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15. Januar 2010

Gorgasals Kleinigkeiten: Haiti, Rassismus und Katrina

Die internationale Hilfe in Haiti läuft langsam an - so langsam, dass die Haitianer nach Augenzeugenberichten aus Protest Straßensperren errichten.

Wissen Sie noch, was man seinerzeit an der langsamen Reaktion auf die Zerstörungen durch den Hurrikan Katrina ablesen konnte? Dass Präsident George W. Bush rassistisch ist und sich nicht für Schwarze interessiert. Meinten zumindest Michael Moore, Jacob Weisberg in Slate und noch viele andere Menschen.

Mal schauen, wann das Präsident Obama auch vorgeworfen wird.



© Gorgasal. Für Kommentare bitte hier klicken. Die Inspiration verdanke ich Travis Corcoran.

24. Juli 2009

Über Klischees über rassistische Klischees. Präsident Obama und der Fall Henry Louis Gates

Raten Sie einmal, welches Thema im Augenblick auf Platz eins der Top Stories bei den amerikanischen Google News steht.

Nein, nicht das Gesundheitsprogramm des Präsidenten, das in Schwierigkeiten steckt. Nicht Afghanistan, nicht die Wirtschaftskrise. Sondern der Vorfall in Cambridge, Massachusetts.

Gut möglich, daß Sie von diesem Vorfall noch gar nichts gehört oder gelesen haben. Denn so recht scheint er noch nicht in unsere Medien gedrungen zu sein. Die USA aber bewegt er. Es gibt eine heftige, eine fast leidenschaftliche Diskussion.

Folgendes hat sich zugetragen: Am 16. Juli kehrte Henry Louis Gates kurz nach Mittag von einer Chinareise nach Cambridge, Massachussetts zurück. Sein Fahrer, ein großer, kräftiger Mann, fuhr ihn mit dem Gepäck zu seinem Haus.

Als er die Tür öffnen wollte, stellte er fest, daß sie klemmte. Es gelang ihm nicht, sie mit dem Schlüssel zu öffnen; das Schloß schien beschädigt. Er bat daraufhin seinen Fahrer, die Tür mit den Schultern einzudrücken; was diesem auch gelang, er war ja ein großer, kräftiger Mann.

Gates ging dann zum Telefon, um seinem Vermieter den Schaden zu melden. Plötzlich stand ein Polizist vor der Tür. Noch mit dem Telefon in der Hand ging Gates zu ihm und fragte, ob er ihm helfen könne. Der Polizist bat Gates, vor die Tür zu treten. Dieser weigerte sich.

Es kam zu einem Wortwechsel. Gates verlangte den Namen und die Dienstnummer des Polizisten. Andere Polizisten kamen hinzu. Gates trat dann doch vor die Tür, um Namen und Dienstnummer eines der anderen Polizisten zu verlangen.

Er verließ damit sein Haus und den Schutz der Unverletzlichkeit der Wohnung. Die Polizisten nahmen ihn fest und brachten ihn zur erkennungsdienstlichen Behandlung auf das Revier. Er mußte rund vier Stunden in einer Zelle verbringen, bevor er gegen 5 Uhr wieder entlassen wurde. Die Polizei entschuldigte sich für das Versehen.



Wie war es zu dem Versehen gekommen? Als Gates und sein Fahrer die Tür gewaltsam zu öffenen versuchten, waren sie von einer Passantin beobachtet worden. Diese zog den naheliegenden Schluß, daß es sich um einen Einbruchsversuch handelte, und rief unter der Notrufnummer die Polizei. Diese hatte Gates und seinen Fahrer für Einbrecher gehalten.

So weit, so gut; ich habe den Vorfall so wiedergegeben, wie Gates selbst ihn schildert. die Berichte in der Presse (zum Beispiel in der Los Angeles Times) stützten sich bisher im wesentlichen auf die Darstellung von Gates. Auf eine andere Darstellung komme ich am Ende des Artikels zurück.

Solche Irrtümer kann es geben. Warum beschäftigt nun aber dieser Vorfall seit Tagen die USA? Weil Gates ein Schwarzer ist, wie auch sein Fahrer. Weil Gates Professor in Harvard ist, und ein enger Freund von Präsident Obama.

Und weil Präsident Obama auf einer Pressekonferenz von der Journalistin der Chicago Sun-Times Lynn Sweet am vergangenen Mittwoch auf den Fall angesprochen wurde. Und weil Obama dabei sagte: "The Cambridge police acted stupidly in arresting somebody when there was already proof that they were in their own home"; die Polizei von Cambridge habe sich dumm benommen, als sie jemanden festnahm, obwohl schon bewiesen war, daß er sich in seinem eigenen Haus befand.

Gates hatte nämlich den Polizisten seinen Ausweis der Universität Harvard und seinen Führerschein gezeigt. Und er hatte während des Vorfalls nach seinen eigenen Angaben gesagt, man behandle ihn so nur wegen seiner Rasse. Für ihn war klar, warum der Polizist sich so verhielt:
Now it's clear that he had a narrative in his head: A black man was inside someone's house, probably a white person's house, and this black man had broken and entered, and this black man was me.

Es ist ja klar, daß er ein Schema im Kopf hatte: Ein Schwarzer war in einem fremden Haus, vermutlich dem Haus eines Weißen, und dieser Schwarze hatte die Tür aufgebrochen und war eingedrungen, und dieser Schwarze war ich.
Einem Weißen gegenüber, so Gates, hätte die Polizei sich nicht so verhalten.



Gates erhebt also den Vorwurf dessen, was man in den USA racial profiling nennt: Da Schwarze überproportional an Verbrechen beteiligt sind, werden Schwarze auch von Polizisten oft eher eines Verbrechens verdächtigt als Weiße. Das ist inzwischen verpönt; und die Polizisten werden eigens darin geschult, racial profiling peinlich zu vermeiden.

Der Fall hatte zunächst in den USA ein gewisses Aufsehen erregt, aber kein sehr großes. Nachdem nun aber auch der Präsident sich mit einem Kommentar eingeschaltet hatte, kochte er hoch. Und es kamen Details ans Licht, die nicht zu der These vom racial profiling passen.

Es stellte sich nämlich heraus, daß der Polizist, der die Festnahme von Gates angeordnet hatte, alles andere als ein Rassist ist. Mehr noch: Dieser Police Sergeant James Crowley ist sogar Dozent an einer Polizeischule - und lehrt dort Polizeischüler, wie sie racial profiling vermeiden. Er wurde von einem schwarzen Vorgesetzten für diese Aufgabe ausgesucht.

Crowley stellt den Vorfall auch anders dar als Gates: Dieser hätte ihn beschimpft, ihn wiederholt des Rassismus bezichtigt und "sich herabwürdigend über seine Mutter geäußert" - jeder Amerikaner weiß, welches Schimpfwort damit gemeint ist.

Die Polizeiführung von Cambridge stellt sich hinter Crowley, hat aber zugleich eine Untersuchung des Falls angeordnet.

Soeben meldete New England Cable News weitere Details:
Sgt. Crowley spoke out on WEEI radio yesterday to Dennis and Callahan. He said Gates, "was arrested after following me outside the house, continuing to tirade even after being warned multiple times - probably a few more times than the average person would have gotten."

Then his commissioner Robert Haas finally broke his silence and defended his officer. "I don't believe Sgt. Crowley acted with any racial motivation at all," said Commissioner Haas, "I believe he assessed the situation, he tried to de-escalate the situation, and made a determination that the only way to stop the situation was to make an arrest."

Crowley äußerte sich gestern bei der Radiostation WEEI gegenüber [den Moderatoren] Dennis und Callahan. Er sagte, Gates sei "festgenommen worden, nachdem er mir aus dem Haus heraus folgte und fortfuhr zu schimpfen, nachdem er wieder und wieder verwarnt worden war - vermutlich ein paarmal mehr als man das bei einem Normalbürger gemacht hätte".

Inzwischen brach sein vorgesetzter Kommissar Robert Haas doch noch sein Schweigen und verteidigte seinen Beamten: "Ich glaube nicht, daß Sergeant Crowley überhaupt aus irgendeiner rassistischen Motivation heraus handelte", sagte Kommissar Haas. "Ich glaube, daß er die Situation bewertete, daß er versuchte, die Situation zu entspannen, und daß er zu der Entscheidung kam, daß der einzige Weg, diese Situation zu beenden, die Festnahme war".



Soweit die Fakten. Mein Kommentar: Es gibt rassistische Klischees, wie sie sich im racial profiling äußern können. Aber es gibt auch Klischees über rassistische Klischees. Nicht immer, wenn ein Schwarzer von der Polizei festgenommen wird, muß diese sich rassistisch verhalten. Übrigens können Sie hier ein Foto von der Festnahme sehen; der Polizist im Vordergrund ist selbst ein Schwarzer.

Warum erregt der Fall in den USA dieses ungeheure Aufsehen? Vielleicht, weil Präsident Obama sich eingeschaltet hat; und zwar voreilig, ohne die Fakten wirklich zu kennen. Mit seiner Wahl zum Präsidenten schien das Thema Rassismus überwunden. Jetzt hat es die USA wieder eingeholt.




Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Erstausgabe von Uncle Tom's Cabin; in der Public Domain, da das Copyright erloschen ist.

1. Juni 2009

Zitat des Tages: "Gegen Justiz als Empathie. Für eine blinde Justiz". Charles Krauthammer über zwei Konzepte von Gerechtigkeit

Sotomayor shares President Obama's vision of empathy as lying at the heart of judicial decision- making -- sympathetic concern for litigants' background and current circumstances, and for how any judicial decision would affect their lives.

Since the 2008 election, people have been asking what conservatism stands for. Well, if nothing else, it stands unequivocally against justice as empathy -- and unequivocally for the principle of blind justice.


(Sotomayor teilt Präsident Obamas Vision, daß es im Innersten von Gerichtsentscheidungen um Empathie geht - um eine sorgende Sympathie für den Hintergrund und die gegenwärtigen Verhältnisse derer, die vor Gericht stehen, und darum, wie die jeweilige Entscheidung des Gericht deren Leben beeinflussen würde.

Seit den Wahlen 2008 wurde die Frage gestellt, wofür Konservativismus steht. Nun, zumindest steht er eindeutig gegen Justiz als Empathie - und eindeutig für das Prinzip der blinden Justiz.)

Charles Krauthammer in seiner aktuellen Kolumne in der Washington Post zu der Diskussion um die von Präsident Obama für das Oberste Gericht nominierte Richterin Sonia Sotomayor.

Kommentar: Auf den Fall dieser Richterin habe ich bereits vergangene Woche aufmerksam gemacht, und zwar wegen ihrer Aussage, eine kluge Lateinamerikanerin könne aufgrund ihrer Lebenserfahrung besser urteilen als ein weißer Mann. Diese Aussage diskutiert auch Krauthammer. Er stellt sie aber in einen Kontext, den er so treffend herauspräpariert, daß ich das Thema noch einmal aufgreife.

Aus Krauthammers Sicht geht es um nicht weniger als das Verständnis von Gerechtigkeit. Bei Obama und Sotomayor sieht er ein Konzept von richterlicher Gerechtigkeit, in dem die Justiz eben gerade nicht blind ist: Vielmehr trete Sotomayor für eine emotionale Haltung gegenüber denen ein, die vor Gericht stehen.

Und darin, schreibt Krauthammer, drücke sich perfekt das aus, wofür die Partei der Demokraten mit ihrer "Identitätspolitik" steht; die Zuordnung der freie Bürger zu ethnischen und rassischen Gruppen, die unterschiedliche Ansprüche an die Gesellschaft stellen dürfen.

Krauthammer zitiert den Fall Ricci, in dem Frau Sotomayor als Richterin fungierte. Frank Ricci ist ein Feuerwehrmann in Connecticut, der sich in Abendkursen auf die Beförderung zum Leutnant vorbereitet hatte. Er bestand die Prüfung als Sechstbester. Dennoch wurde er nicht befördert, und zwar mit der Begründung, daß keiner der schwarzen Kandidaten die Prüfung bestanden hätte. Also wurden alle Beförderungen gestrichen.

Ricci klagte zusammen mit anderen Feuerwehrleuten, denen es genauso ergangen war. Er hatte das Pech, daß sein Fall vor eine Kammer kam, in der die Richterin Sotomayor saß. Sie wies seine Klage ab. Der Fall liegt jetzt beim Obersten Bundesgericht.

Offenbar hatte Ricci als ein Weißer, der aus rassischen Gründen benachteiligt worden war, nicht die Empathie der klugen Latina- Richterin Sotomayor gefunden.

In Krauthammers Kolumne steht ein bemerkenswerter Satz: "Everyone must stand equally before the law, black or white, rich or poor, advantaged or not". Alle müssen vor dem Gesetz gleich sein, ob Schwarze oder Weiße, ob Reiche oder Arme, ob begünstigt oder nicht.

Das Bemerkenswerte an diesem Satz ist nicht sein Inhalt. Dieser ist trivial. Das Bemerkenswerte ist, daß am Anfang des Einundzwanzigsten Jahrhunderts ein Publizist in den USA Anlaß hat, an diese triviale Wahrheit zu erinnern.



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23. April 2009

Was ist eigentlich Rassismus? Anmerkungen zum Schlußdokument der Genfer "Antirassismus-Konferenz"

In Genf geht morgen die "Antirassismus- Konferenz" der UNO zu Ende; jedenfalls offiziell. In gewisser Weise war sie schon vergangenen Dienstag an ihrem Ende angekommen. Da nämlich wurde schon das "Schlußdokument" verabschiedet. Per Akklamation, ohne formale Abstimmung.

Das ist alles ein wenig seltsam. Am Seltsamsten aber kommt mir vor, was diese Antirassismus- Konferenz unter "Rassismus" versteht.

Eigentlich dachte ich bisher ja, daß ich so ungefähr weiß, was Rassismus ist. Aber weit gefehlt.

Hier können Sie sich dieses Schlußdokument ("Outcome Document") herunterladen. Sein erster Teil trägt den Titel:
Review of progress and assessment of implementation of the Durban Declaration and Programme of Action by all stakeholders at the national, regional and international levels, including the assessment of contemporary manifestations of racism, racial discrimination, xenophobia and related intolerance

Überblick über den Fortschritt und Bewertung der Umsetzung der Durban Declaration and Programme of Action durch alle verantwortlichen Vertreter auf der nationalen, regionalen und internationalen Ebene, einschließlich einer Bewertung gegenwärtiger Fälle von Rassismus, rassischer Diskriminierung, Xenophobie und vergleichbarer Intoleranz.
Was ist mit "Rassismus, rassischer Diskriminierung, Xenophobie und vergleichbarer Intoleranz" gemeint? Darüber gibt der Artikel 12 des Dokuments Aufschluß:
12. Deplores the global rise and number of incidents of racial or religious intolerance and violence, including Islamophobia, anti-Semitism, Christianophobia and anti-Arabism manifested in particular by the derogatory stereotyping and stigmatization of persons based on their religion or belief (...).

12. Bedauert den weltweiten Anstieg und die Zahl der Fälle von rassischer oder religiöser Intoleranz und Gewalt, darunter Islamophobie, Antisemitismus, Christianophobie und Antiarabismus, die insbesondere in der herabsetzenden Stereotypisierung und Stigmatisierung von Menschen aufgrund ihrer Religion oder ihres Glaubens zum Ausdruck kommen (...).



Von diesen hervorgehobenen Beispielfällen kann allein der Antisemitismus als Rassismus gelten; und auch er nur in seiner von den Nazis vertretenen biologistischen Form. Was sonst aufgezählt wird, hat mit Rassismus in der herkömmlichen Bedeutung des Begriffs nichts zu tun.

Denn was ist Rassismus? Dictonary.com liefert die Definitionen der großen englischen Wörterbücher. Sie sind sich alle weitgehend einig. Nehmen wir die besonders konzise Version von WordNet 3.0 der Universität Princeton:
racism
noun

1. the prejudice that members of one race are intrinsically superior to members of other races

2. discriminatory or abusive behavior towards members of another race

Rassismus
Substantiv

1. das Vorurteil, daß die Angehörigen einer bestimmten Rasse von Natur aus den Angehörigen anderer Rassen überlegen sind

2. diskriminierendes oder beleidigendes Verhalten gegenüber Angehörigen einer anderen Rasse
Es liegt auf der Hand, daß weder "Islamophobie" noch "Christianophobie" oder "Antiarabismus" etwas mit Rassismus zu tun haben. Wirkliche Fälle von Rassismus - wie etwa die Unterdrückung und Verfolgung der schwarzen Bevölkerung des Sudan durch die dortigen arabischen Machthaber - kommen in dem Dokument nicht vor.

Insofern ist diese Konferenz - siehe dazu meinen Artikel von vor fünf Wochen - ganz unabhängig von ihrer israelfeindlichen Ausrichtung und dem Auftritt Ahmadinedschads eine einzige Mogelpackung.



Oder doch fast. Denn man muß fairerweise sagen, daß die UNO schon seit Jahrzehnten dabei ist, den Begriff des Rassismus so umzudeuten, daß von seiner eigentlichen Bedeutung wenig bleibt.

Auch die Konferenz von Durham 2001, zu der die jetzige die Folgekonferenz ist, hat sich primär gar nicht mit Rassismus befaßt. Ihr vollständiger Name lautete World Conference against Racism, Racial Discrimination, Xenophobia and Related Intolerance. Diese Formel - Rassismus, rassische Diskriminierung, Xenophobie und vergleichbare Intoleranz - durchzieht auch das jetzige Schlußdokument. Wobei es in erster Linie um die "vergleichbare Intoleranz" geht. Nämlich nicht um Rasse, sondern um Religion; und nicht um Religion allgemein, sondern um den Islam.

Das ist der vorläufige Schlußpunkt einer Entwicklung, die bereits mit der Internationalen Konvention über die Beseitigung aller Formen rassischer Diskriminierung von 1969 begonnen hatte. Dort heißt es in Artikel 1:
In this Convention, the term "racial discrimination" shall mean any distinction, exclusion, restriction or preference based on race, colour, descent, or national or ethnic origin (...).

In dieser Konvention ist mit dem Begriff "rassische Diskriminierung" jede Unterscheidung, jeder Ausschluß, jede Benachteiligung oder Bevorzugung gemeint, die sich auf die Rasse, die Hautfarbe, die Abstammung, die nationale oder ethnische Herkunft bezieht (...).
"Nationale Herkunft" wird also unter "Rasse" subsumiert.

Bizarr. Aber diese Erweiterung des Begriffs der Rasse und damit des Etiketts "Rassismus" ermöglichte es, Israel wegen der Benachteiligung von Arabern des Rassismus zu bezichtigen. Nach derselben Logik wäre der Konflikt zwischen türkischen und griechischen Zyprioten ein Rassenkonflikt, oder derjenige der Katalanen mit den Kastiliern.

Jetzt also hat die UNO den letzten Schritt getan und unter dem Gummibegriff "Related Intolerance" auch noch alles das dem Rassismus eingemeindet, was sonst auf Mißfallen stößt. Vor allem natürlich die "Islamophobie".

Diese nämlich war im Schlußdokument von Durban 2001 als einziges konkretes Beispiel genannt worden; und das jetzige Schlußdokument bekräftigt das. Man muß nur - im Nouvel Observateur wird das dankenswerterweise erläutert - die Sprache der Diplomatie entziffern können.

Das jetzige Schlußdokument beginnt mit einer Bestätigung ("reaffirms") des Schlußdokuments von 2001. Das bedeutet, daß alle dort aufgestellten Behauptungen ausdrücklich übernommen werden; einschließlich des Vorwurfs des Rassismus gegen Israel. Das war - schreibt der Nouvel Observateur - der Hauptgrund dafür gewesen, daß die USA der jetzigen Konferenz fernblieben.



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Open Clip Art Library; für die Public Domain freigegeben. Bearbeitet.

8. April 2009

Wer sind eigentlich die US-Abgeordneten, die Fidel und Raúl Castro besuchten? Nebst einigen Informationen über den alltäglichen Rassismus in Cuba

Wahrscheinlich haben Sie die Meldung gelesen: Im Rahmen der Umwertung aller Werte, die gegenwärtig die Regierung Obama außenpolitisch veranstaltet, hat eine Delegation amerikanischer Abgeordneter und Senatoren Cuba besucht; ja einige Mitglieder wurden gar vom Comandante en Jefe Fidel Castro persönlich empfangen. Die FAZ hat das gestern so gemeldet:
Eine Delegation von amerikanischen Parlamentariern ist am Dienstag nach einem Treffen mit Präsident Raúl Castro auch mit Kubas Revolutionsführer Fidel Castro zusammengetroffen. Die amerikanische Delegation unter Leitung der demokratischen Abgeordneten Barbara Lee war für fünf Tage nach Kuba gereist, um einen Dialog in Gang zu bringen und folgten einer Einladung Castros zu einem Gedankenaustausch. Der 82 Jahre alte Fidel Castro habe einen "sehr energiegeladen" Eindruck gemacht, berichtete Lee dem amerikanischen Fernsehsender CNN. Die Zusammenkunft mit Castro sei "bewegend" gewesen.
Wer ist diese Abgeordnete Barabara Lee?

Aus der Wikipedia erfahren wir: Sie begann ihre politische Karriere bei den Black Panthers in Oakland, wo sie 1973 für den Mitbegründer der Black Panthers, Bobby Seale, arbeitete. Seale war ein schwarzer Extremist, einer der Chicago Eight, der durch besondes rüdes Verhalten vor Gericht auffiel und deshalb zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Ein späterer Prozeß, in dem er der Anstiftung zum Mord an einem abtrünnigen Mitglied beschuldigt wurde, endete ohne Urteilsspruch.

Barbara Lee ist von Beruf Sozialarbeiterin. Politisch hervorgetreten ist sie 2001, als sie als einziges Mitglied des Kongresses gegen das Gesetz stimmte, das militärisches Vorgehen gegen Terroristen autorisierte. Sie war Vorsitzende des Progressive Caucus und ist jetzt Vorsitzende des Black Caucus.

Ein Caucus ist eine Gruppe von Abgeordneten, vergleichbar den "Kreisen", in denen sich bei uns Parlamentarier zusammenfinden; anders als bei uns sind diese Gruppen aber oft parteiübergreifend. Im Progressive Caucus haben sich die Linksaußen des Repräsentantenhauses organisiert. Der Congressional Black Caucus ist eine Vereinigung schwarzer Abgeordneter sowohl des Senats als auch des House of Representatives.



Womit wir bei der Delegation sind, die Cuba bereiste. Es war keineswegs, wie die FAZ unisono mit anderen Medien meldete, einfach "eine Delegation von amerikanischen Parlamentariern". Sondern die Reisenden waren, wie man heute im American Thinker lesen kann, Delegierte dieses Black Caucus.

Von den sechs Mitgliedern der Delegation hat nicht nur Barbara Lee eine linksextreme Vergangenheit. Ein anderes Mitglied der Delegation, Bobby Rush, war einst der Gründer der Black Panthers von Illinois und saß wegen illegalen Waffenbesitzes sechs Monate im Gefängnis.

Kein Wunder also, daß diese Delegierten von der Begegnung mit Fidel Castro hingerissen waren. Im American Thinker zitiert:
"He looked directly into my eyes! ... and then he asked: how can we help President Obama? Fidel Castro really wants President Obama to succeed."

"Er sah mir direkt in die Augen! ... und dann fragte er: Wie können wir Präsident Obama helfen? Fidel wünscht Präsident Obama wirklich Erfolg"

(Delegierte Laura Richardson)

"It was quite a moment to behold! ... Fidel Castro was very engaging and very energetic."

"Es war wirklich ein unvergeßlicher Augenblick ... Fidel Castro war bezaubernd und energiegeladen"

(Leiterin der Delegation Barbara Lee)

"He's one of the most amazing human beings I've ever met!"

"Er ist einer der faszinierendsten Menschen, die ich jemals kennegelernt habe."

(Delegierter Emanuel Cleaver)

"It was almost like visiting an old friend"

"Es war fast wie der Besuch bei einem alten Freund"

(Delegierter Bobby Rush; diesmal über Raúl Castro).
Jener Fidel Castro, der nach Ansicht des Delegierten Cleaver einer der fasziniernden Menschen ist, gehört zu den großen Schlächtern des Zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Kriegstreiber, dessen Söldner in Afrika mordeten; der allein in den Wochen nach seiner Machtergreifung Tausende exekutieren ließ.



Ein Bild vom Ausmaß der Brutalität dieses Regimes gibt das Cuba Archive, das akribisch die Morde dokumentiert.

Sieht man sich dazu den Artikel in der Wikipedia über Menschenrechte in Cuba an und insbesondere den Artikel über Rassismus in Cuba, dann wird sichtbar, wie seltsam, ja wie absurd gerade das Lob schwarzer Politiker für das Regime Castros ist.

Kaum ein Land ist immer noch so offen rassistisch wie Cuba. Die Herrschaft der Kommunisten ist zugleich die Herrschaft einer weißen Clique.

Jeder, der sich den cubanischen Propandasender CubaVision ansieht, kann das feststellen: Die Journalisten, die politischen Würdenträger, die Kulturschaffenden, die gezeigt werden, sind fast ausschließlich Weiße. Nur in den Musiksendungen dominieren die Schwarzen; und im Publikum natürlich, das den Reden der weißen Herrenschicht zu lauschen und ihnen zu applaudieren hat.

Laut der Wikipedia kontrollieren die 20 bis 35 Prozent der Weißen in Cuba alle Machtpositionen. Die Schwarzen leiden unter einer noch größeren Armut als die Bevölkerung insgesamt.

Nach einer in der Wikipedia zitierten Untersuchung der EU herrscht in Cuba ein systematischer und durch die Institutionen geförderter Rassismus. Schwarze werden von gutbezahlten Positionen ausgeschlossen. Sie erhalten die schlechtesten Wohnungen, müssen am längsten auf ärztliche Versorgung warten und Leitungsfunktionen werden ihnen verweigert.

Humberto Fontova, der Autor des Artikels im American Thinker und Verfasser mehrer Bücher über Cuba, schreibt dazu, daß nur neun Prozent der Mitglieder der herrschen Kommunistischen Partei Schwarze sind, aber neunzig Prozent der Insassen von Gefängnissen.



Auch viele in Deutschland - wohl vor allem viele Linksliberale -, die das Regime in Cuba als undemokratisch kritisieren, glauben, daß es doch immerhin sozial sei.

Davon kann keine Rede sein. Es ist die Diktatur einer weißen Nomenklatura, die sich auf Kosten der immer mehr verarmenden, überwiegend schwarzen Bevölkerung ein schönes Leben macht. Wie jede Klassenherrschaft kann auch diese nur mit Gewalt aufrechterhalten werden. Cuba, dessen politische Polizei einst vom MfS ausgebildet wurde, ist heute einer der perfektesten Polizeistaaten der Welt. Eine rassistische Klassenherrschaft.

Ja, sehen das denn die schwarzen Abgeordneten nicht, die nach Cuba reisten und von Fidel Castro schwärmen? Nein, sie sehen es vermutlich nicht. So wenig, wie es viele deutsche Linke (und leider auch manche Liberale) sehen, die unfähig oder wohl eher nicht willens sind, die Realität wahrzunehmen.



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Fidel Castro, aufgenommen 2009. Bildquelle: Presidencia Argentina; Copyright intern registiert als OTRS ticket 2007042610015988. Frei unter Creative Commons Attribution 2.0 License (Ausschnitt, bearbeitet). Der Artikel enthielt ursprünglich ein Zitat von Ernesto Guevara, das ich aber wieder herausgenommen habe, weil sich die Quelle nicht hinreichend verifizieren ließ. Mit Dank an Abraham.

16. März 2009

Eine skandalöse Veranstaltung der UNO. Da sei nichts zu retten, sagt der Sprecher des amerikanischen Außenministeriums. Was sagt die Bundesregierung?

Die Initiative existiert schon seit dem vergangenen Jahr, aber erst nach ihrer Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag findet sie ein gewisses Echo in den Medien.

In "Spiegel- Online" berichtete am Freitag Veit Medick darüber, und in "Welt- Online" erschien gestern ein Kommentar von Ansgar Graw. Er spricht von einer "skandalösen Veranstaltung". Sehr zu Recht. Damit meinte er "Durban 1". Das jetzt geplante "Durban 2" dürfte keinen Deut weniger skandalös werden.

Worum geht es? Der Boykottaufruf der Initiative beschreibt es:
Im September 2001 versammelte sich in der südafrikanischen Stadt Durban die dritte Konferenz der Vereinten Nationen gegen den Rassismus, die die öffentliche Anerkennung von Sklaverei und Kolonialismus als Verbrechen zum Ziel hatte. (...)

Schöne Absichten, aber sie führten sehr schnell zu einer Atmosphäre der Opferkonkurrenz und der Lynchjustiz gegenüber israelischen Organisationen und allen Personen, die man verdächtigte, Juden zu sein. (...)

Einige Delegierte wurden physisch bedroht, man rief "Tod den Juden". Die Farce erreicht ihren Gipfel, als der sudanesische Justizminister Ali Mohamed Osman Yasin Reparationen für die Sklaverei forderte, während in seinem eigenen Land weiterhin schamlos Menschen versklavt werden. (...)

Im Jahr 2009 soll ein Durban 2 stattfinden, das eine Wiederholung von Durban 1 verspricht. Die "Durban Review Conference" ist für 20. bis 24. April 2009 in Genf angesetzt. (...)

Am 14. September 2007 hielt Doudou Diene, der UN-Sonderberichterstatter für Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung, eine Rede vor den Vereinten Nationen in Genf. Darin beschuldigte er die westlichen Länder zum wiederholten Male, seit dem 11. September 2001 die perfidesten Formen der Islamophobie ins Werk zu setzen. Diese Islamophobie definiert er als einen Rassismus, der bereits auf die ersten Kontakte zwischen Islam und Christentum zurückgehe, besonders die Kreuzzüge und die spanische Reconquista. (...)

Man wird nicht erstaunt sein zu erfahren, dass dieser Bericht von der Islamischen Konferenz und einer Mehrheit der Blockfreien- Bewegung, in der sich die Demokratien an den Fingern einer Hand abzählen lassen, heftig unterstützt wird. (...) Kurz: Der Antirassismus ist in der UNO zur Ideologie der totalitären Bewegungen geworden, die ihn für ihre Zwecke benutzen.



Hier finden Sie die offizielle WebSite für diese famose Konferenz. Was da steht und verlinkt ist, klingt alles großartig. Die Hochkommissarin der UNO für Menschenrechte, Navi Pillay, die als Generalsekretärin der Konferenz fungieren wird, erklärt zum Beispiel:
I urge Member States to transcend their differences and to join efforts to confront racism and xenophobia. (...) In order to find common ground, we need to work together in good faith, with open minds and constructive thinking.

Ich empfehle den Mitgliederstaaten dringend, ihre Differenzen zu überwinden und gemeinsam Anstrengungen zu unternehmen, um Rassismus und Xenophobie die Stirn zu bieten (...) Wenn wir eine gemeinsame Grundlage finden wollen, müssen wir im Vertrauen zueinander, in geistiger Offenheit und mit konstruktivem Denken zusammenarbeiten.
Wie diese schönen Wünsche auf der Konferenz umgesetzt werden dürften, kann man sich ausmalen, wenn man weiß, wie das Organisationskomitee zusammengesetzt ist, das über die Tagesordnung entscheidet: Den Vorsitz hat Frau Najat Al-Hajjaji aus Libyen. Der Berichterstatter der UNO ist Herr Resfel Pino Álvarez aus Cuba. Zu den Organisatoren gehören der Iran, Rußland und Cuba.

Die Regierung Obama hatte ursprünglich an der Konferenz teilnehmen wollen. Eine Vorausdelegation war im Februar bereits nach Genf gereist. Was sie dort in Bezug auf die Tagesordnung und das geplante Schlußdokument erfuhr, ließ die USA dankend verzichten. Der Sprecher des State Department, Robert Wood, in einer Erklärung vom 27. Februar:
Our delegates met with over 30 delegations, the UN High Commissioner on Human Rights, and other interested parties. In addition, the Department consulted with many governments in capitals regarding our effort. The engagement by the U.S. delegation was widely welcomed and appreciated.

Sadly, however, the document being negotiated has gone from bad to worse, and the current text of the draft outcome document is not salvageable. As a result, the United States will not engage in further negotiations on this text, nor will we participate in a conference based on this text. A conference based on this text would be a missed opportunity to speak clearly about the persistent problem of racism.

Unsere Delegierten trafen sich mit über 30 Delegationen, der UN- Hochkommisarin für Menschenrechte und anderen interessierten Seiten. Des weiteren hielt das Ministerium in Bezug auf unsere Intentionen Konsultationen mit Regierungen in zahlreichen Hauptstädten. Das Engagement der Delegation der USA wurde weithin begrüßt und gewürdigt.

Leider ist jedoch das Dokument, über das verhandelt wurde, noch schlechter geworden, als es bereits gewesen war, und der gegenwärtige Text des Entwurfs für die Schlußerklärung ist nicht mehr zu retten. Folglich werden die Vereinigten Staaten sich nicht mehr an Verhandlungen über diesen Text beteiligen und auch nicht an einer Konferenz teilnehmen, die auf diesem Text basiert. Eine Konferenz auf der Basis dieses Texts wäre eine versäumte Gelegenheit, mit klaren Worten über das weiterhin bestehende Problem des Rassismus zu sprechen.
Inzwischen haben auch Canada, Italien und Israel ihren Boykott erklärt. Frankreich hat sich noch nicht entschieden. Vergangene Woche haben aber führende Politiker, unter ihnen der Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, zum Boykott der Konferenz aufgerufen. Das französische Außenministerium hat erklärt, es strebe eine gemeinsame Haltung der EU an.

Wie diese ausfällt, dürfte entscheidend von der Haltung der deutschen Bundesregierung abhängen. Von dort ist bisher nichts zu vernehmen.



Titelvignette: Open Clip Art Library; für die Public Domain freigegeben. Bearbeitet.

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24. Oktober 2008

Der 44. Präsident der USA (25): Scheitert Obamas Wahlsieg an verdecktem Rassismus? (Teil 2)

Im ersten Teil habe ich eine Vermutung zu den US-Wahlen beschrieben, die auch in Deutschland diskutiert wird: Auch wenn Barack Obama in den Umfragen vorn liegt, können doch die Wahlen ganz anders ausgehen.

Denn es gibt, so wird befürchtet, einen verdeckten Rassismus. In Umfragen geben Befragte nicht zu, daß sie aus rassistischen Vorurteilen Obama ablehnen; aber ihr Wahlverhalten zeigt dies.

Als Beleg für diese Vermutung wird der "Bradley-Effekt" angeführt. Ein schwarzer Kandidat, der Demokrat Tom Bradley, soll 1982 entgegen den Vorhersagen der Demoskopen wegen eines solchen verdeckten Rassismus die Wahl zum Gouverneur verloren haben.

In der FAZ hat gestern Stefan Tomik beschrieben, wie es damals tatsächlich in Californien gewesen ist:
Der schwarze Demokrat Tom Bradley kandidierte 1982 für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien. Eine Umfrage des Meinungsforschers Mervin Field und seines Instituts sah Bradley sieben Prozentpunkte vorn, doch die Wahlparty wurde zu früh gefeiert. Bradley unterlag dem weißen Republikaner George Deukmejian mit nicht einmal hunderttausend Stimmen. (...)

Andere Beteiligte wundert der Ausgang der Wahl von 1982 weit weniger. Lance Tarrance, damals Meinungsforscher in Deukmejians Wahlkampfteam, verfügte selbst noch über andere Umfrageergebnisse. Demnach war Bradleys Vorsprung in der Woche vor der Wahl stark geschrumpft und betrug nur noch einen Prozentpunkt. Wegen der Fehlertoleranz war es unmöglich, daraus eine Vorhersage abzuleiten.
Dafür, daß die Wähler in der Kabine anders abstimmten, als die Umfragen vorhergesagt hatten, gibt es, wie Tomik schreibt, darüber hinaus Gründe, die nichts mit Rasse zu tun haben. Field nannte sie selbst in seiner nachträglichen Wahlanalyse:

Zugleich mit der Wahl wurde über eine Verschärfung der Waffenkontrolle abgestimmt, für die Bradley sich ausgesprochen hatte. Dieses Gesetz wurde mit 63 zu 37 Prozent abgeschmettert, was sich auch auf die Stimmen für Bradley ausgewirkt haben dürfte.

Die Auseinandersetzung über dieses Gesetz hatte überproportional viele Wähler der Republikaner mobilisiert, was für sich genommen bereits die Diskrepanz zwischen Umfragedaten und Wahlergebnis erklären könnte.

Trotzdem hatte Bradley am Wahltag sogar eine Mehrheit erhalten. Daß er verlor, lag allein an ungewöhnlich vielen Briefwählern, die in Umfragen nicht adäquat berücksichtigt werden können.

Und schließlich hatte Fields, wie er in seiner Analyse schrieb, mit einem höheren Anteil nichtweißer Wähler gerechnet. Er war von 20 Prozent augegangen, aber nur 15 Prozent waren es an der Wahlurne. Allein diese Abweichung reichte nach den Berechnungen von Fields aus, um zu erklären, warum Bradley nicht, wie vorhergesagt, gewonnen hatte.

Das also schrieb der Demoskop Fields. Als einen weiteren möglichen Faktor erwähnte er das, was dann später "Bradley-Effekt" genannt wurde. Der erste, der dies als einen "Effekt" postuliert hat, dürfte 1983 der Professor für Afro- Amerikanische Studien in Berkeley Charles Henry gewesen sein.

Irgendwelche Belege oder nur Indizien dafür, daß Bradleys Niederlage tatächlich mit verdecktem Rassismus zu tun hatte, gibt es nicht. Der von Tomik erwähnte Lance Tarrance, der selbst bei den californischen Gouverneurswahlen 1982 als Demoskop tätig gewesen war, hat sich vor einer Woche zu der Aufregung über einen angeblichen "Bradley- Effekt" so geäußert:
Now that polls indicate Senator Barack Obama is the favorite to win, some analysts predict a racially biased "Bradley Effect" could prevent Obama from winning a majority on November 4th. That is a pernicious canard and is unworthy of 21st century political narratives. (...)

... to interject this type of speculation into the 2008 presidential election is not only folly, but insulting to the political maturity of our nation's voters. To allow this theory to continue to persist anymore than 25 years is to damage our democracy, no matter who wins.

Jetzt, wo die Umfragen darauf hindeuten, daß Senator Barack der Favorit für den Sieg ist, sagen manche Analytiker vorher, daß ein rassistischer "Bradley- Effekt" verhindern könnte, daß Obama am 4. November eine Mehrheit erhält. Das ist eine üble Ente und des politischen Diskurses im 21. Jahrhundert nicht würdig. (...)

... Spekulation dieser Art in die Wahl des Präsidenten 2008 hineinzutragen, ist nicht nur ein Wahnwitz, sondern eine Beleidigung der politischen Reife der Wähler unserer Nation. Diese Theorie auch über 25 Jahre hinaus immer noch weiterbestehen zu lassen, fügt unserer Demokratie Schaden zu, unabhängig davon, wer gewinnt.



Warum aber läßt man diese schwachbrüstige alte Ente jetzt wieder herumwatscheln? Mir erscheint eine Erklärung wahrscheinlich, die ich freilich nicht als richtig nachweisen kann:

Obama sieht sich einem Problem gegenüber, das - anders als das Pseudoproblem "Rassismus" - seinen Sieg wirklich gefährden könnte: Poor voter turnout. Eine schlechte Beteiligung seiner potentiellen Wähler am 4. November, wie man sie häufig sieht, wenn ein Kandidat als Sieger festzustehen scheint.

Deshalb ist es jetzt ein vorrangiges Ziel des Obama- Teams, die eigenen Wähler zu mobilisieren.

Weniger als zwei Wochen vor einer Wahl haben sich die meisten Wähler entschieden, wen sie favorisieren. Aber für viele ist noch offen, ob sie wirklich die Mühe auf sich nehmen, auch zur Wahl zu gehen. Das ist bei jeder Wahl so; deshalb ist die letzte Phase jedes Wahlkampfs vor allem der Mobilisierung gewidmet. Wenn jemand so deutlich führt wie jetzt Obama, ist das aber besonders wichtig.

Der Rassismus-Vorwurf eignet sich in doppelter Weise dazu, Obama- Wähler zu mobilisieren: Erstens erzeugt er den Eindruck, das Rennen könne doch noch knapp werden. Zweitens ist dies ein Thema, das schon für sich genommen die schwarzen und die Latino- Wähler mobilisiert; desgleichen die vielen Weißen, denen Antirassismus am Herzen liegt.

Und McCain? Dessen Team ist in der Defensive. Und auch für den Underdog kann es nur gut sein, den Eindruck zu befördern, es sei doch noch alles offen. Kein Wunder also, daß auch Konservative wie Jim Garaghty vom "National Review" der Idee freundlich gegenüberstehen, es könne einen Bradley- Effekt geben.

Beide Kandidaten haben ein Interesse daran, die Wahl als ein Kopf- an- Kopf- Rennen erscheinen zu lassen. Also watschelt sie wieder, eine Ente namens "Bradley".



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Der 44. Präsident der USA (25): Scheitert Obamas Wahlsieg an verdecktem Rassismus? (Teil 1)

Seit drei Wochen haben sich in den Umfragen die Daten in ihrer Tendenz nicht mehr verändert. Alles deutet darauf hin, daß Barack Obama der 44. Präsident der USA sein wird. Gut möglich, daß es nicht ein knapper Sieg werden wird, wie ihn Bush zweimal geschafft hat, sondern ein Landslide Victory, ein Erdrutsch- Sieg.

In den Daily Trackings der großen Institute - täglichen Befragungen, deren Ergebnisse zu gleitenden Mittelwerten zusamengefaßt werden - sieht es im Augenblick so aus:

Reuters / C-SPAN / Zogby (22. Oktober): Obama 52, McCain 40. Diageo / Hotline (21. Oktober): Obama 47, McCain 42. Daily Kos (21. Oktober): Obama 51, McCain 41. Gallup: (21. Oktober): Obama 52, McCain 44. ABC / Washington Post (18. - 21. Oktober): Obama 54, McCain 43.

Der Poll of Polls (die Zusammenfassung aller Umfragedaten) von FiveThirtyEight berechnet für Obama 51,8 Prozent, für McCain 46,8 Prozent. Im Wahlmänner- Gremium ergibt das 344 Stimmen für Obama, 194 für McCain. Im Poll of Polls von Pollster ist der Abstand noch größer: Obama 50,5 Prozent, McCain 42,8 Prozent. Die zugehörige Verlaufsgrafik zeigt, wie die Schere sich in den letzten Wochen immer mehr geöffnet hat.

Alles klar also? Nicht für die Strategen Obamas. Sie zeigen sich in den letzten Wochen ganz im Gegenteil zunehmend besorgt. So besorgt, daß das sogar bis in die deutschen Medien gedrungen ist. Das Zauberwort heißt "Bradley- Effekt".



Am 9. Oktober schrieb Myriam Chaplain- Riouin in der "Welt" unter der Überschrift "Rassismus - Obamas unsichtbarer Gegner bei der US-Wahl":
Im Kampf um das Weiße Haus liegt Barack Obama momentan vor seinem Konkurrenten John McCain. Doch wieviel dieser Vorsprung in der Anonymität der Wahlkabine wert ist, wird sich erst am 4. November zeigen. Denn Experten glauben, dass Obamas Hautfarbe den Demokraten Stimmen kosten wird. (...)

Nur eine kleine Minderheit der US-Bürger würde heutzutage noch offen einräumen, dass die Hautfarbe eines Politikers für sie eine Rolle spielt. Dennoch könnte Obama sein dunkler Teint nach einer aktuellen Umfrage der kalifornischen Stanford Universität bis zu sechs Prozentpunkte kosten – wenn in der Anonymität der Wahlkabine verschwiegene rassistische Vorbehalte zum Tragen kommen. (...)

In den USA wird dieses Phänomen "Bradley- Effekt" genannt, nach Tom Bradley, dem ehemaligen schwarzen Bürgermeister von Los Angeles. Dieser unterlag 1982 bei den Gouverneurswahlen in Kalifornien, obwohl alle Umfragen ihm einen Sieg prophezeiten.
Diese Vermutung - Obama liegt in den Umfragen zwar vorn, aber verdeckter Rassismus könnte ihn den Sieg kosten - gibt es in zwei Varianten.

Die eine sagt, daß unter den Wählern Rassisten sind, die sich nur in den Umfragen nicht als solche zu erkennen geben.

Die andere Variante geht tiefer, im Wortsinn: Sie behauptet, daß auch Menschen, die der Überzeugung sind, keine Rassisten zu sein, das "im Unterbewußtsein" doch sind.

Sie geben - so besagt es diese Überlegung - in Umfragen ehrlich an, für Obama stimmen zu wollen. Aber wenn es ernst wird, wenn sie erst einmal in der Wahlkabine sind, dann bringen sie es doch nicht fertig, für einen Schwarzen zu stimmen. Und bemänteln das vor sich selbst mit irgendeinem Grund - weil er zu unerfahren sei, zu weit links; dergleichen. Es gibt sogar einen psychologischen Test, den Implicit Association Test, der diesen "unbewußten Rassismus" angeblich nachweist.



Das Bemerkenswerte an diesen Überlegungen ist, daß sie ohne jede empirische Basis sind.

Es gibt schlechterdings keine Daten, die belegen, daß der Verdacht eines verdeckten Rassismus in der einen oder der anderen Version stimmt.

Im Gegenteil: Analysiert man für die Vorwahlen die jeweils letzten Umfrageergebnisse und die tatsächliche Entscheidung der Wähler, dann unterschätzten die Umfragen Obamas Ergebnis!

Das hat Nate Silver in FiveThirtyEight gezeigt. Die Differenz lag im Schnitt bei 3,3 Prozent. In den - ja der Annahme nach besonders rassistischen - Südstaaten schnitt Obama sogar um 7,2 Prozentpunkte besser ab, als es die letzten Umfragen vorhergesagt hatten. Es kann also keine Rede davon sein, daß Wähler sich in den Umfragen für Obama ausgesprochen, sich in der Wahlkabine dann aber doch gegen ihn entschieden hätten.

Wer keine aktuellen Belege hat, der verweist gern auf die Vergangenheit. Und da nun taucht der ominöse Bradley auf. Es wird behauptet, jener Tom Bradley hätte 1982 in Californien in "allen Umfragen" geführt. Dennoch hätten ihn die Californier am Ende nicht gewählt - weil hinreichend viele von ihnen in der Wahlkabine im letzten Augenblick davor zurückschreckten, einen Schwarzen zu wählen.

Dieser angebliche "Effekt" ist mindestens so fragwürdig wie der Rassimus- Verdacht, den er angeblich belegt. Im zweiten Teil werde ich das im einzelnen zeigen.

(Fortsetzung folgt)



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15. Oktober 2008

Zitat des Tages: Wenn Barack Obama weiß wäre und Barry O'Malley hieße ... Nebst dem Vorschlag, daß Sie einmal Ihren unterbewußten Rassismus testen

Liberal Democrats have a long tradition of tarring opponents as the monolithic forces of hatred and prejudice while casting themselves as the enlightened proponents of peace, love and decency. And this election shows that tradition is alive and well. (...)

If Obama were a white Democratic nominee named Barry O'Malley, the GOP would be going after him twice as hard. But many liberals would still caterwaul about fomenting hatred and racism, because that's what they always do.


(Es gibt bei linken Demokraten eine lange Tradition, ihre Gegner als die monolithischen Mächte des Hasses und des Vorurteils anzuschwärzen, während sie sich selbst in der Rolle der aufgeklärten Vertreter von Frieden, Liebe und Wohlanständigkeit gefallen. Und die jetzigen Wahlen zeigen, daß diese Tradition weiter lebendig ist. (...)

Wenn Obama ein weißer Kandidat der Demokraten wäre, der Barry O'Malley hieße, dann würde ihn die Republikanische Partei doppelt so hart attackieren. Aber viele Linke würden immer noch fauchen, daß Haß und Rassismus geschürt würden. Weil sie es immer so machen.)

Der Kolumnist Jonah Goldberg gestern in der Los Angeles Times.

Kommentar: Der Einfall, Barack Obama in einer kleinen gedanklichen Volte einmal in einen Iren zu verwandeln, ist Lesern dieses Blogs nicht ganz neu.

Ich finde solche Gedankenexperimente oft hilfreich. (Zum Beispiel jenes, sich probeweise vorzustellen, daß es Rechts- und nicht Linksextreme wären, die etwas tun oder äußern. Daß, sagen wir, kürzlich in Köln nicht eine Veranstaltung von "Pro Köln" von Linksextremisten gewaltsam verhindert wurde, sondern eine Veranstaltung der VVN durch Rechtsextremisten).

Jonah Goldberg geht es in seiner Kolumne um den Nachweis, daß die jetzigen Vorwürfe des Rassismus, die gegen McCain und sein Team erhoben werden, einem altbekannten Muster folgen.

Dasselbe Klischee hat bereits 1964 der damalige demokratische Kandidat Lyndon B. Johnson gegen seinen republikanischen Gegner Barry Goldwater benutzt ("Vorurteil, Bigotterie und Haß"); und noch früher, schreibt Goldberg, habe im Wahlkampf 1948 der Demokrat Truman den Republikaner Dewey als eine Art amerikanischen Hitler darzustellen versucht.

Natürlich ist dieses Thema "Rassismus" auch flugs bei uns in Deutschland aufgegriffen worden, und natürlich von "Spiegel- Online".

Und zwar in der aparten Variante, daß jemand, der kein bewußter Rassist ist, noch lange nicht exkulpiert sei. Denn, sagt der Sozialpsychologe Philipp Goff, "das Rassenthema spielt sich vor allem im Unterbewusstsein ganz normaler Bürger ab".

Goff nennt damit ein Thema, das seit Jahren durch die Sozialpsychologie spukt, sogenannte "implizite Einstellungen":

Jemand hat nichts gegen Schwarze, vielleicht im Gegenteil sogar viel Sympathie für sie. Er nimmt an einem Test teil, in dem seine Reaktionszeiten beim Klassifizieren von Begriffen gemessen werden - und schwupp! ist er des Rassismus überführt. Eines Rassismus, von dem er nichts geahnt hatte. Weil er ja "implizit" ist oder, wie Goff sagt, "im Unterbewußtsein".



Haben Sie ein wenig Zeit, lieber Leser, und möchten Sie gern einmal einen solchen Test machen?

Dann gehen Sie bitte auf diese WebSite. Sie finden dort IATs (Implizite Assoziationstests), die von einem Team der Harvard- Universität unter Leitung von Tony Greenwald entwickelt wurden und angeboten werden.

Wenn Sie wissen wollen, ob Sie implizit rassistisch sind, dann folgen Sie bitte den Anweisungen, bis Sie zur Liste der Tests gelangen, und wählen Sie dann "Rasse".

Sie meinen, Sie seien nicht rassistisch? Sie werden sich wundern!



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3. Mai 2008

Zitat des Tages: Obamas Oma

"I can no more disown him [Jeremiah Wright] than I can disown my white grandmother."

- Barack Obama, Philadelphia, March 18

Guess it's time to disown Granny, if Obama's famous Philadelphia "race" speech is to be believed.


("Ich kann mich so wenig von ihm [Jeremiah Wright] lossagen, wie ich mich von meiner weißen Großmutter lossagen kann."

- Barack Obama, Philadelphia, 18. März

Jetzt dürfte es Zeit sein, sich von der Großmama loszusagen, wenn man Obamas berühmter "Rassen-" Rede in Philadelphia Glauben schenken soll.)

Beginn eines Kommentars von Charles Krauthammer in der Washington Post vom gestrigen Freitag.

Kommentar: Wieder einmal empfehle ich Krauthammer zur Lektüre, weil er es glänzend versteht, den Kern einer Sache in einfachen Worten offenzulegen.

Obama hatte sich am 18. März nicht von Wright distanziert, sondern dessen Äußerungen, wie Krauthammer schreibt, "kontextualisiert"; sie so dargestellt, als seien Weiße nur deshalb von ihnen "überrascht", weil ihnen die Welt der Schwarzen fremd sei

(Obama: "The fact that so many people are surprised to hear that anger in some of Reverend Wright's sermons simply reminds us of the old truism that the most segregated hour of American life occurs on Sunday morning." - Der Umstand, daß so viele Menschen überrascht sind, in einigen der Predigten von Pastor Wright diesen Zorn zu vernehmen, erinnert uns schlicht an die alte Binsenweisheit, daß im Leben der Amerikaner die Stunden mit der striktesten Rassentrennung am Sonntag Vormittag liegen).

Jetzt hat Wright noch einmal, diesmal freilich vor der Presse, diese Äußerungen wiederholt - und nun ist auch Obama, obwohl doch kein Weißer, überrascht, ja erzürnt. Jetzt tut er genau das, was er laut Rede von Philadelphia nicht kann: Er sagt sich von Wright los.

So, als hätte dieser etwas Neues gesagt. Er hat aber nur das gesagt, was auf den kursierenden Videos zu hören gewesen war. Freilich diesmal an einem Ort und vor einem Publikum, die es Obama nicht mehr erlauben, den Spieß umzudrehen und den Weißen vorzuwerfen, sie hätten kein Verständnis für diesen schwarzen "Zorn", wie er sich in den Predigten am Sonntag Vormittag manifestiert.

Das arbeitet Krauthammer heraus und zeigt damit, wie unehrlich diese Rede von Philadelphia war, die von vielen als eine der größten Reden in der Geschichte Amerikas bezeichnet, die gar für die Lesebücher in den amerikanischen Schulen empfohlen worden war.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

21. Januar 2008

"Polizei prügelt Schwarzen". Eine Empörung seinerzeit. Dazu jetzt eine Recherche

Erinnern Sie sich noch an den Vorfall, der im Juni 2004 die ganze Welt empörte und der auch in Deutschland seine Wellen schlug? "Polizei prügelt Schwarzen" titelte damals zum Beispiel die "Berliner Zeitung". In ihrem Bericht hieß es:
Die jüngsten Video-Bilder aus Los Angeles haben Empörung ausgelöst: Ein afro- amerikanischer Mann rennt aus einem Auto, bleibt plötzlich stehen und hebt seine Arme in die Höhe. Es ist eine Geste der Kapitulation. Kurze Zeit später sieht man den Mann am Boden liegen, Polizisten sind über ihn gebeugt, einer von ihnen schlägt immer wieder auf den Mann ein. (...)

Die Männer - alles Weiße - würden umgehend entlassen und angeklagt, sollte sich der Vorwurf übermäßiger Gewalt bestätigen, kündigte Bürgermeister James Hahn an. (...) Zudem traf sich der Polizeichef von Los Angeles bereits mit Vertretern der verschiedenen Afro- Amerikanischen Gemeinden der Stadt. Sie fordern drastische Maßnahmen gegen die Polizisten, vor allem aber gegen John Hatfield, jenen Polizisten, der mit einer Taschenlampe auf den 36-jährigen Stanley Miller eingeschlagen hat.
Ich war damals, als die Bilder im TV liefen, auch empört über die, so schien es, offensichtliche Brutalität dieser weißer Polizisten gegen einen Schwarzen, der schon hilflos am Boden lag.

Jetzt bin ich wieder auf den Fall gestoßen, und zwar durch eine Kolumne von Steve Lopez in der gestrigen Los Angeles Times.

Auch Lopez hatte seinerzeit gegen den Polizisten Hatfield gewettert, der nach dem Vorfall aus dem Dienst entfernt wurde und inzwischen eine Umschulung zum Krankenpfleger macht, aber auf Wiedereinstellung klagt. Lopez hat den Fall jetzt nachrecherchiert und Interviews geführt; unter anderem hat er ausführlich mit Hatfield gesprochen. Und es stellte sich Überraschendes heraus.



Was den Vorwurf des Rassismus angeht, so hatte es von vornherein dafür nicht das geringste Indiz gegeben. Er entstammte schlicht dem Vorurteil, daß weiße Polizisten, die auf einen Schwarzen einschlagen, das aus Rassismus tun. Ein Vorurteil, das man seltsamerweise gerade bei Menschen findet, die sich sonst vehement gegen Vorurteile einsetzen.

John Hatfield weist, so schildert es Lopez, den Vorwurf des Rassismus nicht nur empört zurück, sondern er tut das auch mit guten Gründen. Hatfield ist mit einer Iranerin verheiratet, seine Mutter stammt aus Mexiko, und Trauzeuge bei seiner ersten Eheschließung war ein Schwarzer. Nicht eben das klassische Bild des weißen, rassistischen Polizisten, wie es seit dem Film "In der Hitze der Nacht" in den Köpfen festsitzt.



Wie kam es nun zu der Szene, die zufällig aus einem Polizei- Hubschrauber heraus gefilmt worden war und die soviel weltweite Empörung ausgelöst hatte?

Das Auto, aus dem der Mann - Stanley Miller - , wie es in der Meldung heißt, "rennt", war ein Toyota Camry, den er gestohlen hatte. Er war erwischt worden, und mehrere Polizeiwagen hatten seine Verfolgung aufgenommen.

Während der Verfolgung bückte Miller sich mehrfach, so als wolle er eine Waffe aufheben, sagte Hatfield. Der Polizist öffnete deshalb die Tür seines Wagens, um sie als Schutzschild gegen etwaige Schüsse einzusetzen.

Nach einer dreißigminütigen Verfolgungsjagd durch den Süden von Los Angeles hält der Dieb an und setzt die Flucht zu Fuß fort. Hatfield ist der Dritte in der Reihe der Polizisten, die die Verfolgung aufnehmen. Sie vermuten, daß Miller seine Waffe mitgenommen hat, denn er hält beim Laufen den linken Arm eng an die Brust gedrückt.

Dann ist er am Ende seines Atems. Er bleibt stehen und hebt die Hände hoch. Ein Polizist richtet zunächst die Pistole auf Miller, steckt sie dann aber wieder ins Halfter und versucht den Dieb zu packen. Die spätere Untersuchung stellte fest, daß das ein schwerer Fehler gewesen war; der Polizist hätte seine Pistole so lange auf Miller gerichtet lassen müssen, bis andere ihm Handschellen angelegt hatten.

Stattdessen kommt es jetzt zu einem Handgemenge, an dem sich Hatfield beteiligt. Am Ende befinden sich Miller und Hatfield beide am Boden. Hatfield kniet auf Miller und schlägt mit der Taschenlampe auf ihn ein. Das ist die Szene, die weltweit Empörung auslöste.

Hatfield sagt dazu, ein anderer Polizist habe gerufen, der Dieb hätte immer noch eine gun. In der Tat hätte Miller weiter seinen linken Arm unter seiner Brust versteckt gehalten. Um diesen Arm sei es ihm, Hatfield, gegangen, als er mit der Taschenlampe zuschlug. Offenbar wollte er dadurch erreichen, daß Miller den Arm freigab, so daß man ihm die vermutete Waffe abnehmen konnte.

Der Autor Lopez schreibt dazu, als er das Video gemeinsam mit Hatfield angesehen habe, hätte dieser ihn davon überzeugt, daß Miller noch keineswegs unter Kontrolle ("restrained") war, als Hatfield mit der Taschenlampe zuschlug.

Nach der Festnahme stellte sich heraus, daß die Vermutung, Miller hätte eine Waffe bei sich gehabt, irrig gewesen war.



Ich habe das Geschehen so detailliert geschildert, um deutlich zu machen, wie trivial es gewesen ist. Bei einer Festnahme wehrt sich ein Verbrecher, und die Polizisten wenden Gewalt an, "unmittelbare Gewalt", wie es in der deutschen Polizeisprache heißt.

Was man den an diesem Vorfall beteiligten Polizisten vorwerfen kann, das ist unprofessionelles Verhalten. Man hätte Miller offenbar, wenn man ihn mit der Pistole in Schach gehalten hätte, ohne Gewalt festnehmen können. Er hatte ja auch schon die Hände gehoben, sich also anscheinend ergeben gehabt.

Das ist aber auch alles, was von dem bleibt, was als angeblicher Fall von brutalem Rassismus um die Welt ging.

Und wie ging es in Los Angeles weiter?

Miller, der bei dem Handgemenge leichte Abschürfungen erlitten hatte, erhielt dafür eine Entschädigung von 450.000 Dollar. Für den Versuch, sich seiner Festnahme zu entziehen, wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt.

Hatfield, der zuvor acht Jahre ohne Beanstandung Dienst getan hatte, wurde entlassen, nachdem ein Disziplinargericht ihm "unkontrolliertes Verhalten" vorgeworfen hatte. Er kämpft jetzt um seine Rehabilitierung.



Wie konnte es geschehen, daß ein Polizist wegen eines so geringfügigen Vergehens so hart bestraft wurde?

Lopez sprach darüber mit einer Bürgerrechtlerin und Polizeikritikerin, Connie Rice. Auch mit ihr sah er gemeinsam das Video an. Sie meinte, das Fehlverhalten der Polizisten sei auf mangelnde Ausbildung zurückzuführen.

Hatfields Schläge seien trotzdem nicht zu entschuldigen, und er hätte, sagte sie, z.B. eine vorübergehende Suspendierung verdient gehabt. Aber daß er gefeuert wurde, hält sie für falsch. Er sei ein Polizist gewesen, der sich um Jugendliche gekümmert, der beispielsweise Geld für ein Stipendien- Programm gesammelt hätte, das Kindern aus einkommensschwachen Familien zugute kommen sollte. "Einer von den Guten".

Warum also wurde er gefeuert, fragte Lopez die Bürgerrechtlerin Rice.
"The rules are different" in a high-profile incident, Rice said, especially one involving a black suspect and an African American community that sees the LAPD through an 80-year prism. There were protests at the time, comparisons to the Rodney King case and a call for heads to roll. "I think the pressure to respond to the community was huge."

"Die Regeln sind anders", wenn es sich um einen Vorfall handelt, der im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit steht, sagte Rice. Vor allem, wenn es sich um einen schwarzen Verdächtigen handelt und um eine afro- amerikanische Gemeinschaft, die das LAPD [die Polizeibehörde von Los Angeles; Anmerkung von Zettel] durch das Brennglas von 80 Jahren sieht. Es gab damals Proteste, Vergleiche mit dem Fall Rodney King und den Ruf danach, daß Köpfe rollen müßten. "Ich glaube, daß der Druck, auf die [afro- amerikanische] Gemeinschaft zu reagieren, immens war".
Das sagte nicht die Anwältin von John Hatfield, sondern eine Bürgerrechtlerin, die sich gegen Polizei- Übergriffe engagiert.



Am Ende seines Artikels stellt Lopez sich selbst die Frage, ob Hatfield denn nun hätte gefeuert werden sollen. Überraschenderweise - überraschend, wenn man seinen Artikel gelesen hat - antwortet er mit ja. Und zwar deshalb, weil der Polizeipräsident Bratton, der damals zwei Jahre im Amt gewesen war, hätte beweisen müssen, daß sich bei der Polizei von Los Angeles etwas geändert hätte.

Ich kann mich dem Zynismus, der in dieser Antwort liegt, nicht anschließen. Einem Polizisten ist offensichtlich Unrecht getan worden. So etwas kann aus meiner Sicht niemals durch politische Gründe gerechtfertigt werden.

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11. Januar 2008

Marginalie: Sind die Türken eine Rasse?

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), Kenan Kolat, hat Roland Koch die Förderung von Rassismus vorgeworfen. "Er schürt rassistische Ressentiments in der Gesellschaft", erklärte Kolat, wie man beispielsweise in der SZ lesen kann. Ich finde diese Äußerung sehr verwunderlich.

Man mag Roland Koch ja, weil er im Wahlkampf das Thema der Kriminalität ausländischer Jugendlicher thematisiert, Ausländerfeindlichkeit vorwerfen. Ich kann diese zwar nicht erkennen; mir scheint Koch eher kriminalitäsfeindlich zu argumentieren. Aber gut, er hat Sätze gesagt wie "Gerade bei Fragen der Gewalt haben wir ein besonderes Problem bei jungen Menschen mit ausländischer Herkunft", die man mit bösem Willen als ausländerfeindlich interpretieren kann.

Aber Rassismus? Ja, sind "Ausländer" denn eine Rasse? Der Fremde ist nur in der Fremde fremd, hat Karl Valentin mit seinem unerbittlichen Scharfsinn gesagt. Und Ausländer in Deutschland haben nur gemeinsam, daß sie nicht aus Deutschland stammen.

Nochmal ein "nun gut". Unterstellen wir, daß, da ein Großteil der Ausländer in Deutschland Türken sind, Koch sich auf Türken bezogen hat, wenn er "Ausländer" sagte.

Ja, sind "Türken" denn eine Rasse?

Wenn jemand, den Nazis nachplappernd, von einer "deutschen Rasse" spräche, dann würde man ihm das sehr zu Recht um die Ohren hauen; denn wir Deutsche sind, als Resultat unserer Geschichte, als Resultat von Wanderungsbewegungen, ein Volk, das genetisch alles andere als homogen ist. Nur schlimmste Nazis könnten auf den Gedanken kommen, kritische Äußerungen gegen Deutschland oder uns Deutsche als "rassistisch" zu bezeichnen.

Dasselbe gilt für die Bewohner Anatoliens, dessen Geschichte zu einem mindestens ebenso bunten genetischen Mix geführt hat wie die deutsche. Selbst wenn die Äußerungen Kochs ausländerfeindlich, selbst wenn sie gar türkenfeindlich wären, wären sie doch offensichtlich nicht rassistisch.



Gerade in Deutschland, wo der Rassenwahn so unermeßliche Verbrechen verursacht hat, sollte man mit dem Begriff der Rasse nicht schluderig umgehen. Ob Herr Kolat sich bei seinem Rassismus- Vorwurf etwas gedacht hat, weiß ich nicht. Dumm dahergeredet hat er jedenfalls.

Er ist freilich in, hm, ich will nicht sagen guter, aber doch angesehener Gesellschaft.

Kürzlich habe ich auf einen Artikel in Spiegel Online International hingewiesen, in dem eine von Deutschen, Türken und Deutschen türkischer Herkunft bewohnten Gegend in Duisburg- Marxloh als "racially mixed", als rassisch gemischt bezeichnet wird. Der Artikel ist im wesentlichen die Übersetzung einer Story im gedruckten "Spiegel" der vergangenen Woche - nur daß dort just diese Aussage über die angebliche Rassenmischung oder Gemischtrassigkeit in Duisburg- Marxloh fehlte.

Nun geht man in den USA mit dem Begriff der Rasse etwas anders um als wir Deutschen. Mag sein, daß derjenige, der diesen Ausdruck in die "Spiegel"- Story hineinredigiert hat, sozusagen amerikanischer sein wollte als die Amerikaner, die ihre Einwohner ja von Amts wegen nach Rassen einteilen (wobei aber die Türken keine Rasse sind, sondern caucasians wie Jens Jensen aus Eckernförde auch, der jetzt in Michigan Bier braut).



Das Thema der Gewaltkriminalität Jugendlicher, das Thema einer unter ausländischen Jugendlichen erhöhten Gewaltkriminalität ist in Deutschland lange Zeit von der Öffentlichkeit zu wenig beachtet worden. Jetzt ist es in die öffentliche Diskussion gekommen; aufgrund eines Vorfalls, der das Problem mit anschaulicher Realität vor Augen geführt hat.

Daß Roland Koch ein Problem, das offensichtlich die Öffentlichkeit beschäftigt, für seinen Wahlkampf nutzt, kann man ihm meines Erachtens nicht zum Vorwurf machen. Jede Partei tut das, wenn sie sich von einem Thema Punkte in der Gunst der Wähler verspricht. Das Problem ist die Jugendkriminalität; es sind nicht die in Deutschland lebenden Ausländer, und schon gar nicht ist es ein Problem von Rassismus.

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