Posts mit dem Label Zensur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Zensur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

17. Juli 2009

Zettels Meckerecke: Pfeife und Zigarette - die neuen Genitalien? In Frankreich schlagen die Retoucheure zu

In Frankreich gab es in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts "Magazine" zu kaufen, in denen man viel Nacktes sehen konnte. Nur die Genitalien waren sorgsam retouchiert. Wo sie eigentlich hätten sein müssen, sah man nur eine verwaschene Fläche.

Daran habe ich mich erinnert gefühlt, als ich gestern im Nouvel Observateur diese Meldung gelesen habe:

Da hat der Parfumeur Christian Dior ein Foto von Alain Delon für seine Werbung benutzt. Freilich nicht das Original. Auf dem nämlich hielt Delon eine Zigarette in der Hand. Die hat man wegretouchiert. Jetzt sieht Delon so aus, als hielte er dem Betrachter einfach nur so seine Faust entgegen.

Kein Einzelfall. Im April wurde von einer noch groteskeren Retouche berichtet.

Sie betraf Jacques Tati, einen in den fünfziger und sechziger Jahren sehr geschätzten Regisseur, der grotesk- ironische Filme von hoher künstlerischer Qualität drehte. Sein Alter Ego war Monsieur Hulot, zu dessen Markenzeichen ein Hütchen und die Pfeife im Mund gehörten. Hier sehen Sie Monsieur Hulot.

Die Paris Cinemathèque nun veranstaltete eine Retrospektive zu Tati. Sie wollte dafür mit Plakaten unter anderem in der Pariser U-Bahn und S-Bahn werben. Mit Plakaten, auf denen natürlich Monsieur Hulot zu sehen war. Auf seinem Rad. Und natürlich mit Hütchen und Pfeife.

Und was machten die Pariser Verkehrsbetriebe? Sie ließen die Plakate retouchieren, bevor sie geklebt wurden. Was Monsieur Hulot im Mund hatte, das wurde statt des Kopfs der Pfeife mit einem gelben Gebilde versehen, so daß es aussieht, als hätte er eine Art Windrädchen zwischen den Lippen.

Die Vereinigungen der französischen Filmkritiker und der französischen Regisseure zeigten sich empört, aber die Verkehrsbetriebe blieben bei ihrer Zensur.



Gewiß, es gibt in Frankreich ein Gesetz (Loi Evin), das die Werbung für das Rauchen verbietet. Aber selbst der Urheber dieses Gesetzes, Claude Evin, fand das Vorgehen der Verkehrsbetriebe "lachhaft".

Aber so ist das nun einmal. Solche Gesetze sollen ja, wie ihre Befürworter immer wieder betonen, der Erziehung der Bürger dienen. Das Ergebnis sind erzogene Untertanen, die lieber auf Nummer sicher gehen.

Aus der einst vernünftigen Warnung vor den Gefahren des Rauchens ist längst die Errichtung eines Tabus geworden. Mit all dem Irrationalen, das ein Tabu umgibt.

Genau wie bei Sexualtabus. Was vor einem halben Jahrhundert die Genitalien waren, die unbedingt wegretouchiert werden mußten, das sind in unserer Zeit Pfeife, Zigarette, Zigarre.



Für Kommentare bitte hier klicken.

30. Januar 2009

Zitat des Tages: Aufregung über "alte Zeitungen". Schadet es den heutigen Deutschen, den "Völkischen Beobachter" von vor 75 Jahren zu lesen?

In any other country, facsimile editions of old newspapers would be unlikely to cause much of a stir.

(In jedem anderen Land würden Faksimile-Ausgaben von alten Zeitungen wohl nicht viel Aufregung hervorrufen).

Das amerikanische Nachrichtenmagazin Time am 14. Januar 2009.

Kommentar: Kein ganz taufrisches Zitat also; aber doch ein aktuelles. Es geht - Sie werden es vermutet haben - um das Magazin "Zeitungszeugen".

Es ist seit Anfang des Jahres auch mit einer deutschen Ausgabe auf dem Markt, nachdem es bereits in acht anderen Ländern mit seinem Konzept erfolgreich war: Zeitungen aus politisch besonders kritischen Zeiten im Faksimile nachzudrucken, die jeweils verschiedene politische Richtungen repräsentieren; dazu als "Mantel" Seiten mit Kommentaren und Erläuterungen von Fachhistorikern.

Das Magazin erscheint mit dieser neuen deutschen Ausgabe donnerstags. Die Story im Time Magazine bezog sich auf die Ausgabe von vor vierzehn Tagen. Damals also gab es die in dem Artikel genannte "Aufregung".

Die Ausgabe von vergangener Woche bewirkte nicht nur Aufregung; sondern diesmal schwärmten gleich Scharen von Polizisten aus, um das Heft an den Kiosken und in den Buchhandlungen zu beschlagnahmen. Angeordnet hatte dies das Amtsgericht München aufgrund einer Strafanzeige der Bayerischen Landesregierung.

Nachdem man dem britischen Verlag Verlag Albertas Limited auf diese Weise drastisch deutlich gemacht hatte, wie es heute mit der Pressefreiheit in Deutschland bestellt ist, verzichtete der Verlag in seiner aktuellen Ausgabe auf das Beilegen von Faksimiles.

Der Preis wurde deshalb auf einen Euro gesenkt, und auf der Titelseite - Heftthema: "Das Ende der Demokratie" - steht in dicken roten Lettern: "zensiert".



Gut, eine bessere Reklame hätte sich der Verleger Peter McGee vermutlich nicht wünschen können. Freilich konnte man das deutsche Ansehen im Ausland auch kaum mit so geringen Mitteln so nachhaltig schädigen, wie das dem Freistaat Bayern gelungen ist, indem er diese absurde Polizeiaktion vor einer Woche auslöste.

Mit welcher Begründung? Das konnte man zum Beispiel in der gestrigen "Welt" nachlesen. Danach geht der Freistaat offenbar gleich auf drei Angriffslinien gegen "Zeitungszeugen" vor.

Erstens beruft er sich, so die "Welt", "auf die Verletzung des persönliches Urheberrechts von Adolf Hitler und Joseph Goebbels, die als Herausgeber von 'Völkischem Beobachter' und 'Angriff' fungiert hatten."

Die Regierung des Landes Bayern ausgerechnet als Sachwalter des Urheberrechts von zwei Nazi- Verbrechern!

Hintergrund ist der Umstand, daß nach dem Krieg die Rechte des Verlags Franz Eher auf das Land Bayern übergegangen sind. In diesem Verlag war unter anderem, neben zum Beispiel "Mein Kampf", auch der "Völkische Beobachter" erschienen. Nun hockt der Staat Bayern also auf diesem Urheberrecht, das er aparterweise dazu verwendet, die Verbreitung der betreffenden Texte zu unterbinden. Ob das im Sinn des Urheberrechts ist, wäre wohl gerichtlich zu klären.

Zum zweiten nennt die "Welt" als Grundlage für die jetzige Aktion einen "1945/46 von der damaligen US- Besatzungsregierung erteilte(n) Auftrag, die Verbreitung von Nazi- Propaganda mit juristischen Mitteln zu unterbinden."

Einen Auftrag von 1945/46, erteilt zwar nicht von einer "Besatzungsregierung" (die es nicht gab), aber von der US- Militärregierung! Auch das vermutlich ein Leckerbissen für Juristen.

Und da nach Ansicht der Bayerischen Staatsregierung offenbar dreimal genäht am besten hält, wird noch eine weitere Begründung angehängt.Wieder aus der "Welt" zitiert:

"Nach Verlautbarungen des bayerischen Justizministeriums wird gegen McGee auch wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen ermittelt."



Mögen die Juristen das so fachgerecht zerpflücken, wie es sich gehört; mögen sie diesem Irrwitz mit ihren Mitteln und ihrem Wissen zu Leibe rücken. Ich begnüge mich, was das Juristische angeht, damit, auf den Blog "Internet-Law" und neben dem zitierten Artikel in der gestrigen "Welt" auf den sachkundigen Beitrag von Marc Felix Serrao in der "Süddeutschen Zeitung" aufmerksam zu machen.

Was aber das Politische angeht, scheinen mir kräftige Worte angebracht zu sein.

Die Entscheidung des Regierung des Freitstaats Bayern, mit dem Hammer der Zensur draufzuhauen, war eine politische und nicht nur eine juristische Entscheidung. Nichts hatte sie dazu gezwungen, von dem ihr übertragenen Urheberrecht auf diese Art Gebrauch zu machen; nichts zwang sie dazu, das Verbot der Verwendung nationalsozialistischer Symbole in dieser extensiven Weise auszulegen.

Zur Rechtfertigung ihres Vorgehens soll die bayerische Regierung geäußert haben, sie wolle damit "die noch lebenden Opfer des Holocaust verschonen und die Verbreitung nationalsozialistischen Gedankengutes verhindern."

Ich hoffe, daß nicht "verschonen" gesagt wurde, sondern "schonen".

Aber niemand ist doch verpflichtet, eine Nummer von "Zeitzeugen" zu kaufen und zu lesen, wenn er - wofür ich jedes Verständnis habe - nicht an die damalige Zeit erinnert werden will, die er möglicherweise als Opfer erlebt hat. Es sind ja auch Dokumentarfilme über diese Zeit auf dem Markt; die sicherlich noch lebhaftere Erinnerungen auslösen können.

Man darf Opfern unter keinen Umständen solches Material aufdrängen. Aber sie sind doch als mündige Menschen selbst in der Lage, zu entscheiden, ob sie sich damit konfrontieren wollen oder nicht.

Und "Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts?" Wie will man denn die Ideologie der Nazis diskutieren, ohne sie zu "verbreiten", nämlich der kritischen Lektüre zugänglich zu machen? Wie soll denn die heutige Generation ein realistisches Bild von dieser Zeit bekommen, wenn man ihr die Dokumente aus dieser Zeit vorenthält?

Das ist nicht nur obrigkeitsstaatliches Denken. Es ist freiheitsfeindliches Denken.



Für Kommentare bitte hier klicken.

22. Februar 2008

Marginalie: "Zettels Raum" wird in China blockiert

Die Diskussion darüber, warum "Zettels Raum" in den Neuen Ländern weniger Leser hat als in Westdeutschland, hat mich veranlaßt, mir überhaupt einmal anzusehen, woher die Leser kommen. Dabei ist mir aufgefallen, daß - in dem Zeitraum, seitdem das aufgezeichnet wird - Besucher aus allen größeren Ländern kamen, aber kein einziger aus China.

Ich habe daraufhin bei WebSitePulse getestet, ob ZR für China blockiert ist. Ergebnis: Von Shanghai und von Peking aus ist ZR laut Testergebnis nicht erreichbar; von Hongkong aus ist der Blog nicht blockiert.

Ein interessantes Ergebnis, finde ich. Interessant vielleicht auch für andere Blogger aus der Blogokugelzone, die einmal nachsehen wollen, für wie gefährlich die Chinesen sie halten.



Ist es die liberale, gegen jeden Totalitarismus gerichtete Haltung, für ZR die hinter die Great Firewall verbannt wurde, hinter das Golden Shield? Vielleicht. Dann müßte es eigentlich auch die anderen größeren Blogs aus der liberalen Blogokugelzone getroffen haben.

Es könnte aber auch sein, daß es einen spezifischeren Grund gibt: Ich habe hier im Dezember 2006, im Januar 2007 und noch einmal im März 2007 über den Tod des deutschen Studenten Bernhard Wilden in Peking berichtet.

Sollte das die Ursache für die Blockierung sein, dann wäre das nicht uninteressant im Hinblick darauf, wie die chinesischen Behörden diesen Tod einordnen.

Damals haben die großen Zeitungen von dem Fall kaum Kenntnis genommen. Jetzt, nach mehr als einem Jahr, hat es doch noch zwei Berichte gegeben; in der "Welt am Sonntag" und in der "Berliner Morgenpost". Diesen beiden Artikel allerdings sind, laut Test, von China aus abrufbar.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

29. Dezember 2007

Marginalie: "Tatort", Aleviten, Özcan Mutlu. Wie man Vorurteile schürt

Die ARD hat eine "Tatort"-Folge mit dem Titel "Wem Ehre gebührt" gezeigt, die zu heftigen Reaktionen geführt hat. Soweit ich es den Berichten entnehme - ich habe die Sendung nicht gesehen - geht es, wie meist in solchen Krimis, um einen Tod und seine Hintergründe.

Tot ist eine Frau, die erhängt aufgefunden wird. Zu den Hintergründen ihres Todes, die vermutet oder angedeutet oder nahegelegt oder aufgedeckt werden - so genau geht das aus den Berichten nicht hervor - gehört ein Inzest mit ihrem Vater.

Ein beliebtes Motiv also. Ein Motiv aus dem Bereich der Themen, die unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten beschäftigt haben. Also ein Thema, das in einer um Zeitnähe bemühten Krimi- Serie wie "Tatort" seinen Platz hat.



Die Tote in dem Film ist, wenn ich den Berichten folge, eine Deutsche. Sie ist allerdings eine Deutsche ausländischer, nämlich türkischer Herkunft. (Solche Deutsche nennt man seltsamerweise nicht Deutsche, sondern Türken, Deutschtürken; aber das ist ein anderes Thema). Der Name der Autorin des Films, Angelina Maccarone, läßt vermuten, daß sie eine Deutsche italienischer Herkunft ist.

Einwanderung nach Deutschland ist eines ihrer Themen; sie hat zuvor einen Film über zwei aus Afrika stammende deutsche Frauen gedreht und einen über eine lesbische Iranerin, die nach Deutschland flieht, um hier der Verfolgung zu entgehen, und die sich als Mann verkleidet.

Die Themen der Filme, die Angelina Maccarone bisher gedreht hat, weisen darauf hin, daß sie sich vor allem für die Situation von Frauen und für Einwanderung nach Deutschland interesssiert.

In dem Interview mit der Internet- Publikation After Ellen stellt sie zwischen diesen beiden Motiven einen Zusammenhang her, und zwar über den Begriff der Identität: "I believe that identity is to a great extent defined by where we live, what we do, whom we love, etc."; die Identität (die sexuelle wie die nationale ist gemeint) sei zu einem großen Teil dadurch definiert, wo wir leben, was wir tun, wen wir lieben.



Der Tatort "Wem Ehre gebührt" variiert diese beiden Themen. Was also hat zu der Aufregung um ihn geführt? Das erläutert ausführlich der Deutsche türkischer Herkunft Özcan Mutlu, Abgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, in der "Welt"; und was er schreibt, veranlaßt mich zu dieser Marginalie.

"Hat die Drehbuchautorin nicht verstanden, welche politische Brisanz das Thema in sich birgt?" fragt Mutlu. Er schildert die Situation der Aleviten in der Türkei und verweist darauf, daß die dort mehrheitlichen Sunniten "den Aleviten über Jahrhunderte 'Inzest' vorgeworfen haben". Daraus leitet er die Forderung ab: "Die ARD und die Autorin sollten sich öffentlich entschuldigen".

Andere gehen noch weiter. Es liegt gegen die Regisseurin eine Anzeige wegen Volksverhetzung vor. Es wird ihr vorgeworfen, sie hätte "Vorurteile unterstützt".



Wie "unterstützt", wie "schürt" man ein Vorurteil? Man sollte meinen, indem man es verkündet, es als seine Meinung kundtut. Indem man beispielsweise sagt: "Die Amerikaner sind schießwütige Cowboys", "Die Juden sind geldgierig", "Die Italiener sind faul", "Alle Männer sind potentielle Vergewaltiger"; dergleichen.

Nichts dergleichen tut der Film von Angelina Maccarone in Bezug auf die Aleviten. Er sagt es nicht, er deutet es nicht an. Er zeigt lediglich einen Fall von Inzest oder vermutetem Inzest in einer Familie alevitischen Glaubens.

Wenn man sich dafür "entschuldigen" muß, wenn das gar "Volksverhetzung" ist - was darf dann überhaupt noch in einem Film gezeigt werden?

Es gibt das Vorurteil, daß die Amerikaner rücksichtslose Egoisten sind. Ist also jeder Film "Volksverhetzung", in dem ein Amerikaner vorkommt, der ein rücksichtsloser Egoist ist? Hätte Billy Wilder sich für "Eins, zwei, drei" entschuldigen müssen?

Es gibt das Vorurteil, daß die Franzosen faule Freunde des savoir vivre sind. Darf also in keinem Film ein Franzose gezeigt werden, der so lebt wie Jean Gabin in "Im Kittchen ist kein Zimmer frei"?

Es gibt das Vorurteil, die Deutschen seien der Typ des Untertanen. Hätte sich also Wolfgang Staudte dafür entschuldigen sollen, daß er Heinrich Manns "Der Untertan" verfilmte?



Ich will dem Abgeordneten Mutlu zugutehalten, daß er sich keine Gedanken gemacht hat. Daß er nicht darüber nachgedacht hat, wie absurd es wäre, jede Filmfigur, jede Filmhandlung zu kritisieren, wenn nicht gar mit einer Anzeige zu überziehen, die irgendeinem Vorurteil entspricht.

Daß es das Ende der Filmkunst wäre, wenn an alle Filme die Maßstäbe angelegt würden, die Mutlu, die mit ihm die alevitische Gemeinde Berlin mit ihrer Strafanzeige an den Film "Wem Ehre gebührt" angelegt hat. Wenn die Eigenschaften, die Drehbuch und Regie einer beliebigen Filmfigur zuweisen, so gewertet würden, als sollten sie der ethnischen, religiösen, der rassischen oder sonst einer Gruppe als Ganzes zugeschrieben werden, der diese Figur angehört.

Dieser Artikel des Abgeordneten der Grünen Özcan Mutlu könnte freilich seinerseits ein Vorurteil schüren. Das Vorurteil nämlich, daß Abgeordnete der Grünen kein Verständnis für Freiheit und Toleranz haben.

Genauer: Daß sie zwar Freiheit und Toleranz für sich selbst und ihre Auffassungen fordern, aber die Freiheit anderer einschränken wollen, wo sie nur können.

Ein Vorurteil? Ja, gewiß. Es gibt mit Sicherheit Abgeordnete der Grünen, auf die das nicht zutrifft. Und wenn Mutlu erstens intolerant und zweitens ein Abgeordneter der Grünen ist, dann folgt daraus noch lange nicht, daß die Abgeordneten der Grünen intolerant sind.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

6. Dezember 2007

Zitat des Tages: Zensur

Mir geht es nicht um politische Zensur

Die Stellvertretende Vorsitzende der Partei "Die Linke" Katina Schubert zu ihrer Anzeige gegen die "Wikipedia". Die Anzeige richte sich gegen "Inhalte auf den Seiten wie den Artikel über die Hitler-Jugend".

Geht man auf die Homepage von Katina Schubert, so findet man als ersten Link den zu einem Artikel mit der Überschrift "Orwell ante portas"; Autorin Katina Schubert.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

11. März 2007

Rückblick: Tod in Peking, Besuch aus China

Vorgestern, am 9. März um 2.06 Uhr habe ich einen Beitrag gepostet, der sich unter anderem mit dem Tod Bernhard Wildens in Peking beschäftigt.

Keine Stunde später hatte "Zettels Raum" Besuch aus China. Mein Referer notierte:
"9 März 02:42 Chinanet, China".
Zufall? Vielleicht. Allerdings findet "Zettels Raum", seit ich um die Jahreswende über den Tod Bernhard Wildens berichtet habe, ein bemerkenswertes Interesse in China.

Von knapp zehntausend Seitenaufrufen seit dem 1. Januar kamen immerhin 51 aus China - mehr als zum Beispiel aus Polen (33) und den Niederlanden (28). Im ganzen Jahr 2006 hatte es nur 8 Besucher aus China gegeben; alle erst im Dezember.



Mir war der prompte Besuch aus China aufgefallen, nachdem ich vorgestern den Artikel publiziert hatte, und ich habe mir vorgenommen, das ein bißchen im Auge zu behalten.

Heute nun habe ich in dem lesenswerten ChrisMs Blog einen schon ein paar Tage zurückliegenden Beitrag gelesen, der zu der interessanten Site Great Firewall of China führt.

Der Server steht, so heißt es, in China - und deshalb kann man über diese Site testen, ob eine beliebige URL in China gesperrt ist oder frei zugänglich.

Natürlich habe ich das gleich für "Zettels Raum" gemacht. Ergebnis: Frei zugänglich.

Daraus schließe ich, daß die Besucher aus China nicht - jedenfalls nicht alle - von der Firma Guck und Horch sind.

9. Juli 2006

Zettels Meckerecke: Satire darf alles

Es ist das Schicksal derjeniger, die Texte produzieren, daß nicht ihre Texte bekannt werden, sondern Bruchstücke daraus.

Wenn der Textproduzent Glück hat, dann werden sie - diese "Zitate", diese "Worte von ..." - in der Textform bekannt, in der er sie geschrieben hat. Wenn er großes Glück hat, dann werden sie sogar in dem Kontext verwendet, in dem sie ursprünglich standen.

Solches Glück ist freilich selten. Der Regelfall ist die Verhunzung des Textes und die Verwendung des "Zitats" nach völligem Belieben dessen, der es sich aneignet.

Oft ist das "Zitat" so etwas wie die reflexhafte Antwort auf den Namen seines Autors. Galilei? Und sie bewegt sich doch! Nietzsche? Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht. Zola? J'accuse.

Und Tucholsky? Satire darf alles.



Auf dieses "Zitat" beruft sich jeder Dummkopf; jeder, der kaum einen gescheiten Satz schreiben kann, der aber über eine gewisse angeborene Rotzigkeit verfügt.

Was ihn im bürgerlichen Leben disqualifizieren würde - daß er andere beleidigt, herabsetzt, sich mit billigen Witzchen über sie zu erheben trachtet -, das gewinnt in seinen Augen die Weihen des Anständigen, ja der Kunst, wenn er es "Satire" nennt. Und wenn es gar noch Satire im Dienst einer, wie er meint oder zu meinen vorgibt, humanistischen Politik ist, dann ist nicht nur unser selbsternannter Satiriker vom Wert seines Produkts überzeugt, sondern er findet meist auch ein applaudierendes Publikum.



Unter der Überschrift "Polens neue Kartoffel - Schurken, die die Welt beherrschen wollen" schrieb in der taz vom 26.6.2006 ein gewisser Peter Köhler über den Präsidenten Polens, Lech Kaczynski:
Es war bekannt, dass der 1949 geborene Kaczynski jene schwere Generation vertritt, die bereits vor ihrer Geburt von Deutschland gebissen worden war. (...)

Russland hatte Polen schließlich den Daumen des Kommunismus in den After gedrückt; und seit den Siebzigerjahren wollten beide Kaczynskis den Sozialismus aus den Pantinen kippen. (...)

Doch als 1989 der Kommunismus abgeräumt wurde und Lech Walesa das Ruder übernahm, schlug auch für Lech Kaczynski die Uhr. Er (...) wurde im Jahr 2000 für wenige Monate ein kurzer Justizminister, der mit allen Gesetzen gewaschen war und sich auch keine schiefen Haare wachsen ließ, als ein Geschäftsmann mit dem zwielichtigen Namen Janusz Heathcliff Ivanovski Pineiro behauptete, die Brüder Kaczynski hätten bei der Eröffnung ihrer Zentrumsallianz Geld aus dem Staatshaushalt in den eigenen Sack gestopft. (...)

Wie Pilsudski sind die Kaczynskis Polen bis über beide Ohren, und das Vaterland sitzt ihnen wie angegossen. Dass die zwei vorn wie hinten sauber sind, haben sie bewiesen: Lech, der öffentliche Hinterteile an Warschaus Männern mehrmals verbot, mehr noch Jaroslaw, der mit der eigenen Mutter zusammenlebt - aber wenigstens ohne Trauschein. (...)
Widerlich, nicht wahr? Beleidigungen, Insinuationen, sexuelle Anspielungen. Dreck also. Gossenjournalismus, gegen den die Boulevardpresse ein Hort der Seriosität ist.

Aber "Satire darf doch alles", sagt das nicht Tucholsky?




Das Zitat stammt aus einem kleinen Beitrag Tucholskys, der unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Berliner Tageblatt vom 27. Januar 1919 erschien. Man kann ihn in den Gesammelten Werken, zehn Bände bei Rowohlt, in Band 2 nachlesen.

Es ist eine freundliche, humorvolle, Verteidigung der Satire gegen diejenigen, die sie in Grund und Boden kritisieren. Dagegen richtet sich Tucholskys fast schüchterne Rechtfertigung:
Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen, mit dem hierzulande diese Kunst abgetan wird. (...) Wir sollten nicht so kleinlich sein. Wir alle - Volksschullehrer und Kaufleute und Professoren und Redakteure und Musiker und Ärzte und Beamte und Frauen und Volksbeauftragte - wir alle haben Fehler und komische Seiten und kleine und große Schwächen. Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren ("Schlächtermeister, wahret eure heiligsten Güter!"), wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt.
Das ist es, was Tucholsky "uns sagen" will: Leute, laßt euch auch mal durch den Kakao ziehen! Und sein Artikel - ein paar Dutzend Zeilen, nicht mehr - endet mit dem Paukenschlag, mit dem Tucholsky gern solche Glossen und Essays abschloß:
Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint. Was darf die Satire? Alles.


Wie die FAZ vom 6. Juli 2006 berichtet, hat der Chef der polnischen Präsidentenkanzlei, Maciej Lopinski, die "Satire" in der taz mit dem Stil des "Stürmer" verglichen. Ein nachvollziehbarer Vergleich, ein naheliegender Vergleich.

Am Ende der Meldung in der FAZ nun lesen wir:
"taz" entschuldigt sich (...) Die "Tageszeitung" hat sich unterdessen entschuldigt. In einem offenen Brief an "die Kartoffel" schrieb die Redaktion, man bedauere aufrichtig, daß man ein Gemüse mit so "wunderschönen Sorten" mit dem polnischen Präsidenten verglichen habe.
Es handelt sich also nicht um lediglich die Entgleisung eines Autors und des zuständigen Redakteurs, der für diesen Beitrag verantwortlich war. Die Meldung der FAZ kann man nur so verstehen, daß sich die taz-Redaktion hinter den Artikel stellt. Indem sie - offenbar ähnlich satirisch begabt wie Peter Köhler - diese "Entschuldigung" fabriziert hat, die noch eins draufsetzt.



Tucholsky kann nichts für diejenigen, die ihn zitieren. Die deutsche Linke kann nichts dafür, daß ein Blatt, das diese Art der Satire pflegt, als "linksalternativ" bezeichnet wird.