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3. Januar 2009

Realität in acht Päckchen (4): Realität als Konsens. Cues und distales Fokussieren

Wenn, wie im dritten Teil beschrieben, Fernsehzuschauer den Mann, der sie freundlich vom Bildschirm anguckt, als eine reale Person erleben, mit der man intime Zwiesprache halten kann und die gar ins Wohnzimmer zu schauen vermag, dann folgen sie in einer unschuldigen und eigentlich sehr verständlichen Weise ihrem unmittelbaren Eindruck.

Ich bin weit davon entfernt, die geschilderte Verwischung der Grenzen zwischen Realität und Fiktion als ein Produkt raffinierter Manipulation durch die Medien zu verurteilen. Es scheint sich eher um die Rückkehr zu einer Normalität zu handeln, die vielleicht durch das wissenschaftliche Weltbild ein wenig in den Hintergrund gedrängt worden war.

Don Camillo hat - er selbst freilich eine fiktive, aber doch realistische Gestalt - in ähnlich unschuldiger Weise mit dem Christus in seiner Kirche Zwiesprache gehalten. Der Faun im Walde, die Trolle und Elben, das Gespenst im Schloß hatten und haben für viele Menschen mindestens so viel Realität wie für uns der Sprecher der "Tagesschau": Wir erleben diesen nur sozusagen in effigie, als Abbild, sind aber überzeugt, daß es ein realer Mensch ist, der zu uns spricht.

"Eigentlich" sind nur Farben und Formen auf dem Bildschirm; aber wir sehen den Sprecher. "Eigentlich" gibt es im Spukhaus nur Klirren und Klappern, aber dessen Bewohner hören das Gespenst. "Eigentlich" ist in Don Camillos Kirche nur ein Kruzifix aus Holz, aber er nimmt den Gekreuzigten wahr, mit dem er Zwiesprache halten kann.

Wenn wir wahrnehmen, dann gehen wir über die unmittelbar gegebene Information hinaus: "Going beyond the information given", wie es Jerome S. Bruner 1957 als Titel eines berühmten Artikels formuliert hat.

Wir gehen über die sinnlich gegebene Information hinaus, wenn wir sinnlich wahrnehmen. Wir gehen erst recht über die gegebene Information hinaus, wenn unsere Kenntnis aus zweiter, aus dritter Hand stammt. Das unseren Sinnen Zugängliche - das sind ja sozusagen nur die innersten Zwiebelschalen der Realität. Darum legen sich nach außen hin Horizonte, die überhaupt nicht mehr der Wahrnehmung, sondern nur noch dem Wissen zugänglich sind.

Einem Wissen, dem es aber keineswegs an unmittelbarer Realität fehlt. Die Beziehungskisten und Intrigen im Olymp dürften für die Griechen dieselbe Realität gehabt haben wie heute für uns das, was sich an europäischen Königshöfen und in Hollywood zuträgt. Zeitschriften und Fernsehen vermitteln diese moderne Realität ebenso getreu, wie diese damaligen Realitäten von den Sängern und Priestern mitgeteilt wurden.

Daß der normale Sterbliche die Prinzessin von Monaco, Paris Hilton oder Britney Spears nicht anfassen und nicht mit ihnen interagieren kann, nimmt ihnen nicht ihre Realität. So wenig, wie einst Aphrodite, Frau Holle oder der Erlkönig irreal waren, nur weil kaum jemand sie selbst gesehen oder mit ihnen gesprochen hatte.

Woher rührt diese unmittelbare, diese anschauliche Realität dessen, das den Sinnen gar nicht oder jedenfalls nicht vollständig zugänglich ist? Wie nehmen wir dasjenige als real wahr, das sich dem unmittelbaren Realitätstest - es anzufassen, es zu untersuchen - entzieht?

Auf zwei Grundlagen: Erstens aufgrund dessen, was der Wahrnehmungs- Psychologe Egon Brunswik "distal focussing" genannt hat, - "distales Fokussieren", das Ausrichten der Aufmerksamkeit auf das Objekt (und nicht die Anzeichen für das Objekt). Zweitens durch sozialen Konsens.



Als "distales Fokussieren" bezeichnete Brunswik einen Sachverhalt, der die Philosophie seit dem achtzehnten Jahrhundert beschäftigt hat: Unsere Wahrnehmung der äußeren Welt basiert auf einfachen Empfindungen - Farben, Formen, Tönen. Aber wir leben nicht in einer Welt solcher Empfindungen, sondern in einer Welt von Gegenständen und Ereignissen. Wir achten nicht auf die Zeichen, sondern auf das, worauf sie hinweisen. Wie gelangen wir vom einen zum anderen?

Das ist heute eine zentrale Frage der neuro- physiologischen Wahrnehmungs- Forschung: Damit wir etwas sehen und erkennen, müssen sich, so weiß es diese Forschung, komplexe Prozesse im Gehirn abspielen; weit komplexer als das, was man vor einem Jahrhundert vermutete. Sie zerlegen gewissermaßen die Welt in ihre Aspekte. Diese werden aber schließlich wieder integriert: Aus Empfindungen werden Gegenstände und Ereignisse.

Prozesse in zahlreichen Arealen sind da am Werke, in denen die einzelnen Aspekte der aufgenommenen Information - Farbe, Form, Orientierung, Bewegung; aber auch Bedeutung und emotionaler Gehalt - analysiert und zu einem Gesamteindruck von dem Objekt und seinem Kontext zusammengefügt werden. Die beteiligten Areale reichen von der Area Striata im Okzipitallappen, die man einmal für das "Sehzentrum" hielt, über den Scheitel- und den Schläfenlappen bis ins Frontalhirn; auch subcorticale Strukturen bis hinunter zur Vierhügelplatte im Mittelhirn, ja zur Retina selbst leisten ihren Beitrag, indem sie die Information vorverarbeiten.

Im Gehirn arbeiten eine Vielzahl von Spezialisten zusammen; jeder dafür zuständig, einen bestimmten Teil der Information zu analysieren. Wo und wie das geschieht, darüber hat die interdisziplinäre Forschung in den vergangenen Jahrzehnten viel herausgefunden. Wie aus allen diesen Ergebnissen der Spezialisten schließlich das Bild einer einzigen, kohärenten Außenwelt zusammengefügt wird - darüber ist noch weit weniger bekannt. Die Synchronistation der Aktivität von Neuronenverbänden könnte eine entscheidende Rolle spielen.

Welche auch immer die Gehirnmechanismen sind - das distale Fokussieren ist ein Grundsachverhalt der Wahrnehmung. Wir sehen, daß das eine Objekt weiter von uns entfernt ist als ein anderes, können aber nicht angeben, woran wir das eigentlich erkennen. Wir sehen einen Menschen, sagen wir, "ungläubig" gucken - aber welche Anzeichen in seiner Mimik sagen uns das eigentlich?

Solche Anzeichen nennt die Wahrnehmungspsychologie Cues; ein Begriff, der eigentlich aus der Theatersprache kommt und dort "Stichwörter" bedeutet. Cues für die Entfernung eines Objekts sind zum Beispiel seine relative Größe, seine Verdecktheit, die Farbsättigung seiner Oberfläche, seine Einordnung in eine Perspektive usw. Keinen dieser Cues nehmen wir normalerweise bewußt als solchen wahr. Wir nutzen sie, um das Objekt in seiner richtigen Entfernung wahrzunehmen.

Ebenso können im Spukhaus das Knirschen und Rasseln, das Klappern und der kalte Luftzug als Cues für die Anwesenheit des Gespensts verarbeitet werden; ebenso verwendet unser Gehirn die Farben, Formen, Bewegungen auf dem Bildschirm, dazu die Schallwellen aus dem Lautsprecher, als Cues dafür, daß uns Claus Kleber die Welt erklärt.

Kurzum: Unsere Wahrnehmung (dh die sie konstituierenden Prozesse im Gehirn) arbeitet mit Indizien und zieht Schlüsse aus ihnen. Das hat schon im 18. Jahrhundert der französische Philosoph Nicolas de Malebranche beschrieben; er nannte diese Art des impliziten Schlußfolgerns ein jugement naturel, ein natürliches Urteil, dessen Geschwindigkeit so groß ist, daß wir es gar nicht bemerken. Herrmann v. Helmholtz prägte dafür später den Begriff des "unbewußten Schlusses".

Ein Schluß kann irrig sein. Unsere Wahrnehmung kann uns also täuschen. Ähnlich wie der Traum (siehe die zweite Folge) haben auch Wahrnehmungs- Täuschungen immer wieder die Philosophie unter der Frage beschäftigt: Wenn wir uns in diesen Fällen täuschen können (wenn wir zum Beispiel irrigerweise den Mond am Horizont größer sehen als im Zenith) - was gibt uns dann die Gewißheit, daß nicht alles Wahrnehmen Täuschung ist?

Gewißheit gibt uns unter anderem, daß alle es so sehen wie wir. Ein sigillum veri, ein Siegel des Wahren, ist der soziale Konsens. Ein subjektives Sigel des Wahren jedenfalls.



An der Existenz der Götter zu zweifeln, war vor dem Auftreten der ersten Skeptiker in der Antike genauso absurd, wie im Mittelalter an der Existenz Gottes oder heute an der Existenz, sagen wir, von Barack Obama zu zweifeln. Wer das täte, der wäre mindestens ein Sonderling, wenn nicht verrückt.

Er würde als ein Außenseiter, vielleicht als ein Irrer angesehen werden, weil er sich außerhalb des Denkens Aller stellen würde; weil er hinweggeirrt wäre, hinaus aus dem sicheren Gehäuse gemeinsamer Überzeugungen, hinein in eine Wildnis, eine Verwilderung des Denkens, in der alles geht. Also in der nichts mehr geht.

Die Mechanismen - welche immer es sein mögen -, die dem distalen Fokussieren zugrundeliegen, machen Sinn aus dem Mosaik der Sinneseindrücke, der Informationen, die uns ständig erreichen. Sie machen daraus einen Sinn, genauer gesagt. Daß es aber der richtige Sinn ist - das garantiert erst der gesellschaftliche Konsens; verspricht er jedenfalls zu garantieren.

Er allein sagt uns, ob ein Gedanke verrückt ist oder nicht. Dem Konsens zu widersprechen, ihm zu widerstehen, wäre unvernünftig. So unvernünftig, als würde ein TV-Zuschauer behaupten, Claus Kleber gebe es gar nicht; das sei nichts als eine im Computer generierte Figur.

Nun ist es mit dem sozialen Konsens aber so eine Sache. Es gibt ihn leider nicht im Singular. Es gibt nur Konsense; wenn denn dieser Plural grammatisch erlaubt ist. So viele, wie es Gesellschaften gibt. Nein, noch viel mehr. Denn innerhalb vieler Gesellschaften gibt es wiederum Subkulturen, religiöse und weltanschauliche Gemeinschaften. Alle mit ihrem je eigenen Konsens.

Und jeder solche Konsens konstituiert wahrgenommene Wirklichkeit. Nehmen wir das Beispiel des Spuks. Zu unserem Bekanntenkreis gehört eine aus Mazedonien stammende Familie, die in der alten Heimat noch ein Haus hat. In diesem Haus spukt es; davon ist die gesamte Familie - gut in Deutschland assimilierte Leute, keine Hinterwäldler - überzeugt. Woher rührt die Sicherheit ihrer Überzeugung? Alle im Dorf sagen es. Jeder weiß es. Es ist der Konsens der Dorfgemeinschaft, der die Realität schafft.

Nicht an den Spuk zu glauben wäre unvernünftig. Dagegen kommt nicht an, was hier in Deutschland studierte Freunde sagen. Diese haben ja keine Ahnung von der Wirklichkeit in einem mazedonischen Dorf; von der Realität, die sie konstituiert.



Dieses Vertrauen auf indirekte Sinneserfahrung und gesellschaftlichen Konsens liegt nun allerdings auch unserem Glauben an die Realität der wissenschaftlich beschriebenen Welt zugrunde.

Atome, Gene und schwarze Löcher entziehen sich unserer eigenen, unmittelbaren Erfahrung ebenso wie Hera, Apoll und Poseidon sich der eigenen, unmittelbaren Erfahrung eines Griechen in der Antike entzogen haben. Und auch diese wissenschaftlichen Entitäten sind das Ergebnis distalen Fokussierens; einzelne Beobachtungen und Meßergebnisse werden zu ihnen so zusammengefügt, wie wir Farben, Formen, Bewegungen zum Bild eines Objekts vereinen.

Ohne Vertrauen in sozialen Konsens können wir uns der Existenz von Atomen und Genen, ja der Richtigkeit des heliozentrischen Weltbilds so wenig sicher sein, wie die Griechen ohne sozialen Konsens der Existenz der Götter gewiß sein konnten.

Aus dieser Übereinstimmung speist sich der postmoderne Verdacht, beim einen wie beim anderen handle es sich um nichts als gesellschaftliche Konstruktionen: Was alle glauben, innerhalb einer Gemeinschaft, das ist für sie Realität. Das gilt, so wird behauptet, für das gegenwärtige wissenschaftliche wie für jedes andere Weltbild.

Nur in diesem Sinn gibt es überhaupt Realität, behaupten die Konstruktivisten. Oder wie es Ulrich Schnabel formuliert hat - ich habe ihn im ersten Teil zitiert -: "Vielleicht lautet die beste Antwort auf die Frage nach der Realität daher einfach so: Realität ist stets das, was wir dafür halten".



Ich halte das, wie schon im ersten Teil gesagt, für unzutreffend.

Daß der Konsens mit anderen Menschen für die Konstitution von Realität wichtig ist, kann man den Konstruktivisten allerdings schwerlich bestreiten.

Man sieht das an Paranoikern und anderen Wahnkranken. Ihre deformierte Realität basiert ja nicht weniger auf eigener Erfahrung als die unsere; eher auf mehr.

Ich habe einmal in einer Kneipe einen jungen Mann kennengelernt, der wie ich in die betreffende Stadt gefahren war, um dort ein Fußballspiel zu sehen. Er hat mir beschrieben, wie ihm zu jedem Auswärtsspiel seiner Mannschaft ein bestimmter Mensch nachreist, der ihn verfolgt und überwacht, ihm über Stimmen Befehle erteilt und so weiter.

Das war mit einer Fülle an Beobachtungen und scharfsinnigen Folgerungen untermauert, die jedem Wissenschaftler Ehre gemacht hätte. Daß es sich dennoch um ein Wahnsystem handelte, ließ sich keineswegs an einem Mangel an empirischem Material erkennen, oder an fehlender Logik der Schlüsse, die der junge Mann zog. Wäre er ein Dissident aus der DDR gewesen und hätte er nicht von den Stimmen berichtet (einem nahezu untrüglichen Hinweis auf eine schizophrene Erkrankung), dann hätte man ihm durchaus die Realität der Verfolgung abnehmen können, der er sich ausgesetzt wähnte.

Noch eklatanter tritt diese empirische Fundierung und logische Stringenz bei geschlossenen Glaubenssystemen von Gruppen zutage, die ja oft ebenfalls einen paranoiden Charakter tragen.

Als Jugendlicher hatte ich einmal Gelegenheit, das Weltbild der Ludendorff- Bewegung kennenzulernen, dem zufolge die ganze moderne Geschichte vom Kampf "überstaatlicher Mächte" - ich glaube, es waren der Vatikan, die Freimauerer und das "Weltjudentum" - beherrscht wird. Es ging alles ohne Rest auf. Daß auch kluge Menschen anfällig für solche umfassenden, mit paranoiden Zügen ausgestattete Welterklärungen sein können, wird durch die Faszination belegt, die der Kommunismus auf viele Intellektuelle ausgeübt hat.

In den USA steht gegenwärtig bei fundamentalistischen Christen ein Argument hoch im Kurs, das den Kreationismus - also die Auffassung, daß die Welt, wie die Bibel es lehrt, vor einigen Jahrtausenden erschaffen wurde - , logisch und empirisch unangreifbar macht. Es ist das sogenannte Bauchnabel- Argument: Eva hatte einen Bauchnabel (man sieht ihn in vielen religiösen Darstellungen), obwohl sie nicht geboren wurde. Das erklärt sich daraus, daß Gott sie so geschaffen hat, als wäre sie geboren worden. Ebenso hat er die Welt vor ungefähr sechstausend Jahren so geschaffen, als sei sie Milliarden Jahre alt, als hätte sich eine Evolution abgespielt, als hätten Mensch und Affe gemeinsame Vorfahren usw.

Das ist ebensowenig widerlegbar wie der Marxismus oder die Auffassung, alles Elend der Menschheit rühre von der Unterdrückung der Frau durch den Mann her.



Nun sind wir allerdings in einem Dilemma gelandet. Ich hatte das Beispiel des Paranoikers genannt, um zu demonstrieren, daß jemand, der sich nicht dem sozialen Konsens unterwirft, auf eine durchaus logisch stringente, durchaus empirisch unterfütterte Art zu einem abwegigen Weltbild kommen kann. Nun habe ich aber Beispiele dafür angeführt, daß just ein solcher sozialer Konsens ein ebenso abwegiges, ebenso mit paranoiden Zügen ausgestattetes Weltbild beinhalten kann.

Ob ein Weltbild vernünftig ist oder abwegig, ob einsichtig oder paranoid - das hängt offenbar nicht davon ab, ob es das Weltbild eines Einzelnen ist oder einer Gemeinschaft. Es scheint, daß wir uns der resignativen Behauptung Ulrich Schnabels "Realität ist stets das, was wir dafür halten" am Ende doch nicht verschließen können.

Resignativ? Vielleicht ist sie das ja gar nicht. Wenn es keine für alle verbindliche Realität gibt, wenn "alles geht", wenn jede Gruppe, jede Community und jede Kultur ihre eigene Wahrheit hat, und wenn alle das anerkennen, - ist das dann nicht eine wunderbare Welt der Toleranz? Das ist das Thema der nächsten Folge.




Hier die Gliederung der Serie. Bereits erschienene Folgen sind jeweils verlinkt.
1. Eine Frage der "Zeit". Ein paar Happen Philosophie
2. Ein Alptraum. Vom Träumen überhaupt
3. Fiktion und Realität. Fiktive Realitäten
4. Realität als Konsens. Cues und distales Fokussieren
5. Postmoderne Toleranz. Postmoderne Intoleranz
6. Erkenntnis und Interesse. Fromme Lügen
7. Erkenntnistheorie und Wahrnehmungspsychologie
8. Wissenschaftliche Erkenntnis


Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen der Serie sowie eine Zusammenfassung finden Sie hier. Titelvignette: Alice im Wunderland. Frei, weil das Copyright erloschen ist.

29. Dezember 2008

Zettels Gabentisch: Realität in acht Päckchen (3): Fiktion und Realität. Fiktive Realitäten

Bestseller- Listen werden heute meist getrennt für Fiction und Nonfiction publiziert. Im Deutschen nennt man das "Belletristik" und "Sachbücher".

Wie unterscheiden sich die beiden Gattungen? Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach, ja trivial zu sein: Kauft der Leser Fiction, dann bekommt er Erdachtes, Nichtreales. Kauft er Nonfiction, dann erwartet ihn ... tja, was? Erdachtes oft auch; Bewertungen, Theorien, Erinnerungen zum Beispiel. Die Sache ist also nicht ganz so einfach.

Nonfiction kann durchaus Fiktives zum Inhalt haben. Die hübschen logischen Rätsel, die sich Thomas von Randow jahrelang für die "Zeit" ausgedacht hat, hatten fiktive Inhalte - da wohnten vielleicht in Ypshausen soundsoviel Schwurbels usw. Trotzdem wäre eine Sammlung dieser Rätsel, hätte sie es denn auf die Bestseller- Liste geschafft, unter Nonfiction, wäre sie als Sachbuch rubriziert worden.

Was also ist der Unterschied? Nicht das Fiktive ist das definierende Merkmal der Fiction, sondern der Umstand, daß das Fiktive so dargestellt wird, als sei es real. Das Wesen der Fiction ist es, so zu tun, als schildere sie Realität.



Am Anfang zumindest einiger Gattungen der Literatur war dieses "so tun" keineswegs offensichtlich. Es wurde ja in gewisser Weise Realität dargestellt; wo die Grenze zum "so tun, als ob" begann, war unbestimmt.

Schilderte die Illias Geschehenes oder Erdachtes? Ein Zeitgenosse Homers hätte die Frage vermutlich gar nicht verstanden. Geschildert wurde Überliefertes. Daß es real war, wurde eben dadurch garantiert, daß es überliefert war - daß es schon die Vorfahren so gewußt hatten. Daran zu zweifeln wäre vermutlich einem Griechen vor dem Zeitalter der Aufklärung so wenig in den Sinn gekommen, wie er an der Existenz der Götter gezweifelt hätte.

Der Zweifel setzte erst mit der griechischen Aufklärung ein, also im 6. und 5. vorchristlichen Jahrhundert. Da dann freilich massiv: Herodot läßt nur noch das als real geschehen gelten, was einer kritischen, rationalen Prüfung standhält. Im zweiten Band seines Geschichtswerks zum Beispiel erklärt er die Erzählung, Herkules sei in Ägypten zur Opferung vorgesehen worden, er hätte sich aber befreien können, für lächerlich: Die Ägypter hätten noch nicht einmal das Opfern von Rindern gekannt, geschweige denn von Menschen.

Dergleichen gehörte fortan ins Reich der Sagen, der Märchen. Jedenfalls in der aufgeklärten Antike. Deren Aufgeklärtheit freilich ging mit dem Ende der antiken Kultur weitgehend verloren. Das Nibelungenlied war wieder ebenso Geschichtsschreibung und zugleich Dichtung, wie das die Ilias gewesen war.

Und was Märchen angeht: Wir sehen sie heute als erfundene Geschichten. Für Kunstmärchen wie die von Andersen oder Bechstein gilt das natürlich auch. Aber die ursprünglichen, die vor allem von den Brüdern Grimm gesammelten Märchen waren da viel unbestimmter. Manche sind ganz realistische Berichte über seltsame Begebenheiten, wie zum Beispiel das kurze Märchen "Das eigensinnige Kind
Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt und die Erde über es hingedeckt war, so kam auf einmal sein Ärmchen wieder hervor und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber taten, so half das nicht, und das Ärmchen kam immer wieder heraus. Da mußte die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde.
Eine ganz und gar realistische Geschichte; denn bei Toten kontrahieren sich die Muskeln, so daß es vorkommen kann, daß ein Arm ausgestreckt wird und dann, wenn eine Leiche nur oberflächlich mit Erde bedeckt wurde, aus dem Grab ragt.



Schauerlich ist ein solches Märchen; darauf kommt es an, ob es nun Reales oder Erfundenes zum Inhalt hat.

Freilich erhöht Realität den Schauer; überhaupt den Effekt einer Erzählung. Das mag einer der Gründe dafür gewesen sein, daß auch nach der Entstehung der Gattung "Roman" viele Autoren die Grenze zwischen Fiction und Nonficition noch bewußt offen gelassen haben.

Der Robinson Crusoe zum Beispiel ist abgefaßt wie die Erinnerungen eines realen Menschen. Einen "Erzähler" gibt es nicht; es ist eine wirkliche Person, die ihr Abenteuer erzählt. Defoe verstärkt diesen Eindruck durch Details, die in einem Roman nichts zu suchen hätten, zum Beispiel genaue Listen der Gegenstände, die Robinson aus dem gestrandeten Schiff retten kann, oder die "Dokumentation" von Eintragungen in Robinsons Tagebuch mit genauem Datum.

Noch im 19. Jahrhundert hat man mit der Unbestimmtheit der Grenze zwischen Realität und Fiktion gespielt. In der Romantik war es beliebt, einem Roman dadurch den Anstrich des Nichtfiktiven zu geben, daß der Verfasser als Herausgeber auftrat, der auf irgendeinem verschlungenen Weg an die Aufzeichnungen eines anderen geraten war. Die von Heinrich von Kleist herausgegebenen "Berliner Abendblätter" waren eine Zeitung, die überwiegend Meldungen brachte - über Brandstiftungen in und bei Berlin zum Beispiel. Eingestreut aber waren eigene Texte Kleists wie "Das Bettelweib von Locarno", die keineswegs als Fiktion gekennzeichnet waren.

Sind wir darüber hinaus? In der Belletristik vielleicht, obwohl es auch dort noch Autoren gibt, die es manchmal im Unklaren lassen, was in Werken real und was fiktiv ist. W. G. Sebald war ein solcher Wanderer zwischen Realität und Fiktion. Interessanter sind zu diesem Thema aber heutzutage andere Medien, vor allem das Fernsehen und das Internet.



Seit wir einen großen Teil unserer Kenntnis der Realität aus dem Fernsehen beziehen, ist es ein notorischer, immer wieder beschriebener Sachverhalt, daß dort Realität und Fiktion nicht mehr klar geschieden sind.

Die scheinbar dokumentarische Aufnahme in der Tagesschau kann gestellt sein. Diesen Szenen zum Verwechseln ähnliche Aufnahmen können Teil eines Spielfilms sein.

Das in eine Sendung eingeblendete "Live" kann bedeuten, daß das gezeigte Geschehen sich jetzt im Augenblick abspielt. Aber die Einblendung kann auch noch in einer Aufzeichnung erhalten geblieben sein, die Jahre später gesendet wird. Sie kann auch in einem Spielfilm erscheinen, in dem eine Szene gezeigt wird, die im fiktiven Fernsehen live übertragen wird.

Ein- und dieselbe Szene kann eine Zufallsaufnahme sein, gedreht wie ein Schnappschuß. Sie kann aber auch vorbereitet gewesen sein, vielleicht nach einem genauen Drehbuch. Sie kann irgend etwas dazwischen sein - eine mit den Akteuren zuvor abgesprochene reale Szene, oder eine am realen Ort nachgestellte Szene, oder eine im Studio oder auf irgendeinem Set nachgespielte. Dabei sind die Übergänge fließend. Was in Sendungen wie "Das Dschungelcamp" ist gestellt, was echt? Was abgesprochen, was spontan? Was Rollenspiel der Beteiligten, was Einfall des Regisseurs, des Produzenten?

Es gibt eine ganze neue Kunstgattung, die sich diese Ambivalenz von Bildern zunutze macht, ja die darauf basiert: Das sogenannte Doku- Drama. Es behandelt ein historisches Thema - sagen wir, die Verschwörung des 20. Juni 1944, den "deutschen Herbst" 1977 oder dem Fall der Mauer - und verwendet dabei sowohl Bildmaterial aus Wochenschauen, der Tagesschau usw. als auch neu gedrehte Szenen.

Zunehmend wird das so geschnitten, daß der Zuschauer bewußt im Unklaren gelassen wird, ob er jetzt gerade ein Bilddokument oder Nachgestelltes sieht. Manchmal hat man den Eindruck, daß der Regisseur, der Kameramann, der Cutter sich geradezu ein Vergnügen daraus machen, die nachgestellten Szenen so aussehen zu lassen, daß man sie von dem echten Material nicht mehr unterscheiden kann. Seit man alle Möglichkeiten der Bearbeitung im Computer hat, ist das nicht mehr allzu schwer.



Wie bei den TV-Gattungen, so gehen bei den Akteuren, die im Fernsehen auftreten, nicht selten Realität und Fiktion ineinander über.

Man liest, daß die Darsteller von Fernsehdoktoren auf der Straße angesprochen und um Hilfe bei einem Gesundheitsproblem gebeten werden. Schauspieler, die Fernsehkommissare darstellen, werden in Talkshows zu Fragen der Verbrechensbekämpfung interviewt. Vollends verschwinden die Grenzen zwischen der realen und der gespielten Person bei Kleinkünstlern. Was an Harald Schmidt oder Hella von Sinnen die eigene Person und was das Bühnen-Ich ist, weiß der Zuschauer nicht, und es interessiert ihn wahrscheinlich auch nicht.

Nur wenige dieser Humoristen, die man heute Entertainer oder Comedians nennt, halten den Künstler und sein Produkt - die Figur - so klar auseinander wie Olli Dittrich, der Dittsche nicht ist, sondern ihn spielt. Wen aber spielt Oliver Pocher? Oder sollte man fragen: Wer spielt Oliver Pocher?

Während so die dargestellte Realität dazu tendiert, von Fiktion überlagert zu werden, schlägt die Fiktion, die dem Medium als solchem eigen ist, leicht in Realität um. Die Situation des Konsumenten eines Mediums, in der man sich tatsächlich befindet, wird zu kommunikativen Situation umgedeutet.

Vor einiger Zeit - es ist schon etwas her, Heinz Köpcke war damals noch der sogenannte Chefsprecher der Tagesschau - las ich einen Bericht über eine Frau, die sich immer zur Tagesschau ihr bestes Kleid anzog, damit sie sich vor Köpcke nicht schämen mußte. Sie verehrte ihn.

In der nächtlichen Telefontalk- Sendung "Domian", übertragen im Hörfunkprogramm "WDR Live" und im Fernsehen des WDR, habe ich anrufende Zuschauer sagen hören, daß sie mit dem Gesprächspartner Domian gern etwas besprechen möchten, von dem aber niemand sonst wissen dürfe. Diesen Anrufern scheint gar nicht bewußt gewesen zu sein, daß sie sich nicht in einem privaten Gespräch befanden, sondern Teilnehmer einer Show vor Massenpublikum waren.



Das Fernsehen hat offenkundig die Grenze zwischen Fiktion und Realität ins Unbestimmte verlegt, was die Darstellung von Wirklichkeit angeht. Das Internet tut das auch; aber hier kommt ein paralleler Prozeß bei der Kommunikation zwischen Menschen hinzu.

Anfangs beschränkte sich das darauf, daß man sich in Chats, in Foren hinter einem Pseudonym, einem Nick verbergern konnte. Wer unter einem solchen Pseudonym schreibt, der kann ehrlich als er selbst schreiben. Aber er muß nicht. Er kann auch aufschneiden, kann sich zu jemandem machen, der er gar nicht ist. Ein in bescheidenen Verhältnissen lebender ewiger Student kann, sagen wir, als ein in Saus und Braus lebender Millionär auftreten, als Sportwagenfahrer und fröhlicher Junggeselle. Es wird Chatter und Foranten geben, die ihm das abnehmen; oder die es gar nicht interessiert, was real ist und was nicht, wenn es nur amüsant ist.

Seit mit den Breitband- Anschlüssen die visuelle Kommunikation im Web zur sprachlichen hinzugetreten ist, sind zwar einerseits die Möglichkeiten, sich als ein ganz anderer darzustellen, ein wenig eingeschränkt worden (die WebCam kann da ernüchternd wirken). Andererseits aber "existieren" nun die virtuellen Welten, in denen man Bürger werden, ein Haus bewohnen und einen Beruf ausüben und Geld verdienen kann - kurz, in denen es einem so geht wie im Real Life; nur alles schöner und in jeder Hinsicht attraktiver.

Zumindest finanziell durchdringen solche virtuellen Welten manchmal schon die reale. In der einen verdientes Geld kann in der anderen ausgegeben werden.

Wenn ein Medium uns ständig Fiktion als Realität vorgaukelt, dann leidet der Glaube an die Realität. Dann wachsen Skepsis und Zweifel. Man beginnt das als fiktiv, als Hoax, als Ergebnis einer Verschwörung zu sehen, was als real gilt. Verschwörungs- Theorien (vor zwei Jahren haben ich versucht, sie in einer Serie zu analysieren) sind eine Folge dieser Unsicherheit darüber, was überhaupt real ist, was fiktiv. Je mehr die Fiktion Züge der Realität annimmt, umso fiktiver erscheint die Realität.



"Kunst & Fantasie ist die wahre Welt, the rest is a nightmare. Nur die Phantasielosn flüchtn in die Realität (und zerschellen dann, wie billich, daran)" hat Arno Schmidt geschrieben.

Fiktion liefert uns in der Tat vieles von dem, was wir uns von der wahren Welt wünschen. Im Grunde fast alles. Auch und gerade soziale Beziehungen.

Nicht nur der Leser, auch der Autor kann seine Figuren lieben lernen, kann in ihnen eher selbständige Individuen sehen als nur Ausgeburten seines Gehirns. Romangestalten können ihr Eigenleben gewinnen, wie Gesine Cressphal für Uwe Johnson. In Arno Schmidts letztem, Fragment gebliebenen Roman "Julia, oder die Gemälde" war für eines der Schlußkapitel vorgesehen: "Begegnung mit den Gestalten meiner Bücher". Von Thomas Mann wird berichtet (oder er hat es selbst berichtet; ich bin da nicht sicher), daß er den kleinen Echo im "Doktor Faustus" so liebgewonnen hatte, daß er bei dessen Tod weinen mußte.

Unsere Emotionen unterscheiden kaum zwischen Fiktion und Realität. Auch unsere Kognition tut es nicht unentwegt; wir können uns in fiktive Realitäten verlieren.

Aber nicht auf Dauer. Denn das Handeln ist unerbittlich. Die mit ihm verbundene Rückkopplung zwingt uns in die Realität. "The eating is the proof of the pudding". Vorstellungen und Träume machen uns nicht satt.

Nicht unser Geist, aber unser Körper definiert erbarmungslos, was real und was nur Fiktion ist.

Als realistisch erweist sich am Ende allein dasjenige Bild von der Wirklichkeit, das, wenn wir es zur Leitung unseres Handelns nutzen, zu der erwarteten Rückmeldung führt. Ein Hologramm mag wie ein realer Gegenstand aussehen; aber wenn man diesen anzufassen versucht, entlarvt er sich als Gaukelspiel.

Dieses Thema - Realität konstitutiert sich durch Feedback, durch Rückmeldung - wird uns durch die folgenden Abschnitte der Serie begleiten. In der nächsten Folge in einem negativen Sinn: Weil das so ist, irrt der kulturelle Relativismus, der Realität aus einem sozialen Konsens ableiten möchte.



Hier die Gliederung der Serie. Bereits erschienene Folgen sind jeweils verlinkt.
1. Eine Frage der "Zeit". Ein paar Happen Philosophie
2. Ein Alptraum. Vom Träumen überhaupt
3. Fiktion und Realität. Fiktive Realitäten
4. Realität als Konsens
5. Postmoderne Toleranz. Postmoderne Intoleranz
6. Erkenntnis und Interesse. Fromme Lügen
7. Erkenntnistheorie und Wahrnehmungspsychologie
8. Wissenschaftliche Erkenntnis


Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen der Serie sowie eine Zusammenfassung finden Sie hier. Titelvignette: Alice im Wunderland. Frei, weil das Copyright erloschen ist.

26. Dezember 2008

Zettels Gabentisch: Realität in acht Päckchen (2): Ein Alptraum. Vom Träumen überhaupt

Ähnlich den déformations professionelles, den durch den Beruf bedingten Verformungen des Charakters, muß es wohl so etwas wie cauchemars professionelles geben, berufsbedingte Alpträume. Ich kenne zwei.

Im einen halte ich, schlecht vorbereitet, eine Vorlesung, und während ich spreche, beginnt sich der Hörsaal zu leeren - "Die Zuschauer wandern ab", würde ein Fußballreporter sagen -, bis ich schließlich vor leeren Bänken stehe. Manchmal fliehe ich auch, bevor es soweit gekommen ist.

Eine Variante des zweiten Alptraums ist mir kürzlich widerfahren. Folgendes war der Inhalt des Traums; der "manifeste Trauminhalt", wie Freud das nannte:

Es ist Sonntag früh, und mir wird plötzlich klar, daß ich noch am selben Vormittag einen Vortrag halten muß. Keinen beliebigen, sondern einen Festvortrag, und zwar im Rahmen einer Veranstaltung zu Ehren von Arno Schmidt.

Ich habe aber noch keinen Text, ja weiß noch nicht einmal, worüber ich reden werde. Man hat mir das Thema nämlich freigestellt.

Am Abend zuvor war ich noch in der Universitätsbibliothek gewesen in der Hoffnung, bei der Lektüre dort eine Anregung zu bekommen, aber vergeblich. Ich hatte mich damit getröstet, daß unter dem Termindruck am nächsten Morgen mir schon etwas einfallen werde. Notfalls genügt es ja schon, wenn ich ein paar Stichworte zu Papier bringe. Meine besten Vorträge habe ich schließlich immer frei gehalten.

Diesmal wird es aber allmählich eng. Ich finde ja noch nicht einmal ein Thema. Nun werde ich mir, Hoffnung schöpfend, unsicher, ob der Termin überhaupt heute ist. Ich suche und finde das Programm, und da stehe ich leider unter dem heutigen Datum eingetragen.

Da ich immer noch keine Idee habe, versuche ich es mit einem kleinen Spaziergang; das hilft oft. Diesmal aber nicht. Es sind jetzt noch zwei Stunden. Beim Heimkommen empfängt mich meine Frau mit einem privaten Problem, das sie dringend besprechen möchte.

Die Situation wird allmählich hoffnungslos. Es zeichnet sich ab, daß ich mich krank melden muß. Welch eine Peinlichkeit! Da kommt mir die rettende Idee: Dies könnte ja ein Traum sein. Erleichtert wache ich auf.

Oder vielmehr, ich gleite hinüber in jenen Zustand, den die Schlafforscher als den hypnopompen bezeichnen, den aus dem Schlaf herausführenden. Halb schon in der Wachrealität, halb noch in der des Traums, beschließe ich, daß mir eine solche Peinlichkeit niemals widerfahren soll.

Ich werde jetzt sofort einen Vortragstext verfassen, den ich künftig für solche Notfälle immer im Rechner haben werde, einen Vortrags- Notgroschen gewissermaßen. Ein Vortrag - das fällt mir jetzt sofort als Thema ein - über Schein und Realität. Stracks, es ist sieben Uhr früh, setze ich mich an den Rechner und beginne diesen Vortrag zu schreiben; nicht wissend, wann ich ihn einmal benötigen werde.

Als Vortrag habe ich ihn bisher nicht benötigt. Der Notgroschen brauchte nicht angetastet zu werden. Freilich brachte er auch keine Zinsen. Jetzt habe ich beschlossen, ihn aufzulösen und anderweitig zu verwenden. Für eine Serie in "Zettels Raum", in der Zeit "zwischen den Jahren" 2008 / 2009.



Was, lieber Leser, ist an dem Geschilderten Realität, was Fiktion?

Daß ich diese Serie in diesen Tagen publiziere, ist Realität. Sie können sich davon überzeugen, indem Sie sie lesen. Das, was in dem geschilderten Traum geschah, war nicht real; es geschah in der irrealen Welt des Träumens. Soviel ist sicher. Dann aber wird es schwierig.

War dieser geschilderte Traum selbst real? Real in dem Sinn, daß ich ihn so geträumt habe?

Das können Sie nicht wissen. Ich könnte ihn erfunden haben, als Einleitung zu dieser zweiten Folge der Serie. So, wie die Szene, in der ich mich an den Rechner setze und das Manuskript zu schreiben beginne. Es könnte aber auch sein, daß das alles wirklich so war. Daß ich getreulich beschrieben habe, was sich damals abspielte, vor einigen Jahren.

Aber selbst dann, wenn ich es getreulich beschrieben habe - habe ich damit auch die Realität beschrieben?

Ich wachte auf und erinnerte mich an einen Traum. Kann ich sicher sein, diesen Traum, schlafend - in einer REM-Phase meines Schlafs - tatsächlich erlebt zu haben? Gibt es überhaupt ein Traumbewußtsein?

Was, wenn vor dem Aufwachen nur Prozesse in meinem Gehirn stattfanden, wie sie von der neurologischen Traumforschung (noch immer mit wenig gesicherten Ergebnissen) untersucht werden? Prozesse in meinem Gehirn, die Spuren hinterließen - chemische, synaptische Veränderungen? Und als ich aufwachte, hat mein Bewußtsein diese Spuren als Erinnerungen an einen Traum interpretiert?

Bewußt ist uns das Erinnern. Ist es aber auch das Erinnern an Bewußtes? Sicher ist nur das Erinnern an im Traum Erlebtes; nicht sicher ist, daß dieses Erleben stattfand. Unsere Erinnerung könnte uns täuschen.

Was sich beim Träumen im Gehirn abspielt, das können wir heutzutage untersuchen, mehr oder weniger vollständig. Daß Träumen - in der Regel jedenfalls - mit schnellen Augenbewegungen, den bekannten REMs, einhergeht, weiß man seit einem halben Jahrhundert. Aber ob diese Prozesse mit Bewußtsein verbunden sind, weiß niemand.



Wie dem auch sei: Wenn wir uns an einen Traum erinnern, dann treffen sich auf eine interessante Weise Realität und Irrealität. Wir vermeinen uns zu erinnern, daß der Traum sich in der Realität unseres Bewußtseins tatsächlich abgespielt hat. Wir glauben uns aber auch zu erinnern, daß er für uns, während wir träumten, nicht diesen Charakter eines Traums gehabt hatte. Daß er uns als Realität vorkam, obwohl er doch nur ein Traum war.

Ob Träumen als ein Vorgang im Gehirn wirklich mit Erleben ("mentation") einhergeht, wissen wir, wie dargelegt, nicht mit Sicherheit. Und auch das andere ist so ganz sicher nicht - daß uns beim Träumen (wenn es denn als bewußter Vorgang existiert) das Geschehen als real erscheint.

Wir können nämlich beim Träumen sehr wohl die Realität dieses Geschehens in Frage stellen. Ich erlebe das häufig: Auf die im Traum auftauchende Frage "Schlaf' ich oder wach' ich?" hin finden dann nicht selten die üblichen Realitätsprüfungen statt; das bekannte Kneifen zum Beispiel.

In der Regel bestätigt mir im Traum der Kneiftest, daß ich wache. Ich kneife mich im Traum. Es tut weh, im Traum. Also weiß ich, daß ich gar nicht träume. Im Traum.

Auch kommt es vor, daß ich im Traum aus einem Traum erwacht bin, den ich nun, in der Traumrealität, im Nachhinein als Traum- Irrealität erkenne. Der Inhalt des Traums ist an dieser Stelle also: Das vorhin, das habe ich nur geträumt. Aber das jetzt, das ist Realität.

Gerade dadurch, daß man sich im Traum die Frage stellen kann, ob man nicht vielleicht nur träumt, erweist sich der Traum als erlebte Realität. Das Chimärenhaft- Unwirkliche gewinnt er erst im Rückblick, gewissermaßen betrachtet vom Podest des Wachbewußtseins aus.



Schriftsteller haben daraus oft Kapital geschlagen.

In Ambros Bierce' Erzählung "Die Brücke über den Eulenfluß" soll jemand am Pfeiler einer Brücke gehenkt werden, vermag aber im letzten Augenblick zu fliehen und erlebt allerlei Abenteuer.

In Ernst Augustins "Der amerikanische Traum" wird ein Junge in Deutschland in den letzten Kriegstagen von einem amerikanischen Tiefflieger beschossen und schwer verletzt, wandert dann später in die USA aus und gerät in wilde kriminelle und andere Verwicklungen.

Arno Schmidts "Gadir, oder erkenne dich selbst" spielt in der Antike. Der Held ist seit Jahrzehnten in der Festung Gadir, dem heutigen Cadiz, eingesperrt und darüber zum Greis geworden. In einer letzten Anstrengung versucht er zu fliehen. Die Flucht gelingt, und ihre Beschreibung macht den Hauptteil des Geschehens aus.

Die Erzählung endet mit einem Brief, in dem der Kommandeur der Festung seinen Vorgesetzten davon in Kenntnis setzt, daß der Gefangene tot in seiner Zelle aufgefunden wurde, Ausbruchswerkzeug in der Hand.

Auf dieselbe Pointe steuern die beiden anderen Erzählungen zu. An der Brücke über den Eulenfluß war die Exekution vollzogen worden. Der Beschuß durch den Tiefflieger war tödlich gewesen.

Für Schriftsteller ist dieses Spiel mit der Realität natürlich etwas Naheliegendes. Auch die Realität, in der Romane und Erzählungen angesiedelt sind, ist ja schließlich eine fiktive.

Philosophen andererseits haben im Traum mehr ein Ärgernis gesehen, eine Herausforderung. Wenn wir im Traum dasjenige für real halten, das es gar nicht ist - wie können wir sicher sein, daß uns das nicht auch im Wachzustand widerfährt?

Da kann einen schon eine Benommenheit erfassen, wie es René Descartes im Jahr 1641 beschrieben hat, in der ersten der Meditationen, dort im fünften Abschnitt:
Quasi scilicet non recorder a similibus etiam cogitationibus me aliàs in somnis fuisse delusum; quae dum cogito attentius, tam plane video nunquam certis indiciis vigiliam a somno posse distingui, ut obstupescam, & fere hic ipse stupor mihi opinionem somni confirmet.

Wenn ich es genau bedenke, dann erinnere ich mich, daß ich, wenn ich schlief, ähnlichen Täuschungen erlegen bin. Und wenn ich dies mit Aufmerksamkeit bedenke, dann sehe ich deutlich, daß es keinerlei sichere Merkmale gibt, die den Schlaf vom Wachen unterscheiden. Das macht mich benommen; und diese Benommenheit will mir fast den Eindruck bestätigen, daß ich jetzt schlafe.
Dieser stupor - man könnte fast sagen: dieser cartesianische Schauder, den der Gedanke hervorbringt, daß wir vielleicht gar nicht in einer realen Welt leben - ist seit diesem Jahr 1641 nicht mehr aus der Philosophie verschwunden.

Ich werde darauf im Lauf der Serie zurückkommen; in der nächsten Folge geht es aber erst einmal um Leichteres, im doppelten Wortsinn: Anknüpfend an Bierce, Schmidt, Augustin befasse ich mich mit Fiktion und Realität in der Kunst, der Kultur.



Hier die Gliederung der Serie. Bereits erschienene Folgen sind jeweils verlinkt.
1. Eine Frage der "Zeit". Ein paar Happen Philosophie
2. Ein Alptraum. Vom Träumen überhaupt
3. Fiktion und Realität. Fiktive Realitäten
4. Realität als Konsens
5. Postmoderne Toleranz. Postmoderne Intoleranz
6. Erkenntnis und Interesse. Fromme Lügen
7. Erkenntnistheorie und Wahrnehmungspsychologie
8. Wissenschaftliche Erkenntnis


Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen der Serie sowie eine Zusammenfassung finden Sie hier. Titelvignette: Alice im Wunderland. Frei, weil das Copyright erloschen ist.

25. Dezember 2008

Zettels Gabentisch: Realität in acht Päckchen (1): Eine Frage der "Zeit". Ein paar Happen Philosophie

Mit "12 großen Fragen" befaßt sich eine Serie von Artikeln im aktuellen "Zeit Wissen". Die erste Folge hat Ulrich Schnabel geschrieben. Titel: "Was ist Realität?".

Eine große Frage, fürwahr. Eine arg große Frage. Eine der Fragen, die am Beginn der Philosophie standen. Eine Frage, passend in die vor uns liegende Zeit "zwischen den Jahren", in der das Jahr 2008 seine Realität für uns verliert und das Jahr 2009 darauf wartet, sie zu gewinnen.



Für die ersten Philosophen des Abendlands - die griechischen Philosophen vor Sokrates, mangels einer besseren Bezeichnung oft "die Vorsokratiker" genannt -, gliederte sich diese Grundfrage bereits in eine Reihe von Teilfragen:

Erstens: Woraus besteht eigentlich die Welt, welches ist ihr Urstoff? Wasser, meinte Thales von Milet. Nein, eine grenzen- und zeitlose Ursubstanz (das Apeiron), war die Antwort seines Schülers Anaximander. Aus dem Apeiron gehen alle Substanzen hervor; in das Apeiron kehrt alles zurück.

Oder ist das im eigentlichen Sinn Reale gar nicht eine Ursubstanz, sondern viel Abstrakteres? Zahlen, Harmonien? Ist die Welt ihrem Wesen nach Mathematik, abstrakte Ordnung? Form, nicht Materie? Das lehrte Pythagoras; das glaubten seine Jünger, die Pythagoräer.

Zweitens: Was ist das Reale - Beständigkeit oder Veränderung? Thales hatte nur gefragt, was die Realität letzten Endes ist. Anaximander machte sich Gedanken darüber, wie sie wird. Damit war bereits dieses zweite große Thema angeschlagen:

Ist die Welt ihrem Wesen nach unveränderlich und die Änderung nur ein Schein? So lehrte es Parmenides von Elea. So propagierte es mit schlagenden - mit erschlagenden - Beweisen sein Schüler Zeno, dem wir das Paradox von Achilles und der Schildkröte verdanken. Und die Behauptung, es könne gar keine Bewegung geben. Denn zu einem Zeitpunkt kann ein Gegenstand ja nur an einem Ort sein, also ruhend. Auch wenn es uns vorkommt, als würde ein Pfeil fliegen.

Oder ist im Gegenteil das Wesen der Wirklichkeit ihre ständige Änderung? Ist es gerade die Beständigkeit, die nur Schein ist? Das war die Meinung Heraklits: Alles ist in Veränderung; man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen. Der Gegensatz, der Widerstreit ist es, der diese Veränderung antreibt, in der die Gegensätze doch wieder zusammenfließen. Bis zu Hegel, bis zu Marx hat dieser Gedanke nachgewirkt.

So gegensätzlich Parmenides und Heraklit dachten - gemeinsam ging es beiden um die dritte Frage: Was ist Schein? Was hingegen ist das hinter dem Schein liegende, die eigentliche Realität?

Parmenides meinte, hinter der scheinbaren Veränderung liege unveränderliche Wirklichkeit. Heraklit sah die Beständigkeit als Schein und dahinter die ständige Veränderung. Beide unterschieden zwischen Schein und Wirklichkeit. Zwischen dem, was wir nur meinen und dem, was in Wahrheit ist.



Wie aber können wir von der Realität hinter dem Schein wissen? Durch Denken, meinte Platon, nicht durch den Augenschein. Plato dachte da wie Parmenides, den er verehrte. Der Augen"schein" ist eben dies, ein Schein. Unsere sinnliche Erfahrung ist dem Irrtum unterworfen. Erst im Denken, zumal in der Mathematik, stoßen wir zum Wesen der Dinge vor, zu den Ideen.

Es ging damit Platon nicht nur um das Wesen der Welt, sondern nun auch um das Wesen des Erkennens; um Erkenntnistheorie. Ein Unternehmen, das ein wenig dem Bemühen Münchhausens gleicht, sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen: Der Versuch, unseren Erkenntnisapparat einzusetzen, um etwas über unseren Erkenntnisapparat zu erfahren.

René Descartes hat das - ich mache einen großen Sprung, wir sind jetzt im 17. Jahrhundert - im Prinzip so anzugehen versucht wie Plato: Nicht die Sinne, die nur Verworrenes liefern, führen uns zur Wirklichkeit, sondern allein das Denken. Wenn es denn Ideen faßt, und zwar clare et distincte, deutlich und abgehoben.

Aber kommen wir damit wirklich aus dem Sumpf der Unkenntnis heraus; der letztlichen Unkenntnis der eigentlichen Realität? Die radikalste Antwort hat Immanuel Kant gegeben: Wir können von dieser "eigentlichen" Realität, vom "Ding an sich" nichts wissen. Damit müssen wir uns bescheiden. Erfaßbar ist für uns nur die empirische Realität, die Welt der Erscheinungen. Sie freilich ist auf ihre Art auch "real" und es allemal wert, erforscht zu werden.



Das sind alles keine Fragen, keine Antworten aus der finsteren Zeit vor dem Aufblühen der Wissenschaft. Sie sind aktuell, wenn wir sie heute auch anders formulieren. Es sind freilich Fragen, die Wissenschaftler gern ausklammern; für die sie sich nicht zuständig erklären.

Und wenn sich ein Wissenschafts- Journalist wie Ulrich Schnabel in dem zitierten Artikel Gedanken machen, dann kommt manchmal nicht so sehr viel Überraschendes heraus. "Statt die Wirklichkeit objektiv wahrzunehmen, sind wir ständig dabei, sie zu interpretieren. Was wir naiverweise für real halten, hängt deshalb stark von unserer persönlichen Deutung ab", schreibt Schnabel.

Ja, das ist freilich so. Dem einen sin Uhl is dem andern sin Nachtigall. Aber ist Wissenschaft nicht dazu da, solch Subjektives zu eliminieren? Durch sorgsames Messen, durch Rechnen zu dem vorzustoßen, was eben nicht persönliche Deutung ist? Schnabel scheint da skeptisch zu sein:
Wie man es auch dreht und wendet: Bei der Frage nach der Realität landen wir am Ende bei uns selbst, bei den Begrenzungen und kulturellen Prägungen der menschlichen Wahrnehmung. Vielleicht lautet die beste Antwort auf die Frage nach der Realität daher einfach so: Realität ist stets das, was wir dafür halten.
Ich teile diese Meinung überhaupt nicht. Und möchte Sie, lieber Leser, in dieser kleinen Serie zwischen den Jahren gern von meiner anderen Auffassung überzeugen. Nein, sagen wir: Sie Ihnen nahezubringen versuchen.

Die Auffassung nämlich, daß Realität nicht das ist, was uns gerade einfällt; was dafür zu halten wir belieben. Das ist postmoderne Unverbindlichkeit, ist die Doktrin kultureller Relativität. Realität ist - so werde ich, nah bei Kant, argumentieren - etwas, das uns entgegentritt, das uns einlädt und auffordert, es zu erforschen. Freilich mit dem Instrumentarium, das allein uns zur Verfügung steht: unserem natürlich in der Evolution entstandenen Erkenntnisapparat. Trivialerweise.

Es wird keine philosophische Abhandlung werden, nur ein kleiner Essay. Hier die Gliederung, die am Ende jeder Folge stehen wird. Bereits erschienene Folgen sind jeweils verlinkt.
1. Eine Frage der "Zeit". Ein paar Happen Philosophie
2. Ein Alptraum. Vom Träumen überhaupt
3. Fiktion und Realität. Fiktive Realitäten
4. Realität als Konsens
5. Postmoderne Toleranz. Postmoderne Intoleranz
6. Erkenntnis und Interesse. Fromme Lügen
7. Erkenntnistheorie und Wahrnehmungspsychologie
8. Wissenschaftliche Erkenntnis


Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen der Serie sowie eine Zusammenfassung finden Sie hier. Titelvignette: Alice im Wunderland. Frei, weil das Copyright erloschen ist.

24. Dezember 2008

Zettels Gabentisch: Realität in acht Päckchen. Ankündigung. Und Wünsche zum Fest

Allen Lesern wünsche ich einen schönen Heiligen Abend!

Vielleicht mit Erinnerungen daran, wie wir als Kinder uns dabei erfreut haben, Schein und Wirklichkeit ineinander fließen zu lassen. An das Christkind "irgendwie" zu glauben, auch wenn wir, etwas älter geworden, wußten, daß es "eigentlich" gar nicht die Gaben auf den Tisch gelegt hatte.

Mich haben als Kind immer diese Zeilen aus dem Weihnachtslied "Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen", das bei uns gesungen wurde, besonders fasziniert:
Zwei Engel sind hereingetreten,
Kein Auge hat sie kommen sehn,
Sie gehn zum Weihnachtsbaum und beten
Und wenden wieder sich und gehn.
Irgendwie waren sie real, diese beiden Engel, die stumm wieder gehen mußten; obwohl auch wieder nicht real. Nicht wirklich real sozusagen.

Aber einen Hauch von ihnen spürte man schon. Und erst wenn sie den Raum verlassen hatten, durften wir Kinder den Gabentisch näher in Augenschein nehmen.

Im Religiösen wird die Grenze zwischen Schein und Wirklichkeit porös, wie sie es für Kinder ohnehin ist. Anlaß, daß ich Ihnen, liebe Leser, zum Fest eine kleine Serie über Schein und Wirklichkeit auf den Gabentisch lege. Beginn morgen, am Ersten Feiertag.

Begleitet wird die Serie, wie immer, von einer Titelvignette. Sie zeigt Alice im Wunderland, gezeichnet von Lewis Carrolls Zeitgenossen Sir John Tenniel. "Alice in Wonderland" ist für mich die schönste literarische Illustration des Themas Schein und Wirklichkeit.



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