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22. Mai 2009

Marginalie: Der Fall Kurras - muß die "Geschichte jetzt neu geschrieben" werden?

Der Mann, der am 2. Juni 1967 Benno Ohnesorg erschoß, war also ein Mitarbeiter des MfS. Kein kleiner Spitzel, sondern offenbar eine wichtige Quelle; heute trat im ZDF- Morgenmagazin jemand auf, der ihn gar mit dem Meisterspion Topas verglich.

Der Tod Benno Ohnesorgs trug, wie man weiß, entscheidend dazu bei, daß sich die Studentenbewegung radikalisierte und schließlich in Teilen in den blanken Terrorismus abglitt. Muß also jetzt die Geschichte neu geschrieben werden?

Ich sehe das, was den Polizisten Kurras angeht, vorläufig nicht.

Daß er im Auftrag des MfS auf einen Demonstranten schoß, ist möglich, aber es dürfte nicht nachzuweisen oder zu widerlegen sein. Sollte es dazu Aktennotizen gegeben haben, dann dürften sie vernichtet sein. Ein derart brisanter Befehl hätte aber auch mündlich gegeben werden können. Wenn nicht ein sehr großer Zufall zur Hilfe kommt - oder wenn Kurras, der ja noch lebt, nicht am Ende selbst gesprächig wird -, dürfte dieser Punkt wohl ungeklärt bleiben.



Aber in einer anderen Hinsicht könnte die überraschende Wende des Falls Kurras vielleicht doch zu einem neuen Blick auf den deutschen Terrorismus der siebziger Jahre führen.

Damals waren die Meisten - war auch ich - überzeugt, daß die "Rote Armee Fraktion", daß die "Bewegung 2. Juni" und sonstige deutsche Terroristen nichts mit der DDR zu tun hatten. Nichts ist doch, so dachten wir, den dortigen bürokratischen Sozialisten mehr zuwider als Herumballerei und Bombenlegen.

Wir haben uns damals geirrt. Die DDR sah sehr wohl das Potential des Terrorismus für eine Destabilisierung der Bundesrepublik. Natürlich schätzte man es nicht, wie diese Terroristen ohne Auftrag der Partei der Arbeiterklasse sozusagen privat die Diktatur des Proletariats herbeizuschießen versuchten; gewiß hielt man auch ihre Theorien für naiv. Aber als nützliche Idioten wurden sie offenbar durchaus geschätzt.

Also hat man sie auf vielfältige Weise gefördert - von Schleusungen über den Flughafen Schönefeld bis hin zum Ruhenstand unter falschem Namen, den man verdienten Terroristen wie Inge Viett ermöglichte.

Aber die Unterstützung ging noch weiter: Anfang der achtziger Jahre durften Terroristen wie Christian Klar und Adelheid Schulz die DDR regelrecht als Ruhe- und Trainingsraum benutzen. Sie wurden, wie ein damals Verantwortlicher (Walter Lindner, MfS-Abteilung XXII) sagte, für den weiteren Kampf "aufgepäppelt", absolvierten Schießübungen usw. Ein beliebter Aufenthaltsort für die ruhebdürftigen Kämpfer war das Stasi-"Objekt 74", das "Forsthaus an der Flut" in Briesen, idyllisch an der Spree östlich von Berlin gelegen.

Des weiteren wurden die Terroristen über die MfS-Residentur im Jemen mit für sie nützlichen geheimdienstlichen Informationen versorgt, zum Beispiel über bevorstehende Razzien.

Daß die DDR ihr gerütteltes Maß an Schuld an den Morden der RAF trägt, ist immer noch wenig in der Öffentlichkeit bekannt. Wenn der Fall Kurras jetzt den Anlaß gibt, daß dieser Aspekt der DDR aufgearbeitet wird, dann wird die Gechichte wenn auch nicht neu geschrieben, so doch vielleicht der Öffentlichkeit besser vermittelt werden.



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28. Februar 2009

"So macht Kommunismus Spaß" (7): Dutschke und Genossen als Revolutionäre. Räteherrschaft in Westberlin. "Dieser revolutionäre Kampf ist furchtbar"

Die meisten Versuche, die Geschichte der RAF aufzuarbeiten, konzentrieren sich, wie in der letzten Folge beschrieben, auf die Angehörigen dieser Gruppe und ihre persönliche Vorgeschichte. Das wäre gerechtfertigt, wenn der Weg zur gewaltsamen Revolution in Deutschland das Ergebnis eines sozusagen einsamen Entschlusses dieser Gruppe gewesen wäre.

Das ist aber nicht der Fall. Was die Angehörigen der RAF von Dutschke, Semler und den anderen Anführern der "Studentenbewegung" unterschied, war nicht die Entschlossenheit zur Revolution, sondern die Bereitschaft, diesen Entschluß auch in die blutige Tat umzusetzen.

Wie sehr aber bereits die nach außen hin alles in allem friedlich auftretenden Anführer vor allem aus dem SDS auf Revolution und Gewalt setzten, kann man erst ermessen, wenn man interne Dokumente heranzieht - Rudi Dutschkes Tagebuch zum Beispiel; Papiere, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren; Protokolle von Besprechungen, auch Spitzelberichte darüber.

Dieses Material aufgearbeitet zu haben ist das Verdienst von Götz Aly mit seinem Buch "Unser Kampf. 1968 - ein irritierender Blick zurück". Auf die Schwächen dieses Buchs habe ich in der vergangenen Folge hingewiesen. Sein Verdienst, dieses Material erschlossen und zusammengestellt zu haben, ist davon unberührt. Wenn nicht anders angegeben, stütze ich mich auf sein Buch.



Die Rede ist im folgenden nicht von "den Studenten" oder "den Achtundsechzigern". Da gab es viele Gruppen und Strömungen, wie in der letzten Folge beschrieben. Es geht um die Pläne, die in der Gruppe der Anführer kursierten - von Leuten wie Rudi Dutschke, Bernd Rabehl, Wolfgang Lefèvre, Christian Semler.

Welches war deren politisches Ziel? Wie wollten sie es erreichen?

Laut Johannes Agnoli, etwas älter als diese Studenten, aber auf ihrer Linie, war das Ziel "die Organisation des Klassenkampfs und die Desintegration der Gesellschaft [als der] erste Schritt zur Verwirklichung der Demokratie".

Wie das politische System der "Demokratie" aussehen sollte und wie man dahin kommen wollte, erläuterten im Jahr 1968 Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler in einem Gespräch mit Hans- Magnus Enzensberger, das im "Kursbuch" abgedruckt wurde.

Aly zitiert kurz daraus. Ich habe jetzt - zum ersten Mal wieder seit vierzig Jahren - die betreffende Nummer des "Kursbuchs" (14/1968) in die Hand genommen. Beim Beginn des Gesprächs auf Seite 146 hatte ich ein Lesezeichen eingelegt; ich muß es also damals für wichtig gehalten haben.

Enzensbergers Gesprächspartner sind sich völlig einig darüber, daß es um nichts weniger als "die Revolution" geht; und sie verstehen darunter einen gewaltsamen Umsturz. Bernd Rabehl (S. 154):
Wir sollten die Frage stellen, welche gesellschaftlichen Schichten bereit sind, bis zur radikalen Gewalt zu gehen; das System zu beseitigen. Wir sollten z.B. die Versuche der amerikanischen Liberalen sehr hoch einschätzen, wir sollten uns darüber nicht erheben, wir sollten aber wissen, daß sie unfähig sind, den letzten Schritt zu tun, die Sprache der Gewalt zu sprechen.
Man war sich in der Runde offenbar einig, daß es bei Studenten, überhaupt allgemein der Intelligenz, an Bereitschaft zur revolutionären Gewalt hapert und diskutierte folglich darüber, was man dagegen tun könne. Dutschke trat (S. 156) für die Schaffung eines "Gegenmilieus" durch den Kampf ein, so daß
aus Gruppen, Individuen, Schichten, daß aus diesem ganzen Brei durchaus - nicht durch Selbstbewegung, sondern durch kämpferische Auseinandersetzung mit der staatlichen Exekutive - eine Basis ... in Gestalt von Gegenmilieu entstehen kann.
Semler dagegen setzte (S. 157) eher auf die Gewaltbereitschaft des Proletariats:
Der Vergleich zwischen Demonstrationsformen von Studenten und Arbeitern in anderen Ländern zeigt uns ganz deutlich, daß für die Arbeiter im Grunde jede Demonstration den Keim des Bürgerkrieges in sich trägt.
Man kam dann (S. 161) auf die Illegalität zu sprechen, die sowohl Dutschke ("den Schritt zu tun zum Widerstand, zur Desertion, zur Unterstützung der Desertion, zur illegalen Arbeit") als auch Rabehl ausdrücklich befürworteten. Rabehls Kommentar dazu liest sich fast wie das Konzept der RAF:
Illegalität, wenn sie nicht dilettantisch bleiben will, bedeutet, daß man gegen den Staatsapparat operiert, daß also gerade das psychische Moment des Friedens zurückgenommen wird und eine streng disziplinierte Organisation entsteht. Eine illegale Organisation bedeutet aber auch die Entwicklung neuer Bedürfnisse: direkte Solidarität, direkte Freundschaft zu den einzelnen Mitgliedern dieser Organisation (...) Insofern glaube ich, daß sich in einer illegalen Organisation Ansätze zu einer neuen Gesellschaft bilden können.



Waren das Spinnereien für den Sankt- Nimmerleinstag? Keineswegs. Beabsichtigt war die Revolution zunächst in Westberlin, und zwar innerhalb der nächsten Jahre (siehe unten). Das Ziel war eine Räteherrschaft in der Art der Pariser Commune, die dann sowohl in die DDR als auch die Bundesrepublik ausstrahlen und auch dort Revolutionen in Gang setzen sollte

Es gab auch schon ganz konkrete Überlegungen für Ausübung der Herrschaft nach der Revolution. Rabehl (S. 166): "Aber nun noch eine andere Frage: Was machen wir mit den Bürokraten? (...) Ein Großteil der Bürokraten wird nach Westdeutschland emigrieren müssen". Dutschke widersprach: "Niemand darf weggeschickt werden, sondern alle sind produktive Kräfte".

Und Semler steuerte (S. 170) die Idee bei: "Zum Beispiel darf es nie mehr Richter geben, darf es nie mehr einen Justizapparat geben". Auch Dutschke ging (S. 171) davon aus, "daß die Juristerei und die Polizei abgeschafft wird".

Das waren, wie gesagt, nicht Utopien für eine ferne Zukunft. Es war das, was man in Westberlin nach der Revolution machen wollte, die man dort unmittelbar vorbereitete.

Unter dem Pseudonym R.S. beschrieb Rudi Dutschke am 12. Juni 1967 in einer Publikation namens "Oberbaumblatt" im Detail, wie er sich die Revolution in Westberlin vorstellte: Die staatlichen Institutionen sollten einer "kontinuierlich gesteigerten Belastung ausgesetzt" und "tief erschüttert" werden.

Mit welchen Mitteln, notierte er in seinem Tagebuch: "Gegengewalt demonstrieren und praktizieren (Schutztruppe - Karateausbildung - bei Knüppeleinsatz - Molotowcocktails)".

Das Ergebnis sollte sein, daß "Parlament, Parteien und Exekutive" abgeschafft sind.

Die Westalliierten würden sich dieser Revolution nach Dutschkes Ansicht nicht in den Weg stellen, weil sie vor einem Blutbad zurückscheuen würden. Allerdings sollten sie für die Revolution sehr wohl eine Rolle spielen, nämlich "einige Sondermaschinen für den Abtransport der funktionslos gewordenen Politiker und Bürokraten" zur Verfügung stellen. Ein Jahr später, in dem Gespräch mit Enzensberger, hatte Dutschke in diesem Punkt seine Meinung offenbar geändert.

Am 24. und 25. Juni 1967 fand im Metaller- Heim Berlin- Pichelsdorf so etwas wie eine Strategie- Tagung der Revolutionäre statt; zu den Teilnehmern gehörten Dutschke, Rabehl, Semler und Lefèvre.

Und es nahm Dietrich Staritz teil, ein Spitzel des Verfassungsschutzes (und auch der Stasi). In seinem Bericht werden die Maßnahmen aufgelistet, die zur Machtergreifung führen sollten.

Man einigte sich auf eine Revolution in fünf Stufen. Sie reichten von einer "Verstärkung der politischen Unruhe durch studentische Demonstrationen und Willenskundgebungen" über den "Versuch, wilde Streiks zu organisieren, in deren Verlauf sich spontan Räte bilden könnten" bis zu einer "Massenbewegung, die in der Lage sein könnte, den Senat, sprich die bisherige politische Obrigkeit aus den Angeln zu heben". Das alles sollte in einem Zeitraum von fünf bis zehn Jahren zur Machtergreifung führen.

Ja, zur Machtergreifung. Zwei Tage nach dieser Konferenz notierte Dutschke in seinem Tagebuch: "In der Kneipe 'Machtergreifungsplan' 'ausgepackt". Riesige Überraschung".



Eine "riesige Überraschung" hätte vermutlich auch viele der protestierenden Studenten erfaßt, wenn sie gewußt hätten, daß es ihren Anführern - jedenfalls dieser dominierenden Gruppe - nicht um eine Reform der Universität ging (diese sollte abgeschafft werden) und auch nicht um eine Reform der Gesellschaft. Es ging ihnen um die Revolution.

Gewalt wurde dabei ausdrücklich nicht ausgeschlossen.

In seinem Tagebuch schwärmte Dutschke geradezu von der Gewalt in der Dritten Welt ("Che lebt und arbeitet in Bolivien. (...) Kämpfen schon mit Raketenwaffen!! Vietcong erst vor kurzem erhalten!")

Und in einem Brief, den Dutschke zusammen mit Gaston Salvatore 1967 an das Exekutivsekretariat einer internationalen linken Organisation namens OSPAAL richtete, heißt es:
Der Kampf allein bringt die Herstellung des revolutionären Willens. Dieser revolutionäre Kampf ist furchtbar, aber furchtbarer würden die Leiden der Völker sein, wenn nicht durch den bewaffneten Kampf der Krieg überhaupt von den Menschen abgeschafft wird.


Das bisher Zitierte könnte man wohlwollend noch so interpretieren, daß die Revolutionäre zwar Gewalt in der Dritten Welt befürworteten, daß sie aber meinten, in Westberlin und dann in ganz Deutschland die Machtergreifung auch ohne unmittelbare physische Gewalt hinzubekommen - als eine friedliche Revolution, wie sie zwanzig Jahr später in der DDR Wirklichkeit werden sollte.

Aber die Dokumente besagen etwas anderes. Wie Dutschke, Rabehl und Semler offen über Gewalt diskutierten, habe ich schon zitiert. 1968 forderte ein anonymer Autor im "FU-Spiegel", dem Berliner Studentenblatt, das damals fest in der Hand des SDS war, "Psychoterror gegen Richter und Staatsanwälte".

Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes wurden im selben Jahr auf einer Delegiertenkonferenz des SDS Flugblätter mit Anleitungen zur Herstellung von Sprengmitteln verteilt.

Am 1. November desselben Jahres wurden Brandbomben gegen das Frankfurter Justizgebäude geworfen. Im April 1969 fand eine Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt statt, auf der auch eine "Gruppe Technologie" auftrat. Deren Thesenpapier begann mit einer Anleitung zum Bau von Molotow- Cocktails.



Gewiß gab es bei Dutschke und Genossen keine Pläne zur gezielten Ermordung von Menschen. Sie ließen offen, wie sich die "revolutionäre Gewalt" in Deutschland entwickeln würde. Aber Gewalt hielten sie für erforderlich.

Die beiden Strategie- Papiere der RAF - "Das Konzept Stadtguerilla" und "Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa" - waren radikalere Konkretisierungen dessen, was Dutschke und Genossen wollten. Die Strategie der RAF basierte auf der ja nicht falschen Erkenntnis, daß "die Macht aus den Gewehrläufen kommt", wie ein damals vielzitiertes Mao-Wort lautete.

Dutschke und Genossen hatten das für Asien und für Lateinamerika akzeptiert und das dortige Blutvergießen befürwortet. Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und ihre Genossen zogen die logische Konsequenz, es auf Westeuropa auszudehnen, nachdem sie zu der Einsicht gekommen waren, daß anders die sozialistische Revolution nicht würde gelingen können.

Die Revolution, die sie ebenso wollten wie Dutschke und Genossen. Als dieser am Grab von Holger Meins sein berühmtes "Holger, der Kampf geht weiter!" sprach, haben sich viele gewundert, wieso Dutschke sich derart mit einem Terroristen solidarisieren konnte.

Es war aber ein- und derselbe Kampf, den Dutschke und Meins geführt hatten. Nur mit verschiedenen Mitteln.



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27. Februar 2009

"So macht Kommunismus Spaß" (6): Zwei schlechte Bücher. Aus einem davon kann man viel lernen

Die Geschichte der "Rote Armee Fraktion" (RAF) ist überwiegend aus einer stark personalisierenden Perspektive erzählt worden; zentriert vor allem um Ulrike Meinhof. Auch die Bücher, mit denen ich mich vor zwei Jahren in den ersten beiden Folgen dieser Serie befaßt habe, waren so ausgerichtet: Klaus Rainer Röhls "Fünf Finger sind keine Faust", Stefan Austs "Der Baader- Meinhof- Komplex" und das Buch, das der Serie den Titel gegeben hat: "So macht Kommunismus Spaß" von Ulrike Meinhofs Tochter Bettina Röhl.

In dieser auf die Akteure der RAF, vor allem auf diejenigen der "ersten Generation" konzentrierten Betrachtungsweise erscheint der deutsche Terrorismus als die Kopfgeburt einer kleinen Gruppe von Personen, die - radikalisiert beispielsweise durch den Tod von Benno Ohnesorg - gewissermaßen "sich entschlossen, Terroristen zu werden".

Gewiß nicht ohne eine Vorgeschichte - aber diese wurde und wird eher in der Biografie der Protagonisten gesehen. Für Ulrike Meinhofs Weg in den Terrorismus habe ich diesen biographischen Hintergrund in der vierten Folge der Serie nachzuzeichnen versucht.

Gewiß, irgendwie war der Terrorismus auch aus dem zeitgeschichtlichen Kontext hervorgegangen; aus der Bewegung der "Achtundsechziger". Aber doch - so schien es auch mir, als ich die Serie "Wir Achtundsechziger" geschrieben habe - nicht als deren konsequente Fortsetzung, sondern als ihre Entartung.

Ich habe in dieser Serie beschrieben, wie aus den anarchistischen Politclowns die stalinistischen Kommissare und wie aus "begrenzter Regelverletzung" der Mord als Mittel der Politik wurden; wie damit die Terroristen der siebziger Jahre an die Tradition der Fememorde in den zwanziger Jahren anknüpften.

Die RAF, eine elitäre, ideologisch verbohrte, kalt mordende Kader- Organisation stand unverkennbar in der Tradition der SS. Und hatte damit - so erschien es mir bis vor kurzem - kaum noch etwas gemeinsam mit den zwar naiven, aber doch sympathischen Träumen von einer besseren Welt, die die "Studentenbewegung" beflügelt hatten.

Das war ein Irrtum.



Selten habe ich aus einem schlechten Buch so viel gelernt wie aus Götz Alys "Unser Kampf. 1968 - ein irritierender Blick zurück". Es ist vor gut einem Jahr erschienen. In den letzten Tage habe ich es gelesen, nachdem ich zuvor ein anderes Erzeugnis der 1968- Nostalgie hinter mich gebracht hatte, Jutta Ditfurths "Ulrike Meinhof. Die Biografie".

Sehr verschiedene Bücher sind das, und doch mit zwei Gemeinsamkeiten: Beide sind das Ergebnis fleißigen, beharrlichen Recherchierens. Und beide sind derart parteilich geschrieben, derart mit heißer Nadel gestrickt, daß sie sich selbst um ihre Wirkung bringen. Deshalb sind beides schlechte, sind es mißglückte Bücher.

Bei Ditfurth ist das so offensichtlich, daß über das Buch im Grunde weiter nichts zu sagen ist: Es ist nicht nur nicht "die" Biografie, sondern es ist überhaupt keine Biografie. Es ist eine Art Heiligenlegende; der Versuch, Ulrike Meinhof aufs Vorteilhafteste zu porträtieren.

Das Buch verdient es schon deshalb nicht, ernst genommen zu werden, weil kaum je Quellen genannt werden. So machten das schlechte Journalisten in den fünfziger Jahren, als der "Tatsachenbericht" in Mode war, der meist stufenlos in den "Tatsachenroman" überging.

Auf die Frage nach ihren Quellen hat Jutta Ditfurth geantwortet: "Die unzähligen Quellen, die ich im Buch aus rechtlichen Gründen nicht nennen kann, kann ich auch hier nicht nennen." Ja, dann müssen wir ihr halt vertrauen, dieser durch und durch parteilichen Autorin. Oder eben nicht; und das Buch zur Seite legen.

In dieser Hinsicht ist Götz Alys Buch ungleich seriöser. Aly hat im Bundesarchiv und in zahlreichen anderen Archiven recherchiert; er hat zeitgenössische Quellen und einen großen Teil der Literatur über die Achtundsechziger ausgewertet. Der Apparat umfaßt 348 Anmerkungen, das Literaturverzeichnis rund 150 Titel. Aly zitiert ausführlich, und jedes Zitat ist penibel belegt. Insofern ist das Buch eine Fundgrube; ich komme in der nächsten Folge auf das zu sprechen, was man darin finden kann.

Aber so viel Mühe sich Aly gemacht hat - er entwertet sein Buch selbst dadurch, daß er auch nicht einen Augenblick den Eindruck aufkommen läßt, er schreibe aus der Perspektive des um eine objektive, sachliche Darstellung bemühten Historikers.

Er schreibt vielmehr aus einer ähnlichen Perspektive wie Ditfurth, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Bei Ditfurth merkt man auf jeder Seite, daß es ihr darum geht, Ulrike Meinhof emporzuheben. Bei Aly ist ebenso das durchgängige Bestreben wahrzunehmen, die Achtundsechziger herabzusetzen.

Es ist das Werk eines Renegaten, der mit seiner eigenen Vergangenheit abrechnet. Aly kam im November 1968 als Student nach Berlin und engagierte sich sofort in der Studentenbewegung. Er kandidierte erfolgreich für die "Roten Zellen", war Redakteur der kommunistischen Zeitschrift "Hochschulkampf", dann Mitarbeiter der "Roten Hilfe".

Persönliche Erlebnisse aus dieser Zeit fließen in das Buch ein. Aber nicht das ist das ärgerlich Subjektive, sondern die Einseitigkeit, mit der Aly Negatives über seine damaligen Genossen zusammenträgt; bis hin zu ihrem späteren Lebensweg. ("Einer, der sich seinen Lebensunterhalt zuletzt als Masseur verdient hatte, ergatterte noch eine Professur in Erfurt"; S. 17 - in diesem hämischen Stil geht das über Seiten).

Man darf sich also von der Tendenz des Buchs nicht beeinflussen lassen. Als ich nach einigen Seiten Lektüre den Pamphlet- Charakter merkte, habe ich es sozusagen gegen den Strich gelesen: Die Wertungen, die einseitige Selektion der Themen ignorierend, nur interessiert an den Fakten, den Zitaten.

Und diese nun freilich sind erschreckend genug.



Es gibt nicht "die Achtundsechziger", die so etwas wie einen gemeinsamen politischen Willen gehabt hätten. Es gab - in der Serie über die Achtundsechziger habe ich das nachzuzeichnen versucht - sozusagen eine vertikale und dann zunehmend auch eine horizontale Differenzierung.

Die vertikale bestand darin, daß im chronologischen Ablauf aus einer diffus- antiautoritären, oft auch fröhlich- anarchistischen Bewegung Gruppen mit einen fest umrissenen politischen Programm hervorgingen. Die horizontale bestand darin, daß diese Gruppen sich immer mehr differenzierten und neben die politischen zunehmend auch lebenserformerische, ökologische, esoterische Gruppen traten.

Nicht von dieser ganzen Entwicklung, nicht von diesem ganzen Spektrum handelt Alys Buch, sondern überwiegend von einer bestimmten Gruppe in einem engen Zeitfenster: Der vom Berliner und Frankfurter SDS dominierten Gruppe um Anführer wie Rudi Dutschke, Bernd Rabehl, Wolfgang Lefèvre, Reimut Reiche, Frank und Reinhard Wolff in den Jahren zwischen 1967 und 1970.

Diese Gruppe bestimmte damals das Bild der "Studentenrevolte" in der Öffentlichkeit. Ihre Anführer traten in den Medien auf; über sie wurde überall an den Universitäten diskutiert. Das Buch "Rebellion der Studenten oder Die Neue Opposition" (1968) war - von Dutschke, Lefèvre und Rabehl zusammen mit einem gewissen Uwe Bergmann herausgegeben - ein großer Erfolg. Es steht noch in meiner Bibliothek; zusammen mit Werken wie "Die Linke antwortet Jürgen Habermas" und "Was wollen die Studenten?".

Was also wollten sie, "die Studenten" (dh. ihre Wortführer)? Darüber gibt Alys Buch Auskunft. Und es ist eine erschreckende Auskunft.

Eine Auskunft, die zeigt, daß der "bewaffnete Kampf" von diesen Ideologen und Anführern der Studentenbewegung keineswegs abgelehnt wurde. Sie wollten die Revolution - in den vor ihnen liegenden Jahren zunächst in Westberlin, wo sie eine Räteherrschaft errichten und aus dem sie unliebsame Personen deportieren wollten. Dann in Deutschland, schließlich in der ganzen Welt.

(Fortsetzung folgt)



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23. September 2008

RAF und kein Ende: Warum wollten Terroristen Franz-Josef Strauß ermorden?

RAF und kein Ende. Anfang 2007 hatte das Thema monatelang die Öffentlichkeit beschäftigt, als es um eine mögliche Begnadigung von Christian Klar ging. Dann ein weiteres Mal im Herbst desselben Jahres, als sich der "Deutsche Herbst" 1977 zum dreißigsten Mal jährte.

Und nun, ein Jahr später, schon wieder. Diesmal anläßlich des Films "Der Baader- Meinhof- Komplex", der jetzt in die Kinos kommt und der vergangenen Sonntag gar Thema bei Anne Will gewesen ist.

Es gibt da offenbar nach wie vor ein riesiges Interesse, und zwar quer über die Generationen.

Diejenigen, die diese Zeit miterlebt haben, empfinden sie wohl vielfach als eine Spanne ihres Lebens, in der sich Geschichtliches zutrug; eine insofern herausgehobene, wichtige Zeit. Die Jüngeren scheinen sie oft mit einer Mischung aus Neugier, Unverständnis, Schauder und auch einem gewissen Neid zu betrachten; sie, die in weniger aufregenden Zeiten leben.

Dabei ist der Wunsch nach Informationen groß. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Suchanfragen nach der RAF zu einem Artikel hier in ZR führen; die häufigste Suche lautet "Ziele der RAF".

Das nun freilich ist die Frage, die innerhalb dieses ganzen Komplexes am einfachsten zu beantworten ist: Die RAF wollte - siehe die Vignette oben; sie zeigt ein paar Broschüren aus meiner Bibliothek - den "bewaffneten Kampf in Westeuropa".

Sie wollte erst unser Land, dann ganz Westeuropa in einen Bürgerkrieg treiben, an dessen Ende - auch daran lassen die Schriften der RAF keinen Zweifel - ein kommunistisches System stehen sollte. Das Vorbild waren die Bürgerkriege, die sich damals in einigen Ländern Südamerikas vorbereiteten.

Also, diese Frage ist leicht zu beantworten. Schwieriger wird es, wenn es um die Details geht.



Heute hat "Spiegel- Online" einen Artikel publiziert, in dem es um ein solches Detail geht; nämlich um einen von der RAF geplanten Anschlag auf Franz- Josef Strauß, über den dessen Tochter Monika Hohlmeier und sein Sohn Franz Georg Strauß jetzt in "Bild" berichtet haben.

Danach hatte die RAF bereits eine konspirative Wohnung nah der Wohnung der Familie Strauß bezogen, von der aus 1977 der Mordanschlag verübt werden sollte. Vorgesehen sei gewesen, ein Modellflugzeug mit einer Sprengstoffladung zu verwenden. Durchaus glaubhaft angesichts der Technik- Versessenheit der RAF.

"Spiegel- Online" berichtet regelmäßig und (für seine Verhältnisse) meist auch gründlich über die RAF und hat die betreffenden Artikel in einem verdienstvollen Dossier zusammengestellt. Der jetzige Artikel aber ist, milde gesagt, irreführend.

Er besteht aus zwei Teilen: Zunächst informiert er über das, was die Kinder von Franz- Josef Strauß zu diesem geplanten Anschlag sagten. Und dann gibt es einen zweiten Abschnitt, der - so, wie solche Meldungen aufgebaut zu sein pflegen - Hintergrund- Informationen liefern soll.

Nur sind sie das in diesem Fall nicht. Oder sagen wir, dieser zweite Teil des Artikels suggeriert einen Hintergrund, den es nicht gab, und ignoriert den wahren Hintergrund.

Dieser letzte Abschnitt des "Spiegel- Online"- Artikels lautet:
Strauß gehörte im Deutschen Herbst von 1977 zum parteiübergreifenden, sogenannten "großen politischen Beratungskreis", dem großen Krisenstab, in dem Maßnahmen zur Bekämpfung des RAF-Terrors beraten wurden.

Dort sollen im September 1977 auch radikale Maßnahmen wie der Einführung der Todesstrafe, von Erschießungen und von Repressalien zur Sprache gekommen sein, sollte der damals entführte Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer nicht freigelassen werden. Strauß galt als Verfechter einer besonders harten Linie: Er forderte eine "massive Gegendrohung".


Es wird damit suggeriert - welchen anderen Sinn sollte diese Passage in diesem Zusammenhang haben? - , daß es zwischen dem geplanten Mordanschlag und Strauß' harter Haltung im Großen Krisenstab einen Zusammenhang gegeben habe.

Davon kann aber keine Rede sein, und zwar aus mindestens drei Gründen:
  • Die Vorbereitungen für den Anschlag auf Strauß fanden laut Monika Hohlmeier und Franz Georg Strauß im Jahr 1977 statt. Ab der Schleyer- Entführung war die gesamte Logistik der RAF durch diese Entführung gebunden. Also muß der Plan zur Ermordung von Strauß entstanden sein, bevor es überhaupt den Großen Krisenstab gab.

  • Zweitens wurden die Interna aus den damaligen Sitzungen erst jetzt bekannt; beispielsweise durch eine Serie im gedruckten "Spiegel" im vergangenen Jahr. Im Jahr 1977 gab es zunächst eine Informationssperre, an die sich auch alle Medien hielten. Nach dem Mord an Schleyer und den Ereignissen in Stammheim und Mogadischu wurde eine Dokumentation der Bundesregierung erstellt, in der aber Interna über die Sitzungen des Großen Krisenstabs nicht enthalten waren.

  • Und drittens lagen die Gründe dafür, daß die RAF Strauß ermorden wollte, wo ganz anders. Strauß war, wie auch Buback und Schleyer, damals ein Haßobjekt der Linken weit über die RAF hinaus. Man hat ihn sich offenbar als Opfer ausgesucht, weil man einen Mord an diesem verkörperten Feindbild für "vermittelbar" hielt; weil man sich davon eine "klammheimliche Freude" innerhalb der Linken versprach, wie beim Mord an Buback.



  • Von dem Haß, der damals Franz- Josef Strauß entgegenschlug, kann man sich heute kaum mehr eine Vorstellung machen.

    Als Schleyer entführt worden war, kursierte an den deutschen Unis und in der linken Szene ein sogenannter "Sponti- Spruch"; ich habe ihn damals auch an Wände geschmiert gesehen: "Buback, Ponto, Schleyer - der nächste ist ein Bayer".

    Strauß galt als die Verkörperung schlechthin des "Schweinesystems" und wurde von dem Karikaturisten Hachfeld (er zeichnete u.a. für den vom MfS finanzierten und von dessen Agenten redigierten "Berliner Extra-Dienst") auch als ein kopulierendes Schwein dargestellt.

    Wie weit die Dehumanisierung des politischen Gegners damals getrieben (und in der Linken weithin goutiert) wurde, belegen andere Karikaturen von Hachfeld im "Extra- Dienst", die Strauß, grotesk verrenkt, in Gestalt eines Hakenkreuzes zeigen.

    In einem unsäglichen "Gutachten" suchte damals der Historiker Imanuel Geiss nachzuweisen, daß Hachfeld Strauß zu Recht in die Nähe der Nazis gerückt hatte. Einen hämischen Artikel zu den Karikaturen schrieb Otto Köhler im "Spiegel".

    Diese Kolumne von Otto Köhler erschien am 26.10.1970, sieben Jahre, bevor Strauß am "Großen Krisenstab" teilnahm.

    Solche Kampagnen, diese damals in der gesamten Linken verbreitete Herabwürdigung des politischen Gegners Strauß zum Monster waren es, die Strauß zu einem für die RAF interessanten potentiellen Opfer machten. Nicht seine spätere Tätigkeit im Krisenstab.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    19. Mai 2008

    Wir Achtundsechziger (7): Eine deutsche, eine sehr deutsche Bewegung

    Daß es um 1970 herum weltweit zu einer Jugendbewegung kam, lag - so habe ich argumentiert - an einem Umbruch der Generationen: Die Moral der Generation der Eltern und der Großeltern, die diese unter den harten Anforderungen der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts hatten haben müssen, paßte nicht mehr für eine in Frieden und wachsendem Wohlstand aufgewachsene Generation.

    Das war weltweit so. In San Francisco und in Paris, in Berlin und in Prag, in Rom und selbst in Peking lebte es sich Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre ungleich besser, als diejenigen es jemals kennengelernt hatten, die in den Kriegs- und Krisenzeiten ab 1914 aufgewachsen waren.

    Das neue Lebensgefühl, die neuen Lebensansprüche der Nachkriegsgeneration suchten sich ihre Moral. Das war - so meine These - der Kern dieser Bewegung und der Grund dafür, daß es eine weltweite Bewegung war.

    Aber vor dem Hintergrund dieser Gemeinsamkeit einer Generation gab es große nationale Unterschiede. Überall zeigte sich nationale Prägung, wurden nationale Traditionen aufgegriffen.

    Der Mai 1968 in Frankreich war eine Inszenierung nach dem Vorbild der Grande Révolution. Die Hippies an der amerikanischen Westküste waren Nachfahren der Pioniere, die einst diesen Westen erobert hatten; das war eine Grass Root Revolution, ein Zurück zu den Wurzeln.

    In Prag versuchte man, leise und mit List dem Kommunismus zu entkommen, so wie es in der Tradition eines kleinen Volks lag, das sich traditionell auf diesem Weg gegen die Großen ringsum zu behaupten versucht hatte. In Italien agierten die Brigate Rosse in der Tradition der sehr italienischen Verquickung von Politik und Verbrechen, die sich bis in die Zeit der Borgias zurückverfolgen läßt; halb Garibaldi, halb Rinaldo Rinaldini.



    Auch in Deutschland war die Jugendrevolte durch solche nationalen Besonderheiten geprägt; sie trug die Spuren der Romantik ebenso wie diejenige der Hegel- Marx'schen Tradition, die Politik philosophisch zu überhöhen.

    Aber dann gab es auch noch Aktuelleres, Zeitgeschichtlicheres. Es gab die Prägung, die diese Generation durch die vorausgehenden Jahrzehnte deutscher Geschichte erfahren hatte.

    Es war eine widersprüchliche Prägung. Einerseits waren diese jungen Leute, wie man zu sagen pflegt, "die Kinder ihrer Eltern". Sie waren von diesen viel mehr beeinflußt, als sie dachten. Sie waren ihren Eltern viel ähnlicher, als sie es wahrhaben wollten.

    Andererseits rebellierten sie gegen diese Eltern, erbitterter als irgendwo sonst, außer in China. Beides zusammen machte das Spezifische dieser deutschen Variante der globalen Jugendbewegung aus. Zu beiden Aspekten nun ein paar Erläuterungen.



    Seine eigene Ähnlichkeit mit anderen merkt man selten; man sieht stets eher die Unterschiede. Daß Kinder ihren Eltern ähnlich sehen, bemerken Außenstehende sofort, die Kinder selbst selten. So ist es auch mit Charakterzügen, mit Einstellungen und Anschauungen.

    1968 war die Bonner Republik so alt, wie jetzt die Berliner Republik ist: Knapp zwanzig Jahre. Die Nazi- Zeit lag kaum länger zurück als heute die Zeit der DDR. Die Achtundsechziger waren so wenig in einer Umgebung mit einer stabilen, selbstverständlichen freiheitlich- demokratischen Tradition aufgewachsen wie ihre heutigen Altersgenossen, die in Rostock oder Cottbus groß wurden.

    Und auch die Weimarer Republik, die heute nur noch Stoff von Geschichtsbüchern ist, war noch gegenwärtig. Wer um 1950 herum geboren war, dessen Eltern hatten sie noch als Kinder oder Jugendliche, dessen Großeltern hatten sie als Erwachsene erlebt. Mein Großvater hatte Geld aus der Inflationszeit aufbewahrt und erzählte mir, wie er später in der Weltwirtschaftskrise arbeitslos wurde und was das für die Familie bedeutete.

    Auch das Politikverständnis nicht nur der Nazizeit, sondern eben auch noch der Weimarer Zeit war für die Achtundsechziger lebendige Vergangenheit. Ein Verständnis von Politik, das im Andersdenkenden den Feind sah, den man bekämpfte, oft buchstäblich bis aufs Messer. Die Weimarer Republik war durchzogen gewesen von politischer Gewalt; von den Bluttaten der Freicorps und der Roten Ruhrarmee, von den Morden an Rosa Luxemburg und Walter Rathenau, vom Terror der SA und der Rotfront in den Jahren ihres Untergangs.

    Daß die Achtundsechziger Bewegung in Deutschland in einem Ausmaß in politischer Kriminalität endete, wie das außer in China nirgendwo auf der Welt der Fall war, muß meines Erachtens in diesem Zusammenhang gesehen werden. So sehr die Achtundsechziger gegen ihre Eltern und Großeltern aufbegehrten - in vielem dachten sie wie diese.

    Daß Politik nicht darin besteht, die Welt zu verändern, sondern Interessen auszugleichen; daß dem Andersdenkenden derselbe Respekt zusteht, den man für die eigene Meinung in Anspruch nimmt; daß Politik nicht auf der Straße gemacht wird, sondern in Wahlkabinen und in den Parlamenten - diese demokratischen Selbstverständlichkeiten waren den meisten deutschen Achtundsechzigern keineswegs selbstverständlich.

    Die Reeducation, so nötig und so erfolgreich sie gewesen war, hatte noch nicht wirklich zu einer tiefgreifenden Änderung der Mentalität vieler Deutscher geführt; auch nicht in der Generation der in der Nachkriegszeit Geborenen. Der demokratische Firniß war noch dünn.

    Und bei einer Minderheit war er so dünn, daß sie sich sogar das Recht nahm, Menschen zu ermorden, nur weil sie nicht dieselbe politische Gesinnung hatten wie sie selbst.



    Insofern also waren die Achtundsechziger "Kinder ihrer Eltern". Andererseits wollten sie das eben nicht wahrhaben. Wie die Anderen weltweit rebellierten sie gegen die Eltern. Aber es war eine sehr spezielle Rebellion, eine viel problembeladenere.

    Die Woodstock-Generation in den USA fand die Eltern spießig und angepaßt. Die Generation des Mai '68 in Frankreich fand sie unentschlossen und mutlos, weil sie nicht die Revolution machen wollte. Die deutschen Achtundsechziger aber sahen in ihren Eltern sehr oft moralische Versager, wenn nicht Handlanger des Verbrechens.

    Je mehr meine Generation sich mit den Verbrechen der Nazis befaßte - und das geschah in den fünfziger, den sechziger Jahren durchaus, auch in der Schule -, umso drängender wurde die Frage, wie die Generation der Eltern so etwas hatte zulassen können, wieso die meisten sogar in irgendeiner Form mitgemacht hatten.

    Einen Dialog darüber gab es kaum. Die Eltern - Menschen, die es ihr Leben lang schwer genug gehabt hatten - verstummten vor den Anklagen, dem selbstgerechten Moralisieren ihrer Kinder. Es war, was das Politische anging, eine Nicht- Kommunikation zwischen den Generationen, wie man sie sich heute als Jüngerer vermutlich kaum vorstellen kann.

    Viele der Achtundsechziger wußten noch nicht einmal, was ihre Eltern eigentlich zwischen 1933 und 1945 gemacht, welche Funktionen und Ämter sie gehabt, was sie im Krieg erlebt hatten. Es war ein allgemeines Schweigen.

    Wie lebt man als junger Mensch mit einer solchen Belastung? Es gab verschiedene Auswege. Man konnte sie einfach ignorieren, es sich im Konsum gut gehen lassen. Das taten sehr viele. Aber die Engagierteren, die Sensibleren suchten einen anderen Weg.



    Was ich jetzt beschreibe, das ist eine Vermutung. Ich kann es nicht beweisen, aber es kommt mir plausibel vor: Mir scheint, daß viele der Achtundsechziger diesen, sagen wir, Schweige- Konflikt mit den Eltern zu bewältigen versuchten, indem sie das taten, was sie an ihren Eltern vermißten: Sie zogen in den Widerstand. Stellvertretend für die Eltern. Sie wollten das nachholen, was diese ihrer Ansicht nach versäumt hatten.

    Die deutsche Achtundsechziger Bewegung bekam dadurch etwas Gespenstisches, Unwirkliches. Sie war ein Kampf gegen den Faschismus. Nur gab es diesen ja nicht mehr.

    Also mußte man ihn erfinden. Die kommunistische Propaganda aus der DDR lieferte dazu viel an Grundlegung. Eine Kampagne nach der anderen rollte mit dem Ziel, einen führenden Politiker der Bundesrepublik als Nazi zu verunglimpfen; von dem "SA-Mann Schröder" (langjähriger Außen- und Innenminister; 1969 Heinemann als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten unterlegen) über den "NS-Propagandisten Kiesinger" bis zu dem "KZ-Baumeister Lübke" und dem "Kommentator der NS-Gesetze Globke".

    Schon diese formelhafte Wiederholung der jeweiligen herabsetzenden Bezeichnung zeigt, wie hier Propaganda am Werk war. Aber wir Achtundsechziger glaubten dieser Propaganda nur allzu bereitwillig, die, aus der DDR gesteuert, über Medien wie "Konkret" verbreitet wurde und Mainstream- Medien wie den "Spiegel" und den "Stern" nicht unerheblich beeinflußte. Sie bewies für viele von uns, daß der Adenauer- Staat nur eine Fortsetzung des NS-Staats war; daß die "herrschenden Kreise", die den Nazis an die Macht verholfen hatten, weiter an den Schalthebeln saßen.

    Wir glaubten das so sehr, daß der unglückliche Schuß eines überforderten Polizisten, der Benno Ohnesorg tötete, als Fanal eines neuen Faschismus gesehen, daß die Schüsse eines verwirrten Sonderlings auf Rudi Dutschke der "Springer- Presse" in die Schuhe geschoben wurden.

    Es paßte ja alles ins Bild. Der Faschismus stand wieder vor der Tür; so bildete man es sich ein.

    Aber diesmal, so dachten viele, würde man es nicht machen wie die Eltern. Man würde sich wehren. Das war der Nährboden dafür, daß die RAF-Mörder auf so viel heimliche, teils auch gar nicht so heimliche Zustimmung, ja auf Unterstützung rechnen konnten. Denn die hatten sie; die "klammheimliche Freude" des "Tupamaro" war kein Einzelfall.



    Die Wahnvorstellung vom neuen Faschismus, den es zu bekämpfen gelte, stand in einem fast absurden Gegensatz zu einer Realität, die den Rebellierenden so viel Freiheiten ließ, wie sie sich nur wünschen konnten.

    Jedenfalls war das in den ersten Jahren so.

    Man "besetzte" an den Universitäten Dekanate und Rektorate; und die Rektoren und Dekane holten nicht etwa die Polizei, um dem Recht zur Geltung zu verhelfen, sondern sie verzogen sich in irgendwelche andere Räume, in denen der Betrieb notdürftig weiterging. Das "Sprengen" von ungeliebten Lehrveranstaltungen und Klausuren (in Statistik zum Beispiel) war an der Tagesordnung; und keiner der Täter wurde der Universität verwiesen.

    Es war also einerseits eine Bereitschaft da, Gewalt anzuwenden; man kämpfte ja gegen den "Faschismus". ("Faschistoid" wurde zur beliebten Vokabel; so nannte man alles, das man bekämpfte und was so offensichtlich nicht faschistisch war, daß man dafür einen Ersatznamen brauchte). Und andererseits hatte man in den ersten Jahren der "Bewegung" die Erfahrung gemacht, wie leicht man "die Herrschenden" ins Bockshorn jagen konnte.

    Beides zusammen führte ebenso zur Arroganz und maßlosen Selbstüberschätzung der K-Gruppen wie zum Terror der RAF.

    Man führte, davon war man überzeugt, einen gerechten Kampf. Und der Gegner war schwach, ein "Papiertiger". So hatte man es bei Mao gelesen, und die "Praxis" der Aktionen, mit denen mißliebige Professoren fertiggemacht, mit denen Häuser widerrechtlich besetzt und Andersdenkende eingeschüchtert wurden, schien ihm Recht zu geben.

    Diese "Herrschenden" waren sogar so dumm und naiv, daß sie im Mai 1970 einer "Ausführung" von Andreas Baader zustimmten und diesen so miserabel bewachen ließen, daß ihn mutige Revolutionäre befreien konnten. Was stand da dem "Bewaffneten Kampf in Westeuropa" noch im Weg?

    Es war ein in seiner fürchterlichen Logik durchaus konsequenter Weg, der von dem kommunistisch gesteuerten linken "Widerstand" in der Adenauer- Zeit über die Rebellion der Jahre 1967 bis 1969 in die Kriminalität führte. Man kann das an der Lebensgeschichte von Ulrike Meinhof beispielhaft ablesen, der ich hier in ZR einmal eine kleine Serie gewidmet habe.



    Viel mehr noch als in Deutschland wird in diesen Tagen in Frankreich auf die Achtundsechziger Zeit - dort als "Mai '68" firmierend - zurückgeblickt. Der Nouvel Observateur bietet im Web sogar eine tägliche Auswahl von Meldungen des jeweiligen Tags vor vierzig Jahren an.

    Dort, in Frankreich kann man ganz überwiegend mit Stolz, die Jüngeren wohl auch ein wenig mit Neid, auf diese bewegte Zeit zurückblicken. Wir Deutsche können das nicht. Was als fröhliche Befreiung vom Muff der tausend Jahre begonnen hatte, endete bei uns mit der Bewunderung von Pol Pot, mit Entführungen und Morden.

    Mir scheint im Rückblick, daß die Nachkriegszeit nicht 1967 oder 1968 zu Ende ging, als diese Bewegung begann, sondern erst im Herbst 1977, als sie so blutig endete, daß danach alle ihre Träume ausgeträumt waren.

    Dies ist die letzte Folge der Serie "Wir Achtundsechziger". Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    21. April 2008

    Wir Achtundsechziger (4): Entmischung in den siebziger Jahren. Warum es "die Achtundsechziger" eigentlich nicht gibt

    In den ersten Folgen dieser Serie habe ich meine Erinnerungen an drei Phasen der "Bewegung" geschildert: Die frühe Vorgeschichte in der Zeit Adenauers und Ludwig Erhards; den fröhlichen, antiautoritären Aufbruch, der 1966/67 stattfand; das Abgleiten ins erst Lächerliche und dann Brutale.

    Auch in diesen ersten Jahren gab es natürlich verschiedene Strömungen und Tendenzen; von den mehr oder weniger anarchistischen Bohémiens, den Schwabinger Krawallen entsprungen, unter denen Andreas Baader sich herumgetrieben hatte, bevor er die Knarre schicker fand, über die schon zuvor kommunistisch unterwanderten Atomgegner bis zum christlichen Sozialismus, dem Rudi Dutschke entstammte.

    Aber damals, bis zum Ende der Sechziger, überwog doch das Gemeinsame aller dieser Tendenzen. Es hatte diese Gemeinsamkeit in der Oppostion gegen den Adenauer- Staat gegeben, gegen die "atomare Gefahr" (die man damals als die eines Atomkriegs sah; nicht als Super- Gau eines AKW), überhaupt gegen die Gesellschaft der fünfziger Jahre. Als es dann 1967 begann mit der Aufmüpfigkeit, war man nur gemeinsam stark. Das Verbindende war mehr der Stil als das Ziel.

    Zumal das Ziel ja unklar war und im Lauf der "Bewegung" in den ersten Jahren keineswegs klarer wurde. Man wollte "irgendwie" - das Wort kam bald darauf in Mode - das Ganz Andere. Raus aus dem alten Stiebel, das war das gemeinsame Lebensgefühl. Wo hinein man stattdessen die Füße stecken wollte, das blieb im Vagen. Irgendwie halt ganz frei und ganz, ganz gerecht sollte es zugehen.

    High sein, frei sein, überall dabeisein. Das war ein Spruch im Geist der Sprüche des Mai 1968 in Paris. Es brodelte; es war die Zeit einer zuerst fröhlichen, dann zunehmend ins Hektische umschlagenden diffusen Aufbruchstimmung. Dergleichen schafft Gemeinsamkeit. Seid umschlungen, Millionen!

    Dann kam die Ernüchterung. Erst hatte es den Tod Benno Ohnesorgs im Juni 1967 gegeben, dann den Anschlag auf Rudi Dutschke im April 1968. Das hatte die "Bewegung" zunächst noch nicht behindert, sie im Gegenteil angefacht. Aber dann, ungefähr ab 1970, wurde immer deutlicher, daß diese Ereignisse symbolisch für etwas Generelles gestanden hatten: Es war Schluß mit lustig.

    Die Zeit, in der man sich sozusagen über die Realität lustig gemacht hatte, war vorbei. Jetzt mußte man sich ihr stellen, der Realität.



    Und indem sie das tat, zerbrach die "Bewegung". Das passierte nicht plötzlich. Sie krachte nicht zusammen, sondern es war eher ein Zerbröseln. Das Zurück in die Realität ging nicht nur auf verschiedenen Wegen, sondern in verschiedene Richtungen.

    Vier Hauptrichtungen lassen sich unterscheiden; in jeder fand sich eine der Komponenten der "Bewegung". Und jede verwies zugleich zurück auf eine viel weiter in die Vergangenheit reichende deutsche Tradition:
  • Aus Seminarmarxisten wurden Stalinisten und Maoisten.

    Nirgends sonst, auch nicht in Italien und Frankreich, hatten Teile der "Bewegung" sich derart verbissen in die Schriften von Marx und Engels vertieft wie in Deutschland, waren sie dann mit einer solchen Gründlichkeit nicht nur zu Lenin fortgeschritten, sondern auch zu Hegel zurückgegangen.

    Das unglückselige Erbe dieser spekulativen deutschen Philosophie schlug wieder einmal durch. Es hub ein Streit um die wahre Lehre an wie im 19. Jahrhundert zwischen den diversen Hegelianern und später zwischen all den Richtungen des Sozialismus.

    Am Ende hatte jede dieser Diskussionsrunden ihre eigene "Partei", die die anderen in kommunistischer Radikalität zu übertrumpfen trachtete. Die blassen, bebrillten Studenten aus den Seminaren gebärdeten sich nun wie die leibhaftigen Kommissare. Diejenigen, die noch einige Jahre zuvor gar nicht genug nach Freiheit rufen konnten, orientierten sich jetzt an so großen Freiheitsfreunden wie Mao Tse Tung und dem Albaner Enver Hodscha, wenn nicht gar Pol Pot.

  • Aus kulturrevolutionären Anarchisten und Spontis wurden Terroristen.

    Neben den Seminarmarxisten hatte es von Anfang an diejenigen gegeben, die sich mehr um ihr Outfit, ihr Sexualleben und das Provozieren der Spießer kümmerten als um die "Kritik der Hegel'schen Rechtsphilosophie". Praktischere, kreativere, witzigere, aber auch aggressivere, destruktivere Leute als die Seminarmarxisten.

    Anfangs stießen sie mit der Staatsgewalt zusammen, weil sie "begrenzte Regelverletzung" übten. Dann sollte es mehr sein und Demonstrativeres, wie die Kaufhaus- Brandstiftung in Frankfurt im April 1968. Man glitt ab ins Verbrechen und erhob schließlich das Verbrechen zu seiner "Politik".

    Auch das stand in einer deutschen Tradition: Derjenigen der Fememorde in der Weimarerer Republik, der Brutalität der SA, mehr noch der SS. Die RAF war eine Organisation im Geist der SS - erbarmungslos, elitär, ihre Morde aus hehren Idealen herleitend und sie mit einem Auftrag der Geschichte rechtfertigend.

    Auch hier also ein Umschlagen: So, wie die freiheitlichen Seminarmarxisten am Ende im Totalitarismus ankamen, kippte der fröhliche Anarchismus der "Kommune 1" um in kaltblütige politische Kriminalität.

  • Aus Freizeit-Revoluzzern wurden linksliberale Akademiker.

    Das ist die sicherlich zahlenmäßig größte Entwicklung aus der Gemeinsamkeit der Achtundsechziger heraus. Für viele - vermutlich die meisten -, die in Berlin, die in Frankfurt und auch in Tübingen oder Freiburg sich in "Sit Ins" und "Besetzungen" übten, war das ja nicht ein Schritt hin zum Revolutionär.

    Es war, pointiert gesagt, die übliche studentische Aufmüpfigkeit, dem Geist der Zeit angepaßt. Studenten schlagen immer gern einmal über die Stränge. Auch das hat eine Tradition in Deutschland, bis hin zu gelegentlichen derben Übergriffen gegen "Philister". Gott, man ist doch jung und genießt seine akademische Freiheit.

    Diejenigen, die in dieser Weise bei der "Bewegung" mitmachten, ließen sich dadurch nicht daran hindern, ihr Studium, wenn auch vielleicht ein wenig verbummelt, hinter sich zu bringen. Sie wurden Professoren, Rechtsanwälte. Viele wurden Journalisten, die uns heute die Welt zu erklären versuchen. Auch unter den Politikern der demokratischen Parteien finden wir sie. Die Titelvignette dieser Serie zeigt ein Gespräch unter solchen Achtundsechzigern.

  • Aus Hippies wurden Grüne.

    Neben der seminarmarxistischen Verschrobenheit war ein zweiter Zug der Achtundsechziger spezifisch deutsch gewesen: Ihre Neigung zur Romantik. Man suchte zwar nicht die Blaue Blume, sondern das Rote Paradies. Aber die Neigung zum Negieren der Wirklichkeit, dieses Pathos des "Ganz Anderen" war eine Haltung, die ihre Wurzeln (auch) in der deutschen Romantik hatte.

    Eine unbedarftere Version war das, was sich aus der Hippie- Kultur in die "Bewegung" hinübergerettet hatte: Erdiges, ein gewisser Traditionalismus, die Wiederentdeckung des Einfachen Lebens.

    Sanfter, auch stärker weiblich geprägt als die anderen Strömungen und Tendenzen in der "Bewegung", wandten sich die so Denkenden und vor allem Fühlenden immer mehr der Natur zu, wie alle Romantiker. Am Ende fanden sie ihre Heimat in der Partei "Die Grünen".


  • Soweit der Versuch, ein wenig Struktur in die "Bewegung" zu bringen und in das, was in den siebziger Jahren aus ihr wurde. Natürlich läßt sich nicht jeder einzelne Beteiligte in ein solches Schema einsortieren; manche mögen vom Seminarmarxisten zum Grünen oder vom Hippie zum Terroristen geworden sein. Daß sie vereinfacht, liegt im Wesen jeder Kategorisierung und macht ihren Sinn aus.

    Die eingangs verlinkten ersten drei Teile dieser Serie liegen schon einige Zeit zurück. Daß ich das Thema jetzt noch einmal aufgegriffen habe, wurde durch die Sendung "Maybritt Illner" am vergangenen Donnerstag motiviert.

    Es war eine lebendige Sendung; auch eine, in der ich den Eindruck hatte, daß alle Teilnehmer ehrlich diskutierten. Nur redeten sie aneinander vorbei.

    Sie sprachen alle von "den Achtundsechzigern". Und alle hatten sie ja Recht, so sehr sie sich auch stritten.

    Peymann hatte mit seiner Rede von den "Goldenen Achtundsechzigern" die fröhliche Zeit des Aufbruchs vor Augen. Für Götz Aly waren "die Achtundsechziger" die Mitglieder und Anführer der K-Parteien, deren Wurzeln er, der Historiker, zu Recht in den Jahren 1967 und 1968 ortete. Volker Kauders und Bettina Röhls "Achtundsechziger" waren diejenigen, die mit SA-Methoden in den Hörsälen begannen und die am Ende raubten und mordeten. Heiner Bremer hatte diejenigen vor Augen, die wie er zu Linksliberalen wurden.

    Unrecht hatten sie alle nicht (außer Jutta Ditfurth, die nichts begriffen zu haben schien). Nur gab es "die Achtundsechziger" als eine homogene Bewegung nicht. Das ist eine Fiktion der Spätergeborenen, die sich in der Geschichte orientieren wollen; aber auch der damals Aktiven selbst, die das, was ihnen selbst seinerzeit wichtig war, im Rückblick gern zum Ganzen erheben möchten.



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    29. Februar 2008

    Terroristen, American Style, und was aus einem von ihnen wurde. Nebst einem Blick auf Deutschland

    Einer meiner beiden amerikanischen Lieblings- Kolumnisten, Jonah Goldberg (der andere ist Charles Krauthammer), hatte am Dienstag in der Los Angeles Times einen Artikel, dessen Tenor uns in Deutschland bekannt - um nicht zu sagen: beklemmend bekannt - vorkommen dürfte: An amerikanischen Universitäten geht es Linksextremen ungleich besser als Rechtsextremen; in den meisten der führenden Medien werden sie ungleich besser behandelt.

    Der Anlaß für Goldbergs Kommentar ist ein gewisser William Ayers, mit dem früher einmal Kontakt gehabt zu haben jetzt dem Kandidaten Barack Obama vorgeworfen wurde. Aber nicht dieser - ziemlich lachhafte - Vorwurf interessiert Goldberg, sondern die Lebensgeschichte dieses William Ayers; eines der bekanntesten amerikanischen Terroristen in der ersten Hälfte der siebziger Jahre.

    Er ging 1970 in den Untergrund, nachdem beim Bombenbasteln mehrere seiner Genossen, darunter seine Freundin, ums Leben gekommen waren. Seine Organisation - die Weathermen, zu deren Gründungsmitgliedern er gehörte - legte in der Folgezeit zahlreiche Bomben. Ziele waren unter anderem das Kapitol in Washington, das Pentagon und das Gebäude des amerikanischen Außenministeriums, viele öffentliche Gebäude und Geschäftshäuser.

    Zugutehalten muß man den Weathermen, daß sie im Unterschied zu ihren deutschen Gesinnungs- Genossen in der RAF keine Massenmörder waren. Sie richteten ihre Anschläge gegen Objekte und warnten sogar in der Regel in Telefon- Anrufen vor der bevorstehenden Explosion, um zu vermeiden, daß Menschen zu Schaden kommen würden.

    Sie waren, ohne zu Mördern zu werden, das, was man in Amerikanischen radicals nennt: Extremisten. Und zwar solche, die zur Durchsetzung ihres politischen Ziels - der Einführung des Sozialismus, darin unterschieden sie sich nicht von der RAF - auf das Verbrechen setzten.

    Ein weiterer Unterschied zur RAF war, daß der Spuk binnen weniger Jahre vorbei war. Bis Mitte der siebziger Jahre waren die meisten der Weathermen gefaßt oder hatten sich freiwillig gestellt, darunter William Ayers. Wegen Formfehlern kam es nicht zu einem Gerichtsverfahren gegen ihn. Er hat aber aus seiner Beteiligung an den Bombenanschlägen der Weathermen nie einen Hehl gemacht.

    "Everything was absolutely ideal on the day I bombed the Pentagon", alles sei absolut ideal gewesen an dem Tag, als er einen Bombenanschlag auf das Pentagon verübte, so zitiert Goldberg aus Ayers' Memoiren. Und am 11. September 2001, wenige Stunden vor dem Anschlag auf das World Trade Center, erschien die New York Times mit einem Ayers- Interview, in dem er sagte "I don't regret setting bombs" und "I feel we didn't do enough" - er bedauere seine Anschläge nicht, und seiner Ansicht nach hätte man nicht genug gemacht.

    Was macht so jemand heute? Nun, er ist Professor an einer amerikanischen Universität. Genauer: Er ist Distinguished Professor of Education. Professor der Pädagogik mit dem Sondertitel "Distinguished", für den es an deutschen Universitäten kein Äquivalent gibt. Einige US-Universitäten zeichnen damit Professoren aus, die einen herausragenden wissenschaftlichen Rang haben.

    Ob Ayers diesen wissenschaftlichen Rang hat, kann ich nicht beurteilen. Aber jeder kann sich seinen Blog ansehen und das Symbol links neben dem Namen von Ayers.

    Sein offenbar weiter bestehendes Bekenntnis zum Extremismus hat einer steilen akademischen Karriere keinen Abbruch getan.



    "How is it that they get prestigious university jobs when even the whisper of neocon tendencies is toxic in academia?", fragt Goldberg. Wie es komme, daß solche Leute angesehene Positionen an Universitäten erhalten, während es in akademischen Kreisen tödlich ist, neokonservativer Tendenzen auch nur verdächtigt zu werden.

    Goldberg zählt weitere Beispiele von einstigen amerikanischen Extremisten auf, die es inzwischen zu Ansehen und Einfluß gebracht haben. Er weist darauf hin, daß es auf der amerikanischen Linken schick ist, sich zu Che Guevara zu bekennen - in einem von Obamas Wahlkampf- Büros hatte man sogar ein Porträt von ihm aufgehängt.

    Und er stellt eine Frage, die wir unverändert auch in Deutschland stellen können: "Why are Fidel Castro's apologists progressive and enlightened but apologists for Augusto Pinochet frightening and authoritarian?" Warum es als fortschrittlich und aufgeklärt gelte, Fidel Castro zu verteidigen, während die Verteidiger von Augusto Pinochet als abschreckend und autoritär eingestuft würden.

    Gute Fragen. Jonah Goldberg versucht keine Antwort. Er empfiehlt nur den Moderatoren von Diskussionen zwischen Obama und Clinton, statt zum xten Mal dieselben Fragen zu stellen, doch einmal zu fragen, "why being a radical means never having to say you're sorry", warum man von Linksextremen niemals verlangt, etwas zu bereuen.



    Dazu ist mir eingefallen, wie der Bundes- Geschäftsführer von "Die Linke", Dietmar Bartsch, gestern im Sender "Phoenix" entrüstet reagiert hat, als man ihn an die Tätigkeit seiner Partei in der DDR erinnerte. Das hätte man doch alles aufgearbeitet.

    Können Sie sich erinnern, daß Bartsch, daß Bisky oder Gysi, daß Frau Pau jemals gesagt haben, sie bereuten, was sie mit ihrer Arbeit für das SED-Regime den Menschen in der DDR antaten?

    Oder jene Dagmar Enkelmann, die am Mittwoch Abend so nett in Frank Plasbergs "Hart, aber fair" lächelte und die in einem früheren Leben Aspirantin an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED war?

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    1. Dezember 2007

    Zettels Meckerecke: Warum war Juso-Chefin Drohsel Mitglied der "Roten Hilfe"?

    Die neue Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel ist, so steht es auf der WebSite der Berliner SPD, Mitglied der "Roten Hilfe" sowie der Gewerkschaft "ver.di".

    Das stimmt inzwischen nur noch zur Hälfte. Denn wie der "Spiegel" in einer Vorabmeldung berichtet, ist Franziska Drohsel aus der "Roten Hilfe" ausgetreten.

    Interessant erscheint mir weniger, warum sie ausgetreten ist (weil sie nicht wolle, daß "die Jusos nicht auf Grund ihrer politischen Positionen, sondern wegen meiner privaten Mitgliedschaft bei der Roten Hilfe wahrgenommen werden"). Interessant erscheint mir allerdings, warum sie denn dort eingetreten ist.



    Wer ist diese "Rote Hilfe"? Wenn man in der deutschen Wikipedia nachsieht, dann findet man zu diesem Stichwort eine Reihe von Artikeln. Wir lesen dort:
    Rote Hilfe bezeichnet

    * die bundesdeutsche Organisation Rote Hilfe e.V.
    * die Rote Hilfe Deutschlands (RHD) der Weimarer Republik
    * die Internationale Rote Hilfe (IRH) als Gründung der Komintern
    * die Rote Hilfe e.V. (1973–1979 Hilfsorganisation der Kommunistischen Partei Deutschlands)
    Franziska Drohsel gehörte offenbar der ersten dieser genannten Organisationen an. Wer ist diese "Rote Hilfe e.V."?

    Unter ihrem Signet - zwei miteinander verschlungen Armen, die Fäuste geballt - lesen wir:
    Die Rote Hilfe ist eine Solidaritätsorganisation, die politisch Verfolgte aus dem linken Spektrum unterstützt. (...) Zu politischen Gefangenen halten wir persönlichen Kontakt und treten dafür ein, daß die Haftbedingungen verbessert, insbesondere Isolationshaft aufgehoben wird; wir fordern ihre Freilassung. (...) Ist es der wichtigste Zweck der staatlichen Verfolgung, (...) durch exemplarische Strafen Abschreckung zu bewirken, so stellt die Rote Hilfe dem das Prinzip der Solidarität entgegen und ermutigt damit zum Weiterkämpfen.
    Deutlicher geht's eigentlich nicht: Diese "Rote Hilfe e.V." ist eine Organisation, die denjenigen hilft, die aus politischen Gründen Gesetze brechen. Politkriminellen also. Leuten, die aus politischen Motiven straffällig geworden sind und die dafür nun vor Gericht stehen oder ihre Strafe absitzen. Leuten, die laut Text der "Roten Hilfe" aber nicht Straftäter sind, sondern "politisch Verfolgte" und "politische Gefangene".

    Damit meint die "Rote Hilfe" offenbar nicht nur Autonome, die Steine werfen, auf Polizisten einschlagen oder Autos, wie sie das nennen, "abfackeln". Sondern - die Verwendung des Worts "Isolationshaft" weist schon darauf hin - die Fürsorge der "Roten Hilfe" galt zumindest in der Vergangenheit auch den politisch motivierten Mördern der RAF. Jedenfalls sagt dies das Innenministerium von NRW.



    Sehr viele Mitglieder hat diese "Rote Hilfe" nicht; bundesweit sind es laut NRW-Innenministerium gerade mal 4000. Zu diesen 4000 gehörte also bis jetzt die neue Vorsitzende der Jusos.

    Was hat sie dazu veranlaßt, Mitglied dieser Organisation zu werden? Laut Vorabmeldung des Spiegel erklärt sie das so: "Ich bin in die Rote Hilfe eingetreten, weil ich es richtig und wichtig finde, dass jeder Mensch das Recht auf Verteidigung hat. Vereine wie die Rote Hilfe tragen dazu bei, dass Menschen, die mittellos sind, einen guten Rechtsbeistand bekommen."

    Offenbar hat sie die Rote Hilfe mit dem Weissen Ring verwechselt, die neue Vorsitzende der Jusos. Die übrigens ihr Jura- Studium mit dem Ersten Staatsexamen abgeschlossen hat und derzeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität lehrt.

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    11. September 2007

    Der "Deutsche Herbst" und die "Nacht von Stammheim"

    Es gibt Zeiten, in denen die Politik im Bewußtsein übermächtig wird, in denen sie vorübergehend das Private in den Hintergrund drängt, in denen ein politisches Thema alle Gespräche bestimmt.

    In den USA waren das die Cubakrise, die Ermordung Kennedys und der Anschlag vom 11. September 2001. In Deutschland waren es die Ereignisse der Tage um den 17. Juni 1953, dann wieder die "Wendezeit"; die Zeit um den 9. November 1989. Und dazwischen der "Deutsche Herbst" 1977 mit seinem Höhepunkt am 18. Oktober, der "Nacht von Stammheim".

    Die Emotionen waren in allen drei Perioden sehr intensiv, aber grundverschieden.

    Im Juni 1953 waren das Stunden zwischen Bangen und Hoffen, dann der Schock, als die Sowjets die Revolution niederschlugen.

    Die Wendezeit 1989 war zuerst eine Zeit wachsender Spannung. Die Demonstrationen in Ostberlin, die "Montags- Demonstrationen", die "Botschaftsflüchtlinge" in Prag, die Öffnung der Grenze zwischen Ungarn und Österreich - man wußte nie, ob das noch gutgehen würde, ob nicht doch die Kommunisten wieder militärisch eingreifen würden wie 1953, wie drei Jahre später in Ungarn, wie 1968, als sie den "Prager Frühling" niederwalzten.

    Und dann die Lösung der Spannung in dieser unvergeßlichen Nacht vom 9. zum 10. November 1989. Wir haben bis zum Morgen vor dem TV-Gerät gesessen, Radio gehört; die Szenen waren überwältigend. "Wahnsinn" war das Wort der Stunde.



    Und der "deutsche Herbst"? Er war der Herbst eines blutigen, eines deprimierenden Jahres, in dem Staat und Gesellschaft aus den Fugen zu geraten schienen.

    Im Februar war Brigitte Mohnhaupt, neue Anführerin der RAF, freigekommen. Im April wurde Siegfried Buback ermordet, im Juli Jürgen Ponto. Im August scheiterte ein Anschlag auf die Bundesanwaltschaft nur knapp. Am 5. September wurde Hanns- Martin Schleyer entführt, nachdem seine vier Begleiter ermordet worden waren.

    Man hatte im Lauf dieses Jahres Schlimmes erwartet, aber nicht das, was nun kam. Es waren bedrückende, dabei auch irgendwie fiebrige Wochen; eine Atmosphäre in Deutschland, wie ich sie nie zuvor und nie danach erlebt habe.

    Eine "Nachrichtensperre" war verhängt worden; aber das führte natürlich nur zu umso mehr Befassung mit dem Thema in Form von Gerüchten und Spekulationen. Es wurden wilde Vermutungen darüber angestellt, wo Schleyer sei - wurde er etwa auf einem Flußdampfer herumgefahren? In einem Möbelwagen? War das Versteck als eine Arztpraxis getarnt, in die fremde Menschen unauffällig gehen und sie verlassen konnten? Oder hatte man Schleyer ins Ausland geschafft?

    Es gab Gerüchte um Kontakte mit den Terroristen; ein Genfer Anwalt namens Peyot erlangte kurzzeitig Berühmtheit als "Vermittler". Es hieß, Schleyers Sohn habe versucht, seinen Vater mit Geld freizukaufen, aber das sei gescheitert. Gerücht reihte sich an Gerücht.

    Das Land war in einer Art Belagerungszustand. Polizeisperren überall, verschärfte Grenz- Kontrollen, nervöse Polizisten und Grenzer. Man erzählte einander, daß es im Telefon merkwürdig geknackt habe, welchen unsinnigen Kontrollen man unterworfen worden sei.

    Ich erinnere mich daran, wie es uns einmal erging, als wir im deutsch- holländischen Grenzgebiet Urlaub machten und über einen kleinen Grenzübergang nach Holland fahren wollten. Das Auto wurde durchsucht, und die Grenzer entdeckten ein Messer, das meine Frau bei sich hatte, weil sie gern Wildpflanzen ausgrub. Das führte zu einem langwierigen Verhör, Personenüberprüfung usw. - Wir waren damals empört über den "Polizeistaat"; nicht ahnend, daß die Durchsuchung nur allzu begründet gewesen war, weil die Terroristen damals zwischen Deutschland und Holland über die "grüne Grenze" hin- und herwechselten.

    Es war nicht nur eine angespannt- hektische Stimmung in Deutschland, sondern auch eine aggressive. Extreme Ansichten hatten ihre große Zeit.

    Der Staat solle mit der Hinrichtung der Stammheimer Häftlinge drohen, mit ihrer Folterung, wenn Schleyer nicht freigelassen würde - dergleichen wurde auf der einen Seite gefordert. Bis in den Krisenstab hinein, so hieß es.

    Und auf der anderen Seite der politischen Meinung glaubte man einen Staat zu erkennen, der nun die "demokratische Maske" abgelegt habe, der mit seinen Fahndungsmaßnahmen seine "faschistische Fratze" zeigte, dem alles zuzutrauen sei.



    Dann kam die Entführung der "Landhut", dann kam die "Nacht von Stammheim".

    Als ich am nächsten Tag in die Universität kam, herrschte eine fast eisige Stimmung. Ich habe kaum jemanden gesprochen, der nicht davon überzeugt war, daß die Häftlinge ermordet worden waren.

    Daß sie in diesem hochgesicherten Gefängnis an Waffen gelangt sein konnten, daß sie in ihrer "Isolationshaft" hatten unbemerkt Selbstmord begehen können - das lag außerhalb dessen, was man sich vorstellen konnte.

    Das war nicht nur die Meinung der RAF-Sympathisanten. Es war eine Meinung, die bis weit in die liberale Mitte hineinreichte. Ich habe damals mit einem Juristen gesprochen, einem durch und durch liberalen Mann. Auch er hielt es für sehr wahrscheinlich, daß man die Gefangenen ermordet hatte. Auch ich hatte meine Zweifel an der Selbstmord- Version.

    Bald erschienen Flugblätter mit "Beweisen" für einen Mord - Sand auf den Sohlen von Baaders Schuhen, Schmauchspuren, die angeblich auf einen Distanzschuß hindeuteten, eine geheimnisvolle schwarze Limousine im Gefängnishof. In den Jahren danach wurde es nachgerade zur Pflicht jedes Linken, Mord für eine ausgemachte Sache zu halten.



    Man kann dergleichen schwer abschätzen - aber ich halte es für plausibel, daß die Generation derer, die damals zwischen ungefähr fünfzehn und dreißig Jahre alt waren, durch die Erfahrungen dieses Jahres 1977 nachhaltig geprägt wurde.

    Bis dahin war es eine linksextreme Minderheit gewesen, die das politische System der Bundesrepublik grundsätzlich ablehnte, die ein prinzipielles Mißtrauen gegen ihre Regierung, ihre Institutionen hatte. Jetzt wurde das wenn auch nicht zur Mehrheits-, so doch zu einer weit verbreiteten Meinung.

    Wenige Jahre später enstanden "grüne", "bunte", "alternative" politische Gruppierungen, die - ganz anders als die Studentenbewegung, anders als die K-Parteien der siebziger Jahre - genug Wähler hinter sich bringen konnten, um in die Parlamente einzuziehen. Wenige Jahre später entstanden die "Friedensbewegung", die "Anti- AKW- Bewegung", die weit in die SPD hineinwirkten.

    Gewiß gab es für diese Entwicklung viele Ursachen. Aber das Grund- Mißtrauen gegen unseren Staat, gegen unsere Staatsform, das auch heute noch unsere Gesellschaft belastet, das ist 1977 wenn auch nicht entstanden, so doch zu einer breiten, politisch wirksamen Haltung geworden.

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    10. September 2007

    Die RAF, die faschistische Gefahr, die kommunistische Propaganda

    Im Juli 1995 machten wir Urlaub in Brandenburg. Beim Rundgang durch Potsdam entdeckten wir das Plakat für eine Ausstellung: "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944". Ich hatte davon nichts gehört, aber das Thema schien uns einen Besuch wert.

    Als wir die Ausstellung verließen, sagte ich zu meiner Frau: Es ist deprimierend, daß fünf Jahr nach der Wiedervereinigung die DDR- Kommunisten immer noch eine solche Propaganda- Ausstellung machen können.

    Als ich später das Ausstellungs- Material, das wir mitgenommen hatten, genauer in Augenschein nahm, entdeckte ich, daß es sich nicht um eine in Potsdam konzipierte Ausstellung gehandelt hatte, sondern um eine Wanderausstellung, die im Westen eingerichtet worden war. Von keiner geringeren Institution als dem Hamburger "Institut für Sozialforschung" des von mir sehr geschätzten Jan Philipp Reemtsma.

    Die öffentliche Auseinandersetzung über diese Ausstellung, die dann meist kurz "die Wehrmachts- Ausstellung" genannt wurde, stand damals noch bevor. Sie konzentrierte sich auf die dort gezeigten Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg, ihre Zuordnung, die kommentierenden Texte über die Wehrmacht.



    Diese hatte ich zwar sehr dürftig gefunden. Man erfuhr fast nichts darüber, welche der dokumentierten Verbrechen unter welchen Umständen von wem begangen worden waren. Der Informationswert der Ausstellung war minimal.

    Aber was mich viel mehr störte und was mein Urteil, daß das Propaganda war, begründete, das war etwas anderes:

    Neben den Räumen, in denen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg dokumentiert wurden, gab es einen Raum, in dem ganz andere Dokumente ausgestellt wurden: Auf einer Tafel zum Beispiel eine Passage aus einem Buch von Ernst Jünger. Illustrierte aus der Bundesrepublik der fünfziger Jahre. Aussagen von Politikern der Bundesrepublik aus dieser Zeit.

    Was hatte das mit Verbrechen im Zweiten Weltkrieg zu tun? Natürlich nichts.

    Aber die propagandistische Absicht war offensichtlich: Es sollte der Eindruck erweckt werden, daß diese Verbrechen in einer historischen Kontinuität lagen, die in der Bundesrepublik ihre Fortsetzung gefunden hatte. Die "BRD" als derjenige "deutsche Staat", in dem der "Ungeist des Faschismus" nach 1945 weiter herrschte. Das war die message dieses Teils der Ausstellung.

    Später habe ich dann nachgesehen, wer der Hauptverantwortliche für diese Ausstellung war: Hannes Heer, ein Mann mit kommunistischer Vergangenheit (und, nebenbei, offenbar auch kommunistischer Gegenwart).



    Diese Erinnerung ging mir durch den Kopf, als ich gestern Abend den ersten Teil der Sendung "Die RAF" von Stefan Aust und Helmar Büchel gesehen habe.

    Die Chronologie begann mit dem 2. Juni 1967; dem Tag, an dem Benno Ohnesorg von dem Polizisten Kurras erschossen wurde. Man sah Aufnahmen von einer Versammlung von Studenten noch am gleichen Abend, und dann zwei Statements:

  • Michael ("Bommi") Baumann: "Gudrun, die dann plötzlich anfing, hat gesagt: 'Die werden immer Faschisten bleiben. Diesmal werden sie uns umbringen.'"


  • Tilman Fichter: "Und ich sagte dann: 'Wir müssen uns sofort bewaffnen, weil sonst machen die uns alle'".

  • Eine Reaktion, die sich ähnlich auch bei Ulrike Meinhof fand. Eine Reaktion, die damals bei linken Studenten weit verbreitet war:

    Im Grunde habe man immer in einem halbfaschistischen Staat gelebt, und jetzt werde der Faschismus wiedererstehen.

    Es sei denn, man wehre sich dagegen mit der Waffe in der Hand. Der Schuß auf Benno Ohnesorg sozusagen als der erste Schuß eines Bürgerkriegs, dem man sich jetzt stellen müsse, nolens volens.



    In Deutschland regierte in dem Jahr, in dem Benno Ohnesorg starb, eine Koalition aus Union und SPD, so wie heute.

    Der Vizekanzler und Außenminister dieser Koalition war Willy Brandt, der von Norwegen aus gegen die Nazis gekämpft hatte. Ihr Minister für Gesamtdeutsche Fragen war Herbert Wehner, der bei dem Versuch, von Schweden aus den kommunistischen Widerstand in Deutschland zu unterstützen, interniert worden war.

    Berlins Regierender Bürgermeister war damals Heinrich Albertz, der unter den Nazis der "Bekennenden Kirche" angehört hatte und der deshalb mehrfach verhaftet worden war.

    Es gab in dieser Bundesrepublik von 1967 eine funktionierende Demokratie mit einer unabhängigen Justiz. Es gab keine Gestapo oder Stasi, keine Staatspartei, keine "Massenorganisationen". Es gab keine Blockwarte. Niemand wurde wegen seiner demokratischen oder auch sozialistischen Gesinnung verfolgt. Diese Bundesrepublik war in ein freiheitliches Bündis integriert und betrieb eine ausgesprochen unaggressive Außenpolitik.

    Dennoch sahen diese Studenten in ihr einen halbfaschistischen Staat, sahen sie den Faschismus heraufziehen.



    Eine weitere persönliche Erinnerung:

    Anfang der fünfziger Jahre hatten wir Besuch aus der DDR. Ein paar Wochen lang wohnte bei uns eine Bekannte meiner Eltern, die eine engagierte Nationalsozialistin gewesen war und die sich zu einer ebenso engagierten Kommunistin gemausert hatte.

    Sie trübte unsere Freude an ihrem Besuch dadurch, daß sie ständig die politische Auseinandersetzung suchte. Ihr Standard­atz lautete: Diesmal stehe ich auf der richtigen Seite; die DDR ist das bessere Deutschland.

    Nachzuweisen, daß die DDR das bessere Deutschland war - das war in der Tat nicht nur ein Ziel der DDR-Propaganda, sondern der Glaube daran war sozusagen das Lebens­elixier der DDR.

    Denn sie hatte ja, wie in den Jahren nach 1949 schnell klar wurde, sonst wenig zu bieten. Die Bundesrepublik zog ihr in fast jeder Hinsicht davon.

    Die DDR-Propaganda brauchte also unbedingt Felder, auf denen sie ihren Teil Deutschlands als überlegen darstellen konnte und auf denen sie spiegelbildlich die Bundesrepublik in schwarzen Farben malen konnte. Diese beiden Felder waren Faschismus / Antifaschismus und Friedens- / Kriegspolitik.

    Die gesamte DDR-Propaganda war auf diese beide Punkte konzentriert: Die Bundesrepublik wurde als ein nach innen immer noch halbfaschistischer und nach außen aggressiver Staat hingestellt.

    "Kalte Krieger", "Revanchisten" und "Imperialisten" bestimmten angeblich dessen Außenpolitik, während die "diesselben Kreise, die den Faschismus unterstützt hatten", noch immer im Inneren die Macht hätten. Also die "Schlotbarone", die "aggressivsten Kreise des Kapitals".

    Die Bundeswehr wurde als eine neuerstandene Wehrmacht verunglimpft. Die - Mitte der sechziger Jahre aktuellen - Notstandsgesetze wurde als eine Art neues Ermächtigungsgesetz dargestellt.



    Aus heutiger Sicht erscheint diese Propaganda derart überzogen, daß man denken sollte, sie hätte wirkungslos bleiben müssen. Aber das Gegenteil war der Fall: Sie fiel auf fruchtbaren Boden.

    Nicht nur Linksextreme, sondern viele Linke, ja viele Liberale sahen ihr Land im Grunde - wenn auch abgestuft - ähnlich verzerrt, wie es die DDR-Propaganda zeichnete.

    Warum? Das ist eine Frage für Historiker, die mir noch lange nicht befriedigend beantwortet zu sein scheint. Ich möchte nur auf einen Aspekt aufmerksam machen, der mir bei der Beschäftigung mit der RAF-Geschichte deutlich geworden ist:

    Da fand - nicht nur, aber auch - so etwas statt wie ein Nachspielen der NS-Zeit.

    Klaus Rainer Röhl hat in der gestrigen Sendung wieder einmal von der "Sophie-Scholl-Frisur" von Ulrike Meinhof gesprochen, als er sie kennenlernte. Mehr als nur eine Äußerlichkeit, deutete er an. Sie habe sich wohl auch in dieser Nachfolge gesehen.

    In der Tat: Viele aus dieser Generation warfen es ihren Vätern und Müttern vor, in der Nazi-Zeit versagt zu haben. Jetzt, eine Generation später, wollten sie es besser machen.

    Sie wollten diesmal die selbstlosen Kämpfer und aufrechten Widerständler sein, die ihre Eltern in ihren Augen nicht gewesen waren.

    Da kam ihnen die Wahnvorstellung von einem heraufziehenden Faschismus, so darf man vermuten, nur allzu gut zupaß. Sie brauchten, wie Don Quijote, gewissermaßen das eingebildete Böse, um daran ihren Edelmut zu erproben. Und deshalb mögen sie so bereitwillig auf die Propaganda der DDR hereingefallen sein.

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    6. September 2007

    Über die vergessenen Opfer der RAF

    Kennen Sie das auch? Man liest ein Buch, sieht einen Dokumentarfilm und denkt: Das ist es! Warum hat nicht schon längst jemand zu diesem Thema einen Film gedreht, ein Buch verfaßt?

    So ist es mir gestern Abend gegangen. Und zwar ausgerechnet mit einem Film zum Thema RAF.

    "Ausgerechnet" deswegen, weil ich seit mehr als dreißig Jahren Filme über die RAF sehe, Bücher und Artikel über die RAF lese. Die Berichte des "Spiegel" zu diesem Thema habe ich sogar, Heft für Heft, damals herausgetrennt und in Mappen gesammelt; als Zeitzeugnis. (Irgendwo muß das Konvolut noch herumliegen. Daß man auf die meisten dieser Informationen einmal mit ein paar Klicks würde zugreifen würde können, war ja in den siebziger Jahren noch nicht zu ahnen.)

    Ich habe dann alle diese "Aufarbeitungs"- Sendungen ab den achtziger Jahren verfolgt, in denen immer wieder die Taten nachgestellt wurden, in denen immer wieder die Zeitzeugen auftraten; zunehmend auch die Täter selbst, in dem Maß, in dem sie freigelassen wurden.

    Meist fand ich ihre Selbstgerechtigkeit, ihre Arroganz und ihre Unfähigkeit zum Eingeständnis ihrer Schuld peinlich und abstoßend; aber ich habe mir halt doch angehört, was Leute wie Boock, Rollnick, Dellwo zu sagen hatten. Was Christian Klar an Unglaublichkeiten aussprach, als Günter Gaus ihn im Gefängnis interviewte.

    Nicht peinlich, sondern beeindruckend fand ich eigentlich nur den Film über Hans-Joachim Klein. Vielleicht, weil er einer der wenigen deutschen Terroristen ist, der Menschlichkeit und auch Vernunft hat erkennen lassen. (Neben ihm fällt mir eigentlich nur noch Silke Maier-Witt ein). Vielleicht auch, weil der Film sehr sorgfältig und sehr objektiv gestaltet ist.

    Das nebenbei. Also - ich fühle mich eigentlich sozusagen randvoll mit Informationen über die RAF. Ich kann noch jetzt die Namen der Protagonisten aufsagen, sie den Fahndungsfotos zuordnen, die Szenarien ihrer Taten erzählen und, falls es jemanden interessiert, die Lebensschicksale der meisten von ihnen.



    Ja, der meisten von ihnen. Den Tätern nämlich.

    Denn das ist es, worauf mich diese TV-Sendung gestern Abend aufmerksam gemacht hat, worauf sie mich sozusagen gestoßen hat: Über die Schicksale der Opfer, über ihr Denken und Fühlen weiß ich weitaus weniger als über die Täter, ihre Motive, ihr Umfeld.

    Diese Sendung wurde am gestrigen Mittwoch um 22.45 Uhr von der ARD ausgestrahlt und in der Nacht um 3.15 wiederholt. Sie heißt "Wer gab euch das Recht zu morden?". Die Autoren sind Anne Siemens und Henning Rütten. Anne Siemens ist auch die Verfasserin des Buchs "Für die RAF war er das System, für mich der Vater" (Piper Verlag, 2007), das sich mit demselben Thema beschäftigt. Eine ausgezeichnete Rezension dieses Buchs, die auch viele Informationen zu den Opfern der RAF enthält, hat Cora Stephan in der "Welt" geschrieben.

    Nun also, ergänzend dazu, dieser Film. Ein sehr genauer, sehr einfühlsamer Film, der die Hinterbliebenen der Opfer zu Wort kommen läßt. Und der auch die Taten der RAF-Verbrecher unter dem Gesichtspunkt schildert, was sie ihren Opfern angetan haben.

    So gut ich, dank der erwähnten Quellen, über diese Taten Bescheid weiß - ich habe beim Ansehen dieses Films gemerkt, daß ich mir das, was den Opfern geschah, nicht genau gemerkt, nicht genau vor Augen geführt hatte. Oder es war vielleicht gar nicht berichtet worden.
  • Daß die Mörder zum Beispiel in der Botschaft in Stockholm den tödlich verletzten Botschafts- Attaché Andreas v. Mirbach hatten stöhnend liegen lassen, ohne daß jemand zu ihm konnte, um ihn zu versorgen. Zuvor mußte er unter Todesdrohungen mit der Polizei verhandeln, wurde dann aus nächster Nähe niedergeschossen, sterbend eine Treppe kopfüber heruntergestoßen. Einen der Täter, Karlheinz Dellwo, habe ich kürzlich im WDR sehr entspannt über seine RAF-Zeit reden hören.

  • Daß sie außer ihm auch seinen Kollegen Heinz Hillegaart ermordeten; Kopfschuß von hinten aus nächster Nähe. Wer kennt überhaupt dessen Namen? Geschweige denn, daß die Öffentlichkeit sich für das Schicksal seiner Frau, seiner Kinder interessiert hätte.

  • Daß ihr Opfer Gerold von Braunmühl, als er in der Nacht aus seinem Taxi stieg, regelrecht gejagt wurde, erst von vorn, dann von hinten angeschossen, so daß er am Boden lag. Dann mit einem Fangschuß aus nächster Nähe hingerichtet.

  • Daß die Terroristen Dum-Dum-Geschosse verwendeten - Patronen, die an der Spitze abgefeilt worden waren, um möglichst schwere Verletzungen zu verursachen. Mit einem solchen Geschoß wurde zum Beispiel Hans Eckhardt von dem Terroristen Manfred Grashof ermordet.
  • Hans Eckhardt - sein Name war mir nicht geläufig gewesen. Eines der vielen nicht prominenten Opfer der RAF-Mörder, einer der Polizisten, Personenschützer, Chauffeure, die sie als Collateral Damage ums Leben gebracht haben.

    Und während sozusagen jede Seelenregung von Gudrun Enßlin, jedes biographische Detail von Andreas Baader in zahllosen Sendungen und Diskussionen hin- und hergewendet wurde, wissen wir über die Biographie, die Persönlichkeit dieser Opfer so gut wie nichts.

    Daß zum Beispiel dieser Polizist Hans Eckhardt ein weltoffener Mann war, der mit der Studentenbewegung sympathisierte. Daß Andreas v. Mirbach ein überzeugter Christ war, der die Nazis verabscheute. Daß Gerold von Braunmühl Krieg und Gewalt ablehnte, daß er 1980 auf der Bonner Friedensdemonstration war, um sich die Argumente von Eppler und anderen anzuhören. Das alles habe ich erst durch diesen Film erfahren.



    Dergleichen hat nie im Fokus des öffentlichen Interesses gestanden; manches wurde vermutlich überhaupt nie thematisiert. Nun könnte man einwenden, das sei eben immer so - der Täter sei interessanter als das Opfer.

    Aber das stimmt ja nicht. Im Gegenteil - Opfer finden sehr oft ein großes Interesse in den Medien. Man braucht nur an die aktuellen Fälle der Entführungsopfer Natascha Kampusch und Susanne Osthoff zu denken.

    Es ist, glaube ich, etwas anderes. Die Verbrecher aus der RAF haben es mit ihrer Propaganda - und mit Hilfe der Propaganda ihrer Unterstützer und Sympathisanten - verstanden, unsere Phantasie mit einem bestimmten Bild - man könnte es nachgerade einen Archetypen nennen - zu füllen: Dem des edlen Räubers. Des Robin Hood, der gegen die Reichen und für die Armen kämpft. Krieg den Palästen, Friede den Hütten.



    Diese Agitprop (zu der auch die Rührgeschichten über "Isolationsfolter" usw. gehörten) ist auf nur allzu fruchtbaren Boden gefallen. Und je mehr die RAF-Verbrecher und ihre Helfer dieses bei aller Ambivalenz doch auch positive Bild von sich vermitteln konnten, umso mehr schwand das Mitleid mit den Opfern, das Interesse an ihnen. Wenn es dies denn je gegeben hat.

    Irgendwie geschah es ihnen schon recht, den Bubacks und Schleyers - so dürften viele gedacht haben, auch wenn nicht alle eine "klammheimliche Freude" empfanden. Die Lügen über Schleyers angebliche Tätigkeit unter Heydrich in Prag wurden ungeprüft geglaubt; sie paßten ja so schön ins Vorurteil. Alfred Herrhausen, der wie kein anderer deutscher Bankier für die Verbesserung der sozialen Verhältnisse in Südamerika engagiert war, wurde als Ausbeuter hingestellt, Detlev Karsten Rohwedder als Plattmacher der DDR.

    Und viele haben es geglaubt, haben es nachgebetet, haben es publizistisch verbreitet.

    Auch dieses moralische Versagen eines großen Teils vor allem der deutschen Intellektuellen gehört zu dem, was anläßlich des jetzigen dreißigsten Jahrestags der Schleyer-Entführung noch darauf wartet, aufgearbeitet zu werden.

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