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19. August 2009

Marginalie: Prozentual mehr Arme in Nordrhein- Westfalen als in Indien?

Unter anderem das Kölner Domradio meldete gestern:
NRW: Jedes vierte Kind ist arm.
Ein NRW- Bündnis aus Wohlfahrtverbänden, Kinderschutzbund und Gewerkschaften fordert einen Rechtsanspruch auf eine existenzsichernde Grundsicherung von monatlich 502 Euro pro Kind. (...) Fast jedes vierte Kind zwischen Rhein und Weser sei arm.
Laut dem Artikel Demographics of India (Demographie Indiens) der Wikipedia liegen 22 Prozent der Bevölkerung Indiens (Schätzwert für 2006) unterhalb der Armutsgrenze.

Diese Gegenüberstellung macht deutlich, wie willkürlich es ist, wen man als arm bezeichnet. Es wird irgendwo eine Grenze gezogen, und wer mit seinem Einkommen darunter liegt, der ist "arm".

Den meisten Menschen, die solche Meldungen lesen, dürfte diese Willkürlichkeit nicht bewußt sein. Das Wort "arm" eignet sich deshalb bestens zum politischen Kampfbegriff.

Je nachdem, wie man Armut definiert, kann man für Indien auch zu ganz anderen Zahlen kommen; beispielsweise zu der Zahl der Weltbank von 42 Prozent Armen im Jahr 2005.

Natürlich wird Armut in Deutschland ganz anders definiert als bei dieser Berechnung der Weltbank. Dort wird ein absolutes Kriterium verwendet, nämlich ein Einkommen von weniger als 1,25 Dollar pro Tag. In Deutschland wird Armut in der Regel relativ definiert: Arm ist, wer weniger als 50 Prozent (manchmal 60 Prozent) des Durchschnittseinkommens (Median aller Einkommen) verdient.

Wie widersinnig diese Definition ist, erhellt zum Beispiel daraus, daß es nach ihr in Deutschland ungefähr 11 Prozent Arme gibt, in Ungarn aber nur 7,1 Prozent.

Ob jemand arm ist, hängt nach dieser Definition davon ab, wie hoch die Einkommen der Besserverdienenden sind. Die einfachste Maßnahme, die Armutsrate zu senken, besteht folglich darin, die höheren Einkommen stärker zu besteuern. Die Lage der Schlechterverdienenden ändert sich dadurch zwar nicht; aber es sind dann weniger von ihnen arm.

Ein anderes Beispiel: Mit der Wiedervereinigung wurden mit einem Schlag viele DDR-Bürger zu Armen, auch wenn sie dasselbe oder vielleicht sogar mehr verdienten als zuvor. Denn ihr Einkommen hatte in der DDR mehr als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens betragen, lag in der Bundesrepublik nun aber bei weniger als 50 Prozent.

Ob jemand arm ist, hängt weitgehend davon ab, welche Region man zur Berechnung heranzieht. Jemand kann zum Beispiel als Mecklenburger nicht arm sein, als Deutscher hingegen arm und als Europäer wiederum nicht arm.

Ausführlich habe ich die Problematik des Begriffs "arm" im Mai vergangenen Jahres anläßlich des Armutsberichts der Bundesregierung in diesem Artikel erörtert. Verschiedene Aspekte der Armut behandelt diese Serie. Die Absurditäten der in Deutschland (und der ganzen EU) üblichen relativen Defintion von Armut werde vor allem in der vierten und der fünften Folge diskutiert.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

13. Juni 2009

Die Reichen werden immer reicher. Wirklich? Eine Analyse aus den USA

Daß die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, daß also die "Schere" sich immer weiter öffnet, dürfte für die meisten Deutschen zum Allgemeinwissen gehören. Man liest es doch ständig, man erfährt es aus dem TV. Also muß es doch wohl stimmen.

Ob es stimmt, habe ich im Oktober letzten Jahres am Beispiel der damals akuellen Meldung analysiert, die "Schere zwischen Arm und Reich" hätte sich "in Deutschland seit der Jahrtausendwende im internationalen Vergleich deutlich stärker geöffnet".

Das Ergebnis war ernüchternd. Jetzt ist über eine Analyse zum selben Thema aus den USA zu berichten.

Darauf aufmerksam geworden bin ich durch einen Artikel von Andrew Foy und Brenton Stransky im American Thinker vom vergangenen Dienstag. Sein Anlaß ist der Haushaltsentwurf von Präsident Obama, der freilich nicht den Titel "Haushaltsentwurf" trägt, sondern "A New Era of Responsibility. Renewing America's Promise" (Eine neue Ära der Verantwortlichkeit. Das amerikanische Versprechen erneuern). Darunter tut er's nicht, dieser Präsident der großen Worte; auch wenn es nur um schnöde Budget- Zahlen geht.

Zu den Zahlen, die in diesem Haushaltswerk stehen, gehören auch solche über die Einkommensverteilung und deren Entwicklung. Dazu gibt es im Haushaltsentwurf des Präsidenten diese schöne Grafik:


Zu sehen ist die Entwicklung des Anteils, den das eine Prozent der Einkommensbezieher mit dem höchsten Einkommen an der Summe aller Einkommen in den USA hat. Die Grafik geht ursprünglich auf Thomas Piketty and Emmanuel Saez zurück, die sie 2001 publizierten; danach wurde sie fortgeschrieben.

Man beachte den grünen Pfeil. Er soll es offenbar auch begriffsstutzigen Betrachtern ermöglichen, zu sehen, wohin die Reise geht: nach oben nämlich. Noch 1980 gingen nur 10 Prozent der Summe aller Einkommen an das oberste eine Prozent; jetzt nähert man sich schon den 25 Prozent.

Lassen sich solche eindrucksvolle Zahlen widerlegen? Nein, widerlegen lassen sie sich nicht. Aber näher betrachten kann man sie, um herauszufinden, was sie denn bedeuten.

Das hat ein Autor getan, den Foy und Stransky ausführlich zitieren: Alan Reynolds in einer Publikation des Cato- Instituts, eines konservativen Think Tank ("Has U.S. income inequality really increased?"; Policy Analysis No. 586; 8. Januar 2007). Auf sie stütze ich mich im folgenden.



Wie gelangt man eigentlich zu Zahlen wie denjenigen, die einer solchen Grafik zugrundeliegen? In den USA werden dazu meist die Daten der Finanzämter herangezogen. Das Einkommen, das in die Statistik eingeht, ist also dasjenige, das in den Einkommensteuer- Erklärungen angegeben wird.

Auf den ersten Blick erscheint das fair. Reynolds weist aber darauf hin, daß dieser Meßwert von einer Reihe von potentiell verzerrenden Faktoren abhängt. Stellt man sie in Rechnung, dann wir aus der steil ansteigenden Kurve, die in der Grafik zu sehen ist, eine nahezu flache Kurve.

Reynolds nennt sieben Faktoren, darunter diese:
  • Gewerbetreibende können den Ertrag ihres Unternehmens als Einkommen oder als Gewinn des Unternehmens versteuern. Wird die Einkommensteuer herabgesetzt, dann gibt es eine Verschiebung zugunsten des Einkommens. In dem Zeitraum, den die Grafik umfaßt, wurde in den USA die Einkommensteuer mehrfach massiv gesenkt.

    Noch in den siebziger Jahren lag in den USA der Spitzen- Steuersatz (für Einkommen oberhalb 100.000 Dollar) bei 70 Prozent. Auf Unternehmens- Gewinne waren aber nur maximal 46 Prozent Steuern zu zahlen. Ab Anfang der achtziger Jahre wurde der Spitzensteuersatz für Einkommen mehrfach reduziert; und damit wuchs der Anreiz, den Ertrag eines Unternehmens als Einkommen statt als Gewinn zu versteuern.

    Berücksichtig man diesen Faktor, dann reduziert sich der in der Grafik dargestellte Anstieg bereits auf die Hälfte.

  • Der Anteil des obersten einen Prozents an der Summe aller Einkommen hängt logischerweise auch davon ab, wie groß denn diese Summe ist. Wird sie verkleinert, dann wächst der Anteil, selbst wenn die Einkommen des obersten Prozents in absoluten Beträgen konstant bleiben.

    Diese Summe - sozusagen der Nenner in dem Bruch, der den Anteil ausdrückt - hat sich aber in dem Zeitraum seit 1980 erheblich verändert. Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen konnten einen immer größeren Teil ihrer Einkünfte von der Steuer absetzen, wenn sie diesen zum Beispiel in die Altersversorgung investierten. Ihr zu versteuerndes Einkommen sank also relativ zu demjenigen der Besserverdienenden. Anders herum gesagt: Der Anteil der Besserverdienenden an der Summe aller Einkommen stieg scheinbar an.

  • Ein dritter Faktor ist der Anstieg der Transferleistungen. Im Jahr 1970 machten Löhne und Gehälter 65,8 Prozent der Summe aller Einkommen aus und Transferleistungen nur 8,5 Prozent. Im Jahr 2005 war der Anteil der Löhne und Gehälter auf 55,3 Prozent gesunken und derjenige der Transferleistungen auf 14,5 Prozent angestiegen. Da Transferleistungen - also Sozialhilfe usw. - nicht versteuert werden, gehen sie nicht in die Summe der Einkommen ein. Wiederum ist der Effekt derjenige, daß der Anteil der Besserverdienenden an der Summe aller Einkommen künstlich aufgebläht wird.
  • Dieser und der erstgenannten Faktor - die Verschieben von Unternehmens- Gewinnen hin zu privaten Einkommen - lassen sich quantifizieren. Berücksichtigt man sie beide, dann ist die Kurve schon nahezu flach. Der Anteil des obersten einen Prozents an der Summe aller Einkommen betrug dann 1988 rund 8,9 Prozent und im Jahr 2003 rund 8,8 Prozent.

    Reynolds diskutiert noch weitere Faktoren, die sich aber schlecht quantifizieren lassen, wie zum Beispiel die größere Steuerehrlichkeit, die als Folge von Steuersenkungen eintritt. Sein Fazit ist eindeutig:
    In sum, studies of changes in income distribution based on tax return data provide distorted and misleading comparisons of U.S. income shares because of dramatic changes in tax laws in recent decades.

    Aside from changes in taxpayer reporting due to changes in the tax laws, there is no clear evidence of a significant and sustained increase in the inequality of U.S. incomes, wages, consumption, or wealth since the late 1980s.

    Zusammengefaßt: Untersuchungen zu Änderungen in der Einkommensvereilung, die sich auf Steuerdaten stützen, liefern verzerrte und irreführende Vergleiche der Anteile am Einkommen in den USA, weil es in den vergangenen Jahren drastische Änderungen in den Steuergesetzen gab.

    Außer den Änderungen in den Angaben zum Einkommen, die aus diesen Änderungen in den Steuergesetzen resultieren, gibt es keine eindeutigen Belege für einen signifikanten und anhaltenden Anstieg in der Ungleichheit der Einkommen, der Löhne, des Konsums oder des Wohlstands in den USA seit den achtziger Jahren.
    Um das einzusehen, muß man sich freilich mit den Details befassen. Wie viel einfacher ist es dagegen, einfach die Rohdaten zu nehmen und sie mit einem eindrucksvollen Pfeil zu versehen.

    Es gibt wenige Bereiche, in denen mit Daten soviel Mißbrauch getrieben wird, wie auf diesem Gebiet der tatsächlichen oder angeblichen sozialen Ungerechtigkeit. Ich habe das einmal in einer Serie zur Armut untersucht, aus der für das jetzige Thema vor allem der fünfte Teil einschlägig ist.

    Und hinweisen möchte ich noch auf den Artikel in der FAZ, in dem Peter Sloterdijk heute dieses Thema von einer historischen Warte aus beleuchtet.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Thomas Pauli. Titelvignette: Eigenes Foto. Grafik von der US-Regierung zur Reproduktion freigegeben.

    23. Oktober 2008

    Die soziale Kluft in Deutschland wird immer größer - stimmt's? Über Schlagworte und die Wirklichkeit

    Nicht wahr, das haben Sie doch gerade erst gehört und gelesen: "Wachsende soziale Kluft in Deutschland - Reiche werden reicher, Arme bleiben arm". Oder auch: "Tiefe Kluft zwischen Arm und Reich"?

    Das bezieht sich doch sicher auf die Untersuchung der OECD, die in diesen Tagen Schlagzeilen macht?

    Nein. Beides sind Titel von zurückliegenden Meldungen der Tagesschau. Die erste stammt vom 7. November 2007, die zweite vom 19. Mai 2008. Solche Meldungen wiederholen sich so regelmäßig, wie man uns darüber informiert, daß das Weltklima wärmer wird und daß Paris Hilton einen neuen Lover hat.

    Wenn es immer wieder gemeldet wird, dann muß es doch wohl stimmen, daß Deutschland das "Land der Armen" ist, wie die "Frankfurter Rundschau" am Dienstag titelte?

    Sehen wir uns eine andere Version dieser Meldung an, die am gleichen Tag die "Welt" unter der Überschrift "Soziale Kluft öffnete sich in Deutschland rasant" brachte:
    Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich in Deutschland seit der Jahrtausendwende im internationalen Vergleich deutlich stärker geöffnet. Die Einkommensunterschiede und der Anteil armer Menschen an der Bevölkerung nahmen in der Bundesrepublik schneller zu als in den meisten anderen Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Dies geht aus der OECD-Studie "Mehr Ungleichheit trotz Wachstum?" hervor.
    Die Hauptergebnisse dieser Untersuchung werden ebenso wie die wichtigsten Ergebnisse zu Deutschland zum Herunterladen angeboten. Auf das, was in diesen beiden PDF- Dateien steht, stütze ich mich im folgenden; sowie auf die hier von der OECD populär zusammengefaßten Ergebnisse.



    Was die allgemeinen Daten angeht, so zeigt sich in der Tat für die meisten Länder in Europa eine Zunahme der Ungleichheit in den Einkommen.

    Diese wird mit dem Gini- Koeffizienten gemessen, der operationalisiert, wie weit die Verteilung der Einkommen von einer Gleichverteilung abweicht. Ein Gini- Koeffizient null bedeutet, daß alle Dasselbe verdienen. Ein Koeffizient eins wäre erreicht, wenn eine einzige Person alles verdiente und alle anderen nichts.

    Ausgedrückt im Gini- Koeffizienten ist die Ungleichheit der Einkommen in den meisten Ländern Europas also gestiegen; allerdings nicht sehr. Der Gini- Koeffizient lag 2005 um sieben bis acht Prozent höher als in der Mitte der achtziger Jahre - er sei "mäßig, aber signifikant" gestiegen, heißt es in dem Bericht. Von - siehe unten - ungefähr 0,29 auf ungefähr 0,31.

    Das lag nur zum Teil daran, daß die Einkommen der Besserverdienenden stärker stiegen als die der unteren Einkommensgruppen. Ein entscheidender Faktor war die Zunahme der Arbeitslosigkeit zwischen der Mitte der achtziger Jahre und 2005. Dies traf vor allem die schlecht Qualifizierten, die dadurch als Gruppe hinter der allgemeinen Entwicklung der Einkommen zurückblieben.

    Weiterhin erhöhte sich die Zahl der Single- Haushalte, deren Einkommen im Schnitt unter dem von Familienhaushalten liegt. (Die Einkommen werden pro Haushalt und nicht pro Person berechnet).

    Und wie sieht es nun in Deutschland aus? Hier sehen Sie die Entwicklung des Gini- Koeffizienten für die gesamte OECD und für Deutschland von der Mitte der achtziger Jahre bis 2005:

    Man sieht: Die Werte für Deutschland liegen durchweg unterhalb des Durchschnitts der OECD. Mit anderen Worten, in Deutschland herrscht eine größere Gleichheit der Einkommen als im OECD- Raum als Bezugswert.

    Zweitens: Bis ungefähr 2000 sind die Koeffizienten sowohl für die gesamte OECD als auch für Deutschland leicht gestiegen, ohne daß sich aber an diesem Abstand etwas geändert hätte. Deutschland lag sogar 2000 etwas weiter unter dem Durchschnitt als Mitte der achtziger Jahre.

    Tatsächlich verringert hat sich aber der Abstand zwischen 2000 und 2005 - also während der Regierungszeit von Rotgrün.

    Das ist kein Wunder, denn in dieser Zeit stieg die Arbeitslosigkeit und stagnierte die Wirtschaft. Als Rotgrün abgewählt wurde, war Deutschland von der Konjunktur- Lokomotive der EU zum Schlußlicht bei vielen ökonomischen Indizes geworden. Wenn der allgemeine Wohlstand sinkt, dann trifft das immer besonders die Geringerverdienenden. Die schlechte Wirtschaftspolitik unter Rotgrün traf, wie auch anders, vor allem die sozial Schwachen.

    Der Bericht der OECD beschreibt diesen Zusammenhang in klaren Worten:
    Seit dem Jahr 2000 haben in Deutschland Einkommensungleichheit und Armut stärker zugenommen als in jedem anderen OECD Land. Der Anstieg zwischen 2000 und 2005 übertraf jenen in den gesamten vorherigen 15 Jahren (1985 – 2000). Die steigende Ungleichheit ist arbeitsmarktinduziert. Einerseits nahm die Spreizung der Löhne und Gehälter seit 1995 drastisch zu – notabene nach einer langen Periode der Stabilität. Andererseits erhöhte sich die Anzahl der Haushalte ohne jedes Erwerbseinkommen auf 19% – den höchsten Wert innerhalb der OECD. Ebenso ist der Anstieg der Ungleichheit auf Änderungen in der Haushaltsstruktur zurückzuführen, wie etwa die Zunahme von Single-Haushalten und Alleinerziehenden.
    Und wie hat sich der Gini- Koeffizient entwickelt, seit Rotgrün abgewählt wurde? Dazu heißt es:
    Die vergleichenden Ergebnisse der OECD Studie beziehen sich auf den Zeitraum 1985 – 2005. Neuere nationale Ergebnisse, die auf derselben Datenquelle beruhen (SOEP), zeigen auf, dass sich der Trend zu einer ungleicheren Einkommensverteilung 2006 fortgesetzt hat, 2007 allerdings zu einem vorläufigen Ende gekommen ist.
    Mit der zu erwartenden Verzögerung wirkt sich also der Aufschwung, der mit dem Ende von Rotgrün (und zuvor schon durch die Agenda 2010) eingeleitet wurde, so aus, wie es zu erwarten gewesen war: Arbeitslose kehrten in eine Beschäftigung zurück, und damit stieg ihr Einkommen.



    Bleibt das Thema Armut. Der Anteil der Armen liegt nach der Berechnung der OECD in Deutschland in der Tat hoch - bei 11 Prozent.

    Wie es mit der Aussagekraft dieses Werts steht, erhellt daraus, daß er, nach derselben Methode berechnet, in Ungarn mit 7,1 Prozent weit niedriger als in Deutschland liegt! (Gapminder Graphs anklicken).

    Wie kann es sein, daß es im armen Ungarn prozentual weniger Arme gibt als im reichen Deutschland? Das liegt an der Definition von Armut. Arm ist in der Defintion der OECD jede Familie, deren Einkommen weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens (Median aller Einkommen) beträgt. Verdienen viele Menschen relativ wenig, dann liegt dieser Durchschnitt niedrig, und es gibt folglich wenige Arme. Geht es allen ungefähr gleich schlecht, dann gibt es nach der Definition der OECD so gut wie keine Armen.

    Ausführlich diskutiert habe ich den Widersinn dieses Index für Armut im Mai dieses Jahres anläßlich des Armutsberichts der Bundesregierung und zuvor schon einmal innerhalb einer kleinen Serie über Armut; dort vor allem in der vierten und der fünften Folge.



    Das sind die Fakten; die wichtigsten jedenfalls. Und die Schlagzeilen dazu lauten "Deutschland - Land der Armen", ""Soziale Kluft öffnete sich in Deutschland rasant".

    Wie nicht anders zu erwarten, hat "Spiegel- Online" wieder einmal den Vogel abgeschossen. Die Fakten, die ich genannt habe, werden dort so interpretiert:
    Die Kluft zwischen Arm und Reich reißt in Deutschland immer weiter auf. Einer neuen OECD-Studie zufolge haben sich Einkommensunterschiede und Armutsquote drastisch verschlimmert - schneller als in den meisten anderen Industrieländern der Welt.
    Berichterstattung? Agitprop.



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    19. Mai 2008

    Marginalie: Jeder achte Deutsche ist klein

    Sie finden, daß die Aussage "Jeder achte Deutsche ist klein" nicht sehr sinnvoll ist, weil es offenkundig eine Frage der Konvention, der Festlegung ist, wo man die Grenze zur Kleinheit zieht?

    So ist es. Und genauso ist es auch mit der Armut. Die Aussage "Jeder achte Deutsche ist arm" ist nicht sinnvoller, freilich auch nicht weniger sinnvoll als "Jeder achte Deutsche ist klein".

    Es gibt kein objektives Kriterium dafür wo "die Armutsgrenze liegt". Es gibt nur Festlegungen nach unterschiedlichen Kriterien, die unterschiedlich gut begründbar, aber letztlich eben Konventionen sind.

    Manche dieser Konventionen sind sehr problematisch, wie zum Beispiel die heute am weitesten verbreitete, die vermutlich auch dem aktuellen Armutsbericht der Bundesregierung zugrundeliegt. Hiernach ist arm, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens (des Medians der Einkommen) hat.



    Es ist sofort zu sehen, daß man bei einer solchen Definition jemanden aus seiner Armut herausführen kann, indem man die Verteilung der Einkommen so verändert, daß das Durchnittseinkommen zurückgeht. Dann liegt logischerweise auch die Grenze von 60 Prozent dieses Durchschnittseinkommens bei einem niedrigeren Betrag, und wer zuvor unterhalb dieser Grenze lag, kann jetzt darüber sein. Dem Betreffenden freilich geht es dadurch keinen Deut besser.

    Ebenso hängt das Durchschnittseinkommen davon ab, welche Population man zugrundelegt.

    Jemand kann als Bayer arm sein (weil er weniger als 60 Prozent des bayerischen Durchschnittseinkommens hat), als Deutscher aber nicht (weil er, bezogen auf alle deutschen Länder, über der Grenze von 60 Prozent liegt).

    Mit der Wiedervereinigung wurden - nach dieser Armutsdefinition - von einem Tag auf den anderen viele DDR-Bürger arm, die es zuvor nicht gewesen waren; denn ein Einkommen, das weit über 60 Prozent des DDR-Durchschnitts lag, war nun unterhalb der 60- Prozent- Grenze für die gesamte Bundesrepublik lokalisiert. Es ging ihnen zwar besser als in der DDR, aber sie waren gleichwohl zu Armen geworden.



    Kurz, diese Definition - weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens - erfaßt nicht, wie gut oder schlecht es den Betreffenden geht, sondern sie drückt (als ein grobes Maß, es gibt differenziertere wie den Gini- Koeffizienten) aus, wie gleich oder ungleich die Einkommen in einer gegebenen Population verteilt sind.

    In einer Gesellschaft, die - nach landläufigem Verständnis - so arm ist, daß kaum jemand das Existenzminimum hat, würde es nach dieser Definition praktisch keine Armut geben, wenn alle ungefähr gleich wenig verdienen.

    Umgekehrt könnte es in einer Gesellschaft von Millionären durchaus einen hohen Anteil von Armen geben, wenn nur genügend dieser Millionäre zig Millionen haben und den Median damit auf, sagen wir, zehn Millionen hochtreiben. Dann ist jeder arm, dessen Einkommen nur zu einem Vermögen von, sagen wir, zwei oder drei Millionen reicht.

    So ist es nach der Definition, die dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung offenbar zugrundeliegt.

    Ausführliches zu diesen und anderen Absurditäten in der Serie über Armut, vor allem der Folge 4: Politisches und der Folge 5: Statistisches.



    Mit Dank an Rayson. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    29. August 2007

    Marginalie: In den USA wächst die Armut. Oder etwa nicht?

    In den USA legt das Census Bureau - vergleichbar unserem Statistischen Bundesamt - jährlich einen Bericht über die Entwicklung der Einkommen, der Armut, der Krankenversicherungen vor. Gestern ist der Bericht für das Jahr 2006 erschienen. Die Agenturen berichten darüber in den USA seit dem Abend (deutsche Zeit); zum Beispiel Reuters.

    Positives und Negatives halten sich in dem Bericht ungefähr die Waage:
  • Zum ersten Mal in diesem Jahrzehnt ist der Prozentsatz der Armen gesunken, von 12,6 Prozent im Jahr 2005 auf jetzt 12,3 Prozent.

  • Zum zweiten Mal nacheinander ist das Durchschnitts- Einkommen der Haushalte gestiegen. (Der Kennwert ist der Median, nicht das artithmetische Mittel; der Anstieg geht also nicht allein auf die hohen Einkommen zurück).

  • Dies beruht nicht auf höheren Gehältern, sondern darauf, daß mehr Menschen pro Haushalt Jobs haben.

  • Die Einkommen sind (inflationsbereinigt) aber immer noch niedriger als in dem Spitzenjahr 2000.

  • Der Prozentsatz der Amerikaner ohne Krankenversicherung ist gestiegen, weil weniger Unternehmen die Versicherung für ihre Arbeitnehmer übernehmen.
  • Also: Es gibt erfreuliche und unerfreuliche Aspekte der Entwicklungen von 2005 auf 2006, die dieser Bericht des Census Bureau dokumentiert.

    Die verlinkte Meldung von Reuters wird dem mit ihrer Überschrift gerecht: "Poverty rate down but fewer have health insurance" - Prozentsatz der Armen gesunken, aber weniger haben eine Krankenversicherung.



    Nun bin ich sehr gespannt, wie am Mittwoch die Meldungen in den deutschen Medien aussehen werden.

    Wieviele werden, wie Reuters, in der Überschrift Positives und Negatives bringen?

    Wieviele werden nur Negatives in die Überschrift stellen? (Sagen wir: "Mehr Amerikaner ohne Krankenversicherung"; "Einkommen in den USA niedriger als im Jahr 2000"; "Jeder achte Amerikaner ist arm").

    Und wieviele werden spiegelbildlich dazu positive Überschriften bringen? ("Armut in den USA gesunken"; "Einkommen in den USA erneut gestiegen")?



    Zum Thema "Armut" gab es letztes Jahr hier eine Serie, deren einzelne Folgen über Links in Zettels kleinem Zimmer zugänglich sind.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.