6. Mai 2021

Palmström@150. Vor 1½ Jahrhunderten wurde Christian Morgenstern geboren



Heute soll an dieser Stelle der vorerst letzte Hinweis in dieser kleinen Serie von Jubiläumshinweisen erfolgen, die die Laune der Chronologie in dieser Woche bereithält, nachdem in den letzten drei Tagen auf John Collier, Mynona und Napoleon verwiesen wurde. Heute vor 150 Jahren, am 6. Mai 1871, wurde nämlich im München Christian Morgenstern geboren. Und im Gegensatz zu seinem Zunftkollegen Salomo Friedländer und Collier ist der Dichter der "Galenlieder" un keineswegs zu den Verschollenen und Vergessenen der Literaturgeschichte zu zählen - auch wenn seit mittlerweile 100 Jahren alle Kritiker regelmäßig mutmaßen: wird Morgenstern eingentlich noch gelesen? Zudem stimmt es ja: zu ihrer Zeit bekannte, vielegelesene komische Poeten bleiben nicht lange im Gedächtnis der nachfolgenden Lesergenerationen erhalten. Julius Stettenheim, dessen "Persona" "Wippchen" angeblich von jedem Kriegsschauplatz seit dem deutsch-östereichischen Krieg von 1866 in Knittelversen berichtete, ist so verschollen wie die Gelegenheitsverse, die Frank Wedekind eine Generation später für den Münchner "Simplicissmus" lieferte. Selbst Joachim Ringelnatz oder Klabund (etwa mit seinem "Kinder-Verwirr-Buch" von 1931 dürften heute eher passionierten Lyrik-Lesern oder Fans der Roaring Twenties geläufig sein als dem allgemeinen Publikum. Wobei natürlich die Frage ist, was von der "leichten Muse" aus der literarischen Produktion der letzten 200, 250 Jahre überhaupt noch "päsent" ist. In diesem Phänomen dürfte sich der Wandel des Mediengebrauchs ebenso spiegeln wie das Vergehen der Zeit: lange Zeit war es normal, daß "klassische" Jazz-Stücke von der Swing-Ära an bis etwa zu Dave Brubeks "Take Five" in dieser Weise beim Hörpublikum in dieser Weise "präsent" waren; oder den Kanon der Ohrwürmer von Elvis, den Beatles bis zu dem großen Stars Ende der 1970er Jahre: seitdem hat der Wiedererkennungswert solcher Evergreens, ob nun als Musikstück, als ikonischer Filmauftritt oder als Merkvers rapide abgenommen.

5. Mai 2021

Napoleon und die Raumfahrt. Zwei kleine Erinnerungen



Nachdem vorgestern an dieser Stelle auf den 120. Geburtstag von John Collier verwiesen wurde und gestern auf den 150. von Salomo Friedländer alias "Mynona," soll heute der Hinweis auf den 200. Todestag Napoleon Bonapartes erfolgen, der am 5. Mai 1821 im Longwood House auf seiner Verbannungsinsel St. Helena an der einsamsten Stelle des Südatlantiks starb. (Genauer: an der zweiteinsamsten Stelle: die am weitesten von jedem anderen Flecken Land entfernte Insel ist Tristan da Cunha.) Solche kalendarisch-nomerologischen Häufungen haben keinen tieferen Sinn, wie Astrologen vermuten könnten: sie sind statistisch einfach unvermeidbar, wenn in der Welt genügend genau datierte Ereignisse wie in diesem Fall Geburtstag und Todesdatum registriert worden sind.

Ich gehe davon aus, daß die Person und die Taten des "kleinen Korsen," des "Weltgeists zu Pferde," auch heute noch hinreichend geläufig sind, um sie hier nicht weiter erörtern zu müssen. Und wenn nicht: die Bibliotheken sind gefüllt mit Arbeiten, Biographien, Spezialwerken zu jedem Aspekt seines Lebens. Sogar die in den letzten Jahrzehnten aufgekommene Frage, ob Napoleon wirklich einem Magenkrebs erlegen ist oder doch mit Arsen vergiftet wurde (oder durch das Schweinfurter Grün, das zur Einfärbung der Tapeten im Longwood House verwendet wurde und Arsen als Gas abgab) dürfte gemäß der Diagnose der Autopsie bestätigt worden sein.

4. Mai 2021

Mynona@150. Eine kleine Erinnerung an Salomo Friedländer





Gealtert fühlte sich Professor Faust;
Die Wissenschaft ließ ihn so unbefriedigt.
Er schließt, in einem seltsam kom'schen Zwielicht,
Mit Satan einen Pakt (jawohl, da schaust!).

Wird wieder jung (daß dich der Affe laust!),
Treibt's mit 'nem Backfisch (Hand vom Nähen schwielicht),
Und saust nach Griechenland (ist das ein Vieh nicht?).
Sie stirbt als Kindesmörderin (mir graust!).

Zurückgekehrt, wagt er sich an den Thron;
Der Teufel hilft, er wird des Staats Erretter.
Endet als Fürst mit eignem Schloß am Meer -
Natürlich graptscht der Satan jetzt voll Hohn
Nach seiner Seele. Doch ('s wird immer netter!)
Der Hölle jagt sie ab das Engelsheer.

- Mynona (aus: "Hundert Bonbons. Sonette," 1918)

Wenn John Collier, auf dessen 120. Geburtstag gestern an dieser Stelle verwiesen wurde, im deutschen Sprachbereich (und mittlerweile wohl auch im englischen), zu den unbekannten Autoren zu rechnen ist, dann ist Salomo Friedländer, der heute vor genau 150 Jahren, am 4. Mai 1871 im heute polnischen Gollantsch geboren wurde und der seine literarischen Werke unter dem Nom de plume "Mynona" veröffentlichte, zu den völlig Vergessenen. Manche Leser von Kurt Tucholsky werden sich vielleicht noch an diesen Namen im Zusammenhang mit Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neuues" erinnern, als "Mynona" die Veröffentlichung des Antikriegsromans zum Anlaß für eine scharfe Polemik nahm und "Tucho" ebenso scharf zurückschoß. Viellicht ist dem einen oder anderen Kenner der "Roaring Twenties" noch die "Tarzaniade" ein vage erinnerter Titel, mit der Mynona die Popularität, der Edgar Rice Burroughs' Dschungelheld Mitte der zwanziger Jahre auch in Deutschland erlebtge, kommentierte. Aber ansonsten zählt er zu den unzähligen Verschollenen der Literaturgeschichte. Überraschend ist das nicht. "Mynona" gehörte zu den Parodisten, zu den Verfassern von Grotesken - und solche verzerrenden Echowerfer ereilt die "Furie des Verschwindens" eher als die Originale, denen ihr Echo galt. Auch Robert Neumann, Friedländers Zeit- und Zunftgenossse und vielleicht der brillanteste Stimmenimitator der deutschedn Literatur, ist heute weitgehend vergessen, ebenso Franz Blei, dessen "Literarisches Bestiarium" gut zeigt, WARUM das Haltbarkeitsdatum solcher Echos knapp bemessen ist: viele zeitgenössische Bestseller und Modeautoren sind ihrerseits genauso vergessen, und wirkliche Klassiker, die es geschafft haben, von Generation zu Generation weiter gelesen und gekannt zu werden, stehen oberhalb jeder Parodie.

3. Mai 2021

John Collier, "Zum Nachspülen" (1941)





Nervös wie ein junges Kätzchen stieg Alan Austen die finsteren, knarrenden Treppen in einer Adresse in der Nähe der Pell Street hinauf und brauchte lange Zeit, bis er im Finsteren den Namen, den er suchte, auf einer der Türen ausgemacht hatte.

Er stieß die Tür auf, so wie es ihm gesagt worden war, und fand sich in einem winzigen Zimmer wieder, das außer einem Küchentisch, einem Schaukelstuhl und einem gewöhnlichen Stuhl unmöbliert war. An einer der gelblichen Wände hingen ein paar Regalbretter, auf denen vielleicht ein Dutzend Flaschen und Gläser standen. Ein alter Mann saß im Schaukelstuhl und las eine Zeitung. Alan überreichte ihm wortlos die Karte, die ihm gegeben worden war.

"Setzen Sie sich, Mr. Austen," sagte der alte Mann in ausgesucht höflichem Ton. "Es freut mich außerordentlich, Ihre Bekanntschaft zu machen."

"Stimmt es," fragte Alan, "daß Sie ein Mittel anbieten, das ganz außergewöhnliche Wirkungen hat?"

2. Mai 2021

"Vom Verschwinden im Bild": Die Mumins, Virginia Woolf und die "Fahrt zum Leuchturm"





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I.
Die vielleicht bekannteste Episode des "Verschwindens im Bild," zumindest was für junge Leser im Kindesalter die erste Begegnung mit dieser Trope angeht, findet sich in einem Buch, dessen Status im Hinblick auf sein Publikum durchaus schillert. Eigentlich sind es sogar zwei Stellen: in Roald Dahls "The Witches" von 1983 (1986 in deutscher Übersetzung als "Hexen hexen" erschienen) findet sich in der Passage, in der die aus Norwegen stammende Großmutter ihrem ungläubigen Enkel von der Existenz wirklicher böswilliger Zauberinnen erzählt, als Illustration die Geschichte von ihrer Jugendfreundin, die von einer solchen Hexe in ein Gemälde gebannt wurde.

Und ihr habt wirklich gedacht, die Justiz würde Euch retten

Mein Lieblingszitat über den deutschen Rechtsstaat ist eine Statistik: 80% der Deutschen glauben an den Rechtsstaat. Die anderen 20% haben ihn schon kennen gelernt.

Es ist erstaunlich wie viele Leute, trotz permanent erlebtem Gegenteil, immer wieder darauf vertrauen, die Justiz werde die Kohlen, die von der Politik ins Feuer geworfen wurden, schon wieder heraus holen. 
Aber wie sollte sie? Es sind die selben Leute. In Deutschland existiert die Gewaltenteilung nur in der Theorie, in der Praxis werden Richter bis zum obersten Verfassungsgericht durch die Legislative, bzw. da selbst diese nicht von der Exekutive getrennt ist, im Wesentlichen durch die Exekutive ernannt und bestimmt. Der derzeit amtierende Präsident des Verfassungsgerichtes, wie auch des ersten Senates, ist Stephan Habarth. Und Stephan Habarth ist kein politikfremder Gelehrter wie sein Vorgänger, sondern schlicht CDU Parteipolitiker. Und zwar mit allem drum und dran.