24. Juni 2022

火星的狗牛 – „Die Hunde des Mars“





(William K. Hartmann, "Dusk of Mars (after Frederic Church)," (2000))

„Cry ‚Havoc!’ and let slip the dogs of war.”

Marcus Antonius’ berühmt-berüchtigter Satz in der ersten Szene des dritten Aufzugs von Shakespeares Historiendrama „Julius Cäsar,“ und von August Wilhelm Schlegel leicht sinnverfremdend als „Mord rufen und des Krieges Hund entfesseln!“ wiedergegeben, ist wohl die bekannteste klassische symbolische Kopplung des Hundes mit der abstrakten Idee des Krieges. Und ebenso „klassisch“ ist die Vorstellung, den kosmischen Nachbarn der Erde, den Planeten Mars, wegen seiner schon mit bloßem Auge erkennbaren blutroten Einfärbung mit der Vorstellung des Kriegs und der Vernichtung in Verbindung zu bringen und entsprechend in seinem Auftreten am Nachthimmel und den Begegnungen mit den anderen Wandelsternen böse Vorzeichen erkennen zu wollen. Das geht weit über die Verbindung mit dem griechischen Gott des Krieges, Ἄρης, hinaus, dessen Pendant im römischen Pantheon, dem Mars, der Planet seinen heute gebräuchlichen Namen verdankt. Schon in der babylonischen Sternkunde, der die griechische vieles verdankte, war der Planet eine Verkörperung oder ein Symbol für den Kriegsgott Nergal – und auch im alten China galt das Auftauchen des „Feuersterns,“ des 火星 (Huǒ Xīng) als Ankündigung von „Krieg, Tod und Vernichtung.“ Asaph Hall, der 1877 die beiden Monde des Mars entdeckte, reihte sich in diese Tradition ein, indem er ihnen die Bezeichnungen der traditionellen Begleiter des Krieges, Furcht und Schrecken, Phobos und Deimos, verlieh.

Eine zweite, handfestere, aber nicht weniger symbolträchtige Verklammerung ergibt sich aus der leicht frivolen Feststellung, daß es im gesamten uns bekannten Universum genau zwei Planeten gibt, auf denen sich Zeichen von technologischer Aktivität , von zielgerichteter Manipulation der Umwelt, kurz: von intelligentem Leben gibt – und daß der Mars der einzige Weltkörper in diesem bekannten Universum darstellt, dessen Bevölkerung ausschließlich aus Robotern besteht. Als nach der Mitte des 19. Jahrhunderts, zumindest im Westen, die Vorstellung populär wurde, daß des sich bei den Planeten unseres Sonnensystems um bewohnbare Welten nach dem Muster der Erde handeln könnte, deren Leben sich entsprechend der Darwinschen Entwicklungslehre an seine spezifischen Umwelten angepaßt hat, überwog die auf der von Simon Laplace und Immanuel Kant entwickelte Vorstellung, diese „Vielzahl der bewohnten Welten“ sei sukzessive entstanden, indem sich die Gaswolke, aus der die Planeten des Sonnensystems kondensierten, „von außen her“ abkühlten und den Weg des Lebens einschlugen, sobald die Zustände vor Ort dafür erträglich geworden waren. In dieser Sicht stellte der Mars eine „alte Welt“ dar, an der man die Zukunft der Erde bereits heute sehen konnte: eine einstmals blühende Welt, deren Ozeane verdunstet und der zur lebensfeindlichen Wüste geworden war. (Daß die Forschung durch Raumsonden, die dies seit nunmehr einem halben Jahrhundert vor Ort nachprüfen, einerseits durchaus bestätigt worden ist, andererseits hier Zeitmaßstäbe nicht von Jahrtausenden oder Jahrmillionen gelten, sondern von Jahrmilliarden, zählt zu den hübschen Ironien der Wissenschaftsgeschichte.) Insofern könnte man versucht sein, beim Mars tatsächlich „die Zukunft der Erde“ vorweggenommen zu sehen – jedenfalls in Jahrmilliarden, wenn die sich aufheizende Sonne die Ozeane tatsächlich zum Verdunsten bringt und die einzigen „Lebensformen,“ die dann noch an der Oberfläche tätig sein könnten, tatsächlich Roboter oder ähnlich beschaffene Automaten sein könnten.

14. Juni 2022

Москва - второй Билефельд





Daß die staatliche Propaganda totalitärer Systeme in Kriegs- und Krisenzeiten in unschöner Regelmäßigkeit ausgesprochen bizarr anmutende Sumpfblüten hervorbringt, darf nach den Erfahrungen mit solchen Gebilden im Lauf der letzten 100 Jahre als historisches Gesetz gelten – und insofern überrascht es kaum, daß in den russischen Medien im Zusammenhang mit Putins „Спецоперация на Украине,“ der „Spezoperazija na Ukraine“ es in dieser Hinsicht so hoch hergeht wie in den Tagen des georgischen Väterchens. In den vergangenen Wochen habe ich an dieser Stelle ja schon mehrmals über besonders groteske Beispiele dafür berichtet (hier und hier). In der vergangenen Woche ist nun ein weiterer solcher Schnörkel hinzugekommen, als in der laufenden Medienbegleitung zu lesen war, daß die russische Duma einen Antrag beschließen soll, um die 1991 erfolgte Unabhängigkeitserklärung Litauens für ungültig zu erklären und somit zumindest pro forma schon einmal „heim ins Reich“ zu holen, im Zug von Putins erklärtem Ziel des „Einsammelns russischer Erde“ (Cобирал русские земли).

Zwei Reaktionen waren bislang darauf zu verzeichnen: zum einen den Vorschlag des konservativen Abgeordneten Matas Maldeikis, der für die christdemokratische Partei „Vaterlandsbund“ (Tėvynės Sąjunga – Lietuvos krikščionys demokratai) im litauischen Parlament, dem Seimas, sitzt, der vorschlug, für den Fall, daß Präsident Putin einen solchen Beschluß unterzeichnen würde, doch im Gegenzug bitte den „Ewigen Frieden“ von 1634 außer Kraft zu setzen, der ein Ende der fast 30 Jahre lang andauernden Kriegszüge zwischen dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen auf der einen Seite und dem Zarenreich auf der anderen Seite beendet hatte, mit der Forderung, daß Herr Putin bitte die Vorherrschaft des polnischen Königs Władysław IV. Wasa (oder seines aktuellen Rechtsnachfolgers) anzuerkennen habe und die damals an Russland gefallenen Gebiete an den Westen zu restituieren habe. Von entsprechenden Forderungen deutscher Politiker nach einer Rückgabe Königbergs ist bislang nichts bekannt geworden.

12. Juni 2022

Llarians Welt: Selbstoptimierung?

Mir wurde neulich in unserem kleinen Zimmer "vorgeworfen" (zumindest war der Anwurf so verwendet), dass ich ein geistiger wie körperlicher "Selbstoptimierer" sei. Dem Vorwurf habe ich erst einmal ad hoc zugestimmt, ohne groß darüber nachzudenken. Denn es erschien mir (und erscheint mir) durchaus sinnvoll an sich selber zu arbeiten. Aber vielleicht verbirgt sich hinter diesem platten Anwurf doch etwas mehr als nur ein Begriff.

8. Juni 2022

Eine wirkliche Mondrakete: Hin und wieder zurück





I.

Gestern, am 6. Juni 2022, dem Pfingstmontag („einem Feiertag, von dem niemand weiß, wozu er gut ist,“ schreibt Norbert Hummelt in seiner gerade erschienen Tour d’horizon „1922: Wunderjahr der Worte“ über das Annus Mirabilis der modernen Literatur, zum gleichen Termin vor einem vollen Jahrhundert), hat am frühen Morgen nach Ortszeit auf dem KSC, dem Kennedy Space Center in Florida, das SLS, das Space Launch System, die Mondrakete des Artemis-Programms der NASA, zum zweiten Mal seinen Weg von dem VAB, der Montagehalle, (Englisch „Vehicle Assembly Building“) zum LC-39B, dem Launch Complex 39, der Startrampe zurückgelegt. Und wenn beim Leser der Eindruck entsteht, die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA, die National Air and Aeronautics Administration, laboriere an einem AKüFi, einem Abkürzungsfimmel, der jedem Militär zur Ehre gereichen würde, liegt er damit vollkommen richtig. (Bezeichnenderweise gibt es im Englischen nicht nur den obsoleten Fachausdruck „Acromania“ für eine verschärfte Form von Geisteskrankheit, sondern auch das Pendant „Acronymania,“ gemäß der Definition in Webster’s Dictionary „fervent or excessive enthusiasm for the use of acronyms or initialisms,“ zuerst 1960 als Neubildung im „New Scientist“ verwendet – der Kleine Zyniker vermutet einen gewissen Zusammenhang mit der zwei Jahre zuvor erfolgten Gründung einer gewissen Raumfahrtbehörde – und 1999 in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ von David Sharop als klinisches Krankheitsbild klassifiziert (Band 353, S. P1728).)





(Offizieller AkÜFI der NASA für den Anfangsbuchstaben "D")

Der Transport des Ensembles der 98 Meter hohen Rakete, dem Starttisch und dem Startturm, beides unter ML (für „Mobile Launcher“) zusammengefaßt, alles zusammen mit einem Gewicht von 9700 Tonnen zum 6,8 km entfernten Startkomplex, auf dem gewaltigen Transporter (CT-2, für „Crawler-Transporter 2“) begann eine Viertelstunde nach Mitternacht floridianer Ortszeit (EDT, für „Eastern Daylight Time“) und endete nach zehneinhalb Stunden um 10:47, also 16:47 MESZ (für „Mitteleuropäische Sommerzeit“). In gut zwei Wochen, am Sonntag, dem 19. Juni, soll nun der zweite Versuch einer Probebetankung (WDR, für „Wet Dress Rehearsal“) mit drei Millionen Litern flüssigem Sauerstoff und Wasserstoff erfolgen, um nach erfolgreicher Absolvierung des Countdowns (für den es sinnigerweise keine Abkürzung gibt) wieder zurück zum VAB gefahren zu werden, um dann – hoffentlich – im August endlich doch in die Erdumlaufbahn und von dort auf einen gut dreiwöchigen unbemannten Probeflug zum Erdtrabanten starten zu können. Der Grund für diese dritte Rangierfahrt liegt darin, daß die NASA die Feststoff-Rettungsrakete (LAS, für „Launch Abort System“), die die Orion-Kapsel im Notfall in Sicherheit bringen soll, nur für 20 Tage lang für einen Einsatz freigibt, bis die Tankfüllung erneuert werden muß. In gewisser Weise entspricht das Profil dieser unbemannten Mission, Artemis-1, den beiden Erstflügen aus dem Apollo-Mondflugprogramm vor einem halben Jahrhundert, die ziemlich in Vergessenheit geraten sind: Apollo 4 und Apollo 6, vom November 1967 und April 1968. Allerdings gelang es in Fall von Apollo 6 nicht, die Kapsel wie geplant auf den Kurs zum Mond zu bringen, weil die dritte Stufe der Saturn-V-Trägerrakete nicht zündete (außerdem hatten sich zwei der drei Triebwerke der zweiten Stufe viel zu früh abgeschaltet).

7. Juni 2022

Randbemerkung: Das Ende von #metoo? Wohl eher nicht.

Nach dem doch etwas unerwarteten Ende des Depp/Heard Prozesses in den USA versucht so mancher, in der Regel konservative, Kommentator das Ende von #metoo herbei zu sehnen. "Endlich" einmal glaubt man dem Mann und endlich einmal bekommt eine Frau die Rechnung für die öffentliche Zerstörung ihres Ex-Mannes mit einer erfundenen Misshandlungs-Geschichte. Lange hat Justitia geschlafen, doch nun ist sie endlich erwacht und hat den ganzen geifernden Hyänen endlich den Garaus gemacht. 

Oder auch nicht.

31. Mai 2022

"Unternehmen Schwerkraft" - zum 100. Geburtstag von Hal Clement





(Hal Clement, 1922 - 2003)

I.

Als passionierter Leser von Science Fiction (oder vielleicht sollte ich besser schreiben „als langjähriger Leser,“ denn mit der Passion hält es sich oft in bescheidenem Rahmen) lernt man, mit Paradoxen zu leben. Eines der hartnäckigsten davon ist der „Tod des Genres.“ Schon in den 1970er Jahren, als ich mit zuerst für das Genre begeistert habe und anfing, die Texte im Original, also auf Englisch zu lesen, war „The Death of Science Fiction“ in den Vorworten der jährlich erscheinenden Auswahlbände mit den besten Kurztexten des Vorjahres ein Dauerbrenner – obwohl die Herausgeber wie Terry Carr oder Donald A. Wollheim natürlich versicherten, ihre Florilegien seien der schlagende Beweis für die Lebendigkeit, den Ideenaustausch, die die Fülle an frischen Talenten dieses kleinen Orchideengartens der Unterhaltungsliteratur. Die Frage ist sogar älter: 1961 erhielt Earl Kemp (1929-2020) für die Zusammenstellung der Antworten auf die Frage „Who Killed Science Fiction?“, die er per Post an einige Dutzend der namhaftesten Genreautoren gerichtet hatte, auf dem 19. Worldcon in Washington den „Hugo Award“ als „bestes Fanzine des Jahres.“ Augenscheinlich war angesichts der Verwirklichung von „Zukunftsträumen“ wie der Raumfahrt, „Elektronengehirnen,“ der Popularität billiger Monstren im Kino und dem gefühlten Niedergang der Magazine, die bis dahin das Hauptreservoir für Genretexte dargestellt hatten, ein gewisses Gefühl der Ernüchterung unter den Fans durchaus verbreitet. Andererseits hat sich das Genre in den folgenden Jahrzehnten als durchaus lebendig, als sich immer wieder erneuernd, neue Themen aufgreifend, erwiesen.

Und doch: seit 10, 15 Jahren habe auch ich den Eindruck, daß diese Literaturspalte tatsächlich „auserzählt“ ist, daß wir uns im finalen Stadium eines Genres befinden – vergleichbar dem Zustand, in den der Western vor etwas über einem halben Jahrhundert, mit dem Auskommen der Italo-Western und den abgeklärt bis zynischen Rückblicken in Filmen wie „Rooster Cogburn,“ „Ein Mann, den sie Pferd nannten,“ oder „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ eingetreten ist. Es werden zwar gelegentlich noch Bücher (und manchmal sogar Filme) verfertigt, die sich bei den Themen und Tropen des Genres bedienen. Aber es ist gleichsam ein Erzählen aus zweiter Hand, ein Zitieren – und oft eine pflichtschuldige Übung. Dafür gibt es gute, handfeste Gründe. Zum einen sind die Themen, die Grundkonstellationen, in den letzten 80 oder 100 Jahren in allen erdenklichen Varianten durchgespielt worden: die Begegnung mit dem Fremden, die Erkundung der tatsächlichen Weiten der Milchstraße, wie sie die Astronomie erschlossen hat, die Paradoxien, die sich aus der Denkmöglichkeit einer Zeitreise ergeben…: all das ist hunderte von Malen behandelt worden. Und es gibt nicht unendlich viele Möglichkeiten, hier neue Varianten hinzuzuersinnen. Wenn sich ein Autor heute, zwei Jahrzehnte tief in „der tatsächlichen Zukunft“ des einundzwanzigsten Jahrhunderts, etwa das Thema der „èducation sentimentale“ einer künstlichen Intelligenz wählt, dann kann dabei ein schönes und anrührendes Kabinettstück herauskommen wie im Fall von Martin l. Shoemakers „Today I Am Carey“ (2019) oder eher etwas Banal-Undifferenziertes wie Kazuo Ishiguros „Klara and the Sun“ aus dem vorigen Jahr (dem ersten Roman, den der Autor publiziert hat, nachdem er den Nobelpreis für Literatur erhalten hat). Aber etwa Revolutionäres, etwas grundstürzend Neues haftet diesen Texten nicht mehr an – sie reihen sich ein in die lange Reihe ihrer Vorläufer, in denen eine KI oder ein Roboter Selbstbewußtsein entwickelt, um seine Anerkennung als Intelligenz und um das recht auf Existenz kämpft oder als unschuldiger Kommentator den Autor satirisch das menschliche Narrentreiben kommentieren läßt – wie in Frank Herberts „Destination: Void“ (1966), David Gerrolds „When H.A.R.L.I.E. Was One“ (1973), John Sladeks „Roderick or The Education of a Young Machine“ (1980), Greg Bears „Queen of Angels“ (1990) oder Richard Powers‘ „Galatea 2.0“ (1995), um nur eine Handvoll von buchstäblich Hunderten von Titeln zum Thema zu nennen.

30. Mai 2022

Die Realität gewinnt immer. Ein Gedankensplitter.

Als Liberaler oder Konservativer (oder eine Mischung aus beidem) in Deutschland hat man es heutzutage nicht allzu leicht: Im gesellschaftlichen Mainstream gilt man als spießig, politisch repräsentiert ist man faktisch gar nicht mehr und als ob das nicht genug wäre ist die Entwicklung der letzten Jahre deutlich in die Gegenrichtung spürbar: Selbst früher selbstverständliche Positionen werden mehr und mehr geräumt und radikale Positionen von der linken Seite werden mehr und mehr Realität. Es macht wenig Freude, weswegen nicht wenige verzweifeln und andere, wenn sie denn jung genug sind, das Land verlassen in der Hoffnung woanders eine freiere Gesellschaft zu finden.

23. Mai 2022

"Leoparden küsst man nicht"





I.

Sollte es in einigen Jahrzehnten (so ab der Mitte des laufenden Jahrhunderts) noch Historiker geben, die sich mit der Geschichte dieses Landes ab dem Jahrtausendwechsel in klassischer Manier beschäftigen und dabei auch die Optik, die Obsessionen und den Umgang der Mächtigen miteinander und der Medien mit ihnen ins Auge fassen, dann dürften sie ab dem Jahr 2010, spätestens aber seit der Ägide des Kabinetts Merkel IV, der stetig zunehmende Anteil an Ministern oder Parteivorsitzenden der Regierungsparteien ins Auge stechen, deren Eignung und Interesse für ihr Amt durchweg negativ war, die „zu ihrer Zeit“ eine fast lähmende mediale Dauerpräsenz verbuchen konnten und die nach dem Abschied so rasant im Nirwana verschwunden sind, wie unverhofft daraus aufgetaucht sind. Welche Spuren hat das Wirken eines Heiko Maas, eines Martin Schulz, einer Claudia Roth, einer Andrea Nahles, eines Jens Spahn, einer Annegret Kramp-Karrenbauer e tutti quanti hinterlassen? Oder eines Peter Altmeier – außer der Tatsache, daß er einer der lautesten Claqueure von Kanzlerin Merkel war und seiner, es muß gesagt werden, grotesken Physiognomie? Blickt man einmal zwei Politiker-Generationen zurück, auf das entsprechende Personal unter den Kanzlern Brandt, Schmidt und Kohl, ist der Eindruck schlagend, daß solche Gestalten damals niemals in solche Positionen gewählt worden wären. Ein erster Vorläufer dieses Typs war wohl der unvergessene Norbert „Die Rente ist sischa!“ Blüm – aber genau deshalb ist er ins kollektive Gedächtnis der späten Westrepublik eingegangen: weil er ein Solitär war. Seit einigen Jahren, spätestens ab 2015, drängt sich jedoch der Eindruck auf, daß die politische Negativauslese dafür gesorgt hat, daß immer mehr Spitzenpositionen von solchen Gestalten besetzt werden und man nicht einmal den Kleinen Zyniker geben muß, um den Eindruck zu haben, ein Großteil der Mannschaft auf der Brücke des Traumschiffs „Germania“ sei von Federico Fellini gecastet worden. Im Kabinett von Merkels Nachfolger Scholz fallen einem sofort die Namen Schulze, Lemke, Spiegel, Lambrecht und Faeser ein, nach der Aussgae von Bauernverbänden auch der Name Özdemir. Frau Baerbock, hat sich, das muß man ihr lassen, als Außenministerin aus dieser Anwartschaft weitgehend freigeschwommen, seit der Krieg in der Ukraine klargemacht hat, daß „Regierung stellen“ mit Verantwortung verbunden ist und es nicht um die Selbstverwirklichung von Personen geht, denen in der freien Wirtschaft nicht einmal die Verwaltung einer Garderobe anvertraut worden wäre. Oder um die Befassung mit den konkreten Folgen von Vorgängen in der Welt – und nicht mit der Regelung der weltweiten Jahresdurchschnittstemperatur in 80 Jahren und der Rücksichtnahme auf fortwährend erfundene Geschlechter, von denen Biologie und Alltagserfahrung seit Jahrtausenden nichts gewußt haben. (Daß Fellinis letzter gelungener Film, „E la nave va“ aus dem Jahr 1983, bei uns im Kino unter dem Titel „Fellinis Schiff der Träume“ lief, fügt sich gut in diesen symbolischen Rahmen.)

18. Mai 2022

„Warum ich in das Lager der Nichtwähler wechseln werde.“ Ein Gastbeitrag von Frank2000





Ich gebe es zu: ich habe diesmal in NRW noch die AfD gewählt. Der Grund ist derselbe wie immer: der Wahl-O-Mat bestätigt mir, dass das Wahlprogramm der AfD mir Lichtjahre näher steht als das Programm jeder anderen Partei.
Ich spare mir an dieser Stelle im Einzelnen aufzuzählen, weshalb das AfD-Programm mir bei den Themen Energieversorgung, Schulpolitik, Einwanderung, Innere Sicherheit, Landwirtschaft und Nahrung, Verkehrspolitik, Subventionspolitik und Medienpolitik nähersteht als jedes andere Programm.

Wenn man dem medialen Mainstream und dem ÖR Rundfunk folgt, kann es sowie nur eine Antwort geben, warum mir das AfD-Programm liegt: nicht etwa, weil ich mich umfassend mit all diesen Themen beschäftigt habe und eine fundierte, demokratisch, freiheitlich und sozial ausgewogene Position habe, die auf den Werten des Grundgesetzes und der Bonner Republik beruht.

Sondern gemäß aktuell einzig erlaubter Meinung begrüße ich das Wahlprogramm der AfD, weil ich ein Nazi bin (sein muss!), weil ich rechtspopu... Quark: rechtsextremistisch bin; ein asozialer latenter Terrorist. Und als AfD-Wähler müsste mir a) zum "Schutz der Demokratie" das Wahlrecht aberkannt werden und b) zum "Schutz der Freiheit" müßte ich eingesperrt werden.

Michail Chodarjonok: „Über die Voraussagen blutdürstiger politischer Kommentatoren“





Um es gleich vorwegzunehmen: Nein, „Zettels Raum“ ist nicht unter die Putin-Fans gefallen (despektierlich, aber zurecht, auch als „Putin-Trolle“ bezeichnet). Auch ich nicht für meine Wenigkeit als derjenige, der diese Zeilen tippt. Auch wenn dieser Beitrag zur Hauptsache in der Übersetzung eines Textes besteht, der vor drei Monaten in einer russischen Zeitung erschienen ist; schlimmer noch: in einer Publikation, die auf die Berichterstattung über militärische Belange spezialisiert ist. Warum ich mich entschlossen habe, diesen Beitrag zur weiteren Kenntnisnahme zu übersetzen, dürfte bei dessen Lektüre schnell klar werden.

Der unmittelbare Anlaß war der gestrige Auftritt des Interviewgastes Michail Michailowitsch Chodarjonok (Михаи́л Миха́йлович Ходарёнок) im ersten Programm des russischen Staatsfernsehens (Россия 1) in der Sendung „60 Minuten“ („60 минут“). Was er während dieser gut zwanzig Minuten dem Fernsehpublikum und der sichtlich um Fassung ringenden Moderatorin Olga Skabajewa mitzuteilen hatte, hat, soweit es nach dem Echo in den russischen sozialen Medien zu beurteilen ist, dort für einen regelrechten Schock gesorgt. Er hat nämlich, wie man so schön sagt, „Tacheles geredet,“ „reinen Wein eingeschenkt.“ Ein kurzer, gut vier Minuten langer Ausschnitt aus diesem Interview ist gestern auch auf Twitter-Feeds, die sich mit dem Krieg Russlands in der Ukraine befassen, „viral gegangen.“

12. Mai 2022

"Wie nett, Sie zu kennen, Herr Lear!"





"How pleasant to know Mr.Lear!"
Who has written such volumes of stuff!
Some think him ill-tempered and queer,
But a few think him pleasant enough.

His mind is concrete and fastidious,
His nose is remarkably big;
His visage is more or less hideous,
His beard it resembles a wig.

He has ears, and two eyes, and ten fingers,
Leastways if you reckon two thumbs;
Long ago he was one of the singers,
But now he is one of the dumbs.

He sits in a beautiful parlour,
With hundreds of books on the wall;
He drinks a great deal of Marsala,
But never gets tipsy at all.

He has many friends, lay men and clerical,
Old Foss is the name of his cat;
His body is perfectly spherical,
He weareth a runcible hat.

When he walks in waterproof white,
The children run after him so!
Calling out, "He's gone out in his night-
Gown, that crazy old Englishman, oh!"

He weeps by the side of the ocean,
He weeps on the top of the hill;
He purchases pancakes and lotion,
And chocolate shrimps from the mill.

He reads, but he cannot speak, Spanish,
He cannot abide ginger beer:
Ere the days of his pilgrimage vanish,
How pleasant to know Mr. Lear!



“Wie nett, Sie zu kennen, Herr Lear!“
Der hat seltsame Bücher geschrieben.
Zumeist gilt er als Grantler und wirr,
Doch für ein paar ist er harmlos geblieben.

Sein Verstand ist scharf und präzise.
Seine Nase ist bemerkenswert groß.
Seine Visage ist eine recht miese.
Sein Bart ist ein Urwald aus Moos.

Er hat Ohren, zwei Augen, und der Finger Stück zehn
(Jedenfalls wenn man die Daumen mitzählt).
Vorzeiten konnt‘ er noch als Sänger durchgehn,
Doch jetzt ist er mit Stummheit gequält.

Er sitzt in einem feinen Saal, da
Stehen hunderte Bücher in Reih’n.
Er süffelt fortwährend Marsala
Ohne jemals beschickert zu sein.

Zu Freunden zählt er Laien und Geistliche.
Und „Old Foss,“ so heißt seine Katze.
Seine Gestalt ist eine kugelrund-feistliche
Mit einem runzlichten Hut auf der Glatze.

Will er den Regenmantel ausführen
Rennt die Kinderschar hinter ihm her,
„Da geht er im Nachthemd spazieren,
Der spinnerte Engländer, der!“

Er weint an des Ozeans Gestade
Er weint auf des Bergs lichten Höhn.
Er kauft Pfannkuchen ein und Pomade
Und Schokoladenkrabben beim Müller erstehn.

Er liest Spanisch, doch kann’s nicht parlieren.
Er erträgt keinesfalls Dunkelbier.
Eh‘ sich seine irdischen Spuren verlieren:
Wie schön, Sie zu kennen, Herr Lear!

10. Mai 2022

„День Победы“





(Die Hauptkirche der russischen Streitkräfte)

Der “Tag des Sieges” – Den‘ pobedi – in der UdSSR am 8. Mai 1945 als Zeichen des Sieges über das Dritte Reich dekretiert und alljährlich begangen (obwohl er erst 1963 zum arbeitsfreien Feiertag erhoben wurde) hat in den zwei Jahrzehnten von Präsident Putins Alleinherrschaft neben der ostentativen Demonstration der eignen militärischen Stärke eine gespenstische Wandlung von der Mahnung des „Nie wieder!“ zum „Wir können das wiederholen!“ durchgemacht. Aus „больше никогда!“ wurde „Можем повторить!“ und aus dem Kampf gegen den Nationalsozialismus eine Kampfansage an alles, was die Staatsdoktrin seither umstandslos als ihr entgegengesetzt als „фашист“ bezeichnet. Dieser Trend begann um die Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts und gipfelte in der Errichtung der „Hauptkirche der russischen Streitkräfte“ (Главный храм Вооружённых сил России), die im Juni 2020 eingeweiht wurde.

Llarians Welt: Hört endlich auf!

Eine der besten und tiefsten Aussagen von Donald Trump, auch wenn er diese wohl erst nach seiner bis dato ersten Präsidentschaft ausführte, war wohl: Everything woke turns to shit. 

Neben den offensichtlichen Beispielen aus der Wirtschaft, trifft diese tiefe Wahrheit aber vor allem auf Kunst und Unterhaltung zu. Das jüngste Beispiel ist Star Trek: Picard, das am vorigen Freitag dann den Abschluss seiner zweiten Staffel fand. Und Star Trek: Picard (auch als ST:P abgekürzt) war am Ende einer der größten Haufen Exkrement, den Hollywood in den letzten Jahren zusammen gedreht hat. Es ist wie ein Verkehrsunfall: Man will nicht hinsehen, aber die Neugier bringt einen doch dazu und immer wieder der Gedanke im Hinterkopf: Kann es noch schlimmer kommen? Ja, es kann. Und es kann nicht nur, es kommt schlimmer.

5. Mai 2022

Boris Johnson: "Dies ist die größte Stunde der Ukraine"



Der britische Premierminister Boris Johnson hat gestern, am 3. März 2022, vor der Werchowna Rada, dem Parlament der Ukraine, per Telepräsenz eine Rede gehalten, in der er unter anderem mit der Wendung „This is Ukraine’s finest hour“ („Die ist die größte Stunde der Ukraine“) auf die Rede anspielte, die sein Amtsvorgänger Winston Churchill am 18. Juni 1940 im Britischen Unterhaus hielt, in der der Satz: „This was their finest hour“ die Hoffnung ausdrückte, daß künftige Generationen von Engländern im Widerstand ihres Landes als einzigem Staat nach dem Fall Frankreichs gegen die Invasion und den Krieg des Dritten Reiches einst die „beste Stunde“ in ihrer Geschichte erblicken würden. Es gibt einen wesentlichen Unterschied: als Churchill seine Rede hielt, lag ein Kriegseintritt der Vereinigten Staaten noch in weiter Ferne, der Überfall auf die Sowjetunion war noch nicht erfolgt (er folgte fast genau ein Jahr später am 22. Juni 1941), und die Aussicht, daß England einen langen Krieg mit der Militärmacht Deutschland auf dem Höhepunkt ihrer militärischen Erfolge durchstehen, geschweige denn für sich entscheiden könnte, schien zu diesem Zeitpunkt auch vielen Engländern utopisch. Im Gegenzug dazu sieht es jetzt bei der Invasion der Ukraine, 10 Wochen nach ihrem Beginn, so aus, als ob die Ukraine tatsächlich eine reelle Chance hat, nicht nur gegen die russischen Invasoren zu bestehen, sondern diesen Krieg sogar für sich zu entscheiden.

Ich habe mich deshalb entschlossen, für Zettels Raum diese Rede in voller Länge, in deutscher Übersetzung und anschließend im Original, zu dokumentieren.

# # #

Vielen Dank, Präsident Wolodymyr Selenskyj, Herr Parlamentsvorsitzender, verehrte Abgeordnete der Werchowna Rada:

Es ist für mich eine große Ehre, an diesem entscheidenden Augenblick in der Geschichte zu Ihnen sprechen zu können, und ich habe Achtung vor dem Mut, den Sie zeigen, indem Sie heute hier tagen – und den Sie bislang gezeigt haben – trotz der barbarischen Angriffs auf Ihre Freiheit. Tag für Tag regnen Raketen und Bomben auf das unschuldige ukrainische Volk. Und im Süden und Osten Ihres wunderbaren Landes setzt Putin seinen grotesken und gesetzlosen Versuch fort, ukrainisches Land zu erobern und besetzt zu halten. Und seine Soldaten können sich nicht länger damit herausreden, daß sie nicht wissen, was sie tun. Sie verüben Kriegsverbrechen, und ihre Gräueltaten kommen überall da ans Licht, wo sie gezwungen sind, den Rückzug anzutreten – wie in Butscha, in Irpin, in Hostomel und an vielen anderen Orten.

Und wir im Vereinigten Königreich werden alles tun, damit sie für diese Kriegsverbrechen zur Verantwortung gezogen werden. Und heute, wo die Lage noch unklar ist, wo die Angst und die Sorge um die Zukunft noch besteht, habe ich eine Botschaft für Sie: Die Ukraine wird gewinnen. Die Ukraine wird frei sein. Und ich will Ihnen sagen, warum ich an Ihren Erfolg glaube.

1. Mai 2022

Das Ministerium für Wahrheit

Als Elon Musk vor nur wenigen Wochen verkünden musste, dass er nicht ganz 10% an Twitter erworben hatte, war das noch eine vergleichsweise unbedeutende Randmeldung. Eine eher belustigende, aber doch eher nur eine Randnotiz. Musk ist ja nicht gerade unbekannt für große PR und fordert auch schon mal amtierende, lupenreine Präsidenten zu einem persönlichen Duell über territoriale Konflikte (vulgo Kriege) heraus. Wer hätte ahnen können welch gigantischer Stich ins Wespennest sich aus einem vergleichsweise harmlosen PR-Stunt entwickeln würde.

Der Verrat der Intellektuellen - wieder einmal





Vielleicht wäre ich gut beraten, den Titel dieses Blogposts „ein wenig niedriger zu hängen.“ Denn der Anlaß ist nicht der „Verrat“ einer ganzen Klasse von Stichwortgebern, Meinungsmachern, Vordenkern, wie sie der französische Philosoph Julien Benda 1927 in seinem vor 90 Jahren viel rezipierten Buch „La trahison des clerks“ beschrieben hat, als ein großer Teil des „geistigen Eliten“ im Westen Europas (und beiden Amerikas) ihre Aufgabe, die Zeitläufe und ihre Krisen nüchtern zu analysiseren, verriet und sich stattdessen entweder der einen oder der anderen der beiden totalitären Ideologien an den Hals warf und die Lösung für die Zerrissenheiten der Zwischenkriegszeit in der Sympathie für den Sozialismus der roten oder der braunen Spielart sah. Entstanden war diese Erscheinung des „Intellektuellen“ im Gefolge der Dreyfus-Affäre in Frankreich von 1894, als die Anklage des (jüdischen) Hauptmanns der französischen Armee Alfred Dreyfus zu einer tiefgreifenden Polarisierung der „schreibenden Zunft“ führte.

In gewisser Weise war es nur folgerichtig, daß sich diese Deuter der Zeitläufe, die vor nichts so sehr zurückschreckten wie vor der Zustimmung und der Unterstützung des Bestehenden, sich nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs und dem Sieg der Bolschewiken in Russland nach Oktoberrevolution und Bürgerkrieg – oder wahlweise nach dem Modell des italienischen Faschismus als Gegenmodell – auf diese Weise positionierten und die Widersprüche und das scheinbare Chaos ihrer Gesellschaften ablehnten, die wir seit Karl Popper als „offene“ bezeichnen. Die Versuchung für Denker und Sinndeuter, sich als Ratgeber der Gewalt zu verstehen, zieht sich seit Platons „Staat“ und seinem Einfluß auf den Tyannen Dion von Syrakus ab dem Jahr 388 v.Chr. wie ein roter Faden durch die westliche Geistesgeschichte. Die letzte, schon blasse Parteinahme dieser Art war im Westen vor einem halben Jahrhundert zu sehen, als die „Achtundsechziger“ mit der Maobibel in der Hand gegen „das verhaßte System“ durch die Straßen zogen und seine Abschaffung forderten. (Die Ironie, daß es genau jenes System, seine Freiheit und der von ihm geschaffene Wohlstand es möglich gemacht hatten, daß sich Abertausende hinter dem roten Banner mit Hammer und Sichel versammeln konnten, ist auch schon vor fünf Jahrzehnten des öfteren bemerkt worden.)

26. April 2022

Elon und der blaue Vogel. Coda: "Der Twitterplag"





„Der Twitterplag“

Verdaustig war's, und baffe Woken
Rotieren zornig im Geflenn
Denn Elon ist jetzt Twitter-Man
Und die gabben Schreihäls' toben.

Hab acht vorm Twitterplag, mein Kind!
Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr!
Vorm SpaceX-Flieger sieh dich vor,
Dem mampfen Chatroom-Rind!

Er zückt' sein Angebot, vermehrt,
Das Board zu futzen ohne Saum,
Und lehnt' sich an den Googlebaum
Und stand da lang in sich gekehrt.

In sich getimed, so stand er hier,
Da kam verschnoff der Twitterplag
Mit Flammenlefze angewackt
Und gurkt' in seiner Gier.

Mit Eins! und Zwei! und bis auf's Bein!
Die biffe Klinge ritscheropf!
Packt er den Aufsichtsrat beim Schopf,
Und wichernd sprengt' er heim.

»Vom Twitterbann hast uns befreit?
Komm an mein Herz, musker Elon!
Oh, blumer Tag! Oh, schlusse Fron!«
So hüpfte er vor Freud'.

Verdaustig war's, und baffe Woken
Rotieren zornig im Geflenn
Denn Elon ist jetzt Twitter-Man
Und die gabben Schreihäls' toben.

(Mit Bitte um Verzeihung an Lewis Carroll und Christian Enzensberger)

25. April 2022

Aldi wird woke

Aldi, zumindest Aldi-Nord, ist heute mit einem besonders originellen Tweet aufgefallen, der sich mehr oder minder gut derzeit durchs deutsche Internet verbreitet:

19. April 2022

Juris Nacht. Mit einer Coda zum russischen „Z“





„Санкции были тотальные, но, тем не менее, Советский Союз первым запустил искусственный спутник Земли, первый космонавт наш, первый полет космической станции, первый выход в космос, первая женщина-космонавт. (…) Мы все сделали в условиях полной изоляции технологической.“ (В. Путин, 12 апреля 2022 / W. Putin, am 12. April 2022)


Daß unser polit-medialer Komplex, die Schicksal- und Lebensgemeinschaft zwischen unserer allgegenwärtigen Classe politique und dem Medienapparat, der ihnen diese Bühne zu dieser pausenlosen Selbstinszenierung bietet, sich in den letzten Jahren vornehmlich dadurch ausgezeichnet hat, keins der tatsächlichen Problem, mit denen sie konfrontiert werden und die sie zumeist selbst angerichtet haben, zu lösen und in den Griff zu bekommen, aber Weltspitze darin sind, symbolische Handlungen und Gesten zu finden, die diesen Zustand illustrieren, ist ja seit Jahren eines der konstanten Themen in meinen Beiträgen zu diesem Netztagebuch. Ob es die Frau Verteidigungsminister ist, die während dem Desaster des militärischen Rückzugs aus Kabul nichts Besseres zu tun hat, als mit der Ortsgruppe ihrer Partei „Flammkuchen für wohltätige Zwecke zu backen,“ ob es die Umweltministerin ist, die aus dem Anlaß dieser Wohltätigkeit sich erst einmal um ihre strapazierten Familienverhältnisse kümmern zu müssen, ob es Frau Lambrechts Vorgängerin im Amt ist, die zur höchsten Repräsentantin der EU umgewidmet wird, um sie vor der Prüfung durch einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß zu schützen, oder ob der Außenminister kurzerhand zum Staatsoberhaupt befördert wird, um den Genossen von der SPD die Blamage erspart bleibt, mit ihm im Wahlkampf als Kanzlerkandidat ins rennen gehen zu müssen – die Beispiel ließen sich mittlerweile beliebig vermehren. Oder, um den Gemeinplatz des Kleinen Zynikers herzusetzen: Diese Leute sind zu nichts mehr fähig, aber zu allem imstande.

15. April 2022

Elon Musk und der blaue Vogel

Man muss Elon Musk (wenigstens) eines lassen: Er ist ein Troll allererster Kajüte. Er fordert den russischen Präsidenten zu einem persönlichen Duell, er greift persönlich in den Ukraine-Krieg ein, ein paar Worte von ihm lassen den Bitcoin-Kurs explodieren. Seine Worte haben ein erstaunliches Gewicht für einen Privatmann, selbst Rockefeller, der am Ende noch einen Ticken reicher war (an seiner Zeit gemessen) hatte vermutlich nicht die selbe politische Macht seiner Worte.

14. April 2022

Ein Affront?

Man wollte ihn nicht. Die (deutsche) Boulevard-Presse zürnt: Die ukrainische Regierung, in Form ihres Präsidenten, habe Frank-Walter Steinmeier ausgeladen. Er möge doch bitte nicht nach Kiew kommen. Richtig daran ist erst einmal nur letzteres, ersteres ist falsch, weil Frank-Walter nie eingeladen war sondern sich selber einzuladen suchte, vermutlich um ein wenig davon abzulenken, welche Politik er die letzten 10 oder 20 Jahre so verfolgt hat.

12. April 2022

Ein Rücktritt





Heute also, am Tag 124 des Kabinetts von Bundeskanzler Scholz ist die „Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend,“ Anne Spiegel (Die Grünen) (um den Usus unserer Hauptstrommedien zu übernehmen, für die die Parteizugehörigkeit ein Teil des Namens ist, so wie ein akademischer Titel) von ihrem Amt zurückgetreten. Oder vielmehr: zurückgetreten worden. Zu desaströs war wohl, selbst für ihre Führungsspitze ihrer eigenen Partei, das Versagen, die Verantwortungslosigkeit, die Uneinsichtigkeit in den politischen Komment – und vor allem der bizarre mediale Auftritt, mit dem sie am Abend zuvor versucht hatte, ihr Verhalten nach der Flutkatastrophe im vergangenen Juli zu rechtfertigen, indem sie familiäre Schwierigkeiten ins Feld führte. Von eigener Einsicht darf man in Frau Spiegels Fall wohl nicht ausgehen – hier wäre ein Rücktritt vom Amt schon vor Wochen fällig geworden, als bekannt wurde, daß sie im Untersuchungssausschuß falsche Angaben zu ihrer Präsenz in den Wochen danach gemacht hatte und statt sich um die Organisation der Bewältigung der Folgen vor Ort zu kümmern, erst einmal vier Wochen Urlaub mit ihrer Familie in Frankreich gemacht hatte.

4. April 2022

Frieren für den Frieden? Ein Gedankensplitter

Vor einigen Tagen war in einer Randmeldung der Presse von einem CDU-Politiker zu lesen, "wir" müssten uns darauf vorbereiten den nächsten Winter halt bei 15 Grad und mit einem dicken Pullover zu verbringen. Mit "Blut, Schweiss und Tränen" hat es ja auch neulich der Bundespräsidentendarsteller einmal versucht. Viel glaubwürdiger war er leider auch nicht, ist doch davon auszugehen, dass mit diesem "wir" sich weder der Herrn im Schloss Bellevue noch der CDU-Politiker gemeint haben dürfte, der vermutlich ein ebenso schmuckes Eigenheim sein Eigen nennen wird, dass er halt notfalls mit Holz beheizen kann (es soll niemand sagen Politiker sind in ihrer Haltung besonders konsequent, wenn es um die eigene Haut geht).

3. April 2022

Eine wirkliche Mondrakete. Update aus der Etappe



Gründlich durchgecheckt,
steht sie da, und
wartet auf den Start.
Alles klar.
Experten streiten sich
um ein paar Daten.
Die Crew hat dann noch
ein paar Fragen, doch --
der Countdown läuft.

Peter Schilling, „Major Tom (Völlig losgelöst)“ (1982)

Beim Probelauf im Zug der Startvorbereitungen des SLS, der „Space Launch System,“ der Startrakete des Artemis-Mondflugprogramms der NASA, die im Lauf der nächsten Wochen oder Monate zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert wieder eine Raumkapsel auf den Weg zum Erdtrabanten starten soll, ist es heute, am Sonntag den 3. April 2022, zu einer ersten Verzögerung, einem ersten Aufschub gekommen. Der Countdown zu dem im Spezialistenjargon als „Wet Dress Rehearsal“ bezeichneten Probebetankung der Hauptstufe mit flüssigem Wasserstoff und Sauerstoff wurde gut zwei Stunden vor dem Beginn des Befüllungsvorgang wurde zunächst einmal angehalten und nach der Inspektion vor Ort durch ein Team von Technikern abgebrochen. Der Grund dafür war nach dem, was aus den schütteren Meldungen des NASA zu entnehmen war, ein ungenügender Druckaufbau im Pumpsystem des Starttisches, des „Mobile Launcher,“ auf dem die Rakete seit ihrem Transport zum Startkomplex 39B vor gut zwei Wochen steht. Für 23:30, auf Mitteleuropäische Sommerzeit umgerechnet, ist eine Pressekonferenz angekündigt, auf der die Entscheidung mitgeteilt wird, ob die NASA morgen, am 4. April einen zweiten Anlauf unternimmt oder erst die betroffenen Systemkomponenten einer genaueren Prüfung unterziehen will.

Diese “Generalprobe” verdankt ihren zunächst merkwürdig anmutenden Namen der Aufführungspraxis in Theatern und Orchestern, im Deutschen auf „Kostümprobe“ genannt, eben jenem „Dress Rehearsal“ entsprechend, in dem Schauspieler und Musiker die Aufführung in Kostüm und formalem Aufzug durchführen, nur in Abwesenheit des pp. Publikum..Das „wet“ tritt hinzu, weil hier die Betriebsflüssigkeiten ins Spiel kommen: der Flüssigwasserstoff und der Flüssigsauerstoff, die die Rakete dann beim Start auf die 12,8 Sekundenkilometer beschleunigen, die zur Erreichung einer stabilen Erdumlaufbahn benötigt werden. (Es handelt sich also nicht um ein Analogon zum „Wet T-Shirt-Contest“ – oder doch nur insofern, als das hier für die Jury „der entscheidende Part“ deutlich sichtbar wird.) Über den für Laien sonderbaren Spezialjargon gerade der amerikanischen Raumfahrtbehörde haben sich schon zu Zeiten des ersten Mondlandeprogramms vor einem halben Jahrhundert diverse Spötter lustig gemacht. Die Raumfahrtzeuge erreichen nicht die Umlaufbahn, sondern „erzielen Ortibaleintritt“ („achieve orbital insertion“), Raumfahrer unternehmen keinen „Weltraumspaziergang,“ sondern „extravehikuläre Aktivitäten,“ die Mondlandefähre war „lunares Exkursionsmodul“ („Lunar Excursion Module“; der polnische SF-Autor Stanisław LEM hat sich über diese Buchstabengleichheit in späteren Jahren des Öfteren mokiert); eine Stufe erreicht nicht „Brennschluß,“ sondern MECO, Main Engine Cutoff. Auch der Space Shuttle war in der offiziellen Nomenklatur das STS, das „Space Transportation System."

27. März 2022

Anmerkungen zur Energiewende (3): Die Sache mit dem Strom - Teil 2

Im heutigen Beitrag soll es erst einmal um das Gegenstück zur Photovoltaik, nämlich um den Windstrom gehen. 

Bevor wir uns den Zahlen widmen, sollte man ein paar Worte zu den Unterschieden verlieren: Wind hat sicher den Vorteil, dass er auch nachts weht, damit erscheint er auf den ersten Blick gegenüber der Photovoltaik im Vorteil. Auch weht er nicht nur im Sommer, sondern gerade im Winter, die Rotoren schneien nicht zu und gerade diese neigen, aufgrund ihrer großen Trägheit, auch weniger zum Zappeln als einzelne Sonnenkollektoren das tun. Eigentlich wäre damit der Windstrom ja der eindeutige Gewinner, wenn da nicht ein ganz gewaltiger Nachteil wäre: Der Windstrom zappelt tageweise. Und nicht zu knapp. 

22. März 2022

Anmerkungen zur Energiewende(2): Die Sache mit dem Speichern

Bevor ich mich dem Windstrom widme (und seiner Verteilung), möchte ich erst einmal das Speicherproblem ansprechen, bzw. die Möglichkeiten ansprechen wie man Strom speichern kann. Um nicht schon wieder den nächsten Seitenhieb auf Frau Baerbock loszuwerden, muss man einfach sagen: Strom zu speichern ist schwierig. Sehr schwierig. Und teuer. Doch der Reihe nach.

21. März 2022

Eine wirkliche Mondrakete



Aber voll-krass konkret.



Ich werde diesen Beitrag mit einem ungewohnten Rückgriff auf die eigene Biographie eröffnen, der zum eigentlichen Thema nichts zur Sache tut – und den ich den geneigten Leser bitten möchte, gleich wieder zu vergessen. Aber ich bin alt genug, um mich an die Bilder der „ersten Schritte auf dem Mond“ zu erinnern – an die Landung der Mondfähre „Adler“ im Meer der Ruhe im Sommer 1969. Es war eine Woche nach meinem neunten Geburtstag – und für mich, der sich ab dem vergangenen Winter für alles, was die nächtliche Sternenwelt betraf, begeistert hatte und für die Meldungen über die Raumfahrt, die die Nachrichten beherrschten, waren die Bilder aus den Studios von ARD und ZDF, vom „ersten“ und „zweiten Fernsehen,“ aus dem Kontrollzentrum in Houston und die schemenhaften Nebelbilder aus einer Entfernung von 380.000 Kilometern ein verspätetes Geburtstagsgeschenk, wie ich es mir nicht besser hätte wünschen können. Ich kann den Beginn dieser Faszination durch alles, was „nicht von dieser Welt ist,“ recht gut dingfest machen: der Flug von Apollo 8, bei dem die drei Astronauten William Lovell, William Anders und Frank Borman am Heiligen Abend 1968 um 21:49 Uhr unserer Zeit hinter der Rückseite des Erdtrabanten verschwanden, hat in meiner Erinnerung keinerlei Spuren hinterlassen, dafür aber die folgenden beiden Missionen von Apollo 9 und 10 im folgenden März und Mai, bei denen zum ersten Mal der Einsatz und die Navigation des LEM, des „Lunar Excursion Module,“ der Mondlandefähre im Weltraum geprobt wurde. Ich erinnere mich noch deutlich an das Gefühl der Enttäuschung, daß Apollo 9 dabei in der Erdumlaufbahn verblieb und nicht „dort weitermachte, wo ihre Vorgänger aufgehört hatten.“ (Im Alter von acht Jahren weiß man ein dramatisch retardierendes Moment weniger zu schätzen als in späteren Lebensstadien.) Über das Ferienwochenende, an dem dann die Mondlandung stattfand, waren meine Eltern mit meinen Geschwistern und mir auf Verwandtenbesuch nach Norden gefahren, in der Nähe des Dollarts an der Emsmündung. Ich erinnere mich, daß das Wetter an diesem Sonntag, dem 20. Juli 1969, für einen Hochsommertag ziemlich kühl war, bedeckt und mit leichten Regenschauern (ein Blick ins Archiv des Weltnetzes bestätigt für Hamburg eine Temperatur von 16° und Bremen mit 18°, mit starker Bewölkung und einem Luftdruck von 1017 mbar). Das erste und das zweite Programm hatten angesichts dieses alles in den Schatten stellenden Ereignisses ihre abendlichen Programme gepoolt; die ARD berichtete ab 17:10 Uhr bis zur (damals noch heiligen) Tagesschauzeit um 20:00 aus dem dafür reservierten Studio; um Viertel nach 6 gesellten sich die Mainzer hinzu (beim ZDF sah man keinen Anlaß, auf die Ausstrahlung der sonntäglichen Folge von „Bonanza“ zu verzichten – ein ebenso geheiligter Termin in der TV-Liturgie) bis 22:15; während „das Erste Programm“ sich noch für eine halbe Stunde nach 21:00 dazuschaltete. Für heutige Verhältnisse gestaltete sich die Übertragung mit einer Langsamkeit und Statik, die den Nachgeborenen nicht mehr zu vermitteln ist. Das lag vor allem daran, daß es so gut wie keine Bilder gab; die eng bemessenen Funkfrequenzen und Übertragungsraten aus der Mondfähre und der Kommandokapsel wurden für die Übertragung des Sensordaten benötigt; die Bilder aus dem „Capcom“ zeigten nichts als die Teams der Bodenkontrolle, angespannt vor den Monotoren sitzend, und die deutschen Moderatoren reichlich verlegen, weil sie wenig über den Stand der Mission mitteilen konnten, was über den in allen Zeitungen abgedruckten Zeitplan des Landeablaufs hinausging.

17. März 2022

Anmerkungen zur Energiewende: Die Sache mit dem Strom - Teil 1

Im ersten Teil der Serie beschäftige ich mich mit Grundsatzzahlen und ein bisschen Photovoltaik.

Zunächst mal ein paar Basiszahlen: Der deutsche Stromverbrauch im Jahr liegt so um die 550 Milliarden Kilowattstunden im Jahr (oder 550 Terawattstunden), der Gesamtenergieverbrauch (das schließt Verkehr und Heizen mit ein) dagegen bei ungefähr 2500 Terawattstunden.  Die Erzeugung von letzterem verbraucht allerdings gut 3640 Terawattstunden an Primärenergie, weil Umwandlung in Autos und Kraftwerken halt Verluste mit sich bringt (Physik is a bitch). 

Ankündigung einer Serie: Die Energiewende

Aufgrund der aktuellen Problematik und der Frage ob im nächsten Winter dann wirklich die Heizungen ausfallen werden, erscheint das Thema Energiewende ein sehr aktuelles zu sein und es bietet sich sehr gut für eine kleine Serie an. Ich hatte überlegt aufgrund der etwas zahlenlastigen aber auch dankbaren Thematik einen Video-Vortrag daraus zu machen, ich sehe aber, dass das etwas zu zeitaufwändig werden würde (vielleicht hole ich das irgendwann nach). 

16. März 2022

Herr Musk twittert auf Russisch (und Ukrainisch)



(Netzfund)

"'Große wissenschaftliche Ausgabe?' (Oh, ich weiß schon, was die Brüder so nennen: wenn sie uns zu dem Kind noch die placenta servieren!" – Arno Schmidt, Brand’s Haide (1951)

Auch die Aufgabe des gewissenhaften Philologen, des Hieronymus im Gehäus der Letternwüsten, unterliegt, so kann es mitunter scheinen, einem zeitgeistlichen Paradigmenwechsel. Während die Aufgabe des „klassischen Philologen“ etwa darin bestand, die vom Namenspatron dieses Netztagebuchs genannten Opera omnia zusammenzustellen, zu erläutern und zu klären, was wohl Homer gemeint haben könnte, als er in der Ilias und der Odyssee vom „weinfarbenen Meer“ - οἶνοψ πόντος – sprach und warum er den Himmel an keiner Stelle „blau“ (auf altgriechisch: γαλανό) nennt. Stattdessen findet sich bei ihm das Epitheton ornans χάλκεος, „Bronze“ oder „bronzefarben.“ William Gladstone hat das 1858, lange bevor er das Amt des englischen Premierministers bekleidete, damit zu erklären versucht, „die ollen Griechen“ seien halt samt und sonders farbenblind gewesen.

Wie dem auch sei: mit dem Aussterben der klassischen humanistischen Bildung ist man, wenn man diese spezielle Narrenkappe trägt, froh, wenn einem die (post-)modernen Kommunikationsmittel die Gelegenheit bieten, mit seinem Füllhorn des nutzlosen Wissens eine kleine erläuternde Fußnote zu irgendeinem kryptischen, rätselhaften Wellenschlag liefern zu können, der ein kurzes Kräuseln an der Oberfläche der diversen Dorfteiche namens „Facebook,“ „Instagram“ oder „Twitter“ im „Global Village“ ausgelöst hat. Vier Monate, nachdem es an dieser Stelle hieß „Herr Musk twittert auf Chinesisch“ (Zettels Raum vom 4. November 2021) hat der reichste Mann der Welt gestern, am Montag, den 4. März 2022, wieder einmal Gelegenheit dazu geboten – und darüber hinaus das Urteil bestätigt, wonach es sich beim Firmenchef von SpaceX nach dem Ausschluß des vorherigen Champions Donald „Orange-Man-Bad“ Trump von Facebook und Twitter um den unangefochtenen König in dieser Disziplin handelt. Elon Musk hat gestern auf Twitter dem gegenwärtigen RL-Wiedergänger von Sauron im dunklen Turm von Barad-dûr im Lande Mordor – Wladimir Wladimirowitsch Putin in der Zitadelle (russisch Кремль) von Moskau im Lande der Rus‘ – das Angebot gemacht, den Konflikt um das im Westen gelegende Land Gondor ganz nach dem Vorbild der alten Heldenepen zu entscheiden: durch einen Kampf Mann gegen Mann, bzw. Recke gegen Recke. (Isengard, Heimstatt von Saurons Verbündetem und Vasallen Saruman in Tolkiens „sekundärem Kosmos“ entspräche in dieser Sicht der Weltlage Weißrussland und seinem Potentaten Lukaschenko).

I hereby challenge Владимир Путин to single combat

Stakes are Україна

10. März 2022

Streiflicht: Blut, Schweiß und Kuchen


"Blut, Schweiß und Tränen" waren es nach einer etwas freien Übersetzung, die Winston Churchill seinen Landsleuten 1940 ankündigte. Es ist mitunter eines der meistzitierten Rede-Zitate, die heute den meisten Deutschen im Gedächtnis sind.

Joachim Gauck, seines Zeichens ehemaliger Bundespräisdent, versuchte es diese Woche mit seinem Churchill Moment und verkündete seinerseits:
„Wir können auch einmal frieren für die Freiheit und wir können auch einmal ein paar Jahre ertragen, dass wir weniger an Lebensglück und Lebensfreude haben.“

2. März 2022

Eine Zeitenwende



Es gibt Tage, an denen man aufwacht und bei der ersten Kenntnisnahme der internationalen Nachrichtenlage bestürzt feststellen muß, daß die Welt eine neue ist. Daß sich die Gewißheiten, die Konstellation der Weltpolitik, ihre Ziele und Ausrichtungen nicht mehr die sind, die sie am Vortag und während der Jahre und Jahrzehnte zuvor waren. Der 1. September 1939 war solch ein Tag, auch der 11. November 1989 und der 11. September 2001. Zwar ändert sich „im Inneren“ für viele Staaten, die nicht direkt von den Ereignissen betroffen sind, wenig – und doch markieren diese Daten eine weltgeschichtliche Zäsur. Seit der vergangenen Woche darf der 24. Februar 2022 als ein weiteres Datum dieser Art gelten.

Ich bin vor zwei Tagen im Diskussionsforum zu diesem Netztagebuch, dem „Kleinen Zimmer,“ in Hinblick auf meinen letzten, frivol gehaltenen Beitrag „Wippchen’s ukrainischer Krieg“ gemahnt worden: „Ich finde dieser Beitrag in Zettels Raum ist nicht gut gealtert.“ Das ist noch äußerst wohlwollend formuliert. Mit der Entwicklung, die wir seit fünf Tagen sehen, mit der skrupellosen militärischen Gewalt, der Invasion der Ukraine wirkt mein Beitrag nicht nur völlig irrig, sondern nachgerade obszön. Ich kann mich nur dafür entschuldigen. Und darauf hinweisen, daß ich nicht der einzige Beobachter gewesen bin, der diesem Irrtum erlegen ist. Ich hätte mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können, daß Putin mit der militärischen Drohkulisse ernst machen würde, daß er dies nicht als Druckmittel einsetzen würde, um von der internationalen Gemeinschaft eine Hinnahme der von ihm anerkannten „Unabhängigkeit“ der Regionen Luhansk und Donezk zu erpressen. Im „worst case scenario,“ im schlimmsten denkbaren Fall, hatte ich mit dem Aufbau einer russischen Truppenpräsenz in diesen beiden Grenzregionen zu Russland gerechnet, um in der Folge über ein Referendum nach dem Muster der Krim-Annektion von 2014 eine „formelle Legitimation“ für die Aufnahme in die russische Förderation zu erhalten.

24. Februar 2022

Der Kulturkrieg ist da. Ein Gedankensplitter.

Man könnte es sich wohl einfach machen und die derzeitigen Verzweifelungsmaßnahmen der kanadischen Regierung auf einen eher mehr als minder durchgeknallten Regierungschef zurückführen. Aber damit würde man sich die Dinge vielleicht etwas einfach machen, wichtiger aber noch, man würde etwas viel tiefgründigeres übersehen.

16. Februar 2022

"Wippchen's ukrainischer Krieg": Isch over!



Was ihnen bewilligt werden wird, steht noch nicht fest. Wie mir heute Herbert von Bismarck, ein junger Staatsmann, der die Diplomatie mit der Vatermilch eingesogen hat, sagte, sei Rußland nicht in der Geberlaune, da dasselbe von seinem Beati kein Possidentes missen wolle. Indes sei doch anzunehmen, daß ihnen schließlich eine Pferdebahn, Straßenbeleuchtung, Droschken erster Classe, Asphaltpflaster und vielleicht auch ein Rieselfeld bewilligt werden würde.


(Julius Stettenheim, „Der Orientalische Krieg,“ Wippchen’s sämmtliche Berichte, Band I)

Selbstlob hat bekanntlich einen leichten Hautgoût, und ich will für mich keine besonderen Sehergaben reklamieren, zumal Voraussagen, einem bekannten Ondit zufolge, schwierig sind, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Aber was die aktuellen Entwicklungen im Zwist zwischen der Ukraine und der Russische Förderation betrifft, so dieses Netztagebuch für sich in Anspruch nehmen, nicht allzuweit daneben gelegen zu haben. An dieser Stelle schrieb ich vor fast 10 Wochen, am 9. Dezember 2021, unter der Überschrift „Der passende Soundtrack“ Folgendes:

Scherz einmal beiseite: eine militärische Invasion russischer Streitkräfte auf dem Staatsgebiet der Ukraine, vor der in der BBC gestern und vor zwei Tagen eindringlich gewarnt wurde und der New York Times auch heute eine Schlagzeile widmete („Ukraine Commanders Say a Russian Invasion Would Overwhelm Them“), dürfte in Moskau nicht auf der Agenda stehen. Die russische Regierung ist daran interessiert, im Sicherheitsgefüge der Welt weiterhin die Rolle einer „kleinen Weltmacht“ zu spielen und ihren Bürgern einen bescheidenen, aber sicheren Wohlstand zu garantieren. Sich zum Pariah der Weltöffentlichkeit zu machen und all die Stabilität der vergangenen 15 Jahre für einen zweifelhaften und nicht dauerhaft beizulegenden kurzfristigen Scheinerfolg zu opfern, dürfte man dort nicht als wünschenswert erachten. Zudem: wenn die Moskauer Führung dergleichen in Betracht ziehen würde, hätten wir in den letzten sieben Jahren, seit der (Re)-Annektion der Krim, dergleichen längst gesehen. (…) Die Halluzination, US-amerikanische Truppen könnten auf dem Gebiet der Ukraine demnächst in Kampfhandlungen mit russischem Militär verwickelt werden, darf getrost als solche verbucht werden: als Illusion, als Wahnidee, an deren Zustandekommen keine der beiden Seiten auch nur das geringste Interesse hat. Freilich gehört solches Rasseln mit dem rhetorischen Schwertgehänge ebenfalls zur Kunst der Diplomatie
.

Das wird besonders augenfällig, wenn man den nur noch als hysterisch zu bezeichnenden Überschriften und „Meldungen“ durchweg aller großen Medien-Outlets der letzten Wochen und Tage vergleicht, von denen ich einmal völlig wahllos ein Bäckerdutzend herausgegriffen habe.

14. Februar 2022

Wer wird eigentlich die Verantwortung tragen?

Eigentlich ist es eine rhetorische Frage, aber auch wenn die nahe liegende Antwort "Niemand" lautet, so lohnt es sich doch, diese zu stellen, angesichts der schnellen Pferde, die mancherorts angespannt werden, um schnell wegzukommen. Die Rede ist von den Toten der Impfpflicht. Und zwar nicht der allgemeinen, die inzwischen schon lange eine offene Totgeburt ist, sondern der speziellen Impfpflicht, die ja nun derzeit Gesetzeslage ist und Mitte nächsten Monats (also in etwas mehr als vier Wochen) bittere Realität werden wird und auf einen Schlag gute 10-15% aller Pfleger, Krankenschwestern, Ärzte, Notfallsanitäter und Feuerwehrleute mit einem Schlag berufsunfähig machen wird.

13. Februar 2022

"Wippchen's ukrainischer Krieg"





(Die deutsche Force de Frappe im Fronteinsatz)

Trotz ihrer Weiblichkeit ist die Mandschurei der Zankapfel der Neuzeit. Wer mir dies vor zehn Jahren gesagt haben würde, den hätte ich ausgelächelt, daß er mir das Mitleid angesehen hätte. Wer bekümmerte sich um die Mandschurei? Du etwa, lieber Leser? Deine Wangen wären dir eher eingefallen, als dies. Du magst es mir glauben. Kaum wußte man in Europa, wo die Mandschurei liegt, und man hatte die Empfindung, sie wisse es selber nicht. Die Mandschuren waren uns ein völlig fremdes Volk. Während viele Völker bei uns öffentlich auftraten, um sich uns gegen Entree zu zeigen, blieben uns die Mandschuren völlig fern, obschon sie doch gewiß gern Geld verdienten. Wir kannten, wenn nichts weiter, von den Chinesen den Tee, von den Buren die reisenden Generäle, von den Japanern die Operette Mikado, von den Lappen die Flicken, von den Isländern das Moos, von den Eskimos die Kälte, von den Tartaren die Nachricht. Wer hat jemals einen lebenden Mandschuren gesehen? Die Frage nach dem kleinen Kohn wäre rascher bejaht. Und plötzlich liegt die Mandschurei als Zankapfel vor uns!

Ich wohne im Mikadohof, in dessen Speisesaal allabendlich Versammlungen stattfinden, welche die Regierung zwingen wollen, den Russen die Zähne zu zeigen. »Diese Regierung« sagte ein gestriger Volksredner, »will das nicht. Aber warum denn nicht? Wir sind mit China fertig geworden und werden mit Rußland noch fertiger werden. Aber wenn wir uns hüten, mit ihnen – verzeihen Sie das harte Wort! – zu brechen, so werden sie fortfahren, uns auf der Nase herumzutanzen, und das ist ein Tanz, den ich la Décadanse nennen möchte, weil wir zugrunde gehen, wenn wir es uns gefallen lassen. Wir müssen die Russen aus der Mandschurei treiben. (Rufe: Raus! Raus!) Wenn sie sich erst eingenistet haben, dann kriegen sie keine zehn Pferde heraus, genau wie die Rebläuse, die Ratten, die schweren Rätsel. Also: Krieg! Krieg mit Moskau!« Und nun folgte ein Durch und Durcheinander von Stimmen: Krieg! Krieg mit Moskau! daß ich glaubte, in Laubes Demetrius von Schiller zu sein, ein wüstes Schreien, das sich wie ein Kaninchen auf die Straße fortpflanzte, so daß niemand mehr imstande war, sein eigenes Schreien zu hören.

Julius Stettenheim, "Wippchens Russisch-Japanischer Krieg" (1904)


12. Februar 2022

Streiflicht: Prinz Harry kauft nur ein Ticket

"Everything woke turns to shit"
                                            --- Donald Trump


Ich gebe es gerne zu, statt 20 Euro für einen Kinoabend (wenn das denn reicht) auszugeben, ziehe ich es meistens vor, auf heimischer Couch die eine oder andere, meist amerikanische, Serie zu konsumieren. Gerne auch am Stück bis drei Uhr morgens, wenn die Kontinuität nur gut genug ist. Ich mag lange Handlungsrahmen und finde Kinofilme im Vergleich einfach zu kurz. Charakterentwicklung kann man nicht ernsthaft in 90 Minuten packen und die Hintergrundgeschichten der Charaktere ist dann auch meist nicht Sache des Kinofilms. 

8. Februar 2022

Geschichten von der Demo: Von Framing, Jubelpersern und anderen, dunklen Gestalten

Es ist mal wieder erstaunlich im deutschen Blätterwald: Da demonstrieren jede Woche über 100.000 Leute in der ganzen Republik gegen den Staat, aber die Medien berichten allenfalls am Rande darüber. Randmeldungen. Ein paar (extrem fragwürdige) Zahlen werden abgearbeitet, einige fallen auch unter den Tisch und ab und zu verirrt sich auch ein Foto, vor allem dann, wenn es dem passenden Narrativ entspricht, in den Artikel. Anders sieht es natürlich aus, wenn sich "Gegendemonstrationen" bilden, dann entstehen auch schon mal seitenlange Artikel, gerne auf mit dem einen oder anderen Foto, idealerweise mit möglichst menschlichem Antlitz. 

6. Februar 2022

BigTech und der Tod der Freiheit. Eine Historie und Gedankensplitter.

"Power tends to corrupt and absolute power corrupts absolutely."
                                                                        -- Lord Acton

1993 war das Jahr in dem dieser Autor das erste Mal einen Zugang zum Internet bekam, damals noch mit Tools, an die sich heute nur noch Eingeweihte und Historiker erinnern können: Mosaic, Netscape, Tin oder Gopher. Im Vergleich zu heute war die Technik unheimlich primitiv, nur ein Bild runterzuladen konnte Minuten dauern, an Filme war gar nicht zu denken und der Austausch von Nachrichten im damaligen Usenet konnte bis zu 24 Stunden dauern. Einwählen konnte man sich mit Modems, bei denen schon eine Übertragungsgeschwindigkeit von knapp 33.000 Baud (also knapp 4 kByte pro Sekunde) als recht schnell galt. Und der Zugang kostete Geld und das nicht zu knapp, die Minutenpreise waren recht happig und eine lange Nacht konnte schnell soviel kosten wie ein heutiger High-Speed Zugang für einen ganzen Monat. Es war die Antike des Internets. (Ja, Opa erzählt vom Krieg.)

30. Januar 2022

Streifklicht: Habeck plant den Glücksindex. Eine Absage an den Wohlstand.

Es hat nicht lange gedauert. Im Unterschied zu seiner mehr oder minder dauerüberforderten Kollegin "aus dem Völkerrecht" hat Robert Habeck sich direkt ein paar Gedanken gemacht, wie man grüne Politik, bzw. die Folgen grüner Politik erfolgreich verschleiern kann. Dabei ist er zunächst darauf gestoßen, dass grüne Politik nicht allzu wirtschaftskompatibel ist, zumindest wenn man nicht von staatlich garantierten Monopolen für Windradbetreiber ausgeht. Und die Entwicklung der Wirtschaft wird gemeinhin gemessen am Wachstum des Bruttoinlandproduktes, was damit auch direkt mit dem Wohlstand einer Gesellschaft korreliert.

28. Januar 2022

Clown World: Wenn die SED liberaler ist als die FDP

Es gab mal einen guten, alten Witz, den ich sinngemäß zitieren darf:

Wenn ....
der beste Golfer ein Schwarzer ist,
der beste Rapper ein Weißer ist,
die Franzosen die Amerikaner der Arroganz bezichtigen
und die Deutschen nicht mehr in den Krieg ziehen wollen,
dann merkst Du, dass die Welt sich geändert hat.

27. Januar 2022

Klinischer Wahnsinn III





Nach den ersten beiden Durchgängen heute hier der Regelkatalog, den das Bundesland Hessen aktuell in Sachen "Zungangsberechtigung zur Teilnahme am öffentlichen Leben" erlassen hat. Auch hier erübrigt sich jeder Kommentar. Ich hatte ja beim zweiten Teil meiner Hoffnung Ausdruck gegeben, daß es nicht mehr allzuviele Einträge in dieser Sammlung geben sollte. Allein, man muß nicht in der Liga des Kleinen Zynikers spielen, um zu befürchten, daß die sich ständig wandelnden und verschärften Maßnahmen lang genug in Kraft bleiben, bis jedes Bundesland und jede Großgemeinde Gelegenheit hatte, sich hier einzureihen.

Der verbotene Datensatz, eine Verschwörungstheorie am Wegesrand

Wie der geneigte Leser weiß, ist dieser Autor zwar kein Anhänger aber doch ein interessierter Leser der einen oder anderen unterhaltsamen Verschwörungstheorie. Dieses Interesse ist durch die letzten zwei Jahre deutlich intensiviert worden, in Anbetracht der Tatsache wie viele angebliche Verschwörungstheorien ("Es ist ein Lockdown geplant.", "Nein, Verscwörungstheorie" / "Der Virus stammt aus dem Labor", "Nein, Verschwörungstheorie" / "Nach der Wahl kommt die Impfpflicht", "Nein, Verschwörungstheorie") sich im Nachhinein als korrekte Beschreibung der Realität erwiesen haben.

22. Januar 2022

Klabauterbach und die Mathematik

Im Rahmen dessen dass unser ... geschätzter Gesundheitsminister bekannt dafür ist in Talkshows schon einmal den einen oder anderen Bären aufzubinden, sollte seine letzte Story bei Markus Lanz nicht einmal etwas besonderes sein. Sollte. Ist sie dann aber doch.

Denn es sollen, so hat Lauterbach behauptet, die Schnelltests, die derzeit landauf-landab durchgeführt werden, selbstverständlich Teil der Inzidenz Zahlen des RKI sein sollen. Was das RKI bei späterer Nachfrage bestritten hat. Nun ist es zum einen bezeichnend, dass ein Fernsehmoderator wie Lanz offenkundig besser über die Vorgänge informiert ist, als ein Gesundheitsminister. Etwas anderes ist aber noch viel bezeichnender: Einem Epidemiologen, als der Lauterbach sich gerne verkauft, wäre so ein Fehler niemals unterlaufen, hätte ihm nicht unterlaufen dürfen. 

20. Januar 2022

Randnotiz: Trampolina droht mit Konsequenzen

Man weiß nicht ob man lachen oder weinen möchte, wenn man dieser Tage die Zeitung liest, ich habe mich mal für lachen entschieden, weil so vieles inzwischen nur noch zum Weinen ist, was die deutsche Politik so fabriziert. Es war zugegebenermaßen abzusehen, dass eine abgebrochene Politikstudentin nicht unbedingt als Außenminister taugen würde, aber vielleicht hatte man auch damit gerechnet, dass im Fall eines echten Konfliktes ohnehin eher der Kanzler, der dieser Tage allenfalls mit Abwesenheit glänzt, das Steuer übernimmt. Aber weit gefehlt: Deutschland wird von Trampolina vertreten und Trampolina hat nun ganz böse den Finger gehoben und den bösen Russen mit "gravierenden Konsequenzen" gedroht.

19. Januar 2022

Bruchlinien der Gesellschaft. Ein Gedankensplitter.

Das Simplifizieren von Menschen auf bestimmte Gruppen ist immer schwierig: Argumentativ begibt man sich grundsätzlich in die Falle, man würde Menschen Unrecht tun, man würde komplexe Probleme zu einfach darstellen, man würde einfache Lösungen für schwierige Probleme suchen. Alles richtig. Und doch oftmals zu kurz gesprungen. Das Leben an sich, wie auch die Menschen an sich, sind extrem komplex. Zu komplex, um ihnen wirklich in dem Sinne gerecht zu werden. Unser Verstand kann das (das kann man auch ziemlich trivial zeigen) nicht leisten, entsprechend sortieren wird die Dinge in Schubladen ein. Und das macht es uns dann doch einfacher Zusammenhänge zu verstehen. Auch wenn sie im Einzelnen nicht immer ganz gerecht sind.

18. Januar 2022

Klinischer Wahnsinn II

Als Postscriptum zu meinem Beitrag von vor zwei Tagen, als Fortsetzung oder als zweiter Teil einer womöglich noch geraume Zeit fortzusetzenden Serie möchte ich heute das Regelwerk dokumentieren, das "THE LÄND" Baden-Württemberg (die Schreibung in Majuskeln ist augenscheinlich Teil dieser peinlichen Imagekampagne) angesichts der "steigenden Fallzahlen durch die Omikron-Variante" am 12. Januar 2022 für seine Bürger erlassen hat und das vorerst bis zum 1. Februar gelten soll. Auch hier ist jeder Kommentar überflüssig. Außer vielleicht die Anmerkung, daß man schon aus dem "Land der Tüftler und Erfinder" kommen muß, um den Besuch von Weihnachtsmärkten für den Zeitraum vom 12. Januar bis zu 1. Februar regeln zu wollen. Henryk M. Broders Befund: "Deutschland ist ein Irrenhaus. Könnte man die Bundesrepublik überdachen, wäre es eine geschlossene Anstalt" ist nur noch durch den Zusatz zu ergänzen: "...in der die Insassen die Anstaltsleitung übernommen haben."
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16. Januar 2022

Klinischer Wahnsinn

Ein Bild, sagt die alte Spruchweisheit, ist mehr wert als tausend Worte. Und es gibt Bilder, zu denen sich jeder Kommentar erübrigt, weil sie für sich selbst sprechen. Nicht zuletzt deshalb, weil einem die Worte fehlen, das angemessen zu kommentieren. Wer wissen will, wie es aussieht, wenn die Obrigkeit eines Landes (von "Regierung" will man hier gar nicht mehr sprechen; die feudalistische Anmaßung ist unübersehbar) jeden Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat, braucht nur einen Blick auf diese Beilage des Kölner Stadtanzeigers vom Freitag, dem 14. Januar 2022 zu werfen. Es gibt kein anderes Wort dafür: ja, dieses Land hat den Verstand verloren. Man kann nur raten, dergleichen als Ausdruck oder auf einem sicheren Speichermedium zu sichern und aufzubewahren, um in späteren Jahren, wenn dies hinter uns liegt, den fassungslosen Nachgeborenen als Beweis präsentieren, daß es dergleichen "tatsächlich einmal gegeben hat." So wie die überstempelten 50-Millionen-Mark Scheine aus der Hochphase der Inflation vor 99 Jahren.
PS: Völlig überraschend hat das Robert Koch-Institut heute Nachmittag einen Erlass herausgegeben, nachdem der "Genesenenstatus" nach einer erfolgten Infektion mit dem Coronavirus bereits nach drei Monaten anstatt wie bisher einem halben Jahr hinfällig wird und eine Impfung oder Nachimpfung erfoderlich wird, um nicht als "Ungeimpfter" zu gelten. Damit soll "der Druck erhöht werden," um die Quote der Geimpften, die der einzige Richtwert unserer Politiker geworden zu sein scheint, in die Höhe zu treiben. Der Clou dabei ist, daß der Genesenen-Status erst 28 Tage nach einem Nachweis der Infektion durch einen PCR-Test anerkannt wird. Man darf also nur noch 72 Tage am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, wenn man sich weigert, sich gegen einen Erreger inokulieren zu lassen, dessen Infektion man hinter sich hat. Der Kleine Zyniker registriert dies als ein Novum in der Medizingeschichte der letzten 200 Jahre, also der Moderne. Und der Kleine Pragmatiker nimmt es als weiteren Beweis, daß Wahnsinnige sich anmaßen, über uns zu bestimmen.
U.E.

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10. Januar 2022

Paul Scheerbart, „Das Ende der Fleischnot.“ Mit einem Abstecher ins Jahr 2022



Von den künstlerischen Ausmalungen der Zukunft, die es in das „kollektive Gedächtnis“ geschafft haben und deren Handlungen mit einer ganz konkreten Jahreszahl verbunden ist, in dem sie stattfindet, gibt es genau drei – und das aus dem schlichten Grund, weil dieses Jahr in ihrem Titel genannt wird. Bei denen das Geschehen also nicht vage „in naher“ oder „einer ferneren“ kommenden Zeit spielt, sondern der Zuschauer (und Leser), dem danach zumute wäre, einen Kalender befragen könnte. Dazu zählt George Orwells maßgebliche Anti-Utopie „1984“ – bei dem die Vertauschung der letzten beiden Zahlen des Jahres 1948, in dem das Buch entstand, die Wegmarke lieferte. Sodann das Original und die Fortsetzung zu Arthur C. Clarkes „2001 – A Space Odyssey“ (Buch und Filmfassung 1968), „2010 – Odyssey II“ (1981) samt ihrer Verfilmung durch Peter Hyams von 1984 (die deutsche Kinofassung trägt den Titel „Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“) und nicht zuletzt das gerade angebrochene Kalenderjahr, das dadurch eine ikonische Unterfütterung erhielt, indem Richard Fleischer 1973 seinen Film „Soylent Green“ in eben diesem Jahr 2022 spielen ließ. (*)

(* Pophörer älteren Baujahrs mögen noch das "One-Hit-Wonder" von Zager & Evans aus dem Jahr 1966 dazuzählen: "In the Year 2525." Aber der kleine Schlager nutzt die Jahreszahl nur zu einem Schnelldurchlauf von Stichworten zur bevorstehenden abschüssigen Karriere von Homo Sapiens: "In the year 25-25 / if man is still alive / if woman can survive / they may fight..." Edward Bellamys "Looking Backward, from the Year 2000" aus dem Jahr 1887 war das Buch, das für die nächsten 110 Jahre das titelgebende Jahr als Zielmarke der Naherwartung aufgabe; und Louis-Sebastien Merciers "L'An 2440" war im Jahr 1771 die erste literarische Zukunftsschau überhaupt, die diesen Namen verdient - aber beide Texte sind längst dem kulturellen Gedächtnis entfallen.)

Harry Harrisons Roman „Make Room! Make Room!” aus dem Jahr 1966, der Fleischer und seinem Drehbuchautor Stanley Greenberg als Vorlage diente, spielt im New York des Jahres 1999, und endet mit dem Beginn des „neuen Jahrtausends“ auf dem Times Square, auf dem die berühmte Neon-Leuchtschrift an der Front der „New York Times“ triumphierend erklärt, die Bevölkerung der Vereinigten Staaten habe im abgelaufenen Jahr einen neuen Höchststand von 334 Millionen erreicht - von denen, wie wir zu Anfang des Films erfahren, sich ein Zehntel auf dem Terrotorium New Yorks drängt (in der Filmfassung sind daraus 40 Millionen geworden). Fleischer und Greenberg verlegten die Handlung ihres Films 23 Jahre in die Zukunft, um das Elend, den Niedergang, die trostlose, hoffnungslos übervölkerte Welt als Dauerzustand noch eindrücklicher zu vermitteln – vor allem aber, um den Protagonisten jede Erinnerung an bessere vergangene Zeiten zu verwehren. Einzig Sol Roth – gespielt von Edward G. Robinson in seiner letzten Filmrolle -, der in hohem Alter steht, erinnert sich noch an jene Zeit, als es noch Tiere und organische Nahrung gab. Es gibt natürlich einen Schwarzmarkt; auf dem ein Glas Erdbeermarmelade vor 150 Dollar zu haben ist. Sols kleine Bibliothek an Referenzwerken und seine Kontakte als früherer Archivverwalter der Polizei haben es Frank Thorn – gespielt von Charlton Heston – mit dem er sich einer heruntergekommenen Wohnküche teilt, ermöglicht, aus dem gewöhnlichen Polizeidienst und der Jagd auf solche Schmuggler zu entkommen und sich der Aufklärung „richtiger“ Verbrechen zu widmen.

8. Januar 2022

神秘小屋。Die geheimnisvolle Hütte auf der Rückseite des Mondes





I saw him through my telescope,
On a cloudless night in June,
As he rested between voyages
At his beach house on the moon.

There are windows to the galaxies
And hallways to the past.
There are trapdoors to the future
And a splintered ancient mast.
There are relics from Apollo trips,
When the earthmen came to play,
And a hammock from a distant star,
Out in the Milky Way.

- Jimmy Buffett, "Beach House on the Moon" (1999)



(Michael van Langrens Mondkrate von 1645)

Wenn es auf dem Mond „Meere“ gibt (die Bezeichnung geht auf den niederländischen Astronomen Michael Florent van Langren (1598-1675) zurück, der sie in seiner 1645 gedruckten Mondkarte, dem „Plenilunum,“ als erster für die dunklen Basaltebenen verwendeten, die für einen irdischen Betrachter das „Gesicht in der Mondscheibe“ bilden), mit weiteren maritimen Bezeichnungen wie Ozean („Oceanus“) und Bucht („Sinus“), ist es folgerichtig, daß dort auch Strandhütten zu finden sind. Und daß es auf dem Erdtrabanten Hasenköttel gibt, darf ab heute als wissenschaftlich nachgewiesene Tatsache gelten.



Vor einem Monat, am 7. Dezember 2021, setzte die nationale chinesische Raumfahrtbehörde, im Westen allgemein nicht als 国家航天局 (Guójiā Hángtiānjú), sondern nach dem Akronym ihrer englischen Bezeichnung CNSA bezeichnet, die Medien und sozialen Medien nicht nur in China, aber vor allem natürlich dort, mit einem Photo in Aufregung, das von dem Mondrover Yutu-2 aufgenommen wurde, der seit seit 3 Jahren, seit dem 3. Januar 2019 den 180 Kilometer durchmessenden Krater Von Kármán erkundet, der von uns aus „gesehen“ fast in der Mitte der uns abgewandten Hemisphäre, auf halber Strecke zum Mondsüdpol liegt. Das Bild, am Ende des 36. „Mondtags“ aufgenommen, zeigt am Horizont der geröllübersäten Ebene des Kraterbodens eine seltsam kompakte, blockige Struktur vor dem Himmelshintergrund. Das seltsame Gebilde, dem das Team, das für die Routenplanung und die Steuerung des Rovers zuständig ist, die Bezeichnung 神秘小屋 (Shénmì Xiǎowū, „Rätselhafte Hütte“) gab, traf den gleichen Nerv wie die vor Jahresfrist überall aus dem irdischen Kraut schießenden „Monolithen“ nach dem Vorbild von Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“ – nur daß es sich hier ersichtlich NICHT um einen Scherz von Erdlingen handeln konnte. In den chinesischen Medienberichten und sozialen Medien erhielt das Gebilde sehr schnell weitere Namen: 凯旋门 (Kǎixuán Mén, „Triumphbogen“), 外星基地 (Wàixīng Jīdì, „Basis der Außerirdischen“) oder 广寒宫 (Guǎng Hán Gōng, „Weiter Palast der großen Kälte“). Das letzte braucht vielleicht eine kleine Erläuterung: der „Palast der großen Kälte“ ist in der chinesischen Überlieferung der Wohnsitz der Mondgöttin Chang’e, nach der die Landesonden des chinesischen Mondprogramms ihren Namen tragen, und vor dem der Mond- oder Jadehase für sie unablässig das Elixir der Unsterblichkeit in einem Mörser zerstampft. Und nach diesem Jadehasen (玉兔 ,Yùtù, auch „Mondhase,“ Yuètù - der Gleichklang der Namen ist kein Zufall) ist auch der Rover benannt.

6. Januar 2022

Der Brummkreisel



Eigentlich - "eigentlich" - ist dies ein Job für den ArgoNerd, der an dieser Stelle vor kurzem im Zusammenhang mit dem Kurznachrichtenmedium Twitter erwähnt wurde. Andererseits ist dessen übliches Verfahren hier nicht mehr hinreichend, um dem Anlaß gerecht zu werden. Sein Verfahren besteht darin, fast immer ohne Erläuterung oder Überschrift zwei zeitversetzte öffentliche Äußerungen von Politikern nebeneinander zu setzen, die trefflich den Satz illustrieren, den die größte deutsche Kanzlerin in der Geschichte des Universums im Jahr 2008 getan hat: "Man kann sich nicht darauf verlassen, daß das, was vor den Wahlen gesagt wird, auch wirklich nach den Wahlen gilt, und wir müssen damit rechnen, daß das in verschiedenen Weisen sich wiederholen kann.“

Deshalb seien an dieser Stelle nur einige Aussagen hergesetzt, in denen sich Christian Lindner, Vorsitzender der Freien Demokratischen Partei und seit jetzt vier Wochen Finanzminister dieses Landes, im Lauf des letzten halben Jahres zum Thema "Impflicht" geäußert hat.

3. Januar 2022

"Von Schafen und Menschen"





Ein oberflächlicher Beobachter könnte ja zu dem Schluß kommen, der Berufsstand der Satiriker und der losen Vögel, die wider den Stachel löcken, sei in diesem Land nicht mehr auszuüben. Die Maßnahmen unserer Politik lassen sich nicht mehr durch Zuspitzung überbieten; die Obrigkeit hat das Ressort des Absurden und Irrlichternden selbst in Eigenregie übernommen, und unsere Medien, zumal die Staatsmedien, begnügen sich damit, sich unter der Kennung „Satire“ nur noch plumpe, brachiale Invektiven gegenüber Teilen der Bevölkerung herauszunehmen, die sich nicht zur Wehr setzen können („Meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau!“ – sofern sie nicht als Politiker, religiös anders Orient-ierte, sexuell divers Gepolte oder Noch-nicht-lange-im-Land-Weilende den Stempel des Sakrosankten tragen. Außerdem gebe es längst nicht mehr hierzulande, über das man lachen könnte.