29. November 2020

Willy, "Ernüchterte Märchen" (1894)



(Willy. Zeichnung von Felix Valloton)

"Je me promenais dans un bois, affamé, quand je vis venir le Petit Chaperon Rouge qui me dit:" A cinq cent mètres d'ici demeure mère-grand, une méchante vieille qui me fait mille misères; petit Loup, tu serais gentil comme un petit loup chéri d'aller lui tordre le cou. Elle est très grasse." Comme un imbécile, j''étranglai la mégère; pendant ce temps, le Petit Chaperon Rouge prévenait les gendarmes de m'arrêter comme anarchiste. J'ai fait vingt ans de Nouvelle , et le drôlesse a hérité les économies de sa grand-mère, qu'elle convoitait pour épouser un garçon coiffeur. N'essayez pas de venger les rancunes d'autrui." (Histoire du loup)

Eines Nachmittags wartete ein Wolf in einem dunklen Wald darauf, daß ein kleines Mädchen vorbeikäme, das seiner Großmutter einen Korb mit Speisen bringen würde. Schließlich kam ein kleines Mädchen des Wegs und sie hatte einen Korb mit Speisen bei sich. "Bringst du den Korb deiner Großmutter?" fragte der Wolf. Das kleine Mädchen sagte, ja, das tue es. Also fragte der Wolf sie, wo ihre Großmutter wohnte, und sie erzählte es ihm, und er verschwand im Wald.

Als das kleine Mädchen die Tür des Hauses ihrer Großmutter öffnete, sah sie, daß jemand mit einer Nachtmütze und im Nachthemd in ihrem Bett lag. Sie war noch zehn Schritt entfernt, als sie erkannte, daß es nicht ihre Großmutter war, sondern der Wolf, denn selbst mit einer Nachtmütze hat ein Wolf so wenig Ähnlichkeit mit eurer Großmutter wie der Löwe von Metro Goldwyn Mayer mit Calvin Coolidge. Also zog das kleine Mädchen eine Automatik aus seinem Korb und schoß den Wolf über den Haufen. Moral: Kleine Mädchen sind heute auch nicht mehr so leicht hereinzulegen wie früher.

- James Thurber, "The Little Girl and the Wolf" (1939)

* * *

Es waren einmal zwei entzückende Kinder, von denen das eine Daphnis und das andere Chloë hieß, und die nichts vom Leben wußten, denn sie hatten eine sehr fromme Erzeihung genossen.

Am Vorabend ihres Hochzeitstages geschah es, daß sie sich in einem Wald verliefen und nicht mehr weiterwußten, denn sie fürchteten, sich noch weiter im Dunkeln zu verirren. Die Nacht war undurchdringlich, und Daphnis und Chloë zitterten wie Unschuldige, wenn sie vor dem Untersuchungsrichter stehen.

Schließlich ging der Mond auf, und sie sahen, daß sie eine verlassene Lichtung erreicht hatten. Aber alsbald näherten sich im Gänsemarsch ein räudiger Wolf, ein verschlagen dreinschauender kleiner Schurke, ein rothaariges Mädchen mit einem Schnurrbart, eine prachtvoll gewandete Gestalt, die verschlafen aussah, ein Riese, ein Schmutzfink, ein altes Weib, das in eine Eselhaut gehüllt war, und noch viele andere.

27. November 2020

嫦娥, 把我传送上去! China auf dem Weg zum Mond



嫦娥, 把我传送上去! "Beam me up, Chang'e!"

I

Die letzten Nachrichten zuerst: Heute nacht, am Mittwochabend um 10 Uhr und 6 Minuten Pekinger Zeit (beziehungsweise 04:06 Mitteleuropäischer Zeit) hat nach Angaben der Nationalen Chinesischen Raumfahrtbehörde CNSA die Mondsonde Chang'e 5 ihre zweite Bahnkorrektur ausgeführt, in einer Entfernung von 270.000 Kilometern von der Erde, indem die beiden 3000 Newton liefernden Bordtriebwerke für sechs Sekunden gezündet wurden, nach einer Flugdauer von 41 Stunden. Das Manöver folgte einer ersten Bahnanpassung genau zwölf Stunden zuvor, als die Triebwerke in einer Entfernung von 160.000 Kilometern für zwei Sekunden lang die Bahnparameter anpaßen, damit die Sonde am Samstag, den 28. November in eine Umlaufbahn in 80 Kilometern Höhe über der Mondoberfläche einschwenken kann. Die Landung der an Bord befindlichen Landekapsel im Oceanus Procellarum ist für den 30. November geplant, der Start der Probenkapsel für den zweiten Dezember. Diese Kapsel selbst wird den Rückflug zur Erde nicht antreten; die bis zu zwei Kilogramm Mondgestein, die der Greifarm des Landers aus einer Tiefe bis zu 1.80 gewinnen soll, werden in das vierte Modul der Sonde, die Rückflugkapsel umgeladen. Am 16. oder 17. Dezember soll dann die Landung in der Inneren Mongolei erfolgen. Als Zielgebiet ist der Mons Rümker festgelegt wurden, der seinen Namen seit 1935 nach dem deutschen Astronomen Karl Ludwig Christian Rümker (1788-1862) trägt, der viele Jahrzehnte zweiter Direktor der Hamburger Sternwarte war, nachdem das erste provisorische Observatorium am Stintberg aufgegeben worden war und der Hamburger Senat 1830 den Neubau am Millerntor genehmigt hatte (die Pfeffersäcke machten das nicht allein zur Förderung der abstrakten Wissenschaft, sondern wünschten sich eine Stätte, an der die zu Schiffsoffizieren ausgebildeten Söhne der Stadt den praktisch-faktischen Umgang mit nautischen Positionsbestimmungen erlernen konnten). Rümker war zuvor Direktor der bis dahin einzigen Sternwarte in Australien, in Parramatta, gewesen, hatte sich aber mit seinem englischen Kollegen und der örtlichen Verwaltung schwer überworfen. Der flache Schildvulkan (chinesisch 吕姆克山 / Lǚmǔkè shān; die klangliche Nachbildung ist deutlich) auf der Position 41°30' nördlicher Breite und 59°30' westlicher Länge ist mit dem Feldstecher leicht aufzufinden: der "Ozean der Stürme" bildet die dunkle Lavafläche am linken oberen Rand der sichtbaren Mondscheibe, wenn man sie sich als ein Zifferblatt denkt, ist er die verbreitete Spitze eines Zeigers, der auf die 11-Uhr-Position weist. Das Massiv mit seiner Basis von gut 70 Kilometern und seiner gut von 1500 Metern ist aus zwei Gründen als Landeort ausgesucht worden: zum einen handelt es sich um vulkanisches Ergußgestein, anders als bei den Bodenproben, die die Apollo-Missionen vor einem halben Jahrhundert, und zuletzt die beiden russischen Zond-Sonden 1976 zur Erde zurückgebracht haben: dies war der dunkle Basalt der "Mondmeere," die ihre Entstehung dem "schweren Bombardement," dem "heavy bombardement" durch Asteroiden von 4-3 Milliarden Jahren verdanken. Anhand der Kraterdichte läßt sich ermitteln, daß der Mons Rümker nicht älter als gut 1,3 Milliarden Jahre sein kann und damit unter den Mondformationen zu den jüngsten zählt.

26. November 2020

Bischen nachschärfen....

Liest man dieser Tage (gerade gestern) mal wieder Zeitung und kommt das Stichwort auf das allgegenwärtige Virus, respektive die staatlichen Maßnahmen, steht in gefühlt jedem zweiten Artikel der Wunsch der Frau Bundeskanzler die akuten Maßnahmen oder die vorgeschlagenen nachzuschärfen. Da wo orange das neue schwarz ist, scheint die Nachschärfung die neue Alternativlosigkeit zu sein. Ich will es gleich vorweg nehmen, schon die permanent und dauerhaft bemühte Vokabel der Schärfung löst inzwischen bei mir ähnliches, körperliches Unbehagen aus wie ein Bild von Karl Lauterbach.

24. November 2020

Arecibo. Das Ende einer Ikone



I

Zu den Besonderheiten, die die Astronomie unter ihren Schwesterdisziplinen im Bereich der "exakten" Naturwissenschaften - den messenden, quantifizierenden, mathematisch bis auf diverse Nachkommastellen präzisen wie der Physik, der Chemie und der Biologie (soweit sie sich auf das Individuum und dessen körperliche Vorgänge kapriziert) - auszeichnet, ist das, was man ihre "Ikonizität" nennen könnte: der Wiedererkennungswert ihrer Instrumente, namentlich der großen Teleskope, die auch von flüchtigen Zaungästen sofort wiedererkannt werden. Die Labore und Forschungsstätten der anderen Abteilungen der exakten Auslotung dessen "was die Welt / im Innersten zusammenhält" sind zumeist gesichtslos und austauschbar. Bilder des Caltech oder des Fermilab führen selbst bei Betrachtern, die mit der Geschichte der Naturwissenschaften gut vertraut sind, nicht zu einem "Aha!"-Effekt; eine Einrichtung von Weltrang zur Meeresforschung wie Woods Hole in Massachusetts würde ohne Bildlegende nicht von einem von hundert Nicht-Fachleuten nicht erkannt (die Ausnahme stellt auf diesem Gebiet sicher Jacques Cousteaus "Calypso" dar, das für Generationen von Fernsehzuschauern neben der roten Pudelmütze zum Markenzeichen dieses Tauchpioniers wurde). Der Speicherring des LHC, des Large Hadron Collider des CERN dürfte für die Teilchenphysik auch eine solche Ausnahme darstellen (daß der gut neun Kilometer durchmessende Tunnelring den Alterssitz des Aufklärers Voltaire, Ferney, umschließt, dürfte diesen im Elysium, an das er nicht glaubte, nicht wenig erfreuen). Und vielleicht noch die Kaverne des Neutrinodetektors Super Kamiokande in der japanischen Präfektur Gifo: die vierzig Meter messende kugelförmige Höhle, in einem ehemaligen Bergwerk in einem Kilometer Tiefe vor aller Strahlung abgeschirmt, ist mit 13.000 Photodetektoren ausgekleidet, deren Wartung und Austausch durchs Bootsmannschaften bei entsprechend reguliertem Wasserstand erfolgt, was den Bildern davon genau diesen "Wiedererkennungswert" verleiht, weil es wirkt, es sei hier in einem unterirdischen Venusberg eine Inzsenierung der "Zauberflöte" mit dem Bühnenbild Karl Friedrich Schinkels wahr geworden.

22. November 2020

Max Haushofer, "Der Thanatograph" (1888)



Im ärztlichen Vereine zu A. erregte unlängst ein Vortrag über den Thanatographen bedeutendes Aufsehen. Der Vortragende berichtete hierüber folgendes:

Der Apparat, dessen Beschaffenheit ich später angeben werde, wurde dem Sterbenden zu Häupten gestelle. Der Griff des Apparates ward in die erkaltende Hand des Sterbenden gelegt und dieselbe mit einem seidenen Tuche sanft zusammengebunden, so daß sie den Griff nicht fallen lassen konnte. Ein Assistent beobachtete den Puls des Sterbenden, und in dem Augenblicke, als er das gänzliche Stillstehen des Pulses durch ein Kopfnicken konstatierte, flüsterte der dirigierende Arzt in das Ohr des Verstorbenen: "Schreibe!"

Der Thanatograph begann zu arbeiten. Erst sehr langsam; dann mit zunehmender Geläufigkeit. Etwa drei Stunden nach dem Tode erreichte diie Thätigkeit des Apparates ihre höchste Geschwindigkeit, sodann nahm sie fortwährend ab. Als die Totengräber am folgenden Tage den Gestorbenen abholten, war der Apparat seit einer halben Stunde völlig regungslos gewesen. In der ersten hatte er siebzehn Worte geschrieben, in der zweiten hundertneununddreißig, in der dritten schon über siebenhundert. Dann hatte er allmählich nachgelassen.

Was bis jetzt über den Thanatographen bekannt ist, läßt sich dahin zusammenfassen, daß derselbe ein Appparat ist, welcher den Elektromagnetismus dazu benutzt, um das Nervensystem eben verstorbener Menschen zu schriftlichen Mitteilungen zu veranlassen. Es sind nur die nächsten Stunden nach dem Tode, welche der Thanatopgraph benutzen kann; jene Stunden, ehe der völlige Zerfall des Menschen beginnt. Vielleicht wird eine spätere Zeit noch bessere Apparate ersinnen, die geeignet sind, uns Kunde von dem zu geben, was nach des Menschen Tode in ihm vorgeht.

18. November 2020

Jean Lorrain, "Das verschlossene Zimmer" (1891)



Das Abweisende, Feindselige mancher Häuser und Zimmer auf dem Land, ihre abgestandene Luft, die an eine Totenkammer gemahnt, hatte ich noch sie so stark empfunden wie an jenem verregneten, tristen Oktobermorgen, als der Hausknecht meinen Koffer auf dem Boden jener Kammer im Obergeschoß abgestellt hatte und die Tür hinter mir von selbst ins Schloß fiel.

Welches herbstliche Mißgeschick hatte mich, den unfähigsten Jäger der Welt, mit einem beinahe körperlichen Abscheu vor Schußwaffen, in dieses einsame Haus mitten im Wald verschlagen? Welcher kranke Spleen hatte mich dazu getrieben, den Treibern des Marquis de Hauthère zu folgen, die Boulevards von Paris und die Arbeit für meine Zeitung zu verlassen und mich hier in diesem finsteren Forst zu vergraben, am Vorabend vor der Premiere von Cléopâtre und Réjanes langerwartetem Comeback in dem Stück von Meilhac?

Auch wenn es verrückt klingt: ich bin der festen Überzeugung, daß es mich gegen meinen Willen in diesen vom Herbst verwüsteten, einsamen Forst gezogen hatte, daß ich, ohne daß ich mir dessen bewußt gewesen wäre, dazu ausgesucht war, eine Rolle in einem Drama aus dem Jenseits zu spielen.

Wer hatte früher einmal in diesem alten Waldhaus aus der Zeit Louis des Dreizehnten gelebt,das da mit seinem von winzigen Fenstern durchbrochenen steilen Schieferdach neben dem von toten Blättern bedeckten Teich an der einsamsten Stelle des großen Waldes stand?

Es befand sich seit Jahrhunderten in Besitz der Familie de Hauthère, und der Vater des jetzigen Marquis hatte es zu einem Gästehaus umbauen lassen, in dem während der Jagdsaison die Gäste untergebracht wurden, die im Schloß keinen Platz mehr fanden.

15. November 2020

Jean Lorrain, "Die Löcher in der Maske" (1895)



(Jean Lorrain; Portrait von Antonio de la Gandara, 1861-1917)

« Vous voulez en voir, m’avait dit mon ami de Jakels, soit, procurez-vous un domino et un loup, un domino assez élégant de satin noir, chaussez des escarpins et, pour cette fois, des bas de soie noire et attendez-moi chez vous mardi. Vers dix heures et demie, j’irai vous prendre. »

* * *

I

"Wenn Sie sich das ansehen möchten," hatte mir mein Freund de Jakels gesagt, "dann besorgen Sie sich einen Domino und einen anständigen Umhang aus schwarzer Seide, ziehen Sie Tanzschuhe und aus diesem Anlaß auch schwarze Seidenstrümpfe an und erwarten Sie mich nächsten Dienstag. Ich hole Sie dann um halb elf ab."

Am darauffolgernden Dienstag wartete ich also auf meinen Freund de Jakels in meiner Junggesellenwohnung in der Rue Taitbout, eingehüllt in die Falten eines langen Kapuzenmantels und mit einer Samtmaske mit einem künstlichen Bart, deren Seidenbänder ich hinter den Ohren zusammengebunden hatte und wärmte mir die Füße am Kamin. Das ungewohnte Gefühl von Seide auf der Haut irritierte mich; von draußen drang das undeutliche Lärmen und Musizieren eines Karnevalsabends herein.

Die ganze Situation hatte etwas Merkwürdiges und, bei Licht betrachtet, durchaus Beunruhigendes an sich: diese maskierte Gestalt, die da ausgestreckt im Sessel Nachtwache hielt, im Dämmerlicht der Erdgeschoßwohnung mit den vielen Nippsachen und den schweren Behängen und den Spiegeln an den Wänden, im Licht einer weit hochgedrehten Petroleumlampe und zweier hoher schmaler, weißer Kerzenflammen wie bei einer Totenwache - und de Jakels kam nicht. Das Gelärm des Maskierten verklang in der Ferne und die Stille wurde bedrückender, und die beiden Kerzenflammen brannten so regungslos, daß mich diese drei Lichter so nervös machten, daß ich schließlich aufstand, um eins davon zu löschen.

13. November 2020

Stella Benson, "Der Mann, der den Bus versäumte" (1928)



Als Mr. Robinson in St. Pierre anlangte, war seine Stimmung längst auf den Nullpunkt gesunken. Die beiden Plagen, die seinem Nervenkostüm am zuverlässigsten zusetzten, waren Lärm und grelles Licht, das seine Augen blendete. Und wie er Monsieur Dupont, dem Wirt des "Tres Moines" in St. Pierre, mit Nachdruck darlegte: "Wenn es etwas wirklich wirklich Lästiges gibt, Monsieur, etwas Störendes, etwas zutiefst Störendes - was sage ich: eine Gefahr - was ich sagen will: Geräusche stehen nicht für etwas, sondern der Lärm an sich..." "Numéro trente," sagte Monsieur Dupont zum Hoteljungen. Mr. Robinson hatte stets Mühe, sich klar genug auszudrücken, um anderen Leuten klarzumachen, worum es ihm ging, und daß er es ernst meinte, und zumeist blieben sie jedes Zeichen schuldig, daß er verstanden worden war. Aber er war ein bescheidener Mann, und er tröstete sich damit, sich das Schweigen und die Gleichgültigkeit seiner Mitmenschen, auf die er fortwährend stieß, damit zu erklären, daß seine Worte leider nie ausreichten, um ihnen das tiefe, intensive Interesse zu vermitteln, die alle Aspekte des Lebens in ihm auslösten. Sein Geist floß über von all dem, was seine Sinne ihm darboten. Mit jedem neuen Augenblick bot sich ihm neues dar, das seine Aufmerksamkeit beanspruchte. Andere Menschen ließen diese Augenblicke achtlos verstreichen, das sah er wohl, aber er fühlte, daß er seine Mitmenschen aus ihrer Lethargie und der Blindheit ihres alltäglichen Dahinlebens hätte aufwecken können - wenn er nur den Mut dazu und die richtigen Worte dafür gefunden hätte. Freilich klang das, was er ausführte, sogar in in seinen eigenen Ohren so banal und dumm wie ein aufwühlender Traum, von dem man am Frühstückstisch erzählt. Was er mit seiner Bemerkung über den Lärm ausdrücken wollte, war, daß er schon als solcher bedrohlich und grauenvoll war - nicht bloß als Warnung vor Gefahr, sondern als körperlichen Angriff. Die meisten Menschen empfinden Lärm nur als ein Signal, das etwas anderes anzeigt, hatte er sagen wollen, aber in Wirklichkeit stand der Lärm für sich selbst, so wie Zwang und Gewalt unmittelbar sind und nicht für etwas anderes stehen. Es gab keinen harmlosen häßlichen Lärm. Das Dröhnen eines Schnellzugs, der durch einen stillen Bahnhof donnert - das Prasseln einer Regenfront im Wald, die näherkommt - das schrille Gelächter als Reaktion auf einen Witz, den man nicht gehört hat - all diese Geräusche, die harmlos genug waren, wenn man sie isoliert sah, stellten nichtsdestoweniger Katastrophen dar. Das wars, was Mr. Robinson Monsieur Dupont hatte erklären wollen, solange, bis Monsieur Dupont es verstanden hatte - aber wie üblich wurden die Worte schal und banal, sobald er sie ausgesprochen hatte.

9. November 2020

Die Blume des Paradieses. Eine Blütenspur

"Esas consideraciones (implícitas, desde luego, en el panteísmo) permitirían un inacabable debate; yo, ahora, las invoco para ejecutar un modesto propósito: la historia de la evolución de una idea, a través de los textos heterogéneos de tres autores." (Jorge Luis Borges, "La flor de Coleridge", La Nación, 23. September 1945)

Ziel dieser kleinen Miszelle ist, gemäß dem Verfahren von Borges, "ein vergleichsweise bescheidenes Vorhaben: die Entwicklungsgeschichte einer Idee, eines literatischen Motivs, in den unterschiedlich gearteten Texten verschiedener Autoren" anzuzeigen und als Coda zu Borges' kleinem Essay über "Die Blume Coleridges" zwei weitere Beispiele anzufügen und auf die ursprüngliche Quelle zu verweisen, die bislang keinem Literaturhistoriker aufgefallen zu sein scheint. Das Motiv ist das des aus einem Traum in die Tagwirklichkeit hinübergeretteten Gegenstands; im Fall der von Borges angeführten Beispiele eine Blume, die das Traumgeschehen auf ihre paradoxe Weise bestätigt - und gleichzeitig ein ontologisches Paradox aufwirft: wenn dem "Traumgeschehen" der gleiche Wirklichkeitsstatus zukommt wie der Alltagsrealität, worin liegt dann der Unterschied? Und könnte es nicht sein, daß das, was wir für "real" halten, ebenso nur eine Illusion, ein Traum ist: "La vida es sueño," wie es der Titel des Versdramas von Calderón de la Barca von 1635 nennt. Diese erkenntnistheoretische Mise en abyme, die wenige Jahre zuvor, am Martinstag des Jahres 1619 (also fast auf den Tag genau vor vierhundertundeinem Jahr) im oberbayerischen Neuburg an der Donau René Descartes zu seiner radikalen Bottom-Up-Existenzphilosophie anregte, bleibt in den im folgenden angeführten Texten außen vor. Der Sicherheit des Bestehens, der Wirklichkeit, wird nicht radikal der Stöpsel gezogen - der Vorhang wird nur durchlässiger, und dahinter zeichnet sich eine vage angedeutete umfassendere Realität ab, von der das irdische Geschehen nur einen Ausschnitt darstellt, ohne ihm Konturen und Regeln zu verleihen. (Dies ist ein zentrales Problem in der Literatur des Schreckens und des Erstaunens, das die Evokation des "Sense of wonder," das "Mysterium Tremendum" in den Kernpunkt eines Textes rückt: wird der Schleier ganz gehoben, ist der Autor verpflichtet, das sichtbar Werdende konkret vorzustellen, ihm Gestalt und Regeln beizulegen, und es letztlich als Teil der Lebenswirklichkeit einzureihen, dem man bei Bedarf durch den wirkmächtigeren Bannfluch beikommen kann. Ein Paradies - wir werden diesem Ort im Folgenden noch begegnen - von dem eine Karte gezeichnet werden kann, ist kein Elysium mehr, sondern nur noch ein Locus amoenus.) Natürlich muß es sich bei dem handfesten Beweis aus der Traumwirklichkeit nicht um eine Blume handeln; die beiden ersten Beispiele zeigen dies; tatsächlich läßt sich anhand dieser Corpora delicti recht gut zeigen, welche von welchem Motiv der jeweilige Text inspriert wurde.

8. November 2020

Wahlfälschung leicht gemacht

In einer Diskussion in Zettels Raum wurde ich von unserem geschätzten Zimmermann Florian just geziehen eine Verschwörungstheorie zu verfolgen, weil ich das Wahlverhalten in Michigan auffällig finde. Das wäre nichts besonders erwähnenswertes, aber etwas dahinter ist mir schon öfter aufgefallen: Man fällt schnell in Ungnade wenn man die Integrität von Wahlen in Frage stellt. Viele Leute können sich nicht vorstellen, dass Wahlen in großem Umfang gefälscht werden, zumindest nicht im "freien Westen". Es mag der Instinkt sein, dass nicht sein soll was nicht sein darf und das ein solches Infragestellen alleine schon die Grundfesten unserer Gesellschaft beschädigt.
Was in dem Sinne auch sicher nicht falsch ist, denn wenn kein Vertrauen in die Wahlen existiert, dann verliert unsere Gesellschaft einen Teil ihrer Legitimation, nach Meinung einiger die zentrale Legitimation.

5. November 2020

Pfeif auf deine Freiheit. Ein Gedankensplitter zum Lockdown.

Der Gedanke war mir schon früher gekommen (und dann wieder gegangen), aber erst unser geschätzter Zimmermann Gorgasal brachte mich auf eine genauere Version, als er bemerkte, dass unter den Kunden des von ihm frequentierten Fitness-Studios sich wohl auch vermehrt viele Lockdown-Gegner befinden würden. Dies kann ich, ausgehend von dem von mir frequentierten Studio, genauso wie auch von meinem Sportverein, genau so bestätigen. Die "Freunde des Lockdowns", die es ja laut Medien und einschlägigen Umfragen zu großen Teilen geben soll, sind dort eher nicht zu finden. Allerdings muss ich auch zugeben, ich kenne generell sehr wenige echte Lockdown-Freunde. Dies mag zu einem guten Teil daran liegen, dass mein Umfeld vielleicht doch zu den aktiveren zählen mag.

Dennoch: Die Beobachtung habe ich auch beim ersten Lockdown schon machen können. 

4. November 2020

Jetzt haben sie den Salat

Manchmal würde ich lieber nicht Recht haben, diesmal war das leider der Fall. Hier habe ich vorhergesagt was gestern und in den nächsten Tagen passieren würde. Und genau so kam es dann auch: Als ich heute morgen um fünf dann doch zur Ruhe gegangen bin, hatte Donald Trump die Wahl auf dem Papier praktisch gewonnen. Er hatte die wesentlichen Swing-States North-Carolina,. Michigan und Pennsylvania gewonnen, damit war der -unerwartete- Verlust von Arizona zu verschmerzen. Doch dann passierte genau das, was ich ebenso vorhergesagt habe: Plötzlich tauchten (zu hunderttausenden) Stimmen auf. Und diese Stimmen kippten in den darauffolgenden das Ergebnis ins Gegenteil. 

31. Oktober 2020

W. W. Jacobs, "Das Zollhaus" (1907)



"Das ist doch alles Unfug," sagte Jack Barnes. "Natürlich sind Leute in dem Haus gestorben. Das kommt in jedem Haus vor. Und was die Geräusche angeht - Wind im Kamin und Ratten hinter der Vertäfelung können einen schon die Nerven kosten. Gieß mir noch mal eine Tasse Tee ein, Meagle."

"Erst sind Lester und White dran," sagte Meagle, der in den "Drei Federn" die Tischrunde leitete. "Du hast schon zwei gehabt."

Lester und White ließen sich aufreizend lange Zeit, legten zwischen den Schlückchen Pausen ein, um das Aroma zu inhalieren und sorgfältig Alter und Geschlecht der "Neuankömmlinge" zu ermitteln, die in einger Zahl in der Flüssigkeit kreisten. Mr. Meagle goß ihnen randvoll ein, dann drehte er sich zu Barnes um, der ungeduldig wartete, und bat ihn, nach heißem Wasser zu klingeln.

"Wir werden mal versuchen, deine Nerven auch weiterhin zu schonen," bemerkte er. "Ich selbst glaube ja so halbwegs an übernatürliche Dinge."

"Das tut jeder, der bei Verstand ist," sagte Lester. "Eine meiner Tanten hat einmal einen Geist gesehen."

Wenn das staatliche Fernsehen mit Unterstützung der Bundeskanzlerin Hetze betreibt

ein Gastbeitrag von Frank2000.

Da ich kaum noch Fernsehen schaue, ist dieser Vorfall an mir vorbeigegangen.
ZDF heute: "Was nun?" vom 04.06.2020

https://youtu.be/bc0YI_M8ND4?t=1008

Peter Frey:
"Die USA werden seit Tagen von Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt erschüttert. Wieviel Anteil an dieser Eskalation trägt nach ihrer Einschätzung Donald Trump, der Präsident, zum Beispiel durch seine gewaltverherrlichenden Tweets an dieser Entwicklung?"

Merkel:
"Also erst einmal ist dieser Mord an Georg Floyd etwas ganz ganz schreckliches, Rassismus ist etwas schreckliches, und die Gesellschaft in den Vereinigten Staaten ist sehr polarisiert. Ich glaube - oder meine Ansprüche sind immer an Politik, dass man versucht auch zusammenzubringen"

Ich bin derart fassungslos, dass ich dafür doch noch mal einen Gastbeitrag schreibe - obwohl ich eigentlich gar nicht mehr bloggen will.

29. Oktober 2020

Venus zum Zweiten. Das schwebende Haus auf dem "Morgenstern".

"The surface of Venus is a place of crushing pressure and hellish temperatures. Rise above it, though, and the pressure eases, the temperature drops. Fifty kilometers above the surface, at the base of the clouds, the temperature is tropical, and the pressure the same as Earth normal. Twenty kilometers above that, and the air is thin and polar cold.

"Drifting between these two levels are the ten thousand cities of Venus."
(Geoffrey A. Landis, "The Sultan of the Clouds", 2010)

"An der Oberfläche der Venus herrschen ein ungeheuerer Druck und infernalische Temperaturen. Aber weiter höher läßt der Druck nach und es wird kühler. In fünfzig Kilometer Höhe über der Oberfläche, unterhalb der Wolkendecke, entspricht die Temperatur der in den Tropenbereichen der Erde, und der Druck dem an der Erdoberfläche. Weitere zwanzig Kilometer darüber ist die Luft dünn und kalt wie an den Polen.

"Innerhalb dieser Zone schweben die zehntausend Städte der Venus."
("Der Wolkensultan")

Als an dieser Stelle vor kurzem auf den möglichen Nachweis von Spuren organischen Lebens auf dem "Schwesterplaneten" der Erde berichtet wurde (wohlgemerkt: nicht wahrscheinlich, aber immerhin möglich), hieß es:

Es wird die Aufgabe künftiger Raumsonden-Missionen sein, daß ihr Instrumentarium so ausgelegt wird, daß es Antworten auf diese Fragen liefern kann. (Denkbar wären etwa Ballon-Sonden, die in der Zone zwischen 70 und 50 Kilometern treiben und für längere Zeit Daten übertragen könnten.)

Als ich das schrieb, war mir das Projekt noch unbekannt, das zwei für die amerikanische Weltraumagentur tätige Ingenieure, Dale Arney und Chris Jones, vor fünf Jahren, 2015, in einer Projektstudie unter dem Kürzel HAVOC (für "High Altitude Venus Operational Conecpt") vorgestellt haben, und das eine detaillierte Ausarbeitung eines Aspektes eines umfassenderen Konzepts darstellt, das der ebenfalls für die NASA tätige Ingenieur und SF-Autor Geoffrey A. Landis zuerst auf einer Konferenz in Albuquerque im Jahr 2001 präsentiert hat. Es geht dabei um ein auf den ersten Blick völlig irreales, grosteskes Vorhaben, wie es nur einem drauflos fabulierenden Verfasser von Zukunftsphantasien in den Sinn kommen mag: die Erkundung des Morgensterns durch Menschen selbst und die anschließende Errichtung beständig bemannter Basen. Diese sollen allerdings nicht wie in den wenigen Fällen, in denen sich die spekulative Literatur sich diesen unwirtlichen Nachbarplaneten zum Reiseziel nimmt, tief unter der Oberfläche eingegraben vor den höllischen Bedingungen geschützt werden - eine Temperatur von 450° Celsius, ein Atmosphärendruck, der dem hundertfachen auf der Erdoberfläche entspricht, und Niederschlag aus konzentrierter Schwefelsäure, die auf allen Oberflächen kondensiert, die kälter als die Umgebung sind. (Solche Kunsthöhlen finden sich etwa in Fredrik Pohls "The Merchants of Venus", 1972 oder Michael Swanwicks "Tin Marsh", 2006.) Stattdessen sollen die Stationen als gigantische Freiballons in der oben beschriebenen oberen Atmosphäre der Venus schweben, im oberen Bereich der Troposphäre. Grundlage der Überlegung ist die Tatsache, daß ein Gasgemisch wie auf der Erde, mit einem Anteil von gut einem Sechstel bis gut einem Viertel an Sauerstoff mit dem Hauptanteil Stickstoff leichter ist als das Gemisch, aus dem die Gashülle der Venus (96,5% Kohlendioxid und 3,5% Stickstoff) besteht und daher als Traggas wirken würde. Wir reden hier freilich nicht von Gaszellen der Größenklasse, wie man sie an schönen Sommertagen in ländlichen Gegenden wie der unseren über Land fahren sieht (Ballons "fliegen" in der Sprache der Luftschiffer nicht, sondern "fahren"), sondern von Hüllen mit einem Innendurchmesser von mehreren hundert Metern. Die fliegenden Städte, die Landis für seine Erzählung "The Sultan of the Clouds" projektiert hat, tragen kreisförmige Plattformen mit einem Durchmesser von gut einem Kilometer. (Man muß im Hinterkopf behalten, daß der Verdoppelung des Durchmessers einer Kugel gemäß der Formel 4/3πr³ der Inhalt um den Faktor Acht wächst; je größer also die Hülle ausfällt, desto ungleich stärker wird die Tragfähigkeit.) Der Sauerstoff für das Traggas und die Versorgung der Besatzung wird der Umgebung entnommen: die Oberfläche der mehrgeschossigen Plattformen nehmen Gewächshäuser ein, für deren Pflanzen das Kohlendioxid das Lebenselixir darstellt. Landis' Konzept sieht zudem eine Raumstation im Orbit um die Venus vor; an der Raumschiffe, die den Shuttledienst für Material und Besatzung zwischen Venus und Erde erledigen, andocken und von denen man mit Gleitern, die im Vakuum per Raketenantrieb angetrieben werden und in der Atmosphäre durch Jetantrieb operieren.

26. Oktober 2020

Wir werden alle sterben. Ein Gedankensplitter.

Was haben COVID-19, das Waldsterben, die Klimaerwärmung und die wachsende Weltbevölkerung gemeinsam?

24. Oktober 2020

Streiflicht: Wenn der Schwachsinn Normalität wird

Über den Irrsinn der derzeitigen Entwicklung wurde gerade erst hier geschrieben. Heute mal ein kleines Streiflicht auf dem täglichen Corona-Irrenhaus, anekdotenhaft, simpel, nicht repräsentativ und vermutlich am Ende eines sehr gute Beschreibung des realen Alltags.

22. Oktober 2020

Neues vom Erdtrabanten

Die amerikanische Weltraumbehörde NASA, die "National Aeronautics and Space Administration," macht es (oder: "mag es") in dieser Woche geheimnisvoll: gestern, am Mittwoch, dem 21. Oktober 2020, kündigte sie an, am kommenden Montag, den 26., um 18:00 Uhr Mitteleuropäischer Zeit, auf einer Pressekonferenz, die sich weltweit auf dem YouTube-Kanal der NASA verfolgen lassen wird, Einzelheiten zu "einer aufregenden neuen Entdeckung über den Mond" mitzuteilen. In ihrem Bulletin hielt sich die Behörde mit näheren Angaben bedeckt und ließ nur wissen, daß diese "wichtige neue Entdeckung Auswirkungen auf die Bemühungen der NASA hat, neue Erkenntnis im Hinblick auf den Mond im Hinblick auf die Erforschung des erdferneren Weltraums" haben wird ("This new discovery contributes to NASA's efforts to learn about the moon in support of deep space exploration"). Wie bei anderen Behörden ist man auch bei der NASA seit langem darin geübt, mit scheinbar präzisen Wendungen jede konkrete Inhaltsangabe zu umgehen. Klar ist nur, daß mit dem Programm der Raumforschung, die mit dem "Reiseziel Mond" genannt ist und weiter hinausweist, das Artemis-Programm gemeint ist, das darauf abzielt, ab dem Jahr 2024 wieder Astronauten zu dem Erdtrabanten landen zu lassen - 55 Jahre, nachdem zum ersten Mal ein Mensch seine Spuren im Mondstaub hinterließ - und im weiteren Verlauf dort eine Bais für eine beständige menschliche Präsenz aufzubauen. Soviel wurde gestern noch mitgeteilt: daß sich diese neuen Erkenntnisse den Beobachtungen mit dem fliegenden "Stratosphären-Observatorium für Infrarot-Astronomie" (Englisch: Stratospheric Observatory for Infrared Astronomy), abgekürzt SOFIA handelt.

15. Oktober 2020

Irrsinn, zweite Runde.

Am 22. März diesen Jahres, also vor knapp sechs Monaten, beschloss die deutsche Regierung in direkter Zusammenarbeit mit den Bundesländern den Lockdown, die wohl massivste Freiheitseinschränkung der Nachkriegsgeschichte auf dem Boden der BRD. Und damit einen epischen Fehlschlag mit gigantischen Proportionen. 

11. Oktober 2020

Louise Glück: Sechs Gedichte

***

Teleskop

Es gibt einen Augenblick, wenn du den Blick abwendest
in dem du nicht mehr weiß, wo du bist
denn du hast, so scheint es, woanders
gelebt: im Schweigen des Nachthimmels.

Du bist nicht länger auf dieser Welt.
Du bist anderswo,
da, wo Menschenleben nichts mehr bedeuten.

Du bist kein Lebewesen mehr, in einem Körper.
Du existierst wie die Sterne,
bist Teil ihres Schweigens, ihrer Unermesslichkeit.

Jetzt bist du wieder Teil der Welt,
in der Nacht, auf einem kalten Hügel
und baust das Teleskop ab.

Hinterher wird dir klar,
daß nicht dieses Bild falsch ist,
sondern daß der Bezug falsch ist.

Du siehst wieder, welche Distanz
zwischen allen Dingen der Welt liegt.

(aus: Averno, 2006)

8. Oktober 2020

Warum mich "female reboot" und Quotenschauspielerinnen ärgern

Ein Gastbeitrag von Frank2000. 

Hollywood dieser Tage hat schon einen deutlich sichtbaren Einschlag. Die Mehrzahl der veröffentlichten Filme und Serien hat weibliche Superheldinnen und weibliche Kämpfer. Nicht nur, dass so ziemlich jeder Actionfilm, der jemals mit einem Mann gedreht wurde, jetzt eine Neufassung mit einer Frau bekommt. Sondern auffällig dabei ist, dass in diesen neuen Filem und Neuverfilmungen die Männer "auf ihrem eigenen Gebiet" geschlagen werden sollen.

6. Oktober 2020

Zum Nobelpreis für Roger Penrose, Reinhard Genzel und Andrea Ghez

"Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch noch etwas Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt.

Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist."


- Douglas Adams, Das Restaurant am Ende des Universums



Heute sind in Stockholm die Träger des diesjährigen Nobelpreises für Physik bekannt gegeben worden. Die Namen der Preisträger finden sich in den Meldungen sämtlicher Medien; es erübrigt sich, sie hier vorzustellen. Statt dessen möchte ich mir bei dieser Gelegenheit einige spontane assoziative Überlegungen gönnen. Wie schon im vorigen Jahr geht es um Forschungen und neue Erkenntnisse im Bereich der Astronomie und der Kosmologie - also jenem Bereich zwischen Beobachtung und theoretischer Modellbildung, die sich damit befaßt, wie "das große Ganze" des Weltbaus bis jenseits des fernsten Sterns und dem Ende der Zeiten beschaffen sein mag. Und wie auch 2019 ähnelt sich die Konstellation der Ausgezeichneten. Vor einem Jahr wurde James Peebles für seine Forschungen zum Bereich der "dunklen Materie", die nach heutiger Erkenntnis den Großteil der Masse des Universums ausmacht, geehrt: ein "elder Statesman" der Physik, und ein Theoretiker; während die Schweizer Michel Mayor und Didier Queloz für den ersten Nachweis eines Exoplaneten, eines Planeten außerhalb des Sonnensystems, den ersten von mittlerweile über 4300 aufgefundenen, damit bedacht wurden. Praktiker also, die Beobachtungen durchführen, Daten erheben, gewissermaßen Feldforschung betreiben (sofern man im Bereich der Sternkunde davon sprechen kann).

27. September 2020

Die amerikanische Wahl: And the winner is...



Da der geschätzte Blogger-Kollege Llarian zu Beginn dieser Woche hinsichtlich der Ausgestaltung des Parcourses für die in gut fünf Wochen anstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA eine gute Übersichtkarte entworfen hat und die Regeln des Spiels als allgemein bekannt vorausgesetzt werden dürfen, kann ich es mir leicht machen und brauche nur noch wie beim letzten Wahlgang vor vier Jahren den Ausgang des Matches mitzuteilen.

Ich habe es mir in den letzten Jahren (die Wahl von 2016 war hier der Anlaß) zur Angewohnheit gemacht, einen anstehenden Wahlgang nicht unter der Perspektive "wer könnte es werden?", "was spricht für oder gegen diesen oder jenen Kandidaten?" zu sehen, sondern es auf die schlichte Frage "wer WIRD es?" herunterzubrechen. Es wird einen Wahlausgang geben, der Gewinner wird feststehen (wenn auch womöglich mit einiger legalistischer Verzögerung), und die Unwägbarkeiten, die "known knowns" und "known unknowns", vor allem die eigenen Präferenzen werden nach Feststehen des Endergebnisses keine Rolle mehr spielen. Das mag wie ein semantischer Taschenspielertrick wirken, es läßt die Angelegenheit aber in anderer Perspektive erkennen, es taucht sie in ein anderes Licht. (Man beachte auch, daß aus dieser Optik ein Faktor des üblichen wahltaktischen Rasenschachs weitgehend entfällt, nämlich Überlegungen der Art: "wenn Trump die 'swing states' nicht für sich entscheiden kann, aber statt dessen auf die Stimmen aus Minnesota, Wisconsin und Michigan zählen kann..." Es reicht, daß ein Kandidat auf eine Mehrheit an Wahlmännern aus seiner Partei zählen kann - deren Anzahl von der Bevölkerungszahl der jeweils entsendenden Bundesstaaten abhängt - die ihn im Dezember in sein Amt wählen.)

Freilich ist die Gemengelage dieses Mal etwas anders als 2016.

22. September 2020

Die amerikanische Wahl

Es sind noch sechs Wochen bis zur amerikanischen Wahl, einer ziemlich wichtigen Wahl in Anbetracht der Tatsache wie gegensätzlich die Standpunkte sind, die von den beiden großen Parteien derzeit eingenommen werden. Die deutsche Presse beschäftigt sich derzeit lieber mit wichtigeren Themen, beispielsweise der "Hochzeit von Sylvie" (Bild), den letzten Ausfällen von Jan Böhmermann (Welt) oder den letzten Eskapaden der aktuellen Sea-Watch-Weltenretter (Focus). Die reinen Fiktionsmaschinen wie Spargel, Prantlhausener Zeitung und Kinderstürmer nicht einmal erwähnt. 

Dabei wäre zur amerikanischen Wahl sehr viel zu sagen, denn wenn man die letzten Wochen in den USA nicht gerade durch das Kaleidoskop eines ARD-Faktenverdrehers wahrgenommen hat, so bahnt sich in den USA eine sehr seltsame Wahl an, die leider sehr dunkle Schatten auf das wirft, was die Amerikaner (und damit indirekt auch Europa) in den nächsten Jahren so erwartet.

17. September 2020

Leben auf der Venus?

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Ja. Vielleicht. Eher nicht. Möglicherweise. Doch der Reihe nach.

1.
Für ein knappes Jahrhundert, nachdem die Darwinsche Evolutionstheorie dem Nachdenken über die Entstehung des Lebens und die Entwicklung höherer Lebensformen ein theoretisches Grundgerüst verliehen hatte, also ab den sechziger Jahren der 19. Jahrhunderts, bis zum Anbruch des "Raumfahrtzeitalters" fast genau 100 Jahre später, als die technischen Möglichkeiten entwickelt wurden, die Bedingungen, die anderenorts im Sonnensystem vorherrschen, aus der Nähe in Augenschein zu nehmen, war neben dem Mars unser Nachbarplanet Venus immer der aussischtsreichste Kandidat für eine weitere Wiege des Lebens. Anders als beim roten Planeten, dessen Temperaturen und Oberflächenformationen zumindest schemenhaft in den damaligen Teleskopen auszumachen waren, verwehrte die undurchdringliche Wolkendecke den Forscheraugen jeglichen Einblick. Nicht einmal die Dauer eines Tages ließ sich vor den ersten Visiten durch Raumsonden Mitte der 1960er Jahre angeben. Daher blieb den Spekulationen nur, sich an der Größe, die der der Erde beinahe entspricht, sowie an der größeren Nähe zur Sonne festzumachen. Der schwedische Physiker und Nobelpreisträger Svante Arrhenius (1859 geboren, dem Erscheinungsjahr von Darwins "The Origin of Species" und 1927 gestorben), der Entdecker des Treibhauseffektes, und, ja doch, ein entfernter Verwandter von Greta Thunberg, mutmaßte kurz nach der Jahrhundertwende folgendermaßen: