Geschichtswissenschaft, Zeitgeschichte, der Fall Filbinger: Ein paar nachdenkliche Nach-Gedanken

Der Fall Oettinger ist so schnell zu Ende gegangen, wie er plötzlich begonnen hatte. Oettinger ist zur Strecke gebracht. Die Waidmänner können die Jagd abblasen. Hase tot. Jagd vorbei. Halali.
Jetzt ist es, denke ich, an der Zeit, sich ein wenig mit den Hintergründen solcher "Fälle" zu befassen.
Den sozialpsychologischen und politischen Hintergrund, nämlich den - so meine Hypothese - Befreiungsschlag einer in den vergangenen Jahren in die Defensive geratenen Linken, was die moralische Meinungsdominanz angeht, habe ich hier zu skizzieren versucht.
Jetzt soll es, wie angekündigt, um die sachlichen Fragen gehen, die in dem Fall im Hintergrund standen, und die zu diskutieren sich lohnt.
Einiges habe ich in Kommentaren in anderen Blogs dazu geschrieben, zum Beispiel bei meinen Freunden von FdoG und WMD. Mit dem jetzigen Beitrag will ich den Blick darauf richten, daß der Fall Filbinger/ Oettinger ja auch etwas mit Wissenschaft zu tun hat: Mit Geschichtsschreibung; genauer mit Zeitgeschichte.
Geschichtsschreibung ist lange keine Wissenschaft gewesen.
Nichts lag den älteren Historikern ferner als das Bemühen um wissenschaftliche Objektivität und Genauigkeit.
Man schrieb in bestimmten Absichten. Herodot und Xenophon beschrieben aus griechischer Sicht den Kampf der Griechen gegen die Perser; Caesar schrieb über den Gallischen Krieg, um seine militärischen Erfolge für den politischen Kampf im rechten Licht erscheinen zu lassen.
Gewiß versuchte Herodot so etwas wie Quellenkritik. Aber da ging es doch darum, zwischen verschiedenen Varianten einer Geschichte zu entscheiden. Das stand im Dienst der politischen, auch der künstlerischen Absicht.
Daß der Historiker seine eigenen Interessen, seine politischen Überzeugungen, die Sichtweise seiner Zeit so weit zurückzustellen hat, wie das jeder Wissenschaftler tun muß, ist eine Erkenntnis, die sich erst im szientistischen 19. Jahrhundert durchsetzte. Sich freilich nicht durchweg durchsetzte; Treitschke war ein Gegenbeispiel.
Aber Leopold von Rankes Forderung, zu schreiben, "wie es eigentlich gewesen ist", wurde doch als Postulat akzeptiert.
Rückschlage gab es dann, das ist wahr; die schändliche Verfälschung der Geschichte durch die Nazis und die Kommunisten war ein solcher Rückschritt, wie ja überhaupt der Totalitarismus des Zwanzigsten Jahrhunderts ein fürchterlicher zivilisatorischer Rückfall gewesen ist.
Nun hat es der Historiker mit der wissenschaftlichen Objektivität freilich schwerer als der Physiker oder, sagen wir, der Neurobiologe. Einen "rückwärtsgewandten Propheten" hat ihn Friedrich Schlegel genannt.
In der Tat: Geschichte schreiben heißt, Lücken zu füllen. Man hat ja das Vergangene nicht in allen seinen Facetten zur Verfügung. Sondern man hat mehr oder weniger vollständige Quellen, Indizien, Dokumente, Artefakte. Aus denen sucht man zu rekonstruieren, wie es "eigentlich gewesen" ist.
Und dabei kommt natürlich die eigene Weltsicht, kommen die eigenen Vorurteile und politischen Überzeugungen des Historikers ihm in die Quere. Er muß bei seinem Versuch der Rekonstruktion mit denjenigen kognitiven Strukturen arbeiten, die ihm nun einmal zur Verfügung stehen.
Geschichte schreiben - das ist, wenn es ein wissenschaftlich ernsthaftes Unternehmen ist, der ständige Kampf gegen die eigene Subjektivität des Historikers.
Dann jedenfalls, wenn er ein guter, ein wissenschaftlich arbeitender Historiker ist. Wenn er die Geschichte nicht als einen Steinbruch mißbraucht, aus dem er die Quader für das entnimmt, was er zum Behuf seiner eigenen Interessen, oder derjeniger seiner Partei, seiner Weltanschauung zu konstruieren trachtet.
Wenn er sich nicht gar prostituiert, wie die marxistischen Historiker, die jedes Streben nach Objektivität haben fahren lassen; weil ja jede Erkenntnis eh Ausdruck von Klasseninteresse sei.
Die großen Historiker haben gezeigt, daß Objektivität in erstaunlichem Maß möglich ist; Gibbons "Decline and Fall of the Roman Empire" und Rankes "Römische Geschichte" sind große Beispiele für eine Geschichtsschreibung, die sich strikt an ihren Gegenstand hält. Beide wunderbar zu lesen, noch dazu; Dokumente einer unglaublichen Gelehrsamkeit.
Ich nähere mich jetzt allmählich wieder dem Fall Filbinger. Der nämlich zeigt paradigmatisch, wie schwer objektive Geschichtsschreibung sein kann.
Sie ist immer dann besonders schwer, wenn es um Zeitgeschichte geht. Das war das Handicap Xenophons und Caesars: Daß sie von Selbsterlebtem schrieben; also von dem, worin sie ihre eigenen Interessen investiert hatten. Auch Herodot schrieb über die Perser im Kontext der anhaltenden Auseinandersetzung der Griechen mit den Persern.
Zeitgeschichte zu schreiben geht im Grenzfall in politische Schriftstellerei, im schlimmsten Fall in politische Polemik über. Oft ist das auch gar nicht anders möglich. Angesichts der himmelschreienden Verbrechen der Nazis konnte man nach 1945 nicht gut sine ira et studio über sie schreiben; man konnte es auch nicht über Stalin, Mao, Pol Pot, nachdem deren Verbrechen offenbar geworden waren.
Das ist eine Frage des Erlebenshorizonts. Wahrscheinlich ist der kühle Blick des Historikers erst nach ungefähr hundert Jahren möglich - das heißt, wenn Historiker heranwachsen, deren Eltern nicht nur, sondern auch deren Groß- und Urgroßeltern nicht mehr Zeitzeugen gewesen sind. Arno Schmidt hat Ähnliches einmal in Bezug auf Oppermanns "Hundert Jahre" erörtert.
Die Frage, ob Filbinger "ein Nazi" war, wirft viele Teil- Fragen auf. Spricht man vom 22jährigen Filbinger, der einen dummen Aufsatz schrieb? Oder vom über Dreißigjährigen, der als Militärrichter urteilen mußte? Meint man seine Gesinnung, oder spricht man von seiner Anpassung an die Diktatur, in der er nun einmal lebte? Auf welche Aussagen, Dokumente, Handlungen stützt man sich?
Für den objektiven, sine ira et studio forschenden Historiker tun sich da, wie man leicht erkennt, zahllose Schwierigkeiten, Probleme des Operationalisierens, des Verifizierens auf.
Mir ist das deutlich geworden, als ich im Geist die entsprechende Frage in Bezug auf Kommunisten in der DDR durchgespielt habe:Wer war in der DDR ein "Kommunist"?
Derjenige, der von der Richtigkeit des Marxismus- Leninismus als "einzige wissenschaftliche Weltanschauung" überzeugt war? Das dürfte, jedenfalls in der letzten Phase der DDR, eine kleine Minderheit nicht nur der Bürger gewesen sein, sondern auch der Nomenklatura.
War in der DDR jeder "Kommunist", der der SED oder einer ihrer Blockparteien angehörte? Oder einer der zahllosen gesellschaftlichen Organisationen; sagen wir, der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft? Dann gab es in der DDR viele Millionen Kommunisten; sicherlich die Mehrzahl der Bevölkerung.
Oder war jeder ein Kommunist, der sich mit diesem Staat arrangiert hatte? Der sich dem "Aufbau des Sozialismus" zumindest nicht aktiv widersetzte? Dann waren die Befürworter einer "Kirche im Sozialismus", Leute wie Stolpe, Kommunisten. Dann waren 90, vielleicht 95 oder 98 Prozent der DDR-Bevölkerung Kommunisten.
Und wer war ein "Gegner des Kommunismus"? Jeder, der lieber in der Bundesrepublik gelebt hätte, als in der DDR? Das dürfte, wie das Jahr 1989 zeigte, die große Mehrheit der Bevölkerung gewesen sein.
Oder wer sich der Mitgliedschaft in allen Organisationen der Kommunisten verweigerte? Dann war nur eine kleine Minderheit Gegner des Kommunismus. Angela Merkel gehörte dann nicht dazu.
Oder wer sich weigerte, in einer Einrichtung dieses Staats zu arbeiten? Dann war beispielsweise Wolfgang Thierse kein Gegner des Kommunismus, der Mitarbeiter in einem DDR- Ministerium gewesen war, wenn auch nur einige Jahre.
Oder war nur Gegner des Kommunismus, wer aktiv gegen ihn gearbeitet, sich also der Gefahr einer Verhaftung, einer langjährigen Gefängnisstrafe ausgesetzt hat? Dann waren es vielleicht ein paar Tausend von siebzehn Millionen, die Gegner des Kommunismus waren, in der DDR.
Ich kannte zu DDR-Zeiten einen Kollegen, der "Reisekader" war, also in den Westen zu Konferenzen reisen, sogar Gastprofessuren wahrnehmen durfte. Natürlich war er Mitglied der SED; sonst hätte er das niemals gedurft.
Er hat mir damals erzählt, wie er auf jeder seiner Reisen ohne Unterbrechung beobachtet wurde; etliche Agenten von Markus Wolf waren ihm offenbar immer auf den Fersen. Er war kein Marxist, aber er hielt viel von der Idee des Sozialismus; in gewisser Weise war er ein überzeugter, wenn auch sehr kritischer DDR-Bürger. War er Kommunist?
Mein Patenonkel war Soldat im Zweiten Weltkrieg und, wie Filbinger, Jurist. Er wurde aber nicht als Militärrichter verwendet, sondern als schlichter Gefreiter. Er war als Student Mitglied der NSDAP geworden.
Als Soldat sagte er seine Meinung über die Nazis so unverblümt, daß er nur knapp dem Kriegsgericht entging. Ich habe in seinem Nachlaß Briefe gefunden, in denen er damals mit geradezu tollkühner Leichtfertigkeit - seine Briefe hätten ja abgefangen werden können - vernichtend über die Nazis urteilte.
Aber er war Mitglied der NSDAP; er hatte bei Carl Schmitt promoviert. War er Nazi?
Also, wenn man objektiv zu sein versucht, dann sind das alles sehr schwierige Fragen.
Aber es ist ja nicht die raison d'être von Politikern, objektiv zu sein.
Natürlich gibt es einen Handlungskontext, in dem man sich nicht die Blässe des Gedankens leisten kann. Man fragt sich dann, wie vermutlich Angela Merkel, nicht, ob Oettinger mit seiner Charakterisierung von Filbinger im Recht oder im Unrecht gewesen war, sondern welche politische Wirkung seine Trauerrede hatte und noch weiter haben konnte.
Wer unter den Nazis, wer unter den Kommunisten gelitten hat, wessen Verwandte vielleicht von den Nazis ermordet wurden, dem wird man keine Objektivität abverlangen können.
Nur - und das ist jetzt meine subjektive Bemerkung zum Objektiven: Ich selbst lebe nun einmal in einer beruflichen, aber auch persönlichen Welt, in der es mir darum geht, ob etwas wahr ist oder falsch.
Und ich schreibe deshalb einen Blog, statt mich aktiv politisch zu betätigen, weil ich mir diese um Objektivität bemühte, diese sich nicht an der Wirkung orientierende Sichtweise erlauben möchte.
Jetzt ist es, denke ich, an der Zeit, sich ein wenig mit den Hintergründen solcher "Fälle" zu befassen.
Den sozialpsychologischen und politischen Hintergrund, nämlich den - so meine Hypothese - Befreiungsschlag einer in den vergangenen Jahren in die Defensive geratenen Linken, was die moralische Meinungsdominanz angeht, habe ich hier zu skizzieren versucht.
Jetzt soll es, wie angekündigt, um die sachlichen Fragen gehen, die in dem Fall im Hintergrund standen, und die zu diskutieren sich lohnt.
Einiges habe ich in Kommentaren in anderen Blogs dazu geschrieben, zum Beispiel bei meinen Freunden von FdoG und WMD. Mit dem jetzigen Beitrag will ich den Blick darauf richten, daß der Fall Filbinger/ Oettinger ja auch etwas mit Wissenschaft zu tun hat: Mit Geschichtsschreibung; genauer mit Zeitgeschichte.
Geschichtsschreibung ist lange keine Wissenschaft gewesen.
Nichts lag den älteren Historikern ferner als das Bemühen um wissenschaftliche Objektivität und Genauigkeit.
Man schrieb in bestimmten Absichten. Herodot und Xenophon beschrieben aus griechischer Sicht den Kampf der Griechen gegen die Perser; Caesar schrieb über den Gallischen Krieg, um seine militärischen Erfolge für den politischen Kampf im rechten Licht erscheinen zu lassen.
Gewiß versuchte Herodot so etwas wie Quellenkritik. Aber da ging es doch darum, zwischen verschiedenen Varianten einer Geschichte zu entscheiden. Das stand im Dienst der politischen, auch der künstlerischen Absicht.
Daß der Historiker seine eigenen Interessen, seine politischen Überzeugungen, die Sichtweise seiner Zeit so weit zurückzustellen hat, wie das jeder Wissenschaftler tun muß, ist eine Erkenntnis, die sich erst im szientistischen 19. Jahrhundert durchsetzte. Sich freilich nicht durchweg durchsetzte; Treitschke war ein Gegenbeispiel.
Aber Leopold von Rankes Forderung, zu schreiben, "wie es eigentlich gewesen ist", wurde doch als Postulat akzeptiert.
Rückschlage gab es dann, das ist wahr; die schändliche Verfälschung der Geschichte durch die Nazis und die Kommunisten war ein solcher Rückschritt, wie ja überhaupt der Totalitarismus des Zwanzigsten Jahrhunderts ein fürchterlicher zivilisatorischer Rückfall gewesen ist.
Nun hat es der Historiker mit der wissenschaftlichen Objektivität freilich schwerer als der Physiker oder, sagen wir, der Neurobiologe. Einen "rückwärtsgewandten Propheten" hat ihn Friedrich Schlegel genannt.
In der Tat: Geschichte schreiben heißt, Lücken zu füllen. Man hat ja das Vergangene nicht in allen seinen Facetten zur Verfügung. Sondern man hat mehr oder weniger vollständige Quellen, Indizien, Dokumente, Artefakte. Aus denen sucht man zu rekonstruieren, wie es "eigentlich gewesen" ist.
Und dabei kommt natürlich die eigene Weltsicht, kommen die eigenen Vorurteile und politischen Überzeugungen des Historikers ihm in die Quere. Er muß bei seinem Versuch der Rekonstruktion mit denjenigen kognitiven Strukturen arbeiten, die ihm nun einmal zur Verfügung stehen.
Geschichte schreiben - das ist, wenn es ein wissenschaftlich ernsthaftes Unternehmen ist, der ständige Kampf gegen die eigene Subjektivität des Historikers.
Dann jedenfalls, wenn er ein guter, ein wissenschaftlich arbeitender Historiker ist. Wenn er die Geschichte nicht als einen Steinbruch mißbraucht, aus dem er die Quader für das entnimmt, was er zum Behuf seiner eigenen Interessen, oder derjeniger seiner Partei, seiner Weltanschauung zu konstruieren trachtet.
Wenn er sich nicht gar prostituiert, wie die marxistischen Historiker, die jedes Streben nach Objektivität haben fahren lassen; weil ja jede Erkenntnis eh Ausdruck von Klasseninteresse sei.
Die großen Historiker haben gezeigt, daß Objektivität in erstaunlichem Maß möglich ist; Gibbons "Decline and Fall of the Roman Empire" und Rankes "Römische Geschichte" sind große Beispiele für eine Geschichtsschreibung, die sich strikt an ihren Gegenstand hält. Beide wunderbar zu lesen, noch dazu; Dokumente einer unglaublichen Gelehrsamkeit.
Ich nähere mich jetzt allmählich wieder dem Fall Filbinger. Der nämlich zeigt paradigmatisch, wie schwer objektive Geschichtsschreibung sein kann.
Sie ist immer dann besonders schwer, wenn es um Zeitgeschichte geht. Das war das Handicap Xenophons und Caesars: Daß sie von Selbsterlebtem schrieben; also von dem, worin sie ihre eigenen Interessen investiert hatten. Auch Herodot schrieb über die Perser im Kontext der anhaltenden Auseinandersetzung der Griechen mit den Persern.
Zeitgeschichte zu schreiben geht im Grenzfall in politische Schriftstellerei, im schlimmsten Fall in politische Polemik über. Oft ist das auch gar nicht anders möglich. Angesichts der himmelschreienden Verbrechen der Nazis konnte man nach 1945 nicht gut sine ira et studio über sie schreiben; man konnte es auch nicht über Stalin, Mao, Pol Pot, nachdem deren Verbrechen offenbar geworden waren.
Das ist eine Frage des Erlebenshorizonts. Wahrscheinlich ist der kühle Blick des Historikers erst nach ungefähr hundert Jahren möglich - das heißt, wenn Historiker heranwachsen, deren Eltern nicht nur, sondern auch deren Groß- und Urgroßeltern nicht mehr Zeitzeugen gewesen sind. Arno Schmidt hat Ähnliches einmal in Bezug auf Oppermanns "Hundert Jahre" erörtert.
Die Frage, ob Filbinger "ein Nazi" war, wirft viele Teil- Fragen auf. Spricht man vom 22jährigen Filbinger, der einen dummen Aufsatz schrieb? Oder vom über Dreißigjährigen, der als Militärrichter urteilen mußte? Meint man seine Gesinnung, oder spricht man von seiner Anpassung an die Diktatur, in der er nun einmal lebte? Auf welche Aussagen, Dokumente, Handlungen stützt man sich?
Für den objektiven, sine ira et studio forschenden Historiker tun sich da, wie man leicht erkennt, zahllose Schwierigkeiten, Probleme des Operationalisierens, des Verifizierens auf.
Mir ist das deutlich geworden, als ich im Geist die entsprechende Frage in Bezug auf Kommunisten in der DDR durchgespielt habe:Wer war in der DDR ein "Kommunist"?
Derjenige, der von der Richtigkeit des Marxismus- Leninismus als "einzige wissenschaftliche Weltanschauung" überzeugt war? Das dürfte, jedenfalls in der letzten Phase der DDR, eine kleine Minderheit nicht nur der Bürger gewesen sein, sondern auch der Nomenklatura.
War in der DDR jeder "Kommunist", der der SED oder einer ihrer Blockparteien angehörte? Oder einer der zahllosen gesellschaftlichen Organisationen; sagen wir, der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft? Dann gab es in der DDR viele Millionen Kommunisten; sicherlich die Mehrzahl der Bevölkerung.
Oder war jeder ein Kommunist, der sich mit diesem Staat arrangiert hatte? Der sich dem "Aufbau des Sozialismus" zumindest nicht aktiv widersetzte? Dann waren die Befürworter einer "Kirche im Sozialismus", Leute wie Stolpe, Kommunisten. Dann waren 90, vielleicht 95 oder 98 Prozent der DDR-Bevölkerung Kommunisten.
Und wer war ein "Gegner des Kommunismus"? Jeder, der lieber in der Bundesrepublik gelebt hätte, als in der DDR? Das dürfte, wie das Jahr 1989 zeigte, die große Mehrheit der Bevölkerung gewesen sein.
Oder wer sich der Mitgliedschaft in allen Organisationen der Kommunisten verweigerte? Dann war nur eine kleine Minderheit Gegner des Kommunismus. Angela Merkel gehörte dann nicht dazu.
Oder wer sich weigerte, in einer Einrichtung dieses Staats zu arbeiten? Dann war beispielsweise Wolfgang Thierse kein Gegner des Kommunismus, der Mitarbeiter in einem DDR- Ministerium gewesen war, wenn auch nur einige Jahre.
Oder war nur Gegner des Kommunismus, wer aktiv gegen ihn gearbeitet, sich also der Gefahr einer Verhaftung, einer langjährigen Gefängnisstrafe ausgesetzt hat? Dann waren es vielleicht ein paar Tausend von siebzehn Millionen, die Gegner des Kommunismus waren, in der DDR.
Ich kannte zu DDR-Zeiten einen Kollegen, der "Reisekader" war, also in den Westen zu Konferenzen reisen, sogar Gastprofessuren wahrnehmen durfte. Natürlich war er Mitglied der SED; sonst hätte er das niemals gedurft.
Er hat mir damals erzählt, wie er auf jeder seiner Reisen ohne Unterbrechung beobachtet wurde; etliche Agenten von Markus Wolf waren ihm offenbar immer auf den Fersen. Er war kein Marxist, aber er hielt viel von der Idee des Sozialismus; in gewisser Weise war er ein überzeugter, wenn auch sehr kritischer DDR-Bürger. War er Kommunist?
Mein Patenonkel war Soldat im Zweiten Weltkrieg und, wie Filbinger, Jurist. Er wurde aber nicht als Militärrichter verwendet, sondern als schlichter Gefreiter. Er war als Student Mitglied der NSDAP geworden.
Als Soldat sagte er seine Meinung über die Nazis so unverblümt, daß er nur knapp dem Kriegsgericht entging. Ich habe in seinem Nachlaß Briefe gefunden, in denen er damals mit geradezu tollkühner Leichtfertigkeit - seine Briefe hätten ja abgefangen werden können - vernichtend über die Nazis urteilte.
Aber er war Mitglied der NSDAP; er hatte bei Carl Schmitt promoviert. War er Nazi?
Also, wenn man objektiv zu sein versucht, dann sind das alles sehr schwierige Fragen.
Aber es ist ja nicht die raison d'être von Politikern, objektiv zu sein.
Natürlich gibt es einen Handlungskontext, in dem man sich nicht die Blässe des Gedankens leisten kann. Man fragt sich dann, wie vermutlich Angela Merkel, nicht, ob Oettinger mit seiner Charakterisierung von Filbinger im Recht oder im Unrecht gewesen war, sondern welche politische Wirkung seine Trauerrede hatte und noch weiter haben konnte.
Wer unter den Nazis, wer unter den Kommunisten gelitten hat, wessen Verwandte vielleicht von den Nazis ermordet wurden, dem wird man keine Objektivität abverlangen können.
Nur - und das ist jetzt meine subjektive Bemerkung zum Objektiven: Ich selbst lebe nun einmal in einer beruflichen, aber auch persönlichen Welt, in der es mir darum geht, ob etwas wahr ist oder falsch.
Und ich schreibe deshalb einen Blog, statt mich aktiv politisch zu betätigen, weil ich mir diese um Objektivität bemühte, diese sich nicht an der Wirkung orientierende Sichtweise erlauben möchte.
Labels: Geschichtswissenschaft, Hans Filbinger, Objektivität, Zeitgeschichte


12 Comments:
Und ich schreibe deshalb einen Blog, statt mich aktiv politisch zu betätigen, weil ich mir diese um Objektivität bemühte, diese sich nicht an der Wirkung orientierende Sichtweise erlauben möchte.
Ich hoffe, ich bekomme noch viel zu lesen von dir! Deine Beiträge sind ein stetes Vergnügen für den Kopf.
Nein, Herr Oettinger ist noch nicht zur Strecke gebracht. Meines Wissens ist er ja noch im Amt.
Aber es wird weiter Jagd auf ihn gemacht. Bei der kleinsten Kleinigkeit ist er dann weg vom Fenster. Auf jeden Fall ist er jetzt erst mal "auf Linie". Wie das geht, haben wir gesehen.
Lieber Boche,
solange das Lämplein noch glüht, wird es auch was von mir zu lesen geben ;-)
Ich habe beruflich mein Leben lang schreiben und schreiben müssen, immer unter dem Zwang, zu publizieren, Anträge und Berichte zu schreiben, um die Stellen von Mitarbeitern zu sichern.
Jetzt gehe ich einer heiteren Zeit entgegen, in der ich keinen Zwängen mehr unterliege, sondern just das schreiben kann, was ich für wahr halte, was mich interessiert.
Otium cum dignitate, ist das nicht schön?
Herzlich, Zettel
Guten Abend, Zettel
wenn wir schon beim Thema Geschichtsschreibung sind, hier ein link ;-), der Dich sicher begeistern wird:
http://www.marx-forum.de/geschichte/deutschland/index.html
Aber zurück zu dem Thema:
Wer war jetzt noch einmal Filbinger? Lassen wir ihn ruhen.
Bei Oettinger sind wir auch bei der Zugabe angelangt, erwatungsgemäß wird "Weikersheim" gegeben, Verpuffung garantiert, auch wenn es ein linker Dauerbrenner ist:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,478361,00.html
Natürlich ist Oettinger auf Linie und zwar auf seiner eigenen, die er schon lange verfolgt und das ganze Theater hat lediglich die Journalisten und ein paar Politiker interessiert, das gemeine Volk stand gähnend abseits und auch umfragetechnisch befindet sich alles noch im grünen Bereich im Ländle:
http://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/baden-wuerttemberg.htm
Ansonsten bleibt mir lediglich festzustellen, dass die kritisierten Aussagen Oettingers nicht konsensfähig waren und erst durch die Änderungen hervorgerufen durch die Intervention Angela Merkels konsensfähig wurden, was zwar nicht der Wahrheit entsprechen muss, aber sich durch den erfogten Diskurs einer konsensfähigen Wahrheit annäherte.
Daher ist die Einwurf der sich auf die Diskurshoheit schon richtig, auch wenn Du Dich dabei einer Wahrheit anschließt, die sich als nicht konsensfähig erwiesen hat und somit nicht als wahr wahrgenommen wurde.
Künstlerpech.
Der Versuch, die Mitgliedschaft in der NSDAP in einer verinnerlichte Gegnerschaft zum Regime zu setzen ist nicht konsensfähig und wird deshalb als unwahr angenommen, auch wenn die Gegnerschaft intrapersonell vorhanden gewesen sein könnte, wofür es Anhaltspunkte gibt wie es auch Anhaltspunkte gibt, dass dem so nicht ist.
Allerdings wurden im Verlauf des Diskurses auch die Behauptungen Hochhuths als nichts konsensfähig enttarnt und somit als unwahr wahrgenommen, was einen Fortschritt zur bisherigen Wahrnehmung bedeutet, obwohl der Versuch der Vernebelung mit den Unwahrheiten Hochhuths weiter fortgesetzt wurde.
Was haben wir bei diesem langweiligen Exkurs gelernt:
Politiker, die fähig sind, konsens herzustellen, der nicht unbedingt der subjektiv wahrgenommen "objektiven" Wahrheit entsprechen muss, aber als wahr wahrgenommen wird, werden als "stark" empfunden und darin liegt das Geheimnis von Angela Merkel. Diese Stärke war auf dem internationalen Parkett zwar schon länger bekannt, aber sie wird jetzt auch national mehr und mehr wahrgenommen, was der Diskurshoheit einer Linken entgegenläuft, die sich eben nicht als konsensfähig erweist.
Liebe Regina,
Oettinger hat eine Meinung vertreten, die falsch sein mag, die aber respektabel ist.
Das Gewitter, das über ihn niedergegangen ist, ist einer Demokratie unwürdig.
Und ich würde mir wünschen, daß auch diejenigen Liberalen, die anderer Meinung sind als Oettinger, sein Recht verteidigen, das zu sagen, was er gesagt hat.
Denn das ist doch das Wesen der Offenen Gesellschaft: Daß jeder das sagen darf, was er für wahr hält. Daß man ihm dann, wenn man anderer Meinung ist, mit Argumenten entgegentritt.
Aber nicht mit der Forderung, abzuschwören. Das tun nur undemokratische Gesellschaften.
Herzlich, Zettel
Ich finde es ja sehr lobenswert, wenn sich Leute entschuldigen, auch wenn der öffentliche Protest Oettinger bei dieser Entscheidung kaum eine Wahl gelassen hat. Ob es objektiv gesehen, notwendig war, sich zu entschuldigen, sei einmal dahingestellt.
Aber, was mich beschäftigt: Warum sollte sich Oettinger eigentlich bei Frau Knobloch und dem ZJD entschuldigen? Hatten Nelson Mandela, der Papst und der Dalai Lama gerade keine Zeit Oettingers Entschuldigungen entgegenzunehmen?
Oder ist das eben so ein deutscher Reflex?
Ich mein ja bloß ...
Es geht inzwischen (oder von Anfang an?) um etwas anderes.
Das Studienzentrum Weikersheim ist gewissen Leuten ein Dorn im Auge, und sie haben die Schließung desselben gefordert.
Oettinger soll sich inzwischen auch von dem Studienzentrum distanziert haben.
Eigentlich kann man vor einem solchen Mann nicht mehr viel politische Achtung haben, der jedem Druck nachgibt.
Des weiteren entblödet sich Claudia Roth in der Süddeutschen nicht zu sagen:
"Wenn die Jung-Weikersheimer zu einer Veranstaltung ausgerechnet an dem Tag, an dem Rechtsextreme den so genannten Führergeburtstag feiern, Ex-General Günzel einladen, der Martin Hohmann unvergessen bei dessen antisemitischen Tiraden zu den Juden als ,Tätervolk’ eilfertig beigesprungen ist, dann darf man dahinter eine im ultrarechten Lager beliebte Symbolsprache vermuten.“
Man fragt sich: Was treibt Claudia Roth, dazu sich des "Führergeburtstags", wie sie es nennt, zu erinnern?
Ich habe einen Vortrag von General Günzel genau eine Woche vor dem 20. April gehört, nämlich am 13. April. Auch das war ein Freitag, und Tagungen pflegen nun einmal am Wochenende zu sein.
Übrigens hat einen Tag danach, also am 14. April, auf der gleichen Tagung Dr. Udo Ulfkotte einen Vortrag gehalten. Hohmann - Günzel - Studienzentrum Weikersheim - Ulfkotte - alle rechtsextrem? Und alle, die irgendwann einmal den Genannten im oder um das Studienzentrum drumherum oder anderswo über den Weg laufen? Das ist doch das Metier der Linken und Linksextremen: Ausschnüffeln, denunzieren, Verbindungen herstellen, wo es keine gibt, und auch deportieren oder in letzter Konsequenz liquidieren. Da unterscheiden sie sich in nichts von den Nationalsozialisten.
1933 - 1952 Es ist dieselbe Flamme! Es sind dieselben Methoden! Es ist derselbe Ungeist!
Zumeist sind es die Werte der Freiheit und des Friedens, die zu Asche werden!
Wer den Frieden will, muß lernen, daß man Freiheit und Geist nicht auf den Scheiterhaufen wirft!
Soll Herr Günzel wegen Claudia Roth am "Führergeburtstag" (Zit. Roth) feiern und keinen Vortrag halten und zuhause bleiben? Muß er darauf Rücksicht nehmen? Wie krank sind eigentlich manche Leute in Deutschland?
Liebe Regina,
ich bin übrigens sehr für die Ächtung des Wörtchens "und", weil das von den Nazis häufig genutzt wurde! Den 20. April sollten wir im Kalender überspringen, genau wie manche Hotels den 13. Stock. Ach ja, die anderen Tage des jahres natürlich auch, weil, wie Claudia Roth sicher auch weiß, die Nazis an all diesen Tagen schreckliche Dinge getan haben.
Und nun ein dreifach "Hoch!" auf die Symbolpolitik! Sie kostet nichts als den Ruf, ein ernstzunehmender Mensch zu sein - und wer braucht denn sowas!
Herzlich,
Thomas Pauli
Und ich würde mir wünschen, daß auch diejenigen Liberalen, die anderer Meinung sind als Oettinger, sein Recht verteidigen, das zu sagen, was er gesagt hat.
Darf er ja, aber entsprechend muss er dann auch mit den Reaktionen leben - auch mit unreflektiert erscheinenden Rücktrittsforderungen. Noch mal ganz allgemein zu dieser Debatte - es gibt etwas zwischen einem überzeugtem Nazi und einem NS-Gegner, und es gibt etwas zwischen "De mortuis nihil nisi bene" und ungebührender Reinwaschung.
"Das Gewitter, das über ihn niedergegangen ist, ist einer Demokratie unwürdig."
Richtig. Es bestätigt meine, wie Zettel gern sagt, "vernichtende Kritik." Die ich übrigens nicht an den demokratischen Rechtstaat als solches richte, sondern an den gegenwärtigen Zuständen im Land, die mittlerweile eine stark antidemokratische Tendenz haben.
"Und ich würde mir wünschen, daß auch diejenigen Liberalen, die anderer Meinung sind als Oettinger, sein Recht verteidigen, das zu sagen, was er gesagt hat."
Die Liberalen, falls die FDP damit gemeint sein soll, haben heuer kein Format mehr. Manchmal wünscht man sich da schon den Möllemann zurück, nur bitte ohne diverse Connections im Hintergrund, die wohl nicht gerade astrein waren...
"Denn das ist doch das Wesen der Offenen Gesellschaft: Daß jeder das sagen darf, was er für wahr hält. Daß man ihm dann, wenn man anderer Meinung ist, mit Argumenten entgegentritt."
Bei den Linken ist doch eher Ausgrenzung Trumpf. Aber nur bei der Gegenseite; mit der eigenen Extreme wird indes fröhlich koaliert... auch so eine Sache, die ich immer wieder gern unter der Headline "linke Selbstgerechtigkeit" zusammenfasse... die können ja, wie der SED-P"DS" Abgeordnete Norman Paech, sogar antisemitisches Zeugs von sich geben... und werden nicht vom Präsidium zurückgepfiffen... selbst der ZdJ ist ruhig und sagt nix... (Link dazu in einem anderen Kommentar falls Zettel ihn freischaltet)
Lieber Sparrowhawk,
von Kommunisten Islamisten und Nazis - also von totalitär Denkenden - kann man nicht erwarten, daß sie die Freiheit verteidigen.
Von allen anderen muß man es erwarten.
Herzlich, Zettel
Tipp: Auf der alemannischen Wikipedia kann man noch die Wahrheit zu Filbinger lesen - der Dialekt gewinnt wieder seine subversive Kraft, wer hätte das gedacht?
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