14. Juli 2020

Lord Dunsany, "Das Haus der Sphinx" (1911)

­

(Sidney H. Sime, "The House of the Sphinx")


Als ich das Haus der Sphinx erreichte, war es schon dunkel geworden. Man hieß mich dort freudig willkommen. Und trotz der Tat war ich froh über jeden Ort, der mir in diesem bedrohlichen Wald eine Zuflucht bot. Ich sah sofort, daß hier eine Tat geschehen war, obwohl man einen Mantel darüber gebreitet hatte, um sie zu verbergen. Allein die falsche Fröhlichkeit der Begrüßung ließ mir diesen Mantel verdächtig erschienen.

Die Sphinx war verdrossen und schweigsam. Ich war nicht hergekommen, um die Geheimnisse der Ewigkeit zu erfahren oder etwas über ihre kleinen Geheimnisse, und so hatte ich nicht viel zu sagen und kaum Fragen an sie, aber sie schwieg zu allem, das ich vorbrachte. Es war deutlich, daß sie mich im Verdacht hatte, die Geheimnisse ihrer Götter ausspähen zu wollen, oder ihren Umgang mit der Zeit; vielleicht sann sie aber auch über die Tat nach.

Mir wurde alsbald klar, daß außer mir noch jemand erwartet wurde. Ich erkannte es daran, wie die unsteten Blicke von der Tür zu der Tat und wieder zurück zur Tür wanderten. Und es war deutlich, daß der Willkommensgruß eine verriegelte Tür sein würde. Aber was für Riegel waren das, was für eine Tür! Rost und Moder und Schimmel hatten viel zu lang daran genagt; nicht einmal für einen entschlossenen Wolf stellte sie ein Hindernis dar. Und was immer es war, das hier erwartet wurde, schien ärger zu sein als nur ein Wolf.

13. Juli 2020

Tönnies und der Rechtsstaat: Ein Jammerspiel

Clemens Tönnies hat es wirklich geschafft: In nicht einmal drei Monaten vom hofierten Großunternehmer und Sportfunktionär zum absoluten Paria der Republik. Respekt. Das hat nichtmal Uli Hoeness so schnell geschafft und der ist immerhin Chef vom FC Bayern gewesen, wo die halbe Republik sich freut, wenn man dort auf die Nase fällt. 

12. Juli 2020

"...daz ist der stern Kometa..."

­
...Vnd wie der stern Kometa
Den lovf und sine meta
Tovgen in dem firmament
Gut untz uf den innsten sent
Der stern ist lúzil liut erkant
Und ist vmb in also gewant
Daz er sich selten schowen lat
Vnd swenner verborgen stat
So gat ein rovch und ein kunst
Uon im als von dez tievils tunst
Von swenne man den sternen siht
Der tiutit gerne so man giht
Urlug oder manslaht
Daz man tribet tac und naht
Er tiutet och gemeinen tot
An liuten an vihe dez todis not
Er tiut och gerne tiure jar
Ich han den selben sternen fúr war
Mit minen ogen wol gesehin
Dez war ich mit warheit vil veriehin
Si warn an dem gestirne
So kvnste rich so virne

Hugo von Langenstein, Martina (1293 abgeschlossen), 14,110 - 15,20

Es kommt nur sehr selten vor (eigentlich nie), daß ich eine Weichenstellung, eine vor langer Zeit getroffene Entscheidung bedauere, gerade wenn es um recht triviale Aspekte geht. So etwa der Entschluß, nie im Leben zu fliegen, keinen Führerschein zu besitzen und niemals einen Fuß auf Berliner Gebiet zu setzen. Heute morgen, kurz vor Beginn der Dämmerung, ergab sich eine solche Gelegenheit. Ich habe vor über dreißig Jahren darauf verzichtet, zu fotografieren, weil mir das angelegentliche Fixieren aus Ausflugzielen oder seltenen geselligen Anlässen als zu trivial erschien und der Aufwand, sich hier mit einer halbwegs professionellen Ausrüstung, Teleobjektiven, Stativen und Blitzgeräten angesichts der wenigen Male, in denen ich mich damit beschäftigt habe, finanziell und vom Zeitaufwand her gesehen als völlig unangemessen wirkte. Das Ergebnis solcher Enthaltsamkeit ist, daß das einzige bildgebende Medium, das mir zur Verfügung steht, die im Smartphone eingebaute Weitwinkelkamera ist - die aber für Fernaufnahmen und das Heranzoomen astronomischer Objekte weder gedacht noch geeignet ist.

...irgendwas mit Pferden...

­





Es widerspricht der Tradition dieses Netztagebuchs, Fundstücke unkommentiert zu präsentieren. Aber es gibt auch Funde, bei denen jedes Wort der Erläuterung eines zuviel wäre. Außer vielleicht dieses hier: Ja, das ist echt

P.S. Das SPD kann man dies nachsehen, da man dort auch Herrn Stegner, Frau Esken und Herrn Maas für Politiker hält.

P.P.S. Es ist, rein theoretisch, auch denkbar, daß Frau E. hier versucht hat, einen Scherz zu reißen, auch wenn sich Anlaß und Kontext nicht ausmachen lassen. Nur ist die Schalheit in diesem Fall so klafterstark, daß es die Sache keinen Deut besser macht.

U.E.

© U.E. Für Kommentare bitte hier klicken.

11. Juli 2020

周作人 《入厕读书》 / Zhuo Zuoren, "Lesen auf dem Klo" (1935). Mit einem Seitenstück zu Jun'ichirō Tanizaki

­

 (周作人 / Zhou Zuoren)



郝懿行著《晒书堂笔录》卷四有《入厕读书》一条云:

旧传有妇人笃奉佛经,虽入厕时亦讽诵不辍,后得善果而竟卒于厕,传以为戒。 虽出释氏教人之言,未必可信,然亦足见污秽之区,非讽诵所宜也。 《归田录》载钱思公言平生好读书,坐则读经史, 卧则读小说,上厕则阅小词,谢希深亦言宋公垂每走厕必挟书以往,讽诵之声琅然闻于远近。 余读而笑之,入厕脱裤,手又携卷,非惟太亵,亦苦甚忙,人即笃学,何至乃尔耶。 至欧公谓希深言平 生所作文章多在三上,乃马上枕上厕上也,盖惟此尤可以属思尔,此语却妙,妙在亲切不浮也。

定,但总未必很短,而且这与吃饭不同,无论时间怎么短总觉得这是白费的,想方法要来利用他一下郝君的文章写得很有意思,但是我稍有异议,因为我是颇赞成厕上看书的。 小时候听祖父说,北京的跟班有一句口诀云,老爷吃饭快,小的拉矢快,跟班的话里含有一种讨便宜的意思,恐怕也是事 实。 一个人上厕的时间本来难以一。 如吾乡老百姓上茅坑时多顺便喝一筒旱烟,或者有人在河 沿石磴下淘米洗衣,或有人挑担走过,又可以高声谈话,说这米几个铜钱一升或是到什么地方去。 读书,这无非是喝旱烟的意思罢了。

9. Juli 2020

Lord Dunsany, "Das wundervolle Fenster" (1911)

­
Der alte Mann in seiner orientalisch anmutenden Gewandung fiel Mr. Sladden, der seinen Lebensunterhalt im Kaufhaus von Messr. Mergin und Chater verdiente, deshalb auf, weil ihn ein Polizist weiterscheuchte, und wegen des Pakets, das er unter dem Arm trug.

Mr. Sladden hing der Ruf an, der geistesabwesendste Berufsanfänger in seinem Metier in ganz London zu sein; der kleinste Anlaß, der geringste Anklang an Romantik, an Fernweh und Abenteuer, brachte ihn zu träumen, und er blickte dann vor sich hin, als ob sich die Wände des Kaufhauses in Nebel auflösten und London ein Märchenland wäre, anstatt sich um die Wünsche der Kunden zu kümmern.

Schon die Tatsache, daß das Packet, der der alte Mann unter dem Arm trug, in schmutziges Packpapier gewickelt war, das mit arabischer Schrift bedeckt war, war für Mr. Sladden wie ein Versprechen von ungeahnten Abenteuern, und er folgte ihm, bis sich die kleine Menge, die der Zwischenfall angelockt hatte, zerstreut hatte und der alte Mann an einer Straßenecke anhielt, sein Paket auspackte und sich offenkundig anheischig machte, den Inhalt feilzubieten. Es handelte sich um ein kleines Fenster mit bleigefaßten Scheiben; es war nur gut einen Fuß breit und weniger als zwei Fuß hoch. Mr. Sladden hatte noch nie erlebt, daß jemand ein Fenster mitten auf der Straße zum Verkauf anbot, und fragte nach dem Preis.

"Der Preis ist: alles, was Sie besitzen," sagte der alte Mann.

"Wo haben Sie es bekommen?" fragte Mr. Sladden, denn es handelte sich um ein seltsames Fenster.

"Ich habe dafür alles, was ich besaß, auf den Straßen von Bagdad hergegeben."

"Und haben Sie vorher viel besessen?" fragte Mr. Sladden.

"Ich besaß alles, was ich mir wünschen konnte," war die Antwort, "außer diesem Fenster."

"Es muß ein besonderes Fenster sein," sagte der junge Mann.

"Es ist ein magisches Fenster," sagte der Alte.

8. Juli 2020

Die Welt am Scheideweg durch Donald Trump

Ob sich Europa, insbesondere Deutschland, von Merkel und ihrer fundamental grünen Politik wird erhohlen können erscheint derzeit, insbesondere im Schatten von Corona, unwahrscheinlich. Zumindest kurz- oder mittelfristig. Der Schaden ist angerichtet und derart massiv das selbst bei einer Kurskorrektur nicht davon auszugehen ist, dass Europa in naher Zukunft noch eine große weltpolitische Bedeutung zufällt (zumal der deutsche Wähler bis dato immer noch nicht so richtig realisiert, wer ihm die Entwicklung der letzten Jahre so aufgedrückt hat). Vielleicht ist das, auch wenn es für die Europäer eher bitter ist, am Ende für die Welt nicht das schlechteste, in der Vergangenheit waren die Ansätze aus Europa (und auch da gerade wieder aus Deutschland) ihre Werte in die Welt zu exportieren von teilweise recht verheerenden Folgen.

6. Juli 2020

Corona und kein Ende

Das Christentum ist 2000 Jahre alt, die CDU 75. Diese Partei brauche jetzt eine weltliche Daseinsbegründung, meint Thomas Schmid. Selbst die Kirchen zeigten in der gegenwärtigen Krise ja, dass sie nichts zu sagen wissen.

4. Juli 2020

Tönnies zum zweiten. Oder: litterae in ovo

­
Mitunter frage ich mich: soll ich es eigentlich bedauern, daß aus mir kein Romanautor geworden ist? Das ist nun nicht so sehr eine Frage des Wollens, sondern der Einsicht in die eigenen, sehr bescheidenen Fähigkeiten auf dem Gebiet des Kreativität und des literarischen Vermögens. Denn ich erzähle ja niemals Geschichten, schon gar keine erfundenen; für das Ersinnen einer Fabel geht mir jegliche Begabung ab; das Schildern von Persönlichkeiten, von einer Entwicklung, der stimmigen Ausmalung der couleur locale, des Wechselgeflechts der Beziehung, die Ambivalenzen: Fehlanzeige auf der ganzen Linie. (Vom "Stilgefühl" will ich gar nicht erst beginnen.) Was bliebe also übrig als Metier, wenn schon die triste gegebene Realität nicht um das Ausschlagebende, den narrativen Kosmos, erweitert werden kann? Eines der wenigen Genres, das sich anböte, wäre der Schlüsselroman, der Roman à clef, das tatsächlich gegebene - oder vermutete - Skandale der unmittelbaren Gegenwart in literarischer Verlarvung präsentiert, hinter neuen Namen, neuen Örtlichkeiten - aber den Zeitgenossen sofort entschlüsselbar. Nicht in sublimierter Form, die eine chronique scandaleuse zum Anlaß nimmt, um ein umfassendes Portrait der Moral, der Widersprüche und Spannungen einer Gesellschaft zu zeichnen, wie es etwa Theodor Fontane mit dem "Fall Ardenne" für Effi Briest tat, oder mit dem heute vollkommenen "Fall Ravené" für seinen kleinen Roman L'adultera ein Dutzend Jahre vorher. Das entfällt aus den oben genannten Gründen. Nein: Als grelle Kolportage, deren einziger Zweck wäre, dem Leser Insinuationen nahezulegen, den allgemeinen Zustand eine Gesellschaft - oder einer Unterabteilung, etwa der unternehmerischen Klasse und der classe politique  - als korrupt, verblendet, bar jeder Verantwortung und von strahlender Unfähigkeit zu schildern. Natürlich ist dergleichen ungerecht, immer und zu jeder Zeit. Aber der grobe Holzschnitt ist die Natur dieser Art von Kolportage.

2. Juli 2020

Der letzte Grandseigneur des deutschen Journalismus: Zum Tod von Dieter E. Zimmer

­


Am 19. Juni, also bereits vor zwei Wochen, ist Dieter E. Zimmer in Berlin im Alter von 85 Jahren gestorben. Die Nachricht von seinem Tod ging aber erst vor zwei Tagen "durch die Medien" - insofern mag man mir diesen verspätete Eintrag nachsehen, nicht zuletzt, weil mir diese Nachricht Anlaß war, in seinen Büchern, von denen sich ein gutes Dutzend auf den unterschiedlichsten Regalen meiner Bibliothek verteilt finden, wieder einmal zur Hand zu nehmen.

1. Juli 2020

Wenn die Polizei nicht mehr kommt. Ein schöner Gruß nach Berlin.

In der gemeinen deutschen Presse eher unter ferner liefen, aber in den USA vergleichsweise viel diskutiert ist die "Capitol Hill Autonomous Zone" (kurz "Chaz"), ein Gebiet von einigen Straßenblöcken im Herzen von Seattle, dass sich vor knapp drei Wochen für "unabhängig" erklärt hat. Na ja, was man heute so nennt: Genaugenommen hat eine Gruppe von BLM (Black Lives Matter) Aktivisten, unterstützt von der lokalen (oder zugereisten) Antifa derart randaliert, dass die Seattler Polizei ein Revier aufgeben musste (um zu "deeskalieren"), was dann prompt besetzt wurde. Inzwischen kontrollieren die "Aktivisten" (allmählich gehen mit die Anführungszeichen aus) das Gebiet mit Waffen, die Polizei fährt nicht hinein und es gibt Checkpoints, an denen sichergestellt wird, dass auch kein Polizist etwa das böse "rassitische" Recht durchsetzen kann.