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2. August 2009

Mal wieder ein kleines Quiz: Worüber rätseln die Franzosen in den Ferien?

Der Nouvel Observateur ist eines der beiden großen französischen wöchentlichen Nachrichtenmagazine; in der Auflage etwa gleichauf mit dem Express (500.000 bis 600.000).

In Frankreich ist man jetzt in den Großen Ferien. Also gibt es auch im Nouvel Observateur ein wöchentliches Ferienrätsel. Sein Thema ist seit vielen Jahren dasselbe; das Rätsel hat, wie man so sagt, Kultstatus.

Quizfrage: Was ist der Gegenstand dieses wöchentlichen Sommerrätsels?
(A) Die Geschichte der Grande Nation

(B) Die Küchen der französischen Regionen und ihre Rezepte

(C) Feinheiten der französischen Sprache

(D) Alles rund um die Pariser Mode

(E) Große Franzosen und ihre Leistungen

(F) Der französische Film

(G) Französische Käse und Weine



Die Lösung finden Sie, wie immer, in "Zettels kleinem Zimmer".

23. Juli 2009

Zitat des Tages: Worin sich britische Universitätsdozenten und Neonazis einig sind. Ein Blick auf Europa von jenseits des Atlantik

Never mind Iran's crackdown on peaceful protestors, China's killings of ethnic Uighurs or the epidemic murders of Kremlin critics. When it comes to Europe's bien pensants, the only country that really seems to engage their moral indignation is Israel. Calling for Israel to be sanctioned may be the one cause that unites British university lecturers and Scandinavian union activists with radical Islamists and neo-Nazis.

(Was kümmern sie das gewaltsame Vorgehen des Iran gegen friedlich Protestierende, die Morde der Chinesen an Angehörigen des Volks der Uiguren, die ständigen Ermordungen von Kritikern des Kreml. Bei den Gutmenschen in Europa ruft nur ein einziges Land wirklich moralische Entrüstung hervor - Israel. Die Forderung nach Sanktionen gegen Israel dürfte die einzige Sache sein, in der sich Dozenten britischer Universitäten und skandinavische Gewerkschafter mit radikalen Islamisten und Neonazis einig sind.)

Das Wall Street Journal gestern in einem Kommentar unter der Überschrift "Israel on their minds" (Sie denken nur an Israel).

Kommentar: Der Anlaß für dieses Editorial des WSJ ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg von vergangener Woche. Es weist die Klage des ehemaligen Bürgermeisters von Seclin in Frankreich, Jean- Claude Willem, ab, der von einem französischen Berufungsgericht zu einer Geldstrafe von 1000 Euro verurteilt worden war, weil er den Boykott von Waren aus Israel in seiner Gemeinde angekündigt hatte.

Seclin ist eine kleine Stadt in Nordfrankreich, in der Nähe von Lille nahe der belgischen Grenze. Also altes Industriegebiet. Die Stadt ist fest in kommunistischer Hand. Der jetzige Bürgermeister Bernard Debreu ist Kommunist, und ebenso ist es sein Vorgänger Jean- Claude Willem.

Dieser Bürgermeister Willem nun hatte am 3. Oktober 2002 in einer Sitzung des Stadtrats einen Boykott israelischer Waren verkündet; und zwar - wie er in einer späteren Erklärung erläuterte - als "Protest gegen die täglichen Massaker und Morde" an Palästinensern. Dies und alle sonstigen Details des Falles findet man im französischen Juristenblog Actualités du Droit beschrieben.

Die Staatsanwaltschaft leitete daraufhin ein Strafverfahren gegen Willem ein, das sich auf Diskriminationsverbote im französischen Recht stützte; eines davon in einem Gesetz, das bereits seit 1881 gilt.

Das erstinstanzliche Gericht in Lille sah die betreffenden Straftatbestände nicht als erfüllt an und sprach Willem frei. In zweiter Instanz wurde er vom Berufungsgericht in Douai zu einer Geldstrafe von 1000 Euro verurteilt.

Dagegen war er vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gezogen, der die Entscheidung des Berufungsgerichts aber bestätigte (Entscheidung vom 16. Juli 2009, Az 10883). Willem habe nicht als Privatperson oder Politiker seine Meinung geäußert, sondern in seiner Funktion als Bürgermeister die Gemeinde Seclin auf einen Boykott festgelegt, der diskriminatorischen Charakter gehabt habe.



In Europa hat dieser Fall außerhalb Frankreichs kaum Aufmerksamkeit gefunden. Eine Google- Suche in deutschen WebSites liefert keinen einzigen Treffer. Das Wall Street Journal aber findet ihn wichtig genug, um ihm ein Editorial zu widmen; einen namentlich nicht gezeichneten Kommentar also, der die Meinung der Redaktion wiedergibt.

Woher diese Diskrepanz? Warum findet man in den USA etwas wichtig, das in Europa noch nicht einmal ein Achselzucken auslöst?

Was wohl jenseits des Atlantik überhaupt nicht verstanden wird, das ist die Einseitigkeit, mit der sich moralische Empörtheit gegen Israel richtet.

Man hat Vertändnis dafür, daß Israel kritisiert wird; warum nicht. Aber welche Gemeinde in Europa ruft zum Boykott russischer Waren auf, weil dort unter offensichtlicher Duldung, wenn nicht Förderung durch offizielle Stellen kritische Journalisten ermordet werden? Wo wird zum Boykott iranischer, cubanischer, syrischer, sudanesischer Waren aufgerufen, weil in diesen Ländern die Menschenrechte mit Füßen getreten werden?

Die unsäglichen Zustände in Darfur, in Simbabwe, im Sudan lassen das moralische Empfinden der meisten Europäer unberührt. Wenn aber Israel, um sich gegen ständige Aggressionen aus Gaza zu wehren, dort einmarschiert - dann auf einmal ist es hellwach, dieses Gewissen.

Am Schluß des Editorial schreiben die Autoren:
Laws against discrimination have their uses and abuses, and we would rather have seen Mr. Willem voted out of office than sanctioned by a court. But to the extent that the judges' ruling exposes the atavistic fixations of some Europeans with the Jewish state, it does the Continent a service.

Gesetze gegen Diskriminierung haben ihren Nutzen und ihre Nachteile, und uns wäre es lieber gewesen, wenn Willem abgewählt worden wäre, statt daß man ihn gerichtlich bestraft hat. Aber in dem Maß, in dem das Urteil dieser Richter die atavistischen Fixierungen einiger Europäer auf den Staat Israel offenlegt, tut es dem Kontinent einen Gefallen.
Daß die Bürger von Seclin ihren kommunistischen Bürgermeister abgewählt hätten, weil er sich gegen Israel geäußert hat, ist ein frommer Wunsch von jenseits des Atlantik. Ansonsten scheint mir diese Passage die Sache zu treffen.

Oder vielmehr: Sie würde die Sache treffen, wenn dieses "Offenlegen" von den Europäern überhaupt bemerkt worden wäre.



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18. Juli 2009

Marginalie: German angst? Das war einmal. La peur française! Wer fürchtet sich vor der Schweinegrippe?

Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Es tut sich was in Deutschland.

Seit den siebziger Jahren, gipfelnd in der Zeit der rotgrünen Koalition, waren wir Deutschen ein Volk von Angsthasen. Wir wurden ganz dem Bild gerecht, das man im Englischen mit German angst verbindet.

Glykol im Wein, Maden im Fisch, Feinstaub in der Luft, verstrahlte Pilze aus Polen, kindermordende Kampfhunde, Leukämie verursachende AKWs - es vergingen kaum ein paar Monate, in denen nicht irgendeine German angst grassierte.

Und jetzt? Es scheint, daß wir unter der Ruhe und Kompetenz ausstrahlenden Kanzlerin zu einem gelassenen Volk geworden sind. Es ist ein wenig wie einst unter Konrad Adenauer. Der Alte wird's schon richten, das war damals die Grundstimmung.

Man sieht das beispielsweise daran, daß der Versuch der SPD, einen ungefährlichen Zwischenfall im KKW Krümmel zu einer Beinahe- Katastrophe aufzubauschen, auf nicht eben viel Resonanz gestoßen ist. Man sieht es daran, daß die Wirtschaftskrise bisher die allgemeine Stimmung nicht wirklich getrübt hat.



Und man sieht es an der Angst vor der Schweinegrippe. Oder vielmehr deren Abwesenheit.

Demoskopen haben - es ist heute im Nouvel Observateur zu lesen - in 19 Ländern der Erde dieselbe Frage gestellt: Wieviel Sorgen machen Sie sich wegen der Schweinegrippe?

Die Reaktionen waren extrem verschieden. Am meisten Sorgen ("besorgt oder sehr besorgt") machten sich die Chinesen (64%) und die Bolivianer (59%). In Europa macht man sich am wenigsten Sorgen in den Alpen: Schweiz 7%, Österreich gar nur 3%.

Wer ist Spitzenreiter in Europa? Frankreich, das Land der - so meinen wir es ja - gelassenen Rotwein- Trinker und Gitanes- Raucher; das Land des savoir vivre. 40% Prozent der Franzosen sind besorgt oder sehr besorgt.

Und wir Deutschen? Ganz so gelassen wie unsere schweizer und österreichischen Vettern sind wir noch nicht. Aber mit 14% doch schon recht nah dran.



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2. Juli 2009

Kurioses, kurz kommentiert: Warum werden auf französischen Speisekarten seit gestern Preise durchgestrichen?

Über das Essen in Frankreich war in diesem Blog immer einmal wieder zu lesen; zuletzt im März über eine statistische Erhebung der Preise in französischen Restaurants. Und siehe da - so teuer ist es gar nicht, in Frankreich Essen zu gehen.

Vergleicht man gleiche Leistungen, dann ist es sogar eher günstiger als in Deutschland. Nur daß man das, was in Frankreich selbstverständlich ist - ein Menü zum Festpreis - in Deutschland unterhalb der Spitzengastronomie ja nur selten angeboten bekommt.

Warum damals diese Erhebung? Weil die französische Regierung eine Senkung der Mehrwertsteuer für Restaurants erwog und dazu eine empirische Grundlage haben wollte. Und zwar keine geringe Herabsetzung der TVA: Von 19,6 Prozent auf 5,5 Prozent.

So weit, so gut, so vernünftig. Steuersenkungen sind im etatistischen Frankreich nicht eben häufig; umso erfreulicher, daß hier einmal kräftig gesenkt werden sollte. Noch dazu auf einem für die Franzosen so wichtigen Gebiet wie dem Restaurant- Besuch, qu'on s'offre - den man sich leistet, den man sich selbst schenkt, den man sich gönnt. Kurz, der ein Teil des guten Lebens ist; nein, des Lebens überhaupt.

Gestern nun, am 1. Juli, ist diese Steuersenkung in der Tat Wirklichkeit geworden. Die Restaurants, in heftigem Wettbewerb stehend, werden die Senkung ihrer Kosten um mehr als zehn Prozent doch gewiß an ihre Gäste weitergeben?

Weit gefehlt! Denkt man jedenfalls offenbar im Hôtel Matignon, dem Sitz der des französischen Regierungschefs. Also verlangte man von den Restaurants eine Selbstverpflichtung. Und die nun zeigt, welche bürokratische Schmarrn sich dieses Land leistet, von dem viele Deutsche denken, es sei das Land der Freiheit.

Die Selbstverpflchtung nämlich beinhaltet, daß die Preise von genau sieben Angeboten gesenkt werden müssen: Einer Vorspeise, einem Hauptgericht (Fleisch oder Fisch), einem Tagesgericht, einem Dessert, einem Menü aus Vorspeise und Hauptgericht, einem Kindermenü, einem nichtalkoholischen Getränk.

Und nicht genug damit: Diese Preissenkungen müssen auch noch auf der Karte für jedes dieser sieben Angebot vermerkt werden. ("Statt bisher ... nur noch"). Und sie müssen klar sichtbar in im Schaukasten des Restaurants angebracht werden. Mit - auch das ist im Wortlaut vorgeschrieben - dem Aushang "La TVA baisse, les prix aussi" (Die Mehrwertsteuer sinkt, die Preise auch).



Die Franzosen trauen halt nicht den Kräften des freien Markts. Es erfaßt sie ein Unbehagen, wenn irgend etwas nicht staatlich verordnet, kontrolliert, reguliert ist. Sie fühlen sich dann wohl so ähnlich wie ein Kind, dem im Gewühl seine Eltern abhanden gekommen sind.

Aber ein genormtes Schild, das verrät, was billiger geworden ist - da weiß man doch, was man hat. Oder genauer: Was man vom allmächtigen Staat geschenkt bekommen hat.



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27. Juni 2009

Zitat des Tages: Die USA - bald europäischer als die Europäer?

There has been much talk recently that the US is becoming more like Europe. To be more technically accurate, we should say that the US is becoming more like what Europe used to be. In the meantime, Europe is un-Europeanizing. We are about to make France look like a holdout for rugged individualism.

(Es wird neuerdings oft gesagt, daß die USA Europa immer ähnlicher werden. Sachlich richtiger ist es, zu sagen, daß die USA immer mehr so werden, wie Europa einmal war. Mittlerweile de-europäisiert sich Europa. Wir sind dabei, Frankreich zu einer Trutzburg wilder Individualisten zu machen.)

Randall Hoven im American Thinker.

Kommentar: Um diese Aussage richtig zu verstehen, muß man berücksichtigen, daß wir Deutschen die Franzosen zwar für Individualisten halten, daß das aber ein großer Irrtum ist. (Ich habe darüber in der Anfangszeit dieses Blogs einmal einen Artikel geschrieben).

Trotz aller Revolutions- Rhetorik sind die meisten Franzosen nicht nur staatsgläubig, sondern geradezu staatsfromm. Wenn sie gegen den Staat wettern, dann nicht etwa, um dessen Befugnisse einzuschränken, sondern um ihn dazu zu bringen, seine Macht zugunsten ihrer jeweiligen Interessen einzusetzen.

In den USA sieht man das traditionell sehr viel realistischer als in Deutschland. Dort gelten die Europäer generell als Etatisten; allen voran aber die Franzosen.

Das ist, behauptet Hoven, dabei, sich zu ändern. Die USA rücken nach links, während Europa immer liberaler wird. Er belegt das mit interessanten Zahlen, zum Beispiel zur Staatsquote, also dem Anteil der Staatsausgaben am Brutto- Sozialprodukt (BSP). Er lag in Europa 1993 bei einem Spitzenwert von 52,2 Prozent, ist aber inzwischen auf 46,2 Prozent gefallen. Nur noch vier Länder liegen über 50 Prozent: Ungarn, Dänemark, Schweden - und Frankreich.

In den USA aber geht der Trend in die umgekehrte Richtung. 2007 lag der Anteil der Ausgaben der US-Bundesregierung am BSP noch bei 20 Prozent; im Haushaltsentwurf Obamas für 2009 wird er auf 28,5 Prozent steigen. Zusammen mit den Ausgaben der Bundesstaaten und der Kommunen liegt die Staatsquote dann bei mindestens 46 Prozent.

Hoven erwähnt nicht die besonderen Bedingungen der Wirtschaftskrise, die ja auch in Europa die Staatsausgaben für 2009 in die Höhe treiben. Das relativiert sicherlich die Zahlen für 2009.

Aber Obamas Wirtschaftspolitik ist ja nicht nur für den Tag gemacht. Er nutzt die Krise, um via Subventionen die Wirtschaft zu steuern; Investitionslenkung nannten das die Linken in den siebziger Jahren.

In welchem Ausmaß Obama die USA auf den Weg hin zu einer staatlich gelenkten Wirtschaft bringen will, habe ich Anfang Mai in diesem Artikel über Obamas Sonderberater Van Jones und seine Vision von einer "grünen Ökonomie" beschrieben.

Dort zitiere ich auch Charles Krauthammer, der diesen radikalen Politikwechsel in den USA wieder einmal als einer der ersten erkannte; schon im Dezember 2008, als Obama noch gar nicht sein Amt angetreten hatte.



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24. Juni 2009

Marginalie: Kabinettsumbildung in Frankreich. Warum geht das nicht auch in Deutschland? Nebst einer Anregung für Schwarzgelb

Als Präsident Sarkozy am Montag vor dem Congrès de Versailles sprach, einem Gremium aus den Abgeordneten der Nationalversammlung und den Senatoren, da erwähnte er mehrfach le prochain gouvernement, die kommende Regierung.

Kommende? Ja, hat Frankreich denn nicht eine Regierung?

Was Sarkozy meinte, das hat jetzt stattgefunden: Eine tiefgreifende Kabinettsumbildung, ein remaniement en profondeur, wie der Nouvel Observateur titelt.

Premierminister François Fillon bleibt im Amt, wie auch Außenminister Kouchner. Insofern mögen die Ergebnisse dieses Stühlerückens in Deutschland wenig Interesse finden. Kurz also nur dieses:

Die Allzweckwaffe Michèle Alliot- Marie, einst Verteidigungs-, dann Innenministerin, wechselt ins wichtige Justizministerium und erhält zugleich den Ehrentitel Ministre d'État, den außer ihr nur noch der Umweltminister Jean- Louis Borloo trägt. Dessen Ministerium wird um die Kompetenzen für das Meer, grüne Technologie und Klimaverhandlungen erweitert.

Das zeigt den Sinn Sarkozys für das Populäre; ebenso, wie die Ernennung von Frédéric Mitterrand zum Kultusminister. Die Einbindung dieses Neffen des einstigen sozialistischen Staatspräsidenten ist wieder einmal eine Geste in Richtung Linke; wie schon nach Sarkozys Wahl die Ernennung des Sozialisten Kouchner zum Außenminister.

Machtpolitisch wichtiger dürfte der Aufstieg des engen Vertrauten von Sarkozy Brice Hortefeux vom Arbeits- zum Innenminister sein. Und Stirnrunzeln wird es wohl auslösen, daß die schwarze Vorzeige- Frau Rama Yade ihr Amt als Beauftragte für Menschenrechte verliert; als Sportministerin bleibt sie aber im Kabinett. Das Amt wird abgeschafft.



Nicht wahr, da könnte Angela Merkel neidisch werden?

Als Michael Glos nicht mehr Wirtschaftsminister sein mochte, hat er nicht sie, die Kanzlerin, sondern seinen Parteivorsitzenden Seehofer gebeten, ihn von diesem Amt zu entbinden. Generell sind im heutigen Deutschland die Kabinettsposten eine Beute der Parteien, die bei den Koalitionsverhandlungen verteilt wird. Sie und nicht die Kanzlerin bestimmen, wer welches Amt erhält.

Und theoretisch können Parteien natürlich auch "ihre" Minister zurückziehen. Das ist bisher aber noch nie vorgekommen. Wer in Deutschland einmal einen Ministersessel erhält, der hockt in der Regel die ganze Legislaturperiode lang darauf wie eine Glucke auf einem Gelege, in dem partout niemand schlüpfen will. Eher könnte die Kanzlerin einen schönen Sommer herbeizaubern, als daß es ihr gelingen könnte, ihr Kabinett umzubilden.

Diese Situation ist keineswegs gottgegeben, noch nicht einmal von der Verfassung vorgesehen. In den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik waren Kabinettsumbildungen, manchmal in Anlehnung an die Diplomatensprache Revirements genannt, gang und gäbe. Es war selbstverständlich der Kanzler, der sie in eigener Verantwortung vornahm; wenn auch natürlich nicht ohne Anhörung der Vorsitzenden der Koalitionsparteien.

Irgendwann ist das auf der Strecke geblieben, als die Bundesrepublik sich immer mehr in Richtung Parteienstaat entwickelte. Der "Koalitionsvertrag" - ein in der Verfassung so wenig vorgesehenes Dokument, wie diese einen "Koalitionsausschuß" kennt - bindet den Kanzler. Und er bindet ihn nicht nur in personeller Hinsicht, sondern die Gesetzesvorhaben der Regierung werden ja ebenso durch dieses seltsame Dokument festgelegt.

Was tun? Eine unnatürliche Koalition nach den Wahlen, also eine Ampel, Jamaika oder noch einmal Schwarzrot, wird gar nichts tun. Eher wird man bei drei oder gar vier Partnern noch mehr Einzelheiten als bisher vertraglich festzurren, bevor es ans Regieren geht.

Aber angenommen, wir haben Glück und bekommen nach dem 27. September eine schwarzgelbe Regierung - könnten dann zwei vernünftige, einander politisch nahestehende Parteien nicht auch die Größe aufbringen, sich von dieser Fesselung der Regierungsarbeit durch einen "Koalitionsvertrag" weitgehend zu befreien?

Könnte man es nicht wieder so machen wie in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik: Man einigt sich in den Koalitionsverhandlungen über die Grundzüge der Regierungs- und Personalpolitik, hält das in einem Protokoll fest - und macht sich dann gemeinsam an die Arbeit?

Spätere Kabinettsumbildung nicht ausgeschlossen.



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19. Juni 2009

Gedanken zu Frankreich (31): "Ist es absurd, das Unmögliche zu erstreben?" In Frankreich tobt das Abitur. Und Politiker denken mit

Es ist schon Tradition in diesem Blog, auf das französische Abitur aufmerksam zu machen, das Baccalauréat, meist kurz Bac genannt.

Vor zwei Jahren habe ich über den Charakter und den Ablauf dieser feierlichen Prüfung berichtet, die über Tage hinweg eines der Hauptthemen in der französischen Öffentlichkeit ist. Im vergangenen Jahr ging es um die Themen des Aufsatzes in Philosophie. Ihn muß jeder Abiturient - egal welchen Zweiges - schreiben; und er eröffnet traditionell Mitte Juni die schriftlichen Prüfungen. Gestern wurde diese Épreuve écrite de Philosophie geschrieben.

Wie letztes Jahr finde ich die Themen interessant genug, um sie mitzuteilen. Zum einen, weil sie zeigen, welche intellektuellen Ansprüche jeder französische Abiturient erfüllen muß. Ansprüche, von denen ich nicht sicher bin, ob viele deutsche Abiturienten ihnen genügen könnten. Zum anderen, weil einige dieser Fragen ja recht nachdenkenswert sind.

Und drittens, weil eine von ihnen gestern auch einer Reihe von Politikern vorgelegt wurde. Sie brauchten sich freilich nicht an einem Aufsatz abzumühen, sondern sie durften frisch von der Leber weg sagen, was ihnen gerade so einfiel. Aber auch das war zum Teil gar nicht so schlecht.



Ab gestern Morgen um 8 Uhr wurden die Aufsätze geschrieben. Gestern Abend um 17:59 Uhr stellte der Nouvel Observateur die Themen ins Netz; jedenfalls diejenigen des Allgemeinen Abiturs; die des Technologischen Abiturs fehlen noch.

Auf dem Weg zum Allgemeinen Abitur kann man zwischen drei Zweigen wählen: Dem geisteswssenschaftlichen (Série Littéraire), dem naturwissenschaftlichen (Série Scientifique) und dem wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen (Série Economique et Social). Die betreffenden Kandidaten haben im Philosophie- Aufsatz unterschiedliche Themen zur Auswahl; und dessen Ergebnis geht mit unterschiedlichem Gewicht in ihre Abiturnote ein.

Hier sind die diesjährigen Themen:

Geisteswissenschaftlicher Zweig:
  • L'objectivité de l'histoire suppose-t-elle l'impartialité de l'historien?
    Bedingt die Objektivität der Geschichte die Unparteilichkeit des Historikers?

  • Le langage trahit-il la pensée?
    Ist die Sprache eine Verräterin des Denkens?

  • Expliquer un extrait du "Monde comme volonté et comme représentation" de Schopenhauer.
    Erläuterung eines Auszugs aus "Die Welt als Wille und Vorstellung" von Schopenhauer
  • Naturwissenschaftlicher Zweig:
  • Est-il absurde de désirer l'impossible?
    Ist es absurd, das Unmögliche zu erstreben?

  • Y a-t-il des questions auxquelles aucune science ne répond?
    Gibt es Fragen, auf die keine Wissenschaft eine Antwort hat?

  • Expliquer un extrait de "La démocratie en Amérique" d'Alexis de Tocqueville.
    Erläuterung eines Auszugs aus "Über die Demokratie in Amerika" von Alexis de Tocqueville
  • Wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Zweig:
  • Que gagne-t-on à échanger?
    Was gewinnt man durch den Austausch?

  • Le développement technique transforme-t-il les hommes ?
    Verändert die technische Entwicklung die Menschen?

  • Expliquer un extrait de "Essai sur l'entendement humain" de John Locke.
    Erläuterung eines Auszugs aus dem "Versuch über den menschlichenn Verstand" von John Locke.
  • Wie immer wird jedem Zweig also ein fachphilosophisches Thema angeboten - Schopenhauer steht in hohem Ansehen; er war auch letztes Jahr schon mit dabei. Die beiden anderen Themen sind das, was man in Deutschland früher "Besinnungsaufsätze" nannte; meist als Frage formuliert.

    Obwohl es sich um Themen von allgemeinem Interesse handelt, geht man auf die Spezialisierungen in dem jeweiligen Zweig ein. Die Naturwissenschaftler werden meist nach einem philosophischen Aspekt der Wissenschaft gefragt; bei den Sozialwissenschaftlern geht es oft um gesellschaftliche Themen im weiteren Sinn.



    Das also erregt in Frankreich die Öffentlichkeit in diesen Juni- Wochen. Wenn ich in der Überschrift sage, daß das Abitur "tobt", dann ist das nur wenig übertrieben. Die linke Tageszeitung Libération hatte gestern ein ganzes Dossier zu diesem Thema. Und einer der vielen Blogs zum Abitur, Mention très bien bei der Tageszeitung Le Monde, berichtete über den Vorabend des Philosophie- Aufsatzes: "chacun 'retenait son souffle'"; jeder hielt den Atem an.

    Bei soviel nationalem Interesse an einem Thema kann natürlich auch die Politik nicht schweigen. Der Nouvel Observateur hat einer Reihe von Politikern die Frage vorgelegt: "Ist es absurd, das Unmögliche zu erstreben?".

    Der Sozialist François Hollande, einst Lebensgefährte von Ségolène Royal und selbst als Kandidat für die Präsidentschaft gehandelt, meinte, nein, das sei nicht absurd - "Mais à une condition, réussir le possible"; aber nur unter der Bedingung, daß man das Mögliche erreicht. Naja.

    Schon deutlich philosophischer antwortete François Bayrou, der auch einmal Präsident hatte werden wollen und der jetzt der kleinen liberalen Partei MoDem vorsteht: " ... c'est purement et simplement la vie des hommes. C'est cela qui fait l'humanité. Ce n'est donc pas absurde : c'est vital!" - das Unmögliche zu erstreben, das sei schlicht und einfach das Leben des Menschen. Dies sei es, was das Menschsein ausmache. Es sei also nicht absurd - es sei lebensnotwendig.

    Die dümmste Antwort gab, wen wundert's, der Vertreter der Parti de Gauche, des französischen Franchise- Partners der deutschen Partei "Die Linke". Dieser Jean- Luc Mélenchon also antwortete: "... vivre est absurde, selon Camus et tant d'autres. On doit donc imaginer Sisyphe heureux. Ce serait ça, mon plan". Leben sei, laut Camus und so vielen anderen, absurd. Man müsse sich also Sisyphus als glücklich vorstellen. Das wäre, sagte der Vorsitzende Mélenchon, "sein Plan".

    Warum diese Antwort die dümmste sei, fragen Sie, lieber Leser? Denken Sie darüber nach! Sie müssen ja nicht gleich einen Philosophie- Aufsatz schreiben.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie findet man hier. Titelvignette: Eugène Delacroix, La Liberté guidant le peuple (1830); Ausschnitt. In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist.

    12. April 2009

    Zettels OsterfragerEi (4): Warum sind wir Deutschen (bisher) in der Krise so gelassen geblieben? Ganz anders als die Franzosen

    Es mag Zufall gewesen sein, aber es hatte etwas Symbolisches: Die Demonstrationen gegen den Nato-Gipfel in Baden-Baden und Straßburg blieben auf der deutschen Seite überwiegend friedlich, während sie jenseits des Rheins fast schon den Charakter einer Aufruhr annahmen; mit Brandstiftungen, Plünderungen und diversen sonstigen Gewalttaten als Krönung des "Friedensmarschs".

    Aufruhr - damit kann man in diesen Tagen Manches in Frankreich kennzeichnen. Nicht nur Aktionen, sondern auch die Stimmung in einem Teil der Bevölkerung; einem freilich großen Teil, vielleicht der Hälfte.

    Bereits im Januar gab es eine Aktion, die von den französischen Kommunisten und ihren Verbündeten als "Generalstreik" deklariert wurde. Im März wiederholte sich das Spektakel.

    Ich habe damals darauf hingewiesen, daß nicht "die Franzosen" demonstrierten, sondern nur eine Minderheit. Aber die Unterstützung für diese Minderheit ist doch ganz erheblich. Eine Umfrage nach den Demonstrationen im März ergab die "Solidarität" von nicht weniger als 62 Prozent der Befragten mit den Demonstranten; was immer hier unter Solidarität zu verstehen ist.

    Bezeichnend, auf eine makabre Weise bezeichnend, ist die Haltung der Franzosen zu den sogenannten Séquestrations de PDG. Was ist das? Extremisten bemächtigen sich des Sptzenmanagers eines Unternehmens und halten ihn mehr oder weniger lang gefangen. So widerfuhr es kürzlich den Chefs von Sony France, von 3M in Pithiviers; so widerfuhr es fünf Managern von Caterpillar in Grenoble.

    Und wie finden die Franzosen das? Sie sind tief gespalten. Heute erscheint dazu eine Umfrage, über die der Nouvel Observateur gestern vorab berichtete.

    Drei Meinungen waren vorgegeben, zwischen denen die Befragten sich entscheiden sollten. 27 Prozent entschieden sich für "Das ist ein Vorgehen, das ich angesichts der Schwere der Krise billige". Nur 23 Prozent wählten "Das ist ein Vorgehen, das ich ablehne und das bestraft werden sollte". 50 Prozent entschieden sich für ein Sowohl-als-auch: "Das ist ein Vorgehen, das ich ablehne, das aber straffrei bleiben sollte".



    Man stelle sich vor, was in Deutschland los wäre, wenn Extremisten Mitglieder der Leitung ihrer Unternehmen gefangen setzen würden! Aber wir brauchen uns das nicht vorzustellen, denn es wird nicht stattfinden.

    Während - nein, nicht "die Franzosen", aber doch die, grob gesagt, linke Hälfte der französischen Gesellschaft in Aufruhr ist; während in Frankreich der Kommunist Olivier Besancenot monatelang in den Umfragen als der "beste Gegenspieler " von Nicolas Sarkozy an der Spitze lag, interessieren wir Deutsche uns vor allem dafür, daß die Abwrackprämie nicht vorzeitig ausläuft.

    Wie kommt es, daß Deutsche und Franzosen so verschieden auf die Krise reagieren? Liegt es an der jeweiligen aktuellen Situation? Liegt es an historischen Traditionen? Gibt es noch andere Gründe?

    Warum bewahren wie Deutschen kühlen Kopf; in einem nachgerade atemberaubenden Maß? Die schlimmste Krise seit 1929 wird uns prophezeit. Wir aber planen weiter unseren Urlaub, freuen uns auf das neue Auto, interessieren uns mehr für den Niedergang von Bayern München als für den der deutschen Exportwirtschaft.

    Oder ist das gar nicht so? Beschreibe ich hier nur eine Oberfläche, unter der es brodelt?



    Es ist Tradition in diesem Blog, daß zu Ostern eine kleine Sonder- Serie läuft. Im Jahr 2007 war es Zettels Oster- LobhudelEi, in der ich u.a. ein positives Bild unserer Geschichte seit 1945 gezeichnet habe. Vergangenes Jahre begann die Serie Zettels OsterfragerEi, die jetzt ihre Fortsetzung findet.

    Wie immer bei der OsterfragerEi bitte ich um Antworten. Wie immer gibt es dazu einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Wer seine Meinung beisteuern möchte, sich dort aber nicht anmelden mag, der kann mir gern auch eine Mail schicken; ich füge sie dann in den Thread ein. Die Adresse sehen Sie, wenn sie rechts oben auf das kleine Bild von Zettels Haus klicken und dann unter Contact auf Email.



    Die Titelvignette zeigt die Signatur Karls des Großen, des letzten Herrschers von sowohl Deutschland als auch Frankreich. Sie ist copyrightfrei, weil der Urheber schon länger als 70 Jahre tot ist.

    25. März 2009

    Gedanken zu Frankreich (30): Wie teuer sind französische Restaurants? Jetzt ist es amtlich ...

    Zu den offenbar schwer ausrottbaren Vorurteilen über Frankreich gehört, daß man dort in den Restaurants teuer ißt. Ein wenig Überlegung zeigt, daß das eigentlich von vornherein eher unwahrscheinlich ist. Denn in Frankreich wird ungleich öfter in Restaurants gegessen als in Deutschland.

    Das zeigt erstens, daß viele Franzosen sich das offenbar leisten können, obwohl der durchschnittliche Verdienst ja keineswegs höher ist als in Deutschland. Zweitens sind diese Restaurants überwiegend gut besucht, können also günstiger kalkulieren als viele deutsche Betriebe, die froh sind, wenn sie am Abend vielleicht zwanzig Essen verkaufen. Auch das läßt nicht erwarten, daß das Essengehen in Frankreich teurer ist als in Deutschland.

    Vor der Einführung des Euro war der Preisvergleich mühsam. Heute kann jeder, der die Preise französischer Restaurants mit denen in Deutschland vergleicht, zwei Fakten konstatieren: Erstens, in Frankreich bezahlt man für etwas anderes als in Deutschland. Zweitens, wenn man gleiche Leistungen vergleicht, dann ißt man in Frankreich billiger.



    Man bezahlt für etwas anderes, weil man in Frankreich ein Menü bestellt und in Deutschland in der Regel ein einziges Gericht.

    Vielleicht haben Sie, lieber Leser, in Deutschland schon einmal die Erfahrung gemacht, die mir so geläufig ist, daß ich inzwischen auf sie verzichte: Wir gehen essen und wollen gern ein Menü haben. Das wird aber auf der Karte als solches nicht angeboten. Also bestellen wir eine Vorspeise, dann vielleicht ein Hauptgericht und dann Käse.

    Und machen schon bei diesem wahrlich bescheidenen Menü die Erfahrung, daß das betreffende Angebot gar nicht für ein Menü vorgesehen ist.

    Denn die "Vorspeise" entpuppt sich als so umfangreich, daß man sich allein von ihr den Bauch vollschlagen könnte. Und der Käse ist als eine kalte Mahlzeit gemeint, gern auf einem riesigen Holzteller serviert; nicht als der vorletzte Gang eines Menüs. Wer gar auf den Gedanken kommt, zwischen Vorspeise und Hauptgang noch das einzuschieben, was in Frankreich Entrée heißt, auf Englisch Starter und zu Deutsch "Zwischengericht", der wird feststellen, daß er ein weiteres Hauptgericht bekommt.

    Das alles ist logischerweise so teuer, wie es umfangreich ist. Bestellt man also in Deutschland in der mittleren bis gehobenen Gastronomie (ich rede jetzt nicht von der Spitzengastronomie) ein Menü, wie es in Frankreich üblich ist (oder vielmehr war - siehe unten), also Vorspeise, Zwischengericht, Hauptgang, Käse, Dessert, dann wird man entweder nur Bruchteile des Gebotenen essen können, oder man kann sich anschließend den Magen auspumpen lassen.

    Entsprechend teuer ist diese geballte Ladung an Eßbarem: Auch in einem alles andere als kulinarischen Restaurant wird man in Deutschland für ein solches Menü kaum weniger als fünfzig Euro pro Person zu berappen haben; vermutlich in der Regel mehr.



    Und in Frankreich? Da wissen wir es jetzt ganz genau. Es gibt nämlich dort im Rahmen der Versuche, die Krise zu bekämpfen, die Idee, die Mehrwertsteuer für Restraurants zu senken. Und zwar drastisch, von 19,6 Prozent auf 5,5 Prozent. Dafür sollen sich die Restaurants verpflichten, kein Personal zu entlassen und die Steuersenkung an die Gäste weiterzugeben.

    Gründlich, wie man in Frankreich ist, hat das Ministerium für Wirtschaft im Vorfeld der Gespräche über diese eventuelle Steuersenkung zunächst einmal die Preise in den Restaurants amtlich erhoben.

    Und ist dabei - der Nouvel Observateur berichtete gestern darüber - zu einer entwaffnenden Erkenntnis gekommen: Daß es nämlich eine "grande disparité entre les établissements" gibt, einen großen Unterschied zwischen den Betrieben. Wer hätte das gedacht! An den Champs Elysées in Paris ißt man deutlich teurer als im Café- Restaurant de la Paix in Evolène!

    Aber Spaß beiseite. Es wurden die Preise in knapp 2500 repräsentativ ausgewählten Restaurants erhoben; und zwar - in Frankreich ist es gesetzlich vorgeschrieben, das ganz genau mitzuteilen - vom 16. bis 18. März in 100 Départements bei 2470 Betrieben; davon 988 "traditionnellen" Restaurants, 741 "Pizzerien", 494 "Grills" und 247 "exotischen" Restaurants. Ergebnis: Das Tagesgericht kostete im Schnitt 9,67 Euro; die Spanne lag zwischen zwei Euro (in einer Pizzeria) und 39,90 Euro (in einem "exotischen" Restaurant). Das günstigste Menü kostete im Schnitt 12,95 Euro.

    Wenn ich in Deutschland im Imbiß um die Ecke ein Schnitzel mit Pommes Frites und Salat esse und dazu ein Bier trinke, bezahle ich rund zehn Euro.



    Also alles bestens in Frankreich? Leider nicht.

    Über die Veränderungen, die in der französischen Gastronomie stattgefunden haben, seit die sozialistische Regierung Jospin die 35- Stunden- Woche gesetzlich vorschrieb, habe ich vor knapp zwei Jahren hier und später noch einmal in diesem Artikel berichtet: Man kann sich seit dieser "Reform" weniger Personal leisten. Ein umfangreiches Menü ist zwar vom Materialeinsatz her nur unwesentlich teurer als ein Menü aus zwei oder drei Gängen mit entsprechend größeren Portionen. Aber man braucht mehr Köche, die es zubereiten, und mehr Kellner, die es servieren.

    Also sind in Frankreich die Menüs geschrumpft und die Portionen gewachsen. Man nähert sich, mit anderen Worten, Deutschland an. Heute hat das Standard- Menü nur noch drei Gänge, und man kann sogar eine Mini- Version mit zwei Gängen wählen (entweder Entrée und Hauptgericht oder Hauptgericht und Dessert). Manchenorts - zum Beispiel in Paris - ist das in den Restaurants der unteren und mittleren Preislage schon die Regel.

    Auch Madame Cornut, die Wirtin meines Pariser Stammlokals Chez Clovis, mußte notgedrungen diesen Weg gehen, bevor sie vor zwei Jahren ganz aufgab.

    Damit Sie sich ein Bild davon machen können, was man vor einigen Jahren mitten in Paris, im 1er Arrondissement, als Drei- Gänge- Menü für 25,50 Euro bekam, hier die vermutlich letzte Karte von Madame Cornut.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen bisherigen Folgen dieser Serie findet man hier. Titelvignette: Ausschnitt aus dem Gemälde La Liberté guidant le peuple von Eugène Delacroix, Public Domain.

    2. März 2009

    Kurioses, kurz kommentiert: Die Franzosen wollen mehr Leute im Öffentlichen Dienst

    Quelque 72% des Français ont une bonne image des fonctionnaires, d'après un sondage de l'institut Obea- Infraforces (...). Selon une large majorité de sondés, le nombre de fonctionnaires devrait être augmenté dans les hôpitaux, la recherche et l'enseignement.

    (Rund 72% der Franzosen haben nach einer Umfrage des Instituts Obea- Infraforces eine gute Meinung von Beamten. (...) Laut einer großen Mehrheit der Befragten sollte die Zahl der öffentlich Bediensteten in den Kliniken, in der Forschung und im Schulwesen erhöht werden.)

    Aus einer Meldung des Nouvel Observateur

    Kommentar: Diese Meldung beinhaltet die ganze Misere Frankreichs. Seit Ludwig XIV ist Frankeich ein Beamtenstaat; seit Bonaparte ein nach seinem Verständnis moderner Beamtenstaat.

    Natürlich kann in einem Beamtenstaat von Effizienz keine Rede sein. Allerdings sind die an der ENA ausgebildeten französischen Beamten ungleich besser als die Beamten irgendwo sonst in Europa. Sie sind folglich unter den Einäugigen König.

    Eine vergleichbare Umfrage in Deutschland kenne ich nicht. Ich fürchte aber, daß sie im Osten und im Westen sehr unterschiedliche Ergebnisse liefern würde.



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    29. Januar 2009

    Gedanken zu Frankreich (29). Wie man in Frankreich auf die Wirtschaftskrise reagiert. Ganz anders als in Deutschland. Heute ist Generalstreik

    Heute gibt es in Frankreich etwas, was in fast sechzig Jahren Bundesrepublik Deutschland bei uns nicht stattgefunden hat: einen Generalstreik.

    Nicht nur einen Generalstreik; sondern - das muß ja nicht damit einhergehen, obwohl dies die Regel ist - einen politischen Streik.

    Aufgerufen habe dazu gemeinsam alle acht großen Gewerkschaften. Aufgerufen haben aber auch Parteien der extremen Linken, darunter die Kommunistische Partei Frankreichs und die mit ihr verbündete PG (Parti de Gauche), die kürzlich unter tätiger Mithilfe von Oskar Lafontaine gegründet wurde.

    Das ist für uns Deutsche alles ziemlich fremd. Dieser Schulterschluß zwischen den großen Gewerkschaften und Parteien der extremen Linken. Ein politischer Generalstreik. Und vor allem: Dies als Reaktion auf die ausgebrochene Wirtschaftskrise.

    Wo liegen die Unterschiede? Wo kommen sie her? Sie liegen, scheint mir, teils im französischen Gewerkschaftssystem; teils aber auch in dem Verständnis von Staat und Politik, das ganz anders ist als in Deutschland.



    Wenn man in Deutschland von "den großen Gewerkschaften" spricht, dann denkt man an Gewerkschaften wie die IG Metall oder Ver.di. Gewerkschaften also, die unter dem Dach des DGB für bestimmte Branchen zuständig sind.

    In Frankreich ist das anders. Es gibt keinen Dachverband wie den DGB. Die Gewerkschaften sind intern zwar auch in Sektionen für die einzelnen Branchen gegliedert, aber in der Außendarstellung spielt das kaum keine Rolle. Da treten sie als eine Einheit auf.

    Da treten sie als Einheiten auf - und gegeneinander an. Denn die Gewerkschaften konkurrieren um Mitglieder. Und sie tun das nicht auf der Basis dessen, was sie potentiellen Mitgliedern an Leistungen anzubieten haben; sondern sie tun es auf der politischen Ebene.

    Die Gewerkschaften sind politisch ausgerichtet; ja einige sind so etwas wie die Gewerkschafts- Organisation einer Partei.

    Das gilt vor allem für die CGT, die Conféderation Générale de Travail, die eng mit der Kommunistischen Partei Frankreichs verbunden ist, und für die CFDT (Confédération Française Démocratique du Travail), die dem linken Flügel der Sozialistischen Partei nahesteht.

    Diese und andere, kleinere Gewerkschaften verstehen sich nicht, wie die Einzelgewerkschaften des DGB, als überparteiliche Interessenvertretungen der Arbeitnehmer. Natürlich wollen auch die französischen Gewerkschaften die Interessen ihrer Mitglieder vertreten. Aber nicht nur, noch nicht einmal primär, indem sie höhere Löhne oder kürzere Arbeitszeiten aushandeln. Sondern als das tiefere, das eigentliche Interesse ihrer Mitglieder sehen sie eine Änderung der politischen Zustände.



    Damit nun hängt zusammen, daß der Adressat von Streiks in Frankreich sehr oft nicht die Arbeitgeber sind, sondern die Regierung. Sie soll zu bestimmten Maßnahmen gezwungen, vor alle soll sie davon abgebracht werden, bestimmte Gesetzesvorhaben zu realisieren. Viele Reformen sind in Frankreich auf diese Weise gescheitert, bevor sie überhaupt auf den parlamentarischen Weg gebracht werden konnten.

    Das gelingt umso leichter, als in Frankreich auch Beamte das Streikrecht haben. Streiks der Lehrer oder der Bediensteten staatlicher Verkehrsbetriebe sind an der Tagesordnung.

    Die cheminots, die Eisenbahner der staatlichen SNCF, gehören zu den streikfreudigsten Franzosen überhaupt. Erstens gefährden sie mit einem Streik nicht ihre (faktisch unkündbaren) Arbeitsplätze. Zweitens kann man kaum besser Druck auf eine Regierung ausüben, als indem man den Bahnverkehr im ganzen Land lahmlegt.

    Das wird auch heute wieder der Fall sein, wie ein Überblick des Nouvel Observateur über die in den einzelnen Sektoren geplanten Streiks zeigt. Lediglich ein Teil des Schnellzugverkehrs wird normal laufen.

    Ebenso werden die Lehrer und Ärzte streiken, sofern sie gewerkschaftlich organisiert sind, die Bankangestellten, die Dockarbeiter, die Post und die Energiewirtschaft, die France Télécom, die Richter und das Personal der Flughäfen. Und so weiter und so fort. Sogar die Piloten von Hubschraubern werden in der Übersicht als eine Gruppe erwähnt, die heute in den Streik tritt.



    Und wozu das alles? Was soll der ganze Aufwand? In dem Streikaufruf heißt es:
    La crise economique amplifiée par la crise financière internationale touche durement une grande partie des salariés dans leurs emplois et leurs revenus. Alors qu’ils n’en sont en rien responsables, les salariés, demandeurs d’emploi et retraités, sont les premières victimes de cette crise. (...)

    Face à cette situation et considérant qu’il est de leur responsabilité d’agir en commun, en particulier lors de la journée du 29 janvier, pour obtenir des mesures favorables aux salariés, les organisations syndicales CFDT, CFTC, CFE-CGC, CGT, FO, FSU, Solidaires, UNSA ont décidé d’interpeller les entreprises, le patronat et l’Etat. Surmonter la crise implique des mesures urgentes en faveur de l’emploi, des rémunérations et des politiques publiques intégrées dans une politique de relance économique.

    Die Wirtschaftskrise, verstärkt durch die internationale Finanzkrise, trifft einen großen Teil der Lohnabhängigen hart in ihrer Beschäftigung und ihrem Einkommen. Obwohl sie dafür in keiner Weise verantwortlich sind, sind die Lohnabhängigen, die Arbeitsuchenden und die Rentner die ersten Opfer dieser Krise. (...)

    Angesichts dieser Situation und in Anbetracht dessen, daß es in ihrer Verantwortung liegt, gemeinsam zu handeln, haben die gewerkschaftlichen Organisationen CFDT, CFTC, CFE-CGC, CGT, FO, FSU, Solidaires und UNSA beschlossen, die Firmen, die Unternehmer- Verbände und den Staat in die Pflicht zu nehmen. Die Überwindung der Krise verlangt dringende Maßnahmen zugunsten der Beschäftigung, der Löhne und der Politik der öffentlichen Hand, eingebettet in eine Politik der Ankurbelung der Wirtschaft.
    Im einzelnen werden dann zahlreiche Maßnahmen gefordert - zum Beispiel die Rücknahme eines geplanten Personalabbaus im öffentlichen Dienst; eine Anhebung der Löhne vor allem im Niedriglohn- Bereich; mehr sozialer Wohnungsbau; Ausbau der Infrastruktur und des öffentlichen Dienstes; direkte Kontrolle des Bankwesens; Hilfen für Unternehmen nur, wenn diese soziale Verbesserungen zusagen usw.

    Nicht wahr, Sie wundern sich, daß das aus französischer Sicht alles Sache der Gewerkschaften ist?

    Dahinter steckt eben ein anderes Verständnis von Politik als in Deutschland.

    Die Franzosen - 69 Prozent unterstützen den Streik oder sympathisieren damit - haben ein aus deutscher Sicht eigenartig ambivalentes Verhältnis zum Staat.

    Einerseits sind sie staatsgläubig wie kaum ein anderes Volk in Europa. Der Staat soll möglichst alles regeln und in Ordnung bringen. Das ist ein Etatismus, der auf die Zeit des Absolutismus zurückgeht, als Frankreich ein straffer Zentralstaat war. Dieser wurde von der Revolution keineswegs überwunden; erst recht nicht von Bonaparte, der ihn im Gegenteil perfektionierte.

    Das wirkt bis in die Gegenwart hinein; und in dieser etatistischen Haltung sind sich die Linken mit den Rechten einig. "Liberal" gilt in Frankreich weithin als ein Schimpfwort; keine Partei nennt sich liberal.

    Andererseits haben die Franzosen aber ein tiefes Mißtrauen gegenüber diesem Staat, von dem sie so viel erwarten. Man muß ihm gewissermaßen ständig Beine machen, ihn bedrängen, ihn unter Druck setzen.

    So auch in der jetzigen Krise. Die Maßnahmen, die in dem Aufruf gefordert werden, mögen vernünftig sein oder auch nicht (aus meiner Sicht sind es die meisten nicht) - aber man sollte doch meinen, daß das die Fachleute im Wirtschaftsministerium, daß es die Ökonomen und die in diesem Bereich spezialisierten Politiker besser beurteilen können als ein Gewerkschafts- Sekretär.

    Aber so denken die meisten Franzosen nicht. Sie glauben nicht daran, daß "die Politiker" überhaupt etwas für den "Kleinen Mann" tun wollen. Es sei denn, man tritt sie in jenen Körperteil, auf dem sie in ihren fauteuils sitzen.



    Natürlich wird das nichts bewirken. Allenfalls bremsen können die Gewerkschaften das Handeln der Regierung Sarkozy, die ja eher für ihren Aktionismus als für Nichtstun bekannt ist.

    Aber so ein Tag wie heute - der ist doch wunderschön. Man zieht gemeinsam durch die Straßen, man fühlt sich gemeinsam stark, man hat mal was anderes. Das mögen die Franzosen. Die Große Revolution, zum xten Mal symbolisch nachgespielt. Die Älteren werden sich nostalgisch an den Mai 1968 erinnern.

    Und hier noch ein Plakat, das den Grundgedanken dieses Streiks sehr schön visualisiert. Ich habe es auf dem für die Organisation des Streiks eingerichteten Blog "Grève Générale du 29 janvier 2009" gefunden; es ist zum Herunterladen freigegeben:




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    5. Dezember 2008

    Zitat des Tages: Gesine Schwans "falsches Signal". Über multikulturelles Herumeiern

    In einem Land, in dem überwiegend Deutsch gesprochen wird, ist es wichtig, dass alle Bewohner diese Sprache können. Das wird von niemandem in Zweifel gezogen. Dies im Grundgesetz zu verankern, sendet aber ein falsches Signal.

    Die Präsidentschaftskandidatin der SPD, Gesine Schwan, gestern in einem Interview mit "Spiegel- Online".

    Kommentar: Auch nach längerem Nachdenken habe ich die Logik dieser Argumentation nicht verstanden. Wenn es wichtig ist, daß alle "Bewohner" (vulgo Bürger) Deutschlands dieselbe Sprache sprechen, eben die Landessprache, was ist dann falsch daran, dies auch im Grundgesetz zu verankern?

    Warum dies nach ihrer Meinung das "falsche Signal" wäre, erläutert Frau Schwan so: "Es vermittelt ein Bild von Deutschland, in dem das Deutsche alleinverbindlich ist und alles Andere sich in eine homogene Mehrheitsgesellschaft einpassen muss."

    Ja, natürlich ist das Deutsche alleinverbindlich; das hat doch Frau Schwan gerade gesagt. Aber wieso muß "alles andere sich in eine homogene Mehrheitsgesellschaft einpassen", wenn es eine für alle verbindliche, gemeinsame Sprache gibt? Niemand soll doch daran gehindert werden, auch noch Englisch, Türkisch oder vielleicht Esperanto zu sprechen.

    Frau Schwan eiert herum.

    Wenn sie dafür ist, daß Deutsch in Deutschland die für alle verbindliche Landessprache ist, dann gibt es keinen vernünftigen Grund, dies nicht auch im Grundgesetz so zu sagen.

    Wenn dies andererseits ein "falsches Signal" ist - was zu signalieren wäre dann nach Ansicht von Frau Schwan richtig? Offenbar doch, daß Deutschland sich nicht nur zu einer multikulturellen, sondern auch zu einer mehrsprachigen Gesellschaft entwickeln soll.

    Wie sehr Frau Schwan herumeiert, zeigen ihre Beispiele. Sie erwähnt die Schweiz - aber deren Mehrsprachigkeit basiert ja nicht auf Einwanderung, sondern auf dem Zusammenschluß von Kantonen mit verschiedenen Landessprachen. Sie erwähnt, daß Polen und Dänemark im Grenzgebiet mehrsprachige Schilder aufstellen. Was das mit der Frage der Festlegung der Landessprache zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Es ist doch wohl mehr ein Service für Besucher aus dem Nachbarland.



    Der "Verein deutsche Sprache" hat die einschlägigen Verfassungsbestimmungen anderer Länder zum Herunterladen zusammengestellt. Sehen wir nur unsere Nachbarländer an:
  • In Frankreich steht ganz oben in der Verfassung, nämlich bereits in deren zweitem Artikel: "Die Sprache der Republik ist Französisch".

  • In der Schweiz heißt es in der Bundesverfassung, Artikel 70: "Die Amtssprachen des Bundes sind Deutsch, Französisch und Italienisch."

  • In Österreich bestimmt der Artikel 8 des Bundes- Verfassungsgesetzes: "Die deutsche Sprache ist, unbeschadet der den sprachlichen Minderheiten bundesgesetzlich eingeräumten Rechte, die Staatssprache der Republik."

  • Der Artikel 27 der Verfasssung Polens besagt: "In der Republik Polen ist die polnische Sprache die Amtssprache. Diese Vorschrift verletzt nicht Rechte der nationalen Minderheiten, die sich aus ratifizierten völkerrechtlichen Verträgen ergeben."
  • Nun könnte man argumentieren, es gebe da halt Unterschiede zwischen den Verfassungen, in unserer stehe die Amtssprache nun einmal nicht, und es gebe doch keinen Anlaß, diesen Zustand fast sechzig Jahre nach dem Inkrafttreten des Grundgesetzes plötzlich zu ändern.

    Es gibt ihn aber. Es gibt in Deutschland eine türkisch- sprachigen Bevölkerung, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung infolge unterschiedlicher Geburtenraten und aufgrund des Familien- Nachzugs weiter zunehmen wird. Es ist keineswegs abwegig, daß dieser Teil der Bevölkerung irgendwann den Anspruch erheben wird, Türkisch zu einer zweiten Amts-, wenn nicht Landessprache zu machen.

    Noch ist das nicht der Fall. Es ist jetzt also noch möglich, dem einen Riegel vorzuschieben, ohne daß es zu einem gesellschaftlichen Konflikt kommt. Wird diese Forderung erst einmal erhoben, dann wird ihre Ablehnung hingegen zu einer Konfliktsituation führen.



    Das wird offenbar auch in anderen Ländern so gesehen. In den Niederlanden, in Schweden und den USA - also in drei ausgeprägt liberalen, demokratischen Ländern - gab oder gibt es aktuelle Bestrebungen, die Landessprache offiziell und verbindlich festzulegen.

    In den USA - so ist es der Zusammenstellung des "Vereins deutsche Sprache" zu entnehmen - hat am 19. Mai 2006 der Senat mit 63 zu 34 Stimmen Englisch als die Landessprache festgelegt. In den Niederlanden ist die Festlegung von Niederländisch als Landessprache ein Inhalt des Koalitionsvertrags vom März 2007. In Schweden ist eine Regierungs- Kommission unter Vorsitz von Bengt- Ake Nilsson mit dieser Frage befaßt.

    In den USA war bisher Englisch als Landessprache nicht gefährdet; inzwischen ist es dies durch Spanisch. Auch die Niederlande und Schweden sind Länder mit einer hohen Einwanderung, in denen sich wie in Deutschland das Problem der Landessprache zwar nicht aktuell stellt, aber langfristig stellen könnte.



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    3. Dezember 2008

    Sind die Kommunisten bald stärker als die Sozialdemokratie? Über parallele Enwicklungen in den Parteiensystemen Deutschlands und Frankreichs

    Erstaunlicherweise hat die Gründung von Oskar Lafontaines französischem Franchise- Partner Parti de Gauche in Deutschland kaum Aufsehen erregt; ja sie wurde fast gar nicht beachtet. Dabei könnte sie von großer Bedeutung nicht nur für Frankreich, sondern auch für Deutschland sein.

    In Frankreich ist die drohende Spaltung der Partnerpartei der SPD, der Parti Socialiste, zwar vorerst gerade noch einmal abgewendet worden. Aber der hauchdünne Ausgang der Wahl der Generalsekretärin und der erbitterte Kampf um das Ergebnis zeigen, daß die Partei in zwei gleich starke Flügel zerfällt: Einen sozialistischen, der das Bündnis mit den Kommunisten will, und einen sozialdemokratischen, der sich zur Mitte hin orientieren möchte. Zwei Flügel, die sich so spinnefeind sind, als stehe man bereits in entgegengesetzten politischen Lagern.

    In der deutschen SPD sieht es nicht viel anders aus; die aktuellen Kämpfe in ihrem hessischen Landesverband illustrieren das.



    Was hat das mit der Gründung der Parti de Gauche zu tun? Sie ist die Reaktion auf die Situation der PS. Die Neugründung soll der Keim für eine Partei sein, in der sich der linke Flügel der Sozialisten sammelt. Die beiden Gründer stammen aus dieser Partei, die sie ebenso im Zorn verlassen haben, wie Oskar Lafontaine einst die SPD.

    Linke Abspaltungen also, wie sie sozialdemokratische Parteien immer wieder in ihrer Geschichte erlebt haben. Aber diesmal blieb es nur kurz bei der Abspaltung. In beiden Fällen haben, sozusagen, freie Radikale schnell neue Bindungen gefunden.

    Über den Zwischenschritt der WASG sind die SPD- Abweichler den Kommunisten zugeführt worden und werden dort jetzt - siehe wiederum Hessen - zu ordentlichen Kadern erzogen. Zugleich ist in der SPD das Tabu einer Zusammenarbeit mit den Kommunisten so vollständig gefallen, daß man jetzt eine Volksfront nach den Wahlen auch in Hessen ausdrücklich als Möglichkeit vorsieht; im Saarland ohnehin.

    In Frankreich hat die Parti de Gauche, noch bevor überhaupt ihre Gründung abgeschlossen ist, schon erklärt, sie werde für die Europa- Wahlen eine Einheitsliste mit den Kommunisten bilden. Getrennt marschieren, vereint schlagen, das ist die Devise. Diese neue Partei steht schon jetzt den Kommunisten weit näher als der Royal- Flügel dem Aubry- Flügel in der PS.

    Auf der Linken entstehen also in Frankreich wie in Deutschland neue Fronten. Innerhalb der PS und der SPD bekämpft man sich, bis hin zur Drohung gerichtlicher Auseinandersetzungen, bis zu Partei- Ausschlüssen und Mobbing. Und zugleich herrscht zwischen den linken Flügeln der PS und der SPD und den jeweiligen Kommunisten eitel Freude und Sonnenschein.



    Sehen wir uns nun einmal Zahlen an, für Deutschland.

    Auf "Sonntagsfrage.de" findet man einen Poll of Polls, also aggregierte Ergebnisse aller sechs großen deutschen demoskopischen Institute; wöchentlich aktualisiert. Die aktuellen Daten zeigen ein Bild, das seit Wochen fast unverändert ist:

    CDU und FDP haben eine hauchdünne Mehrheit. Fast gleich stark ist das Volksfront- Lager aus SPD, Kommunisten und Grünen. Verschiebungen gibt es fast nur im Inneren dieser beider Lager - mal gewinnt die FDP ein wenig zugunsten der CDU, mal umgekehrt. Links verliert die SPD meist zugunsten der Grünen und/oder der Kommunisten.

    Interessant im jetzigen Kontext ist die Binnenstruktur des linken Lagers. Dort ist die SPD inzwischen auf 23,5 Prozent geschrumpft. Was bedeutet, daß auf sie weniger Stimmen entfallen als auf die beiden Partner links von ihr zusammen (24,0 Prozent). Entsprechend bekäme die SPD nach diesen aggregierten Daten im Bundestag im Augenblick 147 Sitze, die beiden anderen zusammen 150.

    Unterstellen wir jetzt einmal, es käme zu einer Spaltung der SPD, so wie sie ihren französischen Genossen droht. Nehmen wir an, sie zerfällt dabei in zwei etwa gleichstarke Hälften. Wenn die linke Hälfte sich dann - so wie es Lafontaines Genossen in Frankreich anstreben - mit den Kommunisten vereint, dann kommen diese auf 20 bis 25 Prozent und sind die mit Abstand stärkste Kraft auf der Linken. Sie wären das selbst dann, wenn der linke Teil der Ex-SPD nur ein Drittel ausmachen würde. (Ich setzte jetzt voraus, daß die Wähler in etwa denselben Proportionen folgen werden; es handelt sich ja nur um eine überschlägige Rechnung).

    Die Rest-SPD, die verbliebenen Sozialdemokraten, wären dann eine Partei von der Stärke ungefähr der FDP oder der Grünen. Der Juniorpartner in einer Volksfront, oder der Juniorpartner in einer Koalition mit CDU und FDP.

    Zahlenspielereien? Unrealistisch? Nein. Leider nicht.

    Denn es ist keineswegs ein Naturgesetz, daß es in einer parlamentarischen Demokratie eine starke Sozialdemokratie geben muß und daß die Kommunisten im Vergleich zu ihr schwach sein müssen.

    In Italien war in der gesamten Nachkriegsrepublik die PCI stärker als die Sozialdemokraten. (Diese waren übrigens damals schon in eine demokratischen Flügel um Saragat und einen prokommunistischen - die Nenni- Sozialisten - gespalten).

    Ebenso waren in der französischen Vierten Republik die Kommunisten die stärkste Partei auf der Linken - nach Mitgliedern und Einfluß (via die Gewerkschaften) eindeutig, nach Sitzen im Parlament manchmal (in der letzten Legislaturperiode der Vierten Republik zum Beispiel hatten die Kommunisten 150 Sitze, die Sozialdemokraten der S.F.I.O. 94 und die linksliberalen Radikalsozialisten 58 Sitze).



    Ist die Spaltung der sozialdemokratischen Parteien in beiden Länden zwangsläufig? Nein, aber sie ist wahrscheinlich. Die Art, wie man in Frankreich nach dem knappen Ausgang der Wahlen zur Generalsekretärin gegeneinander gegiftet, einander mit Prozessen gedroht hat, ist ebenso bezeichnend wie der Umgang mit den vier Dissidenten in Hessen und mit Wolfgang Clement.

    Leute, die so miteinander umgehen, sind keine Genossen mehr. Die SPD und die französischen Sozialisten sind nur noch so etwas wie der Firmenmantel für jeweils zwei Parteien. Zwei Parteien, von denen die eine sich von den Kommunisten nur noch so wenig unterscheidet, daß einer Vereinigung mit ihnen nichts mehr im Wege steht. Selbsterklärte "demokratische Sozialisten" sind sie, die einen wie die anderen, diesseits und jenseits des Rheins.

    In Deutschland böte sich für diese Vereinigte Sozialistische Partei der Name SED an; aber den wird man wohl doch eher meiden. In Frankreich gibt es den analogen Parteinamen schon: PSU, Parti Socialiste Unifié. Diese kleine sozialistische Partei hat sich 1989 aufgelöst; der Name ist also vermutlich frei.



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    28. November 2008

    Zitat des Tages: "Die Attentäter von Bombay wollen Frieden und Gerechtigkeit"

    Les Moudjahidin du Deccan ... demandent que les musulmans d’Inde puissent vivre en paix. (...) On peut donc comprendre ces attaques de Bombay comme ... un appel aux autorités indiennes pour qu’elles fassent justice aux musulmans (...).

    (Die Mudschahedin des Deccan ... verlangen, daß die Moslems in Indien in Frieden leben können. (...) Man kann also die Angriffe in Bombay als ... einen Appell an die indischen Behörden verstehen, daß sie den Moslems Gerechtigkeit widerfahren lassen (...).)

    Aus einem Interview im gestrigen Nouvel Observateur.

    Kommentar: Das Bemerkenswerte an diesem Zitat ist weniger die erstaunliche These, daß diejenigen, die seit zwei Tagen in Mumbai am Werk sind, mit Massenmord und Geiselnahme dafür eintreten, in Frieden leben zu können und Gerechtigkeit zu erfahren.

    Das Bemerkenswerte ist vielmehr, wer das gesagt hat. Nicht ein Islamist. Noch nicht einmal ein Moslem. Sondern Christophe Jaffrelot, einer der führenden französischen Politologen.

    Jaffrelot ist Direktor des Centre d'études et recherches internationales (CERI), der bedeutendsten französischen Forschungs- Einrichtung für internationale Fragen. Das CERI ist eine Einrichtung des nationalen Forschungs- und Lehrinstituts SciencesPo, in dem die Elite der französischen Politologen ausgebildet wird.



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    22. November 2008

    Zitate des Tages: "Der Sieg von Royal ist nicht mehr zu umgehen". "Martine Aubry hat gewonnen".

    Il y a eu des votes, ils doivent être très vite acceptés et proclamés, c'est-à-dire ce que nous considérons nous comme quelque chose d'inéluctable pour le PS (...) c'est-à-dire la victoire de Ségolène Royal.

    (Die Stimmen wurden abgegeben, sie müssen sehr schnell anerkannt und verkündet werden; also das, was nach unserer Auffassung die PS nicht mehr umgehen kann (...), nämlich den Sieg von Ségolène Royal.)

    Der enge Mitarbeiter von Ségolène Royal Manuel Valls in der vergangenen Nacht über den Sieg seiner Kandidatin bei der Stichwahl um den Vorsitz der Sozialistischen Partei Frankreichs; zitiert um 2.45 Uhr von Le Monde



    Martine Aubry a gagné la consultation des militants.

    (Martine Aubry hat die Befragung der Mitglieder gewonnen.)

    Claude Bartolone, enger Mitarbeiter von Royals Gegenkandidatin Martine Aubry, laut einer um 1.46 Uhr ebenfalls von Le Monde verbreiteten Meldung.



    Le moment n'est pas venu pour donner les résultats.

    (Der Augenblick ist nicht gekommen, die Ergebnisse mitzuteilen.)

    Der Geschäftsführer der PS, Daniel Vaillant, in einer um 2.33 verbreiteten dritten Meldung von Le Monde.



    Kommentar: Gut möglich, daß dann, wenn Sie dies lesen, entschieden ist, ob Ségolène Royal oder Martine Aubry die neue Vorsitzende (in sozialistischer Tradition Sécretaire Générale genannt) der französischen Schwesterpartei der SPD wird.

    Ob nun Royal oder Aubry - es wird eine denkbar knappe Entscheidung sein. Eine, die die Partei zutiefst spalten wird, die möglicherweise von den Unterlegenen nicht anerkannt werden wird. "Wir lassen uns den Sieg nicht stehlen" hat laut Nouvel Observateur Manuel Valls bereits aus dem Lager Royals erklärt, während nach den Worten von Claude Bartolone dessen Favoritin Martine Aubry "nicht mehr geschlagen werden kann".

    Es gibt damit bei den französischen Sozialisten ein Patt nicht nur zwischen zwei Tendenzen, sondern zwischen zwei Teilen der Partei mit unvereinbaren Zielen.

    Die Rechten, die sozialdemokratische Reformer sind, wollen die Partei zur Mitte hin öffen und eine Mehrheit im Bündnis mit den Liberalen von François Bayrou suchen.

    Die Linken, die nach wie vor den Sozialismus anstreben, wollen ein Bündnis mit den Kommunisten; das sind inzwischen primär nicht mehr die orthodoxen Kommunisten der KPF, der Bruderpartei der deutschen Partei "Die Linke", sondern die Trotzkisten von Olivier Besancenot, die ohne viel Tarnung die Revolution predigen.

    Wie eine Partei mit diesen beiden Flügeln noch zu einer gemeinsamen Linie finden will, weiß in Frankreich niemand. Die Möglichkeit einer Spaltung, über die am Montag hier zu lesen war, ist in der vergangenen Nacht ein Stück näher gerückt.

    Vielleicht sollten sich die deutschen Sozialdemokraten das, was sich im Augenblick bei ihren französischen Genossen ereignet, sehr genau ansehen. Es könnte ein Ausblick auf eine ähnliche Konstellation nach dem Abgang von Franz Müntefering sein. Sagen wir, Andrea Nahles gegen Peer Steinbrück.



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    17. November 2008

    Gedanken zu Frankreich (27) : Auf dem Weg in den Bürgerkrieg? Die französischen Sozialisten könnten vor der Spaltung stehen

    "Socialists in France wage civil war", die Sozialisten in Frankreich führen einen Bürgerkrieg, lautet eine Schlagzeile gestern in der International Herald Tribune, der in Paris erscheinenden internationalen Tageszeitung.

    Nein, ganz so dramatisch ist die Lage noch nicht, wie das klingt. Die Barrikaden in Paris hat sie noch nicht errichtet, die französische Parti Socialiste, die sich immer noch als sozialistisch und nicht als sozialdemokratisch versteht.

    Der "Bürgerkrieg", über den in dem Artikel berichtet wird, spielt sich vielmehr innerhalb dieser Partei ab. Vordergründig geht es um den neuen Vorsitzenden (in sozialistischer Tradition Generalsekretär genannt) oder, seit diesem Wochenende wahrscheinlicher, um die neue Vorsitzende.

    In Wahrheit geht es um einen Richtungsentscheid. Die Partei ist so tief gespalten, daß ihr Zerfall nicht mehr ausgeschlossen ist.

    Der populäre Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, hat gestern seinen Rückzug aus der Bewerbung um den Vorsitz erklärt, weil er - so kann man es beim Nouvel Observateur lesen - sich nicht an "la guerre des chefs", dem Krieg der Anführer, beteiligen wolle, "ou ce qui pourrait être ressenti comme une confusion ou un risque de division" - oder dem, was als eine Wirrnis empfunden werden könnte, oder als Risiko einer Spaltung.

    Es geht um Personen; aber es sind Personen, die für unvereinbare politische Optionen stehen. Nachdem Delanoë vorerst aus dem Rennen ausgeschieden ist (in das er freilich irgendwann als Kompromiß- Kandidat zurückkehren könnte), bleiben noch drei Musketiere übrig:
  • Der sehr linke und außerhalb Frankreichs kaum bekannte Benoît Hamon, Mitbegründer einer linken Strömung innerhalb der PS namens Parti Nouveau Socialiste (Neue Sozialistische Partei). Mit 41 Jahren sozusagen ein Jungsozialist.

  • Die Altsozialistin Martine Aubry, Tochter des Ministers von Mitterand Jacques Delors. In den in Frankreich sehr linken Gewerkschaften verankert, seinerzeit als Ministerin verantwortlich für den gesetzlichen Zwang zur 35-Stundenwoche.

  • Und Diejenige, die Sie mit Sicherheit kennen: Ségolène Royal. Nach ihrer Niederlage gegen Sarkozy geriet sie ein wenig in den Hintergrund; aber jetzt ist sie wieder da.
  • Sie ist da als die einzige Sozialdemokratin unter den verbliebenen drei Bewerbern.

    Ségolène Royal ist eine seltsame politische Erscheinung; zumal in Frankreich. Eine Frau mit dem Charisma, sagen wir, eines halben Obama. Was für Frankreich sehr viel ist, wo man normalerweise nur als angepaßter Funktionär Karriere in einer Partei machen kann. Je grauer, umso besser.

    Als Kandidatin gegen Bayrou und Sarkozy wurde Ségolène Royal allmählich demontiert, weil in dieser Contestation bei ihr eben außer dem Charisma nicht viel war. Sie war den beiden anderen argumentativ keinen Augenblick gewachsen.

    Verloren hat sie die Stichwahl gegen Sarkozy vermutlich, als sie sich in der Debatte der beiden verbliebenen Kandidaten echauffierte; Kontrollverlust mögen die Franzosen gar nicht bei einem Staatspräsidenten. Auch wenn das vielleicht nur gespielt war - es wirkte würdelos.

    Aber sie ist eine Sozialdemokratin, Ségo. Sie hat sogar zwischen dem Ersten und dem Zweiten Wahlgang versucht, einen Pakt mit dem Liberalkonservativen François Bayrou zu schließen.

    Das ging zwar daneben; aber seitdem steht sie für eine moderne, eine moderate, eine zur Mitte hin orientierte Politik der französischen Sozialisten.



    Nur steht die Partei damit nicht hinter ihr. Ganze 29 Prozent der Stimmen hat sie am Wochenende bekommen; die anderen allerdings noch weniger. Jetzt hat der Parteitag sein Scheitern erklärt, und man wird in der nächsten Woche die Mitglieder befragen.

    Die Mitglieder, auf französisch les militants, was freilich in deutschen Ohren seltsam klingt. Aber es stimmt schon, sie sind "militant", die Mitglieder. In Frankreich wird ungleich mehr ideologisch gekämpft als bei uns (sieht man von den deutschen Kommunisten ab; und selbst die fressen ja Kreide).

    Worüber sollen jetzt die Mitglieder entscheiden? Über nicht mehr und nicht weniger als die Wahl zwischen Sozialismus und Kapitalismus.

    Denn darum geht es im Kern: Ein Teil der französischen Sozialisten glaubt immer noch an den Sozialismus. Für diese militants kommt kein anderes Bündnis in Frage als das mit den Kommunisten.

    Sie haben als Ziel die Verstaatlichung der Produktionsmittel und eine von der Bürokratie kontrollierte Gesellschaft, in der alle glücklich sind, weil ihnen jede Entscheidung abgenommen wird. Bisher waren sie immer in der Mehrheit; und Anfang der achtziger Jahre sind sie nur knapp damit gescheitert, Frankreich auf den Weg in den Sozialismus zu bringen.

    Ein anderer Teil der französischen Sozialisten - wie stark er ist, werden wir vielleicht am Ende dieser Woche wissen - hat seinen Frieden mit dem Kapitalismus gemacht. Er will ungefähr das, was die deutschen Sozialdemokraten seit dem Godesberger Programm wollen: Mehr von dem, was sie für soziale Gerechtigkeit halten, innerhalb einer freien Gesellschaft und einer Marktwirtschaft.

    Diese Sozialdemokraten setzen auf ein Bündnis mit der politischen Mitte, also mit den Liberalen, den Zentristen, mit François Bayrou.

    Man kann aber nicht zugleich mit ihnen und den Kommunisten paktieren. Man kann nicht zugleich den Kapitalismus reformieren und ihn abschaffen wollen. Also stecken die französischen Sozialisten jetzt, mit der Verspätung eines Jahrhunderts, in dem Revisionismus- Streit, den die deutschen Sozialdemokraten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ausfochten.



    Mir scheint, es gibt nicht nur diese historische, sondern auch eine aktuelle Parallele zur deutschen Sozialdemokratie.

    Was bis zur Wiedervereinigung unmöglich schien, ist jetzt eingetreten: Auch die deutschen Sozialdemokraten stehen vor der Frage, ob sie mit den Kommunisten oder mit Demokraten paktieren werden.

    Der Aufstieg der Kommunisten seit dem Scheitern Schröders hat diese Frage aktuell gemacht. Die Amtszeit des unglücklichen Kurt Beck, der das sicher nicht gewollt hatte, hat auch in der SPD die Sozialisten zum ersten Mal seit dem Ende des Ersten Weltkriegs in eine Position gebracht, in der sie mehrheitsfähig sind, aus der heraus sie also das Bündnis mit den Kommunisten wagen können. Hessen war ein Testlauf.

    Auch die SPD könnte an dieser Frage zerbrechen. Sie wird sich entscheiden müssen.



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    22. Oktober 2008

    Zitat des Tages: "SPD und Grüne sind die Bauernverbände der Neu-Akademiker"

    Dahrendorf: In meinem Städtchen im Schwarzwald sehe ich das Problem mit eigenen Augen: Die eine Hälfte arbeitet, und die andere sitzt im Park und trinkt Bier. Und die will ich gerne kriegen. Da liegt heute eines der großen deutschen Bildungsprobleme.

    "Spiegel": Und darum kümmern sich die Politiker heute zu wenig?

    Dahrendorf: Ja. Unter anderem, weil die sogenannten linken Parteien zu Akademikerparteien geworden sind. Gerade die SPD und die Grünen haben viele Mitglieder, die es eben durch die Reformen in den sechziger Jahren geschafft haben zu studieren. Und die sorgen jetzt für sich selber. Das sind die Bauernverbände der Neu- Akademiker.


    Der Soziologe Ralf Dahrendorf im Gespräch mit den Redakteuren des gedruckten "Spiegel" Markus Verbeet und Alfred Weinzierl, zu lesen in "Spiegel- Online".

    Kommentar: Dahrendorf hat, denke ich, den Nagel auf den Kopf getroffen. Die SPD ist nicht mehr die Partei der Arbeiter und der Kleinen Leute; so wenig, wie die Grünen noch die Partei der alternativen Szene sind. Beide sind Parteien des Öffentlichen Dienstes geworden; und in diesem eher derer, die oberhalb der Besoldungsgruppe A9 und von BAT IV eingestuft sind.

    Denselben Wandel hat in Frankreich die Sozialistische Partei durchgemacht, in Österreich die SPÖ.

    Die Folgen sind stets dieselben: Da keine demokratische Partei mehr existiert, die ihren Schwerpunkt bei der Vertretung der Interessen der Unterschicht und unteren Mittelschicht hat, stoßen Extremisten und Populisten in die Lücke. Das ist in Frankreich, wo bei manchen Wahlen die Links- und Rechtsextremisten zusammen ein Viertel der Stimmen bekommen, nicht anders als in Österreich (FPÖ und BZÖ erreichten bei den letzten Wahlen zusammen fast dreißig Prozent).

    In Deutschland liegen die Kommunisten und die NPD zusammen erst bei ungefähr fünfzehn Prozent. Da ist, wenn erst einmal die nächste Rezession da ist, noch Luft nach oben.



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    15. Oktober 2008

    Gedanken zu Frankreich (26): Pfiffe beim Spielen der Marseillaise. Chefsache für den Staatspräsidenten. Ein schwarzer Franzose äußert sich

    Stellen Sie sich einmal vor, eine deutsche Nationalmannschaft spielt im Berliner Olympia- Stadion, und beim Spielen des Deutschlandlieds gibt es Pfiffe aus dem Publikum.

    Nicht wahr, das würde vielleicht berichtet werden, vielleicht auch nicht. Kommentiert würde es kaum werden.

    Und nun sehen Sie sich bitte einmal diese Meldung an, die im Augenblick auf der Startseite des französischen Wochenmagazins Nouvel Observateur auf dem ersten Platz steht:
    La classe politique et gouvernementale s'est emparée mercredi 15 octobre de la polémique autour de la Marseillaise sifflée lors du match France-Tunisie.

    Nicolas Sarkozy a arbitré : désormais, tout match où l'hymne français sera sifflé sera immédiatement arrêté et les matches amicaux avec le pays concerné suspendus.

    De même, en cas de sifflets pendant l'hymne national, "les membres du gouvernement quitteront immédiatement l'enceinte sportive", a annoncé la ministre des Sports Roselyne Bachelot à l'issue d'une réunion organisée à l'Elysée au lendemain des incidents survenus lors de la rencontre amicale France-Tunisie au Stade de France.

    Die Politiker und die Regierung beschäftigte am Mittwoch, 15. Oktober, der Streit rund um Pfiffe bei der Marseillaise anläßlich des Spiels Frankreich- Tunesien.

    Nicolas Sarkozy bestimmte, daß ab sofort jedes Spiel, bei dem während der französischen Hymne gepfiffen wird, sofort abzubrechen ist. Freundschaftsspiele mit den betreffenden Ländern werden ausgesetzt.

    Ebenso werden im Fall von Pfiffen während der Nationalhymne "die Regierungsmitglieder unverzüglich die Sportstätte verlassen". Dies gab Sportministerin Roselyne Bachelot im Anschluß an eine Besprechung bekannt, die im Elysée [dem Amtssitz des Staatspräsidenten] am Tag nach den Vorfällen einberufen wurde, zu denen es bei dem Freundschaftsspiel Frankreich- Tunesien im Stade de France [dem größten Pariser Stadion] gekommen war.
    Da haben wir, in einem Brennglas, einen der großen Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich: Für die Franzosen - für ihre große Mehrheit - ist die nationale Würde von zentraler Bedeutung, und zwar quer durch die Parteien und die politischen Strömungen.

    Diese Würde der Nation drückt sich auch in deren Symbolen aus. So, wie jeder französische Bürgermeister, auch wenn er Kommunist ist, stolz die blau- weiß- rote Amtsschärpe trägt, so lassen die Franzosen nichts auf ihre Marseillaise kommen und singen sie inbrünstig, ob Kommunist, Sozialist, Konservativer oder Nationalist.

    Während in Deutschland, ohne daß sich jemand empört, der Vorsitzende einer Gewerkschaft - nicht irgendeiner, sondern der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft - öffentlich sagen konnte, das Deutschlandlied "transportiere die Stimmung des Nationalsozialismus", und ihm ein Hochschullehrer - nicht irgendeiner, sondern der Praeceptor Germaniae Walter Jens - sekundieren konnte: "Wenn ich an unserem Land etwas auszusetzen habe, dann ist es diese unsägliche Nationalhymne".



    Ich weiß, ich komme immer wieder auf dieses Thema zurück; erst kürzlich wieder anläßlich unseres Nationalfeiertags.

    Nicht wahr, schon diese Formulierung klingt ungewohnt? "Unseres", das sagt man hierzulande nicht, wenn man Deutschland meint. Und selbst "Nationalfeiertag" ist als Bezeichnung für den 3. Oktober eher unüblich. Manche Deutsche setzen ja offenbar geradezu ihren Nationalstolz darein, keinen Nationalstolz zu haben.

    Da haben wir diese ganze Verdruckstheit: "Wir Deutsche sind stolz darauf, nicht stolz darauf zu sein, daß wir Deutsche sind". So ungefähr.

    Was ja nicht weiter schlimm wäre, wenn unser Land nicht vor der Aufgabe stünde, etliche Millionen Einwanderer zu assimilieren. Wie man das ohne ein normales Nationalbewußtsein hinbekommen kann, hat mir noch niemand erklären können.



    Heute nahm ein Franzose afrikanischer Herkunft - nicht irgendeiner, sondern der Präsident der Vereinigung dieser Franzosen, des Conseil représentatif des associations noires de France, Patrick Lozès - zu dem gestrigen Vorfall folgendermaßen Stellung:
    Comme beaucoup de nos concitoyens qui ont regardé hier le match amical de football France- Tunisie hier soir, j’ai été choqué par les sifflets qui ont couvert la Marseillaise. La République est un bien précieux, ses symboles doivent scrupuleusement être respectés. C’est un préalable absolu car cela indique sans ambigüité dans quel cadre nous évoluons. (...)

    Lorsque la Marseillaise est sifflée, c’est notre idéal commun qui est rejeté. Lorsque notre hymne national est sifflé, c’est notre promesse du vivre- ensemble qui est souillée.

    Wie viele unserer Mitbürger, die gestern Abend das Freundschaftsspiel Frankreich- Tunesien gesehen haben, war ich von den Pfiffen schockiert, die die Marseillaise übertönten. Die Republik ist ein kostbares Gut. Ihre Symbole müssen sorgsam respektiert werden. Das ist eine absolute Voraussetzung, denn es zeigt ohne Wenn und Aber, in welchem Rahmen wir uns voranbewegen. (...)

    Wenn bei der Marseillaise gepfiffen wird, dann wird unser gemeinsames Ideal abgelehnt. Wenn bei unserer Nationalhymne gepfiffen wird, dann wird unser Versprechen des Zusammenlebens beschmutzt.
    Man stelle sich vor, der Vorsitzende der Vereinigungen türkischer Einwanderer würde so etwas in Bezug auf unsere deutsche Nationalhymne schreiben.



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    20. Juli 2008

    Gedanken zu Frankreich (25): Ein Hamburger in Paris. Nebst Erinnerungen an fünfzig Jahre Speisen in Frankreich

    "The land of foie gras takes to the 3-star hamburger" lautet die Überschrift; das Land der Gänsestopfleber wendet sich dem Hamburger mit drei Sternen zu. Dieser Artikel von Jane Sigal ist so, wie man es in der International Herald Tribune liebt:

    Für Amerikaner geschrieben, die Europa mögen. Für Europäer geschrieben, die die USA mögen. Und vor allem für Franzosen geschrieben, die sich die IHT kaufen, um diese seltsamen Amerikaner besser zu verstehen.

    Und geschrieben natürlich für den Amerikaner in Paris, der sich die IHT kauft, erstens weil er sich daran erinnert, wie Jean Seberg sie in "À bout de souffle" so umwerfernd charmant verkauft hat (damals noch als New York Herald Tribune). Und zweitens weil ja auch er seinerseits die Franzosen besser verstehen will, und weil nirgends die Franzosen besser erklärt werden als eben in der IHT.

    Also, es geht um einen clash of cultures; einen, gegen den der Zusammenprall zwischen amerikanischer und britischer Kultur in Oscar Wildes "The Canterville Ghost" nur ein sanftes Sich- Berühren gewesen ist.

    Und nirgends prallen sie natürlich so heftig aufeinander, die amerikanische und die französische Kultur, wie beim Essen.

    Für das der kultivierte Franzose niemals das ordinäre Wort manger verwenden würde. Man geht zum déjeuner, meist aber heutzutage zum dîner; man nimmt den repas.

    Und der Amerikaner, lui? Er spricht vom food und meint damit leider nicht nur die Dosen für seine pets. Ja, wenn er jemanden einlädt, dann kündigt er gar an "We will feed you". Welchem Franzosen, der die IHT liest, fällt da nicht das ein, wofür wir Deutsche das Wort "Abfüttern" haben?

    Abfüttern gegen Dinieren. Fast Food gegen die eineinhalb Stunden, die in Frankreich ein ordentliches Essen mindestens dauert. Die Speise, im Stehen heruntergeschlungen, gegen ein Menü mit gebührend langen Pausen zwischen den plats, in denen man dem Genossenen nachsinnen, sich auf den nächsten Gang freuen, vor allem aber mit den Tischgenossen, den convives plaudern kann; wörtlich also den Mitlebenden.



    So, lieber Leser, will es das Klischee. Und so war es ja auch einmal.

    So war es, als ich vor ziemlich genau fünfzig Jahren, kurz vor dem Ende der Vierten Republik, das erste Mal in Paris war. Wenn der in Paris lebende Onkel den Schüler zum Essen einlud, dann ging es so geruhsam, so aufwendig, so französisch zu. Und selbst wenn man sich - das begann damals gerade - im self service zu Mittag sein Essen selbst an der Theke zusammenstellte, bestand es aus mindestens vier Gängen, und man trank ein Fläschlein Wein dazu.

    Das war aber nur eine Notlösung für den Mittag. Die meisten, die in Paris arbeiteten, gingen auch Mittags in ein Bistrot; und Abends nahm man das traditionelle Menü:

    Zum Auftakt das hors d'oeuvre - wörtlich also das, was außerhalb des eigentlichen Werks ist; die Vorspeise. Meist kalt; die terrine du chef etwa, eine Pastete nach Art des Hauses.

    Dann (oder statt des hors d'oeuvre) eine Suppe. Keine dicke Suppe (soupe), sondern meist eine leichte, klare Brühe, der consommé. Sodann kam eine entrée; oft ein Fischgang oder Meeresfrüchte. Und dann der Hauptgang, gefolgt vom Käse.

    Auch in kleinen Restaurants gab es einen Käsewagen, mit dem der garçon oder die Kellnerin, oft auch der patron selbst erschien. Nur Unzivilisierte und Deutsche nutzten die Einladung, sich nach Belieben zu bedienen, um hier über Gebühr zuzulangen. Man nahm ein Stückchen von einem, allenfalls von zweien der angebotenen Käse.

    Am Schluß das dessert; oft Obst oder ein gâteau, ein sehr süßer Kuchen. Nicht dazu, sondern anschließend war der café unvermeidlich; dazu vielleicht Cognac.



    Wie konnte man so viel essen? Zum einen, weil es nicht so viel war. Die Portionen waren klein. Zweitens, weil man sich ja Zeit ließ. Und drittens, weil es in Frankreich üblich ist, den Teller nicht leer zu essen. Kein Wirt käme dort auf die Idee, den Gast, der sich von einem nicht leergeräumten Teller trennt, zu fragen: "Hat's nicht geschmeckt?", wie man das in Deutschland erleben kann.

    Tja, so war das damals, vor einem halben Jahrhundert. Es gibt solche Menüs natürlich auch heute noch. Aber sie sind nicht mehr die Regel. Wie überhaupt das Essen in Frankreich sich drastisch geändert hat. Und zwar in vielfacher Hinsicht.

    Zum einen haben natürlich auch nach Frankreich fremde Küchen ihren Einzug gehalten. "Einzug" ist nicht ganz richtig, denn auch vor fünfzig Jahren konnte man in Paris von der vietnamesischen über die russische bis zur maghrebinischen Küche alles bekommen, was das Herz an Exotik begehrte.

    Aber das waren doch Ausnahmen, außer in den Vierteln der betreffenden Einwanderer. Heute hingegen wimmelt es überall von Italienern, von chinesischen Lokalen, im Quartier Latin von griechischen Restaurants vor allem für Touristen, die ganze Straßen dominieren.

    Zweitens gibt es auch in Frankreich inzwischen, wie überall auf der Welt, Fast- Food- Angebote aller Art. Die MacDonaldisierung halt, gegen die sich Frankreich anfangs gewehrt hatte.

    Drittens hat sich ein Netz von Restaurant- Ketten wie Le Bistrot Romain, Hippopotamus und Léon de Bruxelles über Paris ausgebreitet; mit einer Einheits- Speisekarte, auf der wenige, standardisierte Speisen stehen. Dort geht es um schnellen Umsatz. Zwischen den - in ihrer Zahl geschrumpften, siehe unten - Gängen bleiben kaum noch Pausen; der Tisch soll ja schnell wieder für die nächsten Gäste frei werden.

    Und viertens und hauptsächlich hat sich auch in den traditionellen französischen Restaurants, die es immer noch in großer Zahl gibt, die Speisekarte drastisch geändert. "Au XXIe siècle, le nombre de plats d'un repas a beaucoup diminué" kann man in der französischen Wikipedia lesen; im Einundzwanzigsten Jahrhundert sei die Zahl der Gänge eines Essens sehr geschrumpft.

    In der Tat. Einen maßgeblichen Grund dafür habe ich in einem früheren Artikel beschrieben: Das Bedienungspersonal ist, vor allem aufgrund der gesetzlichen 35-Stunden-Woche, so teuer geworden, daß es sich für die Wirte nicht rechnet, den Gästen viele Gänge zu servieren. Das geht nur noch in den teuersten Restaurants.

    Also hat man die Zahl der Gänge reduziert. Das hors d'oeuvre ist weitgehend im entrée aufgegangen; und dieses wird in den einfachsten Menüs, die jetzt gern la formule genannt werden, oft alternativ zum dessert angeboten.

    Damit die Gäste dennoch satt werden, sind die Teller heutzutage in Paris genauso vollgepackt wie in Berlin oder Köln. Also bestellt man, selbst wenn man es vorzieht, à la carte zu essen, kaum noch mehr als drei Gänge.



    Und wie ist das nun mit dem Hamburger in Paris? In Gestalt der Hamburger von McDonald's und Burger King haben sie Paris schon längst ebenso erobert wie die zahllosen Pizzerien und Gyros- Griechen. Aber nicht davon ist in dem Artikel von Jane Sigal in der IHT die Rede, sondern von einer anderen Entwicklung: Die französischen Köche sind dabei, nolens volens den Hamburger, nun ja, zu schlucken. If you can't beat'em, join'em.
    But as French chefs have embraced the quintessentially American food, they have also made it their own, incorporating Gallic flourishes like cornichons, fleur de sel and fresh thyme. These attempts to translate the burger, or maybe even improve it, strongly suggest that it is here to stay.

    Aber indem die französischen Köche das schlechthinnige amerikanische Essen übernahmen, haben sie es sich zugleich zu eigen gemacht, indem sie gallische Schnörkel wie Cornichons, Meersalz und frischen Thymian hinzufügen. Diese Versuche, den Burger zu übersetzen, ihn vielleicht gar zu verbessern, legen es eindeutig nahe, daß er sich festsetzen wird.
    Der Beginn also einer wunderbaren Freundschaft? Vielleicht. Denn so richtig hätte, schreibt Jane Sigal, diese neue kulinarische Mode sich in Paris erst in den letzten neun Monate entwickelt.

    Also ungefähr, seit Nicolas Sarkozy, der Freund der USA, das Amt des Staatspräsidenten von Jacques Chirac übernommen hatte. Ein Hamburger, für 35 Euro von dem Drei- Sterne- Koch Yannick Alléno in seiner kleinen Kneipe Le Dali auf den Tisch gebracht - undenkbar im Frankreich Chiracs. Ein Stück Wende unter Sarkozy.



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