Posts mit dem Label Nazismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Nazismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

30. Juni 2009

Vor 75 Jahren: Die Mordnacht vom 30. Juni 1934. Kein "Röhm-Putsch", sondern der Abschluß von Hitlers Machtergreifung

Vor 75 Jahren, am 30. Juni 1934, fand die Mordnacht statt, die noch immer irreführend als "Röhm- Putsch" bezeichnet wird. Ein Röhm- Putsch war das genauso wenig, wie die November- Pogrome von 1938 eine "Reichskristallnacht" waren.

In den deutschen Medien fand der diesjährige Jahrestag bisher wenig Beachtung. Und dort, wo auf ihn hingewiesen wurde - zum Beispiel im Deutschlandradio Berlin und in "Focus-Online" -, wird diese "Nacht der langen Messer" nur als eine Abrechnung Hitlers mit den ehemaligen Weggefährten aus der SA dargestellt. Auch in dem Artikel von Ernst Piper in "Spiegel- Online" ist von einer "blutige[n] Abrechnung unter Nazis" die Rede; immerhin wird dort erwähnt, daß nicht nur Nazis die Opfer waren.

In der Tat war es weder ein "Röhm- Putsch" noch eine Abrechnung unter Nazis. Es war eine Blutnacht, in der nach einer vorbereiteten Liste alle diejenigen liquidiert werden sollten, die Hitlers absolutem Machtanspruch noch hätten gefährlich werden können.

Hitler und der wesentlich mitbeteiligte Göring waren geschickt genug, das Augenmerk der Öffentlichkeit nur auf die Opfer aus der SA zu lenken; vermutlich weil deren Schläger im Volk verhaßt waren und weil sich aus der Homosexualität von Röhm propagandistisches Kapital schlagen ließ.

Tatsächlich stammten die Opfer der Mordnacht aus allen Gruppen, in denen sich noch Widerstand regte. Es gab kommunistische Opfer wie Erich Gans, Walter Häbich und Adam Hereth, die am 1. Juli im KZ Dachau erschossen wurden. Und es gab Opfer vor allem aus zwei Gruppen:
  • Konservative aus jenen Kreisen, die Hitler 1933 "einzurahmen" versucht hatten, also ihn durch Machtbeteiligung zu neutralisieren.

    Dazu gehörte der ehemalige Reichskanzler Kurt Schleicher und seine Ehefrau Elisabeth sowie der Oberregierungsrat Herbert von Bose, Referent von Franz v. Papen; ebenso dessen Mitarbeiter Edgar Julius Jung. v. Papen selbst hatte ebenfalls auf der Mordliste gestanden, wurde aber auf Wunsch Görings von dieser gestrichen und in in "Schutzhaft" genommen, bald aber wieder freigelassen.

    Selbst der ehemalige Kronprinz Wilhelm von Preußen hatte ermordet werden sollen; auch er verdankte sein Leben der Fürsprache von Goebbels.

  • Personen aus dem katholischen Widerstand. Auf diese Opfer geht heute ein amerikanischer Autor ein, Bruce Walker im American Thinker. Er ist Spezialist für dieses Thema; Autor eines Buchs "The Swastika and the Cross: The Nazi war on Christianity" (Das Hakenkreuz und das Kreuz: Der Krieg der Nazis gegen das Christentum).

    Erschossen wurden in der Mordnacht unter anderem Erich Klausener aus dem katholischen Widerstand, Adalbert Probst, Leiter des Dachverbands der katholischen Turn- und Sportvereine, und der katholische Publizist Fritz Gerlich, einer der wenigen Journalisten, die im Jahr 1934 noch journalistischen Widerstand leisteten.
  • Bei der Beurteilung der Blutnacht wird oft übersehen, daß der Beginn der "Machtergreifung" damals erst knapp eineinhalb Jahr zurücklag. Der erste Schritt war die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler gewesen, am 30. Januar 1933. Dann folgte als der zweite Schritt das Ermächtigungsgesetz vom 23. März.

    Erst von da an konnten die Nazis wirklich mit dem "Gleichschalten" und der Unterdrückung jedes Widerstands beginnen. Aber in den Redaktionen, in den Verwaltungen, in den Vereinen saßen ja immer noch viele Demokraten; auch noch 1934. v. Papen und Schleicher waren immer noch gefährliche Gegner der Nazis; auch der ebenfalls am 30. Juni ermordete Gregor Strasser.

    Auf sie war die Mordnacht vom 30. Juni gezielt; mindestens so sehr wie auf die SA. Danach gab es keinen sich offen artikulierenden Widerstand mehr. Die Machtergreifung war abgeschlossen.



    Bruce Walker weist nicht nur auf die Bedeutung der Opfer aus dem konservativen und katholischen Widerstand hin, sondern er räumt auch mit einer weit verbreiteten Legende auf: Daß mit dem Vorgehen gegen die SA die NSDAP zugleich ihren linken Flügel ausgeschaltet hätte und endgültig zum "Büttel des Kapitals" geworden sei.

    Wie Walker im einzelnen darlegt, begann die NSDAP im Gegenteil nach der Mordnacht, sich nach links zu bewegen:
  • Zwei Wochen nach der Blutnacht sagte ein hoher Beamter aus dem Wirtschaftsministerium, Graf von der Golz, vor Vertretern der Wirtschaft, jede Arbeitgeber- Organisation sei ab sofort verboten; wer sich nicht an das Verbot halte, werde strafrechtlich verfolgt werden.

  • Im Oktober 1934 wurde der Spitzensteuersatz von 40 auf 56 Prozent erhöht. Im Dezember 1934 wurde ein Aktiengesetz erlassen, das Aktionäre zwang, Dividende in Staatsanleihen anzulegen; diese wurden also faktisch enteignet.

  • So ging es weiter. 1936 wurden die Unternehmenssteuern von 20 auf 25 Prozent erhöht, vom Jahr 1937 an auf 30 Prozent. 1938 wurde für Unternehmensgewinne über 100.000 Reichsmark eine Sondersteuer von 35 Prozent eingeführt, von 1939 an von 40 Prozent. Im März 1939 wurde eine zusätzliche Reichensteuer eingeführt.
  • Sie waren eben Sozialisten, die Nationalsozialisten. Röhm und seine SA wurden von Hitler am 30. Juni 1934 ausgeschaltet, weil sie ein Hindernis auf seinem Weg zur absoluten Macht waren; nicht, weil sie ihm zu links gewesen wären.

    Und sie waren eben keineswegs das einzige Hindernis. Die Blutnacht galt allen, die dem Abschluß des Prozesses der Machtergreifung noch hätten gefährlich werden können.

    Die Nazi-Propaganda hat das durch die Sprachregelung vom "Röhm-Putsch" verschleiert. Seltsam, daß auch nach 75 Jahren viele noch diese von den Nazis verordnete Sichtweise übernehmen.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Adolf Hitler im Juni 1934. Bundesarchiv, Bild 102-03643A; frei uner Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0. Ausschnitt, bearbeitet.

    13. April 2009

    Zettels OsterfragerEi (5): Ist der Atheismus an den Verbrechern der Kommunisten und der Nazis schuld? Braucht Moral die Religion?

    Der Bischof von Augsburg und Militärbischof der Bundeswehr, Dr. Walter Mixa, hat eine wahre Philippika gegen den Atheismus verfaßt und sie in seine diesjährige Osterpredigt eingebaut. Hier ist ein Auszug aus dem Bericht darüber auf seiner WebSite:
    "Wo Gott geleugnet oder bekämpft wird, da wird bald auch der Mensch und seine Würde geleugnet und missachtet. Eine Gesellschaft ohne Gott ist die Hölle auf Erden", sagte Mixa bei seiner Predigt am Sonntag in der Augsburger Marienkathedrale. (...) "Die Unmenschlichkeit des praktizierten Atheismus haben im vergangenen Jahrhundert die gottlosen Regime des Nationalsozialismus und des Kommunismus mit ihren Straflagern, ihrer Geheimpolizei und ihren Massenmorden in grausamer Weise bewiesen", sagte der Augsburger Bischof.
    Starker Tobak. So stark, daß es mir als Agnostiker schwerfällt, so etwas ernst zu nehmen.

    Denn man muß ja nicht unbedingt, wie Karlheinz Deschner das mit grimmiger Gründlichkeit getan hat (seine "Kriminalgeschichte des Christentums" ist inzwischen bei Band 9 angekommen), den Blick auf die Geschichte richten, um das Offensichtliche zu belegen: Daß Massenmorde, begangen im Namen der Religion, ein ubiquitäres Phänomen sind; Massenmorde von Atheisten hingegen ein relativ neues und auch geographisch begrenztes. Man kann auch in der Gegenwart bleiben und sich den Iran und das Afghanistan der Taliban ansehen; beide ja nicht unbedingt atheistische Regimes.

    Die Hypothese, daß die Verbrechen der Kommunisten und der Nazis deren Atheismus geschuldet seien, ist schon deshalb indiskutabel, weil die Nazis ja keineswegs atheistisch waren. "Gottgläubig" stand in der Nazizeit im Paß derer, die aus der Kirche ausgetreten waren; "Deutsche Christen" nannten sich die protestantischen Nazis.

    Und daß die Verbrechen des Kommunismus dem Atheismus und nicht der marxistisch- leninistischen Ideologie geschuldet seien, ist eine Behauptung, die man einem Dorfgeistlichen durchgehen lassen kann, aber nicht einem Bischof und promovierten Theologen. Die Sowjets waren Atheisten und Massenmörder, weil sie Marxisten- Leninisten waren; sie wurden nicht aus Atheismus zu Marxisten- Leninisten.



    So, wie es dieser grobschlächtig denkende Bischof an den Mann zu bringen versucht hat, ist das also kein Thema für eine OsterfragerEi. Aber man muß ja nicht mit Mixas Keule aus dem Hinterwald auf dieses Thema einprügeln. Man kann es auch so formulieren, daß es ein interessantes, ein die Diskussion herausforderndes Thema ist: Welcher Zusammenhang besteht eigentlich zwischen Religion und moralischem Verhalten?

    Religionen umfassen in der Regel Vorschriften. Nicht durchweg enthalten sie die Forderung, etwas zu glauben. In den meisten Religionen geht es eher darum, etwas zu tun oder zu unterlassen - zu bestimmten Zeiten zu beten, bestimmte Speisen zu vermeiden, den Göttern zu opfern; dergleichen. Einige Religionen, wie der Buddhismus und der Konfuzianismus, mögen mehr Wert auf die Anleitung zur Lebensführung legen als auf das Einhalten von Vorschriften; aber überwiegend sind Religionen doch präskriptiv.

    Das ist auch die Moral; sie schreibt uns vor, was wir tun sollen und was wir nicht tun dürfen. Insofern gibt es einen offensichtlichen Zusammenhang; jedenfalls auf dieser äußerlichen Ebene.

    Aber wie sieht es auf den anderen, wie sieht es auf der inhaltlichen, wie auf der motivationalen Ebene aus? Handeln Menschen nur dann, oder jedenfalls überwiegend dann, moralisch, wenn sie dies aus einer religiösen Überzeugung heraus tun? Liefert nur die Religion eine feste Basis dafür, verbindliche moralische Regeln aufzustellen? Oder läßt sich Moral auch allein aus der Vernunft heraus begründen; etwa aus dem Kategorischen Imperativ?

    Wie steht es mit den evolutionären Wurzeln moralischen Verhaltens? Stimmt es überhaupt, daß Menschen ihrer biologischen Natur nach dazu neigen, sich schlecht und böse zu verhalten, und daß sie erst durch den Zwang der Moral, oder eben sogar erst durch denjenigen der Religion, auf den Weg des Guten gelenkt werden?

    Ja, gewiß, das sind große Fragen; Fragen noch dazu, mit denen wir in der Schule beim "Besinnungsaufsatz" gequält und überfordert wurden. Aber es sind ja doch auch ernsthafte, vielleicht sogar wissenschaftliche Fragen. Fragen, die wir nicht beiseite schieben sollten; schon, um nicht Schlichtdenkern wie dem Bischof Mixa das Feld zu überlassen.



    Wie immer bei der OsterfragerEi bitte ich um Antworten. Wie immer gibt es dazu einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Wer seine Meinung beisteuern möchte, sich dort aber nicht anmelden mag, der kann mir gern auch eine Mail schicken; ich füge sie dann in den Thread ein. Die Adresse sehen Sie, wenn sie rechts oben auf das kleine Bild von Zettels Haus klicken und dann unter Contact auf Email.

    Titelvignette: Lucas Cranach d. Ä., Die Zehn Gebote (Ausschnitt). Copyrightfrei.

    28. März 2009

    Zitat des Tages: "Schattenseiten der DDR". Was ein Minister über den Staat sagt, der mal der seine gewesen ist

    Ich wünsche mir, dass unsere Kinder und Jugendlichen erfahren, wie das Alltagsleben in der DDR aussah und welche Schattenseiten die DDR hatte, die viele ihrer Eltern miterlebt haben.

    Der brandenburgische Minister für Bildung, Jugend und Sport, Holger Rupprecht, laut dem Internetauftritt seines Ministeriums.

    Das Zitat bezieht sich auf die Reise, die Rupprecht gegenwärtig durch Schulen Brandenburgs unternimmt, um "mit Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 11 bis 13 über die DDR" zu diskutieren.

    Kommentar: Stellen Sie sich einmal vor, zwanzig Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft - also Mitte der sechziger Jahre - hätte ein Minister von den "Schattenseiten des Dritten Reichs" gesprochen und angeregt, daß Schüler etwas über das "Alltagsleben im Dritten Reich" erfahren.

    Natürlich wäre der Mann ab dem nächsten Tag Gegenstand eines Skandals gewesen, und ein paar Tage später sehr wahrscheinlich kein Minister mehr.

    Denn man hätte ihm zu Recht vorgeworfen, daß es beim Verständnis einer Dikatur nicht um das "Alltagsleben" geht, sondern um das Schicksal der Opfer, um die Verbrechen des Regimes. Durch sie ist eine Diktatur bestimmt, und nicht dadurch, daß man in ihr einen fröhlichen Alltag haben konnte. Den hatten die meisten Deutschen nach 1933 auch.

    Und man hätte ihn darauf hingewiesen, nein, ihm um die Ohren gehauen, diesem Minister, daß man von "Schattenseiten" nur dann spricht, wenn etwas überwiegend helle Seiten hat. Wer spricht denn von den Schattenseiten der Kriminalität, oder von den Schattenseiten des Terrorismus? Wer von den Schattenseiten des Antisemitismus?

    Es sind Gysi, Bisky und Co, die heute mehr oder weniger diskret darauf hinweisen, daß die DDR auch ihre Schattenseite hatte. Wenn das ein demokratischer Politiker sagt, dann disqualifiziert er sich damit.

    Gewiß findet nicht jeder immer das richtige Wort. In einer improvisierten Äußerung hätte man dem Minister so etwas durchgehen lassen können. Aber das Zitat stammt aus dem Internetauftritt seines eigenen Ministeriums. Es beinhaltet somit die offizielle Meinung des Ministers.

    Kein Wort von den Verbrechen des Regimes; kein Wort von seinen Opfern. Alltag soll vermittelt werden, auf Schattenseiten soll hingewiesen werden. Ja, die Versorgung mit Südfrüchten war schlecht.



    Holger Rupprecht, der jetzt Minister ist, war von 1975 bis zu deren Ende Lehrer in der DDR. Niemand konnte in der DDR Lehrer sein, ohne die Schüler im Sinn des Sozialismus zu erziehen. Wer auf Lehramt studierte - Rupprecht tat das ab 1971 -, der wußte das und war bereit, einen Beruf auszuüben, in dem er sich nicht politisch würde zurückhalten können.

    Ich halte es für abwegig, jemanden deswegen zu verurteilen. Ich würde noch nicht einmal so weit gehen wie Rupprecht selbst, der sich laut "Spiegel- Online" gestern beim Besuch der katholischen Privatschule Bernhardinum in Fürstenwalde wegen seines Verhaltens in der DDR als "einfach feige" bezeichnet hat.

    Es ist schwer genug, in einer Diktatur zu leben; und aus meiner Sicht sollte niemand, der das nicht selbst erlebt hat, sich anmaßen, über diejenigen zu urteilen, die dieses Schicksal zu ertragen hatten.

    Aber seit zwanzig Jahrn lebt Holger Rupprecht nicht mehr in einer Diktatur. Daß er sein Leben als Mitläufer, als Verteidiger des Sozialismus aufgearbeitet hätte, lassen seine Äußerungen nicht erkennen.

    Nicht daß er "feige" gewesen sei, sollte ein solcher Minister sagen, sondern daß er sich fürchterlich geirrt hat, als er dem Sozialismus diente.

    Nicht "Schattenseiten" sollte er den Schülern vorgaukeln, sondern sie darauf aufmerksam machen, daß keine noch so schönen "sozialen Errungenschaften" etwas am Unrechts- Charakter eines Regimes ändern können. Daß ein Regime, das seine Bürger wie Gefangene hält und sich die Kontrolle aller ihrer Lebensbereiche anmaßt, nicht seine guten und seine schlechten Seiten hat, sondern von seinem Wesen her verwerflich ist.

    Wer sich geirrt hat, wer Mitläufer war, der steht - wenn er es ehrlich meint - in der Pflicht, eine Wiederholung zu verhindern. Also aufzuklären, aktiv gegen den ja immer noch virulenten Totalitarismus zu kämpfen. Unverbindliche Selbstbezichtigungen tun es nicht.

    Nach 1945 hatten viele, die dem Nationalsozialismus gedient hatten, die Charakterstärke, sich so zu verhalten. Carola Stern war ein herausragendes Beispiel; Werner Höfer war es. Nach dem Ende des DDR- Regimes hatten Leute wie Günter Schabowski die Größe, sich so zu verhalten. Dem Minister Rupprecht scheint dieses Format zu fehlen.



    Innerhalb weniger als einer Woche habe ich jetzt zum zweiten Mal - nach dem Artikel über Erwin Sellering - etwas zur Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur geschrieben; jeweils aus aktuellem Anlaß.

    Ist es Zufall, daß sich solche Anlässe häufen? Vielleicht. Vielleicht hat es aber auch seine Gründe, daß zwanzig Jahre nach dem Ende eines totalitären Regimes dessen Aufarbeitung beginnt, oder vielmehr neu einsetzt. Beim Nazismus war es genauso; erst ab Mitte der sechziger Jahre hat man sich wirklich mit ihm befaßt, vor allem auch mit den Lehren aus ihm.

    Vielleicht braucht man einen so langen Abstand. Inzwischen beginnen die ersten jungen Leute in Ostdeutschland ihr Studium, die schon nicht mehr in der DDR geboren wurden. Sie werden an ihre Eltern dieselben Fragen stellen, die meine Generation an unsere Eltern gestellt hat.



    Für Kommentare bitte hier klicken.

    23. März 2009

    Kurioses, kurz kommentiert: Der gesteigerte Bekanntheitsgrad des Ministerpräsidenten Erwin Sellering. Wahre Dummheiten, im doppelten Wortsinn

    Nach fünf Monaten im Amt lässt sich mein Bekanntheitsgrad bundesweit sicher noch steigern.

    Der Ministerpräsident von Mecklenburg- Vorpommern, Erwin Sellering (SPD) gestern im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

    Kommentar: Seinen Bekanntheitsgrad bundesweit zu steigern - das genau hat er mit diesem Interview in der Tat geschafft, der Erwin Sellering.

    Vermutlich haben ihn die Dummheiten, die er da geäußert hat ("Ich verwahre mich aber dagegen, die DDR als den totalen Unrechtsstaat zu verdammen, in dem es nicht das kleinste bisschen Gutes gab"), mit einem Schlag bekannter gemacht, als es viele kluge Äußerungen in Jahren hätten tun können.

    Kurioserweise nämlich ist es für einen Politiker manchmal günstiger, negative Schlagzeilen zu bekommen, als gar keine. Was man über Herrn X und Frau Y gelesen oder gesehen hat, das gerät oft schnell in Vergessenheit. Aber daß es jemand ist, den man kennt, das bleibt haften.

    Natürlich wußte Sellering, daß seine abstruse Lobhudelei der DDR überwiegend negative Kommentare auslösen würde; bei den Kollegen von B.L.O.G. hat Rayson zu Recht auf die Parallele zu dem notorischen Spruch "Aber Hitler hat doch die Autobahnen gebaut" aufmerksam gemacht.

    Aber endlich weiß jetzt jeder Zeitungsleser und TV-Zuschauer, daß es einen SPD-Politiker namens Erwin Sellering gibt.



    Muß ich erläutern, warum Sellerings Äußerungen Dummheiten, warum sie abstrus sind? Vielleicht doch besser.

    Er sagte neben dem oben Zitierten unter anderem dies:
    Natürlich hatte die DDR Stärken. Viele Leute sagen mir immer wieder: Was ihr in den Kitas macht oder was nach dem Vorbild Finnlands in den Schulen getan wird, das kennen wir schon. Dinge, die wir jetzt zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung einführen, gab es schon in der DDR. Auch als überzeugter Anhänger unseres sozialen Rechtsstaates sage ich: Das eine war nicht völlig schwarz, das andere ist nicht völlig weiß.
    Das ist, was man eine wahre Dummheit nennen kann. Im doppelten Wortsinn.

    Denn in gewisser Weise ist ja wahr, was Sellering da sagt. Es ist ebenso wahr wie diese Aussagen:
    Natürlich hatte das Dritte Reich Stärken. Es gab nach 1933 ein Wirtschaftswunder. Die Leute kamen wieder in Arbeit. Hitler hat die Autobahnen gebaut. Auch Arbeiter konnten sich dank KdF einen Urlaub leisten. Hitler hat das Heilpraktiker- Gesetz beschließen lassen, den 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag gemacht und die Sicherungsverwahrung eingeführt; Dinge, die wir noch heute haben.
    Auf dem Höhepunkt der Gewalt im Irak habe ich Äußerungen einer Irakerin gelesen, wie friedlich es doch unter Saddam Hussein gewesen sei. Da habe man an lauen Frühlingsabenden am Tigris gesessen und seinen Tee geschlürft.

    Als Student hatte ich zwei Kommilitonen aus dem heutigen Namibia, das damals von Südafrika verwaltet wurde. Söhne deutscher Farmer, die von den paradiesischen Verhältnissen in ihrer Heimat schwärmten - alles friedlich, kaum Kriminalität; mit einem Lebensstandard des normalen Farmers, den sich in Europa nur die Reichsten leisten konnten.



    Also, natürlich hat jede Diktatur, hat jeder Unrechtsstaat auch seine "Stärken". Insofern sind Sellerings Dummheiten wahr.

    Sie sind zugleich aber wahre Dummheiten, denn solche "Stärken" mindern ja in keiner Weise den Charakter des Unrechtsstaats. Der Führer Adolf Hitler wird nicht weniger verabscheuenswürdig dadurch, daß er seinen Hund Blondie freundlich behandelt hat und sogar - jedenfalls berichtet das Traudl Junge - seinen Sekretärinnen ein guter Chef war. Und in Maos China hat es keine frei zugängliche Kinderpornografie gegeben; das mindert nicht seinen Charakter als barbarische Diktatur.

    Da jedes politische System, da jeder Politverbrecher solche "Stärken" hat, da sie also triviale Sachverhalte sind, gibt es keinen Grund, eigens auf sie hinzuweisen. Jedenfalls nicht für einen Poliitiker.

    Ein Historiker wird dergleichen konstatieren, aber ohne es zu werten. Bei einem Politiker wird es als der Versuch wahrgenommen werden, die betreffende Diktatur zu verharmlosen. So, wie wir es mit dem "Unter Adolf war nicht alles schlecht" seit Jahrzehnten von den Rechtsextremen zu hören bekommen.

    Was also motivierte den Erwin Sellering zu seinen wahren Dummheiten? Man kann natürlich nur raten. Bekannt ist er jedenfalls jetzt, bundesweit. Und angebiedert hat er sich manchen DDR- Nostalgikern in seinem Bundesland vermutlich auch.



    Für Kommentare bitte hier klicken.

    28. Februar 2009

    Zitat des Tages: Die Modernität des Islamismus

    Because of its emphasis on returning to Islamic purity, and its apparent — indeed noisy — rejection of modernity, most people failed to notice how modern a phenomenon Islamism was, not just in time but in spirit.

    (Weil er die Rückkehr zum reinen Islam betont und weil er scheinbar, ja lautstark die Moderne ablehnt, wird meist übersehen, was für ein modernes Phänomen der Islamismus ist - nicht nur von seiner zeitlichen Entstehung her, sondern auch, was seinen Geist angeht.)

    Theodore Dalrymple in der Zeitschrift City Journal des Manhattan Institute in einem Aufsatz "The Persistence of Ideology" (Das Fortbestehen der Ideologie).

    Kommentar: Der Islamismus ist keine Religion, sondern eine politische Bewegung. Er ist die letzte der totalitären Bewegungen des Zwanzigsten Jahrhunderts - nach dem Faschismus, dem Kommunismus und dem Nazismus.

    Er ist eine Bewegung mit allen Kennzeichen des Totalitarismus:

    Mit einer für alle Bürger verbindlichen Ideologie, die vor allem die "Gemeinschaft" betont (die Volksgemeinschaft, die sozialistische Menschengemeinschaft, die Gemeinschaft der Gläubigen (Umma)); die einen übergreifenden geschichtlichen Zusammenhang herstellt (des Kampfs der "Rassen", des Klassenkampfs, der Kampfs gegen die Ungläubigen); die das Heil verspricht; die eine Welterklärung liefert bis hin zur Erklärung dafür, daß es Feinde der betreffenden Ideologie gibt (weil sie "fremdrassig" sind; weil sie der Klasse der Ausbeuter angehören; weil sie nicht vom Licht des Glaubens erleuchtet sind).

    Gewinnt eine solche totalitäre Ideologie die Herrschaft, dann schafft sie einen Einparteienstaat mit der vollständigen Überwachung der Bürger durch eine Geheimpolizei; mit Folter, Verschleppungen und Hinrichtungen als Instrumenten der Einschüchterung; mit einer staatlich kontrollierten Wirtschaft; mit dem Hineinregieren des Staats in alle Lebensbereiche, bis in die Familie, in die Gestaltung der Freizeit. (Für den Faschismus, der ja mit dem Nazismus nur wenig Ähnlichkeit hatte, gilt das alles nur teilweise).

    Warum wird diese offensichtliche Übereinstimmung oft nicht gesehen?

    Teils, scheint mir, weil unter dem Einfluß der Kommunisten das Phänomen des Totalitarismus als solches oft noch geleugnet wird. Die Kommunisten haben natürlich jedes Interesse daran, es zu leugnen, weil die offensichtlichen Übereinstimmungen zwischen dem kommunistischen und dem NS- Herrschaftssystem verschleiert werden sollen. Die simple empirische Tatsache des Totalitarismus wird als eine "Totalitarismus- Theorie" abgetan.

    Was speziell den Islamismus angeht, mag Unwissen eine Rolle spielen. Daß der Islamismus eine Ideologie ist, die im 20. Jahrhundert entstanden ist, die also auf bestimmte Autoren und Gruppierungen zurückgeht, ist oft nicht bekannt. Viele meinen, der Islamismus verhalte sich zum Islam wie, sagen wir, der Kapitalismus zum Kapital.

    Theodore Dalrymple geht vor allem auf einen der Väter des Islamismus ein, den Ägypter Sayyid Kutub, den Theoretiker der Moslem- Bruderschaft, auf die beispielsweise die Kaida wesentlich zurückgeht. Er zeigt anhand von Zitaten, wie Aussagen von Kutub bis in die Einzelheiten mit denen von Lenin übereinstimmen.



    Dalyrymples hauptsächliches Thema in dem Aufsatz ist die Frage, warum das Zeitalter der Ideologien nicht mit dem Scheitern des Kommunismus zu Ende gegangen ist, sondern im Islamismus (und, wie er meint, im Ökologismus) seine Fortsetzung gefunden hat. Seine Antwort erscheint mir einleuchtend:
    ... in many parts of the world, the number of educated people has risen far faster than the capacity of economies to reward them with positions they believe commensurate with their attainments. Even in the most advanced economies, one will always find unhappy educated people searching for the reason that they are not as important as they should be.

    ... in vielen Teilen der Welt ist die Zahl der gut Ausgebildeten schneller gestiegen als die Kapazität der Volkswirtschaften, sie mit Positionen zu belohnen, die ihnen dem, was sie erreicht haben, angemessen erscheinen. Selbst in den fortschrittlichsten Volkswirtschaften wird man immer gut Ausgebildete finden, die unglücklich sind und die nach dem Grund dafür suchen, daß sie nicht so wichtig sind, wie es ihnen zustehe.
    Diese Schicht, meint Dalrymple, sei der hauptsächliche Träger von Ideologien.

    Eine sicher nicht neue These, aber eine, von der ich mir doch wünschen würde, daß sie allgemeiner anerkannt wird, als das bisher der Fall ist.

    Es sind nicht die "benachteiligten Massen", die aus sich heraus anfällig für Ideologie wären. Dafür denkt der Angehörige dieser Schicht viel zu praktisch und realitätsnah. Sein Bedürfnis ist es nicht, Ursprung und Ziel der Geschichte zu verstehen, sondern seine Familie ordentlich zu ernähren und sich einen Fernseher und ein Auto leisten zu können. Kein Volk der Welt ist in seiner Mehrheit anfällig für Ideologie.

    Vielen von denen, die Dalrymple die "educated people" nennt - ich habe das mit "gut Ausgebildete" übersetzt, denn gebildet müssen sie keineswegs sein - genügt das aber nicht. Sie erleben die Diskrepanz zwischen dem, was sie, die Absolventen einer Hochschule (oft auch nur einer Fachhochschule oder dergleichen), im Leben sind und dem gesellschaftlichen Rang und Einkommen eines ungebildeten Geschäftsmanns, eines Militärs, eines Anghörigen der Feudalschicht.

    Mit kaum etwas kann man sein derart gekränktes Selbstwertgefühl so aufrichten wie mit dem schönen Gefühl, den Schlüssel zum Verständnis der Welt zu besitzen. Zumal, wenn man daraus das Recht ableitet, andere zu bevormunden und am Ende auch in der sozialen Hierarchie ganz oben anzukommen.

    Dank des Glaubens an die Ideologie vom Volksschul- Lehrer zum NS-Bonzen, vom Dorfgeistlichen zum mächtigen Ayatollah, vom Studenten zum Polit- Kommissar. Solche Karrieren haben im Zwanzigsten Jahrhundert die totalitären Staaten geprägt. Heute findet man sie dort, wo Islamisten regieren.



    Mit Dank an Thomas Pauli. Für Kommentare bitte hier klicken.