Posts mit dem Label Achtundsechziger werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Achtundsechziger werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

26. August 2009

Das Land des Lächelns. Über die Wandlung des deutschen Nationalcharakters

Unser Präsident Köhler hat ein gewinnendes Lächeln. Wie ein großer Junge sieht er dann aus. Er lächelt nicht nur, er strahlt.

Unsere Kanzlerin lächelt seltener, dann aber ebenfalls sehr intensiv. Das Lächeln, das plötzlich ihr Gesicht überzieht, hat oft etwas Spitzbübisches. Merkel lächelt, wenn sie sich freut. Sie freut sich, wenn sie zum Beispiel in einer Diskussion eine Pointe gelandet hat. Ihr Lächeln strahlt nicht Köhlers kommunikative Herzlichkeit aus; eher signalisiert es, daß sie mit sich zufrieden ist.

Der größte Lächler von allen aber ist der Freiherr zu Guttenberg. Am vergangenen Sonntag trat er in der Sendung "Arena" bei SAT1 auf. Wie immer souverän, bestaussehend, charmant. Halb Rodolfo Valentino, halb Leonardo diCaprio. Und lächelnd.

Ein Lächeln mit breit sichtbaren Zähnen. Aber nicht das Raubtierlachen des Alpha- Rüden, mit dem der junge Helmut Schmidt die Frauen beeindruckte und seine Gegner schreckte; Gerhard Schröder hatte es auch. Dazu ist es zu gewinnend, das Lächeln des Freiherrn. Nicht bedrohend, sondern nur entwaffnend.

Damit habe ich die drei sozusagen bestlächelnden Politiker unseres Landes genannt. Und siehe - es sind zugleich die drei Spitzenreiter der Popularitäts- Skala (siehe das Ranking in der aktuellen Ausgabe es gedruckten "Spiegel" 35/2009, Seite 16/17).

Es folgt auf dieser Skala Ursula von der Leyen; auch sie eine starke Lächlerin. Das hat sie von ihrem Vater, dem Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, der den Spitznamen "Strahlemann" trug. Dann kommt auf der Skala Guido Westerwelle, der besser lächelt als die gesamte übrige FDP-Führung zusammen.

Und nun erinnern Sie sich einmal an vergangene Spitzenpolitiker. Ludwig Erhard etwa, der schon deswegen selten lächeln konnte, weil das mit einer Zigarre im Mund nicht gut geht. Allenfalls zu einem Schmunzeln brachte er es. Gustav Heinemann, der immer ein wenig wie ein Leichenbitter aussah. Willy Brandt, der nicht nur seine Sätze gern mit "Nein, ..." begann, sondern der meist auch so angespannt wirkte, daß an ein Lächeln nicht zu denken war.

Und Kohl, hat der gelächelt? Eigentlich auch nicht. Wenn sein Gesicht sich in Richtung Lächeln verzog, dann kam eher das heraus, was auf Englisch "to chuckle" heißt - in sich hineinlachen also, nicht selten in bräsiger Selbstzufriedenheit.

Und heute? Sogar Frank- Walter Steinmeier, den wir als streng blickenden Träger eines Scheitels kannten, tritt uns jetzt als ein fröhlicher Dauerlächler entgegen, die Haare frech in die Stirn gekämmt. Da haben wohl die Coachs und Stylisten im Wllly- Brandt- Haus das beigesteuert, was die Natur eines Ostwestfalen nicht hergeben konnte. Offenbar setzen sie voraus, daß das Design, das sie dem Kandidaten verpaßt haben, dem Bild der Deutschen von einem guten Kanzler entspricht: Locker, dynamisch, gutgelaunt.



Und so sind ja nicht nur unsere Spitzenpolitiker. Wir alle, wir Deutschen am Ende des ersten Jahrzehnts des Einundzwanzigsten Jahrhunderts, sind ein fröhlich lächelndes Volk.

Gerade erst haben wir eine heitere Leichtathletik- Weltmeisterschaft hingelegt; und die Welt staunte wieder einmal, was aus den Deutschen geworden ist. Feiern, gute Gastgeber sein, locker und sympathisch - das können wir heutzutage.

Die Fußball- Weltmeisterschaft 2006 war keine Singularität, sozusagen gegen den Strich des deutschen Nationalcharakters gebürstet. Er ist inzwischen so, der deutsche Nationalcharakter. Wir sind so. Wir sind so geworden, in sechzig Jahren. Weltoffen, nett, heiter, unverkrampft.

Ja, unverkrampft. Erinnern Sie sich? Als vor 15 Jahren Roman Herzog zum Bundespräsidenten gewählt worden war, da sagte er, unser Volk sei friedliebend, freiheitsliebend "und was mir das Wichtigste erscheint, meine Damen und Herren - unverkrampft".

Als Reaktion auf diesen Satz gingen manche Augenbrauen nach oben. Was, unverkrampft sollten wir sein, angesichts unserer Geschichte?

Die Bundesrepublik war damals fünfundvierzig Jahre alt. Jetzt ist sie sechzig. Offenbar macht das einen großen Unterschied.

Noch lange nach 1945 war nicht nur das Bild Deutschlands in der Welt von den Verbrechen der Nazis geprägt gewesen, sondern auch unser Selbstbild. Es gab eine deutsche Verbissenheit, ein deutsches Moralisieren, eine morose Grundstimmung.

Ein einziges Mal wurde sie kurz unterbrochen; in der freiheitlich- heiteren Anfangsphase der Studentenbewegung (siehe Wieso eigentlich Achtundsechziger?; ZR vom 5. Juni 2007. Das ist die zweite Folge der Serie Wir Achtundsechziger). Aber das dauerte nur ein paar Monate, allenfalls ein Jahr. Dann war Schluß mit lustig.

Die Führer der Bewegung planten die Revolution; als erstes sollte in Westberlin eine Räterepublik errichtet werden. (Siehe Dutschke und Genossen als Revolutionäre; ZR vom 28.2.2009. Das ist die siebte Folge der Serie "So macht Kommunismus Spaß"). Es folgte die Bekehrung der meisten Antiautoritären zu Stalinismus und Maoismus ("K-Gruppen"). Es folgte der Terror der sogenannten "Rote Armee Fraktion" (RAF).

Das war alles noch "fürchterlich deutsch"; eine in jener Zeit beliebte selbstanklagende Formulierung. Es war, richtiger gesagt, noch der Ausdruck eines fürchterlichen Nazi- Denkens. Die K-Gruppen waren straff autoritär organisiert. Die Killer der RAF verstanden sich als eine Elite, die kraft der Überlegenheit ihrer Weltanschauung das Recht zum Morden hat; ganz nach dem Vorbild der SS.



Wie haben wir das alles hinter uns gelassen, und wann?

Es gab in der ersten Hälfte der achtziger Jahre so etwas wie ein letztes Aufflackern verbiestert- ideologischen Denkens in Gestalt der "Anti- AKW- Bewegung" und der "Friedensbewegung". Da wurde noch einmal richtig auf den weltanschaulichen Putz gehauen. Aber in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre flaute das ab; es begann das zu dominieren, was Geier Sturzflug schon 1983 trefflich gekennzeichnet hatten: "Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt".

Und dann änderte die Wiedervereinigung alles. Die Tage des Mauerfalls waren das erste jener großen bundesweiten Feste, für die wir inzwischen Spezialisten geworden sind. Wir haben es in jenen Tagen gar nicht gemerkt (ich jedenfalls nicht) - aber damals fiel nicht nur den Ostdeutschen ein riesiger Stein vom Herzen, sondern auch den Westdeutschen.

Man erlebte tagtäglich neue historische Ereignisse, und damit wurde die Nazizeit Historie. Von 1990 an definierte sich Deutschland zunehmend nicht mehr als das Land, dessen Namen die Nazis geschändet hatten, sondern als das Land der friedlichen Revolution im Osten und der Solidarität mit den Ostdeutschen im Westen.

Und es war eben nicht nur eine Frage der Selbstdefinition, sondern auch der Mentalität; des Nationalcharakters also. Fast nichts von dem, was einmal als "typisch deutsch" gegolten hatte, ist geblieben - der Untertanengeist, der Kadavergehorsam, die Zackigkeit, die rigide Ordnungsliebe.

Aus einem Volk, das Europa mit Krieg überzogen hat (siehe die Titelgeschichte des aktuellen "Spiegel" 35/2009), ist eines geworden, das alles Militärische scheut wie der Teufel das Weihwasser. Noch nicht einmal das Eiserne Kreuz darf den Soldaten verliehen werden, die in Afghanistan tapfer gekämpft haben. Verschämt wurde ein "Ehrenkreuz" eingeführt. Wenn heute deutsche Offiziere im TV auftreten, dann erinnert nichts mehr an den zackigen, hackenknallenden Typus des "preußischen Leutnants", den einst Heinrich Mann karikiert hat.



Ja, aber kann das denn sein, daß ein Volk seinen Nationalcharakter innerhalb von drei, vier Generationen so radikal ändert? Es kann nicht nur sein, es ist nachgerade die Regel.

Ein Nationalcharakter bestimmt sich weniger durch Eigenschaften als durch Dimensionen, zwischen deren Polen sich eine Nation bewegt. Die Franzosen sind manchmal staatsfromm und manchmal revolutionär; die Briten bewegen sich zwischen viktorianisch- sittsam und renaissancehaft- ausschweifend. Die Russen pendeln zwischen sentimentaler Sanftheit und eisernem Durchsetzungswillen.

Die entsprechende Grunddimension des deutschen Nationalcharakters scheint mir durch die Pole "freundliche Sensibilität" und "Fanatismus bis zum Letzten" bestimmt zu sein. Perioden der Sensibilität waren zum Beispiel die Romantik und das Biedermeier, teilweise die Zwanziger Jahre und die Zeit seit 1950. Der Fanatismus, der sich unter den Nazis voll Bahn brach, hatte sich schon in der Wilhelminischen Zeit, in gewisser Weise auch bereits während der Freiheitskriege angedeutet, und er erlebte seinen letzten Ausbruch während der Zeit der Achtundsechziger und in dem Jahrzehnt danach.

Jetzt leben wir in einer Zeit, die - Rüdiger Safranski hat in seinem schönen Buch darauf aufmerksam gemacht - manche Ähnlichkeiten mit der Romantik hat. Was ja nicht das Schlimmste ist.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Raimond Spekking / Wikipedia. Frei unter Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 Licence (Ausschnitt).

2. Mai 2009

Was fasziniert an Karl Marx? Anmerkungen zum "persönlichen Leseerlebnis" der Jungjournalistin Nina Pauer

"Marx lesen beruhigt. Ich habe ein Lesegefühl wie das letzte Mal beim Geschichtsbuch in der Schule. Keine Unübersichtlichkeit wie in der aktuellen Lage, keine schwammigen Prognosen für die Zukunft. (...)

Er will keine Verbesserungsvorschläge liefern, er beschreibt Prozesse, die so und nicht anders ablaufen werden. Fast wie ein Biologe, der ein Experiment erklärt. Die Revolution als Evolution. Sie schreitet voran, unaufhörlich, bis zu ihrem Höhepunkt".

So beschreibt eine junge Journalistin, Mitte Zwanzig, im aktuellen "Zeit- Magazin" ihr "Date mit Marx". Nina Pauer hatte sich eine Marx- "Ausgabe von 2008" besorgt, mit dem Titel "Kapital und Politik"; offenbar jene, die im Augenblick zum Schnäppchenpreis von 7.99 Euro bei "Zweitausendeins" zu haben ist. Ihr "Selbstversuch" bestand darin, daß sie Computer und Handy abschaltete, ja sogar auf den "Tatort" verzichtete und sich in diesen "dicke(n) rosa Wälzer" vertiefte.

Was für sie augenscheinlich ein bleibendes Leseerlebnis war, die Journalistin Mitte Zwanzig, die ihre Eltern aus der 68er Generation "richtig sympathisch" findet: "Den Satz von den 'Proletariern aller Länder' werde ich zumindest nicht mehr selbstgefällig als Floskel aus dem Geschichtsbuch abtun können. Was ist, wenn ich ihn als eine Aufforderung lese? An ein 'Wir', das für eine gemeinsame Sache aufstehen soll?"

Tja, was ist dann? Dann sind wir - wenn es vielen jungen Leuten so gehen sollte wie Nina Pauer - bald wieder so weit, wie wir 1970 waren.



Von den großen Religionsgründern war Karl Marx der kälteste. Der Marxismus entstand als eine säkulare Religion, wie geschaffen für das rationale 19. Jahrhundert.

Als sie sich im 20. Jahrhundert ausbreitete, also emotional wurde, traten sekundäre Religionsgründer auf, die besser als der Zyniker Marx die religiösen Affekte auf sich zu ziehen konnten: Stalin, Mao, Che Guevara beispielsweise. Sie genossen die hingebungsvolle Verehrung, die jedem Religionsgründer gebührt, die Marx selbst aber nie erfahren hat.

Der Marxismus - der pure, der nicht durch solche Stellvertreter massentauglich gemachte - ist eine Religion für Apparatschiks und Intellektuelle; vorzugsweise für solche, die Marx ähneln, kühl bis ins Herz hinan. In Deutschland hat der emotionslose Walter Ulbricht perfekt den marxistischen Funktionär verkörpert; Wolfgang Harich, der schneidende Befürworter erst der marxistischen Orthodoxie und dann der Ökodiktatur, ebenso überzeugend den intellektuellen Marxisten.



Die weltweite Jugendbewegung Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts nahm in Deutschland die besondere Form an, die ich vor einem Jahr in diesem Artikel analysiert habe. Ein Aspekt blieb damals unerwähnt: Die Faszination, die von Karl Marx ausging.

Sie war umso erstaunlicher, als die "Bewegung" - anfangs die APO (Außerparlamentarische Opposition) genannt, dann "Studentenbewegung" - eigentlich im Ursprung gar nicht marxistisch gewesen war.

Ihre Wurzeln lagen in der pazifistischen, freilich von Kommunisten unterwanderten Bewegung "Kampf dem Atomtod", dann in der Bewegung zur Bewahrung der Bürgerrechte während der "Spiegel-Affäre"; schließlich in den ebenfalls eher von einer liberalen Grundhaltung getragenen Besorgnissen im Zusammenhang mit den Notstands- Gesetzen. Auch die schlechten Bedingungen an den deutschen Universitäten spielten natürlich eine zentrale Rolle. Alles eher bürgerlich- liberal als marxistisch. Mit Stoßrichtung gegen den Nazismus, gegen den Obrigkeitsstaat; aber ansonsten unideologisch.

Wie kommt es, daß diese Bewegungen sich innerhalb weniger Jahre derart dem Marxismus verschreiben konnten, daß zu Beginn der siebziger Jahre alles, was aus ihnen hervorgegangen war - von den gemäßigten Reformern auf dem rechten Flügel der Jusos über die Stamokaps und alle die K-Gruppen bis hin zu Joschka Fischers "Putztruppe" und der terroristischen RAF - sich als marxistisch verstand?

Es lag, meine ich, daran, daß diese Bewegungen sozusagen händeringend auf der Suche nach Sinn gewesen waren.

Es waren ja im Ursprung alles Gegenbewegungen gewesen - gegen die Atomrüstung; gegen die Bedrohung der Pressefreiheit in der "Spiegel"- Affäre; gegen die, wie man meinte, Gefährdung der Demokratie durch die Notstands- Gesetze; gegen die Zustände an den Universitäten.

Das ist zu wenig, um eine breite Bewegung zu tragen; zumal Jugendlichen ist das zu wenig. Es gab ein Bedürfnis nach einer, sagen wir, intellektuellen Fundierungen der eigenen Unzufriedenheit. Diese lieferte der Marxismus, diese Religion, die aus der Kälte kam.



Und mehr noch: Marx erklärte nicht nur, warum die Welt schlecht ist, warum man sich - so Adornos Formel - im "falschen Leben" befindet. Sondern er klärte zum einen darüber auf, warum es gar nicht anders sein kann. Und lieferte andererseits die tröstliche Botschaft, daß sich alles zum Besseren wenden werde. Wenn man nur ihm folgt, dem Karl Marx.

Das ist so, wie es sich für eine Religion gehört: Sie stiftet Sinn. Sie erklärt die Welt, sie sagt uns, was gut und böse ist, was richtig und falsch. Vor allem aber beinhaltet sie eine Verheißung: Wer glaubt und wer nach diesem Glauben handelt, der wird erlöst werden.

Bei Marx ist es die ganze Menschheit, der er die Erlösung im Kommunismus verheißt, wenn denn nur alles seinen mit wissenschaftlicher Gewißheit vorgezeichneten Gang geht. Einen Gang, der sich - ich habe das in diesem Artikel ein wenig mehr im Detail beschrieben - deshalb mit Sicherheit vorhersagen läßt, weil er den ewigen Gesetzen der Dialektik entspringt.

Aber Marx bietet diese religiöse Verheißung eben in einer intellektuell anspruchsvollen Variante an. Wer sich auf ihn einläßt, dem erfüllt sich der Wunsch, hinter die Oberfläche der Dinge zu blicken. Mit dem kalten Blick des Wissenschaftlers, so möchte es uns Marx glauben machen.

Wir erfahren, was es "eigentlich" auf sich hat - mit der Ware ("eigentlich" vergegenständlichte Arbeit), mit dem Preis ("eigentlich" der Wert, der sich nach der zur Herstellung gesellschaftlich erforderlichen Arbeitszeit bestimmt), mit dem Profit ("eigentlich" der Mehrwert, der daraus resultiert, daß der Arbeiter nicht etwa seine Arbeit verkauft, sondern seine Arbeitskraft, deren Preis sich durch ihre Reproduktionskosten bestimmt).

Und so fort. Wer sich durch das "Kapital" arbeitet, für den enthüllt sich die Welt, wie sie wirklich ist; er blickt hinter die Kulissen. Woran der Faust in seinem Monolog verzweifelt - zu wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält -, das liefert Marx seinen Lesern.

Das ist faszinierend; es ist intellektuell befriedigend; es verleiht auch leicht jene Haltung des Wissenden, des allen Anderen Überlegenen, die so charakteristisch für Marxisten ist.



Nur stimmt das ja alles nicht, was Marx sich ausgedacht hat. Es ist wirklich nur ausgedacht.

Daß der Wert einer Ware sich durch die zu ihrer Herstellung gesellschaftlich erforderliche Arbeitszeit bestimmt, ist keine Entdeckung, sondern eine Definition. Wir wissen nicht mehr über die Realität, wenn wir diese Definition übernehmen. Wir wissen auch nicht mehr über die Realität, wenn wir es Marx abnehmen, daß der Arbeiter nicht für seine Arbeit bezahlt wird, sondern für den Verkauf seiner Arbeitskraft. An der Höhe des Lohns und seinem Zustandekommen ändert das exakt nichts.

So ist es mit allen den "wissenschaftlichen Entdeckungen" von Marx. Was er liefert, ist eine façon de parler, eine Weise, über die Welt zu reden.

Es ist Pseudowissen, das Marx bietet. Aber es ist nicht leicht, das zu merken. Die Faszination, die Nina Pauer offenbar während ihres Selbstversuchs mit Marx erlebt hat, könnte viele ihrer Generation befallen; so wie drei oder vier Dekaden zuvor die Generation der Achtundsechziger.

Sie könnte die heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen wieder ergreifen, diese Faszination, weil dies die erste Generation ist, die die Praxis des Marxismus nicht mehr bewußt erlebt hat. Es gibt, so scheint mir, wieder die Bereitschaft, sich von dem alten Scharlatan verführen zu lassen.



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Fotografie von Karl Marx aus dem Jahr 1875; bearbeitet.

28. Februar 2009

"So macht Kommunismus Spaß" (7): Dutschke und Genossen als Revolutionäre. Räteherrschaft in Westberlin. "Dieser revolutionäre Kampf ist furchtbar"

Die meisten Versuche, die Geschichte der RAF aufzuarbeiten, konzentrieren sich, wie in der letzten Folge beschrieben, auf die Angehörigen dieser Gruppe und ihre persönliche Vorgeschichte. Das wäre gerechtfertigt, wenn der Weg zur gewaltsamen Revolution in Deutschland das Ergebnis eines sozusagen einsamen Entschlusses dieser Gruppe gewesen wäre.

Das ist aber nicht der Fall. Was die Angehörigen der RAF von Dutschke, Semler und den anderen Anführern der "Studentenbewegung" unterschied, war nicht die Entschlossenheit zur Revolution, sondern die Bereitschaft, diesen Entschluß auch in die blutige Tat umzusetzen.

Wie sehr aber bereits die nach außen hin alles in allem friedlich auftretenden Anführer vor allem aus dem SDS auf Revolution und Gewalt setzten, kann man erst ermessen, wenn man interne Dokumente heranzieht - Rudi Dutschkes Tagebuch zum Beispiel; Papiere, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren; Protokolle von Besprechungen, auch Spitzelberichte darüber.

Dieses Material aufgearbeitet zu haben ist das Verdienst von Götz Aly mit seinem Buch "Unser Kampf. 1968 - ein irritierender Blick zurück". Auf die Schwächen dieses Buchs habe ich in der vergangenen Folge hingewiesen. Sein Verdienst, dieses Material erschlossen und zusammengestellt zu haben, ist davon unberührt. Wenn nicht anders angegeben, stütze ich mich auf sein Buch.



Die Rede ist im folgenden nicht von "den Studenten" oder "den Achtundsechzigern". Da gab es viele Gruppen und Strömungen, wie in der letzten Folge beschrieben. Es geht um die Pläne, die in der Gruppe der Anführer kursierten - von Leuten wie Rudi Dutschke, Bernd Rabehl, Wolfgang Lefèvre, Christian Semler.

Welches war deren politisches Ziel? Wie wollten sie es erreichen?

Laut Johannes Agnoli, etwas älter als diese Studenten, aber auf ihrer Linie, war das Ziel "die Organisation des Klassenkampfs und die Desintegration der Gesellschaft [als der] erste Schritt zur Verwirklichung der Demokratie".

Wie das politische System der "Demokratie" aussehen sollte und wie man dahin kommen wollte, erläuterten im Jahr 1968 Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler in einem Gespräch mit Hans- Magnus Enzensberger, das im "Kursbuch" abgedruckt wurde.

Aly zitiert kurz daraus. Ich habe jetzt - zum ersten Mal wieder seit vierzig Jahren - die betreffende Nummer des "Kursbuchs" (14/1968) in die Hand genommen. Beim Beginn des Gesprächs auf Seite 146 hatte ich ein Lesezeichen eingelegt; ich muß es also damals für wichtig gehalten haben.

Enzensbergers Gesprächspartner sind sich völlig einig darüber, daß es um nichts weniger als "die Revolution" geht; und sie verstehen darunter einen gewaltsamen Umsturz. Bernd Rabehl (S. 154):
Wir sollten die Frage stellen, welche gesellschaftlichen Schichten bereit sind, bis zur radikalen Gewalt zu gehen; das System zu beseitigen. Wir sollten z.B. die Versuche der amerikanischen Liberalen sehr hoch einschätzen, wir sollten uns darüber nicht erheben, wir sollten aber wissen, daß sie unfähig sind, den letzten Schritt zu tun, die Sprache der Gewalt zu sprechen.
Man war sich in der Runde offenbar einig, daß es bei Studenten, überhaupt allgemein der Intelligenz, an Bereitschaft zur revolutionären Gewalt hapert und diskutierte folglich darüber, was man dagegen tun könne. Dutschke trat (S. 156) für die Schaffung eines "Gegenmilieus" durch den Kampf ein, so daß
aus Gruppen, Individuen, Schichten, daß aus diesem ganzen Brei durchaus - nicht durch Selbstbewegung, sondern durch kämpferische Auseinandersetzung mit der staatlichen Exekutive - eine Basis ... in Gestalt von Gegenmilieu entstehen kann.
Semler dagegen setzte (S. 157) eher auf die Gewaltbereitschaft des Proletariats:
Der Vergleich zwischen Demonstrationsformen von Studenten und Arbeitern in anderen Ländern zeigt uns ganz deutlich, daß für die Arbeiter im Grunde jede Demonstration den Keim des Bürgerkrieges in sich trägt.
Man kam dann (S. 161) auf die Illegalität zu sprechen, die sowohl Dutschke ("den Schritt zu tun zum Widerstand, zur Desertion, zur Unterstützung der Desertion, zur illegalen Arbeit") als auch Rabehl ausdrücklich befürworteten. Rabehls Kommentar dazu liest sich fast wie das Konzept der RAF:
Illegalität, wenn sie nicht dilettantisch bleiben will, bedeutet, daß man gegen den Staatsapparat operiert, daß also gerade das psychische Moment des Friedens zurückgenommen wird und eine streng disziplinierte Organisation entsteht. Eine illegale Organisation bedeutet aber auch die Entwicklung neuer Bedürfnisse: direkte Solidarität, direkte Freundschaft zu den einzelnen Mitgliedern dieser Organisation (...) Insofern glaube ich, daß sich in einer illegalen Organisation Ansätze zu einer neuen Gesellschaft bilden können.



Waren das Spinnereien für den Sankt- Nimmerleinstag? Keineswegs. Beabsichtigt war die Revolution zunächst in Westberlin, und zwar innerhalb der nächsten Jahre (siehe unten). Das Ziel war eine Räteherrschaft in der Art der Pariser Commune, die dann sowohl in die DDR als auch die Bundesrepublik ausstrahlen und auch dort Revolutionen in Gang setzen sollte

Es gab auch schon ganz konkrete Überlegungen für Ausübung der Herrschaft nach der Revolution. Rabehl (S. 166): "Aber nun noch eine andere Frage: Was machen wir mit den Bürokraten? (...) Ein Großteil der Bürokraten wird nach Westdeutschland emigrieren müssen". Dutschke widersprach: "Niemand darf weggeschickt werden, sondern alle sind produktive Kräfte".

Und Semler steuerte (S. 170) die Idee bei: "Zum Beispiel darf es nie mehr Richter geben, darf es nie mehr einen Justizapparat geben". Auch Dutschke ging (S. 171) davon aus, "daß die Juristerei und die Polizei abgeschafft wird".

Das waren, wie gesagt, nicht Utopien für eine ferne Zukunft. Es war das, was man in Westberlin nach der Revolution machen wollte, die man dort unmittelbar vorbereitete.

Unter dem Pseudonym R.S. beschrieb Rudi Dutschke am 12. Juni 1967 in einer Publikation namens "Oberbaumblatt" im Detail, wie er sich die Revolution in Westberlin vorstellte: Die staatlichen Institutionen sollten einer "kontinuierlich gesteigerten Belastung ausgesetzt" und "tief erschüttert" werden.

Mit welchen Mitteln, notierte er in seinem Tagebuch: "Gegengewalt demonstrieren und praktizieren (Schutztruppe - Karateausbildung - bei Knüppeleinsatz - Molotowcocktails)".

Das Ergebnis sollte sein, daß "Parlament, Parteien und Exekutive" abgeschafft sind.

Die Westalliierten würden sich dieser Revolution nach Dutschkes Ansicht nicht in den Weg stellen, weil sie vor einem Blutbad zurückscheuen würden. Allerdings sollten sie für die Revolution sehr wohl eine Rolle spielen, nämlich "einige Sondermaschinen für den Abtransport der funktionslos gewordenen Politiker und Bürokraten" zur Verfügung stellen. Ein Jahr später, in dem Gespräch mit Enzensberger, hatte Dutschke in diesem Punkt seine Meinung offenbar geändert.

Am 24. und 25. Juni 1967 fand im Metaller- Heim Berlin- Pichelsdorf so etwas wie eine Strategie- Tagung der Revolutionäre statt; zu den Teilnehmern gehörten Dutschke, Rabehl, Semler und Lefèvre.

Und es nahm Dietrich Staritz teil, ein Spitzel des Verfassungsschutzes (und auch der Stasi). In seinem Bericht werden die Maßnahmen aufgelistet, die zur Machtergreifung führen sollten.

Man einigte sich auf eine Revolution in fünf Stufen. Sie reichten von einer "Verstärkung der politischen Unruhe durch studentische Demonstrationen und Willenskundgebungen" über den "Versuch, wilde Streiks zu organisieren, in deren Verlauf sich spontan Räte bilden könnten" bis zu einer "Massenbewegung, die in der Lage sein könnte, den Senat, sprich die bisherige politische Obrigkeit aus den Angeln zu heben". Das alles sollte in einem Zeitraum von fünf bis zehn Jahren zur Machtergreifung führen.

Ja, zur Machtergreifung. Zwei Tage nach dieser Konferenz notierte Dutschke in seinem Tagebuch: "In der Kneipe 'Machtergreifungsplan' 'ausgepackt". Riesige Überraschung".



Eine "riesige Überraschung" hätte vermutlich auch viele der protestierenden Studenten erfaßt, wenn sie gewußt hätten, daß es ihren Anführern - jedenfalls dieser dominierenden Gruppe - nicht um eine Reform der Universität ging (diese sollte abgeschafft werden) und auch nicht um eine Reform der Gesellschaft. Es ging ihnen um die Revolution.

Gewalt wurde dabei ausdrücklich nicht ausgeschlossen.

In seinem Tagebuch schwärmte Dutschke geradezu von der Gewalt in der Dritten Welt ("Che lebt und arbeitet in Bolivien. (...) Kämpfen schon mit Raketenwaffen!! Vietcong erst vor kurzem erhalten!")

Und in einem Brief, den Dutschke zusammen mit Gaston Salvatore 1967 an das Exekutivsekretariat einer internationalen linken Organisation namens OSPAAL richtete, heißt es:
Der Kampf allein bringt die Herstellung des revolutionären Willens. Dieser revolutionäre Kampf ist furchtbar, aber furchtbarer würden die Leiden der Völker sein, wenn nicht durch den bewaffneten Kampf der Krieg überhaupt von den Menschen abgeschafft wird.


Das bisher Zitierte könnte man wohlwollend noch so interpretieren, daß die Revolutionäre zwar Gewalt in der Dritten Welt befürworteten, daß sie aber meinten, in Westberlin und dann in ganz Deutschland die Machtergreifung auch ohne unmittelbare physische Gewalt hinzubekommen - als eine friedliche Revolution, wie sie zwanzig Jahr später in der DDR Wirklichkeit werden sollte.

Aber die Dokumente besagen etwas anderes. Wie Dutschke, Rabehl und Semler offen über Gewalt diskutierten, habe ich schon zitiert. 1968 forderte ein anonymer Autor im "FU-Spiegel", dem Berliner Studentenblatt, das damals fest in der Hand des SDS war, "Psychoterror gegen Richter und Staatsanwälte".

Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes wurden im selben Jahr auf einer Delegiertenkonferenz des SDS Flugblätter mit Anleitungen zur Herstellung von Sprengmitteln verteilt.

Am 1. November desselben Jahres wurden Brandbomben gegen das Frankfurter Justizgebäude geworfen. Im April 1969 fand eine Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt statt, auf der auch eine "Gruppe Technologie" auftrat. Deren Thesenpapier begann mit einer Anleitung zum Bau von Molotow- Cocktails.



Gewiß gab es bei Dutschke und Genossen keine Pläne zur gezielten Ermordung von Menschen. Sie ließen offen, wie sich die "revolutionäre Gewalt" in Deutschland entwickeln würde. Aber Gewalt hielten sie für erforderlich.

Die beiden Strategie- Papiere der RAF - "Das Konzept Stadtguerilla" und "Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa" - waren radikalere Konkretisierungen dessen, was Dutschke und Genossen wollten. Die Strategie der RAF basierte auf der ja nicht falschen Erkenntnis, daß "die Macht aus den Gewehrläufen kommt", wie ein damals vielzitiertes Mao-Wort lautete.

Dutschke und Genossen hatten das für Asien und für Lateinamerika akzeptiert und das dortige Blutvergießen befürwortet. Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und ihre Genossen zogen die logische Konsequenz, es auf Westeuropa auszudehnen, nachdem sie zu der Einsicht gekommen waren, daß anders die sozialistische Revolution nicht würde gelingen können.

Die Revolution, die sie ebenso wollten wie Dutschke und Genossen. Als dieser am Grab von Holger Meins sein berühmtes "Holger, der Kampf geht weiter!" sprach, haben sich viele gewundert, wieso Dutschke sich derart mit einem Terroristen solidarisieren konnte.

Es war aber ein- und derselbe Kampf, den Dutschke und Meins geführt hatten. Nur mit verschiedenen Mitteln.



Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier.

27. Februar 2009

"So macht Kommunismus Spaß" (6): Zwei schlechte Bücher. Aus einem davon kann man viel lernen

Die Geschichte der "Rote Armee Fraktion" (RAF) ist überwiegend aus einer stark personalisierenden Perspektive erzählt worden; zentriert vor allem um Ulrike Meinhof. Auch die Bücher, mit denen ich mich vor zwei Jahren in den ersten beiden Folgen dieser Serie befaßt habe, waren so ausgerichtet: Klaus Rainer Röhls "Fünf Finger sind keine Faust", Stefan Austs "Der Baader- Meinhof- Komplex" und das Buch, das der Serie den Titel gegeben hat: "So macht Kommunismus Spaß" von Ulrike Meinhofs Tochter Bettina Röhl.

In dieser auf die Akteure der RAF, vor allem auf diejenigen der "ersten Generation" konzentrierten Betrachtungsweise erscheint der deutsche Terrorismus als die Kopfgeburt einer kleinen Gruppe von Personen, die - radikalisiert beispielsweise durch den Tod von Benno Ohnesorg - gewissermaßen "sich entschlossen, Terroristen zu werden".

Gewiß nicht ohne eine Vorgeschichte - aber diese wurde und wird eher in der Biografie der Protagonisten gesehen. Für Ulrike Meinhofs Weg in den Terrorismus habe ich diesen biographischen Hintergrund in der vierten Folge der Serie nachzuzeichnen versucht.

Gewiß, irgendwie war der Terrorismus auch aus dem zeitgeschichtlichen Kontext hervorgegangen; aus der Bewegung der "Achtundsechziger". Aber doch - so schien es auch mir, als ich die Serie "Wir Achtundsechziger" geschrieben habe - nicht als deren konsequente Fortsetzung, sondern als ihre Entartung.

Ich habe in dieser Serie beschrieben, wie aus den anarchistischen Politclowns die stalinistischen Kommissare und wie aus "begrenzter Regelverletzung" der Mord als Mittel der Politik wurden; wie damit die Terroristen der siebziger Jahre an die Tradition der Fememorde in den zwanziger Jahren anknüpften.

Die RAF, eine elitäre, ideologisch verbohrte, kalt mordende Kader- Organisation stand unverkennbar in der Tradition der SS. Und hatte damit - so erschien es mir bis vor kurzem - kaum noch etwas gemeinsam mit den zwar naiven, aber doch sympathischen Träumen von einer besseren Welt, die die "Studentenbewegung" beflügelt hatten.

Das war ein Irrtum.



Selten habe ich aus einem schlechten Buch so viel gelernt wie aus Götz Alys "Unser Kampf. 1968 - ein irritierender Blick zurück". Es ist vor gut einem Jahr erschienen. In den letzten Tage habe ich es gelesen, nachdem ich zuvor ein anderes Erzeugnis der 1968- Nostalgie hinter mich gebracht hatte, Jutta Ditfurths "Ulrike Meinhof. Die Biografie".

Sehr verschiedene Bücher sind das, und doch mit zwei Gemeinsamkeiten: Beide sind das Ergebnis fleißigen, beharrlichen Recherchierens. Und beide sind derart parteilich geschrieben, derart mit heißer Nadel gestrickt, daß sie sich selbst um ihre Wirkung bringen. Deshalb sind beides schlechte, sind es mißglückte Bücher.

Bei Ditfurth ist das so offensichtlich, daß über das Buch im Grunde weiter nichts zu sagen ist: Es ist nicht nur nicht "die" Biografie, sondern es ist überhaupt keine Biografie. Es ist eine Art Heiligenlegende; der Versuch, Ulrike Meinhof aufs Vorteilhafteste zu porträtieren.

Das Buch verdient es schon deshalb nicht, ernst genommen zu werden, weil kaum je Quellen genannt werden. So machten das schlechte Journalisten in den fünfziger Jahren, als der "Tatsachenbericht" in Mode war, der meist stufenlos in den "Tatsachenroman" überging.

Auf die Frage nach ihren Quellen hat Jutta Ditfurth geantwortet: "Die unzähligen Quellen, die ich im Buch aus rechtlichen Gründen nicht nennen kann, kann ich auch hier nicht nennen." Ja, dann müssen wir ihr halt vertrauen, dieser durch und durch parteilichen Autorin. Oder eben nicht; und das Buch zur Seite legen.

In dieser Hinsicht ist Götz Alys Buch ungleich seriöser. Aly hat im Bundesarchiv und in zahlreichen anderen Archiven recherchiert; er hat zeitgenössische Quellen und einen großen Teil der Literatur über die Achtundsechziger ausgewertet. Der Apparat umfaßt 348 Anmerkungen, das Literaturverzeichnis rund 150 Titel. Aly zitiert ausführlich, und jedes Zitat ist penibel belegt. Insofern ist das Buch eine Fundgrube; ich komme in der nächsten Folge auf das zu sprechen, was man darin finden kann.

Aber so viel Mühe sich Aly gemacht hat - er entwertet sein Buch selbst dadurch, daß er auch nicht einen Augenblick den Eindruck aufkommen läßt, er schreibe aus der Perspektive des um eine objektive, sachliche Darstellung bemühten Historikers.

Er schreibt vielmehr aus einer ähnlichen Perspektive wie Ditfurth, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Bei Ditfurth merkt man auf jeder Seite, daß es ihr darum geht, Ulrike Meinhof emporzuheben. Bei Aly ist ebenso das durchgängige Bestreben wahrzunehmen, die Achtundsechziger herabzusetzen.

Es ist das Werk eines Renegaten, der mit seiner eigenen Vergangenheit abrechnet. Aly kam im November 1968 als Student nach Berlin und engagierte sich sofort in der Studentenbewegung. Er kandidierte erfolgreich für die "Roten Zellen", war Redakteur der kommunistischen Zeitschrift "Hochschulkampf", dann Mitarbeiter der "Roten Hilfe".

Persönliche Erlebnisse aus dieser Zeit fließen in das Buch ein. Aber nicht das ist das ärgerlich Subjektive, sondern die Einseitigkeit, mit der Aly Negatives über seine damaligen Genossen zusammenträgt; bis hin zu ihrem späteren Lebensweg. ("Einer, der sich seinen Lebensunterhalt zuletzt als Masseur verdient hatte, ergatterte noch eine Professur in Erfurt"; S. 17 - in diesem hämischen Stil geht das über Seiten).

Man darf sich also von der Tendenz des Buchs nicht beeinflussen lassen. Als ich nach einigen Seiten Lektüre den Pamphlet- Charakter merkte, habe ich es sozusagen gegen den Strich gelesen: Die Wertungen, die einseitige Selektion der Themen ignorierend, nur interessiert an den Fakten, den Zitaten.

Und diese nun freilich sind erschreckend genug.



Es gibt nicht "die Achtundsechziger", die so etwas wie einen gemeinsamen politischen Willen gehabt hätten. Es gab - in der Serie über die Achtundsechziger habe ich das nachzuzeichnen versucht - sozusagen eine vertikale und dann zunehmend auch eine horizontale Differenzierung.

Die vertikale bestand darin, daß im chronologischen Ablauf aus einer diffus- antiautoritären, oft auch fröhlich- anarchistischen Bewegung Gruppen mit einen fest umrissenen politischen Programm hervorgingen. Die horizontale bestand darin, daß diese Gruppen sich immer mehr differenzierten und neben die politischen zunehmend auch lebenserformerische, ökologische, esoterische Gruppen traten.

Nicht von dieser ganzen Entwicklung, nicht von diesem ganzen Spektrum handelt Alys Buch, sondern überwiegend von einer bestimmten Gruppe in einem engen Zeitfenster: Der vom Berliner und Frankfurter SDS dominierten Gruppe um Anführer wie Rudi Dutschke, Bernd Rabehl, Wolfgang Lefèvre, Reimut Reiche, Frank und Reinhard Wolff in den Jahren zwischen 1967 und 1970.

Diese Gruppe bestimmte damals das Bild der "Studentenrevolte" in der Öffentlichkeit. Ihre Anführer traten in den Medien auf; über sie wurde überall an den Universitäten diskutiert. Das Buch "Rebellion der Studenten oder Die Neue Opposition" (1968) war - von Dutschke, Lefèvre und Rabehl zusammen mit einem gewissen Uwe Bergmann herausgegeben - ein großer Erfolg. Es steht noch in meiner Bibliothek; zusammen mit Werken wie "Die Linke antwortet Jürgen Habermas" und "Was wollen die Studenten?".

Was also wollten sie, "die Studenten" (dh. ihre Wortführer)? Darüber gibt Alys Buch Auskunft. Und es ist eine erschreckende Auskunft.

Eine Auskunft, die zeigt, daß der "bewaffnete Kampf" von diesen Ideologen und Anführern der Studentenbewegung keineswegs abgelehnt wurde. Sie wollten die Revolution - in den vor ihnen liegenden Jahren zunächst in Westberlin, wo sie eine Räteherrschaft errichten und aus dem sie unliebsame Personen deportieren wollten. Dann in Deutschland, schließlich in der ganzen Welt.

(Fortsetzung folgt)



Links zu allen bisherigen Folgen dieser Serie findet man hier. Für Kommentare bitte hier klicken.

8. Januar 2009

Zettels Meckerecke: Die "einzigartig starken" 68er und die Leiharbeiter. Phantasien zu Krawallen von Jugendlichen

Das folgende sind die letzten Sätze eines Artikels von Michael Schlieben in "Zeit Online" mit dem Titel "Generation Krise". Der Artikel, vorgestern erschienen, gehört zu einem Dossier "Jugend in Aufruhr", in dem Mitarbeiter von "Zeit Online" sich mit tatsächlichen oder möglichen Jugend- Unruhen in diversen Ländern befassen:
Schon die 68er waren einzigartig stark, weil sich Studenten und Schüler mit Arbeitslosen und Leiharbeitern solidarisierten – und umgekehrt. Diese Mischung war es auch, die in Italien den "Marsch auf Rom" erst ermöglichte.
An dieser Textpassage ist so ungefähr alles falsch.

Erstens konnten sich Schüler und Studenten im Jahr 1968 schon deshalb nicht mit Leiharbeitern solidarisieren, weil es diese noch gar nicht gab. Die Leiharbeit wurde in Deutschland erst am 1.8.1972 eingeführt.

Zweitens dürften die Schüler und Studenten Schwierigkeiten gehabt haben, die Arbeitslosen zu finden, mit denen sie sich laut Autor Schlieben "solidarisierten". Im Jahr 1968 gab es in der Bundesrepublik genau 323.480 Arbeitslose; das waren 1,5 Prozent. Im Jahr 1969 sank die Arbeitslosen- Quote auf 0,9 Prozent (178.579 Personen).

Drittens: Selbst wenn es damals schon Leiharbeit gegeben hätte und wenn eine nennenswerte Zahl von Personen arbeitslos gewesen wäre - nichts lag den rebellierenden Studenten ferner, als sich mit solchen Leuten zu "solidarisieren". Und schon gar nicht dachten Arbeiter daran, sich mit den Studenten zu solidarisieren.

In Frankreich war das etwas anders; da gab es - vermittelt vor allem über den Transmissionsriemen der PCF und anderer kommunistischer Organisationen - den Versuch, so etwas wie eine Gemeinsamkeit zwischen Studenten und Arbeitern herzustellen. Mit geringem Erfolg; aber man versuchte es immerhin.

In Deutschland konnte davon keine Rede sein. Die Proteste richteten sich gegen den Vietnamkrieg, gegen die Verhältnisse an den Hochschulen, dann gegen die "Springer- Presse" und allgemein gegen "das Establishment" und den "Konsumterror".

Themen wie Arbeitslosigkeit spielten nicht die geringste Rolle. Erst Anfang der siebziger Jahre, als die K-Gruppen entstanden, versuchte man (vergeblich), "Arbeiter zu agitieren".



Ist es Beckmesserei, wenn ich das richtigstelle? Mag sein, aber ich halte es für nötig.

Erstens, weil hinter solchen Schnitzern ein mangelndes Verständnis für das steckt, was sich in den Jahren 1968/1969 abgespielt hat: Eine Kulturrevolution, eine Rebellion vieler aus der jungen Generation gegen die Werte ihrer Eltern, mit denen sie, in wachsendem Wohlstand und im Frieden aufgewachsen, nichts mehr anfangen konnten. Ich habe das in einer autobiographisch gefärbten Serie zu beschreiben versucht.

Zweitens, weil die zitierte Passage bezeichnend ist für den ganzen Artikel, und dieser wiederum repräsentativ ist für das Klischee, mit dem solche Jugend- Krawalle gern erklärt werden: Irgend etwas ist sozial schief gelaufen; die Jugendlichen sind ergo frustiert ("perspektivlos"), und aus dieser traurigen Situation heraus protestieren sie, greifen gar zur Gewalt:
Denn natürlich sind es nicht verängstigte Supergebildete, die immer zorniger werden. (...) Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen in kümmerlichen Verhältnissen auf und haben immer weniger Chancen da rauszukommen.
So Schlieben; und er zitiert zustimmend Wilhelm Heitmeyer: "Nichts steigere die Wut so sehr wie das anhaltende Gefühl der Ohnmacht und das Gefühl, ohnehin nichts zu verlieren zu haben".

Natürlich können dies Ursachen für Protest und Gewalt sein; aber die Regel ist es keineswegs. Meist stecken hinter solchen Krawallen - so auch kürzlich in Griechenland - andere Ursachen und andere Motive.

Schlieben erwähnt in seinem Artikel als Belege für zunehmende "Jugendproteste" in Deutschland die Krawalle von Heiligendamm im Juni 2007. Aber deren Ursachen waren doch nicht Perspektivlosigkeit oder kümmerliche Verhältnisse, sondern die Wut von Linksextremen auf die Führung der G8-Staaten, die für "Neoliberalismus" und "Globalisierung" verantwortlich gemacht werden.

Als weiteres Beispiel nennt Schlieben die kürzlichen Krawalle an der Berliner Humboldt-Universität. Aber auch da ging es nicht um Ohnmacht oder kümmerliche Lebensverhältnisse; sondern es handelte sich um eine von kommunistischen Organisationen vorbereitete und gesteuerte Aktion mit Parolen wie: "Neugestaltung der Lehrpläne und der Bildungsdauer bis zum Abitur unter demokratischer Einbeziehung und Entscheidung durch SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern".

Nicht eben eine Parole für diejenigen, die "ohnehin nichts zu verlieren haben".

Bei solchen Aktionen wird linksextreme Politik mit Hilfe der Straße zu machen versucht; da geht es darum, Schüler "anzupolitisieren", um sie für die eigene Jugendorganisation zu gewinnen. In anderen Fällen - wie bei den Pariser Krawallen im März 2007 - sind es kriminelle Elemente, die sich in Randale, im Zündeln und in Attacken auf die Polizei üben.



Warum ist das Klischee von den armen Jugendlichen so weit verbreitet, die aus einer verzweifelten Situation heraus zu Protest und Gewalt greifen?

Ich weiß es nicht. Vielleicht steckt die marxistische Vorstellung dahinter, daß sich in derartiger Randale immer Klassenkämpfe manifestieren. Vielleicht liegt es an der sozialtherapeutischen Denkweise, die bei solchen Vorkommnissen die Schuld selten bei den Tätern sucht, stets aber bei "der Gesellschaft".

Vielleicht ist es auch schlicht gedankliche Trägheit. Was schon die Französische Revolution erklärt hat - daß die ausgebeuteten Armen in ihrer Verzweiflung zur Gewalt gegriffen hätten - , warum soll sich das nicht, ohne weiteres Nachdenken und weitere Analyse, auf jeden beliebigen derartigen Gewaltausbruch übertragen lassen?



Den letzten zitierten Satz habe ich leider überhaupt nicht verstanden: "Diese Mischung war es auch, die in Italien den 'Marsch auf Rom' erst ermöglichte". Schlieben meint doch nicht etwa Mussolini?



Für Kommentare bitte hier klicken.

6. Juli 2008

Marginalie: An US-Universitäten gehen die Linken in Pension. Ihre Nachfolger tendieren zur politischen Mitte

Was wir die Generation der Achtundsechziger nennen, das sind in den USA die Baby Boomers, die in der Nachkriegszeit Geborenen, als die Geburtenrate Spitzenwerte erreicht hatte.

Das ist eine unpolitische Bezeichnung für dieselbe Generation; aber zumindest an amerikanischen Universitäten ist es, wie auch an deutschen, eine politische Generation gewesen. Eine Generation, die in ihrer Jugend ähnliche prägende Erfahrungen gemacht hatte wie die deutschen Achtundsechziger - Vietnamkrieg, Jugendbewegung, sozialistische Träume.

So, wie an deutschen Universtäten jetzt die Achtundsechziger die Lehrstühle räumen, tun das in den USA auch die Baby Boomers. Und dabei vollzieht sich dort offenbar das, was auch in Deutschland zu beobachten ist:

Auf die Weltverbesserer folgt eine Generation der Weltläufigen. Auf die Zottelhaarigen, die bis zur Emeritierung im Pullover durch die Gänge der Unis schlurften und ihre Studenten - peinlich, peinlich - beharrlich duzten, folgen nüchterne Wissenschaftler, an ihrer Profession mehr interessiert als an der Revolution; am guten Leben mehr interessiert als an der Frage, ob es ein richtiges Leben im falschen geben kann.



Über diesen Generationswechsel an US-Universitäten berichtet jetzt Patricia Cohen in der International Herald Tribune. Sie beschreibt, wie damit die Politisierung der Universitäten zurückgeht:
... there are signs that the intense passions and polemics that roiled campuses during the past couple of decades have begun to fade. At Stanford a divided anthropology department reunited last year after a bitter split in 1998 broke it into two entities, one focusing on culture, the other on biology. At Amherst, where military recruiters were kicked out in 1987, students crammed into a lecture hall this year to listen as alumni who had served in Iraq urged them to join the military.

... es gibt Anzeichen dafür, daß die lebhaften Emotionen und Auseinandersetzungen, die die Universitäten in den vergangenen Jahrzehnten belasteten, zu schwinden beginnen. In Stanford hat sich die Abteilung für Anthropologie wieder vereinigt, die 1998 in einer erbitterten Spaltung in zwei Arbeitseinheiten zerfallen war, die eine kulturell, die andere biologisch ausgerichtet. In Amherst, wo Werber für das Militär 1987 herausgeworfen worden waren, drängten sich dieses Jahr Studenten in einem Hörsaal, um zu hören, wie Ehemalige, die im Irak gedient hatten, ihnen nahelegten, zum Militär zu gehen.

Über die politische Haltung des Lehrkörpers der Universitäten gibt es kaum empirische Untersuchungen. Als eine der wenigen zitiert Patricia Cohen eine Erhebung von Neil Gross und George Mason. Diese Autoren fanden, daß die Kluft zwischen den Generationen nicht nur auf den ersten Blick bestehe:
"Self-described liberals are most common within the ranks of those professors aged 50-64, who were teenagers or young adults in the 1960s," they wrote, making up just under 50 percent. At the same time, the youngest group, ages 26 to 35, contains the highest percentage of moderates, some 60 percent, and the lowest percentage of liberals, just under a third.

When it comes to those who consider themselves "liberal activists," 17.2 percent of the 50-64 age group take up the banner compared with only 1.3 percent of professors 35 and younger. "These findings with regard to age provide further support for the idea that, in recent years, the trend has been toward increasing moderatism," the study says.

"Personen, die sich selbst als Linke sehen, sind am zahlreichsten in den Reihen der Professoren im Alter von 50-64, die in den sechziger Jahren Jugendliche oder junge Erwachsene waren", schreiben sie. Das seien knapp fünfzig Prozent. Zugleich umfaßt die jüngste Gruppe, der Altersbereich von 26 bis 35, den höchsten Prozentsatz von Personen, die sich in der Mitte sehen (moderates), ungefähr sechzig Prozent, und den geringsten Prozentsatz von Linken, etwas weniger als ein Drittel.

Was diejenige angeht, die sich als "Linksaktivisten" (liberal activists) sehen, so heften sich 17,2 Prozent in der Altersgruppe 50-54 dieses Etikett an, im Vergleich zu nur 1,3 Prozent bei den Professoren unter 35 Jahren. "Diese Ergebnisse in Bezug auf das Alter liefern weitere Belege für die Annahme, daß in den vergangenen Jahren der Trend hin zur Mitte geht", heißt es in der Untersuchung.



In Deutschland, wo die USA oft als viel konservativer wahrgenommen werden, als sie es tatsächlich sind, wurde und wird oft übersehen, daß in kaum einem Land die Universitäten so eindeutig links dominiert sind wie in den USA. Was an deutschen Universitäten nur sporadisch und vor allem in einigen Bundesländern der Fall gewesen ist - daß bis in die offiziellen Lehrinhalte hinein eine einseitig linke Ausrichtung dominierte, daß konservativen Professoren das Leben schwer gemacht wurde -, das war und ist teilweise noch an US-Universitäten weit verbreitet.

Die Wissenschaft, der "Geist" sind aber nicht sozusagen ihrem Wesen nach links. Dieser Eindruck ist nur einige Jahrzehnte lang entstanden, in einer bestimmten historischen Situation im letzten Drittel des Zwanzigsten Jahrhunderts. Jetzt beginnt, mit dem Generationswechsel, offenbar die Normalisierung. In den USA wie in Deutschland.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

19. Mai 2008

Wir Achtundsechziger (7): Eine deutsche, eine sehr deutsche Bewegung

Daß es um 1970 herum weltweit zu einer Jugendbewegung kam, lag - so habe ich argumentiert - an einem Umbruch der Generationen: Die Moral der Generation der Eltern und der Großeltern, die diese unter den harten Anforderungen der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts hatten haben müssen, paßte nicht mehr für eine in Frieden und wachsendem Wohlstand aufgewachsene Generation.

Das war weltweit so. In San Francisco und in Paris, in Berlin und in Prag, in Rom und selbst in Peking lebte es sich Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre ungleich besser, als diejenigen es jemals kennengelernt hatten, die in den Kriegs- und Krisenzeiten ab 1914 aufgewachsen waren.

Das neue Lebensgefühl, die neuen Lebensansprüche der Nachkriegsgeneration suchten sich ihre Moral. Das war - so meine These - der Kern dieser Bewegung und der Grund dafür, daß es eine weltweite Bewegung war.

Aber vor dem Hintergrund dieser Gemeinsamkeit einer Generation gab es große nationale Unterschiede. Überall zeigte sich nationale Prägung, wurden nationale Traditionen aufgegriffen.

Der Mai 1968 in Frankreich war eine Inszenierung nach dem Vorbild der Grande Révolution. Die Hippies an der amerikanischen Westküste waren Nachfahren der Pioniere, die einst diesen Westen erobert hatten; das war eine Grass Root Revolution, ein Zurück zu den Wurzeln.

In Prag versuchte man, leise und mit List dem Kommunismus zu entkommen, so wie es in der Tradition eines kleinen Volks lag, das sich traditionell auf diesem Weg gegen die Großen ringsum zu behaupten versucht hatte. In Italien agierten die Brigate Rosse in der Tradition der sehr italienischen Verquickung von Politik und Verbrechen, die sich bis in die Zeit der Borgias zurückverfolgen läßt; halb Garibaldi, halb Rinaldo Rinaldini.



Auch in Deutschland war die Jugendrevolte durch solche nationalen Besonderheiten geprägt; sie trug die Spuren der Romantik ebenso wie diejenige der Hegel- Marx'schen Tradition, die Politik philosophisch zu überhöhen.

Aber dann gab es auch noch Aktuelleres, Zeitgeschichtlicheres. Es gab die Prägung, die diese Generation durch die vorausgehenden Jahrzehnte deutscher Geschichte erfahren hatte.

Es war eine widersprüchliche Prägung. Einerseits waren diese jungen Leute, wie man zu sagen pflegt, "die Kinder ihrer Eltern". Sie waren von diesen viel mehr beeinflußt, als sie dachten. Sie waren ihren Eltern viel ähnlicher, als sie es wahrhaben wollten.

Andererseits rebellierten sie gegen diese Eltern, erbitterter als irgendwo sonst, außer in China. Beides zusammen machte das Spezifische dieser deutschen Variante der globalen Jugendbewegung aus. Zu beiden Aspekten nun ein paar Erläuterungen.



Seine eigene Ähnlichkeit mit anderen merkt man selten; man sieht stets eher die Unterschiede. Daß Kinder ihren Eltern ähnlich sehen, bemerken Außenstehende sofort, die Kinder selbst selten. So ist es auch mit Charakterzügen, mit Einstellungen und Anschauungen.

1968 war die Bonner Republik so alt, wie jetzt die Berliner Republik ist: Knapp zwanzig Jahre. Die Nazi- Zeit lag kaum länger zurück als heute die Zeit der DDR. Die Achtundsechziger waren so wenig in einer Umgebung mit einer stabilen, selbstverständlichen freiheitlich- demokratischen Tradition aufgewachsen wie ihre heutigen Altersgenossen, die in Rostock oder Cottbus groß wurden.

Und auch die Weimarer Republik, die heute nur noch Stoff von Geschichtsbüchern ist, war noch gegenwärtig. Wer um 1950 herum geboren war, dessen Eltern hatten sie noch als Kinder oder Jugendliche, dessen Großeltern hatten sie als Erwachsene erlebt. Mein Großvater hatte Geld aus der Inflationszeit aufbewahrt und erzählte mir, wie er später in der Weltwirtschaftskrise arbeitslos wurde und was das für die Familie bedeutete.

Auch das Politikverständnis nicht nur der Nazizeit, sondern eben auch noch der Weimarer Zeit war für die Achtundsechziger lebendige Vergangenheit. Ein Verständnis von Politik, das im Andersdenkenden den Feind sah, den man bekämpfte, oft buchstäblich bis aufs Messer. Die Weimarer Republik war durchzogen gewesen von politischer Gewalt; von den Bluttaten der Freicorps und der Roten Ruhrarmee, von den Morden an Rosa Luxemburg und Walter Rathenau, vom Terror der SA und der Rotfront in den Jahren ihres Untergangs.

Daß die Achtundsechziger Bewegung in Deutschland in einem Ausmaß in politischer Kriminalität endete, wie das außer in China nirgendwo auf der Welt der Fall war, muß meines Erachtens in diesem Zusammenhang gesehen werden. So sehr die Achtundsechziger gegen ihre Eltern und Großeltern aufbegehrten - in vielem dachten sie wie diese.

Daß Politik nicht darin besteht, die Welt zu verändern, sondern Interessen auszugleichen; daß dem Andersdenkenden derselbe Respekt zusteht, den man für die eigene Meinung in Anspruch nimmt; daß Politik nicht auf der Straße gemacht wird, sondern in Wahlkabinen und in den Parlamenten - diese demokratischen Selbstverständlichkeiten waren den meisten deutschen Achtundsechzigern keineswegs selbstverständlich.

Die Reeducation, so nötig und so erfolgreich sie gewesen war, hatte noch nicht wirklich zu einer tiefgreifenden Änderung der Mentalität vieler Deutscher geführt; auch nicht in der Generation der in der Nachkriegszeit Geborenen. Der demokratische Firniß war noch dünn.

Und bei einer Minderheit war er so dünn, daß sie sich sogar das Recht nahm, Menschen zu ermorden, nur weil sie nicht dieselbe politische Gesinnung hatten wie sie selbst.



Insofern also waren die Achtundsechziger "Kinder ihrer Eltern". Andererseits wollten sie das eben nicht wahrhaben. Wie die Anderen weltweit rebellierten sie gegen die Eltern. Aber es war eine sehr spezielle Rebellion, eine viel problembeladenere.

Die Woodstock-Generation in den USA fand die Eltern spießig und angepaßt. Die Generation des Mai '68 in Frankreich fand sie unentschlossen und mutlos, weil sie nicht die Revolution machen wollte. Die deutschen Achtundsechziger aber sahen in ihren Eltern sehr oft moralische Versager, wenn nicht Handlanger des Verbrechens.

Je mehr meine Generation sich mit den Verbrechen der Nazis befaßte - und das geschah in den fünfziger, den sechziger Jahren durchaus, auch in der Schule -, umso drängender wurde die Frage, wie die Generation der Eltern so etwas hatte zulassen können, wieso die meisten sogar in irgendeiner Form mitgemacht hatten.

Einen Dialog darüber gab es kaum. Die Eltern - Menschen, die es ihr Leben lang schwer genug gehabt hatten - verstummten vor den Anklagen, dem selbstgerechten Moralisieren ihrer Kinder. Es war, was das Politische anging, eine Nicht- Kommunikation zwischen den Generationen, wie man sie sich heute als Jüngerer vermutlich kaum vorstellen kann.

Viele der Achtundsechziger wußten noch nicht einmal, was ihre Eltern eigentlich zwischen 1933 und 1945 gemacht, welche Funktionen und Ämter sie gehabt, was sie im Krieg erlebt hatten. Es war ein allgemeines Schweigen.

Wie lebt man als junger Mensch mit einer solchen Belastung? Es gab verschiedene Auswege. Man konnte sie einfach ignorieren, es sich im Konsum gut gehen lassen. Das taten sehr viele. Aber die Engagierteren, die Sensibleren suchten einen anderen Weg.



Was ich jetzt beschreibe, das ist eine Vermutung. Ich kann es nicht beweisen, aber es kommt mir plausibel vor: Mir scheint, daß viele der Achtundsechziger diesen, sagen wir, Schweige- Konflikt mit den Eltern zu bewältigen versuchten, indem sie das taten, was sie an ihren Eltern vermißten: Sie zogen in den Widerstand. Stellvertretend für die Eltern. Sie wollten das nachholen, was diese ihrer Ansicht nach versäumt hatten.

Die deutsche Achtundsechziger Bewegung bekam dadurch etwas Gespenstisches, Unwirkliches. Sie war ein Kampf gegen den Faschismus. Nur gab es diesen ja nicht mehr.

Also mußte man ihn erfinden. Die kommunistische Propaganda aus der DDR lieferte dazu viel an Grundlegung. Eine Kampagne nach der anderen rollte mit dem Ziel, einen führenden Politiker der Bundesrepublik als Nazi zu verunglimpfen; von dem "SA-Mann Schröder" (langjähriger Außen- und Innenminister; 1969 Heinemann als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten unterlegen) über den "NS-Propagandisten Kiesinger" bis zu dem "KZ-Baumeister Lübke" und dem "Kommentator der NS-Gesetze Globke".

Schon diese formelhafte Wiederholung der jeweiligen herabsetzenden Bezeichnung zeigt, wie hier Propaganda am Werk war. Aber wir Achtundsechziger glaubten dieser Propaganda nur allzu bereitwillig, die, aus der DDR gesteuert, über Medien wie "Konkret" verbreitet wurde und Mainstream- Medien wie den "Spiegel" und den "Stern" nicht unerheblich beeinflußte. Sie bewies für viele von uns, daß der Adenauer- Staat nur eine Fortsetzung des NS-Staats war; daß die "herrschenden Kreise", die den Nazis an die Macht verholfen hatten, weiter an den Schalthebeln saßen.

Wir glaubten das so sehr, daß der unglückliche Schuß eines überforderten Polizisten, der Benno Ohnesorg tötete, als Fanal eines neuen Faschismus gesehen, daß die Schüsse eines verwirrten Sonderlings auf Rudi Dutschke der "Springer- Presse" in die Schuhe geschoben wurden.

Es paßte ja alles ins Bild. Der Faschismus stand wieder vor der Tür; so bildete man es sich ein.

Aber diesmal, so dachten viele, würde man es nicht machen wie die Eltern. Man würde sich wehren. Das war der Nährboden dafür, daß die RAF-Mörder auf so viel heimliche, teils auch gar nicht so heimliche Zustimmung, ja auf Unterstützung rechnen konnten. Denn die hatten sie; die "klammheimliche Freude" des "Tupamaro" war kein Einzelfall.



Die Wahnvorstellung vom neuen Faschismus, den es zu bekämpfen gelte, stand in einem fast absurden Gegensatz zu einer Realität, die den Rebellierenden so viel Freiheiten ließ, wie sie sich nur wünschen konnten.

Jedenfalls war das in den ersten Jahren so.

Man "besetzte" an den Universitäten Dekanate und Rektorate; und die Rektoren und Dekane holten nicht etwa die Polizei, um dem Recht zur Geltung zu verhelfen, sondern sie verzogen sich in irgendwelche andere Räume, in denen der Betrieb notdürftig weiterging. Das "Sprengen" von ungeliebten Lehrveranstaltungen und Klausuren (in Statistik zum Beispiel) war an der Tagesordnung; und keiner der Täter wurde der Universität verwiesen.

Es war also einerseits eine Bereitschaft da, Gewalt anzuwenden; man kämpfte ja gegen den "Faschismus". ("Faschistoid" wurde zur beliebten Vokabel; so nannte man alles, das man bekämpfte und was so offensichtlich nicht faschistisch war, daß man dafür einen Ersatznamen brauchte). Und andererseits hatte man in den ersten Jahren der "Bewegung" die Erfahrung gemacht, wie leicht man "die Herrschenden" ins Bockshorn jagen konnte.

Beides zusammen führte ebenso zur Arroganz und maßlosen Selbstüberschätzung der K-Gruppen wie zum Terror der RAF.

Man führte, davon war man überzeugt, einen gerechten Kampf. Und der Gegner war schwach, ein "Papiertiger". So hatte man es bei Mao gelesen, und die "Praxis" der Aktionen, mit denen mißliebige Professoren fertiggemacht, mit denen Häuser widerrechtlich besetzt und Andersdenkende eingeschüchtert wurden, schien ihm Recht zu geben.

Diese "Herrschenden" waren sogar so dumm und naiv, daß sie im Mai 1970 einer "Ausführung" von Andreas Baader zustimmten und diesen so miserabel bewachen ließen, daß ihn mutige Revolutionäre befreien konnten. Was stand da dem "Bewaffneten Kampf in Westeuropa" noch im Weg?

Es war ein in seiner fürchterlichen Logik durchaus konsequenter Weg, der von dem kommunistisch gesteuerten linken "Widerstand" in der Adenauer- Zeit über die Rebellion der Jahre 1967 bis 1969 in die Kriminalität führte. Man kann das an der Lebensgeschichte von Ulrike Meinhof beispielhaft ablesen, der ich hier in ZR einmal eine kleine Serie gewidmet habe.



Viel mehr noch als in Deutschland wird in diesen Tagen in Frankreich auf die Achtundsechziger Zeit - dort als "Mai '68" firmierend - zurückgeblickt. Der Nouvel Observateur bietet im Web sogar eine tägliche Auswahl von Meldungen des jeweiligen Tags vor vierzig Jahren an.

Dort, in Frankreich kann man ganz überwiegend mit Stolz, die Jüngeren wohl auch ein wenig mit Neid, auf diese bewegte Zeit zurückblicken. Wir Deutsche können das nicht. Was als fröhliche Befreiung vom Muff der tausend Jahre begonnen hatte, endete bei uns mit der Bewunderung von Pol Pot, mit Entführungen und Morden.

Mir scheint im Rückblick, daß die Nachkriegszeit nicht 1967 oder 1968 zu Ende ging, als diese Bewegung begann, sondern erst im Herbst 1977, als sie so blutig endete, daß danach alle ihre Träume ausgeträumt waren.

Dies ist die letzte Folge der Serie "Wir Achtundsechziger". Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

4. Mai 2008

Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder. Eine moralisch-hedonistische Generation wendet sich gegen eine skeptische Generation

In den bisherigen Folgen dieser Serie habe ich die Perspektive eines Erzählers eingenommen; desjenigen, der diese Zeit der Achtundsechziger erlebt hat und der nun darauf zurückblickt. Jetzt will ich mich damit befassen, warum das eigentlich so war.

Warum was eigentlich wie war?

Erstens, warum es um die Wende zu den siebziger Jahren eine weltweite Welle von Unruhen gab, deren Träger junge Menschen waren (sagen wir, zwischen 15 und 25 Jahren).

Zweitens, warum diese Jugendbewegung in Deutschland gerade diejenigen Formen annahm, die ich in den früheren Folgen skizziert habe - vom fröhlichen Aufbruch über das Abgleiten in Lächerlichkeit und Autoritätswahn bis hin zu der Entmischung in den Siebzigern, die aus den ehemaligen Genossen wohlbestallte linksliberale Akademiker hat werden lassen, verbohrte Kommunisten, grüne Erretter der Welt, zynische Mörder und Terroristen.



Daß es manchmal dem Verständnis für geschichtliche Bewegungen auf die Beine hilft, wenn man in Generationen denkt, habe ich das erste Mal verstanden, als ich eine Bemerkung von Arno Schmidt über die Romantiker gelesen habe: Das sei eine von Revolutionen, Krieg und ständigen Unruhen geschüttelte Generation gewesen, die sich ihre Welt der Märchen, des Mittelalters, der reinen Poesie als Gegenentwurf zu der üblen Realität geschaffen hatte, in der sie hatte aufwachsen müssen. (Aktuell und mit vielen Einzelheiten kann man das in Rüdiger Safranskis schönem Buch über die Romantik lesen).

Seither habe ich es immer einmal wieder nützlich gefunden, mir solche kollektiven Erfahrungen einer Generation vor Augen zu führen und mich zu fragen, was sie für die Ereignisse einer Epoche bedeutet haben könnten; kürzlich zum Beispiel in Bezug auf die Frage, warum jüngere Amerikaner Barack Obama und ältere Hillary Clinton bevorzugen.

Wie war das bei den Achtundsechzigern? Nehmen wir das Jahr 1970 als Bezugsjahr. Nehmen wir an, daß diese Unruhigen damals im Schnitt zwanzig Jahre waren. Dann waren das die Geburtsjahrgänge um 1950 herum, plus minus vielleicht fünf Jahre.

Eine Generation mit der prägenden Erfahrung - nicht nur in Deutschland, sondern in den meisten Weltgegenden - eines unaufhörlichen Friedens. Mit der Erfahrung, daß alles immer besser wurde.

Im freien Teil Europas entstand die friedliche, ökonomisch ungemein erfolgreiche "Nachkriegsordnung", die sich auf Kapitalismus, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie gründete. In den USA erholte man sich, wie auch in Europa, von den Lasten des Zweiten Weltkriegs; nach 1953 auch denen des Korea-Kriegs, der dessen letzter Ausläufer gewesen war.

Wer das Pech hatte, in einem der von den Kommunisten eroberten Länder oder Landesteile zu leben, hatte daran nur wenig Anteil. Aber immerhin, wenn man auch nicht frei war, so herrschte doch nicht mehr der nackte Terror, wie unter Stalin. Wenn man auch den Wohlstand, der sich in den kapitalistischen Ländern entwickelte, nur mit neidischem Staunen sehen konnte, so ging es doch auch unter den Kommunisten zumindest nicht ökonomisch bergab.

Und selbst im armen China, das durch den Bürgerkrieg ausgepowert war, setzte nach der Flucht der legalen Regierung Tschiang Kai Tscheks, nach der Machtübernahme Maos so etwas wie eine Zeit des Wiederaufbaus ein. Das Niveau war im Machtbereich des Kommunismus nicht mit dem in der freien Welt zu vergleichen; aber die Richtung war dieselbe: Es wurde besser, mit der Aussicht auf sich immer weiter verbessernde Lebensverhältnisse.



So wuchsen wir Achtundsechziger auf. In einer Zeit des ständigen Fortschritts, der in allen Lebensbereichen mit Händen zu greifen war.

Ich habe das sehr intensiv erlebt. In den ersten Nachkriegsjahren lebte die ganze Familie in einem einzigen Raum, notdürftig durch Bretterwände unterteilt. Meine Eltern gingen "Ähren lesen", nachdem die Felder abgeerntet waren, und wir Kinder sammelten im Herbst Bucheckern, weil die nahrhaft waren. Aber schon 1950 hatten wir wieder ein Auto, natürlich einen VW, dann eine Wohnung, dann ein ganzes Haus. Meine Großmutter kam eines Tages begeistert nach Hause: Sie hatte beim Bäcker den ersten "Blätterteig" seit dem Krieg gesehen. Das war für sie das Zeichen, daß es jetzt wieder voran ging.

So ging das immer weiter für diese Generation. Als man erwachsen geworden war, hatte man eine Kindheit und Jugend hinter sich, die nur eine Richtung gekannt hatte: Alles war immer besser, immer reicher, immer bequemer geworden. Der Frieden war eine selbstverständliche Konstante, die Freiheit war eine Konstante. Der Wohlstand war es gerade nicht. Er war ständig gewachsen, und dieses Wachstum war freilich eine Konstante gewesen; die erste Ableitung sozusagen war stabil geblieben.

Ja, hätte eine solche Generation denn nicht allen Grund gehabt, zufrieden zu sein, ihren Eltern dankbar für das, was sie geleistet hatten, dem Kapitalismus dankbar für den Wohlstand, den er ermöglicht hatte, dem demokratischen Rechtsstaat für die Freiheit, die er garantierte? Auf den ersten Blick scheint es, daß die Kindheits- und Jugenderfahrungen dieser Generation eine Aufruhr gerade nicht rechtfertigten, daß also das generationsbezogene Erklärungsmodell sich als untauglich erweist.

Warum waren die Achtundsechziger so undankbar, das von ihren Eltern und Großeltern Geleistete nicht anzuerkennen? Warum waren sie so realitätsblind, von einem sozialistischen Wolkenkuckucksheim zu träumen, statt sich an der realen Freiheit und dem realen Wohlstand zu erfreuen, in denen sie leben durften?



Karl Marx erklärte revolutionäre Situationen daraus, daß sich ein Widerspruch zwischen Produktivkräften und den Verhältnissen in der Gesellschaft entwickelt hätte: "Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein", schreibt er in der "Kritik der politischen Ökonomie".

Wie vieles, was sich Marx ausdachte, war das an der Französischen Revolution orientiert, wo in der Tat die Herrschaft des Adels zu einer Fessel für die Industrialisierung geworden war; wo die Befreiung des Bürgertums in der Tat große Produktivkräfte freigesetzt hatte.

Für die Situation um 1970 herum ist dieses Erklärungsmodell offensichtlich ganz und gar ungeeignet.

Denn erstens waren die revolutionären Tendenzen nicht gegen eine herrschende Klasse gerichtet, sondern ihre Träger waren die Kinder der Wohlhabenden, während die Arbeiter ihnen (mit wenigen Ausnahmen, wie kurzzeitig in Frankreich) ablehnend gegenüberstanden.

Zweitens war damals der Kapitalismus nicht nur keine Fessel der Produktivkräfte, sondern gerade im damaligen Kapitalismus entwickelten diese sich bestens; das Kommunikations- und Computerzeitalter stand ja vor der Tür.

Und drittens waren die revolutionären Tendenzen, die es damals zweifellos gab, nicht auf eine Befreiung der Produktivkräfte von Fesseln gerichtet, sondern ganz im Gegenteil auf deren Fesselung. Die "Grenzen des Wachstums" war der Titel des vermutlich einflußreichsten Buchs der siebziger Jahre, des "Berichts des Club of Rome". Wenn man damals von "Nullwachstum" sprach, dann meinte man nicht eine Stagnation des BSP, sondern einen erstrebenswerten Zustand, in dem die Wirtschaft allenfalls noch "qualitativ" wachsen sollte.

Kurz - es ging 1968 nicht, wie 1789, um mehr Brot und weniger Steuern, sondern man wollte mehr Steuern, damit der Staat dieses Geld umverteilen konnte, und man wollte die Menschen davon überzeugen, daß Brot nicht alles ist. Vom "Konsumterror" wollte man sie befreien, die Mitmenschen.

Diese (versuchte, freilich steckengebliebene und letztlich gescheiterte) Revolution war in der Tat eine "Kulturrevolution", keine Revoiution mit materiellen Zielen. Sie war die Revolution nicht einer Klasse, sondern einer Generation. Ihr Ziel war es nicht, das Los der Menschen zu verbessern, sondern diese selbst zu besseren Menschen zu machen.



Und doch paßt Marx' Revolutionstheorie in gewisser Weise auf diese revolutionäre Stimmung der Achtundsechziger. Zwar hatten sich Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte nicht auseinanderentwickelt. Aber in anderer Hinsicht gab es doch so etwas wie eine Ungleichzeitigkeit, und es gab auch eine Fesselung aufgrund dieser Ungleichzeitigkeit.

Was sich auseinanderentwickelt hatte, das waren die Lebensverhältnisse und die herrschende Moral. Diese Moral - die Moral der Väter, der Großväter - entsprach nicht mehr den Verhältnissen, in denen die Nachkriegsgeneration aufgewachsen war. Sie wurde deshalb von dieser als eine Fessel empfunden.

Wie 1789 erzeugte das dieses Lebensgefühl: Werft die Fesseln ab! Erstreitet euch eure Freiheit! Nur war es nicht eine Klasse, die dieses Lebensgefühl hatte, sondern eine Generation; nur war die erstrebte Freiheit nicht die, seine Träume von dem Weg aus der Armut in den Wohlstand zu verwirklichen, sondern es war die Freiheit, "sich selbst zu verwirklichen".



Die herrschende Moral ist nicht, wie Marx meinte, die Moral der Herrschenden (die halten sich oft gerade nicht an die herrschende Moral). Sondern es ist die Moral der Generation der Väter, der Großväter. Von ihnen lernt die junge Generation, was gut ist und was böse, was man darf und was nicht, was anständig ist und was unanständig.

In relativ stabilen Zeiten funktioniert diese Weitergabe der Moral ohne Probleme; auch wenn ein wenig Aufmüpfigkeit zum Erwachsenwerden gehört. Aber wenn die Zeiten, in denen die ältere Generation lebte und sich behaupten mußte, sich radikal von denen unterscheiden, in denen die jüngere aufwächst, dann erscheint diese überkommene Moral als nicht mehr legitimiert.

Das war um 1970 herum weltweit der Fall; und hier liegt die Wurzel dieser weltweiten Jugendrevolte.

Die Generationen der Väter und der Großväter hatten fast vierzig Jahre lang - von 1914 bis zum Anfang der fünfziger Jahre - in Zeiten des Kriegs, der Wirren, der Armut, der Unterdrückung zurechtkommen müssen. Das konnte man nur mit "Sekundärtugenden", die damals eben alles andere als sekundär gewesen sind - Fleiß, Disziplin, Gehorsam, vor allem auch Anpassung.

Diese Tugenden waren es auch, die den schnellen Aufstieg nach 1950 ermöglichten. Ein solches "Goldenes Zeitalter" findet man oft nach dem Ende von Kriegswirren, weil dann alle diese Tugenden in den Dienst friedlicher Zwecke gestellt werden können.

Es war, mit Freud gesprochen, eine Zeit, in der das Realitätsprinzip eisern geherrscht hatte; in der dem Lustprinzip, angesichts einer harten Realität, nur wenig Spielraum gelassen werden konnte. Eine "skeptische Generation" hat der Soziologe Helmut Schelsky diese Generation der Väter und Mütter der Achtundsechziger genannt - desillusioniert, realitätsnah, ohne Flausen im Kopf.

Der Frieden, der wachsende Wohlstand, die Freiheit in der Epoche, in der die Achtundsechziger aufwuchsen, ermöglichten aber just solche Flausen. Sie ermöglichten ein lustvolleres Leben, ein weniger von Mühsal geprägtes Leben als das der Eltern und Großeltern. Und sie ermöglichte zugleich den Luxus einer sozusagen höheren, einer altruistischeren, einer gewissermaßen edleren Moral als die der Sekundärtugenden.

Für die Eltern und Großeltern hatte die moralische Anforderung gelautet, die eigene Familie durch schwere Zeiten zu bringen, dafür fleißig, diszipliniert und genügsam zu sein. Die Achtundsechziger konnten sich eine Moral leisten, die das Glück der Menschen in Vietnam und überhaupt weltweit, die ein "entfremdetes Leben" für alle, die "Freiheit von Ausbeutung" zum Inhalt hatte.

Es war eine infantile Moral, eine zugleich hedonistische und überstrenge Moral; eine Moral, die alles forderte und alles beanspruchte. Aus ihr leitete sich das ab, was an der Oberfläche die Zeit der Achtundsechziger so widerspruchsvoll machte - der Traum vom einfachen Leben ebenso wie das Engagement für die "Befreiungskämpfe in der Dritten Welt", die versponnen Lehren der Kathedersozialisten ebenso wie die blutige Praxis der RAF.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

24. April 2008

Zitat des Tages: Barack Obama vs. Hillary Clinton - ein Generationskonflikt?

But she won't leave. She will never leave. Ceding to someone younger is unthinkable to her. It's a form of death for her.

(Aber sie wird nicht aufgeben. Sie wird niemals aufgeben. Einem Jüngeren zu weichen ist undenkbar für sie. Es ist für sie eine Form des Sterbens.)

Andrew Sullivan in The Atlantic über Hillary Clinton.

Und über Barack Obama schreibt er, ein begeisterter Anhänger Obamas:
If Obama thinks he has a right to actually be nominated by the Clinton Democrats because he has won more votes, more states and more delegates, he is sadly mistaken. They will never let such a person win without a death struggle. And that is where the Democrats are now headed.

Wenn Obama glaubt, daß er das Recht hat, von den Clinton- Demokraten auch tatsächlich nominiert zu werden, weil er mehr Stimmen, mehr Staaten und mehr Delegierte hat, dann unterliegt er einem bedauerlichen Irrtum. Sie werden so jemanden niemals ohne einen Kampf bis zum Letzten gewinnen lassen. Und darauf steuern die Demokraten jetzt zu.
Kommentar: Was die Psychologie von Hillary Clinton angeht, kommt Sullivan zu einer ähnlichen Beurteilung, wie sie hier zu lesen war; wenn ich auch nicht sehe, daß die Frage des Alters so kritisch für Hillary Clinton ist. Zur Psychologie Clintons hat C. in "Zettels kleinem Zimmer" auf eine interessante (Psycho-)Analyse aufmerksam gemacht.

Auch wenn ich nicht glaube, daß Clinton sich einem älteren Konkurrenten gegenüber anders verhalten würde als gegenüber Obama - daß der Kampf zwischen den beiden auch, vielleicht sogar in erster Linie, ein Generationskonflikt ist, wird mir immer wahrscheinlichlicher.

Zum einen stimmten es mit den Wähleranalysen überein, die ich hier zusammengestellt habe und auf die auch Sullivan hinweist: In allen Altersgruppen bis 40 lag auch in Pennsylvania wieder Obama vorn, in allen Altersgruppen darüber Clinton.

Zum anderen erklärt es mir (inzwischen) die Heftigkeit, mit der in der liberalen Blogokugelzone für Obama Partei ergriffen wird - überwiegend, wie ich zu vermuten Grund habe, von jüngeren Kollegen. Zwei Threads voll kontroverser Diskussionen in "Zettels kleinem Zimmer" geben davon einen Eindruck. Es scheint mir, daß auch in Deutschland diejenigen, die sich für Obama begeistern, die unter Vierzigjährigen sind, und daß bei Älteren wie mir die Skepsis überwiegt.

Und drittens erklärt diese Vermutung ein Phänomen, für das ich noch keine andere Erklärung gefunden habe: Obama und Clinton unterscheiden sich in allen wichtigen politischen Fragen - Irak, Gesundheitswesen, Steuern, Einwanderung usw. - nur in Nuancen. Warum dann dieser heftige Antagonismus?

Gut, daß die beiden aufeinander losgehen, mag daran liegen, daß beide einen unbedingten persönlichen Siegeswillen haben. Aber warum spaltet ihr Kampf auch die Demokratische Partei so tief, daß starke Minderheiten auf beiden Seiten inzwischen erklären, sie würden eher McCain wählen oder zu Hause bleiben, als den jeweils anderen, sollte er/sie nominiert werden?

Es muß wohl um etwas sehr Emotionalisierendes gehen.

Es muß wohl so sein, daß die einen Obamas Heilsversprechen mitreißend finden, und die anderen diese Pose verabscheuen.

Es muß wohl so sein, daß die einen Hillary Clintons Selbstkontrolle und Erfahrung vertrauenerweckend finden, während gerade das die anderen mißtrauisch macht.

Kurz, ein Generationskonflikt, ein generation gap, als Erklärung für den politischen Graben, das leuchtet mir ein.



Nehmen wir einmal an, daß diese Erklärung stimmt. Wie kommt es dann, daß dieser Konflikt gerade jetzt ausbricht, daß er sich gerade an diesen beiden Personen entzündet?

Mir scheint sich in den USA, vielleicht bald auch in Deutschland, eine Situation zu entwickeln, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der von 1968 hat; freilich mit, wenn man so will, umgekehrten Vorzeichen.

Damals gab es - ich werde darüber noch einen eigenen Artikel schreiben - das Zusammenprallen der Kriegsgeneration mit einer Generation, die nur Frieden und steigenden Wohlstand gekannt hatte. Verhaltensweisen, die den einen von der Realität eingebleut worden waren, erschienen den anderen spießig und vermufft, wenn nicht gar faschistisch. Die Wurzel der Unruhe Ende der Achtziger Jahre waren grundlegend verschiedene Lebenserfahrungen, die die Älteren und die Jüngeren gemacht hatten.

Jetzt bewegen sich die USA auf Zeiten zu, in denen sie die Globalisierung mit voller Härte treffen wird. Die vielleicht bevorstehende Rezession könnte ein Vorbote sein. Die Jungen ahnen, daß das Land sich radikal ändern muß, wenn es bestehen will. Das macht sie empfänglich - ich würde sagen: anfällig - für das Heilsversprechen Obamas, der behauptet, er könne nicht nur die USA, sondern gleich die Welt verändern.

Die Älteren andererseits hatten das Glück, in Zeiten wachsenden Wohlstands aufzuwachsen und ihr Leben aufzubauen. Das wollen sie halten. Für sie ist jemand wie Hillary Clinton, die Erfahrung und Kontrolle signalisiert, deshalb eine attraktive Kandidatin.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

21. April 2008

Wir Achtundsechziger (4): Entmischung in den siebziger Jahren. Warum es "die Achtundsechziger" eigentlich nicht gibt

In den ersten Folgen dieser Serie habe ich meine Erinnerungen an drei Phasen der "Bewegung" geschildert: Die frühe Vorgeschichte in der Zeit Adenauers und Ludwig Erhards; den fröhlichen, antiautoritären Aufbruch, der 1966/67 stattfand; das Abgleiten ins erst Lächerliche und dann Brutale.

Auch in diesen ersten Jahren gab es natürlich verschiedene Strömungen und Tendenzen; von den mehr oder weniger anarchistischen Bohémiens, den Schwabinger Krawallen entsprungen, unter denen Andreas Baader sich herumgetrieben hatte, bevor er die Knarre schicker fand, über die schon zuvor kommunistisch unterwanderten Atomgegner bis zum christlichen Sozialismus, dem Rudi Dutschke entstammte.

Aber damals, bis zum Ende der Sechziger, überwog doch das Gemeinsame aller dieser Tendenzen. Es hatte diese Gemeinsamkeit in der Oppostion gegen den Adenauer- Staat gegeben, gegen die "atomare Gefahr" (die man damals als die eines Atomkriegs sah; nicht als Super- Gau eines AKW), überhaupt gegen die Gesellschaft der fünfziger Jahre. Als es dann 1967 begann mit der Aufmüpfigkeit, war man nur gemeinsam stark. Das Verbindende war mehr der Stil als das Ziel.

Zumal das Ziel ja unklar war und im Lauf der "Bewegung" in den ersten Jahren keineswegs klarer wurde. Man wollte "irgendwie" - das Wort kam bald darauf in Mode - das Ganz Andere. Raus aus dem alten Stiebel, das war das gemeinsame Lebensgefühl. Wo hinein man stattdessen die Füße stecken wollte, das blieb im Vagen. Irgendwie halt ganz frei und ganz, ganz gerecht sollte es zugehen.

High sein, frei sein, überall dabeisein. Das war ein Spruch im Geist der Sprüche des Mai 1968 in Paris. Es brodelte; es war die Zeit einer zuerst fröhlichen, dann zunehmend ins Hektische umschlagenden diffusen Aufbruchstimmung. Dergleichen schafft Gemeinsamkeit. Seid umschlungen, Millionen!

Dann kam die Ernüchterung. Erst hatte es den Tod Benno Ohnesorgs im Juni 1967 gegeben, dann den Anschlag auf Rudi Dutschke im April 1968. Das hatte die "Bewegung" zunächst noch nicht behindert, sie im Gegenteil angefacht. Aber dann, ungefähr ab 1970, wurde immer deutlicher, daß diese Ereignisse symbolisch für etwas Generelles gestanden hatten: Es war Schluß mit lustig.

Die Zeit, in der man sich sozusagen über die Realität lustig gemacht hatte, war vorbei. Jetzt mußte man sich ihr stellen, der Realität.



Und indem sie das tat, zerbrach die "Bewegung". Das passierte nicht plötzlich. Sie krachte nicht zusammen, sondern es war eher ein Zerbröseln. Das Zurück in die Realität ging nicht nur auf verschiedenen Wegen, sondern in verschiedene Richtungen.

Vier Hauptrichtungen lassen sich unterscheiden; in jeder fand sich eine der Komponenten der "Bewegung". Und jede verwies zugleich zurück auf eine viel weiter in die Vergangenheit reichende deutsche Tradition:
  • Aus Seminarmarxisten wurden Stalinisten und Maoisten.

    Nirgends sonst, auch nicht in Italien und Frankreich, hatten Teile der "Bewegung" sich derart verbissen in die Schriften von Marx und Engels vertieft wie in Deutschland, waren sie dann mit einer solchen Gründlichkeit nicht nur zu Lenin fortgeschritten, sondern auch zu Hegel zurückgegangen.

    Das unglückselige Erbe dieser spekulativen deutschen Philosophie schlug wieder einmal durch. Es hub ein Streit um die wahre Lehre an wie im 19. Jahrhundert zwischen den diversen Hegelianern und später zwischen all den Richtungen des Sozialismus.

    Am Ende hatte jede dieser Diskussionsrunden ihre eigene "Partei", die die anderen in kommunistischer Radikalität zu übertrumpfen trachtete. Die blassen, bebrillten Studenten aus den Seminaren gebärdeten sich nun wie die leibhaftigen Kommissare. Diejenigen, die noch einige Jahre zuvor gar nicht genug nach Freiheit rufen konnten, orientierten sich jetzt an so großen Freiheitsfreunden wie Mao Tse Tung und dem Albaner Enver Hodscha, wenn nicht gar Pol Pot.

  • Aus kulturrevolutionären Anarchisten und Spontis wurden Terroristen.

    Neben den Seminarmarxisten hatte es von Anfang an diejenigen gegeben, die sich mehr um ihr Outfit, ihr Sexualleben und das Provozieren der Spießer kümmerten als um die "Kritik der Hegel'schen Rechtsphilosophie". Praktischere, kreativere, witzigere, aber auch aggressivere, destruktivere Leute als die Seminarmarxisten.

    Anfangs stießen sie mit der Staatsgewalt zusammen, weil sie "begrenzte Regelverletzung" übten. Dann sollte es mehr sein und Demonstrativeres, wie die Kaufhaus- Brandstiftung in Frankfurt im April 1968. Man glitt ab ins Verbrechen und erhob schließlich das Verbrechen zu seiner "Politik".

    Auch das stand in einer deutschen Tradition: Derjenigen der Fememorde in der Weimarerer Republik, der Brutalität der SA, mehr noch der SS. Die RAF war eine Organisation im Geist der SS - erbarmungslos, elitär, ihre Morde aus hehren Idealen herleitend und sie mit einem Auftrag der Geschichte rechtfertigend.

    Auch hier also ein Umschlagen: So, wie die freiheitlichen Seminarmarxisten am Ende im Totalitarismus ankamen, kippte der fröhliche Anarchismus der "Kommune 1" um in kaltblütige politische Kriminalität.

  • Aus Freizeit-Revoluzzern wurden linksliberale Akademiker.

    Das ist die sicherlich zahlenmäßig größte Entwicklung aus der Gemeinsamkeit der Achtundsechziger heraus. Für viele - vermutlich die meisten -, die in Berlin, die in Frankfurt und auch in Tübingen oder Freiburg sich in "Sit Ins" und "Besetzungen" übten, war das ja nicht ein Schritt hin zum Revolutionär.

    Es war, pointiert gesagt, die übliche studentische Aufmüpfigkeit, dem Geist der Zeit angepaßt. Studenten schlagen immer gern einmal über die Stränge. Auch das hat eine Tradition in Deutschland, bis hin zu gelegentlichen derben Übergriffen gegen "Philister". Gott, man ist doch jung und genießt seine akademische Freiheit.

    Diejenigen, die in dieser Weise bei der "Bewegung" mitmachten, ließen sich dadurch nicht daran hindern, ihr Studium, wenn auch vielleicht ein wenig verbummelt, hinter sich zu bringen. Sie wurden Professoren, Rechtsanwälte. Viele wurden Journalisten, die uns heute die Welt zu erklären versuchen. Auch unter den Politikern der demokratischen Parteien finden wir sie. Die Titelvignette dieser Serie zeigt ein Gespräch unter solchen Achtundsechzigern.

  • Aus Hippies wurden Grüne.

    Neben der seminarmarxistischen Verschrobenheit war ein zweiter Zug der Achtundsechziger spezifisch deutsch gewesen: Ihre Neigung zur Romantik. Man suchte zwar nicht die Blaue Blume, sondern das Rote Paradies. Aber die Neigung zum Negieren der Wirklichkeit, dieses Pathos des "Ganz Anderen" war eine Haltung, die ihre Wurzeln (auch) in der deutschen Romantik hatte.

    Eine unbedarftere Version war das, was sich aus der Hippie- Kultur in die "Bewegung" hinübergerettet hatte: Erdiges, ein gewisser Traditionalismus, die Wiederentdeckung des Einfachen Lebens.

    Sanfter, auch stärker weiblich geprägt als die anderen Strömungen und Tendenzen in der "Bewegung", wandten sich die so Denkenden und vor allem Fühlenden immer mehr der Natur zu, wie alle Romantiker. Am Ende fanden sie ihre Heimat in der Partei "Die Grünen".


  • Soweit der Versuch, ein wenig Struktur in die "Bewegung" zu bringen und in das, was in den siebziger Jahren aus ihr wurde. Natürlich läßt sich nicht jeder einzelne Beteiligte in ein solches Schema einsortieren; manche mögen vom Seminarmarxisten zum Grünen oder vom Hippie zum Terroristen geworden sein. Daß sie vereinfacht, liegt im Wesen jeder Kategorisierung und macht ihren Sinn aus.

    Die eingangs verlinkten ersten drei Teile dieser Serie liegen schon einige Zeit zurück. Daß ich das Thema jetzt noch einmal aufgegriffen habe, wurde durch die Sendung "Maybritt Illner" am vergangenen Donnerstag motiviert.

    Es war eine lebendige Sendung; auch eine, in der ich den Eindruck hatte, daß alle Teilnehmer ehrlich diskutierten. Nur redeten sie aneinander vorbei.

    Sie sprachen alle von "den Achtundsechzigern". Und alle hatten sie ja Recht, so sehr sie sich auch stritten.

    Peymann hatte mit seiner Rede von den "Goldenen Achtundsechzigern" die fröhliche Zeit des Aufbruchs vor Augen. Für Götz Aly waren "die Achtundsechziger" die Mitglieder und Anführer der K-Parteien, deren Wurzeln er, der Historiker, zu Recht in den Jahren 1967 und 1968 ortete. Volker Kauders und Bettina Röhls "Achtundsechziger" waren diejenigen, die mit SA-Methoden in den Hörsälen begannen und die am Ende raubten und mordeten. Heiner Bremer hatte diejenigen vor Augen, die wie er zu Linksliberalen wurden.

    Unrecht hatten sie alle nicht (außer Jutta Ditfurth, die nichts begriffen zu haben schien). Nur gab es "die Achtundsechziger" als eine homogene Bewegung nicht. Das ist eine Fiktion der Spätergeborenen, die sich in der Geschichte orientieren wollen; aber auch der damals Aktiven selbst, die das, was ihnen selbst seinerzeit wichtig war, im Rückblick gern zum Ganzen erheben möchten.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.