Posts mit dem Label Nationalsozialismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Nationalsozialismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

19. April 2009

Überlegungen zur Freiheit (9): Freiheit der Kunst anno 1955. Nebst einem Blick auf die Aufarbeitung von zwei Diktaturen sowie einem Nachtrag

Im Jahr 1955, mitten in der finstersten Adenauer- Zeit, bestellte eine Schule bei einem jungen Künstler ein Wandgemälde. Es sollte in Form stilisierter Wahrzeichen die Stadt darstellen, in der die Schule sich befand. Der Künstler lieferte wie gewünscht und erhielt sein Honorar.

Dann aber fand jemand heraus, daß der Künstler nicht allein vom mageren Ertrag seiner Kunst lebte, sondern außerdem einen Halbtagsjob bei einer Fraktion des Stadtrats hatte; und zwar beim "Bund der Deutschen (BdD)". Keine Linksextremisten, aber doch links von der SPD.

Des weiteren entdeckte jemand auf dem Gemälde des jungen Künstlers eine Kuppel, auf der sich ein Stern befand. Wenn man wollte, konnte man ihn als einen Sowjetstern deuten. Der Künstler bestritt das und sagte, er hätte sich an ein Foto erinnert, einen Stern auf einer Kirche der Stadt, als er diesen Stern auf die Kuppel der Markthalle setzte. Er erklärte sich dennoch bereit, das inkriminierte Symbol zu entfernen.

Das half aber nichts. Die CDU der Stadt veranstaltete eine Kampagne gegen das Wandgemälde. Unterstützt wurde sie von einem "Büro gegen Linksextremismus"; ganz besonders von einer Mitarbeiterin dieses Büros, deren Lebenslauf im Dunklen lag.

Als Ergebnis dieser Kampagne wurde das Wandgemälde zunächst mit Tapetenbahnen verhängt. Dann gab man dem Künstler noch drei Tage Frist, um sein Werk zu fotografieren. Anschließend wurde es auf Anordnung des Bürgermeisters der Stadt, die Träger der Schule war, vernichtet, indem man es übertünchte.



Das ist der erste Teil der Geschichte. Der zweite ist, daß die Sache in die überregionale Presse gelangte.

Der "Spiegel" brachte eine ausführliche Story. Alle großen Tageszeitungen kommentierten. Einhellig war man empört über diesen unglaublichen Eingriff in die Freiheit der Kunst. Von Zensur wie bei den Nazis war die Rede. Die mildesten Kritiker bezeichneten den Vorgang als eine "Provinzposse".

Man forschte in der Vergangenheit vor 1945 der Mitarbeiterin, die so engagiert gegen das Bild aufgetreten war. Der CDU- Bürgermeister, den man für die Vernichtung des Bildes verantwortlich machte, mußte unter dem Druck der Öffentlichen Meinung zurücktreten. Man entschuldigte sich bei dem Künstler und bat ihn, sein Gemälde gegen angemessenes Honorar zu restaurieren.

In der Presse wurde dieser versöhnliche Ausgang der Affäre als ein Zeichen der Hoffnung darauf gefeiert, daß man in Deutschland nun dabei sei, endgültig den Ungeist des Nationalsozialismus zu überwinden. Die Freiheit der Kunst, so wurde geschrieben, hätte über den Versuch der Ewiggestrigen gesiegt, die Kunst politisch zu gängeln.



Sie werden es ahnen, lieber Leser: Diese Geschichte hat so nicht stattgefunden. Frei ausgedacht habe ich allerdings nur den zweiten Teil. Der erste Teil hat sich real abgespielt; nur habe ich ihn in die Adenauer- Zeit verlegt und entsprechend verfremdet.

Die wahre Geschichte spielt nicht 1955, sondern im Jahr 2009, und Sie können sie in der "Süddeutschen Zeitung" vom Donnerstag oder in der "Mitteldeutschen Zeitung" vom selben Tag nachlesen. Eine tabellarische Chronik der Ereignisse finden Sie in der Chemnitzer "Freien Presse" vom Freitag. "Endstation Rechts", eine sozialdemokratische WebSite zum Rechtsextremismus und zum Rechtsradikalismus, brachte am Donnerstag ebenfalls einen informativen Bericht.

Die Stadt also ist Chemnitz. Die Schule ist das "Berufliche Schulzentrum für Wirtschaft 1". Die Gruppe, die sich bei der Kampagne gegen das Gemälde hervorgetan hat, ist nicht ein Büro gegen Linksextremismus, sondern ein "Mobiles Beratungsteam gegen Rechtsextremismus".

Der Künstler ist Benjamin Jahn Zschocke. Die Partei, bei deren Stadtratsfraktion er einen Halbtagsjob hat, heißt "Pro Chemnitz/DSU (Republikaner)" und steht rechts von der CDU, ist aber nicht rechtsextrem.

Zschocke war des weiteren Gründungsmitglied der konservativen Burschenschaft "Theodor Körner", aus der er nach eigenen Angaben inzwischen wieder ausgetreten ist. Er sagt, daß er sich nicht als politischen Künstler sehe und daß das beanstandete Gemälde "eine absolut unpolitische Arbeit" sei.

Nicht einen Stern hat Zschocke auf die Kuppel der Markthalle gesetzt, sondern ein sogenanntes Keltenkreuz. Ähnlich wie der fünfzackige Stern von den Sowjets und allgemein den Kommunisten als Symbol benutzt wurde, wird dieses Keltenkreuz von gewissen rechtsextremen Vereinigungen verwendet. So, wie aber nicht jeder Stern ein Sowjetstern ist, existiert auch das Keltenkreuz als ein altes christliches Symbol; siehe die Titelvignette. Zschokke sagt, er hätte eine historische Fotografie eines Kirchturms zum Vorbild genommen.

Wenn Sie das Bild betrachten, werden Sie den Stein des Anstoßes vermutlich gar nicht finden. Die "Süddeutsche Zeitung" hilft Ihnen: Wenn Sie auf das Bild klicken, sehen Sie die Kuppel der Markthalle so stark vergrößert, daß das Turmkreuz zu erkennen ist.



Soweit die reale Parallele zum ersten Teil meiner Geschichte. Eine reale Parallele zum zweiten Teil gibt es nicht. Mit Ausnahme der "Süddeutschen Zeitung" hat die überregionale Presse den Vorgang nicht aufgegriffen. Kommentare, die den Eingriff in die Freiheit der Kunst rügen, die sich gegen die heuchlerische Begründung für diesen Eingriff wenden (es handle sich um eine "Eigentumsstörung", erklärte der Chemnitzer Schulbürgermeister Berthold Brehm), sucht man vergeblich.

Man sucht sie vergeblich in der überregionalen Presse. Nationalkonservative Medien allerdings empören sich. Die "Junge Freiheit" brachte am Freitag einen Bericht. In der nationalkonservativen Blogosphäre ist die Sache natürlich ein Hit, beispielsweise im Blog von Martin J.G. Böcker.

Zschocke entstammt diesem rechten Umfeld. So, wie in meiner erdachten Geschichte der Künstler einem linken Umfeld entstammt.

Wäre das damals, 1955, für Liberale ein Grund gewesen, sich nicht für seine Freiheit als Künstler, für die Freiheit der Kunst überhaupt einzusetzen? Natürlich nicht. Man hätte selbstverständlich gesagt, daß man doch nicht die politischen Auffassungen eines Künstlers teilen muß, um derartige Versuche einer politischen Zensur der Kunst zurückzuweisen. Vielleicht hätte jemand zitiert, daß Freiheit immer die Freiheit der Andersdenkenden ist.

So sehe ich das auch jetzt. Ich teile die politischen Auffassungen der Fraktion, für die Zschocke im Chemnitzer Stadtrat arbeitet, in keiner Weise. Ich halte nichts von dieser "Neuen Rechten" und von diesen "Pro-Bewegungen", die jetzt überall aus dem Boden schießen. Ich kann mich als Liberaler für nationalkonservative Burschenschaften überhaupt nicht erwärmen.

Aber sie sind erstens keine Nazis, und zweitens gilt auch für Nazis das Grundrecht auf Freiheit der Kunst. Es gilt für sie, sofern sie dieses Recht nicht dazu mißbrauchen, gegen die freiheitlich- demokratische Grundordnung zu agitieren. In einem freiheitlichen Rechsstaat kann es für die Beurteilung eines Kunstwerks kein Kriterium sein, welche politische Einstellung sein Urheber hat.



Ist es ein Zufall, daß diese Geschichte sich gerade in der Ex-DDR abspielt? Ich fürchte, nein. Ich fürchte, sie ist ein Beispiel dafür, daß der Kommunismus dort noch immer nicht völlig überwunden ist.

Ich habe meine Geschichte im Jahr 1955 angesiedelt, also zehn Jahre nach Ende der Nazidiktatur. Damals gab es noch Überreste totalitären Denkens, die sich auch in der Diskreditierung von Künstlern äußerten. Die Diktatur der Kommunisten freilich ist jetzt schon zwei Jahrzehnte Vergangenheit. Offenbar geht es mit ihrer Bewältigung sehr viel langsamer voran als damals mit der Bewältigung der Nazizeit.

In meiner Geschichte gibt es eine besonders eifrige Mitarbeiterin eines "Büros für Linksextremismus". In der Realität gibt es in Chemnitz Petra Zais vom erwähnten "Mobilen Beraterteam gegen Rechtsextremismus". Sie wird von der SZ mit dem Satz zitiert, in Schulen "dürfe keine Kunst hängen 'von Leuten, die unsere freiheitliche Gesellschaft ablehnen'." Sollte man also die Werke von Kommunisten aus den deutschen Schulen entfernen, von Pablo Picasso bis Willi Sitte, Mitglied der SED seit 1947?

Ich habe herauszufinden versucht, wer diese Petra Zais ist. Sie ist eine Politikerin der "Grünen" und wurde auf deren Landeskonferenz am 9. März dieses Jahres auf Platz 3 der Landesliste für den Bundestag gewählt.

Dort erfährt man auch, daß sie 52 Jahre alt ist. Sie hat also die DDR als Erwachsene erlebt. War sie auch damals gegen "Leute, die unsere freiheitliche Gesellschaft ablehnen"? War sie somit eine Dissidentin, stand sie zumindest in Distanz zum Regime der Kommunisten?

Es ist seltsam: Ich habe viel Zeit darauf verwendet, einen offiziellen, ja wenigsten überhaupt einen Lebenslauf dieser doch immerhin bei den "Grünen" Sachsens weit vorn rangierenden Politikerin zu finden. Es ist mir nicht gelungen. Was diese Petra Zais, die heute gegen die Freiheit agitiert, indem sie diese angeblich verteidigt, bis 1989 in der DDR gemacht hat, scheint mit einem Stempel "geheim" versehen zu sein.




Nachtrag am 20.4.: In "Zettels kleinem Zimmer" haben verschiedene Diskutanten auf Gerüchte aufmerksam gemacht, wonach Petra Zais in der SED gewesen sei und sogar an der SED- Parteischule Mittweida gelehrt hätte. Ich hatte das auch gelesen, aber im Web keinen Lebenslauf von Frau Zais oder sonstige zuverlässige Angaben finden können. Ihr Leben in der DDR schien wie ausgelöscht zu sein. Darauf bezog sich der letzte Satz des Artikels.

Jetzt hat einer der Diskutanten, FAB., erfolgreich recherchiert und den Text der Bewerbung von Petra Zais für Platz 1 der sächsischen Landesliste für die diesjährigen Wahlen zum Bundestag ausfindig gemacht. Und dort lesen wir:
Vor diesem Hintergrund bewerbe ich mich mit einem überzeugenden Votum des Stadtverbandes Chemnitz um Platz 1 der sächsischen Landesliste für die Wahl zum Deutschen Bundestag und bitte dafür auch um euer Vertrauen. "Uns eint, uns verbindet ein Kreis von Grundwerten, nicht eine Ideologie." Dieses Leitmotiv hat mich 1993 zu Bündnis 90/Die Grünen geführt und wie ein Blick in meine Biografie zeigt, war das kein selbstverständlicher, aber ein für mich konsequenter Schritt.

Als Assistentin und spätere Lehrerin am Lehrstuhl Politische Ökonomie der Bezirksparteischule der SED in Mittweida gehörte ich bis 1989 zu den ideologischen Stützen des politischen Systems der DDR. (...)

Nun bin ich fast 16 Jahre Grüne und jetzt, im Kontext meiner Kandidatur, wird die Frage diskutiert, ob ich damit nicht der Partei schade. Der Partei schaden? Ich habe mich verändert und ich denke, viele Menschen, die in der DDR so wie ich Teil des Systems waren, haben das.
Nein, sie hat sich augenscheinlich nicht verändert, die Petra Zais; jedenfalls ist sie nicht zur Demokratin geworden.

Sie hat in der DDR gelernt und vermutlich gelehrt, daß das Recht nicht für alle Menschen gleichermaßen gilt. Sie hat gelernt und vermutlich gelehrt, daß es keine Freiheit der Kunst gibt, sondern daß Kunst parteilich sein muß. Sie hat gelernt und vielleicht gelehrt, daß jeder, der kein Linker ist, ein Nazi ist. Sie hat gelernt und möglicherweise gelehrt, daß der Einzelne nichts und der Staat alles ist.

Mag sein, daß sie sich in anderen Punkten verändert hat; in Bezug auf diese kommunistischen Auffassungen hat sie es augenscheinlich nicht.

Und vor allem scheint sie eines nicht begriffen zu haben: Daß jemand, der wie sie einer Diktatur gedient hat, ein wenig vorsichtig damit sein sollte, anderen vorzuwerfen, daß sie "unsere freiheitliche Gesellschaft ablehnen".

Der Maler Zschocke, dem sie das vorwirft, ist 22 Jahre, und er hat bisher nichts gesagt oder getan, das darauf schließen ließe, daß er unsere freiheitliche Gesellschaft ablehnt. Die Dozentin Zais hat bis zum Alter von 32 Jahren durch ihre Tätigkeit bewiesen, daß sie unsere freiheitliche Gesellschaft ablehnt. Mir scheint, daß der Maler Zschocke eher das Recht hätte, die freiheitliche Gesinnung der ehemaiigen Dozentin Zais in Zweifel zu ziehen, als umgekehrt.



Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Keltenkreuz auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris. Autor: Rama. Frei unter CeCILL-Lizenz. Mit Dank an Calimero und an FAB.

30. Januar 2009

Zitat des Tages: Aufregung über "alte Zeitungen". Schadet es den heutigen Deutschen, den "Völkischen Beobachter" von vor 75 Jahren zu lesen?

In any other country, facsimile editions of old newspapers would be unlikely to cause much of a stir.

(In jedem anderen Land würden Faksimile-Ausgaben von alten Zeitungen wohl nicht viel Aufregung hervorrufen).

Das amerikanische Nachrichtenmagazin Time am 14. Januar 2009.

Kommentar: Kein ganz taufrisches Zitat also; aber doch ein aktuelles. Es geht - Sie werden es vermutet haben - um das Magazin "Zeitungszeugen".

Es ist seit Anfang des Jahres auch mit einer deutschen Ausgabe auf dem Markt, nachdem es bereits in acht anderen Ländern mit seinem Konzept erfolgreich war: Zeitungen aus politisch besonders kritischen Zeiten im Faksimile nachzudrucken, die jeweils verschiedene politische Richtungen repräsentieren; dazu als "Mantel" Seiten mit Kommentaren und Erläuterungen von Fachhistorikern.

Das Magazin erscheint mit dieser neuen deutschen Ausgabe donnerstags. Die Story im Time Magazine bezog sich auf die Ausgabe von vor vierzehn Tagen. Damals also gab es die in dem Artikel genannte "Aufregung".

Die Ausgabe von vergangener Woche bewirkte nicht nur Aufregung; sondern diesmal schwärmten gleich Scharen von Polizisten aus, um das Heft an den Kiosken und in den Buchhandlungen zu beschlagnahmen. Angeordnet hatte dies das Amtsgericht München aufgrund einer Strafanzeige der Bayerischen Landesregierung.

Nachdem man dem britischen Verlag Verlag Albertas Limited auf diese Weise drastisch deutlich gemacht hatte, wie es heute mit der Pressefreiheit in Deutschland bestellt ist, verzichtete der Verlag in seiner aktuellen Ausgabe auf das Beilegen von Faksimiles.

Der Preis wurde deshalb auf einen Euro gesenkt, und auf der Titelseite - Heftthema: "Das Ende der Demokratie" - steht in dicken roten Lettern: "zensiert".



Gut, eine bessere Reklame hätte sich der Verleger Peter McGee vermutlich nicht wünschen können. Freilich konnte man das deutsche Ansehen im Ausland auch kaum mit so geringen Mitteln so nachhaltig schädigen, wie das dem Freistaat Bayern gelungen ist, indem er diese absurde Polizeiaktion vor einer Woche auslöste.

Mit welcher Begründung? Das konnte man zum Beispiel in der gestrigen "Welt" nachlesen. Danach geht der Freistaat offenbar gleich auf drei Angriffslinien gegen "Zeitungszeugen" vor.

Erstens beruft er sich, so die "Welt", "auf die Verletzung des persönliches Urheberrechts von Adolf Hitler und Joseph Goebbels, die als Herausgeber von 'Völkischem Beobachter' und 'Angriff' fungiert hatten."

Die Regierung des Landes Bayern ausgerechnet als Sachwalter des Urheberrechts von zwei Nazi- Verbrechern!

Hintergrund ist der Umstand, daß nach dem Krieg die Rechte des Verlags Franz Eher auf das Land Bayern übergegangen sind. In diesem Verlag war unter anderem, neben zum Beispiel "Mein Kampf", auch der "Völkische Beobachter" erschienen. Nun hockt der Staat Bayern also auf diesem Urheberrecht, das er aparterweise dazu verwendet, die Verbreitung der betreffenden Texte zu unterbinden. Ob das im Sinn des Urheberrechts ist, wäre wohl gerichtlich zu klären.

Zum zweiten nennt die "Welt" als Grundlage für die jetzige Aktion einen "1945/46 von der damaligen US- Besatzungsregierung erteilte(n) Auftrag, die Verbreitung von Nazi- Propaganda mit juristischen Mitteln zu unterbinden."

Einen Auftrag von 1945/46, erteilt zwar nicht von einer "Besatzungsregierung" (die es nicht gab), aber von der US- Militärregierung! Auch das vermutlich ein Leckerbissen für Juristen.

Und da nach Ansicht der Bayerischen Staatsregierung offenbar dreimal genäht am besten hält, wird noch eine weitere Begründung angehängt.Wieder aus der "Welt" zitiert:

"Nach Verlautbarungen des bayerischen Justizministeriums wird gegen McGee auch wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen ermittelt."



Mögen die Juristen das so fachgerecht zerpflücken, wie es sich gehört; mögen sie diesem Irrwitz mit ihren Mitteln und ihrem Wissen zu Leibe rücken. Ich begnüge mich, was das Juristische angeht, damit, auf den Blog "Internet-Law" und neben dem zitierten Artikel in der gestrigen "Welt" auf den sachkundigen Beitrag von Marc Felix Serrao in der "Süddeutschen Zeitung" aufmerksam zu machen.

Was aber das Politische angeht, scheinen mir kräftige Worte angebracht zu sein.

Die Entscheidung des Regierung des Freitstaats Bayern, mit dem Hammer der Zensur draufzuhauen, war eine politische und nicht nur eine juristische Entscheidung. Nichts hatte sie dazu gezwungen, von dem ihr übertragenen Urheberrecht auf diese Art Gebrauch zu machen; nichts zwang sie dazu, das Verbot der Verwendung nationalsozialistischer Symbole in dieser extensiven Weise auszulegen.

Zur Rechtfertigung ihres Vorgehens soll die bayerische Regierung geäußert haben, sie wolle damit "die noch lebenden Opfer des Holocaust verschonen und die Verbreitung nationalsozialistischen Gedankengutes verhindern."

Ich hoffe, daß nicht "verschonen" gesagt wurde, sondern "schonen".

Aber niemand ist doch verpflichtet, eine Nummer von "Zeitzeugen" zu kaufen und zu lesen, wenn er - wofür ich jedes Verständnis habe - nicht an die damalige Zeit erinnert werden will, die er möglicherweise als Opfer erlebt hat. Es sind ja auch Dokumentarfilme über diese Zeit auf dem Markt; die sicherlich noch lebhaftere Erinnerungen auslösen können.

Man darf Opfern unter keinen Umständen solches Material aufdrängen. Aber sie sind doch als mündige Menschen selbst in der Lage, zu entscheiden, ob sie sich damit konfrontieren wollen oder nicht.

Und "Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts?" Wie will man denn die Ideologie der Nazis diskutieren, ohne sie zu "verbreiten", nämlich der kritischen Lektüre zugänglich zu machen? Wie soll denn die heutige Generation ein realistisches Bild von dieser Zeit bekommen, wenn man ihr die Dokumente aus dieser Zeit vorenthält?

Das ist nicht nur obrigkeitsstaatliches Denken. Es ist freiheitsfeindliches Denken.



Für Kommentare bitte hier klicken.

28. Februar 2008

Zitat des Tages: "Juden kamen kaum vor"

Ich habe keine Schulwoche erlebt, in der nicht über den Nationalsozialismus gesprochen wurde. (...) Allerdings wurden im Unterricht nur Kommunisten als Opfer vermittelt. Juden kamen kaum vor, und wenn, dann Juden, die Freunde der Kommunisten waren, nicht aber in der Dimension und Singularität der Shoah. Das Zweite, was uns in der Schule offiziell vorgegaukelt wurde, war, dass die DDR mit diesem Nationalsozialismus gar nichts zu tun gehabt hat, sondern Nationalsozialismus ein rein westdeutsches Problem war.

Angela Merkel in einem lesenswerten Interview mit Evelyn Roll im heutigen "Süddeutsche Zeitung Magazin", in dem sie über ihre Jugend in der DDR und vor allem das Jahr 1968 spricht.

Kommentar: Daß in der DDR der Nationalsozialismus nie aufgearbeitet wurde, ist ein meines Erachtens unterschätzter Aspekt des Erbes der DDR und vermutlich einer der Gründe dafür, daß in den Neuen Ländern die Neonazis erfolgreicher sind als in der alten Bundesrepublik. Statt sich ernsthaft mit dem Nazismus auseinanderzusetzen, haben die Machthaber der DDR die Befassung mit ihm lediglich als ein Mittel der Agitation und Propaganda benutzt.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

10. September 2007

Die RAF, die faschistische Gefahr, die kommunistische Propaganda

Im Juli 1995 machten wir Urlaub in Brandenburg. Beim Rundgang durch Potsdam entdeckten wir das Plakat für eine Ausstellung: "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944". Ich hatte davon nichts gehört, aber das Thema schien uns einen Besuch wert.

Als wir die Ausstellung verließen, sagte ich zu meiner Frau: Es ist deprimierend, daß fünf Jahr nach der Wiedervereinigung die DDR- Kommunisten immer noch eine solche Propaganda- Ausstellung machen können.

Als ich später das Ausstellungs- Material, das wir mitgenommen hatten, genauer in Augenschein nahm, entdeckte ich, daß es sich nicht um eine in Potsdam konzipierte Ausstellung gehandelt hatte, sondern um eine Wanderausstellung, die im Westen eingerichtet worden war. Von keiner geringeren Institution als dem Hamburger "Institut für Sozialforschung" des von mir sehr geschätzten Jan Philipp Reemtsma.

Die öffentliche Auseinandersetzung über diese Ausstellung, die dann meist kurz "die Wehrmachts- Ausstellung" genannt wurde, stand damals noch bevor. Sie konzentrierte sich auf die dort gezeigten Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg, ihre Zuordnung, die kommentierenden Texte über die Wehrmacht.



Diese hatte ich zwar sehr dürftig gefunden. Man erfuhr fast nichts darüber, welche der dokumentierten Verbrechen unter welchen Umständen von wem begangen worden waren. Der Informationswert der Ausstellung war minimal.

Aber was mich viel mehr störte und was mein Urteil, daß das Propaganda war, begründete, das war etwas anderes:

Neben den Räumen, in denen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg dokumentiert wurden, gab es einen Raum, in dem ganz andere Dokumente ausgestellt wurden: Auf einer Tafel zum Beispiel eine Passage aus einem Buch von Ernst Jünger. Illustrierte aus der Bundesrepublik der fünfziger Jahre. Aussagen von Politikern der Bundesrepublik aus dieser Zeit.

Was hatte das mit Verbrechen im Zweiten Weltkrieg zu tun? Natürlich nichts.

Aber die propagandistische Absicht war offensichtlich: Es sollte der Eindruck erweckt werden, daß diese Verbrechen in einer historischen Kontinuität lagen, die in der Bundesrepublik ihre Fortsetzung gefunden hatte. Die "BRD" als derjenige "deutsche Staat", in dem der "Ungeist des Faschismus" nach 1945 weiter herrschte. Das war die message dieses Teils der Ausstellung.

Später habe ich dann nachgesehen, wer der Hauptverantwortliche für diese Ausstellung war: Hannes Heer, ein Mann mit kommunistischer Vergangenheit (und, nebenbei, offenbar auch kommunistischer Gegenwart).



Diese Erinnerung ging mir durch den Kopf, als ich gestern Abend den ersten Teil der Sendung "Die RAF" von Stefan Aust und Helmar Büchel gesehen habe.

Die Chronologie begann mit dem 2. Juni 1967; dem Tag, an dem Benno Ohnesorg von dem Polizisten Kurras erschossen wurde. Man sah Aufnahmen von einer Versammlung von Studenten noch am gleichen Abend, und dann zwei Statements:

  • Michael ("Bommi") Baumann: "Gudrun, die dann plötzlich anfing, hat gesagt: 'Die werden immer Faschisten bleiben. Diesmal werden sie uns umbringen.'"


  • Tilman Fichter: "Und ich sagte dann: 'Wir müssen uns sofort bewaffnen, weil sonst machen die uns alle'".

  • Eine Reaktion, die sich ähnlich auch bei Ulrike Meinhof fand. Eine Reaktion, die damals bei linken Studenten weit verbreitet war:

    Im Grunde habe man immer in einem halbfaschistischen Staat gelebt, und jetzt werde der Faschismus wiedererstehen.

    Es sei denn, man wehre sich dagegen mit der Waffe in der Hand. Der Schuß auf Benno Ohnesorg sozusagen als der erste Schuß eines Bürgerkriegs, dem man sich jetzt stellen müsse, nolens volens.



    In Deutschland regierte in dem Jahr, in dem Benno Ohnesorg starb, eine Koalition aus Union und SPD, so wie heute.

    Der Vizekanzler und Außenminister dieser Koalition war Willy Brandt, der von Norwegen aus gegen die Nazis gekämpft hatte. Ihr Minister für Gesamtdeutsche Fragen war Herbert Wehner, der bei dem Versuch, von Schweden aus den kommunistischen Widerstand in Deutschland zu unterstützen, interniert worden war.

    Berlins Regierender Bürgermeister war damals Heinrich Albertz, der unter den Nazis der "Bekennenden Kirche" angehört hatte und der deshalb mehrfach verhaftet worden war.

    Es gab in dieser Bundesrepublik von 1967 eine funktionierende Demokratie mit einer unabhängigen Justiz. Es gab keine Gestapo oder Stasi, keine Staatspartei, keine "Massenorganisationen". Es gab keine Blockwarte. Niemand wurde wegen seiner demokratischen oder auch sozialistischen Gesinnung verfolgt. Diese Bundesrepublik war in ein freiheitliches Bündis integriert und betrieb eine ausgesprochen unaggressive Außenpolitik.

    Dennoch sahen diese Studenten in ihr einen halbfaschistischen Staat, sahen sie den Faschismus heraufziehen.



    Eine weitere persönliche Erinnerung:

    Anfang der fünfziger Jahre hatten wir Besuch aus der DDR. Ein paar Wochen lang wohnte bei uns eine Bekannte meiner Eltern, die eine engagierte Nationalsozialistin gewesen war und die sich zu einer ebenso engagierten Kommunistin gemausert hatte.

    Sie trübte unsere Freude an ihrem Besuch dadurch, daß sie ständig die politische Auseinandersetzung suchte. Ihr Standard­atz lautete: Diesmal stehe ich auf der richtigen Seite; die DDR ist das bessere Deutschland.

    Nachzuweisen, daß die DDR das bessere Deutschland war - das war in der Tat nicht nur ein Ziel der DDR-Propaganda, sondern der Glaube daran war sozusagen das Lebens­elixier der DDR.

    Denn sie hatte ja, wie in den Jahren nach 1949 schnell klar wurde, sonst wenig zu bieten. Die Bundesrepublik zog ihr in fast jeder Hinsicht davon.

    Die DDR-Propaganda brauchte also unbedingt Felder, auf denen sie ihren Teil Deutschlands als überlegen darstellen konnte und auf denen sie spiegelbildlich die Bundesrepublik in schwarzen Farben malen konnte. Diese beiden Felder waren Faschismus / Antifaschismus und Friedens- / Kriegspolitik.

    Die gesamte DDR-Propaganda war auf diese beide Punkte konzentriert: Die Bundesrepublik wurde als ein nach innen immer noch halbfaschistischer und nach außen aggressiver Staat hingestellt.

    "Kalte Krieger", "Revanchisten" und "Imperialisten" bestimmten angeblich dessen Außenpolitik, während die "diesselben Kreise, die den Faschismus unterstützt hatten", noch immer im Inneren die Macht hätten. Also die "Schlotbarone", die "aggressivsten Kreise des Kapitals".

    Die Bundeswehr wurde als eine neuerstandene Wehrmacht verunglimpft. Die - Mitte der sechziger Jahre aktuellen - Notstandsgesetze wurde als eine Art neues Ermächtigungsgesetz dargestellt.



    Aus heutiger Sicht erscheint diese Propaganda derart überzogen, daß man denken sollte, sie hätte wirkungslos bleiben müssen. Aber das Gegenteil war der Fall: Sie fiel auf fruchtbaren Boden.

    Nicht nur Linksextreme, sondern viele Linke, ja viele Liberale sahen ihr Land im Grunde - wenn auch abgestuft - ähnlich verzerrt, wie es die DDR-Propaganda zeichnete.

    Warum? Das ist eine Frage für Historiker, die mir noch lange nicht befriedigend beantwortet zu sein scheint. Ich möchte nur auf einen Aspekt aufmerksam machen, der mir bei der Beschäftigung mit der RAF-Geschichte deutlich geworden ist:

    Da fand - nicht nur, aber auch - so etwas statt wie ein Nachspielen der NS-Zeit.

    Klaus Rainer Röhl hat in der gestrigen Sendung wieder einmal von der "Sophie-Scholl-Frisur" von Ulrike Meinhof gesprochen, als er sie kennenlernte. Mehr als nur eine Äußerlichkeit, deutete er an. Sie habe sich wohl auch in dieser Nachfolge gesehen.

    In der Tat: Viele aus dieser Generation warfen es ihren Vätern und Müttern vor, in der Nazi-Zeit versagt zu haben. Jetzt, eine Generation später, wollten sie es besser machen.

    Sie wollten diesmal die selbstlosen Kämpfer und aufrechten Widerständler sein, die ihre Eltern in ihren Augen nicht gewesen waren.

    Da kam ihnen die Wahnvorstellung von einem heraufziehenden Faschismus, so darf man vermuten, nur allzu gut zupaß. Sie brauchten, wie Don Quijote, gewissermaßen das eingebildete Böse, um daran ihren Edelmut zu erproben. Und deshalb mögen sie so bereitwillig auf die Propaganda der DDR hereingefallen sein.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.