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31. Mai 2009

Zettels Pfingstplauderei: "Genial daneben". Über Witz, Intelligenz, Infantilität. Wie sie zusammenhängen

Am Lachen habe ich ein ernsthaftes Interesse.

Was bringt uns Menschen dazu, in bestimmten Situationen dieses seltsame Verhalten zu zeigen, das von kaum wahrnehmbarem Schmunzeln bis zu jenem schenkelklopfenden Gedröhne reicht, bei dem uns, wenn wir richtig gut drauf sind, die Tränen über die Wangen laufen? Was also bringt uns zum Lachen?

Warum lachen wir einerseits über Witze, über Komik; andererseits aber auch aus Verlegenheit? Und was hat dieses Verhalten mit Höflichkeit zu tun, so daß wir lächeln, wenn uns zum Beispiel ein Fremder vorgestellt wird oder wenn wir in die Kamera schauen?



Keine Sorge, lieber Leser, ich werde nicht tiefsinnig. Dies ist ja eine Plauderei. Falls es Sie interessiert, was ich zu einigen der obigen Fragen meine, dann haben Sie vielleicht Lust, diesen grundlegenden Artikel über Ursprung und Wesen des Lachens zu lesen. Und falls Sie sich über mich lustig machen wollen, dann lesen Sie doch hier nach, wie ich einmal an der falschen Stelle, oder vielmehr am falschen Ort, lachte.

Jetzt soll es um eine TV-Sendung gehen. Die im Augenblick lustigste, nein witzigste, die es im deutschen Fernsehen gibt: "Genial daneben"; samstags kurz nach zehn bei Sat1 zu sehen.

Der Moderator, oder eher der Dompteur, ist Hugo Egon Balder. Immer dabei sind Hella von Sinnen und Bernhard Hoëcker; zwischen ihnen sitzen wechselnde Gäste: Olli Dittrich zum Beispiel, Oliver Welke oder Herbert Feuerstein. Gestern Abend waren es Eckart von Hirschhausen, Wigald Boning und Altmeister Jochen Busse. Komiker also, die heutzutage nicht mehr so heißen, sondern Comedians.

Das Konzept der Sendung ist genial einfach: Eine Mischung aus Quiz und Blödelei. Zu erraten ist entweder, was ein Begriff bedeutet ("Was ist Stangenarbeit?") oder was es mit einem seltsamen Sachverhalt auf sich hat ("Warum werden in Hannover regelmäßig Papiertaschentücher auf einer Diätwaage gewogen?").

Die Begriffe, die Sachverhalte sind echt; von Zuschauern eingesandt und von der Redaktion verifiziert. Sie werden den fünf Comedians vorgeworfen, ungefähr wie ein Knochen einer Meute junger Hunde. Und nun fallen sie darüber her, einander überbietend, einander ins Wort fallend, aufgeregt wie die Schulkinder.

Ja, wie die Schulkinder. Denn das ist das Geheimnis dieser Sendung: Da sitzen eine Handvoll Erwachsene, die sich wie die Kinder benehmen. Neugierig wie die Kinder. Einfallsreich wie die Kinder. Auch mit einem kindlichen Sinn für Komik.

Die Sendung ist, wenn sie gut ist, unheimlich schnell. Nicht alle kommen da mit. Mancher der Gäste verstummt allmählich, weil er diesem Tempo augenscheinlich nicht gewachsen ist.

Nicht alle schaffen es auch, sich auf diese infantil- intelligente Blödelei einzulassen. Von Sinnen und Hoëcker sind Meister darin. Manchen Gäste, wie Boning und Olli Dittrich, stehen ihnen in nichts nach. Andere, wie Feuerstein, beherrschen zwar das Infantile, es fehlt ihnen aber - vielleicht altersbedingt - die Schnelligkeit.

Wieder andere versuchen gar nicht, auf diesen Stil einzusteigen, sondern geben sich ironisch- distanziert. Wie gestern Busse und auch Eckart von Hirschhausen, der allerdings wohl hauptsächlich mit von der Partie war, um sein Buch zu bewerben.



Gefragt ist Witz, und zwar im doppelten Wortsinn. Ursprünglich bedeutete "Witz" eine geistige Fähigkeit. Aus dem Grimm'schen Wörterbuch erfahren wir:
Schon die frühesten Belege zeigen Witz als intellektuelles Vermögen, vielleicht deutet aber ahd. uuizza sowie die Verwandtschaft mit ai. vidyā́ 'wissen' darauf hin, daß Witz ursprünglich auch gewußte Inhalte umfaßte. (...) Eine neue Aufgabe fällt dem Worte im 17. Jh. zu, als das gesellschaftlich- literarische Ideal des Bel Esprit, 'des aufgeweckten, artigen Kopfes' aufkommt. Witz wird unter Einfluß des franz. Esprit und des engl. Wit Bezeichnung für die Gabe der sinnreichen und klugen Einfälle.
Diese sinnreichen und klugen Einfälle braucht sie, die Ratemannschaft bei Hugo Egon Balder, und sie sprudelt nur so vor Witz.

Gestern zum Beispiel war u.a. zu erraten, was ein "Feuchtreiber" ist.

Autopolitur? Eine Streichholzschachtel, an der man auch im Feuchten noch ein Streichholz entzünden kann? Feuchter Reibeputz am Haus? Ein Vogel, eine Art Sumpfdohle? Eine Gerät zum Reinigen von Fenstern? Eine Wattpflanze? Ein perverser Frottierer, der sich im Schwimmbad seine Opfer sucht? Ein sich am Pfahl schubberndes Schwein? Ein Gletscher, der am Boden reibt? Der Besen beim Curling? Ein Brillentuch? Oder, wie Eckart von Hirschhausen beisteuerte, ein Tuch, mit dem jemand, der angeblich Joggen ging, aber gar nicht joggte, anschließend künstlichen Schweiß auf die Stirn wischt?

In vier Minuten produziert, diese Einfälle. Nur leider alle falsch. Es handelt es sich um eine Walze in Druckmaschinen, die für die gleichmäßige Verteilung von Flüssigkeit sorgt.

Meist aber bekommen sie die Lösung heraus, die fünf - nein, nicht Ratefüchse; eher Ratewelpen. Sogar, was ein "Krallenanschlag" ist, haben sie gestern (fast) erraten. (Das Fixieren einer Kettensäge am Baum während des Sägens mittels einer Kralle).



Gefragt ist also laterales Denken, divergentes Denken. Die Fähigkeit, Einfälle zu produzieren, überraschende Assoziationen. Gefragt ist derjenige Aspekt der Intelligenz, der in den sechziger und siebziger Jahren unter der Überschrift "Kreativität" ausgiebig untersucht wurde. Das Brainstorming wurde damals erfunden und praktiziert. In der Zeit, in der sich die Sitten lockerten, lockerten sich auch die Gedanken.

Diese Art des Denkens scheint nun eng mit Witz im Sinn des Lustigen zusammenzuhängen, und mit Infantilität. Viele "Kinderwitze" ergeben sich aus Äußerungen von Kindern, die es durchaus ernst meinen. Fritzchen, vier Jahr alt, sieht auf dem Dachboden sein altes Laufställchen und fragt: "Kriege ich jetzt ein Brüderchen?" - "Wieso?" - "Na, die Falle ist doch schon aufgestellt".

Warum ist Kreatives, Originelles, oft zugleich lustig? Es ist wohl die Abweichung vom Normalen, die Verletzung der Gesetze der Logik, das Mißachten der Realität, das auf uns witzig wirkt. Das Realitätsprinzip wird einen Augenblick lang gelockert, meinte Freud. Das erspart Hemmungsaufwand oder, wie Freud sagt, Besetzungsaufwand. Es wird psychische Energie frei, deren Abfuhr lustvoll ist.



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Der Ha Ha Guy; eine Werbefigur, die in den USA für Forbes Dry Plates warb, in der Frühzeit der Fotografie.

4. März 2008

Marginalie: Was hat die Dittscherisierung mit einem Aufpustmodul gemeinsam? Und woher kommt das Montagerheiterungspotential solcher Wörter?

Antwort auf Frage eins: Beides sind aktuelle Neologismen. Genauer: Ganz aktuelle Neologismen, erstmals erfaßt am 29. März in der Liste von 24 neuen Wörtern, serviert von der Wortwarte Tübinger Linguisten. Immer sehr amüsant zu lesen. Auch wenn einem manche dieser Neuschöpfungen so ganz neu nicht vorkommen; zum Beispiel das "Mobilheim" vom 25. 2. 2008.



Kaum eine Sprache eignet sich so zur Bildung von Neologismen wie das Deutsche. Man könnte sagen, diese Sprache ist sozusagen ein Algorithmus zum Generieren von Neologismen.

Denn was man in anderen Sprachen dadurch ausdrückt, daß man es mit Worten beschreibt, das wird im Deutschen oft sprachlich gefaßt, indem man ein langes - manchmal sehr langes - zusammengesetzten Wort erfindet, "six or seven words compacted into one, without joint or seam", wie es Mark Twain in seinem Aufsatz über die fürchterliche deutsche Sprache formuliert; sechs oder sieben Wörter in eine einziges gedrängt, ohne Naht oder Gelenk. Das Ergebnis sind Wörter aus dem überkommenen Schatzkästlein wie das legendäre
Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitän
oder das ebenfalls klassische
Generalstaatsverordnetenversammlung;
aber eben auch die ständig neu entstehenden Neologismen, wie sie von der Tübinger Wortwarte gesammelt werden. In den letzten Tagen entdeckte ihre Suchmaschine zum Beispiel
Krankheitskostenerstattungsschnorrer
und, auch sehr hübsch,
Liebesverwirklichungsersatz.
Und jetzt bin ich gespannt, wie lange sie braucht, die Tübinger Suchmaschine, um
Montagerheiterungspotential
aufzuspüren.

Habe ich das etwa eben erfunden? Keineswegs. Ich habe es gestern vorgefunden, und zwar in "Zettels kleinem Zimmer", geschrieben von Reader.



Nun zur Frage zwei:

Woher kommt das Montagerheiterungspotential von Wörtern wie
Montagerheiterungspotential,
warum finden wir das lustig? Einen Hinweis gibt vielleicht der zitierte Aufsatz von Mark Twain (Auszüge findet der eilige Leser hier).

Das meiste von den Bemerkungen über die deutsche Sprache, mit denen Twain seine englischsprachigen Leser erheitert, kann man als Deutschsprachiger nämlich kaum lustig finden. "Wegen des Regens" - darüber macht Twain seine Witze. Daß wir "die Engländerin" sagen und nicht einfach nur "Engländerin", das erscheint ihm urkomisch; "überbeschrieben" (overdescribed) werde die betreffende Person damit. Haha.

Kurz, lustig ist dergleichen für Mark Twain, weil es ihm ungewohnt ist; weil es seinen Erwartungen widerspricht. Er findet das Deutsche lustig, weil er sich darüber lustig machen kann.

Lachen ist - jedenfalls läßt sich das gut evolutionspsychologisch begründen - in seinem Kern die Reaktion auf ein Mißgeschick, das einem anderen widerfährt. Sich ungeschickt auszudrücken, etwas unnötig kompliziert zu sagen, zeigt Schwäche; regt also zum Lachen an.

Selbst dann, wenn es nicht Schwäche zeigt, sondern gezielt erfunden wurde, um diese Reaktion bei uns auszulösen. Wie bei Readers Neologismus, der witzig ist, intelligent und ironisch.

Dazu, das hinzubekommen, gehört freilich eine gute Portion Montagerheiterungspotential.

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31. Dezember 2006

Ja, darf man denn da lachen?

Lachen ist etwas Soziales. Ja, gut, man kann auch allein lachen. So, wie man vor sich hinreden kann. Aber das richtige, das herzhafte, das wiehernde, auch das befreiende Lachen - das vollzieht sich im Gleichklang mit anderen.

Über Witze, die man liest, schmunzelt man vielleicht, kichert in sich hinein. Nur der erzählte - am besten der in einer Gruppe erzählte - Witz läßt aber die ganze komplexe Koordination angeborenen Verhaltens ablaufen, die wir "Lachen" nennen. Das rhythmische Ausstoßen der Luft, das Verziehen des Gesichts, das Entblößen der Zähne. Das Vibrieren des ganzen Körpers, wenn wir so richtig schön lachen.

Und natürlich, damit einhergehend, das nicht unerhebliche subjektive Wohlgefühl, das die Evolution mit diesem Verhalten verknüpft hat.

Wenn man allein ist und lachen "muß", dann ist das bei weitem nicht so vergnüglich, aber es kann doch ganz schön sein.



Vorausgesetzt, man ist allein.

Denn es gibt ja auch diese Situation: Ein einsamer Lacher, auf den sich die Blicke von denjenigen richten, die keineswegs lachen "müssen". Nun steht er da, oder bleibt er sitzen, mit seinem Lachen, dem unsozialen.

So befreiend das gemeinsame Lachen ist, so peinlich ist das Lachen desjenigen, der "an der falschen Stelle" lacht. Der Tölpel, der eine Feierstunde durch sein Lachen stört. Der Theaterbesucher, der in die Ergriffenheit der anderen hinein lacht, weil er etwas Todernstes für einen Witz gehalten hat.

Sein Lachen erstirbt abrupt. Er sieht sich um, bemerkt sein Fehlverhalten, errötet und schämt sich. Er hatte und hat nichts zu lachen. Dieser Unangepaßte, dieser Asoziale.



So ist es mir vor ein paar Tagen gegangen. Naja, nicht genau so. Nämlich nicht im Theater, sondern im Kino. Und geschämt habe ich mich auch nicht, nur gewundert. Das aber sehr.

Wir haben Aki Kaurismäkis neuen Film gesehen. "Lichter der Vorstadt" heißt es auf den deutschen Plakaten. Mal wieder eine jener rätselhaften Eindeutschungen - der englische Titel ist Lights in the Dusk, also Lichter in der Dämmerung. Den finnischen kann ich leider nicht übersetzen; aber ich vermute, daß er näher am englischen als am deutschen ist.

Daß der Film in einer "Vorstadt" spielt, ist mir nicht aufgefallen. Mir schien das Helsinki zu sein.

Aber die "Vorstädte", da weiß ja gleich jeder, woran er ist: Da wohnen die Unterprivilegierten, die Prekären, wie man heute sagt.

Also ein sozialkritischer Film, so mag der Titel es signalisieren wollen. Ein ernsthafter Film, der uns belehrt, wie schlecht es den Menschen in dieser Gesellschaft geht.



Ich mag Aki Kaurismäki. Er hat einen Blick für Farben und Einstellungen wie wenige Regisseure. Viele seiner Einstellungen sind wie Gemälde, so künstlich gestaltet. Mit kargen Mitteln; ein Bild wird ja nicht besser, je mehr darauf zu sehen ist.

Kaurismäki ist ein Maler von Szenen, von extrem reduzierten und dadurch ästhetisierten Szenen. Vielleicht so etwas wie der Dennis Hopper des bewegten Bildes.

Das ist aber nicht der Hauptgrund, warum ich Kaurismäki mag. Der Hauptgrund ist sein Humor.

Nein, er macht keine Witze, er inszeniert keine "Komödien", keine "Lustspiele". Sondern er zeigt das Leben, wie es ist: Absurd, also lustig.

Nur übertreibt er natürlich, wie jeder Künstler. Oder "überhöht", wenn man diese Bezeichnung passender findet. Seine Gestalten tappen von Mißgeschick zu Mißgeschick. Sie gucken dabei traurig wie Buster Keaton. Sie verheddern sich in ein unbegreifliches, auch gar nicht beeinflußbares Schicksal. Sie tun das rührend, hilflos, stolpernd. Das ist lustig.

Beckett hat dergleichen auf die Bühne gebracht, Ionesco hat es zu einer überdrehten Perfektion entwickelt. In der Literatur haben es Robert Walser und vor allem Franz Kafka vorgeführt, zwei ganz große Humoristen. Und natürlich ist das große und unerreichte Vorbild dieser Art von traurig- humoristischer Literatur der Don Quijote.

Lachen also, auf seine - vermutliche - evolutionär älteste Form, seine Grundform somit, bezogen: das Lachen über das Mißgeschick, das anderen widerfährt.



Gewiß ist Kaurismäki nicht nur Humorist. Auch Kafka ware das nicht; so wenig, wie Wilhelm Busch und Karl Valentin. Das Mißgeschick, über das wir lachen, ist ja auch traurig. Nichts ist dümmer, als zwischen U und E zu trennen, zwischen den tragischen und den absurd- lustigen Momenten des Lebens.

Also kann man im Lustigen, kann man hinter dem Lustigen, das sich in einem Mißgeschick konkretisiert, immer auch das ganz Andere erkennen: Das Tragische, das entsetzlich Schlimme.

Man kann, wenn man will, neben dem persönlichen Pech derer, die es trifft, auch soziale Dimensionen wahrnehmen. Metaphysische gar, wie man das Kafka zugeschrieben hat. Daß wir über das Schicksal lachen können, liegt ja vielleicht just daran, daß es gemein, absurd, lächerlich ist. Ja, klar.

Diese Vielschichtigkeit uns vorzuführen - das unter anderem macht die Qualität eines Kunstwerks aus. Auch im Hamlet wird nicht nur getrauert und gestorben, sondern es werden auch kräftige Witze gerissen.

Wir haben in Bochum einmal eine Othello- Inszenierung von Peter Zadek gesehen, in der die Ermordungs- Szene laute Lacher provozierte. Othello wurde als eine Art Schattenriß gezeigt, das ganze war ein Bild aus einem Comic.

Ja, warum nicht? Es war erschütternd, lächerlich. Große Kunst also.



Nun gibt es freilich Grenzen dessen, was uns am Unglück anderer noch ein Lachen abnötigt. Das besagt auch die eingangs zitierte evolutionäre Theorie des Lachens: Ein mildes Mißgeschick war es, wie Stolpern, wie Pupsen, das unsere Vorfahren das Lachen als soziale Bewältigungsstrategie entwickeln ließ. Nicht tödliches Unglück.

Ab welcher Stufe fremden Unglücks Lachen "sich verbietet", das ist schwer zu sagen. Kinder sind da naiv. Sie lachen auch noch, wenn Tom von Jerry (oder vielmehr dem, was Jerry an physikalischen Abläufen listigerweise in seinen Dienst stellt) plattgemacht und verunstaltet wird.

Bei uns zivilisierten Erwachsenen ist hingegen Schluß mit Lustig, wenn es wirklich ernst wird. Also vielleicht schon dann, wenn Kaurismäkis Nicht-Held nicht nur verprügelt wird, sondern im Gefängnis landet.



Mit diesem neuen Film "Lichter der Vorstadt", dem Abschluß der Verlierer- Trilogie, hat Kaurismäki das, was er zuvor versucht hatte, auf die Spitze getrieben. Manchmal bis zur Selbstparodie.

Die Gestalten sind vereinsamt, unfähig zur Kommunikation; das kennen wir aus den früheren Filmen. Jetzt gucken sie einander gar nicht mehr an beim Reden, sprechen ihre Unbeholfenheiten sozusagen nur in die Kamera. Wie beim jungen Kroetz, nur noch viel, viel schlimmer.

Der Held ist diesmal nicht nur ein Verlierer, sondern ein buchstäblich Geprügelter. Daß er verhauen wird, das ist sozusagen der Running Gag dieses Films.

Und daß er mit müder Stimme großspurig ankündigt, er werde demnächst das Große Geschaft aufziehen.

Nachdem er hilflos in der Disco herumgestanden hat, bekennt er sich, sozusagen in der Nachbetrachtung, als begabter Rock- Tänzer.

Er flirtet mit seiner falschen Dulcinea ungefähr so geschickt, wie Monsieur Hulot mit der modernen Technik umging.

Wenn es ihn - auch das ein Running Gag -, zwecks Kontaktaufnahme mal wieder an einen Tresen, in eine Kneipe treibt, dann steht da ein überlebensgroßer Barkeeper oder Wirt.

Wenn er sich in eine Ecke zurückzieht, dann geht die Klotür auf und klemmt ihn ein.



Kurz, dieser traurige Held ist einer wie der Tramp von Charlie Chaplin, mit dem ihn Kaurismäki auch verglichen hat. Und der Film logischerweise voller Slapstick- Effekte.

Also habe ich gelacht. Immer, wenn es lustig wurde.

Nein, nicht immer, nur am Anfang, in den vielleicht ersten zehn Minuten des Films

Denn in dem "Filmkunsttheater", dessen kleiner Saal bis fast auf den letzten Platz von einem kulturell interessierten Publikum gefüllt war - mindestens zwei Kollegen von der Uni mit Frau habe ich gesehen -, wurde fast nicht gelacht.

Mein Lachen wurde nicht geteilt, von ganz Wenigen abgesehen, die aber auch bald verstummten.

Wie ich. Denn in eine stumme, vielleicht gerade von ihrer sozialen Verantwortung erschütterte, das Los der armen Finnen bedauernde, tief ernsthafte Zuschauergemeinde hinein zu lachen - nein, das mochte ich nicht.

Also habe ich mich zusammengerissen, bevor das erste Zischen der Seh- Gemeinschaft meine Lustigkeit kommentiert hätte.

Ich sank - hat meine Frau später gesagt - langsam in mich zusammen und bin wohl gelegentlich eingeschlafen.



Mit Dank an RFN. Titelvignette: Der Ha Ha Guy; eine Werbefingur, die in den USA für Forbes Dry Plates warb, in der Frühzeit der Fotografie.