4. Dezember 2019

Nichts Neues an der Klimafront

(Netzfund von heute)

Oder doch?

Man könnte, als skeptisch grundierter Beobachter des jetzt ins vierte Jahrzehnts seines unermüdlichen Wirkens tretenden Klimaalarmismus - und wenn man noch Lust und Bedürfnis danach verspüren würde, diese zeitgeistige Obsession kritisch und im Kontext historischer Entwicklungen zu verorten* - dafür halten, daß der Monatswechsel von November in die Adventszeit des Jahres 2019 (wieder mal) eine neue Qualität zum Tragen gebracht hat, einen Einstellungswechsel. Nur wäre ein solcher Versuch müßig: es handelt sich um ein Kontinuum von Haltungen und Einstellungen auf einer abschüssigen Ebene, von der anfangs zumindest als berechtigt einzustufenden Frage "Gefährdet das Treiben unserer entwickelten Industriegesellschaft tatsächlich das Weltklima?" (jedenfalls solange man diese Frage mit der gebotenen Objektivität, Nüchternheit, die riesigen Unklarheiten mit übertünchenden Pragmatik ergebnisoffen angeht) hin zum einzig verbliebenen Religions- und Zukunftsersatz für die Politik, die Medien und den Troß der ihnen in gewünschter Weise zuarbeitenden "Klimawissenschaftlern" darstellt.

(* Statt dessen scheint es, schon zur Schonung des eigenen Seelenfriedens, geboten, diese Preisgabe aller pragmatischen Vernunft und historischen Erfahrung als Farce zu nehmen, als einen weiteren Beweis in der endlosen Reihe historischer Beispiele, daß der Narrheit des menschlichen Treibens keine Grenze gesetzt scheint.)

25. November 2019

Eine dumme Entscheidung

Ein Wirtschaftskorrespondent der Welt, Phillipp Vetter, hat vor ein paar Tagen einen schönen Meinungskommentar zur jüngsten "Entscheidung" von Volkswagen veröffentlicht, der mit dem schönen Titel "Die einzig richtige Entscheidung" überschrieben ist. Wie es sich für einen guten Kommentar gehört, lohnt sich seine Diskussion, denn wie schon die Überschrift nahelegt, ist dieser Autor eher sehr gegenteiliger Meinung.

21. November 2019

Die unglaubliche Dummheit. Eine Wählerschelte.

Es ist zugegebenermaßen ziemlich billig sich an der tatsächlichen oder vermeintlichen Bödheit von Politikern abzuarbeiten. Eine breite Mehrheit der politisch interessierten Menschen in Deutschland tendiert ohnehin dazu diejenigen, die anderer Meinung sind als sie selbst, als unreflektiert oder zumindest wenig reflektiert, um nicht zu sagen im Extremfall als blöd, einzuschätzen. Das ist "Tagesgeschäft" und kaum einer Zeile wert. Doch manchmal, gefühlt viel zu häufig, aber dann doch zumindest erwähnenswert selten, gibt es Aussagen von Politikern, die so himmeljauchzend dumm sind, dass man sie doch mit ein paar Zeilen kommentieren möchte (und damit meine ich nicht Lapsen wie Kobold statt Kobalt). Weniger allein ihres Inhaltes wegen, sondern primär wegen der sich dadurch so offenkundig zeigenden Ignoranz, Dummheit oder Inkompetenz. Im besten Falle aller drei genannten Eigenschaften. 

17. November 2019

Maurice Baring, "Venus"

Da im vorigen Eintrag der Name Charles Cros fiel, und das Thema die Kontaktaufnahme mit dem Mars war, sei als Ausgleich die Traumvariante aus dem Umzirk der Jahrhundertwende vom inneren Schwesterplaneten Venus hierhergesetzt.

Die Unmöglichkeit, mit irdischen Teleskopen einen Blick durch die undurchdringliche Wolkendecke zu werfen und Genaueres über die Verhätlnisse auf ihrer Oberfläche zu erfahren, haben ihr in der phantastischen Literatur immer einen zweiten Platz hinter dem roten Planeten zugewiesen. Svante Arrhenius' Mutmaßung von 1915, daß es sich um eine ins Extrem gesteigerte Variante der "grünen Hölle" der tropischen Regenwälder handeln können (aufgrund der größeren Sonnennähe) - "everything on Venus is dripping wet," schrieb er.


We must therefore conclude that everything on Venus is dripping wet…A very great part of the surface of Venus is no doubt covered with swamps, corresponding to those on the Earth in which the coal deposits were formed…The constantly uniform climactic [sic] conditions which exist everywhere result in an entire absence of adaptation to changing exterior conditions. Only low forms of life are therefore represented, mostly no doubt belonging to the vegetable kingdom; and the organisms are nearly of the same kind all over the planet. The vegetative processes are greatly accelerated by the high temperatures.


(The Destiny of the Stars, 1918, New York: G. P. Putnam's Sons; im Original Stjärnornas Öden, 1915)

Diese Vision war den Autoren der Pulp-Magazine, allen voran Edgar Rice Burroughs, ein Geschenk, aufgeladene Dschungelabenteuer unter einer "primitiven" Tier- und Eingeborenenwelt spielen zu lassen. Für eher symbolistisch gestimmte Autoren der vorhergehenden Generation blieb der symbolische Gehalt einer "Welt der Liebe" anziehender.

*     *     *

Charles Cros - "Sonnet astronomique" (1873)

Alors que finissait la journée estivale,

Nous marchions, toi pendue à mon bras, moi rêvant
À ces mondes lointains dont je parle souvent.
Aussi regardais-tu chaque étoile en rivale.

Au retour, à l'endroit où la côte dévale,
Tes genoux ont fléchi sous le charme énervant
De la soirée et des senteurs qu'avait le vent.
Vénus, dans l'ouest doré, se baignait triomphale.

Puis, las d'amour, levant les yeux languissamment,
Nous avons eu tous deux un long tressaillement
Sous la sérénité du rayon planétaire.

Sans doute, à cet instant deux amants, dans Vénus,
Arrêtés en des bois aux parfums inconnus,
Ont, entre deux baisers, regardé notre terre.

Zeitmarke: Vor [200] - 150 - 100 Jahren: "Hallo Mars - Hier Erde!"


(Popular Science Monthly, September 1919)

Vorausgeschickt sei, daß es sich bei der ersten temporalen Wegmarke um kein "richtiges" Jubiläum handelt, sondern um ein Gerücht, eine "moderne Legende" (wie sie eben im Bereich der Wissenschafts- und Technikgeschichte ebenso auftreten wie in anderen Bezirken), und beim zweiten Datum um kein spezielles Vorkommnis, sondern nur eine gängige Meldung über eine seinerzeit kurrente Idee - die aber hierbei Gelegenheit bietet, das Thema nett zu illustrieren.

15. November 2019

1971: Boeing 2707, Concorde - ein Déjà Vu aus der Urzeit des Klimaalarmismus


(x magazin, Oktober 1971)

Dem englischen Autor und von Profession einer der reichsten Söhne seiner Ära, Horace Walpole (1717-1797), der heute nur noch als Verfasser des ersten und niemals gelesenen "gotischen Schauerromans" The Castle of Otranto (1765) ein fernes Gerücht ist, nicht aber als ältester Sohn des ersten britischen Premierministers Robert Walpole oder einer der bedeutendsten Briefschreiber seiner Zeit (die Ausgabe seiner Korrespodenz umfaßt 80 Bände, fast ausnahmslos auf Französisch abgefaßt),  verdankt die englische Sprache den Ausdruck "serendipity", ins Deutsche auch als Lehnwort "Serendipität" geschmuggelt - der höchst nützliche, völlig unerwartete Zufallsfund, der einem bei einer Suche nach etwas völlig anderem unterkommt und der das obskure Objekt der Begierde weit übertrifft. Abgeleitet hat Walpole das Wort 1754 in einem Brief an seinen Freund Horace Mann von einer (womöglich sogar existierenden) Legende um die "drei Prinzen von Serendip, die stes andere Schätze fanden, als sie gesucht hatten" (Serendip ist hier die alte, ungebräuchliche Bezeichnung für die Insel Taprobane, deren Name eine obsolete Benennung für Ceylon darstellt; denen, die dies noch als den alten Namen für Sri Lanka kennen, wird an dieser Stelle sicher die Zeile "Her name was Magill / but she called herself Lil. / But everyone knew her as Nancy" aus "Rocky Raccoon" einfallen.)

10. November 2019

眉村 卓 - Taku Mayumura (1934-2019)



Es fragt sich, ob es ratsam ist, im Deutschen einen kleinen Nachruf, eine bescheidenes Gedächtnisblatt für einen Autor zu bringen, von dem nur eines mit Sicherheit zu sagen ist: nämlich daß jeder einzelne leser, der sich hierhin verirrt, mit diesem Namen absolut nichts verbindet. Anders als bei Musikstars, die an dieser Stelle gewürdigt wurden (in der letzten Zeit etwa Anne Vanderlove oder Yao Li) läßt sich eine solche terra incognita, ein solcher unausgefüllter Fleck auf der eigenen inneren Landkarte, auch nicht durch ein paar Einspielungen von Liedern wettmachen. Der bloße Hinweis auf das Werk reicht nicht, da es hiesigen Lesern unzugänglich bleiben wird und die Resonanzen, die es bei der Leserschaft eines solchen Autors hervorrufen würde, schlicht nicht gegeben sind.

7. November 2019

"...and it is always eighteen ninety-five": Vincent Starrett, "221b"



- Vincent Starrett - 221b

Here dwell together still two men of note
Who never lived and so can never die:
How very near they seem, yet how remote
That age before the world went all awry.
But still the game’s afoot for those with ears
Attuned to catch the distant view-halloo:
England is England yet, for all our fears –
Only those things the heart believes are true.

A yellow fog swirls past the window-pane
As night descends upon this fabled street:
A lonely hansom splashes through the rain,
The ghostly gas lamps fail at twenty feet.
Here, though the world explode, these two survive,
And it is always eighteen ninety-five.

(March 1942)


"221B"

Hier wohnen immer noch die zwei bekannten Herrn
Die es nie gab und deshalb niemals sterben.
Wie nahe scheinen sie uns - und wie fern
Liegt ihre Zeit. Der Weltlauf fiel in Scherben.
Und doch beginnt die Jagd - für alle, deren Ohren
Den alten Klang vernehmen. Trotz aller Gefahr -
Trotz unsrer Furcht ist England nicht verloren.
Denn nur an was das Herz glaubt, ist auch wahr.

Ein gelber Nebel wabert vor den Fenstern
Wenn sich die Nacht auf die berühmte Straße senkt.
Die fahlen Gaslaternen werden zu Gespenstern
Wenn eine Hansom-Droschke durch den Regen lenkt.
Auch wenn die Welt zerbirst - die beiden werden bleiben.
Hier wird man immer 1895 schreiben.

(U.E.)

4. November 2019

"Ballade en novembre": Feuille commémorative Anne Vanderlove



Es bleibt mir die Erinnerung
An die Lieben, die vergehn
Es ist jetzt Zeit, die Tür zu schließen
Es ist jetzt Zeit, schlafen zu gehn.
Ich war nicht immer nett und gut
Mit Haar, das in die Augen stieb
Doch hat er mich so akzeptiert
Und vielleicht sogar etwas lieb.

Auf Strand und Garten fällt der Regen dicht...
Und sind jetzt meine Augen feucht
liegt es am Regen im Gesicht.

Der Nordwind fängt wild an zu wehn
Der mir im Spiel das Haar zerwühlt
Ich war nicht immer wirklich schön
Er wohl was für mich gefühlt.
Mein Kleid ist stets noch mitgenommen
Und mein Haar ist wie wild zerstiebt.
Er hat mich, wie ich war, genommen.
Ich hab ihn wirklich sehr geliebt.

Qu'on me laisse à mes souvenirs
Qu'on me laisse à mes amours mortes
Il est temps de fermer la porte
Il se fait temps d'aller dormir
Je n'étais pas toujours bien mise
J'avais les cheveux dans les yeux
Mais c'est ainsi qu'il m'avait prise
Je crois bien qu'il m'aimait un peu

Il pleut sur le jardin, sur le rivage
Et si j'ai de l'eau dans les yeux
C'est qu'il me pleut sur le visage

Le vent du Nord qui s'amoncelle
S'amuse seul dans mes cheveux
Je n'étais pas toujours bien belle
Mais je crois qu'il m'aimait un peu
Ma robe a toujours ses reprises
Et j'ai toujours les cheveux fous
Mais c'est ainsi qu'il m'avait prise
Je crois que je l'aimais beaucoup

Il pleut sur le jardin, sur le rivage
Et si j'ai de l'eau dans les yeux
C'est qu'il me pleut sur le visage

Si j'ai fondu tant de chandelles
Depuis le temps qu'on ne s'est vus
Et si je lui reste fidèle
À quoi me sert tant de vertu ?
Qu'on me laisse à mes amours mortes !
Qu'on me laisse à mes souvenirs
Mais avant de fermer la porte
Qu'on me laisse le temps d'en rire
Le temps d'essayer d'en sourire

3. November 2019

Treppenwitz: Greta allein zu Haus




Daß den Olympischen, denen wenn nicht die Lenkung des Weltgeschicks, so doch dessen fallweise Pointierung und Zuspitzung obliegt, ein mitunter durchaus, nun: olympischer Humor eignet, wurde ja erst vor wenigen Tagen an dieser Stelle angelegentlich des Auftauchens des Kometen Borisov angemerkt. Neu ist diese Erkenntnis natürlich nicht: der Mythenschatz des alten Griechenlands ist von solch ironischen Volten undenkbar; neben der Ausgeliefertheit des Einzelnen an die Ἀνάγκη, das Fatum (dazu, wie sehr dies zum Fatalismus der damaligen Lebensgefühls beigetragen hat, hat Jacob Burckhardt in in den Bänden seiner Griechischen Kulturgeschichte zwischen 1898 und 1902 einiges angemerkt), bildet die Bestrafung der Vermessenheit der Sterblichen darin den Basso ostinato.

2. November 2019

Noch einmal Thüringen: Zu den Koalitionsmöglichkeiten jenseits von Blau-Schwarz-Gelb

Die Kollegen Llarian und Meister Petz haben in diesem Blog zur Diskussion über die Bildung einer blau-schwarz-gelben Koalition in Thüringen Stellung genommen. Das Erfurter Patt hat aber nicht nur dieses Bündnis – mag man es nun bürgerlich nennen oder nicht – auf den Debattentisch geworfen. Nein, auch andere, unterschiedliche Absurditätsgrade aufweisende Kooperationsmöglichkeiten wurden mit mehr oder weniger Ernsthaftigkeit dem (ab)geneigten Publikum unterbreitet. Im Folgenden sollen diese Regierungsoptionen einer Erörterung unterzogen wurden:

1. November 2019

CONTRA: Warum eine blau-schwarz-gelbe Koalition keine "bürgerliche" Koalition ist


­
Am Tag nach der Wahl - die endgültige Zusammensetzung des Parlaments in Erfurt steht aufgrund des knappen FDP-Ergebnisses noch nicht einmal ganz fest - erschallen, nicht zuletzt hier im kleinen Zimmer - die Rufe nach einer AfD-CDU-FDP-Koalition. 

Dass ich so einer Koalition ablehnend gegenüber stehe, genauso wie einer CDU/FDP-Beteiligung an einer Koalition mit der Linken, wird nicht überraschen. Mir geht zwar Thüringen an sich offen gestanden relativ gepflegt am Allerwertesten vorbei, und ich verlange ja auch nicht, dass die Repräsentanten eine größere Weltweisheit an den Tag legen als die, die sie repräsentieren (siehe Eingangszitat). 

Nicht am Sitzfleisch kann mir vorbeigehen, dass das Ganze als "bürgerlich-konservativ-liberale Mehrheit" nicht nur von Höcke und Gauland verkauft, sondern auch von einigen originär bürgerlichen, konservativen und liberalen als solche gekauft wird. 

PRO: Warum eine schwarz/blau/gelbe Koalition Sinn machen würde

Ab und zu gibt es in Zettels Raum die Kategorie Pro & Contra, in der zwei Autoren in einer bestimmten Frage gegensätzliche Ideen diskutieren. Aufgrund der aktuellen Situation in Thüringen haben ich und Meister Petz uns entschieden einen solchen Beitrag zu verfassen. Im folgenden Beitrag lesen Sie die von mir verfasste Pro Seite, kurzfristig wird die Contra Seite zugefügt.

***

Zugegeben: Ich glaube nicht wirklich daran, dass eine solche Koalition wirklich zustande kommen könnte, es gibt sehr gute Gründe anzunehmen, dass eine solche für CDU und auch die FDP verheerend ausgehen würde. Die FDP würde in den Medien systematisch bespuckt, gevierteilt, gehängt und erschlagen werden (und anschließend würde es unangenehm werden) und die Karriere von Mohring wäre mit dem Merkelschen Bannstrahl auch beendet, bevor sie eigentlich so richtig begonnen hätte. 

Dennoch wäre eine solche Koalition nicht die dümmste aller Ideen für das Land selber. Und es spricht weit mehr dafür als nur das dumme Gesicht eines Lars Klingbeil (der es auch vorgestern wieder nicht lassen konnte, angesichts eines weiteren, desaströsen SPD-Absturzes gegen die FDP zu hetzen), wobei das sicher schon ein sehr guter Grund wäre. 

31. Oktober 2019

"Hallowe'en in a Suburb" / "Vorstadt-Halloween"




"Hallowe'en in a Suburb"

The steeples are white in the wild moonlight,
And the trees have a silver glare;
Past the chimneys high see the vampires fly,
And the harpies of upper air,
That flutter and laugh and stare.

For the village dead to the moon outspread
Never shone in the sunset’s gleam,
But grew out of the deep that the dead years keep
Where the rivers of madness stream
Down the gulfs to a pit of dream.

29. Oktober 2019

"To seek out new worlds", II: Ein Planet namens "Gulliver"?

In Anknüpfung an das gleichfalls so betitelte Posting von vor zwei Wochen aus Anlaß der Verleihung des diesjährigen Physik-Nobelpreises soll es auch heute wieder um ferne Welten gehen, um Planeten, die außerhalb unseres heimischen Sonnensystems ihre Zentralgestirne umlaufen - aber nicht nur. Diesmal geht es sogar um die Möglichkeit für das geneigte pp. Publicum, in dieser Sphäre entscheidend tätig zu werden - wenn auch nur in einem winzigen Maßstab. Zu gewinnen gibt es dabei nichts (sieht man einmal davon ab, daß, in welch bescheidenem Maß auch immer, als Namensgeber tätig werden darf); die Gründung des galaktischen Imperiums der Menscheit steht noch (sit veni verbo) in den Sternen, und auf den Weltlauf wird dies, das kann man fest garantieren keinerlei Einfluß haben. Und dennoch...

22. Oktober 2019

2I/Borisov - Komet Borisov


(Abb.: Shutterstock)


- Аполлон Алекса́ндрович Григорьев, "Комета"

Когда средь сонма звезд, размеренно и стройно,
Как звуков перелив, одна вослед другой,
Определенный путь свершающих спокойно,
Комета полетит неправильной чертой,
Недосозданная, вся полная раздора,
Невзнузданных стихий неистового спора,
Горя еще сама и на пути своем
Грозя иным звездам стремленьем и огнем,
Что нужды ей тогда до общего смущенья,
До разрушения гармонии?.. Она
Из лона отчего, из родника творенья
В созданья стройный круг борьбою послана,
Да совершит путем борьбы и испытанья
Цель очищения и цель самосозданья.

- Июнь 1843

Apollon Alexandrowitsch Grigoriew (1822-1864)

"Der Komet"

Wenn einen Sternkreis, der harmonisch scheint
In dem man jede Stimme nur im Einklang hört,
Im Streben auf das eine Ziel vereint
Jetzt ein Komet durch wilde Irrfahrt stört.

Ein Irrläufer, ein Bruchstück voller Wahn
Ein Wüterich, in dem die Zwietracht loht;
Das Unglück selbst, und der auf seiner Bahn
Den andern Sternen selbstsüchtig mit Feuer droht.

Wem nützt dann diese wilde Konfusion,
Die alles packt, bevor die Harmonie zerbricht?
Aus dem "Warum?", dem Wandel selber schon
Hält Zwist dann übers Gleichmaß das Gericht.

Kann es vielleicht durch Kampf und Prüfung überwinden
Sich selbst neu schaffen und sich selber finden.

- Juni 1843                                                                                           (Nachdichtung: U.E.)

21. Oktober 2019

Peter Handkes Beschreibungslust

Walter Jens soll das Wort von Handke als „Heino der Metaphysik" geprägt haben. Eine Antwort:

Platons Höhlengleichnis kritisierte die Verwechslung der Dinge, die unsere Sinne wahrnehmen, mit der Wirklichkeit: Wir seien in unserer Höhle gefesselt und sähen nicht das echte Leben, sondern nur dessen Schatten an der Wand. Für Platon waren die wahren Dinge die göttlichen Urbilder, also das, was sie sein sollten. Peter Handke bemerkte das Rätsel so: „Für viele heißt nur das Wirklichkeit, was nicht in Ordnung ist.“ (Das Gewicht der Welt, Journal 1977) Er beschrieb unablässig den universalen Bildverlust, den modernen: das Vergessen und Vertauschen der Maßstäbe, Überflutung statt Anschauen. Die Dinge und Traditionen sprächen dadurch nicht mehr. Ihm ging es um eine Rettung und er nannte sie in „Der Bildverlust“ eine „Weltbestandsschleppe, über die ganze Erde streifend.“ Die Sprache der Welt-Bilder ist mehr als eine Moralreligion, sie ist die Antwort der Schöpfung auf die Frage, was uns retten kann.

16. Oktober 2019

Viele Stühle, eine Meinung

Es ist schon ein Hohn für sich. 

Am letzte Woche vergangenen Dienstag zerrt ein "Mann" (es wird sich später herausstellen, dass es ein Syrer mit subsidiärem Schutzstatus ist) den Fahrer eines LKW aus dessen Kabine und fährt mit dem LKW (den er offensichtlich kaum beherrscht und vor allem nicht in der Lage ist die Sicherheitssysteme abzuschalten) auf mehrere Autos auf. Die Autos stoppen seine Fahrt, so dass zwar Menschen verletzt werden, aber in glücklicher Fügung niemand getötet. Anschließend wird der Mann festgesetzt.

14. Oktober 2019

"To explore strange new worlds...": Zum Physiknobelpreis für Mayor und Queloz

Bei den regelmäßig wiederkehrenden Ritualen im Bereich der "harten", der exakt messenden, quantifizierbaren Naturwissenschaften (auch als MINT-Fächer bezeichnet), zu denen eben auch die alljährliche Verleihung der höchsten Auszeichnung auf diesen Gebieten, eben des von Alfred Nobel gestifteten und nach ihm benannten Preises, gehört, gibt es seit ein paar Jahrzehnten für Zuschauer, denen die Entwicklung dieser Fächer nicht vollständig böhmische Dörfer sind, der nicht ganz zutreffende Eindruck, es würden hier Koryphäen, von denen er (oder sie) noch nie etwas gehört habe, für ein Lebenswerk geehrt, von dessen Existenz man bis dato kenntnisfrei gelebt habe. Hingegen seien vor einem guten Jahrhundert, als die Namen der so Ausgezeichneten von Wilhelm Röntgen, Nils Bohr, Pierre und Marie Curie, Albert Einstein oder Werner Heisenberg lauteten, sowohl die Personen Bestandteil eienr informierten Allgemeinbildung gewesen und ihr Werk stünde für ein neu aufgeschlagenes Kapitel in der Geschichte ihrer jeweiligen Fächer. Ein solcher kursorischer Blick in den Rückspiegel täuscht, wie das Durchgehen der Liste frühere Preisträger schnell ergibt: Pieter Zeeman (Nobelpreis für Physik 1902) und  Joseph John Thomson (Nobelpreis für Physik 1906) dürften auch zu ihrer Ägide den meisten Zeitgenossen so ungeläufig:gewesen sei wie den heutigen Nachgeborenen. Dennoch ist dieser Eindruck, wie so oft, nicht völlig falsch. Die letzten Nobelpreisträger für Physik, deren Namen auch Laien "ein Begriff" sein dürften die von Kip Thorne (Nobelpreis für Physik 2017, für die Voraussage von Gravitationswellen, die in den 1990er Jahren durch die diversen LIGO-Experimente nachgewiesen wurden) und Peter Higgs (Nobelpreis 2013 für die Voraussage des nach ihm benannten Bosons, das subatomaren Partikeln Ruhemasse verleiht und in diesem Jahren am schweizerischen CERN nachgewiesen wurde).

24. September 2019

SInd wir wenige? Kann ich aus diesem Irrsinn noch aussteigen? Ein Gedankensplitter.

Normalerweise versuche ich (ehrlich!) die Welt positiv zu sehen: Die Regierung Merkel wird bald enden, der EZB geht das deutsche Geld so langsam aus und die SPD beendet ihre klagvolle Existenz unter Jubelschreien der eigenen Mitglieder. Es sind kleine Zeichen der Hoffnung, aber sie sind doch da. Der Irrsinn der vergangenen Jahre fällt so allmählich ihren Protagonisten auf die Füße und eine Gegenbewegung formiert sich, zwar langsam, aber doch kontinuierlich. Zumindest wäre das so meine irgendwie zusammengebaute Hoffnung.

18. September 2019

Es wird nie genug sein.

Schaut man die Tage eine der deutschen, politischen "Talkshows" (mein Beileid dazu), dann kommt man nicht umhin in nahezu allen dieser Shows ein ziemlich ähnliches Konzept zu sehen. Die eine (meist kleinere) Hälfte der Gäste kommt aus dem tatsächlich eher "bürgerlichen" Spektrum (also nicht die Wortverwässerung, die die Grünen für sich reklamieren, sondern aus dem echten Bürgertum), während die andere Hälfte aus dem Grünen bis dunkelroten Spektrum stammt. Dazu kommen dann ein oder zwei Spinner, die auf der grünen Seite dann den "Idealisten" spielen dürfen. Gerne nimmt man junge Leute, denen man die radikalen (und teilweise dummdreisten) Ideen zumindest nicht all zusehr verübelt.

7. September 2019

Die zersplitterte Linke. Die zu den Bobos strebenden Konservativen und Liberalen. Der lachende Dritte. Ein Gedankenspaziergang.

Es gibt wohl drei Hauptzielgruppen linker Politik:

1. Im Staatsdienst, in der (mit öffentlichen Geldern alimentierten) Sozialindustrie oder in der Medienbranche beschäftigte, großstadtbewohnenede Akademiker mit einem Abschluss zumeist in einer Geistes- oder Gesellschaftswissenschaft.

2. In Ausbildungsberufen tätige Arbeitnehmer.

3. Voll oder überwiegend von Sozialleistungen lebende Bürger respektive Bezieher prekärer nichtstaatlicher Einkünfte (zum Beispiel Jobber und Kleinrentner).

Wie es sich für eine gute Kategorisierung gehört, ist die vorstehende Aufzählung mit dem groben Pinsel gezeichnet und wird dadurch freilich nicht jedem Einzelfall gerecht. Dies gilt auch für die folgenden weiteren Ausführungen:

31. August 2019

Wie wählt er, der Ossi?

Morgen wählt natürlich nicht „der Ossi“. Vielmehr entscheiden nur die Sachsen und die Brandenburger über die Zusammensetzung ihrer jeweiligen Landtage. Wer nicht das Glück hatte, in den letzten Wochen von deutschen Feuilleton- und Twitter-Debatten verschont geblieben zu sein, hat die Anspielung in der Überschrift zweifellos verstanden.

Der SPIEGEL-Titel vom 24. August „So isser, der Ossi“, illustriert mit einer schwarz-rot-goldenen Angler-Kopfbedeckung, hat für einige veröffentlichte Erregung gesorgt. Die einen warfen dem Nachrichtenmagazin Doppelstandards vor, weil dessen Redaktion im Falle anderer Personengruppen abwertende Pauschalurteile unter keinen Umständen, also auch nicht mit offenkundig triefender Ironie, aufs Cover brächte. (Ein Aufmacher „So isser, der Moslem“ oder „So sind sie, die Weiber“ würde bei dem Hamburger Blatt sicher noch nicht einmal das Stadium eines unausgegorenen Vorschlags erreichen.) Andere, insbesondere ostdeutsche Linke (gemeint ist das Lager, nicht die Partei), beklagten den Inhalt der Generalisierung: Wie man an ihnen sehe, seien doch nicht alle Bewohner der neuen Bundesländer pöbelnde Merkel-Gegner wie das Zerrbild des berühmt gewordenen Hutbürgers. Man möge den Osten differenzierter betrachten. Eine Zusammenfassung der Diskussion mit durchaus interessanten Nebensträngen findet man in der SPIEGEL-Online-Kolumne von Stefan Kuzmany.

29. August 2019

Anfrage an den Schöpfer- und Erlösungsglauben

Wer in einer einsamen Gegend zum nächtlichen Himmel aufblickt, sieht nicht nur viele Sterne, sondern ein Problem.

Die Größe unseres Universums und die Möglichkeit von weiteren belebten fernen Planeten bedeuten eine Anfrage an die jüdische und christliche Rede von einem Schöpfergott mit Interesse an und Beziehungen zu den Menschen auf unserer Erde und eine spezifisch-kritische Anfrage an den Glauben der Christen: Was wird in ihrem Weltbild aus der Vorstellung von einem Gott, dessen „Sohn“ vor 2000 Jahren als Jude Jesus in Galiläa in der Gestalt eines Gottmenschen aufgetreten sein soll? Muss die Christologie der Kirchen nicht schon jetzt geändert werden oder kann sie noch solange, also lange, bestehen bleiben, nämlich bis es einen Kontakt mit einem Planeten gibt, auf dem eine vergleichbare Gattung mit einer ähnlichen Bewusstseins-, Sprach-, Schuld- und Erlösungsgeschichte lebt?

27. August 2019

Vowärts nimmer: Berlin ruft die DDR aus.

Zugegeben: Es ist inzwischen schwer geworden nur noch auf ein einzelnes "Problem" in Berlin hinzuweisen, denn inzwischen ist der Morast an Problemen und Katastrophen derart dicht geworden, dass das Ganze eine so feste Melange ergibt, dass einem irgendwann nur noch der Begriff des failed state durch den Kopf geht.                                                                     
Die neuste Ausgeburt ist der "Lompsche Mietendeckel", was aber auch schon eine Mogelpackung in Begrifflichkeit ist, denn real handelt es sich um das massiveste Mietkürzungsprogramm, dass die Republik seit 80 Jahren gesehen hat. Das Programm existiert derzeit noch als Entwurf, aber schon dieser Entwurf alleine, vollkommen unabhängig davon, ob er das Gesetzgebungsverfahren erfolgreich durchläuft oder dann von diversen Gerichten wieder kassiert werden könnte, dürfte eine verheerende Wirkung auf dem Berliner Wohnungsmarkt entfalten, die erst einmal ihres Gleichen suchen dürfte. Wer immer eine vermietete Wohnung in Berlin sein Eigen nennt, dürfte damit den besten Zeitpunkt des Verkaufes hinter sich haben und wer immer mit dem Gedanken gespielt haben dürfte, eine solche zu erwerben, wird schleunigst Berlin aus der Karte möglicher Alternativen streichen. Der SED dominierte Senat hat sich entschlossen die Vermieter der Hauptstadt faktisch zu enteignen, praktischerweise in einer Form, wo er meint, dass er keine Entschädigungen zahlen muss, was er bei offenen Enteignung, wenn auch unter sehr viel murren, tun müsste.