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27. Mai 2009

Zitat des Tages: Mehrheiten, Minderheiten. Terroristen, Tamilen

It can also be important to bear in mind, as in Sri Lanka became crucial, that majorities have rights, too.

(Es kann auch wichtig sein, sich - in Sri Lanka wurde das der kritische Punkt - vor Augen zu halten, daß auch Mehrheiten Rechte haben.)

Christopher Hitchens im Internetmagazin Slate zum Sieg der Regierung von Sri Lanka über die Tamilen- Tiger.

Kommentar: Hitchens macht auf einige an sich triviale Sachverhalte aufmerksam, die aber oft nicht im allgemeinen Bewußtsein sind:
  • In Bürgerkriegen haben nicht unbedingt diejenigen das Recht auf ihrer Seite, die in der Minderheit sind.

  • Der Kampf solcher Minderheiten um ihre Unabhängigkeit ist auch nicht unbedingt moralisch akzeptabel. Die Tamilen- Tiger setzten Kinder- Soldaten und Selbstmord- Attentäter ein. Sie steckten, so Hitchens, auch hinter dem Mord an dem indischen Premier Rajiv Gandhi im Jahr 1991. In ihrem Herrschaftsbereich herrschten die Verhältnisse einer Diktatur.

  • Oft spielen Gelder aus dem Ausland eine entscheidende Rolle für den Terrorismus; hier Zahlungen der vielen und oft wohlhabenden Tamilen, die in Europa, Nordamerika und Ländern des britischen Commonwealth leben.

  • Wenn sie hinreichend erfolgreich sind, dann müssen Guerrilleros irgendwann dazu übergehen, einen dauerhaften Herrschaftsbereich einzurichten, den sie auch mit einer regulären Armee verteidigen müssen. Damit kann ihnen auch, wie jetzt den Tamilen- Tigern, eine reguläre militärische Niederlage bereitet werden.

  • Der auf der Linken verbreitete Glaube, daß solche Befreiungs- Bewegungen "die Geschichte auf ihrer Seite" haben, stimmt schlicht nicht. Aufstände lassen sich niederschlagen.
  • Hier sieht Hitchens eine Lehre, die man für den Irak aus der Niederlage der Tamilen- Tiger ziehen kann.

    Christopher Hitchens ist ein britischer Journalist, der lange Zeit eher auf der Linken stand, der inzwischen aber liberal- konservative Ansichten entwickelt hat. Ich habe ihn in diesem Artikel als einen derer zitiert, die Michael Moores Manipulationen entlarvt haben.



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    26. Mai 2009

    Marginalie: Guantánamo wird geschlossen. Wohin kommen jetzt eigentlich gefangene Terroristen? Nebst einer Erinnerung an den Höhepunkt des Irakkriegs

    Auf dem Höhepunkt der Gewalt im Irak, im Januar 2007, als im Irak der Bürgerkrieg drohte, brachte der Senator Barack Obama im US-Senat einen Gesetzesentwurf ein, der zu den unverantworlichsten in der amerikanischen Geschichte gehört.

    Dieser Iraq War De-Escalation Act, den ich in diesem Artikel im Detail analysiert habe, sah vor, daß die USA den vollständigen, einseitigen und bedingungslosen Abzug ihrer Truppen verkünden sollten. Beginn 1. Mai 2007. Vollständiger Abzug aller Kampftruppen bis zum 31. März 2008.

    Es gibt keinen vernünftigen Zweifel daran, daß dieses Gesetz, hätte es der US-Senat gebilligt und wäre ihm der Präsident gefolgt, nicht nur eine schmähliche Niederlage der USA bedeutet hätte, sondern auch den Bürgerkrieg im Irak und die Errichtung einer Herrschaft der Kaida über die Provinz Anbar; mit Ausbildungslagern für Terroristen, wie sie einst in Afghanistan bestanden.

    Dem Senator Obama waren diese Folgen natürlich bekannt. Was ihn veranlaßte, dennoch den Iraq War De-Escalation Act einzubringen, kann man nur vermuten.

    Es ging damals eine Anti- Kriegsstimmung durchs Land, Obama war noch ein weithin unbekannter Senator. Die Vermutung liegt nahe, daß er sich an die Spitze der Bewegung für den Abzug aus dem Irak setzen und damit nationale Bekanntheit erlangen wollte. Die militärischen, die außenpolitischen Folgen seines Gesetzes erschienen ihm offenbar gegenüber diesem Karriereziel weniger bedeutsam.

    Aus dem Gesetz ist damals zum Glück nichts geworden; es blieb schon im Auswärtigen Ausschuß des Senats hängen. Aus dem Senator Barack Obama ist bekanntlich etwas geworden.



    Ich erinnere an diesen Vorgang, weil sich jetzt in Bezug auf Guantánamo etwas Ähnliches abspielt, wenn auch von ungleich geringeren Dimensionen. Nur ist Obama jetzt in einer Position, in der er nicht nur ein Gesetz vorschlagen, sondern in der er Entscheidungen treffen kann.

    Eine solche Entscheidung war der Beschluß zur Schließung des Gefangenenlagers in Guantánamo. Wie der Iraq War De-Escalation Act war es eine populäre Entscheidung, als Obama sie verkündet hat. Wie dieser Gesetzentwurf war es eine Entscheidung, die offenbar ohne Rücksicht auf die Folgen getroffen wurde.

    Daß die USA sich damit das Problem einhandeln würden, wo man denn die Gefangenen aus Guantánamo hinbringen soll, war von vornherein klar; ich habe im November 2008 darüber berichtet. Sie einfach zu entlassen, ist ein schöner, friedfertiger Gedanke. Nur findet man dann nicht wenige der Entlassenen als Terroristen wieder.

    Aber es gibt noch ein viel gravierenderes Problem; darüber haben am vergangenen Wochenende Eric Schmitt und Mark Mazzetti in der New York Times berichtet: Es geht ja nicht nur um die Unterbringung der bisherigen Gefangenen. Es geht auch darum, was man mit neuen Gefangenen macht, die bisher nach Guantánamo kamen. Mit solchen, die im Gefecht gefangen genommen wurden; vor allem aber auch mit Terroristen, denen die Geheimdienste nachspürten und deren Festnahme gelang.

    Unter Präsident Bush kamen sie überwiegend nach Guantánamo. Und jetzt? Die Antwort ist einigermaßen ernüchternd, vermutlich selbst für einen Fan des Präsidenten Obama: Man überläßt sie einfach ausländischen Geheimdiensten; diese sollen sie festhalten, sie verhören, sich halt um sie kümmern.

    Teilweise hatten die USA auch schon gegen Ende der Amtszeit von Präsident Bush mit dieser Praktik begonnen; aber unter Obama ist sie nun derart zum Standard geworden, daß seit dessen Amtsantritt kein einziger Verantwortlicher der Kaida mehr in die USA verbracht worden ist.

    Gejagt und gefangen werden sie wie eh und je. In den vergangenen zehn Monaten wurden beispielsweise nach Informationen der NYT ungefähr ein halbes Dutzend Verantwortliche der Kaida im Nahen Osten gefangen genommen. Sie werden jetzt von den Geheimdiensten von vier Ländern dieser Region festgehalten. In diesem Jahr gelang Pakistan die Gefangennahme von zwei Kaida- Anführern; einem aus Saudi- Arabien und einem Jemeniten. Unter Präsident Bush wären sie nach Guantánamo überstellt worden; jetzt bleiben sie in der Obhut des pakistanischen Geheimdienstes.

    Das also ist der Fortschritt in Sachen Menschenrechte, den Präsident Obama mit der Schließung von Guantánamo zu verantworten hat: Gefangene Terroristen werden jetzt von Geheimdiensten festgehalten, deren Verhältnis zu den Menschenrechten etwas bedenklicher sein dürfte als das, was der Regierung Bush angelastet wurde.



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    15. Mai 2009

    Marginalie: Warum will Obama die Folter-Fotos nicht freigeben? Nebst einer Erinnerung an den Umgang mit Präsident Bush

    Präsident Obama hat entschieden, entgegen einem Gerichtsbeschluß Fotos von Folterungen im Irak nicht zu veröffentlichen.

    Welche Reaktionen eine solche Entscheidung Präsident Bushs bei unseren Kommentatoren ausgelöst hätte, kann man sich denken. Da aber Präsident Obama so etwas wie Welpenschutz genießt, bleiben solche vernichtenden Kommentare jetzt aus. Jedenfalls habe ich keine gefunden.

    Obama hatte zunächst die Veröffentlichung angeordnet und dann seine Entscheidung revidiert. Warum? Dazu liefert der außenpolitische Redakteur des Nouvel Observateur Vincent Jauvert interessante Hintergrund- Informationen. Nach Auffassung Jauverts haben vier Motive eine Rolle gespielt:
  • Der vom Weißen Haus genannte Grund, die Veröffentlichung könne die Sicherheit der US-Truppen im Irak und in Afghanistan gefährden. Damit freilich hätte Obama schon rechnen können, als er zunächst die Freigabe anordnete, meint Jauvert. Obama sagt nun allerdings, er hätte die Fotos noch nicht gesehen gehabt, als er diese Entscheidung fällte. Auch hätten danach Generäle Vorbehalte angemeldet. Jauvert merkt dazu an, das sei plausibel, zeige freilich einen unsicheren Präsidenten.

  • Obama hat erst kürzlich General McChrystal zum Befehlshaber der Truppen in Afghanistan ernannt. McChrystal war zuvor im Irak der Chef jener Spezialtruppen gewesen, die gezielt gegen die Führer der Kaida vorgingen und dabei vermutlich auch Folter einsetzten. Eine Veröffentlichung der Fotos hätte zu einer Diskussion über McChrystal führen können.

  • Weiterhin hat laut Jauvert die Entscheidung Obamas eine innenpolitische Dimension. Obamas demokratischer Parteifreundin Nancy Pelosi, Präsidentin des Repräsentantenhauses, wird vorgeworfen, sie sei schon seit 2002 in die Folterpraktiken eingeweiht gewesen, hätte dazu aber geschwiegen. Obama wolle diese Diskussion nicht noch weiter dadurch anheizen, daß die Fotos veröffentlicht werden.

  • Viertens passe sich Obama der Öffentlichen Meinung an. Die Mehrheit der Amerikaner ist gegen eine Veröffentlichung weiterer Folter- Fotos. So, wie übrigens auch die Zahl derer wächst, die Zweifel an der Richtigkeit der Entscheidung haben, das Gefängnis in Guantánamo zu schließen.

  • Kommentar: Daß Obama zunächst der Veröffentlichung zustimmte und sich erst dann genauer informierte, zeigt den Dilettantismus eines Mannes, der nun einmal ohne administrative und mit minimalen politischen Erfahrungen in das Amt des Präsidenten der USA katapultiert wurde.

    Ansonsten erscheinen mir die von Jauvert genannten Motive vernünftig und nachvollziehbar. Der Präsident einer Nation, die sich im Krieg befindet, hat das Wohl der kämpfenden Truppe und das Ansehen seiner militärischen Führung im Auge zu haben; und daß ein Präsident bei seinen Entscheidungen auch die innenpolitische Lage berücksichtigt, ist nicht zu beanstanden.

    So war es auch, wenn Präsident Bush vergleichbare Entscheidungen getroffen hat. Nur, daß er dafür von unseren Kommentatoren in Grund und Boden kritisiert wurde.



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    26. März 2009

    Ketzereien zum Irak (34): Warum hat Saddam Hussein diesen Krieg geführt? Und wie war das mit den WMDs?

    Dies ist die abschließende Folge der Serie, die ich Ende Januar angekündigt habe.

    "Ketzereien zum Irak" schienen mir erforderlich, solange die Berichte der Leitmedien, vor allem in Deutschland, von so etwas wie einer Orthodoxie geprägt gewesen waren. Deren Inhalt: Bush hat sich mit dem Irak- Krieg versündigt, und zur gerechten Strafe herrschen im Irak Chaos und Bürgerkrieg. Die Amerikaner werden am Ende geschlagen abziehen müssen.

    Es war eine negative Berichterstattung, in der die Schwierigkeiten übertrieben und die positiven Tendenzen weitgehend ignoriert wurden. Dagegen versuchte ich meine Ketzereien zu setzen.

    Wenn Sie die Zeit erübrigen können, möchte ich Sie einladen, diese Serie noch einmal im Zusammenhang zu lesen. Alle Folgen sind hier verlinkt. Sie können Sie sich auch ansehen, wenn Sie "Ketzereien zum Irak" in die Suchfunktion des Blogs (oben links) eingeben.

    Sie werden finden, daß - wie oft - die Ketzer näher an der Wahrheit waren als die Orthodoxen. Die Ketzer, das waren in diesem Fall die drei unabhängigen Berichterstatter vor Ort Michael Totten, Bill Ardolino und Michael Yon, auf deren Informationen ich mich hauptsächlich gestützt habe, sowie der irakische Blog "Iraq the Model".

    Inzwischen ist die Ketzerei sozusagen zur Orthodoxie geworden. Niemand leugnet mehr, daß der Terrorismus im Irak weitgehend eingedämmt und daß ein Sieg in Aussicht ist. Daß Anfang dieses Jahres freie Wahlen praktisch ohne Zwischenfälle standfinden konnten; daß eine große Mehrheit der Iraker inzwischen weder einen islamistischen noch einen neuen Baa'th- Staat will, sondern die jetzige Demokratie bejaht - das war den Leitmedien in Deutschland freilich noch immer kaum eine Meldung wert. Aber sie behaupten auch nicht mehr, daß im Irak alles immer schlimmer würde.



    Es bleibt eine Frage, die mich seit dem Februar / März 2003 beschäftigt: Warum hat Saddam Hussein diesen Krieg geführt? Er konnte ihn doch nicht gewinnen. Er hätte aushandeln können, daß man ihn ins Exil ziehen läßt, wie Idi Amin und so manchen anderen Diktator. Der Krieg hätte nicht sein müssen; jedenfalls nicht in der blutigen Form, in der er stattfand, weil Saddam sich, so könnte man denken, der Illusion hingab, er könne ihn gewinnen.

    Hatte er diese Illusion? Wie sah es überhaupt in der irakischen Regierung in den Monaten vor dem Krieg aus? Dazu ist 2006 in Foreign Affairs ein außerordentlich aufschlußreicher Artikel von Kevin Woods, James Lacey und Williamson Murray erschienen. Die Autoren stützen sich auf Material, das das U.S. Joint Forces Command (USJFCOM) in zweijähriger Arbeit zusammengetragen hatte und dessen Geheimhaltung kurz zuvor aufgehoben worden war - Hunderttausende von Dokumenten des Saddam- Regimes, Verhöre von Dutzenden militärischen und politischen Führern des Irak unter Saddam.

    Es ergibt sich ein erstaunliches, ein fast unglaubliches Bild.



    Nach den Aussagen der Insider des Regimes rechnete Saddam Hussein bis zuletzt damit, daß dieser Krieg nicht stattfinden werde. Er tat es, weil er Frankreich und Rußland als seine Verbündeten ansah und deren Einfluß für groß genug hielt, um die Amerikaner an der Invasion zu hindern.

    Man muß - ich schiebe jetzt einen eigenen Kommentar ein - dazu wissen, daß Frankreich keineswegs von Anfang an entschlossen gewesen war, gegen die Invasion einzutreten. Im Gegenteil - es hatte (so berichtete es damals der Nouvel Observateur) im Jahr 2002 sogar Vorbereitungen für eine Beteiligung an der Invasion gegeben. Ein General war von Chirac in die USA entsandt worden, um Absprachen über einen eventuellen Einsatz von Mirages zu treffen.

    Chirac hielt sich alle Optionen offen und entschied sich erst für das Veto im Sicherheitsrat, nachdem er sich Anfang 2003 mit Kanzler Schröder getroffen hatte und danach auf dessen Linie eingeschwenkt war. Der Hintergrund war die sich abzeichnende Achse Paris- Berlin- Moskau, die dann in den Jahren 2003 und 2004 durch viele Köpfe spukte.

    Insofern ist die These begründbar, daß Gerhard Schröders "Anti- Kiegs"- Linie nicht unwesentlich dazu beitrug, daß dieser Krieg stattfand.

    Als es dann zur Invasion gekommen war, hat Saddam Hussein - ich stütze mich ab jetzt wieder auf den Artikel in Foreign Affairs - nicht damit gerechnet, daß sie sein Regime gefährden würde. Sein Kalkül war, daß seine Armee den Amerikanern blutige Verluste zufügen würde und daß dann die Weltmeinung und die öffentliche Meinung in den USA zusammen mit dem Druck aus Paris und Moskau Präsident Bush zwingen würden, die Invasion abzubrechen. Noch am 30. März, als die Truppen der Koalition bereits kurz vor Bagdad standen, war Saddam dieser Überzeugung.

    Er vertraute, so unglaublich es klingt, dem, was sein "Informationsminister" Muhammad Said al-Sahaf - Sie werden sich noch an diesen kleinen Großsprecher erinnern - täglich verkündete!

    Wie war das möglich?



    Es war möglich, weil in dieser Diktatur Zustände herrschten, unter denen es schlechterdings unmöglich war, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Schein und Realität, zwischen Fakten und Propaganda zu unterscheiden. Nicht einmal Saddam selbst konnte das.

    Beispielsweise wurde die Waffenproduktion von einer "Militärisch- industriellen Kommission" gesteuert, die Saddam in der Zeit der UN-Sanktionen gegründet hatte. Dieser erteilte - nach Aussagen von Mitgliedern - Saddam den Befehl, bestimmte Waffensysteme zu bauen. Die Kommission wußte, daß das nicht gehen würde, versicherte Saddam aber eilfertig, daß es geschehen werde, und legte danach gefälschte Dokumente über den Fortgang der angeblichen Arbeiten vor.

    Warum tat man so etwas? Weil bis in die höchsten Ränge hinein ein unglaubliches Klima der Angst, und zwar der Todesangst, herrschte.

    Ich habe vor der Invasion im irakischen TV die Übertragung einer Versammlung hoher Offiziere gesehen. Diese bildeten das Auditorium. Auf dem Podium saß Saddam auf einer Art Thron, die Beine lässig übereinander geschlagen und Zigarren rauchend.

    Einer nach dem anderen traten die Offiziere, teils buchstäblich zitternd, ans Rednerpult und gaben kurze Erklärungen ab. Da es keine Übersetzung ins Englische gab, konnte ich ihre Texte nicht verstehen, aber allem Anschein nach waren es Versicherungen der Loyalität. Saddam unterbrach den Redner gelegentlich mit einer Bemerkung, auf die dieser manchmal erfreut, manchmal mit Anzeichen des Schreckens reagierte. Es war das perfekte Ritual einer Unterwerfung.

    Zurück zum Artikel von Foreign Affairs. Dort wird folgender Vorfall berichtet: In einer kritischen Phase des irakisch- iranischen Kriegs bat Saddam in einer Kabinettssitzung die Minister, offen ihre Meinung zu sagen. Nach einigem Zögern meldete sich der Gesundheitsminister Riyadh Ibrahim und schlug vor, daß Saddam sich vielleicht vorübergehend aus der Staatsführung zurückziehen könnte, bis ein Frieden geschlossen sei, und dann in sein Amt zurückkehren.

    Am nächsten Tag wurden Teile der zerstückelten Leiche dieses Ministers an seine Frau übergeben.

    Dagegen war der Fall eines Brigadgenerals schon fast harmlos, der in einer Besprechung gesagt hatte, die US-Panzer seien denen der irakischen Armee überlegen. Dafür verbrachte er ein Jahr im Gefängnis.

    Wer eine andere Meinung äußerte als Saddam, der spielte mit seinem Leben. Und Saddam wollte nur gute Nachrichten hören. Er hielt sich, wie seine Vorbilder Stalin und Hitler, für einen genialen Feldherrn, der keinen Widerspruch zu dulden brauchte, weil er immer Recht hatte. Also wurde er systematisch belogen.

    Hinzu kam, daß er einen Putsch mehr fürchtete als die Amerikaner. Die Schlagkraft seiner Armee war dadurch erheblich eingeschränkt, denn alle Ränge waren mit Spitzeln und mit Kommissaren durchsetzt, die außerhalb der Befehlskette standen.

    Selbst als die Invasion schon im Gang war, verzichtete Saddam darauf, Brücken zu sprengen, weil er der Meinung war, er würde sie für Truppenbewegungen im Fall eines Aufstands benötigen.

    Die Kampfbereitschaft seiner Truppen versuchte er mit Terror zu sichern; auch dies nach dem Vorbild Stalins. Aus einem Erlaß des Sekretariats der Saddam Fedayeen, einer Spezialtruppe, aus dem Jahr 1998:
    Any section commander will be executed, if his section is defeated; any platoon commander will be executed, if two of his sections are defeated; any company commander will be executed, if two of his platoons are defeated; any regiment commander will be executed, if two of his companies are defeated; any area commander will be executed, if his Governate is defeated; any Saddam Fedayeen fighter, including commanders, will be executed, if he hesitates in completing his duties, cooperates with the enemy, gives up his weapons, or hides any information concerning the security of the state.

    Jeder Truppführer wird hingerichtet, wenn sein Trupp eine Niederlage erleidet; jeder Zugführer wird hingerichtet, wenn zwei Trupps in seinem Zug eine Niederlage erleiden; jeder Kompaniechef wird hingerichtet, wenn zwei Züge seiner Kompanie eine Niederlage erleiden: jeder Bereichskommandeur wird hingerichtet, wenn sein Befehlsbereich eine Niederlage erleidet; jeder Kämpfer der Saddam Fedayeen, einschließlich den Kommandeuren, wird hingerichtet, wenn er bei der Ausführung von Befehlen zögert, wenn er mit dem Feind zusammenarbeitet, seine Waffen ausliefert oder irgendeine Information zurückhält, die die Sicherheit des Staates betrifft.



    Und wie war das mit den Massenvernichtungswaffen, den WMDs? Saddam behauptete intern manchmal, das man sie hätte, und manchmal das Gegenteil. Er sah in ihnen, oder vielmehr in dem Glauben an ihre Existenz, ein wichtiges Mittel, um das Prestige des Irak in der arabischen Welt zu erhalten.

    Auf einem Treffen des Revolutionären Kommandorats sagte er, es gebe sie nicht, man werde aber weiter den Anschein erwecken, sie zu besitzen, um Israel von einem Angriff abzuhalten. Laut den Zeugenaussagen glaubten aber manche im innersten Führungszirkel, daß es diese Waffen doch gebe.

    Noch Monate nach dem Ende des Kriegs waren etliche Offiziere, die sich im Gewahrsam der Amerikaner befanden, der Überzeugung, daß sich irgendwo versteckt im Irak immer noch WMDs befänden. Diese Militärs wußten, daß es solche Waffen gegeben hatte und hielten es für unglaubhaft, daß sie vernichtet worden wären. Sie wußten, daß sie in der Vergangenheit eingesetzt worden waren, und sahen es als erforderlich an, daß das Regime sie auch in Zukunft einsetzen würde. Und drittens vertrauten auch sie dem, was die internationalen Geheimdienste herausgefunden hatten. Oder meinten, herausgefunden zu haben.

    Saddam hatte auch seine hohen Militärs getäuscht, wie er den BND, den französischen Geheimdienst und die amerikanischen Dienste getäuscht hatte. Sein Versteckspiel, was die WMDs anging, kostete ihn schließlich erst die Macht und dann sein Leben.



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    1. Februar 2009

    Zitat des Tages: Präsident Obama gratuliert dem Irak zu den Wahlen. Grund, an den Gesetzentwurf des Senators Obama vom 30. Januar 2007 zu erinnern

    I congratulate the people of Iraq on holding significant provincial elections today. Millions of Iraqi citizens from every ethnic and religious group went peacefully to the polls across the country to choose new provincial councils. It is important that the councils get seated, select new governors, and begin work on behalf of the Iraqi people who elected them..

    (Ich gratuliere dem Volk des Irak zur heutigen Abhaltung bedeutsamer Provinzwahlen. Millionen irakischer Bürger aus jeder ethnischen und religiösen Gruppe gingen quer über das ganze Land friedlich zu den Wahllokalen, um neue Provinzräte zu wählen. Es ist wichtig, daß die Räte sich konstituieren, neue Gouverneure bestimmen und ihre Arbeit im Dienst des irakischen Volks beginnen, das sie gewählt hat.)

    Präsident Obama in einer Erklärung zu den Provinzwahlen im Irak. Über die Bedeutung und den Ablauf dieser Wahlen habe ich kürzlich hier berichtet.

    Kommentar: Vor fast genau zwei Jahren, am 30. Januar 2007, brachte der Senator Obama einen Gesetzesentwurf ein, den Iraq War De- Escalation Act of 2007 (Gesetz von 2007 zur De- Eskalation des Irak- Kriegs).

    In Irak war damals ein Höhepunkt der Gewalt erreicht. Die Zahl der Angriffe war innerhalb des vorausgehenden Jahres, seit Januar 2006, steil angestiegen, wie man in dieser Grafik sehen kann (für die volle Größe bitte anklicken):


    Die militärische Situation hatte sich im Lauf des Jahres 2006 so verschlechtert, daß trotz der Anwesenheit der Koalitionstruppen der Ausbruch eines Bürgerkriegs, der Zerfall des Landes und ein Scheitern der irakischen Demokratie zu befürchten waren.

    In dieser Situation entschloß sich Präsident Bush - unter anderem auf Anraten des Senators McCain und von General Petraeus, der damals die US-Truppen im Irak befehligte - zum Surge. Durch eine Aufstockung der Truppen um rund 20.000 Mann sollten die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, die Aufständischen in einer groß angelegten Offensive (Surge heißt wörtlich Anstieg, Schub, Stoß, Welle) niederzuzwingen.

    Bereits im Februar 2007 gab es eine erste große Offensive unter dem Namen Imposing Law. Im Juni waren die zusätzlichen Truppen eingetroffen, und es begann der eigentliche Surge.

    Der Erfolg stellte sich bald ein. Bereits ab Juli ging - siehe die obige Grafik - die Zahl der Angriffe drastisch zurück.

    Sowohl die Kaida als auch die Ba'ath- Aufständischen sind inzwischen weitgehend besiegt; die Gefahr eines Bürgerkriegs zwischen sunnitischen und schiitischen Milizen besteht im Augenblick nicht mehr.

    Zugleich gingen, trotz der Offensive der US-Truppen zusammen mit den irakischen Streitkräften, die Verluste vom Beginn des Surge an stetig zurück:




    Hätte sich damals freilich der Senator Obama mit seinem Gesetzentwurf durchgesetzt, dann sähe es im Irak heute anders aus.

    Die Kernsätze des Gesetzentwurfs von Barack Obama lauteten:
    Except as otherwise provided in this section, the phased redeployment of the Armed Forces of the United States from Iraq shall commence not later than May 1, 2007.

    The redeployment of the Armed Forces under this section shall be substantial, shall occur in a gradual manner, and shall be executed at a pace to achieve the goal of the complete redeployment of all United States combat brigades from Iraq by March 31, 2008.

    Sofern in diesem Abschnitt nicht anders bestimmt, wird der phasenweise Abzug der Streitkräfte der Vereinigten Staaten aus dem Irak spätestens am 1. Mai 2007 beginnen.

    Der Abzug der Streitkräfte unter den Bestimmungen dieses Abschnitts wird umfangreich sein, wird schrittweise erfolgen und wird in einem solchen Tempo durchgeführt werden, daß das Ziel eines vollständigen Abzugs aller Kampfbrigaden der Vereinigten Staaten aus dem Irak bis zum 31. März 2008 erreicht wird.

    Wo der Irak heute wäre, hätte dieser Entwurf Gesetzeskraft erlangt, kann man sich ausmalen: Im günstigeren Fall noch im Bürgerkrieg; im ungünstigsten Fall bereits zerfallen, teils von schiitischen und teils von sunnitischen Extremisten beherrscht.

    Die Provinz Anbar war am Beginn des Surge bereits nahezu von der Kaida übernommen worden. Hätten die US-Truppen damals, statt die Offensive zu ergreifen, den Rückzug angetreten, dann hätte die Kaida dort heute ihr zweites Afghanistan, komplett mit Ausbildungslagern, in denen Terroristen auf weltweite Operationen vorbereitet werden würden.

    Eine solche Entwicklung hätte nicht nur den amerikanischen Einfluß im Nahen Osten drastisch reduziert, sondern auch den Iran zu dessen Vormacht gemacht und Israel in eine bedrohliche Lage gebracht.



    Was wurde eigentlich aus dem Gesetzentwurf des Junior- Senators von Illinois?

    Nichts wurde daraus. Ich habe ein wenig recherchieren müssen, um das herauszufinden, denn auch die Wikipedia schweigt dazu. Bei GovTrack.US bin ich aber fündig geworden:

    Der Gesetzentwurf wurde, nachdem Obama ihn zusammen mit drei Co-Sponsoren eingebracht hatte, am 30. Januar zweimal gelesen und an den Auswärtigen Ausschuß überwiesen. Dort blieb er hängen. Er wurde nie zur Abstimmung an das Plenum zurückgeleitet. Mit dem Ende der damaligen Sitzungsperiode des Kongresses schied er automatisch aus der Gesetzgebung aus.

    Obama hatte versucht, sich mit diesem Entwurf an die Spitze einer Bewegung innerhalb der Demokratischen Partei zu setzen, die mit aller Macht versuchte, den Surge zu verhindern. Er kam nicht zum Zuge, aber die Bewegung führte zu einem Ergebnis im Senat.

    Es bestand in der Resolution vom 16. Februar 2007, über die ich damals berichtet habe. Diese forderte, anders als das von Obama eingebrachte Gesetz, nicht den sofortigen Beginn des Abzugs aus dem Irak, verurteilte aber den Surge.

    Auch wenn diese Resolution umgesetzt worden wäre (die aber für Präsident Bush nicht bindend war), sähe es heute im Irak weit schlechter aus. Hätte Obama sich durchgesetzt, sähe es katastrophal aus.



    Vielleicht sollte Obama weniger den Irakern gratulieren als sich selbst. Dafür, daß er damals mit seinem Gesetz gescheitert ist.



    Abbildung 1: U.S. Military or Department of Defense. Abbildung 2: Mgerb. Beide in der Public Domain. Für Kommentare bitte hier klicken.

    27. Januar 2009

    Ketzereien zum Irak (33): Über die Demokratie im Irak. Nebst einem Rückblick auf den Irak-Krieg und die Berichterstattung über ihn

    Vielleicht wäre es eine Frage für meine Serie "Mal wieder ein kleines Quiz" gewesen: In welchem Land finden Ende dieser Wochen Provinzwahlen statt, für die das Wahlgesetz eine Frauenquote vorsieht? Richtig, im Irak.

    Es sind freie Wahlen; so frei, wie es sie im Nahen Osten in keinem Staat außer in Israel und allenfalls im Libanon gibt.

    Das Wahlsystem ist eine Mischung aus Verhältnis- und Mehrheitswahlrecht: Der Wähler kann sich für eine Liste oder für Kandidaten entscheiden. Die Reihenfolge, in der die Kandidaten auf einer Liste zum Zug kommen, hängt davon ab, wieviele Stimmen sie individuell bekommen haben.

    Bezeichnend für die Selbstverständlichkeit, mit der die Iraker inzwischen von ihren demokratischen Freiheiten Gebrauch machen, aber auch für die Schwierigkeiten, sich in Demokratie einzuüben, ist die Diskussion über die Frauenquote.

    Sie ist in der Verfassung mit 25 Prozent aller Sitze festgelegt. Aber wie das umsetzen?

    Das Wahlgesetz für die jetzigen Wahlen bestimmt, daß "am Ende von jeweils drei gewählten Kandidaten eine Frau sein muß".

    Die Logik dieses Verfahrens ist klar: Zunächst kommen auf der Liste einer Partei die Kandidaten mit den meisten Stimmen zum Zug, in der Reihenfolge ihrer Stimmen. Spätestens nach drei gewählten Männern ist aber nicht die Person mit der vierthöchsten Stimmenzahl an der Reihe, sondern die Frau mit der höchsten Zahl von allen kandidierenden Frauen; auch wenn diese niedriger ist als die eines Mannes mit der vierthöchsten Zahl von Stimmen. Und so fort.

    Ein eigentlich logisches Verfahren, um die Quote zu erfüllen. Aber es gab sofort eine Diskussion: "Am Ende von jeweils drei gewählten Kandidaten" - heißt das nicht, daß bereits jede dritte Position von einer Frau besetzt werden muß?

    Die Sache kam vor die Wahlkommission - und sie entschied sich tatsächlich für diese Interpretation! Also zwei Männer, eine Frau, zwei Männer eine Frau und so fort.

    Das würde nun eigentlich dazu führen, daß am Ende nicht 25, sondern 33 Prozent der Gewählten Frauen sind.

    Aber auch wieder nicht; denn es gab einen zweiten Einwand: Wenn eine kleine Partei in einer Provinz nur drei oder weniger Sitze erhält, dann käme dort gar keine Frau zum Zug, wenn erst jede vierte gewählte Person eine Frau ist. Offenbar, um diesen Nachteil auszugleichen, entschied sich die Wahlkommission für ihre eigenwillige Interpretation von "am Ende".

    Jetzt wird also bereits mindestens eine Frau gewählt sein, wenn eine Partei in einer Provinz wenigstens drei Sitze erhält. Bei sehr kleinen Parteien kann das immer noch zu einer Unterschreitung der Quote von einem Viertel Frauen führen. Bei größeren Parteien bewirkt diese Regelung andererseits, daß statt eines Viertels sogar bis zu einem Drittel der Gewählten Frauen sind.



    Ich habe das so ausführlich geschildert, um deutlich zu machen, wie bemüht man im Irak ist, die Demokratie zu erlernen und alle Interessen zu berücksichtigen.

    Das ist in diesem Land mit den verschiedenen Religionen und Konfessionen und den vielen Ethnien schwer; aber man ist inzwischen offenbar mit großer Mehrheit entschlossen, diesen demokratischen Weg zu gehen.

    Freilich mit immer noch vielen Hindernissen. Zum einen konnte man sich nicht über die Behandlung von Minderheiten in der Provinz Kirkuk einigen, in der Araber, Kurden und Turkmenen leben. Quoten für alle drei Gruppen wurden vorgeschlagen und wieder verworfen. Jetzt sind die Wahlen dort und in den drei kurdischen Provinzen auf einen späteren Termin verschoben.

    Zum anderen hat sich zwar seit der Schlacht um Basra im Frühjahr 2008 die Sicherheitslage nach den sunnitischen nun auch in den schiitischen Provinzen dramatisch verbessert; aber sie ist doch noch weit davon entfernt, normal zu sein.

    Am Wahltag gelten deshalb im ganzen Land besondere Sicherheitsmaßnahmen: Die Flughäfen bleiben geschlossen. In den Städten dürfen keine Kfz fahren. Der die Provinzgrenzen überschreitende Verkehr wird mit Ausnahme von Fußgängern und Fahrzeugen mit einer Sonderberechtigung eingestellt. Jedes Wahllokal wird von Sicherheitskräften geschützt, die in zwei Ringen (außen Militär, innen Polizei) um es herum postiert sind.

    Generalmajor Ayden Khaled, stellvertretender Innenminister, ist überzeugt, daß mit diesen Maßnahmen die Wahlen erfolgreich geschützt werden können:
    There is no station that is not secured. There are enough forces. Actually, there is an excess in numbers. We have enough forces to protect the candidates, the voters, polling stations.

    Es gibt kein Wahllokal, das nicht gesichert wird. Es gibt dafür genug Kräfte. Tatsächlich haben wir mehr, als wir brauchen. Wir haben genug Kräfte, um die Kandidaten, die Wähler, die Wahllokale zu schützen.
    US-Truppen werden bereitstehen, um notfalls auszuhelfen. Aber im Prinzip obliegt der Schutz der Wahllokale in allen Provinzen den irakischen Sicherheitskräften. Etwas, das man sich im Frühjahr 2007 schwer hätte vorstellen können.



    Vor fünf Jahren, Ende Januar 2003, stand die Invasion des Irak unmittelbar bevor. Hat sie ihr Ziel erreicht?

    Sieht man die heutige Lage, dann kann man wohl sagen: Ja, weitgehend. Der Irak ist jetzt auf dem Weg, den Präsident Bush sich vorgestellt hatte. Die Gefahr eines Bürgerkriegs besteht nicht mehr; vorausgesetzt, daß Präsident Obama sich verantwortlich verhält und auf den Abzug aller US- Truppen binnen 16 Monaten verzichtet, den er im Wahlkampf versprochen hatte.

    Andererseits hatte kaum jemand Anfang 2003 erwartet, daß es so schwer werden würde, die jetzige Lage zu erreichen; daß es so ungeheure Opfer kosten würde.

    Ob man diese Opfer hätte vermeiden können; ob dieser Krieg überhaupt ein Fehler gewesen war - darüber werden noch Generationen von Historikern streiten. Auf eine sachliche Art werden sie das freilich erst können, wenn sich die Emotionen, die Beschuldigungen und die politische Propaganda gelegt haben, die diese fünf Jahre begleitet haben.

    Vor allem in Europa, ganz besonders in Deutschland, fehlte der Berichterstattung über diesen Krieg weitgehend die Sachlichkeit.

    In der Serie, zu der dieser Beitrag gehört, habe ich deshalb versucht, dieser Einseitigkeit entgegenzuwirken. Mit anderen Informationen; mit anderen Perspektiven. Mit vor allem den Beurteilungen von Berichterstattern vor Ort - Michael Totten, Bill Ardolino und Michael Yon -, auf deren Informationen ich mich für die Serie immer wieder gestützt habe; wie auch auf den irakischen Blog "Iraq the Model".

    Ich denke, ich kann behaupten, daß derjenige, der diese Serie verfolgt hat, über die tatsächliche Lage im Irak besser informiert war als der durchschnittliche Konsument der deutschen Leitmedien.

    Die erste Folge erschien im Dezember 2006. Darin habe ich eine Analyse aus "Iraq the Model" referiert: Daß der Erfolg der Demokratie im Irak davon abhängen werde, daß die gemäßigten Sunniten ebenso wie die gemäßigten Schiiten sich von den jeweiligen Extremisten lossagen. Anders gesagt - daß die Gemeinsamkeit der Demokraten die Oberhand gewinnt gegenüber der Solidarität auch mit Extremisten innerhalb der jeweiligen Konfession.

    Das war, wie in der Rückschau zu sehen ist, eine ungemein hellsichtige Beurteilung. Genau dieser Prozeß hat in den beiden Jahren danach stattgefunden; mühsam und mit Rückschlägen, auch blutig. Aber letztlich mit Erfolg.



    Dies ist jetzt die vorletzte Folge dieser Serie.

    "Ketzereien zum Irak" sind überflüssig geworden, denn inzwischen kann auch die schlimmste antiamerikanische Propaganda nicht mehr leugnen, daß der Irak auf dem Weg zur Demokratie ist. Nicht zu einem perfekten demokratischen Rechtsstaat, wie wir ihn in Europa und den USA kennen. Aber doch zu einer für den Nahen Osten vorbildlichen Demokratie.

    In der nächsten, abschließenden Folge werde ich noch einmal zurückblicken; bis zur Vorgeschichte des Kriegs. Es wird um die Frage gehen, wie es eigentlich zu diesem Krieg kommen konnte: Warum hat Saddam Hussein das Ausweglose seiner Lage nicht erkannt und das Angebot angenommen, ins Asyl auszureisen? Warum hat er diesen aussichtslosen Kampf geführt, und zwar bis zum Schluß?



    Links zu allen bisherigen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Für Kommentare bitte hier klicken.

    20. Januar 2009

    Von Bush zu Obama (7): Am Krönungstag Präsident Obamas ein Rückblick auf die Amtszeit von George W. Bush. Der unzeitgemäße Präsident

    Heute also wird Barack Obama gekrönt. Selten paßte diese Bezeichnung besser auf die Inauguration eines amerikanischen Präsidenten, dieses Wahlmonarchen auf Zeit, als auf Barack Obama, dem das Gewand des Monarchen wie angegossen sitzt.

    Über die vorgesehenen Feierlichkeiten und die mit ihnen einhergehenden Probleme in Bezug auf die Sicherheit habe ich vor einem Monat berichtet. Auch darüber, daß Obama, indem er auf den Spuren Abraham Lincolns in Washington Einzug hielt, deutlich macht, in welcher präsidialen Liga er zu spielen gedenkt.

    In welcher Liga aber wird George W. Bush in den Augen künftiger Historiker gespielt haben?



    Auf den ersten Blick erscheint die Bilanz von acht Jahren Bush verheerend:

    Die amerikanische Wirtschaft in ihrer schwersten Krise seit 1929. Ein andauernder Krieg in Afghanistan, ein noch nicht sicher gewonnener Friede im Irak. Im Nahen Osten statt des Friedens, dem Bush seine letzte große außenpolitische Anstrengung gewidmet hat, einmal mehr ein Krieg. Der Iran als dessen Drahtzieher im Hintergrund, weniger denn je bereit, auf seine Atomrüstung zu verzichten. Auf dem indischen Subkontinent eine prekäre Lage, die jederzeit in einen heißen Krieg umschlagen kann.

    Das amerikanische Ansehen ist, so heißt es, auf einem Tiefpunkt. Kürzlich rief im Wall Street Journal Elisabeth Wurtzel das Ende des Amerikanischen Zeitalters aus.

    Kein Wunder, so erscheint es diesem flüchtigen Blick auf Bushs Hinterlassenschaft, daß die letzten - die im doppelten Sinn letzten - Umfragen zu seiner Popularität ihn ganz weit unten zeigen: Rund zwei Drittel der Befragten sehen seine Leistung negativ ("disapprove"), nur ein Drittel beurteilt sie positiv ("approve"). Daß das etwas besser ist als im letzten Quartal des alten Jahres mit historischen Tiefstwerten (20 Prozent approval, 72 Prozent disapproval in einer CBS-Umfrage Ende Oktober/Anfang November), ist nur ein matter Lichtblick.

    Bush ist ja in diesen letzten Monaten fast schon abgetreten; nicht nur eine lame duck, sondern nachgerade eine dead duck. Da wird das Urteil milder. Es weht schon ein Hauch von de mortuis nil nisi bene.



    War das eine mißlungene, eine gescheiterte Präsidentschaft? Eine schwierige war es jedenfalls; vermutlich die schwierigste seit dem Zweiten Weltkrieg. Ich habe mich oft gefragt, wie dieser Mann das durchhielt: Die Katastrophe des elften September kein Jahr nach seinem Amtsantritt; dann die Kriege, die seine beiden Amtszeiten durchzogen; kaum war der Irak stabilisiert, kündigte sich eine Finanzkrise an, die zu einer schweren Wirtschaftskrise wurde.

    Das alles begleitet nicht etwa von der Unterstützung der Medien, sondern von der Häme vieler Kommentatoren; vor allem der meisten Leitmedien in den USA. Begleitet von einem Haß in Teilen der Welt (deprimierenderweise auch in Deutschland), wie er nicht Mao und vermutlich nicht einmal Stalin getroffen hat.

    Manchmal wirkte er ein wenig niedergedrückt, dieser George W. Bush, fast ein Hiob. Alles in allem hat er diese acht Jahre aber mit einer bewundernswerten Stärke durchgestanden; mit Gottvertrauen, wird man wohl sagen können.

    Er war darin altmodisch, unzeitgemäß. Und er war - das ist die These, die ich jetzt vertreten möchte - überhaupt ein unzeitgemäßer Präsident. Dies in dreierlei Hinsicht:

    Erstens war er der wahrscheinlich letzte Präsident, der das alte, konservative Middle America verkörperte. Dasjenige der WASPS, der White Anglo-Saxon Protestants.

    Zweitens war er in einer ganz anderen Hinsicht unzeitgemäß dadurch, daß das Konzept, das er von seiner Präsidentschaft gehabt hatte, von der Realität dieser acht Jahre konterkariert wurde.

    Und drittens schließlich war er unzeitgemäß in einem wiederum ganz anderen, und hier eigentlich positiven Sinn: Er war seiner Zeit voraus. Er erkannte Notwendigkeiten, denen er meinte begegnen zu müssen, die zu bewältigen aber seine Möglichkeiten, die gegenwärtigen Möglichkeiten seines Landes überschritt.



    Der Präsident des Middle America. Seit der Aufbruchzeit der Woodstock Generation findet in den USA so etwas wie ein Kulturkampf statt. Dennis Hoppers Film "Easy Rider" hat ihn schon 1969 ins Bild gesetzt: Das konservative Amerika gegen das Amerika der Jungen, der Aufmüpfigen.

    Inzwischen sind es nicht nur die Jungen und Aufmüpfigen, die gegen das konservative Amerika stehen, sondern die diversesten Communities: Von den Schwarzen und den Latinos über die Schwulen und Lesben bis hin zum Universitäts- Milieu, den Umweltschützern, den Yuppies der großen Agglomerationen an der Ost- und an der Westküste; sie alle verbündet mit den Resten der klassischen Linken in den Industriegebieten. Nennen wir es das Multi- Amerika.

    Bush vs. Gore: Das war schon 2000 die Konfrontation zwischen diesen beiden Amerikas. Wobei damals Bush das konservative Amerika deutlicher verkörperte, als Gore das Multi- Amerika. 2008 war es umgekehrt: Da war Obama das personifizierte Multi- Amerika; McCain aber nur ein matter Konservativer.

    Da hatte sich also schon etwas verschoben. Mit dem Sieg Obamas ist diese Verschiebung offensichtlich geworden: Er gewann dank der Jungen und dank der ethnischen Minderheiten; auch dank der Frauen. Bei weißen Männern hatte McCain einen deutlichen Vorsprung.

    Die konservativen weißen Männer, die der Agitator Michael Moore als "dumm" meinte kennzeichnen zu können ("Stupid White Men"), haben eben in den USA nicht nur keine Mehrheit mehr, sondern auch immer weniger ihre angestammte kulturelle Dominanz. Bush hat es 2000 und gegen Kerry 2004 noch einmal knapp geschafft; schon unzeitgemäß. Künftig dürfte ein Republikaner nur noch eine Chance haben, Präsident zu werden, wenn es ihm gelingt, auch Wähler aus dem Multi- Spektrum für sich zu gewinnen.



    Bushs Programm und die Realität. Dieser konservative George W. Bush leistete vor acht Jahren, am 20. Januar 2001, seinen Amtseid. Wie er sich seine Präsidentschaft vorstellte, das kann man in seiner damaligen Inauguration Address lesen:
    While many of our citizens prosper, others doubt the promise, even the justice, of our own country. The ambitions of some Americans are limited by failing schools and hidden prejudice and the circumstances of their birth. And sometimes our differences run so deep, it seems we share a continent, but not a country.

    We do not accept this, and we will not allow it. Our unity, our union, is the serious work of leaders and citizens in every generation. And this is my solemn pledge: I will work to build a single nation of justice and opportunity.

    Viele unserer Bürger leben im Wohlstand, aber andere zweifeln an dem Versprechen, gar an der Gerechtigkeit ihres eigenen Landes. Das Streben mancher Amerikaner wird begrenzt durch unzulängliche Schulen und verdeckte Vorurteile und die Umstände, in die sie hineingeboren wurden. Und manchmal greifen die Unterschiede zwischen uns so tief, daß es den Anschein hat, wir lebten auf demselben Kontinent, aber nicht im selben Land.

    Wir akzeptieren das nicht, und wir werden es nicht dulden. Unsere Einigkeit, unsere Union sind das schwer errungene Werk der Führer und der Bürger jeder Generation. Und dies ist mein feierliches Versprechen: Ich will dafür arbeiten, eine einzige Nation der Gerechtigkeit und der Chance zu schaffen.
    Nicht wahr, das sind Sätze, die man eher von Obamas heutiger Rede - es wird interessant sein, sie mit denen Bushs 2001 und 2005 zu vergleichen - erwarten würde? Es sind aber Kernsätze des Programms, mit dem George W. Bush im Jahr 2001 antrat. Es war ein zentraler Inhalt seines Wahlkampfs gewesen, und es sollte das zentrale Thema seiner Präsidentschaft werden: Den amerikanischen Traum ein Stück weit der Verwirklichung näher zu bringen, indem die Chancengleichheit aller verbessert wird.

    George W. Bush wollte ein Präsident mit innenpolitischem Schwerpunkt sein. Er verstand sich als einen Compassionate Conservative, einen mitfühlenden Konservativen. Im April 2002 hat er diese politische Philosophie in einer offiziellen Erklärung des Weißen Hauses niedergelegt. Wir würden sie vielleicht mit dem Schlagwort "Hilfe zur Selbsthilfe" kennzeichnen. Sie steht dem Prinzip der Subsidiarität nahe, wie es die katholische Sozialllehre vertritt.

    Vieles davon hat Bush verwirklicht. Mehr jedenfalls, als unsere Medien vermittelt haben; ich habe das in einer früheren Folge dieser Serie mit Beispielen illustriert. Aber der Schwerpunkt seiner Amtszeit wurde es nicht.

    Der Anschlag vom 11. September 2001, diese Kriegserklärung an die USA, änderte alles. Ein innenpolitischer Präsident war unzeitgemäß geworden. Bush mußte, nolens volens, ein außenpolitischer Präsident, ja ein Kriegspräsident werden.

    Er hat sich dieser Herausforderung gestellt. Im britischen Daily Telegraph hat kürzlich der Historiker Andrew Roberts in einer Würdigung Bushs darauf hingewiesen, wie außerordentlich erfolgreich er bei dieser Aufgabe war:
    At the time of 9/11, which will forever rightly be regarded as the defining moment of the presidency, history will look in vain for anyone predicting that the Americans murdered that day would be the very last ones to die at the hands of Islamic fundamentalist terrorists in the US from that day to this.

    Zum Zeitpunkt des 9. September, der immer zu Recht als der Augenblick gesehen werden wird, der diese Präsidentschaft prägte, wird die Geschichte vergeblich nach jemandem suchen, der vorhergesagt hätte, daß die Amerikaner, die an diesem Tag ermordet wurden, die überhaupt letzten sein würde, die von damals bis heute von der Hand islamistischer fundamentalistischer Terroristen in den USA starben.
    So ist es. So ernst es Bush mit dem Compassionate Conservativism gewesen war, so ernst nahm er nun die Aufgabe, die USA vor dem Terrorismus zu schützen.

    Das ist ihm gelungen; und zunächst wußten ihm die Amerikaner Dank. Nach dem Anschlag vom 11. September lag Bushs approval vorübergehend bei 92 Prozent, dem höchsten Wert, den je ein Präsident erreichte, seit unter Franklin D. Roosevelt solche Erhebungen eingeführt wurden.

    Diese Zahlen und weitere Einzelheiten können Sie in einer früheren Folge dieser Serie nachlesen; auch, daß Bushs Entscheidung, Saddam Hussein anzugreifen, breite Zustimmung fand. In den Monaten nach Beginn des Kriegs lag diese bei rund 70 Prozent.

    Aber der Irak- Krieg war es auch, der Bushs Ansehen in das jetzige tiefe Tal führte. Zu Unrecht. Oder sagen wir: Im historischen Maßstab hatte Bush Recht; aber tagespolitisch scheiterte er.



    Demokratisierung als die Herausforderung der Gegenwart. Über die Motive für den Irak- Krieg ist viel geschrieben worden; darunter sehr viel Dummes. Der Gipfel der Dummheit dürfte die ernsthaft vorgetragene Behauptung sein, das Motiv für den Krieg seien Erdöl- Interessen, gar diejenigen der Familien Bush und Cheney gewesen.

    Wie die Diskussionen und Entscheidungsprozesse im Weißen Haus im Lauf des Jahres 2002 abgelaufen sind, wird man erst wissen, wenn die Archive geöffnet sind. Bis dahin sollte man das ernst nehmen, was Präsident Bush selbst dazu gesagt hat.

    Er hat es sehr deutlich in seiner zweiten Inauguration Address am 20. Januar 2005 gesagt:
    America's vital interests and our deepest beliefs are now one. From the day of our Founding, we have proclaimed that every man and woman on this earth has rights, and dignity, and matchless value, because they bear the image of the Maker of Heaven and earth. (...)

    So it is the policy of the United States to seek and support the growth of democratic movements and institutions in every nation and culture, with the ultimate goal of ending tyranny in our world. This is not primarily the task of arms, though we will defend ourselves and our friends by force of arms when necessary. (...)

    The great objective of ending tyranny is the concentrated work of generations. The difficulty of the task is no excuse for avoiding it. America's influence is not unlimited, but fortunately for the oppressed, America's influence is considerable, and we will use it confidently in freedom's cause.

    Die vitalen Interessen Amerikas und unsere tiefsten Überzeugungen fallen jetzt zusammen. Seit den Tagen unserer Gründung haben wir proklamiert, daß jeder Mann und jede Frau auf dieser Erde Rechte, Würde und einen einmaligen Wert haben, weil sie das Ebenbild des Schöpfers der Himmel und der Erde tragen. (...)

    Demgemäß ist es die Politik der Vereinigten Staaten, das Wachsen demokratischer Bewegungen und Institutionen in jeder Nation und Kultur zu anzustreben und zu unterstützen. Das Endziel ist es, die Tyrannis in unserer Welt zu beenden. Das ist nicht in erster Linie die Aufgabe der Waffen; jedoch werden wir uns und unsere Freunde mit der Gewalt der Waffen verteidigen, wenn das erforderlich ist. (...)

    Das große Ziel, die Tyrannis zu beenden, ist das vereinte Werk von Generationen. Die Schwierigkeit der Aufgabe ist keine Entschuldigung, ihr auszuweichen. Der Einfluß Amerikas ist nicht unbegrenzt, aber zum Glück für die Unterdrückten ist der Einfluß Amerikas beachtlich, und wir werden ihn mit Zuversicht für die Sache der Freiheit einsetzen.
    Bushs Grundgedanke in dieser Rede ist ebenso einfach wie schlüssig: Die Bedrohung der USA, wie sie sich in dem Angriff vom 11. September 2001 zeigte, kann dauerhaft nur in dem Maß beendet werden, in dem die Demokratie weltweit Fuß faßt.

    Bush hat immer wieder seine Entscheidung für den Irak- Krieg verteidigt. Er hat das, so erscheint es mir wahrscheinlich, deshalb mit solcher Beharrlichkeit und so überzeugt getan, weil dieser Krieg für ihn Ausdruck dieser allgemeinen Strategie war: Sicherheit und Frieden durch die Ausbreitung der Demokratie zu erreichen.

    Man kann das natürlich sehr unterschiedlich beurteilen. Aus meiner Sicht ist Bushs Strategie nicht nur richtig, sondern es gibt zu ihr überhaupt keine Alternative. Entweder schafft es der Westen, unsere Werte der Freiheit, der Demokratie und der Menschenwürde offensiv zu vertreten, oder diese Werte werden keinen Bestand haben.

    Eine andere Frage ist es, ob der Irak sich dazu eignete, diese Strategie jetzt in die Tat umzusetzen.

    Bush teilte - auch darauf weist der Historiker Andrew Roberts hin - die Überzeugung, daß Saddam Hussein über WMDs verfügte, mit allen westlichen Geheimdiensten. Sogar in der Führung des Irak selbst herrschte Unsicherheit darüber, ob man diese Waffen hatte oder nicht.

    Insofern bestand die Sorge, daß diese Waffen an Terroristen weitergegeben und für einen verheerenden Angriff auf die USA genützt werden könnten, zu Recht. Daß sie sich als unbegründet erwies, rechtfertigt in keiner Weise die Annahme, Bush habe "gelogen".

    Als sich herausstellte, daß Saddam sein Nuklearprogramm tatsächlich unterbrochen (nicht eingestellt) hatte, trat naturgemäß dieses Motiv für den Krieg in den Hintergrund, und Bush betonte mehr den Aspekt der Demokratisierung eines Landes im Nahen Osten mit dem Ziel, die ganze Region zu demokratisieren und damit die von ihr ausgehende Bedrohung dauerhaft zu beseitigen.

    Das war, wie heute zu erkennen ist, ein gegenwärtig unerreichbares Ziel.

    Langfristig könnte es sich aber sehr wohl zeigen, daß Bushs Strategie richtig war und daß auch die Sicherheit Israels auf Dauer nur gewährleistet ist, wenn im Nahen Osten leidlich demokratische Regierungen, so wie jetzt im Irak, an die Macht kommen.

    Dann wäre Bush zwar vorerst mit seinen weitgespannten Plänen gescheitert; auf Dauer könnte er sich aber doch als ein weitsichtiger Präsident erweisen.



    Noch eine abschließende Bemerkung: Bush wurde und wird von der Mehrzahl unserer Medien auf eine so absurde Weise und so klischeehaft negativ beurteilt, daß ich in diesem Beitrag den Akzent auf das Positive gelegt habe. Auch aus meiner Sicht ist Bush aber Vieles vorzuwerfen; darüber wird vielleicht im "Kleinen Zimmer" diskutiert werden.



    Mit Dank an Gorgasal. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Für Kommentare bitte hier klicken.

    8. Dezember 2008

    El Kaida '09: Verlagerung der Geschäftsaktivitäten aus dem Irak nach Afghanistan, Pakistan, Indien?

    Wie ein global tätiger Konzern kann die Kaida ihre Geschäfts- Aktivitäten je nach Standort- Bedingungen verlagern. Es spricht einiges dafür, daß sie das im Augenblick tut.

    Spätestens mit der Nominierung des für den Surge verantwortlichen Bob Gates zum Verteidigungsminister ist klar, daß Barack Obama nicht daran denkt, sein Versprechen aus dem Wahlkampf wahrzumachen und die US-Truppen binnen 16 Monaten restlos aus dem Irak abzuziehen.

    Alles spricht dafür, daß er im Gegenteil die Politik von Präsident Bush fortsetzen und Soldaten nur in dem Maß abziehen will, in dem sie durch irakische Truppen ersetzt werden können. Zu der Metamorphose, die Barack Obama im Augenblick durchmacht, gehört, daß er sich vom Kriegsgegner zum Kriegsherren mausert.

    Die Kaida hat dann die Option, die ich vor vier Wochen skizziert habe: Obama auf die blutige Art zur Einhaltung seines Wahlversprechens zu zwingen.

    Eine neue Welle von Anschlägen könnte die Öffentliche Meinung in den USA so weit mobilisieren, daß im Frühjahr 2009 eine ähnliche Stimmung entsteht wie vom Frühjahr 2007 bis zum Frühjahr 2008, als eine Mehrheit der Amerikaner nur heraus aus dem Irak wollte, koste es, was es wolle. Die jetzige nominierte Außenministerin Clinton hat sich im Februar 2008 bereits konkrete Gedanken darüber gemacht, was bei dem bedingungslosen Abzug der USA aus den irakischen Fahrern und Übersetzern werden würde, die für die USA gearbeitet hatten; und aus den US-Zivilisten im Irak.

    Die Kaida hatte damals mit ihren von den Medien breit publizierten Anschlägen und mit dem Versuch, im Irak einen Bürgerkrieg in Gang zu bringen, in den USA eine massive defätistische Stimmung erzeugt. Sie könnte das jetzt noch einmal probieren.

    Es ist freilich fraglich, ob sie zu einem solchen letzten, verzweifelten Versuch, den Sieg doch noch zu erzwingen, überhaupt noch in er Lage ist. Mit der parlamentarischen Verabschiedung des Truppenabkommens zwischen Bagdad und Washington ist der demokratische Irak so gestärkt worden, daß der Sieg jetzt in greifbare Nähe gerückt ist (siehe hier im Blog den Artikel vom 27. November und die damit übereinstimmende Analyse von Charles Krauthammer in der Washington Post vom vergangenen Freitag).

    Angenommen, sie muß sich im Irak geschlagen geben - was kann dann die Kaida noch tun? Sie kann den Standort Irak aufgeben und sich auf ein anderes, weitaus erfolgreicheres Geschäftsfeld konzentrieren, nämlich den Raum Afghanistan - Pakistan - Indien.



    Die Washington Post brachte gestern einen Artikel von Richard A. Clarke, der unter den Präsidenten Clinton und George W. Bush im Weißen Haus für die Koordination der Maßnahmen zur Bekämpfung des Terrorismus zuständig war. Unter der Überschrift "Plans of Attack" (Angriffspläne) untersucht Clarke die momentane Strategie der Kaida.

    Clarke teilt die Analyse, daß die Anschläge von Mumbai letztlich auf das Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan zielten: Indien wird als Reaktion auf die Anschläge Truppen an die Grenze zu Pakistan entsenden. Pakistan muß reagieren und seinerseits dort Truppen aufmarschieren lassen. Diese muß es aus dem Grenzgebiet zu Afghanistan abziehen, also aus dem Gebiet, in dem die Kaida bekämpft wird. Das zu erreichen war das eigentliche Ziel der Anschläge in Mumbai.

    Clarke entwirft ein Doppel- Szenario - ein Treffen von Führern der Terroristen (Kaida, Taliban, Laschkar-i-Taiba) in Pakistan und eine Sitzung im Weißen Haus, in dem dann Präsident Obama residiert. Beide befaßt mit der Strategie für das Jahr 2009.

    Die Kaida, so geht der eine Teil des Szenarios, wird parallel zwei Ziele verfolgen:

    In Afghanistan die US-Truppen zu Luftangriffen auf Dörfer zu zwingen, welche Terroristen beherbergen. Das werde dort die Stimmung so beeinflussen, daß Präsident Karsai keinen Wahl haben werde, als einen Abzug der US-Truppen zu verlangen.

    Präsident Obama werde sich dem widersetzen. Also bedürfe es eines zweiten, parallelen Vorgehens: Die USA durch geeignete Operationen der Kaida weich machen: "... we may have to increase their pain level. We have done that before"; man werde den Schmerz steigern müssen, wie schon früher.

    Und die Sitzung im Weißen Haus?

    Clarke läßt sie zu im wesentlichen denselben Folgerungen kommen: Zu erwarten seien neue Anschläge der Kaida auf der arabischen Halbinsel, in Europa und auch in den USA selbst; vermutlich ausgeführt von Europäern oder Asiaten, die sich der Kaida angeschlossen haben. Ab April werde es in Afghanistan eine Offensive der Terroristen geben; und zwar erstmals mit gemeinsamen Verbänden der Taliban und der Kaida.

    Darauf werde man halt reagieren müssen - durch die Entsendung von weiteren Truppen nach Afghanistan, durch zivile Wiederaufbau- Maßnahmen, durch Druck auf die europäischen Verbündeten, sich ihrerseits in Afghanistan stärker militärisch zu engagieren. Und vor allem durch diplomatisches Einwirken auf Pakistan.



    Clarkes Fazit ist ernüchternd:
    Seven years after 9/11, the United States has neither eliminated the threat from al-Qaeda nor secured Afghanistan, where bin Laden's terrorists were once headquartered. To accomplish these two tasks, we must now eliminate the new terrorist safe haven in Pakistan. But that will require effective action from a weak and riven Pakistani government. It might also depend upon dealing with the long- standing India- Pakistan rivalry.

    Sieben Jahre nach 9/11 haben die USA weder die Bedrohung durch die Kaida beseitigt noch Afghanistan gesichert, wo die Terroristen bin Ladens einst ihr Hauptquartier hatten. Um diese beiden Aufgaben zu bewältigen, müssen wir jetzt das neue sichere Rückzugsgebiet der Terroristen in Pakistan beseitigen. Dies aber wird wirksames Handeln seitens einer schwachen und gespaltenen pakistanischen Regierung erfordern. Es dürfte auch vom Umgang mit der alten Rivalität zwischen Indien und Pakistan abhängen.
    Es könnte sich als einer der größten außenpolitischen Fehler der Regierung Bush erweisen, daß man Musharraf fallengelassen hat. Als ich vor knapp einem Jahr die Auffassung vertreten habe, daß der Westen nach dem Mord an Benazir Bhutto keine Wahl hätte, als Mushrarraf zu unterstützen, hat mir das heftige Kritik eingebracht. So, wie sich seither die Lage in Pakistan entwickelt hat, dürften inzwischen viele nicht nur in den USA sich Musharraf zurückwünschen.



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    10. November 2008

    Ketzereien zum Irak (32): Wie reagiert die El Kaida auf die Wahl Obamas?

    Nicht nur Rußland beginnt schon jetzt, Obama zu testen. Auch die El Kaida - das, was von ihr übrig geblieben ist - dürfte sich in den vergangenen Monaten auf den Sieg Obamas vorbereitet haben. Die Aufständischen haben zwei Optionen:

    Sie können erstens jetzt stillhalten, bis Obama sein Wahlversprechen wahrgemacht hat, innerhalb von 16 Monaten, also bis Mitte 2010, alle US-Truppen aus dem Irak abzuziehen.

    Dann hat die El Kaida ihre letzte Chance, den Sieg doch noch zu suchen. Eine Rückkehr der US-Truppen ist, wenn sie erst einmal abgezogen sind, so gut wie ausgeschlossen. Die El Kaida könnte, sobald der letzte US-Soldat den Irak verlassen hat, eine Wiederaufnahme ihrer Bürgerkriegs- Strategie versuchen, also schiitische Moscheen angreifen, schiitische Würdenträger ermorden und so wieder die Situation herzustellen versuchen, wie sie vor dem Beginn des Surge im Frühjahr 2007 bestand.

    Falls auch der Iran mitspielt und seinerseits schiitische Milizen bei Gegenschlägen unterstützt, könnte das funktionieren. Zunächst aber müßten die US-Truppen abgezogen sein. Bei der Umsetzung des Abzugsplans würden die Aufständischen, falls sie sich für diese Option entschieden haben, Präsident Obama möglichst nicht stören. Es wäre dann also für die kommende Zeit ein Rückgang der Gewalt im Irak zu erwarten.

    Diese Option ist für die El Kaida freilich nur dann attraktiv, wenn Obama sich an sein Versprechen hält. Angesichts der Art, wie er bisher seine Positionen je nach Opportunität geändert hat, ist das vermutlich auch für die Strategen der El Kaida zweifelhaft.

    Sie dürften wohl eher damit rechnen, daß Obama sein Wahlversprechen bricht und exakt die Politik Bushs fortsetzen wird, die US-Truppen nur in dem Maß abzuziehen, in dem das die Kommandeure vor Ort für militärisch vertretbar halten.

    Ist dies die Lagebeurteilung der El Kaida, dann bleibt ihr nur die allerletzte Option, jetzt mit allem, was sie noch hat, loszuschlagen, um noch einmal die Öffentliche Meinung in den USA zu ihren Gunsten zu mobilisieren. Sie hat es bei Obama mit einem Präsidenten zu tun, der darauf mehr ansprechen könnte als George W. Bush. Die El Kaida könnte versuchen, Obama sozusagen gewaltsam zur Einhaltung seines Wahlversprechens zu zwingen.

    Entweder dürfte es also in den kommenden Monaten im Irak auffällig ruhig werden, oder es wird eine heftige Zunahme der Angriffe geben; je nachdem, für welche der beiden Strategien die El Kaida sich entschieden hat.



    Heute melden die Agenturen mehrere Anschläge:

    Im Norden Bagdads wurden 22 Menschen mit der Methode der "Zwillingsbomben" ermordet. Dabei zündet ein Terrorist zunächst eine Bombe. Haben sich um die Stelle des Anschlags herum genug Menschen versammelt, dann zündet ein anderer die zweite Bombe, die dadurch besonders viele Opfer findet.

    In der Notaufnahme eines Krankenhauses nah Falludschah wurden ein Patient und zwei Ärzte durch eine Bombe ermordet. Der Anschlag zielte vermutlich auf verwundete Soldaten, die in dem Krankenhaus behandelt wurden. An einer Kontrollstelle nahe Ramadi waren zuvor fünf Menschen durch eine Bombe getötet worden.

    Diese beiden Anschläge fanden in der Provinz Anbar statt, die jetzt von der irakischen Armee kontrolliert wird. In der Provinz Diyala, in die sich die El Kaida zurückgezogen hatte, nachdem sie aus Anbar vertrieben worden war, kamen zwei Menschen bei der Explosion einer Straßenbombe ums Leben.

    Solche Meldungen sind in den letzten Monaten selten geworden. Es wäre sicherlich voreilig, in diesen Anschlägen schon Hinweise darauf zu sehen, daß die El Kaida sich für die zweite Strategie entschieden hat. Jedenfalls aber sollte man die Meldungen aus dem Irak in nächster Zeit wieder genauer verfolgen.



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    24. September 2008

    Marginalie: Sind Kriege gegen Aufständische zu gewinnen?

    Als Anfang 2007 in den USA die meisten Politiker der Demokraten den Krieg im Irak für verloren erklärten, da hatte das zum Teil innenpolitische Gründe: Man schloß sich einer Stimmung in der Bevölkerung an, um davon politisch zu profitieren. Es war der blanke Opportunismus.

    Aber hinter dieser Haltung dürfte auch, mehr oder weniger reflektiert, die Überzeugung gesteckt haben, daß Kriege gegen Aufständische (Counterinsurgency Wars) ohnehin in der Regel nicht gewinnbar seien.

    Diese Auffassung hat am vorvergangenen Sonntag der immer lesenswerte Daniel Pipes in der Washington Times unter die Lupe genommen. Pipes ist Direktor des Middle East Forum und forscht in Stanford.

    Zunächst weist Pipes auf Beispiele hin, die diese pessimistische Einschätzung zu bestätigen scheinen - den Vietnam- Krieg, den Krieg der Russen in Afghanistan, den vergeblichen Versuch Israels, mit der Hisbollah fertig zu werden.

    Und er erwähnt dazu einen israelischen General im Ruhestand, Yaakov Amidror, der einen immer wieder zitierten Grund nennt: Solche Kriege tendierten dazu, sich so lange hinzuziehen, daß sie in der Öffentlichkeit keine Unterstützung mehr fänden.

    Der Irak-Krieg ist ein sehr illustratives Beispiel. Er hatte ja zunächst durchaus die Unterstützung einer großen Mehrheit nicht nur der Bevölkerung in den USA, sondern auch der oppositionellen Demokraten.

    Bis es schwieriger wurde, als erwartet; bis das Ende nicht deutlich absehbar war. Dann schwand in den USA die Bereitschaft, das durchzustehen. Es schwand das, was man früher die "Kriegsmoral" nannte.



    Amidror selbst aber teilt diese Einschätzung nicht. Er hat eine Untersuchung mit dem Titel "Winning Counterinsurgency War: The Israeli Experience" (Sieg im Krieg gegen Aufständische. Die israelischen Erfahrungen) publiziert, in der er die weit verbreitete pessimistische Einstellung kritisiert.

    Nach Ansicht von Amidror sind solche Kriege gewinnbar, wenn vier Bedingungen erfüllt werden können:
  • Man muß erkennen, daß es nicht nur einen militärischen, sondern auch einen Propaganda- Krieg zu gewinnen gilt

  • Die überragend wichtige Rolle der geheimdienstlichen Aufklärung muß erkannt und es muß in sie investiert werden

  • Im Krieg selbst muß das Ziel sein, die Terroristen von der Zivilbevölkerung zu isolieren

  • Die Terroristen müssen bis hinein in ihre Rückzugsgebieten verfolgt werden.
  • Amidror zählt Beispiele für Kriege auf, die auf diese Weise gewonnen wurden; dazu gehören die Siege im Kampf gegen die kommunistischen Aufständischen auf den Philippinen (1946-1954) und in Malaya (1952-1957). Man könnte weitere Beispiele nennen; den Sieg über die Kommunisten im griechischen Bürgerkrieg (1946 - 1949) zum Beispiel, den Sieg der algerischen Regierung über die FIS in einem asymmetrischen Krieg, der von 1991 bis 2000 dauerte. Und vor allem auch das Scheitern der Guerrilla- Kriege in ganz Lateinamerika.

    Das eindeutigste und aktuellste Beispiel ist natürlich der Surge im Irak. General Petraeus hat Punkt für Punkt das sozusagen abgearbeitet, was Amidror für erforderlich hält.



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