Er legte die Pistole wieder in die Schublade zurück und schob sie zu.
Nein – nicht auf diese Weise. So würde Louise nicht lange genug leiden. Sie würde einfach tot sein, und das wäre es dann. Es kam darauf an, dies möglichst lange dauern zu lassen. Laß deine Phantasie spielen!
Wie konnte er ihr Leiden verlängern? Womit sollte er überhaupt anfangen?
Der Mann, der vor dem Ankleidespiegel im Schlafzimmer stand, schloß sorgfältig seine Manschettenknöpfe. Er ließ sich lange genug Zeit damit, um den Kindern zuzuhören, die draußen auf der Straße vorbeiliefen, vor ihrem zweistöckigen warmen Haus; wie kleine graue Mäuse, wie Herbstblätter.
Am Lärmen der Kinder konnte man ablesen, wie weit das Jahr fortgeschritten war. An ihrem Geschrei konnte man hören, welcher Abend jetzt war. Es war ganz unverkennbar spät im Jahr: Oktober. Der letzte Oktobertag, mit weißen Knochenmasken und ausgeschnittenen Kürbissen und dem Geruch nach tropfendem Kerzenwachs.
Nein. Schon seit einiger Zeit lief alles falsch, und es half nichts, daß es Oktober war. Wenn überhaupt, machte es alles nur noch schlimmer. Er rückte seinen schwarzen Schlips zurecht. Wenn jetzt Frühling wäre - er nickte leicht, ruhig, regungslos, seinem Spiegelbild zu – dann gäbe es vielleicht noch eine Chance. Aber heute nacht brannte die Welt lichterloh nieder. Es gab kein frisches Frühlingsgrün, keine Frische, die in der Luft lag, keine Verheißung.
Auf dem Flur waren leise laufende Schritte zu hören. „Das ist Marion,“ sagte er zu sich selbst.
„Meine Kleine. All ihre acht Jahre. Nie ein Widerwort. Nur ihre leuchtenden grauen Augen und ihr fragender kleiner Mund.“ Seine Tochter war dem ganzen Abend über nach draußen und wieder hinein gestürzt, hatte verschiedene Masken ausprobiert und ihn gefragt, welche die gruseligste, die schrecklichste war. Sie hatten sich bei am Ende für die Skelettmaske entschieden. Die war „richtig schlimm!“ Die würde die Leute aber richtig erschrecken!
Wieder fing er den nachdenklichen und abschätzenden Blick auf, mit dem er sein Spiegelbild ansah. Der Oktober hatte ihm noch nie gefallen – schon seit damals, als er vor vielen Jahren zum ersten Mal im Herbstlaub gelegen und den Wind gehört und die kahlen Bäume gesehen hatte. Er hatte damals weinen müssen, ganz ohne Grund. Und ein wenig von jener Traurigkeit kehrte jedes Jahr wieder zurück. Mit dem Anbruch des Frühlings verschwand sie stets.
Aber heute Nacht war es anders. Es fühlte sich an, als ob dieser Herbst eine Million Jahre lang dauern sollte.
Es würde keinen Frühling geben.
Er hatte den ganzen Abend leise in sich hinein geweint. An seinem Gesicht zeigte sich nichts davon. Es blieb tief in seinem Innern verborgen und hörte nicht auf.
Ein intensiver zuckriger Duft nach Süßigkeiten erfüllte das geschäftige Haus. Louise hatte Äpfel mit Zuckerglasur auf Obsttellern ausgelegt, es gab große Schüsseln mit frisch zubereiteter Bowle, Apfelschnitze hingen unter allen Türrahmen, ausgehöhlte Kürbisse blickten mit dreieckigen Augen aus jedem kalten Fenster. Mitten im Wohnzimmer wartete ein Bottich voller Wasser mit einem Sack Äpfel daneben darauf, daß das Tauchen nach ihnen anfing.
Jetzt fehlte nur noch ein Auslöser, die Kindermeute, die hereinstürzte, um die Äpfel tanzen zu lassen, die Apfelschnitze zum Schaukeln zu bringen, die Süßigkeiten wegzuzaubern, die Flure mit Freuden- oder Schreckensgeschrei zu füllen – ganz gleich womit.
Jetzt war es im Haus still, während die Vorbereitungen in vollem Gang waren. Und noch mehr passierte.
Louise hatte es geschafft, in allen Zimmern zu tun zu haben außer in dem, in dem er sich gerade aufhielt. Es war ihre Art und Weise, um ihn einzuschüchtern. Sieh doch bloß, Mich, wie viel ich zu tun habe! So viel, daß ich immer woanders sein muß, wenn du auftauchst! Schau dir doch nur an, wie geschäftig ich bin!
Eine kleine Weile lang hatte er ein kleines Spielchen mit ihr getrieben, ein gemeines kindisches Spiel. Wenn sie in der Küche war, war er hereingekommen und hatte gesagt: „Ich brauche jetzt ein Glas Wasser.“ Und während er dastand und Wasser trank, und sie wie eine Hexe aus Glas über die Schale gebeugt war, in der die Zuckerlösung wie eine heiße Quelle aus unvordenklicher Vorzeit über dem Herd Blasen warf, sagte sie schnell, „Ach – ich muß ja die Kerzen in den Kürbissen anzünden!“ – und sie eilte ins Wohnzimmer, um die Kürbisse mit warmem Licht zum Lächeln zu bringen.
Mit einem Lächeln kam er hinter ihr her. „Ich habe meine Pfeife vergessen.“ „Oje, der Apfelwein!“ hatte sie gerufen und war ins Eßzimmer geeilt. „Ich kümmere mich um den Apfelwein,“ hatte er gesagt. Aber als er ihr folgen wollte, war sie ins Badezimmer gelaufen und hatte die Tür abgeschlossen. Er stand vor der Badezimmertür, lachte sinnlos vor sich hin, die ausgegangene Pfeife im Mund, war des dummen Spiels überdrüssig geworden und hatte trotzig noch fünf weitere Minuten gewartet. Im Badezimmer war kein Laut zu hören. Und um ihr nicht die Genugtuung zu gönnen, daß er hier wütend draußen vor der Tür auf sie wartete, hatte er sich mit einem Ruck umgedreht und war fröhlich pfeifend die Treppe hinaufgestiegen.
Auf dem oberen Treppenabsatz hatte er gewartet. Schließlich hatte er hören können, wie sich die Badezimmer öffnete und sie herausgekommen war und das Leben im Erdgeschoß von neuem begann, wie das Leben im Dschungel, wenn die Gefahr vorbei ist und sich die Antilopen wieder an die Wasserstelle wagen.
Jetzt, als er seine Krawatte fertig gebunden und das dunkle Jackett übergezogen hatte, gab es ein Mäuserascheln im Flur. Marion öffnete die Tür, ganz Knochengerippe in ihrer Verkleidung.
„Wie sehe ich aus, Papa?“
“Gut siehst du aus!”
Unter ihrer Maske schauten blonde Haarsträhnen hervor. Aus den leeren Augenhöhlen des Schädels lächelten ihn kleine blaue Augen an. Er seufzte. Marion und Louise, die beiden stummen Ankläger seiner Männlichkeit, seiner dunklen Macht.
Welche Alchemie war hier in Louise im Spiel gewesen, die den schwarzen Anteil eines schwarzen Mannes nahm und ihn bleichte und die dunkelbraunen Augen und das schwarze Haar bleichte und das heranwachsende Baby in der Zeit vor der Geburt wusch und ausbleichte, bis das Kind geboren wurde: Marion, blond, blauäugig, mit rosigen Bäckchen?
Manchmal beschlich ihn der Verdacht, daß Louise das Kind als reine Vorstellung empfangen hatte, absolut a-sexuell, eine unbefleckte Empfängnis aus einer Zelle und einem Geist, der ihn verachtete. Als strikten Verweis gegen ihn hatte sie ein Kind zur Welt gebracht, das nach ihrem eigenen Bild geformt war, und um das Maß voll zu machen, hatte sie es auf irgendeine Weise so arrangiert, daß der Arzt nur den Kopf geschüttelt und gesagt hatte: „Es tut mir leid, Mr. Wilder – aber Ihre Frau wird nie wieder ein Kind bekommen können. Dies hier ist das letzte.“
„Und ich wollte einen Jungen,“ hatte Mich gesagt, damals, vor acht Jahren.
Beinahe hätte er jetzt Marion in die Arme geschlossen, wie sie vor ihm stand mit ihrer Totenkopfmaske. Er fühlte, wie ihn ein unerklärliches Mitgefühl für sie überschwemmte, die nie die Liebe eines Vaters gekannt hatte, nur die kalte, erdrückende Liebe einer Mutter, die keine Liebe kannte.
Aber am meisten tat er sich selber leid, dafür, daß er nicht das Beste aus einer schlechten Geburt gemacht hatte, seine Tochter nicht für das geliebt hatte, was sie nun einmal war, obwohl sie nicht schwarz und ein Sohn war und ihm nicht glich. Er hatte die Gelegenheit versäumt. Wenn die Umstände andere gewesen wären, hätte er das Kind geliebt.
Aber Louise hatte das Kind nicht gewollt. Der Gedanke an die Geburt jagte ihr Angst ein. Er hatte ihr das Kind aufgezwungen, und seit dieser Nacht, das ganze Jahr hindurch bis zur Tortur der Geburt selbst, hatte Louise in einem anderen Teil des Hauses gewohnt.
Sie hatte fest damit gerechnet, bei der Geburt des Kindes, das ihr aufgezwungen worden war, zu sterben. Es war ihr leicht gefallen, den Mann zu hassen, der sich so sehr einen Sohn wünschte, daß er bereit war, seine Frau dafür in die Leichenhalle zu schicken.
Aber – Louise hatte überlebt. Und sie hatte triumphiert. Als er an jenem Tag ins Krankenhaus kam, lag Eiseskälte in ihren Augen. Ich lebe, war darin zu lesen. Und ich habe eine blonde Tochter! Sieh dir das gut an! Und als er die Hand ausstreckte und sie berühren wollte, hate sich die Mutter umgedreht und sich mit ihrem neuen rosigen Tochterkind gegen ihn verschworen – hatte sich von dem dunklen gewalttätigen Mörder abgewendet. Was für eine Ironie! Er hatte es mit seiner Selbstsüchtigkeit nicht anders verdient.
Aber jetzt war es wieder Oktober. Es hatte andere Oktober gegeben, und wenn er an den langen Winter dachte, hatte es ihn Jahr für Jahr beim Gedanken an die endlosen Monate gegraut, wenn die unglaublichen Schneemassen das Haus in ein Gefängnis verwandelten, gefangen mit Frau und Kind, die ihn nicht liebten, und das monatelang. In den acht Jahren hatte es Atempausen gegeben. Im Frühling und Sommer konnte man nach draußen flüchten, Spaziergänge unternehmen oder ein Picknick veranstalten – die verzweifelten Fluchten eines Verzweifelten, eines Gehaßten.
Aber im Winter entfielen die Wanderungen und Picknicks und die anderen Fluchtmöglichkeiten, wie das Laub von den Bäumen fiel. Das Leben stand kahl und leer da, wie ein Baum. Sicher, man konnte Gäste einladen, aber wegen den Schneestürmen kamen nicht viele. Einmal hatte er den glücklichen Einfall gehabt, für einen Urlaub in Florida zu sparen. Sie waren in den Süden gereist. Er hatte Ausflüge unternommen. Aber jetzt, mit dem Anbruch des achten Winters, wußte er, daß es damit zuende war. Er konnte nicht noch einen weiteren durchstehen. Es war, als wenn sich eine Säure in seinem Inneren all die Jahre hindurch durch Fleisch und Knochen gefressen hätte, und jetzt, heute nacht, würde es den Sprengstoff tief in ihm erreichen – und das alles würde ein Ende haben!
Unten wurde wie wild geläutet. Im Hausflur. Louise ging, um nachzusehen. Schweigend lief Marion die Treppe hinab, um die ersten Ankömmlinge zu begrüßen. Es gab Geschrei und Fröhlichkeit.
Er ging bis zum Treppenabsatz.
Louise war unten und nahm Geschenke im Empfang. Sie war groß und schlank und so blond, daß ihr Haar beinahe weiß wirkte und lachte die neueingetroffenen Kinder von oben herab an. Er zögerte. Was war das jetzt alles gewesen? Die vielen Jahre? Die unendliche Langeweile? Ab wann war dies alles fehlgeschlagen? Sicher nicht erst mit der Geburt des Kindes. Aber es war ein Symbol für all das, was zwischen ihnen falsch lief, schätzte er.
Seine Eifersucht und sein Versagen im Beruf und der ganze triste Rest. Warum ließ er nicht all das hinter sich, packte einen Koffer und machte sich davon? Nein. Nicht ohne Louise so wehzutun, wie sie ihn verletzt hatte. Ganz einfach. Eine Scheidung würde ihr in keiner Weise wehtun.
Sie wäre höchstens das Ende des dumpfen Hinauszögerns. Wenn er den Eindruck hätte, daß sie eine Scheidung für sie eine Erleichterung wäre, dann würde er für den Rest seines Lebens mit ihr verheiratet bleiben, allein aus Trotz. Nein – er mußte ihr wehtun. Irgendeinen Weg finden, wie er ihr Marion wegnehmen könnte, auf dem Rechtsweg. Ja: das war es.
Das würde ihr am meisten wehtun. Ihr Marion wegnehmen.
„Hallo da unten!“ Er kam die Treppe hinunter, mit einem strahlenden Lächeln.
Louise sah nicht auf.
„Hallo, Mr. Wilder!“
Die Kinder winkten und riefen, während er nach unten kam.
Um zehn Uhr läutete die Türglocke nicht mehr, die Äpfel über den Türrahmen waren abgebissen, die rosigen Kindergesichter waren nach dem Apfeltauchen wieder trockengerieben, die Servietten waren mit Zuckerguß und Punsch verschmiert, und er, der Ehemann, hatte zügig das Kommando übernommen.
Er nahm Louise die Party aus der Hand. Er lief durch das Haus, unterhielt sich mit den zwanzig Kindern und dem Dutzend Erwachsenen, die gekommen waren mit die dem gewürzten Apfelwein, den er angerichtet hatte, zusprachen.
Er leitete das Eselsschwanzspiel, das Flaschendrehen, der Reise nach Jerusalem und all die anderen Spiele, unter Rufen und Gelächter. Dann, als alle Lichter im Haus gelöscht waren, im Schein des Kerzenlichts, das aus den dreieckigen Augen der Kürbisse fiel, rief er: „Still! Alle mir nach!“ und schlich auf Zehenspitzen zur Kellertreppe.
Die Eltern, die am Rand des kostümierten Chaos saßen, stimmten zu, nickten dem pfiffigen Ehemann zu, unterhielten sich mit seiner glücklichen Frau. Erstaunlich, wie gut er mit den Kindern umgehen konnte, sagten sie.
Die Kinder drängten sich hinter ihm und kreischten.
„Der Keller!“ rief er. „Das Grab der Hexe!“
Noch mehr Gekreisch. Er tat, als ob ihm ein Schauder über den Rücken laufen würde. „Ihr, die ihr eintretet – laßt alle Hoffnung fahren!“
Die Eltern lachten leise.
Eins nach dem anderen rutschten die Kinder eine Rutsche hinab, die Mich aus Tischplatten improvisiert hatte, hinunter in den dunklen Keller. Er zischte und rief ihnen gruselige Äußerungen hinterher. Ein wunderbares Heulen erfüllte das dunkle, kürbiserleuchtete Haus.
Ale redeten durcheinander. Alle außer Marion. Sie hatte sich während der ganzen Party still verhalten und kaum etwas gesagt – all die Aufregung, die Freude hatte sie allein für sich ausgekostet. Was für ein kleiner Kobold, dachte er. Mit geschlossenem Mund und glänzenden Augen hatte sie bei ihrer eigenen Party zugeschaut - als ob vor ihr Luftschlangen ausgerollt würden.
Jetzt die Eltern. Nach gespieltem Sträuben rutschten sie die kurze Rutsche hinunter, während Marion daneben stand und zusah, um die letzte zu sein. Louise brauchte keine Hilfestellung. Er trat zu ihr, aber sie war schon fort, bevor er sich bücken konnte.
Das Haus lag leer und still im Kerzenschein da.
Marion stand neben der Rutsche. „Los geht’s,“ sagte er und hob sie hoch.
Sie saßen in einem weiten Kreis im Keller. Wärme kam vom fernen mächtigen Heizkessel. Die Stühle standen in langer Reihe an den Wänden, abwechselnd zwanzig kreischende Kinder und zwölf raschelnde Erwachsene, mit Louise am einen Ende und Mich an anderen, in der Nähe der Treppe. Er schaute sich um, aber er sah nichts. Sie balgten sich um ihre Plätze, spielten Blindekuh im Finstern. Alles, was jetzt folgte, sollte im Dunkel stattfinden, mit ihm als Spielleiter. Man hörte ein Kind herumhuschen, es roch nach feuchtem Zement, und das Wehen des Windes, der draußen unter den Oktobersternen blies.
„Jetzt!“ rief der Ehemann im dunklen Keller. „Ruhe!“
Alle setzten sich auf ihre Plätze.
Im Keller war es stockdunkel. Kein Licht, kein Schimmer, nicht einmal das Glitzern eines Auges.
Das Schaben von Steingutzeug, ein metallisches Klappern.
„Die Hexe ist tot,” deklamierte der Ehemann.
“Iiiiiiih!” sagten die Kinder.
“Die Hexe ist tot, sie wurde umgebracht, und hier ist das Messer, das sie getötet hat.“
Er gab ihnen das Messer. Es wurde von Hand zu Hand weitergereicht, einmal im Kreis, unter Gekicher und leisen Schreien und beruhigenden Bemerkungen der Erwachsenen.
„Die Hexe ist hin, hier sind Kopf und Kinn,“ flüsterte er, und reichte dem Kind, das neben ihm saß, etwas.
„Hey, ich weiß, wie das Spiel geht,“ rief eines der Kinder fröhlich im Finstern. „Er holt ein paar alte Hühnerinnereien aus dem Kühlschrank und sagt: ‚Das ist ihr Gedärm!‘ Und er formt einen Kopf aus Ton und sagt: das ist ihr Kopf, und läßt einen Suppenknochen herumgehen und sagt: das ist ihr Arm. Und er nimmt eine Murmel und sagt: ‚Das ist ihr Auge!‘ Und er nimmt Maiskörner und sagt: ‚Das sind ihre Zähne!‘ Und er läßt einen Stoffbeutel mit Pudding herumgehen und sagt: ‚Das ist ihr Magen!‘ So wird das gespielt!“
„Sei doch still. Du verdirbst ja alles!“ sagte eins der Mädchen.
„Der Hex‘ geschah Harm – und das ist ihr Arm.“
„Iiiiiih!“
Eins nach dem anderen wurde im Kreis herumgereicht, vorsichtig, wie heiße Kartoffeln.
Manche Kinder schrien und weigerten sich, sie anzufassen. Manche standen auf und liefen in die Mitte des Kellers, bis die gräßlichen Dinge weitergereicht waren.
„Ach was, das sind doch nur Hühnerinnereien,“ mokierte sich einer der Jungen. „Komm wieder her, Helen!“
„Die Hexe kennt keinen Schmerz – und dies ist ihr Herz,“ sagte der Ehemann.
Sechs oder sieben Sachen machten jetzt gleichzeitig im kichernden, zitternden Dunkel die Runde.
„Marion, du brauchst keine Angst zu haben,“ sagte Louise laut. „Das ist nur ein Spiel.“
Marion sagte kein Wort.
„Marion?“ fragte Louise. „Fürchtest du dich?“
Marion sagte nichts.
„Ihr geht’s gut,“ sagte der Ehemann. „Sie hat keine Angst.“
Und weiter ging es mit dem Herumreichen, mit den leisen Aufschreien, mit der Ausgelassenheit.
Der Herbstwind fuhr seufzend um das Haus. Und er, der Ehemann, stand am Kopfende des Kellers, deklamierte die Worte, teilte die Dinge aus.
„Marion?“ fragte Louise wieder, vom anderen Ende des Kellers her.
Alle redeten jetzt durcheinander.
„Marion?“ rief Louise.
Alle wurden still.
„Marion, antworte doch! Fürchtest du dich?“
Der Ehemann stand da, am Fuß der Kellertreppe.
„Marion – bist du hier?“ rief Louise.
Keine Antwort. Im Keller blieb es still.
„Wo ist Marion?“ rief Louise.
„Vorhin war sie noch hier,“ sagte ein Junge.
„Vielleicht ist sie oben.“
„Marion!”
Keine Antwort. Es blieb still.
Louse rief: “Marion, Marion!”
„Macht doch mal das Licht an,“ sagte einer der Erwachsenen.
Das Weiterreichen hörte auf. Die Kinder und Erwachsenen saßen da, und hielten die Körperteile der Hexe in der Hand.
„Nein,“ keuchte Louise. Man konnte hören, wie sie ihren Stuhl im Finstern zurückschob. „Nein. Schaltet bloß nicht das Licht an, oh Gott, oh Gott, bitte, schaltet es nicht an. Bitte nicht!“ Louise schrie jetzt hysterisch. Der ganze Keller erstarrte.
Niemand bewegte sich.
Alle saßen im pechschwarzen Keller, gefangen in der plötzlichen Erstarrung dieses Oktoberspiels. Draußen blies der Wind, schlug gegen das Haus, der Geruch von Kürbissen und Äpfeln erfüllte den Raum, und der Geruch der Dinge in ihren Händen, bis einer der Jungen sagte: „Ich lauf nach oben und schau nach!“ - und er lief die Treppe hinauf und um das Haus herum, vier Mal um das Haus und rief: „Marion, Marion, Marion!“ – immer wieder, und kam schließlich wieder in den Keller, der wartete und den Atem anhielt und sagte in die Dunkelheit hinein: „Ich kann sie nicht finden.“
Und dann ... schaltete irgendein Idiot das Licht ein.
* * *
(Weird Tales, Ausgabe vom März 1948. Das Titelbild stammt von Lee Brown Coye)
Ray Bradbury begann seine Laufbahn als professioneller Autor in dem legendären Horrormagazin Weird Tales. Zwischen seiner ersten Publikation, „The Candle“ (November 1942) bis zu „Fever Dream“ (September 1948) erschienen in dem „einzigartigen Magazine,“ wie sich das Journal im Untertitel nannte, 25 Kurzgeschichten in den 36 Ausgaben, die in diesem Zeitraum an den Zeitungshandel ausgeliefert wurden (ab Januar 1940 war das Magazin von monatlicher auf zweimonatliche Erscheinungseise umgestellt worden). Das geschah zu einer Zeit, als die besten Jahre längst hinter dem Magazin lagen, nachdem Farnsworth Wright infolge der Verschlimmerung seiner Parkinson-Erkrankung im Mai 1940 die Herausgabe an Dorothy McIlwraith abgegeben hatte, die zwischen 1939 und 1954 auch das Magazin „Short Stories“ redigierte (bei dem es sich, anders als der Titel vermuten läßt, ebenfalls um ein solches Groschenheft für Abenteuerliteratur handelte) - und nachdem von den „großen Drei,“ die dem Journal in den 1930er Jahren seinen Ruhm bei der Leserschaft beschert hatten von der irdischen Bühne abgetreten waren (Robert E. Howard im Juni 1936, H. P. Lovecraft neun Monate darauf) oder im Fall von Clark Ashton Smith das Schreiben weitgehend eingestellt hatten. In den vierziger Jahren bildeten zumeist literarische Nobodys wie Allison V. Harding oder Harold Lawlor das Team der Stammautoren, neben August Derleth und Robert Bloch, deren Produktionen nur selten über das Niveau von gängigen Grusel-Kurzwaren hinausgingen.
Die Zahl dieser Erzählungen von Bradbury ließe sich leicht auf 31 erhöhen, weil die sechs der insgesamt 27 Geschichten, die August Derleth in die Sammlung „Dark Carnival“ aufnahm, die im Oktober 1947 in einer Auflagenhöhe von 3113 Exemplaren in seinem Kleinverlag Arkham House erschien und die bis dahin noch ungedruckt waren, ganz in dieser Weise gehalten sind.
Diese erste Phase von Bradbury Schaffen fand ihr Ende, als er sich nach Kriegsende zum einen auf Themen aus dem Bereich der Science Fiction kaprizierte – die in Magazinen wie „Startling Stories“ und „Planet Stories“ erschienen – und die Erzählungen in seiner bisher gepflegten Manier von den „Slicks,“ den auf Hochglanzpapier gedruckten großen Illustrierten mit einer Auflagenhöhe von hunderttausenden von Exemplaren wie „Good Housekeeping,“ „Charm,“ oder der „Saturday Evening Post“ abgenommen wurden. Auf Drängen seiner Freundes Grant Beach, der der Ansicht war, daß Bradbury mit dem Schreiben für die reißischen Pulp-Magazine seine Perlen vor die Säue warf, hatte er im Sommer 1945 begonnen, Texte dort einzureichen und hate in der letzten Augustwoche drei Annahmen verbucht („Invisible Boy“ erschien im November 1945 in Mademoiselle, „The Miracles of Jamie“ im April 1946 in Charm, und „One Timeless Spring“ am 13. April 1946 in Collier’s Magazine).
„The October Game,“ im März 1948 erschienen, gehört zu den letzten Kurzgeschichten, die Bradbury in Weird Tales veröffentlicht hat. Bradbury hat fünfzehn der Texte aus “Dark Carnival,“ die er in die Sammlung „The October Country,“ die im November 1955 bei Ballantine Books herauskam, überarbeitet. „The October Game“ ist erst spät in einen seiner Erzählbände aufgenommen worden – in „Long After Midnight,“ die im November 1976 beim Verlag Knopf erschienen ist. Aus Lesersicht mag das keine sonderlich kluge Entscheidung gewesen sein, weil die vier frühen Erzählungen, die in diesem Band nachgedruckt wurden (bei den übrigen handelt es sich um „The Blue Bottle“ und „Punishment Without Crime“ aus dem Jahr 1950 und den oben erwähnten zeitlosen Frühling, „One Timeless Spring“) den Qualitätsabfall zwischen dem „frühen“ und dem „späten“ Bradbury benehmend vor Augen führen. Schon eine Erzählung wie „The Lost City of Mars,“ im Januar 1967 im „Playboy“ erschienen (der ab Mitte der fünfziger Jahre und vor allem nach der Einstellung der genannten Illustrierten der Hauptabnehmer für Bradburys Geschichten wurde) und 1969 in der Sammlung „I Sing the Body Electric“ nachgedruckt, liest sich wie eine drittklassige Imitation der klassisch gewordenen Marsgeschichten aus „The Martian Chronicles“): lustlos, unfokussiert, ohne prägnante Fabel und ohne die Aura eines Traums (oder Albtraums), der den frühen Erzählungen ihren unverwechselbaren Reiz verleiht.
Herausgeber von Horror-Anthologien hat das „Oktoberspiel“ mehr angesprochen. Zuerst nachgedruckt wurde sie in der nach der Aufmachung von Alfred Hitchcock zusammengestellten Sammlung „13 More Stories They Wouldn’t Let Me Do on TV“ (1959 bei Dell erschienen - der wirkliche Herausgeber war wie für fast alle „Hitchcock“-Anthologien Robert Arthur), das ebenfalls von Robert Arthur kompilierte „Hangman’s Dozen“ (Dell 1962), Basil Davenports „13 Ways to Dispose of a Corpse“ (Dodd, Mead, 1966), „Chamber of Horrors,“ die die Aufmachung Christopher Lee gutschreibt (Souvenir Press, 1974), Vic Ghidalias „Gooseflesh!“ (Berkley Medaillon, 1974) und die auf die Kosten von Peter Haining geht und die von Haining unter seinem richtigen Namen edierte Anthologie „Deadly Nightshade“ (Victor Gollancz, 1977).
Eine kleine Anmerkung: 1976, als „Long After Midnight“ bei Knopf verlegt wurde, war auch das Todesjahr von zwei der Frauen, deren mit „Weird Tales“ verbunden sind, 22 Jahre, nachdem das Magazin mit der Ausgabe vom September 1954 nach 31 Jahren eingestellt wurde: die Herausgeberin Dorthy McIlwraith, die am 29. August im Alter von 84 Jahren starb, und Margaret Brundage, deren mit Farbkreide ausgeführten Titelbilder dem „einzigartigen Magazin“ in den dreißiger Jahren ein einzigartiges Gepräge verliehen hatten – und ein durchaus halbseidiges, da Farnworth Wright an den Verkaufszahlen sehen konnte, daß äußerst spärlich bis gar nicht bekleidete junge Damen in Bedrängnis oder verfänglicher Pose den Absatz seines Magazins beträchtlich verbesserten. Vom Juni 1933 bis zum August 1936 gestaltete Brundage (die sich schnell bei den Lesern den Spitznamen „Margaret Bondage“ erwarb) 39 Umschlagbilder in Folge. H. P. Lovecraft, der das Magazin, dessen Starautor er war, zur Monatsmitte am Kiosk in seiner Heimatstadt Providence in Rhode Island zur Monatsmitte am Kiosk erstand, riß immer pikiert die Umschlagseite ab, bevor er es unter dem Arm nach Hause trug. Daß Brundage ihre eigenen Töchter als Aktmodell für diese Bilder gezeichnet hat, ist freilich nur ein Gerücht, das zu dieser Zeit entstanden ist (*). Margaret Brundage starb ein halbes Jahr vor Dorothy McIlwraith, am 9. April 1976 im Alter von 75 Jahren. Die zeitliche Nähe dieser beiden Abtritte von der irdischen Bühne, lange nach dem Ende der Bühne, auf der sie ihre Auftritte absolvierten, erinnert in diesen Tagen an das beinahe zeitgleiche Ableben von Walter Koenig, besser bekannt als Astrogator Pavel Tchechov in der ersten Star-Trek-Serie von 1966 bis 1969, am vergangenen Sonntag, dem 25. Oktober und Patrick Stewart, alias Captain Jean Luc Picard auf der Nachfolger-Enterprise mit der Seriennummer NCC 1701-D, drei Tage später.
(*) Im Magazin der Robert E. Howard United Press Association, REHupa, Ausgabe 88 vom November 1987, schreibt L. Sprague de Camp, namhafter SF-Autor und Biograf von Lovecraft und Robert E. Howard in einem Leserbrief: „was die verführerischen Schönheiten auf den Titelbildern von Weird Tales angeht, gab es einmal das Gerücht, daß Mrs. Brundages Töchter ihr hier Modell gestanden hätten. Später hat sie erklärt, daß sie gar keine Kinder hatte und daß sie Bilder von Anzeigen für Künstlermodelle aus Illustrierten ausschnitt, weil sie sich keine professionellen Modelle leisten konnte. Deshalb die vielen modischen Frisuren aus den frühen dreißiger Jahren.“ Auch Virgil Finlay, ab 1937 einer der Hauptillustratoren für „Weird Tales,“ stützte sich bei seiner Arbeit zumeist auf solche Vorlagen – in seinem Fall oft Pressephotos aus Hollywoodfilmen.
Lee Brown Coye (1907-1981), der ab 1944 zahlreiche Illustrationen für „Weird Tales“ anfertigte (7 der Illustrationen für die 12 Erzählungen in der Ausgabe vom März 1948 stammen von ihm), und den Peter Haining (in seiner Sammlung „Terror! A History of Illustrations from the Pulp Magazines“ (1976), als den „Meister der verwesenden Leichen” charakterisiert), hat „The October Game“ zweimal illustriert – zuerst 1948 für die Erstveröffentlichung und viele Jahre darauf für die dritte Ausgabe des von Stuart David Schiff herausgegebenen Amateurmagazins „Whispers“ im März 1974.
(Lee Brown Coye, Weird Tales, September 1948)
(Weird Tales, September 1947. "George Whitley" ist ein Pseudonym für den englischen SF-Autor A. Bertram Chandler (1912-1984).)
Die Bildgeschichten-Umsetzung von EC Comics, die in Shock SuspenStories Nr. 9 vom September 1953 erschien, ist von Al Feldstein gezeichnet worden. (Es fällt auf, daß der Letterer die Schreibweise „Mich“ auf die gebräuchliche Form „Mitch“ verbessert hat.)
U.E.
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