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17. Dezember 2008

Zettels Meckerecke: Die Flut der Bilder. Zurück in die Illiteralität. Wozu diese YouTubes?

Die Wahl von Vornamen gehört zu denjenigen sozialen Phänomenen, die zeigen, wie gesetzmäßig, wie jedenfalls streng kausal determiniert es auch in der menschlichen Gesellschaft zugeht: Scheinbar entscheidet jedes Elternpaar nach eigenem Gutdünken, wie der Sproß heißen wird; tatsächlich aber unterliegen Mama und Papa einem Trend, der die gesamte Sprachgemeinschaft bei der Wahl der Vornamen beeinflußt.

Das war es eigentlich, worüber ich eine Marginalie hatte schreiben wollen: Wie zum Beispiel nach drei Generationen Namen wiederkommen.

Nach dem Papa, der Mama nennt man manchmal noch die Tochter, den Sohn. Nach dem Opa, der Oma selten. Anna hieß ein junges Mädchen um 1900; also war das um 1960 ein unmöglicher Vorname. Dasselbe für Moritz. Eine Generation danach waren diese Vornamen wieder schick - da waren sie nicht mehr diejenigen der Großeltern, sondern die aus einer vergangenen Zeit. Die also wieder frisch waren.



Also, darüber hatte ich eine Glosse schreiben wollen. Dazu wollte ich herausfinden, welches denn die aktuellen Vornamen sind. Und dabei bin ich auf ein Ärgernis gestoßen, zu dem eine Meckerecke schon lange fällig ist: Die Dummheit der Bilder.

Jetzt also eine Meckerecke statt der geplanten Glosse.

Hier, bei der SZ sehen Sie die Seite, die diese Meckerei ausgelöst hat.

Ich hatte eine Liste sehen wollen. Stattdessen wurde mir eine "Bildstrecke" angeboten.

Was bekomme ich da? David, dazu ein Bild eines Babys. Dann soll ich weiterklicken und bekomme, nachdem die neue Seite geladen ist, wieder das Bild eines Babys zu sehen, jetzt mit "Yannick".

Und so fort. Wie ein Baby aussieht, weiß ich ungefähr.

Wenn ich eine Liste von zwanzig Namen aufrufen will, dann will ich nicht zwanzig Mal klicken müssen, um zwanzig Mal das Bild eines Babys zu sehen.

Also, was soll der Unfug?

Er ist, scheint mir, kein isolierter Unfug. Sondern das, was die SZ da ihren Lesern zumutet, ist Ausdruck eines allgemeinen Trends. Eines Trends weg von der Literalität, hin zum Bestaunen von Bildern. Eines Trends zweitens von der Literalität als Lesefähigkeit hin zu einer Bevorzugung gesprochener Sprache.



Gesprochene Sprache benötigt ungefähr 250 bis 350 Millisekunden pro Silbe. Lesen kann man mit ziemlich genau der doppelten Geschwindigkeit. Einen Text anzuhören, statt ihn zu lesen, ist schlicht Zeitverschwendung. Trotzdem greifen "Hörbücher" um sich. Ich habe das eine oder andere Mal versucht, so etwas anzuhören. Es ging nicht.

Es geht derart langsam, daß es mir selten gelungen ist, bei der Sache zu bleiben. Die Autoren haben ihre Texte halt für die doppelte Geschwindigkeit der Verarbeitung, des Verstehens, geschrieben. Sie vorzulesen ist, als würde man einen Formel-1-Wagen im Stadtverkehr einsetzen.

Immerhin, hier wird noch die Sprache verwendet, um Gedanken festzuhalten. Noch schlimmer ist es mit Bildern, mit Filmen. Auch in Blogs stoße ich immer häufiger auf You- Tube- Filmchen, statt daß man sich schriftlich ausdrückt.

Es ist wie mit der Bio-Landwirtschaft: Da hatte man mühsam Anbaumethoden entwickelt, die effizienter sind als die des Neunzehnten und aller vorausgehenden Jahrhunderte. Und nun wird es uns als das Bessere angeboten, wieder zur Methode der Vorfahren zurückzukehren.

Ebenso scheint es bei Sprache und Bildern zu sein.

Warum hat die Menschheit in ihrer Evolution die Sprache erfunden? Weil ein Satz mehr sagt als tausend Bilder. Bilder deuten an, Sprache sagt aus. Bilder sind vage, unbestimmt, irrational. Sprache ist bestimmt und rational. Manche vermuten, daß diese besondere Fähigkeit der Sprache, Sachverhalte darzustellen und nicht nur auszudrücken, überhaupt erst die menschliche Kultur ermöglicht hat.

Zweitens hat die Menschheit die Schrift erfunden, um diese Vorteile der Sprache voll nutzen zu können: Damit man sie konservieren und auf diese Weise Inhalte tradieren kann. Damit man sie schneller verarbeiten kann, beim Lesen. Schneller, als ihr zuhören zu müssen.



Und jetzt erwartet die Redaktion der SZ also vom Internet- Benutzer, daß er sich Babybilder anguckt, nur damit er erfährt, welches denn die beliebtesten Vornamen sind.

Man wird wissen, warum. Vielleicht geht ja das Zeitalter der Literalität wirklich zu Ende. Vielleicht werden immer mehr Menschen immer dümmer, so daß sie lieber mit offenem Mund Bilderchen bestaunen, statt mit wachem Verstand Schrift zu lesen.



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4. März 2008

Marginalie: Was hat die Dittscherisierung mit einem Aufpustmodul gemeinsam? Und woher kommt das Montagerheiterungspotential solcher Wörter?

Antwort auf Frage eins: Beides sind aktuelle Neologismen. Genauer: Ganz aktuelle Neologismen, erstmals erfaßt am 29. März in der Liste von 24 neuen Wörtern, serviert von der Wortwarte Tübinger Linguisten. Immer sehr amüsant zu lesen. Auch wenn einem manche dieser Neuschöpfungen so ganz neu nicht vorkommen; zum Beispiel das "Mobilheim" vom 25. 2. 2008.



Kaum eine Sprache eignet sich so zur Bildung von Neologismen wie das Deutsche. Man könnte sagen, diese Sprache ist sozusagen ein Algorithmus zum Generieren von Neologismen.

Denn was man in anderen Sprachen dadurch ausdrückt, daß man es mit Worten beschreibt, das wird im Deutschen oft sprachlich gefaßt, indem man ein langes - manchmal sehr langes - zusammengesetzten Wort erfindet, "six or seven words compacted into one, without joint or seam", wie es Mark Twain in seinem Aufsatz über die fürchterliche deutsche Sprache formuliert; sechs oder sieben Wörter in eine einziges gedrängt, ohne Naht oder Gelenk. Das Ergebnis sind Wörter aus dem überkommenen Schatzkästlein wie das legendäre
Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitän
oder das ebenfalls klassische
Generalstaatsverordnetenversammlung;
aber eben auch die ständig neu entstehenden Neologismen, wie sie von der Tübinger Wortwarte gesammelt werden. In den letzten Tagen entdeckte ihre Suchmaschine zum Beispiel
Krankheitskostenerstattungsschnorrer
und, auch sehr hübsch,
Liebesverwirklichungsersatz.
Und jetzt bin ich gespannt, wie lange sie braucht, die Tübinger Suchmaschine, um
Montagerheiterungspotential
aufzuspüren.

Habe ich das etwa eben erfunden? Keineswegs. Ich habe es gestern vorgefunden, und zwar in "Zettels kleinem Zimmer", geschrieben von Reader.



Nun zur Frage zwei:

Woher kommt das Montagerheiterungspotential von Wörtern wie
Montagerheiterungspotential,
warum finden wir das lustig? Einen Hinweis gibt vielleicht der zitierte Aufsatz von Mark Twain (Auszüge findet der eilige Leser hier).

Das meiste von den Bemerkungen über die deutsche Sprache, mit denen Twain seine englischsprachigen Leser erheitert, kann man als Deutschsprachiger nämlich kaum lustig finden. "Wegen des Regens" - darüber macht Twain seine Witze. Daß wir "die Engländerin" sagen und nicht einfach nur "Engländerin", das erscheint ihm urkomisch; "überbeschrieben" (overdescribed) werde die betreffende Person damit. Haha.

Kurz, lustig ist dergleichen für Mark Twain, weil es ihm ungewohnt ist; weil es seinen Erwartungen widerspricht. Er findet das Deutsche lustig, weil er sich darüber lustig machen kann.

Lachen ist - jedenfalls läßt sich das gut evolutionspsychologisch begründen - in seinem Kern die Reaktion auf ein Mißgeschick, das einem anderen widerfährt. Sich ungeschickt auszudrücken, etwas unnötig kompliziert zu sagen, zeigt Schwäche; regt also zum Lachen an.

Selbst dann, wenn es nicht Schwäche zeigt, sondern gezielt erfunden wurde, um diese Reaktion bei uns auszulösen. Wie bei Readers Neologismus, der witzig ist, intelligent und ironisch.

Dazu, das hinzubekommen, gehört freilich eine gute Portion Montagerheiterungspotential.

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31. August 2007

Anmerkungen zur Sprache (5): Genera und Numeri

Welchen Geschlechtes jemand ist, das wissen wir meist oder haben jedenfalls ein intuitives Verständnis davon. Auch ob etwas ein Einziges ist oder Mehreres, ist uns in der Regel bewußt.

Mehrzahl und Einzahl (die Numeri) und männlich, weiblich, sächlich (die Genera) sind aber auch grammatische Kategorien. Und da ist es mit unserer Intuition oft nicht weit her, da sind wir mit unserem Latein nicht selten am Ende.



Warum haben Wörter überhaupt ein "Geschlecht"? Erstens trivialerweise, weil sie Objekte bezeichnen, die ihrerseits ein Geschlecht haben: Der Mann. Die Frau. Die Tochter. Der Sohn. Der Onkel. Die Tante. Der Bulle. Die Sau.

Freilich, schon bei diesen Objekten mit einem "natürlichen Geschlecht" gibt es Probleme mit dem "grammatischen Geschlecht".

"Das Fräulein" seligen Angedenkens ist im natürlichen Geschlecht weiblich, im grammatischen sächlich. Wir Schulkinder haben das selbstherrlich verbessert. "Frollein" war zu meiner Grundschulzeit sozusagen die Berufsbezeichnung für die Lehrerin (wie auch der Rufname für weibliche Bedienung in den Lokalen). Wir nannten unsere Lehrerin aber nicht "das Fräulein", sondern "die Frollein".

Und sprachen Sätze wie "Unsere Frollein ist aber arg streng".

Im Deutschen wimmelt es nur so von solchen Diskrepanzen zwischen dem natürlichen und dem grammatischen Geschlecht. "Das Mädchen" ist ein besonders drastisches Beispiel; natürlich dem Diminuitiv geschuldet (ohne den wäre es "die Maid").

Bei Tieren sehen wir durchweg großzügig über das natürliche Geschlecht hinweg. Auch der männliche Löwe ist "eine Raubkatze", auch der Mäuserich "eine Maus". "Das Pferd" kann eine Stute oder ein Hengst sein. Wir haben als Kinder gelernt, daß es "der Hahn" heißt, aber seltsamerweise nicht "die Huhn".

Wenn "ein Vogel geflogen kommt", dann kann es sich um einen Spatzen handeln oder eine Meise, eine Amsel oder einen Finken. Und jedes dieser mal grammatisch männlichen, mal grammatisch weiblichen Tiere kann im natürlichen Geschlecht männlich oder weiblich sein.

Aus dem grammatischen Geschlecht kann man also keineswegs auf das natürliche Geschlecht schließen. Die sogenannte "feministische Linguistik" (ja, es gibt sie!) hat das mit sozusagen festgezurrten Scheuklappen ignoriert und darauf bestanden, daß eine Frau nicht "der Minister" oder "ein Professor" sein kann. (Teilweise ging das so weit, daß weibliche Professoren ihren Titel so abkürzten: "Prof'in Dr. XYZ").

Von einem Mann zu sagen, er sei "die Kapazität" auf seinem Gebiet, oder "eine Autorität" auf demselben, das haben die feministischen Linguistinnen allerdings meines Wissens bisher nicht beanstandet.

Die Briefbögen von Behörden, von Universitäten usw. trugen traditionell Bezeichnungen wie "Der Minister", "Der Regierungspräsident", "Der Rektor". Vor der Zeit der feministischen Linguistik kam niemand auf den Gedanken, daß der Empfänger eines solchen Briefs Post vom Minister oder dem Rektor persönlich bekommt, also von einer Person mit einem natürlichen Geschlecht. Sondern es schrieb eben die Universität, das Ministerium..

Aber den feministischen Linguistinnen war das ein Dorn im Auge. Heutzutage müssen fast überall diese Briefköpfe jedesmal ausgetauscht werden, wenn die Leitung einer solchen Insitution von einem Mann auf eine Frau übergeht, oder umgekehrt.

In Frankreich hat sich die Gleichstellung auf der Kabinetts- Ebene erst kürzlich vollzogen. Lange schrieb man noch "Madame le ministre", ohne sich Böses dabei zu denken. Neuerdings heißt es "Madame la ministre". Aber nicht immer: Eine amtierende Ministerin Sarkozys, die Finanzministerin Christine Lagarde, hat bei ihrer Amtsübernahme ausdrücklich angeordnet, sie "Madame le ministre" zu nennen - aus Respekt vor der französischen Grammatik, wie sie zur Begründung äußerte.



Wenn wir die Welt der geschlechtlichen Wesen verlassen, die des Belebten überhaupt, und in die der unbelebten Objekte eintreten, dann verschwindet das natürliche Geschlecht, nicht aber das grammatische. Unsere Sprache zwingt uns - ein animistischer Atavismus? - dazu, jedem Gegenstand ein Geschlecht zu verleihen; sei es so etwas Erhabenes wie die Natur oder etwas so Verächtliches wie der Bandwurm.

Was da männlich ist, was weiblich, was ein Neutrum - das haben sprachgeschichtliche Zufälle bestimmt. Wir benutzen das grammatische Geschlecht, ohne uns etwas dabei zu denken. "Der" Schmetterling verbindet sich für uns nicht mit Männlichkeit; so wenig, wie "die" Dampframme mit Weiblichkeit.

Man hat darüber philosophiert, warum bestimmte Objekte in der einen Sprache männliche Namen haben und in der anderen weibliche. Zum Beispiel, so wird behauptet, heiße es "die" Sonne im Deutschen und analog in den germanischen Sprachen, weil im Norden die Sonne den Menschen wohl tue. "Le" soleil, "el" sol usw. heiße es hingegen in den romanischen Sprachen, weil im Süden die Sonne erbarmungslos vom Himmel brenne.

Nun ja. Dann heißt es vermutlich auch im Deutschen "der" Turm, weil der Turm für den Deutschen das Symbol männlicher Stärke ist. Und im Französischen heißt es "la" tour, weil die Franzosen in ihm das Schützende, Bergende sehen. Nicht wahr?

Nein, nicht wahr. Das ist Kaffeesatz- Leserei, Dahergerede.

Verlassen wir die trüben Niederungen solcher Gedanken- Gaukeleien und wenden wir uns etwas Spannenderem zu: Den Fehlern, die sich einstellen, wenn wir von einer Sprache in die andere wechseln.



"La tour" ist ein Beispiel. Das heißt, wie gesagt, "der Turm". Es gibt auch "le tour", und das heißt - unter anderem - "die Rundfahrt". Wir müßten also korrekterweise von "dem" Tour de France sprechen.

So, wie "Am Tag, als der Regen kam" eigentlich "eine" Chanson ist und nicht "ein"; denn "chanson" ist im Französischen weiblich. Ebenso wie das Wort für "Bahnhof", "la gare". Man kommt also, wenn man von Brüssel nach Paris fährt, an "der" Gare du Nord" an, nicht an "dem".

Beckmessereien? Ja, gewiß. Die Sprache kümmert sich selten um derartige Regularien, sondern sie richtet sich nach Analogien, nach Ähnlichkeiten. Sie assimiliert hier das grammatische Geschlecht des französischen Worts an das seines deutschen Pendants.

Sie tut das gern auch bei Fremdwörtern, die, indem sie in einer Sprache heimisch werden, dort auch schon einmal eine Geschlechts- Umwandlung erfahren.

"Die Tour" beispielsweise gelangte, so informiert uns das Grimm'sche Wörterbuch, "mit Geschlechtswechsel" Ende des 17. Jahrhunderts ins Deutsche. Warum dieser Wechsel stattfand, darüber darf man spekulieren - die sinnverwandten deutschen Wörter "Reise", "Wanderung", "Fahrt", "Rundfahrt" sind jedenfalls allesamt weiblich.

Da mag also eine Assimilation stattgefunden haben. Ähnlich wie bei "Chanson", wo das Lied, der Schlager, der Gesang die Weichen in Richtung Maskulinum gestellt haben könnten.



Ähnlichkeiten, Analogien, Assimilationen - die spielen wohl auch bei den den Numeri eine Rolle. Wie derjenige der Genera ist ihr Gebrauch manchmal mehr durch durch derartige Faktoren bestimmt als durch die Regeln der Grammatik. Wir verallgemeinern, übertragen, passen an, statt uns an formale Regeln zu halten. Genau wie Kleinkinder, wenn sie das Sprechen erlernen. Ganz ohne Grammatik zu pauken.

Manche Wörter "klingen" sozusagen nach Einzahl oder nach Mehrzahl. "Keks" zum Beispiel ist das eingedeutschte "Cakes", also Plural. Aber es klingt in deutschen Ohren nach Singular, vielleicht in Anlehnung an Wörter wie "Fuchs" und "Dachs". Also wurde es zum Singular, und wenn's mehrere sind, dann sagen wir "Kekse".

Von manchen Wörtern aus anderen Sprachen begegnet uns überhaupt fast nur der Plural. "Taliban" zum Beispiel. Das ist folglich im Begriff, zum Singular zu werden; "Jeder Mann ein Taliban" titelte unlängst sogar das Intelligenz- Magazin "Cicero".

Auch das lateinische und griechische Neutrum Plural gerät leicht in Gefahr, als Femininum Singular mißerstanden zu werden. "Allotria" zum Beispiel, "Qualia".

Ähnlich ist es übrigens auch im Englischen. In der wissenschaftlichen Literatur hat es sich fast schon durchgesetzt, "data" im Singular zu verwenden. Eben habe ich "data was recorded" in Google eingegeben: Rund 222 000 Fundstellen.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Johann Gottfried Herder. Gemälde von Johann Ludwig Strecker (1775). In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist. Links zu allen Folgen dieser Serie findet man hier.

15. Juli 2007

Randbemerkung: Schutz

Alpenschutz
Altenschutz
Arbeitnehmerschutz
Arbeitsschutz
Armschutz
Artenschutz
Augenschutz
Behindertenschutz
Bestandsschutz
Betriebsschutz
Bodenschutz
Datenschutz
Deichschutz
Denkmalschutz
Diebstahlschutz
Einbruchschutz
Embryonenschutz
Erdbebenschutz
Fahrerschutz
Feuerschutz
Gesichtsschutz
Gewitterschutz
Handschutz
Inselschutz
Insassenschutz
Insektenschutz
Jugendschutz
Kälteschutz
Kinderschutz
Kinnschutz
Klimaschutz
Knieschutz
Konsumentenschutz
Kopierschutz
Kriminalitätsschutz
Küstenschutz
Landesschutz
Lebensschutz
Mittelstandsschutz
Mottenschutz
Mundschutz
Nackenschutz
Naturschutz
Nuklearschutz
Ohrenschutz
Opferschutz
Patientenschutz
Pflanzenschutz
Regenschutz
Regenwaldschutz
Robbenschutz
Schneeschutz
Sonnenschutz
Terrorschutz
Tierschutz
Überlastungsschutz
Unfallschutz
Umweltschutz
Unwetterschutz
Urheberschutz
Versicherungsschutz
Verbraucherschutz
Vogelschutz
Wärmeschutz
Waldschutz
Werkschutz
Wildschutz

Ist das nicht eine seltsame Welt, in der solche Wörter existieren? Und natürlich die jeweils zugehörigen Sachen oder Sachverhalte.

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1. März 2007

Zettels Meckerecke: Die demoskopische Zeitbombe

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, bei Gelegenheit einmal lobend auf die neue WebSite von Welt Online aufmerksam zu machen. Hervorgegangen aus "Welt.de", aber weit besser: Ähnlich aktuell und umfassend wie "Spiegel-Online", aber nicht so agitatorisch, vor allem ohne den Anti- Amerikanismus, mit dem "Spiegel-Online" sich immer wieder selbst diskreditiert.

Nun also mache ich auf "Welt-Online" aufmerksam - aber mit einer kritischen Anmerkung. Heute steht dort ein Artikel, der sich unter anderem mit der Lage in Pakistan befaßt. Zitat daraus:
In Pakistan leben 170 Millionen Menschen, 40 Prozent sind unter 14 Jahre alt. Trotz dieser demoskopischen Zeitbombe würden die USA, laut der Washington Post, weniger für die Bildung in Pakistan ausgeben, als die Stadt von Portland Maine für ihre Schüler und Studenten.
Kein Druckfehler; denn die "demoskopische Zeitbombe" taucht auch in einer Zwischenüberschrift auf.



Fremdwörter sind Glückssache, sagt man. "Demographisch" und "demoskopisch" - was soll's? Beide Begriffe beinhalten das griechische "demos", Volk. Der eine hängt ein "skopein" dran - ein Beschauen. Der andere ein "graphein" - beschreiben. Volksbeschau also, Volksbeschreibung. Kein großer Unterschied.

In der Tat. Und deshalb wäre das offensichtlich gemeinte "demographische Katastrophe" streng genommen auch falsch gewesen. Progonostiziert wird ja nicht eine Katastrophe der Demographie, also der Bevölkerungswissenschaft. Sondern prognostiziert wird ein katastrophales Anwachsen der Bevölkerung.

Nur haben wir dafür keine griffige Bezeichnung. Und verfahren also so, wie auch in anderen Bereichen: Wir vermengen die Wissenschaft mit ihrem Gegenstand.

Wir sagen, jemand habe "psychologische Probleme". Die hätte er aber nur, wenn er nicht mit seinem Psychologen zurechtkäme, oder wenn er als Psychologiestudent Schwierigkeiten in seinem Studium hätte. Was wir meinen, sind "psychische Probleme".

Zwei weitere Beispiele: Wir sprechen von der "geographischen Lage" eines Landes, von "meteorologischen Veränderungen".

Beides falsch, strenggenommen. Eigentlich müßte wir von der "Erdlage" sprechen; aber dieses Wort habe ich eben erst erfunden. Beim zweiten Beispiel ist Korrektheit hingegen leicht: Warum nicht "Klimänderung" sagen, oder "Wetteränderung"? Das ist nicht nur sprachlich richtig, sondern auch präziser als das schwammige "meteorologische Veränderung".

21. Dezember 2006

Eingebrannt. Über Denken und Sprache, CDs und eine große Enttäuschung

Erlebnisse von besonderer Bedeutung "brennen sich ins Gedächtnis ein"; so pflegen wir zu sagen. Diese Redensart kommt von einer sehr alten Maltechnik, dem Einbrennen (Enkaustik). Dabei werden die Farbpigmente mit Wachs gemischt und heiß auf Metall oder eine andere Unterfläche aufgetragen. Das Einbrennen führt zu außerordentlich haltbaren Bildern. Daß wir noch heute farbige Werke aus dem alten Ägypten und aus Pompeji bewundern können, verdanken wir wesentlich dieser Technik. Insofern ist die Metapher des "Einbrennens ins Gedächtnis" glücklich gewählt.



Die Sprache, so ungefähr hat es Herder einmal ausgedrückt, besteht aus abgesunkenen Metaphern. Vieles, was uns gar nicht mehr als Metapher vorkommt, war ursprünglich die Übertragung eines oft bildhaften Sinns auf einen ähnlichen Sachverhalt. Wenn ich das hier ins Spiel bringe, dann bin ich nicht auf dem Holzweg.

Das bereichert die Sprache, kann aber auch zu Irrtümern führen. Der ursprüngliche Sinn schwingt manchmal noch mit, ungewollt und mit unter Umständen fatalen Folgen.

Solche Irrtümer sind in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts Benjamin Lee Whorf aufgefallen, einem Ingenieur für Brandschutz. Ein Unglück, das er untersuchte, hatte zum Beispiel nach seiner Auffassung die folgende Ursache: Teer in Fässern wurde von Arbeitern als nicht brandgefährlich betrachtet, weil er nicht "brannte", das heißt keine Flammen aus ihm schlugen, wie das die Metapher des Brennens nahelegt. Er "brannte" aber sehr wohl im chemischen Sinn (das heißt, es gab eine exotherme Reaktion) und entzündete dadurch anderes Material.

So rekonstruierte es der Brand- Experte Whorf, der später zu einem großen Sprachforscher wurde.



Die Metapher des Brennens ist vor gut zwei Jahrzehnten in ein neues Gebiet vorgedrungen: CDs und DVDs werden "gebrannt"; eine wortgetreue Übersetzung von to burn und eine treffende Bezeichnung für den Vorgang, mit dem zunächst CDs beschrieben werden: Das Einbrennen von Vertiefungen, den pits, in die lands, die höhere Umgebung in der Aluminiumbeschichtung, die auf eine Kunststoffgrundlage aufgebracht ist.

Wie schön, dachte ich damals - jetzt haben wir wieder etwas für's Leben, ja für die Ewigkeit. Wie bei den Schellack- Schätzchen.



Die alten Schallplatten waren (und sind) nämlich im Grunde sehr dauerhaft. Sie leiden zwar unter Kratzern; auch muß man mit dem bekannten Knistern aufgrund elektrostatischer Aufladung der Platte rechnen, was sich mit gewissen Tinkturen in Schranken halten läßt. Aber richtig verblassen, sich verwischen, sich auflösen kann sich die Rille kaum, in die die Informationen ja ganz mechanisch eingekerbt sind.

Das Tonband - das bekamen viele sehr bald mit, die es ab den sechziger Jahren zusätzlich zur Schallplatte verwendeten - war da anders. Magnetisierungen auf einem Kunststoffband - die können schnell weg sein. Einmal ein kräftiger Magnet an die Spule oder Kassette gehalten, und aus ist es mit der schönen Musik.

Da bekam man ein erstes Mal eine Vorstellung von der Vergänglichkeit gespeicherter Information. Ein kleiner Kulturschock für meine Generation, die mit den fast unvergänglichen Medien des Buchs und Schallplatte aufgewachsen war.



Schlimmer noch wurde es mit den Disketten. Mein erster Rechner war der (oder vielmehr die) Joyce. An eine Festplatte war damals, Anfang der Achtziger, nicht zu denken. Also wurde beim Start das gesamte Betriebssystem CP/M von Diskette geladen. Und plötzlich, eines Tages, nachdem ich Joyce ein paar Jahre besessen und geliebt hatte, ging das nicht mehr. Irgendwann streikte auch die Backup- Diskette, und Dateien ließen sich nicht mehr lesen.

Der Zahn der Zeit hatte zu knabbern begonnen. Andere Diskettenformate waren nicht besser dran. Gegen diese Vergänglichkeit der Disketten war ja das Tonband, war die Audio- Kasette geradezu verfallsresistent gewesen! Damals ertönten die ersten warnenden Stimmen der Fachleute, was die Vergänglichkeit der modernen Speichermedien angeht.



Zurück zum Brennen. Festplatten waren sicherer als Disketten. Das Sicherste an Speichermedien aber schien uns beschert zu werden, als die CD, zuerst als Audio-Speichermedium eingeführt, als CD-ROM in die Welt der Rechner ihren Einzug hielt. Denn wie bei der Schallplatte wurde da ja wieder sozusagen gemeißelt. Vertiefungen und Erhebungen, Berg und Tal, geritzt in einen "Silberling" - was konnte es Beständigeres geben? Manchmal gar noch mit Gold überzogen! Fast wie die zehn Gebote in dem Stein, in den Gott sie gehauen hat.

Für die Ewigkeit. So dachte jedenfalls ich. So dachten viele, als wir in den Neunzigern die ersten CD-ROMs erwarben, mit einem Lexikon darauf oder dergleichen.

Wir vertrauten der Metapher des Brennens. Und fielen ihr zum Opfer.

Denn: Pustekuchen. Wegpusten läßt sie sich nachgerade, die Information auf CDs. Jedenfalls in den Varianten, die später hinzutraten. Heute hat das ZDF darüber berichtet; und wenn ich gerade erst die heute- Sendung des ZDF für ihre USA- Berichterstattung kritisiert habe, so möchte ich dem ZDF für diesen Bericht und das zugehörige Material ein Lob aussprechen. Ich empfehle es, dieses Material zu lesen. Dort stehen viele der traurigen Einzelheiten. Das eine oder andere will ich jetzt ergänzen.



Warum überhaupt Erhöhungen und Vertiefungen zur binären Kodierung? Weil der Laserstrahl je nach Distanz logischerweise unterschiedlich lange braucht, um reflektiert zu werden. Das kann man als Phasenverschiebung des reflektierten relativ zum ausgesandten Laserstrahl messen; und das ist der ganze Zauber. Aus einer Vertiefung ist er etwas später zurück als aus einer Erhöhung.

Aber eine Phasenverschiebung kann man auch anders erreichen als durch verschiedene Distanz. Und das wurde notwendig, als man wiederbeschreibbare CDs haben wollte.

Man konnte ja nicht gut Berge und Täler immer wieder einebnen und immer wieder neu entstehen lassen; das hätte kein Silberling ausgehalten. Also mußte eine andere Lösung gefunden werden.

Die Findigen in den Labors der Konzerne fanden eine namens AgInSbTe, einer, wie der Name es andeutet, Legierung aus Silber, Indium, Antimon und Tellurium. Diese Legierung hat die die schöne Eigenschaft, sich unter der Wärme eines geeigneten Laserstrahls vom kristallinen in den amorphen Zustand zu begeben. Und in diesen beiden Zuständen hat AgInSbTe unterschiedliche Reflektionseigenschaften; wie die Vertiefungen und Erhöhungen der herkömmlichen CD. Womit man wieder die Phasenverschiebung hatte. Andere, ähnliche Verfahren, die mit Farben arbeiteten, wurden entwickelt, was zur Vielfalt der Wiederbeschreib-Normen führte.



Schön, sehr schön. Aber vorbei war es damit mit dem Einmeißeln, à la Berg Sinai.

Denn auch der Zahn der Zeit verwandelt AgInSbTe aus dem kristallinen in den amorphen Zustand. Es ist ungefähr so, als würde in einer mittelalterlichen Handschrift die Tinte allmählich auslaufen und eine uniforme Fläche erzeugen. Ähnlich ist es bei den anderen, auf Farben basierenden Verfahren. Kurz, die wiederbeschreibbaren CDs haben mit einem Pudding mehr Ähnlichkeit als mit Moses' Gesetzestafeln.



Ich sammle Material zu Arno Schmidt. Zu meinen Schätzen gehören Aufzeichnungen der "Nachtprogramme" aus den fünfziger Jahren, eigenhändig auf CD-ROM gebrannt.

Jetzt, nachdem ich mich mit dem ganzen Ernst der Situation vertraut gemacht habe, ist mir ein großer Schrecken in die Glieder gefahren, daß die Lebensspanne dieser CD-ROMs geringer sein könnte als die mir vom Schicksal zugedachte.

Vielleicht sollte ich das alles auf Videoband überspielen.

Aber was ist, wann mein Videorekorder kaputt geht und auch das nagelneue, noch nicht ausgepackte Ersatz- Gerät, das ich sicherheitshalber erworben habe? Und dann gibt es vielleicht gar keine Videorekorder mehr zu kaufen.

Die Vergänglichkeit, sie rückt näher.

13. Dezember 2006

Anmerkungen zur Sprache (4): Ein Prosit an der Symbol-Bar

Wie verbessert man sein Deutsch? Indem man zum Beispiel ein Programm zur Stilprüfung herunterlädt und es mit MS Word integriert. Wie heißt dieses Programm? Kein Witz: Style Checker.

Und da es ja nur unseren Style zu checken verspricht und nicht etwa auch unser Spelling, nehmen wir den Verkäufern dieses Produkts nicht übel, daß sie auf ihrer WebSite mit dem Spruch werben: "Hohlen [sic!] Sie sich den neuesten StyleCecker."



In der obigen Passage habe ich ziemlich viele Wörter aus anderen Sprachen verwendet. Einige in ironisierender Absicht; aber nicht alle.

Natürlich gibt es keinen vernünftigen Grund, statt "Rechtschreibung" das englische "Spelling" zu verwenden. Das habe ich getan, um StyleChecker ein wenig zu veralbern.

Aber das "sic!" in eckigen Klammern habe ich verwendet, weil man auf diese Weise seit Jahrhunderten darauf aufmerksam macht, daß eine fehlerhafte Schreibung oder Formulierung kein Fehler des Autors oder des Setzers ist, sondern daß sie mit Absicht so gewählt wurde, weil der Fehler so im zitierten Original steht. In solch einem Fall schreibt man nun einmal "sic!"; die Alternative wäre ein umständliches "so im Original".

Und "WebSite" habe ich verwendet, weil ich kein besseres Wort weiß. "Netzseite" ist schlicht falsch; eine reine Klangassoziation. Ungefähr so, als würde man "horse" mit "Hase" übersetzen. Eine site ist ein Ort, eine Lage, ein Platz, eine Stätte, dergleichen. "Webauftritt" oder "Netzauftritt" liest man gelegentlich - umständliche, auch inhaltlich unpassende Verdeutschungen. Und manche verwenden gar "Homepage" für eine WebSite, was aber "Startseite" heißt und nicht etwa "eigene Seite" oder so etwas.



Mit der Schreibweise "WebSite" habe ich gleich auch noch gegen die deutsche Rechtschreibung verstoßen, die keine Großbuchstaben im Inneren eines Wortes kennt. Und zwar deshalb, weil ich eine solche Schreibweise zusammengesetzter Wörter aus Gründen der Lesbarkeit manchmal für vernünftig halte; auch als kleine Hommage an Arno Schmidt, der diese Variante der VerSchreibKunst entwickelt hat. Da es seit dem NeuSchreibChaos ohnehin keine einheitliche deutsche Rechtschreibung mehr ergibt, erlaube ich mir diese Freiheit.

Bewußt habe ich auch "Hommage" geschrieben. Weil das mit "Ehrung", "Verbeugung", "Anerkennung" nur unscharf wiedergegeben wäre.

Mir scheint, "Hommage" und "WebSite" sind Bereicherungen des Deutschen. Solche Bereicherungen aus einem dogmatischen Sprachpurismus heraus abzulehnen, kommt mir ebenso unvernünftig vor wie die Verwendung von albernen, überflüssigen Anglizismen.



Das Deutsche rein halten zu wollen ist ein undurchführbares, ja ein widersinniges Vorhaben. Denn es setzt voraus, daß es überhaupt eine reine deutsche Sprache gibt oder zumindest gegeben hat.

Jeder weiß aber, daß das nicht so ist. Im Lateinunterricht lernt man, welche deutschen Lehn- oder Fremdwörter von den lateinischischen Vokabeln abgeleitet wurden, die man sich einprägen soll. Das erleichtert das Lernen. "Fenestra" hat unser "Fenster" hervorgebracht, "tabula" die "Tafel" wie auch die "Tabelle". Die "cella" wurde zum "Keller" ebenso wie zur "Zelle", "crassus" zu "kraß". Andere lateinische Wörter wurden im Deutschen heimisch, ohne lautlich assimiliert zu werden - der "Minister", im Lateinischen ein "Diener" (woran man gelegentlich erinnern sollte), der "Dozent" zum Beispiel. Manche finden sich in der Urform wie auch in einer assimilierten Form - "prosit!" zum Beispiel neben "prost!".

Ebenso war es später mit dem Französischen, vor allem im 17. und 18. Jahrhundert. Manche ursprünglich lateinischen Wörter sind mehrfach ins Deutsche gelangt - das "palatium" zum Beispiel in der fränkischen Zeit als "Pfalz", später als "Palast" und dann noch einmal als "Palais".

Und wenn heute Sprachreiniger uns (berechtigterweise) die dummen Anglizismen austreiben wollen, dann müssen sie aufpassen, daß sie uns als Ersatz nicht dumme Latinismen oder Französismen der Vergangenheit vorschlagen - sagen wir, statt "Hair Stylist" den guten alten "Frisör", statt "Controller" den "Kontrolleur", statt "Dossier" die "Akte" oder statt "Motherboard" die "Hauptplatine".



Wer mir im dritten Teil dieser Serie bei der Kritik an Anglizismen zugestimmt hat, der wird sich vielleicht wundern, daß ich jetzt scheinbar gegen die Sprachreiniger Front mache. Aber ich kritisiere ja nicht ihr Vorhaben als solches, dem im Gegenteil meine Sympathie und Unterstützung gilt. Nur finde ich, daß es nicht um Reinheit oder Verunreinigung geht, sondern um dumme, nutzlose und gespreizt klingende Übernahmen aus anderen Sprachen auf der einen Seite; und auf der anderen Seite um Bereicherungen durch Wörter und Ausdrücke, für die das Deutsche noch keine gute Entsprechung hatte.

Oft kommt mit dem neuen Wort ja die neue Sache; - wie einst vinum und die schola, wie später das parfum und die perruque, so heute das internet und der CD player.

Ob sich dafür deutsche Kunstwörter einbürgern, scheint von mehreren Faktoren abzuhängen - vor allem der Kürze und Eingängigkeit des konkurrierenden deutschen Worts. "Festplatte" ist genauso kurz wie "hard disk" und konnte sich also durchsetzen, wie auch "löschen" für "to delete" und "speichern" für "to store". Aber für "laptop" gibt es eine solche griffige Eindeutschung halt nicht, oder für "scanner"; also wurde hier das englische Wort übernommen.

Manchmal freilich kann das auch zu Kuriosem führen. Ein Programm, das ich viel nutze und dessen Namen ich nicht verrate, übersetzt - es geht um die Anordnung von Symbolen auf einer Leiste (englisch "bar") - den Begriff "the symbol bar" mit "die Symbol-Bar".

Na denn prost! Oder prosit!



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Johann Gottfried Herder. Gemälde von Johann Ludwig Strecker (1775). In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist. Links zu allen Folgen dieser Serie findet man hier.

5. Dezember 2006

Anmerkungen zur Sprache (3): Kleine, gemeine, leise Anglizismen

Daß es reichlich albern ist, wenn die Deutsche Bahn ihre Schalter "Counter" nennt und wenn die Deutsche Telekom sich mit abgekürztem Namen "Tii-komm" aussprechen läßt, liegt auf der Hand. Das sind so dumme Anglizismen, daß man sie gar nicht diskutieren kann. Sie sind indiskutabel. Kein Wort also dazu.

Aber es gibt andere, versteckte Anglizismen, die interessanter sind. Von ihnen ist hier die Rede.



"Hast du deinen Führerschein in der Lotterie gewonnen?" fragte man früher einen tölpelhaften Fahrer. Vielleicht tut man es auch heute noch; ich habe es allerdings lange nicht mehr gehört.

In dieser Redewendung wird "gewinnen" in einer seiner beiden Hauptbedeutungen benutzt: Man "gewinnt" etwas in einem Spiel, einer Ausspielung, einem Wettbewerb. Das große Los, einen Trostpreis, eine Medaille zum Beispiel. In einer zweiten Bedeutungsvariante "gewinnt" man nicht etwas, das man mit nach Hause nehmen kann, sondern ein Spiel, einen Kampf, eine Auseinandersetzung. Der "Gewinner" ist hier nicht der "glückliche Gewinner", sondern der Sieger. Beim Olympiasieger trifft beides zusammen: Er gewinnt, sagen wir, den Marathonlauf; und er gewinnt dafür die Goldmedaille.

Eine Ehrung aber "gewinnt" man im Deutschen nicht. Ebensowenig, wie einen Nobelpreis oder den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Solche Preise bekommt man zuerkannt. Man wird mit einem derartigen Preis geehrt. Schlicht gesagt: Man erhält ihn. Man ist der Preisträger und nicht der Gewinner.

Im Englischen aber sagt man to win the Nobel Prize. Seit ein paar Jahrzehnten häuft sich auch im Deutschen dieser Ausdruck. "Kurz vor 12 Uhr mittags kam ein Anruf aus Stockholm: Er, Hänsch, habe den diesjährigen Nobelpreis gewonnen" konnten wir zum Beispiel vor gut einem Jahr in Spiegel-Online lesen. Offenbar hat man in Stockholm in eine Lostrommel gegriffen - und wie es der Zufall wollte, war der deutsche Physiker Hänsch der Glückliche, dessen Namen auf dem gezogenen Los stand.



Das sind sie - die kleinen, leisen, die gemeinen Anglizismen.

Wenn in Deutschland Schüler und Studierende aus einem Buch lernen, dann ist das ein Lehrbuch. Wenn es ein Buch ist, in dem Texte versammelt sind, dann ist es ein Lesebuch. Neuerdings aber ist es immer häufiger ein "Textbuch". Offensichtlich deshalb, weil so etwas auf Englisch textbook heißt. Besonders apart ist es, wenn selbst ein Deutsch-Lesebuch zum Textbuch mutiert, wie zum Beispiel hier.

Wenn man genau angeben möchte, in welchem Jahr etwas passierte, dann sagt man "im Jahr 1914 brach der Erste Weltkrieg aus" oder "2005 fanden vorgezogene Bundestagswahlen statt". Englisch heißt das in 1914 und in 2006. Auch diese Redeweise beginnt auf breiter Front ins Deutsche einzudringen. Heute lesen wir zum Beispiel im Internet an einem Ort, der sich immerhin als Adresse für Ausbildung, Studium und Beruf empfiehlt: "Eindrucksvoll bestätigen die Ergebnisse des Karrieretests auch in 2006, dass ein BWL-Studium neben dem Beruf ein ausgezeichneter Karriere-Motor ist". Ohne das "in" wäre das ein deutscher Satz. So ist es ein Bastard.

Keine dieser Änderungen des Deutschen ist eine Bereicherung. Der Ausdruck wird dadurch nicht klarer, nicht plastischer, nicht präziser. Der Anglizismus macht keinen Sinn.

"Macht" keinen Sinn? Doesn't make sense, so sagt man es im Englischen. Im Deutschen heißt das: "ergibt keinen Sinn". Oder - was hier besser passen würde - "ist nicht sinnvoll".

Und zumindest wer einen "Kurs in Deutsch lehrt" oder ihn gar "gibt" (teaches a course in German, gives a course), sollte das wissen. Wenn er den Kurs eben nicht "in Deutsch" "lehren" oder "geben" würde, sondern einen Deutschkurs anbieten, leiten oder veranstalten.



Wie kommt es zu diesen versteckten Anglizismen? Anders als das Denglisch à la "Hair Shop" und "Meeting Point" sind sie nicht der unsäglichen Dummheit geschuldet, welche die Werbestrategen bei ihren Kunden vermuten. Sondern sie entstehen aus Nachlässigkeit.

Bilingualismus ist eine der erstaunlichsten Fähigkeiten des menschlichen Gehirns. Kinder können zwei Sprachen so leicht lernen wie eine. Man kann das an vielen Kindern von Einwanderern sehen; seltsamerweise scheinen wir es unseren deutschen Kindern aber nicht zuzutrauen.

Meist gelingt es Bilingualen hervorragend, die beiden Sprachen syntaktisch getrennt zu halten; vor allem bei sogenannten coordinate bilinguals, bei denen die beiden Sprachsysteme auch in Bezug auf die Begrifflichkeit, also "konzeptuell", weitgehend getrennt sind. Aber gelegentlich kommt es doch vor, daß Ausdrucksweisen der einen Sprache in die andere hineinschwappen. Günther Anders, der Deutsch als Muttersprache hatte und in die USA emigrieren mußte, schrieb gern "in anderen Worten" statt "mit anderen Worten". Als jemand, der von Anders eine sehr hohe Meinung hat, habe ich mich wiederholt dabei erwischt, "in anderen Worten" zu schreiben. Nicht, weil ich das besser oder treffender gefunden hätte als den deutschen Ausdruck. Es war die pure Schlamperei.

Vor ungefähr zwanzig Jahren habe ich habe einmal in einem Manuskript geschrieben: "Das ist nicht wirklich plausibel". Damals schrieb die Herausgeberin auf die Druckfahne: "Sie meinen sicherlich 'wirklich nicht plausibel'?" Das habe ich zerknirscht korrigiert; es war ja ein ungewöhnlich dummer Anglizismus gewesen. Heute ist "nicht wirklich" als deutsches Echo auf not really längst etabliert.



Alles nicht schlimm? Vielleicht. Auch Daumenlutschen und Nasebohren sind ja nicht schlimm. Nachlässigkeiten, fehlende Disziplin. Vermutlich wird man diese sprachlichen Schludereien nicht vermeiden können; als Preis des Bilingualismus. Aber man sollte ihnen doch entgegenwirken, so gut man kann. Gerade wenn man, wie ich, dafür eintritt, daß alle Kinder bilingual aufwachsen.

Sie sollten ihre Muttersprache und Englisch beherrschen, aber sie bitte nicht ineinanderrühren. Sondern sie hübsch getrennt halten. Separate but equal.



© Zettel. Titelvignette: Johann Gottfried Herder. Gemälde von Johann Ludwig Strecker (1775). In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist. Links zu allen Folgen dieser Serie findet man hier.

29. November 2006

Anmerkungen zur Sprache (2): Die neue Lingua Franca

Gestern am späten Nachmittag übertrug der Sender Phoenix den Besuch des Papstes beim diplomatischen Corps in Ankara. Die Begrüßungsworte sprachen ein katholischer Würdenträger und der Doyen des diplomatischen Corps, der Botschafter des Libanon. In welcher Sprache redeten sie? Natürlich sprachen sie Englisch.

Der Papst sprach dann teils Englisch, teils Französisch. Er wechselte mehrfach zwischen diesen Sprachen. Nach welchen Gesichtspunkten, habe ich nicht verstanden, denn der Papst war ohnehin schlecht zu verstehen. Ärgerlicherweise brabbelte nämlich ein Übersetzer darüber, so daß die Worte des Papsts weitgehend akustisch maskiert wurden.

So, wie es leider in einem Land die Regel ist, in dem die Medien offenbar unterstellen, daß ihre Zuschauer und Zuhörer sozusagen akustisch illiterat sind, sobald ein Text nicht auf Deutsch gesprochen wird.



Es gehört zu den Merkmalen aller Hochkulturen, daß sie sich eine gemeinsame Sprache schaffen, eine Lingua Franca. Es war folglich immer das Merkmal der Zivilisierten, mindestens zweisprachig zu sein.

In der Antike war das Griechische die Sprache der Wissenschaften und der Philosophie. Dies blieb es auch noch, als Griechenland politisch abgestiegen war und Rom die zivilisierte Welt dominierte. Damals wurde Latein die Lingua Franca außerhalb des Kulturlebens. Aber noch der Jude Paulus schrieb, bereits auf einem Höhepunkt der Macht des Römischen Reichs, nicht Latein, sondern Griechisch.

Aus dem Lateinischen gingen viele europäische Sprachen hervor, und viele andere - das Englische zum Beispiel, das Deutsche - wurden stark vom Latein beeinflußt. Zugleich blieb es aber die Sprache der Wissenschaft, auch zum Teil die Sprache von Urkunden, von Verträgen.

Es war ein ungeheurer Vorteil für das mittelalterliche Europa, daß es diese gemeinsame Sprache, diese Lingua Franca, hatte. Es gab dadurch einen geistigen Austausch, der keine Grenzen der Länder, der Nationen kannte.



Bei vielen der Gelehrten des Mittelalters ist es belanglos - und wird oft auch gar nicht beachtet -, welcher Nationalität sie eigentlich waren. Thomas von Aquin war Italiener, aus der Gegend von Neapel gebürtig, lehrte aber in Paris. Sein Lehrer Albertus Magnus war Deutscher - Bayer -, studierte aber in Padua und Bologna. Er lehrte an verschiedenen deutschen Universitäten und dann in Paris. Duns Scotus war, wie sein Name sagt, geborener Schotte. Er studierte und lehrte in Oxford, in Paris, später in Köln.

Und so fort. Ein bedeutender Gelehrter des Mittelalters, der sich als "Deutscher", als "Franzose" oder als "Schotte" verstanden hätte und der gar darauf beharrt hätte, in seiner Nationalsprache zu lehren und zu schreiben, war undenkbar.



Als Sprache der Wissenschaft blieb das Latein bis ins achtzehnte, teilweise bis ins neunzehnte Jahrhundert dominant. Noch der große Physiologe E.H. Weber publizierte seine bahnbrechende Arbeit über den Tastsinn zunächst unter dem Titel "De tactu". Das war 1834! Und noch Schopenhauer schrieb teilweise Lateinisch und bewarb sich auf Latein an der Berliner Universität.

Aber das war damals, in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, schon zu Seltenheit geworden. Bereits Descartes hatte seine Schriften zwar noch zum Teil auf Latein, zum Teil aber schon auf Französisch verfaßt; wie den berühmten "Discours de la méthode", die Abhandlung über die Methode.

Etwa zu seiner Zeit - also in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts - begann eine Epoche, in der das Französische das Latein weitgehend als Lingua Franca ablöste. Spinoza schrieb noch Latein, Leibniz aber schon überwiegend Französisch. Im achtzehnten Jahrhundert dann war Französisch die Sprache der Gebildeten. Friedrich II von Preußen beherrschte sie perfekt; die Feinheiten hatte er sich von Voltaire lehren lassen. In Fontanes wunderbarem Roman "Vor dem Sturm" kann man lesen, wie die Gebildeten in Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts noch Französisch parlierten; in Rußland tat man es bis zur Oktoberrevolution.

Davon ist das Französische als "Sprache der Diplomatie" geblieben, wie es der Papst gestern erwähnte, als er auf Englisch begründete, warum er jetzt ins Französische wechseln würde. Aber selbst Diplomaten verständigen sich heute überwiegend auf Englisch; auch wenn sie noch einen Doyen haben und als Attachés ein Aide-Mémoire ausarbeiten.



Also, der Papst war, als er in Ankara passagenweise Französisch sprach, mal wieder ein Konservativer. Die Zeit des Französischen ist jedoch vorbei. Die heutige Lingua Franca ist natürlich das Englische. Oder genauer gesagt: English with a foreign accent.

Kürzlich wurde ich vor der Universität von zwei Iranern auf eine Spende angesprochen, die sich als exilierte Professoren ausgaben. Natürlich auf Englisch. Sie sahen in mir einen Universitätsmenschen; also setzten sie voraus, daß ich Englisch konnte. Zu Recht natürlich. Wer in einer Wissenschaft arbeitet, der liest und schreibt Englisch. Das ist so selbstverständlich, wie ein Physiker die Mathematik beherrschen muß und ein Musiker die Notenschrift.

Aber längst ist ja das Englische nicht mehr nur die Lingua Franca der Wissenschaft. Sondern es ist die Lingua Franca der Globalisierung.

Junge Leute, die als Rucksacktouristen unterwegs sind, verständigen sich ebenso selbstverständlich auf Englisch wie Geschäftsleute, die Waren ex- und importieren oder die in multinationalen Unternehmen tätig sind. Jeder Künstler, der etwas taugt, spricht auf Vernissagen, bei der Vorstellung eines Films, bei Konzertproben Englisch mit den Mitarbeitern, mit den Gästen. Auf internationalen Konferenzen gebietet es zwar oft der Nationalstolz, Reden in der eigenen Sprache zu halten; aber wenn man sich informell trifft, dann wird natürlich auf Englisch diskutiert.



In den kleineren Ländern Europas ist diese Zweisprachigkeit längst selbstverständlich geworden. Ob man in Schweden unterwegs ist oder in Lettland, ob in Holland oder Dänemark - man wird kaum jemanden treffen, mit dem man sich nicht auf Englisch verständigen kann.

Als ich einmal in Holland gearbeitet habe, sind meine Versuche, das Niederländische zu lernen, dadurch untergraben worden, daß ich überall mit Englisch durchkam, ja daß man es mir aufdrängte. Vom Hausmeister des Instituts, in dem ich arbeitete, bis zum Taxifahrer und zur Kellnerin antworteten mir alle sofort auf Englisch, wenn ich Niederländisch zu radebrechen anhub.

Nur in den "großen Nationen", allen voran Frankreich und Deutschland, klappt es noch nicht mit der Einführung der Lingua Franca. In beiden sehen viele den Vormarsch des Englischen als eine Attacke auf die eigene Sprache, ja die eigene Kultur.

Quelle sottise! Denn wer eine zweite Sprache beherrscht, der hat natürlich viel mehr Verständnis für die eigene Sprache als diejenigen, die das nicht tun. Es sind ja gerade die Ungebildeten, diejenigen, die des Englischen nicht mächtig sind, die auf das dumme, manchmal absurde Denglisch der Werbung, der Medien hereinfallen. Man beutet aus, daß sie kein Englisch können; jedenfalls nicht hinreichend Englisch können.

Dazu ein paar Überlegungen im dritten Teil.



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19. November 2006

Anmerkungen zur Sprache (1): Traduttore, traditore

Man kann falsch übersetzen. Richtig übersetzen kann man im Grunde nicht.

Eine Übersetzung aus einer natürlichen Sprache in eine andere natürliche Sprache ist keine "Übertragung"; so wie man, sagen wir, bei einer TV-Übertragung Bilder in elektromagnetische Schwingungen und diese wieder zurück in Bilder "übersetzt". Ein übersetzter Text ist vielmehr ein neuer Text, der mit dem Originaltext mehr oder weniger zahlreiche Gemeinsamkeiten hat.

Ist die Übersetzung gelungen, dann gibt es viele Gemeinsamkeiten in den wesentlichen Merkmalen. Ist sie mißlungen, dann ist die Schnittmenge kleiner. Die gute Übersetzung ist nicht eigentlich "richtig". Die mißlungene ist in der Regel nicht in einem absoluten Sinn "falsch". Sie liegen an verschiedenen Stellen auf einem Kontinuum, das Perfektion nicht einschließt. Und ebensowenig ein völliges Mißglücken.



Meist jedenfalls. Grenzfälle gibt es freilich.

Ich erinnere mich aus meiner Schulzeit an die Übersetzung, die ein Mitschüler für den Satz: "Vous avez cette tranquillité d'âme qui est le propre du sage" gefunden hatte. Sie lautete: "Sie haben die Geduld eines Esels, der sauber und brav ist".

Das Unheil begann offensichtlich damit, daß der Unglücksrabe "âme" (Seele) mit "âne" (Esel) verwechselte. "Propre", das wußte er, heißt "sauber". Es heißt allerdings auch "eigen"; das wußte er wahrscheinlich nicht. Und "sage" heißt in der Tat "brav", aber "le sage" ist auch "der Weise". Der Satz lautet also, richtiger übersetzt: "Sie haben jene Seelenruhe, die dem Weisen eigen ist".

Richtiger - aber richtig? Sollte man statt "Seelenruhe", ein doch etwas altfrankisch-unüblicher Begriff, nicht vielleicht "Gelassenheit" übersetzen? Und "dem Weisen eigen", das klingt ja auch nicht eben wie modernes Deutsch. Also wäre eine richtigere Übersetzung vielleicht: "Sie haben jene Gelassenheit, die den Weisen auszeichnet"? Oder einfach: "Sie haben die Gelassenheit eines Weisen"? Oder warum dann nicht gleich: "Sie haben die typische Gelassenheit eines Weisen"?

Da hätten wir dann einen schönen, runden, einfachen deutschen Satz. Von der Umständlichkeit, auch vom Sprachrhythmus des Originals, auch von dessen eigener Altfränkischkeit, ist freilich nichts mehr erhalten geblieben.



Bei technisch-naturwissenschaftlichen Texten liegen die Dinge anders; wie auch bei juristischen, bei sonstigen fachlichen Texten. Sie kann man weitgehend in einem absoluten Sinn richtig übersetzen, weil die Sprache schlicht ist, weil die Termini definiert sind. Im Grunde geht es hier nur darum, Bedeutungen zu kennen oder nachzuschlagen und die Syntax der einen Sprache in die der anderen zu transformieren.

Nur - warum in aller Welt sollte man das tun? Es liegt doch auf der Hand, daß einfache Texte mit einer eindeutigen Terminologie gleich auf Englisch geschrieben werden sollten und daß auch jedem zugemutet werden kann, das zu tun; erst recht solche englischen Texte zu lesen, wenn sein Beruf das verlangt. Die Debatte darüber, ob deutsche Wissenschaftler nicht ihre Publikationen auf deutsch schreiben und ihre Vorlesungen auf deutsch halten sollten, ist bizarr. Sie wird allerdings im Augenblick heftig geführt; deshalb werde ich auf sie in einem späteren Teil dieser Serie zu sprechen kommen.

Aber darum geht es hier nicht. In Fachtexten spielen Konnotationen, Nebenbedeutungen, spielen Rhythmus und Prosodie, spielt das ganze Netz der Assoziationen kaum eine Rolle. Also alles das, was einen Alltagstext, was erst recht Prosa und was ganz und gar Lyrik über die schlichte Denotation hinaus ausmacht.



Hier also, bei Fachtexten und nur bei ihnen, liegt das Terrain der automatisierten Übersetzung. Solange, wie nicht alle diese Texte gleich auf Englisch geschrieben werden.

In den sechziger Jahren, als es die ersten theoretischen Vorarbeiten für automatisches Übersetzen gab - von lauffähigen Programmen war man damals noch sehr weit entfernt -, erzählte der Tübinger Altphilologe Wolfgang Schadewaldt seinen Studenten, unter denen ich damals saß, den folgenden Witz: Ein Übersetzungsprogramm wird mit dem Satz "Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach" gefüttert und übersetzt ihn ins Chinesische. Dann gibt man diesen chinesischen Satz ein und läßt ihn ins Deutsche zurückübersetzen. Ergebnis: "Der Schnaps ist gut, aber das Steak ist zäh".

Das war damals nicht nur gut erfunden, sondern es entsprach auch dem Stand des Wissens und Könnens vor knapp einem halben Jahrhundert. Schadewaldt, der Meister des Übersetzens aus dem Griechischen, erzählte diesen Witz natürlich, um seine Verachtung für die in seiner Sicht erbärmlichen Versuche auszudrücken, Maschinen das Übersetzen beizubringen.

Hat er Recht behalten? Ja und nein. Wenn man den Satz aus dem Witz in Google Translate eingibt und ihn ins Englische übersetzen läßt, dann bekommt man: "The spirit is willing, but the flesh is weak", und zurückübersetzt liefert das brav: "Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach."

Nur besagt das nicht viel. Der Satz ist beim Google-Programm offenbar im Phrasenspeicher für Englisch und Deutsch enthalten.

Um ein Schadewaldt'sches Resultat zu bekommen, muß man einen kleinen Umweg gehen. Aus dem Deutschen zum Beispiel ins Spanische ("El alcohol está dispuesto, pero la carne es débil") und von dort ins Englische liefert: "The alcohol is arranged, but the meat is weak". Schadewaldt würde im Grab laut lachen.



Schadewaldts Einsichten waren der erste Anlaß für mich, über die Fragwürdigkeit des Übersetzens nachzudenken. Ein zweiter ergab sich daraus, daß ich damals, als Student, Gelegenheit hatte, ein wenig an einer Arbeit mitzuwirken, die sich mit Rilkes Übersetzungen von Gedichten Paul Valérys befaßte.

Ich erinnere mich noch an die erste Zeilen des "Cimetière Marin" und Rilkes Übersetzung: "Ce toit tranquille où marchent des colombes / entre les pins palpite, entre les tombes." Beschrieben wird die Zeit des Mittags, die Stunde des Gottes Pan in der griechisch-römischen Tradition. Diese Überklarheit, dieses Flirren, diese lähmende Ruhe auch. Valéry drückt das aus durch die harten t- und p-Laute, das "Marschieren" der aufgereihten Segler, wie Tauben auf dem Dach, das "Zittern" ("Pulsieren"? "Beben"?) des flimmernden Horizonts zwischen den Pinien.

Sinnlichkeit also, intellektuell mit Schärfe, ja Überschärfe reflektiert, wie oft bei Valéry.

Und nun Rilkes Übersetzung (aus der Erinnerung zitiert; ich habe den Text nicht vorliegen): "Dies stille Dach, auf dem sich Tauben finden, / scheint Grab und Pinie schwingend zu verbinden". Aus dem harten, affirmativen "palpiter" wird eine weiches, sanftes und unbestimmtes "scheint schwingend zu verbinden"; das fast militärische "marcher" wird zu "sich finden". Aus der Klarheit des lateinischen Mittags mit seiner niederbrennenden Sonne wird bei Rilke eine nachgerade romantische Idylle, im Inhalt wie im Wortklang und in der Prosodie.

Keine "Übertragung" also. Noch nicht einmal eine "Nachdichtung". Sondern Rilke, der ein durch Valéry inspiriertes Gedicht verfaßt.



Und noch ein drittes Beispiel, das mich für die Lektüre von Übersetzungen verdorben hat:

Ab etwa Mitte der siebziger Jahre erschien eine sehr eigenwillige Zeitschrift, "Die Republik". Sie war am Vorbild der "Fackel" orientiert, bis hin zur graphischen Gestaltung, und wurde herausgegeben von Uwe Nettelbeck, zeitweilig unterstützt von seiner Frau Petra. In der Lieferung 48-54 vom 8. Mai 1980 war eines der Themen Gustave Flaubert. Nettelbeck hatte sich die Mühe gemacht, alle verfügbaren deutschen Übersetzungen des berühmten ersten Absatzes des Zweiten Teils der "Madame Bovary" zusammenzutragen und sie, zusammen mit dem Original, abzudrucken.

Ich habe mir das damals ziemlich lang und ziemlich genau angesehen, weil ich es spannend fand, die richtige Übersetzung zu finden. Aber ach, es gab sie nicht: Die Übersetzungen waren nicht nur allesamt verschieden - sie wichen zum Teil krass voneinander ab -, sondern es gelang mir auch nicht, diejenige herauszufinden, die den Text "richtig" wiedergab.

Alle hatten sie den einen oder anderen Aspekt des Originals getroffen und andere vernachlässigt. Dem einen Übersetzer war es gelungen, den Sprachrhythmus zu erhalten; dafür klang sein Text im Deutschen unbeholfen und fremd. Der andere hatte sich um flottes Deutsch bemüht und dabei den Stil Flauberts verfehlt. Manche hatten brutal in der Syntax von Flaubert herumgefuhrwerkt. Andere hatten sie exakt erhalten und dadurch Perioden hervorgebracht, die gerade dadurch, daß sie dem Original gerecht zu werden versuchten, schlechtes Deutsch waren.

Manches konnte man als Übersetzungsfehler ankreiden - beispielsweise Arthur Schurigs Übersetzung von "les garçons, le dimanche, s'amusent à pêcher à la ligne" damit, daß "die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer Belustigung angeln".

Wußte der Übersetzer nicht, daß "pêcher à la ligne" schlicht "angeln" heißt, ganz ohne "reihenweise"? Aber was, wenn er vielleicht besonders um Textnähe bemüht war und dem deutschen Leser dieses Bild der aufgereiht dasitzenden Angler vermitteln wollte, das vor dem geistigen Auge des Franzosen auftaucht, wenn er pêcher à la ligne liest? Arno Schmidt hat sich bei seinen Übersetzungen oft um eine solche extreme Form der Textnähe bemüht, und Harry Rowohlt hat es ihm, in Pooh's Corner in der "Zeit", einmal als übersetzerische Unfähigkeit angekreidet.




So what? Ich möchte eine persönliche und eine allgemeine Konsequenz nennen.

Die persönliche ist einfach: Ich vermeide es, wenn irgend das möglich ist, Übersetzungen zu lesen. Das verschließt mir die russische und die gesamte slawische Literatur, die skandinavische und viele anderen. Ich kann's verkraften; denn die verbleibende Lebensspanne wird nicht ausreichen, in den mir verfügbaren Sprachen das zu lesen, was ich gern gelesen hätte.

Allgemein trete ich dafür ein, daß alle Menschen mindestens zweisprachig erzogen werden sollten: in der Muttersprache und im Englischen. Ein Kind lernt in seinen ersten zwei bis sechs Lebensjahren zwei Sprachen ebenso leicht wie eine. Die Mühe für das Kind wäre also gering. Der Aufwand für das Erziehungssystem wäre bescheiden.

Wir leben in einer glücklichen Zeit, in der es zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte eine Lingua Franca gibt. Das Englische ist dabei, sich von der Muttersprache der angelsächsischen Völker zu einer Sprache zu entwickeln, die weltweit beherrscht wird. Das, was die Esperantisten mit ihrer Kunstsprache wollten, ist jetzt mit der gewachsenen Sprache Englisch Wirklichkeit geworden.

Warum also nicht schon im Kindergarten die Kinder zweisprachig erziehen? Warum sollte es nicht erreichbar sein, daß alle deutschen Kinder ebenso gut und vollständig beim Schuleintritt Deutsch und Englisch beherrschen, wie die Kinder von Einwanderern Deutsch und Türkisch oder Deutsch und Serbokroatisch beherrschen?

Sie würden dann vermutlich nicht ein Cell Phone als "Handy" bezeichnen. Und sie würden sich schlapp lachen über alle die albernen Anglizismen, mit denen man ihre Kauflust anzuregen versucht.

Denn der Reiz aller dieser Anglizismen besteht ja gerade darin, daß sie fremd sind.



© Zettel. Titelvignette: Johann Gottfried Herder. Gemälde von Johann Ludwig Strecker (1775). In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist. Links zu allen Folgen dieser Serie findet man hier.