenwich) im Mare Tranquillitatis, dem Meer der Ruhe, aufgesetzt hatte.  Und es ist sieben Tage plus ein Halbjahrhundert vergangen, seit die Kommandokapsel Columbia von einem Sikorski Sea King-Helikopter nach ihrem "Rücksturz zur Erde" im Pazifik an Bord des Flugzeugträgers U.S.S. Hornet gehievt worden war. Die drei Astronauten Neil Armstrong, Edwin "Buzz" Aldrin und Michael Collins verblieben allerdings noch bis zum 10. August in der präventiven Isolation ihrer winzigen Monade isoliert, bis, nach menschlichem Ermessen, sichergestellt war, daß kein irgendwie gearteter Keim, keine unbekannte Gefahr durch den kontakt mit dem außerirdischen Material zur Gefahr zu werden drohte. Niemand hatte ernsthaft mit einer solchen Möglichkeit gerechnet wie sie zwei Jahre später etwa der Film The Andromeda Strain, dt. Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All als Katastrophenfall durchspielte; aber angesichts der absoluten Neuheit, des allerersten menschlichen Kontakts mit dem Extraterrestrischen wollte die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA jegliches denkbare Restrisiko nach Möglichkeit minimieren. (Während der Pause zwischen den beiden Mondexkursionen, als sie Helme absetzten und während sie die insgesamt 21 Kilogramm eingesammelten Gesteins auf dem Gitterboden der Mondfähre für den Start vom Mond gleichmäßig verteilten, um eine Unwucht bei der Beschleunigung zu vermeiden, hatten die beiden Astronauten übrigens von "einem scharfen, an den Geruch von heißem Kupfer" erinnernden Geruch berichtet, der vom Mondgestein ausging.)

28. Juli 2019

"μῆνιν ἄειδε θεὰ Πηληϊάδεω Ἀχιλῆος..."

Der Sonntag den Künsten!

Zur allfälligen Erinnerung daran, was einmal mit dem Ideal der humanistischen Bildung gemeint war, in jenen verwehten Zeiten, da man im weißen, männlichen, christlichen und generell in zweifelhaften Traditionen grundierten Europa sich noch an derlei sozialen Konstrukten zu orientieren pflegte - also etwa vom Aufkommen des Bürgertums im Lauf des achtzehnten Jahrhunderts bis etwa in die Mitte des zwanzigsten (manche würden die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", den Sommer 1914, als Scheidemarke ansehen, doch wirken solche kulturellen Prägungen erfahrungsgemäß einige Jahrzehnte weiter fort, auch wenn "der Sturm, den wir Fortschritt nennen," um Walter Benjamin zu paraphrasieren, über sie hinweggegangen scheint) - als Memento daran sei, gewissermaßen als Gastbeitrag, diese kleine Fingerübung in Rezitation eingestellt, mit der ein womöglich nicht ganz unbekannter homo politicus vor einigen Jahren den praktischen Nutzen der Kenntnis klassischer Poesie ad coulos (und mitnichten nur ad auriculis) führte:


(Boris Johnson in der Talkshow des australischen Senders ABC, am 23. September 2013)

26. Juli 2019

Deutschland, das Venezuela der Klimaerwärmung. Ein kleiner Gedankensplitter.

Es ist heiß. Zweifelsfrei. Auch wenn der Rekord von Lingen wohl eher fragwürdig erscheint, so kann man beruhigt davon ausgehen, dass heute wirklich einer der heißesten Tage der letzten 150 Jahre gewesen ist. Und warm ist es noch immer: Vor meinem Fenster sind immer noch satte 30 Grad und Mitternacht ist gerade durch.

22. Juli 2019

Precht hat (in diesem Punkt) Recht: Die Deutschen lieben Verbote. Aber warum nur?

Richard David Precht ist der Robert Habeck der deutschen Philosophie. Wie der designierte Erlöser des bundesrepublikanischen Gemeinwesens sonnt sich der mit einer eigenen Sendung im Staatsfunk belehnte Weisheitsfreund in der ihm von Frauen und Medien entgegengebrachten Bewunderung, die mit rationalen Argumenten oder bei einer verständigen Würdigung der bisher erbrachten fachlichen Leistungen wohl nur schwerlich nachvollzogen werden kann.

In einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen Zeitung redet der Vordenker der geistigen Wellness nun staatlichen Verboten das Wort. Zusammengefasst äußert der promovierte Germanist, dass sich Politiker nicht aus Angst vor sinkenden Umfragewerten davon abhalten lassen dürften, das Vernünftige zu tun, zumal der Wahlbürger bei Einschränkungen seiner Freiheit erst verärgert sei, diese Restriktionen dann aber gutheiße, wie die Erfahrungen mit dem Tabakbann in öffentlichen Gebäuden und Gaststätten bewiesen. Eine Umgestaltung der Gesellschaft sei viel leichter, als man denke. Denn: „Die Menschen lieben Verbote.“

21. Juli 2019

SCRUM. Ein Gastbeitrag

"Scrum" als Rahmenwerk des Arbeitsalltags: Wenn Wissen durch Gewissen ersetzt wird.

Ein Gastbeitrag von Frank2000.

In diesem Forum stehen Themen der Tagespolitik oft im Vordergrund. Dabei gibt es in der Wirtschaft durchaus Themen, die sowohl eines ersten als auch eines zweiten Blicks würdig sind. Ich lade Sie ein mit mir zusammen eines dieser spannenden Themen zu durchleuchten: Scrum.
Fast überall in der westlichen Arbeitswelt, die sich mit Softwareentwicklung oder digitalen Produkten beschäftigt, hat sich Scrum als Rahmenwerk durchgesetzt. Dieser Artikel beschäftigt sich vor allem mit den Grenzen von Scrum und warum Scrum in so vielen Fällen problematisch ist.

20. Juli 2019

银色的声音沉默了。 Zum Tod von Yao Li



姚莉(1922年9月3日-2019年7月19日) / Yao Li (3.9.1922 – 19.7.2019)


银色的声音沉默了 - "Die Silberne Stimme ist für immer verstummt." 

Genau genommen stimmt dieser Satz natürlich nicht. Denn zum einem war die Stimme von  姚莉 (Yao Li), die gestern in Hong Kong im Alter von 96 Jahren gestorben ist, seit einem halben Jahrhundert "verstummt". Nach dem Tod ihres fünf Jahre älteren Bruders Yao Min, 姚民, Yao Min, am 30. März 1967, hat sie keine Schallplattenaufnahmen mehr eingespielt (obwohl sie bis zu ihren "offiziellen Bühnenabschied" 1975 noch als Sängerin auftrat, während sie als Managerin für EMI Music Records Hong Kong tätig war). Und zum anderen bleiben natürlich die mehr als 400 Lieder, die sie während ihrer Plattenkarriere ab Ende der 1930er Jahre aufgenommen hat.

17. Juli 2019

"Uschi kann brauchen, was es gelernt hat." Eine Scharade

Daß Frau von der Leyen gestern vom Europäischen zur neuen Präsidentin der EU-Kommission gewählt worden ist, wurde ja gestern schon an dieser Stelle gewürdigt. Hier nun sei auf ein paar Aspekte verwiesen, die sich an diesem Vorgang in nachgerade archetypischer Weise zeigen und die durchaus auf tiefer liegende Probleme und Webfehler in der Aufstellung dieses transnationalen Gebildes namens "EU" hinweisen - nicht zuletzt die unheilvolle Neigung des polit-medialen Komplexes, das "soziale Konstrukt" EU (hier ist dieses leidige Modewort einmal angebracht) mit dem Kultur- und Traditionsraum Eurpoa - dem "Abendland", der "alten Welt" - in ein zu setzen. Daß dies ist leicht polemisch-sarkastischer Weise geschieht, sei dem Protokollanten nachgesehen. Solche Flapsigkeit ist ein publizistisches Prärogativ der schreibenden Zunft genau dieses Europas, um das es hier geht, seit Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die Wien, Paris und London die Kaffeehauskultur aufkam und mit ihr die Gazetten, die literarischen und politischen Wochenblätter, die den Betreibern die Lauf- oder besser Sitzkundschaft sicherten. Die Tradition der publizistischen Agora als Hallraum der Öffentlichkeit verdankt ihr Herkommen mindestens im gleichen Maß der Einführung des Kaffees wie der Lockerung der frühneuzeitlichen Zensurgesetze.

16. Juli 2019

Marginalie: Panzer-Uschi wird zur Kaiserin gewählt

Wenn auch nur knapp, hat das Europäische Parlament Ursula von der Leyen (vulgo "Zensursula", "Panzer-Uschi") dann doch zur Kommissionspräsidentin abgenickt. Bereits vor dieser Kür hatte die Niedersächsin mitgeteilt, von ihrem Amt als Verteidigungsministerin zurückzutreten, dies unabhängig vom Ausgang des Votums der zwischen Straßburg und Brüssel migrierenden Deputierten. In der kaputtgesparten Bundeswehr wird diese Ankündigung mit großer Erleichterung aufgenommen worden sein. Denn eine weniger loyale und eine weniger auf die tatsächlichen Bedürfnisse der einstmals (zumindest in ihrem werblichen Selbstbild) starken Truppe eingehende Chefin (männlich/weiblich, vor "Röschen" jedoch immer männlich) haben die unter Waffen stehenden Verbände in der Bundesrepublik wohl noch nie erdulden müssen.
 
Aber was ist mit Europa? Wir sollten es da vielleicht mit Marx (Karl, nicht Reinhard) halten: Wenn man einer nach Ansicht des Verfassers glaubwürdigen, hier nicht offenzulegenden Quelle folgt, war José Manuel Barroso mit seinem Normsetzungsfuror die Tragödie. Der ischiasgeplagte Jean-Claude Juncker, dessen Kommission laut Mitteilung der vorbezeichneten Auskunftsperson die Gesetzesinitiativen auf der Ebene des Staatenverbundes im Vergleich zu der Regentschaft des Portugiesen immerhin um vierzig Prozent reduziert haben soll, und die schwache Kandidatin von der Leyen, die sowohl für den nach der Hegemonie in der EU strebenden Emmanuel Macron als auch für die zentrifugalen osteuropäischen Leader akzeptabel ist, wären demnach die Farce. Gaudeamus igitur!

Noricus

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13. Juli 2019

Wenn der Ofen ausgeht: Grüner Stahl und die Rückkehr der Atomkraft

Wie der eine oder andere Leser weiß, ist dieser Autor ein bisschen in der Welt des Stahls bewandert, insbesondere in seiner Erzeugung. Wenn man heutzutage nach Neuerungen und Innovationen in der Stahlindustrie sucht (die aktuelle METEC in diesem Jahr in Düsseldorf zeugt davon), dann gibt es neben dem unvermeidlichen Thema der Digitalisierung ein anderes, mehr oder minder interessantes Thema: Grüner Stahl.

9. Juli 2019

Vom Verfall des politischen Anstandes: Von Lammert zu Kubicki zu Roth

Der Mann, der den Berg abtrug, war derselbe, der anfing, kleine Steine wegzutragen.
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                                                                                     Konfuzius.

Es ist vielleicht eine lustige Ironie, dass es ausgerechnet Claudia Roth, die ja von Deutschland per se keine allzu hohe Meinung hat, zufiel, den bisherigen Tiefpunkt der traurigen Entwicklung des deutschen Parlamentarismus zu setzen, seit die AfD bei der Bundestagswahl 2017 plötzlich ein Achtel(!) des deutschen Volkes vertritt. So lehnte sie in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni diesen Jahres einen Antrag der AfD zum Hammelsprung zur Feststellung der Beschlussfähigkeit mit der Begründung ab, der Sitzungsvorstand würde die Beschlussfähigkeit (und damit die Anwesenheit von wenigstens der Hälfte aller Bundestagsabgeordneten) eindeutig bejahen. Die Geschäftsordnung des Bundestages sieht in Paragraph 45 der aktuellen Geschäftsordnung die Möglichkeit für eine Fraktion vor, die Beschlussfähigkeit in Frage zu stellen und damit einen Hammelsprung zu fordern. Allerdings hat eben diese Ordnung an der Stelle eine kleine Hintertür eingebaut, nämlich dass der Sitzungsvorstand die Beschlussfähigkeit in dem Moment nicht eindeutig bejaht. Was dieser aber tat, obwohl es offenkundig (und zwar absolut offenkundig) war, dass kaum ein Bruchteil der Parlamentarier anwesend war und man schon arge Tomaten auf den Augen haben musste, um hier von einer Beschlussfähigkeit auszugehen.

5. Juli 2019

Umfrage des Tages: Zweidrittelmehrheit für mehr Überwachung von Internetkommunikation und sozialen Netzwerken

Laut einer Umfrage des Deutschlandtrends halten

  • 71 % die Gefahr durch Rechtsextreme Anschläge für sehr hoch,
  • 66 % glauben der Staat "Neonazis und Rechtsextremen zu oft freie Bahn lasse" und
  • 65 % möchten deshalb Sicherheitsorganen mehr Befugnisse zur Überwachung von Internetkommunikation und sozialen Netzwerken einräumen,
wie die Welt in einem lesenswerten Artikel, der die Umfrageergebnisse zusammen fasst und teilweise bildlich darstellt, berichtet.


Techniknörgler

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4. Juli 2019

Zeitmarke, leicht verspätet. 23. Mai 1819: Vor 200 Jahren erschien "Rip Van Winkle"


(Titelseite der ersten Lieferung des Sketch-Book. Abb.: Wikimedia)

Daß diese Zeitmarke mit einer leichten Verspätung von gut 10-11 Tagen erscheint (was übrigens genau dem Unterschied zwischen dem "alten" julianischen Kalender und dem "reformierten" gregorianischen entspricht, als dieser 1582 für die katholische Christenheit - 10 Tage und anderthalb Säkula später, 1752 für England und seine Kolonien verbindlich wurde - 11 Tage), hat den schlichten Grund, daß das Jubiläumsdatum dem Protokollanten, als er zu Anfang des Jahres eine kleine Liste an fällig werdenden runden Gedenkmarken notierte (aus dem anstehenden Abschnitt: am 26. dieses Monats wird der Urvater der "Gaia-Theorie," James Lovelock, seinen 100. Geburtstag begehen; am 1. August jährt sich zum zweihunderdsten Mal der Geburtags von Herman Melville) schlicht nicht "auf dem Schirm war" und er bis erst drei Tage nach dem Verstreichen des Termins gewahr wurde. Man kann also, passend zum Thema sagen, er habe es schlicht verschlafen. Immerhin nicht um zwei volle Jahrzehnte, die der durchaus zweifelhafte Protagonist dieser kleinen Erzählung.

Ohne Worte

Auf der Facebook-Seite der FFF-Gruppe Fridays for Future Köln wurde heute folgendes Ersuchen gepostet:



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U.E.

© Ulrich Elkmann. Für eine knappe Anmerkung und Kommentare bitte hier klicken.

1. Juli 2019

Kein zweiter "Sommer 1914"

Don Alphonso, dessen Kolumne "Stützen des Gesellschaft" seit geraumer Zeit für Leser mit geistiger Unabhängigkeitserklärung so ziemlich der einzige Grund War, noch ein Augenmerk auf die Tageszeitung, "hinter der immer ein kluger Kopf steckt" (gemäß der längst in den Nebel der Bonner Urzeit entwichenen Eigenbewerbung der FAZ), bevor er im vorigen Frühling seinen Stecken von der immer mehr zur kleinen publizistischen Schwester der taz  mutierendenen faz zur Welt weitersetzte, hat heute auf dem Kurznachrichtendienst Twitter folgenden zum aktuellen Weltaufreger mitgeteilt: 



25. Juni 2019

Warum die Juden?

Die Frühmenschen breiteten sich, wohl von Afrika her, überallhin als Jäger, Bauern, Städte- und Reichsgründer aus: in Europa, Asien und auf dem amerikanischen Kontinent. Sie bauten in Ägypten und Amerika Pyramiden, entwickelten Waffen und hatten überall ein ähnliches Schmuckbedürfnis. Aber ihre Religionen und das Verhältnis zu Welt, Leid und Tod entwickelten sich sehr verschieden.

22. Juni 2019

Fall Lübcke: Artikel 18 Grundgesetz und der innerparteiliche Ausrichtungskampf

Gemäß dem Pressekodex (Ziffer 13) ist die Unschuldsvermutung auch von Journalisten in Ausübung ihrer Tätigkeit zu beachten. Daran sollte man angesichts der jeglichen berufsethischen Standards hohnsprechenden Agitation, die der gewaltsame Tod des CDU-Politikers und Regierungspräsidenten des Regierungsbezirks Kassel, Walter Lübcke, im bundesrepublikanischen Blätterwald ausgelöst hat, bei aller Resignation ob der voraussichtlichen Sinnlosigkeit solcher Kassandrarufe doch erinnern.

20. Juni 2019

Der Glaube und die Angst. Ein Gedankensplitter.

"Wer nichts weiß, muss alles glauben." 
                                                   Marie von Ebner-Eschenbach

Ein schöner Aphorismus, man glaubt kaum, dass er schon mehr als 100 Jahre auf dem Buckel hat. Folgender ist mir noch nicht begegnet, falls er neu sein sollte, reserviere ich mir hiermit das Copyright: "Wer Angst hat, glaubt alles."

19. Juni 2019

Von Ultimaten und Artikeln. "Liebe FfF-Kids..."


(Notstandsgebiet Münster, 19.6.2019; 16:30. Sichtbare Folgen des Klimawandels: Dürresommer fallen jetzt extrem aus. [Eigenes Photo])


...wir müssen mal ein ernstes Wort miteinander reden. So geht es, beim besten Willen, nicht. Daß ihr mit eurem freitgälichen Schulschwänzen Gratisaufmüpfigkeit simuliert, daß ihr, anders als bei früheren Anfällen von kollektivem Jugendirresein, nicht gegen die Politik, alle alten Spießer und deren Medien im Kreis hüpft, sondern mit deren Segen und Beifall; daß ihr keine Ahnung habt von dem, wofür ihr steht, daß ihr, die ihr unbedingt "das Klima" retten möchtet, nicht imstande sid, euren Wohlstandsmüll hinter euch ienzusammeln: geschenkt. Alles nachgesehen. Aber daß ihr augenscheinlich außerstande seid, die Notizbuchfunktion eurer Wischtelephone zu bedienen, daß ihr außerstande scheint, zwei Zahlen in einem Notizbuch aus Papier zu notieren (ja, Relikte aus dem Erdzeitalter wie wir benutzen dergleichen mitunter noch): das ist bedenklich. Wenn eure Lehrer nicht ein Auge darauf haben, verpaßt ihr doch glatt den Termin zum Schulschwänzen.

18. Juni 2019

"Was die Welt / im Innersten zusammenhält." Eine späte Adnote zum Tod Murray Gell-Manns

Zugegeben: die Nachricht ist nicht taufrisch, und für diejenigen, die Ereignisse und Wegmarken im Bereich der Naturwissenschaften verbuchen, sicher auch keine Neuigkeit mehr (auch wenn des Referent zugeben muß, daß sie, da er nicht breitbandig-allgemein, sondern nur noch sehr zielgerichtet ein Auge auf die Weltläufte hat, eine Woche brauchte, um bis zu ihm vorzudringen - so mag sie auch für andere um ewig gleichen Rauschen der politisch dröhnenden Kulisse untergegangen sein): Murray Gell-Mann, "Vater" der Quarks - oder besser: der Erklärungsmodell für Partikel, Untereinheiten, Elemente, aus denen sich die kleinsten Bausteine der Materie zusammensetzen - ist am Freitag, dem 24. Mai 2019, in Santa Fe im amerikanischen Bundesstaat New Mexico gut vier Monate vor seinem 90. Geburtstag und genau ein halbes Jahrhundert, nachdem er im Jahr der ersten bemannten Mondlandung den Nobelpreis für Physik verliehen bekommen hatte, gestorben. (Den Preis bekam er allerdings nicht für das schlüssige Postulat der Quarks von 1964, sondern für seine Beiträge zur Klassifizierung und Erklärung des gewissermaßen "darüberliegenden" Elementarteilchenzoos, unter anderem seines Klassifikationsschemas der Hadronen von 1953, der Neuformulerung der schwachen Wechselwirkung - die er mit Richard Feyman entwickelte und zur Chiralität, zum Symmetriebruch im Bereich der starken Wechselwirkung.)

17. Juni 2019

Görlitz oder: Wie die CDU lernte, den Pyrrhussieg zu lieben

Das ist ja noch einmal gut gegangen, mag man sich in so manchen Redaktionsstuben dieses Landes und allen relevanten Parteien außer der AfD gedacht haben. Und vielleicht waren die sogenannten Rechtspopulisten – jedenfalls jene, die außerhalb von Görlitz residieren – insgeheim gar nicht unglücklich darüber, dass der eigene Bewerber um den Posten des Oberbürgermeisters der ostsächsischen Stadt dem – darf man dies aufgrund der Ähnlichkeiten des Settings im Anklang an die letzte österreichische Bundespräsidentenwahl so schreiben? – Kandidaten des Establishments unterlegen ist.

16. Juni 2019

Robert Habeck und der Versuch meine Sprachlosigkeit in Worte zu fassen

­Zettel schrieb im März 2011, vor dem Hintergrund der innepolitischen Geschehnisse in Deutschland, inklusive der von den Grünen gewonnen Landtagswahl in Baden Württemberg, als Folge der Havarie eines Atomkraftwerks in Fukushima, folgende Sätze:

"Sie kriecht, die deutsche Volksseele. Mal ist sie mehr braun gefärbt, mal mehr grün. Die Dummheit ist dieselbe; das Bauchgefühl, das heute triumphiert hat. Die Dummen haben gewonnen.

Mir war um dieses Land nie bange gewesen. Jetzt glaube ich, daß Deutschland wieder der Unvernunft, daß es ein weiteres Mal Ideologen zum Opfer fallen kann."

Er wurde für diese Sätze damals im Diskussionsraum des kleinen Zimmers teilweise sehr heftig attackiert. Ich denke das lag daran, dass die meisten in seiner Kritik nur die (dann zugegebnermaßen sehr polemisch und unsachlich wirkende) Schmähung eines ungeliebten Siegers bei einer Landtagswahl sahen.

Ich selbst habe Zettels Kritik nie so verstanden. Mir schien Zettels Kritikpunkt ein anderer, welcher klar auf der Hand liegt: Eine Emotion, eine Angst diktiert die politische Entscheidung und rückt die Aufgabe unserer parlamentarischen Demokratie, einen gesellschaftlichen Interessenausgleich herbeizuführen, in den Hintergrund. Es ist wohl das, was Udo di Fabio in einem Interview, welches ich vor Zeiten einmal sah, als "den Hang der Deutschen zum Romantizismus in der Politik" bezeichnete: Die Neigung sich seinem Gefühl in Reinheit hinzugeben und Pragmagtismus zu schmähen.

10. Juni 2019

Dänisches Dynamit und deutscher Dogmatismus: Sozis mit rechtem Einschlag und grüne Monothematik

„Etwas ist faul im Staate Dänemark“ (Shakespeare, Hamlet), mag es in dem einen oder anderen europäischen Linken denken. Denn in dem skandinavischen Land wurde das progressive Dogma, wonach Programmentlehnungen bei den Rechtspopulisten nicht der sich bedienenden Gruppierung, sondern dem politischen Gottseibeiuns nützten, eindrucksvoll widerlegt. Die Sozialdemokraten aus dem nordnachbarlichen Königreich haben nämlich mit einem restriktiven Migrationskurs einen Sieg bei den heurigen Parlamentswahlen eingefahren, und die Dansk Folkeparti wurde von stolzen 21,1 Prozent anno 2015 auf ziemlich ernüchternde 8,7 vom Hundert dezimiert.

Freilich: Die 25,9 Prozent, die Socialdemokraterne beim diesjährigen Urnengang errungen haben, stellen im Vergleich mit den Resultaten von vor vier Jahren (26,3 vom Hundert) sogar einen leichten Verlust dar. Aber wenn man bedenkt, dass bei der deutschen Korrespondenzpartei ein Ergebnis von gut einem Viertel der gezählten Stimmen vor 15 Jahren mit Sicherheit noch zu einer Enthauptung des auf nationaler Ebene auftretenden Spitzenkandidaten geführt hätte und heutzutage die SPD solcherlei Zuspruch nicht einmal mehr in ihren Erbhöfen wie etwa Bremen erreicht, muss man vor Mette Frederiksen durchaus den Hut ziehen. Zugegeben: Bis hierher haben wir nur die halbe Wahrheit erzählt.

5. Juni 2019

Miszelle: "Kein Pillepalle"

Es gibt Nachrichten, bei denen erübrigt sich weitgehend eine Kommentierung. Sie sind selbsterklärend - oder versprechen, es im Rückblick zu werden. Sie werden gleichsam nur zu Protokoll gegeben; wer sie notiert, gehorcht der Chronistenpflicht. (Die legendärste Variante stellt vielleicht Franz Kafka lapidare Notiz vom 2. August 1914 dar: "Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. - Nachmittags Schwimmschule.") Aus dem gleichen Zweck sei deshalb nur kurz die Meldung hergesetzt, die heute Mittag die BILD-Zeitung als zunächst exklusive Notiz mitzuteilen wußte, ehe sie von den übrigen Verteilern der Kommunikation am Dorfbrunnen des Global Village, Ortsteil Germanien aufgegriffen wurde.

"In der Union bahnt sich offenbar eine Wende an:

"In der Fraktionssitzung am Dienstag sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach BILD-Informationen, die Union solle jetzt „die Nerven behalten“ und sich vor allem beim Thema Klimaschutz noch über den Sommer gedulden, da man die beiden in Auftrag gegebenen Regierungs-Gutachten noch abwarten wolle. Doch danach dürfe es von der Regierung „kein Pillepalle mehr“ geben, sondern Beschlüsse, die zu „disruptiven“ Veränderungen führten. Schließlich sei seit 2012 beim Klimaschutz nichts mehr passiert.

"Die Union müsse bei dem Thema mit Lösungen überzeugen und darüber beraten, wie man am besten eine Bepreisung des Ausstoßes von umweltschädlichem CO2 erreichen könne. Dabei dürfe es nicht darum gehen, immer noch einen Cent hier und dort draufzuschlagen."

Dies ist eine Miszelle, wohlgemerkt, keine Marginalie. Denn was sich in dieser Ankündigung abzeichnet, dürfte alles andere als marginal sein. Offenkundig hat der Wahlerfolg der Grünen bei der Europawahl dazu geführt, daß sowohl Sozial- wie Christdemokraten beschlossen haben, der einzige Weg zu künftigem Erfolg bestehe darin, das Geschäftsmodell der Grünen zu kopieren und durch Erhöhung der utopistischen Regelungswut zu übertreffen. Was sich hinter der detailfreien Formulierung "kein Pillepalle" verbirgt, ist nicht schwer zu erraten. Es dürfte nicht darum gehen, die Anzahl der Windräder in Deutschland von jetzt rund 35.000 auf 300.000 zu erhöhen, in der eiteln Hoffnung, die Winde zum beständigen Wehen animieren zu können. Vielmehr dürfte es ein Hinweis darauf sein, daß die in unschönem Ringelreihen der verschiedenen Medien seit Monaten angekündigte "Bepreisung des Ausstoßes von umweltschädlichem CO2" (ein in ihrer Umständlichkeit typische Merkel-Formulierung), kurz: die CO2-Steuer, im Herbst alternativlos ins Haus steht. Die traurige Notwendigkeit, sich vor der nächsten Reiseetappe in grüne Etappe noch über den Sommer gedulden zu müssen, dürfte weniger dem Warten auf Feigenblatt-Expertisen geschuldet sein, sondern zum einen dem schlichten Umstand, daß es für die Parteien der GroKo keine Möglichkeit gibt, dies vorher in eine legal bindende Form zu gießen - in dieser Woche findet die letzte Sitzungswoche des Bundestages vor der Sommerpause statt; die darauf folgende Sitzung ist für die zweite Septemberwoche, dem 9.9.2019, angesetzt. Zum zweiten, weil man wohl erst das Verstreichen der drei im Herbst anstehenden Landtagswahlen - in Brandenburg und Sachsen am 1. September, in Thüringen am 27. Oktober - abwarten möchte, um die zu erwartende Marginalisierung der eigenen Parteien und das zu erwartende hohe Abschneiden der Blaualternativen (die zumindest in Sachsen die stärkste Kraft stellen dürften) nicht noch zu verschärfen. 

3. Juni 2019

Arrivebätschi

Es war einmal ein kleines Mädchen, das ward von seinen Eltern Andrea geheißen, aber weil es so quirlig und vorlaut und nervig war, nannte alle Welt es nur "Bätschi". Es kam aus der Krachmacherstraße in Irgendwo; leider stammte es nicht aus Schweden, wo quirlige Anarchistinnen sonst gern herkommen, und es hatte auch keinen NeSüdseekönig als Papa, sondern stammte aus der Vulkaneifel, was vielleicht ihr explosives Temperament erklären könnte (später, nach vielen Jahren, erklärte sie einem Interviewer auf die Frage, ob die "Frankfurter Schule" sie beeinflußt habe: "He? Hallo? Ich habe eine Schule in der Eifel besucht!").

All das konnte sie nicht verwinden und trat der SPD bei. Auf die Frage, inwieweit ihr Denken von der Frankfurter Schule beeinflusst wurde, retournierte sie einst: “Hey hallo! Ich habe eine Schule in der Eifel besucht.” Andrea Nahles gilt als Ziehtochter der großen rheinland-pfälzischen Sozialdemokraten Kurt Beck und Rudolf Scharping. Bis heute unverkennbar, die Mixtur aus Bär und Ziege.

2. Juni 2019

Zitat des Tages: Bundeskanzler Habeck mit Grün-Rot-Rot

Mit diesem Ergebnis hätten die Grünen bei einer Regierungsbildung zwei Optionen: Mit der CDU/CSU kämen sie auf eine klare absolute, mit SPD und Linken immerhin noch auf eine knappe relative Mehrheit.
- "Grüne überholen erstmals Unions - SPD so schlecht wie nie" vom 01.06.2019 auf welt.de

Kommentar:
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Unter Politikjournalisten hatte Grün-Rot bereits 2010 eine Zweidrittel-Mehrheit  mit den Grünen vor der SPD. Dies brachte Ronald Gläser damals zu der Überschrift "Zweidrittelmehrheit für die neue Bundeskanzlerin Claudia Roth mit der SPD als Juniorpartner". Auch wenn es keinen konkreten Hinweis auf eine Unterstützung für Claudia Roth als Kanzlerkandidatin gab, so war dies doch die einzige Überspitzung an dieser Schlagzeile. 

Vor 3 Jahren konnte ich den deutlichen Vorsprung der Grünen vor der SPD unter Journalisten noch als Beleg für die Entkoppelung des Politikjournalismus vom Durchschnittsbürger anbringen. Das hat regelmäßig zu nachdenklichen Gesichtern geführt, selbst bei progressiven Studenten. Inzwischen dürften die sich in ihrem Selbstbild als Avantgarde bestätigt fühlen.

Nun mag man einwenden, das wir keine verfassungsändernde Mehrheit für Grün-Rot mit Claudia Roth als Bundeskanzlerin haben, sondern nur eine knappe Mehrheit für Grün-Rot-SED unter einem Bundeskanzler Habeck.

Aber seien wir mal ehrlich: Es braucht keine Zweidrittel-Mehrheit im gesamten Wahlvolk, um eine enorme Annäherung der Wähler an die grünen Vorreiter in den Medien zu erkennen. Die noch vor 10 Jahren in dieser Intensität abwegige Verschiebung zu den Grünen als stärkste Partei vor der CDU leitet nicht nur ein neues politisches Zeitalter in Deutschland ein. Auch der Vorwurf, Medienschaffende seien bezüglich ihrer Parteipräferenz zu weit vom Wahlvolk entfernt, greift nicht mehr.  

Wer jetzt noch die langfristig Auswirkung der grünen Dominanz in etablierten, narrativbildenden Institutionen auf die öffentliche Meinung und insbesondere die Prägung junger Menschen bestreitet, soll sich bitte aus der aktiven Politik zurück ziehen und langfristigen Strategen platz machen. Auf lange Sicht spielt für werte-orientierte Politik nur der erfolgreiche Landgewinn in narrativprägenden Institutionen eine Rolle. Seien es liberale Werte, seien es konservative Werte, sei es eine Mischung in der Form liberal-konservativer Werte, seien es klassische sozialdemokratische Werte der Arbeiterbewegung oder die grün-progressive Sozialarbeiter- und Kulturreformerbewegung. 

Und wer jetzt noch als CDU-Karrierepolitiker Angela Merkel unter der rein machtpolitischen Erwägung verteidigt, eine Regierung ohne Unions-Kanzler sei durch ihren Ausverkauf der CDU und der bürgerlichen, narrativprägenden Institutionen undenkbar geworden, hat den Schuss nicht gehört. 

Allerdings ist es für diese Erkenntnis jetzt wohl zu spät. Selbst eine Grün-Schwarze Koalition wäre jetzt auf Bundesebene (!) nicht mehr zwangsläufig unionsgeführt und die Grünen haben gute Chancen SPD und SED auf der einen Seite und die Union auf der anderen Seite bei Koalitionsverhandlungen gegeneinander auszuspielen. 



Techniknörgler

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31. Mai 2019

Marginalie: Stirbt mit dem alten, weißen Mann auch der Kavalier aus?

Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, so habe ich den Namen Michael Wendler zum ersten Mal in Berichten über einen Markenrechtsstreit gelesen. Falls Ihnen der besagte Herr gänzlich unbekannt ist, werte Leserschaft, so drückt sich darin nicht ein Mangel an Bildung, sondern vielmehr sogar ein Übermaß derselben aus. Denn intellektuelles Niveau wird ja gerne in der Distanz zu den Lustbarkeiten des breiten Publikums gemessen.

Michael Wendler ist, wie uns die Wikipedia aufklärt, „Sänger und Songschreiber“ und damit wohl genau die Kategorie einer öffentlichen Person, an der Interesse zu hegen dem durchschnittlichen Adressaten des Stern von dessen Redaktion unterstellt wird. Der Tonkünstler, so ist einem Eintrag im Online-Auftritt des Hamburger Wochenmagazins zu entnehmen, buchte nach allerlei Irrungen und Wirrungen für sich und seine bessere Hälfte zwei Plätze in einem Flugzeug von Miami nach Mallorca. So weit, so unspektakulär. Als problematisch an der Reservierung erwies sich, dass die beiden Sitze nicht nur nicht nebeneinander, sondern auch in unterschiedlichen Preisgruppen gelegen waren: der eine in der business, der andere in der economy class. Auch die Tränen seiner 18-jährigen Freundin, die – wie man als Sänger und Songschreiber wissen sollte – nicht lügen (ich spreche von den Tränen, von den Freundinnen will ich nichts gesagt haben), bewegten den 46-jährigen Barden – wir verhandeln ein Boulevardthema, dabei gehören Altersangaben zur lex artis – nicht dazu, mit dem Platz in der Holzklasse vorliebzunehmen und seiner Angebeteten die komfortablere Reisemöglichkeit zu offerieren, was das Nachrichtenmagazin entsprechend kritisch anmerkt.

30. Mai 2019

Je est l'autre: Victor Segalen nach 100 Jahren


(Victor Segalen, 1904 in Nouméa. Abb. Wikimedia)


Sein Ende war so merkwürdig und widersprüchlich wie alles an dem Mann, dessen Leiche in den letzten Tagen des Maimonats vor einhundert Jahren, am Mittwoch, dem 21. 5. 1919, in einem verlassenen Waldstück nahe dem kleinen Dorf Huelgoat in der Bretagne, im Départment Finisterre, dort, wo Frankreichs Landausläufer wie ein Finger in den Atlantik weist, nach zwei Tagen Abwesenheit von seiner Frau und einer guten Freundin der Familie gefunden wurde, auf dem aufgebreiteten Mantel liegend und eine Kopie von Shakespeares Hamlet neben sich, nachdem er sich zu einem seiner ausgedehnten Spaziergänge verabschiedet hatte, die er als Kur gegen seine Ausgelaugtheit, neuralgischen Anfälle und malariaähnlichen Zustände unternahm, nachdem er die vier Monate bis zum März in diversen Sanatorien verbracht hatte. Die Militärärzte vor Ort befanden auf einen Unfall: der 41-jährige Victor Segalen habe sich am Knöchel eine tiefe Fleischwunde beim Sturz über einen scharfkantigen Baumstubben zugezogen, habe beim Versuch, die Wunde abzubinden, das Bewußtsein verloren und sei am Blutverlust gestorben. Seine wenigen (damaligen) Leser und die, die von dem Leben des Autors, der heute einer classiques mineurs der französichen Literatur der Jahrhundertwende und einer der großen Klassiker des Exotismus gilt, warne von Anfang an überzeugt, daß er selbst seiner Existenz ein Ende gesetzt hat. Erst seine letzte Biographin, Marie Dollé, nennt in ihrem Buch Victor Segalen: Le voyageur incertain von 2006, den Suizid klar beim Namen.

Wenn die Realität kommt. Ein Streiflicht zum Schulschwänzen.

Die heilige Greta ist jetzt fast ein Dreiveirtel Jahr, ihre deutschen Jünger jetzt teilweise ein knappes halbes Jahr "im Streik" (mal ab von Ferienunterbrechungen). Und das Ende ist bisher nicht abzusehen.

28. Mai 2019

Starlink



"...dort oben leuchten die Sterne / und unten leuchten wir..." heißt es im Kinderlied, wenn es zum Martinstag, zu Beginn der tiefsten Jahresendzeit, darum geht, mit Laternen einen noch so bescheidenen Kontrapunkt zum schwindenden Tageslicht zu setzen. Gegen die unmittelbare Impression der scheinbar unendlich fernen und unendlich ewigen Leuchtfeuer (was sie in Bezug auf die Kleinheit und Kürze des menschlichen Lebens tatsächlich darstellen) in den Tiefen des Alls vermag alles menschliche Ingenium bislang nichts entgegenzusetzen. Nicht außerhalb der ebenfalls kleinen Bereichs der Kunst und der Literatur jedenfalls und den Bildern, die deren Metaphern und Themen in der menschlichen Phantasie anzünden. Gestaltungen und Zeichensetzungen menschlicher (oder jedenfalls sterblicher) Hand werden auch wohl noch in Jahrmillionen allein diesem Bereich vorbehalten sein: ob es nun darum geht, den Mars durch Terraformierung als eine zweite Erde ergrünen zu lassen, wie in Arthur C. Clarkes bekanntestem Science-Fiction-Roman The City and the Stars (1956) sieben Sonnen als Signum einer am Magie grenzenden Supertechnik in enger Formation einander umkreisen zu lassen (die deutsche Übersetzung isr denn auch unter dem Titel Die sieben Sonnen erschienen), wie in Jack McDevitts Infinity Beach aus dem Jahr 2000 ein halbes Dutzend passender Sterne gleichzeitig als Supernova zu zünden, um weit über die Grenzen des Inseluniversums unserer Milchstraße hinaus ein sichtbares Signal zu setzen: wir sind hier! wir sind intelligent! oder ob es wie in der Anmoderation von Ross Rocklynnes (1913-1988) kleiner Erzählung "Find the Face" (in Galaxy Science Fiction, September 1968) heißt: At the edge of forever, the stars form a Face. But whose? And why?



(Abb. Internet Science Fiction Data Base)

"The face was spread across that whole sky along whose star-clouded shores my elegant boat swam. it subtended an arc of 130°, and that was a lot of sky. I stared stupidly, expecting the face's drooping- star-gleaming lips to curl in contempt, his coal-sack nostrils to pinch in displeasure, his God-eyes, with groups of burning-bright stars where the irises were, to fume at me in cosmic anger. ... But no, his expression, frowning, distant, remained the same. How handsome a man, he that looked down upon me but through me; and, indeed, seemed to have no interest in me. The hair, gray-black, was swept in a haughty wave of radiant gases over his forhead, which in turn was so neatly limned and shaped by clouds and strings of primal hydrogen matter. Hair untidly covered the tops of of his ears, which in turn were but stellar helices with darks and brights of deftly brushed in by an Artist whose identity I could not conceive." (S. 70)

27. Mai 2019

Ibiza-Affäre: Königs- und Bauernopfer

Sebastian Kurz und seine Übergangsregierung sind Geschichte. Der Nationalrat hat sämtlichen Mitgliedern des Kabinetts um den ÖVP-Shootingstar das Misstrauen ausgesprochen. Ist der 32-Jährige in seinem (jedenfalls für einen Politiker und im Vergleich zum Verfasser dieser Zeilen) zarten Alter bereits ein Gescheiterer?

Ich glaube nicht: Eigentlich hätte es für Kurz nicht besser laufen können. Bei der Europawahl fuhr seine Partei satte Gewinne ein – in dem österreichischen Bundesland, das der endunterfertigte Autor (vor allen anderen) liebt, kamen die Schwarzen auf wahrlich volksparteiliche 44 Prozent – und die motley crew der Unterstützer des Absetzungsantrages – SPÖ, FPÖ und JETZT (Liste Pilz) – dürfte nicht viel mehr einen als ihre Abneigung gegen Sebastian Kurz. Anders gesagt: Das Volk hat für den jungen Kanzler gestimmt, eine Politikerelite gegen ihn. Das ist eigentlich der perfekte Märtyrerstatus, wie ihn die Blauen so gern für sich verbuchen würden.

25. Mai 2019

Zwei schöne Kampagnen

Die Fraktion der Pro-Europäer (gefühlt vielleicht 90% des politischen Betriebes, aber auch eine lockere Mehrheit der deutschen Wähler) hat ein Problem: Sie haben keine so rechten Themen mehr. Man kann zwar weiter hirnfrei "Frieden" (SPD), "Ein Europa für Frieden und Wohlstand" (CDU) oder "Europa ist die beste Idee, die Europa je hatte" (Grüne) plakatieren, aber so richtig verfangen tut der Quatsch nicht. Man hat schlicht keine Themen.­
Was einfach daran liegt, dass Europa durch die letzten Jahre wenig bis gar nichts (für den Bürger!) zuwege bringt, sondern sich lieber darin gefällt die realen Krisen wie die Merkelsche Flüchtlingsshow oder das griechische Finanzwunder auszusitzen. Das einzige Konzept der Pro-Europäer besteht in -Überraschung!- mehr Europa. Warum ist eigentlich unklar. Warum Europa Probleme, die es bisher nicht ansatzweise lösen konnte, durch noch mehr Macht in Brüssel lösen will, verbleibt im Nebel. 

21. Mai 2019

Kurz’ Kalkül – Kurz’ gefährliches Spiel

Die Koalition aus ÖVP und FPÖ wird nicht einmal mehr bis zu den voraussichtlich im September 2019 stattfindenden Nationalratsneuwahlen fortgesetzt. Den von Bundeskanzler Sebastian Kurz vorgeschlagenen Deal, wonach im Gegenzug zu Innenminister Herbert Kickls Demission das derzeitige Regierungsbündnis wenigstens noch bis zum nächsten Urnengang Bestand haben sollte, wurde von dem Kärntner abgelehnt. Vielmehr kündigten seine in Ministerpositionen befindlichen Parteifreunde ihr Ausscheiden aus dem Amt an, sollte Kurz dem Bundespräsidenten die Entlassung Kickls vorschlagen.

Verfassungsrechtlicher Hintergrund: Gemäß Artikel 70 Absatz 1 Satz 1 Halbsatz 2 Bundes-Verfassungsgesetz (B-VG) erfolgt die Entlassung einzelner Mitglieder der Bundesregierung auf Vorschlag des Bundeskanzlers. Den Bundeskanzler oder die gesamte Bundesregierung kann der Bundespräsident hingegen aus Eigenem (also ohne Vorschlag) ihrer Funktion entheben.

19. Mai 2019

Der dritte Mann oder: Wer steckt hinter dem Ibiza-Video, das die österreichische Politik erschüttert?

Tragik und Komik liegen bekanntlich eng beieinander. Und so ist es wohl die personale, letztlich vielleicht nur aus seinem charakterlichen Habitus erklärbare Tragik des Heinz-Christian Strache, dass er, obwohl im Laufe des nunmehr berühmt-berüchtigten Abends des 24. Juli 2017 eine „eingefädelte Falle“ witternd, in diese getappt ist. Die Komik der Begebenheit liegt darin, in welch unvergleichlich plumper Art und Weise sich der zurückgetretene FPÖ-Chef bei der Zusammenkunft auf Ibiza um Kopf und Kragen geredet hat.

Wenn man die in den letzten Tagen ohnehin reichlich zur Anwendung gelangte Recht-und-Moral-Brille beiseitelässt, so ist der völlige Mangel an Format, der sich in Straches redseliger Prahlerei manifestiert, das eigentlich Verstörende an dem der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel zugespielten Video. Zutreffend stellt Claudius Seidl in einem nunmehr hinter die Bezahlschranke verschobenen Beitrag für die FAZ fest, dass patentierte bad guys ganz anders in eine solche Begegnung gegangen wären.

18. Mai 2019

Abflug?

Nur eine winzige Mißzelle, eigentlich nur ein Halbsatz. Aber er sei als zetliche Wegmarke hergesetzt,

Im Kaffeesatz der Zukunft zu lesen zu versuchen, ist stets eine mißliche Angelegenheit; der neben Mark Twain so ziemlich jedem weiteren skeptischen Denker zugeschriebene Satz "Voraussagen sind schwerig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen" hat mehr als seine Berechtigung. Auf der anderen Seite gibt es so etwas wie eine Erwartungshaltung in bezug auf das, von dem man erwartet, daß es ins Haus stehen könnte. Und in diesem Punkt möchte der Protokollant zu Protokoll geben, daß er seine bisherige felsenfeste Haltung, was das weitere politische Schicksal der Frau Bundeskanzler, Dr. phys. Angela Merkel, anbetrifft, leichte Risse bekommen hat.

16. Mai 2019

"Kära fröken Greta..."



"Jag tillstår, sade fröken Greta, att jag tycker hon år det skönaste som Gud skapat - blott allt för mycket luftig, alltför litet folk. Man tycker, att hon, rätt som det år, kunde försvinnar i en sky." - Fredrika Bremer (schwedische Romanautorin, 1801-1865), Nina. Stockholm: L. J. Hjerta, 1835, Bd. I, S. 43-44.

("Ich gebe zu, daß Fräulein Greta gesagt hat, daß ich sie für das Schönste halten würde, daß Gott erschaffen hat - nur ist sie viel zu abgehoben, viel zu kindisch. Man hat den Eindruck, daß sie sich in jedem Augenblick auflösen und wie eine Wolke verschwinden könnte.")

Kära fröken Greta, dear Ms Thunberg, liebe, geehrte ... 

... und hier stutze ich schon in meinem Schreiben an Sie, an Dich, an Euch - denn ich habe nicht angefragt, welchem der zahlreichen in Frage kommenden Geschlechter Sie sich selbst zuzuordnen belieben, ob als unentschlossen, präpubertär, als Pippi-Langstrumpf rediviva oder als Neuauflage von Lotta aus der Krachmacherstraße (eine Rolle, die Ihr Vater Svante Ihrer kleinen Schwester Beata zuschrieb; bei Ihnen würde es sich somit um ihre ältere Schwester Mia Maria handeln) - und ohne eine solche Klärung wäre eine Anfrage an Sie behufs einer solchen Klärung eine üble Zuschreibung meinerseits, Essentialismus oder Existenzialismus oder Expressionismus - auf jeden Fall bäh und pfui in der politischen Diktion des 21. Jahrhunderts, das keine komplizierten Wörter mit mehr als zwei Silben schätzt und lieber mit dem Herzen sieht. Es geht um folgende Sache:

12. Mai 2019

Und sie diskutieren doch: Wie und warum in Frankfurt nicht geschehen ist, was sonst so häufig passiert

Mit den Worten „Es kam diesmal anders“ lässt Thomas Thiel auf FAZ.net seinen sehr lesenswerten Artikel über eine an der Universität Frankfurt abgehaltene, im griffigen Journalisten-Jargon als „Kopftuchkonferenz“ bezeichnete Veranstaltung beginnen. Tatsächlich: Der auf Twitter erschienene Hashtag #schroeter_raus, unter dem von einem letztlich unidentifizierten Autor nicht nur zur Absage des Debattentermins, sondern auch zu einer Entlassung von dessen Organisatorin, der in der Bankenmetropole lehrenden Ethnologin Susanne Schröter, aufgerufen wurde, führte trotz Unterstützung seitens der Lobby der Verhüllungsfreunde nicht zu dem erwartbaren Geschehensablauf. Vielmehr fand der Gedankenaustausch statt; von einer Emeritierung der Professorin ist keine Rede.

Solcherart spielten sich vergleichbare Situationen freilich nicht immer ab, wie die durch Susanne Schröter selbst erfolgte Ausladung des Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, im Jahr 2017 belegt. Die NZZ ordnet die damalige Reaktion der Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam richtig ein: Seinerzeit sprachen sich nämlich sowohl eine nicht unbeträchtliche Anzahl Lehrender als auch der Allgemeine Studentenausschuss (AStA – in der Eigenbezeichnung wohl eher „Studierendenausschuss“) dagegen aus, Wendt, dem man zweifellos ein großes Bewusstsein für Publicity nachsagen kann, was seine Dämonisierung als Hassfigur der Linken aber nicht rechtfertigt, einen Platz auf dem Podium einzuräumen.

9. Mai 2019

Waldkampf



Wenn man nachts im Traum in einem Buch liest... 

*     *     *

Klong! Kalong! Plonk! Hier ist Schang Kloot, und er kommt die Treppe hinab gekollert, gebeugt von der Last der EU und geplagt vom Ischias, den Kopf voran, eine Stufe nach der anderen. Soweit ihm bekannt ist, ist das die einzige Art und Weise, nach unten zu gelangen. Manchmal scheint es ihm, als ginge es auch anders, wenn ihm das Gepolter nur einen Moment Zeit lassen würde, darüber nachzudenken. Und dann wieder scheint es alternativlos. Als er und die EU ganz unten angekommen waren, weil es nicht mehr tiefer ging, setzte er sich langsam auf, hielt seinen schmerzenden Kopf und sagte zu sich: 

"Aua! Pu! Ich muß mir für diese EU wirklich etwas einfallen lassen. Das wird nicht leicht für einen Bären von sehr geringem Verstand, wie ich es bin. Aber es bleibt mir wohl keine Wahl. Pu!" Und so wollen wir ihn im Weiteren auch nennen.

7. Mai 2019

Danke für nichts. Werbepause redux

Liebe (lieber? liebes?) EDEKA: an dieser Stelle wurde vor mittlerweile gefühlten zweieinhalb Ewigkeiten - im November 2016 - eine leicht launige Lanze für Euch gebrochen, als Eure damalige Weihnachtswerbung unter den reichlich hanebüchenen Verdacht gestellt wurde, ihr würdet damit finstere nationalistische, intolerante, vorgestrige und überhaupt mittelalterliche Botschaften den nichtsahnenden Zuschauer direkt ins Unbewußtsein beamen (Werbepause). Wie es scheint, war das wohl leicht voreilig gehandelt. Zum diesjährigen Muttertag habt ihr euch zum Ausgleich einen Spot gegönnt, der immerhin auf die Auslotung Freud'sche Untiefen verzichtet und seine schlichte Botschaft unverstellt präsentiert: "Wir sagen Danke."

5. Mai 2019

Europa ist die Antwort? Ein Gedankensplitter zum Verlust linker Macht.

Die ehemals sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) ist ja nun schon des öfteren durch eher, sagen wir mal simple, Wahlplakate aufgefallen. Wenn man nix zu sagen hat, dann sagt man es möglichst blumig, vielleicht fällt noch das eine oder andere Stimmvieh darauf herein. Auch zur Europawahl diesen Jahres plakatiert sie ähnlich blumig: "Europa ist die Antwort."

Nun, es ist schön, dass die SPD meint Europa sei die Antwort, vor allem wenn man bedenkt, dass niemand, auch nicht die SPD, eine Frage gestellt hat. Nun ist aber die Frage nach der Frage eigentlich eine ganz spannende und vielleicht in der Konsequenz die Wahlwerbung eine etwas zu ehrliche, als die Genossen sich das eigentlich wünschen.


4. Mai 2019

Zeitmarke. 五四运动 - 4. Mai 1919. Vor 100 Jahren fiel der Startschuß für Chinas Aufbruch in die Moderne



Was am Sonntag, dem 4. Mai 1919, vor genau einhundert Jahren also, auf dem Tainnammen-Platz, dem "Platz des Himmlischen Friedens" in Beijing, damals dem Westen noch durchweg in der Variante Peking geläufig, seinen Anfang nahm und seither als 五四运动, wǔ sì yùndòng, "Bewegung des Vierten Fünften" geläufig ist, war, rein historisch betrachtet, eine kleine Fußnote, eine eher unbedeutende Episode in der Unruhe und dem politischen Chaos, das das nominell republikanisch verfaßte China, gut acht Jahre nach dem Ende der letzten Kaiserdynastie der Qing unter dem damals sechsjährigen Kindherrscher auf dem Himmelsthron, dem Xuantong-Kaiser (宣統帝), der aller Welt unter seinem "bürgerlichen" Namen 溥仪 / Puyi geläufig ist, den er führte, seit ihn die Putschistenregierung des Warlords Feng Yuxiang nach ihrer Machtübernahme in Beiping (wie die "Hauptstadt des Nordens", Bei Jing, von 1922 bis zur Machtergreifung der Kommunisten 1949 hieß) aus der Verbotenen Stadt nach Tianjin vertrieben hatte, ausmachte. Kulturell und für das Selbstverständnis Chinas auf seinem Weg in die Moderne ist diese Episode hingegen kaum zu überschätzen.


3. Mai 2019

"Klimanotstand"


Münster (Westf.), Tag 3 der Reiwa-Ära - 令和 の3日目 (Fr., d. 3.Mai 2019). Die judäische Klimastreikfront ist aus den Ferien zurück. (Eigenes Foto)

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Von Carl Schmitt (1888 bis 1988) ist ein Zitat im Gedächtnis geblieben, das, ungeachtet seiner üblen Rolle als "Kronjurist" und Rechtfertiger der diktatorischen Willkür im Dritten Reich in seiner Triftigkeit weiterhin Bestand für sich beanspruchen kann. Es findet sich zu Beginn seiner ersten Schrift, Politische Theologie - Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität, erschienen 1922, und lautet: "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet" (S. 9). Von daher bitte ich um nähere Auskunft: Wann genau hat die Endzeitsekte namens "Fridays for Future", kurz FfF, um die bezopfte Erlöserin aus Schweden, die kindliche Kaiserin des Klimastreiks, in deren Zeichen seit ein paar Monaten jeden Freitagnachmittag der Schulunterricht boykottiert wird, in diesem Land noch mal die Regierungsgewalt samt der Befugnis zur Ausrufung des Ausnahmezustands übernommen? Um die Agenturmeldungen von gestern zu zitieren:

Als erste Stadt in Deutschland hat Konstanz den Klimanotstand ausgerufen. Wie ein Sprecher der Schüler-Bewegung "Fridays for Future" Konstanz am Donnerstagabend mitteilte, fasste der Gemeinderat auf deren Initiative hin dazu einen einstimmigen Beschluss. Die Stadt Konstanz stellt damit alle Entscheidungen unter einen Klima-Vorbehalt.Wie die Stadt im Internetdienst Twitter mitteilte, wurde die Stadtverwaltung beauftragt, zusätzliche Maßnahmen zur Umsetzung des Beschlusses auszuarbeiten. Sie soll nach Angaben von "Fridays for Future" auch künftig einen jährlichen Report über den Fortschritt bei der Vermeidung von CO2-Emissionen herausgeben.
Nach diesem Muster hatten zuvor bereits die Städte Vancouver, Oakland, London und Basel den Klimanotstand beschlossen. Die seit Monaten andauernden Schülerdemonstrationen von "Fridays for Future" können damit in Deutschland einen wichtigen politischen Erfolg verbuchen. "Die Ausrufung des Klimanotstandes durch den Konstanzer Gemeinderat ist ein wichtiges Zeichen für ganz Deutschland", erklärten die Organisatoren in der baden-württembergischen Stadt. (FOCUS)

Man muß das - obwohl es offenkundig sein sollte - wahrscheinlich immer wieder repetieren: es gibt keine Katastrophe, die sich hier auswirkt, die Wüste wächst nicht, schon gar nicht bis an die Ufer des Bodensees; verheerende Dürren oder Überschwemmungen sind nicht zu vermelden, kein Atoll ist, trotz jahrzehntelanger Ankündigung, in den Fluten des Pazifik oder des Indischen Ozeans versunken, sämtliche Termine, an denen der Menschheit ob ihres schändlichen Umgangs mit dem Klima, der Umwelt, der Atmosphäre das Wasser bis zum Hals stehen sollte, sind ergebnislos verstrichen, selbst die Anzahl der globalen Eisbärenpopulation (dem langjährigen Wappentier des Klimaalarmismus) mußte Anfang dieses Jahres gegenüber den extrapolierten Zahlen um 3800 Tiere auf jetzt weltweit 29.800 nach oben korrigiert werden (wie man in diesem Bericht auf S. 3 nachlesen kann). Die Wetterkapriolen - wie die kurze Hitzeperiode im Frühsommer des vergangenen Jahres - halten sich durchweg im Bereich der Variabilität der langjährigen Durchschnittswerte (und waren kein Vergleich mit dem Juli und August des "Jahrhundertsommers" 2003). Gestern morgen um 06:00 herrschten im Konstanz Lufttemperaturen von 5,8°C, die bis Mittag auf 18,6 Grad anstiegen; heute Nacht ging dort länger anhaltender Regen nieder, der gegen 6 Uhr morgen die Niederschlagsmenge von 10,3 Liter pro Quadratmeter erreichte (sh. hier): ein absolut durchschnittliches April-Schmuddelwetter also. Was treibt Gemeinwesen in Deutschland, in Europa, der westlichen Welt, dazu, hier allen Ernstes unter dem Rubrum "Notstand" Maßnahmen zu erlassen, ohne jeden konkreten Anlaß, ohne tatsächliche Notsituationen, die dergleichen rechtfertigen würden? Natürlich kann man darauf verweisen, daß es sich hier ja nur um "Symbolpolitik" handelt, um die Ankündigung reichlich belangloser "Gutachten", von denen zu erwarten steht, daß sie Städten wie Landkreisen im Zug des ohnehin grassierenden Zeh-Oh-Zwei-Fiebers ohnehin ins Haus stehen werden. Daß hier bislang nichts weiter als ein ziemlich folgenloser Kotau von dem herrschenden Zeitgeist stattfindet. Nur sollte man dabei im Hinterkopf behalten, was der Begriff "Notstand" gemeinhin an Bedeutung in sich trägt. Um aus der Definition des Online-Lexikons Wikipedia zu zitieren (eingedenk der dort aufgeführten Warnungen, daß es sich nicht um belastbare Rechtsauskünfte handelt; hier geht es um die semantische Bedeutung dieser Vokabel):

"Kommt es in einem bestimmten Gebiet aufgrund von Naturkatastrophen, Krieg, Aufruhr oder ähnlichem zu einer unüberschaubaren Lage, so kann der Notstand, auch Ausnahmezustand, ausgerufen werden. In der Regel hat dies dann zur Folge, dass die öffentliche Gewalt auf ihre Bindung an Gesetz und Recht insoweit verzichten kann, wie sie es zur Bekämpfung des Notstandes für erforderlich hält. In den demokratischen Ländern bedeutet der Notstand in der Regel die Verkürzung des Rechtsschutzes gegen hoheitliche Maßnahmen sowie Zurückdrängung von längere Zeit in Anspruch nehmenden behördlichen oder legislativen Verfahren." (Wikipedia, Artikel "Notstand")

Es mag sein, daß ich hier, wie man so volkstümlich sagt, die Flöhe husten höre und das Gras wachsen sehe: aber wer würde, angesichts der bereits in Kraft getretenen Fahrverbote für Dieselfahrzeuge anhand irrwitziger "Belastungen" durch Stickoxide und Feinstaub (die während der mehr als drei Jahrzehnte, in denen der Öko-Wahn bereits in diesem Land grassiert, nie als bedrohlich ausgemacht worden waren), angesichts der sich abzeichnenden Zerschlagung des Automobilindustrie durch Staat und von jeder Verantwortung befreite Lobbygruppen, eine Garantie dafür abgeben mögen, hier würde es bei bloßer Symbolik bleiben? Hier würden nicht genau solche Beschlüsse demnächst zum Anlaß genommen, tatsächlich Notstandsmaßnahmen zu erlassen, in die verheerender Weise in die bürgerlichen Freiheiten und Besitzrechte der Staatsbürger eingreifen? Daß die Medien, in Tateinheit mit der Politik, dem so unreflektierten wie infantilen Treiben der Klimakids Beifall zollen - bis hin zur EU-Führung in Gestalt eines Herrn Juncker und dem Oberhaupt der katholischen Kirche, darf als ein durchaus beunruhigendes Zeichen gewertet werden.

Man sollte die historischen Parallelen nicht überstrapazieren. Aber beunruhigend bleibt der Gedanke, daß beim letzten Durchgang, als, um die bekannte Zeile von Herbert Grönemeyer zu zitieren "den Kindern das Kommando" gegeben wurde, als ihnen nahegelegt wurde, sie dürften die öffentliche Ordnung, die herrschenden Institutionen ohne Bedenken zerschlagen, ohne Rücksicht auf Konsequenzen, im Namen einer höheren Gerechtigkeit - als ihnen dies von der eigenen politischen Führung auf Auftrag erteilt wurde, vor einem halben Jahrhundert, hieß das Unterfangen bekanntlich "Kulturrevolution". Auch dort herrschte die Regression, die Infantilität, der besinnungslose Rausch des Hier-und-Jetzt, und die Slogans der Roten Garden ("Es ist erlaubt, das Hauptquartier zu bombardieren!") unterschieden sich in ihrer benehmenden Primitivität in nichts von den immergleichen einfältigen Parolen einer Greta Thunberg.

Andererseits läßt sich eines ebensowenig übersehen: die "Schulstreiks fürs Klima" sind in ihrer tatsächlichen Wirkungslosigkeit, in ihrer dummen Hilflosigkeit nichts weniger als lächerlich. Sie sind die Travestie eines tatsächlichen Aktionismus, eine Persiflage gegenüber dem tatsäclich zerstörerischen Potential, wie es die von der - im buchstäblichen Sinn massenmörderischen - "Großen Proletarischen Kulturrevolution" inspirierten "68er" - an den Tag legten, bis hin zu des destruktiven Energie, die die Anti-Atomkraft-Bewegung zehn Jahre darauf oder noch die "Antifa" entwickeln konnten, als sie vor zwei Jahren anläßlich des G7-Gipfels in Hamburg das dortige Schanzenviertel zwei Nächte in Trümmer legen konnten. Wenn sich die Politik von diesem Kindergarten auf der Nase herumtanzen läßt, sagt dies mehr über ihren eigenen desolaten Zustand als über "die Macht der Straße" aus, die als gesellschaftliche Gegenkraft darin Ausdruck findet (Neu ist dieser Befund nicht: in der "Occupy-Bewegung" von 2011 zeigte sich die Desolatheit der "Protestkultur" zum ersten Mal in dieser hilflosen Form ganz unverstellt). Überhaupt scheint dieser seit Generationen etablierte Gegensatz  -"ihr da oben - wir hier unten!" - in den letzten zehn, vielleicht zwanzig Jahren seltsam aufgehoben zu sein: hier arbeiten nicht mehr unterschiedliche Pole im gesellschaftlichen Geschehen gegeneinander; hier leben sich zwei Pole frei aus, die beide - die "Politik" wie die "Straße" (wahlweise: "das Volk", "die Gegenkultur") genau dasselbe aufs Panier geschrieben haben: einen unreflektierten Gutmenschen-Utopismus, der um die Widersprüche der Wirklichkeit nichts weiß und der glaubt, sämtliche - vermeintlichen wie tatsächlichen Gegensätze und Friktionen mit hemmungslosen Geldgeschenken und dem Skandieren einfältiger Slogans bewältigen zu können - in Tateinheit mit einem ebenso enthemmten Hedonismus, der zwar schrill beklagt wird (von der "Politik" ebenso wie in den schlichten Parölchen): aber es bleibt seltsam folgenlos: ein immer wieder in den Medienberichten auftauchendes Bild der "Zukunfts-Freitage" war, daß die hüpfenden Jugendlichen nicht einmal bereit waren, den von ihnen hinterlassenen Berg von Fastfood- und Süßigkeits-Verpackungen einzusammeln, ja, daß ihnen dies als Zeichen dessen, was sie hier "anklagen", nicht einmal ansatzweise bewußt wäre.

Es ist diese Janusköpfigkeit, die so bezeichnend für den momentanen Abschied von aller Vernunft (den jegliches Jugendirresein nun einmal in sich trägt) ist: ist dies eine Bewegung, die einen tatsächlich zerstörerischen Kern in sich trägt, eine Kulmination aus einem halben Jahrhundert Gegenkultur und Verachtung aller "westlichen Werte", allen "Fortschritts" im Namen einer ahnungslosen Naturromantik, die aber die westliche Moderne seit ihrer Entstehung als dunkle Gegenströmung begleitet hat und vor einem halben Jahrhundert mit "1968" zum ersten Mal wirkmächtige Form gefunden hat, die sich seitdem vor allem im Zeichen der Öko-Bewegung (aber auch anderen inhaltsfreier Heilslehren wie etwas des Genderismus) hat ausdehnen können? Oder ist dies nichts als eine letzte Form infantiler Wohlstandsverwahrlosung, die wie ein Spuk verschwinden wird, sobald der Strom nicht mehr ununterbrochen aus der Steckdose kommt und die drei Mal im Jahr angesetzten Flüge in den Kurzurlaub tatsächlich dem neuen Puritanismus zum Opfer fallen? Vielleicht (ja, wahrscheinlich) scheint: beides. Noch aber ist, auch in diesem Bereich, eine bedrohlicher Krise dieses unlustigen Treibens nicht in Sicht; es ist noch viel Luft nach oben. Und bis es so weit ist, werden wir in diesem Land noch zahlreiche bizarre Manifestationen dieses Irrsinns bewundern dürfen. Einen Vorgeschmack gab es bereits 24 Stunden nach der ersten Ausrufung des "Notstands":

Klima-Aktivisten stellen RWE ein 47-Tage-Ultimatum
Auf der Hauptversammlung des Energieversorgers stellen die „Fridays For Future“-Aktivisten den Konzern an den Pranger. Doch mit ihrer Kritik ignoriert die Schülerbewegung den radikalen Wandel des Unternehmens. Klima-Aktivisten Luisa Neubauer von der Schülerbewegung „Fridays For Future“ ermahnte die Eigentümerversammlung: „Jede Person hier im Saal trägt Verantwortung.“ „Kein Konzern in ganz Europa trägt mehr Verantwortung für die Klimakrise als RWE“, erklärte Neubauer, die im Namen der kritischen Aktionäre das Rederecht auf der Hauptversammlung ausübte. Die RWE-Anteilseigner verkauften „ihre Verantwortung für ein paar Cent Rendite“. Im Saal wurden Unmutsäußerungen laut.










U.E.

© Ulrich Elkmann. Für Kommentare bitte hier klicken.

1. Mai 2019

Vorwärts zum wahren Sozialismus! Herr Kühnert legt die Karten auf den Tisch.

Es gibt Meldungen, bei denen kann man sich jedwede Kommentierung ersparen. Man braucht sie nur im Original-Ton zu präsentieren; sie richten den, den die Verlautbarung betrifft. So auch die Äußerungen, die der Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten in der SPD, kurz Jusos genannt, heute aus Anlaß des Tags der Arbeit von sich gegeben hat, dem bezeichnenderweise höchsten Feiertag im liturgischen Festkalender aller sozialistischen Systeme. Wie die Welt vermeldet:

"Kühnert fordert Kollektivierung von Großunternehmen
Juso-Chef Kevin Kühnert hat die Kollektivierung von Großunternehmen wie dem Automobilkonzern BMW gefordert. "Ohne Kollektivierung ist eine Überwindung des Kapitalismus nicht denkbar", sagte Kühnert der Wochenzeitung "Die Zeit". Auch private Vermietungen solle es im "Optimalfall" nicht mehr geben.

"Wie genau solche Kollektivierungen ablaufen sollten, ließ Kühnert in dem Interview offen. "Mir ist weniger wichtig, ob am Ende auf dem Klingelschild von BMW 'staatlicher Automobilbetrieb' steht oder 'genossenschaftlicher Automobilbetrieb' oder ob das Kollektiv entscheidet, dass es BMW in dieser Form nicht mehr braucht", sagte er der "Zeit". Entscheidend sei, dass die Verteilung der Profite demokratisch kontrolliert werde. "Das schließt aus, dass es einen kapitalistischen Eigentümer dieses Betriebs gibt."

28. April 2019

先生林德納说中文。Herr Lindner spricht Chinesisch



Vorgestern also, am Freitag den 26. April hat auf dem 70. ordentlichen Parteitag der Freien Demokratischen Partei in Berlin ihr Bundesvorsitzender Christian Lindner einen kleinen publizistischen Coup gelandet, indem der seine gut einstündige Rede mit einem auf Mandarin vorgetragenen (freilich mühsam vom Spickzettel abgelesenen, aber anschließend auf Deutsch wiederholten Satz eröffnet hat, während hinter ihm vier Hanzi in den Farben des Parteilogos kanariengelb auf magentafarbenem Hintergrund prangten, die wohl für die meisten anwesenden Delegierten ebenso böhmische Dörfer dargestellt haben dürften. Das Ziel des Redners war auch nicht, unbedingt verstanden zu werden, sondern dient als Fingerzeig auf die wachsende Bedeutung der zweitgrößten Wirtschaftsnation im 21. Jahrhundert und ihre wachsende Verflechtung in die globale Ökonomie. Um die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu zitieren:

„Nach Lage der Dinge“ würden „unsere Kinder“ künftig neben Englisch auch Chinesisch lernen müssen, sagte Lindner mit Blick auf den wachsenden weltweiten Einfluss Chinas. Er habe einen „Selbstversuch gestartet“ und könne daher nun sagen: „Diese Sprache ist ein Brocken.“ Daher solle alles dafür getan werden, „dass es sich für die Chinesen auch weiterhin lohnt, Deutsch und Englisch zu sprechen“.