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13. September 2009

Zettels Meckerecke: Wozu in aller Welt braucht eine Debatte zwischen Merkel und Steinmeier eigentlich vier eitle Journalisten?

In den USA gab es im vergangenen Jahr spannende Debatten zwischen den Kandidaten für die Präsidentschaft. In Frankreich haben sich die Kandidaten Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal in einer denkwürdigen Debatte miteinander auseinandergesetzt.

Moderiert haben Journalisten.

Moderiert. Das heißt, sie haben ihr Augenmerk darauf gerichtet, daß die Debattierenden nicht allzu lang bei einem Thema verharrten. Sie haben auf die Einhaltung der Zeitkonten geachtet. Sie haben bei Unklarheiten gelegentlich einmal nachgefragt.

Mehr nicht. Denn die Akteure einer solchen Veranstaltung sind die Kandidaten. Je mehr sie miteinander streiten, je mehr sie im Gespräch ihre Positionen abgrenzen, umso mehr erfährt der Zuschauer.



Während ich dies schreibe, debattieren Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier miteinander.

Schön wär's. Tatsächlich sind es vier Journalisten, die sich in den Vordergrund drängen, die das Gespräch zu dominieren versuchen. Die sich benehmen, als sei das ihre Show. Deren oft einseitigen und suggestiven Fragen der Veranstaltung manchmal nachgerade den Charakter eines Verhörs geben.

Am weitesten treiben diese Unverfrorenheit, diese narzißtische Selbstdarstellung die beiden Öffentlich- Rechtlichen, Illner und Plasberg. Sie treten auf, als seien sie die Gesprächspartner von Merkel und Steinmeier.

Dabei sind sie nichts als Journalisten. Moderatoren sollten sie sein, nicht Agitatoren.

Nur, wer traut sich, sie in ihre Schranken zu weisen? Sie, die Politiker hochschreiben oder fertigmachen können?

Also erträgt man ihre Eitelkeit, ihre Arroganz. Also findet man sich mit jener Rolle des Volkstribunen ab, für die diese Leute zwar nicht angeheuert wurden und nicht bezahlt werden, die sie sich aber zunehmend anmaßen.




© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

11. Juni 2009

Marginalie: Auf einmal ist die Schweinegrippe wieder da! Ja, wo war sie denn? Medien als Differenzmelder

Schweinegrippe, ist die nicht längst vorbei? Ich vermute, daß viele das dachten, als sie gestern von den Infizierten der Japanischen Schule in Düsseldorf erfuhren, und nun heute davon, daß die WHO die höchste Warnstufe 6 ausgerufen hat.

Nein, die Schweinegrippe war nie vorbei gewesen. Vorbei war nur das Medieninteresse an ihr. Denn seit sie Ende April für Aufregung gesorgt hatte - ich habe damals versucht, die Gefahr nüchtern zu beurteilen -, hat das Virus H1N1 genau das getan, was die Fachleute erwarteten: Es hat sich exponentiell ausgebreitet. Täglich erkrankten Menschen, aber nur relativ wenige starben.

Also war das bald schon keine Meldung mehr wert.

Das ist ein Beispiel dafür, wie Realität und Berichterstattung in den Medien auseinanderklaffen: In der Wirklichkeit vollziehen sich die meisten Prozesse langsam, allmählich, schrittweise. Sie finden dann kaum Niederschlag in den Medien. (Ein aktueller Fall ist die Salamitaktik, mit der Hugo Chávez in Venezuela den Sozialismus einzuführen versucht; siehe den vorausgehenden Artikel).

Medien sind so etwas wie Differenzmelder. Sie sprechen auf Änderungen an, nicht auf Zustände. Und sie sprechen auf Änderungen nur an, wenn diese sich mit einer gewissen Schnelligkeit oder Dramatik vollziehen. Sie reagieren nicht, wenn das Faß sich füllt, sondern wenn es überläuft. Sie informieren uns nicht, wenn das Haus einen Riß nach dem anderen zeigt, sondern erst dann, wenn es in den Fugen kracht, wenn nicht gar einstürzt.



Jetzt wird die Schweinegrippe also wieder für ein paar Tage in den Medien sein. Danach wird sie wieder daraus verschwinden, während sie sich weiter exponentiell ausbreitet. Bis erneut etwas Dramatisches geschieht - bis vielleicht in Deutschland Hunderttausende erkranken. Oder dann, wenn ein Impfstoff entwickelt ist und der Run auf ihn einsetzt. Oder auch dann, wenn Tamiflu knapp wird.

Oder dann, wenn das eintritt, was noch immer nicht ausgeschlossen ist: Daß H1N1 eine hochvirulente Variante entwickelt. Dies ist die jetzige zum Glück nicht, obwohl die anfänglichen Berichte aus Mexiko es befürchten ließen. Die Mortalität ist gering. Hoffen wir, daß es so bleibt.



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6. Januar 2009

Zitat des Tages: "... er hat sein Leben beendet". Der Freitod Adolf Merckles und die Medien

Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen, und er hat sein Leben beendet.

Aus der Erklärung der Familie zum Freitod von Adolf Merckle.

Kommentar: Adolf Merckle war ein Opfer der Finanzkrise. Aber nicht als Opfer wurde er im größten Teil der Medien dargestellt, sondern man benutzte seine Schwierigkeiten, um ihn herabzuwürdigen, und mit ihm das freie Unternehmertum.

Selbst die "Welt" hat Adolf Merckle als "Zocker- Milliardär" verunglimpft. "Raffgierig, nachtragend und missgünstig - was ehemalige Mitarbeiter über Adolf Merckle sagen" war in der "Süddeutschen Zeitung" zu lesen, die befand "Mit bieder- schwäbischem, bodenständigem Unternehmertum hat das alles nicht viel zu tun".

Im "Deutschlandradio Kultur" verglich Dieter Rulff (einst "taz", dann "Die Woche", jetzt "Vorgänge") Adolf Merckle mit dem Sozialhilfe- Empfänger Rolf, der sich die Sozialhilfe nach Florida überweisen ließ:
Der "Florida-Rolf" des Jahres 2008 heißt Adolf Merckle. (...) In Rede steht eine Bürgschaftssumme von eine Milliarde Euro. Nun, darin unterscheidet sich Adolf Merckle immerhin von Florida Rolf, bei dem ging es nur um ein paar Tausender. (...)

Es gibt noch einen entscheidenden Unterschied zwischen den Beiden. Während der Staat bei Florida- Rolf kurzerhand die Gesetze änderte, um den Schaden zu minimieren und ihm kein Geld mehr zahlen zu müssen, sieht er sich bei Merckle genötigt, diesem Geld zu geben um den Schaden zu minimieren. Das ist der Unterschied zwischen arm und reich. (...)

Merckle ist also die Verkörperung dessen, was der Bundesfinanzminister Peer Steinbrück vor Augen hat, wenn er die Entsolidarisierung der Besserverdienenden, den Egoismus und die um sich greifende Gier eines Teils der Wirtschaftselite anprangert.
Journalisten wie dieser Dieter Rulff agitierten bis zur Wiedervereinigung auf der extremen Linken. "Ihr da oben, wir da unten", auf diese Formel brachten zwei Gesinnungsgenossen Rulffs, Bernt Engelmann und Günter Walraff, einmal dieses Weltbild.

Heute ist dieses Denken bis in die seriösen Medien vorgedrungen. Das ist das gesellschaftliche Klima, in dem sich Adolf Merckle das Leben nahm.



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2. Oktober 2008

Zitat des Tages: Zum Lachen. Deutschland begeht seinen Nationalfeiertag

ARD:

15:30 Wieder im Amt – Der Job seines Lebens (Komödie, D 2004)

17:10 Der Pauker (Komödie, BRD 1958)

ZDF:

11:05 Liebe, Jazz und Übermut (Schlagerklamotte, BRD 1957)

15:20 Der brave Soldat Schwejk (Satire, BRD 1960)

RTL:

14:35 Mein Partner mit der kalten Schnauze (Krimikomödie, USA 1989)

19:05 Mario Barth live (Komödiant) – Countdown zum Weltrekord!

Sat1:

09:00 Familie auf Umwegen (Komödie, USA 2004)

Pro 7:

14:40 Die nackte Kanone 33 1/3 (Slapstick- Komödie, USA 1994)

16:10 American Pie (Highschool- Komödie, USA 1999)

Aus den Programmen deutscher TV-Sender für den morgigen Nationalfeiertag.

Kommentar: Die Feststimmung, die sozusagen brüderliche Heiterkeit, auch der Nationalstolz, die den Nationalfeiertag in fast jedem Land der Welt prägen, gab es in Deutschland nicht, als unser Nationalfeiertag noch der 17. Juni war. Da freilich war auch nichts zu feiern, nur zu gedenken.

Diese Stimmung fehlt aber auch jetzt, wo wir etwas Positives zu feiern haben, nämlich unsere Wiedervereinigung.

Wenn man den Quatorze Juillet in Frankreich erlebt, dann ist das ein großes kollektives Feiern. Es ist ein Fest, das den ganzen Tag bestimmt.

Man geht vormittags zur Parade, zur Festveranstaltung. Man lädt dann Freunde ein, feiert bis in die Nacht. "On allumait une cigarette et tout s'allumait / Et c'était la fête, le quatorze Juillet" (Wir zündeten uns eine Zigarette an, und alles erstrahlte hell / und es war das Fest, der 14. Juli); ich habe es mitgesungen, in einer wunderbaren Nacht im Tal der Cèze.

Ähnlich kann man es in Holland erleben, in der Schweiz, bei den Feiern zum Fourth of July in den USA. Es ist das Normale; wie auch anders.

Nichts von dieser Stimmung in Deutschland. Was unseren Nationalstolz angeht, was das Gefühl nationaler Gemeinsamkeit angeht, scheinen wir Deutsche auch fast zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereingung und weit mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Nazizeit immer noch gehemmt, verdruckst, ja depressiv zu sein.

Anomal also, nicht auf dem Stand eines sozusagen erwachsenen, mit sich selbst einverstandenen Landes.

Und unsere Medien tragen teils dazu bei, daß diese depressive Stimmung aufkommt - gerade mal eine Stunde überträgt die ARD live, natürlich einen "Festakt". Nichts Heiteres, keine Feststimmung.

Teils suchen die TV-Anstalten die Tristesse dieses Feiertags, an dem nicht gefeiert wird, aber offenbar auch zu bekämpfen. Indem sie uns mit Komödien und Ulk aller Art eindecken, von morgens bis abends.



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29. Juni 2008

Marginalie: Warum ist Kurt Beck eigentlich SPD-Vorsitzender? Ja, warum denn nicht?

Nils Minkmar hat in der FAZ etwas über Kurt Beck geschrieben. Das Hauptthema dieses lesenswerten (wenn auch arg umständlich gechriebenen; muß denn wirklich einer "regressiven Verschwörungstheorie schon aus medienökologischen Gründen widersprochen" werden?) Artikels ist, wie positiv die Medien anfangs, nachdem er Vorsitzender der SPD geworden war, den Kurt Beck dargestellt und beurteilt haben.

Das ist so gewesen; nur vergißt man es heute leicht und kann sich kaum noch vorstellen, daß Beck einmal als Hoffnungsträger der SPD gefeiert wurde.

Wer vom Rathaus kommt, ist klüger. Und so weiß auch Nils Minkmar jetzt, daß man Beck nie hätte zum Vorsitzenden wählen sollen: "Die endgültige Verantwortung für dieses Desaster trägt ... die Führung der SPD, die einen erfolgreichen Ministerpräsidenten nie für die kurzfristige Lösung eines Personalproblems auf Bundesebene hätte verfeuern dürfen."

Nur hat sie das immer so gemacht, die SPD. Mal mit Erfolg, mal ohne.

Willy Brandt wurde Kanzlerkandidat, weil er ein erfolgreicher Regierender Bürgermeister gewesen war. Johannes Rau, Björn Engholm, Gerhard Schröder, zuletzt Matthias Platzeck - sie alle wurden allein deshalb als Vorsitzende und/oder Kanzlerkandidaten an die Spitze der SPD geholt, weil sie kurz zuvor in ihren Ländern Wahlen gewonnen hatten und folglich als Stimmenfänger galten.

So war es auch bei Kurt Beck; er hatte, als Platzeck ausfiel, als einziger Landespolitiker der SPD eine Wahl sehr erfolgreich bestanden.



Seit dem Abgang der Generation von Willy Brandt, Helmut Schmidt und Hans-Jochen Vogel hat die SPD zu keiner stetigen Führung mehr gefunden.

Statt Vorsitzende nach gründlicher Debatte auf lange Frist zu wählen und ihnen auch dann die Treue zu halten, wenn es mal schlecht läuft, nimmt sie denjenigen, der gerade durch einen Erfolg glänzt, verschleißt ihn und greift dann halt zum nächsten, der sich gerade anbietet, weil er eine Wahl gewonnen hat.

So traf es den redlichen Kurt Beck, der in der Tat, für jeden erkennbar, mit dem Amt des Ministerpräsidenten des schönen Weinlands Rheinland- Pfalz das erreicht hat, was er, wie man heute gern sagt, maximal schultern konnte.

Er hatte mit diesem Amt den "Gipfel seiner Kompetenz erklommen". So stand es hier zu lesen, am 21. März 2007, zu einer Zeit, als viele Kollegen von der gedruckten Presse Kurt Beck noch für den Hoffnungsträger der SPD hielten.



Freilich - nicht immer war es ein erfolgreicher Wahlkämpfer, den die SPD zu ihrem Vorsitzenden erkor. Rudolf Scharping wurde es, weil das die Mitglieder so gewollt hatten. Oskar Lafontaine wurde es, weil er die Delegierten eines Parteitags mit einer demagogischen Rede besoffen gemacht hatte. Gerhard Schröder wurde es, weil Oskar Lafontaine hingeworfen hatte und keiner wagte, dem Kanzler dieses Amt streitig zu machen.

Und Franz Müntefering wurde es, weil er die Partei im Griff hatte. Andrea Nahles könnte die nächste sein, die es aus diesem Grund wird.

Dann freilich wird man sich noch sehnsüchtig des tapsigen Kurt Beck erinnern.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

24. Juni 2008

Kurioses, kurz kommentiert: Swetlanas vergrößerter Busen und unser Weg in die klassenlose Gesellschaft

Ein ungewöhnlicher Banküberfall - Für mehr als eine Handvoll Oberweite

Swetlana wollte einen größeren Busen, hatte dafür aber nicht das nötige Geld. Deswegen überfiel ihr Freund eine Bank. Jetzt sitzt er im Gefängnis, und Swetlana tröstet sich mit einem anderen.


Raten Sie, wo man heute diese Meldung findet.

In der großen Zeitung mit den vier Buchstaben, oder in einer ihrer kleineren Schwestern? Falsch. Diese Meldung finden Sie im Augenblick auf der Homepage der Zeitung mit den drei Buchstaben. Und ein Klick führt Sie zu dem zugehörigen Artikel.

Kommentar: Wir leben in der egalitärsten Gesellschaft, die es jemals in Deutschland gegeben hat. Die Lebensumstände der Reichen, der Armen und der Schichten dazwischen gleichen sich immer mehr an. Wir sind auf dem Weg in die klassenlose Gesellschaft.

Dazu gehört auch, daß die Schichten hinsichtlich ihres Medienkonsums einander immer ähnlicher werden. Alle sehen dieselben TV-Programme, wenn sie auch aus diesen vielleicht manchmal eine unterschiedliche Auswahl treffen. Und alle lesen zwar nicht dieselben Zeitungen, aber alle Zeitungen können von allen gelesen werden.

Wenn man heute im ICE durch einen Erste- Klasse- Wagen geht, dann findet man unter den liegengelassenen Zeitungen die "Bild- Zeitung" ebenso wie die "Frankfurter Allgemeine" oder den "Kicker".

Auch die Journalisten sind heute längst nicht mehr so an eine bestimmte Art von Blatt gebunden, wie noch vor einigen Jahrzehnten. Ihre Mobilität ist ebenso groß geworden wie das Kaufverhalten der Konsumenten diffus.

Und so findet man denn das, was früher, als es noch ein Groschenblatt war, nur "Bild" zu einer Meldung verarbeitet hätte, heute in der Zeitung, hinter der einst immer ein kluger Kopf steckte.



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6. Mai 2008

Marginalie: "Nationaler Sicherheitsrat" - Pfui! Nach amerikanischem Vorbild? Pfui, pfui, pfui! Mit einer aktuellen Ergänzung

An dem von der Union verfolgten Plan, einen "Nationalen Sicherheitsrat" einzurichten, erscheint mir nur eines bedenklich, nämlich der Name.

"National Security Council" heißt das in den USA, und diesen Namen wollte man offensichtlich übernehmen.

Nur lautet dessen deutsche Übersetzung nicht "Nationaler Sicherheitsrat", sondern "Rat für nationale Sicherheit". National ist nicht der Rat; sondern es ist die Sicherheit. Das Adjektiv "national" gehört zu "security", nicht zu "council". Und da wir dort, wo in den USA "national" steht, im Allgemeinen in Deutschland "Bund" oder "Bundes" sagen (eine "national police" ist zB eine "Bundespolizei"), wäre die richtige Bezeichung eigentlich "Bundessicherheitsrat", wäre diese Bezeichnung nicht schon für ein anderes Gremium vergeben.

Aber so wenig, wie offenbar über die Bezeichnung nachgedacht wurde, die in der jetzigen Form sofort negative Assoziationen zu dem Wort "national" auslöst, scheint die Union überhaupt die öffentliche Diskussion dieses Themas vorbereitet zu haben.

Denn nicht sie, die Initiatorin, beherrscht in den heutigen Medien diese Diskussion, sondern die Gegner der Initiative. "Spiegel Online" hat deren Äußerungen genüßlich zusammengestellt. Die "Netzeitung" liefert in ihrer Titelzeile die bündige Zusammenfassung: "Union allein gegen alle beim 'Sicherheitsrat'".

In der Tat: Der Linksgrüne Trittin ("Generalangriff auf die Grundrechte im Inneren") ist sich einig mit dem Liberalen Guido Westerwelle ("Wir sind sehr alarmiert"). Der SPD-Linke Niels Annen erkennt eine Demaskierung: "Jetzt zeigt sich das wahre Gesicht der Außenpolitik der CDU."

Die Kommunistin Petra Pau weiß, was die CDU will: "Die Innen- und die Außenpolitik sollen weiter militarisiert werden". So steht es in der "Jungen Welt", deren Berichterstattung zu diesem Thema so beginnt: "Union will Kriegskabinett. Militarismus soll auch offiziell wieder erste Priorität für deutsche Politik werden".

Die ultimative Kritik aber kommt heute nicht von den Kommunisten, sondern von dem SPD- Sicherheitsexperten Rainer Arnold: "Das wäre eine völlige Amerikanisierung der deutschen Sicherheitspolitik".

Ja dann!

Etwas nach amerikanischem Vorbild zu machen, ist pfui. Etwas Nationales zu machen, ist pfui. Etwas, das "National" im Namen führt, nach amerikanischem Vorbild zu machen, ist also pfui, pfui, pfui.

Da darf geholzt werden. Da lodert die Empörung. Da wird, so sollen wir glauben, ein Kriegskabinett gebildet, zwecks Angriffs auf die Grundrechte.



Und was tut die CDU zur Abwehr dieses Versuchs der Linken (und leider auch der FDP), das Konzept eines solchen Rats in der Öffentlichkeit madig zu machen, bevor überhaupt dessen Intention, seine geplante Struktur und Zusammensetzung dargelegt wurden?

Eckart von Klaeden hat sich zu dem Thema gegenüber den "Ruhr- Nachrichten" geäußert, aber diese haben das Interview noch nicht einmal auf ihre WebSite gestellt.

Und wenn man auf die WebSite der Bundestagsfraktion von CDU und CSU geht, dann findet man dort im Augenblick Themen wie "Union will möglichst viel Vorsorge", "Klimaschutz beim Bauen und Wohnen muss praktikabel und wirtschaftlich sein", "Kauder: Bei uns ist kein Rentner wirklich arm" und "Kunst und Kultur gehören zum Leben".

Und unsere Sicherheit vor terroristischen Angriffen, gehört die auch zum Leben? Auf dieser WebSite muß man jedenfalls schon recht weit nach unten scrollen, um nein, nicht auf eine Antwort der CDU/CSU auf die Angriffe der anderen Parteien, nicht um auf eine Erläuterung des Konzepts eines "Nationalen Sicherheitsrats" zu stoßen. Sondern um eine Einladung zu finden.

Für den kommenden Mittwoch, 7. Mai 2008, 14.30 bis 18.00 Uhr nämlich wird eingeladen zu einer "Konferenz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion: Eine Sicherheitsstrategie für Deutschland". Mit Referaten von Unionspolitikern, von internationalen Sicherheitsexperten.

Sehr lobenswert. Nur - wenn dann die Ergebnisse dieser Konferenz vorliegen und der Öffentlichkeit mitgeteilt werden, haben die Gegner das Thema längst besetzt und in der Öffentlichkeit die Angst vor Amerikanisierung, vor einem Angriff auf die Grundrechte, vor einem Kriegskabinett geschürt.

Wie so oft. Die CDU breitet in der Öffentlichkeit die "weichen Themen" aus, wie die zitierten auf ihrer WebSite. Und bei Themen wie Sicherheit, Verhältnis zu den USA, internationale Verantworung der Bundesrepublik hält man sich (mit Ausnahme des unerschrockenen Wolfgang Schäuble) vornehm zurück, so daß die Opposition, inclusive derer innerhalb der Regierungspartei SPD, diese Felder besetzen kann.




Aktuelle Ergänzung: Das Strategiepapier, das morgen von der CDU diskutiert werden soll, liegt jetzt vor. Das Wichtigste daraus findet man, mit sehr lesenswerten Kommentaren, in "The Outside of the Asylum".



Mit Dank an C. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

19. April 2008

Zettels Meckerecke: Jetzt nehmen sich die Brüsseler Bürokraten auch noch die Medien vor!

Nein, nicht Medien wie Presse und TV sind gestern in London marschiert. Sondern, so meldet Reuters, Medien wie Heiler und Wahrsager. Sie sind vor 10 Downing Street gezogen, "the home of the British Prime Minister", wie die Briten das ausdrücken.

Wollten sie Gordon Browns Gesundheit stärken oder ihm weissagen, wie es mit seiner Regierung weitergehen wird? Keineswegs. Gordon Brown war - das hatten die Hellseher wohl nicht vorhergesehen - auch gar nicht "at home".

Aber es ging ihnen auch nicht um Brown. Sie wollten nur, mit angemessenem Tamtam, eine Petition abliefern, unterschrieben von nicht weniger als 5000 Übersinnlichen. Von "Psychics" also, wie man sie in Großbritannien nennt.

Denn ihnen droht Übles aus Europa; Ungemach, das sich für die Mentalen sehr materiell auswirken kann. Die Brüsseler Bürokratie will wieder einmal zuschlagen. Ausgerechnet in dem Land, in dem 1882 die erste Parapsychologische Gesellschaft, die Society for Psychical Research, gegründet wurde und in dem Oscar Wilde das Gespenst von Canterville unter amerikanischer Unkultur leiden ließ.

Es geht um nichts Geringes. Es geht um eine fundamentale, ja metaphysische Frage: Befinden wir uns, wenn Handaufleger und Spökenkieker, wenn Geisterseher und Geistheiler ihre Dienste anbieten und verrichten, im Bereich des Kommerzes oder der Religion?



Bisher wirkten die Medien im Vereinigten Königreich im gesetzlichen Rahmen des Fraudulent Mediums Act von 1951; des Gesetzes gegen betrügerische Medien also. Es sah eine Bestrafung vor, wenn einem Medium Betrug nachgewiesen werden konnte.

Die von Brüssel ins Auge gefaßte Regelung, die die Briten dann in Gesetzesform zu gießen und an die Stelle des Fraudulent Mediums Act zu setzen hätten, sieht hingegen vor, daß Medien nachweisen müssen, daß sie wirklich in die Zukunft sehen, durch Handauflegen heilen, Kontakt mit Verstorbenen herstellen können.

Können sie das nicht, dann müssen sie - so soll es die geplante Brüsseler Direktive bestimmen - ihren Kunden ausdrücklich mitteilen, daß ihre Dienstleistungen nur der Unterhaltung dienen oder daß es sich um Experimente handelt, bei denen man nicht weiß, was herauskommt.

Das empört die Medien verständlicherweise. "If I'm giving a healing to someone, I don't want to have to stand there and say I don't believe in what I'm doing," sagte dazu Carole McEntee- Taylor, eine Heilerin und Mitbegründerin der Spiritual Workers Association, der "Vereinigung der Geistarbeiter" also, wenn man es wörtlich übersetzt. Wenn sie jemandem eine Heilung verabreiche, dann wolle sie sich nicht hinstellen und sagen, daß sie nicht an das glaube, was sie tue.

Und dann sagte sie noch das mit der Religion: Nach der EU-Direktive kehre sich die Beweislast um. Nicht dem Medium muß mehr bewiesen, betrogen zu haben. Sondern es muß umgekehrt selbst nachweisen, daß seine Dienste wirksam sind. "No other religion has to do that", meinte Frau McEntee- Taylor dazu, keine andere Religion tue das.

Da muß man ihr Recht geben. Bisher ist in der Tat noch nicht einmal die Brüsseler Bürokratie auf den Gedanken gekommen, von Priestern, Pfarrern, Rabbis und Imams zu verlangen, den Wahrheitsgehalt ihrer wenn auch nicht Heilungs- so doch Heilsversprechen nachzuweisen.



Ich hätte nicht gedacht, daß ich einmal Geistheiler und Wahrsager verteidigen würde. Aber jetzt tue ich es: Das Ansinnen, die Wirksamkeit ihrer Dienste nachzuweisen oder aber faktisch einzugestehen, daß sie unwirksam sind, kommt mir noch inhumaner vor als das Rauchverbot in Kneipen.

Ich bin der Überzeugung, daß diese Leute nicht über die von ihnen behaupteten Kräfte verfügen. Aber wenn ein Patient X sich einem Heiler Y anvertrauen will - was geht das dann mich an? Wer bin ich, daß ich mich da einmischen dürfte?

Und was geht es die Brüsseler Bürokraten an? Wir kritisieren sehr zu Recht den Islam, weil er es beansprucht, alle Lebensbereich zu durchdringen. Tut Brüssel, tun die dortigen Seilschaften und Lobbyisten, die Ideologen und Sozialingenieure und die mit ihnen kooperierenden Beamten denn etwas anderes?

Ich bin immer noch ein überzeugter Europäer. Aber das Europa, das sich gegenwärtig entwickelt, das uns nicht mehr größere Freiheit, sondern zunehmend mehr Bevormundung und Unfreiheit bringt, hat meine Zustimmung immer weniger.



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10. April 2008

Marginalie: Etwas für die, die Paris mögen und das freie Unternehmertum. Und eine gute Nachricht für Nachtschwärmer

Dies ist wirklich eine Marginalie, etwas am Rande betreffend. Aber dieses Etwas finde ich aus drei Gründen mitteilenswert: Wegen der Pfiffigkeit eines Einfalls, als Beispiel für Innovation und Privatinitiative in einer freien Wirtschaft und - auf einer anderen Ebene - als Gelegenheit für mich, auf einen Sender aufmerksam zu machen, auf den ich schon seit einigen Wochen aufmerksam machen wollte; aber es fehlte der Anlaß.



Also, der Reihe nach. Zuerst der Sender.

Seit März ist über Astra ein neuer französischer Sender zu empfangen, der Pariser Regionalsender NRJ Paris, das neueste Produkt der Mediengruppe NRJ.

Ein munterer Informationssender mit den beiden Schwerpunkten Kultur und, sagen wir, Leben in Paris. Viele Ausschnitte aus aktuellen Theateraufführungen, Berichte über Ausstellungen und sonstige kulturelle Ereignisse. Dazu Backstage- Berichte, Interviews nicht mit Politikern, sondern mit Künstlern, Pariser Originalen, interessanten Einwohnern wie dem Sultan von Brunei.

Aber auch Reportagen über Restaurants, über Dies und Jenes aus dem Leben der Pariser. Zum Beispiel in den letzten Tagen über die Péniches, die Hausboote auf der Seine, über den Place Vendôme mit seinen Geschäften und seinem Luxusrestaurant im Hotel Ritz; über das Pariser System der Leihfahrräder; dergleichen.

Viele Straßenbefragungen aus dem gesamten Raum Paris; der Île-de-France. Man sieht den Befragten und dazu jeweils, in einem anderen Fenster auf dem Bildschirm, seinen Standort in diesem Großraum. Wie überhaupt mit der Technik von Quantel optisch sehr Ansprechendes geboten wird.

Kurz: Das ist für jemanden, der gern auf dem Laufenden bleiben möchte, was sich in Paris tut, der ideale Sender; auch für alle, die einen Ausflug nach Paris planen und wissen möchte, was man nicht verpassen sollte.



Nun zu Innovation und Pfiffigkeit.

NRJ brachte heute einen Bericht über "Captain Rideback". Rideback? Nein, nicht "auf dem Rücken der Pferde" sollte uns dazu einfallen, sondern "Heimfahrt". Denn es handelt sich um einen Service für Leute, die im Pariser Nachtleben sich ein wenig, wie man im Französischen sagt, zuviel "begossen" haben (s'arroser).

Die meisten Pariser, die das vorhaben, suchen ihre Bar, ihr Café Tabac, ihr Bistrot zu Fuß oder mit der Métro auf. Aber viele benutzen doch auch das Auto. Dann stellt sich das bekannte Problem: Wie nach Hause kommen?

Wie in Deutschland hatte man in Paris bisher eigentlich nur die Möglichkeit, ein Taxi mit zwei Fahrern zu bestellen, von denen einer das Auto nach Hause fährt. Das kostete dann das Doppelte einer normalen Taxifahrt.

Da nun hat ein pfiffiger Existenzgründer eingehakt, eben mit "Captain Rideback". Er kommt auf einem kleinen Klapp- Motorrad angefahren. Wenn er den Gast aus der Kneipe in dessen Auto verfrachtet hat, lädt er das zusammengeklappte Moto in den Kofferraum und fährt ihn nach Hause. Dann steigt er wieder auf sein Moto und wartet auf den nächsten Anruf.

Anderswo gibt es dergleichen wohl schon. Aber im Großgraum Paris, so der Bericht, ist es eine Premiere.

Und wer mag, kann diesen Service sogar abonnieren.

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20. März 2008

Zitat des Tages: Aus der Rede von Präsident Bush. Und vom Wegsehen deutscher Medien

The surge has done more than turn the situation in Iraq around -- it has opened the door to a major strategic victory in the broader war on terror.

For the terrorists, Iraq was supposed to be the place where al Qaeda rallied Arab masses to drive America out. Instead, Iraq has become the place where Arabs joined with Americans to drive al Qaeda out.

In Iraq, we are witnessing the first large-scale Arab uprising against Osama bin Laden, his grim ideology, and his murderous network. And the significance of this development cannot be overstated.


(Der surge [der "Vorstoß", also die Truppenverstärkung und anschließende Offensive; Zettel] hat nicht nur die Lage im Irak gewendet - er hat die Tür für einen wichtigen strategischen Sieg in dem umfassenderen Krieg gegen den Terror geöffnet.

Für die Terroristen sollte der Irak der Ort werden, an dem die El Kaida die arabischen Massen um sich scharen wollte, um Amerika zu vertreiben. Stattdessen ist der Irak der Ort geworden, an dem sich Araber mit den Amerikanern zusammentaten, um die El Kaida zu vertreiben.

Im Irak sind wir Zeugen des ersten großen arabischen Aufstands gegen Osama bin Laden, seine unerbittliche Ideologie und sein Netzwerk des Mordens. Und die Bedeutung dieser Entwicklung kann gar nicht genug betont werden.)

Aus der gestrigen Rede von Präsident Bush zum fünften Jahrestag des Beginns des Irak- Kriegs.

Kommentar: Wenn man sich die deutsche Berichterstattung zu diesem Jahrestag allgemein und speziell zur Rede des Präsidenten ansieht - der offen agitatorische Bericht von Marc Pitzke in "Spiegel Online" ist wieder einmal nur die zur Kenntlichkeit entstellte Variante des allgemeinen Tenors der deutschen Leitmedien - , dann hat man den Eindruck, diese Medien seien Opfer einer Nachrichtensperre geworden, die sie von der Entwicklung des letzten halben Jahres im Irak abgeschnitten hat.

Zu dieser Haltung des Wegsehens gehört, daß die dramatische Änderung der Allianzen, die sich bereits im Januar 2007 andeutete, die im März 2007 deutlich erkennbar war und die schon im Juni 2007 ihre militärischen Früchte trug, noch immer von den meisten unserer Medien nicht zur Kenntnis genommen wird. (Einen Überblick über die weiteren Beiträge der Serie "Ketzereien zum Irak", in der diese Entwicklung dokumentiert ist, findet man hier).

Eine Zeitlang konnte die El Kaida hoffen, zu so etwas wie der Kerntruppe eines allgemeinen Aufstands der Sunniten zu werden. Aber das ist lange vorbei.

Die sunnitischen Stämme in den Provinzen, in denen die El Kaida das versucht hatte - vor allem Anbar, Salahadin und Dilaya nördlich von Bagdad - erkannten sehr bald, welche mörderische und fanatische Besatzungstruppe da agierte und wo ihre, der Beduinen, wahre Interessen lagen.

Allerdings hatten die Beduinen zunächst auf eigene Faust die El Kaida bekämpft und gezögert, sich offen auf die Seite der USA zu stellen, solange diese am Verlieren zu sein schienen.

Das hat sich mit dem surge geändert. Inzwischen rekrutiert sich aus diesen Stämmen eine Anti- El-Kaida- Truppe (die "Sons of Iraq"), die bereits 91.000 Freiwillige umfaßt.

In unseren Leitmedien ist davon wenig zu erfahren. Kein Wunder, daß viele Leser es "Spiegel Online" abnehmen dürften, daß die Rede Präsident Bushs "Schönfärberei" sei.

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17. Februar 2008

Marginalie: Jugendkriminalität, Steuerkriminalität. Wie verhalten sich die Medien?

Ist Ihnen das auch aufgefallen?

Als zwei Jugendliche "mit Migrationshintergrund" einen Rentner in München überfielen, als danach einige Tage lang weitere Fälle dieser Art durch die Presse gingen, da gab es viel Empörung. Zorn über das Verbrechen, Zorn darüber, daß Bürger nicht besser gegen solche Verbrecher geschützt sind.

Wie haben die Medien (die großen; MSM nennt man sie im Englischen) darauf reagiert?

Sie haben zwar berichtet, aber sie haben zugleich immer wieder darauf aufmerksam gemacht - sehr zu Recht darauf aufmerksam gemacht -, daß es sich um einzelne Kriminelle handelt. Daß keineswegs alle Jugendliche ausländischer Herkunft oder auch nur ein relevanter Teil von ihnen kriminell seien.

Sie haben nicht versucht, einen Volkszorn gegen die Täter, gar gegen die Gruppe, aus der sie stammen, anzuheizen. Sie haben sich verantwortlich benommen. Sie haben differenziert, zur Vernunft und zum Augenmaß gemahnt.

Sie haben sich so benommen, wie man es von Medien erwarten darf, die unseren freiheitlichen Rechtsstaat bejahen und nicht gegen ihn agitieren wollen.



Gegenwärtig richtet sich ein sehr ähnlicher Volkszorn gegen Steuerhinterzieher. Auch da wird von den Medien breit berichtet. So, wie es ihre Aufgabe ist.

Aber wird dort auch darauf hingewiesen, daß es sich um (vermutete) Verfehlungen einzelner handelt? Heben auch hier die Kommentatoren mahnend den Finger und weisen darauf hin, daß die allermeisten der Manager, der allergrößte Teil der Reichen nicht kriminell sind? Ich sehe eher das Gegenteil.

Damals wurde Roland Koch dafür, daß er das Thema der Kriminalität ausländischer Jugendlicher im Wahlkampf ansprach, massiv angegriffen und des Populismus bezichtigt.

Man darf gespannt sein, ob die SPD, die bei diesen Beschuldigungen gegen Koch ganz vorn war, jetzt ihre eigenen damaligen Ermahnungen berücksichtigt und das Thema der Steuerhinterziehung von Managern aus dem Hamburger Wahlkampf heraushält.

Damit nicht der Zorn gegen einzelne (vermutete) Täter sich am Ende gegen unsere freie Wirtschaftsordnung richtet. So, wie es damals vermieden werden mußte, daß der Zorn gegen einzelne Kriminelle sich gegen einen freien Staat richtet, in dem auch Einwanderer ihren Platz haben.



Warten wir's ab.

Warten wir ab, ob vielleicht ein Gruppe von SPD- "Spitzenpolitikern" einen Offenen Brief verfaßt, in dem sie konstatiert "Die freie Marktwirtschaft ist so fundamental für die Zukunft unseres Landes, dass sie nicht zum Wahlkampfthema degradiert werden darf."

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5. Februar 2008

Marginalie: Eine informative "Abstimmung"

Bei "Welt Online" kann man gegenwärtig per Abstimmung kundtun, wem von den US- Präsidentschaftskandidaten man "für die weiteren US-Vorwahlen die Daumen drückt".

Aktueller Stand: 6934 Stimmen abgegeben. Davon 33 Prozent für Clinton, 53 Prozent für Obama, 2 Prozent für Romney und 10 Prozent für McCain. 2 Prozent klickten "ein anderer Kandidat" an.

Kommentar: "Die Welt" ist kein linkes Blatt. Auch "Welt Online" dürfte nicht überwiegend von Menschen mit einer dezidiert linken politischen Position gelesen werden.

Trotzdem haben von fast siebentausend Lesern 86 Prozent für einen der beiden Kandidaten der US-Linken gestimmt und ganze 12 Prozent für einen der beiden konservativen Kandidaten.

Ich vermutet, dieses Verhältnis von 7 zu 1 dürfte ungefähr der Häufigkeit entsprechen, mit der über die linken und die konservativen Kandidaten in unseren Medien berichtet wird.

Mit dem Tenor der Berichte - wie positiv, wie negativ die Kandidaten dargestellt werden - dürfte dieses Zahlenverhältnis ebenfalls korrelieren.

Ein bessers Indiz dafür, wie sehr die deutschen Medien inzwischen von der Linken dominiert werden, bis hin zu einst konservativen oder liberalen Blättern wie der FAZ, der "Welt" und der "Zeit", dürfte man schwerlich finden. Von den Öffentlich- Rechtlichen ganz zu schweigen.

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3. Februar 2008

Marginalie: Kennen Sie den Kandidaten Brendan O'Bama?

Nein? Dann stellen Sie sich ihn bitte vor:

Er kandidiert für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten; vorerst in den Primaries. Er ist 47 Jahre alt, Sohn eines in die USA eingewanderten Iren und einer Amerikanerin; ursprünglich Katholik, dann zum Protestantismus konvertiert. Er ist Jurist und hat, bevor seine politische Karriere begann, in Baptisten- Gemeinden Sozialarbeit gemacht.

Brendan O'Bama ist ein Evangelikaler, born again, so wie die Präsidenten Carter und George W. Bush.

Im Wahlkampf tritt er in der Pose des Erlösers auf. Er verspricht, alle sozialen und politischen Spaltungen zu überwinden. "Es gibt keine blauen und keine roten Staaten, es gibt nur die Vereinigten Staaten" ist einer seiner Lieblingssätze.

Auf seine Zuhörer wirkt er mit persönlicher Faszination. Er bringt sie dazu, immer wieder rhythmisch Parolen zu rufen wie "Yes, we can".

Zu Sachfragen ist er selten präzise. Obwohl er als Senator durchweg mit den Rechtskonservativen gestimmt hat, stellt er sich jetzt als derjenige dar, der als einziger das Volk einen kann. Er verspricht, mit der bisherigen Geisteshaltung (mindset) Schluß zu machen und etwas ganz Neues zu beginnen.

Kurz, er ist der Kandidat der "Volksgemeinschaft", der kollektiven Begeisterung, des Gefühls statt des nüchternen Verstands.



Wie, lieber Leser, würden Sie diesen Brendan O'Bama finden? Wie, denken Sie, würde er wohl von unseren liberalen Medien beurteilt werden?

Diesen Medien, nicht wahr, würden Assoziationen zu Mussolini, zu Perón, vielleicht gar zu Hitler einfallen. Man würde O'Bama einen Populisten nennen, einen Verführer, einen Demagogen.

Man würde sich Sorgen machen, daß so viele - zumal junge - Amerikaner auf O'Bamas Appell an ihre Emotionen, an ein dumpfes Gemeinschaftsgefühl hereinfallen. Wohin würden die USA driften, wenn dieser Mann Präsident werden sollte?

Nicht wahr, das würden unsere Medien besorgt fragen.



Tun sie aber nicht. Tun sie nicht bei dem realen Barack Obama, den ich als Brendan O'Bama nur unwesentlich verfremdet habe. Sondern sie behandeln ihn so ungemein freundlich wie zum Beispiel heute im Presseclub.

Vielleicht habe ich ihn ja gar nicht unwesentlich verfremdet, sondern wesentlich. Nämlich aus einem linken Populisten mit dem Gestus des Erlösers einen rechten gemacht.

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21. Januar 2008

"Polizei prügelt Schwarzen". Eine Empörung seinerzeit. Dazu jetzt eine Recherche

Erinnern Sie sich noch an den Vorfall, der im Juni 2004 die ganze Welt empörte und der auch in Deutschland seine Wellen schlug? "Polizei prügelt Schwarzen" titelte damals zum Beispiel die "Berliner Zeitung". In ihrem Bericht hieß es:
Die jüngsten Video-Bilder aus Los Angeles haben Empörung ausgelöst: Ein afro- amerikanischer Mann rennt aus einem Auto, bleibt plötzlich stehen und hebt seine Arme in die Höhe. Es ist eine Geste der Kapitulation. Kurze Zeit später sieht man den Mann am Boden liegen, Polizisten sind über ihn gebeugt, einer von ihnen schlägt immer wieder auf den Mann ein. (...)

Die Männer - alles Weiße - würden umgehend entlassen und angeklagt, sollte sich der Vorwurf übermäßiger Gewalt bestätigen, kündigte Bürgermeister James Hahn an. (...) Zudem traf sich der Polizeichef von Los Angeles bereits mit Vertretern der verschiedenen Afro- Amerikanischen Gemeinden der Stadt. Sie fordern drastische Maßnahmen gegen die Polizisten, vor allem aber gegen John Hatfield, jenen Polizisten, der mit einer Taschenlampe auf den 36-jährigen Stanley Miller eingeschlagen hat.
Ich war damals, als die Bilder im TV liefen, auch empört über die, so schien es, offensichtliche Brutalität dieser weißer Polizisten gegen einen Schwarzen, der schon hilflos am Boden lag.

Jetzt bin ich wieder auf den Fall gestoßen, und zwar durch eine Kolumne von Steve Lopez in der gestrigen Los Angeles Times.

Auch Lopez hatte seinerzeit gegen den Polizisten Hatfield gewettert, der nach dem Vorfall aus dem Dienst entfernt wurde und inzwischen eine Umschulung zum Krankenpfleger macht, aber auf Wiedereinstellung klagt. Lopez hat den Fall jetzt nachrecherchiert und Interviews geführt; unter anderem hat er ausführlich mit Hatfield gesprochen. Und es stellte sich Überraschendes heraus.



Was den Vorwurf des Rassismus angeht, so hatte es von vornherein dafür nicht das geringste Indiz gegeben. Er entstammte schlicht dem Vorurteil, daß weiße Polizisten, die auf einen Schwarzen einschlagen, das aus Rassismus tun. Ein Vorurteil, das man seltsamerweise gerade bei Menschen findet, die sich sonst vehement gegen Vorurteile einsetzen.

John Hatfield weist, so schildert es Lopez, den Vorwurf des Rassismus nicht nur empört zurück, sondern er tut das auch mit guten Gründen. Hatfield ist mit einer Iranerin verheiratet, seine Mutter stammt aus Mexiko, und Trauzeuge bei seiner ersten Eheschließung war ein Schwarzer. Nicht eben das klassische Bild des weißen, rassistischen Polizisten, wie es seit dem Film "In der Hitze der Nacht" in den Köpfen festsitzt.



Wie kam es nun zu der Szene, die zufällig aus einem Polizei- Hubschrauber heraus gefilmt worden war und die soviel weltweite Empörung ausgelöst hatte?

Das Auto, aus dem der Mann - Stanley Miller - , wie es in der Meldung heißt, "rennt", war ein Toyota Camry, den er gestohlen hatte. Er war erwischt worden, und mehrere Polizeiwagen hatten seine Verfolgung aufgenommen.

Während der Verfolgung bückte Miller sich mehrfach, so als wolle er eine Waffe aufheben, sagte Hatfield. Der Polizist öffnete deshalb die Tür seines Wagens, um sie als Schutzschild gegen etwaige Schüsse einzusetzen.

Nach einer dreißigminütigen Verfolgungsjagd durch den Süden von Los Angeles hält der Dieb an und setzt die Flucht zu Fuß fort. Hatfield ist der Dritte in der Reihe der Polizisten, die die Verfolgung aufnehmen. Sie vermuten, daß Miller seine Waffe mitgenommen hat, denn er hält beim Laufen den linken Arm eng an die Brust gedrückt.

Dann ist er am Ende seines Atems. Er bleibt stehen und hebt die Hände hoch. Ein Polizist richtet zunächst die Pistole auf Miller, steckt sie dann aber wieder ins Halfter und versucht den Dieb zu packen. Die spätere Untersuchung stellte fest, daß das ein schwerer Fehler gewesen war; der Polizist hätte seine Pistole so lange auf Miller gerichtet lassen müssen, bis andere ihm Handschellen angelegt hatten.

Stattdessen kommt es jetzt zu einem Handgemenge, an dem sich Hatfield beteiligt. Am Ende befinden sich Miller und Hatfield beide am Boden. Hatfield kniet auf Miller und schlägt mit der Taschenlampe auf ihn ein. Das ist die Szene, die weltweit Empörung auslöste.

Hatfield sagt dazu, ein anderer Polizist habe gerufen, der Dieb hätte immer noch eine gun. In der Tat hätte Miller weiter seinen linken Arm unter seiner Brust versteckt gehalten. Um diesen Arm sei es ihm, Hatfield, gegangen, als er mit der Taschenlampe zuschlug. Offenbar wollte er dadurch erreichen, daß Miller den Arm freigab, so daß man ihm die vermutete Waffe abnehmen konnte.

Der Autor Lopez schreibt dazu, als er das Video gemeinsam mit Hatfield angesehen habe, hätte dieser ihn davon überzeugt, daß Miller noch keineswegs unter Kontrolle ("restrained") war, als Hatfield mit der Taschenlampe zuschlug.

Nach der Festnahme stellte sich heraus, daß die Vermutung, Miller hätte eine Waffe bei sich gehabt, irrig gewesen war.



Ich habe das Geschehen so detailliert geschildert, um deutlich zu machen, wie trivial es gewesen ist. Bei einer Festnahme wehrt sich ein Verbrecher, und die Polizisten wenden Gewalt an, "unmittelbare Gewalt", wie es in der deutschen Polizeisprache heißt.

Was man den an diesem Vorfall beteiligten Polizisten vorwerfen kann, das ist unprofessionelles Verhalten. Man hätte Miller offenbar, wenn man ihn mit der Pistole in Schach gehalten hätte, ohne Gewalt festnehmen können. Er hatte ja auch schon die Hände gehoben, sich also anscheinend ergeben gehabt.

Das ist aber auch alles, was von dem bleibt, was als angeblicher Fall von brutalem Rassismus um die Welt ging.

Und wie ging es in Los Angeles weiter?

Miller, der bei dem Handgemenge leichte Abschürfungen erlitten hatte, erhielt dafür eine Entschädigung von 450.000 Dollar. Für den Versuch, sich seiner Festnahme zu entziehen, wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt.

Hatfield, der zuvor acht Jahre ohne Beanstandung Dienst getan hatte, wurde entlassen, nachdem ein Disziplinargericht ihm "unkontrolliertes Verhalten" vorgeworfen hatte. Er kämpft jetzt um seine Rehabilitierung.



Wie konnte es geschehen, daß ein Polizist wegen eines so geringfügigen Vergehens so hart bestraft wurde?

Lopez sprach darüber mit einer Bürgerrechtlerin und Polizeikritikerin, Connie Rice. Auch mit ihr sah er gemeinsam das Video an. Sie meinte, das Fehlverhalten der Polizisten sei auf mangelnde Ausbildung zurückzuführen.

Hatfields Schläge seien trotzdem nicht zu entschuldigen, und er hätte, sagte sie, z.B. eine vorübergehende Suspendierung verdient gehabt. Aber daß er gefeuert wurde, hält sie für falsch. Er sei ein Polizist gewesen, der sich um Jugendliche gekümmert, der beispielsweise Geld für ein Stipendien- Programm gesammelt hätte, das Kindern aus einkommensschwachen Familien zugute kommen sollte. "Einer von den Guten".

Warum also wurde er gefeuert, fragte Lopez die Bürgerrechtlerin Rice.
"The rules are different" in a high-profile incident, Rice said, especially one involving a black suspect and an African American community that sees the LAPD through an 80-year prism. There were protests at the time, comparisons to the Rodney King case and a call for heads to roll. "I think the pressure to respond to the community was huge."

"Die Regeln sind anders", wenn es sich um einen Vorfall handelt, der im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit steht, sagte Rice. Vor allem, wenn es sich um einen schwarzen Verdächtigen handelt und um eine afro- amerikanische Gemeinschaft, die das LAPD [die Polizeibehörde von Los Angeles; Anmerkung von Zettel] durch das Brennglas von 80 Jahren sieht. Es gab damals Proteste, Vergleiche mit dem Fall Rodney King und den Ruf danach, daß Köpfe rollen müßten. "Ich glaube, daß der Druck, auf die [afro- amerikanische] Gemeinschaft zu reagieren, immens war".
Das sagte nicht die Anwältin von John Hatfield, sondern eine Bürgerrechtlerin, die sich gegen Polizei- Übergriffe engagiert.



Am Ende seines Artikels stellt Lopez sich selbst die Frage, ob Hatfield denn nun hätte gefeuert werden sollen. Überraschenderweise - überraschend, wenn man seinen Artikel gelesen hat - antwortet er mit ja. Und zwar deshalb, weil der Polizeipräsident Bratton, der damals zwei Jahre im Amt gewesen war, hätte beweisen müssen, daß sich bei der Polizei von Los Angeles etwas geändert hätte.

Ich kann mich dem Zynismus, der in dieser Antwort liegt, nicht anschließen. Einem Polizisten ist offensichtlich Unrecht getan worden. So etwas kann aus meiner Sicht niemals durch politische Gründe gerechtfertigt werden.

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2. Januar 2008

Marginalie: Seltsame Serien

Das erste Mal ist es mir in den achtziger Jahren aufgefallen. Da war infolge eines Chemie- Unfalls bei Basel Gift in den Rhein geraten, was großes Aufsehen erregte. In den Wochen danach häuften sich ähnliche Fälle. Es war wie verhext. Mal war der Rhein wieder betroffen, mal ein anderer Fluß.

Zwei seltsame Serien dieser Art haben wir zum Ausgang des Alten Jahres erlebt.

Erst häuften sich die Fälle von vernachlässigten, von verwahrlosten Kindern.

Und in der letzten Woche des Jahres passierte dasselbe mit Überfällen Jugendlicher auf ältere Menschen. Es begann mit dem Überfall von zwei jugendlichen Kriminellen auf einen Rentner in der Münchner U-Bahn. Binnen einer Woche hat sich die Tat wiederholt, nur daß es diesmal nicht um Rauchen ging, sondern um zu laute Musik. In Berlin wurde ein Mann von Jugendlichen zusammengeschlagen, weil er diese gebeten hatte, keine Knallkörper auf den Bahnsteig zu werfen.



Waltet da ein geheimnisvolles Gesetz der Serie? Nein, natürlich nicht. Das Gesetz, das da waltet, regelt, was von den zahllosen Nachrichten, die täglich in der Lokalpresse und im Polizeibericht stehen, von den Agenturen übernommen wird und damit in die überregionalen Medien gelangt.

Natürlich wurden auch vor dem Sandoz-Unfall in den achtziger Jahren schon schädliche Abwässer in den Rhein eingeleitet. Natürlich gibt es immer wieder Fälle, in denen Eltern ihre Kinder vernachlässigen. Und selbstverständlich ist es bundesdeutscher Alltag, daß Jugendliche auf Erwachsene einprügeln, die sie wegen irgend etwas zur Rede stellen. Manchmal auch einfach nur so, weil sie Bock darauf haben.

Nur schaffen es diese Meldungen allenfalls vom Polizeibericht auf die Lokalseiten. In Großstädten meist sogar nur die des jeweiligen Stadtteils. Ich habe in unserem Lokalblatt Dutzende solche Berichte gelesen.

Wenn aber - aus welchen Gründen auch immer - ein solcher Vorfall bundesweit Aufsehen erregt, dann wird sozusagen der Filter der Nachrichtenagenturen entsprechend justiert. Sie vermuten jetzt ein Interesse an Meldungen dieser Art. Also übernehmen sie die entsprechenden Informationen von den Lokalseiten. Und schwupp! haben wir eine Häufung.

In solchen Fällen wird der Filter temporär so eingestellt, daß derartige Meldungen übernommen werden. Es gibt auch bestimmte gewissermaßen feste Einstellungen. Sobald bei Gewalttaten zum Beispiel ein rechtsextremer Hintergrund vermutet wird oder auch nur möglich ist, wird die Meldung sehr oft übernommen. Bei linksextremem Hintergrund ist das - nach meiner Beobachtung; ich kann mich irren - seltener der Fall. Und noch viel seltener, wenn es um gar nichts Politisches geht.



Um nicht mißverstanden zu werden: Dies ist eine Marginalie, nicht Zettels Meckerecke. Ich kritisiere dieses Verhalten der Agenturen gar nicht; sie tun damit nur ihren Job.

Aber der Leser sollte, wenn er sich sein Urteil bildet, schon ein wenig im Hinterkopf haben, wie selektiv das zustandekommt, was er morgens auf der Titelseite seiner Zeitung, was er bei "Spiegel Online" oder im Newsticker von "Welt Online" vorfindet.

Und unsere verantwortlichen Politiker sollten sich überlegen, ob jedesmal, wenn eine solche Sau durchs Dorf getrieben wird, gleich ein neues Gesetz nötig ist, das ihr Einfangen regelt.

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5. Dezember 2007

Nuklearrüstung des Iran: Was steht wirklich im Bericht des DNI ?

Eine seltsame Geschichte ist das, in jeder Hinsicht.

Zunächst einmal, was die Reaktionen auf diese Presse- Erklärung mit dem Titel "Iran: Nuclear Intentions and Capabilities" ("Iran: Nukleare Absichten und Fähigkeiten") angeht, verfaßt vom DNI, dem Amt des Director of National Intelligence der USA. Diese Presse- Erklärung ist eine Zusammenfassung des eigentlichen Berichts, auf neun Seiten kondensiert.

Eines Berichts, dem - jedenfalls einigen seiner Aussagen in der verstümmelten Form, in der sie ihren Weg in die Agenturen gefunden haben - von unseren Medien ein fast kindliches Vertrauen entgegengebracht zu werden scheint.

Seltsam, nicht wahr? Denn die US-Geheimdienste haben bei uns ja eigentlich eine notorisch schlechte Presse. Man traut ihnen nicht; macht ihre Fehlinformationen gar für den Irak- Krieg verantwortlich. Und nun auf einmal - keinerlei Zweifel am Bericht des DNI !

Selbst die kommunistische "Junge Welt", die sonst nicht eben von Vertrauen in die US-Geheimdienste getragen ist, gibt sich derart von der Richtigkeit dieses Berichts überzeugt, daß sie Präsident Bush bereits als aus dem "direkten Umfeld seiner Administration als Lügner bloßgestellt" darstellt.



Das ist natürlich so wahr wie das meiste, was Kommunisten schreiben; also ein leere Behauptung. Nichts in dem Bericht, den ja jeder nachlesen kann, besagt oder impliziert auch nur im Geringsten, daß Bush gelogen hätte.

Der Bericht ist aber schon interessant, nur in einer ganz anderen Hinsicht.

Seltsam ist nämlich nicht nur, wie er in Deutschland anscheinend ein wundersames Vertrauen in die Treffsicherheit amerikanischer Geheimdienste geschaffen hat.

Sondern noch seltsamer, ja fast sensationell ist das geringe Vertrauen, das diese Geheimdienste, folgt man dem Bericht, in ihre eigenen Erkenntnisse haben.



Der Bericht enthält ziemlich am Anfang einen längeren Abschnitt, der eine Art Gebrauchsanweisung ist - und zwar mit der offenkundigen Absicht, alles an Erklärendem zu liefern, damit nur ja der DNI nicht mißverstanden werde.

Die Überschrift lautet "What We Mean When We Say: An Explanation of Estimative Language" - "Was wir meinen wenn wir [etwas] sagen: Eine Erklärung der Einschätzungs- Sprache".

Und das liest sich dann fast wie aus einer Einführung in die sprachanalytische Philosophie entnommen:
In all cases, assessments and judgments are not intended to imply that we have "proof" that shows something to be a fact or that definitively links two items or issues.

In addition to conveying judgments rather than certainty, our estimative language also often conveys 1) our assessed likelihood or probability of an event; and 2) the level of confidence we ascribe to the judgment.

In allen Fällen sind Einschätzungen und Beurteilungen nicht in dem Sinn zu verstehen, daß sie implizieren, daß wir den "Beweis" hätten, der etwas als ein Faktum ausweist oder der zwei Punkte oder zwei Themen definitiv miteinander verknüpft.

Wir bieten nicht nur Beurteilungen anstelle von Gewißheit, sondern unsere Einschätzungs- Sprache bietet oft auch 1) die von uns bestimmte Gewißheitsstufe oder Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses; 2) den Grad der Zuverlässigkeit, die wir einer Aussage zuschreiben.
Das wird dann im Einzelnen aufgedröselt, indem so etwas wie Ordinalskalen definiert werden:
Terms such as probably, likely, very likely, or almost certainly indicate a greater than even chance. The terms unlikely and remote indicate a less then even chance that an event will occur; they do not imply that an event will not occur.

Terms such as might or may reflect situations in which we are unable to assess the likelihood, generally because relevant information is unavailable, sketchy, or fragmented. Terms such as we cannot dismiss, we cannot rule out, or we cannot discount reflect an unlikely, improbable, or remote event whose consequences are such that it warrants mentioning.

Begriffe wie wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich, höchstwahrscheinlich stehen für eine Wahrscheinlichkeit größer als eins zu eins. Die Begriffe unwahrscheinlich und entfernt wahrscheinlich stehen für eine Wahrscheinlichkeit geringer als eins zu eins, daß ein Ereignis eintreten wird; sie implizieren nicht, daß ein Ereignis nicht eintreten wird.

Begriffe wie könnte oder mag spiegeln Situationen wider, in denen wir die Wahrscheinlichkeit nicht abschätzen können, in der Regel deshalb nicht, weil die erforderliche Information fehlt, sie vage oder unvollständig ist. Begriffe wie wir können nicht zurückweisen, wir können nicht ausschließen oder wir können nicht ablehnen spiegeln ein nicht wahrscheinliches, unwahrscheinliches oder ein Ereignis von entfernter Wahrscheinlichkeit wider, dessen Konsequenzen derart sind, daß es eine Erwähnung wert ist.

Genug. Lieber Leser, seien Sie mir nicht böse, daß ich Ihnen diese Textpassagen zugemutet habe (die, z.B. in ihrer Unterscheidung von Objektebene und Sprachebene, von - ihr zugeordnet - likelihood und confidence schon gewisse philosophische Grundkenntnisse voraussetzen). Ich habe es getan, weil sie den Schlüssel zu dem ganzen Dokument liefern:

Es ist nämlich ein Kind der Irrtümer, die den US-Geheimdiensten im Vorfeld des Irak- Kriegs unterlaufen sind. So, wie die Einrichtung des DNI selbst eine Antwort auf die tiefe Krise gewesen ist, in die ihre falschen Informationen über die Waffen Saddam Husseins die Dienste gestürzt hat, so ist auch dieser Text Ausdruck der Reaktion auf das damalige Trauma.

Es liest sich nicht wie die selbstbewußte Lagebeurteilung von Top- Spionagechefs, deren global agierende James Bonds sie mit den Interna aller Regierungen dieser Welt versorgen, sondern eher wie ein Paper von blassen Forschern, die bei ihrer Initiation tief in alle Wasser wissenschaftlicher Vorsicht und Skepsis getaucht worden sind.

Die da schreiben, sind gebrannte Kinder, die sich dem Feuer jetzt nur noch in Asbest- Kleidung nähern, am einen Arm einen Eimer Löschwasser und in der anderen Hand eine Feuerpatsche.



Und was sagt nun dieses Dokument über die Nuklearrüstung des Iran? Nichts Gewisses; damit werden Sie, wenn Sie bis hierhin gelesen haben, schon gerechnet haben. Schon gar nicht - wie schon erwähnt - irgend etwas, das Präsident Bush der Lüge überführen würde.

Sondern es werden einige Einschätzungen vorgenommen, die mit unterschiedlichen Zuverlässigkeits- Prädikaten versehen werden.

Die (aus meiner Sicht) wichtigsten:
We judge with high confidence that in fall 2003, Tehran halted its nuclear weapons program, we also assess with moderate- to- high confidence that Tehran at a minimum is keeping open the option to develop nuclear weapons. (...)

Wir urteilen mit hoher Zuverlässigkeit, daß Teheran im Herbst 2003 sein Atomwaffen- Programm unterbrochen hat, wir stellen ebenso mit mittlerer bis großer Zuverlässigkeit fest, daß Teheran die Option, Atomwaffen zu entwickeln, zumindest offenhält. (...)

We assess with moderate confidence Tehran had not restarted its nuclear weapons program as of mid-2007, but we do not know whether it currently intends to develop nuclear weapons (...)

Wir stellen mit mittlerer Zuverlässigkeit fest, daß Teheran sein Atomwaffen- Programm in der Mitte des Jahrs 2007 noch nicht wieder aufgenommen hatte, aber wir wissen nicht, ob es gegenwärtig die Entwicklung von Atomwaffen beabsichtigt (...)

Iranian entities are continuing to develop a range of technical capabilities that could be applied to producing nuclear weapons, if a decision is made to do so. (...)

Iranische Einrichtungen entwickeln weiter eine Palette technischer Fähigkeiten, die verwendet werden könnten, um - wenn eine solche Entscheidung getroffen wird - Atomwaffen zu produzieren.

We do not have sufficient intelligence to judge confidently whether Tehran is willing to maintain the halt of its nuclear weapons program indefinitely while it weighs its options, or whether it will or already has set specific deadlines or criteria that will prompt it to restart the program.

Wir haben nicht genügend Erkenntnisse, um zuverlässig beurteilen zu können, ob Teheran willens ist, die Unterbrechung seines Atomwaffen- Programms auf unbestimmte Zeit aufrechtzuerhalten, während es seine Optionen abwägt, oder ob es bestimmte Termine oder Kriterien setzen wird oder schon gesetzt hat, die eine Wiederaufnahme des Programms auslösen werden.



Das ist das Wichtigste, in der gebotenen Kürze. Ich empfehle Ihnen sehr, den ganzen Text dieses Dokuments zu lesen. Und das dann mit dem zu vergleichen, was in den deutschen Medien berichtet wird, was von Kommentatoren landauf, landab behauptet wird.

Ja, kann man denn überhaupt keinen zuverlässigen Bericht über dieses Dokument lesen? Doch. Zum Beispiel den von Scott Horton in Harper's Magazine.



Nachtrag: Und - eben entdeckt - von Michael Kreutz im Transatlantic Forum.

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17. November 2007

Marginalie: Wie "Spiegel Online" manipuliert

Tony Blair hat sich in einer Dokumentarsendung der BBC zum Irak- Krieg geäußert. Die London Times bringt heute über diese Sendung einen Bericht. "Spiegel Online" (SPON) bringt heute einen Bericht über diesen Bericht über diese Sendung.

Wieweit der Bericht der Times den Inhalt der Sendung fair wiedergibt, kann ich nicht beurteilen, weil ich die Sendung nicht kenne. Aber ich kann beurteilen, wie fair SPON den Bericht der Times wiedergibt. Und Sie können das auch, wenn Sie sich die Mühe machen, die beiden Berichte parallel zu lesen.

Hier ein paar Handreichungen, die Ihnen den Vergleich erleichtern könnten. Übersetzungen in blau von mir. Passagen, in denen SPON von dem abweicht, was die Times berichtet, habe ich hervorgehoben.



Times:
In frank remarks in a BBC documentary, Mr Blair confirmed openly the belief of many of his closest supporters that he never used his position as America’s strongest ally to try to force Mr Bush down the diplomatic rather than the military route.

Mit freimütigen Bemerkungen in einer Dokumentation der BBC bestätigte Blair offen, was viele seiner engsten Weggefährten glauben: Daß er seine Stellung als der stärkste Alliierte Amerikas niemals dazu nutzte, Bush auf den diplomatischen statt des militärischen Wegs zu zwingen.
SPON:
Blair bestätigt damit selbst, was Feinde und enttäuschte politische Weggefährten stets vermutet und unterstellt haben: Dass Blair keinerlei Zweifel an der Richtigkeit des Feldzuges gegen Saddam Hussein hatte.



Times:

It was never a "bargaining chip" for him and he was never looking for a way out, he told David Aaronovitch, of The Times, in interviews for The Blair Years. "It was what I believed in, and I still do believe it," he said.

Es sei niemals eine "Spielmarke" für ihn gewesen, und er habe niemals nach einem Ausweg Ausschau gehalten, sagte er gegenüber David Aaronovitch von der Times in Interviews für "The Blair Years". "Es war das, woran ich glaubte, und ich glaube weiterhin daran", sage er.

SPON:
Der Labour-Politiker, der Ende Juni 2007 sein Amt an Gordon Brown übergab, gibt sogar unumwunden zu, seinen Einfluss als stärkster Partner der USA niemals genutzt zu haben, um eine diplomatische Lösung im Irak zu befördern. Er habe nie nach einem Ausweg gesucht, bestätigte er Aaronovitch. "Es war das, woran ich glaubte, und ich glaube das immer noch".



Times:

The documentary contains clear evidence that many of those around Mr Blair, including Sir David Manning, his foreign policy adviser, Jeremy Greenstock, Britain’s ambassador at the UN, Jack Straw, the Foreign Secretary at the time, and even Colin Powell, the US Secretary of State, had huge reservations about the rush to war. Mr Blair said: "In my view, if it wasn’t clear that the whole nature of the way Saddam was dealing with this issue had changed, I was in favour of military action."

Die Dokumentation liefert klare Belege dafür, daß viele aus Blairs Umgebung, wie Sir David Manning, sein außenpolitischer Berater, Jeremy Greenstock, der Britische UN-Botschafter, Jack Straw, damals Außenminister, und sogar Colin Powell, der US-Außenminister, gewaltige Vorbehalte gegen einen überstürzten Krieg hatten. Blair sagte: "Aus meiner Sicht war es so: Wenn es nicht klar war, daß das ganze Wesen der Art, wie Saddam sich in dieser Sache verhielt, sich geändert hatte, daß ich dann ein militärisches Vorgehen befürwortete."
SPON:
Blair gibt zu, dass er die Ratschläge seiner Berater und Minister in den Wind schlug, weil er glaubte, dass die USA das Richtige täten.



Times:
The programme also reveals that just before the key Commons vote on war Mr Bush telephoned Mr Blair and offered him a way out. Mr Blair explained why he had declined the offer.

Die Sendung enthüllt auch, daß Bush unmittelbar vor der entscheidenden Abstimmung im Unterhaus über den Krieg Blair anrief und ihm einen Ausweg anbot. Blair erklärte, warum er dieses Angebot ablehnte.
SPON:
Sein Glauben ging dabei so weit, dass er sogar ein Angebot von US-Präsident George W. Bush ausschlug, Großbritannien aus dem Krieg herauszuhalten.



So funktioniert Manipulation.

SPON hält sich thematisch an den Bericht in der Times und gibt auch keine andere Quelle an. Aber durch kleine stilistische Änderungen wird aus den Informationen, die Blair über sein damaliges Verhalten und seine Gründe gibt, ein "Bekenntnis" (SPON).

Das Umformulieren geschieht sehr geschickt. Nur wenige Ausdrücke werden verändert oder hinzugefügt; aber der Text bekommt durch sie einen ganz anderen Tenor als im Original.

Wenn es in der Timesl heißt, daß Blair offen etwas bestätigte, was viele seiner Weggefährten glaubten, dann wird daraus, daß er "selbst" bestätigt, was seine "Feinde und enttäuschte politische Weggefährten" "unterstellten". So wird aus der Mitteilung, die Blair gegeben hat, ein Eingeständnis gemacht. Seine Feinde und die von ihm Enttäuschten hatten also doch recht - das wird dem Leser suggeriert.

Wenn es im Original heißt, daß Blair etwas "sagt", dann macht SPON daraus, daß er es "unumwunden zugibt". Dem Leser wird der Eindruck vermittelt, Blair habe etwas Vorwerfbares, etwas Unrechtes getan, was er nun einräumen müsse.

Wenn er die Meinung seiner Mitarbeiter nicht teilte, dann wird bei SPON daraus, daß er sie "in den Wind schlug". Aus eine Meinungsdifferenz macht diese kleine Änderung ein schuldhaftes, mindestens leichtsinniges Verhalten.

Und die sachliche Mitteilung in der Times, daß Blair das Angebot Bushs ablehnte, sich nicht an der Invasion zu beteiligen, reichert SPON mit "sein Glaube ging dabei so weit" an. Dem Leser wird suggeriert, Blair habe nicht etwa aus Vernunft, sondern aus einem irrationalen Glauben heraus gehandelt.

Kurz: Der Leser der Times erfährt, daß Blair den Krieg gegen Saddam Hussein und eine Beteiligung Großbritanniens daran für richtig hielt und hält, und daß er das jetzt offen gesagt hat. Die Manipulation von SPON macht daraus das "Bekenntnis" falschen und schuldhaften Verhaltens.

Ein Student der DDR- Journalisten- Schmiede in Leipzig hätte für eine solche Probe parteilichen Schreibens vermutlich eine Eins bekommen.

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19. Oktober 2007

Das Attentat von Karachi: Was müßte man, was darf man im Bild zeigen?

Heute Abend habe ich die Informationen über das Attentat von Karachi verfolgt, indem ich zwischen CNN und Al Jazeera English hin- und hergeschaltet habe.

Weitgehend stimmte die Art der Berichterstattung überein: Es gab die üblichen Informationen über die Details des Anschlags, es gab Inverviews mit Vertretern der pakistanischen Parteien, es gab politische Analysen von Redakteuren.

Auch in der politischen Bewertung gab es kaum Unterschiede.

Bei beiden Sendern standen die beiden naheliegenden Fragen im Mittelpunkt, wer hinter den Attentaten steht und welche Folgen sie für die politischen Aussichten Bhuttos haben würden. Das Spektrum der Antworten, das die Kommentatoren und Interview- Partner gaben, war ebenfalls sehr ähnlich: Ein Attentat von Islamisten oder die Tat eines Geheimdienstes? Wird es nun einen Mitleids- Effekt geben, oder wird das Attentat die Anhänger Bhuttos im Gegenteil abschrecken? Wird Bhutto jetzt aufgeben oder erst recht kämpfen?

Und doch gab es einen augenfälligen Unterschied zwischen der Berichterstattung der beiden Sender; augenfällig im Wortsinn: Die Bilder aus Karachi waren radikal verschieden.

Beide Sender hatten zwar lange Sequenzen von Aufnahmen vom Ort des Attentats. Aber welch ein Unterschied!

Bei CNN sahen diese Bilder so aus, wie wir das vom TV her gewohnt sind: Man sah Flammen, Rettungswagen, Rettungskräfte mit Bahren, aufgeregte Menschen.

Al Jazeera zeigte das zwar auch, aber dazu Bilder, wie sie in unserem TV nicht zu sehen sind und es eben auch bei CNN nicht waren: Menschen, denen Glieder abgerissen worden waren. Körper - man sah nicht, ob noch lebend oder schon tot -, die von vier Männern an den Extremitäten gepackt und weggeschleppt wurden. Ganze Haufen von Leichen. Blutüberströmte Opfer. Also die fürchterliche Realität eines solchen Anschlags. Der ganze menschliche Jammer hinter Meldungen wie "Der Anschlag forderte mehr als 100 Opfer".



Als der (arabischsprachige) Sender Al Jazeera Bilder von den Mordtaten irakischer Terroristen zeigte und man ihm das vorwarf, wurde erwidert, in der arabischen Welt gebe es hinsichtlich solcher Bilder nun einmal andere Maßstäbe als in den westlichen Medien. Bis zu einem gewissen Grad gilt das offensichtlich auch für Al Jazeera English; einen im übrigen hervorragenden Nachrichten- Sender, der CNN oder BBC International in keiner Weise nachsteht (von denen er viele Journalisten abgeworben hat).

In den meisten westlichen Ländern gibt es strenge Regelungen für das, was gezeigt werden "kann" und was nicht. Nicht gezeigt werden kann das, was "schockieren" könnte, was als "nicht jugendfrei" zu betrachten ist. Also der Tod von Menschen, schlimme Verletzungen, exzessive Gewalt. Auch Leichen werden in der Regel nicht gezeigt, jedenfalls nicht von nahe.

Dafür gibt es sehr gute Gründe, auf die ich gleich komme. Wie immer man diese Gründe bewertet - eine offensichtliche Konsequenz dieser Regelungen ist, daß Kriege, Katastrophen, Attentate so gezeigt werden, wie sie überhaupt nicht sind. Das Essentielle daran - das Leid, die Verletzungen, der Tod - wird weggefiltert.

Al Jazeera tut das nicht; jedenfalls längst nicht in dem in den westlichen Medien üblichen oder auch vorgeschriebenen Maß. Was ich heute Abend bei Al Jazeera über die Folgen des Attentats gesehen habe, ist ungleich wahrer als das, was CNN zeigte (oder was man in deutschen Nachrichtensendungen sah).



Es ist wahrer - aber ist es auch erlaubt? Eine Frage, die natürlich schon lange diskutiert wird. Sie wurde in Deutschland vor einem halben Jahrhundert besonders heftig diskutiert, als der "Spiegel" während des Ungarn- Aufstands 1956 mehrere Seiten mit großformatigen Bildern gebracht hatte, die im Detail zeigten, wie Aufständische einen Geheimdienstler lynchten.

Damals, in der Nachkriegszeit, waren die Restriktionen noch längst nicht so streng wie heute. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit an ein Foto in der Illustrierten "Quick", das die auf Stangen gespießten Köpfe von Opfern der Kommunisten im Korea- Krieg zeigte.

Ich erinnere mich noch daran, weil mich dieses Foto fürchterlich entsetzt hat und ich noch Monate danach davon geträumt habe; wie auch von manchen der anderen Entsetzlichkeiten, die man damals im Bild sehen konnte.

Was auf ein, vielleicht das stärkste, Argument für strenge Restriktionen hinweist: Den Jugendschutz.

Ein zweites Argument lautet, daß die Darstellung der fürchterlichen Realität verrohend wirke, nicht nur auf Jugendliche. Daß durch eine Flut solcher Bilder das Entsetzliche zur Norm wird, daß eine Abstumpfung einsetzt.

Drittens wird argumentiert, daß ja auch Darstellungen wie bei Al Jazeera keineswegs "die Wirklichkeit" widerspiegeln. Nicht nur, weil zwischen der Wirklichkeit und dem Zuschauer die Arbeit des Kamermanns, des Cutters, des Regisseurs steht. Sondern auch, weil allein die Darstellung im Medium des Fernsehens Unwirklichkeit schafft. Und damit auch - das ist der Kern dieses Arguments - das dargestellte menschliche Leiden unweigerlich zum Gegenstand eines Voyeurismus wird, bei dem sich ins Mit- Leiden oft auch die Lust am Schauen wie am Schaudern wird; Hinrichtungen waren ja einmal Volksbelustigungen.



Man kann sich diesen Argumenten nicht verschließen. Oder, richtiger formuliert, ich kann mich ihnen nicht verschließen.

Aber mit großem Unbehagen. Im Grunde wäre es am besten, von Kriegen und Attentaten gar keine Bilder zu zeigen, statt sie so zu zeigen, wie sie überhaupt nicht sind. Was wir zu sehen bekommen, informiert nicht, sondern es desinformiert uns. Was CNN aus Karachi gezeigt hat, ist, indem es die herumliegenden menschlichen Glieder, die schreienden Schwerverletzten, dieses ganze Blutbad nicht gezeigt hat, eine Lüge in Bildern gewesen.

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15. September 2007

Randbemerkung: Meisners List, Meisners Skandal

Zu den knappsten Ressourcen gehört heutzutage die öffentliche Aufmerksamkeit.

Zahllose Parteien, Verbände, Gruppen aller Art und ihre einzelnen Vertreter, dazu Stars und Promis jeder Couleur überhäufen die Medien täglich mit Pressemitteilungen, mit Interviews, mit Statements. Alle hätten sie das gern berichtet, am besten ganz vorn in der Nachrichtensendung, auf der Titelseite. Nur, wie schafft man das?

Man kann es so machen wie Bosbach, Wiefelspütz, Claudia Roth: Den Medien sozusagen Tag und Nacht zur Verfügung stehen, zu jedem Thema etwas zu plappern haben. Am besten schon kommentieren, bevor man überhaupt weiß, wie der Sachverhalt ist.

Ich stelle mir vor, wie in einer Nachrichtenredaktion die Zeit mal wieder drängt und wie der Chef sagt: Wir brauchen zum Thema XY noch ein Interview. Also, zackzack, Bosbach, Wiefelspütz, Roth anrufen, in dieser Reihenfolge. Und wenn keiner von denen will, dann nehmt in Gottes Namen die Käßmann. Die will immer.



Also, das ist die eine Möglichkeit, in die Medien zu kommen - allzeit bereit zu sein. Das ist sozusagen die Aldi- Methode: Die Masse macht's. Wer das nicht will oder gar nicht kann, weil er zu arbeiten hat, dem bietet sich eine Alternative an, die allerdings erhebliches Geschick erfordert: Die begrenzte PC-Verletzung. Die Methode des exklusiven Anbieters.

Einfach ist das freilich nicht. Wenn man die die PC-Verletzung zu hoch dosiert, dann kann man schnell in Verschieß geraten. Man hat dann zwar kurzfristig die Publicity, aber nur um den Preis, anschließend aus der Manege des Medienzirkus vertrieben zu werden. Eva Herman hat das gerade erlebt.

Zu gering dosiert, ist die PC-Verletzung andererseits unwirksam wie ein homöopathisches Präparat, zu D24 verschüttelt.



In dieser Methode der richtig dosierten PC-Verletzung nun ist der Kardinal Meisner ein Meister. Jetzt hat er das wieder bewiesen, als er (ich zitiere aus dem Bericht der FAZ) sagte:
Vergessen wir nicht, dass es einen unaufgebbaren Zusammenhang zwischen Kultur und Kult gibt. Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte.
Eine interessante, eine provokative These. Gewiß nicht neu ("Verlust der Mitte" von Hans Sedlmayr erschien 1948). Aber Meisner hat sie, siehe unten, schon sehr auf die Spitze getrieben. Nur muß die Provokation ja erst einmal ihren Weg in die Medien finden.

Das hat Meisner mit einem einzigen Wort erreicht: "entartet".

Er hat nicht von "entarteter Kunst" gesprochen, noch nicht einmal von "entarteter Kultur". Er hat lediglich das Verbum "entarten" verwendet. Englisch "to degenerate", französisch "dégénérer". Ein gebräuchliches Verbum in allen drei, in vielen anderen Sprachen.

Joachim Kardinal Meisner hätte auch sagen können: "... die Kultur degeneriert". Dann hätte es seine Äußerung allenfalls auf die Lokalseite der "Kölnischen Rundschau" geschafft.

Aber "entarten" und "Kultur". Da macht es "klick" in den PC-trainierten Gehirnen. Da regt sich der pflichtgemäße Sturm der Empörung. "Erschreckend" fand ein Staatssekretär aus NRW das. Ein "gefährliches Feuer" schüre der Kardinal, befand der Grüne Michael Vesper.

Von Roth, Wiefelspütz, Bosbach kam noch nichts. Daß es Meisner geht wie Eva Herman, braucht er nicht zu befürchten. Er hat die PC-Verletzung richtig dosiert.



Seine Publicity hat er also, der listige Kardinal. Er hat sie für eine Äußerung, die nun wahrlich nicht nur provokativ ist, sondern die man mit Fug als skandalös bezeichnen kann.

Nicht wegen des Verbs "entarten". Sondern weil Meisner nicht weniger behauptet hat, als daß die Kultur dort "entartet", wo sie "vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird".

Wo sie also keinen sakralen Bezug mehr hat. Aristoteles und Kant, Galilei und Newton, Shakespeare und Lessing, Schinkel und Picasso - für Meisner sind deren Werke somit allesamt Ausdruck einer entartenden Kultur.

Diese Behauptung, die den Geist eines religiösen Fundamentalismus atmet, hätte eigentlich einen Skandal auslösen sollen. Und nicht das harmlose Wörtlein "entarten".

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29. August 2007

Marginalie: In den USA wächst die Armut. Oder etwa nicht?

In den USA legt das Census Bureau - vergleichbar unserem Statistischen Bundesamt - jährlich einen Bericht über die Entwicklung der Einkommen, der Armut, der Krankenversicherungen vor. Gestern ist der Bericht für das Jahr 2006 erschienen. Die Agenturen berichten darüber in den USA seit dem Abend (deutsche Zeit); zum Beispiel Reuters.

Positives und Negatives halten sich in dem Bericht ungefähr die Waage:
  • Zum ersten Mal in diesem Jahrzehnt ist der Prozentsatz der Armen gesunken, von 12,6 Prozent im Jahr 2005 auf jetzt 12,3 Prozent.

  • Zum zweiten Mal nacheinander ist das Durchschnitts- Einkommen der Haushalte gestiegen. (Der Kennwert ist der Median, nicht das artithmetische Mittel; der Anstieg geht also nicht allein auf die hohen Einkommen zurück).

  • Dies beruht nicht auf höheren Gehältern, sondern darauf, daß mehr Menschen pro Haushalt Jobs haben.

  • Die Einkommen sind (inflationsbereinigt) aber immer noch niedriger als in dem Spitzenjahr 2000.

  • Der Prozentsatz der Amerikaner ohne Krankenversicherung ist gestiegen, weil weniger Unternehmen die Versicherung für ihre Arbeitnehmer übernehmen.
  • Also: Es gibt erfreuliche und unerfreuliche Aspekte der Entwicklungen von 2005 auf 2006, die dieser Bericht des Census Bureau dokumentiert.

    Die verlinkte Meldung von Reuters wird dem mit ihrer Überschrift gerecht: "Poverty rate down but fewer have health insurance" - Prozentsatz der Armen gesunken, aber weniger haben eine Krankenversicherung.



    Nun bin ich sehr gespannt, wie am Mittwoch die Meldungen in den deutschen Medien aussehen werden.

    Wieviele werden, wie Reuters, in der Überschrift Positives und Negatives bringen?

    Wieviele werden nur Negatives in die Überschrift stellen? (Sagen wir: "Mehr Amerikaner ohne Krankenversicherung"; "Einkommen in den USA niedriger als im Jahr 2000"; "Jeder achte Amerikaner ist arm").

    Und wieviele werden spiegelbildlich dazu positive Überschriften bringen? ("Armut in den USA gesunken"; "Einkommen in den USA erneut gestiegen")?



    Zum Thema "Armut" gab es letztes Jahr hier eine Serie, deren einzelne Folgen über Links in Zettels kleinem Zimmer zugänglich sind.

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