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11. August 2009

Wahlen '09 (8): Kann Steinmeier noch gewinnen? Der Faktor Merkel

Es geht Frank- Walter Steinmeier im Augenblick wie einem jener gebeutelten Protagonisten antiker Tragödien, denen mißgünstige Götter vereiteln, was immer sie zu erreichen suchen. Er kann sich anstrengen, wie er will - immer ist da offenbar jemand im Olymp, der gegen ihn eine Intrige spinnt, der zu seinen Ungunsten in das Rad des Geschicks greift.

Der Vorwahlkampf hatte sich im Frühjahr noch gut angelassen. Die SPD begann energisch und professionell; ich habe das in den Folgen eins und zwei dieser Serie beschrieben. Die Umfragewerte gingen von Anfang März bis Ende Mai langsam, aber stetig nach oben. Extrapolierte man damals diesen Trend und den leichten Abwärtstrend der Union, dann hätten sich bis zum 27. September die beiden Kurven durchaus treffen, sich mindestens stark annähern können.

Damals hatten, so scheint es, im Olymp diejenigen Götter das Sagen, die ihre schützende Hand über den Kandidaten Steinmeier und seine SPD hielten. Dann aber begann eine Serie von Kalamitäten, die bis heute anhält.

Erst ging Anfang Juni die Europawahl völlig überraschend verloren. Sie sollte eigentlich den Übergang zur nächsten Phase des Wahlkampfs markieren, in der die SPD, durch ein gutes Ergebnis gestärkt, ihrem Kandidaten zu Glanz und Popularität verhelfen wollte.

Die Chancen für einen Erfolg schienen exzellent zu sein, denn vier Jahre zuvor hatte die SPD, damals mitten in der Debatte über die Agenda 2010, mehr als neun Prozentpunkte verloren und war bei einem Tiefstwert von 21,5 Prozent angekommen. Da konnte es, so dachte man wohl im Willy- Brandt- Haus, diesmal nur besser werden; ein gutes Signal also für den Wahlkampf.

Aber es wurde ein größeres Desaster als 2004; das Ergebnis der SPD sackte noch weiter auf 20,8 Prozent und damit auf ein erneutes historisches Tief.



Das war in der Tat ein Signal; nur nicht das erhoffte. Seither gehen die Umfragedaten der SPD kontinuierlich nach unten, und bei der Frage nach dem gewünschten Kanzler wird der Abstand Steinmeiers zu Merkel immer größer.

Man kann wirklich nicht sagen, daß die SPD nicht alles tun würde, um diesen Trend zu wenden. Aber es ist wie verhext - eben wie von mißgünstigen Göttern gelenkt - : Jeder neue Anlauf wird durch Negativ- Schlagzeilen verhagelt.

Da war die sorgsam vorbereitete Inszenierung des Medien- Ereignisses "Präsentation des Kompetenzteams". Vor malerischer Seekulisse, auf die sich das Team vor den Kameras sozusagen mit wehenden Rockschößen zubewegte, Dynamik signalisierend. Aber die Deutschen interessierten sich nicht für junge SPD- Talente, sondern für die alte SPD- Tante, die durch ihr Ungeschick beim Krisenmanagement aus einer harmlosen Anlegenheit eine "Dienstwagen- Affäre" hatte hervorwachsen lassen.

Als Nächstes sah das Drehbuch von Kajo Wasserhövel und Genossen die Vorstellung des "Deutschlandplans" vor. Nach dem Vorbild des Wahlkampfs von Barack Obama sollte bewußt ein sehr hohes, ein anspruchsvolles Ziel verkündet werden, nämlich nicht weniger als die Vollbeschäftigung. Das würde, so imaginierten es wohl die Strategen, zumindest für Gesprächsstoff sorgen. Es würde ein wichtiges Thema besetzen; die SPD als ideenreich und dynamisch erscheinen lassen. Kurz, es sollte die Phantasie beflügeln und damit den Wahlkampf der SPD in Schwung bringen.

Aber da hatten diese Strategen nicht mit der deutschen Mentalität gerechnet, die auf solche "Visionen" so reagiert wie seinerzeit Helmut Schmidt: Ein Fall für den Psychiater. Die überwältigende Mehrheit (je nach Umfrage zwischen 73 und 83 Prozent) hält Steinmeiers "Vision" für nicht realisierbar. Statt wie ein zweiter Obama steht er nun eher da wie ein aus Heinrich Hoffmanns Buch in die Wirklichkeit gehüpfter Hans- guck- in- die- Luft.

Das Debakel wurde perfekt dadurch, daß aufgrund von Vorabmeldungen dieser Punkt des Deutschlandplans schon kritisiert worden war, bevor die SPD den Plan überhaupt präsentiert hatte. Es war wie bei einem Vorstellungsgespräch, zu dem der Bewerber im Grunde gar nicht mehr erscheinen braucht, weil seine Bewerbungsunterlagen bereits einen miserablen Eindruck hinterlassen haben.

So wiederholte sich also der Reinfall mit dem "Kompetenzteam": Die Vorstellung des Schattenkabinetts vor dem Templiner See in Potsdam war buchstäblich ins Wasser gefallen; diejenige des "Deutschlandplans" löste sich in visionäre Schwaden auf.

Der dritte Punkt nach "Kompetenzteam" und "Deutschlandplan" sollte ein Reise des Kandidaten sein; dorthin, wo Aufbruch und Innovation herrscht. Schröders "Neue Mitte" von 1998 reloaded also. Steinmeier, unser Mann der Zukunft.

Was diesmal den Medienerfolg zunichte machte, beschreibt Markus Feldenkirchen im aktuellen gedruckten "Spiegel" (S. 29):
Wo immer Steinmeier aus dem Bus kletterte, stellten ihm die Reporter dieselbe Frage: "Was sagen Sie zu den 20 Prozent"? Niemand wollte etwas über seine Konzepte wissen oder warum er überhaupt da war.
Zwanzig Prozent, das ist der aktuelle Umfragewert für die SPD bei Forsa.

Feldenkirchen kritisiert, daß der Fokus der Medien sich nicht auf Inhalte richte. Aber was kann man an Innovationskraft von einer Partei erwarten, die sich auf dem Weg von der einstigen Volkspartei zu einer der kleineren Parteien befindet, demnächst vielleicht "auf Augenhöhe" mit den Grünen und der FDP? Ist es nicht vernünftig, daß die Deutschen einem Kandidaten, der so wenig Fortüne hat, nicht abnehmen, daß er Deutschland in eine glanzvolle, innovative Zukunft führen kann?



Ist also die Wahl schon gelaufen? Haben die Götter ihr Verdikt gefällt? Nein. Denn noch gar nicht ins Spiel gekommen ist der Faktor Merkel.

Angela Merkel ist eine schlechte Wahlkämpferin; ich habe darüber hier und hier geschrieben. In ihrer kühl- rationalen Art vermag sie nicht zu begeistern und zu motivieren; jeden Anflug von Emotionalität muß sie sich bei öffentlichen Auftritten mühsam abringen.

Darüber hinaus fehlt ihr das - wie man heute sagt - "Bauchgefühl", zu erkennen wie das Volk emotional reagiert. Den "Professor aus Heidelberg" 2005 in ihr Team aufzunehmen, war unter dem Blickpunkt einer künftigen Regierung eine vernünftige Entscheidung; im Hinblick auf die Reaktion der Wähler war es ein Desaster. Der Bauchmensch Schröder hat damals diesen Schwachpunkt sofort erkannt und gnadenlos ausgenützt.

Bisher hat Merkel in diesem Wahljahr ihrer Schwäche als Wahlkämpferin Rechnung getragen, indem sie einfach keinen Wahlkampf gemacht hat. Das funktioniert im Augenblick noch; sie steht in den Augen der Wähler fast schon über den Parteien. Aber irgendwann wird auch sie in die Bütt steigen müssen. Ihr gewissermaßen präsidiales Image wird dann schnell von demjenigen der Parteipolitikerin überlagert werden. Ihre Schwäche beim connecting to people, beim Herstellen eines emotionalen Kontakts mit den Leuten, wird dann offenbar werden.

Und wenn Steinmeier Glück hat, wenn er ganz großes Glück und also einen mächtigen Befürworter im Götterhimmel hat, dann macht Angela Merkel so wie 2005 einen kapitalen Fehler. Das könnte seine Chance sein; vielleicht die letzte.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Lizenz freigegeben. Ausschnitt.

22. Juli 2009

Marginalie: Kaum ein US-Präsident hatte ein halbes Jahr nach Amtsantritt so wenig Zustimmung wie jetzt Barack Obama

Hieße der Präsident nicht Barack Obama, sondern George W. Bush, dann wäre diese Marginalie überflüssig: Jeder politisch Interessierte wüßte es dann; die Tagesschau hätte berichtet, "Spiegel-Online" hätte es als Aufmacher gebracht. Das Ergebnis nämlich der jüngsten Umfrage zur Beurteilung der Politik von Präsident Obama durch die amerikanischen Wähler.

Gallup hat sie im Auftrag von USA Today durchgeführt, das gestern darüber berichtete. Danach stimmen nur noch 55 Prozent der Befragten der Politik des Präsidenten zu. Ein halbes Jahr nach ihrem Amtsantritt hatten von den zwölf amerikanischen Präsidenten seit dem 2. Weltkrieg nur zwei eine noch geringere Zustimmung.

Im Einzelnen:
  • Im Mai hatten noch 55 Prozent Obamas Wirtschaftspolitik zugestimmt und nur 42 Prozent sie abgelehnt. Jetzt hat sich das umgekehrt: 49 Prozent Ablehnung, noch 47 Prozent Zustimmung.

  • Mit 50 zu 44 Prozent lehnen die Befragten die Gesundheitspolitik des Präsidenten ab.

  • 59 Prozent sind der Meinung, daß Obama zu hohe Staatsausgaben anstrebt; 52 Prozent fürchten, daß er zu viel Macht für die Regierung sucht.
  • Persönlich ist der Präsident immer noch populär; aber seine Politik wird immer mehr kritisiert.

    Eine einzige Umfrage sollte man nicht überbewerten. Aber diese Umfrage ist repräsentativ für einen Trend, der sich durchgängig zeigt. Wenn Sie auf diese Seite bei Pollster.com gehen und ganz nach unten scrollen, dann finden Sie die aggregierten Daten aller Institute.

    Die durchgezogenen Linien zeigen die von Gallup täglich gemessenen Werte (Gallup daily tracking) seit der Amtsübernahme von Präsident Obama. Die Punkte geben die Werte anderer Institute wieder. Man sieht einen stetigen, allerdings relativ langsamen Abfall der Zustimmung (approval) und einen steileren Anstieg der Ablehnung (disapproval) der Politik des Präsidenten.

    Immer mehr Amerikanern scheint es zu dämmern, daß sie einen Präsidenten gewählt haben, der im Wahlkampf als der große Einiger in der Mitte auftrat, der jetzt aber wieder - siehe diesen Artikel vom April hier im Blog - zu der linken Politik zurückkehrt, für die er als Senator gestanden hatte.

    Obama strebt eine Sozialdemokratisierung der USA an; mit einem vom Staat kontrollierten Gesundheitssystem, einer weitgehenden staatlichen Lenkung einer ergrünenden Wirtschaft, mit Reichensteuer und Strafsteuern für Widersetzliche. Es scheint nicht, daß die Mehrheit der Amerikaner bereit ist, diesen Weg mitzugehen.



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    7. März 2009

    Zettels Meckerecke: Sinken die Umfragewerte der CDU? Wie "Spiegel- Online" sich selbst dementiert

    Selten wurde eine Behauptung von "Spiegel- Online" so eindeutig durch just die Daten dementiert, die den betreffenden Artikel begleiten.

    Die Behauptung:
    In der Union wächst angesichts schlechter Umfragewerte der Unmut am Kurs der CDU und Kanzlerin Angela Merkel. (...) An der Spitze der Kritiker steht Günter Oettinger aus Baden-Württemberg. (...) Hintergrund von Oettingers Vorpreschen sind die katastrophalen Umfragewerte, die die Wahlforscher in ihren jüngsten Umfragen ermittelt haben.
    Und hier kann man die "katastrophalen Umfragewerte" sehen. Die Grafik zeigt die aggregierten Daten der Institute Emnid, Forsa, Infratest Dimap, Allensbach und der Forschungsgruppe Wahlen. Durch Auswahl aus der Schaltfläche unten in der Grafik kann man sich die Daten der einzelnen Institute getrennt ansehen.

    Nach der jüngsten Umfrage von gestern, 6. März, liegt die CDU mit 37 Prozent dreizehn Prozentpunkte vor der SPD (24 Prozent) und hat zusammen mit der FDP (15 Prozent) eine komfortable Mehrheit. In den Wochen zuvor gab es einen allenfalls schwachen Abwärtstrend der CDU bei gleichzeitiger Zunahme bei der FDP, der aber zufällig sein kann.

    Dies als "schlechte" oder gar "katastrophale" Umfragewerte zu bezeichnen, ist, milde gesagt, eine eigenwillige Interpretation der Tatsachen.

    Der Wahlkampf hat halt begonnen.



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    18. Dezember 2008

    Zitat des Tages: "Verheerend für unseren Rechtsstaat". Hahn will die hessische Verfassung ändern. Liegt Schwarzgelb in Hessen wirklich weit vorn?

    Es ist verheerend für unseren Rechtsstaat, wenn die Linken ihre Forderungen nach Verstaatlichung damit begründen können, dass ein entsprechender Artikel in der hessischen Verfassung steht. Wir laufen auch Gefahr, dass sich Rechte darauf berufen, dass die Todesstrafe in der Verfassung steht. Eine Grundsanierung der hessischen Verfassung zählt zu den wichtigsten Aufgaben, die wir in der nächsten Legislaturperiode zu erledigen haben.

    Der hessische FDP- Vorsitzenden Jörg- Uwe Hahn heute in der "Frankfurter Rundschau" im Interview mit Pitt von Bebenburg.

    Kommentar: Hahn bezieht sich auf die Artikel 21 und 39 der Hessischen Verfassung:
    Artikel 21. Ist jemand einer strafbaren Handlung für schuldig befunden worden, so können ihm auf Grund der Strafgesetze durch richterliches Urteil die Freiheit und die bürgerlichen Ehrenrechte entzogen oder beschränkt werden. Bei besonders schweren Verbrechen kann er zum Tode verurteilt werden.

    Artikel 39. Jeder Mißbrauch der wirtschaftlichen Freiheit - insbesondere zu monopolistischer Machtzusammenballung und zu politischer Macht - ist untersagt.

    Vermögen, das die Gefahr solchen Mißbrauchs wirtschaftlicher Freiheiten in sich birgt, ist auf Grund gesetzlicher Bestimmungen in Gemeineigentum zu überführen. Soweit die Überführung in Gemeineigentum wirtschaftlich nicht zweckmäßig ist, muß dieses Vermögen auf Grund gesetzlicher Bestimmungen unter Staatsaufsicht gestellt oder durch vom Staate bestellte Organe verwaltet werden.

    Ob diese Voraussetzungen vorliegen, entscheidet das Gesetz.

    Die Entschädigung für das in Gemeineigentum überführte Vermögen wird durch das Gesetz nach sozialen Gesichtspunkten geregelt. Bei festgestelltem Mißbrauch wirtschaftlicher Macht ist in der Regel die Entschädigung zu versagen.
    Zwei alte Zöpfe also, die schon lange hätten abgeschnitten werden müssen. Es ist mutig, daß die FDP diese Aufgabe in der nächsten Legislaturperiode angehen will. Sie würde sich damit um das Land Hessen verdient machen.

    Die Debatte über den Paragraphen 39 dürfte freilich den Kommunisten und den SPD-Linken eine ausgezeichnete Plattform für ihre Propaganda bieten.

    Zumal dann, wenn auch die anderen Paragraphen einbezogen werden, die ebenfalls den Geist des Sozialismus atmen, wie er 1946 nun einmal wehte: Den Paragraphen 38 ("... hat das Gesetz die Maßnahmen anzuordnen, die erforderlich sind, um die Erzeugung, Herstellung und Verteilung sinnvoll zu lenken") und den Paragraphen 41 (zu verstaatlichen sind "... der Bergbau (Kohlen, Kali, Erze), die Betriebe der Eisen- und Stahlerzeugung, die Betriebe der Energiewirtschaft und das an Schienen oder Oberleitungen gebundene Verkehrswesen").

    Das Verfahren der Verfassungsänderung regelt Artikel 123:
    Artikel 123. Bestimmungen der Verfassung können im Wege der Gesetzgebung geändert werden, jedoch nur in der Form, daß eine Änderung des Verfassungstextes oder ein Zusatzartikel zur Verfassung beschlossen wird.

    Eine Verfassungsänderung kommt dadurch zustande, daß der Landtag sie mit mehr als der Hälfte der gesetzlichen Zahl seiner Mitglieder beschließt und das Volk mit der Mehrheit der Abstimmenden zustimmt.
    Da könnte - falls die FDP sich mit der Forderung einer Verfassungsänderung durchsetzt - eine spannende Diskussion in der Öffentlichkeit bevorstehen.



    Würde sie dafür aber überhaupt zusammen mit der CDU eine Mehrheit haben? Die demoskopischen Daten sehen gegenwärtig danach aus. Gestern ist eine neue Umfrage von Forsa für den "Stern" veröffentlicht worden, die Schwarzgelb (CDU 42 Prozent, FDP 13 Prozent) eine deutliche Mehrheit gegenüber der Volksfront (SPD 23 Prozent, Grüne 12 Prozent, Linke 6 Prozent) vorhersagt. 55 zu 41 Prozent - das klingt beruhigend.

    Aber von denen, die sich jetzt so entscheiden würden, sagen 46 Prozent, daß sie ihre Wahl vielleicht noch einmal überdenken werden.

    Die SPD ist in einer Lage, in der es für sie eigentlich nur besser werden kann - mit einem Spitzenkandidaten, der an Bekanntheit gewinnen wird; mit Stammwählern, die jetzt böse auf ihre Partei sind, die sie aber im letzten Augenblick vielleicht doch wählen werden.

    Und auf der anderen Seie ist Roland Koch immer gut dafür, irgend etwas "brutalstmöglich" zu formulieren und damit den Medien die Munition zu liefern, auf die sie nur warten.

    Auch zu dieser Wahl gibt es wieder einen Prognosemarkt, auf dem Aktien der Parteien wie an einer Börse gehandelt werden. (Früher hieß das einmal "Wahlstreet" und war meist sehr genau in der Prognose des Wahlergebnisses).

    Dort liegen derzeit die drei kleineren Parteien nah bei dem Umfrageergebnis von Forsa (FDP: 11,87; Grüne: 12,05; Linke: 6,67). Bei den beiden Großen gibt es aber deutliche Abweichungen von den Forsa- Werten: Im Kurswert liegt derzeit die CDU bei nur 38,00 Punkten, die SPD aber bei 27,03 Punkten.

    Das würde als Wahlergebnis nur 49,87 Prozent für Schwarzgelb bedeuten und 45,57 Prozent für die Volksfront - also fast schon ein Kopf- an- Kopf- Rennen.



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    6. November 2008

    Von Bush zu Obama (1): Warum hat Barack Obama gewonnen? Eine Wahlanalyse auf fünf Ebenen, Teil 1

    Die Wahlen sind exakt so ausgegangen, wie das aufgrund einer Analyse der Umfragedaten zu erwarten gewesen war.

    Diese sagten am 1. November für Obama 50 bis 53 Prozent vorher; für McCain 44 bis 47 Prozent. Das bedeutete für Obama bei den Wahlmännern eine komfortable Mehrheit von 350 Stimmen.

    Als eigene Prognose hatte ich mich am 1. November auf 51,5 Prozent für Obama und 46 Prozent für McCain festgelegt. In dieser Prognose war impliziert, daß 2,5 Prozent der Stimmen an andere Kandidaten gehen würden. Betrachtet man nur Obama und McCain, so entsprach meine Vorhersage einem Stimmenverhältnis von 53 : 47.

    Die Auszählung ist noch nicht ganz abgeschlossen. In dem Augenblick, in dem ich dies schreibe, lauten die fortlaufend aktualisierten Werte bei der New York Times: Obama 63.861.092 Stimmen; McCain 56.378.757 Stimmen. Das entspricht einem Stimmenverhältnis von 53 : 47.

    Bei den Wahlmännern sagt die gegenwärtige Auszählung 349 Stimmen für Obama vorher. Es werden wahrscheinlich 364 werden, denn in einem der beiden noch offenen Staaten, in North Carolina, liegt Obama vorn.

    Eine so genaue Prognose ist weder Zufall noch Hexerei. Bei den Präsidentschafts- Wahlen in Frankreich im Frühjahr 2007 war meine Vorhersage ähnlich genau.

    Nein, es ist natürlich nicht "meine" Vorhersage. Damals, bei den Wahlen in Frankreich habe ich mir allerdings die Arbeit gemacht, die Daten aller Institute zu verfolgen und selbst zu bewerten. Diesmal haben mir die diversen Polls of Polls diese Mühe erspart; und vor allem habe ich mich auf die ausgezeichneten Analysen von Nate Silver in FiveThirtyEight gestützt.



    In der jetzigen Serie "Von Bush zu Obama" wird es bis zur Amtseinführung im Januar Rückblicke auf die acht Amtsjahre Bushs geben; zweitens Analysen dazu, was von Präsident Obama zu erwarten ist.

    Als erstes befasse ich mich mit den Faktoren, die zu Obamas Sieg geführt haben. Das ist zugleich eine Zusammenfassung dessen, was in früheren Artikeln zu diesem Thema hier zu lesen war.

    Diese Faktoren lassen sich nicht so exakt analysieren wie das Wahlverhalten selbst. Aber man kann doch begründete Vermutungen anstellen; das, was man im Englischen Educated Guesses nennt. Die folgenden Analysen basieren auf dem, was ich an Informationen habe, ohne daß ich die Quellen im einzelnen belege.

    Faktoren, die das Wählerverhalten bestimmen, kann man auf unterschiedlichen Ebenen untersuchen; ungefähr so, wie man die Frage "Warum hat 'Das Leben der Anderen' den Oskar bekommen?" beantworten kann: "Weil es ein ausgezeichnet gemachter Film ist" oder "Weil das Thema des Films damals in den USA auf Interesse stieß". Das sind Erklärungen auf verschiedenen Ebenen; die eine schließt die andere nicht aus.

    An Obamas Wahlsieg haben, soweit ich sehe, Faktoren auf den folgenden Ebenen eine Rolle gespielt: Der persönlichen; der wahlkampftaktischen; der zeitgeschichtlichen; der wirtschaftlichen; der kulturellen.



    1. Die persönliche Ebene. Seit John F. Kennedy haben die USA keinen so charismatischen Politiker mehr erlebt wie Barack Obama. Als ich ihn im Januar die ersten beiden Male bei Auftritten gesehen hatte, war ich beeindruckt:
    Fast unwiderstehlich. Ich wüßte keinen deutschen oder französischen Politiker, der so lieb und zugleich so stark wirkt. Um noch eine Etage höher zu greifen als nur zu Kennedy: So ungefähr dürfte Alexander der Große auf seine Mazedonier, dürfte Totila auf seine Ostgoten gewirkt haben. Der geborene Anführer.
    Je weiter der Wahlkampf voranschritt, umso mehr habe ich allerdings das Demagogische, das Opportunistische an diesem Stil gesehen und es in einem dreiteiligen Artikel analysiert. Aber erfolgreich war dieses Auftreten; vor allem, weil Obama es anzupassen wußte.

    Als der charismatische Erlöser nämlich trat Obama vor allem im Vorwahlkampf gegen die überkontrolliert wirkende Hillary Clinton auf, von der er sich dadurch vorteilhaft abhob. Als er die Nominierung erlangt hatte und nun der sehr viel charmantere, sehr viel menschlicher wirkende John McCain sein Gegner war, wechselte Obama die Art seines Auftretens.

    Fortan war er nicht mehr der Prediger, der seine Zuhörer in kollektive Begeisterung versetzte, sondern der zurückhaltende Staatsmann, eine Wandlung, die sich ebenso abrupt wie perfekt vollzog.

    In den Debatten mit McCain führte das zu einem erstaunlichen Rollentausch: Der lebenserfahrene Siebziger McCain wirkte heißblütig und aggressiv wie ein Junger, der junge Aufsteiger Obama staatsmännisch- abgeklärt wie ein Elder Statesman. Das kam bei den Amerikanern besser an, zumal in den gefährlichen Zeiten, die sich abzeichneten.

    2. Die Ebene der Wahlkampftaktik. Wieweit die Wandlung Obamas vom Prediger zum Staatsmann von ihm selbst ausging und wieweit von den Strategen seines Teams, ist schwer zu entscheiden. Sie war jedenfalls ebenso wirkungsvoll wie fast alles, was in diesem Wahlkampf geschah. Es war einer der perfektesten Wahlkämpfe in der Geschichte der US-Präsidentenwahlen, "a campaign that was, even in the view of many rivals, almost flawless" - ein Wahlkampf, der selbst aus der Sicht vieler Konkurrenten nahezu fehlerfrei war. So stand es gestern in der New York Times.

    Dazu gehörte, daß das Team zwei Strategien höchst effizient miteinander verknüpfte: Eine klassische und eine moderne.

    Die klassische Strategie war der massive Einsatz von Wahlhelfern, die etwas betrieben, was wir in Deutschland in dieser Form nicht kennen: das Canvassing, das persönliche Bearbeiten der Wähler. Dazu gehört es, daß die Helfer im Bekanntenkreis werben, daß sie bei sich zu Hause Parties organisieren, um für ihren Kandidaten einzutreten. Es gehört aber auch das Ansprechen von Fremden dazu - es werden Klingeln geputzt, es werden Anrufe getätigt und SMS verschickt; am Wahltag wird mobilisiert, was das Zeug hält.

    Das alles wurde in den USA schon mit den damaligen Mitteln so gemacht, als Alexis de Tocqueville mit Staunen die "Demokratie in Amerika" beschrieb. Neu aber war, daß Obamas Team das mit einem Internet- Wahlkampf kombinierte, wie die Welt ihn noch nicht gesehen hatte.

    Über das Internet kommunizierten die zahllosen Teams von Helfern; über das Internet wurden Informationen und Gerüchte verbreitet. Vor allem aber diente das Internet als eine gigantische Maschine zum Geldsammeln. Hillary Clinton war ständig klamm gewesen; McCain kam eben mit seinen Mitteln zurecht; Obama aber schwamm buchstäblich in Geld.

    Diese beiden Momente - das klassische Canvassing und der Internet- Wahlkampf - funktionierten nicht nur für sich bestens, sondern sie erzeugten auch noch einen Synergie- Effekt: Dank des über das Internet gesammelten Geldes konnten die vielen Teams vor Ort finanziert werden, die ihrerseits auf ihren Blogs und Homepages den Wahlkampf im Web unterstützten.

    Inhaltlich war Obamas Wahlkampf nahezu inhaltsleer. Von vielen seiner ursprünglichen Positionen rückte er ab. Aber das schadete ihm kaum.

    Was blieb, das waren die drei zentralen Themen: Der Wandel (wohin auch immer), die Überbrückung aller Gegensätze (wie auch immer zu erreichen), und das "Yes we can", das so oder so ähnlich jedes Motivations- Seminar begleitet. Und vor allem war es die charismatische Person Barack Obama. The candidate is the message.

    Warum kam die zentrale Botschaft "Wandel" so gut an? Wegen der zeitgeschichtlichen Einbettung dieses Wahlkampfs. Dazu mehr im zweiten Teil.

    (Fortsetzung folgt)



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    1. November 2008

    Der 44. Präsident der USA (27): Barack Obama wird am Dienstag deutlich gewinnen. In einigen Swing States haben die Wähler bereits entschieden

    Dies ist mein vorletzter Beitrag in der Serie "Der 44. Präsident der USA". Die Wahl ist entschieden. Im letzten Beitrag werde ich mich mit der Auszählung der Stimmen und der Höhe des Siegs von Obama befassen.

    Barack Obama wird am Dienstag, sieht man sich die verschiedenen Zusammenfassungen der Daten aller wichtiger Umfragen (Polls of Polls) an, zwischen 50 und 53 Prozent der Stimmen bekommen, John McCain zwischen 44 und 47 Prozent. Das wird Obama bei den Elektoren eine komfortable Mehrheit geben - ungefähr 350 der 538 werden für ihn stimmen.

    Die Unsicherheit bei den Elektoren ist größer als beim Popular Vote, weil einige Staaten noch auf der Kippe stehen. Daß McCain das Blatt noch wenden kann, ist aber so gut wie ausgeschlossen

    Warum kann man sich trauen, das jetzt schon zu sagen? Erstens, weil es die Werte sind, auf die die Umfragen konvergieren. Zweitens, weil drei, vier Tage vor einer Wahl ein so großer Vorsprung wie derjenige Obamas nur dann noch kippen kann, wenn Außergewöhnliches passiert.

    Und drittens und hauptsächlich, weil viele Wähler längst ihre Stimme abgeben haben und bekannt ist, wen sie gewählt haben.

    Wie vieles, was man in Europa am liebsten vereinheitlichen möchte, ist in den USA auch das Wahlrecht von Staat zu Staat verschieden.

    Die meisten - 34 der 50 - Staaten erlauben Early Voting, das "frühe Wählen". In einigen kann es als Briefwahl stattfinden; verbreiteter aber ist, daß ein Teil der Wahllokale bereits vor dem eigentlichen Wahltermin geöffnet sind. Wer "früh wählen" will, braucht dafür in einigen Staaten eine Entschuldigung; in anderen ist es ein Recht, von dem jeder Wähler Gebrauch machen kann.

    Dieses Early Voting ist in den USA viel weiter verbreitet als bei uns die Briefwahl (die ja eigentlich nur bei Krankheit oder Abwesenheit aus wichtigem Grund erlaubt ist). Es ist so weit verbreitet, daß die frühen Wähler teilweise einen erheblichen Teil der Wählerschaft ausmachen. So viele, daß sie von den Demoskopen gesondert berücksichtigt werden können.



    Warum sind eigentlich die sogenannten "ersten Projektionen" am Wahlabend regelmäßig viel genauer als die letzten Umfragen? Weil sie auf Nachfragen basieren, den sogenannten Exit Polls. Die Institute stellen Interviewer vor ausgewählte Wahllokale und bitten die herauskommenden Wähler, zu sagen, wie sie abgestimmt haben. Am besten macht man das so, daß sie verdeckt ihre Entscheidung in ein Gerät eintippen können oder einen "Wahlzettel" in eine "Urne" werfen.

    Das hat gegenüber den Umfragen vor den Wahlen zwei Vorteile.

    Erstens kann man sehr viel größere Stichproben wählen, weil die Erhebung weniger aufwendig ist als bei den heute üblichen Telefon- Umfragen. Die zu Befragenden laufen ja den Interviewern sozusagen in die Arme.

    Zweitens fragt man nicht nach einer Absicht, sondern nach einem Verhalten. Meinungsänderungen in letzter Minute oder irgendwelche sonstige Diskrepanzen zwischen geäußerter Absicht und tatsächlichem Verhalten (wie der angebliche "Bradley -Effekt) sind also als Fehlerquelle eliminiert.

    In Staaten mit Early Voting kann man nun die frühen Wähler bereits vor dem eigentlichen Wahltermin entweder nach dieser Methode befragen oder aber - was häufiger gemacht wird, weil es billiger ist - bei Telefonumfragen die Frage stellen, ob der Betreffende schon gewählt hat und dann nicht nach seiner Absicht, sondern nach seinem tatsächlichen Verhalten fragen.

    Die Auswertungen solcher Umfragen liegen jetzt vor. Ein Beispiel ist der Bundesstaat Colorada.

    Er ist einer der Swing States, der Staaten mit unsicherem Wahlausgang. 2000 und 2004 gewann George W. Bush bei seinen knappen Siegen Colorado. Diesmal aber hat Barack Obama dort gute Chancen.

    Nein, er hat dort nicht gute Chancen, sondern er hat Colorado gewonnen. In einer Umfrage von PublicPolicyPolling, die gestern publiziert wurde, liegt Obama in Colorado nicht nur mit 54 zu 44 Prozent vorn. Wichtiger ist, daß nicht weniger als 65 Prozent der 2023 Befragten bereits gewählt hatten. Das sind 1315 Personen; mehr, als in vielen anderen Umfragen die gesamte Stichprobe umfaßt. Von ihnen gaben 58 Prozent an, sie hätten Obama gewählt; 41 Prozent nannten McCain.

    Wenn McCain in Colorado noch gewinnen, also mindestens 51 Prozent holen will, dann müßten, wie eine einfache Rechnung zeigt, 69 Prozent derer, die noch nicht zur Wahl gegangen sind, aber wählen wollen, für ihn stimmen. Das ist ausgeschlossen.

    Obama ist also schon jetzt der Wahlsieger in Colorado. Ähnlich sieht es in New Mexico aus, wo Obama bei den Early Voters mit 64 zu 36 Prozent vor McCain liegt. Wie Colorado war auch New Mexico ein Staat, den George W. Bush gewonnen hatte. Auch in den anderen kritischen Staaten - beispielsweise Florida, Ohio und Virginia - liegt Obama deutlich in Führung.



    Gibt es überhaupt noch irgend etwas, was den Wahlsieg Obamas gefährden könnte?

    Könnten sich die Demoskopen nicht irren? Nein. Wenn man hinreichend viele Daten hat und wenn man methodisch sauber arbeitet, dann ist die Demoskopie ebenso zuverlässig wie jeder andere Schluß von Stichproben auf die Grundgesamtheit.

    Jede Umfrage ist fehlerbehaftet, das ist wahr. Das liegt im Wesen eines solchen Schlusses. Aber Dutzende von Stichproben in der Größenordnung von jeweils 1000 bis 2000 Befragten zeigen einhellig einen Vorsprung Obamas; in der Zusammenstellung von PollingReport zum Beispiel alle seit dem 21. bis 25. September. Das sind 57 Umfragen zahlreicher, unabhängig voneinander arbeitender Institute, teils neutral, teils mehr den Republikanern oder mehr den Demokraten zuneigend. Die Wahrscheinlichkeit, daß 57 mal die Werte in den Stichproben massiv und in dieselbe Richtung vom wahren Wert abwichen, ist verschwindend gering.

    Könnte es nicht noch im letzten Moment einen gewaltigen Umschwung geben? Am Ende doch einen Bradley-Effekt, aufgrund dessen sich Wähler, die sich bisher zu Obama bekannt haben, in der Einsamkeit der Wahlkabine für McCain entscheiden? Oder ein massenschaftes Umschwenken zu McCain aufgrund irgendeines Faktors oder einer Kombination von Faktoren?

    Ganz auszuschließen ist ein Umschwung in letzter Minute nicht. Aber diesmal gibt es keine Anzeichen dafür. Die Daten der Early Voters zeigen eine sogar noch stärkere Bevorzugung Obamas als die der vorausgehenden Umfragen.

    Gibt es also am 4. November noch ein Moment der Spannung? Ja. Ob Frau Ypsilanti gewählt wird.



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    8. Oktober 2008

    Der 44. Präsident der USA (24): Obama/Palin werden gewinnen (Teil 2)

    Im Augenblick spricht - das war der Inhalt des ersten Teils - alles für einen Sieg Barack Obamas über John McCain.

    Alle Institute sehen Obama seit etlichen Tagen deutlich vorn. Sie unterscheiden sich nur in der Höhe des Vorsprungs; Daily Kos, das allerdings als Freund der Demokraten gilt, hat ihn gestern mit nicht weniger als 11 Prozentpunkten (52 zu 41) gemessen.

    Im gestrigen Poll of Polls von Pollster.com, dem gemittelten Ergebnis aller großen Institute, lag Obama mit 49,8 Prozent mehr als sechs Punkte vor McCain (43,6 Prozent). Auf dieser Verlaufsgrafik können Sie sehen, wie stark sich die Schere in den vergangenen Tagen geöffnet hat.

    Das Rennen scheint gelaufen. Zwar ist es bei früheren Wahlen immer einmal wieder vorgekommen, daß wenige Wochen vor der Wahl des Präsidenten die Stimmung kippte. Aber dieses Ereignis haben wir im Grunde schon hinter uns: Mit dem Offenbarwerden der Finanzkrise kippte die Stimmung zugunsten von Obama.

    Eine erneute so ausgeprägte Wende wäre nach allen bisherigen Erfahrungen nur dann zu erwarten, wenn es zu einem ganz ungewöhnlichen Ereignis käme, das McCain favorisiert.

    Denn zunehmend profitiert Obama jetzt auch von einem Bandwagon Effect wie am Ende seines Vorwahlkampfs gegen Hillary Clinton: Je mehr er wie der Sieger aussieht, umso mehr schwenken Unentschlossene auf seine Seite.

    Sein Sieg ist jetzt ein Selbstläufer: Sozusagen nach dem ersten Newton'schen Gesetz wird er, wenn keine starke Kraft mehr auf das Geschehen einwirkt, seinen Zustand der Bewegung bis zum 4. November beibehalten. Den der Bewegung hinein ins Oval Office, in dem der Schreibtisch des Präsidenten steht.



    Mit ihm wird dann sein Running Mate Joe Biden ins Weiße Haus gelangen. Was also soll das "Obama/Palin" im Titel dieses Artikels?

    Ich halte es für wahrscheinlich, daß Sarah Palin zwar nicht als Siegerin an der Seite von McCain ins Weiße Haus einzieht, daß sie aber neben Obama die große Gewinnerin dieser Wahlen sein wird.

    Sie erschien Ende August auf der Bühne des Wahlkampfs so überraschend, so strahlend, wie in manchen Aufführungen der "Zauberflöte" die "Königin der Nacht" erscheint. Und ein wenig war sie auch die Eliza aus "My Fair Lady" - aus ihrem hinterwäldlerischen Alaska hineinbefördert in die Glitzerwelt Washingtons; hineingebeamt ins Gewitter der Blitzlichter. Der Erbarmungslosigkeit von Medien ausgesetzt, die ihren Ehrgeiz darein setzten, jeden noch so kleinen Versprecher von ihr, jeden Gaffe aufzuspüren und auszuschlachten.

    Sie meinen, ich fände da allzu lyrische Töne? Ich würde die banale Wahl einer Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten zum kulturellen Ereignis verklären?

    Ja, so klingt das ein wenig. Es soll so klingen, weil das, so scheint es mir, die Sache charakterisiert: Sarah Palin hat mit Barack Obama gemeinsam, daß sie Bilder aktiviert, die wir im Kopf haben. Und sie kann das - wie Obama - nicht nur deswegen, weil solche Bilder (vielleicht gar Archetypen) auf sie passen; sondern weil sie auch eine persönliche Ausstrahlung hat, die faszinieren kann.

    Sie hat diese Ausstrahlung, diese Präsenz bei ihren Auftritten, diese Selbstbewußtheit, die auch Obamas Erfolgsrezept sind.

    Das hat sie auf dem Parteitag gezeigt, und das war vergangenen Donnerstag wieder da, als sie mit Biden debattierte.



    Wer hat diese Debatte "gewonnen"? Seltsame Frage, recht betrachtet. Aber sie ist so selbstverständlich geworden, daß nicht nur alle Demoskopen sie stellen, sondern daß sogar ein Kommentator den "Kampf" in Runden einteilte und jede wertete, wie beim Boxen. Nicht weniger als achtzehn Runden teilte er ab, und am Ende stand es für ihn 9 : 9.

    Vielleicht nicht so falsch. Sofort nach der Debatte machten sich natürlich die Demoskopen ans Werk; mit ziemlich ähnlichen Ergebnissen:

    Fragte man allgemein, wer "besser" war, dann erwies sich Biden als der Sieger. Bei CNN beispielsweise sahen ihn 51 Prozent vorn, gegen 36 Prozent für Sarah Palin. Ähnlich war das Zahlenverhältnis bei CBS; nur daß es dort mehr Antworten "gleich gut" gab (33 Prozent). Von denen, die sich festlegten, favorisierten 46 Prozent Biden und 21 Prozent Palin.

    Das Bild sieht anders aus, wenn man die Wahrnehmung der beiden Debattierenden in Relation zu den Erwartungen setzt. In der CNN- Umfrage sagten nicht weniger als 84 Prozent, daß Palin besser gewesen sei als erwartet. Von Biden sagten das 64 Prozent.

    CBS verglich "vorher- nachher"- Urteile über die beiden Kontrahenten. Vor der Debatte meinten von noch nicht festgelegten Zuschauern 43 Prozent, daß Palin über die wichtigen Themen Bescheid wisse; danach waren es 66 Prozent. Daß sie die Voraussetzung für eine Vizepräsidentin habe, meinten vorher 39 und nach der Debatte 55 Prozent.

    In beiden Bereichen lagen die Werte für Biden vor und nach der Debatte weitaus höher, änderten sich aber kaum durch die Debatte. Mit anderen Worten: Für ihn hatte dieser Disput sich weniger gelohnt als für Sarah Palin.

    Man kann das so zusammenfassen: Die Debatte am vergangenen Donnerstag hat zwar Joe Biden gewonnen, aber mehr genutzt hat sie Sarah Palin.



    Mehr genutzt wozu? Sehr wahrscheinlich, wie erläutert, nicht, um das Amt der Vizepräsidentin zu erlangen. Jedenfalls nicht jetzt.

    Aber mit Palin ist ein Stern am Himmel von Washington, D.C., aufgegangen.

    Viele, die einmal Präsident oder Vizepräsident werden wollten, verschwinden, wenn es damit nichts geworden ist, in der Versenkung - wer kennt zum Beispiel noch Jack French Kemp, der 1996 der Kandidat der Republikaner für die Vizepräsidentschaft war?

    Das wird Palin nicht passieren. Sie ist schon jetzt eine nationale Figur. Was man ihr jetzt noch negativ attribuiert - mangelnde Erfahrung auf der nationalen Ebene -, das wird sie leicht ausräumen können, wenn sie sich entschließt, für den Senat zu kandidieren.

    Im American Thinker schrieb Kyle-Anne Shiver am Tag nach der Debatte:
    When I saw Sarah Palin make her national debut at the RNC convention, and again in her first major debate last night, I found her to be quite the American version of Margaret Thatcher. Thatcher, too, faced scathing derision from her country's press and from her opposition, much of it focused on the issues of small town vs. big city and commoner vs. elite. (...)

    Despite her harping critics, Maggie Thatcher proved to be a most able leader upon the world stage, even at a time of rather perilous threats on many fronts. When besieged by naysayers, she once remarked, "If my critics saw me walking over the Thames they would say it was because I couldn't swim." And after watching Sarah Palin last night, I would say that she agrees with Maggie.

    Als ich Sarah Palin sah, wie sie auf dem Parteitag der Republikanischen Partei ihr nationales Debüt hatte, und dann wieder in ihrer ersten Debatte gestern Abend, fand ich, daß sie so so ziemlich die amerikanische Margaret Thatcher ist. Auch Frau Thatcher sah sich beißendem Hohn von der Presse ihres Landes und seitens der Opposition ausgesetzt, und viel davon konzentrierte sich auf die Themen Kleinstadt gegen Großstadt und einfache Leute gegen Elite. (...)

    Als sie wieder einmal von Neinsagern bedrängt wurde, sagte sie: "Wenn meine Kritiker mich auf der Themse wandeln sehen würden, dann würden sie sagen, daß ich das nur mache, weil ich nicht schwimmen kann". Nachdem ich gestern Sarah Palin sah, würde ich sagen, daß es bei ihr ist wie bei Maggie.
    Mir gefällt dieser Vergleich mit Maggie Thatcher, auch wenn Sarah Palin erst noch zeigen muß, daß sie ihn verdient. Den Jesus- Witz jedenfalls hätte sie auch machen können, und sie hätte dabei unschuldig- aggressiv gelächelt.



    Nachtrag: Einen Kommentar zur Debatte Obama/McCain in der vergangenen Nacht finden Sie hier.



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    4. September 2008

    Marginalie: Der unaufhaltsame Abstieg der Partei des Demokratischen Sozialismus

    Haben Sie ein Lineal zur Hand? Dann legen Sie es doch bitte einmal an die rote Kurve in dieser Grafik an, die von der WebSite "Sonntagsfrage Aktuell" angeboten wird. Die Grafik faßt die Ergebnisse aller Umfragen seit den letzten Bundestagswahlen 2005 zusammen. Die Kurve zeigt, wie Sie sich denken können, die Werte für die SPD.

    Es ist eine Kurve mit einem bemerkenswert ausgeprägten linearen Trend. Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, jemals Daten dieser Art gesehen zu haben - über fast drei Jahre hinweg verliert eine Partei Wähler in immer demselben Tempo. Gewiß, es gibt Plateaus. Aber nach einem Plateau geht es nur umso schneller wieder abwärts.

    Die Kurve setzt bei 34,3 Prozent ein (dem Ergebnis der Bundestagswahlen am 18. September 2005 für die SPD) und endet bei gegenwärtig 22,3 Prozent. Das ist der Wert, den der Newsletter von Sonntagsfrage Aktuell seinen Abonnenten gestern mitteilte, wie immer gemittelt aus den Umfragen der vergangenen Kalenderwoche.

    Also ein Verlust von exakt 12 Prozentpunkten über einen Zeitraum von fast exakt 36 Monaten. Mit anderen Worten, die SPD hat alle drei Monate einen Prozentpunkt verloren, Monat für Monat, über drei Jahre.



    Zugleich steigen die Umfragewerte der Partei, die gegenwärtig "Die Linke" heißt, kontinuierlich an. Der Anstieg begann später als der Abstieg der SPD; erst im Mai 2007. Aber er verläuft seither ebenfalls annähernd linear; um ungefähr einen Prozentpunkt in jeweils vier Monaten.

    Wenn man linear extrapoliert, dann würden Sozialdemokraten und Kommunisten in einem Jahr bis eineinviertel Jahren gleichauf liegen. Also ungefähr zum Zeitpunkt der Bundestagswahlen, wenn die Legislaturperiode nicht vorzeitig endet.

    Das wird vermutlich nicht eintreten; starke lineare Trends sind bei solchen Daten, wie gesagt, eher selten. Aber daß es mit der SPD weiter abwärts und mit "Die Linke" weiter aufwärts geht, ist gut möglich. Im Saarland liegen sie nach einer aktuellen Umfrage bereits gleichauf; mit einem kleinen Vorsprung sogar für die Kommunisten.

    Wer das im Jahr 1990, nach der Wiedervereinigung, vorhergesagt hätte, den hätte man für einen Phantasten oder einen unverbesserlichen Kommunisten gehalten; vermutlich für beides.



    Wenn man sich die Kurven aller Parteien ansieht, dann wird deutlich, daß der Abstieg der SPD aus zwei Phasen besteht: Anfangs verlor sie an die CDU/CSU, die zeitweise ihrerseits an die FDP verlor; die Werte der Kommunisten änderten sich kaum. Inzwischen verliert sie überwiegend an die Kommunisten.

    Diese Kurven zeigen damit das ganze Dilemma der SPD.

    Als Quittung dafür, daß der Kanzler Schröder ihr die Agenda 2010 aufgezwungen hatte wie der Fronherr seinen Fronsleuten die Fronarbeit, hatte die SPD bereits vor den Bundestagswahlen 2005 kräftig Wähler links verloren. Das war der Sockel von etwas unter zehn Prozent, mit dem die Kommunisten in die Legislaturperiode starteten.

    Die SPD verharrte zunächst in Schreckstarre, versuchte den Kurs der Agenda 2010 durchzuhalten und erschien - nachgerade führerlos, wie sie seit dem Ende der Ära Schröder war - immer mehr als die Kopie der CDU. Damit verlor sie Wähler an diese. Man wählt immer lieber das Original als die Kopie.

    Daraus zogen die Strategen der SPD die Konsequenz, die Partei müsse sich wieder links profilieren. Das passierte im Lauf des Jahres 2007 und kulminierte im Hamburger Parteitag im Oktober jenes Jahres. Damals wurde das "Hamburger Programm" verabschiedet, das die SPD erneut zur Partei des Demokratischen Sozialismus erklärte; und zwar, wie Kurt Beck dazu anmerkte, "ganz bewusst" und "nicht nur als geschichtliche Reminiszenz".



    Eine Reminiszenz freilich war das an jene andere Partei, die den Namen "Partei des Demokratischen Sozialismus" ja gerade erst abgelegt und damit ihn sozusagen zur gefälligen Bedienung zur Verfügung gestellt hatte.

    Wie die SPD glauben konnte, durch eine Bewegung nach links den Kommunisten die an diese verlorenen Wähler wieder abzujagen zu können, wird wohl ewig das Geheimnis der SPD- Führung bleiben.

    Wenn eine Partei der Mitte sich radikalisiert, dann nützt das regelmäßig der radikalen Partei, auf die sie sich zubewegt; und es schadet komplementär ihr selbst. Denn sie verliert dann auf der einen Seite moderate Wähler und auf der anderen diejenigen, die sie mit diesem Manöver bei der Stange halten oder wiedergewinnen will; die aber doch auch lieber das Original wählen als die Kopie.

    In dem Maß, in dem die gemäßigte Partei sich der radikalen Partei nähert, in dem Maß, in dem sie deren Inhalte und Forderungen übernimmt, macht sie diese hoffähig. Sie selbst wird durch ein solches Manöver nicht stärker, sondern noch schwächer. Sie erscheint als der Abklatsch der Radikalen; sie büßt ihr Image und ihr Ansehen ein.

    Auf diesen Weg, und damit auf den Weg unter zwanzig Prozent, hat sich die SPD jetzt offenbar gemacht.

    Die SPD-Linke hat vor wenigen Tagen dem Parteivorstand eine Petition vorgelegt, in der sie "in scharfem Ton mit zehn Jahren SPD-Regierungspolitik und der 'Agenda 2010'" abrechnet. Das freilich haben die Kommunisten von Anfang an getan. Wenn ein Teil der SPD ihnen jetzt Recht gibt, dann stärkt das logischerweise nicht die gescholtene SPD, sondern die Kommunisten.

    Vielleicht wollen ja manche SPD-Linken just das. Je mehr die Kommunisten Blut aus der SPD saugen ("Fleisch vom Fleisch der SPD" wurden einst auch die Grünen genannt), umso mehr werden sie sozusagen zu deren Blutsbrüdern. Und am Ende wächst dann zusammen, was zusammengehört: Die Vereinigte Arbeiterpartei, die neue Sozialistische Einheitspartei. Ein neues Gotha steht dann ins Haus.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    28. Mai 2008

    Marginalie: Plurium Interrogationum. Ein aktuelles Beispiel für schlechte Demoskopie

    Zu den klassischen Mitteln der unfairen Rhetorik gehört das Plurium Interrogationum. Dabei werden Voraussetzungen und Implikationen in die Frage eingebaut, die der Befragte akzeptieren muß, um überhaupt antworten zu können.

    Das klassische Beispiel ist die Frage: "Hast du aufgehört, deinen Vater zu schlagen - ja oder nein?" Der Befragte, der seinen Vater nie geschlagen hat, kann mit ja oder nein beantworten - er bekennt sich immer des Schlagens schuldig. Denn die Frage macht eine Voraussetzung - daß er überhaupt seinen Vater geschlagen hat -, die er als richtig akzeptiert, sobald er mit einer der vorgegebenen Alternativen antwortet.

    Ein Beispiel für ein Plurium Interrogationum findet man im aktuellen "Spiegel" (22/2008; S. 37) unter der Überschrift "Umfrage". Da werden neben der obligatorischen Sonntagsfrage und dem üblichen Ranking der Politiker auch noch die Antworten auf einige aktuelle politische Fragen vorgestellt.

    Eine dieser Fragen des Instituts TNS Forschung (Emnid) lautet: "Welche Maßnahme wäre Ihrer Meinung nach am effektivsten, um der wachsenden Ungleichheit in der Gesellschaft entgegenzuwirken?"

    Diese Frage setzt erstens voraus, daß es überhaupt eine "wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft" gibt. Hat man diese Voraussetzung akzeptiert, dann muß man, um die Frage beantworten zu können, zusätzlich die zweite Voraussetzung akzeptieren, daß es wünschenswert ist, dieser angeblichen wachsenden Ungleichheit entgegenzuwirken.

    Akzeptiert man die erste Voraussetzung nicht, dann stellt sich die Frage gar nicht erst, ob man die zweite akzeptiert. Man kann dann die Frage nicht beantworten. Akzeptiert man die erste, aber nicht die zweite Voraussetzung, dann kann man die Frage ebenfalls nicht beantworten.

    Allenfalls durch die Gegenfrage "Warum sollte man?" könnte man sie dann beantworten; aber die war für die Interviews nicht vorgegeben.

    Sondern vorgegeben waren die Alternativen: "Bessere Bildungschancen für Kinder aus sozial schwachen Familien" - "Niedrigere Steuern für Geringverdiener" - "Konsequentere Bekämpfung der Arbeitslosigkeit" - "Flächendeckende Einführung von Mindestlöhnen" - "Höhere Steuern für Reiche".

    Voreingenommener konnten die Demoskopen von TNS Forschung schwerlich fragen.

    Sie entnehmen die erste Voraussetzung (daß die soziale Ungleichheit wachse) bestimmten Darstellungen aus überwiegend linken Quellen. Sie entnehmen die zweite Voraussetzung (daß dieser angebliche Ungleichheit entgegengewirkt werden müsse) linker Programmatik, die eine egalitäre Gesellschaft anstrebt.

    Und sie geben den Befragten dazu auch noch Alternativen vor, von denen drei (Steuersenkungen für Geringverdiener, höhere Steuern für Reiche, Mindestlöhne) geradezu aus der Programmatik von "Linke" und SPD abgeschrieben sind. Allenfalls die beiden verbleibenden (bessere Bildungschancen, Bekämpfung der Arbeitslosigkeit) sind halbwegs parteipolitisch neutral.



    Ich habe denjenigen, die die Demoskopie in toto für Humbug oder für ein Mittel zur Manipulation von Daten halten, immer entgegengehalten, daß Aussagen aufgrund von Umfragen, wenn sie auf einer hinreichend großen Datenbasis beruhen und wenn die Methoden der Inferenzstatistik richtig angewandt werden, so zuverlässig sind wie alle sozialwissenschaftlichen Aussagen, wenn die Daten methodisch richtig erhoben und analysiert werden.

    Aber es gibt bei Umfragen eine entscheidende Schwachstelle: Die Formulierung der Fragen und der Antwortalternativen.

    Dies so zu tun, daß man die vorhandenen Einstellungen und Meinungen objektiv mißt und nicht das, was man bekommen möchte, durch die Fragestellung bereits vorwegnimmt oder suggestiv beeinflußt - das ist die Kunst des guten Demoskopen. Es ist das, was über die einfache Anwendung standardisierter wissenschaftlicher Methoden hinausgeht.

    Es ist die Kunst des guten Demoskopen; es ist freilich auch eine Versuchung für den schlechten Demoskopen.

    Die Demoskopen von TNS Forschung sind mit dieser Frage dieser Versuchung ziemlich jämmerlich erlegen. Schlechte Arbeit.



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    12. Mai 2008

    Zwei Meldungen zur Präsidentschaftswahl in den USA. Erkennen Sie Original und Fälschung? Und etwas über Muscheln auf Sylt

    Hier sind zwei ähnlich klingende Meldungen zu den Kandidaten McCain, Clinton und Obama. Allerdings besagt die eine das Gegenteil der anderen. Eine ist echt. Eine habe ich gefälscht:

    Meldung A:
    McCain würde gegen Obama und Clinton gewinnen

    Laut einer Umfrage der 'Los Angeles Times' vom Wochenende würde sich der bereits feststehende Kandidat der Republikaner, John McCain, sowohl gegen Obama als auch Clinton durchsetzen. Das Duell mit Clinton würde der Senator aus Arizona mit 49 zu 46 Prozent gewinnen. Gegen Obama würde er 48 Prozent erzielen, einen Punkt mehr als der Senator aus Illinois. Die Fehlerquote der Erhebung lag bei drei Prozentpunkten.
    Meldung B:
    McCain würde gegen Obama und Clinton verlieren

    Laut einer Umfrage der 'Los Angeles Times' vom Wochenende würden sowohl Obama als auch Clinton sich gegen den bereits feststehenden Kandidaten der Republikaner, John McCain, durchsetzen. Das Duell mit Clinton würde der Senator aus Arizona mit 38 zu 47 Prozent verlieren. Gegen Obama würde er 40 Prozent erzielen, sechs Punkte weniger als der Senator aus Illinois. Die Fehlerquote der Erhebung lag bei drei Prozentpunkten.
    Meldung B ist die echte. Sie stand gestern um 17:49 Uhr in "Welt Online". Überschrift: "McCain würde gegen Obama und Clinton verlieren". Grundlage des Berichts von "Welt Online" ist ein Artikel in der Los Angeles Times vom vergangenen Samstag, in dem über eine Umfrage im Auftrag der Los Angeles Times berichtet wurde. Erhebungszeitraum war der 1. bis 8. Mai.

    Meldung A habe ich gefälscht.

    Was soll das Spielchen? werden Sie fragen. Nun, das Spielchen soll illustrieren, wie problematisch derartige Meldungen sind.

    Gefälscht ist nämlich nur, daß es die Los Angeles Times war, die die Daten in Version A publizierte. Tatsächlich habe ich sie dem Wikipedia- Artikel "Nationwide opinion polling for the United States presidential election, 2008" entnommen, der, ständig aktualisiert, die Ergebnisse der Umfragen zu den Wahlen am 4. November bringt. Die Daten, die ich in die Meldung eingesetzt habe, wurden von Gallup im Aufrag von USA Today erhoben; Erhebungszeitraum 1. bis 4. Mai.



    Wie kommt es, daß zwei gleichermaßen renommierte Institute im gleichen Zeitraum zu so unterschiedlichen Werten kommen? Bedeutet das nicht, daß man der Demoskopie nicht trauen kann?

    Doch, man kann ihr trauen. Man muß aber verstehen, auf welcher Grundlage sie funktioniert.

    Im Vorspann zu der ausführlichen Auflistung der aktuellen Daten von Gallup schreibt USA Today etwas zur sogenannten Fehlermarge, in Deutschland seltsamerweise und sehr mißverständlich oft "Fehlerquote" genannt. Mißverständlich deshalb, weil es sich keineswegs um eine Quote, also einen Anteil handelt, sondern eben um eine Marge. Ein Intervall also, einen Bereich, eine Abstand:
    For results based on the total sample of national adults, one can say with 95% confidence that the margin of sampling error is ±3 percentage points.

    Für die Resultate, deren Grundlage die Gesamtstichprobe von Erwachsenen aus den gesamten USA ist, läßt sich mit einer Zuverlässigkeit von 95 Prozent aussagen, daß die Marge des Stichprobenfehlers plus minus drei Prozentpunkte beträgt.
    So ist es. Nur fürchte ich, daß viele ohne Ausbildung in Statistik, die etwas von einer "Fehlerquote von drei Prozent" lesen, das nicht richtig verstehen. Lassen Sie es mich an einem Beispiel erläutern:

    Nehmen wir an, am Strand von Sylt liegen 50 Prozent schwarze und 50 Prozent weiße Muscheln. Ich gehe an diesem Strand entlang, hebe völlig zufällig Muscheln auf und lege sie in meinen Korb. Wenn ich das oft genug getan habe, ist es wahrscheinlich, daß von den Muscheln im Korb ungefähr die Hälfte schwarz und die Hälfte weiß sind.

    Aber das ist nur wahrscheinlich; es ist keineswegs sicher. Möglich ist es auch, daß ich zufällig nur schwarze oder fast nur schwarze Muscheln gegriffen habe. Jede Proportion von schwarzen und weißen Muscheln in meinem Korb ist möglich.

    Warum sind nicht alle Proportionen von schwarz zu weiß gleich wahrscheinlich?

    Daß alle Muscheln, die ich aufgehoben habe, schwarz sind, ist sehr unwahrscheinlich, weil es nur eine einzige Sequenz gibt (ich muß jedesmal eine schwarze Muschel aufgehoben haben, also SSSSS usw.), die zu diesem Ergebnis führt.

    Daß die Hälfte schwarz und die Hälfte weiß sind, ist viel wahrscheinlicher, denn es gibt viele Sequenzen, die zu diesem Ergebnis führen (schon bei vier Muscheln, die ich aufhebe, zum Beispiel SSWW, SWSW, WWSS, WSWS, WSSW, SWWS).

    Allgemein: Je mehr Sequenzen es gibt, die zum selben Ergebnis führen, umso wahrscheinlicher ist dieses Ergebnis. Aber möglich ist auch jedes andere.

    Auf die Demoskopie übertragen bedeutet das: Wer US-Bürger nach ihrer Präferenz für Obama oder McCain fragt, der kann, wenn er Pech hat, in seiner Stichprobe 70 Prozent Zustimmung für Obama bekommen, obwohl in Wahrheit 60 Prozent McCain wählen wollen. Das ist möglich, es ist nur sehr unwahrscheinlich. Aber gegen einen solchen Fall gibt es für den Demoskopen keinen absoluten Schutz.

    Es gibt nur so etwas wie einen relativen Schutz. Der Demoskop kann ausrechnen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, daß ihm ein solches Malheur passiert. Und er kann dann Vorsorge dafür treffen, daß diese Wahrscheinlichkeit nicht größer ist, als er sie zu tolerieren bereit ist.

    Dazu muß der Demoskop erstens definieren, was er als ein Malheur betrachtet. Und er muß zweitens festlegen, welches Risiko er einzugehen bereit ist, daß ihm ein solches Malheur widerfährt.

    Für beides gibt es eine Konvention, auf die sich die Demoskopen geeinigt haben: Ein Malheur ist es, wenn der gemessene Wert um mehr als drei Prozentpunkte von dem wahren Wert abweicht. Und das Risiko eines solchen Malheurs sind sie einzugehen bereit, wenn die Wahrscheinlichkeit, daß es auftritt, bei nicht mehr als fünf Prozent liegt.

    Aus beiden Festlegungen zusammen ergibt sich daß man mindestens rund tausend Menschen befragen muß. Das kann man ausrechnen.



    Abweichungen zwischen den Ergebnissen der einzelnen Institute sind also etwas völlig Normales; auch größere Abweichungen. Erstens, weil auch ohne das Malheur damit gerechnet werden muß, daß die eine Umfrage um drei Prozentpunkte nach unten, die andere nach oben vom wahren Wert abweicht. Macht einen Unterschied von sechs Prozentpunkten zwischen den Daten der beiden Institute, ganz ohne ein Malheur. Und dann kann noch das Malheur passieren, in prinzipiell beliebiger Höhe.

    Kann man dennoch zu relativ sicheren Vorhersagen kommen? Ja, und zwar durch das Zusammenfassen (Aggregieren) von Daten.

    Das kann man entweder so machen, daß man die Daten mehrerer Institute zusammenfaßt (Poll of Polls). Oder ein einzelnes Institut kann seine Umfrage immer wieder - im Extremfall täglich - wiederholen und die Daten aus diesen einzelnen Durchgängen zusammenfassen.

    Das Letztere tut Gallup zu den Präsidentschaftswahlen. Die Umfrage wird täglich durchgeführt, und die Ergebnisse von jeweils fünf aufeinanderfolgenden Tagen werden in einem gleitenden Mittelwert zusammengefaßt. "Gleitend" (Englisch Running Average) deswegen, weil jeden Tag der neue Wert hinzukommt und dafür der älteste herausfällt; es gleitet also gewissermaßen ein Fenster über die Daten hinweg.

    Und was sagt nun dieser gleitende Mittelwert über McCain und Obama? Hier sind die Daten der letzten zehn Tage (1. bis 10. Mai) für die Frage, wen der beiden man gegenwärtig wählen würde:

    Obama: 42, 42, 42, 43, 45, 46, 46, 46, 46, 47

    McCain: 48, 48, 47, 47, 46, 45, 45, 45, 45, 44

    Es gibt einen Trend zugunsten von Obama. Am 1. Mai lag McCain noch mit 48 zu 42 vorn; am 10. Mai hatte Obama einen Vorsprung von drei Prozentpunkten.

    Die Fehlermarge beträgt bei diesen gleitenden Mittelwerten nur zwei statt der üblichen drei Prozent. Es wäre also kein Malheur für die Demoskopen von Gallup, wenn am 1. Mai der wahre Wert für Obama 44 und für McCain 46 Prozent betragen hätte, und am 10. Mai für Obama 45 Prozent und 46 Prozent für McCain.

    Wahrscheinlicher ist es aber, daß gegenwärtig Obama einen kleinen Vorsprung hat. Vor zwei Wochen war es noch anders. In zwei Wochen kann es wieder anders sein.

    Daraus irgend etwas über die Wahlaussichten abzuleiten wäre so, als würde man aus dem schönen Wetter am heutigen 12. Mai schließen, daß auch am 4. November die Sonne scheinen wird.



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    21. Februar 2008

    Marginalie: Kommunisten - find ich gut! Meinen wieviele Deutsche?

    Antwort: Genau ein Drittel; 33 Prozent. Im Westen 28 Prozent. Im Osten 55 Prozent.

    Gut, zugegeben: Wörtlich so gesagt haben sie es nicht. Aber zum Ausdruck gebracht schon, wenn man es sich recht ansieht.

    Allensbach hat gefragt: "Wie bewerten Sie die Erfolge der Linken bei den vergangenen Landtagswahlen?" Vorgegeben waren als Antworten "positiv" und "negativ". Die obigen Zahlen beziehen sich auf die "positiv"- Antworten. Mit "negativ" antworteten im Osten ganze 19 Prozent, im Westen 48 Prozent. Macht von allen Deutschen, die Stichprobe von Allensbach zugrunde gelegt, 42 Prozent.

    Weniger als die Hälfte von allen Befragten bewertet es negativ, daß jetzt die Kommunisten in zwei weitere westdeutsche Parlamente eingezogen sind. Sogar noch nicht einmal die Hälfte der Westdeutschen findet das negativ.



    Erklärungen? Eine triviale Erklärung kann vermutlich ausgeschlossen werden, angesichts der Professionalität der Allensbacher Demoskopen: Daß die Befragten oder ein Teil von ihnen die Frage so verstanden haben, wie ich sie oben zitiert habe und wie sie in der FAZ zu lesen ist: "Wie bewerten Sie die Erfolge der Linken ...?" Und nicht: "Wie bewerten sie die Erfolge der Partei "Die Linke" ...?"

    "Erfolge der Linken", das könnte sich ja durchaus auf die gesamte Linke beziehen - die SPD, die Grünen und auch die Kommunisten. Da aber die Allensbacher Demoskopen Fachleute sind, kann man davon ausgehen, daß die Interviewer zuvor erläutert hatten, daß es um die Partei gehen würde und nicht um die politische Richtung generell.

    Nur, welche Partei? Es ist schon bemerkenswert, wie allein eine wiederholte Namensänderung aus der SED, deren Erfolg gewiß nicht 28 Prozent der Westdeutschen begrüßt hätten, eine Partei hervorgezaubert hat, die offenbar von einer Mehrheit nicht mehr als kommunistisch wahrgenommen wird.

    Daß diese Partei außerhalb Deutschlands nach wie vor als eine Bruderpartei unter kommunistischen Bruderparteien auftritt - wer weiß das schon? Die Kommunisten selbst hängen es nicht an die große Glocke, zurückhaltend formuliert. Und unsere Medien, die sonst so gern das aufdecken, was die Parteien nicht so gern laut sagen, scheinen in diesem Punkt wenig investigative Neigungen zu entwickeln.



    Aus dem Artikel der Allensbach- Chefin Renate Köcher, aus dem diese Daten stammen, geht etwas hervor, was alle aufschrecken sollte, die politisch interessiert und keine Kommunisten sind:

    Es ist den Kommunisten offenbar fast perfekt gelungen, sich als eine sozialdemokratische Partei darzustellen.

    Vor allem bei ihren Anhängern ist das so. Diese, schreibt Köcher, sehen
    ihre Partei vor allem als Anwalt sozialer Gerechtigkeit, der kleinen Leute und Benachteiligten und als Bastion gegen weitere Korrekturen am Sozialstaat. 88 Prozent der eigenen Anhänger schreiben der Linkspartei zu, dass sie sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt, 85 Prozent sehen sie als Stütze der kleinen Leute, 77 Prozent als Anwalt der Benachteiligten in der Gesellschaft. 64 Prozent erhoffen sich von der Linkspartei, dass sie den Sozialstaat verteidigt.
    Durchweg Positionen, die man auch von einer sozialdemokratischen Partei erwartet.

    Die Kommunisten spielen virtuos auf der Klaviatur ihrer klassischen Agitprop. Die Massenlinie stellt "Die Linke" als eine sozialdemokratische, reformerische Partei dar. Die Kaderlinie wird parteintern vertreten und nach außen dort, wo es die hiesige Bevölkerung nicht mitbekommt; also in den Beziehungen mit den Bruderparteien.

    Bis 1990 hatte die DKP exakt dieselbe Doppelstrategie versucht, aber mit geringem Erfolg. Denn wie die Partei ihr "Eintreten für den kleinen Mann" in die Tat umsetzt, wenn sie die Macht dazu hat, das konnte ja jeder an den Verhältnissen in der DDR ablesen. Daß die Kommunisten in der Bundesrepublik, anders als zum Beispiel in Frankreich und Italien, nie eine Rolle spielten, lag an diesem Anschauungs- Unterricht, den ein Blick auf und über die Zonengrenze gab.

    Jetzt fehlt diese Anschauung. Jetzt fehlt die Wirklichkeit, die die Propaganda Lügen straft. Und für viele, die in der DDR noch den real existierenden Sozialismus erlebt haben, scheint dieser sich umso mehr zu verklären, je mehr er im Dunkel der Geschichte verschwindet.

    Mit Dank an Werner Stenzig. - Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    21. August 2007

    Marginalie: Kann man demoskopische Daten manipulieren? Ja gewiß. Aber ...

    Eigentlich wollte ich die Quelle für die vom South Park Republican erwähnte Meldung darüber aufsuchen, wie glücklich die Amerikaner sind.

    Eine Fundgrube für Umfragen aller Art in den USA ist der Polling Report. Als ich dort nach dieser Harris- Umfrage gesucht habe, bin ich über etwas gestolpert, das zwar nichts mit diesem Thema zu tun hat, das mir aber eine Marginalie wert zu sein scheint.



    Studierende der Sozialwissenschaften lernen es im Grundstudium; aber so recht durchgesetzt hat sich die Erkenntnis noch nicht: Die Antworten auf Fragen, die von Demoskopen gestellt werden, hängen auf eine oft drastische Weise von deren genauem Wortlaut ab.

    Anders gesagt, man kann - was seriöse Demoskopen nicht tun - die Ergebnisse erheblich manipulieren, indem man die Fragen geschickt formuliert.

    Hier ist die Illustration, auf die ich gestoßen bin:

    In einer Gallup- Umfrage für CNN/USA Today im Dezember 2003 wurde nach der Haltung zu dem damals aktuellen Thema gefragt, ob die USA wieder zur bemannten Mondfahrt zurückkehren sollten.

    Die Frage wurde zwei Gruppen von Befragten in zwei leicht voneinander abweichenden Versionen gestellt.
  • In der ersten Version wurden 510 Personen gefragt: ""Would you favor or oppose a new U.S. space program that would send astronauts to the moon?" Also: "Wären Sie für oder gegen ein neues Raumfahrtprogramm der USA, das Astronauten zum Mond entsenden würde?"

    53 Prozent der Befragten waren dafür, 45 Prozent dagegen, 2 Prozent hatten keine Meinung.

  • In der zweiten Version wurde 494 anderen Personen die Frage in der folgenden Form vorgelegt: "Would you favor or oppose the U.S. government spending billions of dollars to send astronauts to the moon?" - "Wären Sie dafür oder dagegen, daß die Regierung der USA Milliarden Dollar dafür ausgibt, Astronauten zum Mond zu entsenden?"

    Von diesen Befragten waren 31 Prozent für und 67 Prozent gegen ein neues Mondprogramm; 2 Prozent hatten keine Meinung.


  • Jeder weiß, daß ein Progamm, in dem Astronauten zum Mond geschickt werden, Milliarden von Dollars kosten würde. Auch die erste Gruppe von Befragten wußte das. Aber sie wurden durch die Frage sozusagen nicht mit der Nase auf diesen finanziellen Aspekt der Sache gestoßen.

    Die zweite Gruppe wurde das - und statt einer absoluten Mehrheit für ein solches Programm ergab sich jetzt eine Zweidrittel- Mehrheit dagegen.



    Sollte man daraus schließen, daß Umfragen grundsätzlich nicht zu trauen ist?

    Nein, gewiß nicht.

    Man sollte nur erstens sich die Fragestellung immer genau ansehen.

    Und man sollte zweitens, wenn irgend möglich, sich nicht auf die Daten eines einzigen Instituts verlassen, sondern möglichst nach aggregierten Daten suchen oder, wenn es diese nicht fertig gibt, sich selbst ein Bild von den Trends verschaffen, die allen einschlägigen Umfragen gemeinsam sind.

    Wenn man das beachtet, dann kann man der Demoskopie sehr exakte Daten, ja sogar Prognosen entnehmen. Wie kürzlich bei der Wahl des französischen Präsidenten.

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    26. Juli 2007

    Marginalie: Nicht nur im Antiamerikanismus sind wir Deutsche Spitze

    Der "Nouvel Observateur" berichtet heute wieder einmal über eine länderübergreifende Umfrage. Diesmal geht es um das Sexualleben.

    Und siehe: Wie beim Anti-Amerikanismus, so sind wir Deutsche auch in der Pro- Sexualität ganz vorn.

    Die Untersuchung wurde vom Institut Novatris/Harris Interractive im Auftrag verschiedener französischer Medien durchgeführt und gestern publiziert.

    Danach liegen die Deutschen mit 8,0 Sexualkontakten pro Monat weit vor den Italienern (7,3), den US-Amerikanern (5,9) und den Briten (5,8). (No sex please, we're British. Man hat es geahnt.)

    Nur den Franzosen müssen wir uns geschlagen geben; sie bringen es auf 8,9 Mal im Monat.

    Übrigens: Wir Deutsche, wir aus dem Land Luthers, folgen mit unserer Frequenz der Sexualkontakte sozusagen buchstabengenau dessen Regel: "In der Woche zwier, schadet weder dir noch mir, macht im Jahre hundertvier".

    Gefragt wurde auch nach der Zahl der bisherigen Sexualpartner. Hier liegen wir Deutsche an der Spitze (13), gefolgt von den Amerikanern (12,5) und den Briten (12,5). Am Ende dieser Hitliste liegen die Franzosen (11,1) und die Italiener (10,3).



    Kann man diesen Zahlen trauen? Man sollte sie zumindest with a grain of salt genießen. Denn vermutlich wird nirgends so viel geflunkert wie bei Jagd- Erzählungen und Bett- Geschichten.

    Gut möglich also, daß wir Europäer und Amerikaner uns in Wahrheit alle sexuell ähnlich verhalten. Nur protzen die einen gern mit ihren sexuellen Aktivitäten, und die anderen spielen sie mit angelsächsischer Zurückhaltung herunter.

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    6. Mai 2007

    Präsidentschaftswahlen in Frankreich: Sarkozy klarer Sieger

    Das sagen, laut RTBF alle exit polls und offiziösen Angaben.

    Sarkozy wird danach zwischen 52 und 54 Prozent der gültigen Stimmen erhalten. Der gültigen, wohlgemerkt, nicht der abgegebenen.

    Das entspricht genau den letzten Umfragen.

    Royals Aufruf, de "faire mentir les sondages", die Umfragen Lügen zu strafen, ist offenbar so ungehört verhallt, wie es zu erwarten gewesen war.

    Nach dem ersten Wahlgang also ein weiterer Triumph des Messens.

    23. April 2007

    Präsidentschaftswahlen in Frankreich: Triumph des Messens

    Die Demoskopie ist keine exakte Wissenschaft. Was die einzelnen Institute angeben, weicht voneinander ab. Es wimmelt nur so von Fehlerquellen: Leute, die kein Telefon haben oder nicht rangehen. Leute, die das Interview verweigern oder falsche Angaben machen. Ein großer Prozentsatz von Unentschlossenen.

    Und dann "verzerren" sie auch noch die Daten, diese Demoskopen: Sie publizieren nicht das, was sie wirklich erhoben haben, sondern rechnen die Prozentwerte mal hoch, mal runter.



    Alles nicht falsch, wenn auch vielleicht nicht ganz richtig formuliert. Und nun schauen Sie sich bitte einmal diese Daten und dieses Zitat an:

    Die Daten:

    Beim augenblicklichen Stand der Auszählungen für die gestrigen Wahlen in Frankreich (98 Prozent der Stimmen ausgezählt) liegt Sarkozy bei 31,11 Prozent. Royal hat 25,84 Prozent und Bayrou 18,55 Prozent. Le Pen liegt bei 10,51 Prozent.

    Das Zitat:

    Am 6. April habe ich hier geschrieben:
    Jetzt scheint es mir, nachdem ich die Umfragen täglich verfolgt habe, nicht mehr allzu riskant, eine Prognose zu wagen:

    Wenn nicht noch etwas ganz Überraschendes passiert, dann wird Sarkozy im ersten Wahlgang ungefähr 30 Prozent bekommen. Ségolène Royal wird mit ungefähr 25 Prozent zweite werden. François Bayrou wird achtbare 18 Prozent erhalten, ungefähr. An ihrer Rangfolge jedenfalls hat sich seit Wochen nichts geändert; und die Abstände sind inzwischen ausgeprägter als Mitte März, als Bayrou an Royal herangerückt gewesen war.

    Am Unsichersten ist das Abschneiden des Vierten im Bunde, Le Pen. Er liegt im Augenblick ziemlich stabil bei ungefähr 13 Prozent. Aber das sind natürlich, wie die anderen auch, gewichtete Daten. Die Rohwerte für ihn liegen sehr viel niedriger. Nur bekennen sich viele Anhänger der Rechtsextremen nicht zu ihrer Präferenz oder verweigern überhaupt ein Interview; also korrigiert man die Rohdaten im Licht der Erfahrung. Das kann gut gehen oder auch nicht.


    Daß die Übereinstimmung so perfekt auszufallen scheint, ist natürlich Zufall. Aber daß die Umfragen ungefähr das Wahlergebnis treffen, ist eine Erfahrung, die jeder macht, der sich mit dem Thema befaßt.

    Bei den letzten Präsidentschaftswahlen in den USA zum Beispiel war es nicht anders. Da haben die aggregierten (über die einzelnen Institute zusammengefaßten) letzten Umfrageergebnisse mit einer Abweichung von weniger als einem Prozent das Wahlergebnis vorhergesagt.

    Wie funktioniert das? Und warum vermittelt die Berichterstattung der meisten Medien ein ganz anderes Bild?



    Umfragen sind Messungen. Und wie jede einzelne Messung in der Physik oder in der Physiologie ist auch hier jede einzelne solche Messung fehlerbehaftet. Es gibt einen Stichprobenfehler, den man mit dem Mitteln der mathematischen Statistik berechnen kann. Es gibt aber auch systematische Fehler; zum Beispiel dadurch, daß bestimmte (etwa rechtsextreme) Wähler die Auskunft häufiger verweigern als andere.

    So ist das auch, wenn, sagen wir, ein Astronom die Helligkeit eines Sterns mißt. Jede Messung wird einen etwas anderen Wert liefern, weil die Absorption durch die Atmosphäre je nach momentanen Wetterbedingungen mal etwas stärker und mal etwas schwächer ist, weil mal das Spektrometer ein bißchen anders ausgerichtet ist als bei einem anderen Mal; und so fort.

    Das sind zufällige Fehler. Systematische entstehen zum Beispiel dadurch, daß das eine Observatorium sich in einer anderen Höhe befindet als ein anderes; daß jedes Meßinstrument ein wenig anders geeicht ist.

    Würde ein Astronom jede dieser einzelnen Messungen veröffentlichen, dann hätte man den Eindruck, daß die Helligkeit des Sterns ständig schwankt. Aber das tut sie (bei den meisten Sternen, es gibt auch Veränderliche) nicht.

    Und kein Astronom käme auch auf den Gedanken, jede einzelne Messung zu publizieren. Sondern man mißt erstens immer wieder unter denselben Bedingungen, so daß sich zufällige Fehler gegenseitig aufheben. Und man korrigiert die Messungen, indem man systematische Fehler herausrechnet.

    Wenn dann auch noch verschiedene Publikationen aus unterschiedlichen Arbeitsgruppen dasselbe Ergebnis liefern, dann kann man ihm trauen.



    Exakt so ist es auch in der Demoskopie. Die einzelnen Umfragen sind durch zufällige Fehler belastet. Die einzelnen Institute haben jeweils ihre eigenen Methoden, systematische Fehler herauszurechnen.

    Also ensteht, wenn man die jeweils neueste "Wasserstandsmeldung" isoliert betrachtet, der Eindruck eines großen Durcheinanders. Und Journalisten wie die von "Spiegel Online", die offenbar von Wissenschaft nichts verstehen, melden dann - wie gestern geschehen - aufgrund einer einzigen Umfrage eines einzelnen Instituts einen "Trend" zugunsten von Ségolène Royal.



    Wenn man aber - wie ich es gemacht habe, bevor ich den zitierten Beitrag geschrieben habe - die Umfragen aller Institute über einen längeren Zeitraum hinweg analysiert und wenn man auch überlegt, welchen Instituten mehr und welchen weniger zu vertrauen ist, dann kann man zu sehr vernünftigen Prognosen kommen.

    Ich habe damals die Daten aller sechs Institute berücksichtigt, aber die von IPSOS besonders stark gewichtet. Und zwar deshalb, weil IPSOS als einziges Institut täglich eine neue Umfrage gemacht und dann jeweils über einige Tage ein gleitendes Mittel gebildet hat; eine sehr gute Methode.



    Kann man jetzt also auch schon vorhersagen, daß Sarkozy in vierzehn Tagen die Stichwahl gewinnen wird, wie es alle Umfragen seit Wochen prognostizieren?

    Nein. Es ist zwar wahrscheinlich, daß er gewinnt. Aber diese vierzehn Tage zwischen den beiden tours haben ihre eigenen Gesetze.

    Erstens treffen jetzt die beiden Kandidaten direkt aufeinander; in einer oder mehreren Diskussionen. Solche Konfrontationen können alles ändern, wie das von Politologen vielfach analysierte Beispiel der Debatte zwischen Kennedy und Nixon 1960 zeigt.

    Und zweitens wird viel davon abhängen, wie die jetzt ausgeschiedenen Kandidaten sich verhalten. Alle Linken haben bereits ihre Wähler aufgefordert, Royal zu wählen. Le Pen aber hat sich bisher nicht geäußert, und Bayrou hat es nicht.

    Vor allem auf Bayrou wird es wesentlich ankommen. Seine Empfehlung an seine Wähler kann leicht entscheiden, wer nächster Präsident wird.

    Ich könnte mir allerdings denken, daß er eine solche Empfehlung vermeidet; denn seine zentrale message ist ja, daß er weder ein Linker noch ein Rechter ist. Wahrscheinlich werden eher einzelne Prominente seiner Partei, der UDF, ihre jeweils individuelle Empfehlung abgeben. Und die dürfte bei den meisten zugunsten von Sarkozy ausfallen. Einige haben das heute Abend schon angedeutet.

    Auch die direkte Konfrontation dürfte Royal wahrscheinlich keine Punkte einbringen. Sie hat bisher in Diskussionen selten eine gute Figur gemacht.

    Und Sarkozy wird wohl nicht den Fehler machen, seine intellektuelle Überlegenheit allzu deutlich zu zeigen und damit einen Mitleid- Effekt auszulösen.

    11. April 2007

    Marginalie: Kurt Beck und der Blitz der Erleuchtung

    Kaum war im Frühsommer letzten Jahres die Idee eines Gesundheitsfonds aufgetaucht, da hatten auch schon 87 Prozent der Deutschen eine Meinung dazu. 69 Prozent waren überzeugt, daß ein solcher Fonds ungerecht sei; 18 Prozent beurteilten ihn als gerecht.

    Noch nicht einmal Experten wußten im Juni 2006, wie sich die Einrichtung eines solchen Fonds auswirken würde. Aber fast neun von zehn Deutschen wußten das nicht nur, sondern hatten auch schon eine Meinung dazu.

    Offenbar war ihnen ein Erleuchtung zuteil geworden, den Befragten. Jenen rund tausend Menschen, die repräsentativ waren für uns, die Deutschen. Jenen Wissenden.



    Wissenden? Hm, hm. Heute wird von einer Umfrage berichtet, wonach 65 Prozent der Befragten nicht wußten, daß Kurt Beck Vorsitzender der SPD ist.

    Nun gut. Anderes hat er auch nicht verdient, könnte man sagen.

    Aber von denen, denen nicht bekannt ist, daß Beck SPD-Chef ist, haben doch viele eine Meinung über die Qualität seiner Arbeit als SPD-Chef. 39 Prozent der Befragten nämlich bewerten seine Arbeit als "gut". 33 Prozent finden sie "weniger gut" oder "schlecht". 28 Prozent äußerten keine Meinung zu Kurt Beck.

    Wir rechnen: 39 Prozent plus 33 Prozent, das sind 72 Prozent. 35 Prozent der Befragten wußen, daß Beck SPD-Chef ist.

    Unterstellen wir einmal, daß alle, die wußten, daß Beck SPD-Chef ist, sich auch zutrauten, seine Arbeit zu beurteilen. Wir ziehen also diese 35 Prozent von den 72 Prozent ab, die seine Arbeit zu beurteilen wußten.

    Dann bleiben 72 minus 35, also 37 Prozent der Befragten, die sinngemäß dies zu Protokoll gaben: Daß Kurt Beck SPD-Chef ist, ist mir unbekannt. Aber ich kann beurteilen, wie gut er seine Arbeit als SPD-Chef macht.



    Ein wenig seltsam, nicht wahr? Dabei ist die Auflösung doch ganz einfach: Der Geist weht, wo er will. Mal zuckt der Blitz der Erleuchtung, mal bleibt der Horizont des Wissens schwarz.

    Und am ehesten zuckt er, der Blitz, wenn gar nicht nach Wissen gefragt wird, sondern nach einer Meinung.

    Was "Genfood" ist, dürften die wenigsten Deutschen wissen. Aber daß sie es schlecht finden, dessen sind sich - vermute ich - viele davon sicher.

    1. März 2007

    Zettels Meckerecke: Die demoskopische Zeitbombe

    Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, bei Gelegenheit einmal lobend auf die neue WebSite von Welt Online aufmerksam zu machen. Hervorgegangen aus "Welt.de", aber weit besser: Ähnlich aktuell und umfassend wie "Spiegel-Online", aber nicht so agitatorisch, vor allem ohne den Anti- Amerikanismus, mit dem "Spiegel-Online" sich immer wieder selbst diskreditiert.

    Nun also mache ich auf "Welt-Online" aufmerksam - aber mit einer kritischen Anmerkung. Heute steht dort ein Artikel, der sich unter anderem mit der Lage in Pakistan befaßt. Zitat daraus:
    In Pakistan leben 170 Millionen Menschen, 40 Prozent sind unter 14 Jahre alt. Trotz dieser demoskopischen Zeitbombe würden die USA, laut der Washington Post, weniger für die Bildung in Pakistan ausgeben, als die Stadt von Portland Maine für ihre Schüler und Studenten.
    Kein Druckfehler; denn die "demoskopische Zeitbombe" taucht auch in einer Zwischenüberschrift auf.



    Fremdwörter sind Glückssache, sagt man. "Demographisch" und "demoskopisch" - was soll's? Beide Begriffe beinhalten das griechische "demos", Volk. Der eine hängt ein "skopein" dran - ein Beschauen. Der andere ein "graphein" - beschreiben. Volksbeschau also, Volksbeschreibung. Kein großer Unterschied.

    In der Tat. Und deshalb wäre das offensichtlich gemeinte "demographische Katastrophe" streng genommen auch falsch gewesen. Progonostiziert wird ja nicht eine Katastrophe der Demographie, also der Bevölkerungswissenschaft. Sondern prognostiziert wird ein katastrophales Anwachsen der Bevölkerung.

    Nur haben wir dafür keine griffige Bezeichnung. Und verfahren also so, wie auch in anderen Bereichen: Wir vermengen die Wissenschaft mit ihrem Gegenstand.

    Wir sagen, jemand habe "psychologische Probleme". Die hätte er aber nur, wenn er nicht mit seinem Psychologen zurechtkäme, oder wenn er als Psychologiestudent Schwierigkeiten in seinem Studium hätte. Was wir meinen, sind "psychische Probleme".

    Zwei weitere Beispiele: Wir sprechen von der "geographischen Lage" eines Landes, von "meteorologischen Veränderungen".

    Beides falsch, strenggenommen. Eigentlich müßte wir von der "Erdlage" sprechen; aber dieses Wort habe ich eben erst erfunden. Beim zweiten Beispiel ist Korrektheit hingegen leicht: Warum nicht "Klimänderung" sagen, oder "Wetteränderung"? Das ist nicht nur sprachlich richtig, sondern auch präziser als das schwammige "meteorologische Veränderung".

    12. Januar 2007

    Zettels Meckerecke: Mündige Bürger? Vollmundige, jedenfalls

    In der ORF-Nachrichtensendung "Zeit im Bild" war heute Abend der Meteorologe Herbert Gmoser zu Gast. Natürlich wurde er gefragt, ob der diesjährige milde Winter denn der Ausdruck einer Klimaänderung sei. Und natürlich sagte er das, was jeder ernstzunehmende Wissenschaftler sagen wird: Vielleicht, vielleicht nicht. Wir wissen es nicht. Das Wetter weist nun einmal eine große Variabilität auf. Und er erinnerte daran, daß letztes Jahr der Winter ausgeprochen streng gewesen ist.

    Was die Fachleute nicht wissen, das wissen allerdings die Laien. Jedenfalls die deutschen Laien. Jedenfalls die rund tausend Deutschen, die vom ZDF für das heute gesendete Politbarometer befragt wurden. Jedenfalls fast alle von ihnen.

    Genauer: Ungefähr 960 von den ungefähr tausend Befragten wußten das, was den Meteorologen leider verborgen ist.

    Sie wurden gefragt, ob das diesjährige milde Winterwetter die "Folge des Klimawandels" sei. 60 Prozent bejahten das. 36 Prozent wählten die Alternative, daß es sich um "normale Klimaschwankungen" handle. Die restlichen 4 Prozent entschieden sich für keine der beiden Alternativen - sei es, weil sie die Frage nicht verstanden hatten; sei es, weil sie - vielleicht - den Gedanken fassen konnten, daß sie das gar nicht wußten.

    Daß sie schlicht nicht sagen konnten, ob es nun normale Klimaschwankungen sind, die uns diesen Winter beschert haben, oder ob er eine Folge "des Klimawandels" ist.



    Ein Anlaß für einen Beitrag in der "Meckerecke"? Ja. Wobei ich weniger über die 960 Menschen zu meckern habe, die etwas zu wissen glaubten, was nicht einmal die Fachleute wissen. Sie haben dumm geschwätzt, ob sie nun dem einen oder dem anderen Statement zustimmten. Sie haben sich auf eine Antwort festgelegt, die sie überhaupt nicht verantworten konnten.

    Aber viel mehr Meckerei verdienen natürlich diejenigen, die sich solche saublöden Fragen ausdenken. Und die mit ihrer Formulierung der Frage auch gleich noch suggerieren, ein "Klimawandel" sei bereits bewiesen. Die die Menschen, die sie befragten, dazu aufforderten, zu einer Frage eine Meinung zu äußern, zu der sie überhaupt keine begründete Meinung haben konnten.



    Zu einer Frage, die überhaupt nicht der Gegenstand von Meinungen ist; anders, als etwa die Beurteilung eines Politikers oder eine Regierung.

    Es geht hier ja vielmehr um Fakten, mindestens um wissenschaftlich begründete Hypothesen. Wer sich in der betreffenden Wissenschaft nicht auskennt, der sollte eigentlich in der Lage sein, sein Nichtwissen zu erkennen. Statt irgend etwas zu behaupten zu einem Thema, von dem er keine Ahnung hat.

    Unsere Schulen sollten eigentlich ihre Schüler zu kritischem Denken erziehen. Dazu gehört ganz zuvorderst, daß man ein Verständnis dafür hat, was man selbst weiß, was die Wissenschaft weiß, und was man eben nicht oder noch nicht weiß.

    "Kritisches Denken" - das wird aber von vielen Pädagogen, vielen Kultusbürokraten, vielen Politikern umgekehrt gerade so verstanden, daß die Schüler lernen müßten, "sich eine Meinung zu bilden".

    Über alles und jedes, wovon sie keine Ahnung haben. Die Sicherheit der Nuklearenergie, die Gefährlichkeit von Genfood. Vor etlichen Jahren über die Wahrscheinlichkeit, daß der "Rinderwahn" zu einer Epidemie unter Menschen führen würde.

    Auch damals haben vermutlich die Demoskopen danach gefragt. Und die Befragten, die das so wenig wußten, wie sie heute wissen, ob der milde Winter etwas mit globaler Erwärmung zu tun hat, werden in ihrer Mehrheit dennoch eine Antwort gewußt haben.

    Mündige Bürger? Eher vollmundige Bürger.