Posts mit dem Label Guido Westerwelle werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Guido Westerwelle werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

2. August 2009

Wahlen '09 (6): Steinmeiers Geistertruppe, Westerwelles Wankelmut, Merkels Schwachstellen

Acht Männer und zehn Frauen umfaßt das Schattenkabinett ("Kompetenzteam"), das Frank- Walter Steinmeier am Donnerstag der gar nicht sehr staunenden Welt präsentiert hat.

Rechnen wir ein wenig: Die SPD liegt in den Umfragen im Augenblick bei 23 bis 24 Prozent. Sie wird nach menschlichem Ermessen nach dem 27. September, wenn überhaupt, nicht allein regieren können, und auch nicht im Bündnis mit den Grünen. Wenn Steinmeier Kanzler werden will, dann wird er einen dritten Partner finden müssen; entweder die Liberalen oder die Kommunisten.

Zusammen werden diese beiden Partnerparteien mindestens ebenso viele Sitze im Kabinett erhalten wie die SPD. Gegenwärtig gibt es vierzehn Ressorts. Bleibt es dabei, dann stehen der SPD also maximal sieben zu.

Elf von jenen achtzehn, die sich jetzt Hoffnung darauf machen, Herr oder Frau Minister zu werden oder zu bleiben, werden also leer ausgehen.

Wollte ein Kanzler Steinmeier alle achtzehn Schattenleute ins Licht eines Ministeriums holen, dann müßte er schon sein Kabinett auf um die 35 Ressorts aufstocken. Das wird er wohl nicht tun können.

Also ist das, was er uns am Donnerstag vorgeführt hat, wenig mehr als eine Geistertruppe. Eine Riege der Hoffnungslosen. Leute, die wie von einer Laterna Magica kurz vor unsere Augen projiziert werden und dann wieder im Dunkel verschwinden. Gespenstisch. Passend freilich damit zu Steinmeiers geisterhaftem Versprechen, Deutschland in die Vollbeschäftigung zu führen.



Ach, wie war es doch vordem für Westerwelle so bequem.

Im ersten Quartal 2009 schien wahr zu werden, was der Herr des Guidomobils sich einst auf die Schuhsohlen hatte pinseln lassen. Am 5. März maß Infratest Dimap für die FDP 17 Prozent; bei Forsa lagen die Liberalen in drei aufeinanderfolgenden Umfragen (11., 18. und 25. Februar) gar bei 18 Prozent. Ähnlich oder nur wenig niedriger waren die Werte der anderen Institute.

Waren da plötzlich massenhaft deutsche Wähler zum Liberalismus bekehrt worden? Ach nein. Nur wurde damals in der CDU und in CDU- geführten Ressorts die Möglichkeit diskutiert, die Hypo Real Estate notfalls zu verstaatlichen. Viele CDU-Wähler sahen ihre Partei zu weit nach links gerückt und wechselten zur FDP. Anderes - etwa Ursula von der Leyens Vorstoß gegen die Freiheit des Internet - sorgte dafür, daß diese Stimmung eine gewisse Beständigkeit gewann.

Aber eben nur eine gewisse, wie sich inzwischen gezeigt hat. Denn längst ist der Höhenflug der FDP vorbei. Sie nähert sich wieder dem Wert leicht oberhalb von zehn Prozent, um den herum alle drei kleinen Parteien während der meisten Zeit der zu Ende gehenden Legislaturperiode pendelten. Nur die Kommunisten sind inzwischen deutlich abgerutscht.

Gegenwärtig liegt die FDP bei Forsa, Infratest Dimap und Allensbach nur noch einen Prozentpunkt vor den Grünen; lediglich Emnid und die Forschungsgruppe Wahlen geben ihr noch einen Vorsprung von drei oder vier Prozent.

Die FDP ist eben immer dann stark, wenn sie sich gegenüber der Union mit einem "ja, aber" profilieren kann. Das war schon in der ausgehenden Adenauer- Zeit so, als bei den Bundestagswahlen 1961 die Partei Erich Mendes mit dem Versprechen "Mit der CDU, aber ohne Adenauer" ihr in jenen Jahrzehnten mit Abstand bestes Ergebnis einfuhr.

Auch jetzt hätte die FDP mit einer analogen Wahlaussage vermutlich viele der Wähler, die ihr Anfang des Jahres zugewachsen waren, an sich binden können.

Guido Westerwelle hat in seiner ausgezeichneten Rede auf dem Dortmunder Parteitag die Gründe für eine solche Wahlaussage genannt: Die Notwendigkeit eines Bündnisses mit der Union ("Es geht darum, die Werte, die Deutschland groß gemacht haben, zu verteidigen. (...) Wir müssen dafür sorgen, dass die geistige Achse nicht weiter nach links verschoben wird"); zugleich aber auch die Notwendigkeit, in diesem Bündnis ein starkes liberales Korrektiv zu haben.

Auf dieser Grundlage hätte die FDP einen exzellenten, einen sehr wahrscheinlich erfolgreichen Wahlkampf führen können. Aber Guido Westerwelle entschied sich anders. Was er noch wenige Tage vor dem Parteitag angekündigt hatte - eine klare Absage an die Ampel -, das kam auf einmal in seiner Rede auf dem Parteitag nicht mehr vor. Westerwelle beugte sich denen in seiner Partei, die just diese Möglichkeit einer Ampel offenhalten wollten.

Jetzt rächt sich dieser Wankelmut. Warum sollte ein CDU- Wähler, dem die CDU zu weit nach links gerückt ist, die FDP wählen, wenn er damit rechnen muß, daß er mit seinem Kreuz auf dem Stimmzettel am Ende einen Kanzler Steinmeier gewählt hat? Dann doch lieber zähneknirschend CDU.

Auch ich stelle für meine Wahlentscheidung diese Überlegung an. Würde am nächsten Sonntag gewählt, dann bekäme diese nach links schielende FDP meine Stimme nicht.

Die FDP will eine Woche vor den Wahlen einen Bundesparteitag abhalten, auf dem sie sich vielleicht auf eine Koalition mit der Union festlegen wird. Nur haben sich dann die meisten Wähler ihrerseits schon festgelegt.

Viele werden sich nicht für eine Partei entscheiden, die monatelang herumeiert, bis sie sich vielleicht auf den letzten Metern doch noch zu einer eindeutigen Aussage durchringt. Welches ist, wird man sich fragen, die Halbwertzeit einer solchen im letzten Augenblick halbherzig getroffenen Festlegung? Warum nicht früher? Man kann es keinem Wähler verdenken, wenn er da skeptisch ist.



Im Augenblick scheint alles zugunsten der Union zu laufen. So sehr, daß sie - glaubt man dem, was Sebastian Fischer in "Spiegel- Online" schreibt - sich entschieden hat, erst einmal gar nichts zu tun und zuzusehen, wie die SPD sich abzappelt. Erst im September soll es mit dem Wahlkampf richtig losgehen.

Indessen liegt der Vorsprung von Schwarzgelb nach wie vor bei nur wenigen Prozentpunkten. Sowohl 2002 als auch 2005 stand das bürgerliche Lager Ende Juli besser da. Die Union wird also kämpfen müssen.

Dabei hat sie zwei Schwachstellen: Erstens verfügt sie zwar jetzt über einen präsentablen, ja einen beliebten Wirtschaftsminister; aber in der Finanzpolitik hat sie der Kompetenz von Peer Steinbrück nichts und niemanden entgegenzusetzen. Ausgerechnet auf diesem Feld, auf dem der SPD traditionell wenig zugetraut wird ("Die Genossen können nicht mit Geld umgehen"), läuft ihr derzeit die SPD den Rang ab.

Zweitens hat die Linksentwicklung der CDU ja nicht nur Liberale, sondern auch viele Konservative dieser Partei entfremdet. Während die FDP bereitsteht, die Liberalen aufzufangen, bleiben die Konservativen heimatlos; es sei denn, daß sie zu einer extremen Partei abdriften, wofür es aber zum Glück kaum Anzeichen gibt.

Die Antwort auf beide Probleme hat einen Namen: Friedrich Merz. Wäre er dazu zu bewegen, in die aktive Politik zurückzukehren, dann hätte die Union zugleich einen ausgezeichneten Finanzpolitiker und jemanden, der auch Konservative anspricht.

Ja, gewiß, das Verhältnis zwischen Merkel und Merz gilt als zerrüttet. Aber sowohl Merkel als auch Merz sind ja Profis genug, darüber hinwegzusehen. Sie sollten sich zusammenfinden können, wenn ein starkes gemeinsames Interesse das verlangt. Man muß einander ja nicht lieben.

Sehr wahrscheinlich wird es das aber nicht geben; vielleicht hat Merz in seiner Lebensplanung inzwischen auch längst die Weichen definitiv weg von der Politik gestellt. Zum Bundestag kandidiert er jedenfalls nicht mehr.

Aber ein wenig sinnieren wird man ja dürfen. Wäre Friedrich Merz wieder an Bord, dann könnte die Kanzlerin nicht nur getrost auf ein "Kompetenzteam" verzichten. Dann wäre, anders als jetzt, der Sieg von Schwarzgelb wirklich zum Greifen nah.



Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Lizenz freigegeben. Ausschnitt.

14. Mai 2009

Zitat des Tages: Heute ein Bildzitat zu Guido Westerwelle

Kommentar: Selten habe ich mit einem Kommentar so falsch gelegen wie mit diesem, in dem ich Guido Westerwelles Aussage "Deshalb wird es keine Ampel geben" als "klare Worte, erfreulich klare Worte" gelobt habe.

Sie waren, wie der Berliner sagt, so klar wie Kloßbrühe. Aus dem FDP-Präsidium kam Gegenwind, und pardauz!, da liegt er, der tapfere Guido.

Statt auf dem Parteitag für seine Position zu werben und dafür auch ein paar Stimmen weniger bei der Wahl des Vorsitzenden in Kauf zu nehmen, ist Guido Westerwelle umgefallen, kaum daß er sich zu einer - so schien es - eindeutigen Aussage aufgerafft hatte.

Wie will jemand im Amt des Außenministers Kurs halten, der seinen Kurs in der eigenen Partei schon beim ersten Widerspruch aufgibt?



Für Kommentare bitte hier klicken. Abbildung: Ein Ampelmännchen Ost in der Version "Warnlicht". Autor: Sgeureka. Frei unter Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 License.

10. Mai 2009

Zitat des Tages: "Weichenstellung im September". Ein bemerkenswertes Interview von Guido Westerwelle

Dieses Land aber erlebt im September eine Weichenstellung für die nächsten zwölf Jahre. Die Deutschen sind vor die Entscheidung gestellt: Gibt es noch eine strukturelle Mehrheit für eine bürgerliche Regierung oder geht der Linksrutsch weiter? Es geht um die Frage, ob die Mehrheit in Deutschland noch hinter unserer Grund- und Werteordnung einschließlich sozialer Marktwirtschaft steht. (...)

Das Programm von SPD und Grünen unterscheidet sich, von einigen sprachästhetischen Unterschieden abgesehen, nur noch in zwei Punkten von dem der Linken: Auslandseinsätze und Lafontaine. Sonst sind sie praktisch inhaltsgleich. Deshalb wird es keine Ampel geben.


Guido Westerwelle in einem Interview mit T. Jungholt und A. Posener in "Welt- Online".

Kommentar: Klare Worte, erfreulich klare Worte. Sind es schon die Worte, auf die ich im Februar gehofft hatte? Wird die FDP wirklich den Avancen der Grünen und den nicht minder eindeutigen Avancen der SPD endgültig widerstehen, also auf dem Parteitag in Hannover am kommenden Wochenende bindend beschließen, daß sie nicht in eine Regierung Steinmeier eintreten wird?

In dem Interview verweist Westerwelle zu Recht darauf, daß er auch von der CDU eine klare Koalitionsaussage erwartet. Allerdings wäre es aus meiner Sicht unrealistisch, von der CDU die Absage an eine Große Koalition zu erwarten. Auch Westerwelle räumt das ein, wenn er in dem Interview sagt: "Wenn es keine bürgerliche Mehrheit gibt, bekommen wir ein Linksbündnis – vielleicht mit der Schamfrist von einem weiteren Jahr großer Koalition".

In der Tat ist es ja etwas anderes, ob, falls Schwarzgelb die Mehrheit verfehlt, die FDP in eine Ampel einsteigt, oder ob die CDU noch einmal in eine Große Koalition geht. Sie wird dort, nach Lage der Dinge, anders als jetzt eine deutliche Mehrheit haben; hoffentlich damit auch eine Kanzlerin, die endlich von ihrer Richtlinien- Kompetenz Gebrauch macht.

In einer Ampel hingegen wäre die FDP von zwei sozialistischen Parteien majorisiert; was die "Grünen" an diesem Wochenende als "neuen grünen Gesellschaftsvertrag" beschlossen haben, ist mit "gelenkte Wirtschaft" noch freundlich umschrieben. Es ist die Absage an die Marktwirtschaft.

Warten wir also noch eine Woche ab. Falls der Parteitag der FDP wirklich die Ampel ausschließt, würde ich mich sehr freuen, mit meiner bisherigen Skepsis Unrecht gehabt zu haben.



Es gibt noch eine andere bemerkenswerte Passage in dem Interview:
Westerwelle: (...) Wenn der normale Bürger mit seinem Auto für fünf Minuten falsch parkt, hat er sofort ein Ticket. Aber wenn kriminelles Pack ein paar Ecken weiter Autos anzündet, dann entscheidet sich der Innensenator der rot- roten Regierung für eine Höflichkeitsstrategie, nach dem Motto: Man darf diese armen, erregten Männer nicht noch mehr reizen. Statt diese Kriminellen festzunehmen, werden Wasserwerfer abgezogen. Das legt die Axt an die Wurzel des Rechtsstaates.

Welt am Sonntag: Ein Liberaler als Law- and- Order- Mann?

Westerwelle: Nein, es geht um Law and Liberty. Ich bin fassungslos, an was wir uns gewöhnen. Da erzählen uns Pappnasen von links, diese kriminellen Steinewerfer seien Teil einer sozialen Aufstandsbewegung. Unsinn! Für mich ist das Appeasement gegenüber den Feinden einer zivilisierten Demokratie der Mitte. Das alarmiert uns als Bürgerrechtspartei.
Goldene Worte. Liberalität hat nach meinem Verständnis nichts mit Nachsicht gegenüber Kriminellen zu tun; im Gegenteil ist Freiheit nur in dem Maß möglich, in dem der gesetzestreue Bürger vom Staat gegen Kriminelle geschüzt wird.

Daß Guido Westerwelle das so klar ausgesprochen hat, hat mich sehr gefreut. Es läßt vermuten, daß die FDP im Wahlkampf auch liberalkonservative Wähler ansprechen will.



Für Kommentare bitte hier klicken.

13. April 2009

Wahlen '09 (2): Die SPD beherrscht den Wahlkampf. Wird die FDP reagieren?

In einem Interview mit Oliver Hoischen und Markus Wehner von der FAZ hat der ehemalige Generalsekretär der SPD Olaf Scholz dem Vorsitzenden der FDP Westerwelle kräftig auf die Schulter geklopft: "Guido Westerwelle ist ein intelligenter, beweglicher Politiker. Mit dem man regieren kann". Und ein paar Sätze später: "Wir sind bereit für eine Ampelkoalition mit Grünen und der FDP".

SPD-Wahlkampf, wohin man blickt. Auch an diesem Oster- Wochenende dominiert die SPD wieder die überregionalen Medien.

Die "Welt" hat einen Bericht über den Wahlkämpfer Peer Steinbrück ("In der Krise wissen die Deutschen es zu schätzen, dass er Schuldige präsentiert. Dabei betreibt Peer Steinbrück vor allem eines: Wahlkampf").

Sowohl die "Süddeutsche Zeitung" als auch "Spiegel- Online" bringen ausführlich eine dpa-Meldung über einen Vorstoß Franz Münteferings in der "Bild-Zeitung", das Grundgesetz durch eine neue Verfassung zu ersetzen.

Der offensichtliche Adressat sind die Wähler im Osten, denen Müntefering schmeichelt. "Spiegel- Online":
"Aber die allermeisten Menschen, die in der DDR gelebt haben, hatten keinen Dreck am Stecken. Sie haben versucht, so menschlich zu leben wie es eben ging." Diese Menschen, die sich nichts zuschulden kommen ließen, hätten "ein Recht, stolz zu sein auf das, was sie unter schweren Bedingungen geleistet haben". Die Westdeutschen hätten nach dem Krieg mehr Glück gehabt, weil ihnen die Alliierten zu Wohlstand und Demokratie verhalfen. Zugleich übte Müntefering Kritik an der Überheblichkeit der Westdeutschen.
Im gedruckten "Spiegel" 16/209, der am Samstag erschien, befaßt sich der Aufmacher des Ressorts Deutschland I mit dem Wahlkampf; und auch hier steht die SPD ganz im Vordergrund. ("Die SPD läutet in einer Woche den Wahlkampf ein. Sie will mit einer Anti- Merkel- Strategie und einem linken Wahlkampf punkten ...").



Scholz nun also setzt die Charme- Offensive der SPD in Richtung FDP fort. Ob Guido Westerwelle sehr glücklich war, als er das las, was Scholz da im Stil einer Schüler- Beurteilung über ihn geäußert hat, sei dahingestellt. Die Strategie der SPD jedenfalls wird immer deutlicher:

Links will man Wähler bei den Kommunisten abschöpfen (Steinmeiers Lob der Ostermarschierer; jetzt Münteferings Vorstoß in Richtung Osten; Ruf nach höherer Besteuerung der "Reichen" usw.); und zugleich zur Mitte hin der FDP so heftige Avancen machen, daß sie kippt und in eine Ampel geht.

Am Ende des FAZ-Interviews gibt Scholz seine Wahlprognose ab: "Wir werden aufholen und am Ende sogar leicht vor der Union liegen". Noch vor wenigen Monaten hätte das reichlich aufschneiderisch geklungen. Inzwischen führt die SPD einen perfekten Start in den Wahlkampf vor, während die Union in Schreckstarre verharrt.

Ich halte Scholz' Prognose, was das Aufholen angeht, für nur allzu realistisch. Daß man gleich die Union überholen wird, mag Wunschdenken sein, oder vielmehr Wahlkampf- Getöse. Aber das ändert nichts an den positiven Aussichten der SPD, wie das in diesem Blog vor zwei Wochen zu lesen war:

In den Umfragen liegen Schwarzgelb und die Volksfront nahezu gleichauf. Aber die SPD wird - so, wie es im Augenblick aussieht - den besseren Wahlkampf führen. Nach dem 27. September wird es unter diesen Bedingungen zu Schwarzgelb nicht reichen. Dann wird die FDP mit Zuckerbrot und Peitsche (nämlich dem moralischen Druck, sich ihrer "staatspolitischen Verantwortung" nicht zu entziehen) in die Ampel geholt werden.

Dort würde sie, die FDP, das Dasein eines Kümmerlings fristen. Zurück kann sie dann nicht mehr, wenn sie erst einmal gesprungen ist. Aber die SPD kann sich ihrer jederzeit mit Hilfe der Kommunisten entledigen. Sie muß das gar nicht wirklich tun; allein diese Option wird die FDP in einer solchen Koalition zum Kuschen zwingen. Sie säße in der babylonischen Gefangenschaft der SPD.

Das ist das Szenario, das ich im Augenblick für das wahrscheinlichste halte. Aber vielleicht erkennt man ja im Thomas- Dehler- Haus noch die Falle; und die FDP legt sich doch noch fest, nach dem 27. September nicht in ein Kabinett Steinmeier einzutreten.

Das wäre nicht nur gut für die FDP. Es würde nicht nur die Chancen von Schwarzgelb erhöhen, doch noch im Wahlkampf in die Offensive zu gehen; nämlich gemeinsam. Sondern es würde auch den SPD- Strategen einen Strich durch die Rechnung machen.



Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Linzenz freigegeben. Ausschnitt.

18. Februar 2009

Kurioses, kurz kommentiert: Kanzler Westerwelle? Nebst Zettels Wahlaussage

Die SPD hat dieses Jahr die besten Chancen, sich weiter an der Regierung zu beteiligen, wenn sie die Flucht in die Offensive antritt und der FDP die Kanzlerschaft anbietet. Westerwelle wird Merkel dann schneller einen Korb geben, als andere bis 18 zählen können. Steinmeier kann Vizekanzler bleiben. Und Klaus Wowereit kann sich warmlaufen für 2013.

Michael Schlieben heute in "Zeit- Online" in einem als "Glosse" rubrizierten Artikel.

Kommentar: Mit "Glossen" ist das so eine Sache. Anders als bei einer Satire kann es sein, daß der Autor ernst meint, was er schreibt. Anders als bei einem richtigen Artikel legt er sich aber nicht fest, ob er es denn ernst meint. Kein unpassendes Format für einen Autor, der sich mit den Fakten schon einmal schwertut.

Wie dem auch sei - natürlich wird Guido Westerwelle, einst im Mai (dem des Jahres 2002) schon einmal "Kanzlerkandidat", so wenig Kanzler werden wie Peter Sodann Bundespräsident.

Derlei Kurioses wie damals diese Kanidatur hat er hinter sich gelassen, zusammen mit dem Guidomobil und den bemalten Schuhsohlen. Guido Westerwelle ist jetzt seriös geworden; so seriös, daß er nicht mit der Wimper zuckte, als Frank (vormals Frank- Walter) Steinmeier ihn bei der kürzlichen Buchvorstellung an jene Zeit der Allotria erinnerte. Nun ja, man war doch auch einmal jung.

Also Spaß beiseite. Hinter der von Schlieben an die Wand gepinselten Kuriosität steckt ein ernsthaftes Problem; vielleicht das ernsthafteste der kommenden Wahlen: Was wird, wenn Schwarzgelb die Mehrheit verfehlt?

Die SPD-Linke wird dann, Steinmeier hin, Müntefering her, die Volksfront versuchen. Sie wird sie versuchen, weil die "Basis" sie ebenso fordern wird, wie sie nach den Wahlen 1998 nach Rotgrün gerufen hat. So laut und so schnell, daß schon in der Wahlnacht die Option einer Großen Koalition, über die Schröder mit Rühe und Schäuble gesprochen hatte, vom Tisch war.

Ob freilich die SPD-Linke stark genug und ihre Spitze entschlossen genug ist, die Volksfront durchzusetzen, ist eine andere Frage. Wowereit hat Zeit; erst recht kann Andrea Nahles gut bis 2013 warten; warum nicht auch bis 2017. Vielleicht wird also die SPD lange schwanken, wird sie Avancen nach dieser und jener Seite machen, wird sie "Schnittmengen ausloten", wie man das in einer seltsam schiefen Metapher gern nennt.



Und was dann? Dann wird sie heranschleichen an die FDP, die Versuchung. Darf man Deutschland der Volksfront überlassen? Muß nicht vielmehr die FDP sich für das Gemeinwesen opfern, über ihren Schatten springen, nolens volens in eine Koalition mit Rot und Grün gehen? In Gottes Namen, um Schlimmeres zu verhüten?

Nein, sie muß nicht. Denn wenn es nicht zu Schwarzgelb reichen sollte, dann wird es zur Fortsetzung der Großen Koalition reichen. Zu einer Koalition, in der CDU und SPD nicht mehr zwei gleichstarke Partner sein würden, sondern in der - falls sich in der Stimmung der Wähler bis zum September nicht noch Dramatisches vollzieht - die CDU der eindeutig stärker Partner wäre.

Die Große Koalition wäre dann die Alternative zur Volksfront. Es wäre die SPD, die gefordert wäre, um des Gemeinwohls willen in eine Koalition zu gehen, die sich nicht gewollt hat. Und nicht die FDP.

Viel wird davon abhängen, ob die FDP sich entschließen kann, eine eindeutige Wahlaussage zu machen: Daß sie nur unter Führung der CDU in eine Regierung eintreten wird. Bevorzugt natürlich als deren einziger Partner. Falls das Ergebnis das nicht erlauben sollte, dann unter Einbeziehung der Grünen.

Wenn die FDP sich so festlegt, dann hat sie am 27. September meine Stimme. Wenn sie in diesem Punkt wackelt, dann werde ich sie nicht wählen. Denn eine Große Koalition unter einer gestärkten Kanzlerin Merkel ist mir entschieden lieber als eine "Ampel" unter dem Kanzler Steinmeier, in der zwei linke Parteien die Richtung vorgeben und in der die FDP allenfalls im Bremserhäuschen hocken würde.



Für Kommentare bitte hier klicken.

23. Juni 2008

Zettels Meckerecke: Guido Westerwelle in seltsamer Gesellschaft

Ist Ihnen das auch aufgefallen? Neuerdings liest und hört man von Stellungnahmen "der Opposition" zu einem politischen Thema. Ganz so, als ob Liberale, Ökos und Kommunisten eine gemeinsame Bewegung namens "Die Opposition" bildeten.

"Opposition verlangt Abzug aller US- Atomwaffen aus Deutschland" titelt im Augenblick "Spiegel Online", und leider ist das diesmal eine zutreffende Überschrift.

Einzelheiten kann man in der "Berliner Zeitung" lesen, auf die die Meldung zum Teil zurückgeht; auch dort findet man sie unter der Überschrift "Opposition will Abzug aller US-Atomwaffen":
"Die Atomwaffen in Deutschland sind ein Überbleibsel aus dem Kalten Krieg und müssen weg", sagte FDP-Partei- und Fraktionschef Guido Westerwelle der "Berliner Zeitung". (...)

Grünen-Fraktionsvize Jürgen Trittin forderte ebenfalls den Abzug aller Atomwaffen. (...)

Linken-Fraktionschef Gregor Gysi sagte der Zeitung: "Wenn die Bundesregierung ein Kreuz hätte, würde sie unverzüglich von den USA den Abzug der Atomwaffen - möglichst unter deren Verschrottung - verlangen."

Der SPD-Außenpolitiker Niels Annen sagte, der Abzug wäre ein riesiger Schritt, um bei der nuklearen Abrüstung voranzukommen.
Trittin, Gysi, Annen - eine schöne Gesellschaft, in der sich Guido Westerwelle da befindet.



Nun könnte man argumentieren - und hätte Recht damit -, daß man auch dann etwas als richtig Erkanntes sagen muß, wenn man dazu Beifall von der falschen Seite bekommt.

Guido Westerwelle kann nicht, die FDP als Partei kann ja nicht deshalb ein Thema ausklammern oder ihre Position verschweigen, weil das Thema auch von Grünen, Kommunisten und den Linken der SPD aufgenommen wird, weil diese dieselbe Position äußern. Wenn eine Stellungnahme vernünftig und begründet ist, dann muß man sie abgeben, auch wenn das zu einer unheiligen Allianz führt.

Aber ist sie denn vernünftig und begründet, die Forderung, US-Atomwaffen aus Deutschland abzuziehen?

Zunächst einmal ist sie populistisch, denn sie bedient gleich drei gefühlte Ablehnungen: Diejenige, die sich gegen alles richtet, das etwas mit "Atom" zu tun hat; diejenige gegen Waffen überhaupt; und den heutzutage in Deutschland ausgeprägten Antiamerikanismus.

Populistischer geht's kaum noch, und deshalb kann man sich nur wundern, daß Oskar Lafontaine sich noch nicht Gysi, Westerwelle, Trittin und Annen angeschlossen hat.

Nun gut, auch populistische Forderungen können ja richtig sein. Ist es also richtig, von den USA den Abzug der US-Atomwaffen aus Deutschland zu verlangen?



Noch beim Nato-Doppelbeschluß vom Dezember 1979 hat die damalige Regierung Helmut Schmidts ein Interesse Deutschlands daran geltend gemacht, daß die amerikanischen Atomwaffen in Deutschland verbleiben oder unter bestimmten Umständen sogar neue aufgestellt ("disloziert") werden. Schon Adenauer hat sich darum bemüht und z.B. gegen die Idee Front gemacht, die Abschreckungswaffen stattdessen auf schwimmende Abschußbasen zu verlagern.

Der Grund für dieses deutsche Interesse an US-Atomwaffen liegt auf der Hand: Deutschland wurde von der UdSSR atomar bedroht und konnte dem, anders als Frankreich und England, keine eigene atomare Drohung als Abschreckung entgegensetzen.

Es war zur Abschreckung darauf angewiesen, daß im Zweifelsfall die USA Vergeltung üben würden. Und das war nur dann gewährleistet, wenn ein Angriff auf Deutschland auch ein Angriff auf US-Nuklearbasen gewesen wäre.



Ich kann nicht sehen, daß diese Logik grundsätzlich außer Kraft getreten wäre. Gewiß, die Atomrüstung Rußlands (die munter voranschreitet) stellt im Augenblick keine konkrete militärische Bedrohung dar; aber zur politischen Erpressung gegenüber Westeuropa hat sie Putin erst vor gut einem Jahr eingesetzt. Und wann wir einer atomaren Bedrohung durch China, den Iran und andere künftige Atommächte ausgesetzt sein werden, weiß niemand.

Es gibt vier mögliche Reaktionen auf diese Situation:

Erstens kann Deutschland nach eigenen Atomwaffen streben - eine Option, über die seltsamerweise so gut wie nicht diskutiert wird.

Zweitens können wir anstreben, eine europäische Atomstreitmacht zu errichten, in die die Force de Frappe und die britischen Atomwaffen eingebracht werden würden; Deutschland würde innerhalb von ihr Nuklearwaffen bauen und in Besitz haben dürfen.

Drittens könnten wir uns - die Franzosen haben das immer einmal wieder angeboten - unter den Schutz der Force de Frappe stellen.

Oder, viertens, wir können wünschen und darauf hinwirken, daß der Status Quo erhalten bleibt, daß also auch weiter US-Atomwaffen in Deutschland stationiert sind.



Über die Vor- und Nachteile dieser Alternativen kann (und sollte) man diskutieren. Nur - das, was Westerwelle jetzt unisono mit Politikern von ganz Linksaußen fordert, nämlich einfach den Abzug der US-Atomwaffen ohne einen Ersatz, das ist der pure Populismus.

Zumal, wenn auch noch - jedenfalls legen die zitierten Berichte und andere, zB derjenige der "Süddeutschen Zeitung", das nahe - zur Begründung dieser Forderung "Sicherheitsmängel" herhalten müssen, und wenn dazu als Beleg die WebSite einer politischen Organisation in den USA zitiert wird.

Diese "Federation of American Scientists", keine wissenschaftliche, sondern eine politische Gruppierung, hatte auf eine Studie der US-Luftwaffe aufmerksam gemacht, wonach - schreibt die "Süddeutsche Zeitung" - "unter anderem Probleme mit dem Sicherheitssystem, der Umzäunung und bei der Stabilität der Gebäude moniert" würden.

Ja, dann sollte man doch wohl von den Amerikanern verlangen, diese Mängel zu beheben.

Aus ihnen - wenn es sie denn geben sollte - abzuleiten, daß gleich diese Waffen abgezogen werden sollten, ist mehr als Populismus. Es ist eine Dummheit.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

30. Oktober 2007

Zitat des Tages: Was ist demokratischer Sozialismus?

"Demokratischer Sozialismus" ist eine Art vegetarischer Schlachthof.

Guido Westerwelle in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.