24. Oktober 2020

Streiflicht: Wenn der Schwachsinn Normalität wird

Über den Irrsinn der derzeitigen Entwicklung wurde gerade erst hier geschrieben. Heute mal ein kleines Streiflicht auf dem täglichen Corona-Irrenhaus, anekdotenhaft, simpel, nicht repräsentativ und vermutlich am Ende eines sehr gute Beschreibung des realen Alltags.

22. Oktober 2020

Neues vom Erdtrabanten

Die amerikanische Weltraumbehörde NASA, die "National Aeronautics and Space Administration," macht es (oder: "mag es") in dieser Woche geheimnisvoll: gestern, am Mittwoch, dem 21. Oktober 2020, kündigte sie an, am kommenden Montag, den 26., um 18:00 Uhr Mitteleuropäischer Zeit, auf einer Pressekonferenz, die sich weltweit auf dem YouTube-Kanal der NASA verfolgen lassen wird, Einzelheiten zu "einer aufregenden neuen Entdeckung über den Mond" mitzuteilen. In ihrem Bulletin hielt sich die Behörde mit näheren Angaben bedeckt und ließ nur wissen, daß diese "wichtige neue Entdeckung Auswirkungen auf die Bemühungen der NASA hat, neue Erkenntnis im Hinblick auf den Mond im Hinblick auf die Erforschung des erdferneren Weltraums" haben wird ("This new discovery contributes to NASA's efforts to learn about the moon in support of deep space exploration"). Wie bei anderen Behörden ist man auch bei der NASA seit langem darin geübt, mit scheinbar präzisen Wendungen jede konkrete Inhaltsangabe zu umgehen. Klar ist nur, daß mit dem Programm der Raumforschung, die mit dem "Reiseziel Mond" genannt ist und weiter hinausweist, das Artemis-Programm gemeint ist, das darauf abzielt, ab dem Jahr 2024 wieder Astronauten zu dem Erdtrabanten landen zu lassen - 55 Jahre, nachdem zum ersten Mal ein Mensch seine Spuren im Mondstaub hinterließ - und im weiteren Verlauf dort eine Bais für eine beständige menschliche Präsenz aufzubauen. Soviel wurde gestern noch mitgeteilt: daß sich diese neuen Erkenntnisse den Beobachtungen mit dem fliegenden "Stratosphären-Observatorium für Infrarot-Astronomie" (Englisch: Stratospheric Observatory for Infrared Astronomy), abgekürzt SOFIA handelt.

15. Oktober 2020

Irrsinn, zweite Runde.

Am 22. März diesen Jahres, also vor knapp sechs Monaten, beschloss die deutsche Regierung in direkter Zusammenarbeit mit den Bundesländern den Lockdown, die wohl massivste Freiheitseinschränkung der Nachkriegsgeschichte auf dem Boden der BRD. Und damit einen epischen Fehlschlag mit gigantischen Proportionen. 

11. Oktober 2020

Louise Glück: Sechs Gedichte

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Teleskop

Es gibt einen Augenblick, wenn du den Blick abwendest
in dem du nicht mehr weiß, wo du bist
denn du hast, so scheint es, woanders
gelebt: im Schweigen des Nachthimmels.

Du bist nicht länger auf dieser Welt.
Du bist anderswo,
da, wo Menschenleben nichts mehr bedeuten.

Du bist kein Lebewesen mehr, in einem Körper.
Du existierst wie die Sterne,
bist Teil ihres Schweigens, ihrer Unermesslichkeit.

Jetzt bist du wieder Teil der Welt,
in der Nacht, auf einem kalten Hügel
und baust das Teleskop ab.

Hinterher wird dir klar,
daß nicht dieses Bild falsch ist,
sondern daß der Bezug falsch ist.

Du siehst wieder, welche Distanz
zwischen allen Dingen der Welt liegt.

(aus: Averno, 2006)

8. Oktober 2020

Warum mich "female reboot" und Quotenschauspielerinnen ärgern

Ein Gastbeitrag von Frank2000. 

Hollywood dieser Tage hat schon einen deutlich sichtbaren Einschlag. Die Mehrzahl der veröffentlichten Filme und Serien hat weibliche Superheldinnen und weibliche Kämpfer. Nicht nur, dass so ziemlich jeder Actionfilm, der jemals mit einem Mann gedreht wurde, jetzt eine Neufassung mit einer Frau bekommt. Sondern auffällig dabei ist, dass in diesen neuen Filem und Neuverfilmungen die Männer "auf ihrem eigenen Gebiet" geschlagen werden sollen.

6. Oktober 2020

Zum Nobelpreis für Roger Penrose, Reinhard Genzel und Andrea Ghez

"Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch noch etwas Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt.

Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist."


- Douglas Adams, Das Restaurant am Ende des Universums



Heute sind in Stockholm die Träger des diesjährigen Nobelpreises für Physik bekannt gegeben worden. Die Namen der Preisträger finden sich in den Meldungen sämtlicher Medien; es erübrigt sich, sie hier vorzustellen. Statt dessen möchte ich mir bei dieser Gelegenheit einige spontane assoziative Überlegungen gönnen. Wie schon im vorigen Jahr geht es um Forschungen und neue Erkenntnisse im Bereich der Astronomie und der Kosmologie - also jenem Bereich zwischen Beobachtung und theoretischer Modellbildung, die sich damit befaßt, wie "das große Ganze" des Weltbaus bis jenseits des fernsten Sterns und dem Ende der Zeiten beschaffen sein mag. Und wie auch 2019 ähnelt sich die Konstellation der Ausgezeichneten. Vor einem Jahr wurde James Peebles für seine Forschungen zum Bereich der "dunklen Materie", die nach heutiger Erkenntnis den Großteil der Masse des Universums ausmacht, geehrt: ein "elder Statesman" der Physik, und ein Theoretiker; während die Schweizer Michel Mayor und Didier Queloz für den ersten Nachweis eines Exoplaneten, eines Planeten außerhalb des Sonnensystems, den ersten von mittlerweile über 4300 aufgefundenen, damit bedacht wurden. Praktiker also, die Beobachtungen durchführen, Daten erheben, gewissermaßen Feldforschung betreiben (sofern man im Bereich der Sternkunde davon sprechen kann).

27. September 2020

Die amerikanische Wahl: And the winner is...



Da der geschätzte Blogger-Kollege Llarian zu Beginn dieser Woche hinsichtlich der Ausgestaltung des Parcourses für die in gut fünf Wochen anstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA eine gute Übersichtkarte entworfen hat und die Regeln des Spiels als allgemein bekannt vorausgesetzt werden dürfen, kann ich es mir leicht machen und brauche nur noch wie beim letzten Wahlgang vor vier Jahren den Ausgang des Matches mitzuteilen.

Ich habe es mir in den letzten Jahren (die Wahl von 2016 war hier der Anlaß) zur Angewohnheit gemacht, einen anstehenden Wahlgang nicht unter der Perspektive "wer könnte es werden?", "was spricht für oder gegen diesen oder jenen Kandidaten?" zu sehen, sondern es auf die schlichte Frage "wer WIRD es?" herunterzubrechen. Es wird einen Wahlausgang geben, der Gewinner wird feststehen (wenn auch womöglich mit einiger legalistischer Verzögerung), und die Unwägbarkeiten, die "known knowns" und "known unknowns", vor allem die eigenen Präferenzen werden nach Feststehen des Endergebnisses keine Rolle mehr spielen. Das mag wie ein semantischer Taschenspielertrick wirken, es läßt die Angelegenheit aber in anderer Perspektive erkennen, es taucht sie in ein anderes Licht. (Man beachte auch, daß aus dieser Optik ein Faktor des üblichen wahltaktischen Rasenschachs weitgehend entfällt, nämlich Überlegungen der Art: "wenn Trump die 'swing states' nicht für sich entscheiden kann, aber statt dessen auf die Stimmen aus Minnesota, Wisconsin und Michigan zählen kann..." Es reicht, daß ein Kandidat auf eine Mehrheit an Wahlmännern aus seiner Partei zählen kann - deren Anzahl von der Bevölkerungszahl der jeweils entsendenden Bundesstaaten abhängt - die ihn im Dezember in sein Amt wählen.)

Freilich ist die Gemengelage dieses Mal etwas anders als 2016.

22. September 2020

Die amerikanische Wahl

Es sind noch sechs Wochen bis zur amerikanischen Wahl, einer ziemlich wichtigen Wahl in Anbetracht der Tatsache wie gegensätzlich die Standpunkte sind, die von den beiden großen Parteien derzeit eingenommen werden. Die deutsche Presse beschäftigt sich derzeit lieber mit wichtigeren Themen, beispielsweise der "Hochzeit von Sylvie" (Bild), den letzten Ausfällen von Jan Böhmermann (Welt) oder den letzten Eskapaden der aktuellen Sea-Watch-Weltenretter (Focus). Die reinen Fiktionsmaschinen wie Spargel, Prantlhausener Zeitung und Kinderstürmer nicht einmal erwähnt. 

Dabei wäre zur amerikanischen Wahl sehr viel zu sagen, denn wenn man die letzten Wochen in den USA nicht gerade durch das Kaleidoskop eines ARD-Faktenverdrehers wahrgenommen hat, so bahnt sich in den USA eine sehr seltsame Wahl an, die leider sehr dunkle Schatten auf das wirft, was die Amerikaner (und damit indirekt auch Europa) in den nächsten Jahren so erwartet.

17. September 2020

Leben auf der Venus?

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Ja. Vielleicht. Eher nicht. Möglicherweise. Doch der Reihe nach.

1.
Für ein knappes Jahrhundert, nachdem die Darwinsche Evolutionstheorie dem Nachdenken über die Entstehung des Lebens und die Entwicklung höherer Lebensformen ein theoretisches Grundgerüst verliehen hatte, also ab den sechziger Jahren der 19. Jahrhunderts, bis zum Anbruch des "Raumfahrtzeitalters" fast genau 100 Jahre später, als die technischen Möglichkeiten entwickelt wurden, die Bedingungen, die anderenorts im Sonnensystem vorherrschen, aus der Nähe in Augenschein zu nehmen, war neben dem Mars unser Nachbarplanet Venus immer der aussischtsreichste Kandidat für eine weitere Wiege des Lebens. Anders als beim roten Planeten, dessen Temperaturen und Oberflächenformationen zumindest schemenhaft in den damaligen Teleskopen auszumachen waren, verwehrte die undurchdringliche Wolkendecke den Forscheraugen jeglichen Einblick. Nicht einmal die Dauer eines Tages ließ sich vor den ersten Visiten durch Raumsonden Mitte der 1960er Jahre angeben. Daher blieb den Spekulationen nur, sich an der Größe, die der der Erde beinahe entspricht, sowie an der größeren Nähe zur Sonne festzumachen. Der schwedische Physiker und Nobelpreisträger Svante Arrhenius (1859 geboren, dem Erscheinungsjahr von Darwins "The Origin of Species" und 1927 gestorben), der Entdecker des Treibhauseffektes, und, ja doch, ein entfernter Verwandter von Greta Thunberg, mutmaßte kurz nach der Jahrhundertwende folgendermaßen:

11. September 2020

Bundeswhahaharntag

"Nun haben aber die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe als den Gesang, nämlich ihr Schweigen. Es ist zwar nicht geschehen, aber vielleicht denkbar, daß sich jemand vor ihrem Gesang gerettet hätte, vor ihrem Schweigen gewiß nicht." - Franz Kafka, "Das Schweigen der Sirenen"
Vorausgeschickt sei, daß am heutigen Morgen, dem 10. September 2020, dem "Bundeswarntag", in meinem Kleinstädtchen um Punkt 11 Uhr tatsächlich eine Sirene geheult und zwanzig Minuten darauf Entwarnung gegeen hat. Auf der lokalen Ebene, auf der seit Anfang der 1990er Jahre, nach der Auflösung der zehn bis dahin dafür zuständigen zehn Warnämter, die Verantwortung für die Auslösung des Alarms liegt, funktioniert die Durchführung also durchaus noch. Jedenfalls soweit vor Ort noch eine solche Vorrichtung montiert und in Betriebsbereitschaft ist. Von den 80.000 Sirenen, die in den Anfangsjahrzehnten der Bundesrepublik (für die ehemaligen DDR habe ich keine Zahlen finden können) als flächendeckendes Alarmsystem installiert worden sind, sind mindestens die Hälfte nach der deutschen Wiedervereinigung demontiert worden; man findet Angaben, daß der Bestand aktuell bei gut 15.000 Vorrichtungen liegt. Aber gemäß den Meldungen, die am Nachmittag nicht nur in den sozialen Netzen (allem voran natürlich das sekundenaktuelle Dorftratsch-Hightech-Äquivalent Twitter, sondern auch in Berichten etwa bei der "Welt" und im "Focus" zu lesen waren, darf man den Probelauf des bundesweiten Alarmsystems unumwunden als Fiasko bezeichnen. Der Münchner "Merkur" schrieb sogar von einer "riesigen Panne". Das mag dem Tonfall des Boulevards geschuldet sein; in der Sache kann man dem Befund beipflichten.

9. September 2020

Stella Benson, "Tchotl" (1932)

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Der erste Gedanke, der Nielsen durch den Kopf schoß, als der weiße Tropenhelm in seinem Blickfeld auftauchte, war, daß ihn jetzt ein ausländischer Reisender besuchen wollte. Das hätte ihn überrascht, denn soweit er wußte, hielten sich in der chinesischen Stadt Laopao ausschließlich Chinesen auf; er selbst bildete die Ausnahme. Es war etwas, das er nicht verdrängen konnte: auf allen Straßen scharten sich Menschenmengen um ihn, als ob er eine Art Fabelwesen wäre, das es aus der Zukunft in die Vergangenheit verschlagen hätte. Als der Besucher die Eingangsstufen erreicht hatte, wurde Nielsen freilich klar, daß ihn die helle Farbe des Tropenhelms genarrt hatte; es war nur ein Besucher, wie man ihm in Laopao erwarten konnte: ein junger chinesischer Geschäftsmann. Nielsen, der aus Minnesota stammte, besaß ein geschäftsmäßiges, freundliches Temperamt, und er wälzte sofort seine stämmigen Beine von dem Liegestuhl, auf dem er lag, um seinen Gast zu begrüßen. In seinen großen, hungrigen, leicht vorstehenden Augen blitzte es erwartungsvoll.

Das Gesicht des Neuankömmlings stand in markantem Gegensatz zum den perfekten Rundungen des Tropenhelms: es war schwermütig; die Wangenknochen verliehen ihm etwas Trauriges, obwohl (da es sich um ein chinesisches Gesicht handelte) keine Falten ihre Spur der Enttäuschung dort hinterlassen hatten.

5. September 2020

Wenn "Meinung" und "Person" nicht mehr getrennt werden dürfen.

Ein Gastbeitrag von Frank2000.

Ist eigentlich noch im kollektiven Gedächtnis verankert, dass es mal eine Zeit gab, in der das "Pseudonym" nichts anrüchiges war, sondern völlig normal?

30. August 2020

Stella Benson, "Ein Traum" (1930)

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Das Nachfolgende ist eine genaue Niederschrift eines Traums, den ich in der letzten Nacht hatte. Es war ein Traum über eine dritte Person; ich selbst kam darin nicht vor. Mitunter habe ich diese unpersönlichen Träume, und jedesmal empfinde ich dabei im Schlaf ein Gefühl von Erwartung und Anspannung, und nach dem Aufwachen bleibt eine tiefe Aufgewühltheit zurück, die nichts mit dem Thema des Traums zu tun hat. Ich nehme an, daß sich darin die Erleichterung zeigt, für kurze Zeit von der Last der eigenen Persönlichkeit frei zu sein. Ich habe bei der Niederschrift nichts bewußt hinzugefügt, aber es fällt mir schwer, Worte zu finden, die die angespannte und erregende Atmosphäre des ganzen Traumgeschehens genau treffen, und deshalb, und nicht, weil ich etwas dazugesetzt hätte, scheint mir dabei vieles zu fehlen.

Mrs. Wander war eine Frau, die beständig unter Angstzuständen litt, und so konnte sie fast von Glück sagen daß ihr diesmal, wo wirklich Grund zur Sorge bestand, beinahe keine Zeit blieb, um sich zu fürchten. Erst vor einer, höchstens zwei Stunden hatte ihr der Arzt erklärt, daß sie sofort operiert werden müßte, um die Schmerzen zu lindern, die ihr den Kopf sprengten und eine Körperhälfte lähmten. Und jetzt saß sie hier, hielt die Hand von Mary, ihrer besten Freundin, und sah, wie der Arzt und die Krankenschwester ins Zimmer kamen, beide in schlohweißen Kitteln. Sie hatte gehofft, daß Marys nüchterne, praktische Freundlichkeit sie wie ein Schild vor dem Entsetzen bewahren würde, aber der Schild war nicht groß genug: die Furcht spülte darüber weg, die Schrecken lauerten hinter Marys robuster Gestalt wie eine Horde von Wilden im nächtlichen Urwald. Mrs. Wanders Hausarzt war auch da, und Mrs. Wander war fest entschlossen, ihm etwas zu sagen, aber ihr Unterkiefer und die Wangen schlotterten so sehr, daß die Worte zu einem sinnlosen Lallen wurden.

26. August 2020

Die EU, ein Pakt und ein Irrweg. Ein Gedankensplitter.

Dreimal kam mir nun der Hinweis auf eine eher unbekannte EU Initiative unter: Einmal durch einen aufmerksamen Leser, zum zweiten durch einen Artikel beim Kollegen Danisch und zum dritten (gestern) durch einen Artikel auf der Achse des Guten: Es geht um diese Initiative.

Ray Bradbury 1920 / 2020

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In meiner kleinen Erinnerung an den 100. Geburtstag der Science-Fiction-Illustrators H. R. van Dongen in der vorigen Woche ging es, unter anderem, auch darum, ob diese Bebilderungen, diese Ausmalungen künftiger Zeiten einen gewissen überzeitlichen, um nicht zu sagen zeitlosen Reiz besitzen, oder ob sie notwendigerweise eine Patina annehmen, die ihnen den Stempel ihrer Entstehungszeit aufprägt, der sie, im schlechtesten Fall, späteren Betrachtern nur noch als bizarres Kuriosum erscheinen läßt. Daß gerade Bilder und Texte, die Zukünftiges imaginieren, hier besonders betroffen sind, zeigt jeder Blick in die Geschichte der SF, in der sich die alten Buch- und Magazintitelbilder finden, ebenso das Betrachten von Filmen, die älter als drei oder vier Jahrzehnte sind. (Es fällt freilich auf, daß dieses "Altern der Zukunft" etwa ab den späten 1970er Jahren bis zur Mitte der neunziger Jahre stark nachgelassen hat. Ein Film wie Ridley Scotts "Alien" von 1979 wirkt weit weniger verstaubt als die namhaften Produktionen des Genres, die nur zehn Jahre davor entstanden sind, etwa "Planet of the Apes" (1968), "Barbarella" (1967), oder Richard Fleischers "Fantastic Voyage" von 1966. (Stanley Kubricks "2001 - A Space Odyssey" bildet hier die absolute Ausnahme. Das ist nicht allein der sich rasant entwickelenden Tricktechnik geschuldet (Kubrick arbeitete wie Generationen von Regisseuren mit Miniaturen und Rückprojektionen; sondern vor allem eine Frage der inszenierten Ästethik.

20. August 2020

H. R. van Dongen 1920 / 2020

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Die kleine Erinnerung an das Oeuvre des amerikanischen Science-Fiction-Künstlers Henry Richard van Dongen, der heute genau vor 100 Jahren, am 20. August 1920 in Rochester im Bundesstaat New York geboren wurde, bietet Gelegenheit zum einem angelegentlichen Schlnker zu zwei faits diverses.

12. August 2020

"Kometenstaub flammt in der Nacht auf." Die Perseiden

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夕立のように降る ペルセウスの流星群
雨粒が尾を引く様な shooting stars
夏の夜はすごく短くて儚いね
だからもっと好きになる

- Sandaime J Soul Brothers, "R.Y.U.S.E.I." ("Meteor"), 2015

("Der Sternschnuppenschauer der Perseiden - fällt wie ein Sonnenuntergang
"Shooting stars" - sie fallen wie Regen
Sommernächte sind kurz und flüchtig
und ich wünsche mir Freunde, mit denen ich sie teilen könnte")

In der phantastischen Literatur, die sich mit "dem da draußen", den tatsächliche Gegebenen, befaßt, und der der realistischen Literatur, die in diesen Motivkanon hineinlappt, gibt es ein paar Grundmotive, ein paar Situationen und Motive, von denen man erwarten sollte, daß ihnen ein besonderer Zauber innewohnen müßte, eine Zündwirkung - und die ihnen, wenn man sie durchsieht, leider zumeist völlig abgeht. Für die "richtige" Science Fiction ist dies unzweifelhaft der Erstkontakt mit fremden Wesen, die allererste Begegung mit Intelligenzen, der Erweis, das "wir nicht allein" sind - und dies besonders in Form einer Botschaft, eines Funksignals, das die riesigen Schüsseln der Radioteleskope aus dem schweigenden All auffangen. Aller Erwartung nach müßten solche allerersten Kontakte geradezu atembenehmend aufgeladen sein, mit Erwarten, mit Schrecken. In der literarischen Praxis sind sie es nicht (übrigens auch nicht im Film: Kubricks ""2001 - Odyssee im Weltraum" bildet hier die Ausnahme von der Regel. Jodie Fosters großäugiges Lauschen unter den Kopfhörern in "Contact" (1997) geht jegliche solche Frisson ab. Die Gründe sind einleuchtend. Der Zauber der Erwartung ist im Moment des Eintretens hinfällig. Danach müssen die Autoren die Natur der Botschaft erläutern (oder sie für unentzifferbar deklarieren, wie es Stanislaw Lem in "Die Stimme des Herrn" 1968 getan hat), die Zuhörer müssen reagieren, das Fremde Gestalt und Namen, Absicht und Stimme erhalten, die Erde und die Handlung drehen sich weiter.

11. August 2020

Robert E. Howard, "Oh Babylon, verlorenes Babylon..." (1929)

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- „Empire's Destiny“ (1929)

Bab-ilu's women gazed upon our spears,
And roses flung, and sang to see us ride.
We built a glory for the marching years
And starred our throne with silver nails of pride.
Our horses' hoofs were shod with brazen fears:
We laved our hands in blood and iron tears,
And laughed to hear how shackled kings had died.

Our chariots awoke the sleeping world;
The thunder of our hoofs the mountains broke;
Before our spears were empires' banners furled
And death and doom and iron winds were hurled,
And slaughter rode before, and clouds and smoke--
Then in the desert lands the tribes awoke
And death and vengeance 'round our walls were whirled.

Oh Babylon, lost Babylon! Where now
The opal altar and the golden spire,
The tower and the legend and the lyre?
Oh, withered fruit upon a broken bough!
The sobbing desert winds still whisper how
The sapphire city of the gods' desire
Fell in the smoke and crumbled in the fire;
And lizards bask upon her columns now.

Now poets sing her golden glory gone;
And Babylon has faded with the dawn.

- Robert E. Howard




10. August 2020

Streiflicht: "Jim Knopf und der Rassismus." Ein Fingerzeig für Franziska Weißgerber

­Zum Auftakt zunächst einmal eine TRIGGERWARNUNG:  In diesem Text findet sich, bei der Nennung eines Buchtitels, die Verwendung eines Wortes, für dessen Gebrauch man nicht erst seit heute, und durchaus berechtigt,  in Bann und Acht gestellt wird. Ich habe mich aber aus philologischen Gründen, und um argumentative Verkrampfung nach dem Motto "Der **** auf ... (* an dieser Stelle steht im Original ein unschönes Wort)" zu vermeiden, für die originale Nennung entschieden; zumal aus dem Kontext deutlich wird, wie dies zu werten ist.

*          *          *

Anlaß für diese kleine Glosse sind zwei kurze Artikel, die heute auf der Achse des Guten erschienen sind. Im ersten Text, "Laßt meinen Jim Knopf in Ruhe!" verwehrt sich die Autorin, Franziska Weißgeber, vehement, und ebenfalls völlig zurecht, gegen das in der ZEIT vorgebrachte Ansinnen, Michael Endes Kinderbuchklassiker als "rassistisch" zu werten und seine Lektüre anzukreiden.

7. August 2020

Lord Dunsany, "Der Südwind" (1906)

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Einst setzten sich zwei Spieler zu einem Spiel zusammen, um sich die Ewigkeit zu vertreiben, und sie wählten die Götter als Spielfiguren für ihr Spiel, und zum ihrem Spielfeld erkoren sie sich den weiten Himmel, von einem Ende zum anderen, auf dem ein wenig Staub verteilt lag, und jedes Staubkörnchen davon war eine Welt, die auf ihrem Spielbrett kreiste. Und die Spieler waren in Roben gewandet, und ihre Gesichter verhüllt, und die Roben und die Schleier glichen sich, und ihre Namen lauteten Schicksal und Zufall. Und als sie ihre Züge machten und die Götter auf dem Spielfeld verschoben, wirbelte der Staub auf und erglänzte im Licht, das aus den Augen der Spieler hinter den Schleiern flammte. Und die Götter sprachen: "Seht, wie wir den Staub bewegen!"

Es ergab sich - oder war es vorherbestimmt? Wer will dies entscheiden? - daß ein Prophet mit Namen Ord eines Nachts die Götter erblickte, wie sie bis zu den Knie versunken über die Sternenfelder wateten. Und als er sich vor ihnen verneigte und ihnen Ehre erwies, sah er die Hand eines der Spieler, die gewaltig über ihren Häuptern schwebte und zu einem Zug ansetzte. Und Ord, der Prophet, erkannte die Wahrheit. Und dennoch wäre es Ord deshalb nicht übel ergangen, aber er begab sich unter die Menschen, und ließ sie wissen: "Es gibt eine Macht, die über den Göttern steht."

Dies vernahmen die Götter. Und so sprachen sie: "Ord hat es erkannt."

6. August 2020

Covidioten und BLM: Und noch einen drauf

Wie immer: Wenn man Bigotterie thematisiert, dann findet sich keine zwei Tage später einer, der noch einen drauf setzen muss. In diesem Fall unseren derzeitigen Bundespräsidentendarsteller.

Covidioten und BLM: Ein Eulenspiegel erster Güte

Seit dem Tod von George Floyd und der dadurch wieder an Schwung gewinnenden Black lives matter Bewegung hat es in Deutschland etliche Demos mit schwankenden Zahlen zwischen ein paar hundert und "offiziellen" 15.000 Teilnehmern gegeben. Diesen Demos ist eins gemeinsam: Sie verbreiten keine Viren. Egal wie dicht gepackt die Teilnehmer stehen (hier zum Beispiel ein schönes Bild, aber hier ein passender Film (so bei Minute 2 sehr gut zu sehen)). BLM ist gegen Covid immun.  

1. August 2020

Lord Dunsany, "Der Wachtturm" (1912)

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 (Tour Sarrasine in Antibes)

An einem Abend im April saß ich in der Provence auf einem kleinen Hügel, hoch über einem alten Städtchen, das die Goten und Wandalen bislang mit ihren Vorstellungen von Neuzeitlichkeit verschont haben.

Oben auf dem Hügel lag eine alte, vom Zahn der Zahn lädierte Burg mit einem Wachturm und einem Brunnen, der noch Wasser führte, zu dem Stufen an der Innenwand hinunterführten.

Der Wachturm, der mit seinen schartigen Fensterluken nach Süden hin Ausschau hielt, bewachte ein weites Tal, das in der Dämmerung versank und aus dem leise die Abendgeräusche heraufklangen. Er sah den Schein der Lagerfeuer, die Wanderer angezündet hatten und hinter ihnen die dunklen Nadelwälder, sah einen Stern aufblinken und die Dämmerung das Départment Var einhüllen.

Während ich dort so saß und dem Quaken der grünen Frösche lauschte und den deutlichen, fernen leisen Stimmen, während die Lichter in dem kleinen Städtchen eines nach dem anderen aufleuchteten und die Dämmerung der Nacht wich, vergaß ich so viele Dinge, die am Tag bedeutend scheinen, und dachte statt dessen an Seltsames und Entlegenes.

Kleine Windstöße kamen auf und flüsterten hier und da; es wurde kühl, und ich wollte mich schon wieder an den Abstieg machen, als ich hinter mir eine Stimme vernahm: "Vorsicht! Obacht!"

31. Juli 2020

周作人《历史》 / Zhuo Zuoren, "Geschichte" (1928)

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(Zhuo Zuoren)


周作人《历史》 

天下最残酷的学问是历史,他能揭去我们眼上的鳞,虽然也使我们希望千百年后的将来会有进步,但同时将千百年前的黑影投在现在上面,使人对于死鬼之力不住地感到威吓。我读了中国历史,对于中国民族和我自己失了九成以上的信仰与希望。“僵尸,僵尸!”我完全同感于阿尔文夫人的话。世上如没有还魂夺舍的事,我想投胎是真的,假如有人要演崇弘时代的戏,不必请戏子去扮,许多角色都可以从社会里去请来,叫他们自己演。我恐怕也是明末什么社会里的一个人,不过有这一点,自己知道有鬼附在身上,自己谨慎了,像癞病患者一样摇着铃铛叫人避开,比起那吃人不餍的老同类或者是较好一点了吧。

Zhuo Zuoren, "Geschichte"

Die grausamste Wissenschaft auf der Welt (1) ist die Geschichte. Sie läßt uns die Schuppen von den Augen fallen. Sie schenkt uns zwar die Hoffnung, daß es auch noch in hundert Jahren oder in tausend Jahren Fortschritt geben kann, aber sie macht uns auch deutlich, daß die vergangenen Jahrhunderte und Jahrtausende ihre Schatten auf unsere Gegenwart werfen, und wir erschrecken vor der dämonischen Macht, die sie besitzen.  Ich habe die chinesische Geschichte studiert, und ich habe neun Zehntel meiner Hoffnung und meines Glaubens an das chinesische Volk und an mich selbst eingebüßt. "Gespenster, Gespenster!" Ich kann Frau Alvings (2) Worten nur beipflichten. Vielleicht gibt es auf Erden keine Wiederauferstehung, aber ich glaube, eine Wiederverkörperung findet wirklich statt. Wenn man an einem Schauspiel aus der Vorzeit teilnehmen möchte, braucht man keine Schauspieler, die sich verkleiden; es reicht, Menschen aus unsere Gesellschaft zu nehmen und sie sich selbst spielen zu lassen. Ich fürchte, daß ich für meinen Teil einer jener Geheimgesellschaften am Ende der Ming-Zeit angehöre - freilich mit dem Unterschied, daß ich mir bewußt bin, daß ich ein Gespenst mit mir herumtrage. Ich bin vorsichtig, und läute eine Glocke wie ein Aussätziger, um andere auf Abstand zu halten. Ich hoffe, daß ich es damit etwas besser halte als diese Vorfahren, die nur eine unersättliche Gier nach menschlichem Fleisch antrieb (3).


28. Juli 2020

魯迅 《鴨的喜劇》 / Lu Xun, "Eine Entenkomödie" (1922)

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 (Lu Xun. Holzschnitt von Li Qun, 1936)



俄國的盲詩人愛羅先珂君帶了他那六弦琴到北京之後不久,便向我訴苦說:
「寂寞呀,寂寞呀,在沙漠上似的寂寞呀!」 這應該是真實的,但在我卻未曾感得;我住得久了,「入芝蘭之室,久而不聞其香」,只以為很是嚷嚷罷了。然而我之所謂嚷嚷,或者也就是他之所謂寂寞罷。
我可是覺得在北京彷彿沒有春和秋。老於北京的人說,地氣北轉了,這裡在先是沒有這麼和暖。只是我總以為沒有春和秋;冬末和夏初銜接起來,夏才去,冬又開始了。
一日就是這冬末夏初的時候,而且是夜間,我偶而得了閒暇,去訪問愛羅先珂君。他一向寓在仲密君的家裡;這時一家的人都睡了覺了,天下很安靜。他獨自靠在自己的臥榻上,很高的眉棱在金黃色的長髮之間微蹙了,是在想他舊遊之地的緬甸,緬甸的夏夜。
「這樣的夜間,」他說,「在緬甸是遍地是音樂。房裡,草間,樹上,都有昆蟲吟叫,各種聲音,成為合奏,很神奇。其間時時夾著蛇鳴:'嘶嘶!'可是也與蟲聲相和協……」他沉思了,似乎想要追想起那時的情景來。
我開不得口。這樣奇妙的音樂,我在北京確乎未曾聽到過,所以即使如何愛國,也辯護不得,因為他雖然目無所見,耳朵是沒有聾的。
「北京卻連蛙鳴也沒有……」他又嘆息說。
「蛙鳴是有的!」這嘆息,卻使我勇猛起來了,於是抗議說,「到夏天,大雨之後,你便能聽到許多蝦蟆叫,那是都在溝裡面的,因為北京到處都有溝。」
「哦……」
過了幾天,我的話居然證實了,因為愛羅先珂君已經買到了十幾個蝌蚪子。他買來便放在他窗外的院子中央的小池裡。那池的長有三尺,寬有二尺,是仲密所掘,以種荷花的荷池。從這荷池裡,雖然從來沒有見過養出半朵荷花來,然而養蝦蟆卻實在是一個極合式的處所。
蝌蚪成群結隊的在水裡面游泳;愛羅先珂君也常常踱來訪他們。有時候,孩子告訴他說,「愛羅先珂先生,他們生了腳了。」他便高興的微笑道,「哦!」
然而養成池沼的音樂家卻只是愛羅先珂君的一件事。他是向來主張自食其力的,常說女人可以畜牧,男人就應該種田。所以遇到很熟的友人,他便要 勸誘他就在院子裡種白菜;也屢次對仲密夫人勸告,勸伊養蜂,養雞,養豬,養牛,養駱駝。後來仲密家果然有了許多小雞,滿院飛跑,啄完了鋪地錦的嫩葉,大約 也許就是這勸告的結果了。
從此賣小雞的鄉下人也時常來,來一回便買幾隻,因為小雞是容易積食,發痧,很難得長壽的;而且有一匹還成了愛羅先珂君在北京所作唯一的小說 《小雞的悲劇》裡的主人公。有一天的上午,那鄉下人竟意外的帶了小鴨來了,咻咻的叫著;但是仲密夫人說不要。愛羅先珂君也跑出來,他們就放一個在他兩手 裡,而小鴨便在他兩手裡咻咻的叫。他以為這也很可愛,於是又不能不買了,一共買了四個,每個八十文。
小鴨也誠然是可愛,遍身松花黃,放在地上,便蹣跚的走,互相招呼,總是在一處。大家都說好,明天去買泥鰍來餵他們罷。愛羅先珂君說,「這錢也可以歸我出的。」
他於是教書去了;大家也走散。不一會,仲密夫人拿冷飯來餵他們時,在遠處已聽得潑水的聲音,跑到一看,原來那四個小鴨都在荷池裡洗澡了,而 且還翻觔鬥,吃東西呢。等到攔他們上了岸,全池已經是渾水,過了半天,澄清了,只見泥裡露出幾條細藕來;而且再也尋不出一個已經生了腳的蝌蚪了。
「伊和希珂先,沒有了,蝦蟆的兒子。」傍晚時候,孩子們一見他回來,最小的一個便趕緊說。
「唔,蝦蟆?」
仲密夫人也出來了,報告了小鴨吃完蝌蚪的故事。
「唉,唉!……」他說。
待到小鴨褪了黃毛,愛羅先珂君卻忽而渴唸著他的「俄羅斯母親」了,便匆匆的向赤塔去。
待到四處蛙鳴的時候,小鴨也已經長成,兩個白的,兩個花的,而且不復咻咻的叫,都是「鴨鴨」的叫了。荷花池也早已容不下他們盤桓了,幸而仲密的住家的地勢是很低的,夏雨一降,院子裡滿積了水,他們便欣欣然,游水,鑽水,拍翅子,「鴨鴨」的叫。
現在又從夏末交了冬初,而愛羅先珂君還是絕無消息,不知道究竟在那裡了。
只有四個鴨,卻還在沙漠上「鴨鴨」的叫。
一九二二年十月

25. Juli 2020

黃梵 《白口罩》 / Huang Fan, "Der weiße Mundschutz"

­黃梵 / 白口罩——2020年春天劄記


它像一隻素手,突然捂住我的臉
已兩個月,我仍不適應
它捂暖我嘆息的擁抱
也應該我說出的母語,被它好好過濾?


它是舌頭的牢門,關住了多少大言不慚
它讓愛情,也不要靠得太近
它說我們的嘴像傷口,需要它來緊緊包紮
它像白月亮那樣,讓我在夢中埋下一點奢望


它是今春開得最盛的白花
試圖與悲傷的顏色相稱
它也是病人肺裡的冬天
想在眾人的臉上長久結冰
讓我戴著它抱怨時,像含著滿口的愧疚


22. Juli 2020

周作人, 《苦雨》 / Zhuo Zuoren, "Bitterer Regen" (1924)

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伏园兄:
北京近日多雨,你在长安道上不知也遇到否,想必能增你旅行的许多佳趣。雨中旅行不一定是很愉快的,我以前在杭沪车上时常遇雨,每感困难,所以我于火车的雨不能感到什么兴味,但卧在乌篷船里,静听打篷的雨声,加上欸乃的橹声以及“靠塘来,靠下去”的呼声,却是一种梦似的诗境。
倘若更大胆一点,仰卧在脚划小船内,冒雨夜行,更显出水乡住民的风趣,虽然较为危险,一不小心,拙劣地转一个身,便要使船底朝大。二十多年前往东浦吊先父的保姆之丧,归途遇暴风雨,一叶扁舟在白鹅似的波浪中间滚过大树港,危险极也愉快极了。我大约还有好些“为鱼”时候--至少也是断发文身时候的脾气,对于水颇感到亲近,不过北京的泥塘似的许多“海”实在不很满意,这样的水没有也并不怎么可惜。你往“陕半天”去似乎要走好两天的准沙漠路,在那时候倘若遇见风雨,大约是很舒服的,遥想你胡坐骡车中,在大漠之上,大雨之下,喝着四打之内的汽水,悠然进行,可以算是“不亦快哉”之一。但这只是我的空想,如诗人的理想一样的靠不住,或者你在骡车中遇雨,很感困难,正在叫苦连天也未可知,这须等你回京后问你再说了。

20. Juli 2020

Streiflicht: Haste ma ne Mark?

Die Älteren werden sich an den Satz noch erinnern: "Haste ma ne Mark?" Da der Euro immer noch gefühlsweise viel wert ist (obschon deutlich weniger als "die Mark") hört man heute eher die Version: "Haste ma n bischen Kleingeld?". Inhalt der selbe, es ist das klassische Anbetteln. Nahezu jeder der nicht gerade auf dem Dorf wohnt hört diesen Satz in dieser oder ähnlicher Form mehrmals im Jahr, diejenigen, die in Bahnhofsnähe leben und arbeiten vermutlich mehrmals die Woche. Alter Hut. 

Neu wäre dagegen der Satz: Gib ma Kleingeld, sonst rede ich nicht mehr mit Dir. Zumindest dieser Autor kann sagen, dass nie gehört zu haben, ja auch nie gehört zu haben, dass jemand anders diesen Satz in diesem Kontext je gehört hätte. Es ist zur Vermutung zu neigen, dass das wohl auch nicht allzu erfolgreich ausgehen würde. 

16. Juli 2020

Die Afd mal wieder. Heute in Thüringen.

Vor gar nicht langer Zeit erklärte mir ein Kollege, dass in Zettels Raum zu viele (oder nur noch) AfD Beiträge stehen würden. Nun, diese Beurteilung verdient heute einmal wieder der Bestätigung.

Am 30.7.2019 verabschiedete der Thüringer Landtag ein Gesetz zur paritätischen Besetzung von Wahllisten für die Landtagswahl. Ein verfassungsrechtlich massiv fragliches Gesetz, aber das Demokratieprinzip wird ja nach Meinung der vier Linksparteien ohnehin weit überschätzt. Verabschiedet wurde es von einer Mehrheit aus SPD, SED und den Grünen und sollte dann auch -wenn schon denn schon- bei der nächsten Wahl gelten. 

15. Juli 2020

Hat jermand meinen Elefanten gesehen?

Ein großer, weißer Elefant steht mitten im Raum. Er steht da, den Blick vorwurfsvoll dem Beobachter zugewandt, die Stoßzähne erhoben und den Rüssel bereit zum trompeten. Doch der Beobachter weigert sich den Elefanten zu sehen und faselt nicht nur etwas davon, dass ein paar Ameisen den Boden beschädigt haben, er fährt auch jedem über den Mund, der es wagt den Elefanten zu erwähnen. Es ist kein Elefant in diesem Zimmer, schon gar kein weißer Elefant und überhaupt gibt es keine weißen Elefanten, und wenn es sie gäbe, dann wären sie nicht im Zimmer und wenn jemand einen Elefanten sehen würde, dann einzig und alleine deshalb, weil er was gegen Tiere an sich habe und jedes Tier für einen Elefanten hielte, so auch die Ameisen, die den Raum beschädigt haben. Was aber gar nicht passiert ist.

14. Juli 2020

Lord Dunsany, "Das Haus der Sphinx" (1911)

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(Sidney H. Sime, "The House of the Sphinx")


Als ich das Haus der Sphinx erreichte, war es schon dunkel geworden. Man hieß mich dort freudig willkommen. Und trotz der Tat war ich froh über jeden Ort, der mir in diesem bedrohlichen Wald eine Zuflucht bot. Ich sah sofort, daß hier eine Tat geschehen war, obwohl man einen Mantel darüber gebreitet hatte, um sie zu verbergen. Allein die falsche Fröhlichkeit der Begrüßung ließ mir diesen Mantel verdächtig erschienen.

Die Sphinx war verdrossen und schweigsam. Ich war nicht hergekommen, um die Geheimnisse der Ewigkeit zu erfahren oder etwas über ihre kleinen Geheimnisse, und so hatte ich nicht viel zu sagen und kaum Fragen an sie, aber sie schwieg zu allem, das ich vorbrachte. Es war deutlich, daß sie mich im Verdacht hatte, die Geheimnisse ihrer Götter ausspähen zu wollen, oder ihren Umgang mit der Zeit; vielleicht sann sie aber auch über die Tat nach.

Mir wurde alsbald klar, daß außer mir noch jemand erwartet wurde. Ich erkannte es daran, wie die unsteten Blicke von der Tür zu der Tat und wieder zurück zur Tür wanderten. Und es war deutlich, daß der Willkommensgruß eine verriegelte Tür sein würde. Aber was für Riegel waren das, was für eine Tür! Rost und Moder und Schimmel hatten viel zu lang daran genagt; nicht einmal für einen entschlossenen Wolf stellte sie ein Hindernis dar. Und was immer es war, das hier erwartet wurde, schien ärger zu sein als nur ein Wolf.

13. Juli 2020

Tönnies und der Rechtsstaat: Ein Jammerspiel

Clemens Tönnies hat es wirklich geschafft: In nicht einmal drei Monaten vom hofierten Großunternehmer und Sportfunktionär zum absoluten Paria der Republik. Respekt. Das hat nichtmal Uli Hoeness so schnell geschafft und der ist immerhin Chef vom FC Bayern gewesen, wo die halbe Republik sich freut, wenn man dort auf die Nase fällt. 

12. Juli 2020

"...daz ist der stern Kometa..."

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...Vnd wie der stern Kometa
Den lovf und sine meta
Tovgen in dem firmament
Gut untz uf den innsten sent
Der stern ist lúzil liut erkant
Und ist vmb in also gewant
Daz er sich selten schowen lat
Vnd swenner verborgen stat
So gat ein rovch und ein kunst
Uon im als von dez tievils tunst
Von swenne man den sternen siht
Der tiutit gerne so man giht
Urlug oder manslaht
Daz man tribet tac und naht
Er tiutet och gemeinen tot
An liuten an vihe dez todis not
Er tiut och gerne tiure jar
Ich han den selben sternen fúr war
Mit minen ogen wol gesehin
Dez war ich mit warheit vil veriehin
Si warn an dem gestirne
So kvnste rich so virne

Hugo von Langenstein, Martina (1293 abgeschlossen), 14,110 - 15,20

Es kommt nur sehr selten vor (eigentlich nie), daß ich eine Weichenstellung, eine vor langer Zeit getroffene Entscheidung bedauere, gerade wenn es um recht triviale Aspekte geht. So etwa der Entschluß, nie im Leben zu fliegen, keinen Führerschein zu besitzen und niemals einen Fuß auf Berliner Gebiet zu setzen. Heute morgen, kurz vor Beginn der Dämmerung, ergab sich eine solche Gelegenheit. Ich habe vor über dreißig Jahren darauf verzichtet, zu fotografieren, weil mir das angelegentliche Fixieren aus Ausflugzielen oder seltenen geselligen Anlässen als zu trivial erschien und der Aufwand, sich hier mit einer halbwegs professionellen Ausrüstung, Teleobjektiven, Stativen und Blitzgeräten angesichts der wenigen Male, in denen ich mich damit beschäftigt habe, finanziell und vom Zeitaufwand her gesehen als völlig unangemessen wirkte. Das Ergebnis solcher Enthaltsamkeit ist, daß das einzige bildgebende Medium, das mir zur Verfügung steht, die im Smartphone eingebaute Weitwinkelkamera ist - die aber für Fernaufnahmen und das Heranzoomen astronomischer Objekte weder gedacht noch geeignet ist.

...irgendwas mit Pferden...

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Es widerspricht der Tradition dieses Netztagebuchs, Fundstücke unkommentiert zu präsentieren. Aber es gibt auch Funde, bei denen jedes Wort der Erläuterung eines zuviel wäre. Außer vielleicht dieses hier: Ja, das ist echt

P.S. Das SPD kann man dies nachsehen, da man dort auch Herrn Stegner, Frau Esken und Herrn Maas für Politiker hält.

P.P.S. Es ist, rein theoretisch, auch denkbar, daß Frau E. hier versucht hat, einen Scherz zu reißen, auch wenn sich Anlaß und Kontext nicht ausmachen lassen. Nur ist die Schalheit in diesem Fall so klafterstark, daß es die Sache keinen Deut besser macht.

U.E.

© U.E. Für Kommentare bitte hier klicken.

11. Juli 2020

周作人 《入厕读书》 / Zhuo Zuoren, "Lesen auf dem Klo" (1935). Mit einem Seitenstück zu Jun'ichirō Tanizaki

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 (周作人 / Zhou Zuoren)



郝懿行著《晒书堂笔录》卷四有《入厕读书》一条云:

旧传有妇人笃奉佛经,虽入厕时亦讽诵不辍,后得善果而竟卒于厕,传以为戒。 虽出释氏教人之言,未必可信,然亦足见污秽之区,非讽诵所宜也。 《归田录》载钱思公言平生好读书,坐则读经史, 卧则读小说,上厕则阅小词,谢希深亦言宋公垂每走厕必挟书以往,讽诵之声琅然闻于远近。 余读而笑之,入厕脱裤,手又携卷,非惟太亵,亦苦甚忙,人即笃学,何至乃尔耶。 至欧公谓希深言平 生所作文章多在三上,乃马上枕上厕上也,盖惟此尤可以属思尔,此语却妙,妙在亲切不浮也。

定,但总未必很短,而且这与吃饭不同,无论时间怎么短总觉得这是白费的,想方法要来利用他一下郝君的文章写得很有意思,但是我稍有异议,因为我是颇赞成厕上看书的。 小时候听祖父说,北京的跟班有一句口诀云,老爷吃饭快,小的拉矢快,跟班的话里含有一种讨便宜的意思,恐怕也是事 实。 一个人上厕的时间本来难以一。 如吾乡老百姓上茅坑时多顺便喝一筒旱烟,或者有人在河 沿石磴下淘米洗衣,或有人挑担走过,又可以高声谈话,说这米几个铜钱一升或是到什么地方去。 读书,这无非是喝旱烟的意思罢了。

9. Juli 2020

Lord Dunsany, "Das wundervolle Fenster" (1911)

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Der alte Mann in seiner orientalisch anmutenden Gewandung fiel Mr. Sladden, der seinen Lebensunterhalt im Kaufhaus von Messr. Mergin und Chater verdiente, deshalb auf, weil ihn ein Polizist weiterscheuchte, und wegen des Pakets, das er unter dem Arm trug.

Mr. Sladden hing der Ruf an, der geistesabwesendste Berufsanfänger in seinem Metier in ganz London zu sein; der kleinste Anlaß, der geringste Anklang an Romantik, an Fernweh und Abenteuer, brachte ihn zu träumen, und er blickte dann vor sich hin, als ob sich die Wände des Kaufhauses in Nebel auflösten und London ein Märchenland wäre, anstatt sich um die Wünsche der Kunden zu kümmern.

Schon die Tatsache, daß das Packet, der der alte Mann unter dem Arm trug, in schmutziges Packpapier gewickelt war, das mit arabischer Schrift bedeckt war, war für Mr. Sladden wie ein Versprechen von ungeahnten Abenteuern, und er folgte ihm, bis sich die kleine Menge, die der Zwischenfall angelockt hatte, zerstreut hatte und der alte Mann an einer Straßenecke anhielt, sein Paket auspackte und sich offenkundig anheischig machte, den Inhalt feilzubieten. Es handelte sich um ein kleines Fenster mit bleigefaßten Scheiben; es war nur gut einen Fuß breit und weniger als zwei Fuß hoch. Mr. Sladden hatte noch nie erlebt, daß jemand ein Fenster mitten auf der Straße zum Verkauf anbot, und fragte nach dem Preis.

"Der Preis ist: alles, was Sie besitzen," sagte der alte Mann.

"Wo haben Sie es bekommen?" fragte Mr. Sladden, denn es handelte sich um ein seltsames Fenster.

"Ich habe dafür alles, was ich besaß, auf den Straßen von Bagdad hergegeben."

"Und haben Sie vorher viel besessen?" fragte Mr. Sladden.

"Ich besaß alles, was ich mir wünschen konnte," war die Antwort, "außer diesem Fenster."

"Es muß ein besonderes Fenster sein," sagte der junge Mann.

"Es ist ein magisches Fenster," sagte der Alte.

8. Juli 2020

Die Welt am Scheideweg durch Donald Trump

Ob sich Europa, insbesondere Deutschland, von Merkel und ihrer fundamental grünen Politik wird erhohlen können erscheint derzeit, insbesondere im Schatten von Corona, unwahrscheinlich. Zumindest kurz- oder mittelfristig. Der Schaden ist angerichtet und derart massiv das selbst bei einer Kurskorrektur nicht davon auszugehen ist, dass Europa in naher Zukunft noch eine große weltpolitische Bedeutung zufällt (zumal der deutsche Wähler bis dato immer noch nicht so richtig realisiert, wer ihm die Entwicklung der letzten Jahre so aufgedrückt hat). Vielleicht ist das, auch wenn es für die Europäer eher bitter ist, am Ende für die Welt nicht das schlechteste, in der Vergangenheit waren die Ansätze aus Europa (und auch da gerade wieder aus Deutschland) ihre Werte in die Welt zu exportieren von teilweise recht verheerenden Folgen.

6. Juli 2020

Corona und kein Ende

Das Christentum ist 2000 Jahre alt, die CDU 75. Diese Partei brauche jetzt eine weltliche Daseinsbegründung, meint Thomas Schmid. Selbst die Kirchen zeigten in der gegenwärtigen Krise ja, dass sie nichts zu sagen wissen.

4. Juli 2020

Tönnies zum zweiten. Oder: litterae in ovo

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Mitunter frage ich mich: soll ich es eigentlich bedauern, daß aus mir kein Romanautor geworden ist? Das ist nun nicht so sehr eine Frage des Wollens, sondern der Einsicht in die eigenen, sehr bescheidenen Fähigkeiten auf dem Gebiet des Kreativität und des literarischen Vermögens. Denn ich erzähle ja niemals Geschichten, schon gar keine erfundenen; für das Ersinnen einer Fabel geht mir jegliche Begabung ab; das Schildern von Persönlichkeiten, von einer Entwicklung, der stimmigen Ausmalung der couleur locale, des Wechselgeflechts der Beziehung, die Ambivalenzen: Fehlanzeige auf der ganzen Linie. (Vom "Stilgefühl" will ich gar nicht erst beginnen.) Was bliebe also übrig als Metier, wenn schon die triste gegebene Realität nicht um das Ausschlagebende, den narrativen Kosmos, erweitert werden kann? Eines der wenigen Genres, das sich anböte, wäre der Schlüsselroman, der Roman à clef, das tatsächlich gegebene - oder vermutete - Skandale der unmittelbaren Gegenwart in literarischer Verlarvung präsentiert, hinter neuen Namen, neuen Örtlichkeiten - aber den Zeitgenossen sofort entschlüsselbar. Nicht in sublimierter Form, die eine chronique scandaleuse zum Anlaß nimmt, um ein umfassendes Portrait der Moral, der Widersprüche und Spannungen einer Gesellschaft zu zeichnen, wie es etwa Theodor Fontane mit dem "Fall Ardenne" für Effi Briest tat, oder mit dem heute vollkommenen "Fall Ravené" für seinen kleinen Roman L'adultera ein Dutzend Jahre vorher. Das entfällt aus den oben genannten Gründen. Nein: Als grelle Kolportage, deren einziger Zweck wäre, dem Leser Insinuationen nahezulegen, den allgemeinen Zustand eine Gesellschaft - oder einer Unterabteilung, etwa der unternehmerischen Klasse und der classe politique  - als korrupt, verblendet, bar jeder Verantwortung und von strahlender Unfähigkeit zu schildern. Natürlich ist dergleichen ungerecht, immer und zu jeder Zeit. Aber der grobe Holzschnitt ist die Natur dieser Art von Kolportage.

2. Juli 2020

Der letzte Grandseigneur des deutschen Journalismus: Zum Tod von Dieter E. Zimmer

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Am 19. Juni, also bereits vor zwei Wochen, ist Dieter E. Zimmer in Berlin im Alter von 85 Jahren gestorben. Die Nachricht von seinem Tod ging aber erst vor zwei Tagen "durch die Medien" - insofern mag man mir diesen verspätete Eintrag nachsehen, nicht zuletzt, weil mir diese Nachricht Anlaß war, in seinen Büchern, von denen sich ein gutes Dutzend auf den unterschiedlichsten Regalen meiner Bibliothek verteilt finden, wieder einmal zur Hand zu nehmen.

1. Juli 2020

Wenn die Polizei nicht mehr kommt. Ein schöner Gruß nach Berlin.

In der gemeinen deutschen Presse eher unter ferner liefen, aber in den USA vergleichsweise viel diskutiert ist die "Capitol Hill Autonomous Zone" (kurz "Chaz"), ein Gebiet von einigen Straßenblöcken im Herzen von Seattle, dass sich vor knapp drei Wochen für "unabhängig" erklärt hat. Na ja, was man heute so nennt: Genaugenommen hat eine Gruppe von BLM (Black Lives Matter) Aktivisten, unterstützt von der lokalen (oder zugereisten) Antifa derart randaliert, dass die Seattler Polizei ein Revier aufgeben musste (um zu "deeskalieren"), was dann prompt besetzt wurde. Inzwischen kontrollieren die "Aktivisten" (allmählich gehen mit die Anführungszeichen aus) das Gebiet mit Waffen, die Polizei fährt nicht hinein und es gibt Checkpoints, an denen sichergestellt wird, dass auch kein Polizist etwa das böse "rassitische" Recht durchsetzen kann.

30. Juni 2020

Jonathan Swift, "On Stella's Birthday" / "Auf Stellas Geburtstag" (1719)

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(Esther Johnson, "Stella," 1681-1728; unbekannter Künstler)


"On Stella's Birth-Day"

Written 1718/19

Stella this Day is thirty four,
(We won't dispute a Year or more)
However Stella, be not troubled,
Although thy Size and Years are doubled,
Since first I saw Thee at Sixteen
The brightest Virgin of the Green,
So little is thy Form declin'd
Made up so largely in thy Mind.
Oh, would it please the Gods to split
Thy Beauty, Size, and Years, and Wit,
No Age could furnish out a Pair
Of Nymphs so gracefull, Wise and fair
With half the Lustre of Your Eyes,
With half thy Wit, thy Years and Size:
And then before it grew too late,
How should I beg of gentle Fate,
(That either Nymph might have her Swain,)
To split my Worship too in twain.


29. Juni 2020

周作人 《鬼的生长》 / Zhou Zuoren, "Vom Altern der Gespenster" (1934)

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(周作人 / Zhou Zuoren)


发挥一点考据癣,从古今人的纪录里去找寻材料,或者能够间接的窥见百一亦未可知。 但是千百年来已非一日,载籍浩如烟海,门外摸索,不得象尾,而且鬼界的问题似乎也多得很,尽够研究院里先生们一生的检讨,我这里只提出一个题目,即上面所说的鬼之生长,姑且大题小做,略陈管见,仁候明教。关于鬼的事情我平常很想知道。 知道了有什么好处呢? 那也未必有, 大约实在也只是好奇罢了。 古人云,唯圣人能知鬼神之情状,那么这件事可见不是容易办到的,自悔少不弄道学,此路已是不通,只好人死后为鬼,鬼在阴间或其他地方究竟是否一年年的照常生长,这是一个问题。 其解决法有二。 一是根据我们这种老顽固的无鬼论,那末免文不对题,而且也太杀风景,

其次是普通的有鬼论,有鬼才有生长与否这问题发生,所以归根结底解决还只有这唯一一法。 然而有鬼虽为一般信士的定论,而其生长与否却占人人殊,莫衷一是。 清纪昀《如是我闻》卷四云:
“任于田言,其乡有人夜行,月下见墓道松柏问有两人并坐,一男子年约十六七,
韶秀可爱,一妇人白发垂项,佝偻携杖,似七八十以上人,倚肩笑语,意若甚相悦,窍讶何物淫妪,乃与少年儿狎昵,行稍近,冉冉而灭。 次日询是谁家冢,始知某早年夭折,
其妇孀守五十馀年,殁而合窆于是也。 ”照这样说,鬼是不会生长的,他的容貌年纪便以死的时候为准。不过仔细想起来,其间有许多不方便的事情,如少夫老妻即是其一,
此外则子老父幼,依照礼法温清定省所不可废,为儿子者实有竭暇难当之势,甚可悯也。

27. Juni 2020

Lord Dunsany, "Armer alter Bill" (1910)

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In der alten Taverne am Hafen, in der Matrosen Gesellschaft finden, wurde es langsam dunkel. Ich hatte die Kneipe seit einigen Tagen aufgesucht, in der Hoffnung, von den Seeleuten, die da über ihren Wienen aus fernen Ländern saßen, Näheres über ein Gerücht zu erfahren, das ich aufgeschnappt hatte und das besagte, daß irgendwo in den Weiten der Südsee noch eine alte, aufgegebene Flotte spanischer Schatzgaleonen gesichtet worden sein sollte.

Auch an jenem Abend erfuhr ich darüber nichts Neues. Die Stimmung war gedämpft, die Matrosen redeten nicht viel, und ich wollte gerade gehen, als ein Seemann, der Ohrringe aus purem Gold trug, den Kopf hob, seinen Blick auf die Wand vor sich richtete und anfing, mit lauter Stimme seine Geschichte zu erzählen:

(Während er sprach, brach draußen ein Platzregen los und schlug prasselnd gegen die Butzenscheiben. Seine Stimme übertönte den Lärm mühelos. Je dunkler es wurde, desto klarer funkelten seine Augen.)

"Wir waren auf einem Schiff, das noch auf die alte Art getakelt war, und wir liefen seltsame Inseln an. Keiner von uns hatte je zuvor solche Inseln gesehen.

"Jeder von uns haßte den Kapitän, und er seinerseits haßte jeden von uns. Man muß es ihm lassen: da war er gerecht. Er verabscheute uns alle in gleichem Maß. Und er redete kein einziges Wort mit uns, außer wenn es abends dunkel wurde - dann ging er manchmal an Deck auf und ab und sprach zu denen, die er tagsüber an der Rah hatte hängen lassen.

26. Juni 2020

Lord Dunsany, "Die Plünderung von Bombasharna" (1910)

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(Sidney H. Sime: "I Wish I Knew More About the Way of Queens")

Für Shard, den Piratenkapitän, war die Lage allmählich zu brenzlich geworden, auf allen Weltmeeren, die er befahren hatte. Die Häfen Spaniens blieben ihm verschlossen; in San Domingo war er kein Unbekannter mehr; in Syrakus nickten sich die Leute wissend zu, wenn sie seiner ansichtig wurden; die Könige beider Sizilien versagten sich das Lächeln, wenn ihre Rede auf ihn kam, und in allen Hauptstädten war ein hoher Preis auf seinen Kopf ausgesetzt worden mit seinem Konterfei auf den Steckbriefen - und keines dieser Porträts war schmeichelhaft. Und so war Käpt'n Shard zu dem Entschluß gekommen, daß es an der Zeit war, seinen Männern sein Geheimnis zu verraten.

Er rief sie zusammen, als sie eines Nachts vor Teneriffa auf Reede lagen. Er gab freimütig zu, daß es so einige Dinge gab, die der Erklärung bedurften: die Kronen, die die Prinzen von Aragon an ihre Neffen, die Könige beider Amerikas, gesandt hatten, hatten, hatten dero durchlauchtige Majstäten nie erreicht. Was war mit Kapitän Stobbuds Augen geschehen? Wer hatte die Küstenstädte Patagoniens gebrandschatzt? Warum hatte ein Schiff wie das ihre Perlen als Fracht geladen? Warum war das Deck so häufig rutschig vor Blut, und wofür brauchte man so viele Kanonen? Wo waren die Nancy, die Lärche und die Margaret Bell geblieben? Solche Fragen, gab er zu, könnten dem einen oder anderen Neugierigen durchaus in den Sinn kommen, und falls solche Leute mit den Gebräuchen des See unvertraut wären, könnten sich daraus knifflige rechtliche Fragen ergeben. Und Bloody Bill (wie Mr. Gagg von einigen Unverfrorenen  genannt wurde) blickte zum Himmel empor und bemerkte, daß es eine stürmische Nacht war und das Wetter ganz dazu geeignet war, ein paar solcher Kandidaten an der nächsten Rah zu hängen. Und einige der Anwesenden rieben sich nachdenklich den Nacken, während Käpt'n Shard ihnen seinen Plan darlegte. Er erklärte, daß die Zeit gekommen wäre, um die Verzweifelte Lärche aufzugeben; sie war den Kriegsmarinen von vier Königreichen allzugut bekannt, und eine fünfte war gerade dabei, sie auf ihre Liste zu setzen, und es würde nicht dabei bleiben. (In Wahrheit gab es noch mehr Kapitäne, die nach ihrer hübschen schwarzen Flagge mit dem schmucken Totenschädel und den gekreuzten gelben Knochen Ausschau hielten.) Er kannte einen kleinen Archipel, auf der anderen Seite des Sargassomeers; es mochten an die dreißig Inseln sein, die üblichen, unbewohnten Eilande; aber eine davon war eine schwimmende Insel. Er war vor vielen Jahren dort vorbeigekommen und war an Land gegangen, aber er hatte nie einer Seele davon erzählt, aber er hatte die Insel mit seiner Ankerkette am Meeresboden verankert und die Sache als sein größtes Geheimnis für sich behalten. Er hatte beschlossen, sich dort zur Ruhe zu setzen, wenn es ihm nicht mehr möglich war, sein Leben auf ehrliche Seeräuberweise zu fristen, nachdem er sich ein Weib genommen hatte. Als er auf die Insel stieß, trieb sie langsam vor dem Wind, der durch die Baumkronen blies; aber wenn die Ankerkette nicht durchgerostet war, sollte sich noch dort liegen, und sie würden sich ein Steuerruder zimmern und Kabinen im Inselboden ausheben und des Nachts Segel zwischen den Bäumen hissen und Kurs setzen, wohin immer es ihnen beliebte.

24. Juni 2020

Lord Dunsany, "Das Geheimnis der See" (1914)

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(Sidney H. Sime, "The Secret of the Sea")

In der alten, finsteren Hafenkneipe, die ich gut kenne, erzählt man sich viele Geschichten über die See; aber die Geschichte, auf die ich über ein Jahr lang vergeblich gewartet hatte, erfuhr ich erst durch die kräftige Mithilfe des Weins namens Gorgunder, den ich mit so vieler Mühe den Zwergen abgehandelt hatte.

Ich kannte meinen Pappenheimer und hatte viele seiner Geschichten gehört, während mir die Ohren von seinen wilden Flüchen klingelten. Ich hatte ihm Rum und Whisky und noch so allerhand andere potente Getränke spendiert, aber er hatte nie die Geschichte erzählt, auf die ich wartete, und als ich mir keine anderes Mittel mehr wußte, reist ich in die Huthneth-Berge und verhandelte eine ganze Nacht hindurch mit dem Anführer der  Zwerge.

Als ich in den alten Kaschemme eintraf und in den niedrigen Schankraum trat, war mein Mann noch nicht vor Ort. Die Matrosen lachten, als sie die alte eiserne Flasche sahen, die ich dabeihatte, aber ich kümmerte mich nicht um sie und setzte mich; wenn ich die Flasche geöffnet hätte, wären sie in Tränen ausgebrochen und hätten lauthals gesungen. Ich hatte Geduld und konnte warten, denn ich wußte, daß mein Mann die Geschichte kannte, auf die ich hoffte, und die schon oft die Skepsis der Zweifler befeuert hat.

23. Juni 2020

Lord Dunsany, "Die Pfeilspitze aus Opal" (1920)

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"Einmal, auf dem Bernsteinfluß..." begann Locquialton.

Wir alle hielten fast den Atem an und hörten ihm zu in unserer Runde um den alten Wirtshaustisch, an dem Locquialton saß. Außer ihm waren wir zu fünft. Ein alter, schwerer Tisch, ein niedriger Schankraum, hinter Locquialton ein großer, alter Kamin, in dem man ganze Baumstämme hätte verbrennen können. Die Scheite waren heruntergebrannt, das Feuer loderte nur noch schwach, draußen war es dunkel. Der Raum war nur noch ein paar Kerzen erhellt. Blauer Zigarrenrauch waberte durch den Raum. Ich sehe die Szene noch lebhaft vor mir: der hellblaue Zigarrenqualm, das tiefe Blau der Nacht hinter den Fenstern, das Kastanienbaun des Tisches und Locquialton, wie er sich vorbeugt. Ich höre noch seine Stimme, wie sie "einmal, auf dem Bernsteinfluß..." sagt. Uns war bekannt, was er für ein Weltreisender gewesen war. Oder genauer gesagt: es war uns eben nicht bekannt; niemand wußte, wo er sich herumgetrieben hatte. Wir erinnerten uns nur daran, daß er jahrelang fortgewesen war, ohne jede Nachricht, und dann plötzlich wieder auftauchte. Daß er nichts von seinen Reisen berichtet hatte. Und so entstanden Gerüchte, über unbekannte Flüsse und ferne Länder, die er erkundet hate. Er selbst sprach nicht davon; keiner von uns wußte, wohin er gereist war und zu welchem Zweck. Und eines Tages, während wir zusammensaßen und rauchten, fing er an: "einmal, auf dem Bernsteinfluß..." Wir hörten gespannt zu, und er erzählte uns eine seiner Geschichten. Noch nie zuvor hatte er von sich selbst erzählt. Bald danach änderten sich die Dinge zwischen uns; so weit wir das sagen können, ist dies die einzige Geschichte, die er erzählt hat. Ich kann nicht sagen, ob sie wahr ist; niemand kann das. Ich kannte Locquialton so gut wie wir alle, und kann mit Bestimmtheit sagen, daß er keinen Funken Phantasie besaß. "Einmal, auf dem Bernsteinfluß...": das waren genau die Worte, an die ich mich erinnere - und an den Rest seiner Geschichte erinnere ich mich nach all dieser Zeit eher wie eine Folge von Bildern, die sich in unserer Phantasie abspielten, die vor uns vorbeizogen wie die Schwaden des blauen Zigarrenrauchs vor dem Kaminfeuer. Und diese Geschichte gibt keine Aufklärung über ihn; sie ist so seltsam, wie er es selbst war. Ich halte sie für die seltsamste Geschichte, die ich je gehört habe - aber das mögen meine Leser beurteilen, falls ich nichts vergesse.

21. Juni 2020

Gütersloh: Tönnies. Beijing: Xinfadi-Markt

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Es gibt noch Meldungen, auch jetzt, im fünften Monat der Corona-Krise (oder dem vierten, je nachdem, wann man das pandemische Geschehen für den eigenen Standort als relevant einschätzt), die einem Betrachter der Zeitläufe den Kiefer gepflegt nach unten klappen lassen. Oder ungepflegt, je nach dem Ausmaß der Abgebrühtheit und des Zynismus, der sich mittlerweile eingestellt hat. Hier geht es um den akuten Ausbruch von SARS-CoV-2-Infektionen am Firmenhauptsitz der Tönnies-Holding im Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh, von dem sich die ersten Nachrichten vor drei Tagen, am 18. Juni, zuerst verbreiteten und deren Befund mit Stand von heute nachmittag ist, daß von rund 7000 Mitarbeitern dort bislang 1331 positiv auf das Coronavirus getestet worden sind (mit dem Stand von heute nachmitag liegen die Ergebnisse von 5899 der insgesamt 6139 durchgeführten Tests vor).

20. Juni 2020

Lord Dunsany, "Die Gespenster" (1908 / 1938)

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"Die Gespenster" (1908)


(Sidney. H. Sime, "Oneleigh")
 
Ich nehme an, daß es für meine Leser kaum von Belang sein dürfte, aus welchem Grund ich mich mit meinem Bruder in seinem großen, einsam gelegenen Landhaus zerstritten hatte - zumindest nicht jene, von denen ich hoffe, daß sie das Experiment interessiert, zu dem mich dieser Streit verleitete, und das, was mir dabei in jenem gefährlichen Bereich widerfuhr, den ich dabei so leichtsinnig betrat. Es war bei meinem Besuch in Oneleigh.

Oneleigh befindet sich in einer einsamen ländlichen Gegend, umgeben von einem Bestand altehrwürdiger Zedern, in deren Zweigen es flüstert, wenn der Wind hindurchfährt. Wenn der Nordwind bläst, stecken sie die Köpfe zusammen und nicken mit ihren Wipfeln, und stimmen einander zu und werden wieder still. Der Nordwind ist für sie wie ein angenehmes Rätsel, über das uralte Weise nachsinnen und ein Schwätzchen halten. Diese Zedern wissen so manches, so lang stehen sie schon dort. Ihre Ahnen kannten den Libanon, und die Vorfahren dieser Ahnen dienten den Königen von Tyros und der Palast König Salomos wurde aus ihnen gefertigt. Und von diesen schwarzhaarigen Kindern der ergrauten Zeit war das alte Haus von Oneleigh umgeben. Ich kann nicht sagen, wie viele Jahrhunderte an seine Mauern gebrandet waren wie flüchtiger Gischt, aber noch standen sie fest, und im Lauf der Zeit hat sich dort vieles Alte und Ehrwürdige angesammelt, wie Algen auf einem Felsen, der der See trotzt. Hier fanden sich Rüstungen, die vor Zeiten Kämpfer geschützt hatten wie die Schalen toter Muscheln; Gobelins bedeckten die Wände wie Seetang in bunten Farben; hier fand sich kein neumodisches Treibgut, kein Mobiliar aus der Zeit Königin Viktorias, kein elektrisches Licht. Die Handelswege, die leere Konservendosen und billige Romane an Land spülten, verliefen andernorts. Gewiß: die Jahrhunderte werden ihr Werk vollenden und seine Trümmer an ferne Küsten schwemmen. Doch noch stand es, und ich hatte meinem Bruder dort einen Besuch abgestattet, und unser Gespräch war auf das Thema Gespenster gekommen. Mir schienen seine Ansichten dazu nicht ganz aufgeklärt. Er hielt Dinge, die nur in der Phantasie vorkommen, für real, er befand, daß Berichte aus zweiter Hand, daß jemand ein Gespenst gesehen hätte, Beweis dafür seien, daß es sie gäbe. Ich antwortete ihm, daß sie auch dann keinen Beweis darstellten, wenn die Betreffenden tatsächlich Gespenster gesehen hätten; niemand glaubt daran, daß es rote Ratten gibt, obwohl es genügend Beweise gibt, daß sie im Säuferwahn gesehen werden. Schließlich erklärte ich, daß ich selbst auch dann noch ihre Existenz bestreiten würde, wenn ich sie mit eigenen Augen sehen sollte. Also versorgte ich mich mit ein paar Zigarren und trank mehrere Tassen Tee, der eine halbe Ewigkeit lang gezogen hatte, verzichtete aufs Abendessen und zog mich für die Nacht in ein Zimmer zurück, dessen Wände mit dunkler Eiche vertäfelt und wo die Möbel unter Laken verborgen waren, und ließ mich nicht von meinem Bruder von meinem unsinnigen Vorhaben abbringen. Noch als er mit der Kerze in der Hand die Treppe zu seinem Schlafzimmer hinaufstieg, beschwor er mich, doch bitte etwas zu Abend zu essen und mich ins Bett zu legen.

18. Juni 2020

Lord Dunsany, "Die beunruhigende Geschichte von Thangobrind dem Goldschmied" (1911)

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 (Ill. Sidney H. Sime, "The ominous cough")

Als Thangobrind der Goldschmied das unheilvolle Räuspern vernahm, dreht er sich stracks auf dem engen Pfad um. Ein Dieb war er, von ausgezeichnetem Ruf, dessen Dienste die Reichen und Vornehmen in Anspruch nahmen, denn er stahl niemals etwas Geringeres als das Ei des Moomoo, und sein Lebtag lang hatte er nur vier Arten edler Steine entwendet - Rubine, Diamanten, Smaradge und Saphire -, und als Goldschmied war seine Redlichkeit exemplarisch. Ein hoher Handelsherr war an ihn herangetreten und hatte die Seele seiner Tochter als Preis für den Diamenten geboten, der größer ist als der Kopf eines Menschen und der im Schoß des Spinnengötzen Hlo-hlo in dessen Tempel von Moung-ga-ling ruht, denn es war ihm berichtet worden, daß Thangobrind ein Dieb war, dem man vertrauen könne.

16. Juni 2020

Lord Dunsany, "Eine knappe Rettung" (1912)

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Es war tief unter der Erde.

In der feuchten Katakombe unter dem Belgrave Square rann die Feuchtigkeit an den Wänden herab. Aber was kümmerte das den Magier? Er suchte das Verborgensein, nicht die Trockenheit, und hier im Dunkel sann er über den Gang der Dinge nach, schmiedete seine Pläne und braute seine Wundertränke.

In den vergangenen Jahren war seine Ruhe durch das Rumpeln der Busse mit ihren neuen Motoren empfindlich gestört worden; von fern her drang der Lärm der U-Bahn wie der Dröhnen eines fernen Erdbeben an sein empfindliches Ohr, und was er von der Welt über sich vernahm, war nicht geeignet, ihn für sie einzunehmen.

Eines Abends, als er in seinem feuchten Kämmerlein seine übelriechende Pfeife rauchte, kam er zu dem Entschluß, daß London lange genug bestanden hätte, daß es den Bogen überspannt hätte und es mit den Absurditäten seiner sogenannten Zivilisation übertrieben hätte. Und er beschloß, die Stadt zu vernichten.

15. Juni 2020

Lord Dunsany, "Carcassonne" (1910)

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(Die Zitadelle von Carcassonne im Languedoc)

« Je me fais vieux, j’ai soixante ans,
J’ai travaillé toute ma vie,
Sans avoir, durant tout ce temps.
Pu satisfaire mon envie.
Je vois bien qu’il n’est ici-bas
De bonheur complet pour personne.
Mon vœu ne s’accomplira pas :
Je n’ai jamais vu Carcassonne !

« On voit la ville de là-haut,
Derrière les montagnes bleues ;
Mais, pour y parvenir, il faut,
Il faut faire cinq grandes lieues ;
En faire autant pour revenir !
Ah ! si la vendange était bonne !
Le raisin ne veut pas jaunir :
Je ne verrai pas Carcassonne !

« On dit qu’on y voit tous les jours,
Ni plus ni moins que les dimanches,
Des gens s’en aller sur le cours,
En habits neufs, en robes blanches.
On dit qu’on y voit des châteaux
Grands comme ceux de Babylone,
Un évèque et deux généraux !
Je ne connais pas Carcassonne !

« Le vicaire a cent fois raison :
C’est des imprudents que nous sommes.
Il disait dans son oraison
Que l’ambition perd les hommes.
Si je pouvais trouver pourtant
Deux jours sur la fin de l’automne…
Mon Dieu ! que je mourrais content
Après avoir vu Carcassonne !


- Gustave Nadaud (1820-1893)


*          *          *

(In a letter from a friend whom I have never seen, one of those that read my books, this line was quoted—"But he, he never came to Carcassonne." I do not know the origin of the line, but I made this tale about it. - L.D.)

Im Brief eines Freundes, den ich persönlich nie kennengelernt habe - er zählt zu meinen Lesern - zitierte er diese Zeile: "doch er kam nie bis Carcassonne." Ich weiß nicht, woher dieses Zitat stammt, aber ich habe diese Erzählung darüber geschrieben.


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Zu jener Zeit, als Camorak in Arn herrschte, und als die Welt schöner war als in unseren Tagen, gab er ein Fest für alles Volk im Weiten Land, um den Glanz seiner Jugendzeit zu feiern.

Man erzählt sich, daß sein Palast in Arn weite hohe Säle besaß, deren Decken blau bemalt waren. Abends stiegen die Bediensteten auf Leitern und zündeten die unzähligen Kerzen in den Kandelabern an, die an Ketten darunter hingen. Manchmal sollen Wolken durch die Erkerfenster hoch oben an den Wänden hereingeschwebt sein, und über die steinernen Fensterstreben geflossen sein wie der Meernebel, den der Wind über bis Klippen in der Brandung treibt (er hat Tausende von toten Blättern und tausende von verflossenen Jahren davongeweht, sie sind ihm alle eins; er schuldet der Zeit nichts). Und die Wolken ballten sich hoch oben in den hohen Sälen zu neuer Form und segelten langsam dahin, bis sie durch ein anderes Fenster wieder davonschwebten. Und die Ritter in Camoraks Festsaal konnten aus ihren Formen den Ausgang der Schlachten und Belagerungen vorhersagen, die ihnen bevorstanden. Der Palast Camoraks zu Arn hatte nie seinesgleichen im Land gehabt, und es heißt, er werde es niemals wieder haben.

Dorthin zogen also die Bewohner des Freien Landes, von ihren Weiden und vom Wald her, während ihre Gedanken um Essen, Obdach und Liebe kreisten, und sie nahmen in der sagenumwobenen Halle Platz, neben den Bürgern von Arn, der Stadt, die sich um den Palast den Königs drängte und deren Dächer allesamt von  roter, schützender Erde bedeckt waren.

Und wenn es stimmt, was in den alten Lieder erzählt wird, war dieser Festsaal ein Wunderwerk.

14. Juni 2020

"Das Jahr der stillen Sonne"

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Es ist ja nicht nur im Bereich der Pandemie - und der merkwürdig paradoxen Haltung unserer Medienlandschaft dazu (man bekommt den Eindruck als sei SARS-CoV-19 etwas, das für uns bereits in weiter Ferne zurückliege, obwohl weltweit weiterhin mit jedem Tag recht genau 130.000 neue Fälle hinzukommen, mit steigender Tendenz, die Zahl der Toten mit jedem Tag um 5000 zunimmt und der Zug der Seuche in Afrika und Lateinamerika gerade erst begonnen hat) -, daß man als Beobachter der Zeitläufte den Eindruck bekommen könnte, die Welt seit zu Beginn des dritten Jahrzehnts des einundzwanzigsten Jahrhunderts, des "Jahrhunderts, in dem die Zukunft wahr wird", zu einem schlechten Science-Fiction-Roman mutiert, in dem wir uns nolens volens jeden Tag aufs Neue wiederfinden. Vor allem, wenn man als altgedienter Leser des Genres das entsprechende Buch vorweisen kann. In diesem Fall handelt es sich um den Roman The Year of the Quiet Sun des amerikanischen Autors Wilson Tucker aus dem Jahr 1970.

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12. Juni 2020

Lord Dunsany, "Ost und West" (1916)

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Es herrschte tiefste Nacht, und es herrschte tiefster Winter. Ein kräftiger Sturm trieb nasse Schneeschauer von Osten heran. Der Wind heulte zwischen den langen, verdorrten Grashalmen. Auf der verlassenen dunklen Hochebene näherten sich zwei schwankende Lichtpunkte: ein Mann, der allein in einer Hansom-Kutsche über die Weiten Nordchinas rollte.

Allein mit dem Kutscher auf dem Bock und dem angekämpften Pferd. Der Kutscher hatte einen guten wasserdichten Regenumhang um die Schultern geworfen, aber der Fahrgast unten in der Kutsche trug nur Abendgarderobe. Er hatte das Kutschfenster nicht herabgezogen, weil das Pferd fortlaufend stolperte und zu stürzen drohte; der Schneeregen hatte seine Zigarre durchweicht und es war zu kalt, um Schlaf finden zu können. Die beiden Kutschlaternen blakten im Wind. Ein einsamer Mandschu-Hirte, der seine Herde vor den Wölfen bewachte, sah die Kutsche vorbeifahren, und im Licht einer flackernden Kerze, die das Wageninnere in flackernde Schatten tauchte, sah er zum ersten Mal in seinem Leben einen Abendanzug. Und obwohl das Licht nur schwach war, und der Anzug wie sein Träger durchnäßt war, war es, als würfe er einen Blick über ein ganzes Jahrtausend zurück, denn seine Kultur ist so viel älter als unsere, und sie haben dergleichen längst hinter sich gelassen.

Lord Dunsany, "Der Briefträger von Otford" (1917)

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Die Dienstpflichten des Briefträgers in Otford-unter-dem Walde brachten es mit sich, daß Amuel Sleggins sich einmal im Jahr auf den Weg machte, der ihn weit aus dem Dorf hinausführte, weit jenseits des letzten Hauses an der Dorfstraße, an den Rand des großen, undurchdringlichen Walds zu jenem Haus, das niemand je aufsuchte, außer den drei finsteren Männern, die es bewohnten, und der verschlossenen Frau einer dieser Männer, und einmal im Jahr, wenn der merkwürdige Brief mit dem grünen Umschlag eintraf, Amuel Sleggins, der Postbote.

Der grüne Brief traf stets ein, wenn die Blätter sich zu verfärben begannen und war an den ältesten der drei finsteren Männern addressiert. Er trug eine prachtvolle Briefmarke aus China, und sobald er eintraf, den Posteingangsstempel von Otford, und Amuel Sleggins beförderte ihn an sein Ziel.

Er hatte keine Angst vor seinem Botengang; er hatte ihn jedes Jahr erledigt, seit nunmehr sieben Jahren, und doch beschlich ihn ein leises Unbehagen, sobald sich der Sommer seinem Ende zuneigte, und wenn die Luft herbstlich kühl zu werden begann, schauderte es ihn merklich, und die Dorfbewohner wunderten sich darüber.

Und dann kam der Tag, an dem der Wind aus Osten blies, und die Wildgänse am Himmel erschienen, die von Meer her kamen und hoch in den Lüften ihre merkwürdigen Rufe ausstießen, und davonzogen, bis sie nur noch wie ein dünner schwarzer Strich in der Höhe auszumachen waren, als ob ein Magier einen Zauberstab in die Luft geworfen hätte, der sich dort oben drehte und aufblitzte. Die Blätter wurden bunt, und am Morgen stand der Nebel weiß über den Marschen und die Sonne ging wie eine gewaltige rote Kugel unter und der Herbst zog in dieser Nacht aus dem Wald ins Tal hinunter, und am Tag darauf kam der seltsame Brief aus China mit dem grünen Umschlag.

11. Juni 2020

"bento" am Ende

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Als Medienzyniker - zu denen sich der Protokollant zhält, der seit vielen Jahren jeden direkten Kontakt mit dem Massenmedien, seien sie elektronisch oder gedruckt, der über eine Schlagzeile und angelegentlich eine Rezension oder die gezielte, informierte Einlassung eines ausgewiesenen Fachmanns zum Thema hinausgeht, tunlichst vermeidet- als sardonisches Beobachter der Medienlandschaft im nun auch nicht mehr ganz taufrischen einzundzwanzigsten Jahrhundert also, ist man versucht zu sagen: Es gibt sie noch, die guten Nachrichten.

In diesem Fall: die Nachricht, die am Mittwoch über die "magischen Kanäle" (Marshall McLuhan) durchs Globaldorf gesendet wurde, daß der Jugendableger des Medienportals des Spiegeles, das vor fünf Jahren im Weltnetz gestartete "bento", im Herbst seinen Sendebetrieb einstellen wird. Die Spiegel-Hauptredaktion gab in ihrem Pressestatement am Mittwoch der gegenwäritgen Corona-Krise die Hauptlast an dem Faktum brutum, daß das für die "Generation #Hashtag" konzipierte Outlet "nachhaltig in die Verlustzone gerutscht" war. Zum einen mag es sich hier um  publizistische Kosmetik handeln, mit der die ökonomisch dringend gebotene Verschlankung des Angebots den gerade waltenden Umständen gutgeschrieben wird.

10. Juni 2020

Lord Dunsany, "Im Wechsel der Gezeiten" (1908)

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(Ill. Sidney H. Sime, "The terrible mud")


Ich träumte, ich hätte ein abscheuliches Verbrechen begangen, und daß mir kein ehrenvolles Begräbnis zuteil werden sollte, weder zu Land noch zur See, und daß sich jede Hölle weigern sollte, mich aufzunehmen.

In dieser Gewißheit wartete ich einige Stunden lang. Dann kamen meine Freunde, und sie töteten mich, wie es ihnen der alte Brauch zur Pflicht auferlegte, entzündeten große Fackeln, und trugen mich davon.

All das geschah in London, und sie trugen mich auf ihren Schultern durch die grauen Straßen, und an den verfallenen Fassaden vorbei, bis sie zum Fulß gelangten. Und der Fluß und die Flut, die vom Meer hereinströmte, stritten miteinander zwischen den lehmigen Ufern, und beide waren schwarz und Lichter glänzten auf ihnen. Und als meine Freunden mit ihren lodernden Fackeln näher kamen, sah es aus, als ob dort unzählige Augen aufleuchteten und sich vor Staunen weit öffneten. Und ich konnte all das noch mitansehen, obwohl ich schon kalt jund steif war, denn meine Seele war noch in meinem Körper gefangen, weil ihr alle Höllen verschlossen waren und mir ein christliches Begräbnis verwehrt war.

9. Juni 2020

Lord Dunsany, "Die Straßenräuber" (1908)

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(Ill. Sidney H. Sime, aus: The Sword of Welleran and Other Stories, London: George Allen & Sons, 1908)

Tom o' the Roads hatte seinen letzten Ritt getan, und fand sich mutterseelenallein in der Nacht. Von dort, wo er sich befand, hätte ein Beobachter einen guten Blick auf die weißen, runden Rücken der Schafe werfen können, die auf den Wiesen ruhten, und die dunklen Umrisse der einsamen Hügel, und die feinen grauen Umrisse der einsameren Hügel dahinter, und in den schwarzen Tälern tief unter sich hätte er den Rauch aus den Schornsteinen der Häuser im Wind davontreiben sehen. Aber den Augen Toms war alles schwarz, und seine Ohren vernahmen nur ewige Stille, und nur seine Seele bemühte sich noch schwach, die eisernen Ketten zu sprengen, die sie in Bann hielten und nach Süden zum Paradies aufzubrechen. Und der Wind blies ohne Unterlaß.

Denn Tom konnte in dieser Nacht nur noch auf dem eisigen Nachtwind reiten. Sein treuer Rappen war ihm an dem Tag genommen worden, als die Häscher ihm auch die grünen Felder und den freien Himmel, die Stimmen der Männer und das Lachen der Frauen nahmen und ihn in Ketten geschlagen hatten, auf daß er für immer dem Wind als Spielzeug dienen sollte. Und der Wind wehte ohne Unterlaß.

Aber die Seele von Tom, dem Sohn der freien Wege, war durch die eisernen Ketten in Bann geschlagen, und bei jedem Versuch, sich zu befreien, trieb ihn der Wind, der vom Paradies her bläst, wieder in die grausamen Fesseln. Und während er er sich hin und her drehte, fielen die alten Flüche von seinen Lippen, und die Schmähungen, mit denen er Gott bedacht hatte, rollten über seine Zunge, und böse alte Verlangen ließen sein Herz verwesen, und von seinen Fingern tropften die Flecken, die böse Taten hinterlassen hatten und fielen zu Boden und wucherten dort in bleichen Flecken und Ringen. Und als diese Sünden verronnen und ausgetrocknet waren, da war Toms Seele wieder rein, so wie sie war, als er zum ersten Mal die Liebe kennengelernt hatte (es war vor langer Zeit gewesen, in einem Frühling) und sie schwang im Wind hin und her mit Toms Knochen, und mit seinem alten löchrigen Mantel und den rostigen Ketten.

Und der Wind wehte ohne Unterlaß.

8. Juni 2020

Lord Dunsany, "Die Rache der Menschen" (1906)

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Als die Götter die Welt schufen, teilten sie sie auf in Wildnis und Weiden. Fruchtbare Wiesen verstreuten sie über das grüne Antlitz der Erde, schattige Haine pflanzten sie in den Tälern und legten Hügel an, auf denen die Heide blühte. Aber Harza bestimmten sie zu einem verfluchten Ort, dem es auf ewig bestimmt war, eine Ödnis zu bleiben.

Wenn die Welt am Abend zu den Göttern betete und die Götter auf die Bitten antworteten, erhörten sie nicht die Gebete derer vom Stamm der Arim. Und so litten die Menschen von Arim unter beständigen Kriegen und mußten von Land zu Land ziehen, und doch wurde ihr Mut nicht gebrochen. Und die Menschen von Arim erschufen sich selbst neue Götter und erhoben Männer aus ihrer Mitte zu Göttern, bis sich die Götter von Pegana wieder an sie erinnern würden. Und ihre Anführer, Yoth und Haneth, spielten die Rolle von Göttern und führten ihr Volk gegen alle Völker, die ihnen übel wollten. Und schließlich gelangten sie nach Harza, wo keine anderen Stämme lebten, und konnten vom Kampf ausruhen, und Yoth und Haneth sprachen: "Das Werk ist vollbracht. Bestimmt werden sich die Götter Peganas wieder unserer erinnern." Und sie bauten eine Stadt in Harza und bestellten den Boden, und fruchtbares Grün überzog die Wüste wie ein frischer Wind, der über das Meer weht, und in Harza erblickte man die Früchte des Feldes und die Herden und vernahm das Blöken von zahllosen Schafen. Und dort ruhten die Menschen vom Krieg aus und faßten ihr Leid in Fabeln, bis die Menschen in Harza wieder lächelten und ihre Kinder lachten.

7. Juni 2020

Jodeldiplom auf chinesisch

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Lehrer: Danke. Frau Hoppenstett!
Frau Hoppenstett: Hollera da didel...
Lehrer: Holleri!
Hoppenstett: Holleri di dudel du
Lehrer: Du dödel di...
Hoppenstett: Holleri du dödel du...
Lehrer: Du dödel di

Lehrer: Im ganzen Satz!
Hoppenstett: Hollerö dö dudel dö
Lehrer: Du dödel di."Dö dudel dö" ist zweites Futur bei Sonnenaufgang!
Holleri du didel do.
Hoppenstett: Di dudel dö
Lehrer: Du dödel di
Hoppenstett: Holleri !
Lehrer: Holleri dö didel
Hoppenstett: Du dödel
Lehrer: Du dödel di!

 
Ein Grundkurs in vier Lektionen.

1. Lektion.



6. Juni 2020

Lord Dunsany, "Dreizehn bei Tisch" (1916)

Einmal, da werden
die über das Wild die Gewalt
hatten auf Erden
- färbt sich wieder der Wald
gelber und gelber -,
selber den Hunden zum Raub
fallen und selber
liegen auf blutigem Laub.

Einmal, da werden,
in den langen Alleen,
sie vor den Pferden
selber im Läuten gehn,
rennen und rasen,
die die Jagenden sie
sehen, da blasen
ihre Piquere: La Vue!

Keuchender Meute
werfen die Jäger dann ihr
Recht am Gescheide
zu von jeglichem Tier.
Unter den Bäumen
raufen die Hunde im Zorn.
In ihren Träumen
geistert noch lange das Horn.

- Alexander Lernet-Holenia, "La chasse à force des chiens courants" (1935)

*          *         *

­Als sich die Gesellschaft am Abend vor dem großen Kamin versammelt hatte, in dem die Scheite loderten, und die Männer mit Gläsern und Pfeifen in den Händen in bequemen Sesseln davor saßen, und das stürmische Wetter draußen, die Geborgenheit drinnen und die Jahreszeit - denn es war Weihnachten -, als all das nach einer merkwürdigen und unheimlichen Geschichte verlangte, da erzählte der frühere Jagdhundemeister seine Geschichte.

Mir ist auch einmal etwas Merkwürdiges passiert. Das war, als ich die Jagdhundmeuten in Bromley und Sydenham betreute, in meinem letzten Jahr dort. Es war sogar der allerletzte Tag der Jagdsaison. Es lohnte sich nicht mehr, weiter zu jagen, weil es im ganzen Landstrich keine Füchse mehr gab, und London so langsam seine Krankenarme um uns schloß. Von allen Hundezwingern aus konnte man die Stadt in der Ferne anrücken sehen wie eine in grau getarnte Armee. Und die Mengen an neuen Villen unten in der Tälern vermehrten sich mit jedem Jahr, das verging. Unsere Fuchsdeckungen lagen alle oben auf den Hügelkämmen, und sobald die Stadt sich daran machte, die Täler zu besetzen, verschwanden die Füchse von dort, ließen die Gegend hinter sich und kehrten nie zurück.

Und sie ändern sich nicht. Anmerkungen zum R-Faktor.

Man fühlt sich derzeit an Vorwahlzeiten erinnert: Täglich grüßt das Murmeltier. Wo kurz vor Wahlen im Tagestakt Wasserstandsmeldungen der angeblichen politischen Stimmung veröffentlicht werden, so werden dieser Tage jeden Tag neue Wasserstandsmeldungen zum magischen R-Faktor, der so genannten Reproduktionszahl, veröffentlicht.

5. Juni 2020

"Der Ickabog"

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Ab heute können die fortlaufend veröffentlichten Kapitel von J. K. Rowlings neuem Kinderbuch, The Ickabog, auch in deutscher Übersetzung nachgelesen werden, wie beim englischen Original seit dem 26. Mai an jedem Tag mehrfach eingestellten Fortsetzungen. Die Autorin hat den weltweiten Lockdown im Zuge der Coronavirus-Krise als Anlaß genommen, diesen Text einem weltweiten jugendllichen (und optional jugendlichen) Publikum zugänglich zu machen.

Manche Leser mögen die Nachricht darüber en passant aus den Augenwinkeln im Rauschen der alltäglichen Nachrichten mitbekommen haben; für Interessierte geben Suchmaschinen in Sekundenschnelle Aufklärung; hier sei nur kurz aus Chronistenpflicht darauf hingewiesen. Bei Frau Rowlings Oeuvre seit dem Erscheinen nach dem Abschlußband der Septalogie um den Zauberlehrling von Hogwarts vor 13 Jahren (ja, so lange ist das bereits her) besteht zum einen aus einer Reihe von Kriminalromanen (jener ur-englischen Literaturgattung, die, so hat sich die Tradition seit dem Golden Age of the Detective Novel der zwanziger Jahre eingebürgert) auch Politikern und Großliteraten zum erzählerischen Zeitvertreib offensteht, und kleinen Seitenstücken und Tischgeschichten zur Harry-Potter-Saga, angefangen mit den beiden kleinen Lesergaben, die 2001 die Wartezeit überbrückten, als zwischen Band drei und vier der narrative Kosmos des Potterversums eine größere Dimension annahm, über das relativ bescheidene Format der ersten Bände hinaus zu jenen vielhundertseitigen Scharteken der Mittel- und Oberstufe (Magic Beasts and Where to Find Them und Quiddich Through the Ages).