30. März 2020

Keine Sintflut mehr, sagt die Taube

Wer kennt noch das Zählen der Wochen in Genesis 8? Die literarisch-philosophischen Schreiber in der „WELT“ und in der „ZEIT“ suchen nach dem Sinn der Heimsuchung und des Stillstands. Sie stimmen darin überein, dass wir heute keine mythisch-religiöse Deutung in Richtung Strafe für Sünden der Gesellschaft suchen können oder gar einen mahnend erhobenen Finger des Schöpfergottes. Wer meint, versündigt hätten wir uns „an den Menschenrechten, am Rechtsstaat, den Rechten der Tiere, am Klima, an den Ozeanen und an der Erde“(WELT) , muss ein Pole sein; und er ist es auch (Szczepan Twardoch, 40 Jahre alt). Corona trifft alle, wie schon das Erdbeben in Lissabon sogar die Falschen am meisten traf: Die zum Gottesdienst im Dom Versammelten. Wir sind restlos aufgeklärt. Aber damit ist uns noch nicht geholfen.

26. März 2020

Konzepte

Gestern habe ich mich darüber ausgelassen, dass es kein Konzept gibt, sondern nur stochern im Nebel und vor einiger Zeit hat ein Zimmermann vorgeschlagen, doch einfach mal Ideen zu sammeln, was in der Krise zu tun ist. Das ist eigentlich gar keine schlechte Idee, denn mäkeln kann natürlich jeder, aber sich Gedanken zu machen, wie man es besser machen könnte, ist eine andere Ebene.

Bekanntlich gibt es in Deutschland gut 80 Millionen Bundestrainer, insofern gibt es keinen Grund warum es nicht auch 80 Millionen Chefvirologen geben soll. Und warum nicht? Gemessen an dem, was die Bundesregierung abliefert (oder eher nicht abliefert), glaube ich nicht, dass sich diese 80 Millionen Chefvirologen dümmer anstellen würden. Im Gegenteil, frei von politischen Überlegungen und der Macht der eigenen Person, lässt es sich oftmals deutlich freier denken. 

25. März 2020

Kein Konzept

Ganz Deutschland liegt im Lockdown. Fast ganz Deutschland. Die Chinesen legten es vor, die Italiener notgedrungen nach und jetzt eben auch die Deutschen. Die Chinesen haben das Problem fast besiegt, die Zahl der Neuansteckungen ist nahezu null, die ersten Beschränkungen sind bereits aufgehoben, mit weiteren ist zu rechnen. Nun sollte eigentlich Italien auch dahin kommen, oder? Tut es aber nicht. Im Gegenteil. Während in China zwei Wochen nach dem Lockdown die Zahlen dramatisch einbrachen, passiert das Ganze in Italien leider nicht. Und dieser Autor versteigert sich zu der Prognose, das wird in Deutschland nicht anders sein.

23. März 2020

Streiflicht: Merkel muss in Quarantäne

Angela Merkel muss in Quarantäne. Sie wurde am Freitag gegen Pneumokokken geimpft, und bei dem Arzt, der ihr die Impfung verabreichte, wurde das Corona-Virus nachgewiesen. 
Das wäre an und für sich kein besonderes Thema, sie konnte schlechterdings wissen, dass der Arzt ein Träger war. Und prinzipiell ist es für eine Frau ihres Alters durchaus eine gute Idee sich gegen Pneumokokken impfen zu lassen, wenn eine Seuche, die auf die Lunge schlägt, gerade grassiert. Noch dazu, wenn man "gut vorbereitet" ist. Seit Wochen.  

22. März 2020

Das war’s. Die kollektive Besoffenheit hat gesiegt. Finis Noricus

Es ist wie 1914. Im Nachhinein ist leicht zu rekonstruieren, dass die europäischen Mächte seinerzeit geradezu ballistisch auf die sogenannte Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zusteuerten. Doch für den damaligen Beobachter mag es zunächst gar nicht danach ausgesehen haben. Und als dann der Erste Weltkrieg ausbrach, war der Hurra-Patriotismus auch bei vielen groß, die sich wenige Jahre später dafür schämten oder davon nichts mehr wissen wollten.

Was die Gefährlichkeit des neuartigen Coronavirus betrifft, so bin ich nach wie vor Agnostiker. Es kann sein, dass wir gerade die schwerste medizinische Herausforderung seit hundert Jahren erleben. Es kann aber auch sein, dass wir es mit einer Schweingrippe 2.0 zu tun haben. Möglicherweise sind die von der Politik ergriffenen Maßnahmen völlig unzureichend. Aber es kann auch sein, dass diese Maßnahmen absolut überzogen sind. Vieles, was jetzt zum neuen Standard erklärt wird, ist mir alles andere als unsympathisch: Dass in Warteschlangen an Supermarktkassen die Unterschreitung einer körperlichen Schicklichkeitsgrenze fürderhin tabu ist, empfinde ich als eine riesige Errungenschaft. Man sollte aber schon auch bereit sein, die Schattenseiten des Kampfes gegen die Ausbreitung von Covid-19 ins Auge zu fassen.

20. März 2020

Nichts wird mehr wie es war

Vor knapp 20 Jahren entführte eine Bande von irren Mördern vier Linienmaschinen und setzen diese als fliegende Bomben ein, zwei davon brachten das World Trade Center zum Einsturz, alles in allem eine Tat mit etwa 3000 Toten und einem Sachschaden im Bereich von um die 10 Milliarden Dollar. Eigentlich nicht viel, sollte man meinen, aber es genügte das Denken einer ganzen Generation zu verändern, sorgte für massive Veränderungen sowohl im amerikanischen Haushalt wie auch in der amerikanischen Politik, innen wie außen. Es produzierte einen jahrzehntelangen Krieg, der selbst heute noch nicht beendet ist und kostete seitdem etliche zehntausend Menschen das Leben. Der 11. September 2001 war eine Zäsur der Geschichte, vielleicht nicht die alles umwerfende (wie der Beginn des zweiten Weltkrieges vielleicht), aber doch ein zentraler Wendepunkt.

18. März 2020

COVID-19. Münsterland. Update: Shutdown, Tag 2

...andererseits befanden sie sich in einer außergewöhnlichen Verfassung, in der sie, ohne die überraschenden Ereignisse, die über sie hereingebrochen waren, innerlich akzeptiert zu haben, natürlich genau spürten, daß etwas anders geworden war. Viele hofften immer noch, die Epidemie werde aufhören und sie und ihre Familie verschonen. Infolgedessen fühlten sie sich noch zu nichts verpflichtet. Die Pest war für sie nur ein unangenehmer Besuch, der eines Tages gehen mußte, wie er gekommen war. Erschreckt, aber nicht verzweifelt, war für sie der Augenblick noch nicht gekommen, in dem die Pest ihnen als ihre Lebensform schlechthin erscheinen sollte und sie das Leben vergessen würden, das sie bis dahin geführt hatten. Genaugenommen warteten sie ab.

- Albert Camus, Die Pest  



Die aktuellen Fallzahlen vom Mittwoch, dem 18. März 2020, dem zweiten Tag des "Shutdown":

In den letzten 24 Stunden hat sich weltweit die Zahl der registrierten Coronavirus-Infektionen auf über 200.000 erhöht (auf insgesamt 217.027); 84383 dieser Fälle sind noch "aktiv"; die Zahl der Todesopfer der Seuche stieg auf 8912. Frankreich verzeichnete in diesem Zeitraum einen Anstieg von 1404 auf 9134; Italien um 4207 auf  35.713 (die Zahl der Todesopfer nahm um 475 auf jetzt 2978 zu). Für Deutschland stieg die Zahl der Fälle um 2960 auf insgesamt 12.327, die Zahl der Verstorbenen erhöhte sich um 2 auf 28.

17. März 2020

COVID-19. Münsterland. Shutdown, Tag 1



(Netzfund: "So funktioniert Selbstisolierung: man schützt 1. sich selbst und 2. alle, die man nicht ansteckt.")

"Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos, dans une chambre."

Blaise Pascals bekanntes bonmot, alles Unglück auf der Welt rühre nur aus einer einzigen Ursache her: daß sich die Menschen nicht darauf verstünden, in Ruhe auf ihrem Zimmer zu bleiben (Pensées, II, 139), nimmt in diesen Tagen eine ganz neue Färbung an.

Heute, vier Tage vor dem astronomischen Frühlingsbeginn mit der Tag- und Nachtgleiche, ist der Frühling des neuen Jahres hier, am 52. Breitengrad, wirklich zum Ausbruch gekommen: heute morgen gaukelten gleich drei Zitronenfalter um die Büsche am Rand der Parkfläche unter meinem Fenster, bei frühlingshaften 13° Lufttemperatur.

16. März 2020

COVID-19. Münsterland. Shutdown, realiter

Jeder Leser dieses Blogpostings wird die Entwicklungen zum Ausbruch des Coronavirus und die drastischen Maßnahmen mitbekommen haben, welche die deutsche Regierung heute dazu erlassen hat. Ich werden mich also (gewissermaßen um meiner selbstauferlegten Chronistenpflicht nachzukommen), auf das kurze Notieren verlegen.

Mit dem heutigen Tag befindet sich das Land im Shutdown. Am Abend um 18 Uhr hat Bundeskanzlerin die entsprechenden Regelungen in einer Pressekonferenz bekanntgegeben. Das öffentliche Leben ist hiermit zum Erliegen gekommen; die Geschäfte zur Versorgung mit dem Lebensnotwendigen bleiben geöffnet - Supermärkte, Banken, Apotheken. Zwar scheint noch unklar, wie die Regelungen für den Einzelhandel aussehen (das mag daran liegen, daß dies nicht Angelegenheit des Bundes, sondern der einzelnen Länder ist - die unterschiedlichen Handhabungen der Feiertagsregelungen lassen grüßen); ich gehe aber davon aus, daß der überwiegende Teil des Einzelhandels ab morgen geschlossen bleibt, schon aus Rücksicht der Geschäftsführungen gegenüber ihrem Personal. Explizit von den angeordneten Schließungen sind betroffen:

15. März 2020

COVID-19. Münsterland. Geerdet



Der heutige Tag, Sonntag, der 15. März, wird in diesem fortlaufenden "Tagebuch des Seuchenjahrs" (um den Titel von Daniel Defoes halbfiktionalisierter aber faktengesättiger Schilderung der Pestepidemie in London 1665 ans dem Jahr 1725, A Journal of the Plague Year, anklingen zu lassen) als der Tag verbucht, an dem die deutsche Politik, salop ausgedrückt, "geerdet wurde" - als den nominell Verantwortlichen klar wurde, mit was wir es hier zu tun haben, daß die Reaktionen in der Nachbarstaaten nicht übertrieben sind und daß das bisherige: "es ist ja nur eine Art Grippewelle", "Grenzen können das sowieso nicht aufhalten", "wir sind gut aufgestellt!" und "nun ist es halt da!" nur ein Ausdruck der Hilflosigkeit, des Nichtstun und der brandgefährlichen Verantwortungslosigkeit darstellen. Heute hat die österreichische Regierung einen Lockdown über das Land verhängt - im an Norditalien angrenzenden Bundesland Tirol sogar im strikten Sinn einer flächendeckenden Ausgangssperre. Wie Bundeskanzler Kurz heute morgen in der Sondersitzung des österreichischen Parlaments erklärte:

Es gibt nur mehr drei Gründe, um das Haus zu verlassen:
1. Berufsarbeit, die nicht aufschiebbar ist.
2. Dringend notwendige Besorgungen, wie Lebensmittel.
3. Anderen Menschen helfen, weil sie es selbst nicht können.

14. März 2020

Corona, die zweite. Ein Gedankensplitter.

Inzwischen wird ja über kaum ein anderes Thema mehr gesprochen als über Covid-19, oder eben Corona, wie die Allgemeinheit eher sagt. Die Welle rollt heran wir ein Tsunami, man kann ihn fühlen, aber die Welle hebt sich langsam und wir wissen alle, dass wir bald im Wasser stehen. Es gibt inzwischen sowohl im restlichen Netz als auch in Zettels Raum ein paar sehr gute Artikel, die sich sowohl mit der eigentlichen Problematik qualitativ gut auseinandersetzen als auch das totale und andauernde Versagen der deutschen Regierung thematisieren. Ich denke nicht, dass ich dem derzeit noch viel zufügen kann und möchte, ohne das aufzugreifen was bereits wo anders steht oder gerade erst auch im kleinen Zimmer genannt worden ist.

13. März 2020

COVID-19. Münsterland. Shutdown


(Münster, Promenade auf der Höhe des Iduna-Hochhauses, 12. 3. 2020; eigene Aufnahme)

(Vorausgeschickt: Ja, ich weiß. Es nervt: meine zurzeitige Monothematik. Mein - scheinbar - ausschließliches Interesse an einem Thema, daß jetzt, in dieser Woche, sämtliche anderen Probleme, sämtliche Themenfelder aus dem Fokus der Öffentlichkeit verdrängt hat. Das auf allen Kanälen, wie man seit ein paar Jahren zu sagen pflegt "24/24/365" ventiliert wird: zu jeder Stunde des Tages, jeden einzelnen Tag, das gesamte Jahr hindurch. Das brutale Wirklichkeit ist: Es GIBT kein anderes Thema mehr, das ein Anrecht auf Aufmerksamkeit hat. Was kann ich, als Augenzeuge aus der Froschperspektive, als bislang nicht direkt Betroffener, noch zum Thema hinzufügen, das nicht schon hundert und tausend Mal entweder beschlagener oder ermüdend nichtssagend zu hören, lesen, sehen war? Nun: zum einen ist dies als ein Tagebuch gedacht, eine Sammlung von Notizen, die den gegenwärtigen Stand der Ereignisse festhalten, deren Verlauf - vielleicht - im Nachhinein sehen läßt, wie sich die Entwicklung der Pandemie zum jeweiligen Zeitpunkt präsentierte. Zum anderen Zitate und kurze thematische Verweise auf medizinische, auf politische Aspekte, die einen Kontrast zum mehr oder weniger unmittelbar Erfahrenen bilden, die, so hoffe ich, eine Art "stereoskopischer Sicht" wenigstens ansatzweise möglich machen. Und nein: ich weiß nicht, wie sich der weitere Verlauf gestalten wird. Ich weiß nicht, wie es in zwei Wochen, in einem Monat, in zweien in diesem Land, in dem Landkreis, von dem aus ich dies hier schreibe, aussehen wird. Niemand weiß es. Niemand kann sagen, ob sich die Fallzahlen auf einem mittleren Niveau einhegen lassen werden oder ob die Seuche sich ungehindert ausbreiten kann, bis das Maß erreicht ist, das uns Gesundheitsminister Spahn vor zwei Tagen freundlich angekündigt hat. Es bleibt nur das Abwarten, die Hoffnung, und die Chronistenpflicht. Und der Versuch, das meinige zu tun, nicht zum Verstärker und Multiplikator zu werden. Das letztere ist ein Vabanquespiel. Es ist unmöglich, angesichts der Bevölkerung, um die es hier geht - 82 Millionen - einen jeden fortlaufend durchzutesten; schon gar nicht, wenn befürchtet werden muß, daß er bei der nächsten zufälligen Begegnung zu dieser Kohorte stoßen wird. Die Dynamik der Entwicklung, die wir zurzeit sehen, läßt nichts Gutes erwarten.)

Warum mir die Corona-Krise Angst macht

Was die medizinische Einschätzung der Gefährlichkeit des SARS-CoV-2 betrifft, so übt sich der Verfasser dieser Zeilen einmal mehr in der für ihn so typischen Agnostik. Zu viel diametral Unterschiedliches hat er in den letzten Tagen und Wochen über dieses Thema gelesen, um dazu eine dezidierte Meinung zu vertreten. Es kann sein, dass hier wieder einmal eine Hysterie entfacht wird wie etwa bei den EHEC-Gurken oder der Schweinegrippe. Es kann freilich auch sein, dass wir einer zweiten Spanischen Grippe in actu zusehen, die nicht nur regional begrenzt die aus Norditalien bereits bekannten Gräuelszenen wie die sogenannte Triage, also den aufgrund zu knapper medizinischer Kapazitäten erfolgenden Behandlungsstopp (lies: Todesurteil) für einen Teil der Patienten, zeitigen wird.

12. März 2020

COVID-19: "Wuhan: Der letzte Sonnenuntergang"

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Ohne Worte. 











U.E.

© Ulrich Elkmann. Für eine kurze Erklärung und Kommentare bitte hier klicken.

11. März 2020

COVID-19. Münsterland. Die Kanzlerin spricht

"Ja, mir geht es ausgezeichnet," sagte der kleine Mann. "Sagen Sie mal, Herr Doktor, diese verdammte Pest: das wird allmählich ernst!"
Der Arzt gab es zu. Und der andere stellte mit so etwas wie Heiterkeit fest:
"Es gibt keinen Grund, warum sie jetzt aufhören sollte. Alles wird drunter und drüber gehen."
Sie gingen ein Stück zusammen. Cottard erzählte, ein Großhändler in seinem Viertel habe Lebensmittel gehortet, um sie zu überhöhten Preisen zu verkaufen, und unter seinem Bett seien Konserven gefunden worden, als man ihn ins Krankenhaus gebracht hatte. "Dort ist er gestorben. Die Pest, die macht sich nicht bezahlt." So steckte Cottard voller wahrer oder unwahrer Geschichten über die Epidemie. Es hieß zum Beispiel, im Stadtzentrum sei ein Mann, der alle Anzeichen von Pest zeigte, eines Morgens im Delirium auf die Straße gerannt, habe sich auf die erstbeste Frau gestürzt, habe sie umarmt und dabei geschrien, er habe die Pest.
"Schön!" bemerkte Cottard in einem liebenswürdigen Ton, der nicht zu seiner Behauptung paßte. "Wir werden alle verrückt - das ist sicher."

- Albert Camus, Die Pest (1947)



Nun hat sie sich also zu dem auch bei uns rasant ausbreitenden Ausbruch des "neuartigen Coronavirus" geäußert: die Bundeskanzlerin, heute in der Bundespressekonferenz gemeinsam mit Gesundheitsminister Spahn, und schon gestern "hinter verschlossenen Türen" vor den Mikrophonen aller Medien, und kritische Geister könnten vermerken, daß ihr "liebenswürdiger Ton" nicht wirklich zu dem paßte, was sie dort vortrug. Daß es sich heute morgen um das übliche Florilegium von inhaltsleeren Wohlfühlphrasen handelte, um, wie ein Netzkommentator bissig anmerkte, Äußerungen "einer Pfarrerstochter, der es nicht gegeben ist, zu predigen" - geschenkt. Nun ist es halt da, das Virus. Pars pro toto:

9. März 2020

COVID-19. Münsterland. Wetterleuchten

"Zu jener Zeit schien sich das Wetter zu stabilisieren. Die Sonne saugte die Pfützen der letzten Regengüsse auf.. Schöner blauer, von gelbem Licht überfließender Himmel, Flugzeugbrummen in der aufkommenden Hitze - alles an der Jahreszeit lud zur Heiterkeit ein. Innerhalb von vier Tagen machte das Fieber jedoch vier überraschende Sprünge: sechzehn, vierundzwanzig, achtundzwanzig und dann zweiunddreißig Tote. Am vierten Tag wurde die Eröffnung des Behelfskrankenhauses in einer Vorschule gemeldet. Unsere Mitbürger, die bis dahin ihre Beunruhigung mit Scherzen kaschiert hatten, wirkten jetzt auf der Straße niedergeschlagener und stiller."

- Albert Camus, Die Pest (1947, zitiert nach der Übersetzung von Uli Aumüller)

Gestern haben hier im Münsterland die Forsythien begonnen, ihre Büsche wie mit intensiven gelben Schneesternen zu überziehen - gut zehn Tage vor dem üblichen Termin, heute zeigen die hängenden Zweige der Weiden hellstes Grün und die Schlehen überstäubt es weiß. Das Jahr ohne Winter geht in einem vorgezogenen Frühling über, der den des letzten Jahres noch übertreffen könnte, wenn wir nicht in der zweiten Monatshälfte von einem bösen Wintereinbruch überrascht werden. Der Natur ist die Entfaltung ihrer dunklen Seite, die sie uns gerade demonstriert, nicht einmal bemerkbar. Für Beobachter, die für Symbolik empfänglich sind, liegt in dergleichen auch etwas Tröstliches, wie in den ewig anbrandenden Wellen am Meeresufer.







8. März 2020

Randnotiz: Riexinger, Adolf und die Bobos.

Die Aufregung ist groß: Der Parteichef der SED, Bernd Riexinger, hat vergleichsweise offen seine Phantasien offenbart, was mit "den Reichen" nach der Revolution (vulgo: Machtergreifung) geschehen soll. Er wollte sie für "nützliche Arbeit einsetzen", was er immerhin schon für eine Relativierung der direkten Mordphantasien seiner Vorrednerin hielt. Jetzt ist das halbe linke Establishment aufgewühlt, es setzt "Kritik" von den Grünen, der SPD, den Jusos und nicht zuletzt auch aus der eigenen Partei.

6. März 2020

COVID-19. Münsterland. Die Ruhe vor dem Sturm

Bin zu alt um Waffen zu tragen zu kämpfen wie die andern
man bestimmte mir gnadenhalber den minderen Part des Chronisten
ich notiere - wer weiß für wen - die Ereignisse der Belagerung.

ich schreibe wie ich's vermag im Rhythmus endloser Wochen
Freitag: Beginn der Pest
...
ich weiß das klingt monoton keinen vermag's zu bewegen
ich meide das Kommentieren halte Gefühle im Zaum

- Zbigniew Herbert (1924-1998), "Bericht aus einer belagerten Stadt" ("Raport z oblężonego Miasta i inne wiersze", im polnischen Original 1983 in Paris erschienen; auf deutsch erschienen Frankfurt am Main 1985, S. 91-93)

Frivol gestartet - in diesen Zeiten ist ein gewisses Maß an schwarz grundiertem Humor die Bedingung dafür, den Zeitläufen mit einem gewissen stoischen Gleichmaß des Gemüts zuzusehen, auch wenn das gelegentlich zynisch anmuten mag. Anschließend wird es definitiv ernst.

Es gibt eine alte, schon aus der Antike geläufige Divinationsmethode, Bibliomantie oder auch Stichomantie genannt: sie besteht darin, ein hochverehrtes, wennmöglich gar heiliges Buch (etwa die Bibel oder das 易经, das Yijing, das "Buch der Wandlungen" - im Westen nach der kantonesischen Aussprache eher als I Ging geläufig ist, während es in China zumeist als 周易, Zhuji, "Die Wandlungen des Zhou" firmiert) als Orakel zu befragen, indem es aufs Geratewohl aufgeschlagen und der erste Satz, der dem Ratsuchenden ins Auge springt, als deutenden Fingerzeig höherer Mächte, des Fatums zu nehmen. Vor gut zwei Jahrtausenden war dies nach den damals oft verwendeten Quelltexten als sortes homericae oder sortes vergilianae bekannt. Hier nun ein Beispiel aus dem Jahr 2020, von vorgestern, dem 3. März. 

1. März 2020

Iustitias bares Haupt. Gedanken zum jüngsten Kopftuch-Beschluss aus Karlsruhe

Die jüngste Kopftuch-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts ist in frei zugänglichen Internet-Fachpublikationen auf zum Teil heftige Ablehnung gestoßen. Dass im deutlich links positionierten Verfassungsblog drei Artikel ihr Unbehagen mit dem betreffenden Beschluss (vom 14. Januar 2020, 2 BvR 1333/17) zum Besten geben (Steinbeis; Mangold; Sandhu), mag nicht besonders verwundern. Größere verbale Vehemenz findet sich indessen in einem Gastbeitrag des Lehrstuhlinhabers für Öffentliches Recht der Universität Bonn, Klaus F. Gärditz, für die Legal Tribune Online. Der Ordinarius aus der ehemaligen Bundeshauptstadt sieht in der Stellungnahme aus Karlsruhe letztlich den „verkrustete[n] Provinzialismus der Berliner Republik“ am Werk. Irgendwann würde dieser Beschluss auf kaltem Weg entsorgt werden, weil er „zu peinlich geworden“ sei.

Mich überzeugen die vorgetragenen Kritikpunkte ebenso wenig wie das Sondervotum des Richters Maidowski und die – tatsächlich nicht durchwegs stimmige – Begründung der Senatsmehrheit.

*
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29. Februar 2020

COVID-19. "The Eyes of Darkness" - eine unheimliche literarische Voraussage aus dem Jahr 1981?



Ja - und nein. Aber der Reihe nach.

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I.
Zunächst ist es - ja: wie soll man das Gefühl beschreiben? - unheimlich, beklemmend, auf jeden Fall überraschend, wenn man erfährt, daß der gegenwärtige Ausbruch des neuartigen Corona-Virus, 2019-nCoV (gönnen wir uns schon zum Auftakt die kleine Detailpusseligkeit: das Kürzel steht für new Corona Virus, während die vom Erreger ausgelöste Erkrankung nach den vor drei Wochen geänderten Regularien der Weltgesundheitsbehörde WHO als CoViD-19 bezeichnet wird, als Corona Virus Disease 19), der zum gegenwärtigen Zeitpunkt beinahe 86000 Erkrankte und 2941 Todesopfer gefordert hat und momentan auch bei uns Anzeichen zeigt, in den kommenden Wochen zur Pandemie zu werden, anscheinend in einem lange vergessenen Thriller auf dem Jahr 1981 in gespenstischer Weise vorweggenommen wurde. In Dean R. Koontz' Roman "The Eyes of Darkness," im Mai 1981 zuerst im amerikanischen Verlag Pocket Books als Taschenbuchoriginal unter dem Pseudonym "Leigh Nichols" erschienen, geht es um die Bedrohung durch einen Erreger, durch ein im Labor erzeugtes Killervirus, die ultimative biologische Waffe, der seine tödliche Wirkung entfaltet, indem er die Lungen der von ihm Befallenen zerstört und der - dies ist der Clou - nach dem Ort benannt ist, an dem sich das geheime Labor befindet: "Wuhan-400". 

Darauf ein Corona.

Das Stakato der Medienöffentlichkeit der letzten Woche ist inzwischen derart konfus und durcheinander, dass sich dieser Autor nicht der Chance berauben möchte, mindestens ebenso konfus und halbgebildet seinen Senf zur anstehenden Zombie-Apokalypse abzugeben. Daher an dieser Stelle eine Reihe von Thesen, Halbwahrheiten und vielleicht auch Erkenntnissen zu den letzten Entwicklungen oder Nichtentwicklungen in Sachen Corona.

25. Februar 2020

Durchgemerkelt: Die neue FDP

Nach dem Aufstieg der AfD in Folge 2015 hieß es, Merkel habe zwar die Integrationsfunktion der Volkspartei CDU nach Rechts aufgegeben, ihr Stimmenanteil ist auch gesunken, aber (und das zeige, was für eine geniale Strategin Merkel sei) sie habe eine CDU-Kanzlerschaft auf absehbare Zeit Alternativlos gemacht. An der CDU vorbei (als Seniorpartner!) gebe es nun keinen Weg mehr, auch wenn die CDU mehr Stimmen Rechts dauerhaft verloren hat, als sie in "der Mitte" gewinnt. 

Die reale Entwicklung geht aber in eine andere Richtung: Die CDU ist die neue FDP. Im Verbund mit der Volksfront wohlgesonnen Medien wird die CDU von der sogenannten "Zivilgesellschaft" getrieben werden, sich für ihren mangelnden Enthusiasmus für den gesellschaftlichen Fortschritt und die sozialökologische Transformation zu schämen. Sie hat genügend williges Bückpersonal, welches bereit ist sich zu erniedrigen und diejenigen mit Eifer innerparteilich zu bekämpfen, die sich nicht schämen und in Selbstkritik ergießen wollen. Dies muss nicht auf jeden Funktionär der CDU zutreffen. Genügend Medienanerkennungsabhängige in den in jeder Partei für ausreichenden Rückhalt notwendigen Netzwerken reichen und die CDU hat bewiesen: Sie ist voll davon.

Sie wird entweder nicht benötigt, nicht einmal im Bund, da auch hier R2G unter Führung der Grünen eine absolute Mehrheit erreichen könnte. Falls es hierzu doch nicht reicht, darf sich die CDU als Juniorpartner den Grünen anbieten. Meint: Als umkippender Steigbügelhalter und Mehrheitsbeschaffer von Bundeskanzler Habeck im Gegenzug für ein paar Pöstchen. FDP halt. Wenn sie sich nicht gar alternativlos dazu treiben lässt, eine fiktionale Mehrheit für R2G zu stützen, aus Sorge ihr Status und ihre Anerkennung als anständige Demokraten könnten ihnen entzogen werden, wenn sie nicht das gleiche Endergebnis ermöglichen, das bei Ungültigkeit alle AfD-Stimmen zustande gekommen wäre (wie in Thüringen).

Bleibt die Frage: Ist daneben noch Platz, für die bisherige FDP?

Techniknörgler

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24. Februar 2020

Heute sind wir wieder frech oder "Heute ist Regierungskarneval"

Vor drei Jahren erschien schon einmal ein Artikel in Zettels Raum, der sich mit dem so ungeheuer "frechen" Rosenmontagszug beschäftigte. Und seitdem eigentlich nichts an seinem Inhalt eingebüßt hat. Der Karnevalist kommt sich immer noch ungeheuer "frech" vor und realisiert nicht einmal am Rande, dass er inzwischen zu nahezu 100% auf Linie von Regierung und Establishment liegt.

23. Februar 2020

Marginalie: Gnabry, Olsbu, Fury oder: Noricus’ Sportwochenende

Was war dies doch für ein begeisterndes Sportwochenende. Nicht nur die Fußball-Bundesliga geht langsam in die Phase, in der liegengelassene Punkte beim Kampf um die Meisterschale richtig wehtun. Nein, es standen auch die letzten Bewerbe bei der Biathlon-Weltmeisterschaft an und heute in der Früh (mitteleuropäischer Zeit) wurde zwischen Deontay Wilder und Tyson Fury um den Schwergewichtsthron nach der Version der WBC geboxt.

Ende. Finito. Fin du globe.

Es wäre noch so viel zu sagen gewesen. Aber da das Schicksal es anders gemeint hat und der Weltlauf am heutigen Tag sein Ende finden wird...




(BILD, Titelseite vom 23. Februar 2007)

"Und das ist alles ausgerechnet!" - Annalena Baerbock (2018)


22. Februar 2020

Erfurt: ein kleiner Zwischenruf



Oder Neudeutsch: ein OT (im Protokoll von Plenarsitzungen folgt nach solchen Intermezzi der Vermerk: "leichte Unruhe im Plenum").

Als Frau Merkel, vor nun vier Jahren, beim Zusammenkommen der CDU im Kielwasser der mecklenburg-vorpommerischen (vorpommeranischen? vorpommeresken? Pommes schwarz-rot?) Landtagswahlen im Oktober 2016 auf Weihnachtslieder und Blockflötenspiel als Quintessenz deutscher Kulturpflege abhob, sorgte das für nicht geringem Spott in den sozialen Medien. Um pars pro toto Die Welt zu zitieren:

Sie schlug vor, Liederzettel zu kopieren und jemanden aufzutreiben, der Blockflöte spielen kann. „Ich meine das ganz ehrlich. Sonst geht uns ein Stück Heimat verloren.“
Jetzt, im Zuge der Erfurter Zäsur, da sich das politische Establishment dieses Landes endlich daranmacht, das Risiko des unberechenbaren Wählervotums auf ein angemessenes Maß zurückzustutzen, auf das es nicht mehr an der Bildung zielführender Seilschaften und vorher festgelegter Deals hinderlich sein möge,  in dessen Verfahrenskorrektur jetzt der originelle Vorschlag auf dem Tisch liegt, doch bitte das Stimmverhalten von Abgeordneten der parlamentarischen Opposition im Vorab per Losverfahren (*) verpflichtend festzulegen, bekommt die damalige kryptische Einlassung auf einmal, um es mit der Wendung des unvergessenen Karl Kraus zu sagen, "einen Beigeschmack von Wahrheit":

Zugleich versichert der Landtagsabgeordnete Volker Emde, einer der vier CDU-Unterhändler, bei den Gesprächen: „Wir stellen das Wahlergebnis sicher.“ ... Es sei auch ein Losverfahren der CDU-Fraktion über das Abstimmungsverhalten der einzelnen Abgeordneten denkbar, sagte Emde. (Tagesspiegel)



Wir sollten nicht vergessen, daß Frau Merkels politische Sozialisation sich im weiland besten deutschen Staatswesen vollzogen hatte und "Blockflöten," als politische Vokabel verwendet, sich in diesem Soziotop nicht nur auf erzgebirgische Schnitzereien und Jahresendflügelfiguren bezog.

*PS: Der Protokollant kann dem Vorschlag des Losverfahrens in politicis durchaus einiges abgewinnen. Freilich nur, wenn als stringent in allen Bereichen des politischen Lebens Anwendung findet: von der Ersetzung der Wahlergebnisse, etwa bei der Ausfüllung des Wahlzettels (hier darf man angesichts der großen Zahl der einfließenden Zufallszahlen darauf vertrauen, daß das statistische Mitteln im Sinn der Gauss'schen Normalverteilung greift), bis hin zu den Entscheidungen bei Parlamentsvoten. Ein besseres Resultat als bei der gegenwärtigen Devolution und Dysfunktionalität unsere Politik, die wir seit Jahren präsentiert bekommen und für deren Steigerung keine Obergrenze auszumachen ist, wäre jedenfalls garantiert. 

PPS: Für alle, die sich fragen, warum die Neuwahl in Thüringen unter der Interimsregierung Ramelow erst in 14 Monaten, für den April 2021, angesetzt ist, könnte der folgende Hinweis zur Klärung beitragen:


PPPS, 23:11. Noch zum vorigen. Der kleine Zyniker erlaubt sich, solches mit Ja ne, iss klar zu kommentieren.

Die Union dagegen rauscht in den Umfragen Richtung zehn Prozent ab, seit sie gemeinsam mit AfD und FDP den Kurzzeit-Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich gegen alle politische Vernunft ins Amt gehievt hat. Bei raschen Neuwahlen drohten Thüringens einstiger Staatspartei herbe Verluste. Abgeordnete müssten dann um ihre Mandate bangen - und manche gar um ihre Pensionsansprüche.
Altersentschädigungen erhalten Thüringer Abgeordnete erst nach sechs Jahren. Sechs CDU-Parlamentarier erreichen diese Frist erst in einigen Monaten. Ob das in den Überlegungen der Christdemokraten eine Rolle spielt, bleibt Spekulation. (SPON)
(Zur allfälligen Erinnerung: Das Angebot von Herrn Ramelow an die Adresse der CDU war: Frau Lieberknecht, frühere Ministerpräsidentin des Landes und Mitglied der CDU, als Interimspräsidentin für 70 Tage zur Vorbereitung von Neuwahlen zu akzeptieren. Die CDU hat sich hingegen dafür entschieden, einen Ministerpräsidenten der mehrfach umbenannten SED auf 14 Monate im Amt zu sehen. Man kann dies machen. Nur sollte man nicht erstaunt sein, wenn die Wähler, die bislang ihr Kreuzchen bei den nominell Christdemokratischen gesetzt haben, dergleichen bei der nächsten anstehenden Gelegenheit angemessen honorieren.)


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U.E.

© U.E. Für Kommentare bitte hier klicken.

19. Februar 2020

Ein Wald von Fragezeichen

Alle politischen, philosophischen und religiösen Gewissheiten, wie die Natur zu retten wäre und damit auch die Menschheit, scheinen verloren zu sein. Das Denken nur mit Bedenken ist in einen Abgrund geschlingert, in dem es nun zweifelnd liegt und zu den Kondensstreifen hochschaut: Ist alles vergeblich? Die Wissenschaftler tun so, als ob sie damit zufrieden wären, dass wir nichts Sicheres wissen, ja überhaupt nicht wissen können in der Art, in der die früheren Philosophen und Theologen eine „Wahrheitsfrage“ stellten und zu beantworten vermeinten. Das Denken hat durch diesen Sturz vielleicht sogar eine erste neue Wahrheit gefunden, die lautet: Wir wissen eben nichts sicher und das muss uns genügen?

14. Februar 2020

Zehn Jahre Kulturkampf. Ein Vogelflug über bundesrepublikanische Dekaden. Eine Liebeserklärung an die alte CDU. Ein gerüttelt Maß an Merkel-Kritik. Eine Schelte des dichotomischen Zeitgeists

Von Spengler habe ich gelernt, dass große Geister – wenn ich mich erinnere, erwähnt der Autor des Untergangs des Abendlandes in diesem Zusammenhang Dante und den von ihm verehrten Goethe – Ereignisse und Zustände aus der Vogelperspektive betrachten, während der Normalsterbliche (und insbesondere natürlich der Zeitgenosse einer erstarrten Zivilisation) die Warte des Froschs zu verlassen nicht imstande ist. Bei aller Selbstüberschätzung würde sogar der Urheber der vorliegenden Zeilen eingestehen, dass er, auch wenn er sich noch so sehr streckte, den Schöpfer der Commedia und den Verfasser des Faust bei weitem nicht erreichte. Doch die Idee, die Dinge unter möglichster Ausschaltung der eigenen Alltagsbefangenheit zu befunden und zu begutachten, hat auch für den intellektuellen Fußsoldaten Noricus ihren Reiz.

10. Februar 2020

Erfurt: quousque tandem?

Unirdisch klingt Getöse von Berlin.

Und es regieren grausige Magien.

- Ernst Blass (1890-1939), "Regen" (1912)

Mit Voraussagen soll man vorsichtig sein, insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen, lautet ein bekanntes Bonmot, das zumeist Mark Twain zugeschrieben wird. In diesem Belang sehe ich mich als angelegentlicher Kommentator der politischen Zeitläufe in einer Zwickmühle, denn ich pflege mich hinsichtlich des Ausgangs von Kabalen, Krisen und Entwicklungen nur dann "aus dem Fenster zu lehnen," wenn ich anhand gewisser Anzeichen, Symptome oder Tendenzen, und sei es nur aus einem vagen Bauchgefühl heraus, vermeine sagen zu können, "wohin die Reise geht". Das mag nun nicht zutreffen, aber ich für meinen Teil mag das Prophetengeschäft ungern in der Manier ahnungsfreier Kaffeesatzleserei zu betreiben. Un coup de dés jamais n'abolira le hasard, ein Würfelwurf schafft den Zufall nicht aus der Welt, befand Stephane Mallarmé vor gut 130 Jahren, aber ein leichtes "Fühlt-sich-SO-an" hat sich als hilfreich erwiesen, um die Faktoren zu wägen und zu gewichten, aus denen sich diese Erwartung zusammensetzt. Und für die eine des Entwicklungen, um die es in dieser kleinen Note gehen soll, zeigt sich meine Kristallkugel in absoluter Schwärze, vernebelt, opak. Die andere Entwicklung läßt sich hingegen eindeutig umreißen: Nicht in den Details ihres Weges, aber doch in ihrem Endresultat.

Zitat des Tages: Äpfel mit Birnen

"Wir werden das so nicht durchhalten", sagte Prien. Sie sei überzeugte Antikommunistin, aber "einen respektablen Ministerpräsidenten wie Bodo Ramelow mit einem Herrn Höcke (Thüringens AfD-Chef Björn Höcke, Anm. d. Red.) gleichzusetzen, ist eine politische und historische Verzerrung", sagte Prien. "Diese Realität hätten wir viel früher zur Kenntnis nehmen müssen."

Aus dem Zeit-Online Artikel "CDU-Landesministerin will Linke nicht wie AfD behandeln"

Kommentar:

Eine manipulative Meisterleistung. Es wurde schließlich nicht Höcke gewählt, sondern Kemmerich.  Es werden also Äpfel mit Birnen verglichen: Der Kandidat auf Seiten der SED mit einem der vielen Wähler Kemmerichs. 

Bei Ramelow kommt es nicht darauf an, ob er von Linksextremen mitgewählt wird, denen er Einfluss auf die Regierungspolitik verschafft, denn es komme ja auf den "integeren" Kandidaten an, nicht wer ihn wählt. Verglichen wird der SED-Kandidat dann aber nicht mit Kemmerich, sondern mit Höcke. Weil sich Kemmerich alles anrechnen lassen muss, was ein Wähler in einer geheimen Wahl für rechtsextreme Fantasien hat. Das er denen nicht auch nur den kleinen Finger gereicht hat, lässt man nicht gelten. Dies sei schon "Kooperation". 

Das der Zeit-Artikel den manipulativen Vergleich nicht kritisch hinterfragt und akzeptiert ist genauso wenig überraschend, wie es deren gutes Recht ist mit gnadenlosen Doppelmaßstäben parteiisch für den Demokratischen Block unter Führung der Partei der Arbeiterklasse einzutreten. Das aber scheinbar "bürgerliche", "konservative" oder "ausgewogene" Medien wie Welt und FAZ die Botschaft nur durchreichen, ohne einen kritischen Kommentar, in dem die Absurdität des ganzen hervorgehoben und den Heuchlern um die Ohren gehauen wird, ist zwar auch deren gutes Recht in einer Demokratie mit Pressefreiheit, aber 

1. eine Bankrotterklärung des bürgerlichen Lagers
und
2. mit diesem Mangel an Rückrad im bürgerlichen Lager wird es diese Demokratie mit Pressefreiheit, als echte pluralistisch-liberale Demokratie anstatt als halb-autoritäre, gelenkte Demokratie eventuell bald nicht mehr geben.

Oder glaubt hier jemand ernsthaft, die SED zusammen mit Grünen und SPD werden jeden Einfluss, den sie jetzt gewinnen können, nicht nutzen, um Strukturen zu schaffen, die eine Wiederholung eines solchen "Tabubruchs" mit "subtilen" Methoden in Zukunft zu verhindern gedenken?

Wenn solche Kommentare schon aus der CDU kommen?


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Zitat des Jahrhunderts: Kommunisten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Cyril Ramaphosa, und liebe Gäste dieses Businessforums, ich darf vielleicht hinzufügen: Kommunisten unter freiheitlichen Bedingungen sind auch nicht mehr die Kommunisten, die sie einmal waren.­

Bundeskanzlerin Angela Merkel, "Eingangsstatement von Bundeskanzlerin Merkel beim Wirtschafts-Round-Table in Pretoria", zitiert nach der Mitschrift Pressekonferenz Donnerstag, 6. Februar 2020, abrufbar auf der Webseite der Bundesregierung.

Kommentar:

Plötzlich gibt alles seinen tiefen Sinn.

Techniknörgler

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9. Februar 2020

Der Fall Kemmerich(s) oder: Von der grenzenlosen Torheit des politisch-medialen Mainstreams

Wenn Wahlen etwas veränderten, dann wären sie längst abgeschafft, lautet ein Bonmot, das dereinst eher in linken Kreisen die Runde machte. Wenn Wahlen etwas verändern, dann werden sie abgeschafft, könnte man die Posse nach der Kür des FDP-Mannes Thomas Kemmerich zum thüringischen Ministerpräsidenten in Anlehnung an diesen Sponti-Spruch trefflich kommentieren.

Zur Causa Kemmerich wurde vielleicht schon von jedem alles gesagt. Auch in diesem Blog war der Vorgang bereits Gegenstand mehrerer Beiträge. Ich möchte hier nicht die Argumente wiederholen, weshalb die von der Bundeskanzlerin geforderte und vom Gros des politisch-medialen Mainstreams herbeigetwitterte Rückgängigmachung der in Rede stehenden Wahl eine Todsünde wider elementare demokratische Prinzipien darstellt, von denen man dachte, dass sie zumindest bei der Union, der FDP, der SPD und den Realo-Grünen außer Streit stehen. Nein, ich möchte im Folgenden näher darlegen, weshalb sich die letztendlich auf kurze Sicht erfolgreichen Hysterie-Ausbrüche des Meinungshegemons mittel- bis langfristig (aus der Perspektive der entsprechenden Akteure) als kontraproduktiv erweisen werden.

8. Februar 2020

Republik der Feiglinge oder Republik der Angst?

Die Wahl von Thüringen ist wahrlich nicht nur eine Zäsur in Deutschlands politischem Betrieb, sie ist auch ebenso ein Augenöffner, den diese Autor in dieser Form nicht für möglich gehalten hätte. Diese Moment der außerordentlichen Klarheit eines Zustandes, noch dazu eines ganzes Landes, sind selten, selbst Wahlen verschleiern gerne den wahren Character ihres Hintergrundes, von mehr oder minder manipulierten Meinungsumfragen gar nicht erst angefangen.

Was sich in den vergangenen drei Tagen deutlich gezeigt hat ist die alles beherrschende Eigenschaft der deutschen Politik: Angst. Selten war Angst so deutlich zu spüren, zu sehen, wahrzunehmen, ja zu atmen.

7. Februar 2020

Die strukturelle Schwäche der Bürgerlichen - Vorwort

Das bürgerliche Lager ist in einer Krise. Diese Krise ist zum Teil selbstverschuldet, zum Teil strukturell bedingt. Aber auch die eigenen Fehler sind meines Erachtens ein Ausdruck einer strukturellen Schwäche, die zu diesen Fehlern verleitet. Eine strukturelle Schwäche, die dem bürgerlichen Lager inhärent ist und es von anderen politischen Strömungen  rechts wie links  unterscheidet. Weder Linke, Progressive, Grüne, Sozialisten und Kommunisten noch (nicht-bürgerliche) Rechtspopulisten, Rechtsaußen, Rechtsradikale oder Rechtsextremisten teilen diese Schwäche.

Diese Schwäche  so meine Hypothese, die ich in folgenden Beiträgen näher ausführen werde  ist im Kern der Wunsch (und für einen nicht geringen Teil die Notwendigkeit zum Aufrechterhalten des eigenen Selbstbildes und Selbstbewusstseins) von gesellschaftlichen Institutionen, die von sich behaupten die öffentliche Moral zu vertreten und zu verteidigen, als anständiger Mitbürger anerkannt zu werden und damit auch die ständige Sorge, diesen gesellschaftlichen Status aberkannt zu bekommen – und zwar auch dann, wenn sie diese Institutionen gar nicht mehr dominieren, wie sie es noch bis in die 60er gewohnt waren, ja sogar wenn sie von ihren ausgemachten Feinden übernommen wurden. Das war für Bürgerliche kein Problem, solange sie selber die gesellschaftlichen Institutionen dominierten oder zumindest zusammen mit moderat-mittigen Progressiven und Linken hälftig teilten, die einen Grundrespekt für den politischen Gegner aufbrachten und gemeinsam die explizit anti-bürgerlichen Revolutionäre klein hielten. Sobald diese Institutionen jedoch von links-progressiven Aktivisten (in Deutschland insbesondere in Gestalt der Grünen) dominiert werden, lässt sich das bürgerliche Lager hacken.

Ich gehe sogar so weit zu sagen: Diese Schwäche ist so zentral, dass nahezu alle anderen Probleme und Schwächen der Bürgerlichen entweder aus ihr entspringen oder erst durch diese direkt oder indirekt zu einem relevanten Problem verstärkt werden.

Diese Schwäche näher auszuleuchten, mögliche Einwände gegen diese Hypothese zu entkräften sowie die Konsequenzen und Folgeschwächen für das bürgerliche Lager zu beleuchten ist das Anliegen dieser Serie. 

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Die strukturelle Schwäche der Bürgerlichen - Vorwort für Zimmerleute

In dieser kleinen Serie möchte ich die Lage des bürgerlichen Lagers beschreiben und Überlegungen zu den Mechanismen und Gründen hinter seinem derzeitigen Zustand anstellen. Die Lagebeschreibung wird zu einem großen Teil den geneigten Lesern vermutlich nichts offenbaren, was nicht viele Zimmerleute zumindest schon gefühlt haben, aber bisher nicht systematisch strukturiert und in Worte gefasst wurde. Letzteres nachzuholen ist mein Ziel, denn wenn man jemandem, insbesondere eine größere Menschenmenge, ein Problem erläutern oder von einer Kurskorrektur überzeugen will, gibt es keine Alternative. Diese kleine Serie ist also alternativlos.

Aus diesem Grund ist es aber auch keine rein akademische Abhandlung. Die Serie wird nicht wie ein akademisches Paper strukturiert sein, auch wenn ich um das Erläutern und Dozieren nicht vollständig herum kommen werde. Stattdessen wird es eine Erzählung sein, die auch darauf ausgelegt ist, Nicht-Zimmerleute zu überzeugen. Zu diesem Zwecke ist auch gerne jederzeit konstruktive Kritik  (inhaltlich wie auch zur Struktur) angebracht, die für eine eventuelle Überarbeitung nach Abschluss der Serie herangezogen wird, bevor die (überarbeitete) Serie noch an anderer Stelle veröffentlicht wird.
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6. Februar 2020

Thüringen: ein Husarenstück


(Titelillustration von Roger Letsch. Mit freundlicher Genehmigung des Erstellers von dieser Stelle zweitverwendet.)

Der geschätzte Netztagebuchmitautor Larian hat ja in seinem vorausgehenden Blogbeitrag die wichtigsten Aspekte des heutigen Geschehens im Thüringer Landtag prägnant umrissen - inklusive der Benennung als "Husarenstück" (was über die geläufige Metaphorik eines solchen parlamentarischen Kabinettstücks auch als ein Nicken über die Jahrhunderte zurück empfinden darf, da man bei "Thüringen" fast so stark wie beim benachbarten Brandenburg an Preußen, Fontane und nicht zuletzt den "alten Fritz" denken mag - eine solche Erweiterung des Assoziationsraums würde unserem öffentlichen medialen Diskurs - sit venia verbo - in seiner Engführung auf die "fatalen zwölf Jahre" durchaus guttun). Ich möchte mich deswegen hier zuvörderst auf eine kleine Blütenlese der Reaktionen der dort angesprochenen "üblichen Verdächtigen" beschränken, um den Ton dieser das gewohnte Maß sprengenden Schaumproduktion griffig vor Augen zu stellen - und zu dokumentieren, falls es einigen dieser Fingerfertigen in den Sinn kommen sollte, ihre Torheiten der Lethe anzuvertrauen, jenem Fluß der antiken Mythologie, der denen, die aus ihm tranken, alles Vorgefallene aus dem Gedächtnis löschte. (Fun fact: zu den Grenzflüssen des Hades zählten die "ollen Griechen" auch die Mnemosyne, die das Gegenteil bewirkte: alles Geschehene wieder ins Gedächtnis zu rufen und den daraus Trinkenden mit der Gabe der Allwissenheit auszustatten: ein Fluch jener besonderen mythologischen Spielart in der Manier des Sisyphus und Tantalus, wir wir seit Jorge Luis Borges' Funes el memorioso wissen.)  

5. Februar 2020

Empörung und Verzweifelung. Eine Wahlnachlese.

Es war schon ein lustiges Husarenstück, das die Thüringer AfD (ja, die Höcke-AfD) da zusammengebracht hat. Statt sich mit der ihr zugedachten Rolle am Katzentisch zufrieden zu geben, wählte man, scheinbar recht unerwartet, halt geschlossen den Kandidaten der FDP und -schwupps- war dieser dann Ministerpräsident von Thüringen. Der Coup war von A-Z gut geplant, er war unerwartet, er war angetäuscht (man stellte ja einen eigenen Kandidaten auf) und er war richtig zeitlich durchgeführt in genau dem Wahlgang, wo er Sinn machte. 

4. Februar 2020

Kai aus der Kiste

Nicht "Kai." Tom. Tom Radtke. Aber es hätte auch Hans oder Franz oder in diesem Falle sogar "Achmed Schachbrett" sein können. Warum es völlig belanglos ist, dazu nach einem ausholenden Schlenker weiter unten.

Als Andy Warhol vor über einem halben Jahrhundert, im Jahr des grassierenden Irrsinns 1968, sein bekanntestes Bonmot prägte, daß "in Zukunft jeder für 15 Minuten Berühmtheit erlangen könnte" ("In the future, everybody will be world famous for 15 minutes"; der Satz fiel bei der Eröffnung einer Austellung von Photos von Warhol in Stockholm, als sich bei der Vernissage haufenweise Besucher um ihn scharten, um mit dem damaligen Superstar der Pop Art abgelichtet zu werden) könnte es durchaus der Fall gewesen sein, daß "Andy" an das Phänomen gedacht hat, daß wir - nicht erst seit den letzten 20 Jahren, aber im Zeitalter des ubiquitären Weltnetzes mehr und mehr sehen.

30. Januar 2020

Ab wann ist Terror eigentlich Terror?

Drei Meldungen:

  • In Berlin (3,75 Millionen Einwohner) findet die AfD derzeit keinen geeigneten Ort, respektive eine Halle, um den gesetzlich vorgeschriebenen Parteitag abzuhalten. Der Grund liegt darin, dass die Vermieter eingeschüchtert werden, etwas an die AfD zu vermieten. Die Berliner Regierung sieht sich nicht zuständig und sieht kein Problem.
  • In Leipzig wurde die Mitarbeiterin einer Immobilienfirma in ihrer Wohnung überfallen und mehrfach mit Fäusten attackiert. Zum Abschied bestellen ihr die vermummten Täter einen schönen Gruß aus Connewitz.
  • In Bremen wurde im letzten Jahr der Bundestagsabgeordnete Frank Magnitz von hinten niedergeschlagen (ob mit oder ohne Waffe ist bis heute umstritten (und wirds wohl auch immer bleiben)). 

29. Januar 2020

Hurra, hurra, wir fliegen mit Picard

Einige Monate hat es nun gedauert, aber am vergangenen Freitag war dann der große Tag: Amazon veröffentlichte den ersten Teil von "Star Trek-Picard", eine aktuelle Star-Trek Auskopplung, die neben der eigentlich aktuellen Serie Discovery so eben nebenbei läuft. Da es sich kaum um die selben Zeitlinien handelt, ist das vom dramaturgischen Standpunkt ziemlich unproblematisch.

Wie der Name schon sagt ist Star-Trek Picard ziemlich auf eine Person herunter gebogen, den früheren Captain Jean-Luc Picard, der die Enterprise (1701-D) sieben Jahre lang kommandierte und damit die zentrale Figur der TNG gewesen ist. Was an sich nicht unbedingt eine schlechte Idee ist, da Patrick Steward (im Unterschied zu einigen seiner Kollegen) durchaus auch schauspielerisches Talent sein eigen nennt. Es könnte also alles sehr schön sein, und prinzipiell wäre die Serie für jeden Star Trek Fan (oder zumindest Sympathisant) eigentlich ein ziemliches Muss sein. Wenn da nicht ...

22. Januar 2020

Donald Trump: Rede beim World Economic Forum in Davos, 21.1.2020

Aus dokumentarischen Gründen scheint es angezeigt, den Text der Rede, die der amerikanische Präsident Donald Trump heute, am Montag, den 21. Januar 2020, auf dem Treffen des World Economic Forum (WEF) gehalten hat, in ganzer Länge textlich zu dokumentieren. Nicht nur, um des Text in Ruhe lesend nachvollziehen zu können; auch weil die Praxis der Sekundenausschnitte in Nachrichtensendungen und Presseberichten oft nicht nur die meisten Passagen beiseite fallen läßt und einzelne Abschnitte so gern aus dem Kontext gerissen werden. Hinzu kommt die seit langer Zeit auffällige Tendenz, daß die negative Reputation, die ein Redner wie Donald Trump in den Medien nun einmal erfährt, hier jede unbeeinflußte Kenntnisnahme von vornherein untergräbt.

Der Protokollant hat dies vor gut sieben Jahren selbst erfahren können, als er die "Star Wars"-Rede von Trumps Amtsvorgänger Ronald Reagan vom Frühjahr 1983 einmal, sine ira et studio, aus Anlaß ihres 30-jährigen Jubiläums, im Original auf der Videodokumentation auf der Netzseite des Weißen Hauses in voller Länger angehört hat: Nichts war dort zu hören von Kriegstreiberei, von Aggressivität, von "Sieg über das Rote Imperium im Osten" - sondern ein behutsam sprechender Präsident, der in klaren Argumenten darlegte, warum ihm die Entwicklung einer hoch-technologischen Abwehr der sowjetischen Bedrohung durch Laser und Abfangraketen geboten und technisch angezeigt schien.

Deswegen im Folgenden, ohne Auslassungen und Kürzungen, das Transkript des "Keynote Speeches". Bei Zahlenangaben wurden gemäß der englischen Zeichensetzungs-Konvention, die Verwendung des Kommas als Markierung dreier Zehnerpotenzen und das Komma als Markierung der Nachkommastellen, beibehalten. Die Passagen in den Schlußabsätzen wurden farblich hervorgehoben, weil sie ein Credo darstellen: eines gegen den überbordenden Klima-Alarmismus, den Pessimismus, die schiere Negativität, die seit geraumer die "Alte Welt" mit nur wie ein Gespenst, sondern realiter heimsucht, eine Erinnerung, daß der menschliche Geist und der menschliche Optimismus keinen Grund hat, sich von allfälligen Drohungen von unmittelbar bevorstehenden Weltende schrecken zu lassen. Daß das, was sich in dem hysterischen Gelärme um eine "Klimakrise" zeigt, diesem menschlichen Geist und Ingenium, allen punktuellen Blindheiten und Mängeln, schlicht nicht WÜRDIG ist.

Ein Abschnitt wie "This is not a time for pessimism. This is a time for ... optimism. Fear and doubt is not a good thought process - because this is a time for tremendous hope and joy and optimism and action. But to embrace the possibilities of tomorrow we must reject the perennial prophets of doom and their predictions of the Apocalypse. They are the heirs of yesterday's foolish fortune-tellers, and I have them, and you have them, and we all have them - and they want to see us do badly. But we won't let that happen. They predicted an overpopulation crisis in the 1960s; mass starvation in the '70s; and an "end of oil" in the 1990s. These alarmists always demand the same thing: Absolute power to dominate, transform and control every aspect of our lives. We will never let radical socialists destroy our economy, wreck our country, or eradicate our liberty. America will always be the proud, strong, and unyielding bastion of freedom. In America we understand what the pessimists refused to see: that a growing and vibrant market economy, focused on the future, lifts the human spirit and excites creativity strong enough to overcome any challenge - any challenge by far" - gehört in Stein gemeißelt gegen die Hysterie und die tyrannischen Ansprüche aller grünen, malthusianischen, kollektivistischen Vortänzer des vermeintlichen Zeitgeistes.

9. Januar 2020

Same procedure as every year ...

Eben noch groß in den Schlagzeilen, ist die Nahostkrise schon wieder vorbei. Entgegen der hysterischen Kommentare gibt es allgemeine Deeskalation und Übergang zum Tagesgeschäft.
Überraschend nur für die, die sich nur aus deutschen "Qualitätsmedien" informieren und den dort auftretenden "Experten" à la Islamismus-Lüders glauben.

Dabei folgte die ganze Krise dem ganz normalen Schema, wie es seit vielen Jahren in Nahost zu beobachten ist. Nur üblicherweise mit Israel und Irans Terrortruppen Hamas und Hisbollah als Akteuren, nicht wie diesmal mit den USA und dem Iran selber.

5. Januar 2020

Zettels Raums Hynme 2020

Was der Achse des Guten recht ist, soll uns hier im Parkett, im kleinen Vestibül von ZR, nur billig sein. Dort drüben wurde am letzten Tag des verflossenen Jahrzehnts der Song "Bakerman" des dänischen Popduos Laid Back zum Handlungsmotto des hereinbrechenden Auftaktjahrs der Zwanziger Jahre gekürt, mit seiner relaxten Aufforderung, "das Ganze" ein wenig entspannter, lockerer, eben laid back anzugehen.

Diese Einstellung aufgreifend, sei dem hier ein anderer Rückgriff über die Jahrzehnte hinweg in das "goldene Zeitalter des Popmusik" empfohlen, diesmal nicht über 31 Jahre in den Sommer 1989, als Laid Back damit ihren ersten großen Hit außerhalb ihrer dänischen Heimat verbuchen konnten, sondern über 41 Jahre, ins Jahr 1979, als sie ihre ersten Aufnahmen einspielten. Und es soll kein Hit sein, der schon einmal an der Pole Position der deutschen Charts stand, sondern ein hierzulande völlig unbekanntes Stück - was aber der Atmosphäre von Sand und Strand, mit einem schwebenden melancholischen Unterton, keinen Abbruch tut. Und mit einem Video von Lars von Trier können wir auch nicht dienen.



江玲 - "女郎"

Beteigeuze



"Eine magere Sternschnuppe zog eine Silberbraue über Beteigeuze" (an dem zornigen Namen besoff sich mein Vater einmal, so um '22: "Beteigeuze, die Riesensonne", Artikel im Fremdenblatt). 
- Arno Schmidt, Leviathan oder W.I.E.H. (1949) S. 52.

Tree-tangled still, autumn Orion climbs
Up from among the North Wind's shuddering emblems
Into the torrent void
And dark abstraction of invisible power,
The heart and boreal substance of the night.

Pleione flees before him, and behind,
Still sunken, but prophetically near,
Death in the Scorpion hunts him up the sky
And round the vault of time, round the slow-curving year,
Follows inescapably
And to the end, aye, and beyond the end
Will follow, follow; for of all the gods
Death only cannot die.

Aldous Huxley, "Orion" (1931)


(Beteigeuze im Verhältnis zum Sonnensystem dargestellt. "Astronomy Picture of the Day" der NASA für den 1. Januar 2020)


Zu den spektakulärsten Ereignissen, die das Universum zu bieten hat, zählt die Explosion eines massereichen Sterns als Supernova. Es ist nicht ausgeschlossen – nicht wahrscheinlich, aber durchaus möglich - daß wir in kurzer Zeit (und hiermit ist nicht eine kurze Zeit im Sinne der Astronomie, die eher in Jahrmillionen als in Jahren rechnet, gemeint, sondern „innerhalb der nächsten Wochen“) Zeugen eines solchen kosmischen Infernos in unserer Nachbarschaft in unserer Heimatgalaxis, der Milchstraße werden, wenn ein Stern, dessen Masse das Mehrfache unserer Sonne beträgt, seine Existenz in einem Materie- und Lichtausbrauch beendet, der ihn für Tage oder Wochen heller leuchten läßt als die gesamte Galaxie, deren Teil er darstellt.

4. Januar 2020

Merkels Kanzlerschaft. Ein Gastbeitrag.

Ein Gastbeitrag von Frank2000.

Merkel ist noch Kanzler und schon der erste Nachruf?
Als Zyniker könnte man antworten, dass Merkels Nachruf geschrieben werden sollte, so lange es noch Menschen in Deutschland gibt, die der deutschen Sprache mächtig sind.
Als Satiriker könnte man antworten, dass man schnell sein müsse mit einem Merkel-Nachruf, bevor die NetzDG-basierten Filter nicht hilfreiche Beiträge erfolgreich entöffentlichen.
Als Mitglied des öffentlich-rechtlichen Fernsehens würde man antworten, dass ein Nachruf weder jetzt noch in Zukunft sinnvoll sei, weil Merkel ihren Nachruf selbst schreiben wird.
Wie auch immer: Erster! ;-)

3. Januar 2020

Diäten und Bewegung: Die guten Vorsätze

Dies ist ein, wie er ab und zu mal vorkommt, persönlicher Artikel, der sich eher um die Banalitäten des Lebens und die nicht immer ganz unendliche Leichtigkeit des Seins dreht, also leider von vernünftigen Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen nur am Rande handelt. Wenn Sie derlei belanglose Dinge nicht wirklich interessieren, lieber Leser, dann kehren Sie in den kommenden Tagen wieder und suchen Sie erneut nach neuen Beiträgen und überlesen diesen.

Sie sind noch da? Sehr gut. Pünktlich zum neuen Jahr nehmen sich manche Leute viel vor: Sie wollen mehr arbeiten (ja, das gibts), sie wollen weniger arbeiten (das gibts auch), sie wollen endlich den Garten bepflanzen, das Haus streichen, ein Kind zeugen oder eine Bank ausrauben (okay, das nehmen sich jetzt dann nicht so viele vor). Und ganz, ganz viele wollen ihr Gewicht reduzieren. Passenderweise hat die Achse des Guten vorgestern einen zeitlich wie thematisch dazu sehr gut passenden Artikel veröffentlicht, der sich mit der Wirkung von Diäten an sich und der Idee beschäftigt, dass eine Diät kein allzu guter Vorsatz sein soll.