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16. November 2009

Gorgasals Kleinigkeiten: Die Finanzen der SPD

Aus einem Artikel zur schwierigen Kassenlage der SPD:
Anders als Union und FDP bekommen die Sozialdemokraten kaum Spenden aus der Industrie oder von vermögenden Privatpersonen. In der SPD machen Spenden im Schnitt gerade einmal acht Prozent der Einnahmen aus, in CDU und CSU waren es durchaus schon einmal 22 Prozent, in der FDP sogar 36 Prozent.

Aus dem Leitantrag beim Parteitag der SPD in Dresden:
Unser Steuerkonzept wird Vermögende, unter anderem durch die Wiedereinführung der Vermögensteuer, stärker in die Verantwortung für das Gemeinwohl nehmen.

Aus dem deutschen Sprichwortschatz:
Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus.




© Gorgasal. Für Kommentare bitte hier klicken.

1. Oktober 2009

Zitat des Tages: Sigmar Gabriel, die starke Figur

Und wenn man sich dafür entschieden hat, Fraktions- und Parteiführung in zwei Hände zu legen, dann ist Sigmar Gabriel sicher eine starke Figur.

Kurt Beck im Interview mit Thomas Holl von FAZ.Net über den offenbar designierten neuen SPD-Vorsitezenden Sigmar Gabriel.


Kommentar: So weit hat sie es gebracht, die SPD. Die Partei, die auf eine eindrucksvolle Riege von Vorsitzenden zurückblicken kann, von August Bebel über Kurt Schumacher bis zu Willy Brandt, will als ihren nächsten Vorsitzenden nun also eine "starke Figur".

Wodurch hat er bisher seine Stärke bewiesen, der Sigmar Gabriel? Dadurch, daß er als Ministerpräsident Niedersachsens nach einer einzigen Amtszeit abgewählt wurde? Dadurch, daß er als Umweltminister viel Tamtam gemacht und zum Schluß sein Amt mißbraucht hat, um das Atomthema in den Wahlkampf einzufüttern?

Bisher hat die SPD bei der Kür ihrer Vorsitzenden immerhin auf eines geachtet: Daß sie erfolgreich waren. Der Wahlerfolg brachte Willy Brandt und Johannes Rau ebenso in das Amt wie später Björn Engholm, Matthias Platzeck und Kurt Beck.

Nun ist auch das schon keine Einstellungsvoraussetzung mehr dafür, daß einer der Nachfolger August Bebels und Willy Brandts werden darf. Jeder ist gut genug, der ins Kalkül der Linken paßt.

Und dieses Kalkül lautet: Eins links, eins rechts, und der Erzengel Gabriel als Weltkind in der Mitten.

Steinmeier darf seine letzten Tage in der Führungsriege der SPD damit verbringen, sich mit dem Fraktionsvorsitz abzumühen. Der Erzengel, nach allen Seiten offen, darf die Partei repräsentieren. Und die Strippen zieht Andrea Nahles, demnächst vermutlich in Personalunion stellvertretende Vorsitzende und Generalsekretärin der SPD.

Sie hat Franz Müntefering zum Rücktritt gezwungen, als er das erste Mal Vorsitzender war. Sie hat Kurt Beck zu ihrem Hampelmann gemacht. Sie wird auch mit der starken Figur fertig werden.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

29. September 2009

Zitat des Tages: Steinmeier und die Sprache der Linken. Wieder wird die SPD einen Vorsitzenden verschleißen

Also muss die SPD nach den Sozialreformen womöglich eine weitere Kehrtwende vollziehen. (...) Denn wer die Linkswähler zurückholen will, muss rasch deren Sprache sprechen lernen. Steinmeier wird den Linken geben, oder andere werden ihn dazu drängen – ihn, der in der großen Koalition die Rente mit 67 oder die höhere Mehrwertsteuer mitbeschlossen hat und der noch im Sommer rot-rote Koalitionen selbst auf Länderebene ablehnte.

Nicht wahr, bis hierhin klingt das wie ein Kommentar aus der "Süddeutschen Zeitung", aber nicht wie ein Kommentar aus der "Welt".

So geht es aber weiter:

Wer soll ihm glauben? Und wie soll das gut gehen?

Schreibt Torsten Krauel in "Welt- Online".


Kommentar: Wie wahr. Die SPD wird sich jetzt nach links orientieren. Sie wird in der Opposition das Volksfront- Bündnis schmieden, das sie 2013 zurück an die Macht bringen soll.

Die beiden rivalisierenden Schmiede dieses Bündnisses, Andrea Nahles und Klaus Wowereit, haben freilich Grund, sich vorerst bedeckt zu halten. Sie wollen möglichst wenig mit der jetzigen Niederlage assoziiert werden. Sie brauchen Zeit, die Flamme zu erhitzen und das Schmieden vorzubereiten.

Also schieben sie Steinmeier nach vorn. Parole: Hannemann, geh du voran. Man wird ihn nicht nur zum Vorsitzenden der Fraktion machen, sondern auch noch zum Vorsitzenden der Partei.

Man wird ihn verschleißen, so wie diese Partei eine ganze Riege von Vorsitzenden verschlissen hat. Zuletzt den noblen Platzeck, der die Flucht ergriff, als er einen Blick in das Haifischbecken geworfen hatte, und den biederen Beck, der sich täppisch in der Beteiligung am Intrigenspiel versuchte.

Steinmeier wird nie Kanzler werden. Er wird auch nicht noch einmal Kanzlerkandidat werden. Die SPD-Linke wird ihn absägen, sobald er seine Funktion erfüllt hat.



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17. September 2009

Wahlen '09 (18): Die Volksfront schon jetzt? Oder besser bis 2013 warten? Die Interessenlage der drei Partner

Angenommen, Schwarzgelb verfehlt die Mehrheit: Soll die Linke dann schon jetzt die Volksfront riskieren, oder wartet man besser bis 2013? Die strategische Lage in den drei Parteien ist verschieden.

Die Grünen haben kein Problem mit der Volksfront. Sie haben sich mit der Wahl von Trittin und Künast zu ihren beiden Spitzenkandidaten unzweideutig für diese Option entschieden. Nur die Volksfront kann die Grünen zurück an die Macht bringen; denn ein Bündnis mit der Union und den Liberalen würde diese Partei zerreißen.

Schwieriger ist die Situation für die SPD. Sie windet sich bei dieser Frage; ihre Position ist so unglaubhaft, wie es die einer Partei überhaupt nur sein kann.

In den Ländern - aktuell in Thüringen und im Saarland - möchte man die Zusammenarbeit mit den Kommunisten. Nicht nur die betreffenden Landespolitiker wollen sie, sondern ausdrücklich auch der Vorsitzende Müntefering will sie. Für den Bund schließt die SPD die Volksfront ebenfalls nicht aus, allerdings erst für 2013.

Man hat also keine grundsätzliche Scheu, als Demokraten den Kommunisten in die Regierung zu verhelfen. Wenn es in den Ländern ist. Wenn es 2013 ist.

Warum dann aber nicht 2009 im Bund? Natürlich deshalb, weil die Transformation der SPD von einer sozialdemokratischen Volkspartei zu der im Hamburger Programm beschlossenen Partei des Demokratischen Sozialismus noch nicht weit genug fortgeschritten ist.

Damit die Volksfront steht, müssen Leute wie der aufrechte Peer Steinbrück erst noch kaltgestellt werden. Kanzler der Volksfront können Wowereit, Nahles oder - wer weiß - Sigmar Gabriel erst dann werden, wenn die Entclementisierung der SPD zum Abschluß gekommen ist.

Das kann man den Wählern selbstredend nicht sagen. Man sagt, die Partei "Die Linke" sei nicht zuverlässig; es gebe unüberbrückbare Gegensätze, vor allem in der Außenpolitik. Vor allem, was Afghanistan angehe.

Damit begibt man sich freilich in die Hand der Kommunisten. Denn was, wenn diese einfach in Sachen Afghanistan ihre bisherige Position räumen?



Kommunisten nämlich interessiert nicht im Geringsten, ob sie ihr Programm durchsetzen können. Sie interessiert allein die Änderung des, wie sie es nennen, "Kräfteverhältnisses".

Nie haben Kommunisten eine Regierungsbeteiligung ausgeschlagen, die ihnen angeboten wurde. Nie haben sie eine Regierung verlassen, weil deren Kurs nicht mit ihrem Programm in Einklang zu bringen gewesen wäre.

1981 begannen die französischen Kommunisten zusammen mit den Sozialisten das bisher letzte sozialistische Experiment in Westeuropa. 1983 scheiterte es; Mitterand entschied, daß es beim Kapitalismus bleiben werde. Die Kommunisten verharrten in der Regierung - in einer Regierung, die mit ihrer Politik der austérité, also des schlanken Staats, das Gegenteil von dem machte, was die Kommunisten gewollt hatten. Erst als Mitterand sie wieder und wieder demütigte und als sie keine Hoffnung auf Einfluß mehr haben konnten, zogen sie später ihre Minister zurück.

Also wird auch jetzt in Deutschland Afghanistan kein Hindernis für die Volksfront sein. Jedenfalls nicht, was die Kommunisten angeht. In "Spiegel- Online" haben Veit Medick und Sebastian Winter diese neueste Wende der Kommunisten dokumentiert.



Die Grünen wollen es. Die Kommunisten wollen es um den Preis der Selbstverleugnung. Die Sozialdemokraten wollen es eigentlich auch. Nur noch nicht jetzt. Nur noch nicht im Bund.

Wie entwickelt sich eine solche Situation? Man gibt den Zögerlichen etwas Zeit. Man baut ihnen die eine oder andere Goldene Brücke. Und über die marschieren sie dann. Vielleicht nicht gleich; aber doch bald.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Lizenz freigegeben. Ausschnitt.

8. September 2009

Zitat des Tages: "Dieses Problem sollten wir lösen". Angela Marquardt (früher PDS, jetzt SPD) über die Zusammenarbeit der SPD mit "Die Linke"

Tagesspiegel: Gregor Gysi, der Fraktionschef der Linken, malt sich bereits ein Szenario für den 27. September aus: Die SPD bekommt eins auf die Mütze, die große Koalition wird fortgesetzt. Dann könnte es 2011, zur Mitte der Legislaturperiode, zur Rebellion in der SPD kommen, meint Gysi. Wie sieht Ihr Fahrplan aus?

Marquardt: Ich bin ja noch nicht lange in der SPD, doch bei meinen gemeinsamen Reisen mit Andrea Nahles und eigenen Veranstaltungen bekomme ich viel mit. Eine Rebellion im Sinne von "So kann es nicht weitergehen" gibt es doch in der SPD schon länger. Meine Partei ist in der Sackgasse, und die Zukunftsfähigkeit entscheidet sich an unserer inhaltlichen Ausrichtung. Dieses Problem sollten wir lösen, und darüber wird auch gesprochen.


Angela Marquardt in einem Interview, das im heutigen "Tagesspiegel" zu lesen ist.


Kommentar: Sie erinnern sich an Angela Marquardt? Sie wurde zu ihren PDS-Zeiten gern als "PDS-Punkerin" bezeichnet und geriet 2002 wegen Stasi- Vorwürfen, die sich allerdings auf ihre Zeit als Schülerin bezogen, ins Blickfeld der Öffentlichkeit.

Zeitweilig war sie im Parteivorstand der PDS und saß für diese im Bundestag. In "Spiegel- Online" beschrieb Holger Kulick sie als politisches "Ziehkind" von Gregor Gysi und Lothar Bisky. Nach Ende ihrer Abgeordnetenzeit stellte sie 2002 laut "Wikipedia" ihre Beitragszahlungen bei der PDS ein und wurde daraufhin 2003 aus der Partei ausgeschlossen.

Die somit parteilos Gewordene wurde 2006 von Andrea Nahles als Mitarbeiterin in deren Abgeordneten- Büro geholt. Immer noch parteilos, avancierte Marquardt 2007 zur Geschäftsführerin des Arbeitskreises "Denkfabrik" der SPD, eines - so die "Wikipedia" - "Zusammenschlusses von überwiegend jüngeren linken SPD- Abgeordneten". Erst im März 2008 trat sie dann auch in die SPD ein.

Angela Marquardt ist also sozusagen das fleischgewordene Bindeglied zwischen der PDS, die heute "Die Linke" heißt, und dem linken Flügel der SPD.

Ihre Antwort auf die Frage des "Tagesspiegel" ist scheinbar ausweichend, aber doch höchst aufschlußreich. Sie sieht die SPD in einer "Sackgasse", die - so darf man das wohl verstehen - darin besteht, daß sie bisher auf Bundesebene die Volksfront und damit eine konsequent linke Politik verweigert. Die "Lösung des Problems" besteht für Marquardt offensichtlich in einer Zusammenarbeit mit ihrer alten Partei.

Sie dürfte damit das zum Ausdruck bringen, was ihre Chefin Andrea Nahles denkt; gegenwärtig stellvertretende Vorsitzende der SPD und aussichtsreichste Kandidatin für den Vorsitz, sobald Franz Müntefering abtritt.



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22. August 2009

Zitat des Tages: Drohselgezwitscher. Die Jusos schaffen den Kapitalismus ab. Nebst Anmerkungen zum Backfisch

Der letzte Juso-Buko hat das Ende des Kapitalismus eingeläutet. Viele in der Partei werden begeistert sein, andere werden sich dem Schicksal fügen müssen.

Im Filterblog habe ich gestern dieses Zitat gefunden. Es stammt aus einem Interview des Magazins "Cicero" (Ausgabe September 2009) mit der gegenwärtigen Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialisten in der SPD, Franziska Drohsel.

Kommentar: Die schönsten Stellen aus dem Interview hat Jan Filter schon kommentiert. Ich möchte das ergänzen, will das Interview vor allem aber zum Anlaß nehmen, etwas zu dieser Franziska Drohsel anzumerken, zu den Jusos und zur SPD.

Haben Sie Franziska Drohsel schon einmal in einem Interview oder einer Talkshow erlebt? Mir fällt zu ihr stets ein altertümlicher, ein veralteter Begriff ein: Backfisch.

In den fünfziger Jahren kam das Wort aus der Mode und wurde durch "Teenager" verdrängt. Ein Backfisch war aber etwas anderes gewesen als ein Teenager. Mit der Bezeichnung wechselte auch die Rolle, die sie bezeichnet.

Das Wort leitet sich vermutlich von dem englischen backfish ab; das ist ein Fisch, der noch so jung ist, daß man ihn wieder zurück (back) ins Wasser wirft. Die deutsche Volksetymologie hat das dann etwas kurios zu einem Fisch umgedeutet, der, weil jung, angeblich gebacken und nicht gesotten werden würde.

Sei dem wie es will - jedenfalls war der Backfisch keine freche Göre wie der Teenager, sondern ein Mädchen, das sich mal gekonnt, mal ungelenk auf dem schmalen Grat zwischen naivem Kind und koketter erwachsener Frau bewegte.

Es gab "Backfischromane", in denen dieser Typus dargestellt wurde. Man durfte als Backfisch naiv sein, denn halb war man ja noch ein Kind. Man durfte mit dieser Naivität kokettieren, denn halb war man ja schon erwachsen. Stellen Sie sich die junge Toni in den "Buddenbrooks" vor, dann haben sie den Backfisch.

So ist Franziska Drohsel: Ständig plappernd wie ein Kind, Naivität auf Naivität häufend, aber hellwach. Mit ihrer Naivität spielend, den Gesprächspartner mit dieser Naivität verblüffend.

Das Zitat illustriert das vortrefflich. Kinder neigen dazu, ihre Wünsche schon für Realität zu nehmen; Allmachtsphantasien zu haben. So auch Drohsel.

Der letzte Bundeskongreß der Jusos, den Drohsel erwähnt, fand vom 19. bis 21. Juni 2009 in München statt. Wenn wir ihre Aussage ernst nehmen, dann dürfen sich Sozialisten in aller Welt also freuen, daß München zum zweiten Mal eine Hauptstadt der Bewegung ist: Dort, im Juni 2009, wurde das Ende des Kapitalismus eingeläutet, auf das die Sozialisten seit Mitte des 19. Jahrhunderts gewartetet hatten. Und wir können sagen, wir sind dabeigewesen.

Wenn ein Erwachsener so etwas behauptete, dann würde man sich fragen, ob er noch alle Tassen im Schrank hat; klassischer Fall von überwertiger Idee. Aber ein Backfisch darf eine solche Allmachtsphantasie haben.

Ist sie nicht süß, in ihrer Naivität, die Franziska? Weiß sie überhaupt, was der Sozialismus ist, von dem sie in dem Interview sagt (oder genauer schreibt, denn das Interview wurde per SMS geführt), sie werde im Sozialismus leben, wenn sie so alt sei wie Franz Müntefering jetzt? Und das, sagt sie, werde bedeuten, daß es "Luxus für alle" geben werde.

Oder macht sie sich lustig über den Interviewer, über die Leser des Interviews?

Vielleicht beides oder irgendwas dazwischen. Von der Bundestagswahl sagt sie "Ich sage, die Wahl ist am 28. September". Soll das ein Witz sein, oder kennt sie den Wahltermin nicht? Auf die Frage, ob das Parlament zu alt sei, antwortet sie mit dem kryptischen Satz "Alter schützt vor Weisheit nicht und umgekehrt". So, wie ein altkluges Kind halt daherredet, was es aufgeschnappt hat.

Geplapper nach Backfischart. Man könnte das mit einem Schulterzucken hinnehmen, wenn diese Frau nicht Vorsitzende der Jungsozialisten wäre.



Die Jusos sind, wie die Jugendorganisationen der anderen Parteien, einflußreicher, als das oft in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Zum einen, weil sie meist einen festen Delegiertenblock stellen und dadurch oft Abstimmungen und Wahlen entscheidend beeinflussen können.

Weiterhin verfügen sie über erhebliche Geldmittel und haben durch Seminare, Schulungen usw. Einfluß auf die politische Haltung des Parteinachwuchses.

Un drittens sind insbesondere die Jusos bedeutsam, weil aus ihnen viele spätere Spitzenpolitker hervorgingen. Gerhard Schröder hat seine Karriere bekanntlich als Vorsitzender der Jusos begonnen. Juso- Vorsitzende waren auch
  • der spätere hessische Ministerpräsident Holger Börner

  • Hans-Jürgen Wischnewski ("Ben Wisch"), später Bundesminister und Mogadischu- Verhandler

  • Karsten Voigt, heute Koordinator für deutsch- amerikanische Beziehungen

  • Heidemarie Wieczorek-Zeul, inzwischen avanciert zur Dauerministerin für Entwicklungshilfe

  • Klaus- Uwe Benneter, kurzzeitig Generalsekretär der SPD und jetzt Justiziar der Bundestagsfraktion der SPD

  • und natürlich Andrea Nahles, neuerdings ministrabel und weiter auf dem Weg nach ganz oben.
  • Die Jusos, so wird oft gesagt, sind die SPD von morgen. Wenn eine solche Organisation eine Franziska Drohsel mit großer Mehrheit wählt, von der schon bei ihrer Wahl die Mitgliedschaft in der "Roten Hilfe" bekannt war (zur Roten Hilfe siehe Warum war Juso-Chefin Drohsel Mitglied der "Roten Hilfe"?; ZR vom 1.12. 2007), dann hat das schon seine Bedeutung.

    Die Wahl Drohsels im Jahr 2007 sowie das Hamburger Programm im selben Jahr markieren die Wende der SPD von einer sozialdemokratischen Partei, deren stellvertretender Vorsitzender noch zwei Jahre zuvor Wolfgang Clement gewesen war, zu einer Partei des demokratischen Sozialismus, deren aufgehende Sterne Nahles und Wowereit heißen.

    Mit dem Sturz Kurt Becks, der dieser Entwicklung präsidierte, mit dem Einspringen von Franz Müntefering, fast fünf Jahre über dem Rentenalter, und der Kür Steinmeiers zum Kandidaten wurde und wird diese Entwicklung vorübergehend kaschiert. Aber die Funktionäre, die Delegierten, die ihre Träger sind, wurden damit ja nicht auch ausgetauscht.



    Die SPD steht heute so weit links wie noch nie seit 1946. Sie hat diese Wende einerseits unter dem Druck der Kommunisten vollzogen, andererseits sich damit bereit gemacht für die Koalition mit ihnen.

    Insofern paßt Franziska Drohsel, die propagiert, daß wir "den Kapitalismus hinter uns lassen" müßten (siehe "Zitat des Tages: "Den Kapitalismus hinter uns lassen"), bestens in diese Partei.

    Und vielleicht ist ja ein plappernder Backfisch, der sich den Sozialismus als ein Leben im Luxus für alle vorstellt, am Ende immer noch besser als hartgesottene Stamokaps wie Klaus- Uwe Benneter, die in den siebziger Jahren als Juso die SPD auf den Weg in den Sozialismus bringen wollten.

    Nur waren sie damals in der SPD isoliert; und manche wurden (wie Benneter) aus der Partei ausgeschlossen. Heute schwimmt Drohsel in der SPD wie ein Backfisch im Wasser.



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    11. August 2009

    Wahlen '09 (8): Kann Steinmeier noch gewinnen? Der Faktor Merkel

    Es geht Frank- Walter Steinmeier im Augenblick wie einem jener gebeutelten Protagonisten antiker Tragödien, denen mißgünstige Götter vereiteln, was immer sie zu erreichen suchen. Er kann sich anstrengen, wie er will - immer ist da offenbar jemand im Olymp, der gegen ihn eine Intrige spinnt, der zu seinen Ungunsten in das Rad des Geschicks greift.

    Der Vorwahlkampf hatte sich im Frühjahr noch gut angelassen. Die SPD begann energisch und professionell; ich habe das in den Folgen eins und zwei dieser Serie beschrieben. Die Umfragewerte gingen von Anfang März bis Ende Mai langsam, aber stetig nach oben. Extrapolierte man damals diesen Trend und den leichten Abwärtstrend der Union, dann hätten sich bis zum 27. September die beiden Kurven durchaus treffen, sich mindestens stark annähern können.

    Damals hatten, so scheint es, im Olymp diejenigen Götter das Sagen, die ihre schützende Hand über den Kandidaten Steinmeier und seine SPD hielten. Dann aber begann eine Serie von Kalamitäten, die bis heute anhält.

    Erst ging Anfang Juni die Europawahl völlig überraschend verloren. Sie sollte eigentlich den Übergang zur nächsten Phase des Wahlkampfs markieren, in der die SPD, durch ein gutes Ergebnis gestärkt, ihrem Kandidaten zu Glanz und Popularität verhelfen wollte.

    Die Chancen für einen Erfolg schienen exzellent zu sein, denn vier Jahre zuvor hatte die SPD, damals mitten in der Debatte über die Agenda 2010, mehr als neun Prozentpunkte verloren und war bei einem Tiefstwert von 21,5 Prozent angekommen. Da konnte es, so dachte man wohl im Willy- Brandt- Haus, diesmal nur besser werden; ein gutes Signal also für den Wahlkampf.

    Aber es wurde ein größeres Desaster als 2004; das Ergebnis der SPD sackte noch weiter auf 20,8 Prozent und damit auf ein erneutes historisches Tief.



    Das war in der Tat ein Signal; nur nicht das erhoffte. Seither gehen die Umfragedaten der SPD kontinuierlich nach unten, und bei der Frage nach dem gewünschten Kanzler wird der Abstand Steinmeiers zu Merkel immer größer.

    Man kann wirklich nicht sagen, daß die SPD nicht alles tun würde, um diesen Trend zu wenden. Aber es ist wie verhext - eben wie von mißgünstigen Göttern gelenkt - : Jeder neue Anlauf wird durch Negativ- Schlagzeilen verhagelt.

    Da war die sorgsam vorbereitete Inszenierung des Medien- Ereignisses "Präsentation des Kompetenzteams". Vor malerischer Seekulisse, auf die sich das Team vor den Kameras sozusagen mit wehenden Rockschößen zubewegte, Dynamik signalisierend. Aber die Deutschen interessierten sich nicht für junge SPD- Talente, sondern für die alte SPD- Tante, die durch ihr Ungeschick beim Krisenmanagement aus einer harmlosen Anlegenheit eine "Dienstwagen- Affäre" hatte hervorwachsen lassen.

    Als Nächstes sah das Drehbuch von Kajo Wasserhövel und Genossen die Vorstellung des "Deutschlandplans" vor. Nach dem Vorbild des Wahlkampfs von Barack Obama sollte bewußt ein sehr hohes, ein anspruchsvolles Ziel verkündet werden, nämlich nicht weniger als die Vollbeschäftigung. Das würde, so imaginierten es wohl die Strategen, zumindest für Gesprächsstoff sorgen. Es würde ein wichtiges Thema besetzen; die SPD als ideenreich und dynamisch erscheinen lassen. Kurz, es sollte die Phantasie beflügeln und damit den Wahlkampf der SPD in Schwung bringen.

    Aber da hatten diese Strategen nicht mit der deutschen Mentalität gerechnet, die auf solche "Visionen" so reagiert wie seinerzeit Helmut Schmidt: Ein Fall für den Psychiater. Die überwältigende Mehrheit (je nach Umfrage zwischen 73 und 83 Prozent) hält Steinmeiers "Vision" für nicht realisierbar. Statt wie ein zweiter Obama steht er nun eher da wie ein aus Heinrich Hoffmanns Buch in die Wirklichkeit gehüpfter Hans- guck- in- die- Luft.

    Das Debakel wurde perfekt dadurch, daß aufgrund von Vorabmeldungen dieser Punkt des Deutschlandplans schon kritisiert worden war, bevor die SPD den Plan überhaupt präsentiert hatte. Es war wie bei einem Vorstellungsgespräch, zu dem der Bewerber im Grunde gar nicht mehr erscheinen braucht, weil seine Bewerbungsunterlagen bereits einen miserablen Eindruck hinterlassen haben.

    So wiederholte sich also der Reinfall mit dem "Kompetenzteam": Die Vorstellung des Schattenkabinetts vor dem Templiner See in Potsdam war buchstäblich ins Wasser gefallen; diejenige des "Deutschlandplans" löste sich in visionäre Schwaden auf.

    Der dritte Punkt nach "Kompetenzteam" und "Deutschlandplan" sollte ein Reise des Kandidaten sein; dorthin, wo Aufbruch und Innovation herrscht. Schröders "Neue Mitte" von 1998 reloaded also. Steinmeier, unser Mann der Zukunft.

    Was diesmal den Medienerfolg zunichte machte, beschreibt Markus Feldenkirchen im aktuellen gedruckten "Spiegel" (S. 29):
    Wo immer Steinmeier aus dem Bus kletterte, stellten ihm die Reporter dieselbe Frage: "Was sagen Sie zu den 20 Prozent"? Niemand wollte etwas über seine Konzepte wissen oder warum er überhaupt da war.
    Zwanzig Prozent, das ist der aktuelle Umfragewert für die SPD bei Forsa.

    Feldenkirchen kritisiert, daß der Fokus der Medien sich nicht auf Inhalte richte. Aber was kann man an Innovationskraft von einer Partei erwarten, die sich auf dem Weg von der einstigen Volkspartei zu einer der kleineren Parteien befindet, demnächst vielleicht "auf Augenhöhe" mit den Grünen und der FDP? Ist es nicht vernünftig, daß die Deutschen einem Kandidaten, der so wenig Fortüne hat, nicht abnehmen, daß er Deutschland in eine glanzvolle, innovative Zukunft führen kann?



    Ist also die Wahl schon gelaufen? Haben die Götter ihr Verdikt gefällt? Nein. Denn noch gar nicht ins Spiel gekommen ist der Faktor Merkel.

    Angela Merkel ist eine schlechte Wahlkämpferin; ich habe darüber hier und hier geschrieben. In ihrer kühl- rationalen Art vermag sie nicht zu begeistern und zu motivieren; jeden Anflug von Emotionalität muß sie sich bei öffentlichen Auftritten mühsam abringen.

    Darüber hinaus fehlt ihr das - wie man heute sagt - "Bauchgefühl", zu erkennen wie das Volk emotional reagiert. Den "Professor aus Heidelberg" 2005 in ihr Team aufzunehmen, war unter dem Blickpunkt einer künftigen Regierung eine vernünftige Entscheidung; im Hinblick auf die Reaktion der Wähler war es ein Desaster. Der Bauchmensch Schröder hat damals diesen Schwachpunkt sofort erkannt und gnadenlos ausgenützt.

    Bisher hat Merkel in diesem Wahljahr ihrer Schwäche als Wahlkämpferin Rechnung getragen, indem sie einfach keinen Wahlkampf gemacht hat. Das funktioniert im Augenblick noch; sie steht in den Augen der Wähler fast schon über den Parteien. Aber irgendwann wird auch sie in die Bütt steigen müssen. Ihr gewissermaßen präsidiales Image wird dann schnell von demjenigen der Parteipolitikerin überlagert werden. Ihre Schwäche beim connecting to people, beim Herstellen eines emotionalen Kontakts mit den Leuten, wird dann offenbar werden.

    Und wenn Steinmeier Glück hat, wenn er ganz großes Glück und also einen mächtigen Befürworter im Götterhimmel hat, dann macht Angela Merkel so wie 2005 einen kapitalen Fehler. Das könnte seine Chance sein; vielleicht die letzte.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Lizenz freigegeben. Ausschnitt.

    2. August 2009

    Wahlen '09 (6): Steinmeiers Geistertruppe, Westerwelles Wankelmut, Merkels Schwachstellen

    Acht Männer und zehn Frauen umfaßt das Schattenkabinett ("Kompetenzteam"), das Frank- Walter Steinmeier am Donnerstag der gar nicht sehr staunenden Welt präsentiert hat.

    Rechnen wir ein wenig: Die SPD liegt in den Umfragen im Augenblick bei 23 bis 24 Prozent. Sie wird nach menschlichem Ermessen nach dem 27. September, wenn überhaupt, nicht allein regieren können, und auch nicht im Bündnis mit den Grünen. Wenn Steinmeier Kanzler werden will, dann wird er einen dritten Partner finden müssen; entweder die Liberalen oder die Kommunisten.

    Zusammen werden diese beiden Partnerparteien mindestens ebenso viele Sitze im Kabinett erhalten wie die SPD. Gegenwärtig gibt es vierzehn Ressorts. Bleibt es dabei, dann stehen der SPD also maximal sieben zu.

    Elf von jenen achtzehn, die sich jetzt Hoffnung darauf machen, Herr oder Frau Minister zu werden oder zu bleiben, werden also leer ausgehen.

    Wollte ein Kanzler Steinmeier alle achtzehn Schattenleute ins Licht eines Ministeriums holen, dann müßte er schon sein Kabinett auf um die 35 Ressorts aufstocken. Das wird er wohl nicht tun können.

    Also ist das, was er uns am Donnerstag vorgeführt hat, wenig mehr als eine Geistertruppe. Eine Riege der Hoffnungslosen. Leute, die wie von einer Laterna Magica kurz vor unsere Augen projiziert werden und dann wieder im Dunkel verschwinden. Gespenstisch. Passend freilich damit zu Steinmeiers geisterhaftem Versprechen, Deutschland in die Vollbeschäftigung zu führen.



    Ach, wie war es doch vordem für Westerwelle so bequem.

    Im ersten Quartal 2009 schien wahr zu werden, was der Herr des Guidomobils sich einst auf die Schuhsohlen hatte pinseln lassen. Am 5. März maß Infratest Dimap für die FDP 17 Prozent; bei Forsa lagen die Liberalen in drei aufeinanderfolgenden Umfragen (11., 18. und 25. Februar) gar bei 18 Prozent. Ähnlich oder nur wenig niedriger waren die Werte der anderen Institute.

    Waren da plötzlich massenhaft deutsche Wähler zum Liberalismus bekehrt worden? Ach nein. Nur wurde damals in der CDU und in CDU- geführten Ressorts die Möglichkeit diskutiert, die Hypo Real Estate notfalls zu verstaatlichen. Viele CDU-Wähler sahen ihre Partei zu weit nach links gerückt und wechselten zur FDP. Anderes - etwa Ursula von der Leyens Vorstoß gegen die Freiheit des Internet - sorgte dafür, daß diese Stimmung eine gewisse Beständigkeit gewann.

    Aber eben nur eine gewisse, wie sich inzwischen gezeigt hat. Denn längst ist der Höhenflug der FDP vorbei. Sie nähert sich wieder dem Wert leicht oberhalb von zehn Prozent, um den herum alle drei kleinen Parteien während der meisten Zeit der zu Ende gehenden Legislaturperiode pendelten. Nur die Kommunisten sind inzwischen deutlich abgerutscht.

    Gegenwärtig liegt die FDP bei Forsa, Infratest Dimap und Allensbach nur noch einen Prozentpunkt vor den Grünen; lediglich Emnid und die Forschungsgruppe Wahlen geben ihr noch einen Vorsprung von drei oder vier Prozent.

    Die FDP ist eben immer dann stark, wenn sie sich gegenüber der Union mit einem "ja, aber" profilieren kann. Das war schon in der ausgehenden Adenauer- Zeit so, als bei den Bundestagswahlen 1961 die Partei Erich Mendes mit dem Versprechen "Mit der CDU, aber ohne Adenauer" ihr in jenen Jahrzehnten mit Abstand bestes Ergebnis einfuhr.

    Auch jetzt hätte die FDP mit einer analogen Wahlaussage vermutlich viele der Wähler, die ihr Anfang des Jahres zugewachsen waren, an sich binden können.

    Guido Westerwelle hat in seiner ausgezeichneten Rede auf dem Dortmunder Parteitag die Gründe für eine solche Wahlaussage genannt: Die Notwendigkeit eines Bündnisses mit der Union ("Es geht darum, die Werte, die Deutschland groß gemacht haben, zu verteidigen. (...) Wir müssen dafür sorgen, dass die geistige Achse nicht weiter nach links verschoben wird"); zugleich aber auch die Notwendigkeit, in diesem Bündnis ein starkes liberales Korrektiv zu haben.

    Auf dieser Grundlage hätte die FDP einen exzellenten, einen sehr wahrscheinlich erfolgreichen Wahlkampf führen können. Aber Guido Westerwelle entschied sich anders. Was er noch wenige Tage vor dem Parteitag angekündigt hatte - eine klare Absage an die Ampel -, das kam auf einmal in seiner Rede auf dem Parteitag nicht mehr vor. Westerwelle beugte sich denen in seiner Partei, die just diese Möglichkeit einer Ampel offenhalten wollten.

    Jetzt rächt sich dieser Wankelmut. Warum sollte ein CDU- Wähler, dem die CDU zu weit nach links gerückt ist, die FDP wählen, wenn er damit rechnen muß, daß er mit seinem Kreuz auf dem Stimmzettel am Ende einen Kanzler Steinmeier gewählt hat? Dann doch lieber zähneknirschend CDU.

    Auch ich stelle für meine Wahlentscheidung diese Überlegung an. Würde am nächsten Sonntag gewählt, dann bekäme diese nach links schielende FDP meine Stimme nicht.

    Die FDP will eine Woche vor den Wahlen einen Bundesparteitag abhalten, auf dem sie sich vielleicht auf eine Koalition mit der Union festlegen wird. Nur haben sich dann die meisten Wähler ihrerseits schon festgelegt.

    Viele werden sich nicht für eine Partei entscheiden, die monatelang herumeiert, bis sie sich vielleicht auf den letzten Metern doch noch zu einer eindeutigen Aussage durchringt. Welches ist, wird man sich fragen, die Halbwertzeit einer solchen im letzten Augenblick halbherzig getroffenen Festlegung? Warum nicht früher? Man kann es keinem Wähler verdenken, wenn er da skeptisch ist.



    Im Augenblick scheint alles zugunsten der Union zu laufen. So sehr, daß sie - glaubt man dem, was Sebastian Fischer in "Spiegel- Online" schreibt - sich entschieden hat, erst einmal gar nichts zu tun und zuzusehen, wie die SPD sich abzappelt. Erst im September soll es mit dem Wahlkampf richtig losgehen.

    Indessen liegt der Vorsprung von Schwarzgelb nach wie vor bei nur wenigen Prozentpunkten. Sowohl 2002 als auch 2005 stand das bürgerliche Lager Ende Juli besser da. Die Union wird also kämpfen müssen.

    Dabei hat sie zwei Schwachstellen: Erstens verfügt sie zwar jetzt über einen präsentablen, ja einen beliebten Wirtschaftsminister; aber in der Finanzpolitik hat sie der Kompetenz von Peer Steinbrück nichts und niemanden entgegenzusetzen. Ausgerechnet auf diesem Feld, auf dem der SPD traditionell wenig zugetraut wird ("Die Genossen können nicht mit Geld umgehen"), läuft ihr derzeit die SPD den Rang ab.

    Zweitens hat die Linksentwicklung der CDU ja nicht nur Liberale, sondern auch viele Konservative dieser Partei entfremdet. Während die FDP bereitsteht, die Liberalen aufzufangen, bleiben die Konservativen heimatlos; es sei denn, daß sie zu einer extremen Partei abdriften, wofür es aber zum Glück kaum Anzeichen gibt.

    Die Antwort auf beide Probleme hat einen Namen: Friedrich Merz. Wäre er dazu zu bewegen, in die aktive Politik zurückzukehren, dann hätte die Union zugleich einen ausgezeichneten Finanzpolitiker und jemanden, der auch Konservative anspricht.

    Ja, gewiß, das Verhältnis zwischen Merkel und Merz gilt als zerrüttet. Aber sowohl Merkel als auch Merz sind ja Profis genug, darüber hinwegzusehen. Sie sollten sich zusammenfinden können, wenn ein starkes gemeinsames Interesse das verlangt. Man muß einander ja nicht lieben.

    Sehr wahrscheinlich wird es das aber nicht geben; vielleicht hat Merz in seiner Lebensplanung inzwischen auch längst die Weichen definitiv weg von der Politik gestellt. Zum Bundestag kandidiert er jedenfalls nicht mehr.

    Aber ein wenig sinnieren wird man ja dürfen. Wäre Friedrich Merz wieder an Bord, dann könnte die Kanzlerin nicht nur getrost auf ein "Kompetenzteam" verzichten. Dann wäre, anders als jetzt, der Sieg von Schwarzgelb wirklich zum Greifen nah.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Lizenz freigegeben. Ausschnitt.

    13. Juli 2009

    Marginalie: Frank-Walter Steinmeier, der perfekte Kandidat

    Keine Partei außer der FDP hatte einmal so viele brillante, eigenwillige Köpfe wie die Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Adolf Arndt, Fritz Bauer, Carlo Schmid, Ernst Reuter, Karl Schiller, Gustav Heinemann, Heinz Kühn, Helmut Schmidt beispielsweise.

    Niemand von ihnen hätte heute eine Chance, auch nur zur Bundestagswahl aufgestellt zu werden. In der heutigen SPD kann nur noch derjenige etwas werden, der den Genossen in den Ortsvereinen, in den Unterbezirken gefällt, weil er auch nicht klüger ist als sie; weil er das sagt, was alle denken und was alle eh wissen.

    Wolfgang Clement war der Vorletzte, der in der SPD noch eine eigene Meinung riskiert hat. Der vorerst Letzte ist Peer Steinbrück, einst sein Nachfolger in Düsseldorf. Gut möglich, daß auch er bald den Weg von Clement gehen wird. Dann ist Ruhe in der SPD.

    Der Niedergang der SPD hat sicherlich viele Ursachen. Dieses Wuchern des Mittelmaßes spielt aus meiner Sicht eine wesentliche Rolle. Der graue, dröge Frank- Walter Steinmeier, His Master's Voice im Wortsinn, verkörpert das wie kaum ein anderer. Insofern ist er der perfekte Kandidat dieser Partei.



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    15. Juni 2009

    Zitat des Tages: Ein "Mann der Mitte"? Steinmeier und seine linke SPD

    Zähneknirschend nimmt man heute zur Kenntnis, dass der Kanzlerkandidat ein Mann der Mitte ist und der Rest der Partei mit Ausnahme von Peer Steinbrück links von ihm. Sie dulden den Kandidaten, weil er die Formel der Linken wie bei Opel bis an die Grenzen der Selbstverleugnung runterbetet.

    Ulf Poschardt in "Welt- Online" zu dem Kanzlerkandidaten Frank- Walter Steinmeier.

    Kommentar: Ob Steinmeier ein "Mann der Mitte" ist, weiß ich nicht. Ich bezweifle, daß es irgendwer weiß, Steinmeier selbst möglicherweise eingeschlossen. Als ich einmal nachgesehen habe, wo denn der junge Steinmeier politisch stand, war das Ergebnis überraschend.

    Was die SPD angeht, kann man da schon sicherer sein. Sie steht wenn vielleicht auch nicht links von Steinmeier, von dem man nicht weiß, wo er steht, so doch jedenfalls heute so weit links wie nicht mehr seit der Verabschiedung des Godesberger Programms im Jahr 1959.

    Mit dieser Partei nun also, mit einem Wahlprogramm, das so klingt, als hätten Andrea Nahles und Franziska Drohsel es in Koproduktion verfaßt, möchte der Kandidat Steinmeier laut "Financial Times Deutschland" die SPD gern für "junge Unternehmensgründer, Programmierer oder Architekten" attraktiv machen; ja sogar Schröders Slogan von der "Neuen Mitte" wird wieder aus der Mottenkiste zutage gefördert.

    Die SPD ist, so wie sie sich seit 2005 entwickelt hat, zu einer Vor- Godesberg- Partei regrediert. Ihre natürlichen Partner sind folglich die Kommunisten und die Grünen; die Partner einer Volksfront.

    Aber an dem Tag, an dem Franz Müntefering und Steinmeier gemeinsam das Duo Kurt Beck / Andrea Nahles entmachteten, wurde diese Perspektive von der, in SPD-Sprache, "Agenda" dieses Wahljahrs gestrichen.

    Also weiß man nun nicht, ob man Männlein oder Weiblein ist. Innerlich ist die SPD längst bei der Volksfront angekommen. Aber taktisch ist es geboten, das zu kaschieren.

    Man heuchelt Mitte und ist doch links.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Popeye.

    12. Mai 2009

    Zitate des Tages: Links, links, links. Die Lage nach dem Parteitag der "Grünen". Nebst einer Anmerkung zu Wahlverwandtschaften

    Durchgesetzt in Berlin haben sich die Linken.

    Michael Schlieben gestern im "Tagesspiegel / "Zeit Online" über das Ergebnis des Wahlparteitags der Partei "Die Grünen" am vergangenen Wochenende.


    Welt Online: So links wie jetzt war schon lange mehr kein Regierungsprogramm der SPD, oder?

    Franziska Drohsel: Es ist eine soziale Antwort auf die Probleme der gegenwärtigen Zeit. Im Vergleich mit unserer Politik seit 1998 ist das Wahlprogramm eine Kurskorrektur in die richtige Richtung.


    Die Juso-Vorsitzenden Franziska Drohsel gestern in "Welt-Online" über das Regierungsprogramm der SPD.


    Das Programm ist offenbar derart links, das auch den Linken unter den Linken nichts Linkeres mehr einfällt.

    Thorsten Denkler gestern in "Süddeutsche.de" über den Entwurf für das Wahlprogramm der Partei "Die Linke".

    Kommentar: Wenn denn Wahlprogramme etwas besagen, dann hat es selten in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland drei Parteien gegeben, die besser in einer Koalition zusammenarbeiten könnten, als gegenwärtig die SPD, Die Grünen und die Partei, deren aktueller Name "Die Linke" ist.

    Guido Westerwelle hat es in dem Interview, das ich hier kommentiert habe, treffend gesagt:
    Das Programm von SPD und Grünen unterscheidet sich, von einigen sprachästhetischen Unterschieden abgesehen, nur noch in zwei Punkten von dem der Linken: Auslandseinsätze und Lafontaine. Sonst sind sie praktisch inhaltsgleich.
    Sollte, was zu hoffen ist, nach dem 27. September eine schwarzgelbe Regierung gebildet werden können, dann werden diese drei Linksparteien vier Jahre Zeit haben, sich in der gemeinsamen Opposition so aneinander zu gewöhnen, daß es 2013 einen Wahlkampf zwischen einem Linksbündnis auf der einen und dem bürgerlichen Lager, wie man es so nennt, auf der anderen Seite geben wird. Mit vermutlich Klaus Wowereit als dem Kanzlerkandidaten der Vereinigten Linken; vielleicht auch mit der Kanzlerkandidatin Nahles.

    Verfehlt allerdings Schwarzgelb die Regierungsmehrheit, dann gehen wir unruhigen Zeiten entgegen. So zerstritten, wie die Große Koalition inzwischen ist, kann man sich ein gemeinsames Weitermachen nur schwer vorstellen; zumal mit einer SPD, die nicht nur ungleich weiter links steht als 2005, sondern die noch dazu deutlich weniger Mandate haben wird als die Union. Die also die Rolle des Juniorpartners spielen müßte, statt, wie Müntefering es 2005 formulierte, "auf gleicher Augenhöhe" zu sein.

    Da die FDP im Begriff zu sein scheint, die Ampelkoalition ebenso auszuschließen, wie die Grünen am Wochenende Jamaika ausgeschlossen haben, wird es gleichwohl dann wohl zu einer Fortsetzung der Großen Koalition kommen müssen.

    Aber eine Koalition muß ja nicht vier Jahre halten. Sie wäre wie eine zwar fortbestehende, aber längst zerbrochene Ehe, während zugleich der eine Partner jemanden hat, den er heiß und innig liebt. Irgendwann gibt es dann eine Stunde der Wahrheit, in der, wie in Goethes "Wahlverwandtschaften", sich zusammenfindet, was zusammengehört.



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    29. April 2009

    Zitat des Tages: "Wenn notwendig, mit den Waffen". Die SPD und "soziale Unruhen"

    Zum Thema soziale Unruhen möchte ich dann doch einmal Marx ... zitieren: "Wir müssen den Regierungen erklären: Wir wissen, dass ihr die bewaffnete Macht seid, die gegen die Proletarier gerichtet ist; wir werden auf friedlichem Wege gegen euch vorgehen, wo uns das möglich sein wird, und mit den Waffen, wenn es notwendig werden sollte." (...)

    Das heißt für uns. Sollte durch die strukturelle Gewalt, die das kapitalistische System mit seiner Krisenhaftigkeit auf uns ausübt, uns kein anderer Weg offen steht, die gewalttätigen Herrschaftsketten abzustreifen, Menschen ihre (Grund-) Rechte einbüßen etc., so kann es passieren, dass soziale Unruhen durchaus zu unterstützen sind. Natürlich sind gewaltlose Proteste vorzuziehen, aber man sollte sich nicht im Vorfeld aller Kampfmittel berauben. Hier ist das oft zitierte Augenmaß gefragt ...


    Aus einem Kommentar von Gerrit Brüning heute im "Juso-Blog".

    Kommentar: Gerrit Brüning antwortet auf einen Artikel der Juso- Vorsitzenden Franziska Drohsel, in dem diese empfiehlt, "breite gesellschaftliche Proteste" zu "unterstützen". Der Gewalt redet sie aber nicht das Wort; anders als der Kommentator Gerrit Brüning.

    Als ich seinen Kommentar las (er zitiert auch noch Engels, der wie Marx mit dem "ungesetzlichen Weg" drohte), dachte ich, da hätte halt ein Kommunist bei den Jusos seine Meinung hinterlegt.

    Dann aber habe ich nachgesehen, wer denn Gerrit Brüning ist. Man findet das hier:
    Bisherige Ämter:
  • Stellv. SPD-Vorsitzender UB Vechta
  • Vorsitzender der Jusos UB-Vechta
  • Stellv. Ortsvereinsvorsitzender
  • Vorstandsmitglied SPD UB-Vechta
  • Zur Zeit von Egon Bahr hätte ein Sozialdemokrat, der offen Gewalt als Mittel der Politik nennt, am nächsten Tag ein Parteiordnungs- Verfahren am Hals gehabt. Gerrit Brüning wird vermutlich nichts passieren.

    Die SPD hat heute einen linken Flügel, der sich ideologisch und - wie man sieht - selbst in der Frage der Gewalt kaum noch von den Kommunisten unterscheidet. (Diese sind allenfalls, was die Gewalt angeht, vorsichtiger, sich offen zu äußern).

    Auch das sollte meines Erachtens die FDP bedenken, wenn sie auf dem bevorstehenden Wahl- Parteitag zu entscheiden hat, ob sie die Möglichkeit des Eintritts in eine Regierung Steinmeier nach dem 27. September offenhalten will.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Califax für den Hinweis auf den Artikel von Franziska Drohsel.

    26. April 2009

    Marginalie: Achten Sie auf Kajo Wasserhövel!

    Ich hätte gedacht, daß der Mann in den USA gelernt hat, wie man einen professionellen Wahlkampf organisiert; so glänzend macht er das. Aber jedenfalls die Wikipedia weiß dergleichen nicht zu berichten. Noch nicht einmal Politologie hat er studiert, sondern ganz bieder Neuere Geschichte, Philosophie und Soziologie.

    Allerdings hat er die harte Schule der Jusos durchlaufen; und zwar ganz links, als Angehöriger des damals DKP- nahen Stamokap- Flügels. Und ansonsten die Karriere hinter sich, die heute für viele Politiker typisch ist:

    Schon parallel zum Studium massives Engagement in einer Partei (AStA- Mitglied; Mitglied im Bundesvorstand der Juso- Hochschulgruppen). Nach Ende des Studiums 1991 dann sofort hauptamtlicher Funktionär; Wasserhövel leitet das Sekretariat des Juso- Bezirks Westliches Westfalen. Einstieg in die Berufspolitik also, ohne jemals einen Beruf ausgeübt zu haben.

    Dann weiter die Parteikarriere: Redenschreiber für Franz Müntefering. Dessen Persönlicher Referent, sein Büroleiter. Und so fort. Fast wäre Wasserhövel SPD- Generalsekretär geworden; doch da war bekanntlich die Nahles vor. Jetzt ist er es de facto im Amt des Bundes- Geschäftsführers. Bei den Bundestagswahlen wird er sich für ein Mandat bewerben.



    Im ersten und ausführlich noch einmal im zweiten Artikel der Serie "Wahlen '09" habe ich analysiert, wie außerordentlich professional die SPD diese erste Phase des Wahlkampfs führt:

    Jetzt geht es noch nicht um die inhaltliche Auseinandersetzung, sondern um das Image. Das der Kanzlerin wird von der Führung der SPD- Kampagne systematisch demontiert; Steinmeier aufzubauen wird die nächste Phase sein. Auch am Image der eigenen Partei wird gearbeitet; sie soll als die Partei der sozialen Gerechtigkeit wahrgenommen werden.

    Als ich diese beiden Artikel schrieb, habe ich es unterlassen, auf Kajo Wasserhövel einzugehen. Das hole ich hiermit nach. Er hat offenbar - wie übrigens schon 2005 - einen entscheidenden Anteil an der Formulierung der SPD- Strategie.

    Über seinen neuesten Coup berichtet heute Stefan Schultz in "Spiegel- Online": Plakate, auf denen die CDU, die FDP und "Die Linke" attackiert werden.

    Wieder eine Aktion wie aus dem Lehrbuch: Zwar sind die Plakate angeblich auf den Europa- Wahlkampf gemünzt; faktisch gehören sie aber zur ersten Phase des Wahlkampfs für den Bundestag. Wieder geht es um das Image; diesmal nicht das der Kanzlerin, sondern dasjenige der mit der SPD konkurrierenden Parteien.

    Da die anderen Parteien noch nicht aus den Puschen kommen, gehört dieses Feld im Augenblick der SPD. Sie nutzt das geradezu vorbildlich. Chapeau, Kajo!



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    18. April 2009

    Zettels Meckerecke: Voodoo-Politik. Kinderpornographie, Reichensteuer etc. Statt wirksam zu handeln, werden "Zeichen gesetzt"

    Zu unserem archaischen Erbe gehört das Denken in Symbolen. Vor der Entwicklung der Technik war die Möglichkeit von Menschen, ihre Umwelt real zu beeinflussen, äußerst begrenzt. Man ging nolens volens den Weg der Symbolik. Die Tiere, die man zu erjagen trachtete, wurden an die Wände der Höhle gemalt und beschworen. Im Regentanz wurde dargestellt, wie es regnet.

    Manches davon hat sich bis heute erhalten. In rumänischen Dörfern wird noch Paparuda, die Regengöttin beschworen. Ein junges Mädchen bewegt sich tanzend von Haus zu Haus und wird von den Einwohnern mit Wasser bespritzt.

    In der Karibik ist derlei symbolisches Handeln als Voodoo noch immer weit verbreitet. Manches gelangt in zivilisiertere Gegenden. Im Vor- Wahlkampf zur Präsidentschaft im vergangenen Jahr wurde in den USA ein Hillary Clinton Voodoo Kit vertrieben, bestehend aus einer Clinton- Puppe, einer Nadel und einer Sammlung geeigneter Verwünschungen.



    Womit wir beim Thema sind. Denn auch der jetzt anlaufende Wahlkampf in Deutschland trägt unverkennbar Züge von Voodoo. Mit einem Tamtam wie auf der Bambula werden Handlungen angekündigt, deren Wirksamkeit höchst fragwürdig, deren Symbolwert aber umso größer ist.

    Die SPD tut sich dabei besonders hervor, indem sie so ungefähr alles an symbolischem Klassenkampf wieder aus der Mottenkiste holt, was sich im Bereich des Steuerrechts finden oder vielmehr zurechtschustern läßt: Wiedereinführung der Börsenumsatzsteuer, Reichensteuer, Wiedereinführung der Vermögenssteuer, Erhöhung des Spitzensteuersatzes.

    Ob irgend etwas davon dem Fiskus mehr als allenfalls ein paar Milliarden bringt, weiß niemand. (Bekanntlich führen Steuererhöhungen, da sie die Wirtschaftsstätigkeit bremsen, keineswegs automatisch zu höheren Staatseinnahmen). Vor allem aber liegt auf der Hand, daß die SPD, sollte sie es denn nach dem 27. September in die Regierung schaffen, mit einem Partner wird regieren müssen, der das alles gar nicht zuläßt; sei es die CDU in einer neuen Großen Koalition, sei es - wahrscheinlicher - die FDP in einer Ampel.

    Aber man kann ja einmal Voodoo treiben. Die Wirkung solchen Mummenschanzes ist ja nie, daß die Wirklichkeit beeinflußt wird; sondern man will Menschen manipulieren. Das beherrschen diejenigen, die den Wahlkamf der SPD vorbereitet haben und die ihn jetzt steuern, offenbar bestens. Viel besser jedenfalls als die Union.



    Aber auch die Union verzichtet keineswegs auf Voodoo- Politik. Ein Beispiel ist die Sperrung des Internet für Kinderpornografie. Man kann, wie zum Beispiel hier nachzulesen, die Sperre leicht umgehen. Konsumenten, die wirklich an solchen Dingen interessiert sind, werden sie sich auch weiter zu beschaffen wissen. Darüber hinaus wird Kinderpornografie bereits jetzt immer weniger über das Internet verbreitet, sondern postalisch über CDs.

    Ohnehin ist ganz unwahrscheinlich, daß kriminellen Kinderschändern dadurch das Handwerk gelegt werden kann, daß man ihren Umsatz in Deutschland, wenn denn die Sperren greifen sollten, geringfügig reduziert. Sie haben genug Märkte, und der Profit ist so riesig, daß ihnen eine solche Umsatz- Einbuße wenig ausmachen würde. "Gut gemeint, aber wirkungslos", war gestern ein Kommentar des Stellvertretenden Chefredakteurs der "Süddeutschen Zeitung" Bernd Graff überschrieben.

    Für diesen Schlag ins Wasser wird jetzt die Zensurfreiheit des Internet geopfert. Es wird eine Schwarze Liste des BKA angelegt, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sein wird, deren Angemessenheit also nicht kontrolliert werden kann. Es wird ein technisches Instrumentarium geschaffen, das leicht auch zur Zensur in anderen Bereichen eingesetzt werden kann.

    Voodoo also. Denn so wenig mit diesem Mittel der Sperrung das angestrebte Ziel eines erfolgreichen Kampfs gegen den Mißbrauch von Kindern zu Pornografie erreicht wird, so hoch ist doch andererseits sein Symbolwert. Entschlossen tritt die Ministerin von der Leyen vor die Presse, die leibhaftigere Beschützerin der Kinder. Die Ritterin gegen Tod und Teufel. Die freilich eher eine Kämpferin gegen Windmühlenflügel ist.



    Sie wenden, lieber Leser, ein, so seien nun mal die Menschen; mundus vult decipitur? Sie geben zu bedenken, in der Politik zähle schließlich stets die Symbolik, schon ganz und gar im Wahlkampf?

    Ja, gewiß. Recht haben Sie mit diesen Einwänden. Ganz und gar Recht. Nur - warum sollte ich es mir verkneifen, über Dummheit und Scheinheiligkeit zu meckern, nur weil es sie schon immer gegeben hat?



    Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Meister Petz.

    16. April 2009

    Zitat des Tages: "Populistisches Wahlkampfgetöse". Der Dreihundert-Euro-Sozialismus der SPD

    Das ist populistisches Wahlkampfgetöse erster Klasse. Die SPD eröffnet damit das Haschen nach Wählerstimmen über Steuergeschenke. Der Vorschlag macht aus unserer Sicht gar keinen Sinn. Es ist bizarr, wie das Thema lanciert und auf welchem Niveau hier diskutiert wird.

    Der Bundesgeschäftsführer des Bundes der Steuerzahler, Reiner Holznagel, im Interview mit Melanie Ahlemeier von der "Süddeutschen Zeitung" über den Plan der SPD, allen reinen Lohnsteuerzahlern, die auf die Abgabe einer Steuererklärung verzichten, dafür eine Prämie von 300 Euro zu schenken.

    Kommentar: Man konnte es ahnen: Der Erfolg der Abwrackprämie hat die Kreativität von Wahlkämpfern herausgefordert.

    Wir Bürger sind, so zeigt dieser Erfolg, ungeheuer scharf darauf, vom Staat etwas geschenkt zu bekommen.

    300 Euro, bei Ehepaaren gar 600 Euro bar auf die Kralle dafür, daß man nichts tut, nämlich keine Steuererklärung abgibt - ja, ist denn heut' scho' Weihnachten?, um mit dem Beckenbauer Franz zu sprechen.

    Und alle kriegen Dasselbe! Endlich Gerechtigkeit!

    Auch wer gar keine Rückerstattung zu erwarten hätte, weil er keine Werbungskosten usw. geltend machen kann, soll diese "Prämie" bekommen. Und wer dumm oder uninformiert genug ist, sie in Anspruch zu nehmen, obwohl er Anspruch auf eine höhere Rückerstattung hätte, der bekommt dasselbe. Viele werden es tun; so wie viele für ein Auto die Abwrackprämie "mitgenommen" haben, das noch mehr als 2500 Euro wert gewesen war.



    Es ist ein perfektes Stück Sozialismus, was die SPD da ausgeheckt hat: Der Staat kassiert beim Bürger ab und gibt ihm dann in seiner Großmut etwas davon zurück. Und zwar ohne jede Rücksicht auf Gerechtigkeit: Ob ein Anspruch auf Rückzahlung besteht oder nicht, jeder bekommt seine 300 Euro.

    Steuer-Rückerstattungen gibt es ja nach der Logik unseres Steuerrechts eigentlich dann, wenn der Bürger zuviel Steuern gezahlt hatte; weil zB beim Abzug der Lohnsteuer die Werbungskosten noch nicht berücksichtigt worden waren. Das war bisher kein Geschenk, sondern einfach die Folge einer nachträglichen Berechnung der korrekten Steuer.

    Jetzt soll daraus partiell ein Geschenk werden. Freilich finanziert aus dem, was der Staat dem Bürger erst einmal abgenommen hat. Es ist ungefähr so wie bei einem Straßenräuber, der dem Überfallenen den Geldbeutel wegnimmt, diesen öffnet und ihm gnädig zwei Euro schenkt, damit er mit der Straßenbahn nach Hause fahren kann.



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    11. April 2009

    Zitat des Tages: "Ein großer Erfolg der Ostermarschierer". Anmerkungen zum dreifachen Steinmeier

    Die europäische Bewegung, die vor 50 Jahren mit der Kampagne für nukleare Abrüstung begann, kann nach langen politischen Auseinandersetzungen einen großen Erfolg verbuchen.

    Frank-Walter Steinmeier in einer Erklärung zu den diesjährigen Ostermärschen.

    Kommentar: Dieses Satz Frank-Walter Steimeiers ist aus drei Gründen interessant.

    Erstens als ein Satz des Ministers Steinmeier. Der "große Erfolg", den Steinmeier den Ostermarschierern attribuiert, besteht nämlich nach seiner Ansicht in der "jüngste(n) Erklärung der Präsidenten Barack Obama und Dmitrij Medwedjew, die Atomwaffenarsenale massiv zu reduzieren". Und daraus wiederum leitet er ab, daß die USA ihre Atomwaffen aus Deutschland abziehen sollten. Die "Süddeutsche Zeitung":
    Im Magazin Spiegel forderte Steinmeier den Abzug der letzten in Deutschland lagernden US-Atomwaffen und geht damit auf Gegenkurs zu Kanzlerin Merkel. "Diese Waffen sind heute militärisch obsolet", sagte der SPD-Politiker. Er werde sich dafür einsetzen, dass die verbliebenen Sprengköpfe abgezogen würden.
    Hier ist das Bemerkenswerte, daß sich der Minister Steinmeier (wieder einmal) über die Kabinettsdisziplin und die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin hinwegsetzt. Ohne einen entsprechenden Kabinettsbeschluß prescht er in einer so wichtigen Frage vor; so als sei er der Oppositionsführer und nicht der Vizekanzler dieser Regierung.

    In keinem ordentlich regierten Staat gibt es so etwas. Aber von Steinmeier sind wir es inzwischen gewohnt. Seine Eigenmächtigkeit ging ja schon so weit, daß er dem noch nicht einmal im Amt befindlichen Barack Obama einen anbiedernden "Offenen Brief" schrieb, statt in Abstimmung mit der Kanzlerin die üblichen diplomatischen Kanäle zur Kontaktaufnahme zu nutzen.

    Bemerkenswert ist der Satz zweitens als ein Satz des Linken Steinmeier. Dieser graue Mann, der die Karten immer so eng an die Brust drückt, daß er sie selbst kaum sehen kann, gilt seltsamerweise als ein Mann der Mitte, ja manchmal als SPD-Rechter. Nichts deutet aber darauf hin, daß er das ist.

    Bevor er die Laufbahn der Grauen Eminenz einschlug, hat er sich politisch sehr eindeutig positioniert, und zwar ganz linksaußen in der SPD; dort, wo auch die Zusammenarbeit mit Kommunisten nicht tabuisiert ist. Als er kürzlich Mitglieder der Partei "Die Linke", die nicht auf der orthodoxen Parteilinie sind, als "Sektierer" bezeichnete, da bediente sich Steinmeier noch einmal der Diktion, die er damals gelernt haben dürfte.

    Die Bewegung "Kampf dem Atomtod", die Bewegung der jetzt von Steinmeier gerühmten Ostermarschierer also, wurde teils von diesem DKP-nahen (anfangs noch KPD-nahen) Flügel der SPD getragen, teils von der KPD bzw. DKP selbst sowie von sogenannten "undogmatischen Linken". An solche Leute ist Steinmeiers jetzige Erklärung offensichtlich adressiert.

    Und damit sind wir bei dem Wahlkämpfer Steinmeier. Die Führung der SPD hat es traditionell vermieden, sich mit den Ostermarschierern zu solidarisieren. Wenn Steinmeier es jetzt ostentativ tut, dann schlägt der Wahlkämpfer Steinmeier damit zwei Fliegen mit einer Klappe:
  • Zum einen biedert er sich bei Linken an. Den Kommunisten soll das Wasser abgegraben werden, indem Steinmeier sich in die linke Tradition stellt, die die Partei "Die Linke" für sich reklamiert.

  • Indem Steinmeier diese Tradition mit der jetzigen Politik des Präsidenten Obama verknüpft, schlägt er zugleich das Thema an, das außenpolitisch den Wahlkampf der SPD bestimmen dürfte: Wir, die SPD, sind im Tritt mit der neuen US-Regierung. Wir wollen das, was auch Obama will. Die Kanzlerin hingegen wird man mit Bush in Verbindung bringen; sie als nicht mehr auf der Höhe der Zeit befindlich darstellen.
  • Der erwähnte "Offene Brief" Steinmeiers hat das bereits Anfang des Jahres angekündigt: Steinmeier will sich im Wahlkampf als derjenige präsentieren, der den besseren Draht zu den USA des Präsidenten Obama hat. Etwas von Obamas Glanz soll auf ihn fallen.



    Nicht schlecht ausgedacht. Bestens ausgedacht als flankierende Maßnahme zu dem Konzept für einen innenpolitischen Wahlkampf, auf das die SPD-Spitze sich am vergangenen Dienstag laut "Spiegel- Online" verständigt hat.

    Und die Union? Die Kanzlerin ist mit dem Regieren beschäftigt. Die CDU-Zentrale scheint noch damit befaßt zu sein, herauszufinden, wann denn die nächsten Bundestagswahlen stattfinden.



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    30. März 2009

    Wahlen '09 (1): Kann Angela Merkel die Wahlen noch gewinnen? Es wird schwer werden

    Ist es nicht arg verfrüht, schon jetzt, genau ein halbes Jahr vor einer Wahl, über deren Ausgang zu spekulieren?

    Ja, natürlich, bis zum 27. September kann noch viel passieren. Niemand weiß, wie sich die Wirtschaftskrise entwickeln wird. Es kann, vielleicht in deren Gefolge, zu weiteren Krisen in der Welt kommen. Zu Hunger- Aufständen, vielleicht zu schweren politischen Erdbeben. Das könnte die Wahlen beeinflussen. Auch innenpolitisch könnte Überraschendes passieren - ein Skandal beispielsweise.

    Und der Wahlkampf hat ja noch gar nicht begonnen.

    Oder vielleicht doch? Er hat begonnen. Vor drei Wochen hat die SPD ihn mit einer konzertierten Aktion eröffnet, einer sorgsam präparierten publizistischen Breitseite gegen die Kanzlerin.

    Von einer Reaktion der Union ist bisher nichts zu merken. Das ist noch freundlich gesagt, denn einige ihrer Vertreter haben ja selbst gleich noch ein paar Salven auf die Kanzlerin abgefeuert.

    Der Wahlkampf hat begonnen. Ich werde ihn mit Artikeln in ZR begleiten; einer Serie wie vergangenes Jahr zur Wahl des US- Präsidenten. Ein wenig mehr als die damaligen 28 Folgen werden es werden.



    Machen wir einmal die Voraussetzung, die alle Futurologen machen: Beurteilen wir die Ausgangslage für die Wahlen unter der Einschränkung, daß es bis zu ihnen zu keinem unvorhersagbaren Ereignis kommt; hier also: zu keinem innenpolitischen Skandal, zu keiner Weltkrise über die jetzige wirtschaftliche Krise hinaus. Wodurch ist diese Ausgangslage gekennzeichnet?


    1. Die Parteienkonstellation

    Vor einer Wahl gibt es üblicherweise ein Regierungslager und ein Lager der Opposition. Die in der Regierung vertretenen Parteien wollen gemeinsam weiter regieren; die Opposition will sie aus der Regierung vertreiben. Es gibt also Verbündete und Gegner.

    Diesmal ist das ganz anders, und zwar auf eine für die Union nachteilige Weise anders.

    Sie regiert zusammen mit der SPD. Diese sieht sie aber nicht als ihren Verbündeten, sondern als ihren Gegner an. Der Vorsitzende der Regierungspartei SPD agitiert nicht etwa gegen die Oppositionsparteien, sondern - gerade wieder an diesem Wochenende in einem Interview mit dem Magazin "Focus" - gegen die eigene Kanzlerin.

    Von den drei Oppositionsparteien sind zwei - die Grünen und die Kommunisten - der Union spinnefeind. Und die FDP? Sie hat jetzt vier Jahre lang Opposition gegen die Kanzlerin gemacht. Gewiß würde sie gern mit der Union koalieren; aber sie kann ja nicht plötzlich das Gegenteil von dem sagen, was sie in diesen vier Jahren gesagt hat. Auch jetzt, am Beginn des Wahlkampfs, kritisiert Westerwelle weiter die Kanzlerin. Eine Unterstützung durch die FDP kann die CDU im Wahlkampf nicht erwarten.

    Sie wird also gegen die anderen antreten. Allein gegen alle. Aber ist das nicht in jedem Wahlkampf so? Sind nicht alle Parteien Konkurrenten?

    Gewiß. Aber eben normalerweise zugleich in bestimmten Konstellationen Verbündete. Während der Regierungszeit Kohls haben die Union und die FDP einander geschont; zu rotgrünen Zeiten ebenso die SPD und die Grünen. Ein solcher Verbündeter fehlt der Union diesmal.


    2. Die bisherige Entwicklung der Mehrheitsverhältnisse

    "Spiegel- Online" bietet einen grafischen Überblick über die Entwicklung der Umfrage- Ergebnisse seit den letzten Wahlen an. Aufschlußreich ist das, was "Koalitionsrechner" genannt wird: Die Zusammenfassung der Umfragewerte für die Parteien, die jeweils eine Koalition bilden könnten. Man kann dort sehen, daß über die meisten Zeiten in diesen dreieinhalb Jahren eine schwarzgelbe Koalition hinter einer Volksfront- Koalition aus SPD, Kommunisten und Grünen lag.

    In den letzten Wochen war das anders. Aber der Vorsprung ist minimal. Allensbach gab beispielsweise in einer am 24. März publizierten Umfrage Schwarzgelb einen (Zahlen gerundet) 49 : 47 - Vorsprung vor der Volksfront. Praktisch zeitgleich (publiziert am 23. März) sah Emnid hingegen die Volksfront mit 49 : 48 vorn. Der Abstand ist so gering, daß schon kleinste Schwankungen einmal die eine und einmal die andere Koalition nach vorn bringen.

    Daß Schwarzgelb am 27. September eine Mehrheit erhält, ist also alles andere als ausgemacht. Und gibt es diese Mehrheit nicht, dann bedeutet das sehr wahrscheinlich, daß die CDU in die Opposition muß und daß der Bundeskanzler Steinmeier heißen wird.

    Denn die SPD hat dann die Grünen als sicheren Partner und kann sich den Dritten im Bunde aussuchen. Sie wird die FDP einladen, nein sie wird sie herzen, küssen und umarmen. Der Kandidat Steinmeier übt sich bereits im Verteilen von Streicheleinheiten an Guido Westerwelle. Und der gibt sich gar keine Mühe mehr, zu verstecken, daß er zwar gern mit der Union koalieren würde, daß er aber eine Koalition mit der SPD keineswegs ausschließt.

    Und sollte sich die FDP am Ende doch verweigern, dann kann sich Steinmeier immer noch von den Kommunisten mitwählen und von ihnen tolerieren lassen. Sicher nach den hessischen Erfahrungen nicht sofort; sicher erst, wenn alle anderen Möglichkeiten "ausgelotet" sind. Aber er hat dieses Druckmittel, um die Zögernden in der FDP in die Regierung zu zwingen.


    3. Die Professionalität des Wahlkampfs

    Angesichts der knappen Mehrheitsverhältnisse wird es auf den Wahlkampf ankommen. Wer ihn professioneller führt, der hat ausgezeichnete Aussichten auf den Sieg.

    Im Augenblick spricht alles dafür, daß die SPD der Union in diesem Punkt überlegen ist. Die erste Attacke wird seit drei Wochen geradezu schulbuchmäßig geführt.

    Im Vorwahlkampf, in der ersten Phase des Wahlkampfs, bildet sich das Image der Kandidaten heraus, die Master Narrative über ihn. Später ist es kaum noch zu beeinflussen; aber bevor die Kampagne richtig in Gang gekommen ist, haben viele Wähler nur ein vages Bild von den Kandidaten. Sie sind noch nicht festgelegt; sie sind bereit, einen Kandidaten auch anders zu sehen, wenn sie entsprechende Informationen bekommen.

    Hier also setzen Wahlkampf- Profis an. Bevor man noch über Sachthemen redet, wird daran gearbeitet, den eigenen Kandidaten in einem vorteilhaften Licht erscheinen zu lassen und die Gegenkandidaten zu beschädigen, im günstigsten Fall zu demontieren.

    Die Kampagne von Barack Obama ist dafür ein glänzendes Beispiel. Zunächst trat er nur als der Messias auf, als der Kandidat des Lichts und des Guten. Erst als sich dieses Image herausgebildet und befestigt hatte, begann er, in die Auseinandersetzung mit den Konkurrenten zu gehen. Deren eventuelles negative campaigning konnte ihm dann kaum noch etwas anhaben. Im Gegenteil - angesichts des positiven Image, das sich Obama erarbeitet hatte, schlug es eher auf diese zurück.

    Die Strategen der SPD folgen exakt diesem Rat der Wissenschaftler, sich zunächst um das Image zu kümmern. Und zwar hier das der Kanzlerin, das systematisch demontiert werden soll.

    Ist man erst einmal so weit, daß die Kanzlerin als jemand wahrgenommen wird, der - so Müntefering im im aktuellen "Focus" - nicht führt, sich nicht festlegt, es nicht "schafft", dann kann sogar der graue und dröge Steinmeier dagegen als ein Macher aufgebaut werden. Das wird die nächste Phase sein.

    Die Union hat dem nichts entgegenzusetzen; bisher jedenfalls nicht. Der redliche, immer lieb lächelnde Ronald Pofalla als Gegenspieler des ausgekochten Strategen Franz Müntefering - das ist so, als wenn der Thekenverein "Die Schlappenkicker" gegen, sagen wir, den HSV antritt.


    4. Die Person der Kanzlerin

    Sie gehört zu den besten Kanzlern, die dieses Land hatte. Aber der Wahlkampf ist ihre große Schwäche. Ich habe das in diesem Artikel skizziert. Sie ist unübertrefflich, wenn es um diplomatische Verhandlungen, um den rationalen Ausgleich von Interessen geht. Sie wird umso schlechter, je mehr es von ihr verlangt ist, Emotionen anzusprechen, Anhänger zu mobilisieren, Gegner zu attackieren, kurz: Stimmung zu machen.

    Sie ist darin das Gegenteil von Barack Obama; auch von Gerhard Schröder, der in dieser Hinsicht ebenfalls mit allen Wassern gewaschen war.

    Diesmal hat sie das Glück, dem Frank-Walter Steinmeier gegenüberzustehen, auch nicht gerade ein Volkstribun und charismatischer Führer. Aber diesen Part werden andere für ihn spielen - Müntefering, Wowereit, Nahles. Zumindest, was den Volkstribun angeht.

    Und wer wird Angela Merkel unterstützen? Annette Schavan, sie bestimmt. Und Ursula von der Leyen.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Linzenz freigegeben. Ausschnitt.

    24. März 2009

    Zitat des Tages: "Wir nehmen mit, was wir kriegen können". Müntefering, ein Wahlkämpfer ohne Skrupel. Aber die Steilvorlage kam aus der Union

    Nach Ansicht von SPD- Chef Franz Müntefering tobt in der Union ein offener Machtkampf. CDU- Fraktionschef Volker Kauder habe die Machtfrage gestellt und sie für sich gegen die Kanzlerin entschieden, sagte Müntefering am Dienstag. (...)

    Die SPD werde aber weiter in der großen Koalition mitarbeiten und Ergebnisse herbeiführen. "Wir nehmen mit, was wir kriegen können."


    Karsten Wiedemann heute in der Online-Ausgabe des sozialdemokratischen "Vorwärts" unter der Überschrift "Kauder will putschen".

    Kommentar: Die erfolgreichsten Wahlkämpfer zeichnen sich durch ein gewisses Maß an Skrupellosigkeit aus. Adenauer hatte sie, als er für den Fall eines Wahlsiegs der SPD den "Untergang Deutschlands" ankündigte und als er von "Willy Brandt alias Frahm" sprach. Schröder hatte sie, als er 2005 dem Wahlvolk mit Erfolg einredete, die CDU wolle für alle denselben Steuersatz - "ob Millionär oder Krankenschwester".

    Angela Merkel fehlt - ich habe kürzlich darauf hingewiesen - die Fähigkeit zu einem solchen Stil; und wohl auch die Bereitschaft, sich auf dieses Niveau zu begeben. Bei Anne Will am Sonntag hat sie sinngemäß gesagt, daß sie als Kanzlerin genug mit den Sachfragen beschäftigt sei und nicht ständig auf ihre Wirkung in der Öffentlichkeit bedacht sein könne. Das wird man ihr gern abnehmen.

    Nur wird solch eine pflichtbewußte Haltung Angela Merkels diesen Wahlkampf für die CDU schwierig machen. Zumal die Strategen im Willy- Brandt- Haus diese Schwäche der Kanzlerin ja gnadenlos auszuschlachten entschlossen sind.

    Die Kanzlerin soll demontiert werden; das wird der Kern des SPD- Wahlkampfs sein; und die Union soll damit als ein führerloser, in sich zerstrittener Haufen hingestellt werden. Die FDP dagegen wird man schonen, ja fördern - man will sie ja in eine Ampel hineinzwingen. Eine aus Sicht der SPD glänzende, ein leider auch aussichtsreiche Strategie.

    Und man kann es kaum fassen - in der CDU gibt es Kräfte, die exakt diese SPD-Strategie von innen heraus unterstützen; ich habe vor zwei Wochen über diese nützlichen Idioten Münteferings in der CDU/CSU geschrieben.

    Mit ihrer Kritik an der eigenen Vorsitzenden haben sie Müntefering eine Steilvorlage geliefert. Wenn er den Ball jetzt reinzumachen versucht, indem er von einem Putschversuch und von Machtkämpfen in der CDU spricht - wer will es ihm verdenken.

    Er nimmt eben mit, was er kriegen kann. Von seinen nützlichen Idioten in der Union.



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    24. Januar 2009

    Kurioses, kurz kommentiert: Schwans Klage. Schwanengesang

    Gesine Schwan, die SPD-Kandidatin für das Bundespräsidentenamt, beklagt sich über mangelnden Rückhalt in der eigenen Partei. (...) In den Planungen der Parteizentrale von SPD-Chef Franz Müntefering für das Superwahljahr spiele nach ihrem Eindruck die Bundespräsidentenwahl am 23. Mai bislang so gut wie keine Rolle.

    Aus einer Vorabmeldung zum aktuellen "Spiegel" 5/2009

    Kommentar: Noch einmal ein Schwanengesang. Ja, welche Rolle soll sie denn in diesen Planungen spielen? Spätestens das jetzige Desinteresse der SPD-Führung an der Kandidatur Schwans belegt doch das, was den meisten von vornherein klar gewesen war: Der Sinn dieser Kandidatur, die von Andrea Nahles eingefädelt worden war, sollte es sein, die Volksfront für den September dieses Jahres vorzubereiten.

    Nun sind diese Planungen, nachdem der von Nahles geführte Beck weg ist, offensichtlich auf 2013 verschoben worden. Für die SPD ist damit die Volksfront, die sich bei der Abstimmung über Schwan erstmals auf Bundesebene etablieren sollte, jetzt eher genierlich; könnte sie doch Zweifel an Münteferings und Steinmeiers Schwüren nähren, auf keinen Fall nach der Bundestagswahl mit den Kommunisten anzubändeln.



    Und was ist an dieser Meldung kurios? Kurios ist, wie "Spiegel- Online" zählt:
    Tatsächlich sind die Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung äußerst knapp. Dort kommen CDU/CSU und FDP auf 606 Stimmen. Nötig ist in den ersten beiden Wahlgängen die absolute Mehrheit von 613 Stimmen. Dazu könnten Köhler die zehn Stimmen der Freien Wähler aus Bayern verhelfen. SPD, Grüne und Linke kommen zusammen auf bis zu 603 Stimmen.
    War da nicht der Kandidat Peter Sodann? Offenbar geht auch der "Spiegel" stillschweigend davon aus, daß er nur für die Show aufgestellt wurde und im entscheidenden Wahlgang wieder zurückgezogen werden soll.

    Oder vielleicht doch nicht? Denn für die Kommunisten könnte sich jetzt die Frage stellen, warum sie eigentlich unbedingt Gesine Schwan wählen sollen, wenn die SPD ihnen auf Bundesebene so ostentativ die kalte Schulter zeigt. Wo läge unter diesen neuen Bedingungen noch der Vorteil für sie?

    Und dann ist da ja noch der Kandidat Sodann mit seinen Eigenheiten. Zwingen kann ihn niemand, seine Kandidatur für den zweiten oder dritten Wahlgang zurückzuziehen. Sich hinzustellen und das trotzig nicht zu tun - das würde zu Peter Sodann passen.



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    9. Januar 2009

    Marginalie: Wie wirken sich Steuersenkungen auf das Konsumverhalten aus? Nicht so, wie die SPD behauptet. Seit gestern ist das nachgewiesen

    Die SPD ist bekanntlich gegen Steuersenkungen als Mittel zum Ankurbeln der Konjunktur. Sie begründet das u.a. mit einem Argument, das seit Wochen geradezu gebetsmühlenartig wiederholt wird. Hier ist eine Passage aus einer ddp-Meldung vom 29. Dezember 2008, die darüber berichtet, wie Matthias Platzeck dieses Argument verwendete:
    Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) hat Forderungen der CSU nach schnellen Steuersenkungen zur Konjunktur- Belebung zurückgewiesen. Der Teil der Bevölkerung, der zusätzliches Geld ausgeben würde, zahle keine Steuern, würde also leer ausgehen, sagte Platzeck unter Hinweis auf ALG-II- Empfänger, Geringverdiener und den Großteil der Rentner in einem am Montag vorab veröffentlichten Interview der Zeitschrift "Super Illu". Zudem sei bei dem Teil der Bevölkerung, der tatsächlich entlastet würde, die Neigung groß, das zusätzliche Geld zu sparen.
    Woher wissen Platzeck, Müntefering und Genossen eigentlich, daß das so ist?

    Sie wissen es gar nicht. Denn es ist nicht so. Das Gegenteil ist der Fall.

    Gestern wurde der Deutschlandtrend Januar 2009 publiziert; eine Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der ARD und der FR. Wenn Sie dort auf Bild 3 klicken, dann finden Sie die Antworten auf die folgende Frage:
    In der Politik wird dieser Tage über Maßnahmen beraten, mit denen die Konjunktur gestützt und die Krise der Wirtschaft abgemildert werden soll. Wenn Sie durch das Konjunkturpaket der Bundesregierung im nächsten Monat mehr Geld hätten, was würden Sie mit dem Geld machen? Würden Sie es vor allem
  • erstmal sparen
  • ausgeben für Anschaffungen
  • ausgeben für Lebensunterhalt
  • fürs Alter zurücklegen
  • Die Antworten werden in der Grafik nach Einkommensklassen aufgeschlüsselt; eine untere (Netto- Haushaltseinkommen unter 1500 Euro), eine mittlere (1500 bis unter 3000 Euro) und eine obere (über 3000 Euro).

    Ergebnis:

    Sparen wollten in der unteren Einkommensgruppe 33 Prozent, in der mittleren 38 Prozent und in der oberen 34 Prozent.

    Das Geld für das Alter zurücklegen wollten in der unteren Einkommensgruppe 19 Prozent, in der mittleren 16 Prozent und in der oberen 9 Prozent.

    Das Geld für Anschaffungen ausgeben wollten in der unteren Einkommensgruppe 15 Prozent, in der mittleren 21 Prozent und in der oberen 36 Prozent.

    Das Geld für den Lebensunterhalt ausgeben wollten in der unteren Einkommensgruppe 27 Prozent, in der mittleren 20 Prozent und in der oberen 16 Prozent.

    Das Geld nicht ausgeben (sparen, fürs Alter zurücklegen) wollten also in der unteren Einkommensgruppe 51 Prozent, in der mittleren 54 Prozent und in der oberen 43 Prozent.

    Das Geld ausgeben (für Anschaffungen oder Lebensunterhalt) wollten in der unteren Einkommensgruppe 42 Prozent, in der mittleren 41 Prozent und in der oberen 52 Prozent.


    (Die Prozentwerte addieren sich nicht zu 100, weil offenbar nicht alle Befragten sich für eine der Alternativen entschieden).



    Klarer kann eine politische Behauptung nicht widerlegt werden. Man darf gespannt sein, ob die SPD dieses "Argument" jetzt zurückzieht oder es weiter verwendet.



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