Posts mit dem Label Taliban werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Taliban werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

8. September 2009

Marginalie: "Deutsche Soldaten weinen", sagt Mohammed Omar. Wer ist eigentlich in Afghanistan ein Zivilist?

Die Geschichte stand gestern in "Spiegel- Online"; jetzt wird sie auf der Startseite nicht mehr angeboten. Ein Passage daraus scheint es mir aber doch wert zu sein, festgehalten zu werden.

Aus Afghanistan berichtet für "Spiegel-Online" Ulrike Demmer. Diese Story hat sie zusammen mit einem Zweitautor verfaßt, Shoib Najafizada, offenbar einem Afghanen.

Diesem ist es gelungen, den Gouverneur der Provinz Kundus zu interviewen, Mohammed Omar. Und der hatte Bemerkenswertes über die Bombardierung der beiden Tank- Lastzüge zu sagen:
Der Gouverneur der afghanischen Provinz Kunduz bezeichnete das Vorgehen der Deutschen als vorbildlich. Der zuständige Oberst Georg Klein habe "die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit getroffen und dabei sehr besonnen gehandelt", sagte Mohammed Omar dem SPIEGEL.

Man habe in der Vergangenheit die deutschen Soldaten immer wieder dafür kritisiert, dass sie nicht robust genug aufträten. "Entweder fliehen sie in ihr Camp oder sie sitzen da und weinen", sagte Omar. Die Bevölkerung habe schon den Eindruck gewonnen, die Deutschen arbeiteten mit den Taliban zusammen.
Eine nicht unverständliche Sichtweise in einer Gegend, in der nahezu jeder erwachsene Mann sich als Krieger versteht. Soldaten, die sich nicht aus ihren gepanzerten Fahrzeugen heraustrauen und die den Kampf zu vermeiden suchen, müssen einer solchen Mentalität suspekt erscheinen.

Übrigens trifft sich die Sichtweise des Gouverneurs in dieser Hinsicht mit derjenigen amerikanischer Militärexperten; siehe bombardierte Tanklastzüge, die Taliban, der deutsche Wahlkampf; ZR vom 7.9.2009.

Und wie sieht Mohammed Omar das mit den zivilen Opfern?
Ob und wie viele zivile Opfer zu beklagen seien, konnte der Gouverneur nicht sagen, "aber die Deutschen haben die volle Unterstützung der Bevölkerung. Bei uns sind keine Beschwerden über zivile Opfer eingegangen, wie das sonst in solchen Fällen üblich ist." Augenzeugen hätten berichtet, es seien 60 bewaffnete Taliban vor Ort gewesen und 15 bis 20 weitere Personen. "Aber nachts um halb drei traut sich in dieser Gegend, die über vier Kilometer vom nächsten Dorf entfernt ist, kein normaler Zivilist auf die Straße", sagte Omar. Wer sich bei den Tanklastern aufgehalten habe, müsse kriminell oder Unterstützer der Taliban gewesen sein.
Die Sichtweise eines Gouverneurs, gewiß; also parteilich. Aber eine Sichtweise, die man vielleicht doch auch in Deutschland zur Kenntnis nehmen sollte.



Zu den Seltsamkeiten der gegenwärtigen deutschen Diskussion gehört es, daß sie von einer klaren Unterscheidung zwischen "Taliban" und "Zivilisten" ausgeht.

Nun sind aber alle Taliban Zivilisten. Sie tragen keine Uniform; sie tragen noch nicht einmal Abzeichen, die sie als Kombattanten ausweisen, oder entsprechende Papiere. Es sind einfach Männer, die mit Waffen ausgerüstet sind. Aber nicht jeder, der in Afghanistan eine Waffe trägt, ist andererseits ein Talib. Die Waffe gehört dort zum Mann, der eben - siehe oben - jedenfalls in den Stammesgebieten auch ein Krieger ist.

Also ist es schon dann, wenn man einen lebenden Mann vor sich hat, alles andere als einfach, zu entscheiden, ob er ein Talib ist oder ein anderer Zivilist. Erst recht gilt das für Leichen, für noch dazu verkohlte Leichen nach einem Angriff auf einen Tank- Lastzug.

Und ein Weiteres kommt hinzu: Nicht nur ist es schwer, einen Afghanen als Talib zu identifizieren. Sondern die Grenze ist ja als solche fließend. Es gibt Vollzeit- Terroristen, es gibt Freizeit- Terroristen, die in ihrem Dorf wohnen, es gibt Sympathisanten, es gibt Menschen, die mehr oder weniger gezwungen mit den Taliban kooperieren.

Die Vorstellung, eine Untersuchung könne herausfinden, wieviele der bei dem Angriff ums Leben Gekommenen "Zivilisten" waren, ist naiv.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

7. September 2009

Bombardierte Tanklastzüge, die Taliban, der deutsche Wahlkampf. Und zivile Opfer. Eine gespenstische Diskussion. Hintergründe

Es ist gespenstisch.

Seit Wochen wurde eine Aktion militanter Islamisten erwartet mit dem Ziel, den deutschen Wahlkampf zu beeinflussen. In der Nacht vom vergangenen Freitag auf Samstag sollte ein solcher Anschlag offenbar versucht werden. Das Ziel war möglicherweise das deutsche Feldlager in Kundus. Der Anschlag konnte dadurch vereitelt werden, daß die für für seine Ausführung vorgesehenen Tank- Lastzüge rechtzeitig bombardiert wurden.

Und wovon ist in der deutschen Öffentlichkeit die Rede? Nicht von den Taliban, nicht von dem verhinderten Anschlag; schon gar nicht von dem Zusammenhang mit dem deutschen Wahlkampf. Sondern fast ausschließlich von den Zivilisten, die wahrscheinlich bei der Bombardierung ums Leben gekommen sind.

Der deutsche kommandierende Offizier, Oberst Georg Klein, durch dessen Entscheidungen ein möglicher Anschlag verhindert wurde, wird nicht etwa belobigt, sondern die Staatsanwaltschaft Potsdam prüft allen Ernstes, ob gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen eines Tötungsdelikts eingeleitet werden wird.



Was hat sich zugetragen?

Taliban wollten vermutlich - so schildert es jedenfalls Verteidigungsminister Jung - einen Anschlag auf das deutsche Feldlager in Kundus verüben, "mit entsetzlichen Folgen für unsere Soldaten". Dazu brachten sie zwei Tank- Lastzüge in ihre Gewalt. Sie hatten eine scheinbare Kontrollstation eingerichtet, dort die Lastzüge abgefangen und deren Fahrer geköpft.

Einzelheiten des weiteren Geschehens hat die Washington Post zu recherchieren versucht und das Ergebnis gestern publiziert. Das Wichtigste aus diesem Artikel hat gestern "Spiegel- Online" übernommen.

Heute bringt die Washington Post allerdings einen weiteren Artikel der AP-Korrespondenten Douglas Birch, Kay Johnson, Melissa Eddy und Frank Jordans, der deutlich vorsichtiger formuliert ist als der Artikel von gestern.

Nach dem, was derzeit bekannt ist, scheint der Ablauf der folgende gewesen zu sein:

Die gekaperten Tank- Lastzüge wurden aus der Luft geortet - entweder von patrouillierenden US-Jets oder von einem B-1-Bomber, den Oberst Klein angefordert hatte; da gehen die Meldungen auseinander.

Zur genaueren Beobachtung wurden zwei F-15E-Jäger eingesetzt. Bilder aus deren Videokameras wurden an das deutsche Hauptquartier gefunkt. Was genau auf diesen Bildern zu sehen war, ist umstritten. Es heißt einerseits, es seien Bewaffnete mit Panzerfäusten zu sehen gewesen; jedoch ist andererseits bisher offen, ob die Bilder scharf genug waren, um solche Details zu erkennen.

Zusätzlich zu diesen Bildern hatten die deutschen Kommandeure die Aussage eines Informanten zur Verfügung, die - so sagte Oberst Klein - bis ins Detail mit den Informationen aus den Luftaufnahmen übereinstimmten. Dieser Informant versicherte, es seien nur Taliban bei den Tank- Lastzügen, die in einem Flußbett festsaßen.

Daraufhin forderte Klein die Bombardierung an. Auf jeden der beiden Tank- Lastzüge wurde eine satellitengesteuerte 500- Pfund- Bombe abgeworfen.

Inzwischen steht fest, daß sich auch Zivilisten bei den beiden Fahrzeugen befunden hatten. Warum, ist unklar. Möglicherweise wollten einige sich Benzin verschaffen, andere waren vielleicht nur Neugierige. Es gibt Berichte, wonach die Taliban Dorfbewohner mit vorgehaltener Waffe gezwungen hatten, sich zu den Fahrzeugen zu begeben, um dabei zu helfen, sie wieder flott zu bekommen.

Die Zahl der bei dem Angriff Getöteten und Verletzten ist derzeit unbekannt. Schätzungen liegen zwischen etwas über 50 und mehr als 120. Ob unter den Getöteten Zivilisten sind und wenn ja, wieviele, ist ebenfalls bisher nicht ermittelt.

Soweit die Fakten, die für so viel Aufregung sorgen, daß selbst ein bedächtiger Mann wie Volker Rühe von einem "Desaster" spricht.

Woher kommt diese Aufgeregtheit? Der Vorfall steht in mindestens zwei allgemeineren Kontexten. Erstens geht es um die strategische Situation und die Zusammenarbeit zwischen den Verbündeten in Afghanistan, zweitens um den Wahlkampf in Deutschland.



Als sich noch unter der rotgrünen Regierung Deutschland zu einem militärischen Beitrag in Afghanistan entschloß - "aufraffte" ist vielleicht das treffendere Wort -, da geschah das unter der Illusion, dies sei kein Kampfeinsatz, sondern eine Art militärisch umrahmte Entwicklungshilfe. Man hatte sich den damals ruhigen Norden des Landes ausgesucht. Dort sollten die Soldaten Brunnen graben und Schulen errichten; allenfalls derartige Maßnahmen militärisch absichern. Ungefähr so, wie der Polizist an der Ecke dafür sorgt, daß in seinem Revier niemand Dummheiten macht.

Lange Zeit schien das auch zu funktionieren, denn die neu erstarkten Taliban konzentrierten sich zunächst auf den Süden, wo sie eher als im Norden auf Sympathie der Bevölkerung rechnen konnten. Als aber durch die Offensiven vor allem der US-Truppen die Lage im Süden für sie immer brenzliger wurde, wichen viele nach Norden aus. Und damit hatte die Bundeswehr sie auf dem Hals.

Seither ist der Einsatz der Bundeswehr allmählich zu einem Kampfeinsatz geworden; ungewollt und ohne volle Unterstützung durch die deutsche Politik. Lange Zeit war es den deutschen Soldaten verboten, überhaupt von sich aus offensiv zu werden. Es gab groteske Situationen; wie etwa die, daß man sich dem Feind sozusagen präsentierte, um ihn zum Angriff zu veranlassen und auf diesem Weg selbst die Erlaubnis zu haben, ihn zu bekämpfen.

Dieses Verhalten, für das unsere Soldaten selbst am allerwenigsten können, hat ihnen bei den anderen Truppen in Afghanistan einen schlechten Ruf eingebracht; den Ruf von, um es direkt zu sagen, Duckmäusern. In dem gestrigen Artikel der Washington Post heißt es dazu:
German troops have long been criticized for restrictions that limit the battle their troops see. A U.S. based military analyst, Anthony Cordesman, said German troops don't have "the situational and combat experience" to confront Taliban on the ground. "They're as oriented toward staying in their armored vehicles as any group I've met," Cordesman said. "They're not active enough to present much of a threat to the Taliban most of the time."

Die deutschen Truppen werden seit langem wegen Einschränkungen kritisiert, die dazu führen, daß sie nur begrenzt in Kämpfe geraten. Ein Militär- Analytiker in den USA, Anthony Cordesman, meinte, die deutschen Truppen hätten "nicht die Situations- und Kampferfahrung", um den Taliban auf dem Boden entgegenzutreten. "Sie sind so darauf ausgerichtet, in ihren gepanzerten Fahrzeugen zu verbleiben, wie ich es nur je bei einer Gruppe erlebt habe", sagte Cordesman. "Sie sind nicht aktiv genug, um in der Regel für die Taliban eine Gefahr zu sein".
Diese Spannungen zwischen den deutschen und den verbündeten Truppen sind der eine Aspekt der Situation in Afghanistan, der den jetzigen Vorfall so brisant macht. Offenbar hat man beim US-Militär den Eindruck, die Deutschen wollten selbst nicht kämpfen, würden aber schon gern US-Flugzeuge anfordern, um den Job für sie zu tun.

Der zweite Aspekt ist die Änderung der Afghanistan- Strategie, die Präsident Obama verordnet hat; siehe Präsident Obamas verwirrende Strategie für Afghanistan; ZR vom 31.3.2009. Es ist keine klare Strategie; aber sie enthält zumindest Elemente von counterinsurgency; also dem Versuch, nicht nur militärisch gegen den Aufstand vorzugehen, sondern auch die hearts and minds, das Herz und den Verstand der Bevölkerung zu gewinnen.

Dazu gehört, daß der mit der Ausführung dieser Strategie beauftragte General Stanley McChrystal strikte Richtlinien zur Vermeidung ziviler Opfer erlassen hat. Diese gelten zwar nur für den Beschuß und die Bombardierung von Gebäuden; insofern war die Bombardierung der Tank- Lastzüge kein formaler Verstoß. Aber ganz offenbar ist McChrystal doch wütend über den Vorfall; zumal die Bundeswehr nicht in der vorgeschriebenen Weise sofort durch Entsendung von Bodentruppen untersucht hat, welches die Folgen des Bombardements waren.

Aus dieser Lage in Afghanistan erklärt sich die angespannte diplomatische Situation, die zum heutigen Titel der Washington Post geführt hat: "US-German rift emerges over Afghan deaths case" - wegen der Toten in Afghanistan werde ein Riß zwischen den USA und Deutschland sichtbar.



Der zweite Kontext, in dem man den Vorfall sehen muß, sind die bevorstehenden Wahlen. Es gibt seit Monaten Hinweise darauf, daß die Kaida versuchen wird, im Vorfeld dieser Wahlen einen Anschlag zu verüben, dessen Ziel es ist, das Ergebnis zu beeinflussen. In Deutschland konnten die Sicherheitsbehörden das bisher verhindern. Die Vermutung liegt nahe, daß ein erfolgreicher Anschlag der Taliban auf das deutsche Feldlager in Kundus eine ähnliche Funktion erfüllt haben würde.

Terroristische Anschläge dienen selten dazu, den Gegner militärisch zu schwächen. In der Regel ist der Adressat die Öffentliche Meinung eines Landes, das den Terrorismus bekämpft; siehe Terrorismus als angewandte Psychologie; ZR vom 28.11.2008.

Die Kaida ist ausgezeichnet über die politische Situation in den wichtigsten Ländern Europas informiert. Mit den Anschlägen vom 11. März 2004 in Madrid gelang es ihr beispielsweise, die Wahlen in Spanien zu beeinflussen, was zum Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak führte.

Auch jetzt könnte ein Anschlag in Deutschland oder auf deutsche Truppen in Afghanistan eine solche Wirkung haben. Zwar stehen mit Ausnahme der Kommunisten alle großen Parteien bisher zu den deutschen Verpflichtungen in Afghanistan. Aber bei der SPD und vor allem bei den Grünen gibt es Überlegungen, das alles neu zu überdenken.

Schließlich hatte man seinerzeit - siehe oben - für brunnengrabende Soldaten gestimmt, nicht für eine Truppe, die unter Kriegsbedingungen kämpfen muß. Gerhard Schröder, der weniger Rücksichten zu nehmen braucht als die aktiven Politiker der SPD, hat bereits das Thema eines Abzugs innerhalb einer festen Frist ins Spiel gebracht.

Da die Kommunisten ohnehin für einen sofortigen Abzug sind, dürfen sich die Taliban und die Kaida von einem Sieg der Volksfront am 27. September Vorteile versprechen. Ein Attentat auf deutsche Truppen mit zahlreichen Toten könnte in der Tat die Stimmung in Deutschland so beeinflussen, daß einer Volksfront- Regierung der Abzug leicht fallen dürfte; selbst wenn das bei den Verbündeten auf Widerstand stoßen würde. Die neugewählte sozialistische Regierung Spaniens hat 2004 im Irak vorgemacht, daß das geht.



Die Kommunisten jedenfalls haben schnell geschaltet und ihren Wahlkampf auf den Vorfall in Afghanistan eingestellt. Für morgen planen sie gar "Mahnwachen und Demonstrationen" gegen den deutschen Einsatz.

Ich fürchte, sie werden viele gutwillige Menschen erreichen, die zu Recht entsetzt sind, wenn Zivilisten in einem Krieg zu Schaden kommen.

Das ist eine sympathische menschliche Reaktion; aber sie sollte nicht handlungsleitend sein.

Es gibt keinen Krieg, in dem nicht auch Zivilisten zu Schaden kommen. So bedauerlich das ist, es ist nun einmal so. Daß immerhin versucht wird, zivile Opfer so weit wie möglich zu vermeiden, ist eine zivilisatorische Errungenschaft der Gegenwart; bisher im wesentlichen beschränkt auf die USA und Europa. Der Normalfall ist leider noch immer, daß gezielt Krieg gegen Zivilisten geführt wird; der Krieg der Kaida ist nahezu ausschließlich ein Krieg gegen Zivilisten.

Ob der Oberst Georg Klein nach den Informationen, die er hatte, davon ausgehen konnte, daß der angeforderte Angriff keine Zivilisten treffen würde, das wird die Untersuchung ergeben. Falls Zivilisten zu Tode kamen, sollte Deutschland den Angehörigen in aller Form sein Bedauern aussprechen und ihnen vor allem, wie das in Afghanistan erwartet wird, eine großzügige Entschädigung zahlen. Unsere Politik aber darf ein solcher Vorfall nicht beeinflussen.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Taliban im Süden Afghanistans, aufgenommen im Dezember 2006. Als Werk der US-Regierung (Voice of America) in der Public Domain (Ausschnitt).

8. Dezember 2008

El Kaida '09: Verlagerung der Geschäftsaktivitäten aus dem Irak nach Afghanistan, Pakistan, Indien?

Wie ein global tätiger Konzern kann die Kaida ihre Geschäfts- Aktivitäten je nach Standort- Bedingungen verlagern. Es spricht einiges dafür, daß sie das im Augenblick tut.

Spätestens mit der Nominierung des für den Surge verantwortlichen Bob Gates zum Verteidigungsminister ist klar, daß Barack Obama nicht daran denkt, sein Versprechen aus dem Wahlkampf wahrzumachen und die US-Truppen binnen 16 Monaten restlos aus dem Irak abzuziehen.

Alles spricht dafür, daß er im Gegenteil die Politik von Präsident Bush fortsetzen und Soldaten nur in dem Maß abziehen will, in dem sie durch irakische Truppen ersetzt werden können. Zu der Metamorphose, die Barack Obama im Augenblick durchmacht, gehört, daß er sich vom Kriegsgegner zum Kriegsherren mausert.

Die Kaida hat dann die Option, die ich vor vier Wochen skizziert habe: Obama auf die blutige Art zur Einhaltung seines Wahlversprechens zu zwingen.

Eine neue Welle von Anschlägen könnte die Öffentliche Meinung in den USA so weit mobilisieren, daß im Frühjahr 2009 eine ähnliche Stimmung entsteht wie vom Frühjahr 2007 bis zum Frühjahr 2008, als eine Mehrheit der Amerikaner nur heraus aus dem Irak wollte, koste es, was es wolle. Die jetzige nominierte Außenministerin Clinton hat sich im Februar 2008 bereits konkrete Gedanken darüber gemacht, was bei dem bedingungslosen Abzug der USA aus den irakischen Fahrern und Übersetzern werden würde, die für die USA gearbeitet hatten; und aus den US-Zivilisten im Irak.

Die Kaida hatte damals mit ihren von den Medien breit publizierten Anschlägen und mit dem Versuch, im Irak einen Bürgerkrieg in Gang zu bringen, in den USA eine massive defätistische Stimmung erzeugt. Sie könnte das jetzt noch einmal probieren.

Es ist freilich fraglich, ob sie zu einem solchen letzten, verzweifelten Versuch, den Sieg doch noch zu erzwingen, überhaupt noch in er Lage ist. Mit der parlamentarischen Verabschiedung des Truppenabkommens zwischen Bagdad und Washington ist der demokratische Irak so gestärkt worden, daß der Sieg jetzt in greifbare Nähe gerückt ist (siehe hier im Blog den Artikel vom 27. November und die damit übereinstimmende Analyse von Charles Krauthammer in der Washington Post vom vergangenen Freitag).

Angenommen, sie muß sich im Irak geschlagen geben - was kann dann die Kaida noch tun? Sie kann den Standort Irak aufgeben und sich auf ein anderes, weitaus erfolgreicheres Geschäftsfeld konzentrieren, nämlich den Raum Afghanistan - Pakistan - Indien.



Die Washington Post brachte gestern einen Artikel von Richard A. Clarke, der unter den Präsidenten Clinton und George W. Bush im Weißen Haus für die Koordination der Maßnahmen zur Bekämpfung des Terrorismus zuständig war. Unter der Überschrift "Plans of Attack" (Angriffspläne) untersucht Clarke die momentane Strategie der Kaida.

Clarke teilt die Analyse, daß die Anschläge von Mumbai letztlich auf das Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan zielten: Indien wird als Reaktion auf die Anschläge Truppen an die Grenze zu Pakistan entsenden. Pakistan muß reagieren und seinerseits dort Truppen aufmarschieren lassen. Diese muß es aus dem Grenzgebiet zu Afghanistan abziehen, also aus dem Gebiet, in dem die Kaida bekämpft wird. Das zu erreichen war das eigentliche Ziel der Anschläge in Mumbai.

Clarke entwirft ein Doppel- Szenario - ein Treffen von Führern der Terroristen (Kaida, Taliban, Laschkar-i-Taiba) in Pakistan und eine Sitzung im Weißen Haus, in dem dann Präsident Obama residiert. Beide befaßt mit der Strategie für das Jahr 2009.

Die Kaida, so geht der eine Teil des Szenarios, wird parallel zwei Ziele verfolgen:

In Afghanistan die US-Truppen zu Luftangriffen auf Dörfer zu zwingen, welche Terroristen beherbergen. Das werde dort die Stimmung so beeinflussen, daß Präsident Karsai keinen Wahl haben werde, als einen Abzug der US-Truppen zu verlangen.

Präsident Obama werde sich dem widersetzen. Also bedürfe es eines zweiten, parallelen Vorgehens: Die USA durch geeignete Operationen der Kaida weich machen: "... we may have to increase their pain level. We have done that before"; man werde den Schmerz steigern müssen, wie schon früher.

Und die Sitzung im Weißen Haus?

Clarke läßt sie zu im wesentlichen denselben Folgerungen kommen: Zu erwarten seien neue Anschläge der Kaida auf der arabischen Halbinsel, in Europa und auch in den USA selbst; vermutlich ausgeführt von Europäern oder Asiaten, die sich der Kaida angeschlossen haben. Ab April werde es in Afghanistan eine Offensive der Terroristen geben; und zwar erstmals mit gemeinsamen Verbänden der Taliban und der Kaida.

Darauf werde man halt reagieren müssen - durch die Entsendung von weiteren Truppen nach Afghanistan, durch zivile Wiederaufbau- Maßnahmen, durch Druck auf die europäischen Verbündeten, sich ihrerseits in Afghanistan stärker militärisch zu engagieren. Und vor allem durch diplomatisches Einwirken auf Pakistan.



Clarkes Fazit ist ernüchternd:
Seven years after 9/11, the United States has neither eliminated the threat from al-Qaeda nor secured Afghanistan, where bin Laden's terrorists were once headquartered. To accomplish these two tasks, we must now eliminate the new terrorist safe haven in Pakistan. But that will require effective action from a weak and riven Pakistani government. It might also depend upon dealing with the long- standing India- Pakistan rivalry.

Sieben Jahre nach 9/11 haben die USA weder die Bedrohung durch die Kaida beseitigt noch Afghanistan gesichert, wo die Terroristen bin Ladens einst ihr Hauptquartier hatten. Um diese beiden Aufgaben zu bewältigen, müssen wir jetzt das neue sichere Rückzugsgebiet der Terroristen in Pakistan beseitigen. Dies aber wird wirksames Handeln seitens einer schwachen und gespaltenen pakistanischen Regierung erfordern. Es dürfte auch vom Umgang mit der alten Rivalität zwischen Indien und Pakistan abhängen.
Es könnte sich als einer der größten außenpolitischen Fehler der Regierung Bush erweisen, daß man Musharraf fallengelassen hat. Als ich vor knapp einem Jahr die Auffassung vertreten habe, daß der Westen nach dem Mord an Benazir Bhutto keine Wahl hätte, als Mushrarraf zu unterstützen, hat mir das heftige Kritik eingebracht. So, wie sich seither die Lage in Pakistan entwickelt hat, dürften inzwischen viele nicht nur in den USA sich Musharraf zurückwünschen.



Für Kommentare bitte hier klicken.

17. Juli 2008

Zitat des Tages: Kommunistische Frontberichterstattung

NATO flieht vor Taliban

Schlagzeile der heutigen Ausgabe der kommunistischen Tageszeitung "Junge Welt"

Kommentar: Eine Schlagzeile, die aus zwei Gründen interessant ist.

Erstens, weil sie zeigt, wie hemmungslos agitatorisch kommunistische Medien nach wie vor "berichten".

Die angebliche "Flucht der NATO" besteht, wie man zum Beispiel in der Los Angeles Times ausführlich beschrieben findet, in der Räumung eines kleinen Vorpostens, der vor wenigen Tagen bei der Stadt Wanat eingerichtet worden war.

Die Befestigung dieses Postens war noch im Gang, als er von mehreren hundert Taliban angegriffen wurde, die neun Amerikaner töteten. Angesichts dieser Übermacht wurde die Besatzung, 45 Amerikaner und 25 Afghanen, die neben den Gefallenen zahlreiche Verwundete hatte, evakuiert.

Das ist der Vorfall, den die "Junge Welt" als "Flucht der Nato vor Taliban" bezeichnet.

Zweitens ist der Umstand interessant, daß diese agitatorisch aufgeblasene Meldung der "Jungen Welt" den Aufmacher auf der heutigen Titelseite wert ist. Offenbar soll Afghanistan, nachdem der Irak propagandistisch immer weniger auszuschlachten ist, jetzt in den Mittelpunkt der kommunistischen Propaganda gerückt werden.

Das könnte im Wahljahr 2009 erfolgreich sein. Egal, ob der nächste Präsident McCain oder Obama heißt - er wird von Deutschland ein stärkeres militärisches Engagement in Afghanistan verlangen.

Bereits jetzt beginnt das US-Militär - auch das ist in der Los Angeles Times nachzulesen -, weitere Truppen nach Afghanistan zu verlegen; darunter möglicherweise eine Brigade (die 2. Brigade der 4. Infanteriedivision) direkt vom Irak nach Afghanistan. Eigentlich hätte diese Brigade in die USA zurückkehren sollen.

Wenn Obama jetzt tönt, unter seiner Präsidentschaft werde nicht der Irak, sondern Afghanistan militärisch im Mittelpunkt stehen, dann versucht er für seinen Wahlkampf aus dem Kapital zu schlagen, was das US-Militär längst vorbereitet.

Und wenn die deutschen Kommunisten jetzt auf einmal das Thema "Afghanistan" ins Zentrum ihrer Agitation rücken, dann spekulieren sie darauf, daß diese abzusehende Entwicklung demnächst auch Deutschland tangieren wird.

Sie werden dann die pazifistische Karte spielen. Bisky, Lafontaine und Genossen könnten im Wahlsommer 2009, wenn die Verlegung weiterer deutscher Truppen nach Afghanistan anstehen wird, den Coup erneut versuchen, mit dem Gerhard Schröder im Wahlsommer 2002 erfolgreich war: Die Kriegsangst vieler Deutscher in Wählerstimmen umzusetzen.

Darauf stimmt die "Junge Welt" jetzt die Kader ein. Und darauf, daß, sozusagen als Kollateralnutzen, damit auch "die NATO" als der altböse Feind wieder in die Agitprop zurückkehren kann.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

28. Dezember 2007

Kennedy, Rabin. Jetzt Bhutto

Es gibt politische Morde, deren Bedeutung in ihrem Symbolwert liegt. Der Mord an Kennedy zum Beispiel, der wenig am Gang der amerikanischen Politik änderte, der aber die Welt aufwühlte, weil er das Ende der relativen Sicherheit der Nachkriegszeit signalisierte, den Einbruch des Verbrechens in die politische Welt der fünfziger, der frühen sechziger Jahre.

Es gibt Morde an Politikern, deren Bedeutung mehr eine unmittelbar politische ist. Der Mord an Yitzak Rabin ist ein Beispiel. Rabin war der einzige gewesen, der als Kriegsheld bei den Israelis ein solches Vertrauen genoß, daß er einen Ausgleich mit den Arabern wagen konnte und ihn hätte durchstehen können; auch mit großen Opfern auf der Seite Israels. Mit dem Mord an ihm war der Prozeß von Oslo gescheitert, auf israelischer Seite. Daß er auf der arabischen Seite in der Zeit danach noch viel gründlicher scheiterte, aus anderen Ursachen, ist freilich wahr.

Und es gibt Morde, die beides sind - von hohem Symbolwert und zugleich von massiver Bedeutung für die politische Lage. Das trifft, so fürchte ich, für den Mord an Benazir Bhutto zu.



In den kommenden Tagen wird viel darüber geschrieben und diskutiert werden, ob Benazir Bhutto nun die Lichtgestalt war, als die sie sich darstellte; die Frau, die sich für ihr Land einsetzte, obwohl sie das bequeme Leben einer Reichen im Exil hätte führen können. Oder ob sie so war, wie ihre Gegner sie sehen - eine Politikerin aus einer korrupten Familie, die sich an die Amerikaner verkaufte, um ihres persönlichen Vorteils willen.

Mir scheint diese Frage ziemlich unwichtig zu sein. Was den Mord an Frau Bhutto so bedeutsam, so im wahrsten Sinn schrecklich bedeutsam macht, das ist zum einen sein Symbolwert und es ist zum anderen die politische Situation, die nach ihm entstanden ist.

Benazir Bhutto war eine moderne Frau, die das moderne Pakistan verkörperte.

Das Pakistan der Mittel- und Oberschicht, die europäisch gebildet oder mindestens durch die europäische Kultur beeinflußt ist; die Englisch als Muttersprache oder als zweite Sprache hat. Das Pakistan der Wissenschaftler und Geschäftsleute, die international vernetzt sind und die von einem Land träumen, das wie sein Nachbar Indien in das Kommunikations- Zeitalter eintritt.

Das Pakistan der Militärs auch, die in diesem Land eine ähnlich große Rolle spielen wie in der Türkei. Viele in Sandhurst ausgebildet; mit nicht nur britischem Drill in den Knochen, sondern auch britischen Ideen im Kopf.

Der Symbolwert des Mords liegt darin, daß mit Frau Bhutto dieses moderne, dieses nach vorn gerichtete Pakistan getroffen wurde; daß die Tat ein Triumph des islamistischen, des rückwärts gewandten Pakistan ist.



Zu diesem modernen Pakistan gehört auch Präsident Musharraf. Nur repräsentiert er, der Berufssoldat, nicht dessen liberale, weltoffene Seite. Für diese stand Benazir Bhutto.

Es scheint, daß die beiden einen Pakt geschlossen hatten; daß nach den Wahlen Bhutto Ministerpräsidentin unter dem Präsidenten Musharraf hätte werden sollen.

Dieses Bündnis hätte - vielleicht, man wird es jetzt nie wissen - das moderne Pakistan erfolgreich gegen die islamistische Bedrohung verteidigen können.

Gegen die Bedrohung durch das Bündnis auf der anderen Seite des political divide, des politischen Grabens, der Trennlinie. Gegen das Bündnis von Taliban und El Kaida; das Bündnis ideologischer Fanatiker mit den ungebildeten Massen; das Bündnis derer, die in den Stammesregionen Angst vor der Moderne haben und derer, die in den Städten zu den Verlierern der Gesellschaft gehören.

Der - von den USA, direkter noch von England unterstützte - Versuch, durch ein Zusammengehen zwischen Musharraf und Bhutto dieser Bedrohung zu begegnen, ist nun zu Ende, bevor er überhaupt begonnen hatte. Musharraf ist jetzt das letzte Bollwerk gegen die Islamisten in Pakistan. Ein brüchiges, ein vielleicht schon einstürzendes Bollwerk.



Die Parallele zum Mord an Yitzak Rabin erscheint offenkundig: Von einem Tag auf den anderen haben sich die grundlegenden politischen Gegebenheiten in einem Land geändert. Ein Weg, der erfolgversprechend erschien, ist verbaut.

Damit endet freilich die Parallele. Im Nahen Osten zerbrach mit dem Mord an Rabin der Friedensprozeß; aber es änderten sich nicht die Machtverhältnisse. Jedenfalls nicht fundamental. Das aber ist in Pakistan zu befürchten.

Eine demokratische Entwicklung ist auf absehbare Zeit ausgeschlossen; schon deshalb, weil kaum ein demokratischer Politiker sich bereitfinden wird, wie Benazir Bhutto sein Leben für seine politischen Ziele aufs Spiel zu setzen.

Jetzt heißt es, so unangenehm das ist: Musharraf oder der Islamismus. Präsident Bush wird nichts anderes bleiben, uns Europäern, sogar einer Präsidentin Clinton oder einem Präsidenten Obama wird nichts übrigbleiben, als Musharraf mit allen Mitteln zu unterstützen.

Nein, kein idealer Verbündeter, gewiß nicht. Aber der einzige, der jetzt noch verhindern kann, daß uns demnächst die El Kaida mit Atomwaffen bedroht.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

22. Juli 2007

Marginalie: Wer heute alles einen Pressesprecher hat

Lesen Sie einmal diese Meldung aus dem Jahr 1977:
Die radikal- kommunstische RAF hat erneut bekräftigt, Hanns-Martin Schleyer getötet zu haben. "Die RAF kann sagen, wo sich die Leiche befindet", teilte RAF- Sprecher Christian Klar der Nachrichtenagentur AFP telefonisch mit. Wenn die deutsche Regierung den Toten bergen wolle, würde die RAF ihn bedingungslos herausgeben.
Absurd, nicht wahr? Und also natürlich fiktiv. Und nun lesen Sie bitte diese Meldung aus dem Jahr 2007:
In Afghanistan haben die radikal- islamischen Taliban am Sonntag erneut bekräftigt, ihre beiden deutschen Geiseln getötet zu haben. "Die Taliban können sagen, wo sich die Leichen der beiden Deutschen befinden", teilte Taliban- Sprecher Jussuf Ahmadi der Nachrichtenagentur AFP telefonisch mit. Wenn die deutsche Regierung die Toten bergen wolle, würden die Taliban sie bedingungslos herausgeben.


Wie sich doch die Welt in dreißig Jahren geändert hat!

Damals mußten Terroristen ihre "Informationen" auf verschlungenen Wegen an die Öffentlichkeit lancieren.

Heute haben sie einen namentlich bekannten "Sprecher", der ganz normal AFP anruft.

Und AFP findet nichts dabei, das zu verbreiten. Und unsere Medien drucken es ohne ein Anzeichung von Empörung darüber, wie salonfähig für sie offenbar inzwischen Polit- Verbrecher geworden sind.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.