Posts mit dem Label Satire werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Satire werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

1. Dezember 2008

Kurioses, kurz kommentiert: Das Menschenrecht auf ein veganisches Menü. Wie wieder einmal die Realität die Satire eingeholt hat

Ferner wurde beschlossen sich dafür einzusetzen, dass Gastronomiebetriebe die Essen servieren auf ihrer Speisekarte ein veganes Menü anbieten müssen. Menschen die sich für diese Form der Ernährung entscheiden dürfen nicht, wie es derzeit der Fall ist, grundsätzlich in ihren Möglichkeiten auswärts mit anderen essen zu gehen beschränkt sein.

So wörtlich (inclusive Zeichensetzung) zu lesen auf der WebSite der Grünen Jugend Hamburg in einem Bericht über deren Landes- Mitgliederversammlung.

Kommentar: Das Argumentationsmuster ist bei Gelegenheit des Feldzugs gegen Raucher entwickelt worden: Wenn Herr X oder Frau Y irgendwelche Vorlieben und Abneigungen haben, die sie daran hindern, ein bestimmtes Restaurant aufzusuchen, dann muß der Staat eingreifen und dafür sorgen, daß dieses Hindernis beseitigt wird.

Wenn beispielsweise X oder Y Nichtraucher ist, dann muß der fürsorgliche Staat das Rauchen in Restaurants verbieten, denn sonst könnten X oder Y ja nicht einer Einladung in ein Restaurant folgen, in dem möglicherweise geraucht wird.

Die Grüne Jugend Hamburg hat Schwächen bei der deutschen Zeichensetzung, aber das Zeichen, das mit dieser Argumentation (immerhin des BVerfG) gesetzt wurde, hat sie verstanden: Was dem Nichtraucher recht ist, das ist dem Veganer billig.

Auch er hat schließlich ein Menschenrecht darauf, in jedes x-beliebige Restaurant gehen zu dürfen und dort zu schlemmen, statt sich etwa mit einer Bunten Salatplatte zu begnügen. Nein, daß man ihm ein komplettes Menü ohne Fleisch anbietet, das steht im zu, dem Veganer.

Was die Grüne Jugend Hamburg da erkannt hat, ist freilich erst die Spitze eines Kohlkopfs. Denn auch wer keine Musik beim Essen hören mag, oder wen Panik befällt, wenn er in schummrigem Halbdunkel speisen muß oder wenn die Tische zu eng stehen, hat schließlich ein Anrecht darauf, mit anderen essen zu gehen. Von Hundeängstlichen gar nicht zu reden, denen man selbstredend nicht zumuten kann, in einem Restaurant zu speisen, in das jemand am Nachbartisch seinen Mops mitgenommen hat.

Also weg mit der Musik, helles Licht an! Und ein ordentlicher Abstand zwischen den Tischen! Hundeverbot nicht nur im China- Restaurant! Wir brauchen gesetzliche Regelungen für Gaststätten, die es garantieren, daß jeder in jeder Gaststätte nichts vorfindet, das ihn stören könnte - als Nichtraucher, als Veganer, als Musik- und Hundehasser, als Klaustro- und als Scotophobiker; als Mensch mit welcher Eigenheit und Weltanschauung auch immer.



Sie finden, ich übertreibe? Vielleicht. Oder sagen wir: Noch.

Es gibt kaum ein Gebiet, auf dem es so schwer ist, mit seiner Satire einen gewissen Vorsprung vor der Realität zu halten, deren heißen Atem man immer im Nacken spürt.

In einem satirischen Artikel zu einem einschlägigen Thema hatte ich mir einmal Anregungen für Ge- und Verbote überlegt, von denen ich dachte, daß sie dämlich genug sind, um nicht von der Realität eingeholt zu werden.

Punkt zwei betraf eine gesetzliche Pflicht, in Restaurants fleischlose Gerichte anzubieten. Das ist jetzt noch nicht ein Jahr her; der Artikel erschien am 2. Dezember 2007.



Siehe dazu auch in "Zettels kleinem Zimmer" diesen Beitrag von FAB. vom 30. Juli 2008 und die Diskussion dazu; vor allem auch die hellsichtigen Anmerkungen von vivendi.



Für Kommentare bitte hier klicken.

5. Dezember 2007

Zitat des Tages: "Wer braucht Atomwaffen - bei diesem Amerika?"

Our intel analysts are baffled that the leading Democrat, Mrs. Clinton, no longer believes in globalization and the leading Republican, Mr. Huckabee, never believed in evolution. (...) Who needs nukes when you have this kind of America?

Unsere Geheimdienst- Analytiker sind sehr verwundert darüber, daß die führende Demokratin, Hillary Clinton, nicht mehr an die Globalisierung glaubt und daß der führende Republikaner, Mr. Huckabee, nie an die Evolution geglaubt hat (...) Wer braucht Atomwaffen, wenn wir ein solches Amerika haben?


Der Kolumnist der New York Times und Pulitzer- Preisträger ("The world is flat") Thomas L. Friedman in einem fiktiven Bericht des iranischen Geheimdienstes über die Lage in den USA ("Iranian National Intelligence Estimate of America").

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

2. September 2007

In memoriam "Pardon"

Eigentlich ist es ja schon 1982 im Orkus verschwunden, das "Pardon"- Teufelchen. Da nämlich wurde die Zeitschrift eingestellt. Aber vor drei Jahren fuhr der Kleine noch einmal heraus aus der Unterwelt. Es gab 2004 einen Neustart. Er wurde, wie es scheint, kein Erfolg. Nun also ist es mit "Pardon" offenbar endgültig vorbei.

Die Vignette zeigt einen Ausschnitt aus dem Titelbild eines der ältesten "Pardon"- Hefte, die ich noch habe. Es ist genau vierzig Jahre alt - das Heft vom September 1967. Untypisch insofern, als es ein politisches Titelbild trägt und nicht eines der Mädchenbilder, mit denen "Pardon" in diesen Jahren die Auflage gewaltig gesteigert hatte.

"Mit denen", aber nicht nur "durch die". Denn hinter dem reizenden Titelbild war viel Lesenswertes - satirische, manchmal auch literarische Texte, Cartoons, vor allem die Beilage "WimS", "Welt im Spiegel", dieser Geniestreich, gestaltet von Lützel Jeman (= Robert Gernhardt), F.W. Bernstein und F.K. Waechter).



Das erste "Pardon"-Heft, das ich gelesen habe, war das erste Heft der Zeitschrift überhaupt. Das war im Sommer 1962. Ich jobbte in den Semesterferien beim Ausgraben eines Römer- Kastells. Und da brachte jemand dieses Heft mit. Wir lasen alle darin und lachten und lachten. Schon über die grandiose Idee des (von Waechter entworfenen) Teufelchens, das seine Hörner entblößt, indem es höflich den Hut lüftet. Besser konnte man die Doppeldeutigkeit des Titels "Pardon" nicht visualisieren.

Dieser Humor war ganz anders als der damals gängige von Theo Lingen oder von "Bu", der die Witzseiten mit seinen Zeichnungen füllte. Er war dem ähnlich, was wir - zu Recht oder zu Unrecht - für "englischen Humor" hielten. Vieles erinnerte mich an den Humor von Lewis Carroll, an den absurden Witz in Limericks.

Im Lauf der sechzige Jahre änderte sich "Pardon".

Erst begann das Magazin auf der "Sexwelle" mitzuschwimmen; aus heutiger Sicht freilich mehr ein Gekräusel. Denn was so hieß, das war harmloser als das, was heute im Nachmittagsprogramm des TV läuft. Aber damals waren entblößte Busen auf dem Titel, war gar ein Nackte, die dem Chefredakteur Nikel im Genick saß (wie hier zu sehen), ein Stück fröhliche Befreiung vom Muff der Fünfziger.

Dann, ab Mitte der sechziger Jahre, wurde "Pardon" politischer.

Zwar schloß es sich nie der Agitations- Journalistik an, wie sie damals beispielsweise "Konkret" pflegte. Aber es erschienen doch viele kritische Artikel; allen voran die von Günter Wallraff, der in "Pardon" seine ersten Schreibversuche machte. (Der früheste Artikel von ihm, an den ich mich erinnere, beschrieb Anrufe bei Geistlichen, in denen er sich als Waffen- Fabrikant oder Waffen- Importeur ausgab und scheinheilig- heuchlerisch fragte, ob er das mit seinem Gewissen vereinbaren könne; der Moralist als Lügner, schon damals).

Ab Mitte der siebziger Jahre habe ich "Pardon" nur noch unregelmäßig gelesen. Das letzte "WimS" erschien im Januar 1976. Versuche, die Lücke durch andere Beilagen zu füllen - einen Comic-Beihefter, eine Beilage namens "Die Wahrheit", gefielen mir nicht mehr. Auch nicht das "Titanic", in das ein Teil der "Pardon"- Autoren abwanderte.



Im Rückblick will mir scheinen, daß im Lauf der siebziger Jahre die Zeit für ein Magazin von der Art von "Pardon" zu Ende ging.

Jede Zeit, jede Gesellschaft hat die Satire, die sie verdient. Der ätzende Witz des "Simplizissimus" paßte in die Zeit Wilhelms II. Der systemstabilisierende Humor des "Eulenspiegel" war ein Spiegel der DDR. Und "Pardon" paßte in die Aufbruchzeit der sechziger und frühen siebziger Jahre; die Zeit der "antiautoritären Bewegung"; die Zeit von Filmen wie "Zur Sache, Schätzchen" (1967); die Periode der wilden Kunst, wie man sie auf der Documenta 4 (1968) und der Documenta 5 (1972) sah; die Ära von Woodstock (1969).

Mit dem Ende dieser Periode eines fröhlich- anarchistischen Aufbruchs (der freilich schon den Keim für die die verbissene, teils kriminelle Politisierung ab Mitte der siebziger Jahre in sich trug) fehlte einer Zeitschrift wie "Pardon" sozusagen der Resonanzboden.

Und heute? Heute bewundere ich die Intelligenz, den schnellen Witz der "Comedians", die unsere Bildschirme bevölkern, von Olli Dittrich, Wigald Boning, Anke Engelke, Bernhard Hoecker, Kurt Krömer und wie sie alle heißen.

Ich glaube, das ist das Medium, in dem heute die Musik des Humors und der Satire spielt. Gedrucktes kommt da nicht mit.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

9. Juli 2006

Zettels Meckerecke: Satire darf alles

Es ist das Schicksal derjeniger, die Texte produzieren, daß nicht ihre Texte bekannt werden, sondern Bruchstücke daraus.

Wenn der Textproduzent Glück hat, dann werden sie - diese "Zitate", diese "Worte von ..." - in der Textform bekannt, in der er sie geschrieben hat. Wenn er großes Glück hat, dann werden sie sogar in dem Kontext verwendet, in dem sie ursprünglich standen.

Solches Glück ist freilich selten. Der Regelfall ist die Verhunzung des Textes und die Verwendung des "Zitats" nach völligem Belieben dessen, der es sich aneignet.

Oft ist das "Zitat" so etwas wie die reflexhafte Antwort auf den Namen seines Autors. Galilei? Und sie bewegt sich doch! Nietzsche? Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht. Zola? J'accuse.

Und Tucholsky? Satire darf alles.



Auf dieses "Zitat" beruft sich jeder Dummkopf; jeder, der kaum einen gescheiten Satz schreiben kann, der aber über eine gewisse angeborene Rotzigkeit verfügt.

Was ihn im bürgerlichen Leben disqualifizieren würde - daß er andere beleidigt, herabsetzt, sich mit billigen Witzchen über sie zu erheben trachtet -, das gewinnt in seinen Augen die Weihen des Anständigen, ja der Kunst, wenn er es "Satire" nennt. Und wenn es gar noch Satire im Dienst einer, wie er meint oder zu meinen vorgibt, humanistischen Politik ist, dann ist nicht nur unser selbsternannter Satiriker vom Wert seines Produkts überzeugt, sondern er findet meist auch ein applaudierendes Publikum.



Unter der Überschrift "Polens neue Kartoffel - Schurken, die die Welt beherrschen wollen" schrieb in der taz vom 26.6.2006 ein gewisser Peter Köhler über den Präsidenten Polens, Lech Kaczynski:
Es war bekannt, dass der 1949 geborene Kaczynski jene schwere Generation vertritt, die bereits vor ihrer Geburt von Deutschland gebissen worden war. (...)

Russland hatte Polen schließlich den Daumen des Kommunismus in den After gedrückt; und seit den Siebzigerjahren wollten beide Kaczynskis den Sozialismus aus den Pantinen kippen. (...)

Doch als 1989 der Kommunismus abgeräumt wurde und Lech Walesa das Ruder übernahm, schlug auch für Lech Kaczynski die Uhr. Er (...) wurde im Jahr 2000 für wenige Monate ein kurzer Justizminister, der mit allen Gesetzen gewaschen war und sich auch keine schiefen Haare wachsen ließ, als ein Geschäftsmann mit dem zwielichtigen Namen Janusz Heathcliff Ivanovski Pineiro behauptete, die Brüder Kaczynski hätten bei der Eröffnung ihrer Zentrumsallianz Geld aus dem Staatshaushalt in den eigenen Sack gestopft. (...)

Wie Pilsudski sind die Kaczynskis Polen bis über beide Ohren, und das Vaterland sitzt ihnen wie angegossen. Dass die zwei vorn wie hinten sauber sind, haben sie bewiesen: Lech, der öffentliche Hinterteile an Warschaus Männern mehrmals verbot, mehr noch Jaroslaw, der mit der eigenen Mutter zusammenlebt - aber wenigstens ohne Trauschein. (...)
Widerlich, nicht wahr? Beleidigungen, Insinuationen, sexuelle Anspielungen. Dreck also. Gossenjournalismus, gegen den die Boulevardpresse ein Hort der Seriosität ist.

Aber "Satire darf doch alles", sagt das nicht Tucholsky?




Das Zitat stammt aus einem kleinen Beitrag Tucholskys, der unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Berliner Tageblatt vom 27. Januar 1919 erschien. Man kann ihn in den Gesammelten Werken, zehn Bände bei Rowohlt, in Band 2 nachlesen.

Es ist eine freundliche, humorvolle, Verteidigung der Satire gegen diejenigen, die sie in Grund und Boden kritisieren. Dagegen richtet sich Tucholskys fast schüchterne Rechtfertigung:
Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen, mit dem hierzulande diese Kunst abgetan wird. (...) Wir sollten nicht so kleinlich sein. Wir alle - Volksschullehrer und Kaufleute und Professoren und Redakteure und Musiker und Ärzte und Beamte und Frauen und Volksbeauftragte - wir alle haben Fehler und komische Seiten und kleine und große Schwächen. Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren ("Schlächtermeister, wahret eure heiligsten Güter!"), wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt.
Das ist es, was Tucholsky "uns sagen" will: Leute, laßt euch auch mal durch den Kakao ziehen! Und sein Artikel - ein paar Dutzend Zeilen, nicht mehr - endet mit dem Paukenschlag, mit dem Tucholsky gern solche Glossen und Essays abschloß:
Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint. Was darf die Satire? Alles.


Wie die FAZ vom 6. Juli 2006 berichtet, hat der Chef der polnischen Präsidentenkanzlei, Maciej Lopinski, die "Satire" in der taz mit dem Stil des "Stürmer" verglichen. Ein nachvollziehbarer Vergleich, ein naheliegender Vergleich.

Am Ende der Meldung in der FAZ nun lesen wir:
"taz" entschuldigt sich (...) Die "Tageszeitung" hat sich unterdessen entschuldigt. In einem offenen Brief an "die Kartoffel" schrieb die Redaktion, man bedauere aufrichtig, daß man ein Gemüse mit so "wunderschönen Sorten" mit dem polnischen Präsidenten verglichen habe.
Es handelt sich also nicht um lediglich die Entgleisung eines Autors und des zuständigen Redakteurs, der für diesen Beitrag verantwortlich war. Die Meldung der FAZ kann man nur so verstehen, daß sich die taz-Redaktion hinter den Artikel stellt. Indem sie - offenbar ähnlich satirisch begabt wie Peter Köhler - diese "Entschuldigung" fabriziert hat, die noch eins draufsetzt.



Tucholsky kann nichts für diejenigen, die ihn zitieren. Die deutsche Linke kann nichts dafür, daß ein Blatt, das diese Art der Satire pflegt, als "linksalternativ" bezeichnet wird.