7. August 2022

"Weltraumquallen II" oder: Gedränge im Weltraum





Oder, genauer gesagt: nicht im Weltall – wohl aber an den Weltraumbahnhöfen der Erde, von denen aus der Start in die irdische Umlaufbahn und darüber hinaus erfolgt. Und wenn auch für die einzelnen Startrampen dort vorgestern jeder Start eine Rakete „das übliche Programm“ darstellte, so manifestierte sich die drangvolle Enge doch immerhin im Terminkalender des Betrachters. Ich habe es jetzt nicht für jeden Tag in der Geschichte der Raumfahrt nachverfolgt, aber eine solche Häufung, eine solche Taktfolge, wie sie vor 2 Tagen, am 4. August 2022, an den Tag gelegt wurde, hat es in diesen fast 65 Jahren noch nicht gegeben. Nicht eine, nicht zwei, auch drei, sondern gleich vier verschiedene Missionen haben, über den ganzen Tag verteilt, ihren Anfang genommen. (Als kleines Beseit: es gibt kein griffiges deutsches Pendant für die englische Wendung „a busy day“ – wie in „a busy day in space“: hier werden nur Teilaspekte betont: „ein stressiger Tag,“ „das volle Programm“.) (Auf dieser Seite der ESA, „Space Environment Statistics,“ kann man nachlesen, daß seit dem 4 Oktober 1957, als das Raumfahrtzeitalter durch „Sputnik“ eingeleitet worden ist, bei gut 6220 Starts insgesamt 13300 Satelliten ins All befördert worden sind, von denen gute 6100 zurzeit noch ihren Dienst versehen; zu beachten ist, daß mehr als 2950 davon aus die Konstellation entfallen, die seit dem Mai 2019 durch „Starlink“ gebildet wird.)

Gelegentlich ist es vorgekommen, daß zwei Starts am selben Tag stattfanden – aber dann waren die Starts in der Regel Teil einer gemeinsamen Mission. So etwa beim Start der gemeinsamen Apollo-Sojus-Mission im Juli 1975 zum „Rendezvous im Weltraum,“ einer symbolischen Aktion, die das „Ende des Wettlaufs ins All“, des „Space Race“ symbolisieren sollte – offiziell ASTP, Apollo-Sojuz-Test-Programm genannt, als umgerechnet auf Mitteleuropäische Zeit (der Flug fand 5 Jahre vor der Einführung der Sommerzeit in Deutschland statt) um 13:20 die Kosmonauten Alexej Leonov und Waleri Kubasow mit Sojus-19 vom Kosmodrom Baikonur starteten, gefolgt um 20:50 von Thomas Stafford, Vance Brand und Deke Slayton in einer „Apollo“-Kapsel von Cape Canaveral. (Ältere Zeitzeugen werden sich erinnern, daß Amerikas Raumfahrtbahnhof während des Mondlandeprogramms als „Cape Kennedy“ in den Medienberichten figurierte; die Rückänderung des in Florida unbeliebten Namens erfolgte im Oktober 1973.) Möglich geworden war das Unternehmen dadurch, daß der US-Kongreß im Januar 1972 die Mittel für die drei letzten geplanten Mondflüge, Apollo 18 bis 20, gestrichen hate, die „Hardware“ aber schon gefertigt worden war.

So war es auch im Fall des letzten „Doppelstarts“ am gleichen Kalendertag von der amerikanischen „Space Coast“ aus, im März 1966, als Gemini 8 von der Startrampe 19 mit den Raumfahrern Neil Armstrong und David Scott abhob, um ein Rendezvous mit der Zweitstufe einer Atlas Agena-Rakete durchzuführen, die 100 Minuten zuvor vom benachbarten „Launch Complex-14“ auf den Weg gebracht worden war. Das Manöver diente zur Erprobung der Navigations- Kopplungstechniken, die für die Durchführung der Landung auf dem Mond notwendig werden sollten. Das Unternehmen stand unter keinem guten Stern: das Andocken gelang zwar, aber ein Ventil in der Agenda-Stufe hatte sich beim Start verklemmt, und bei dem Versuch, die instabile Lage mit dem dortigen Antrieb zu korrigieren, hatte zur Folge, daß Kapsel und Rakete in ein sich beschleunigendes Rotieren gerieten, bis sie sich einmal pro Sekunde drehten. Nach der Trennung und der händischen Korrektur der Lage des Raumschiffs durch Kommandant Armstrong war der Treibstoffvorrat der Kapsel so weit erschöpft, daß die Mission nach nur 10 Stunden abgebrochen wurde. (Beim ersten „gemeinsamen Raumflug“ drei Jahre zuvor, mit den Kapseln Wostok 5 und Wostok 6 im Juni 1963, mit den Kosmonauten Walentina Tereschkowa und Waleri Bykowski, lagen übrigens zwei Tage zwischen den beiden Starts)

Aber der Reihefolge nach; und zwar der zeitlichen.

26. Juli 2022

Das Mittel ohne Nebenwirkungen

"Wenn behauptet wird, dass eine Substanz keine Nebenwirkung zeigt, so besteht der dringende Verdacht, dass sie auch keine Hauptwirkung hat."
                                                                                                     --- Gustav Kuschinsky

Das alle wirksamen Medikamente Nebenwirkungen haben, ist vermutlich so ziemlich jedem Pharmakologen bewusst, es hat mitunter den Character einer selbst dem Laien vertrauten Binse. Was den weltbekannten, selbsternannten Virologen, Epidemiologen und Pharmezeuten ehrenhalber, Dr. Karl Lauterbach, nicht daran hinderte die "Impfung" gegen Corona wiederholt als nebenwirkungsfrei(!) zu bezeichnen, beispielsweise hier. Natürlich könnte es sein, dass Lauterbach einfach davon ausgegangen ist, dass der Stoff auch hauptwirkungsfrei ist (was man wohl inzwischen mit einiger Berechtigung durchaus unterstellen kann), aber viel wahrscheinlicher ist es wohl eher, dass der gute Mann eben nicht nur in seiner Eigenschaft als Epidemiologe ein Hochstapler ist und seine Qualifikation als Arzt von ähnlicher Qualität rührt. 

24. Juli 2022

Von "Layla" zu "Putin"





Lenin hat es nicht geschafft
Stalin hat es nicht gerafft.
Wieso denkt Ihr, daß ich das kann?
(Putin Girls): Du führst uns ins gelobte Land!
Ganz recht: verdammt noch mal, ich bin der Putin-Mann!

I.

Mitunter kommt man als Blogger zu seinen Themen wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind – in diesen Fall durch schlichte Anwendung des klassischen dialektischen Dreisprungs „Theke → Antitheke → Syntheke.“ Und daß ich ohne den Anlaß nicht auf diese Pointe gekommen wäre, zeigt eine musikalische Bildungslücke, die vielleicht mehr über mich sagt, als mir lieb sein kann. Auslöser war in diesem Fall der Hinweis des geschätzten Netztagebuchmitführers Llarian auf Marius Müller-Westernhagens kleines musikalisches Skandalon über nichtschlank gelesene Zeitgenossen vor mittlerweile auch schon 44 Jahren. Ich habe dazu im „Kleinen Zimmer“ die Anmerkung angefügt, daß „Dicke“ Ende 1978, als MWWs vierter Longplayer „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ erschien und im Radio gespielt wurde, keineswegs so anlaßlos in der Luft hing, wie das den Nachgeborenen erscheinen mag. Das Album hat Müller-Westernhagen damals „einen Namen gemacht,“ seine ersten drei LPs, die vorher im Jahrestakt erschienen waren, waren, waren praktisch unbeachtet geblieben – und als Schauspieler hat er sich erst zwei Jahre später in der Hauptrolle in Peter Bringmanns „Theo gegen den Rest der Welt“ einen gewissen ikonischen Ruf erworben, in einem der wenigen deutschsprachigen Road Movies, die nicht von der ersten bis zur letzten Szene bemüht und witzlos daherkommen. Das „Pfefferminz“-Album war eines der ersten Alben, bei denen Deutsch als Sprache der Rockmusik wenn schon nicht geschätzt, aber zumindest allgemein zur Kenntnis genommen wurde. Zuvor war das allein Udo Lindenberg vorbehalten gewesen. Hörern, die später musikalisch sozialisiert worden sind, mag es vielleicht unglaublich erscheinen, aber für eine, zwei Generationen, die seit den Fab Four aus Liverpool mit der aktuellen Populärmusik groß geworden sind, war – und ist – die Idee, „Deutsch“ als Idiom der Rockmusik zu verwenden, grotesk und geschmacklos. Wirkliche Rockmusik: das waren die Rolling Stones, die barock gedrechselten Synkopen von Genesis, „Stairway to Heaven,“ „River Deep, Mountain High,“ der Sound von Janis Joplin und Jimi Hendrix (gut, bei Hendrix‘ Genuschel hätte es sich auch um Esperanto handeln können). Deutsch war die Sprache der seichten, peinlich triefenden Schlager – oder, ab Ende des 70er Jahre, der Liedermacher wie etwa Reinhard Mey. Bevor gut ein Jahr später, um die Jahreswende 1979/80, die stets wie eine Parodie-ohne-Witz daherkommende aufgesetzte Infantilität der „Neuen Deutschen Welle“ losbrach, war die „Vorige Deutsche Welle“ den „Blödelbarden“ von Schlage Insterburg & Co., Frank Zander und Ulrich Roski vorbehalten gewesen. (Daß Meys größte Erfolge Mitte der 70er Jahre wie „Diplomatenjagd“ oder „Annabelle“ sich genau in dieses Muster fügten, ist wohl kein Zufall.)

21. Juli 2022

Streisand, Würzburg und der Ritt auf dem Schmetterling

Würzburg, knapp 130.000 Einwohner, irgendwo in der Walachei in .... -na, wer weiß es?- der bayrischen Provinz. Man hat es schon mal gehört, aber so richtig viel wissen tut man gemeinhin eher nicht über die doch eher possierliche Gemeinde, mal ab davon dass sie wirtschaftlich recht erfolgreich ist, auch wenn man die großen Arbeitgeber überregional nicht unbedingt allzu gut kennt.

Würzburg war nun also der Meinung, dass es eine besonders gut Idee wäre, in die Fußstapfen der großen Barbara Streisand zu treten, um bundesweit ein bischen die Bekanntschaft zu steigern. Und das ist in Zeiten wo die Presse zwischen dem Krieg in der Ukraine, Klabauterbachs neuesten Drohungen und der realen Energiekrise schon eine ganz ordentliche Herausforderung. Man entschied sich daher bei dem anstehenden "Kiliani Volksfest" (so eine Art lokales Besäufnis im Stil des Oktoberfestes) das derzeit auf Mallorca recht populäre Lied "Layla" zu verbieten, bzw. mit den Veranstaltern eine "Vereinbarung" zu treffen, das das Lied (und andere) nicht gespielt werden darf.

20. Juli 2022

Paul Scheerbart, "Luftquallen" (1910)



Luftquallen. Eine Entdeckergeschichte.
Von Paul Scheerbart

Vor acht Tagen besuchte mich ein Herr, auf dessen Visitenkarte der sonderbare Name "Crispin Dobberkatz" stand. Der Herr sagte gleich:

"Ich habe einen komischen Namen, das ist ein großes Unglück für mich; denn man lacht immer, wenn ich was erzähle. Außerdem bin ich ein geborener Amerikaner - aus Chicago. Und als Amerikaner werde ich auch nicht ernst genommen, weil man jetzt alle Amerikaner für Schwindler hält - Cook und Peary haben mir da sehr geschadet."

"Wodurch," fragte ich da, "kann ich Ihnen also gefällig sein?"

"Sie," erwiderte er, "werden in jedem Falle immer ernst genommen. Ihnen glaubt man alles. Sie haben noch nie die Unwahrheit gesagt."

"Das weiß ich!" versetzte ich stolz und bot dem Herrn eine meiner sehr langen Zigarren an.

Wir rauchten.

Und er fuhr fort:

"Sehen Sie, die Sache liegt nun so: ich habe etwas Kolossales entdeckt; nicht einmal Eskimos hatte ich bei mir - wie Cook und Peary."

"Haben Sie," fragte ich da ganz ernst, "den Südpol der Erde entdeckt?"

"Nein," erwiderte er.

18. Juli 2022

"Weltraumquallen" - Von Dingen, die am Himmel gesehen werden





I.

Vorgestern, am 15. Juli 2022, ist von Cape Canaveral – Entschuldigung: vom „Kennedy Space Center“ (KSC) – nicht zu verwechseln mit der daneben gelegenen Cape Canaveral Space Force Station (CCSFS) – von der aus dem Apollo-Programm bekannten „Mondstartrampe,“ dem „Launch Complex 39B,“ eine Falcon 9 von SpaceX mit einer Cargo-Dragonkapsel an der Spitze in den abendlichen Sommerhimmel gestartet, um mehr als 2,5 Tonnen Ausrüstung und Versorgungsgüter zur Internationalen Raumstation zu bringen (genauer: 2668 kg). Gestern, um 17:21 mitteleuropäischer Sommerzeit, ist die Mission CRS-25 nach 16 Stunden Flugzeit am Harmony-Modul der ISS angedockt. Das Kürzel CRS steht übrigens für „Commercial Resupply Service“ (habe ich schon einmal erwähnt, daß Raumfahrtorganisationen in aller Welt sich durch einen geradezu obsessiven AKÜFI, einen AbKÜrzungsFImmel auszeichen, der jedes Militär vor Neid erblassen läßt?). Das wäre weiter nicht erwähnenswert, da solche Starts mittlerweile Routine sind und Starts von SpaceX im Wochentakt stattfinden. Mehr noch: in wesentlich kürzeren Abständen. Der nächste Start von SpaceX, mit dem die neueste Tranche von 53 Starlink-Satelliten in die Umlaufbahn gebracht wurde, fand heute Nachmittag von der benachbarten Startrampe 40 im KSC statt, deren Erststufe als zweiter Booster seinen 13. Flug absolvierte. Damit beläuft sich die Zahl der Erdtrabanten, die SpaceX im Verlauf der letzten 3 Jahre gestartet hat, auf 2858, von denen mehr als 2500 ihren Dienst als Kommunikationsrelais versehen. Die nächsten beiden Starts zum Aufbau dieses im Wortsinn weltumspannenden Kommunikationsnetzes finden am nächsten Donnerstag von der Air Force Base auf der anderen Seite der USA, der Vandenberg AFB statt (Mission 3-2) sowie am Sonntag in einer Woche, dem 24. Juli, (Mission 4-25), wieder von der Rampe 39. (Die vorgestellte Zahl bezeichnet die „Schale,“ die Höhe, in der die Satelliten kreisen; die 4. Schale weist jetzt mehr als 1000 Satelliten auf.) Mit dem heutigen Start hat SpaceX im laufenden Jahr den 31. Start absolviert und hat damit jetzt schon mit dem Jahr mit den bislang meisten Starts, 2021, gleichgezogen.

13. Juli 2022

JWST. "Erstes Licht"





(JWST Deep Field)



Zum Vergleich: links dieselbe Region in einer Aufnahme des Hubble Space Telescaope, rechts die des JWST.

I.

12. Juli 2022

Randnotiz: Die Welt will mehr Frauen!



Gut, das wir die "Welt" haben, so erklärt uns die Chefredakteurin(!) der Welt, Jennifer Wilton, dass wir dringend mehr Quote brauchen, da die deutsche Wirtschaft, als internationales "Schlusslicht" nur 22% Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten aufweist. Und das mache ja Sinn, "denn wo gemischtere Teams, da mehr Erfolg" (wörtliches Zitat). 

11. Juli 2022

Eine wirkliche Mondrakete: "...und wieder zurück"





(Symboldbild)

In der nachgerade „unendlichen Geschichte,“ die die Rückkehr der Menschen zum Erdtrabanten mittlerweile darstellt (oder genauer: als deren unmittelbare Vorbereitung sich mittlerweile präsentiert), bleibt dem Chronisten für die 26. Kalenderwoche, mit der die erste Hälfte des laufenden Jahres abschließt, nur, zwei erfolgte Schritte in diesem Marathonlauf im Protokoll zu vermerken. Sie mögen sich, jeder für sich genommen, nicht sehr gewichtig ausnehmen. Aber daß sie erfolgt sind, zeigt, daß sich hier definitiv „etwas bewegt“ und daß tatsächlich Hoffnung besteht, daß wir nach all den endlosen Verzögerungen und Vertagungen damit rechnen können, in absehbarer Zeit tatsächlich Zeugen eines solchen Aufbruchs zu werden. Ich erspare mir an dieser Stelle Überlegungen darüber, ob es sich bei bemannten Flügen zum Mond – oder zum Mars – tatsächlich um einen „Aufbruch“ handelt, ob die „Zukunft im All“ nicht besser Robotern, Rovern und automatischen Sonden vorbehalten sein sollte und daß der „spirituelle Mehrwert“ eines solchen Unterfangen sich in jedem Fall in überschaubaren Grenzen halten dürfte. Genau diese Erwägungen sind schon vor einem halben Jahrhundert, als Neil Armstrong seinen kleinen Schritt für einen Menschen und den „gewaltigen Sprung für die Menschheit“ im Meer der Ruhe machte, endlos angestellt worden – und aus der Rückschau kommt ihnen nicht das geringste Gewicht zu. Die „Vermessenheit,“ die „Hybris,“ die nicht nur von damaligen Zeitgeistsurfern wie Günther Anders scharf verurteilt und der Erbsünde zumindest der westlichen Menschheit zugeschlagen wurde („for man has invented his doom / first step was touching the moon,“ hieß es 14 Jahre später, 1983, in Bob Dylans Song „License to Kill“ aus dem Album „Infidels“), zeichnet in der Rückschau eher solche moralischen Vorhaltungen aus. Aus der Distanz von einem halbem Jahrhundert wirkt auch der damalige Vorschlag, die Kosten des Mondlandeprogramms „doch lieber zur Lösung sozialer Probleme“ zu verwenden oder damit „den Welthunger zu bekämpfen,“ ausgesprochen naiv – vor allem, wenn man bedenkt, daß die letzte Frage zu genau jener Zeit durch Norman Borlaughs „Grüne Revolution“ (die nichts mit heutigen „grünen Weltumbauplänen“ zu tun hatte) gelöst wurde, und daß der Welthandel und die Öffnung des größten Teil der Welt für den Markthandel im letzten halben Jahrhundert das größte Wohlstandsprogramm in der Geschichte der Menschheit darstellte und mehr Menschen aus der Falle der absoluten Armut befreit hat, als es auch das astronomischste Regierungsprogramm je hätte tun können.

(Note 1: zwischen 1990 und 2015 ist nach Berechnungen der Weltbank der Anteil der Weltbevölkerung, der in solcher „absoluter Armut“ lebt – konkret: von umgerechnet weniger als $1,90 pro Tag – von 36% auf 10% der Weltbevölkerung gesunken, und das, obwohl sich die Zahl der Menschen auf der Erde von 5,28 Milliarden auf 7,33 Milliarden erhöht hat.) (Note 2: Die Kosten des „Apollo“-Mondflugprogramms beliefen sich für den Zeitraum von 1960 bis 1973 – von den ersten Planungen bis zur Verwendung einer dritten Stufe einer Saturn V als erste amerikanische Raumstation „Skylab“ – auf insgesamt 25.8 Milliarden Dollar. Inflationsbereinigt würde dies in heutiger Kaufkraft einer Summe von 257 Milliarden Dollar entsprechen. Das „Artemis“-Programm hat. Das Space Launch System, das sich seit 2011 in der Entwicklung und im Bau befindet, hat bislang eine Summe von gut 20 Milliarden Dollar gekostet.)

7. Juli 2022

Randnotiz: Venezuela als Vorbild und "Wer A sagt, muss auch B sagen wollen"

Es mag zunächst mal noch ein Kuriosum sein, aber die Bild Zeitung weiß diese Woche zu berichten, dass die erste Wohnungsbaugenossenschaft in Deutschland ihren Mietern Duschzeiten vorschreibt, "um Energie zu sparen". Man sollte meinen es sei ein Witz und neigt dazu den Kalender zu suchen ob wir Anfang April haben. Aber es ist kein Witz. Die meinen das vollkommen ernst. Deutschland im Jahr 2022 bereitet sich darauf vor "den Gürtel enger zu schnallen". 

24. Juni 2022

火星的狗牛 – „Die Hunde des Mars“





(William K. Hartmann, "Dusk of Mars (after Frederic Church)," (2000))

„Cry ‚Havoc!’ and let slip the dogs of war.”

Marcus Antonius’ berühmt-berüchtigter Satz in der ersten Szene des dritten Aufzugs von Shakespeares Historiendrama „Julius Cäsar,“ und von August Wilhelm Schlegel leicht sinnverfremdend als „Mord rufen und des Krieges Hund entfesseln!“ wiedergegeben, ist wohl die bekannteste klassische symbolische Kopplung des Hundes mit der abstrakten Idee des Krieges. Und ebenso „klassisch“ ist die Vorstellung, den kosmischen Nachbarn der Erde, den Planeten Mars, wegen seiner schon mit bloßem Auge erkennbaren blutroten Einfärbung mit der Vorstellung des Kriegs und der Vernichtung in Verbindung zu bringen und entsprechend in seinem Auftreten am Nachthimmel und den Begegnungen mit den anderen Wandelsternen böse Vorzeichen erkennen zu wollen. Das geht weit über die Verbindung mit dem griechischen Gott des Krieges, Ἄρης, hinaus, dessen Pendant im römischen Pantheon, dem Mars, der Planet seinen heute gebräuchlichen Namen verdankt. Schon in der babylonischen Sternkunde, der die griechische vieles verdankte, war der Planet eine Verkörperung oder ein Symbol für den Kriegsgott Nergal – und auch im alten China galt das Auftauchen des „Feuersterns,“ des 火星 (Huǒ Xīng) als Ankündigung von „Krieg, Tod und Vernichtung.“ Asaph Hall, der 1877 die beiden Monde des Mars entdeckte, reihte sich in diese Tradition ein, indem er ihnen die Bezeichnungen der traditionellen Begleiter des Krieges, Furcht und Schrecken, Phobos und Deimos, verlieh.

Eine zweite, handfestere, aber nicht weniger symbolträchtige Verklammerung ergibt sich aus der leicht frivolen Feststellung, daß es im gesamten uns bekannten Universum genau zwei Planeten gibt, auf denen sich Zeichen von technologischer Aktivität , von zielgerichteter Manipulation der Umwelt, kurz: von intelligentem Leben gibt – und daß der Mars der einzige Weltkörper in diesem bekannten Universum darstellt, dessen Bevölkerung ausschließlich aus Robotern besteht. Als nach der Mitte des 19. Jahrhunderts, zumindest im Westen, die Vorstellung populär wurde, daß des sich bei den Planeten unseres Sonnensystems um bewohnbare Welten nach dem Muster der Erde handeln könnte, deren Leben sich entsprechend der Darwinschen Entwicklungslehre an seine spezifischen Umwelten angepaßt hat, überwog die auf der von Simon Laplace und Immanuel Kant entwickelte Vorstellung, diese „Vielzahl der bewohnten Welten“ sei sukzessive entstanden, indem sich die Gaswolke, aus der die Planeten des Sonnensystems kondensierten, „von außen her“ abkühlten und den Weg des Lebens einschlugen, sobald die Zustände vor Ort dafür erträglich geworden waren. In dieser Sicht stellte der Mars eine „alte Welt“ dar, an der man die Zukunft der Erde bereits heute sehen konnte: eine einstmals blühende Welt, deren Ozeane verdunstet und der zur lebensfeindlichen Wüste geworden war. (Daß die Forschung durch Raumsonden, die dies seit nunmehr einem halben Jahrhundert vor Ort nachprüfen, einerseits durchaus bestätigt worden ist, andererseits hier Zeitmaßstäbe nicht von Jahrtausenden oder Jahrmillionen gelten, sondern von Jahrmilliarden, zählt zu den hübschen Ironien der Wissenschaftsgeschichte.) Insofern könnte man versucht sein, beim Mars tatsächlich „die Zukunft der Erde“ vorweggenommen zu sehen – jedenfalls in Jahrmilliarden, wenn die sich aufheizende Sonne die Ozeane tatsächlich zum Verdunsten bringt und die einzigen „Lebensformen,“ die dann noch an der Oberfläche tätig sein könnten, tatsächlich Roboter oder ähnlich beschaffene Automaten sein könnten.

14. Juni 2022

Москва - второй Билефельд





Daß die staatliche Propaganda totalitärer Systeme in Kriegs- und Krisenzeiten in unschöner Regelmäßigkeit ausgesprochen bizarr anmutende Sumpfblüten hervorbringt, darf nach den Erfahrungen mit solchen Gebilden im Lauf der letzten 100 Jahre als historisches Gesetz gelten – und insofern überrascht es kaum, daß in den russischen Medien im Zusammenhang mit Putins „Спецоперация на Украине,“ der „Spezoperazija na Ukraine“ es in dieser Hinsicht so hoch hergeht wie in den Tagen des georgischen Väterchens. In den vergangenen Wochen habe ich an dieser Stelle ja schon mehrmals über besonders groteske Beispiele dafür berichtet (hier und hier). In der vergangenen Woche ist nun ein weiterer solcher Schnörkel hinzugekommen, als in der laufenden Medienbegleitung zu lesen war, daß die russische Duma einen Antrag beschließen soll, um die 1991 erfolgte Unabhängigkeitserklärung Litauens für ungültig zu erklären und somit zumindest pro forma schon einmal „heim ins Reich“ zu holen, im Zug von Putins erklärtem Ziel des „Einsammelns russischer Erde“ (Cобирал русские земли).

Zwei Reaktionen waren bislang darauf zu verzeichnen: zum einen den Vorschlag des konservativen Abgeordneten Matas Maldeikis, der für die christdemokratische Partei „Vaterlandsbund“ (Tėvynės Sąjunga – Lietuvos krikščionys demokratai) im litauischen Parlament, dem Seimas, sitzt, der vorschlug, für den Fall, daß Präsident Putin einen solchen Beschluß unterzeichnen würde, doch im Gegenzug bitte den „Ewigen Frieden“ von 1634 außer Kraft zu setzen, der ein Ende der fast 30 Jahre lang andauernden Kriegszüge zwischen dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen auf der einen Seite und dem Zarenreich auf der anderen Seite beendet hatte, mit der Forderung, daß Herr Putin bitte die Vorherrschaft des polnischen Königs Władysław IV. Wasa (oder seines aktuellen Rechtsnachfolgers) anzuerkennen habe und die damals an Russland gefallenen Gebiete an den Westen zu restituieren habe. Von entsprechenden Forderungen deutscher Politiker nach einer Rückgabe Königbergs ist bislang nichts bekannt geworden.

12. Juni 2022

Llarians Welt: Selbstoptimierung?

Mir wurde neulich in unserem kleinen Zimmer "vorgeworfen" (zumindest war der Anwurf so verwendet), dass ich ein geistiger wie körperlicher "Selbstoptimierer" sei. Dem Vorwurf habe ich erst einmal ad hoc zugestimmt, ohne groß darüber nachzudenken. Denn es erschien mir (und erscheint mir) durchaus sinnvoll an sich selber zu arbeiten. Aber vielleicht verbirgt sich hinter diesem platten Anwurf doch etwas mehr als nur ein Begriff.

8. Juni 2022

Eine wirkliche Mondrakete: Hin und wieder zurück





I.

Gestern, am 6. Juni 2022, dem Pfingstmontag („einem Feiertag, von dem niemand weiß, wozu er gut ist,“ schreibt Norbert Hummelt in seiner gerade erschienen Tour d’horizon „1922: Wunderjahr der Worte“ über das Annus Mirabilis der modernen Literatur, zum gleichen Termin vor einem vollen Jahrhundert), hat am frühen Morgen nach Ortszeit auf dem KSC, dem Kennedy Space Center in Florida, das SLS, das Space Launch System, die Mondrakete des Artemis-Programms der NASA, zum zweiten Mal seinen Weg von dem VAB, der Montagehalle, (Englisch „Vehicle Assembly Building“) zum LC-39B, dem Launch Complex 39, der Startrampe zurückgelegt. Und wenn beim Leser der Eindruck entsteht, die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA, die National Air and Aeronautics Administration, laboriere an einem AKüFi, einem Abkürzungsfimmel, der jedem Militär zur Ehre gereichen würde, liegt er damit vollkommen richtig. (Bezeichnenderweise gibt es im Englischen nicht nur den obsoleten Fachausdruck „Acromania“ für eine verschärfte Form von Geisteskrankheit, sondern auch das Pendant „Acronymania,“ gemäß der Definition in Webster’s Dictionary „fervent or excessive enthusiasm for the use of acronyms or initialisms,“ zuerst 1960 als Neubildung im „New Scientist“ verwendet – der Kleine Zyniker vermutet einen gewissen Zusammenhang mit der zwei Jahre zuvor erfolgten Gründung einer gewissen Raumfahrtbehörde – und 1999 in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ von David Sharop als klinisches Krankheitsbild klassifiziert (Band 353, S. P1728).)





(Offizieller AkÜFI der NASA für den Anfangsbuchstaben "D")

Der Transport des Ensembles der 98 Meter hohen Rakete, dem Starttisch und dem Startturm, beides unter ML (für „Mobile Launcher“) zusammengefaßt, alles zusammen mit einem Gewicht von 9700 Tonnen zum 6,8 km entfernten Startkomplex, auf dem gewaltigen Transporter (CT-2, für „Crawler-Transporter 2“) begann eine Viertelstunde nach Mitternacht floridianer Ortszeit (EDT, für „Eastern Daylight Time“) und endete nach zehneinhalb Stunden um 10:47, also 16:47 MESZ (für „Mitteleuropäische Sommerzeit“). In gut zwei Wochen, am Sonntag, dem 19. Juni, soll nun der zweite Versuch einer Probebetankung (WDR, für „Wet Dress Rehearsal“) mit drei Millionen Litern flüssigem Sauerstoff und Wasserstoff erfolgen, um nach erfolgreicher Absolvierung des Countdowns (für den es sinnigerweise keine Abkürzung gibt) wieder zurück zum VAB gefahren zu werden, um dann – hoffentlich – im August endlich doch in die Erdumlaufbahn und von dort auf einen gut dreiwöchigen unbemannten Probeflug zum Erdtrabanten starten zu können. Der Grund für diese dritte Rangierfahrt liegt darin, daß die NASA die Feststoff-Rettungsrakete (LAS, für „Launch Abort System“), die die Orion-Kapsel im Notfall in Sicherheit bringen soll, nur für 20 Tage lang für einen Einsatz freigibt, bis die Tankfüllung erneuert werden muß. In gewisser Weise entspricht das Profil dieser unbemannten Mission, Artemis-1, den beiden Erstflügen aus dem Apollo-Mondflugprogramm vor einem halben Jahrhundert, die ziemlich in Vergessenheit geraten sind: Apollo 4 und Apollo 6, vom November 1967 und April 1968. Allerdings gelang es in Fall von Apollo 6 nicht, die Kapsel wie geplant auf den Kurs zum Mond zu bringen, weil die dritte Stufe der Saturn-V-Trägerrakete nicht zündete (außerdem hatten sich zwei der drei Triebwerke der zweiten Stufe viel zu früh abgeschaltet).

7. Juni 2022

Randbemerkung: Das Ende von #metoo? Wohl eher nicht.

Nach dem doch etwas unerwarteten Ende des Depp/Heard Prozesses in den USA versucht so mancher, in der Regel konservative, Kommentator das Ende von #metoo herbei zu sehnen. "Endlich" einmal glaubt man dem Mann und endlich einmal bekommt eine Frau die Rechnung für die öffentliche Zerstörung ihres Ex-Mannes mit einer erfundenen Misshandlungs-Geschichte. Lange hat Justitia geschlafen, doch nun ist sie endlich erwacht und hat den ganzen geifernden Hyänen endlich den Garaus gemacht. 

Oder auch nicht.

31. Mai 2022

"Unternehmen Schwerkraft" - zum 100. Geburtstag von Hal Clement





(Hal Clement, 1922 - 2003)

I.

Als passionierter Leser von Science Fiction (oder vielleicht sollte ich besser schreiben „als langjähriger Leser,“ denn mit der Passion hält es sich oft in bescheidenem Rahmen) lernt man, mit Paradoxen zu leben. Eines der hartnäckigsten davon ist der „Tod des Genres.“ Schon in den 1970er Jahren, als ich mit zuerst für das Genre begeistert habe und anfing, die Texte im Original, also auf Englisch zu lesen, war „The Death of Science Fiction“ in den Vorworten der jährlich erscheinenden Auswahlbände mit den besten Kurztexten des Vorjahres ein Dauerbrenner – obwohl die Herausgeber wie Terry Carr oder Donald A. Wollheim natürlich versicherten, ihre Florilegien seien der schlagende Beweis für die Lebendigkeit, den Ideenaustausch, die die Fülle an frischen Talenten dieses kleinen Orchideengartens der Unterhaltungsliteratur. Die Frage ist sogar älter: 1961 erhielt Earl Kemp (1929-2020) für die Zusammenstellung der Antworten auf die Frage „Who Killed Science Fiction?“, die er per Post an einige Dutzend der namhaftesten Genreautoren gerichtet hatte, auf dem 19. Worldcon in Washington den „Hugo Award“ als „bestes Fanzine des Jahres.“ Augenscheinlich war angesichts der Verwirklichung von „Zukunftsträumen“ wie der Raumfahrt, „Elektronengehirnen,“ der Popularität billiger Monstren im Kino und dem gefühlten Niedergang der Magazine, die bis dahin das Hauptreservoir für Genretexte dargestellt hatten, ein gewisses Gefühl der Ernüchterung unter den Fans durchaus verbreitet. Andererseits hat sich das Genre in den folgenden Jahrzehnten als durchaus lebendig, als sich immer wieder erneuernd, neue Themen aufgreifend, erwiesen.

Und doch: seit 10, 15 Jahren habe auch ich den Eindruck, daß diese Literaturspalte tatsächlich „auserzählt“ ist, daß wir uns im finalen Stadium eines Genres befinden – vergleichbar dem Zustand, in den der Western vor etwas über einem halben Jahrhundert, mit dem Auskommen der Italo-Western und den abgeklärt bis zynischen Rückblicken in Filmen wie „Rooster Cogburn,“ „Ein Mann, den sie Pferd nannten,“ oder „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ eingetreten ist. Es werden zwar gelegentlich noch Bücher (und manchmal sogar Filme) verfertigt, die sich bei den Themen und Tropen des Genres bedienen. Aber es ist gleichsam ein Erzählen aus zweiter Hand, ein Zitieren – und oft eine pflichtschuldige Übung. Dafür gibt es gute, handfeste Gründe. Zum einen sind die Themen, die Grundkonstellationen, in den letzten 80 oder 100 Jahren in allen erdenklichen Varianten durchgespielt worden: die Begegnung mit dem Fremden, die Erkundung der tatsächlichen Weiten der Milchstraße, wie sie die Astronomie erschlossen hat, die Paradoxien, die sich aus der Denkmöglichkeit einer Zeitreise ergeben…: all das ist hunderte von Malen behandelt worden. Und es gibt nicht unendlich viele Möglichkeiten, hier neue Varianten hinzuzuersinnen. Wenn sich ein Autor heute, zwei Jahrzehnte tief in „der tatsächlichen Zukunft“ des einundzwanzigsten Jahrhunderts, etwa das Thema der „èducation sentimentale“ einer künstlichen Intelligenz wählt, dann kann dabei ein schönes und anrührendes Kabinettstück herauskommen wie im Fall von Martin l. Shoemakers „Today I Am Carey“ (2019) oder eher etwas Banal-Undifferenziertes wie Kazuo Ishiguros „Klara and the Sun“ aus dem vorigen Jahr (dem ersten Roman, den der Autor publiziert hat, nachdem er den Nobelpreis für Literatur erhalten hat). Aber etwa Revolutionäres, etwas grundstürzend Neues haftet diesen Texten nicht mehr an – sie reihen sich ein in die lange Reihe ihrer Vorläufer, in denen eine KI oder ein Roboter Selbstbewußtsein entwickelt, um seine Anerkennung als Intelligenz und um das recht auf Existenz kämpft oder als unschuldiger Kommentator den Autor satirisch das menschliche Narrentreiben kommentieren läßt – wie in Frank Herberts „Destination: Void“ (1966), David Gerrolds „When H.A.R.L.I.E. Was One“ (1973), John Sladeks „Roderick or The Education of a Young Machine“ (1980), Greg Bears „Queen of Angels“ (1990) oder Richard Powers‘ „Galatea 2.0“ (1995), um nur eine Handvoll von buchstäblich Hunderten von Titeln zum Thema zu nennen.

30. Mai 2022

Die Realität gewinnt immer. Ein Gedankensplitter.

Als Liberaler oder Konservativer (oder eine Mischung aus beidem) in Deutschland hat man es heutzutage nicht allzu leicht: Im gesellschaftlichen Mainstream gilt man als spießig, politisch repräsentiert ist man faktisch gar nicht mehr und als ob das nicht genug wäre ist die Entwicklung der letzten Jahre deutlich in die Gegenrichtung spürbar: Selbst früher selbstverständliche Positionen werden mehr und mehr geräumt und radikale Positionen von der linken Seite werden mehr und mehr Realität. Es macht wenig Freude, weswegen nicht wenige verzweifeln und andere, wenn sie denn jung genug sind, das Land verlassen in der Hoffnung woanders eine freiere Gesellschaft zu finden.

23. Mai 2022

"Leoparden küsst man nicht"





I.

Sollte es in einigen Jahrzehnten (so ab der Mitte des laufenden Jahrhunderts) noch Historiker geben, die sich mit der Geschichte dieses Landes ab dem Jahrtausendwechsel in klassischer Manier beschäftigen und dabei auch die Optik, die Obsessionen und den Umgang der Mächtigen miteinander und der Medien mit ihnen ins Auge fassen, dann dürften sie ab dem Jahr 2010, spätestens aber seit der Ägide des Kabinetts Merkel IV, der stetig zunehmende Anteil an Ministern oder Parteivorsitzenden der Regierungsparteien ins Auge stechen, deren Eignung und Interesse für ihr Amt durchweg negativ war, die „zu ihrer Zeit“ eine fast lähmende mediale Dauerpräsenz verbuchen konnten und die nach dem Abschied so rasant im Nirwana verschwunden sind, wie unverhofft daraus aufgetaucht sind. Welche Spuren hat das Wirken eines Heiko Maas, eines Martin Schulz, einer Claudia Roth, einer Andrea Nahles, eines Jens Spahn, einer Annegret Kramp-Karrenbauer e tutti quanti hinterlassen? Oder eines Peter Altmeier – außer der Tatsache, daß er einer der lautesten Claqueure von Kanzlerin Merkel war und seiner, es muß gesagt werden, grotesken Physiognomie? Blickt man einmal zwei Politiker-Generationen zurück, auf das entsprechende Personal unter den Kanzlern Brandt, Schmidt und Kohl, ist der Eindruck schlagend, daß solche Gestalten damals niemals in solche Positionen gewählt worden wären. Ein erster Vorläufer dieses Typs war wohl der unvergessene Norbert „Die Rente ist sischa!“ Blüm – aber genau deshalb ist er ins kollektive Gedächtnis der späten Westrepublik eingegangen: weil er ein Solitär war. Seit einigen Jahren, spätestens ab 2015, drängt sich jedoch der Eindruck auf, daß die politische Negativauslese dafür gesorgt hat, daß immer mehr Spitzenpositionen von solchen Gestalten besetzt werden und man nicht einmal den Kleinen Zyniker geben muß, um den Eindruck zu haben, ein Großteil der Mannschaft auf der Brücke des Traumschiffs „Germania“ sei von Federico Fellini gecastet worden. Im Kabinett von Merkels Nachfolger Scholz fallen einem sofort die Namen Schulze, Lemke, Spiegel, Lambrecht und Faeser ein, nach der Aussgae von Bauernverbänden auch der Name Özdemir. Frau Baerbock, hat sich, das muß man ihr lassen, als Außenministerin aus dieser Anwartschaft weitgehend freigeschwommen, seit der Krieg in der Ukraine klargemacht hat, daß „Regierung stellen“ mit Verantwortung verbunden ist und es nicht um die Selbstverwirklichung von Personen geht, denen in der freien Wirtschaft nicht einmal die Verwaltung einer Garderobe anvertraut worden wäre. Oder um die Befassung mit den konkreten Folgen von Vorgängen in der Welt – und nicht mit der Regelung der weltweiten Jahresdurchschnittstemperatur in 80 Jahren und der Rücksichtnahme auf fortwährend erfundene Geschlechter, von denen Biologie und Alltagserfahrung seit Jahrtausenden nichts gewußt haben. (Daß Fellinis letzter gelungener Film, „E la nave va“ aus dem Jahr 1983, bei uns im Kino unter dem Titel „Fellinis Schiff der Träume“ lief, fügt sich gut in diesen symbolischen Rahmen.)

18. Mai 2022

„Warum ich in das Lager der Nichtwähler wechseln werde.“ Ein Gastbeitrag von Frank2000





Ich gebe es zu: ich habe diesmal in NRW noch die AfD gewählt. Der Grund ist derselbe wie immer: der Wahl-O-Mat bestätigt mir, dass das Wahlprogramm der AfD mir Lichtjahre näher steht als das Programm jeder anderen Partei.
Ich spare mir an dieser Stelle im Einzelnen aufzuzählen, weshalb das AfD-Programm mir bei den Themen Energieversorgung, Schulpolitik, Einwanderung, Innere Sicherheit, Landwirtschaft und Nahrung, Verkehrspolitik, Subventionspolitik und Medienpolitik nähersteht als jedes andere Programm.

Wenn man dem medialen Mainstream und dem ÖR Rundfunk folgt, kann es sowie nur eine Antwort geben, warum mir das AfD-Programm liegt: nicht etwa, weil ich mich umfassend mit all diesen Themen beschäftigt habe und eine fundierte, demokratisch, freiheitlich und sozial ausgewogene Position habe, die auf den Werten des Grundgesetzes und der Bonner Republik beruht.

Sondern gemäß aktuell einzig erlaubter Meinung begrüße ich das Wahlprogramm der AfD, weil ich ein Nazi bin (sein muss!), weil ich rechtspopu... Quark: rechtsextremistisch bin; ein asozialer latenter Terrorist. Und als AfD-Wähler müsste mir a) zum "Schutz der Demokratie" das Wahlrecht aberkannt werden und b) zum "Schutz der Freiheit" müßte ich eingesperrt werden.

Michail Chodarjonok: „Über die Voraussagen blutdürstiger politischer Kommentatoren“





Um es gleich vorwegzunehmen: Nein, „Zettels Raum“ ist nicht unter die Putin-Fans gefallen (despektierlich, aber zurecht, auch als „Putin-Trolle“ bezeichnet). Auch ich nicht für meine Wenigkeit als derjenige, der diese Zeilen tippt. Auch wenn dieser Beitrag zur Hauptsache in der Übersetzung eines Textes besteht, der vor drei Monaten in einer russischen Zeitung erschienen ist; schlimmer noch: in einer Publikation, die auf die Berichterstattung über militärische Belange spezialisiert ist. Warum ich mich entschlossen habe, diesen Beitrag zur weiteren Kenntnisnahme zu übersetzen, dürfte bei dessen Lektüre schnell klar werden.

Der unmittelbare Anlaß war der gestrige Auftritt des Interviewgastes Michail Michailowitsch Chodarjonok (Михаи́л Миха́йлович Ходарёнок) im ersten Programm des russischen Staatsfernsehens (Россия 1) in der Sendung „60 Minuten“ („60 минут“). Was er während dieser gut zwanzig Minuten dem Fernsehpublikum und der sichtlich um Fassung ringenden Moderatorin Olga Skabajewa mitzuteilen hatte, hat, soweit es nach dem Echo in den russischen sozialen Medien zu beurteilen ist, dort für einen regelrechten Schock gesorgt. Er hat nämlich, wie man so schön sagt, „Tacheles geredet,“ „reinen Wein eingeschenkt.“ Ein kurzer, gut vier Minuten langer Ausschnitt aus diesem Interview ist gestern auch auf Twitter-Feeds, die sich mit dem Krieg Russlands in der Ukraine befassen, „viral gegangen.“

12. Mai 2022

"Wie nett, Sie zu kennen, Herr Lear!"





"How pleasant to know Mr.Lear!"
Who has written such volumes of stuff!
Some think him ill-tempered and queer,
But a few think him pleasant enough.

His mind is concrete and fastidious,
His nose is remarkably big;
His visage is more or less hideous,
His beard it resembles a wig.

He has ears, and two eyes, and ten fingers,
Leastways if you reckon two thumbs;
Long ago he was one of the singers,
But now he is one of the dumbs.

He sits in a beautiful parlour,
With hundreds of books on the wall;
He drinks a great deal of Marsala,
But never gets tipsy at all.

He has many friends, lay men and clerical,
Old Foss is the name of his cat;
His body is perfectly spherical,
He weareth a runcible hat.

When he walks in waterproof white,
The children run after him so!
Calling out, "He's gone out in his night-
Gown, that crazy old Englishman, oh!"

He weeps by the side of the ocean,
He weeps on the top of the hill;
He purchases pancakes and lotion,
And chocolate shrimps from the mill.

He reads, but he cannot speak, Spanish,
He cannot abide ginger beer:
Ere the days of his pilgrimage vanish,
How pleasant to know Mr. Lear!



“Wie nett, Sie zu kennen, Herr Lear!“
Der hat seltsame Bücher geschrieben.
Zumeist gilt er als Grantler und wirr,
Doch für ein paar ist er harmlos geblieben.

Sein Verstand ist scharf und präzise.
Seine Nase ist bemerkenswert groß.
Seine Visage ist eine recht miese.
Sein Bart ist ein Urwald aus Moos.

Er hat Ohren, zwei Augen, und der Finger Stück zehn
(Jedenfalls wenn man die Daumen mitzählt).
Vorzeiten konnt‘ er noch als Sänger durchgehn,
Doch jetzt ist er mit Stummheit gequält.

Er sitzt in einem feinen Saal, da
Stehen hunderte Bücher in Reih’n.
Er süffelt fortwährend Marsala
Ohne jemals beschickert zu sein.

Zu Freunden zählt er Laien und Geistliche.
Und „Old Foss,“ so heißt seine Katze.
Seine Gestalt ist eine kugelrund-feistliche
Mit einem runzlichten Hut auf der Glatze.

Will er den Regenmantel ausführen
Rennt die Kinderschar hinter ihm her,
„Da geht er im Nachthemd spazieren,
Der spinnerte Engländer, der!“

Er weint an des Ozeans Gestade
Er weint auf des Bergs lichten Höhn.
Er kauft Pfannkuchen ein und Pomade
Und Schokoladenkrabben beim Müller erstehn.

Er liest Spanisch, doch kann’s nicht parlieren.
Er erträgt keinesfalls Dunkelbier.
Eh‘ sich seine irdischen Spuren verlieren:
Wie schön, Sie zu kennen, Herr Lear!

10. Mai 2022

„День Победы“





(Die Hauptkirche der russischen Streitkräfte)

Der “Tag des Sieges” – Den‘ pobedi – in der UdSSR am 8. Mai 1945 als Zeichen des Sieges über das Dritte Reich dekretiert und alljährlich begangen (obwohl er erst 1963 zum arbeitsfreien Feiertag erhoben wurde) hat in den zwei Jahrzehnten von Präsident Putins Alleinherrschaft neben der ostentativen Demonstration der eignen militärischen Stärke eine gespenstische Wandlung von der Mahnung des „Nie wieder!“ zum „Wir können das wiederholen!“ durchgemacht. Aus „больше никогда!“ wurde „Можем повторить!“ und aus dem Kampf gegen den Nationalsozialismus eine Kampfansage an alles, was die Staatsdoktrin seither umstandslos als ihr entgegengesetzt als „фашист“ bezeichnet. Dieser Trend begann um die Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts und gipfelte in der Errichtung der „Hauptkirche der russischen Streitkräfte“ (Главный храм Вооружённых сил России), die im Juni 2020 eingeweiht wurde.

Llarians Welt: Hört endlich auf!

Eine der besten und tiefsten Aussagen von Donald Trump, auch wenn er diese wohl erst nach seiner bis dato ersten Präsidentschaft ausführte, war wohl: Everything woke turns to shit. 

Neben den offensichtlichen Beispielen aus der Wirtschaft, trifft diese tiefe Wahrheit aber vor allem auf Kunst und Unterhaltung zu. Das jüngste Beispiel ist Star Trek: Picard, das am vorigen Freitag dann den Abschluss seiner zweiten Staffel fand. Und Star Trek: Picard (auch als ST:P abgekürzt) war am Ende einer der größten Haufen Exkrement, den Hollywood in den letzten Jahren zusammen gedreht hat. Es ist wie ein Verkehrsunfall: Man will nicht hinsehen, aber die Neugier bringt einen doch dazu und immer wieder der Gedanke im Hinterkopf: Kann es noch schlimmer kommen? Ja, es kann. Und es kann nicht nur, es kommt schlimmer.

5. Mai 2022

Boris Johnson: "Dies ist die größte Stunde der Ukraine"



Der britische Premierminister Boris Johnson hat gestern, am 3. März 2022, vor der Werchowna Rada, dem Parlament der Ukraine, per Telepräsenz eine Rede gehalten, in der er unter anderem mit der Wendung „This is Ukraine’s finest hour“ („Die ist die größte Stunde der Ukraine“) auf die Rede anspielte, die sein Amtsvorgänger Winston Churchill am 18. Juni 1940 im Britischen Unterhaus hielt, in der der Satz: „This was their finest hour“ die Hoffnung ausdrückte, daß künftige Generationen von Engländern im Widerstand ihres Landes als einzigem Staat nach dem Fall Frankreichs gegen die Invasion und den Krieg des Dritten Reiches einst die „beste Stunde“ in ihrer Geschichte erblicken würden. Es gibt einen wesentlichen Unterschied: als Churchill seine Rede hielt, lag ein Kriegseintritt der Vereinigten Staaten noch in weiter Ferne, der Überfall auf die Sowjetunion war noch nicht erfolgt (er folgte fast genau ein Jahr später am 22. Juni 1941), und die Aussicht, daß England einen langen Krieg mit der Militärmacht Deutschland auf dem Höhepunkt ihrer militärischen Erfolge durchstehen, geschweige denn für sich entscheiden könnte, schien zu diesem Zeitpunkt auch vielen Engländern utopisch. Im Gegenzug dazu sieht es jetzt bei der Invasion der Ukraine, 10 Wochen nach ihrem Beginn, so aus, als ob die Ukraine tatsächlich eine reelle Chance hat, nicht nur gegen die russischen Invasoren zu bestehen, sondern diesen Krieg sogar für sich zu entscheiden.

Ich habe mich deshalb entschlossen, für Zettels Raum diese Rede in voller Länge, in deutscher Übersetzung und anschließend im Original, zu dokumentieren.

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Vielen Dank, Präsident Wolodymyr Selenskyj, Herr Parlamentsvorsitzender, verehrte Abgeordnete der Werchowna Rada:

Es ist für mich eine große Ehre, an diesem entscheidenden Augenblick in der Geschichte zu Ihnen sprechen zu können, und ich habe Achtung vor dem Mut, den Sie zeigen, indem Sie heute hier tagen – und den Sie bislang gezeigt haben – trotz der barbarischen Angriffs auf Ihre Freiheit. Tag für Tag regnen Raketen und Bomben auf das unschuldige ukrainische Volk. Und im Süden und Osten Ihres wunderbaren Landes setzt Putin seinen grotesken und gesetzlosen Versuch fort, ukrainisches Land zu erobern und besetzt zu halten. Und seine Soldaten können sich nicht länger damit herausreden, daß sie nicht wissen, was sie tun. Sie verüben Kriegsverbrechen, und ihre Gräueltaten kommen überall da ans Licht, wo sie gezwungen sind, den Rückzug anzutreten – wie in Butscha, in Irpin, in Hostomel und an vielen anderen Orten.

Und wir im Vereinigten Königreich werden alles tun, damit sie für diese Kriegsverbrechen zur Verantwortung gezogen werden. Und heute, wo die Lage noch unklar ist, wo die Angst und die Sorge um die Zukunft noch besteht, habe ich eine Botschaft für Sie: Die Ukraine wird gewinnen. Die Ukraine wird frei sein. Und ich will Ihnen sagen, warum ich an Ihren Erfolg glaube.

1. Mai 2022

Das Ministerium für Wahrheit

Als Elon Musk vor nur wenigen Wochen verkünden musste, dass er nicht ganz 10% an Twitter erworben hatte, war das noch eine vergleichsweise unbedeutende Randmeldung. Eine eher belustigende, aber doch eher nur eine Randnotiz. Musk ist ja nicht gerade unbekannt für große PR und fordert auch schon mal amtierende, lupenreine Präsidenten zu einem persönlichen Duell über territoriale Konflikte (vulgo Kriege) heraus. Wer hätte ahnen können welch gigantischer Stich ins Wespennest sich aus einem vergleichsweise harmlosen PR-Stunt entwickeln würde.