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19. August 2009

Marginalie: Prozentual mehr Arme in Nordrhein- Westfalen als in Indien?

Unter anderem das Kölner Domradio meldete gestern:
NRW: Jedes vierte Kind ist arm.
Ein NRW- Bündnis aus Wohlfahrtverbänden, Kinderschutzbund und Gewerkschaften fordert einen Rechtsanspruch auf eine existenzsichernde Grundsicherung von monatlich 502 Euro pro Kind. (...) Fast jedes vierte Kind zwischen Rhein und Weser sei arm.
Laut dem Artikel Demographics of India (Demographie Indiens) der Wikipedia liegen 22 Prozent der Bevölkerung Indiens (Schätzwert für 2006) unterhalb der Armutsgrenze.

Diese Gegenüberstellung macht deutlich, wie willkürlich es ist, wen man als arm bezeichnet. Es wird irgendwo eine Grenze gezogen, und wer mit seinem Einkommen darunter liegt, der ist "arm".

Den meisten Menschen, die solche Meldungen lesen, dürfte diese Willkürlichkeit nicht bewußt sein. Das Wort "arm" eignet sich deshalb bestens zum politischen Kampfbegriff.

Je nachdem, wie man Armut definiert, kann man für Indien auch zu ganz anderen Zahlen kommen; beispielsweise zu der Zahl der Weltbank von 42 Prozent Armen im Jahr 2005.

Natürlich wird Armut in Deutschland ganz anders definiert als bei dieser Berechnung der Weltbank. Dort wird ein absolutes Kriterium verwendet, nämlich ein Einkommen von weniger als 1,25 Dollar pro Tag. In Deutschland wird Armut in der Regel relativ definiert: Arm ist, wer weniger als 50 Prozent (manchmal 60 Prozent) des Durchschnittseinkommens (Median aller Einkommen) verdient.

Wie widersinnig diese Definition ist, erhellt zum Beispiel daraus, daß es nach ihr in Deutschland ungefähr 11 Prozent Arme gibt, in Ungarn aber nur 7,1 Prozent.

Ob jemand arm ist, hängt nach dieser Definition davon ab, wie hoch die Einkommen der Besserverdienenden sind. Die einfachste Maßnahme, die Armutsrate zu senken, besteht folglich darin, die höheren Einkommen stärker zu besteuern. Die Lage der Schlechterverdienenden ändert sich dadurch zwar nicht; aber es sind dann weniger von ihnen arm.

Ein anderes Beispiel: Mit der Wiedervereinigung wurden mit einem Schlag viele DDR-Bürger zu Armen, auch wenn sie dasselbe oder vielleicht sogar mehr verdienten als zuvor. Denn ihr Einkommen hatte in der DDR mehr als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens betragen, lag in der Bundesrepublik nun aber bei weniger als 50 Prozent.

Ob jemand arm ist, hängt weitgehend davon ab, welche Region man zur Berechnung heranzieht. Jemand kann zum Beispiel als Mecklenburger nicht arm sein, als Deutscher hingegen arm und als Europäer wiederum nicht arm.

Ausführlich habe ich die Problematik des Begriffs "arm" im Mai vergangenen Jahres anläßlich des Armutsberichts der Bundesregierung in diesem Artikel erörtert. Verschiedene Aspekte der Armut behandelt diese Serie. Die Absurditäten der in Deutschland (und der ganzen EU) üblichen relativen Defintion von Armut werde vor allem in der vierten und der fünften Folge diskutiert.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

27. Dezember 2008

Zum Jahreswechsel eine Doppelkrise Indien/Pakistan und Israel/Hamas?

Vor genau vier Wochen, am 29. November, war in diesem Blog eine Analyse der Anschläge von Mumbai und ihres geo- strategischen Hintergrunds zu lesen. Ich habe mich damals auf eine indisch- israelische Quelle, auf die Berichte von Christiane Amanpour (CNN) aus Mumbai und vor allem auf das gestützt, was Stratfor, spezialisiert auf die Auswertung von Geheimdienst- Informationen, dazu geschrieben hatte.

Das Fazit war damals gewesen, daß es den Drahtziehern der Anschläge vor allem um zwei Ziele gegangen sein dürfte: Erstens die Zusammenarbeit Indiens mit dem Westen und vor allem Israel zu stören; zweitens eine Konflikt- Situation an der indisch- pakistanischen Grenze herbeizuführen, die Pakistan zwingen soll, Truppen dorthin zu verlegen und damit vom Kampf gegen die Kaida im Grenzgebiet zu Afghanistan abzuziehen. Jetzt zeichnet sich eine Doppel- Krise zur Jahreswende ab, die beide Regionen betrifft.

Solche doppelten Krisen sind nichts Seltenes. Die eine Auseinandersetzung kann sozusagen im Windschatten der anderen Ereignisse geführt werden. Der Suez- Krieg fand im Oktober 1956 statt, als die Augen der Welt auf die Niederschlagung des antikommunistischen Aufstands in Ungarn gerichtet waren. Der Bau der Mauer in Berlin im August 1961 war von einer Reihe von Krisen begleitet, die die Sowjets in verschiedenen Teilen der Welt inszeniert hatten.

Das dient zum einen der Ablenkung des Interesses der Weltöffentlichkeit. Zum anderen strapaziert es auch die Ressourcen derer, die die Krisen zu beherrschen versuchen. Bei beiden historischen Beispiele waren das die USA.

Für das Timing der jetzigen beiden Krisen dürfte es eine Rolle spielen, daß die USA sich im Übergang von der Regierung Bush zur Regierung Obama befinden; die eine kaum noch, die andere noch nicht handlungsfähig.

Vor allem in früheren Konflikten zwischen Indien und Pakistan haben die USA vermittelnd gewirkt; auch Druck auf beide Seiten ausgeübt. Das ist jetzt kaum zu erwarten. Auch Israel dürfte jetzt noch freiere Hand für ein militärisches Vorgehen gegen die Hamas haben, als wenn erst einmal die Regierung Obama ihre Arbeit aufgenommen hat.



Die von Stratfor vor vier Wochen vorhergesagte Verlegung pakistanischer Truppen von der afghanischen zur indischen Grenze ist inzwischen in vollem Gang; wie zum Beispiel die London Times heute meldet, wurde die komplette 14. Division nach Kasur und Sialkot nah der indischen Grenze verlegt.

Für das pakistanische Militär wurde eine Urlaubs- Sperre verhängt. Auf der Gegenseite hat der Chef der indischen Regierung, Manmohan Singh, eine Konferenz der Kommandeure aller Truppenteile einberufen, um die Lage zu besprechen. Für sich genommen nichts Aufregendes; aber interessant ist, daß die indische Regierung es offiziell mitteilt.

Vielleicht sind die Würfel für eine militärische Auseinandersetzung schon gefallen. Stratfor jedenfalls sieht "Anzeichen für einen bevorstehenden Krieg". Die psychologische Situation ist einer solchen Entwicklung günstig, denn heute jährt sich die Ermordung von Benazir Bhutto.



Der Hintergrund für die jetzige Zuspitzung der Lage an der Grenze zwischen Israel und dem Gaza- Streifen ist, daß am Freitag vergangener Woche der Waffenstillstand ausgelaufen ist, den Ägypten vor einem halben Jahr zwischen Israel und der Hamas vermittelt hatte.

Das war der Anlaß für eine Wiederaufnahme eines massiven Raketen- Beschusses durch die Hamas, nachdem diese bereits im November den Waffenstillstand durch fast 200 Angriffe mit Raketen und Mörsern gebrochen hatte. Israel reagierte darauf zunächst mit scharfen Warnungen. Seite heute fliegt die Luftwaffe nun also Angriffe.

Ob das nur eine Vergeltungsaktion ist, bevor man sich doch noch einmal auf einen neuen Waffenstillstand einigt, oder ob Israel entschlossen (und in der Lage) ist, diesmal der Herrschaft der Hamas über die Bewohner des Gaza- Streifens ein Ende zu machen, ist im Augenblick noch offen.

Vieles spricht allerdings für die letztere Alternative. In ihrem aktuellen Editorial schreibt die Jerusalem Post:
If the intimations of senior government officials are to be believed, the IDF is poised to embark on an assault against Hamas the like of which has not been seen since the Muslim extremists captured Gaza from Mahmoud Abbas's Fatah in June 2007. (...)

Israel's immediate objective must be to make it impossible for Hamas to govern in Gaza. Yet the choice is not between a massive land invasion and paralysis. The proper method of fighting Hamas is a methodical elimination of its political and military command and control. (...)

Once begun, Israel's battle against Hamas must be terminated only when the Islamists lose their governing capacity. This may set the stage for Western- trained Fatah forces to reenter the Strip. (...)

Wenn man den Andeutungen führender Mitglieder der Regierung glauben kann, dann ist die IDF [die israelische Armee; Zettel] in Bereitschaft für einen Angriff auf die Hamas, wie man ihn nicht gesehen hat, seit die Hamas im Juni 2007 Gaza von der Mahmoud Abbas' Fatah eroberte. (...)

Israels unmittelbares Ziel muß es sein, es der Hamas unmöglich zu machen, in Gaza zu regieren. Jedoch ist die Alternative nicht eine massive Invasion von Bodentruppen oder ein Zustand der Gelähmtheit. Die angemessene Methode, die Hamas zu bekämpfen, ist die methodische Ausschaltung ihrer politischen und militärischen Befehls- und Kontroll- Strukturen. (...)

Hat Israel die Schlacht gegen die Hamas erst einmal begonnen, darf sie erst beendet werden, wenn die Islamisten ihre Regierungsfähigkeit verloren haben. Das würde die Voraussetzungen dafür schaffen, daß westlich ausgebildete Truppen der Fatah sich wieder in den Gaza-Streifen begeben.
Zu erwarten wäre hiernach nicht eine Invasion wie zuletzt die nur mäßig erfolgreiche des Libanon, sondern Israel würde durch gezielte Luftschläge, unterstützt vielleicht durch Kommando- Unternehmen, versuchen, die Strukturen der Hamas zu zerschlagen, und anschließend die Fatah dabei unterstützen, im Gaza- Streifen wieder die Macht zu übernehmen.

Dieses Editorial erschien vorgestern und wurde gestern aktualisiert. Die Entwicklung in den vergangenen Stunden deutet darauf hin, daß die Informationen der Jerusalem Post zutreffen: Die IDF hat erklärt, sie "werde die Operation je nach Erfordernis fortsetzen und ausweiten".



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4. Dezember 2008

Mumbai: Das Drehbuch für die Anschläge wurde schon 1993 geschrieben

In einem amerikanischen Gefängnis sitzt der Terrorist Ramzi Jusef, der 1995 gefaßt wurde. Es scheint, daß von ihm ein direkter Weg zu den Anschlägen von Mumbai führt. Dies jedenfalls ist der Inhalt einer Analyse von Fred Burton und Ben West, die gestern im Informationsdienst Stratfor erschien.

Stratfor ist spezialisiert auf Informationen aus dem Bereich von Geheimdiensten, die überwiegend gegen saftiges Honorar an Firmen, Regierungen und Organisationen verkauft werden. Ein kleiner Teil davon wird auch auf der Website von Statfor publiziert und in einer Mailing List verbreitet.

Jener Ramiz Jusef also, der jetzt in den USA einsitzt, war der Planer eines der ersten Großangriffe, die von der Kaida beabsichtigt worden waren. Die Ermittler nennen ihn den New York Landmarks Plot, den Angriffsplan auf Wahrzeichen von New York. Bevor er in die Tat umgesetzt werden konnte, wurden im Juli 1993 acht Beteiligte verhaftet. Aus ihren Aussagen und aus aufgefundenen Dokumenten ließ sich rekonstruieren, was geplant gewesen war. Es liest sich bis in die Einzelheiten wie der jetzige Angriff auf Mumbai:

Das Ziel sollten bekannte Luxus- Hotels sein, das Waldorf- Astoria, das St. Regis und das U.N. Plaza. Um die Sicherheitskräfte zu verwirren, sollten weitere Ziele angegriffen werden, zum Beispiel der Lincoln- und der Holland- Tunnel und ein Landeplatz für Hubschrauber. Als die Terroristen verhaftet wurden, waren diese Zielobjekte bereits im Detail ausspioniert; es gab genaue Lagepläne, Fotos, Video- Aufzeichnungen.

Es war geplant gewesen, daß einige Terroristen die Hotels schon lange vor dem Anschlag infiltrieren sollten, etwa als Küchenpersonal getarnt. Am Tag des Angriffs sollten kleine Kommando- Trupps die Hotels stürmen und sich mit diesen eingeschleusten Komplicen vereinen. Andere Trupps sollten die anderen Ziele angreifen und ein Chaos in Manhatten auslösen, das den Sicherheitskräften ein Eingreifen erschweren sollte.

Die Parallelen zu dem Angriff auf Mumbai sind verblüffend. Burton und West weisen auf die folgenden Ähnlichkeiten hin:
  • Die Ziele waren in beiden Fällen Luxushotels im Finanzentrum des Landes. Personen, die die verhaßte westliche Welt symbolisieren (VIPs in den New Yorker Hotels, westliche Gechäftsleute und Juden in Mumbai) sollten getötet oder als Geiseln genommen werden.

  • Auch in Mumbai waren die Hotels genau ausgespäht worden. Die Angreifer hatten Lagepläne dabei und kannten sich offenbar in den Hotels genau aus. Mindestens einer war zuvor als Hilfskoch in das Hotel eingeschleust worden. Vorauskommandos hatten bereits Waffenlager angelegt, deren sich die Angreifer bedienten.

  • So, wie in New York Verkehrsknotenpunkte (zwei Tunnel) attackiert werden sollten, wurde in Mumbai parallel zu den Hotels ein Bahnhof angegriffen.

  • Beide Städte liegen am Wasser. Das erleichtert es, Gruppen von Angreifern aus Booten in die Nähe der Zielobjekte zu bringen. Im New York Landmark Plot war das geplant; in Mumbai kamen mindestens zwei Gruppen von Terroristen per Boot an.

  • Für die Bewegung innerhalb der Stadt waren in beiden Fällen unauffällige Transportmittel vorgesehen. In New York sollten die Terroristen Lieferwagen kapern; in Mumbai erreichte ein Trupp das Ziel per Taxi, ein anderer bemächtigte sich eines Polizeiautos.
  • Die Autoren weisen darauf hin, daß terroristische Organisationen wie die Kaida generell dazu tendieren, ausgearbeitete Pläne nicht aufzugeben, auch wenn sie im ersten Anlauf nicht gelangen. Was vor fünfzehn Jahren für New York geplant gewesen war, wurde jetzt offenbar an einem anderen Ort in die Tat umgesetzt.



    Der Ablauf der Anschläge, wie ich ihn am Montag beschrieben habe, wird in dem aktuellen Artikel von Burton und West im wesentlichen bestätigt. Neu ist lediglich, daß offenbar zusätzlich zu den Trupps, die aus Karachi über Wasser kamen, schon lokale Teams in die Hotels eingeschleust worden waren. Die Zahl der beteiligten Terroristen könnte also doch höher gelegen haben als etwas über zehn.

    Auch Burton und West vermuten, daß der Angriff auf der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Terror- Organisationen basierte. Der Plan stamme offenkundig von der Kaida. An der Vorbereitung und Ausführung könnten die pakistanische Organisation Lashkar-e-Taiba und lokale indische Terroristen beteiligt gewesen sein.



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    1. Dezember 2008

    Mumbai: Wie die Anschläge abliefen. Wie die Täter ausgebildet worden waren

    Wieviele Terroristen waren es, die das Blutbad von Mumbai angerichtet haben? Anfangs war in einigen Meldungen von mehreren hundert die Rede.

    Als die indische Regierung von wenig über zehn sprach, hielt ich das zunächst für unglaubwürdig. Wie können rund zehn Männer fast zeitgleich an zehn Orten zuschlagen, fast zweihundert Menschen ermorden, ganze Hotels durchkämmen und Geiseln nehmen? Wie können sie eine ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzen?

    Inzwischen gibt es Berichte über die Einzelheiten des Ablaufs und über das Training der Terroristen, die diese geringe Zahl doch nicht abwegig erscheinen lassen.



    Für die heutige Washington Post hat Emily Wax zusammen mit zwei indischen Journalisten den Ablauf rekonstruiert.

    Danach kamen die Terroristen aus dem pakistanischen Karachi. Für die Überfahrt hatten sie einen Fischtrawler gekapert und dessen vierköpfige Besatzung ermordet.

    Eine Gruppe ging mit zwei Booten an Land, wobei sie von Fischern beobachtet wurde, und nahm sich zwei Taxen zum Oberai- Hotel. Eine zweite Gruppe landete nah dem Tadsch- Mahal- Hotel. Beide Gruppen teilten sich dann vermutlich in Untergruppen zu je zwei oder drei Personen auf.

    Gegen 21.35 Uhr überwältigte eine dieser Untergruppen die Wachen des Oberai- Hotels und drang in dieses ein. Etwa um dieselbe Zeit tauchten zwei andere bei Leopold's Café auf und feuerten wahllos um sich. Anschließend gingen sie zu Fuß zu dem nur drei Minuten entfernten Tadsch- Mahal- Hotel. Dabei passierten sie eine schmale Gasse, in der sie ebenfalls um sich schossen und Menschen ermordeten.

    Das Tadsch Mahal betraten sie durch den nur schwach gesicherten Hintereingang. Im Hotel trafen sie sich mit zwei Komplicen und begannen, in der Lobby um sich zu schießen und Geiseln zu nehmen.

    Ungefähr zur gleichen Zeit stürmten zwei weitere Terroristen in die drei Kilometer vom Tadsch Mahal entfernte CST-Bahnstation. Sie feuerten mit ihren automatischen Waffen und warfen Granaten. 48 Menschen wurden hier ermordet. Die anwesenden Polizisten gingen in Deckung und taten nichts.

    Nach ungefähr zwanzig Minuten begaben sich diese beiden Terroristen wieder auf die Straße und schossen dort weiter um sich. Anschließend bemächtigten sie sich eines Polizeiautos, ermordeten dessen Insassen bis auf einen, der sich tot stellte, und schossen aus diesem Wagen auf eine Menschenmenge.

    Das Polizeiauto war auf dem Weg zum Cama- Krankenhaus gewesen, aus dem ein Notruf gekommen war. Offenbar war dort eine weitere Gruppe von Terroristen schon mit der Ermordung von Menschen beschäftigt.



    Zumindest in der Größenordnung könnte also die Zahl von etwas mehr als zehn Terroristen zutreffen. Der Eindruck eines viel größeren Angriffs entstand, weil sie in kleinen Gruppen operierten, die in kurzer Zeit von Tatort zu Tatort eilten. Dies war aufgrund der geringen Entfernungen möglich.

    Damit eine so kleine Gruppe derart wirksam operiert - und das drei Tage durchhält -, müssen die Terroristen allerdings hoch trainiert gewesen sein. Über ihr Training berichtet heute in den indischen Rediff News Vicky Nanjappa. Sie beruft sich auf einen indischen Geheimdienst- Offizier, der die Trainingsmethoden der Terroristen dokumentiert hat.

    Es handelt sich danach um ein Trainingsprogramm, das von der Kaida entwickelt und von der Lashkar-e-Tayiba übernommen wurde, die möglicherweise hinter den jetzigen Anschlägen steht. Unterschieden wird zwischen Fedayin, den Kämpfern, und Mudschahedin, den Elitekämpfern, die bei einem solchen Anschlag eingesetzt werden. Nur etwa jeder zwanzigste der Fedayin, die sich für das Ausbildungs- Programm bewerben, durchlaufen es und werden zu Mudschahedin geadelt.

    Das Programm umfaßt drei Stufen.

    Die erste besteht in einer Gehirnwäsche. Den Kämpfern wird eingehämmert, daß ihre Aufgabe sei, so viele Menschen wie möglich zu töten, und daß die Erfüllung dieser Aufgabe ihren eigenen Tod einschließen werde. Nur wer diesen Teil "erfolgreich" absolviert, also die Mentalität einer Killermaschine erwirbt, gelangt in den zweiten Teil der Ausbildung. Er ist dann auch motiviert für das harte körperliche Training, das nun folgt und fünf bis sechs Monate dauert.

    Das Ausbildungsziel sind körperliche Höchstleistungen: 100 Meter in 12 Sekunden, 10.000- Meter- Lauf, fünfstündiger Marsch mit 20 Kilo Gepäck. Weiterhin wird trainiert, fünf Nächte ohne Unterbrechung wach zu bleiben und zwei Tage ohne Nahrung auszukommen, und es wird eine allgemeine Combat- Ausbildung durchgeführt.

    Der dritte Teil besteht in spezieller Ausbildung an der Waffe; vor allem an automatischen Gewehren und im Umgang mit Granaten.

    Diese Mudschaheddin haben also wenig mit den "Selbstmord- Attentätern" gemein, die sich im Irak einen Sprengstoff- Gürtel umschnallen und diesen irgendwo zünden. Sie sind den Spezialeinheiten regulärer Streitkräfte vergleichbar. Das erklärt, wie sie in Mumbai derart wirksam zuschlagen und so lange durchhalten konnten.



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    29. November 2008

    Spiel über die Bande? Der (möglicherweise) komplexe Hintergrund der Anschläge von Mumbai

    Terrorismus ist angewandte Psychologie. Durch Anschläge und Geiselnahmen soll Aufmerksamkeit erzeugt, sollen Menschen eingeschüchtert, sollen Entscheidungen beeinflußt, sollen Wut und Haß geschürt werden. Terrorismus ist das Spiel von Zynikern mit den Emotionen von Menschen.

    Jeder Anschlag kann alle diese Wirkungen haben, und er kann sie bei zahlreichen Gruppen, in vielen Staaten haben. Das macht es so schwer, Motive und Ziele zu analysieren. Wenn, wie jetzt in Mumbai, noch nicht einmal die Täter bekannt sind, bleibt viel Raum für Spekulationen. Sehr viel Raum.

    Gestern habe ich über einen Erklärungsansatz aus einer indisch- israelischen Quelle berichtet, der mir Plausibilität für sich zu haben scheint: Der Hauptadressat ist die indische Öffentlichkeit und die indische Regierung. Das Ziel ist es, die sich seit einiger Zeit abahnende Orientierung Indiens nach Westen hin, seine Zusammenarbeit auch mit Israel zu stören. Deshalb der Angriff auf eine jüdische Einrichtung, das Herausgreifen amerikanischer und britischer Geiseln.

    Ich halte das weiter für plausibel. Inzwischen gibt es aber weitere Informationen und Gesichtspunkte, die es möglich erscheinen lassen, daß der Hintergrund der Anschläge noch viel komplexer ist; daß dahinter der Versuch stecken könnte, die ganze labile Situation in der Beziehung zwischen Indien, Pakistan und auch Afganistan zu beeinflussen.

    Auf einen dieser möglichen Zusammenhänge hat gestern die Chef- Korrespondentin von CNN, Christiane Amanpour, hingewiesen, die inzwischen aus Mumbai berichtet. Ergänzende, damit übereinstimmende Informationen findet man auch in dem Informationsdienst Stratfor.

    Danach ist es ein wesentliches Ziel der Anschläge, die Spannungen zwischen Indien und Pakistan anzuheizen.

    Das könnte, so Amanpour, Pakistan zwingen, Truppen vom Kampf gegen die Kaida im Grenzgebiet nach Afghanistan abzuziehen und sie an die Grenze nach Indien zu verlegen. Die Anschläge könnten auf diesem Weg die Kaida von dem Druck durch pakistanische Truppen entlasten, dem sie gegenwärtig ausgesetzt ist.

    Zum Zeitpunkt der Anschläge befand sich der pakistanische Außenminister Schah Mehmud Qureschi zu einem Staatsbesuch in Indien. Seit dem Ende der Herrschaft von Musharaf bemüht sich Pakistan um eine Verbesserung der Beziehungen zu Indien. Dieser Prozeß ist durch die Anschläge akut bedroht. Daß man ihn auf beiden Seiten zu retten versucht, geht daraus hervor, daß Qureschi nach den Anschlägen nicht zurückreiste, sondern den Besuch ostentativ fortsetzt.

    Der indische Ministerpräsident Manmohan Singh befindet sich, so analysiert es Statfor, in einer Zwickmühle: Schreibt er die Anschläge lokalen Terroristen zu, dann gibt er zu, die Sicherheitslage im Land nicht im Griff zu haben. Schreibt er sie Pakistan zu, dann wird das nicht nur die Spannungen zwischen den beiden Ländern verstärken, sondern Singh würde auch unter einen immensen Druck geraten, Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

    Dies wiederum würde Pakistan destabilisiern. Die ganze Region könnte dabei in eine noch labilere Lage geraten als die, in der sie sich ohnehin befindet; zum Nutzen der Kaida.



    Wenn diese Analyse stimmt, dann hätte die Kaida - möglicherweise unterstützt durch lokale Islamisten, vielleicht auch durch die Mafia von Mumbai - ein komplexes Spiel über die Bande begonnen. Getroffen werden soll zuerst die indische Regierung, dann die Regierung Pakistans; am Ende soll eine Verbesserung der Operationsbedingungen der Kaida im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan als das eigentliche Ziel der Anschläge stehen.

    Warum hat man sich - die Richtigkeit dieser Analyse einmal vorausgesetzt - gerade jetzt zu den Anschlägen entschlossen?

    Es hat vergleichbare, durch ein Attentat in Indien ausgelöste Spannungen schon mehrfach gegeben; und stets haben die USA als Vermittler gewirkt und das Schlimmste verhindert. In der jetzigen Übergangs- Situation in Washington ist das nicht im bisherigen Maß möglich. Das dortige gegenwärtige Interregnum könnte ausschlaggebend dafür gewesen sein, daß die Kaida gerade jetzt zugeschlagen hat.

    Wie immer diese Vermutungen zu beurteilen sind - ein Faktum wurde gestern mitgeteilt: Die indische Regierung hat den Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI, Generalleutnant Achmed Schudscha Pascha, gebeten, zu Gesprächen nach New Delhi zu kommen. Ein Vorgang ohne Präzedenz; bisher galt der ISI in Indien als eine feindliche Organisation, die in Indien nicht nur spioniert, sondern dort auch für Anschläge verantwortlich ist.

    Nichts macht es deutlicher als dieser Besuch, daß die Regierungen sowohl in New Delhi als auch in Islamabad die Lage als äußert kritisch beurteilen.



    Mit Dank an C.K. Für Kommentare bitte hier klicken.

    28. November 2008

    Terrorismus als angewandte Psychologie: Was soll mit den Anschlägen in Mumbai erreicht werden?

    Von militärischen Aktionen unterscheiden sich terroristische Angriffe dadurch, daß sie keine materiellen Ziele verfolgen, sondern psychologische. Der Gegner soll nicht unmittelbar militärisch oder wirtschaftlich geschwächt werden, sondern es soll Schrecken (lat. terror) verbreitet werden. Terrorismus ist angewandte Psychologie.

    Die konkreten Absichten können verschieden sein. Es kann zum Beispiel darum gehen, politische, wirtschaftliche und andere Verantwortliche einzuschüchtern und damit gefügig zu machen; das war eines der wesentlichen Ziele des "individuellen Terrors", wie ihn die RAF zu praktizieren versuchte.

    Das primäre Ziel kann es auch sein, den Haß zwischen Bevölkerungsgruppen anzustacheln und damit zugleich die Kampfbereitschaft der eigenen Anhänger zu stärken. Das stand oder steht beim Terror der irischen IRA im Vordergrund; bei dem der baskischen ETA, teils auch bei dem der Palästinenser.

    Vor allem aber sind die Adressaten des Terrors die Öffentlichkeiten bestimmter Länder oder auch die gesamte Weltöffentlichkeit. Anschläge führen zu Medienberichten, die auf die Themen aufmerksam machen, denen die Terroristen zu mehr Beachtung verhelfen wollen. Über den Hebel der Öffentlichkeit können in demokratischen Ländern Regierungen in ihren Entscheidungen beeinflußt werden.

    Beherrschend ist dieses Ziel der Beeinflussung der Öffentlichkeit in asymmetrischen Kriegen wie dem, den die Kaida und andere Dschihadisten gegen den Westen führen. Hier dient der Terror fast ausschließlich dazu, Bilder des Schreckens samt den zugehörigen Kommentaren in die Medien des Feindes zu bringen.

    Manchmal haben die Terroristen Glück, und das führt zu sofortigen Demutsgebärden wie dem Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak, nachdem im März 2004 in Madrid gebombt worden war; unmittelbar vor Wahlen, die den Sozialisten der PSOE die Macht brachten.

    Der Regelfall ist eher ein allmählicher psychologischer Abnutzungskrieg. Das Medien- Zeitalter hat ihn möglich gemacht.

    Aus Vietnam waren die USA nicht deshalb abgezogen, weil sie den Krieg verloren gehabt hätten, sondern weil seine Fortsetzung bis zum Sieg angesichts der Opfer und Kosten der Öffentlichkeit nicht mehr zu vermitteln gewesen war. Dies war der erste Krieg, der via TV live in die Wohnzimmer gebracht wurde; das erwies sich als der entscheidende strategische Vorteil der Nordvietnamesen.

    Daraus haben die heutigen Dschihadisten ihre Lehre gezogen. Sie haben im Irak Geiseln vor laufender Kamera abgeschlachtet, sie haben ihren Terror vor Wahlen in den USA verstärkt, sie haben immer wieder das Internet und die Medien sehr effizient für ihre "Propaganda der Tat" genutzt.

    Sie hatten damit einen großen Teil der amerikanischen Öffentlichkeit, sie hatten die gesamte Führung der Demokratischen Partei, sie hatten auch denjenigen, der demnächst Präsident der USA wird, in der ersten Hälfte des Jahres 2007 so weit, daß diese bereit gewesen waren, den Krieg verloren zu geben und den Irak den Dschihadisten zu überlassen. Nur dank der Standfestigkeit von Präsident Bush scheiterte das.



    Was und wer steckt hinter den jetzigen Anschlägen in Mumbai? Das ist heute nicht viel klarer als gestern, als ich die wichtigsten Möglichkeiten zusammengestellt habe. Hinzugekommen ist allerdings eine weitere, etwas überraschende Variante: Daß die Mafia von Bombay eine zentrale Rolle gespielt haben könnte. Wenn das so sein sollte, dann wird man ihr freilich eher eine unterstützende Funktion zuordnen. Daß sich in der Unterwelt massenhaft Selbstmord- Attentäter rekrutieren ließen, ist sehr unwahrscheinlich.

    "Belastbare" Erkenntnisse über die Täterschaft fehlen heute wie gestern. Die obigen Überlegungen lassen aber doch eine begründete Vermutung zu. Diese trifft sich mit der Einschätzung eines indischen Experten.

    In der Jerusalem Post berichet heute Yaakov Lappin über ein Gespräch mit Oberst Behram A. Sahukar, der unter anderem als Spezialist für Sicherheit und Terrorismus am indischen Institute of Defense Studies and Analyses (IDSA) tätig war und der gegenwärtig an der United Service Institution of India forscht.

    Wer ist der Adressat der Anschläge von Mumbai?

    Diese Stadt ist das New York Indiens. Das Geschäfts- und Hotelviertel, in dem die Anschläge verübt wurden, hat für Inder einen ähnlichen Symbolwert, wie ihn das World Trade Center für die USA hatte.

    Daß man sich dieses Ziel ausgesucht hat, läßt vermuten, daß es primär die indische Öffentlichkeit ist, die beeinflußt werden soll, nicht diejenige der USA oder Europas. Den meisten im Westen ist Bombay allenfalls als der Sitz von Bollywood ein Begriff. Für Inder aber symbolisiert diese Stadt ihren Aufstieg zur modernen Industrienation. Anschläge dort treffen das Land ins Mark.

    Wenn der Adressat die indische Öffentlichkeit ist - warum dann aber die gezielte Geiselnahme von Amerikanern, Briten und Israelis? Das Interview mit Oberst Sahukar liefert eine mögliche Erklärung:
    "There have been growing strategic ties between India and the US ... and growing ties between India and Israel," Sahukar said. Indian- Israeli relations have "been getting stronger by the day," Sahukar noted (...)

    Americans, British nationals and Israelis had been singled out in Mumbai as a result "of the closeness of their governments to us," Sahukar explained. The attackers perceive India's close ties with these countries and its partnership in the global war on terror "as a war against true Islam," he added.

    "Es bilden sich immer engere strategische Verbindungen zwischen Indien und den USA ... und engere Beziehungen zwischen Indien und Israel", sagte Sahukar. Die Beziehungen zwischen Indien und Israel werden "jeden Tag stärker", bemerkte Sahukar (...).

    Amerikaner, Briten und Israelis wurden in Mumbai "wegen der Enge der Beziehungen ihrer Regierungen zu uns" herausgegriffen, erläuterte Sahukar. Die Angreifer würden die engen Bindungen Indiens an diese Länder und dessen Beteiligung als Partner im globalen Krieg gegen den Terror "als Krieg gegen den wahren Islam" sehen, fügte er hinzu.
    Wenn Sahukar recht hat, dann würden sich diese Anschläge exakt in das beschriebene Muster psychologischer Kriegsführung durch die Terrroristen fügen: Sie wollen über die indische Öffentlichkeit auf die indische Regierung Druck ausüben mit dem Ziel, daß diese ihren prowestlichen Kurs ändert. So, wie es 2004 in Madrid gelungen ist, freilich mit Hilfe eines Regierungswechsels.

    Zugleich sollen - das nannte Sahukar als weiteres Ziel - innerhalb von Indien die Gegensätze zwischen den Hindus und den überwiegend der Unterschicht angehörenden Moslems verstärkt werden; das wäre eine weitere der oben genannten klassischen psychologischen Zielrichtungen eines Terror- Angriffs. Je größer diese Gegensätze werden, desto mehr können die Dschihadisten in Indien auf weitere Anhänger und Sympathisanten, auf neue Mitglieder rechnen.



    Wer hat die Anschläge geplant und ausgeführt? Es muß nicht unbedingt eine einzige Organisation sein. Von der Waffenbeschaffung und der taktischen Planung über das Training der Terroristen bis zur genauen Ortskenntnis verlangen solche Anschläge das Wissen und die Fähigkeiten zahlreicher "Spezialisten" auf lokaler wie auf überregionaler Ebene. Aus diesem Grund waren zum Beispiel schon in den siebziger Jahren internationale Terroristen an der Zusammenarbeit mit der RAF interessiert.

    In dem Interview spricht Sahukar von einer möglichen "coalition of home- grown Indian jihadi sleeper cells and Pakistan- based radical elements", einer Koalition zwischen einheimischen Zellen von "Schläfern" und Extremisten, die ihre Basen in Pakistan haben.

    Als Indiz für die Beteiligung der Letzteren sieht er es, an daß die Terroristen mit Landungsbooten (die vermutlich von einem Mutterschiff abgesetzt worden waren) in Mumbai an Land gegangen waren. Auch sei die Koordination einer so umfangreichen Aktion nur einer großen Organisation zuzutrauen.

    Als eine möglicherweise ebenfalls beteiligte Gruppe nennt Sahukar die "Jaish e Muhammad"- Gruppe von Omar Sheikh und Maulana Mazood Azhar. Das würde - wenn es zutrifft - die Verbindung zwischen den jetzigen Anschlägen und dem Krieg im Irak herstellen und auch auf die übereinstimmende psychologische Strategie verweisen.

    Omar Sheik nämlich war der Mann, der im Jahr 2002 im Irak den jüdischen amerikanischen Journalisten Daniel Pearl vor laufender Kamera bestialisch abschlachtete; ein besonders brutaler Versuch der psychologischen Beeinflussung der amerikanischen Öffentlichkeit.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: NSF. Als Werk der US-Regierung in der Public Domain.

    27. November 2008

    Die Anschläge in Mumbai - Fakten und Spekulationen

    Die Anschläge in Mumbai sind, was die psychologische Wirkung angeht, die schlimmsten seit 9/11. Zwar liegt die Zahl der Opfer weitaus niedriger als damals. (Die Bezirksregierung von Maharascha, deren Sprecher Bhushan Gagrani gegen vier Uhr MEZ eine Erklärung abgab, nannte 84 Tote und ungefähr 200 Verletzte; andere Schätzungen liegen höher). Aber wie 2001 in New York trafen die Anschläge eine Nation in ihr Zentrum. Mumbai, das früher Bombay (ungefähr 19 Millionen Einwohner) ist das New York Indiens.

    Die Fakten, so wie sie sich am frühen Morgen darstellen:
  • Anders als z.B. "Spiegel- Online" im Augenblick behauptet, gab es nicht "Angriffe auf Luxushotels, Krankenhäuser, Cafes und einen Bahnhof". Attackiert wurden zwei Hotels (das Taj Mahal Palace und das Oberoi Trident), ein Bahnhof (die Chhatrapati Shivaji Railway Station), ein Restaurant (Leopold's Café), wahrscheinlich eine Polizeistation, möglicherweise ein Kino und ein Krankenhaus (das Cama Hospital für Kinder und Frauen).

    Außerdem wurden Menschen an verschiedenen Stellen auf offener Straße angegriffen. Der größte derartige Vorfall bestand darin, daß Terroristen ein Polizeifahrzeug eroberten und aus ihm heraus auf eine Gruppe von Journalisten feuerten, die sich zur Berichterstattung über ein vorausgegangenes Attentat versammelt hatten.

  • Alle Angriffsziele liegen im selben Stadtteil, auf einer Landzunge östlich der Back Bay ganz in Süden der Stadt (siehe Karte). Es gibt die Vermutung, daß ein Teil der (insgesamt vermutlich mehreren hundert) Terroristen über See eingedrungen sein könnten.

  • Die Angriffe richteten sich zumindest teilweise gegen Amerikaner und Briten. Nach ihnen suchten die Terroristen offenbar gezielt bei der Geiselnahme in den beiden Hotels. In CNN berichtete ein junger Mann, daß seine Eltern verschont geblieben waren, nachdem sich herausstellte, daß sie Moslems waren. Israel ist besorgt über das Schicksal von Juden, darunter der Familie eines Rabbiners.

  • In den Hotels spielten sich nach Augenzeugen- Berichten dramatische Szenen ab. Gäste versuchten sich in ihren Zimmern zu verbarrikadieren. Mit einem von ihnen führte CNN ein Telefon- Interview. Er schilderte als sein schrecklichstes Erlebnis, wie ein Gast sich über das Fenster zu retten versuchte und nun hilflos am Geländer hing. Was aus ihm wurde, konnte er nicht sagen. Eine Angestellte von CNN, die sich zufällig in dem Hotel aufgehalten hatte, bestätigte den Vorfall.

    Darüber, wieviele Geiseln noch in der Hand von Terroristen sind, ist bis zum frühen Morgen nichts bekannt. In der zitierten Stellungnahme behauptete der Sprecher Bhushan Gagrani, die Sicherheitskräfte hätten "die Lage völlig unter Kontrolle". Aber danach meldete CNN noch Schießereien.

  • Die Stadt Mumbai scheint in einer Art Schockzustand zu sein. Die Schulen bleiben heute geschlossen. Die Börse wird ebenfalls nicht öffnen.
  • Soweit die wichtigsten Fakten. Das meiste andere ist gegenwärtig Spekulation. Die Motive sind ebenso unklar, wie die Organisation unbekannt ist, die hinter den Anschlägen steckt.

    Islamistische Attentate hat es in letzter Zeit in Indien gehäuft gegeben (erst vor sechs Wochen starben dabei in New Delhi zwanzig Menschen), aber nichts von auch nur annähernd diesem Umfang. Die Täter könnten lokale Islamisten sein (eine solche Organisation, die Deccan Mudschaheddin, hat sich als Täter bekannt; was wenig zu sagen hat). Es könnte auch die Kaida sein. Für deren Täterschaft spricht der ausgezeichnet koordinierte Ablauf und die gezielte Auswahl westlicher Opfer.

    Mögliche Motive und Anlässe sind:
  • Es hat kürzlich wieder Cross Border Attacks (grenzüberschreitende Angriffe) pakistanischer und amerikanischer Kräfte auf Taliban- und Kaida- Truppen gegeben.

  • Indien nähert sich im Augenblick den USA an und hat kürzlich mit ihnen ein Nuklear- Abkommen geschlossen.

  • In Kaschmir haben im vergangenen Halbjahr die Spannungen wieder zugenommen.

  • In verschiedenen indischen Staaten finden derzeit Wahlen statt.

  • Als längerfristige Ursache für den erstarkenden Islamismus in Teilen Indiens dürfte die wirtschaftliche Entwicklung des Landes eine Rolle spielen. Die aufstrebende Mittelklasse besteht überwiegend aus Hindus; die Moslems gehören meist den Unterschichten an, die vom gegenwärtigen Aufstieg Indiens noch wenig profitieren. Dieser Hintergrund ist vor allem dann in Betracht zu ziehen, wenn die Drahtzieher lokale Islamisten sind.

  • Das wohl nächstliegende Motiv, falls die Kaida der Urheber ist, dürfte der bevorstehende Wechsel der Regierung in Washington sein. Mit Präsident Bush geht der Kaida ein optimales Feindbild verloren. Sie hat ein Interesse daran, schon jetzt den künftigen Präsidenten Obama zu testen, um zu entscheiden, ob sie ihre bisherige Strategie beibehalten oder ändern soll. Das gilt nicht nur für den Irak, sondern für alle Operationsgebiete der Terroristen.
  • Reagiert Obama in den nächsten Tagen - vorerst noch verbal - ebenso entschlossen wie bisher Bush, dann dürfte das für die Kaida ein erstes Signal sein, ihre bisherige Strategie fortsetzen, die USA als den großen Satan darzustellen.

    Sollte Obama Schwäche zeigen, dann könnte Osama bin Laden wieder eine Strategie aus der Versenkung holen, mit der er es schon einmal in den Jahren nach dem Anschlag auf das World Trade Center versucht hat; vor allem in einer Botschaft 2004: Den USA anzubieten, man werde sie in Ruhe lassen, sofern sie sich nur aus dem Irak, aus Afghanistan usw. zurückziehen.



    Die Informationen in diesem Artikel verdanke ich den Nachrichtensendern, die die vergangene Nacht über berichteten: Al Jazeera English, der BBC und vor allem CNN, das dank seines indischen Filialsenders CNN-IBN am umfangreichsten informiert hat.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: NSF. Als Werk der US-Regierung in der Public Domain.