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19. Juni 2009

Gedanken zu Frankreich (31): "Ist es absurd, das Unmögliche zu erstreben?" In Frankreich tobt das Abitur. Und Politiker denken mit

Es ist schon Tradition in diesem Blog, auf das französische Abitur aufmerksam zu machen, das Baccalauréat, meist kurz Bac genannt.

Vor zwei Jahren habe ich über den Charakter und den Ablauf dieser feierlichen Prüfung berichtet, die über Tage hinweg eines der Hauptthemen in der französischen Öffentlichkeit ist. Im vergangenen Jahr ging es um die Themen des Aufsatzes in Philosophie. Ihn muß jeder Abiturient - egal welchen Zweiges - schreiben; und er eröffnet traditionell Mitte Juni die schriftlichen Prüfungen. Gestern wurde diese Épreuve écrite de Philosophie geschrieben.

Wie letztes Jahr finde ich die Themen interessant genug, um sie mitzuteilen. Zum einen, weil sie zeigen, welche intellektuellen Ansprüche jeder französische Abiturient erfüllen muß. Ansprüche, von denen ich nicht sicher bin, ob viele deutsche Abiturienten ihnen genügen könnten. Zum anderen, weil einige dieser Fragen ja recht nachdenkenswert sind.

Und drittens, weil eine von ihnen gestern auch einer Reihe von Politikern vorgelegt wurde. Sie brauchten sich freilich nicht an einem Aufsatz abzumühen, sondern sie durften frisch von der Leber weg sagen, was ihnen gerade so einfiel. Aber auch das war zum Teil gar nicht so schlecht.



Ab gestern Morgen um 8 Uhr wurden die Aufsätze geschrieben. Gestern Abend um 17:59 Uhr stellte der Nouvel Observateur die Themen ins Netz; jedenfalls diejenigen des Allgemeinen Abiturs; die des Technologischen Abiturs fehlen noch.

Auf dem Weg zum Allgemeinen Abitur kann man zwischen drei Zweigen wählen: Dem geisteswssenschaftlichen (Série Littéraire), dem naturwissenschaftlichen (Série Scientifique) und dem wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen (Série Economique et Social). Die betreffenden Kandidaten haben im Philosophie- Aufsatz unterschiedliche Themen zur Auswahl; und dessen Ergebnis geht mit unterschiedlichem Gewicht in ihre Abiturnote ein.

Hier sind die diesjährigen Themen:

Geisteswissenschaftlicher Zweig:
  • L'objectivité de l'histoire suppose-t-elle l'impartialité de l'historien?
    Bedingt die Objektivität der Geschichte die Unparteilichkeit des Historikers?

  • Le langage trahit-il la pensée?
    Ist die Sprache eine Verräterin des Denkens?

  • Expliquer un extrait du "Monde comme volonté et comme représentation" de Schopenhauer.
    Erläuterung eines Auszugs aus "Die Welt als Wille und Vorstellung" von Schopenhauer
  • Naturwissenschaftlicher Zweig:
  • Est-il absurde de désirer l'impossible?
    Ist es absurd, das Unmögliche zu erstreben?

  • Y a-t-il des questions auxquelles aucune science ne répond?
    Gibt es Fragen, auf die keine Wissenschaft eine Antwort hat?

  • Expliquer un extrait de "La démocratie en Amérique" d'Alexis de Tocqueville.
    Erläuterung eines Auszugs aus "Über die Demokratie in Amerika" von Alexis de Tocqueville
  • Wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Zweig:
  • Que gagne-t-on à échanger?
    Was gewinnt man durch den Austausch?

  • Le développement technique transforme-t-il les hommes ?
    Verändert die technische Entwicklung die Menschen?

  • Expliquer un extrait de "Essai sur l'entendement humain" de John Locke.
    Erläuterung eines Auszugs aus dem "Versuch über den menschlichenn Verstand" von John Locke.
  • Wie immer wird jedem Zweig also ein fachphilosophisches Thema angeboten - Schopenhauer steht in hohem Ansehen; er war auch letztes Jahr schon mit dabei. Die beiden anderen Themen sind das, was man in Deutschland früher "Besinnungsaufsätze" nannte; meist als Frage formuliert.

    Obwohl es sich um Themen von allgemeinem Interesse handelt, geht man auf die Spezialisierungen in dem jeweiligen Zweig ein. Die Naturwissenschaftler werden meist nach einem philosophischen Aspekt der Wissenschaft gefragt; bei den Sozialwissenschaftlern geht es oft um gesellschaftliche Themen im weiteren Sinn.



    Das also erregt in Frankreich die Öffentlichkeit in diesen Juni- Wochen. Wenn ich in der Überschrift sage, daß das Abitur "tobt", dann ist das nur wenig übertrieben. Die linke Tageszeitung Libération hatte gestern ein ganzes Dossier zu diesem Thema. Und einer der vielen Blogs zum Abitur, Mention très bien bei der Tageszeitung Le Monde, berichtete über den Vorabend des Philosophie- Aufsatzes: "chacun 'retenait son souffle'"; jeder hielt den Atem an.

    Bei soviel nationalem Interesse an einem Thema kann natürlich auch die Politik nicht schweigen. Der Nouvel Observateur hat einer Reihe von Politikern die Frage vorgelegt: "Ist es absurd, das Unmögliche zu erstreben?".

    Der Sozialist François Hollande, einst Lebensgefährte von Ségolène Royal und selbst als Kandidat für die Präsidentschaft gehandelt, meinte, nein, das sei nicht absurd - "Mais à une condition, réussir le possible"; aber nur unter der Bedingung, daß man das Mögliche erreicht. Naja.

    Schon deutlich philosophischer antwortete François Bayrou, der auch einmal Präsident hatte werden wollen und der jetzt der kleinen liberalen Partei MoDem vorsteht: " ... c'est purement et simplement la vie des hommes. C'est cela qui fait l'humanité. Ce n'est donc pas absurde : c'est vital!" - das Unmögliche zu erstreben, das sei schlicht und einfach das Leben des Menschen. Dies sei es, was das Menschsein ausmache. Es sei also nicht absurd - es sei lebensnotwendig.

    Die dümmste Antwort gab, wen wundert's, der Vertreter der Parti de Gauche, des französischen Franchise- Partners der deutschen Partei "Die Linke". Dieser Jean- Luc Mélenchon also antwortete: "... vivre est absurde, selon Camus et tant d'autres. On doit donc imaginer Sisyphe heureux. Ce serait ça, mon plan". Leben sei, laut Camus und so vielen anderen, absurd. Man müsse sich also Sisyphus als glücklich vorstellen. Das wäre, sagte der Vorsitzende Mélenchon, "sein Plan".

    Warum diese Antwort die dümmste sei, fragen Sie, lieber Leser? Denken Sie darüber nach! Sie müssen ja nicht gleich einen Philosophie- Aufsatz schreiben.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie findet man hier. Titelvignette: Eugène Delacroix, La Liberté guidant le peuple (1830); Ausschnitt. In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist.

    25. Dezember 2008

    Zettels Gabentisch: Realität in acht Päckchen (1): Eine Frage der "Zeit". Ein paar Happen Philosophie

    Mit "12 großen Fragen" befaßt sich eine Serie von Artikeln im aktuellen "Zeit Wissen". Die erste Folge hat Ulrich Schnabel geschrieben. Titel: "Was ist Realität?".

    Eine große Frage, fürwahr. Eine arg große Frage. Eine der Fragen, die am Beginn der Philosophie standen. Eine Frage, passend in die vor uns liegende Zeit "zwischen den Jahren", in der das Jahr 2008 seine Realität für uns verliert und das Jahr 2009 darauf wartet, sie zu gewinnen.



    Für die ersten Philosophen des Abendlands - die griechischen Philosophen vor Sokrates, mangels einer besseren Bezeichnung oft "die Vorsokratiker" genannt -, gliederte sich diese Grundfrage bereits in eine Reihe von Teilfragen:

    Erstens: Woraus besteht eigentlich die Welt, welches ist ihr Urstoff? Wasser, meinte Thales von Milet. Nein, eine grenzen- und zeitlose Ursubstanz (das Apeiron), war die Antwort seines Schülers Anaximander. Aus dem Apeiron gehen alle Substanzen hervor; in das Apeiron kehrt alles zurück.

    Oder ist das im eigentlichen Sinn Reale gar nicht eine Ursubstanz, sondern viel Abstrakteres? Zahlen, Harmonien? Ist die Welt ihrem Wesen nach Mathematik, abstrakte Ordnung? Form, nicht Materie? Das lehrte Pythagoras; das glaubten seine Jünger, die Pythagoräer.

    Zweitens: Was ist das Reale - Beständigkeit oder Veränderung? Thales hatte nur gefragt, was die Realität letzten Endes ist. Anaximander machte sich Gedanken darüber, wie sie wird. Damit war bereits dieses zweite große Thema angeschlagen:

    Ist die Welt ihrem Wesen nach unveränderlich und die Änderung nur ein Schein? So lehrte es Parmenides von Elea. So propagierte es mit schlagenden - mit erschlagenden - Beweisen sein Schüler Zeno, dem wir das Paradox von Achilles und der Schildkröte verdanken. Und die Behauptung, es könne gar keine Bewegung geben. Denn zu einem Zeitpunkt kann ein Gegenstand ja nur an einem Ort sein, also ruhend. Auch wenn es uns vorkommt, als würde ein Pfeil fliegen.

    Oder ist im Gegenteil das Wesen der Wirklichkeit ihre ständige Änderung? Ist es gerade die Beständigkeit, die nur Schein ist? Das war die Meinung Heraklits: Alles ist in Veränderung; man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen. Der Gegensatz, der Widerstreit ist es, der diese Veränderung antreibt, in der die Gegensätze doch wieder zusammenfließen. Bis zu Hegel, bis zu Marx hat dieser Gedanke nachgewirkt.

    So gegensätzlich Parmenides und Heraklit dachten - gemeinsam ging es beiden um die dritte Frage: Was ist Schein? Was hingegen ist das hinter dem Schein liegende, die eigentliche Realität?

    Parmenides meinte, hinter der scheinbaren Veränderung liege unveränderliche Wirklichkeit. Heraklit sah die Beständigkeit als Schein und dahinter die ständige Veränderung. Beide unterschieden zwischen Schein und Wirklichkeit. Zwischen dem, was wir nur meinen und dem, was in Wahrheit ist.



    Wie aber können wir von der Realität hinter dem Schein wissen? Durch Denken, meinte Platon, nicht durch den Augenschein. Plato dachte da wie Parmenides, den er verehrte. Der Augen"schein" ist eben dies, ein Schein. Unsere sinnliche Erfahrung ist dem Irrtum unterworfen. Erst im Denken, zumal in der Mathematik, stoßen wir zum Wesen der Dinge vor, zu den Ideen.

    Es ging damit Platon nicht nur um das Wesen der Welt, sondern nun auch um das Wesen des Erkennens; um Erkenntnistheorie. Ein Unternehmen, das ein wenig dem Bemühen Münchhausens gleicht, sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen: Der Versuch, unseren Erkenntnisapparat einzusetzen, um etwas über unseren Erkenntnisapparat zu erfahren.

    René Descartes hat das - ich mache einen großen Sprung, wir sind jetzt im 17. Jahrhundert - im Prinzip so anzugehen versucht wie Plato: Nicht die Sinne, die nur Verworrenes liefern, führen uns zur Wirklichkeit, sondern allein das Denken. Wenn es denn Ideen faßt, und zwar clare et distincte, deutlich und abgehoben.

    Aber kommen wir damit wirklich aus dem Sumpf der Unkenntnis heraus; der letztlichen Unkenntnis der eigentlichen Realität? Die radikalste Antwort hat Immanuel Kant gegeben: Wir können von dieser "eigentlichen" Realität, vom "Ding an sich" nichts wissen. Damit müssen wir uns bescheiden. Erfaßbar ist für uns nur die empirische Realität, die Welt der Erscheinungen. Sie freilich ist auf ihre Art auch "real" und es allemal wert, erforscht zu werden.



    Das sind alles keine Fragen, keine Antworten aus der finsteren Zeit vor dem Aufblühen der Wissenschaft. Sie sind aktuell, wenn wir sie heute auch anders formulieren. Es sind freilich Fragen, die Wissenschaftler gern ausklammern; für die sie sich nicht zuständig erklären.

    Und wenn sich ein Wissenschafts- Journalist wie Ulrich Schnabel in dem zitierten Artikel Gedanken machen, dann kommt manchmal nicht so sehr viel Überraschendes heraus. "Statt die Wirklichkeit objektiv wahrzunehmen, sind wir ständig dabei, sie zu interpretieren. Was wir naiverweise für real halten, hängt deshalb stark von unserer persönlichen Deutung ab", schreibt Schnabel.

    Ja, das ist freilich so. Dem einen sin Uhl is dem andern sin Nachtigall. Aber ist Wissenschaft nicht dazu da, solch Subjektives zu eliminieren? Durch sorgsames Messen, durch Rechnen zu dem vorzustoßen, was eben nicht persönliche Deutung ist? Schnabel scheint da skeptisch zu sein:
    Wie man es auch dreht und wendet: Bei der Frage nach der Realität landen wir am Ende bei uns selbst, bei den Begrenzungen und kulturellen Prägungen der menschlichen Wahrnehmung. Vielleicht lautet die beste Antwort auf die Frage nach der Realität daher einfach so: Realität ist stets das, was wir dafür halten.
    Ich teile diese Meinung überhaupt nicht. Und möchte Sie, lieber Leser, in dieser kleinen Serie zwischen den Jahren gern von meiner anderen Auffassung überzeugen. Nein, sagen wir: Sie Ihnen nahezubringen versuchen.

    Die Auffassung nämlich, daß Realität nicht das ist, was uns gerade einfällt; was dafür zu halten wir belieben. Das ist postmoderne Unverbindlichkeit, ist die Doktrin kultureller Relativität. Realität ist - so werde ich, nah bei Kant, argumentieren - etwas, das uns entgegentritt, das uns einlädt und auffordert, es zu erforschen. Freilich mit dem Instrumentarium, das allein uns zur Verfügung steht: unserem natürlich in der Evolution entstandenen Erkenntnisapparat. Trivialerweise.

    Es wird keine philosophische Abhandlung werden, nur ein kleiner Essay. Hier die Gliederung, die am Ende jeder Folge stehen wird. Bereits erschienene Folgen sind jeweils verlinkt.
    1. Eine Frage der "Zeit". Ein paar Happen Philosophie
    2. Ein Alptraum. Vom Träumen überhaupt
    3. Fiktion und Realität. Fiktive Realitäten
    4. Realität als Konsens
    5. Postmoderne Toleranz. Postmoderne Intoleranz
    6. Erkenntnis und Interesse. Fromme Lügen
    7. Erkenntnistheorie und Wahrnehmungspsychologie
    8. Wissenschaftliche Erkenntnis


    Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen der Serie sowie eine Zusammenfassung finden Sie hier. Titelvignette: Alice im Wunderland. Frei, weil das Copyright erloschen ist.

    25. Juni 2008

    Gedanken zu Frankreich (24): Sartre, Schopenhauer, Kant. Was französische Abiturienten wissen müssen

    In diesem Blog gab es schon einmal, als im vergangenen Jahr die Prüfungen liefen, einen Artikel über das Abitur in Frankreich. Jetzt ist wieder die Zeit des Baccalauréat gekommen. Ich möchte das zum Anlaß nehmen, über die Themen der diesjährigen Aufsätze in Philosophie zu berichten.

    Warum? Weil mir das ein Licht darauf zu werfen scheint, was man in Frankreich an Kenntnissen und vor allem an Fähigkeiten zur Reflexion und zur Argumentation von Abiturienten erwartet.

    Hier also die Liste der Themen für den Philosophie- Aufsatz. Philosophie ist in Frankreich Pflichtfach an allen Gymnasien. Die Themen sind verschieden für die Zweige der Oberstufe, zwischen denen man sich in Frankreich entscheiden muß. Aus den drei Themen für jeden Zweig wählt der Kandidat eines aus.


    Literarischer Zweig (Série L):
  • La perception peut-elle s'éduquer?
    Kann die Wahrnehmung sich ausbilden?

  • Une connaissance scientifique du vivant est-elle possible?
    Ist eine wissenschaftliche Erkenntnis des Lebendigen möglich?

  • Expliquer un extrait des "Cahiers pour une morale" de Sartre
    Kommentierung eines Auszugs aus den "Cahiers pour une morale" (Notizhefte zu einer Moral) von Sartre.

  • (Natur-)wissenschaftlicher Zweig (Série S):
  • L'art transforme-t-il notre conscience du réel?
    Verändert die Kunst unser Bewußtsein von der Wirklichkeit?

  • Y a-t-il d'autres moyens que la démonstration pour établir une vérité?
    Gibt es andere Mittel als die experimentelle Demonstration, um eine Wahrheit zu beweisen?

  • Expliquer un extrait de "Le monde comme volonté et comme représentation" de Schopenhauer
    Kommentierung eines Auszugs aus "Die Welt als Wille und Vorstellung" von Schopenhauer

  • Wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Zweig (Série ES)
  • Peut-on désirer sans souffrir?
    Kann man wünschen, ohne zu leiden?

  • Est-il plus facile de connaître autrui que de se connaître soi-même?
    Ist es leichter, einen anderen zu erkennen als sich selbst?

  • Expliquer un extrait de "De la démocratie en Amérique" de Alexis de Tocqueville
    Kommentierung eines Auszugs aus "De la démocratie en Amérique" (Über die Demokratie in Amerika) von Alexis de Tocqueville

  • Technologischer Zweig (Série T)
  • Peut-on aimer une œuvre d'art sans la comprendre?
    Kann man ein Kunstwerk lieben, ohne es zu verstehen?

  • Est-ce à la loi de décider de mon bonheur?
    Ist es Sache des Gesetzes, über mein Glück zu entscheiden?

  • Répondre à des questions d'après un texte de Kant
    Beantwortung von Fragen zu einem Text von Kant.

  • Ich bin nicht auf dem Laufenden, was im Augenblick in den einzelnen deutschen Ländern von Abiturienten im Fach Philosophie bzw. im wohl teilweise vergleichbaren Aufsatz in Deutsch verlangt wird. Es würde mich aber sehr wundern, wenn irgendwo auch nur annähernd das Niveau dieser Themen im französischen Baccalauréat erreicht werden würde.

    Aber vielleicht irre ich mich ja.



    Links zu den früheren Folgen dieser Serie findet man hier. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    20. März 2008

    Zettels OsterfragerEi (2): Warum gilt die Mathematik als grau und langweilig?

    In der Schule habe ich mich immer für Mathematik interessiert und bin darin auch gut gewesen. Meist hatte ich eine Eins; nur nicht in dem Jahr, in dem wir die Logarithmen- Rechnung hatten. Die fand ich langweilig, und außerdem habe ich mich beim Nachschlagen und Rechnen ständig vertan. Aber das übrige - von der Euklidischen Geometrie bis zur Analysis und Analytischen Geometrie -, das fand ich immer sehr spannend.

    Wie, lieber Leser, reagieren Sie auf dieses Bekenntnis? Ich vermute, ich bin Ihnen dadurch nicht sympathischer geworden. Ja, wenn ich geschrieben hätte: "In der Schule habe ich mich immer für Literatur interessiert und habe viel gelesen", dann hätte ich damit vermutlich in Ihren Augen gewonnen.

    Aber Mathematik? Geben Sie's zu: Vor Ihrem geistigen Auge steht jetzt Zettel, ein vielleicht intelligenter, aber etwas verschrobener, weltfremder Mensch. Einer, dem es vermutlich an Phantasie fehlt und an Wärme; sonst hätte er sich als Schüler ja nicht in die abstrakte, blutleere Welt der Zahlen geflüchtet.

    Nur ist sie ja nicht abstrakt und blutleer, die Mathematik. Sie kann sinnlich sein wie ein erotischer Roman, spannend wie ein Krimi. Sie hat einen ästhetischen Reiz, der von wenigen Kunstgattungen überboten wird. Die Mathematik ist bunt und aufregend.



    Kennen Sie nicht diese Spannung, wenn man für einen mathematischen Satz einen Beweis sucht, dies und jenes probiert, und plötzlich fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Ja, so, genau so, muß es gehen! Haben Sie das nie gehabt, diesen Musterfall eines Aha- Erlebnisses?

    Nicht immer geht es so, genau so. Manchmal erweist sich der Geistesblitz als ein fahles Flämmchen, das schnell wieder verlischt. Aber wenn man es dann gefunden hat und jenes magische Q.E.D. unter die letzte Gleichung schreibt - was ist dagegen der Augenblick, wenn der Kommissar im Krimi die Verdächtigen um sich versammelt und den Fall aufklärt!

    Er ist ein kleiner Triumph, dieser erfolgreiche Beweis. Aus einer Vermutung ist Gewißheit geworden. Und besonders schön ist es, wenn man einen "eleganten" Beweis gefunden hat. Denn Eleganz ist eine Grundkategorie der Mathematik. Wer spricht da von grau und langweilig?



    Haben Sie nie den ästhetischen Reiz der Euklidischen Geometrie erlebt? Dieses perfekten Gebäudes, schöner als die meisten Werke der Architektur?

    Es beginnt mit dem Punkt, dann kommt die Linie (die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten), die Gerade (die ins Unendliche erweiterte Linie). Es wird definiert, was ein Kreis ist, welche Dreiecke es gibt. Es werden Axiome eingeführt, allen voran das Parallelen- Axiom. Es beginnt mit dem Fundament, dem grundsoliden; wie auch sonst.

    Und nachdem - um die Metapher zu wechseln - dieses kleine Schatzkästlein gefüllt ist wie ein Lego- Baukasten, Anfängerstufe, baut Euklid (und bauen seine Nachfolger; im Mathematik- Unterricht wird das ja selten Personen zugeordnet) daraus dieses gewaltige, perfekte Gebäude der Geometrie - erst in der Ebene, dann für Körper.

    Es wird immer komplexer, aber es entsteht nie etwas, das nicht solide auf dem Vorausgehenden ruhen würde. Es hat alles eine wunderbare Logik. Nichts bleibt im Ungewissen. Etwas gilt entweder, oder es gilt nicht nicht. Und wenn es gilt, dann gilt es mit - ja, eben, mit mathematischer Gewißheit.



    Und das alles kann man sowohl sehen als auch berechnen! Das war für mich, durch die ganze Schulzeit, das vielleicht größte Wunder der Mathematik, weit über die euklidische Geometrie hinaus: Diese Übereinstimmung des Gesehenen mit dem Gedachten.

    Man kann einen Winkel in einem Dreieck berechnen, und man kann ihn mit dem Winkelmesser messen. Wenn man keinen Fehler gemacht hat, dann deckt sich das eine mit dem anderen. Man kann eine Parabel berechnen - die "Kurvendiskussionen", auch so ein Lieblingsthema meiner Schulzeit! - und sie dann säuberlich in die cartesianischen Koordinaten eintragen: Und siehe, sie verläuft genauso wie berechnet.

    Anschauliche Geometrie und Algebra, analytische Geometrie: Da werden Geist und Materie miteinander verknüpft, die Idéa mit dem Sinnlichen, von dem Platon meinte, es liefere uns für sich genommen nie Wahrheit, sondern immer nur Doxa, nur Meinung.



    Sie ist also nicht nur spannnend, die Mathematik, und sie ist nicht nur schön, sondern sie hat auch eine erhebliche philosophische Dimension. Viele große Philosophen waren der Mathematik verfallen, von den Pythagoräern und Platon über Descartes und Leibniz bis zu Wittgenstein und Bertrand Russell. Viele andere haben sie, wie Kant und Schopenhauer, geschätzt und betrieben, auch wenn sie in ihr nichts Eigenständiges geleistet haben.

    Auf einen schönen Satz von Leibniz zur Mathematik bin ich vor ein paar Tagen gestoßen; und zwar in englischer Übersetzung. Deutsch heißt der Satz: "Indem Gott rechnet und die Dinge denkt, entsteht die Welt", und Leibniz schrieb ihn (auf Latein) an den Rand eines Manuskripts, des Dialogus.

    Gefunden habe ich diesen Satz in einer aktuellen Meldung der vergangenen Woche. Sie berichtet über den diesjährigen Preisträger des Templeton Prize, des höchstdotierten aller Wissenschafts- Preise, der für Arbeiten an der Grenze zwischen Naturwissenschaften, Philosophie und Theologie verliehen wird.

    Dieser diesjährige Preisträger ist der polnische Theologe, Philosoph, Kosmologe und Mathematiker Michael Heller; und in einem Interview mit dem New Scientist zitierte er diesen Satz von Leibniz.

    Er hatte ihn auch in einer Erklärung anläßlich der Zuerkennung des Preises zitiert, und dazu gesagt:
    Things thought through by God should be identified with mathematical structures interpreted as structures of the world. Since for God to plan is the same as to implement the plan, when "God calculates and thinks things through," the world is created.

    Dinge, die Gott denkt, lassen sich mit mathematischen Strukturen identifizieren, interpretiert als Strukturen der Welt. Da es für Gott dasselbe ist, zu planen und den Plan zu verwirklichen, wird, wenn "Gott rechnet und die Dinge denkt", die Welt erschaffen.


    Das ist, natürlich, der pure Platonismus, gewürzt mit einem kräftigen Schuß George Berkeley. Nein, lieber Leser, nicht jeder, der sich an der Mathematik erfreut, muß so weit gehen wie der Theologe Heller.

    Aber auch wenn man nur das Spannende an der Mathematik sieht, das Ästhetische - wäre das nicht eigentlich Grund genug, sie bunt und attraktiv zu finden, statt grau und langweilig?

    Warum also finden sie so viele Leute grau und langweilig, die Mathematik?



    Wie bei der der ersten Frage in dieser kleinen Serie, zu der die Diskussion weitergeht, ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen.

    Wer sich nicht registrieren, mir aber dennoch seine / ihre Meinung mitteilen möchte, kann das gern auch per Mail tun (Oben rechts: View my complete profile --> Email). Dann bitte mit dem Hinweis, ob ich diese Meinung (anonym oder ggf unter welchem Namen oder Nick) zitieren darf, oder ob ich sie für mich behalten soll.

    27. Dezember 2007

    Zettels lobender Jahresrückblick (1): Mein Buch des Jahres

    Mein Buch des Jahres 2007 ist kein Buch, das 2007 erschienen wäre oder das es 2007 auf die Liste der Bestseller geschafft hätte. Gedruckt wurde meine Ausgabe schon 2005. Und das ist der Nachdruck eines Werks, das in der DDR bereits zwanzig Jahre zuvor erschienen war. Mit Texten, die aus den Jahren 1586 bis 1638 stammen. Im zweiten Teil mit Briefen und Dokumenten, die zwischen 1590 und 1642 geschrieben wurden.

    Ein Buch "des Jahres 2007" also nur in dem Sinn, daß ich es in diesem Jahr gekauft und gelesen habe. Es ist:
    Anna Mudry (Hg.), Galileo Galilei. Schriften Briefe Dokumente. Wiesbaden: VMA Verlag, 2005


    Galilei war Zeitgenosse von René Descartes. Sie starben im Abstand von acht Jahren; Galilei im Januar 1642, Descartes im Februar 1650.

    Allerdings gehörten sie verschiedenen Generationen an. Als Descartes 1596 geboren wurde, war Galilei schon ein Mann von 32 Jahren und hatte bereits seinen zweiten Lehrstuhl inne. Er war damals Professor für Geometrie, Mechanik und Astronomie an der Universität Padua, nachdem er zuvor in Pisa Mathematik gelehrt hatte. Als eine Stadt in der Republik Venedig bot Padua ihm eine besonders liberale Arbeitsumgebung.



    Galilei, unter dem Schutz der Republik Venedig seinen Studien nachgehend - das kennen wir.

    Wir kennen es aus den ersten Szenen von Brechts "Leben des Galilei". Ungefähr so, wie unser Bild Cäsars durch Shakespeare geprägt ist, bestimmt Brechts Sicht auf Galilei die Vorstellung, die wir uns von diesem Mann machen. Jedenfalls für die meisten von uns ist der historische Galilei gewissermaßen überschrieben worden durch die Figur, die Brecht entworfen hat. Die er als Künstler entworfen hat, als ein ungewöhnlich stark politisch festgelegter Künstler.

    Also ist unser Galilei einer, der viele Züge des armen B.B. trägt - oder vielmehr des listigen, des immer als Aufklärer sich präsentierenden B.B. Desjenigen, der den Kapitalismus durchschaut hat, der sich seiner Gesetze bedient, um ihn zu überwinden.

    Also beginnt Galilei, kaum daß das Stück begonnen hat, um sein Gehalt zu feilschen. Also ist er durch das ganze Stück hindurch derjenige, der verstanden hat, wie sie sich bewegt, die Welt. Eppur si muove, wir kennen das. Derjenige, der von den Kräften des Gestern verfolgt und behindert wird, der Römischen Kirche also. Der sich diesen vorerst Stärkeren fügt, wohl wissend, daß seine Einsichten siegen werden, weil der Fortschritt nicht aufzuhalten ist. Dem es wichtiger ist, nach einer erzwungenen Abschwur weiterarbeiten zu können, als standhaft unterzugehen.

    Kurzum - Brechts "Leben des Galilei" handelt von Fortschritt und Reaktion, von Geist und Macht. Auch - Brecht hat die letzten Szenen entsprechend geändert, als die Bomben von Hiroshima und Nagasaki explodiert waren - von der Verantwortung des Wissenschaftlers.

    Es handelt damit nur am Rande - und das ist mir bei der Lektüre von Galileis Schriften allmählich deutlich geworden - von dem Wissenschaftler Galilei.



    Daß er ein Zeitgenosse von Descartes war, habe ich mir anfangs der Lektüre immer wieder vor Augen führen müssen, auch wenn es mir als abstraktes Wissen so ungefähr klar gewesen war. Aber "gegenwärtig" ist es mir nicht gewesen.

    Ich vermute, es ging mir so wie vielen anderen, für die Descartes ein "Moderner" ist und Galilei einer, der noch sozusagen mit einem Bein im Mittelalter steht, aus dem er sich, das Bein gewissermaßen aus der Falle des Unwissens ziehend, herauszuarbeiten trachtete.

    Descartes, das ist für uns der Beginn der Philosophie der Neuzeit. Der erste, der das über sich selbst reflektierende Ich zum Ausgangspunkt genommen hat. Derjenige, dessen Ideen auf dem europäischen Kontinent von Spinoza, von Leibniz und schließlich von Kant weiterentwickelt wurden; bei den Briten von Locke, Berkeley, Hume.

    Wir sehen ihn sozusagen durch die Brille dieser späteren Philosophen, den René Descartes. Und sehen ihn also als einen Modernen; als den Vorläufer der Aufklärung, die dann mit John Locke voll anhebt.

    Galilei dagegen ist, zumal durch den Einfluß Brechts, für uns dem Ende des Mittelalters näher als der Neuzeit. Umgeben von rot gewandeten Kurienkardinälen, die ihm die Folterwerkzeuge vorzeigen lassen, so stand er mir immer vor Augen.

    Nachdem ich seine Schriften gelesen habe, halte ich das für ein völlig irriges Bild. Galilei war in zentralen Punkten ungleich moderner als Descartes.

    Würde man beide, Descartes und Galilei, eine Zeitreise machen lassen, die mitten hinein in eine Diskussion unter heutigen Naturwissenschaftlern führt und würde man ihnen die nötigen Sprachkenntnisse mitgeben - Descartes würde kopfschüttelnd dasitzen und nichts verstehen. Er würde wohl nicht einmal einsehen können, daß es um Wissenschaft geht - nicht clare et distincte genug, nicht deduktiv genug. Unsicher alles; nichts für diesen Mann, der die Sicherheit der Erkenntnis über alles stellte.

    Galilei würde natürlich auch den Inhalten nicht folgen können. Aber den Stil der Diskussion würde er sofort nachvollziehen: Das Erwägen von alternativen Möglichkeiten, deren Prüfung an der Befundlage, Erörterungen, die zu Wahrscheinlichkeiten führen und nicht zur metaphysischen Gewißheit.



    Die Schriften Galileis sind, was die formale Durcharbeitung, was die Stringenz der Argumentation angeht, mit denen Descartes' nicht vergleichbar. Descartes schreibt wie ein Mathematiker. Galileis Stil bewegt zwischen der nüchterner Mitteilung und - dort, wo er überzeugen möchte - einer fast belletristischen Eloquenz und Anschaulichkeit.

    Descartes war in gewisser Weise auch ein Naturwissenschaftler; sein Werk Le Monde war als so etwas wie eine Grundlegung der Naturwissenschaften konzipiert. Er war auch durchaus an empirischen Details beispielsweise der Anatomie interessiert.

    Aber es fehlte ihm weithin das, was Galilei auszeichnete: Das induktive Denken, das von Beobachtungen statt von abstrakten Fragen ausgeht; das ständige Infragestellen von scheinbar sicheren Voraussetzungen. Das Abwägen von Erklärungen gegeneinander. Und vor allem die Ableitung von Hypothesen, die sich dem empirischen Test unterwerfen lassen.

    Descartes hat mit seinem systematischen Zweifel, mit seinem Bemühen um eine Mathematisierung der Wissenschaft, mit seinem mechanistischen Denken Grundlagen der modernen Wissenschaft gelegt. Aber er hat selbst nur selten wirklich wissenschaftlich geforscht. Galilei hingegen war Wissenschaftler durch und durch.

    Er hat verstanden, daß Wissenschaft Methode ist, Handwerk. Daß Ausprobieren wichtiger ist als Deduzieren. Daß entscheidende Fortschritte durch neue Geräte erreicht werden, mehr als durch neue Ideen.

    Das Fernrohr hat er nicht erfunden; aber er hat sofort erkannt, welchen ungeheuren wissenschaftlichen Nutzen dieses Instrument in sich barg.



    Die für Galilei vielleicht bezeichnendste Schrift in der Textsammlung ist Siderus Nuncius, die "Sternenbotschaft" von 1610, "worin die unlängst mit Hilfe eines neuen Sehglases, auf dem Antlitz des Mondes, auf der Milchstraße, an den Nebelsternen, unzähligen Fixsternen und an vier zuvor noch nie gesehenen und Mediceische Gestirne genannten Planeten gemachten Beobachtungen berichtet und erklärt werden".

    Mit diesem Untertitel der Schrift hat man im Grunde den ganzen Galilei - den Empiriker, der das neue Instrument sozusagen nach Strich und Faden nutzt; den sorgfältigen Beobachter. Aber auch den, der erklärt. Den Theoretiker, der nicht ruht, bis er eine Erklärung hat, die alle bisherigen Beobachtungen abdeckt; that accounts for them, wie man es in der Sprache der heutigen Wissenschaft sagt - die ihnen so Rechnung trägt, daß alles ohne Rest aufgeht.

    Galilei beobachtet den Mond solange, bis er sicher ist, daß die dunklen Flecken Schatten sind. Der Mond weist also Erhebungen auf; entgegen der tradierten Vorstellung, daß alle Himmelskörper vollkommene Kugeln sind.

    Aber warum sehen wir von diesen Erhebungen nichts an der Peripherie des Mondes; warum sieht er nicht wie ein "Zahnrad" aus? Kaum hat Galilei eine Hypothese bestätigt, da findet er schon wieder Zweifel an ihrer Richtigkeit, die ihn zu weiteren Überlegungen führen. Ebenso bei der Entdeckung, daß die Milchstraße sich aus Myriaden von Sternen zusammensetzt, daß um den Jupiter Monde kreisen.



    Der Siderus Nuncius ist nicht die bekannteste Schrift Galileis. Das ist diejenige, die ihm die Verfolgung durch die Kurie eingebracht hat, die aber nicht seine wissenschaftlich originellste ist: Der "Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme, das ptolemäische und das kopernikanische". Veröffentlicht erst 1632; aber viel früher konzipiert, schon 1626 fast abgeschlossen.

    Wissenschaftlich eigentlich nichts Neues: Unter Wissenschaftlern waren längst die Würfel zugunsten des kopernikanischen Systems gefallen. Neue Ideen, neue Beweise trug Galilei in dem "Dialog" kaum vor. Er nutzte nur seine Beobachtungen, die er weitgehend schon im Siderus Nuncius publiziert hatte, als weitere Belege für die Richtigkeit des kopernikanischen Systems; und er verknüpfte beides mittels seiner Mechanik.

    Dieser Dialog war mehr ein Fazit seiner Forschung, als daß er damit wissenschaftliches Neuland betreten hätte. Die Anwendung der Mechanik auf die Kosmologie.

    Diese seine Mechanik nun ist wohl die große, die bahnbrechende Leistung des Wissenschaftlers Galilei. Sie war sein erstes und sein eigentliches Forschungsgebiet; über sie hat er immer wieder geschrieben. Eine Art Summa sind die Discorsi von 1638; wie der Dialogo als Gespräch zwischen drei Personen gestaltet - einem Anhänger der Physik des Aristoteles, einem Teilnehmer, der die Position Galileis vertritt, und dem neutralen Dritten Sagredo, um dessen Zustimmung die beiden anderen ringen.

    Da geht es um Themen wie das spezifische Gewicht - wieviel wiegt Luft? Wie kann man das messen? -, um Bewegungen wie die eines Körpers auf einer Wurfbahn. Vor allem aber geht es um die Grundlagen der Mechanik; um Gesetze, die Galilei - wie später Newton - in Theoremen und Zusätzen faßt (zum Beispiel im Theorem 2: "Wenn ein Körper von der Ruhelage aus gleichförmig beschleunigt fällt, so verhalten sich die in gewissen Zeiten zurückgelegte Strecken wie die Quadrate der Zeiten").



    In beiden Werken - dem über die Mechanik und dem über die kosmologischen Theorien - setzt sich Galilei immer wieder mit Aristoteles auseinander.

    Das hat zu einer Sicht geführt, die ich auch lange Zeit geteilt hatte, bevor ich mich erst mit Aristoteles und jetzt mit Galilei beschäftigt habe: Daß Aristoteles ein noch nicht wissenschaftlich denkender Philosoph gewesen sei, der Schein- Erklärungen vorgetragen habe, während Galilei als Erster wahrhaft wissenschaftlich an die Probleme der Mechanik und der Astronomie herangegangen sei. Der Psychologe Kurt Lewin hat das z.B. in einer 1931 erschienen Schrift behauptet, in der er die "galileische und aristotelische Denkweise" kontrastiert.

    Tatsächlich setzt sich Galilei zwar mit Ironie und Schärfe mit denjenigen auseinander, für die jede Auffassung Aristoteles' ein Dogma ist. Aber Aristoteles selbst ist für ihn gewissermaßen ein wissenschaftlicher Diskussions- Partner, über zwei Jahrtausende hinweg.

    Er untersucht dessen Argumente, prüft seine Voraussetzungen, weist auf Inkonsistenzen hin. Er behandelt ihn als Seinesgleichen. Nicht als absolute Autorität, aber gewiß auch nicht als jemanden, der als Wissenschaftler nicht ernst zu nehmen wäre.



    Und er klärt in dieser Auseinandersetzung mit Aristoteles fundamentale Fragen. Zum Schluß ein Beispiel für diesen virtuellen Dialog über die Jahrtausende:

    Es geht - ziemlich am Anfang des Dialogo - um die Frage, ob die Erde sich um ihre eigene Achse dreht. (Daß sie rund ist, war schon für Aristoteles selbstverständlich gewesen).

    Nein, hatte Aristoteles argumentiert. Denn würde sie sich drehen, dann dürfte ein sehr hoch in die Luft geworfener Körper nicht zu der Stelle herabfallen, von der aus er geworfen wurde. Sondern er müßte auf eine Stelle weiter "hinten" auf der sich drehenden Erde fallen, weil diese sich, während er unterwegs ist, ja weiter gedreht hätte.

    Die Auseinandersetzung mit diesem Argument (das es in verschiedenen Versionen gibt - zum Beispiel müßte eine in Drehrichtung der Erde abgefeuerte Kugel weiter fliegen als eine entgegen dieser Richtung geschossene; zum Beispiel müßte eine von einem Turm geworfene Kugel schräg zu dessen Wand fallen) führt Galilei dazu, zu erörtern, was eigentlich Bewegung ist und wie eigentlich die Fallrichtung definiert ist.

    Bewegung, sagt Galilei, ist immer relativ. Es gibt keine absolute Ruhe. Befindet sich also ein Körper in scheinbar ruhendem Zustand auf der Erdoberfläche, so macht er doch deren Bewegung mit. Das tut er auch, wenn man ihn hochwirft. Deshalb kann er nur dort wieder herunterkommen, von wo er hochgeworfen wurde. Er fällt "nach unten", aber das heißt nur: Hin zum Erdmittelpunkt. Also genau so wenig "schräg", wie auch der Turm auf der Erdoberfläche "schräg" steht.

    Das sind Gedankenexperimente, es sind aus ihnen abgeleitete Argumente.

    Aber sie widersprechen, wendet der Gesprächspartner Simplicio ein, doch Aristoteles, "der auf diesem Gebiet nicht hat irren können".

    Worauf Sagredo, der zunehmend von Galileis Argumenten faszinierte Neutrale, antwortet: "Ich aber sage euch, daß wenn Aristoteles hier wäre, er entweder von uns überzeugt würde oder unsere Gründe widerlegte und uns eines Besseren belehren würde".

    Besser kann man den Geist der Wissenschaft eigentlich nicht kennzeichnen.
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    16. Juli 2007

    Warum ich Agnostiker bin, aber kein Atheist

    Atheismus scheint schick zu werden. Der "Spiegel", immer auf der Höhe des Zeitgeists, hatte dazu eine Titel­geschichte.



    Ich bin kein Atheist. Mehr noch: Ich wundere mich, wie jemand Atheist sein kann.

    24. Dezember 2006

    Metasprachliche Metalust : Theodor W. Adorno. Und ein wenig Nostalgie

    Eigentlich wollte ich heute noch einen schönen Blog schreiben. Aber weiß der Geier - alles, was ich angefangen habe, wurde nichts Rechtes. Nicht überzeugend, keine runde Argumentation, nicht gut geschrieben.

    Andererseits möchte ich denjenigen, die hier mitlesen, täglich doch wenigstens einen Beitrag anbieten, der es rechtfertigt, daß sie in Zettels Raum gucken. Sonst könnten sie ja gleich wegbleiben.

    Was tun? Ja, natürlich, Recycling. Ist was im Archiv, im Stehsatz, was aktuell paßt? Leider nein.

    Also zitiere ich jetzt etwas, was ich heute Abend in einem anderen Blog geschrieben habe. Und rechtfertige das damit, daß ich damit Reklame für diesen anderen Blog mache: Metalust und Subdiskurse. Das Zitat ist allerdings redigiert, weil ich das Redigieren nicht lassen kann.

    Mit anderen Worten, da ich heute mit der Lust des Schreibens nicht recht reüssiere, gönne ich mir die Metalust des Zitierens, und zwar in der Extremform des Selbstzitats.

    Ich bin radikal anderer Meinung als die, die jenen anderen Blog betreiben. Aber sie sind intelligent, sie sind witzig, sie sind - da bin ich allerdings nicht ganz sicher - nach meiner Vermutung sogar liberal. Sie sind also lesenswert.



    In dem Kommentar, den ich bei "Metalust und Subdiskurse" geschrieben habe, geht es um die Frankfurter Schule. Nein, nicht die "Neue Frankfurter Schule", deren größter Geist der geniale Robert Gernhardt gewesen ist (und ich gönne mir die Metalust, auf diesen Blog hinzuweisen, den in meiner Selbstkritik bisher besten in "Zettels Raum"; nur scheint's keiner zu merken). Sondern die gute alte Frankfurter Schule. Adorno, Horkheimer, Habermas also.

    In der Passage, die ich jetzt zitiere, geht es um Adorno.



    Wer sich auch nur ein wenig für für Philosophie interessiert, der ist als Schüler, wenn er ordentlich liest, von Nietzsche begeistert. Oder vielleicht (das war ich) von Wittgenstein.

    Warum? Weil sie - Schopenhauer auch, stefan george, Oswald Spengler - mehr Schöngeister waren als Philosophen. Man läßt sich vom Stil berauschen. Man liebt sie, weil sie so schön schreiben können. Ob das eigentlich auch stimmt, was sie behaupten, tritt dagegen in den Hintergrund.

    Jung sein, das heißt auch, die Ästhetik zuvorderst sehen. Man ist ja in einem Alter, in dem man die Schöne, den Schönen, also auch das Schöne sucht. Das hat die Natur so gewollt.

    Adorno schreibt schön. Das ist, glaube ich, das Geheimnis der unverdienten Anerkennung, die ihm zuteil wird. Und es ist das, was mich nach dem Abitur kurzzeitig für ihn begeistert hat. Ein deutscher Valéry, so erschien er mir.



    Ich habe ihn dann, in meinen Frankfurter Semestern, als einen arg eitlen und irgendwie auch dummen Menschen erlebt. Jeder Satz seiner Vorlesung war sozusagen mit dem Subtext unterlegt: Schaut's an, wie schlau ich bin, der Adorno. Er spitzte den Mund und ließ seine klugen Sentenzen daraus wohlgeformt hervorquellen. Oder sagen wir, er ließ sie ins Auditorium gleiten.

    Mir schien, daß es ihm nie um die Sache ging, sondern immer nur um den Eindruck, den er mit seiner Brillanz erzeugen wollte. Adornos Vorlesungen waren im Grunde keine Vorlesungen, sondern sie waren Celebrations, in denen der Redner Adorno seinen Helden Adorno ínszenierte, ad majorem Adorni gloriam.

    Etwas weniger lustig gesagt: Es fehlte Adorno völlig die wirkliche Klugheit desjenigen, der sich in Frage stellt, der die Berechtigung auch alternativer Meinungen sieht.

    Ich habe nie erlebt, daß er Meinungen gegeneinander abwog und die Möglichkeit offenlies, daß auch andere als die seine richtig sein konnten. Er hat überhaupt nie das Für und Wider von irgendetwas untersucht.

    Sondern er hat das, was sich Teddy ausgedacht hatte, ex kathedra verkündet. Nein, nicht verkündet, sondern in Szene gesetzt. Eine Mise en scène, das ware die Vorlesungen Adornos, so wie sie mir lebhaft vor Augen stehen.

    Kurz, er war kein skeptischer, an einer fairen Auseinandersetzung interessierter Wissenschaftler, sondern vielleicht ein Künstler. Ein egomaner Künstler. Vielleicht.

    Denn: War er ein einigermaßen guter Künstler? Das weiß ich nicht. Mir ist seine Manieriertheit inzwischen unerträglich; aber ich gebe zu, daß das Geschmackssache ist. Ich habe als junger Mensch auch Thomas Mann geschätzt, und heute stößt mich seine Gestelztheit ab.



    Also keine Werturteile. Aber zum Schluß ein wenig, sagen wir, Zeitzeugenschaft:

    Ich habe damals in Frankfurt die "Philosophische Terminologie" gehört, in der Adorno sich hauptsächlich über Heidegger lustig machte. Und zwar auf dem Niveau rheinischen Karnevals. Die Lacher hatte er, aber man vermißte irgendwie den dreifachen Tusch, wenn er wieder eine Sottise produziert hatte.

    Ich habe, als angehender Naturwissenschaftler, damals meine Tage hauptsächlich im Labor verbracht, in Statistik- Kursen, beim Herrichten von Nerv- Muskel- Präparaten; dergleichen. Wenn man dergestalt wissenschaftlich ständig mit der Realität zusammenstößt, dann bekommt die Adorno'sche Luftigkeit, dieses Fehlen jeder Bereitschaft, Nachprüfbares zu formulieren, einen, sagen wir hallodrihaften Charakter.

    Ja, ich bin in seine Vorlesung gegangen. So, wie die Griechen nach den ernsthaften Aufführungen sich noch ihr Satyrspiel ansahen.