Posts mit dem Label Angela Merkel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Angela Merkel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

27. September 2009

Wahlen '09 (21): Krisenwahlen. Schicksalswahlen. Erinnerung an 1949

Angela Merkel wird auch nach diesen Wahlen Kanzlerin bleiben. Dennoch sind sie Schicksalswahlen. Das liegt an der Situation, in der wir zur Wahl gehen.

Die deutsche Befindlichkeit ähnelt derjenigen des Reiters über den Bodensee, der furchtlos über das vereiste Gewässer galoppiert, weil er sich auf festem Land wähnt. Dieser Wahlkampf fand mitten in der schwersten Wirtschaftskrise statt, die uns seit Bestehen der Bundesrepublik getroffen hat. Aber seltsam - wir taten so, als sei dies gar nicht die Lage.

Die Krise hätte das beherrschende Thema des Wahlkampfs sein müssen; stattdessen wurde über die Rente ab 67, über Afghanistan, gar über die Nutzung der Kernenergie gestritten. Der Dienstwagen einer Ministerin hat uns mehr beschäftigt als die Frage, ob es mit unserem Wohlstand demnächst vorbei sein wird.

Statt der Metapher des Reiters über den Bodensee könnte man auch an das Bild eines schwer leck geschlagenen Dampfers denken, dessen Besatzung sich damit beschäftigt, die Passagiere bei Laune zu halten, statt daß man etwas gegen die Havarie tut.



In Krisen werden die Karten neu gemischt. Schon jetzt ist absehbar, daß China aus der gegenwärtigen Krise als eine ökonomische Weltmacht hervorgehen wird. Ob die USA diesen Status nach der Bewältigung der Krise noch werden beanspruchen können, ist zweifelhaft.

Wie wird Europa aus der Krise herauskommen, wie insbesondere Deutschland? Das hätte die zentrale Frage dieses Wahlkampfs sein müssen. So, wie wie bei den Wahlen zum ersten Bundestag 1949 die zentrale Frage gewesen war, wie Deutschland aus dem Elend der Nachkriegszeit herauskommt; ob mittels einer Planwirtschaft, wie die SPD sie wollte, oder durch Ludwig Erhards Soziale Merktwirtschaft.

Auch damals wurden die Karten neu gemischt.

England, das nicht den Sieger Churchill wiedergewählt hatte, sondern sich für den Sozialisten Clement Attlee entschied, stieg wirtschaftlich ab; spiegelbildlich zum Aufstieg des besiegten Deutschland.

Das Vereinigte Königreich konnte in den fünfziger Jahren mit dem ebenfalls links regierten Frankeich um den Titel "der kranke Mann Europas" konkurrieren. In der britischen Presse wurde damals gefragt, wer eigentlich den Krieg gewonnen hätte - Deutschland, in dem sich der Wohlstand ausbreitete, oder das niedergehende England.



Nein, ich will die jetzige Krise nicht mit der Nachkriegszeit gleichsetzen. Aber die Erinnerung an 1949 zeigt, daß es Wahlen gibt, in denen die Weichen gestellt werden; Schicksalswahlen.

Daß auch die heutige Wahl diesen Charaker hat, mögen Sie, lieber Leser, vielleicht als eine maßlose Übertreibung sehen. Das solle eine Weichenstellung sein, werden Sie fragen, wo es doch nur darum gehen wird, mit welchem kleineren Partner die Kanzlerin weiterregiert?

Ginge es nur darum, dann hätten Sie mit diesem Einwand vielleicht recht. Aber eine Weichenstellung entscheidet ja nicht nur darüber, wo der Zug auf den nächsten Metern fährt; sie bestimmt auch, wo er nach unter Umständen hunderten von Kilometern ankommt.

Regiert die Kanzlerin künftig zusammen mit der FDP, dann kann das der Beginn einer neuen Epoche des Wohlstands und des Aufstiegs sein. Setzt eine solche Koalition die richtigen Rahmenbedingungen, dann wird sich aus der jetzigen Krise heraus eine Dynamik entwickeln, die durchaus derjenigen in den Jahren des "Wirtschaftswunders" vergleichbar sein könnte.

In einer Koalition mit der SPD wird das kaum gelingen können; mit einer SPD, die zunehmend unter die Kontrolle ihres linken Flügels gerät und die - vom Gesundheitswesen bis zu Mindestlöhnen und Steuererhöhungen - noch einen ganzen Katalog unerfüllter Forderungen hat, die sie in der neuen Legislaturperiode als Regierungspartei durchzusetzen versuchen würde.

Aber das allein macht diese Wahl noch nicht zu einer Schicksalswahl Entscheidend ist, daß eine Neuauflage der Großen Koalition instabil wäre.

Die Kommunisten werden heute ein Ergebnis bekommen, das sie als einen großen Wahlsieg feiern werden. In der SPD wird man die (richtige) Analyse anstellen, daß ihre traditionelle Klientel immer mehr zu den Kommunisten überläuft, die sich als die eigentliche, die bessere SPD darzustellen wissen. Das funktioniert - werden die SPD-Analytiker folgern - so lange, wie sich die SPD in einer Koalition mit der Union befindet und deshalb Kompromisse schließen muß.

Aus der Sicht der SPD kann also eine Neuauflage der Großen Koalition nur eine Übergangslösung sein; eine Etappe auf dem Weg zur Volksfront. Sehr wahrscheinlich würde die SPD eine Große Koalition im Lauf der Legislaturperiode verlassen und die Führung einer Volksfront- Regierung übernehmen. Die Verfassung bietet dafür den einfachen Weg des Konstruktiven Mißtrauensvotums.

Die wirtschaftliche Dynamik, die Deutschland so dringend auf dem Weg aus der Krise braucht, wäre dann dahin.

Schon zusammen mit den Grünen hatte die SPD es zwischen 1998 und 2005 fertiggebracht, Deutschland jenen schon genannten Titel "der kranke Mann Europas" zu verdienen. Und das ohne den Hintergrund einer tiefen Wirtschaftskrise. Wie lange würde wohl in der jetzigen Krise eine linke Koalition dafür brauchen, in der auch noch die Kommunisten über die Wirtschafts- und Sozialpolitik mitbestimmen?

Gewiß, eine Volksfront- Regierung wird nicht gleich den Sozialismus ausrufen. Aber sie wird Maßnahmen ergreifen, die in der Summe darauf hinauslaufen, die Dynamik der Wirtschaft abzuwürgen. Deutschland wird dann einer der großen Verlierer der Krise sein.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Lizenz freigegeben. Ausschnitt.

3. September 2009

Marginalie: Dieter Althaus, ein Mann aus der DDR, tritt ab. Anmerkung zu Erfolg und Scheitern von Politikern

In der Mediendemokratie müssen erfolgreiche Politiker mindestens eine von zwei Eigenschaften haben: Sie müssen durch ihre Kompetenz und ihren Erfolg überzeugen und/oder sie müssen das können, was im Englischen "to connect to people" heißt - mit den Leuten gut können, kontaktfreudig sein, gut rübekommen.

Barack Obama ist das fleischgewordene "to connect to people"; ein wahres Genie der Kommunikation. Das hat lange Zeit über seine Inkompetenz hinweggetäuscht. Ähnlich war es in Deutschland bei Gerhard Schröder.

Seit Schröder aus der Politik ins Lukrative wechselte, ist unser größtes Kommunkationsgenie in der Politik - zusammen mit seinem Zwilling Oskar Lafontaine - Gregor Gysi aus der DDR.

Damit ist er ganz und gar untypisch für jemanden, der seine prägenden Einflüsse in der DDR erfahren hat. Gysi ist einer der wenigen Ossis, denen man diese Herkunft in keiner Weise anmerkt.

Das mag daran liegen, daß er aus der intellektuellen Aristokratie des DDR-Kommunismus stammt (sein Vater war ein Großbürger; ein weltläufiger Diplomat und Spitzenpolitiker der DDR) und daß er schon in jungen Jahren in die vorderste Reihe der Nomenklatura aufgerückt war; ein Mann, dem auch ohne die Wiedervereinigung eine glänzende Karriere bevorgestanden hätte. Selbstbewußt dadurch bis in die Haarspitzen, wie man das in der DDR normalerweise nicht sein konnte und nicht sein durfte.

Schon seine Mitstreiter Bisky und Bartsch sind da ganz anders; obwohl zumindest Bisky ebenfalls ein Spitzenmann der Nomenklatura gewesen ist, aber eben doch nur in der zweiten Reihe.

Ihnen fehlt die Selbstsicherheit und damit Gysis Fähigkeit der Kommunikation; sie kommen hölzern, distanziert, gehemmt rüber. Ebenso die meisten anderen Spitzenpolitiker, die in der DDR aufgewachsen sind - Wolfgang Tiefensee zum Beispiel. Und eben Dieter Althaus. Stanislaw Tillich ist eine der seltenen Ausnahmen.

Selbst der Kanzlerin fehlt diese Fähigkeit des "connecting to people". Sie verdankt ihre Popularität dem, was ein Politiker alternativ haben muß, dann aber wirklich überzeugend: Kompetenz, Erfolg.

Das war auch der Weg, auf dem Dieter Althaus aufgestiegen war. Er war ein guter Ministerpräsident; er hat das Land vorangebracht. Dafür schätzte man ihn, aber man liebte ihn nicht.



Wenn ein Politiker dieses Typus strauchelt, dann fällt er meist auch. Es fehlt ihm die Zuneigung, die Solidarität, die jemanden über eine Niederlage trägt.

Willy Brandt, auf seine Art auch ein Kommunikationsgenie, konnte zweimal als Kanzlerkandidat scheitern, ehe er es im dritten Anlauf schaffte. Dem großen Kommunikator Johannes Rau schadete seine Niederlage als Kanzlerkandidat kaum; wenig später wurde er Bundespräsident. Für den nichtkommunikativen Hans- Jochen Vogel aber war die gescheiterte Kandidatur das Ende seiner Hoffnungen auf die Kanzlerschaft.

Wie jetzt vermutlich für Dieter Althaus die verlorene Wahl das Ende seiner Karriere als Spitzenmann im Land Thüringen ist. Ob ihm der Rücktritt vielleicht durch die Aussicht auf eine Karriere in Berlin erleichtert wurde, wird man sehen.

In der Niederlage erscheinen seine Fehler riesengroß. Um leichter mit der SPD ins Geschäft zu kommen, läßt die Union ihn fallen. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

1. September 2009

Zitat des Tages: Wind ins Gesicht, Rückenwind. Die windigen Tricks der SPD könnten erfolgreich sein


Die SPD ist zurück. Die SPD will siegen, und die SPD kann siegen (...) Jetzt kämpfen wir mit Rückenwind.


Frank- Walter Steinmeier gestern in Hannover, nachdem seine Partei vorgestern bei der Wahl des Landtags im Saarland das schlechteste Ergebnis seit 1960, in Thüringen und Sachsen das jeweils zweitschlechteste Ergebnis seit der Wiedervereinigung und bei den Kommunalwahlen in NRW ihr schlechtestes Ergebnis überhaupt geholt hatte; siehe Landtagswahlen- Kaleidoskop. Wer hat eigentlich gewonnen, wer verloren?; ZR vom 31.8.2009.


Kommentar: Die SPD versucht, eine ihrer schlimmsten Niederlagen in einen Sieg umzudeuten. Die beiden Tricks, mit denen Müntefering und Genossen das zu bewerkstelligen suchen, sind denkbar einfach:

Erstens bemühen sie sich, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von ihren eigenen miserablen Ergebnissen abzulenken, indem sie die Verluste der CDU groß herausstellen.

Zweitens versuchen sie, im Saarland und in Thüringen mit Hilfe der Kommunisten an die Regierung zu kommen, um so den Eindruck zu erwecken, sie seien dort der Wahlsieger.

Werden sie mit diesen windigen Tricks Erfolg haben? Werden sie aus dem Wind, der ihnen am Sonntag ins Gesicht wehte, in der Wahrnehmung der Wähler einen Rückenwind machen können?

Gestern habe ich geschrieben, die Wähler seien "nicht so begriffsstutzig, den SPD- Großsprechern abzunehmen, daß sie im Grunde gesiegt hätten". Das denke ich immer noch. Dennoch könnte die Rechnung der tricksenden Genossen aufgehen.

Denn es geht ja nicht darum, wer bei den Wahlen am Sonntag in den Augen der Wähler gesiegt hat. Für den Schlußspurt im Wahlkampf entscheidend wird sein, welches der beiden Lager seine Anhänger besser mobilisieren kann.

Mobilisierung ist ein entscheidendes Moment in der Schlußphase jedes Wahlkampfs. In dieser Phase geht es darum, ob die eigenen Anhänger motiviert genug sind, um am Arbeitsplatz, um unter Freunden für ihre Partei zu werben. Es geht darum, welche Partei als die aktivere wahrgenommen wird; als diejenige, die im Wahlkampf die Themen setzt.

Offenbar nehmen die Anhänger der SPD ihrer Führung das Märchen vom erfolgreichen Wahlsonntag ab; sie möchten ja nur allzu gern glauben, daß es so sei.

In "FR- Online" schreibt Steffen Hebestreit über die gestrige Kundgebung der SPD in Hannover:
Knapp vier Wochen vor der Bundestagswahl läutet die SPD die "heiße Phase" ein – und endlich verhageln die Ergebnisse mal nicht die Planung des Willy- Brandt- Hauses. (...) Erleichterung darüber, dass da etwas in Bewegung geraten ist, wie SPD-Chef Franz Müntefering den 8000 Zuhörern in Hannover zuruft. "Was kann die SPD besser als die anderen?", fragt er. "Alles", schreit junges Parteivolk. Jaha, das Selbstbewusstsein kehrt zurück.



Nicht die Realität bestimmt das Selbstbewußtsein, sondern die Wahrnehmung der Realität, wie verzerrt sie auch immer sein mag.

Und ist das Selbstbewußtsein erst mal da, dann ist es ohnehin egal, woher es stammt. Der Motivationstrainer Müntefering wird seiner Partei in den kommenden Wochen unermüdlich einhämmern, der Wahlkampf hätte eine Wende genommen und man sei jetzt auf der Siegesstraße. Erreicht er mit dieser Botschaft über den Transmissionsriemen der SPD- Anhänger die Masse der Wähler, dann könnte das eine sich selbst erfüllende Prophezeiung werden.

Die Kanzlerin hat gestern deutlich gemacht, daß sich an ihrer bisherigen "milden" Strategie nichts ändern werde.

Bisher ist diese Strategie ja auch erfolgreich gewesen. Bisher, das heißt in den Wochen und Monaten, in denen es nicht um Mobilisierung ging.

Ob es aber auch in der jetzt beginnenden Endphase des Wahlkampfs noch richtig ist, auf eine Emotionalisierung der eigenen Anhänger zu verzichten, das darf füglich bezweifelt werden. Ob die Botschaft "Die Kanzlerin hat uns doch prima durch die Krise gebracht. Also weiter so!" ausreicht, um der heißen Phase des Wahlkampfs den Stempel der Union aufzudrücken, ist zumindest fraglich.

Angela Merkel hat im Wahlkampf 2005 den Fehler gemacht, durch die Berufung des Professors Kirchhof in ihr Team den Wahlkampf in seiner Endphase über das Thema "Steuergerechtigkeit" zu emotionalisieren.

Sie hat daraus gelernt. Aber es könnte sein, daß sie nicht das Richtige gelernt hat. Nicht die Emotionalisierung als solche war damals der Fehler gewesen, sondern die Wahl des Themas, mit dem die Union den Wahlkampf emotionalisierte. Oder genauer: Mit dem sie dem Wahlkämpfer Schröder die Steilvorlage dafür lieferte, ihn in seinem Sinn zu emotionalisieren.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

16. August 2009

Wahlen '09 (10): Wie werden sie's machen? Im Sitzen? Im Stehen? In vier Wochen duellieren sich Merkel und Steinmeier im TV

Auf den ersten Blick scheint es eine lächerliche Äußerlichkeit zu sein: Laut einer Vorabmeldung zum "Spiegel" der kommenden Woche wurde zwischen CDU und SPD darüber gestritten, ob die beiden Kandidaten während des TV-Duells am 13. September, also heute in vier Wochen, stehen oder sitzen werden. Aber die Frage hat es in sich.

Erstens ist da der Aspekt, den die Union laut der "Spiegel"- Meldung ins Feld geführt hat: Daß es für alle Beteiligten zu anstrengend sei, neunzig Minuten zu stehen. Sie war also - aus diesem Grund, sagt sie - für ein Duell im Sitzen, die Wahlkampfleitung der CDU.

In Wahrheit, so mutmaßt der "Spiegel", gab es aber ein ganz anderes Motiv:
Merkel kommt im Fernsehen sitzend besser rüber, finden ihre Berater. (...) Hinter einem Pult wirke Merkel immer etwas verloren, meint ein Wahlkampfberater. Bei Steinmeier sei es genau andersherum. Er wirke im Stehen souveräner, auf einem Stuhl dagegen eher behäbig
Vielleicht ist es so. Mir kommt ein stehender Steinmeier allerdings genauso behäbig vor wie ein sitzender. Bei der Kanzlerin mag an der Analyse aus dem Konrad- Adenauer- Haus aber etwas Wahres sein.

Zum einen wegen Merkels Körpergröße und ihrer Körperhaltung. Mit ihren 164 Zentimetern wirkt sie hinter einem Rednerpult nicht eben stattlich. Hinzu kommt, daß sie beim Stehen dazu tendiert, die Schultern hochzuziehen; den Kopf ein wenig in die Schultern sinken zu lassen. So richtig dynamisch kommt sie so in der Tat nicht rüber.

Zum anderen bedeutet Stehen eine allgemeine Steigerung des Muskeltonus, im Vergleich zum Sitzen. Das wirkt sich leicht auch auf die Stimme aus, die dann hell und angespannt klingt. Bequem im Sessel sitzend spricht die Kanzlerin meist mit einer wärmeren, sympathischeren Stimme.

Verständlich also, daß die CDU-Strategen gern ein Sitzduell gehabt hätten. Sie konnten sich aber laut "Spiegel" nicht durchsetzen; am 13. September werden alle stehen.



Wichtiger als solche Image- Überlegungen der Wahlkampf- Teams scheint mir allerdings zu sein, wie sich Sitzen oder Stehen auf den Charakter einer solchen Debatte auswirkt. Und das ist erheblich. Ich will es an zwei Beispielen erläutern.

Beim TV-Duell zwischen Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal am 2. Mai 2007 saßen die Kontrahenten einander gegenüber. Sie können das auf diesem Foto sehen; links Royal, rechts Sarkozy, in der Mitte die beiden Moderatoren Patrick Poivre d'Arvor und Arlette Chabot. Die beiden Kontrahenten finden sich Auge in Auge. Sozusagen zum Greifen nah. Also auch zum Angreifen nah.

Und angegriffen wurde; von beiden. Es war eine spannende, eine auch informative Debatte. Überwiegend gab es den direkten Abtausch zwischen den beiden Kandidaten; die Moderatoren griffen nur selten ein. Ich habe seinerzeit in diesem Artikel darüber berichtet und bin, als ich ihn jetzt wieder gelesen habe, ein wenig in Schwärmen geraten über diese Art der TV-Debatte, die so viel über beide Kandidaten verraten hat.

Und nun sehen Sie sich bitte einmal das Bild 12 dieser Bildstrecke in "Focus" an. Es zeigt das TV-Duelle zwischen Merkel und Schröder am 4. September 2005. Beide stehen hinter meterweit voneinander entfernten Pulten; nicht einander, sondern dem Publikum und den Kameras zugewandt. Vor allem Schröder blickte, wenn er antwortete, fast stets in die Kamera und nicht zu seiner Kontrahentin hin.

Die Folge: Es war über weite Strecken gar kein Duell, sondern die abwechselnde Beantwortung von Fragen. Nur gelegentlich kam überhaupt so etwas wie ein Austausch zwischen den beiden auf. Und dieser wurde dann auch noch meist durch die erbarmungslose Zeitvorgabe kupiert.

Bei Sarkozy vs. Royal hatte dagegen jeder eine Gesamtzeit zur Verfügung. Wie sie diese Zeit auf die zwei Stunden verteilten, war den Kandidaten überlassen. Wer wollte, hätte zwanzig Minuten am Stück reden können; das wäre dann eben von der Gesamtzeit abgegangen.



Hätten die veranstaltenden Sender sich also dazu bringen lassen, Angela Merkel und Frank- Walter Steinmeier so an einem Tisch einander gegenüberzusetzen, wie Sarkozy und Royal saßen, dann wäre immerhin die situative Voraussetzung für einen lebendigen, einen die Zuschauer informierenden Austausch gegeben gewesen.

Ob die Kandidaten das genutzt hätten, um es auch tatsächlich spannend zu machen, ist allerdings eine andere Frage. Aus einem Ostwestfalen und einer Mecklenburgerin wird man nicht das an dialektischen Funken schlagen können, was eine Französin und ein Franzose mühelos zu versprühen vermögen.

Aber so, wie es jetzt geplant ist, dürfte dieses "Duell" wohl eher die traurige Krönung eines Wahlkampfs der Langeweile werden.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Lizenz freigegeben. Ausschnitt.

14. August 2009

Wahlen '09 (9): Yes, we gähn. Vier Gründe, warum dieser Wahlkampf solch ein öder Langweiler ist

Er ist es erstens, weil die beiden Protagonisten Langweiler sind. Angela Merkel ist eine ungemein tüchtige Kanzlerin; aber gegen ihre zurückhaltend- rationale Art, kühl bis ins Herz hinan, war Kurt- Georg Kiesinger ein mitreißender Populist. Frank- Walter Steinmeier läßt bei jedem Auftritt erkennen, wie gern er wieder die Graue Eminenz im Hintergrund wäre, statt den visionären Volkstribunen mimen zu müssen.

Zweitens sind die beiden hauptsächlichen Gegner zugleich Partner. Wenn man gemeinsam Verantwortung in der Regierung trägt und Entscheidungen treffen muß, fällt es schwer, einander mit jener Verve zu attackieren, die erst einen spannenden Wahlkampf hervorbringt.

Drittens wären die Deutschen vermutlich auch dann nicht im Wahlkampf- Fieber, wenn ein Franz- Josef Strauß gegen einen Oskar Lafontaine anträte.

Wir waren seit vergangenem Jahr mit der Gefahr der schlimmsten Wirtschaftskrise seit der Währungsreform konfrontiert, und wir sind jetzt heilfroh, daß wir wahrscheinlich mit einem blauen Auge davongekommen sind.

Die Regierung hat sich in dieser Krise in den Augen der meisten Bürger bedächtig und verantwortungsbewußt benommen. Jetzt geht es darum, das Beste aus der Lage zu machen und für den Aufschwung bereit zu sein. Das ist nicht die Zeit für die große ideologische Konfrontation, wie sie beispielsweise im vergangenen Jahr den US-Wahlkampf beflügelt hat.

Und zwischen wem auch sollte sie stattfinden, diese Konfrontation? Womit wir beim wichtigsten Grund für diesen Wahlkampf im Land des Gähnens sind.



Dieser vierte Grund ist, daß die politischen Fronten ganz und gar unklar verlaufen.

Von Adenauer bis Schröder gab es in nahezu jedem Wahlkampf zwei Lager, zwischen denen der Wähler entscheiden mußte und durfte. Adenauers bürgerliches Lager oder die SPD? Die sozialliberale Koalition oder die CDU/CSU? Kohls bürgerliche Regierung oder Rotgrün? Schröders Rotgrün oder das schwarzgelbe Lager von Stoiber und drei Jahre später von Merkel?

Selbst nach der ersten Großen Koalition, bei den Wahlen 1969, war es klar, daß niemand eine Fortsetzung dieser Koalition wollte und daß Willy Brandt mit Scheel und Genscher regieren würde, wenn es dazu eine Mehrheit geben sollte. Auch damals also eine Richtungsentscheidung.

Aber diesmal? Keine klaren Fronten, also keine Konfrontation. Kein wirklicher Wettlauf um den Sieg; also keine Spannung.

Die Union sagt, daß sie gern mit der FDP regieren würde. "Ganz gern" sollte es vielleicht besser heißen. Denn sie äußert es eher wie einen beiläufigen Wunsch. Sie verkündet es nicht so laut, nicht so überzeugt und nicht so überzeugend, daß vor dem geistigen Auge des Wählers das Bild eines angestrebten Neuanfangs, eines Richtungswechsels entstehen würde. Keine Phantasie, wie man an der Börse sagt. Ein Bündnis für eine Neugestaltung Deutschlands sieht anders aus.

In "Spiegel- Online" haben Veit Medick und Christian Teevs gestern sogar vermutet, daß zumindest die CSU von einer schwarzgelben Koalition wohl nur "unter bestimmten Voraussetzungen" träume, nämlich einer gedeckelten FDP; und daß selbst "die Kanzlerin eine schwarz- gelbe Mehrheit mitnichten so herbeisehnt, wie das in den vergangenen Monaten offiziell den Anschein hatte".

Dasselbe auf der Seite der Freien Demokraten.

Auf dem Hannoveraner Parteitag im Mai hatte Guido Westerwelle in einer seiner besten Reden zwar das Bild eines Richtungswahlkampfs entworfen, in dem es darum gehe, "die Werte, die Deutschland groß gemacht haben, zu verteidigen" und dafür zu sorgen, "dass die geistige Achse nicht weiter nach links verschoben wird".

Aber den Worten folgten keine Taten; die FDP hat sich bis heute nicht darauf festgelegt, mit wem sie nach den Wahlen koalieren wird und mit wem unter keinen Umständen. Gegen einen möglichen zukünftigen Koalitionspartner kann man natürlich keinen Richtungswahlkampf führen.

Und die SPD, die Grünen? Auch die Grünen machen neuerdings koalitionspolitische Lockerungsübungen. Die SPD sagt, sie würde gern ampeln, also zusammen mit just jener FDP regieren, der sie die schlimmsten neoliberalen Verirrungen vorwirft. Wo soll da der Wähler eine Richtung sehen?

Vor allem aber sagen die Sozialdemokraten nicht, was sie tun werden, falls Schwarzgelb keine Mehrheit erringt, die FDP aber partout nicht mitampeln will. Eine definitive und bindende Zusage, dann nicht mit den Kommunisten zu kooperieren, hat die SPD als Partei bisher nicht gegeben.

Das hat sie offenbar aus dem hessischen Debakel gelernt, die SPD: Nicht, daß man eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten ausschließen und sich dann daran halten soll; was sie vielleicht hätte lernen sollen. Sondern daß es am besten ist, nichts zu versprechen. Dann kann man auch kein Versprechen brechen.

Und so stehen sie da in diesem Wahlkampf, die Parteien, und sagen nicht, was sie eigentlich wollen. Ja gewiß, das Vertrauen der Wähler wollen sie; möglichst viel davon. Und dann in diejenige Regierung gehen, in der sie "am meisten von ihren Inhalten durchsetzen" können. Das wollen sie, sagen sie.

Mit anderen Worten: Der Wähler soll die Katze im Sack kaufen. Er soll einer Partei seine Stimme geben, ohne zu wissen, was diese damit anfangen wird. Begeisterung weckt das nicht. Ein Engagement der Bürger wie vergangenes Jahr in den USA ist bei solchen Aussichten undenkbar.

Nur eine Partei macht eine Ausnahme: Die Kommunisten. Wer die Partei wählt, die im Augenblick "Die Linke" heißt, der weiß mit absoluter Sicherheit, daß sie jeden Zipfel Macht ergreifen wird, den man ihr offeriert; den ihr nach Lage der Dinge nur die SPD und die Grünen anbieten können.

Sei es tolerierend, sei es vielleicht gar regierend: Auf die "Durchsetzung ihrer Inhalte" werden sie gern verzichten, die Kommunisten. Wenn sie nur einen kleinen Schritt in Richtung "Änderung des Kräfteverhältnisses" tun dürfen, wie das in klassischem KP-Deutsch heißt.



Symptomatisch für diesen Wahlkampf ist es, daß Busen und Pos die Öffentlichkeit augenscheinlich mehr erregen als Pros und Contras. Kaum hat sich die Aufregung über Veras und Angelas Busen gelegt, da gibt es schon den nächsten Plakat- Skandal.

Vielleicht war es mehr für die Kommunal- als für die Bundestagswahl gedacht, dieses Plakat der Grünen, das einen nackten Hintern zeigt. Aber das, was viele Wähler vermutlich von diesem Wahlkampf denken, visualisiert es sehr schön.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Lizenz freigegeben. Ausschnitt.

11. August 2009

Wahlen '09 (8): Kann Steinmeier noch gewinnen? Der Faktor Merkel

Es geht Frank- Walter Steinmeier im Augenblick wie einem jener gebeutelten Protagonisten antiker Tragödien, denen mißgünstige Götter vereiteln, was immer sie zu erreichen suchen. Er kann sich anstrengen, wie er will - immer ist da offenbar jemand im Olymp, der gegen ihn eine Intrige spinnt, der zu seinen Ungunsten in das Rad des Geschicks greift.

Der Vorwahlkampf hatte sich im Frühjahr noch gut angelassen. Die SPD begann energisch und professionell; ich habe das in den Folgen eins und zwei dieser Serie beschrieben. Die Umfragewerte gingen von Anfang März bis Ende Mai langsam, aber stetig nach oben. Extrapolierte man damals diesen Trend und den leichten Abwärtstrend der Union, dann hätten sich bis zum 27. September die beiden Kurven durchaus treffen, sich mindestens stark annähern können.

Damals hatten, so scheint es, im Olymp diejenigen Götter das Sagen, die ihre schützende Hand über den Kandidaten Steinmeier und seine SPD hielten. Dann aber begann eine Serie von Kalamitäten, die bis heute anhält.

Erst ging Anfang Juni die Europawahl völlig überraschend verloren. Sie sollte eigentlich den Übergang zur nächsten Phase des Wahlkampfs markieren, in der die SPD, durch ein gutes Ergebnis gestärkt, ihrem Kandidaten zu Glanz und Popularität verhelfen wollte.

Die Chancen für einen Erfolg schienen exzellent zu sein, denn vier Jahre zuvor hatte die SPD, damals mitten in der Debatte über die Agenda 2010, mehr als neun Prozentpunkte verloren und war bei einem Tiefstwert von 21,5 Prozent angekommen. Da konnte es, so dachte man wohl im Willy- Brandt- Haus, diesmal nur besser werden; ein gutes Signal also für den Wahlkampf.

Aber es wurde ein größeres Desaster als 2004; das Ergebnis der SPD sackte noch weiter auf 20,8 Prozent und damit auf ein erneutes historisches Tief.



Das war in der Tat ein Signal; nur nicht das erhoffte. Seither gehen die Umfragedaten der SPD kontinuierlich nach unten, und bei der Frage nach dem gewünschten Kanzler wird der Abstand Steinmeiers zu Merkel immer größer.

Man kann wirklich nicht sagen, daß die SPD nicht alles tun würde, um diesen Trend zu wenden. Aber es ist wie verhext - eben wie von mißgünstigen Göttern gelenkt - : Jeder neue Anlauf wird durch Negativ- Schlagzeilen verhagelt.

Da war die sorgsam vorbereitete Inszenierung des Medien- Ereignisses "Präsentation des Kompetenzteams". Vor malerischer Seekulisse, auf die sich das Team vor den Kameras sozusagen mit wehenden Rockschößen zubewegte, Dynamik signalisierend. Aber die Deutschen interessierten sich nicht für junge SPD- Talente, sondern für die alte SPD- Tante, die durch ihr Ungeschick beim Krisenmanagement aus einer harmlosen Anlegenheit eine "Dienstwagen- Affäre" hatte hervorwachsen lassen.

Als Nächstes sah das Drehbuch von Kajo Wasserhövel und Genossen die Vorstellung des "Deutschlandplans" vor. Nach dem Vorbild des Wahlkampfs von Barack Obama sollte bewußt ein sehr hohes, ein anspruchsvolles Ziel verkündet werden, nämlich nicht weniger als die Vollbeschäftigung. Das würde, so imaginierten es wohl die Strategen, zumindest für Gesprächsstoff sorgen. Es würde ein wichtiges Thema besetzen; die SPD als ideenreich und dynamisch erscheinen lassen. Kurz, es sollte die Phantasie beflügeln und damit den Wahlkampf der SPD in Schwung bringen.

Aber da hatten diese Strategen nicht mit der deutschen Mentalität gerechnet, die auf solche "Visionen" so reagiert wie seinerzeit Helmut Schmidt: Ein Fall für den Psychiater. Die überwältigende Mehrheit (je nach Umfrage zwischen 73 und 83 Prozent) hält Steinmeiers "Vision" für nicht realisierbar. Statt wie ein zweiter Obama steht er nun eher da wie ein aus Heinrich Hoffmanns Buch in die Wirklichkeit gehüpfter Hans- guck- in- die- Luft.

Das Debakel wurde perfekt dadurch, daß aufgrund von Vorabmeldungen dieser Punkt des Deutschlandplans schon kritisiert worden war, bevor die SPD den Plan überhaupt präsentiert hatte. Es war wie bei einem Vorstellungsgespräch, zu dem der Bewerber im Grunde gar nicht mehr erscheinen braucht, weil seine Bewerbungsunterlagen bereits einen miserablen Eindruck hinterlassen haben.

So wiederholte sich also der Reinfall mit dem "Kompetenzteam": Die Vorstellung des Schattenkabinetts vor dem Templiner See in Potsdam war buchstäblich ins Wasser gefallen; diejenige des "Deutschlandplans" löste sich in visionäre Schwaden auf.

Der dritte Punkt nach "Kompetenzteam" und "Deutschlandplan" sollte ein Reise des Kandidaten sein; dorthin, wo Aufbruch und Innovation herrscht. Schröders "Neue Mitte" von 1998 reloaded also. Steinmeier, unser Mann der Zukunft.

Was diesmal den Medienerfolg zunichte machte, beschreibt Markus Feldenkirchen im aktuellen gedruckten "Spiegel" (S. 29):
Wo immer Steinmeier aus dem Bus kletterte, stellten ihm die Reporter dieselbe Frage: "Was sagen Sie zu den 20 Prozent"? Niemand wollte etwas über seine Konzepte wissen oder warum er überhaupt da war.
Zwanzig Prozent, das ist der aktuelle Umfragewert für die SPD bei Forsa.

Feldenkirchen kritisiert, daß der Fokus der Medien sich nicht auf Inhalte richte. Aber was kann man an Innovationskraft von einer Partei erwarten, die sich auf dem Weg von der einstigen Volkspartei zu einer der kleineren Parteien befindet, demnächst vielleicht "auf Augenhöhe" mit den Grünen und der FDP? Ist es nicht vernünftig, daß die Deutschen einem Kandidaten, der so wenig Fortüne hat, nicht abnehmen, daß er Deutschland in eine glanzvolle, innovative Zukunft führen kann?



Ist also die Wahl schon gelaufen? Haben die Götter ihr Verdikt gefällt? Nein. Denn noch gar nicht ins Spiel gekommen ist der Faktor Merkel.

Angela Merkel ist eine schlechte Wahlkämpferin; ich habe darüber hier und hier geschrieben. In ihrer kühl- rationalen Art vermag sie nicht zu begeistern und zu motivieren; jeden Anflug von Emotionalität muß sie sich bei öffentlichen Auftritten mühsam abringen.

Darüber hinaus fehlt ihr das - wie man heute sagt - "Bauchgefühl", zu erkennen wie das Volk emotional reagiert. Den "Professor aus Heidelberg" 2005 in ihr Team aufzunehmen, war unter dem Blickpunkt einer künftigen Regierung eine vernünftige Entscheidung; im Hinblick auf die Reaktion der Wähler war es ein Desaster. Der Bauchmensch Schröder hat damals diesen Schwachpunkt sofort erkannt und gnadenlos ausgenützt.

Bisher hat Merkel in diesem Wahljahr ihrer Schwäche als Wahlkämpferin Rechnung getragen, indem sie einfach keinen Wahlkampf gemacht hat. Das funktioniert im Augenblick noch; sie steht in den Augen der Wähler fast schon über den Parteien. Aber irgendwann wird auch sie in die Bütt steigen müssen. Ihr gewissermaßen präsidiales Image wird dann schnell von demjenigen der Parteipolitikerin überlagert werden. Ihre Schwäche beim connecting to people, beim Herstellen eines emotionalen Kontakts mit den Leuten, wird dann offenbar werden.

Und wenn Steinmeier Glück hat, wenn er ganz großes Glück und also einen mächtigen Befürworter im Götterhimmel hat, dann macht Angela Merkel so wie 2005 einen kapitalen Fehler. Das könnte seine Chance sein; vielleicht die letzte.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Lizenz freigegeben. Ausschnitt.

2. August 2009

Wahlen '09 (6): Steinmeiers Geistertruppe, Westerwelles Wankelmut, Merkels Schwachstellen

Acht Männer und zehn Frauen umfaßt das Schattenkabinett ("Kompetenzteam"), das Frank- Walter Steinmeier am Donnerstag der gar nicht sehr staunenden Welt präsentiert hat.

Rechnen wir ein wenig: Die SPD liegt in den Umfragen im Augenblick bei 23 bis 24 Prozent. Sie wird nach menschlichem Ermessen nach dem 27. September, wenn überhaupt, nicht allein regieren können, und auch nicht im Bündnis mit den Grünen. Wenn Steinmeier Kanzler werden will, dann wird er einen dritten Partner finden müssen; entweder die Liberalen oder die Kommunisten.

Zusammen werden diese beiden Partnerparteien mindestens ebenso viele Sitze im Kabinett erhalten wie die SPD. Gegenwärtig gibt es vierzehn Ressorts. Bleibt es dabei, dann stehen der SPD also maximal sieben zu.

Elf von jenen achtzehn, die sich jetzt Hoffnung darauf machen, Herr oder Frau Minister zu werden oder zu bleiben, werden also leer ausgehen.

Wollte ein Kanzler Steinmeier alle achtzehn Schattenleute ins Licht eines Ministeriums holen, dann müßte er schon sein Kabinett auf um die 35 Ressorts aufstocken. Das wird er wohl nicht tun können.

Also ist das, was er uns am Donnerstag vorgeführt hat, wenig mehr als eine Geistertruppe. Eine Riege der Hoffnungslosen. Leute, die wie von einer Laterna Magica kurz vor unsere Augen projiziert werden und dann wieder im Dunkel verschwinden. Gespenstisch. Passend freilich damit zu Steinmeiers geisterhaftem Versprechen, Deutschland in die Vollbeschäftigung zu führen.



Ach, wie war es doch vordem für Westerwelle so bequem.

Im ersten Quartal 2009 schien wahr zu werden, was der Herr des Guidomobils sich einst auf die Schuhsohlen hatte pinseln lassen. Am 5. März maß Infratest Dimap für die FDP 17 Prozent; bei Forsa lagen die Liberalen in drei aufeinanderfolgenden Umfragen (11., 18. und 25. Februar) gar bei 18 Prozent. Ähnlich oder nur wenig niedriger waren die Werte der anderen Institute.

Waren da plötzlich massenhaft deutsche Wähler zum Liberalismus bekehrt worden? Ach nein. Nur wurde damals in der CDU und in CDU- geführten Ressorts die Möglichkeit diskutiert, die Hypo Real Estate notfalls zu verstaatlichen. Viele CDU-Wähler sahen ihre Partei zu weit nach links gerückt und wechselten zur FDP. Anderes - etwa Ursula von der Leyens Vorstoß gegen die Freiheit des Internet - sorgte dafür, daß diese Stimmung eine gewisse Beständigkeit gewann.

Aber eben nur eine gewisse, wie sich inzwischen gezeigt hat. Denn längst ist der Höhenflug der FDP vorbei. Sie nähert sich wieder dem Wert leicht oberhalb von zehn Prozent, um den herum alle drei kleinen Parteien während der meisten Zeit der zu Ende gehenden Legislaturperiode pendelten. Nur die Kommunisten sind inzwischen deutlich abgerutscht.

Gegenwärtig liegt die FDP bei Forsa, Infratest Dimap und Allensbach nur noch einen Prozentpunkt vor den Grünen; lediglich Emnid und die Forschungsgruppe Wahlen geben ihr noch einen Vorsprung von drei oder vier Prozent.

Die FDP ist eben immer dann stark, wenn sie sich gegenüber der Union mit einem "ja, aber" profilieren kann. Das war schon in der ausgehenden Adenauer- Zeit so, als bei den Bundestagswahlen 1961 die Partei Erich Mendes mit dem Versprechen "Mit der CDU, aber ohne Adenauer" ihr in jenen Jahrzehnten mit Abstand bestes Ergebnis einfuhr.

Auch jetzt hätte die FDP mit einer analogen Wahlaussage vermutlich viele der Wähler, die ihr Anfang des Jahres zugewachsen waren, an sich binden können.

Guido Westerwelle hat in seiner ausgezeichneten Rede auf dem Dortmunder Parteitag die Gründe für eine solche Wahlaussage genannt: Die Notwendigkeit eines Bündnisses mit der Union ("Es geht darum, die Werte, die Deutschland groß gemacht haben, zu verteidigen. (...) Wir müssen dafür sorgen, dass die geistige Achse nicht weiter nach links verschoben wird"); zugleich aber auch die Notwendigkeit, in diesem Bündnis ein starkes liberales Korrektiv zu haben.

Auf dieser Grundlage hätte die FDP einen exzellenten, einen sehr wahrscheinlich erfolgreichen Wahlkampf führen können. Aber Guido Westerwelle entschied sich anders. Was er noch wenige Tage vor dem Parteitag angekündigt hatte - eine klare Absage an die Ampel -, das kam auf einmal in seiner Rede auf dem Parteitag nicht mehr vor. Westerwelle beugte sich denen in seiner Partei, die just diese Möglichkeit einer Ampel offenhalten wollten.

Jetzt rächt sich dieser Wankelmut. Warum sollte ein CDU- Wähler, dem die CDU zu weit nach links gerückt ist, die FDP wählen, wenn er damit rechnen muß, daß er mit seinem Kreuz auf dem Stimmzettel am Ende einen Kanzler Steinmeier gewählt hat? Dann doch lieber zähneknirschend CDU.

Auch ich stelle für meine Wahlentscheidung diese Überlegung an. Würde am nächsten Sonntag gewählt, dann bekäme diese nach links schielende FDP meine Stimme nicht.

Die FDP will eine Woche vor den Wahlen einen Bundesparteitag abhalten, auf dem sie sich vielleicht auf eine Koalition mit der Union festlegen wird. Nur haben sich dann die meisten Wähler ihrerseits schon festgelegt.

Viele werden sich nicht für eine Partei entscheiden, die monatelang herumeiert, bis sie sich vielleicht auf den letzten Metern doch noch zu einer eindeutigen Aussage durchringt. Welches ist, wird man sich fragen, die Halbwertzeit einer solchen im letzten Augenblick halbherzig getroffenen Festlegung? Warum nicht früher? Man kann es keinem Wähler verdenken, wenn er da skeptisch ist.



Im Augenblick scheint alles zugunsten der Union zu laufen. So sehr, daß sie - glaubt man dem, was Sebastian Fischer in "Spiegel- Online" schreibt - sich entschieden hat, erst einmal gar nichts zu tun und zuzusehen, wie die SPD sich abzappelt. Erst im September soll es mit dem Wahlkampf richtig losgehen.

Indessen liegt der Vorsprung von Schwarzgelb nach wie vor bei nur wenigen Prozentpunkten. Sowohl 2002 als auch 2005 stand das bürgerliche Lager Ende Juli besser da. Die Union wird also kämpfen müssen.

Dabei hat sie zwei Schwachstellen: Erstens verfügt sie zwar jetzt über einen präsentablen, ja einen beliebten Wirtschaftsminister; aber in der Finanzpolitik hat sie der Kompetenz von Peer Steinbrück nichts und niemanden entgegenzusetzen. Ausgerechnet auf diesem Feld, auf dem der SPD traditionell wenig zugetraut wird ("Die Genossen können nicht mit Geld umgehen"), läuft ihr derzeit die SPD den Rang ab.

Zweitens hat die Linksentwicklung der CDU ja nicht nur Liberale, sondern auch viele Konservative dieser Partei entfremdet. Während die FDP bereitsteht, die Liberalen aufzufangen, bleiben die Konservativen heimatlos; es sei denn, daß sie zu einer extremen Partei abdriften, wofür es aber zum Glück kaum Anzeichen gibt.

Die Antwort auf beide Probleme hat einen Namen: Friedrich Merz. Wäre er dazu zu bewegen, in die aktive Politik zurückzukehren, dann hätte die Union zugleich einen ausgezeichneten Finanzpolitiker und jemanden, der auch Konservative anspricht.

Ja, gewiß, das Verhältnis zwischen Merkel und Merz gilt als zerrüttet. Aber sowohl Merkel als auch Merz sind ja Profis genug, darüber hinwegzusehen. Sie sollten sich zusammenfinden können, wenn ein starkes gemeinsames Interesse das verlangt. Man muß einander ja nicht lieben.

Sehr wahrscheinlich wird es das aber nicht geben; vielleicht hat Merz in seiner Lebensplanung inzwischen auch längst die Weichen definitiv weg von der Politik gestellt. Zum Bundestag kandidiert er jedenfalls nicht mehr.

Aber ein wenig sinnieren wird man ja dürfen. Wäre Friedrich Merz wieder an Bord, dann könnte die Kanzlerin nicht nur getrost auf ein "Kompetenzteam" verzichten. Dann wäre, anders als jetzt, der Sieg von Schwarzgelb wirklich zum Greifen nah.



Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Lizenz freigegeben. Ausschnitt.

18. Juli 2009

Marginalie: German angst? Das war einmal. La peur française! Wer fürchtet sich vor der Schweinegrippe?

Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Es tut sich was in Deutschland.

Seit den siebziger Jahren, gipfelnd in der Zeit der rotgrünen Koalition, waren wir Deutschen ein Volk von Angsthasen. Wir wurden ganz dem Bild gerecht, das man im Englischen mit German angst verbindet.

Glykol im Wein, Maden im Fisch, Feinstaub in der Luft, verstrahlte Pilze aus Polen, kindermordende Kampfhunde, Leukämie verursachende AKWs - es vergingen kaum ein paar Monate, in denen nicht irgendeine German angst grassierte.

Und jetzt? Es scheint, daß wir unter der Ruhe und Kompetenz ausstrahlenden Kanzlerin zu einem gelassenen Volk geworden sind. Es ist ein wenig wie einst unter Konrad Adenauer. Der Alte wird's schon richten, das war damals die Grundstimmung.

Man sieht das beispielsweise daran, daß der Versuch der SPD, einen ungefährlichen Zwischenfall im KKW Krümmel zu einer Beinahe- Katastrophe aufzubauschen, auf nicht eben viel Resonanz gestoßen ist. Man sieht es daran, daß die Wirtschaftskrise bisher die allgemeine Stimmung nicht wirklich getrübt hat.



Und man sieht es an der Angst vor der Schweinegrippe. Oder vielmehr deren Abwesenheit.

Demoskopen haben - es ist heute im Nouvel Observateur zu lesen - in 19 Ländern der Erde dieselbe Frage gestellt: Wieviel Sorgen machen Sie sich wegen der Schweinegrippe?

Die Reaktionen waren extrem verschieden. Am meisten Sorgen ("besorgt oder sehr besorgt") machten sich die Chinesen (64%) und die Bolivianer (59%). In Europa macht man sich am wenigsten Sorgen in den Alpen: Schweiz 7%, Österreich gar nur 3%.

Wer ist Spitzenreiter in Europa? Frankreich, das Land der - so meinen wir es ja - gelassenen Rotwein- Trinker und Gitanes- Raucher; das Land des savoir vivre. 40% Prozent der Franzosen sind besorgt oder sehr besorgt.

Und wir Deutschen? Ganz so gelassen wie unsere schweizer und österreichischen Vettern sind wir noch nicht. Aber mit 14% doch schon recht nah dran.



Für Kommentare bitte hier klicken.

27. Juni 2009

Wahlen '09 (4): Wahlhilfe für Merkel aus dem Weißen Haus. Aber wo bleibt die Wahlkampfstimmung?

Ein Herz und eine Seele sind sie auf einmal, der Barack und die Angela. Aus Washington berichtet Gregor Peter Schmitz für "Spiegel- Online" über den Präsidenten:
Er beginnt mit "Willkommen" auf Deutsch, er lobt Merkels "Weisheit" und "Direktheit", er erinnert an seinen Besuch der Dresdner Frauenkirche Anfang Juni, deren Wiederaufbau der ganzen Welt zeige, was mit vereinten Kräften möglich sei. Obama begrüßt "meine Freundin Angela Merkel". Deutschland, schwärmt er, werde einen besonderen Platz in seinem Herzen behalten, wegen des freundlichen Empfangs in Berlin als Präsidentschaftskandidat vor 220.000 Menschen im Juni 2008.
Womit wir beim Thema sind.

Nein, das ist nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Zwischen Obamas kühlem wenn nicht rüdem Verhalten gegenüber der Kanzlerin bei seinem Kurzbesuch in Deutschland vor drei Wochen und dem jetzigen Überschwang - wie immer bei Obama mit einem Stich ins Kitschige - hat sich nur allerdings etwas verändert: Die Umfragewerte für die deutschen Parteien.

Fast durchweg zeigen die Daten der Institute im Juni eine abfallende Tendenz für die SPD und das linke Lager und einen spiegelbildlichen Anstieg der Werte für Schwarzgelb. Bei der Forschungsgruppe Wahlen zum Beispiel lag Schwarzgelb Ende Mai bei 48 und die Volksfront bei 47 Prozent; Mitte Juni war es 50 zu 44 Prozent. Ähnlich sehen die Daten der anderen Institute aus.

Solche Umfragen verfolgt man natürlich auch in Washington. Präsident Obama muß gegenwärtig davon ausgehen, daß er auch für den Rest seiner Amtszeit nicht den Wunschpartner Steinmeier als deutsches Gegenüber haben wird, sondern die Kanzlerin Merkel. Es kann also nicht schaden, sie sich zu verpflichten, indem er ihr im Wahlkampf hilft. Es kostet Obama nichts; es wird ihm später nützen. Und die Kanzlerin nimmt dieses Geschenk natürlich gern entgegen.

Eigentlich sollte der Höhepunkt des Besuchs der gemeinsame Auftritt im Rosengarten des Weißen Hauses sein, mit wunderschönen Fotos und Filmaufnahmen für den CDU- Wahlkampf. Da spielte nun leider das Wetter nicht mit; aber daß der Präsident die Kanzlerin lobte, bleibt ja dennoch - siehe "Spiegel- Online" - in Deutschland nicht ungehört.

Ob Obamas Urteil über Merkel ("Chancellor Merkel is smart, practical, and I trust her when she says something" - sie sei smart, praktisch und er glaube ihr, wenn sie etwas sagt) nun allererste Sahne war, darüber kann man streiten; in einem Arbeitszeugnis wäre das wohl eher ein Minimallob. Aber solche versteckten Feinheiten werden gern überhört; für den Wahlkampf zählt nur das grobe Bild, wie es in die Medien gelangt.

Und das ist positiv. Obama benimmt sich eindeutig geschickter als Merkel selbst im vergangenen Jahr ihm gegenüber, als sie die Rede vor dem Brandenburger Tor verhinderte. Denn auch damals, Ende Juli 2008, zeichnete sich schon der Wahlsieg Obamas ab. An seinen Auftritt in Berlin hat Obama gestern erinnert; auch das wohl eine kleine, aber feine Spitze gegen Merkel.



Sicher war Obamas Wahlsieg damals natürlich noch bei weitem nicht. Sicher ist auch heute, drei Monate vor den Wahlen, natürlich der Sieg von Schwarzgelb nicht.

Aber es läuft gut. Es läuft weit besser als im Vorwahlkampf Ende März, als vieles für eine Niederlage von Schwarzgelb sprach.

Dazwischen liegen die Europawahlen, die der Union und der FDP Auftrieb gaben und die SPD in ein Stimmungstief stürzten; dazwischen liegt auch das erfolgreiche Management der Opel-Krise und der sich ausbreitende Eindruck, das Schlimmste sei in der Rezession überstanden. (Daß bei der Arbeitslosigkeit das Schlimmste noch bevorsteht, daß wir mit einer Inflation rechnen müssen, ist vielen Wählern wohl noch nicht klar).

Es herrscht in Deutschland in diesen Tage eine Stimmung des "Es wird schon irgendwie gut gehen". Man weiß sich bei dieser vernünftigen, starken Kanzlerin in guten Händen, sozusagen. Keine Experimente, diese Haltung scheint sich auszubreiten.

Das ist eine Momentaufnahme, so wie die Ende März. Seither ist ein Vierteljahr vergangen, und ein Vierteljahr dauert es noch bis zur Wahl. Das Pendel kann in dieser Zeit auch wieder zurückschwingen. Der eigentliche Wahlkampf liegt ja noch vor uns.

Und das ist das vielleicht Seltsamste an dieser Wahl: Dreizehn Wochen vor dem Wahltag wird sie immer noch kaum wahrgenommen. Drei Monaten vor den US-Wahlen, Anfang August 2008, war der Wahlkampf schon auf seinem Höhepunkt. Bei uns gibt es ihn so richtig noch gar nicht.

Das liegt nicht an einem Unterschied in der Mentalität oder den Umständen der Wahl zwischen Deutschland und den USA. Es ist eine Besonderheit dieses Wahljahrs.

Schauen Sie sich zum Vergleich einmal die Galerie der Titelbilder des "Spiegel" im Wahljahr 1976 an. Schon im Januar "Tendenzwende?" mit Helmut Schmidt als Titelboy. Im Februar "Machtwechsel?", jetzt mit Helmut Kohl. Im März "Wandel in der CDU" mit dem CDU- Hoffnungsträger Albrecht auf dem Titel. Im April "Jungwähler - Schwenk zur CDU", mit einem Gespräch mit Helmut Schmidt über die Wahlaussichten der sozialliberalen Koalition. Ebenfalls im April "Was will die FDP?" über die Möglichkeit eines Koalitionswechsels der FDP nach den Wahlen. Und so fort, bis es dann in den Wochen vor der Wahl kaum noch andere Titelthemen gab.

Es muß wohl schon diese heiter- resignierende Gelassenheit sein, mit der wir Deutschen diese Krise durchleben, daß wir in diesem Jahr so gar nicht in Stimmung fürs Kämpfen kommen, und sei es auch nur das Wahlkämpfen.



Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Lizenz freigegeben. Ausschnitt.

5. Juni 2009

Marginalie: Obama zeigt Merkel die kalte Schulter. Im Wortsinn

So etwas habe ich noch nicht erlebt.

Da besucht ein ausländischer Regierungschef, Barack Obama, zugleich Staatsoberhaupt, Deutschland. Er wird, wie anders, von der Kanzlerin empfangen, führt mit ihr Gespräche, besucht mit ihr dann Buchenwald.

Wenn ein Staatsgast mit dem Gastgeber gemeinsam eine Stätte besucht, dann ist es üblich, daß der Gastgeber den Gast führt; daß er ihm das eine oder andere erklärt. Wenn dann beide einen Weg gemeinsam gehen, dann unterhält man sich. Der Gast ist freundlich zum Gastgeber; der Gastgeber versucht seiner Rolle gerecht zu werden und ist seinerseits so freundlich, wie es denn irgend geht. Selbst wenn es Spannungen geben sollte.

Haben Sie die Übertragung aus Buchenwald gesehen? Man legte gemeinsam gelbe Rosen nieder. Dann gab es einen langen, langen Gang durch das Gelände. Obama, die Kanzlerin, Elie Wiesel, der Buchenwald- Überlebende Bertrand Herz.

Obama wandte seine Aufmerksamkeit ausschließlich Wiesel zu. Merkel würdigte er keines Blickes. Ihre Versuche, sich am Gespräch zu beteiligen, scheiterten offensichtlich. Schließlich sprach sie Herz an, mit dem sie ein paar Worte wechselte.

Nicht anders war es, als man später in einer Gruppe zusammenstand. Obama unterhielt sich mit den anderen. Merkel stand außerhalb, wie ein dummes Schulmädchen. Manchmal kehrte ihr der Präsident im Wortsinn den Rücken zu. Merkel versuchte mehrfach, sich ins Gespräch einzuschalten. Die Reaktion Obamas war exakt null. Keine Antwort, noch nicht einmal eine mimische.

Dann gab es die abschließenden Reden. Merkel kurz, ehrlich und präzise. Obama nach Worten suchend; ihm fehlte offensichtlich der Teleprompter. Elie Wiesel ungemein beeindruckend; ein Mann, der durch seine Persönlichkeit wirkt. Obama und Wiesel umarmten einander. Obama zeigte gegenüber Merkel keine Geste.

Wiesel aber hat die Kanzlerin umarmt. Mir schien, daß in diesem Augenblick dieser große Mann es auch nicht mehr hinnehmen wollte, wie Obama mit seiner Gastgeberin umging.



Für Kommentare bitte hier klicken.

30. Mai 2009

Marginalie: Die Italiener lieben Angela Merkel - und auch sonst ist sie in Europa Spitze. Eine aktuelle Umfrage

Die französische Presse berichtet heute über eine Umfrage des Instituts OpinionWay für die Zeitung Le Figaro, in der es vor allem darum geht, wie die Einwohner anderer großer europäischer Länder den französischen Präsidenten und seine Politik sehen. Es gab aber auch einige Fragen zu anderen Regierungschefs.

Die Umfrage ist ganz aktuell; sie wurde vom 26. bis 28. Mai durchgeführt. Befragt wurden je rund 1000 Briten, Italiener, Spanier und Deutsche. Die Ergebnisse können als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Gefragt wurde unter anderem nach der Beliebtheit der Spitzenpolitiker in den vier Ländern und in Frankreich. Von allen befragten Europäern hatten 65 Prozent von Angela Merkel eine gute oder sehr gute Meinung. Ihr folgte eine Mittelgruppe (Sarkozy 51 Prozent; Brown und Zapatero beide 45 Prozent). Abgeschlagen auf dem letzten Platz lag Berlusconi mit 25 Prozent "gut" oder "sehr gut".

Allerdings ist beim niemandem die Diskrepanz zwischen der Beurteilung im Inland und im Ausland so groß wie bei Berlusconi. Von den Italienern hatten 51 Prozent eine gute oder sehr gute Meinung von ihm; in den drei anderen Ländern lag er unter 20 Prozent.

Berlusconi erreicht damit im eigenen Land den zweithöchsten Wert; nur Angela Merkel liegt in Deutschland mit 62 Prozent noch höher. Zapatero finden in Spanien nur 42 Prozent gut oder sehr gut, und bei Gordon Brown sind es in Großbritannien gar nur 23 Prozent.

Angela Merkel ist in allen Länderen die Beliebeste. Einen Traumwert von 84 Prozent erreicht sie in Italien, gefolgt von 70 Prozent in Spanien. Auf den Wert in Deutschland von 62 Prozent folgen die Briten mit 44 Prozent. Die Briten vergeben insgesamt die schlechtesten Bewertungen, die Italiener die besten.

Wird allerdings nicht nach der Beliebtheit gefragt, sondern nach dem politischen Einfluß, dann liegt Angela Merkel gleichauf mit Nicolas Sarkozy; in Deutschland und Italien leicht vor ihm, in Spanien und Großbritannien etwas hinter ihm. Brown, Berlusconi und Zapatero folgen mit großem Abstand.

Ich hoffe, die Umfrage wird der Kanzlerin vorgelegt. Ein wenig Freude bei all dem gegenwärtigen Ärger gönne ich ihr.



Für Kommentare bitte hier klicken.

20. Mai 2009

Zitat des Tages: "Wir haben an die Lampe geklopft". Die Kanzlerin über ihr Leben in der DDR

Wir haben oft in Gaststätten an die Lampe geklopft und gesagt: "Wenn ein Mikrofon drin ist – einschalten!" Es ging darum, sich nicht kirre machen zu lassen."

Bundeskanzlerin Merkel gestern im Interview mit Sandra Maischberger über ihren Alltag in der DDR.

Kommentar: Diese Bemerkung kennzeichnet, so scheint mir, sehr gut das Leben, das Angela Merkel ebenso wie die meisten DDR-Bürger geführt hat: Man wußte sich ständig überwacht. Man arrangierte sich irgendwie mit der Unfreiheit. Man hatte das Bestreben, sich seine eigene kleine Freiheit zu bewahren, so gut es ging, sich nicht "kirre machen" zu lassen.

Den meisten gelang das. Das bedeutete freilich den Verzicht darauf, ehrlich seine Meinung zu sagen und aktiv gegen das Regime Stellung zu nehmen. Wer das tat - wer mutiger, entschlossener, moralischer handelte als die heutige Kanzlerin -, der mußte mit der Vernichtung seiner Existenz rechnen. Mit Gefängnis, der Zerstörung seiner Familie, der Wegnahme seiner Kinder. Sippenhaft für die Angehörigen.

Daß die meisten DDR-Bürger, auch Angela Merkel, das nicht riskierten, ist für mich nachvollziehbar, ja es erscheint mir naheliegend und richtig. Sehr wahrscheinlich hätte ich genauso gehandelt.

Die Pharisäer aus dem Westen, die ihr Leben in einem freiheitlichen Rechtsstaat verbracht haben und die nun den Zeigefinger heben und andere, die dieses Glück nicht hatten, dafür tadeln, daß sie ihre Existenz nicht aufs Spiel gesetzt haben, sind mir unerträglich. Was für eine Selbstgerechtigkeit, welche moralisierende Heuchelei!



Interessanter als das, was die Kanzlerin gesagt hat, ist aber vielleicht der Umstand, daß sie es gesagt hat.

Die Sendung war ja etwas seltsam: Statt der üblichen Diskussionsrunde bestand sie aus zwei Teilen; erst das Interview mit der Kanzlerin und dann eine Runde u.a. mit Gregor Gysi und Guido Knopp. Offenbar war es der Kanzlerin wichtig gewesen, sich zu dem Thema zu äußern, auch wenn sie vermutlich nicht willens war, ausgerechnet mit Gregor Gysi über das Leben in der DDR zu diskutieren.

Warum diese Bereitschaft zur Auskunft? Es könnte sein, daß die Kanzlerin einer Schmutzkampagne zuvorkommen will, die, so scheint es, von Oskar Lafontaine und Genossen vorbereitet wird. Ein Kostprobe hat Lafontaine vor einer Woche im Interview mit "Spiegel- Online" gegeben:
Spiegel-Online: Kanzlerin Angela Merkel will die Linke weiterhin an ihrer Haltung zur DDR- Vergangenheit messen.

Lafontaine: Ein interessanter psychologischer Fall. Die Menschen neigen dazu, ihre eigenen Fehler anderen vorzuwerfen. Frau Merkel müsste ihre eigene DDR- Vergangenheit aufarbeiten, und die ihrer eigenen Partei. Sie war FDJ- Funktionärin für Agitation und Propaganda. Damit gehörte sie zur Kampfreserve der Partei.
Während Oskar Lafontaine, im freien Westen, ja bekanntlich immer gegen das kommunistische Regime gekämpft hat.

Wie zum Beispiel hier dokumentiert:





Für Kommentare bitte hier klicken. Foto: Deutsches Bundesarchiv, Bild 183-1988-0818-405; frei unter Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 Germany License (CC-BY-SA).

30. März 2009

Wahlen '09 (1): Kann Angela Merkel die Wahlen noch gewinnen? Es wird schwer werden

Ist es nicht arg verfrüht, schon jetzt, genau ein halbes Jahr vor einer Wahl, über deren Ausgang zu spekulieren?

Ja, natürlich, bis zum 27. September kann noch viel passieren. Niemand weiß, wie sich die Wirtschaftskrise entwickeln wird. Es kann, vielleicht in deren Gefolge, zu weiteren Krisen in der Welt kommen. Zu Hunger- Aufständen, vielleicht zu schweren politischen Erdbeben. Das könnte die Wahlen beeinflussen. Auch innenpolitisch könnte Überraschendes passieren - ein Skandal beispielsweise.

Und der Wahlkampf hat ja noch gar nicht begonnen.

Oder vielleicht doch? Er hat begonnen. Vor drei Wochen hat die SPD ihn mit einer konzertierten Aktion eröffnet, einer sorgsam präparierten publizistischen Breitseite gegen die Kanzlerin.

Von einer Reaktion der Union ist bisher nichts zu merken. Das ist noch freundlich gesagt, denn einige ihrer Vertreter haben ja selbst gleich noch ein paar Salven auf die Kanzlerin abgefeuert.

Der Wahlkampf hat begonnen. Ich werde ihn mit Artikeln in ZR begleiten; einer Serie wie vergangenes Jahr zur Wahl des US- Präsidenten. Ein wenig mehr als die damaligen 28 Folgen werden es werden.



Machen wir einmal die Voraussetzung, die alle Futurologen machen: Beurteilen wir die Ausgangslage für die Wahlen unter der Einschränkung, daß es bis zu ihnen zu keinem unvorhersagbaren Ereignis kommt; hier also: zu keinem innenpolitischen Skandal, zu keiner Weltkrise über die jetzige wirtschaftliche Krise hinaus. Wodurch ist diese Ausgangslage gekennzeichnet?


1. Die Parteienkonstellation

Vor einer Wahl gibt es üblicherweise ein Regierungslager und ein Lager der Opposition. Die in der Regierung vertretenen Parteien wollen gemeinsam weiter regieren; die Opposition will sie aus der Regierung vertreiben. Es gibt also Verbündete und Gegner.

Diesmal ist das ganz anders, und zwar auf eine für die Union nachteilige Weise anders.

Sie regiert zusammen mit der SPD. Diese sieht sie aber nicht als ihren Verbündeten, sondern als ihren Gegner an. Der Vorsitzende der Regierungspartei SPD agitiert nicht etwa gegen die Oppositionsparteien, sondern - gerade wieder an diesem Wochenende in einem Interview mit dem Magazin "Focus" - gegen die eigene Kanzlerin.

Von den drei Oppositionsparteien sind zwei - die Grünen und die Kommunisten - der Union spinnefeind. Und die FDP? Sie hat jetzt vier Jahre lang Opposition gegen die Kanzlerin gemacht. Gewiß würde sie gern mit der Union koalieren; aber sie kann ja nicht plötzlich das Gegenteil von dem sagen, was sie in diesen vier Jahren gesagt hat. Auch jetzt, am Beginn des Wahlkampfs, kritisiert Westerwelle weiter die Kanzlerin. Eine Unterstützung durch die FDP kann die CDU im Wahlkampf nicht erwarten.

Sie wird also gegen die anderen antreten. Allein gegen alle. Aber ist das nicht in jedem Wahlkampf so? Sind nicht alle Parteien Konkurrenten?

Gewiß. Aber eben normalerweise zugleich in bestimmten Konstellationen Verbündete. Während der Regierungszeit Kohls haben die Union und die FDP einander geschont; zu rotgrünen Zeiten ebenso die SPD und die Grünen. Ein solcher Verbündeter fehlt der Union diesmal.


2. Die bisherige Entwicklung der Mehrheitsverhältnisse

"Spiegel- Online" bietet einen grafischen Überblick über die Entwicklung der Umfrage- Ergebnisse seit den letzten Wahlen an. Aufschlußreich ist das, was "Koalitionsrechner" genannt wird: Die Zusammenfassung der Umfragewerte für die Parteien, die jeweils eine Koalition bilden könnten. Man kann dort sehen, daß über die meisten Zeiten in diesen dreieinhalb Jahren eine schwarzgelbe Koalition hinter einer Volksfront- Koalition aus SPD, Kommunisten und Grünen lag.

In den letzten Wochen war das anders. Aber der Vorsprung ist minimal. Allensbach gab beispielsweise in einer am 24. März publizierten Umfrage Schwarzgelb einen (Zahlen gerundet) 49 : 47 - Vorsprung vor der Volksfront. Praktisch zeitgleich (publiziert am 23. März) sah Emnid hingegen die Volksfront mit 49 : 48 vorn. Der Abstand ist so gering, daß schon kleinste Schwankungen einmal die eine und einmal die andere Koalition nach vorn bringen.

Daß Schwarzgelb am 27. September eine Mehrheit erhält, ist also alles andere als ausgemacht. Und gibt es diese Mehrheit nicht, dann bedeutet das sehr wahrscheinlich, daß die CDU in die Opposition muß und daß der Bundeskanzler Steinmeier heißen wird.

Denn die SPD hat dann die Grünen als sicheren Partner und kann sich den Dritten im Bunde aussuchen. Sie wird die FDP einladen, nein sie wird sie herzen, küssen und umarmen. Der Kandidat Steinmeier übt sich bereits im Verteilen von Streicheleinheiten an Guido Westerwelle. Und der gibt sich gar keine Mühe mehr, zu verstecken, daß er zwar gern mit der Union koalieren würde, daß er aber eine Koalition mit der SPD keineswegs ausschließt.

Und sollte sich die FDP am Ende doch verweigern, dann kann sich Steinmeier immer noch von den Kommunisten mitwählen und von ihnen tolerieren lassen. Sicher nach den hessischen Erfahrungen nicht sofort; sicher erst, wenn alle anderen Möglichkeiten "ausgelotet" sind. Aber er hat dieses Druckmittel, um die Zögernden in der FDP in die Regierung zu zwingen.


3. Die Professionalität des Wahlkampfs

Angesichts der knappen Mehrheitsverhältnisse wird es auf den Wahlkampf ankommen. Wer ihn professioneller führt, der hat ausgezeichnete Aussichten auf den Sieg.

Im Augenblick spricht alles dafür, daß die SPD der Union in diesem Punkt überlegen ist. Die erste Attacke wird seit drei Wochen geradezu schulbuchmäßig geführt.

Im Vorwahlkampf, in der ersten Phase des Wahlkampfs, bildet sich das Image der Kandidaten heraus, die Master Narrative über ihn. Später ist es kaum noch zu beeinflussen; aber bevor die Kampagne richtig in Gang gekommen ist, haben viele Wähler nur ein vages Bild von den Kandidaten. Sie sind noch nicht festgelegt; sie sind bereit, einen Kandidaten auch anders zu sehen, wenn sie entsprechende Informationen bekommen.

Hier also setzen Wahlkampf- Profis an. Bevor man noch über Sachthemen redet, wird daran gearbeitet, den eigenen Kandidaten in einem vorteilhaften Licht erscheinen zu lassen und die Gegenkandidaten zu beschädigen, im günstigsten Fall zu demontieren.

Die Kampagne von Barack Obama ist dafür ein glänzendes Beispiel. Zunächst trat er nur als der Messias auf, als der Kandidat des Lichts und des Guten. Erst als sich dieses Image herausgebildet und befestigt hatte, begann er, in die Auseinandersetzung mit den Konkurrenten zu gehen. Deren eventuelles negative campaigning konnte ihm dann kaum noch etwas anhaben. Im Gegenteil - angesichts des positiven Image, das sich Obama erarbeitet hatte, schlug es eher auf diese zurück.

Die Strategen der SPD folgen exakt diesem Rat der Wissenschaftler, sich zunächst um das Image zu kümmern. Und zwar hier das der Kanzlerin, das systematisch demontiert werden soll.

Ist man erst einmal so weit, daß die Kanzlerin als jemand wahrgenommen wird, der - so Müntefering im im aktuellen "Focus" - nicht führt, sich nicht festlegt, es nicht "schafft", dann kann sogar der graue und dröge Steinmeier dagegen als ein Macher aufgebaut werden. Das wird die nächste Phase sein.

Die Union hat dem nichts entgegenzusetzen; bisher jedenfalls nicht. Der redliche, immer lieb lächelnde Ronald Pofalla als Gegenspieler des ausgekochten Strategen Franz Müntefering - das ist so, als wenn der Thekenverein "Die Schlappenkicker" gegen, sagen wir, den HSV antritt.


4. Die Person der Kanzlerin

Sie gehört zu den besten Kanzlern, die dieses Land hatte. Aber der Wahlkampf ist ihre große Schwäche. Ich habe das in diesem Artikel skizziert. Sie ist unübertrefflich, wenn es um diplomatische Verhandlungen, um den rationalen Ausgleich von Interessen geht. Sie wird umso schlechter, je mehr es von ihr verlangt ist, Emotionen anzusprechen, Anhänger zu mobilisieren, Gegner zu attackieren, kurz: Stimmung zu machen.

Sie ist darin das Gegenteil von Barack Obama; auch von Gerhard Schröder, der in dieser Hinsicht ebenfalls mit allen Wassern gewaschen war.

Diesmal hat sie das Glück, dem Frank-Walter Steinmeier gegenüberzustehen, auch nicht gerade ein Volkstribun und charismatischer Führer. Aber diesen Part werden andere für ihn spielen - Müntefering, Wowereit, Nahles. Zumindest, was den Volkstribun angeht.

Und wer wird Angela Merkel unterstützen? Annette Schavan, sie bestimmt. Und Ursula von der Leyen.



Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Linzenz freigegeben. Ausschnitt.

24. März 2009

Zitat des Tages: "Wir nehmen mit, was wir kriegen können". Müntefering, ein Wahlkämpfer ohne Skrupel. Aber die Steilvorlage kam aus der Union

Nach Ansicht von SPD- Chef Franz Müntefering tobt in der Union ein offener Machtkampf. CDU- Fraktionschef Volker Kauder habe die Machtfrage gestellt und sie für sich gegen die Kanzlerin entschieden, sagte Müntefering am Dienstag. (...)

Die SPD werde aber weiter in der großen Koalition mitarbeiten und Ergebnisse herbeiführen. "Wir nehmen mit, was wir kriegen können."


Karsten Wiedemann heute in der Online-Ausgabe des sozialdemokratischen "Vorwärts" unter der Überschrift "Kauder will putschen".

Kommentar: Die erfolgreichsten Wahlkämpfer zeichnen sich durch ein gewisses Maß an Skrupellosigkeit aus. Adenauer hatte sie, als er für den Fall eines Wahlsiegs der SPD den "Untergang Deutschlands" ankündigte und als er von "Willy Brandt alias Frahm" sprach. Schröder hatte sie, als er 2005 dem Wahlvolk mit Erfolg einredete, die CDU wolle für alle denselben Steuersatz - "ob Millionär oder Krankenschwester".

Angela Merkel fehlt - ich habe kürzlich darauf hingewiesen - die Fähigkeit zu einem solchen Stil; und wohl auch die Bereitschaft, sich auf dieses Niveau zu begeben. Bei Anne Will am Sonntag hat sie sinngemäß gesagt, daß sie als Kanzlerin genug mit den Sachfragen beschäftigt sei und nicht ständig auf ihre Wirkung in der Öffentlichkeit bedacht sein könne. Das wird man ihr gern abnehmen.

Nur wird solch eine pflichtbewußte Haltung Angela Merkels diesen Wahlkampf für die CDU schwierig machen. Zumal die Strategen im Willy- Brandt- Haus diese Schwäche der Kanzlerin ja gnadenlos auszuschlachten entschlossen sind.

Die Kanzlerin soll demontiert werden; das wird der Kern des SPD- Wahlkampfs sein; und die Union soll damit als ein führerloser, in sich zerstrittener Haufen hingestellt werden. Die FDP dagegen wird man schonen, ja fördern - man will sie ja in eine Ampel hineinzwingen. Eine aus Sicht der SPD glänzende, ein leider auch aussichtsreiche Strategie.

Und man kann es kaum fassen - in der CDU gibt es Kräfte, die exakt diese SPD-Strategie von innen heraus unterstützen; ich habe vor zwei Wochen über diese nützlichen Idioten Münteferings in der CDU/CSU geschrieben.

Mit ihrer Kritik an der eigenen Vorsitzenden haben sie Müntefering eine Steilvorlage geliefert. Wenn er den Ball jetzt reinzumachen versucht, indem er von einem Putschversuch und von Machtkämpfen in der CDU spricht - wer will es ihm verdenken.

Er nimmt eben mit, was er kriegen kann. Von seinen nützlichen Idioten in der Union.



Für Kommentare bitte hier klicken.

21. März 2009

Zitat des Tages: "Merkel diktiert Krisen-Agenda". Anmerkung zur Stärke der Kanzlerin, zu ihrer Schwäche

Merkel diktiert der EU ihre Krisen- Agenda. Deutsche Festspiele in Brüssel: Die EU hat auf ihrem Gipfeltreffen eine Anti-Krisen-Erklärung verabschiedet, die sich in weiten Teilen wie Angela Merkels Wunschzettel liest. Auch die Briten sind nun zur weitreichenden Regulierung der Finanzmärkte bereit - die Kanzlerin und ihre Minister jubeln.

Überschrift und Teaser zu einem Artikel von Carsten Volkery in "Spiegel- Online", in dem über die Ergebnisse des EU- Frühlingsgipfels in Brüssel berichtet wird.

Kommentar: Sieht man von der Aufbauschung ab, die "Spiegel- Online" nun mal nicht lassen kann, dann bleibt immer noch übrig: Die Kanzlerin hat sich wieder einmal international durchgesetzt.

Wie macht sie das? Und warum funktioniert es nicht ebenso gut zu Hause?

Sie ist international wohl deshalb so erfolgreich, weil die Arbeitsweise internationaler Konferenzen ihrem Stil entgegenkommt: Sie bereitet alles akribisch vor, analysiert die Interessenlagen der Beteiligten, sucht von Anfang an nach einer Lösung, mit der alle leben können; sie selbst freilich am besten. Es ist eine ruhige, intellektuelle Art des Sich- Durchsetzens.

Poltern und Tricksen à la Gerhard Schröder kommt unter Diplomaten nicht an; erst recht nicht die große Geste, der Appell an Emotionen.

Derlei hat die Kanzlerin nicht in ihrem Repertoire. Und just das ist innenpolitisch ihre Schwäche.

Wenn in Parteien, wenn in dem famosen "Koalitionsausschuß" gekungelt und gestritten wird, dann spielt Irrationales eine ungleich größere Rolle als auf der internationalen Ebene. Da geht es auch um persönliche Eitelkeiten, um den kleinen Triumph, vor allem aber auch um die Wirkung auf die "Menschen draußen im Lande".

Und so gut die Kanzlerin in internationalen Verhandlungen ist, so sehr fehlt ihr ein, wie man heute so sagt, "Bauchgefühl" dafür, wie etwas bei den Leuten ankommt.

Ihre Stärke ist das Argumentieren, nicht das Agitieren; das Überzeugen und nicht das Überreden. Sie spricht nicht "zu den Herzen der Menschen". Ihre Kühlheit wird leicht als Kälte wahrgenommen. Sie will sachbezogen entscheiden, keine symbolischen Gesten darbieten.

Wenn sie es dann doch einmal mit Symbolik versucht, wie kürzlich, als sie zur Besänftigung der Konservativen in der Union demonstrativ die Arbeit von Erika Steinbach gewürdigt hat, dann wirkt das unecht und aufgesetzt. Es ist nicht der Stil von Angela Merkel.



Bei Wahlen wird diese Schwäche der Kanzlerin besonders deutlich. Sie trat 2005 aus einer fast nicht zu erschütternden Favoriten- Position an; Rotgrün war ja gerade so katastrophal gescheitert, wie eine Regierung nur scheitern kann. Aber fast hätte sie die Vorstellung noch geschmissen.

Daß sie auf Paul Kirchhof und dessen Steuerkonzept setzte, ohne daran zu denken, welche Folgen die Ankündigung einer niedrigeren Besteuerung von Reichen in einem Land haben mußte, in dem "soziale Gerechtigkeit" ein Heiligtum ist - das zeigt, wie sehr es ihr an einem instinktiven Verständnis für das fehlt, was das Volk denkt, was das Volk vor allem dumpf fühlt.

Also wird sie es im diesjährigen Wahlkampf schwer haben, arg schwer. Stünde ihr nur der dröge Frank- Walter Steinmeier gegenüber, dann ginge es ja noch. Aber der gewiefte Franz Müntefering, der die Politik von der Pieke auf gelernt hat, und zwar zuerst bei den kleinen Leuten - das wird ein formidabler Gegner werden. Ganz abgesehen von den Helfern, die er in der Union selbst hat.



Für Kommentare bitte hier klicken.

10. März 2009

Zettels Meckerecke: Münteferings nützliche Idioten in der CDU

Erinnern Sie sich noch? Vor ziemlich genau einem Monat erarbeitete die SPD ein Papier zu ihrer Strategie für die Bundestagswahl. Im Zentrum stand die Entscheidung, die Kanzlerin so weit wie möglich persönlich zu demontieren. "Focus- Online" schrieb damals unter der Überschrift "SPD plant Anti- Merkel- Wahlkampf":
Die SPD- Wahlkampfplaner nehmen die Kanzlerin offen ins Visier. (...) Eine "personalisierte Auseinandersetzung" von CDU-Chefin Merkel und SPD-Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier biete große Chancen, ... zitiert die "Passauer Neuen Presse" ... aus einem internen Thesenpapier von SPD-Generalsekretär Hubertus Heil (...). Trotz Amtsbonus biete die Kanzlerin "zahlreiche Angriffspunkte", schreibt Heil darin. "Sie taktiert und laviert, wo klare Überzeugungen gefragt sind".
Jetzt, ein halbes Jahr vor den Wahlen, hat der Vorwahlkampf begonnen. Die SPD hat folglich angefangen, dieses Konzept der persönliche Demontage der Kanzlerin in die Tat umzusetzen. Dazu Veit Medick gestern in "Spiegel- Online":
Und trotz aller Beteuerungen, der Wahlkampf beginne erst in ein paar Monaten, wird jetzt angegriffen. Wer das noch bezweifelte, der wurde am Wochenende eines besseren belehrt. In einer konzertierten Aktion äußerten sich sämtliche Spitzenleute der Partei in sämtlichen großen Tageszeitungen. Ob Parteichef Müntefering, seine Stellvertreterin Andrea Nahles oder Fraktionschef Peter Struck - der Tenor war stets der gleiche: Die Kanzlerin könne nicht führen, sie schaffe es nicht mehr, ihren Laden zusammenzuhalten.
Das Heil-Papier wird also abgearbeitet; die SPD eröffnet den Wahlkampf exakt so, wie Hubertus Heil es geplant hat.

Nur eines war in diesem Papier nicht vorgesehen, weil die SPD es vermutlich für unerreichbar hielt: Daß sie in der CDU und der CSU nützliche Idioten finden würde, die dieses Spiel mitspielen. Politiker der Union, die dem Wahlkampf- Konzept der SPD eine Glaubwürdigkeit verleihen, die es sonst schwerlich erreicht hätte.

Ein halbes Jahr vor der Wahl haben sich Günther Oettinger, Jörg Schönbohm, der rheinland-pfälzische CDU-Chef Christian Baldauf, der Bremer CDU-Chef Thomas Röwekamp und Frank Henkel, der der Berliner CDU vorsteht, haben sich der Abgeordnete Bosbach und CSU- Generalsekretär Alexander Dobrindt zusammengetan, um die SPD bei der Demontage der Spitzenkandidatin der CDU nach Kräften zu unterstützen.



Zur medialen Unterstützung des Wahlkampf- Auftakts der SPD gehört nicht nur, daß allenthalben Krododilstränen über den angeblich desolaten Zustand der Union vergossen werden; einer der Vorheuler ist wieder einmal der Politologe und SPD-Genosse Franz Walter. Sondern es werden auch Umfrage- Daten auf eine sehr fragwürdige Weise interpretiert.

Da ist gar die Rede von einem "Umfrage- Absturz" der Union. Der aktuelle gedruckte "Spiegel" verbreitet das mittels einer Grafik ("Spiegel" 11/2009, S. 22), die in der Tat suggeriert, daß die CDU gegenwärtig im freien Fall ist. Dazu verwendet man die Daten eines einzigen Instituts. Dazu hat der "Spiegel" exakt solch einen zeitlichen Ausschnitt aus diesen Daten ausgewählt, daß der Eindruck von einem rapiden Verfall der Umfragewerte der CDU entsteht.

Sehen Sie sich aber nun bitte einmal die Gesamtdaten aller Institute über die vergangenen Monate an, auf die ich bereits hier aufmerksam gemacht habe. Sehen Sie einen "Absturz" der Union? Es gab allenfalls einen leichten Rückgang, der in der letzten Umfrage (Forschungsgruppe Wahlen, 6. März) schon nicht mehr zu sehen ist.

Klicken Sie dann vielleicht noch auf "Koalitionsrechner" und sehen Sie sich an, wo gegenwärtig (letzte Daten vom 6. März) Schwarzgelb liegt: bei 52 Prozent.

Dies ist der bisher höchste Wert für diese potentielle Koalition. Er wurde in den mehr als hundert Umfragen über mehrere Jahre, deren Ergebnisse die Grafik zeigt, nur in ganz wenigen Wochen erreicht und noch nie übertroffen. Fast immer lag Schwarzgelb unter 50 Prozent, selten einmal bei 51 und vielleicht ein halbes Dutzend mal bei 52 Prozent.

So sieht er aus, der "Absturz"!

Schwarzgelb hat gute Chancen, im September zu gewinnen. Aber die Heckenschützen in den eigenen Reihen versuchen offenbar eifrig, diesen möglichen Sieg zu verhindern.



Was treibt sie dazu? Günther Oettinger hat noch eine persönliche Rechnung mit Angela Merkal offen, seit sie ihn im Fall Oettinger / Filbinger zur Abbitte gezwungen hat (siehe auch diesen und diesen Artikel).

Ich habe damals Oettinger verteidigt. Daran habe ich auch keine Abstriche zu machen. Daß er sich einmal auf eine so illoyale Weise wie jetzt verhalten würde, hätte ich nicht erwartet.

Daß diese offene Rechnung jetzt sein Motiv ist und was die anderen motiviert, sich wie trojanische Pferde der SPD zu verhalten, wird sich freilich kaum sicher eruieren lassen. .

Vielleicht hoffen sie ja, daß die Kanzlerin aufgibt und sie dann einen der Ihren noch schnell auf den Schild heben können. Oder Friedrich Merz reaktivieren.



Man kann durchaus darüber diskutieren, ob Angela Merkel den konservativen Flügel der CDU angemessen repräsentiert. Vor ihrer Wahl zur Vorsitzenden hat sie bekanntlich selbst Zweifel daran geäußert, ob sie für dieses Amt konservativ genug sei.

Sie wurde dennoch gewählt, am 10. April 2000. Das ist jetzt also knapp neun Jahre her. Neun Jahre hatten Oettinger und seine Mitstreiter Zeit, das Thema innerparteilich zu diskutieren. Jetzt, zu Beginn des Wahlkampfs, tragen sie diese Frage auf einmal in die Medien.

Falls Schwarzgelb die Wahl am 27. September verliert, dann wird man wissen, wann und wie der Weg in die Niederlage begann: Mit der Illoyalität von Politikern der Union im März 2009. Mit Münteferings nützlichen Idioten.



Für Kommentare bitte hier klicken.

9. März 2009

Zitate des Tages: Obamas Unredlichkeit, Merkels Aufrichtigkeit

Clever politics, but intellectually dishonest to the core. Health, education and energy -- worthy and weighty as they may be -- are not the cause of our financial collapse. And they are not the cure. The fraudulent claim that they are both cause and cure is the rhetorical device by which an ambitious president intends to enact the most radical agenda of social transformation seen in our lifetime.

(Clevere Politik, aber intellektuell unredlich bis in den Kern hinein. Gesundheit, Bildung und Energie - so bedeutsam und gewichtig sie sein mögen - sind nicht die Ursache unseres finanziellen Zusammenbruchs. Und sie sind nicht die Therapie. Die verlogene Behauptung, daß sie sowohl die Ursache als auch die Therapie seien, ist das rhetorische Mittel, mittels dessen ein ehrgeiziger Präsident den radikalsten Plan für eine Änderung der Gesellschaft durchsetzen will, den wir in unserem Leben gesehen haben.)

Charles Krauthammer in seiner aktuellen Kolumne in der Washington Post über Präsident Obama. Überschrift: "The great non sequitur", die große Unlogik.


Die Wahl von Angela Merkel zur Parteivorsitzenden und Bundeskanzlerin ist das konsequente Einstehen für diese deutsche Einheit und das Ergebnis der Standfestigkeit, Führungsstärke und Glaubwürdigkeit von Angela Merkel. (...)

Das hervorstechende Merkmal von Christdemokraten ist nicht der Konservatismus. Unsere Wurzeln liegen in der christlich- sozialen, der liberalen und der konservativen Tradition. Und auch christlich- sozial ist nicht gleichzusetzen mit "Katholik" aus dem Westen. Unsere Suche nach mehr Stammwählern sollte uns nicht blind machen für neues Bürgertum und jene Liberalität, die die Vielfalt in einem demokratischen Gemeinwesen achtet.


Annette Schavan am Samstag in einem Gastbeitrag im "Hamburger Abendblatt" über Kanzlerin Merkel.


Kommentar: Unter den führenden Politikern der freien Welt gibt es im Augenblick vermutlich keinen größeren Gegensatz als den zwischen Barack Obama und Angela Merkel.

Obama ist offenbar entschlossen, die amerikanische Gesellschaft radikal zu verändern, und er nutzt dazu die jetzige Wirtschaftskrise, indem er vorspiegelt, diese Krise - die eine Krise der Banken, des Finanzsystems ist - hätte etwas zu tun mit den Feldern, auf denen er die amerikanische Gesellschaft verändern will.

Er liegt damit auf der Linie der zynischen Bemerkung seines Stabschefs Rahm Emanuel, auf die Gorgasal in "Zettels kleinem Zimmer" hingewiesen hat und die auch Charles Krauthammer zitiert: ""You never want a serious crisis to go to waste. This crisis provides the opportunity for us to do things that you could not do before." Man werde eine schwere Krise nie ungenutzt lassen wollen. Die jetzige liefere die Gelegenheit "für uns", Dinge zu tun, die man zuvor nicht hätte tun können.

Die Art, wie die Kanzlerin mit der Krise umgeht, ist das genaue Gegenteil. Nüchtern, vorsichtig, um den Ausgleich von Interessen bemüht. Ohne den Anspruch, sie kenne dank höherer Eingebung Rezepte, mit denen man schnell aus dieser Krise kommen werde. Und natürlich ohne die Chuzpe, die Krise zur Veränderung der Gesellschaft zu nutzen.

So ist eben Angela Merkel: Standfest und glaubwürdig, wie Annette Schavan sie porträtiert. Ohne jede Begabung zur Demagogie. Ohne die Flausen einer Gesellschaftsveränderung im Kopf. Wer in der DDR aufgewachsen, intelligent und ehrlich ist, der weiß, was davon zu halten ist.



Wie sieht es allerdings mit der von Schavan genannten "Führungsstärke" aus? Diese läßt im Augenblick die Kanzlerin nach Ansicht mancher CDU-interner Kritiker vermissen (auf die Schavan in ihrem Beitrag antwortet). Ihnen fehlt das konservative Profil der CDU.

Mag sein, daß die CDU dieses Profil schärfen sollte. Ich neige allerdings eher der Charakterisierung zu, die Schavan für die CDU findet. Aber sei dem, wie es sei: Wer in einer Partei gut ein halbes Jahr vor entscheidenden Wahlen die eigene Spitzenkandidatin demontiert, der handelt unverantwortlich.

Er braucht sich dann nicht zu wundern, daß die parteiinterne Kritik vom politischen Gegener freudig aufgegriffen wird. Wenn Oettinger, Steinmeier, die CSU, Struck, Schönbohm und Nahles in einer Großen Koalition der Merkel- Kritiker auftreten und unisono deren angebliche "Führungsschwäche" kritisieren, dann ist das in der Tat ein Alarmsignal.

Manchmal würde man sich dann von Merkel schon etwas mehr von Obamas Chuzpe wünschen.



Für Kommentare bitte hier klicken.