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17. September 2008

Marginalie: Die Amis mögen doch bestimmt die Moslems nicht. Oder?

Gestern hat das Pew Research Center die Ergebnisse seiner jährlichen vergleichenden internationalen Untersuchung über Ethnozentrismus veröffentlicht.

Was glauben Sie, wo es am wenigsten Vorurteile gegenüber Juden gibt? Richtig, in den USA.

Die größte Zahl der Befragten mit antisemitischen Vorurteilen fand Pew in den klassischen Ländern des Antisemitismus: Spanien (46 Prozent), Polen (36 Prozent) und Rußland (34 Prozent).

Auf einem beschämenden vierten Platz liegen wir Deutsche mit 25 Prozent (leider wird in der Untersuchung nicht nach Ost- und Westdeutschland differenziert; das wäre interessant). Nicht weit dahinter folgt Frankreich mit 20 Prozent.

Und welche Völker sind am wenigsten antisemitisch? Großbritannien (9 Prozent) und die USA mit 7 Prozent am Ende der Skala.

Dann sind sie aber doch wenigstens, als Opfer von 9/11, besonders moslemfeindlich, die Amis? Keineswegs. Sie liegen, zusammen mit den Briten, auch hier auf dem letzten Platz (23 Prozent).

An der Spitze finden wir wiederum Spanien mit 52 Prozent. Gefolgt von, mit 50 Prozent - na, raten Sie mal? : Deutschland.



Ein anderes Ergebnis aus dieser sehr interessanten Untersuchung: Seit 2002 ist unter Moslems weltweit die Zustimmung zu Selbstmord- Attentaten drastisch gesunken. Sehen Sie sich einmal diese Grafik an.



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7. Februar 2008

Zitat des Tages: Nicht mehr "schwarzer Typ" und "weißes Mädchen"

Anyone with children in their 20s or younger knows that they deal with race and ethnicity in ways different from their elders. Skin color is no longer a physical marker for most of them. By and large, our sons and daughters describe their friends as tall or short, funny or serious, as good students or poor athletes, but seldom -- as earlier generations would have done -- as a "black guy" or a "white girl." (...)

Their America is one in which the last two secretaries of State have been African American and the first Latino attorney general came and went without much notice -- all, by the way, named by a Republican president, something no one in his party even bothers to note to his credit.


(Jeder, der Kinder in den Zwanzigern oder jünger hat, weiß, daß sie mit Rasse und kultureller Herkunft auf andere Arten umgehen als ihre Eltern und Großeltern. Die Hautfarbe ist für die meisten von ihnen kein charakterisierendes körperliches Merkmal mehr. Im Großen und Ganzen beschreiben unsere Söhne und Töchter ihre Freunde als groß oder klein, lustig oder ernsthaft, als gute Schüler oder schlechte Sportler, aber selten - so, wie das frühere Generationen getan hätten - als ein "schwarzer Typ" oder ein "weißes Mädchen". (...)

Ihr Amerika ist ein Land, in dem die Außenministerin und ihr Vorgänger afro- amerikanischer Herkunft sind und wo der erste Latino- Justizminister ohne viel Aufsehen kam und ging - sie alle, nebenbei gesagt, von einem Republikanischen Präsidenten ernannt; etwas, daß niemand in seiner Partei der anerkennenden Erwähnung auch nur für der Mühe wert hält.)

Tim Rutten gestern in seiner Kolumne in der Los Angeles Times. - Ich habe mich oft gefragt, ob Barack Obama heute wohl ein aussichtsreicher Anwärter auf das Amt des US-Präsidenten wäre, wenn nicht Präsident Bush die Souveränität und den Mut gehabt hätte, ohne sich um Vorurteile zu scheren, erst Colin L. Powell und dann Condoleezza Rice in das Amt des Außenministers zu berufen.

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21. Januar 2008

"Polizei prügelt Schwarzen". Eine Empörung seinerzeit. Dazu jetzt eine Recherche

Erinnern Sie sich noch an den Vorfall, der im Juni 2004 die ganze Welt empörte und der auch in Deutschland seine Wellen schlug? "Polizei prügelt Schwarzen" titelte damals zum Beispiel die "Berliner Zeitung". In ihrem Bericht hieß es:
Die jüngsten Video-Bilder aus Los Angeles haben Empörung ausgelöst: Ein afro- amerikanischer Mann rennt aus einem Auto, bleibt plötzlich stehen und hebt seine Arme in die Höhe. Es ist eine Geste der Kapitulation. Kurze Zeit später sieht man den Mann am Boden liegen, Polizisten sind über ihn gebeugt, einer von ihnen schlägt immer wieder auf den Mann ein. (...)

Die Männer - alles Weiße - würden umgehend entlassen und angeklagt, sollte sich der Vorwurf übermäßiger Gewalt bestätigen, kündigte Bürgermeister James Hahn an. (...) Zudem traf sich der Polizeichef von Los Angeles bereits mit Vertretern der verschiedenen Afro- Amerikanischen Gemeinden der Stadt. Sie fordern drastische Maßnahmen gegen die Polizisten, vor allem aber gegen John Hatfield, jenen Polizisten, der mit einer Taschenlampe auf den 36-jährigen Stanley Miller eingeschlagen hat.
Ich war damals, als die Bilder im TV liefen, auch empört über die, so schien es, offensichtliche Brutalität dieser weißer Polizisten gegen einen Schwarzen, der schon hilflos am Boden lag.

Jetzt bin ich wieder auf den Fall gestoßen, und zwar durch eine Kolumne von Steve Lopez in der gestrigen Los Angeles Times.

Auch Lopez hatte seinerzeit gegen den Polizisten Hatfield gewettert, der nach dem Vorfall aus dem Dienst entfernt wurde und inzwischen eine Umschulung zum Krankenpfleger macht, aber auf Wiedereinstellung klagt. Lopez hat den Fall jetzt nachrecherchiert und Interviews geführt; unter anderem hat er ausführlich mit Hatfield gesprochen. Und es stellte sich Überraschendes heraus.



Was den Vorwurf des Rassismus angeht, so hatte es von vornherein dafür nicht das geringste Indiz gegeben. Er entstammte schlicht dem Vorurteil, daß weiße Polizisten, die auf einen Schwarzen einschlagen, das aus Rassismus tun. Ein Vorurteil, das man seltsamerweise gerade bei Menschen findet, die sich sonst vehement gegen Vorurteile einsetzen.

John Hatfield weist, so schildert es Lopez, den Vorwurf des Rassismus nicht nur empört zurück, sondern er tut das auch mit guten Gründen. Hatfield ist mit einer Iranerin verheiratet, seine Mutter stammt aus Mexiko, und Trauzeuge bei seiner ersten Eheschließung war ein Schwarzer. Nicht eben das klassische Bild des weißen, rassistischen Polizisten, wie es seit dem Film "In der Hitze der Nacht" in den Köpfen festsitzt.



Wie kam es nun zu der Szene, die zufällig aus einem Polizei- Hubschrauber heraus gefilmt worden war und die soviel weltweite Empörung ausgelöst hatte?

Das Auto, aus dem der Mann - Stanley Miller - , wie es in der Meldung heißt, "rennt", war ein Toyota Camry, den er gestohlen hatte. Er war erwischt worden, und mehrere Polizeiwagen hatten seine Verfolgung aufgenommen.

Während der Verfolgung bückte Miller sich mehrfach, so als wolle er eine Waffe aufheben, sagte Hatfield. Der Polizist öffnete deshalb die Tür seines Wagens, um sie als Schutzschild gegen etwaige Schüsse einzusetzen.

Nach einer dreißigminütigen Verfolgungsjagd durch den Süden von Los Angeles hält der Dieb an und setzt die Flucht zu Fuß fort. Hatfield ist der Dritte in der Reihe der Polizisten, die die Verfolgung aufnehmen. Sie vermuten, daß Miller seine Waffe mitgenommen hat, denn er hält beim Laufen den linken Arm eng an die Brust gedrückt.

Dann ist er am Ende seines Atems. Er bleibt stehen und hebt die Hände hoch. Ein Polizist richtet zunächst die Pistole auf Miller, steckt sie dann aber wieder ins Halfter und versucht den Dieb zu packen. Die spätere Untersuchung stellte fest, daß das ein schwerer Fehler gewesen war; der Polizist hätte seine Pistole so lange auf Miller gerichtet lassen müssen, bis andere ihm Handschellen angelegt hatten.

Stattdessen kommt es jetzt zu einem Handgemenge, an dem sich Hatfield beteiligt. Am Ende befinden sich Miller und Hatfield beide am Boden. Hatfield kniet auf Miller und schlägt mit der Taschenlampe auf ihn ein. Das ist die Szene, die weltweit Empörung auslöste.

Hatfield sagt dazu, ein anderer Polizist habe gerufen, der Dieb hätte immer noch eine gun. In der Tat hätte Miller weiter seinen linken Arm unter seiner Brust versteckt gehalten. Um diesen Arm sei es ihm, Hatfield, gegangen, als er mit der Taschenlampe zuschlug. Offenbar wollte er dadurch erreichen, daß Miller den Arm freigab, so daß man ihm die vermutete Waffe abnehmen konnte.

Der Autor Lopez schreibt dazu, als er das Video gemeinsam mit Hatfield angesehen habe, hätte dieser ihn davon überzeugt, daß Miller noch keineswegs unter Kontrolle ("restrained") war, als Hatfield mit der Taschenlampe zuschlug.

Nach der Festnahme stellte sich heraus, daß die Vermutung, Miller hätte eine Waffe bei sich gehabt, irrig gewesen war.



Ich habe das Geschehen so detailliert geschildert, um deutlich zu machen, wie trivial es gewesen ist. Bei einer Festnahme wehrt sich ein Verbrecher, und die Polizisten wenden Gewalt an, "unmittelbare Gewalt", wie es in der deutschen Polizeisprache heißt.

Was man den an diesem Vorfall beteiligten Polizisten vorwerfen kann, das ist unprofessionelles Verhalten. Man hätte Miller offenbar, wenn man ihn mit der Pistole in Schach gehalten hätte, ohne Gewalt festnehmen können. Er hatte ja auch schon die Hände gehoben, sich also anscheinend ergeben gehabt.

Das ist aber auch alles, was von dem bleibt, was als angeblicher Fall von brutalem Rassismus um die Welt ging.

Und wie ging es in Los Angeles weiter?

Miller, der bei dem Handgemenge leichte Abschürfungen erlitten hatte, erhielt dafür eine Entschädigung von 450.000 Dollar. Für den Versuch, sich seiner Festnahme zu entziehen, wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt.

Hatfield, der zuvor acht Jahre ohne Beanstandung Dienst getan hatte, wurde entlassen, nachdem ein Disziplinargericht ihm "unkontrolliertes Verhalten" vorgeworfen hatte. Er kämpft jetzt um seine Rehabilitierung.



Wie konnte es geschehen, daß ein Polizist wegen eines so geringfügigen Vergehens so hart bestraft wurde?

Lopez sprach darüber mit einer Bürgerrechtlerin und Polizeikritikerin, Connie Rice. Auch mit ihr sah er gemeinsam das Video an. Sie meinte, das Fehlverhalten der Polizisten sei auf mangelnde Ausbildung zurückzuführen.

Hatfields Schläge seien trotzdem nicht zu entschuldigen, und er hätte, sagte sie, z.B. eine vorübergehende Suspendierung verdient gehabt. Aber daß er gefeuert wurde, hält sie für falsch. Er sei ein Polizist gewesen, der sich um Jugendliche gekümmert, der beispielsweise Geld für ein Stipendien- Programm gesammelt hätte, das Kindern aus einkommensschwachen Familien zugute kommen sollte. "Einer von den Guten".

Warum also wurde er gefeuert, fragte Lopez die Bürgerrechtlerin Rice.
"The rules are different" in a high-profile incident, Rice said, especially one involving a black suspect and an African American community that sees the LAPD through an 80-year prism. There were protests at the time, comparisons to the Rodney King case and a call for heads to roll. "I think the pressure to respond to the community was huge."

"Die Regeln sind anders", wenn es sich um einen Vorfall handelt, der im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit steht, sagte Rice. Vor allem, wenn es sich um einen schwarzen Verdächtigen handelt und um eine afro- amerikanische Gemeinschaft, die das LAPD [die Polizeibehörde von Los Angeles; Anmerkung von Zettel] durch das Brennglas von 80 Jahren sieht. Es gab damals Proteste, Vergleiche mit dem Fall Rodney King und den Ruf danach, daß Köpfe rollen müßten. "Ich glaube, daß der Druck, auf die [afro- amerikanische] Gemeinschaft zu reagieren, immens war".
Das sagte nicht die Anwältin von John Hatfield, sondern eine Bürgerrechtlerin, die sich gegen Polizei- Übergriffe engagiert.



Am Ende seines Artikels stellt Lopez sich selbst die Frage, ob Hatfield denn nun hätte gefeuert werden sollen. Überraschenderweise - überraschend, wenn man seinen Artikel gelesen hat - antwortet er mit ja. Und zwar deshalb, weil der Polizeipräsident Bratton, der damals zwei Jahre im Amt gewesen war, hätte beweisen müssen, daß sich bei der Polizei von Los Angeles etwas geändert hätte.

Ich kann mich dem Zynismus, der in dieser Antwort liegt, nicht anschließen. Einem Polizisten ist offensichtlich Unrecht getan worden. So etwas kann aus meiner Sicht niemals durch politische Gründe gerechtfertigt werden.

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9. August 2007

Der Fall Marco Weiss: Zwei Clashes of Cultures. Geklärte Fakten

Der Fall Marco Weiss hat alle Ingredienzien eines Kriminalfalls, der die Gemüter erregt; fast einer Cause Célèbre, auch wenn es sich nicht um ein Kapitalverbrechen handelt.

Es geht um Sexualität, noch dazu den Vorwurf sexueller Handlungen an einem Kind.

Es geht sodann um eine Grundangst vieler Touristen: Im fremden Land in die Fänge einer Justiz zu geraten, deren Rechtsverständnis nicht das unsere ist; in einem Gefängnis festgehalten zu werden, dessen Lebensbedingungen in Deutschland keinem Schäferhund zugemutet werden dürften.

Es geht weiterhin um einen Clash of Cultures, und zwar gleich einen doppelten.



Erstens zwischen deutscher und türkischer Kultur.

In der Türkei, zwar noch der Form nach säkular, aber von einer islamistischen Partei regiert, findet in den Ferienorten, findet zumal in Antalya, wo sich der Fall zutrug, Saison für Saison ein Festival des Hedonismus, der sexuellen Freizügigkeit statt.

In einem Land, in dem immer mehr Frauen wenn auch nicht die Burka, so doch das Kopftuch tragen, hüpfen die jungen Mädchen im Bikini am Strand umher. In einer Kultur, die alle Sexualität hinter die Mauern der Wohnung verbannt, findet in den Tourismus- Gebieten öffentliches Küssen und Knutschen statt.

Gewiß, man braucht das Geld der Touristen. Junge Türken mögen auch die sexuelle Freizügigkeit der englischen und deutschen Mädchen schätzen. Achten dürften die wenigsten sie dafür.



Die deutschen Stimmen in diesem Clash sind bekannt; und sie sind lebhaft. Man braucht sich nur eine der vielen Internet- Diskussionen zum Thema anzusehen, beipielsweise die in Welt-Online im Juni und Juli.

Aber die türkische emotionale Reaktion dürfte nicht weniger heftig sein. Einen Eindruck davon gibt vielleicht, was Emre aus Pennsylvania dazu in der "London Times" kommentiert:
It is amazing to see how such an incident provokes the racio-supermacist feelings in our "always morally right friends" in Europe. How conveniently this incident proves that we Turks are bloodthirsty savages who need to be civilized. Right?

Es ist erstaunlich, zu beobachten, wie sehr ein solcher Vorfall die Gefühle rassischer Überlegenheit bei unseren "Freunden, die immer moralisch im Recht sind" in Europa auslöst. Wie passend beweist doch dieser Vorfall, daß wir Türken blutdürstige Wilde sind, die zivilisiert werden müssen. Nicht wahr?



Der zweite Clash in diesem Fall ist sozusagen ein innerkultureller: Offenbar traf die Weltanschauung der Mutter von Charlotte M. auf die lockeren sexuellen Umgangsformen, wie sie unter amerikanischen, unter westeuropäischen Jugendlichen heutzutage üblich sind, zumal im Urlaub.

Nach allem, was man über diese Mutter weiß - ich habe im Web wenig genug über sie finden können -, ist sie eine fromme Christin, für die es offenbar eine Katastrophe war, daß ihr Kind mit 13 Jahren einen sexuellen Kontakt hatte. Eine Nachbarin sagte, Charlotte habe noch nie einen Freund gehabt.

Es liegt nahe, daß die Mutter den Vorfall nur dann mit ihrem Weltbild, dem Selbstverständnis ihrer Familie und auch mit deren Ansehen in der Gemeinde vereinbaren konnte, wenn sie ihn als eine sexuelle Aggression durch Marco Weiss sah; ihn jedenfalls so darstellte.



Wenn ein Fall sich derart sozusagen im Schnittpunkt mehrerer Emotionalisierungen befindet, dann kann man ihn nüchtern erst dann betrachten, wenn über die Fakten einigermaßen Klarheit herrscht.

Bis gestern war da nicht der Fall. Ich habe deshalb über das Thema nichts geschrieben, weil ich den Eindruck hatte, es nicht beurteilen zu können.

Seit gestern hat sich die Situation verändert. In dem Prozeß trat der Arzt Levent Hekim als Zeuge auf, der Charlotte M. unmittelbar nach dem Vorfall gynäkologisch untersucht hatte. Und es wurde der junge Mann befragt, der zu der betreffenden Zeit in dem Apartment anwesend war, sich aber auf den Balkon begeben hatte.

Hekims Aussage ist zum Beispiel im "Tagesspiegel" zu lesen:
(...) der türkische Gynäkologe Levent Hekim (58), der die 13-jährige Britin Charlotte nach jener Nacht vor vier Monaten untersucht hat, hat keine Anzeichen für eine Vergewaltigung des Mädchens gefunden. Er schildert Journalisten nach seiner Zeugenaussage, was sich damals ereignet hat.

Danach war Charlotte mit ihrer Mutter zunächst beim Hotelarzt. Der habe sich für nicht zuständig erklärt und die Mutter an das Krankenhaus verwiesen. Dort sei das Mädchen ganz entspannt gewesen. Die Frage, ob ihr Gewalt angetan worden sei, habe sie verneint. Sie habe Marco selbst eingeladen, gibt der Arzt die Aussage wieder.
Der junge Mann, der sich während des Vorfalls auf dem Balkon des Appartments aufgehalten hatte, sagte ähnlich aus (er war, mit unkenntlich gemachtem Gesicht, gestern im deutschen TV zu sehen): Er hätte nichts von einem "Gerangel" mitbekommen, und Charlotte sei nach dem Vorfall ganz entspannt gewesen.



Mir scheint bei diesem Stand der Dinge, daß der Vorgang im wesentlichen aufgeklärt ist. Es gibt keinen Hinweis auf eine Vergewaltigung, es gibt keinen Hinweis darauf, daß Marco Weiss überhaupt Gewalt angewandt hat. Alles bestätigt die Version, die er von Anfang an vorgetragen hat: Es habe in beiderseitigem Einvernehmen Petting gegeben, und dabei habe er einen Samenerguß gehabt.

Bleibt die Frage, ob Marco Weiss sich dennoch strafbar gemacht hat, indem er mit einem dreizehnjährigen Mädchen solche sexuelle Handlungen vornahm.

Wie das nach türkischem Recht ist, habe ich leider nicht in Erfahrung bringen können. Nach deutschem Recht müßte Marco Weiss aber sehr wahrscheinlich freigesprochen werden.

Das ist einem Artikel von Stefan Kirchner im "German Law Journal" zu entnehmen, dessen Tenor es allerdings ist, im Gegenteil zu zeigen, daß auch nach deutschem Recht Marco Weiss durchaus unter Umständen verurteilt werden könnte.

Aber der Artikel erschien, bevor die jetzt vorliegenden Fakten bekannt waren. Kirchner schrieb:
Should the defendant have erred regarding the age of the victim, it would mean that he was not aware of the fact that a requirement for criminal law consequences of his behavior – in this case the young age of the girl – was met. In this case, the perpetrator is considered to have acted without intent to commit the crime, § 16 (1) 1 StGB.

(...) Among them is the question of whether the victim consented to the sexual activities and if so, does it matter ? If the victim freely consented and was able to do so, no crime has been committed.
Wenn Marco Weiss hinsichtlich des Alters von Charlotte im Irrtum war, schreibt Kirchner, dann kann er nicht verurteilt werden. Wenn sie den sexuellen Handlungen zugestimmt hat, dann kann Marco nicht verurteilt werden. Nach deutschem Recht.

Das zweite - daß Charlotte einverstanden war - ist durch die Aussagen des Arztes und des jungen Engländers belegt. Das erste - daß er der Meinung was, sie sei fünfzehn - sagt Marco Weiss selbst aus; und es dürfte ihm schwer zu widerlegen sein.



Noch eine Bemerkung:

Es gibt einen Grund dafür, daß ich mich jetzt doch noch ausführlich mit dem Fall befaßt habe. Er quillt einerseits sozusagen über von Irrationalem - nationalen Empfindlichkeiten, Vorurteilen, religiöser Befangenheit. Andererseits scheint es jetzt, daß nicht mehr Aussage gegen Aussage steht, sondern daß der Fall rational und faktenorientiert entschieden werden kann.

Es geht also um Irrationalismus und Vorurteil vs. Vernunft und Aufklärung. Und das interessiert mich immer.

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2. Januar 2007

Rückblick: Die Mutter aller Überraschungen

Kürzlich habe ich hier auf einen Artikel in Newsweek International aufmerksam gemacht, der den gegenwärtigen wirtschaftlichen Boom im Irak beschreibt - so gar nicht passend zu den Untergangsszenarien, die hier in Deutschland das Bild vom Irak bestimmen.

Jetzt bin ich auf einen Beitrag von Amir Taheri in der New York Post gestoßen, der sich ebenfalls zum Teil auf den Artikel in Newsweek International stützt und ihn durch weitere Einzelheiten - Taheri berichtet direkt aus dem Irak, aus dem Ort Um Quasr - ergänzt.

Dieses Dorf im Südosten des Irak, schreibt Taheri, sei vor vier Jahren ein sterbendes Kaff aus rostenden Kais und verlassenen Häusern gewesen, mit nur noch ein paar Dutzend Einwohnern. Heute sei es ein prosperierendes Dorf, in das viele frühere Einwohner zurückgekehrt und in das Hunderte aus dem ganzen Irak neu zugezogen sind.

Ein Indiz für den Aufschwung: Der irakische Dinar wurde im Lauf des vergangenen Jahrs in Relation zu den drei Währungen, mit denen er konkurriert - dem iranischen Rial, dem kuweitischen Dinar und dem Dollar - ständig aufgewertet. Der steigende Ölpreis allein kann, schreibt Taheri, das nicht erklären, denn davon profitieren der iranische Rial und der kuweitische Dinar ebenso.

Wesentlich seien unerwartet hohe ausländische Direktinvestitionen, befördert durch die Aussicht auf eine Liberalisierung, wie es sie in der Region nur noch in Dubai und Bahrein gebe. Ein weiterer wichtiger Faktor sei der Zustrom schiitischer Pilger in die heiligen Städte, der unter Saddam Hussein stark eingeschränkt gewesen war, und der viel Geld ins Land bringe.



Ja, aber was ist mit dem Terrorismus? Most foreign investors coming to make money in Iraq shrug their shoulders. "Doing business in any Arab country is always risky," says a Turkish investor who has set up a trucking company and a taxi service. Die meisten ausländischen Investoren reagieren mit Schulterzucken. Geschäfte in arabischen Ländern seien immer mit Risiko behaftet.

Ein weiterer Faktor, der den Aufschwung fördert, sind die niedrigen Löhne im Irak. Im Vergleich zu den umliegenden arabischen Ölstaaten - aber nicht im Vergleich mit dem Iran, aus dem schon Wanderarbeiter in den boomenden Irak ziehen.



Allerdings sei, schreibt Taheri, der Übergang zu einer freien Wirtschaft auch mit Härten für viele verbunden, die bisher vom Staat mehr oder weniger versorgt worden waren. Unter Saddams Sozialismus gab es fast kein freies Unternehmertum, und die wichtigsten Güter - vom Benzin über das Brot bis zum Zucker - wurden vom Staat zu subventionierten Preisen verteilt.



Ich habe es schon in dem Beitrag geschrieben, auf den der jetzige zurückblickt - warum gelangen solche Meldungen nicht in unsere Medien?

Daß im Irak gebombt wird, weiß jeder. Das wieder und wieder zu berichten, ist journalistisch so interessant, wie zu berichten, daß es am Nordpol kalt ist. So spannend wie die Berichte in den DDR-Medien über Planerfüllungen, Selbstverpflichtungen und wichtige Reden des Generalsekretärs des Zentralkomitees der SED und Vorsitzenden des Staatsrats der DDR.

Aber daß die Wirtschaft des Irak boomt - das ist doch unerwartet, es ist eine wirkliche Nachricht. Lesen die deutschen Journalisten nicht Newsweek, lesen sie nicht die New York Post?

Oder halten sie deren Meldungen für falsch oder einseitig? Na, dann auf in den Irak, selbst recherchieren und Berichte über die irakische Wirtschaft schreiben, die andere Daten mitteilen. Ich würde mich freuen, sie zu lesen.

Statt der vierhundertneunzigsten Meldung darüber, daß in Bagdad eine Autobombe gezündet wurde.

28. Dezember 2006

Ketzereien zum Irak (3): Die Mutter aller Überraschungen

Auch wer die Nachrichten sorgsam verfolgt, weiß kaum etwas über die aktuelle wirtschaftliche Lage im Irak. Die Meisten, auch die gut Informierten, werden sich vermutlich sagen: Sie wird wie die allgemeine Lage sein, also miserabel. Kurz vor dem Zusammenbruch, wie der ganze Irak.

Falsch, ganz falsch. Über die Wirtschaftslage im Irak berichtet in der vom 1. Januar 2007 datierten Ausgabe Silvia Spring in Newsweek International. Untertitel des Artikels: In what might be called the mother of all surprises, Iraq's economy is growing strong, even booming in places. Man könnte es die Mutter aller Überraschungen nennen, daß die irakische Wirtschaft stark wächst, stellenweise gar boomt.

Überraschend warum? Überall auf der Welt hat der Sturz einer Diktatur, hat die Durchsetzung einer freiheitlichen Gesellschaft und hat der Aufbau des Kapitalismus eine Freisetzung von Kräften bewirkt, die in wenigen Jahrzehnten aus der Armut führte. Man konnte und kann das in Spanien sehen, in Lateinamerika, in ganz Osteuropa.

Natürlich ist der Irak keine Ausnahme. Der Terrorismus und die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen religiösen Extremisten behindern diesen Prozeß. Aber er findet trotzdem statt, wenn auch langsamer, als ohne diese Hindernisse.



Im Irak gibt es heute 7,1 Millionen Handys; vor zwei Jahren waren es 1,4 Millionen. Laut dem Londoner Wirtschaftsinstitut Global Insight boomt das Immobiliengeschäft. Das Bauwesen, der Groß- und Einzelhandel sind ebenfalls in einer gesunden Verfassung. Nach einer Untersuchung der US Chamber of Commerce gibt es im Irak jetzt 34000 eingetragene Unternehmen. Vor drei Jahren waren es 8000. Das Bruttosozialprodukt ist laut Global Insight 2005 um 17 Prozent gewachsen. Die Wachstumsprognose für 2006 ist 13 Prozent.

Die Weltbank ist erheblich konservativer in ihrer Schätzung: 4 Prozent für 2006. Nur: Wer, der die ständigen Meldungen vom wachsenden Chaos im Irak liest, hätte gedacht, daß selbst eine äußerst konservative Schätzungen dem Land ein hohes Wirtschaftswachstum bescheinigen?

Woher kommt das Kapital für diese boomende Wirtschaft? Wesentlich aus den Öleinnahmen und aus Anleihen, die das Ausland gibt. Da die Sicherheitslage in einer Schlüsselregion, den Ölfeldern im Süden, sich günstig entwickelt, dürften diese Einnahmen weiter anwachsen.



Man darf, schreibt Silvia Spring weiter, dabei aber nicht die noch immer bestehenden Probleme des Irak übersehen. Die Arbeitslosigkeit liegt zwischen 30 und 50 Prozent. Frühere Staatsunternehmen sind praktisch zusammengebrochen. Viel zu viel Geld muß für Sicherheit ausgegeben werden; bis zu einem Drittel der Kosten.

Dennoch gibt es, wie es in dem Artikel heißt, vibrancy at the grass roots that is invisible in most international coverage of Iraq, ein Vibrieren in der Tiefe, das im größten Teil der internationalen Berichterstattung über den Irak nicht zu bemerken ist.

Der Geldkreislauf ist in Gang gekommen. Der Durchschnittsiraker hat Geld. Viele haben in der Zeit der Sanktionen große Rücklagen angesammelt, die sie jetzt ausgeben. Importwaren werden immer erschwinglicher, weil Zölle und Handelsbarrieren abgebaut wurden. Seit dem Sturz von Saddam sind die Löhne und Gehälter um 100 Prozent gestiegen. Die Einkommenssteuer wurde von 45 auf 15 Prozent gesenkt. Die USA wollten damit vor allem die mittelständische Wirtschaft ankurbeln, und es funktioniert.



Auch sonst zeigt der Irak viele Anzeichen eines wirtschaftlichen Aufschwungs.

Das vielleicht offensichtlichste Anzeichen, schreibt Silvia Spring, ist das fürchterliche Verkehrschaos. Durch Straßenbomben passiert weniger als durch die Autos, die heute im Irak herumfahren - fünfmal mehr als vor dem Krieg.

Die Geschäfte werden mit billigen chinesischen Waren überschwemmt. Die Immobilienpreise sind um mehrere hundert Prozent gestiegen - was, schreibt Silvia Spring, darauf hindeutet, daß die Iraker in Bezug auf die Zukunft optimistischer sind als die meisten Amerikaner.

Das Wirtschaftsministerium funktioniert. Unglaublich, yet it's a fact - aber so ist es halt, heißt es in dem Artikel. Die Regierung ist dabei, die hochzentralisierte Wirtschaft aus Saddams Zeiten zu liberalisieren.

Die Sicherheit ist natürlich der kritische Faktor. Der Irak wird zwar immer mehr, schreibt Silvia Spring, als einer der Märkte der Zukunft gesehen - aber am Ende wird es darauf ankommen, daß man das immer noch bestehende Sicherheitsproblem in den Griff bekommt.



Gut möglich, daß Silvia Spring und ihr im Irak stationierter Mitarbeiter Michael Hastings die Lage im Irak zu positiv sehen. Wie dem auch sei - Newsweek ist ein der Objektivität verpflichtetes Nachrichtenmagazin. Und kein Bush- freundliches. Der Artikel von Silvia Spring verdient es also, ernstgenommen zu werden.

Zumindest zeigt er, wie einseitig, wie klischeehaft die meisten deutschen Medien berichten.

Und wie unprofessionell. Man bites dog, das ist bekanntlich eine Nachricht. Und nicht Dog bites man. Also müßten doch eigentlich alle TV-Sender, alle Zeitungen sich für die positiven Aspekte der Entwicklung im Irak interessieren, aus dem trivialen Grund, daß dies News sind. Interessant, unerwartet, überraschend. Also fit to print.