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13. April 2009

Zettels OsterfragerEi (5): Ist der Atheismus an den Verbrechern der Kommunisten und der Nazis schuld? Braucht Moral die Religion?

Der Bischof von Augsburg und Militärbischof der Bundeswehr, Dr. Walter Mixa, hat eine wahre Philippika gegen den Atheismus verfaßt und sie in seine diesjährige Osterpredigt eingebaut. Hier ist ein Auszug aus dem Bericht darüber auf seiner WebSite:
"Wo Gott geleugnet oder bekämpft wird, da wird bald auch der Mensch und seine Würde geleugnet und missachtet. Eine Gesellschaft ohne Gott ist die Hölle auf Erden", sagte Mixa bei seiner Predigt am Sonntag in der Augsburger Marienkathedrale. (...) "Die Unmenschlichkeit des praktizierten Atheismus haben im vergangenen Jahrhundert die gottlosen Regime des Nationalsozialismus und des Kommunismus mit ihren Straflagern, ihrer Geheimpolizei und ihren Massenmorden in grausamer Weise bewiesen", sagte der Augsburger Bischof.
Starker Tobak. So stark, daß es mir als Agnostiker schwerfällt, so etwas ernst zu nehmen.

Denn man muß ja nicht unbedingt, wie Karlheinz Deschner das mit grimmiger Gründlichkeit getan hat (seine "Kriminalgeschichte des Christentums" ist inzwischen bei Band 9 angekommen), den Blick auf die Geschichte richten, um das Offensichtliche zu belegen: Daß Massenmorde, begangen im Namen der Religion, ein ubiquitäres Phänomen sind; Massenmorde von Atheisten hingegen ein relativ neues und auch geographisch begrenztes. Man kann auch in der Gegenwart bleiben und sich den Iran und das Afghanistan der Taliban ansehen; beide ja nicht unbedingt atheistische Regimes.

Die Hypothese, daß die Verbrechen der Kommunisten und der Nazis deren Atheismus geschuldet seien, ist schon deshalb indiskutabel, weil die Nazis ja keineswegs atheistisch waren. "Gottgläubig" stand in der Nazizeit im Paß derer, die aus der Kirche ausgetreten waren; "Deutsche Christen" nannten sich die protestantischen Nazis.

Und daß die Verbrechen des Kommunismus dem Atheismus und nicht der marxistisch- leninistischen Ideologie geschuldet seien, ist eine Behauptung, die man einem Dorfgeistlichen durchgehen lassen kann, aber nicht einem Bischof und promovierten Theologen. Die Sowjets waren Atheisten und Massenmörder, weil sie Marxisten- Leninisten waren; sie wurden nicht aus Atheismus zu Marxisten- Leninisten.



So, wie es dieser grobschlächtig denkende Bischof an den Mann zu bringen versucht hat, ist das also kein Thema für eine OsterfragerEi. Aber man muß ja nicht mit Mixas Keule aus dem Hinterwald auf dieses Thema einprügeln. Man kann es auch so formulieren, daß es ein interessantes, ein die Diskussion herausforderndes Thema ist: Welcher Zusammenhang besteht eigentlich zwischen Religion und moralischem Verhalten?

Religionen umfassen in der Regel Vorschriften. Nicht durchweg enthalten sie die Forderung, etwas zu glauben. In den meisten Religionen geht es eher darum, etwas zu tun oder zu unterlassen - zu bestimmten Zeiten zu beten, bestimmte Speisen zu vermeiden, den Göttern zu opfern; dergleichen. Einige Religionen, wie der Buddhismus und der Konfuzianismus, mögen mehr Wert auf die Anleitung zur Lebensführung legen als auf das Einhalten von Vorschriften; aber überwiegend sind Religionen doch präskriptiv.

Das ist auch die Moral; sie schreibt uns vor, was wir tun sollen und was wir nicht tun dürfen. Insofern gibt es einen offensichtlichen Zusammenhang; jedenfalls auf dieser äußerlichen Ebene.

Aber wie sieht es auf den anderen, wie sieht es auf der inhaltlichen, wie auf der motivationalen Ebene aus? Handeln Menschen nur dann, oder jedenfalls überwiegend dann, moralisch, wenn sie dies aus einer religiösen Überzeugung heraus tun? Liefert nur die Religion eine feste Basis dafür, verbindliche moralische Regeln aufzustellen? Oder läßt sich Moral auch allein aus der Vernunft heraus begründen; etwa aus dem Kategorischen Imperativ?

Wie steht es mit den evolutionären Wurzeln moralischen Verhaltens? Stimmt es überhaupt, daß Menschen ihrer biologischen Natur nach dazu neigen, sich schlecht und böse zu verhalten, und daß sie erst durch den Zwang der Moral, oder eben sogar erst durch denjenigen der Religion, auf den Weg des Guten gelenkt werden?

Ja, gewiß, das sind große Fragen; Fragen noch dazu, mit denen wir in der Schule beim "Besinnungsaufsatz" gequält und überfordert wurden. Aber es sind ja doch auch ernsthafte, vielleicht sogar wissenschaftliche Fragen. Fragen, die wir nicht beiseite schieben sollten; schon, um nicht Schlichtdenkern wie dem Bischof Mixa das Feld zu überlassen.



Wie immer bei der OsterfragerEi bitte ich um Antworten. Wie immer gibt es dazu einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Wer seine Meinung beisteuern möchte, sich dort aber nicht anmelden mag, der kann mir gern auch eine Mail schicken; ich füge sie dann in den Thread ein. Die Adresse sehen Sie, wenn sie rechts oben auf das kleine Bild von Zettels Haus klicken und dann unter Contact auf Email.

Titelvignette: Lucas Cranach d. Ä., Die Zehn Gebote (Ausschnitt). Copyrightfrei.

16. Juli 2007

Warum ich Agnostiker bin, aber kein Atheist

Atheismus scheint schick zu werden. Der "Spiegel", immer auf der Höhe des Zeitgeists, hatte dazu eine Titel­geschichte.



Ich bin kein Atheist. Mehr noch: Ich wundere mich, wie jemand Atheist sein kann.

29. Mai 2007

Religion, Atheismus, Evolution

Der "Spiegel" hat in dieser Pfingstwoche eine Titelgeschichte über den Atheismus.

Es ist eine alte, von Augstein begründete Tradition des "Spiegel", zu christlichen Feiertagen solche Titelgeschichten zu bringen. Teils war und ist das wohl kommerzielles Kalkül, teils - jedenfalls war es so bei Rudolf Augstein - der Versuch, sich "aus gegebenem Anlaß" mit dem Christentum auseinanderzusetzen. Augstein tat das sein Leben lang sehr ernsthaft, ehrlich und auch kenntnisreich.



Diesmal also ist es Alexander Smoltczyk, der die einschlägige Titelgeschichte schreiben durfte. Heute Rom- Korrespondent des "Spiegel"; gewiß eine erfreuliche Gestalt, verglichen mit seinem unsäglichen, agitatorischen Vorgänger Jürgen Schlamp. Zuvor Edelfeder im "Spiegel"- Ressort "Gesellschaft", noch weiter zuvor einmal für die "taz" schreibend. Ein Post- Achtundsechziger, Jahrgang 1958.

Sein Artikel, unschlüssig zwischen "Spiegel"-Masche und einem ernsthaften Essay schwankend, ist nicht sehr lesenswert. Aber das Thema, auf das er aufmerksam macht, erscheint mir einen Kommentar wert.



Vor einem halben Jahrhundert hätte niemand vorhergesagt, welche Bedeutung die Religion am Anfang des Einundzwanzigsten Jahrhunderts haben würde. Die Religion war damals überall im Rückzug begriffen.

Gewiß, in den christlichen Ländern gehörten die meisten Bürger noch einer Konfession an. Aber christliche Intellektuelle gab es kaum noch. Wer intelligent, wer aufgeklärt, wer modern war, der war fast zwangsläufig kein Christ.

Sie waren so selten, die christlichen Intellektuellen, daß man ihnen dieses Etikett ausdrücklich anheftete - der "katholische Schriftsteller" Heinrich Böll, die katholische Luise Rinser. In Frankreich Paul Claudel, Henri de Montherlant, in England Graham Greene. Außenseiter, mehr oder weniger verschrobene.



Ich halte es für wahrscheinlich, daß das Zeitalter der Religionen in der Tat zu Ende geht.

Die Basis jeder Religion ist die Bereitschaft, etwas als wahr zu akzeptieren, weil es gesellschaftlich gültig ist. In einer offenen Gesellschaft gibt es aber, außer den für das Zusammenleben erforderlichen Gesetzen und außer den Ergebnissen der Wissenschaften, die sich ständiger Kritik stellen, nichts Allgemeinverbindliches mehr.

Wenn Religion zur Privatsache wird, dann hört sie im Grunde auf, Religion zu sein. Soweit wir die Geschichte der Religionen kennen, waren sie niemals Privatsache. So wenig, wie das Recht Privatsache ist. Die Religion ist die einer Gesellschaft, nicht die eines Individuums. Allenfalls vorübergehend die einer Gruppe von Dissidenten, wie der Urchristen. Dann wird sie entweder dominant, oder sie geht unter.

In dem Maß, in dem die Gesellschaft sich liberalisiert, wird also die Religion an Bedeutung verlieren.



Der Augenschein widerspricht dem, am Anfang des Einundzwanzigsten Jahrhunderts, allerdings massiv. "Fundamentalismus" macht Schlagzeilen - nicht nur der islamische, sondern ebenso der christliche in den USA, in Südamerika; ebenso der hinduistische in Indien.

Treten wir also ein in ein neues Zeitalter der Religiosität? Diejenigen, denen Smoltczyk seine Titelgeschichte widmet, scheinen das zu befürchten - Richard Dawkins, Michel Onfray, Paolo Florès d'Arcais; die heutigen expliziten, aggressiven Atheisten.

Also schlagen sie zurück - mit gleichen Waffen. Sie setzen gegen den Glauben an Gott den Glauben an die Nichtexistenz Gottes.

Sie sind so wenig Skeptiker wie diejenigen, gegen die sie angehen. Und sie sind in ihrem Glauben vermutlich schlichter, dümmer, weniger reflektiert als die Verteter des Christentums, die sich immerhin auf zweitausend Jahre der Gelehrsamkeit, der Schulung des Geistes stützen können.



Mir, als einem Kantianer, kommt das alles unverständlich naiv vor.

Für mich liegt es auf der Hand, daß das Gehirn von Primaten, wie es vor vor einigen Millionen Jahren, unter den Herausforderungen an Savannen- Jäger, seine heutige Form bekommen hat, nur darauf eingerichtet sein kann, die Welt in einer sehr beschränkten Sicht zu verstehen.

Ein Hund wie unser Airdale Terrier - ja uns Primaten, evolutionär betrachtet, nicht so sehr fern - versteht vieles; er hat ein ungeheuer sensibles Verständnis für Stimmungen, für soziale Konstellationen. Aber ich werde unserem Hund nicht begreiflich machen können, wie weit der Mond von der Erde entfernt ist. (Dieses Beispiel hat einmal der große Wissenschafts- Journalist Hoimar von Ditfurth verwendet; in einem Aufsatz über Evolution und Transzendenz).

Für mich líegt es auf der Hand, daß wir Primaten nicht besser dran sind als die Caninen. Unser Gehirn erlaubt etwas mehr an Einblick in die Realität als das Gehirn des Hundes - aber welcher Albernheit ist es, zu glauben, wir könnten alles verstehen! Welche dumme Hybris.

Da lachen sozusagen die Hühner. Die ja auch ihre Welt haben, in der sie alles zu verstehen meinen.



Also gibt es - das ist aus meiner Sicht völlig trivial - eine Transzendenz. Das heißt, es gibt unendlich (im exakten Sinn) viel, das sich uns Menschen niemals wird erschließen können.

Diese triviale Einsicht ist, denke ich, eine der vielen Wurzeln der Religiosität.

Wenn man nicht weiter weiß und verstanden hat, daß man nicht weiter wissen wird - dann kann man, sozusagen, die Spielregeln wechseln und sagen: Nun gut, dann lasse ich mir das offenbaren, was ich nicht wissen kann.

Das ist die religiöse Antwort; eine, die mir faul erscheint.



Oder man kann zur Kenntnis nehmen, daß wir nun einmal unwissend sind, wenn wir an die Leistungsgrenzen unseres Primatengehirns gelangen.

Das muß man halt ertragen; je nach Temperament zynisch, deprimiert, oder mit Lichtenberg'scher Heiterkeit.

Zu der ich sehr neige. Nein, ich bin kein Atheist. Wie käme ich dazu, mir ein Urteil über die Existenz oder Nichtexistenz Gottes anzumaßen? Ich bin schlicht und bescheiden unwissend, auf Griechisch ein Agnostiker.

Ja, gewiß haben sie alle Recht, die Religionen, wenn sie darauf beharren, daß wir Menschen aus eigenem Erkenntnisvermögen wenig wissen können.

Die Dummheit der wissenschaftsgläubigen Atheisten, die sich einbilden, ihrer Erkenntnis seien keine Grenzen gesetzt, erscheint mir wie die Dummheit von Kindern, die in Allmachtsphantasien schwelgen.

Die Dummheit von Gläubigen, die sich einbilden, ihnen würde durch Offenbarung das zuteil, was sie aus eigener Kraft nicht wissen können, kommt mir allerdings genauso infantil vor.



Nein, noch infantiler. Das sacrificium intellectus der Gläubigen ist ja nichts anderes als der Verzicht darauf, erwachsen zu werden. Sie wollen sich an der Hand nehmen lassen, statt aus eigener Kraft aufrecht zu gehen.