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8. September 2009

Marginalie: "Deutsche Soldaten weinen", sagt Mohammed Omar. Wer ist eigentlich in Afghanistan ein Zivilist?

Die Geschichte stand gestern in "Spiegel- Online"; jetzt wird sie auf der Startseite nicht mehr angeboten. Ein Passage daraus scheint es mir aber doch wert zu sein, festgehalten zu werden.

Aus Afghanistan berichtet für "Spiegel-Online" Ulrike Demmer. Diese Story hat sie zusammen mit einem Zweitautor verfaßt, Shoib Najafizada, offenbar einem Afghanen.

Diesem ist es gelungen, den Gouverneur der Provinz Kundus zu interviewen, Mohammed Omar. Und der hatte Bemerkenswertes über die Bombardierung der beiden Tank- Lastzüge zu sagen:
Der Gouverneur der afghanischen Provinz Kunduz bezeichnete das Vorgehen der Deutschen als vorbildlich. Der zuständige Oberst Georg Klein habe "die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit getroffen und dabei sehr besonnen gehandelt", sagte Mohammed Omar dem SPIEGEL.

Man habe in der Vergangenheit die deutschen Soldaten immer wieder dafür kritisiert, dass sie nicht robust genug aufträten. "Entweder fliehen sie in ihr Camp oder sie sitzen da und weinen", sagte Omar. Die Bevölkerung habe schon den Eindruck gewonnen, die Deutschen arbeiteten mit den Taliban zusammen.
Eine nicht unverständliche Sichtweise in einer Gegend, in der nahezu jeder erwachsene Mann sich als Krieger versteht. Soldaten, die sich nicht aus ihren gepanzerten Fahrzeugen heraustrauen und die den Kampf zu vermeiden suchen, müssen einer solchen Mentalität suspekt erscheinen.

Übrigens trifft sich die Sichtweise des Gouverneurs in dieser Hinsicht mit derjenigen amerikanischer Militärexperten; siehe bombardierte Tanklastzüge, die Taliban, der deutsche Wahlkampf; ZR vom 7.9.2009.

Und wie sieht Mohammed Omar das mit den zivilen Opfern?
Ob und wie viele zivile Opfer zu beklagen seien, konnte der Gouverneur nicht sagen, "aber die Deutschen haben die volle Unterstützung der Bevölkerung. Bei uns sind keine Beschwerden über zivile Opfer eingegangen, wie das sonst in solchen Fällen üblich ist." Augenzeugen hätten berichtet, es seien 60 bewaffnete Taliban vor Ort gewesen und 15 bis 20 weitere Personen. "Aber nachts um halb drei traut sich in dieser Gegend, die über vier Kilometer vom nächsten Dorf entfernt ist, kein normaler Zivilist auf die Straße", sagte Omar. Wer sich bei den Tanklastern aufgehalten habe, müsse kriminell oder Unterstützer der Taliban gewesen sein.
Die Sichtweise eines Gouverneurs, gewiß; also parteilich. Aber eine Sichtweise, die man vielleicht doch auch in Deutschland zur Kenntnis nehmen sollte.



Zu den Seltsamkeiten der gegenwärtigen deutschen Diskussion gehört es, daß sie von einer klaren Unterscheidung zwischen "Taliban" und "Zivilisten" ausgeht.

Nun sind aber alle Taliban Zivilisten. Sie tragen keine Uniform; sie tragen noch nicht einmal Abzeichen, die sie als Kombattanten ausweisen, oder entsprechende Papiere. Es sind einfach Männer, die mit Waffen ausgerüstet sind. Aber nicht jeder, der in Afghanistan eine Waffe trägt, ist andererseits ein Talib. Die Waffe gehört dort zum Mann, der eben - siehe oben - jedenfalls in den Stammesgebieten auch ein Krieger ist.

Also ist es schon dann, wenn man einen lebenden Mann vor sich hat, alles andere als einfach, zu entscheiden, ob er ein Talib ist oder ein anderer Zivilist. Erst recht gilt das für Leichen, für noch dazu verkohlte Leichen nach einem Angriff auf einen Tank- Lastzug.

Und ein Weiteres kommt hinzu: Nicht nur ist es schwer, einen Afghanen als Talib zu identifizieren. Sondern die Grenze ist ja als solche fließend. Es gibt Vollzeit- Terroristen, es gibt Freizeit- Terroristen, die in ihrem Dorf wohnen, es gibt Sympathisanten, es gibt Menschen, die mehr oder weniger gezwungen mit den Taliban kooperieren.

Die Vorstellung, eine Untersuchung könne herausfinden, wieviele der bei dem Angriff ums Leben Gekommenen "Zivilisten" waren, ist naiv.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

7. September 2009

Bombardierte Tanklastzüge, die Taliban, der deutsche Wahlkampf. Und zivile Opfer. Eine gespenstische Diskussion. Hintergründe

Es ist gespenstisch.

Seit Wochen wurde eine Aktion militanter Islamisten erwartet mit dem Ziel, den deutschen Wahlkampf zu beeinflussen. In der Nacht vom vergangenen Freitag auf Samstag sollte ein solcher Anschlag offenbar versucht werden. Das Ziel war möglicherweise das deutsche Feldlager in Kundus. Der Anschlag konnte dadurch vereitelt werden, daß die für für seine Ausführung vorgesehenen Tank- Lastzüge rechtzeitig bombardiert wurden.

Und wovon ist in der deutschen Öffentlichkeit die Rede? Nicht von den Taliban, nicht von dem verhinderten Anschlag; schon gar nicht von dem Zusammenhang mit dem deutschen Wahlkampf. Sondern fast ausschließlich von den Zivilisten, die wahrscheinlich bei der Bombardierung ums Leben gekommen sind.

Der deutsche kommandierende Offizier, Oberst Georg Klein, durch dessen Entscheidungen ein möglicher Anschlag verhindert wurde, wird nicht etwa belobigt, sondern die Staatsanwaltschaft Potsdam prüft allen Ernstes, ob gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen eines Tötungsdelikts eingeleitet werden wird.



Was hat sich zugetragen?

Taliban wollten vermutlich - so schildert es jedenfalls Verteidigungsminister Jung - einen Anschlag auf das deutsche Feldlager in Kundus verüben, "mit entsetzlichen Folgen für unsere Soldaten". Dazu brachten sie zwei Tank- Lastzüge in ihre Gewalt. Sie hatten eine scheinbare Kontrollstation eingerichtet, dort die Lastzüge abgefangen und deren Fahrer geköpft.

Einzelheiten des weiteren Geschehens hat die Washington Post zu recherchieren versucht und das Ergebnis gestern publiziert. Das Wichtigste aus diesem Artikel hat gestern "Spiegel- Online" übernommen.

Heute bringt die Washington Post allerdings einen weiteren Artikel der AP-Korrespondenten Douglas Birch, Kay Johnson, Melissa Eddy und Frank Jordans, der deutlich vorsichtiger formuliert ist als der Artikel von gestern.

Nach dem, was derzeit bekannt ist, scheint der Ablauf der folgende gewesen zu sein:

Die gekaperten Tank- Lastzüge wurden aus der Luft geortet - entweder von patrouillierenden US-Jets oder von einem B-1-Bomber, den Oberst Klein angefordert hatte; da gehen die Meldungen auseinander.

Zur genaueren Beobachtung wurden zwei F-15E-Jäger eingesetzt. Bilder aus deren Videokameras wurden an das deutsche Hauptquartier gefunkt. Was genau auf diesen Bildern zu sehen war, ist umstritten. Es heißt einerseits, es seien Bewaffnete mit Panzerfäusten zu sehen gewesen; jedoch ist andererseits bisher offen, ob die Bilder scharf genug waren, um solche Details zu erkennen.

Zusätzlich zu diesen Bildern hatten die deutschen Kommandeure die Aussage eines Informanten zur Verfügung, die - so sagte Oberst Klein - bis ins Detail mit den Informationen aus den Luftaufnahmen übereinstimmten. Dieser Informant versicherte, es seien nur Taliban bei den Tank- Lastzügen, die in einem Flußbett festsaßen.

Daraufhin forderte Klein die Bombardierung an. Auf jeden der beiden Tank- Lastzüge wurde eine satellitengesteuerte 500- Pfund- Bombe abgeworfen.

Inzwischen steht fest, daß sich auch Zivilisten bei den beiden Fahrzeugen befunden hatten. Warum, ist unklar. Möglicherweise wollten einige sich Benzin verschaffen, andere waren vielleicht nur Neugierige. Es gibt Berichte, wonach die Taliban Dorfbewohner mit vorgehaltener Waffe gezwungen hatten, sich zu den Fahrzeugen zu begeben, um dabei zu helfen, sie wieder flott zu bekommen.

Die Zahl der bei dem Angriff Getöteten und Verletzten ist derzeit unbekannt. Schätzungen liegen zwischen etwas über 50 und mehr als 120. Ob unter den Getöteten Zivilisten sind und wenn ja, wieviele, ist ebenfalls bisher nicht ermittelt.

Soweit die Fakten, die für so viel Aufregung sorgen, daß selbst ein bedächtiger Mann wie Volker Rühe von einem "Desaster" spricht.

Woher kommt diese Aufgeregtheit? Der Vorfall steht in mindestens zwei allgemeineren Kontexten. Erstens geht es um die strategische Situation und die Zusammenarbeit zwischen den Verbündeten in Afghanistan, zweitens um den Wahlkampf in Deutschland.



Als sich noch unter der rotgrünen Regierung Deutschland zu einem militärischen Beitrag in Afghanistan entschloß - "aufraffte" ist vielleicht das treffendere Wort -, da geschah das unter der Illusion, dies sei kein Kampfeinsatz, sondern eine Art militärisch umrahmte Entwicklungshilfe. Man hatte sich den damals ruhigen Norden des Landes ausgesucht. Dort sollten die Soldaten Brunnen graben und Schulen errichten; allenfalls derartige Maßnahmen militärisch absichern. Ungefähr so, wie der Polizist an der Ecke dafür sorgt, daß in seinem Revier niemand Dummheiten macht.

Lange Zeit schien das auch zu funktionieren, denn die neu erstarkten Taliban konzentrierten sich zunächst auf den Süden, wo sie eher als im Norden auf Sympathie der Bevölkerung rechnen konnten. Als aber durch die Offensiven vor allem der US-Truppen die Lage im Süden für sie immer brenzliger wurde, wichen viele nach Norden aus. Und damit hatte die Bundeswehr sie auf dem Hals.

Seither ist der Einsatz der Bundeswehr allmählich zu einem Kampfeinsatz geworden; ungewollt und ohne volle Unterstützung durch die deutsche Politik. Lange Zeit war es den deutschen Soldaten verboten, überhaupt von sich aus offensiv zu werden. Es gab groteske Situationen; wie etwa die, daß man sich dem Feind sozusagen präsentierte, um ihn zum Angriff zu veranlassen und auf diesem Weg selbst die Erlaubnis zu haben, ihn zu bekämpfen.

Dieses Verhalten, für das unsere Soldaten selbst am allerwenigsten können, hat ihnen bei den anderen Truppen in Afghanistan einen schlechten Ruf eingebracht; den Ruf von, um es direkt zu sagen, Duckmäusern. In dem gestrigen Artikel der Washington Post heißt es dazu:
German troops have long been criticized for restrictions that limit the battle their troops see. A U.S. based military analyst, Anthony Cordesman, said German troops don't have "the situational and combat experience" to confront Taliban on the ground. "They're as oriented toward staying in their armored vehicles as any group I've met," Cordesman said. "They're not active enough to present much of a threat to the Taliban most of the time."

Die deutschen Truppen werden seit langem wegen Einschränkungen kritisiert, die dazu führen, daß sie nur begrenzt in Kämpfe geraten. Ein Militär- Analytiker in den USA, Anthony Cordesman, meinte, die deutschen Truppen hätten "nicht die Situations- und Kampferfahrung", um den Taliban auf dem Boden entgegenzutreten. "Sie sind so darauf ausgerichtet, in ihren gepanzerten Fahrzeugen zu verbleiben, wie ich es nur je bei einer Gruppe erlebt habe", sagte Cordesman. "Sie sind nicht aktiv genug, um in der Regel für die Taliban eine Gefahr zu sein".
Diese Spannungen zwischen den deutschen und den verbündeten Truppen sind der eine Aspekt der Situation in Afghanistan, der den jetzigen Vorfall so brisant macht. Offenbar hat man beim US-Militär den Eindruck, die Deutschen wollten selbst nicht kämpfen, würden aber schon gern US-Flugzeuge anfordern, um den Job für sie zu tun.

Der zweite Aspekt ist die Änderung der Afghanistan- Strategie, die Präsident Obama verordnet hat; siehe Präsident Obamas verwirrende Strategie für Afghanistan; ZR vom 31.3.2009. Es ist keine klare Strategie; aber sie enthält zumindest Elemente von counterinsurgency; also dem Versuch, nicht nur militärisch gegen den Aufstand vorzugehen, sondern auch die hearts and minds, das Herz und den Verstand der Bevölkerung zu gewinnen.

Dazu gehört, daß der mit der Ausführung dieser Strategie beauftragte General Stanley McChrystal strikte Richtlinien zur Vermeidung ziviler Opfer erlassen hat. Diese gelten zwar nur für den Beschuß und die Bombardierung von Gebäuden; insofern war die Bombardierung der Tank- Lastzüge kein formaler Verstoß. Aber ganz offenbar ist McChrystal doch wütend über den Vorfall; zumal die Bundeswehr nicht in der vorgeschriebenen Weise sofort durch Entsendung von Bodentruppen untersucht hat, welches die Folgen des Bombardements waren.

Aus dieser Lage in Afghanistan erklärt sich die angespannte diplomatische Situation, die zum heutigen Titel der Washington Post geführt hat: "US-German rift emerges over Afghan deaths case" - wegen der Toten in Afghanistan werde ein Riß zwischen den USA und Deutschland sichtbar.



Der zweite Kontext, in dem man den Vorfall sehen muß, sind die bevorstehenden Wahlen. Es gibt seit Monaten Hinweise darauf, daß die Kaida versuchen wird, im Vorfeld dieser Wahlen einen Anschlag zu verüben, dessen Ziel es ist, das Ergebnis zu beeinflussen. In Deutschland konnten die Sicherheitsbehörden das bisher verhindern. Die Vermutung liegt nahe, daß ein erfolgreicher Anschlag der Taliban auf das deutsche Feldlager in Kundus eine ähnliche Funktion erfüllt haben würde.

Terroristische Anschläge dienen selten dazu, den Gegner militärisch zu schwächen. In der Regel ist der Adressat die Öffentliche Meinung eines Landes, das den Terrorismus bekämpft; siehe Terrorismus als angewandte Psychologie; ZR vom 28.11.2008.

Die Kaida ist ausgezeichnet über die politische Situation in den wichtigsten Ländern Europas informiert. Mit den Anschlägen vom 11. März 2004 in Madrid gelang es ihr beispielsweise, die Wahlen in Spanien zu beeinflussen, was zum Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak führte.

Auch jetzt könnte ein Anschlag in Deutschland oder auf deutsche Truppen in Afghanistan eine solche Wirkung haben. Zwar stehen mit Ausnahme der Kommunisten alle großen Parteien bisher zu den deutschen Verpflichtungen in Afghanistan. Aber bei der SPD und vor allem bei den Grünen gibt es Überlegungen, das alles neu zu überdenken.

Schließlich hatte man seinerzeit - siehe oben - für brunnengrabende Soldaten gestimmt, nicht für eine Truppe, die unter Kriegsbedingungen kämpfen muß. Gerhard Schröder, der weniger Rücksichten zu nehmen braucht als die aktiven Politiker der SPD, hat bereits das Thema eines Abzugs innerhalb einer festen Frist ins Spiel gebracht.

Da die Kommunisten ohnehin für einen sofortigen Abzug sind, dürfen sich die Taliban und die Kaida von einem Sieg der Volksfront am 27. September Vorteile versprechen. Ein Attentat auf deutsche Truppen mit zahlreichen Toten könnte in der Tat die Stimmung in Deutschland so beeinflussen, daß einer Volksfront- Regierung der Abzug leicht fallen dürfte; selbst wenn das bei den Verbündeten auf Widerstand stoßen würde. Die neugewählte sozialistische Regierung Spaniens hat 2004 im Irak vorgemacht, daß das geht.



Die Kommunisten jedenfalls haben schnell geschaltet und ihren Wahlkampf auf den Vorfall in Afghanistan eingestellt. Für morgen planen sie gar "Mahnwachen und Demonstrationen" gegen den deutschen Einsatz.

Ich fürchte, sie werden viele gutwillige Menschen erreichen, die zu Recht entsetzt sind, wenn Zivilisten in einem Krieg zu Schaden kommen.

Das ist eine sympathische menschliche Reaktion; aber sie sollte nicht handlungsleitend sein.

Es gibt keinen Krieg, in dem nicht auch Zivilisten zu Schaden kommen. So bedauerlich das ist, es ist nun einmal so. Daß immerhin versucht wird, zivile Opfer so weit wie möglich zu vermeiden, ist eine zivilisatorische Errungenschaft der Gegenwart; bisher im wesentlichen beschränkt auf die USA und Europa. Der Normalfall ist leider noch immer, daß gezielt Krieg gegen Zivilisten geführt wird; der Krieg der Kaida ist nahezu ausschließlich ein Krieg gegen Zivilisten.

Ob der Oberst Georg Klein nach den Informationen, die er hatte, davon ausgehen konnte, daß der angeforderte Angriff keine Zivilisten treffen würde, das wird die Untersuchung ergeben. Falls Zivilisten zu Tode kamen, sollte Deutschland den Angehörigen in aller Form sein Bedauern aussprechen und ihnen vor allem, wie das in Afghanistan erwartet wird, eine großzügige Entschädigung zahlen. Unsere Politik aber darf ein solcher Vorfall nicht beeinflussen.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Taliban im Süden Afghanistans, aufgenommen im Dezember 2006. Als Werk der US-Regierung (Voice of America) in der Public Domain (Ausschnitt).

6. Dezember 2008

Zitate des Tages: "Die Anwendung von Waffen richtig und notwendig". Hans-Christian Ströbele und das "mörderische Regime" eines linken Christdemokraten

Wenn immer wieder gesagt wird, gerade hier so in Debatten im Deutschen Bundestag, wir können uns doch Militäreinsätzen, auch Kriegseinsätzen im Ausland nicht verweigern, wir sind in der NATO, wir sind in der Völkergemeinschaft, wir sind in der Atlantischen Union und ähnlichen Dingen, dann sage ich immer, das war eigentlich so, wie ich mir es gewünscht habe, dass Deutschland eine Sonderrolle gespielt hat, aber eine besonders friedliche, dass gesagt wird, mit denen kann man keine Militäreinsätze und mit denen kann man keinen Krieg führen. Das ehrt doch ein Volk, wenn das einen solchen Ruf hat.

Der Abgeordnete der "Grünen" Hans-Christian Ströbele vorgestern im Deutschlandfunk in einem Interview mit Jochen Spengler

Also, ich bin kein Pazifist, dass muss ich immer gleich dazu sagen. (...) Mir hat man ja zum Beispiel in den 80er Jahren vorgeworfen, dass ich eine Geldsammlung für Waffen für das Volk in El Salvador unterstützt habe, wo es darum ging, dass das Volk sich gegen ein mörderisches Militär- Regime auflehnte und sich deswegen bewaffnet hat. Ich habe diese Sammlung für richtig gehalten, ich sehe durchaus in einzelnen Situationen, dass die Anwendung von Waffen richtig und notwendig ist.

Hans-Christian Ströbele im Januar 2004 in einem Interview mit Jakob Buhre und Daniel Khafif, publiziert im Internet- Portal Planet Interview.

Kommentar: Ich bin auf diese beiden Zitate gestoßen, als ich mir den Hintergrund für einen, so die "Süddeutsche Zeitung", "Sturm der Entrüstung" ansehen wollte, den Ströbele durch das vorgestrige Interview ausgelöst hat. Allerdings nicht mit der oben zitierten Äußerung zur deutschen Sonderrolle, sondern mit der Kundgabe seines "unwohlen Gefühls in der Magengegend" wegen des "Raushängens" von deutschen Fahnen bei der Fußball-WM.

Daß dem Abgeordneten Ströbele die Fahne, die seit 1848 das demokratische, freie Deutschland symbolisiert, Übelkeit bereitet, kann ich verstehen. Ich vermute, daß rote Fahnen bei ihm nicht diese viszerale Reaktion auslösen, sondern eher ein Gefühl der Ergriffenheit.

Fahnen sind eben nicht gleich Fahnen. Und Krieg ist nicht gleich Krieg. Wenn es darum geht, gemeinsam mit unseren Verbündeten gegen Terroristen und ihre Hintermänner vorzugehen, dann möchte Ströbele für Deutschland gern die "Sonderrolle" eines Landes, mit dem zusammen man "keinen Krieg führen" kann. Wenn hingegen Kommunisten einen Guerrilla- Krieg führen, dann findet Ströbele "die Anwendung von Waffen richtig und notwendig".

Natürlich nicht gegen sie, sondern durch sie.



Die Sache mit den "Waffen für El Salvador" verdient es, etwas genauer beleuchtet zu werden. Im April 2004 hat sich Hans- Christian Ströbele im "Tagesspiegel" an sie erinnert:
Die "taz"-Spendenaktion "Waffen für El Salvador" war vom ersten Tag an umstritten. Von den Kirchen über die Unis bis zur "taz"-Redaktion wurde heiß diskutiert: Geld für Waffen für den Befreiungskampf zu sammeln, ist das legitim, ethisch und politisch zu vertreten? Ich fand: ja. (...) Zur Geldübergabe flog immer einer von uns rüber, mit 200.000 Dollar in Plastiktüten. Die Commandantes von vier Guerillagruppen zählten Schein für Schein und quittierten per Unterschrift.
Gestartet wurde diese Aktion durch einen Aufruf in der "taz" im Dezember 1980.

Wie war damals die politische Situation in El Salvador? Am 15. Oktober 1979 war eine "Revolutionäre Regierungs- Junta" durch einen Putsch gegen den zuletzt dikatorisch regierenden Präsidenten Carlos Humberto Romero an die Macht gekommen. Diese Junta bestand - so kann man es in der Wikipedia lesen - aus "politically- liberal and -moderate military officers and civilians", aus politisch liberalen, gemäßigten Offizieren und Zivilisten.

"They were inspired by left- wing politics, and wanted to project a moderate image of government, initiating a program of land reform and nationalization of the banking, coffee, and sugar industries" - sie waren von linker Politik inspiriert und wollten das Bild einer gemäßigten Regierung vermitteln, indem sie ein Programm der Landreform und der Nationalisierung des Bankwesens, der Kaffee- und Zuckerindustrie einleiteten; so ein anderer Artikel in der Wikipedia.

So also sah das "mörderische Militär- Regime" aus, gegen das sich laut Ströbele "das Volk auflehnte".

Im Dezember 1980, als die "taz" unter wesentlicher Beteiligung Ströbeles mit der Aktion "Waffen für "El Salvador" begann, wurde José Napoléon Duarte Vorsitzender dieser links- reformerischen Junta. Er hatte als Jugendlicher 1944 an Protesten gegen den damaligen Diktator Hernández Martínez teilgenommen und deshalb in die USA fliehen müssen. Nach seiner Rückkehr gehörte er in El Salvador zu den Gründern der christlich- demokratischen Partei.

Von 1964 bis 1970 war Duarte Bürgermeister von San Salvador, wo er eine Politik der "Umverteilung des Reichtums" verfolgte; so die Wikipedia. 1970 kandidierte er für das Amt des Präsidenten, das er - wahrscheinlich aufgrund von Wahlfälschungen zugunsten seines rechten Gegenkandidaten Molina - nicht erlangte. 1972 versuchten linke Offiziere einen Putsch gegen Molina, in den Duarte angeblich verwickelt war. Er wurde verhaftet, gefoltert und zum Tode verurteilt. Aufgrund internationaler Proteste schob Molina ihn aber nach Venezuela ab.

Von dort aus war er in der internationalen christlich- demokratischen Bewegung tätig. Nach dem Putsch der "Revolutionären Regierungs- Junta" (JRG) 1979 kehrte Duarte nach El Salvador zurück, wurde zuerst Außenminister und dann Präsident; wie gesagt im selben Monat, in dem Ströbele die Aktion "Waffen für El Salvador" mit initiierte.

Über Duartes Zeit als Regierungschef schreibt die Wikipedia:
During his time at the head of the JRG, Duarte initiated land reform, nationalized certain industries such as sugar and denounced human rights violations by the military and the FMLN alike.

Während seiner Zeit als Führer der JRG startete Duarte eine Landreform, nationalisierte bestimmmte Industrien wie die Zucker- Industrie und verurteilte Verletzungen der Menschenrechte sowohl durch das Militär als auch durch die FMLN.
Die FMLN (Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional) war eine kommunistische Guerrilla- Armee, die im Oktober 1980 aus einem Zusammenschluß verschiedener bewaffneter Gruppen hervorgegangen war; vermutlich unter tätiger Mithilfe Fidel Castros.

Diese FMLN führte während der achtziger Jahre, immer unterstützt durch Ströbeles Aktion "Waffen für El Salvador", einen blutigen Guerrilla- Krieg; und zwar gegen ein El Salvador, das zur Demokratie zurückgekehrt war. 1984 wurde Duarte, der Kandidat der demokratischen Linken, mit 53,6 Prozent der Stimmen gegen den Kandidaten der Rechten, Roberto D'Aubuisson, zum Präsidenten gewählt.

Die regelmäßigen Geld- Transfers aus Deutschland an die kommunistischen Aufständischen endeten erst 1992; da waren insgesamt 4.737.755 Mark und 10 Pfennige ausgezahlt worden.



Daß es, wie Ströbele behauptet, damals "darum ging, dass das Volk sich gegen ein mörderisches Militär- Regime auflehnte und sich deswegen bewaffnet hat", ist eine Geschichtsklitterung, um nicht zu sagen eine dreiste Lüge.

Dieser Guerrilla- Krieg wurde von Kommunisten gegen eine gemäßigt linke, ab 1984 auch demokratisch legitimierte Regierung geführt. Das gehörte zur Strategie Castros; denn diese Reformer waren, unterstützt von den USA, der gefährlichste Gegner des Kommunismus. Ihr Erfolg hätte den Kommunisten das Wasser abgegraben; deshalb wurden sie viel rücksichtsloser bekämpft als die rechten Diktatoren Lateinamerikas.

Es ging in diesen Auseinandersetzungen der achtziger Jahre den Kommunisten nicht darum, das Los der Armen zu verbessern; das versuchten vielmehr Politiker wie Duarte nach Kräften. Es ging darum, den Kommunismus von Cuba aus auf das mittelamerikanische Festland auszudehnen, als einen ersten Schritt zur Eroberung ganz Lateinamerikas.

Es war ein umfassender revolutionärer Krieg, der von Castro und seinen Verbündeten geführt wurde; El Salvador war nur einer der Schauplätze.

Für diesen Krieg hat Ströbele Geld gesammelt; jener Hans- Christian Ströbele, der heute im Kampf gegen den Terrorismus für Deutschland eine "Sonderrolle" wünscht.

Eine "besonders friedliche".



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30. November 2008

Zitate des Tages: Deutschland als Diener dreier Herren. Sprünge über Bord. Was tun gegen die somalischen Piraten?

Die Deutsche Marine bereitet sich einstweilen darauf vor, mit gleich drei Fregatten am Horn von Afrika tätig zu werden. Eine wäre der EU unterstellt, die zweite der Nato, die dritte der Anti- Terror- Operation "Enduring Freedom".

Aus einer Vorausmeldung zum "Spiegel" der kommenden Woche.

Three men who jumped off their ship to escape from Somali pirates in the Gulf of Aden have been identified as the vessel's security guards.

(Drei Männer, die von ihrem Schiff sprangen, um somalischen Piraten im Golf von Aden zu entkommen, sind als die Sicherheitsleute des Schiffs identifiziert worden.)

Aus einer gestrigen Meldung der VOA News.

Kommentar: Zwei Meldungen, beide bezeichnend für die Probleme beim Kampf gegen die somalischen Piraten.

Die Sicherheitsleute flohen von dem unter liberianischer Flagge fahrenden Tanker Biscaglia, den sie hatten bewachen sollen. Sie sind Angestellte der Sicherheitsfirma AntiPiracy Maritime Security Solutions (APMSS) mit Sitz in Großbritannien.

Warum flohen die Männer, statt zu kämpfen? Weil sie gar nicht kämpfen konnten. Sie waren nämlich unbewaffnet.

Ihre Aufgabe hatte laut dem Chef der Firma, Nick Davis, lediglich darin bestanden, großen Lärm zu machen. Da das die Piraten leider nicht abgeschreckt hatte, flohen die drei Helden.

Und zwar nicht vor einer Armada von Piraten, sondern vor gerade mal fünf, die in einem Schnellboot an das Schiff herangefahren waren. Diese waren weniger friedlich gesonnen als die Sicherheitsleute. Sie schossen gemeinerweise auf diese, "even after they had jumped into the water", sogar nachdem sie schon ins Wasser gesprungen waren; so der Sicherheitschef Nick Davis.

Nicht weniger kurios ist die andere Meldung: Wer die Ehre haben darf, gegen die Piraten zu fechten, darüber streiten sich EU, Nato und Uno. Und die Bundesrepublik sitzt als das Weltkind in der Mitten, das offenbar erwägt, dann eben jeder dieser Organisationen je eine Fregatte der Bundesmarine zu offerieren.



Zwei Meldungen, die das illustrieren, was Califax am Freitag in einer ausgezeichneten Analyse dargelegt hat: Die Bekämpfung des somalischen Piratentums ist eine immense Aufgabe, die Gewalt und Blutvergießen verlangen wird; aber auch Bemühungen, in Somalia wieder so etwas wie eine Staatsgewalt herzustellen.

Im Zwanzigsten Jahrhundert galt die Piraterie als nahezu ausgerottet. Mit dem Wort "Pirat" verband man, je nach Generation, Errol Flynn, Dustin Hoffman oder Johnny Depp, aber keine reale Gefahr.

Piraten - das war etwas Historisches, auch etwas Exotisches und Romantisches. Die Piraten der Karibik im 17. und im frühen 18. Jahrhundert gehörten zum Allgemeinwissen; die nordafrikanische Piraterie der "Barbarenküste" im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert war eher Teil des Bildungsguts derer, die mit Voltaires "Candide" oder mit Rossinis "Italienierin in Algiers" vertraut waren.

Ganz verschwunden war das Piratentum zwar nie; aber es war doch zu einer Randerscheinung geworden, existent vor allem noch in Südostasien. Jetzt sind die Piraten zurück; dort, wo es auch uns weh tut, weil die Schiffe bedroht sind, die Güter von und nach Europa transportieren.

Piratentum entsteht dort, wo Staaten korrupt oder schwach sind. Schiffe zu kapern ist einfach; mit der Beute etwas anfangen, ohne daß man bald Beute und Freiheit verliert, wenn nicht das Leben, ist schwer.

Piraterie verlangt sichere Zufluchten. Diese bot die unübersichtliche und umstrittene Karibik; diese boten die korrupten Staaten der Barbarenküste. Heute bieten sie Failed States wie Somalia. Deshalb ist das Piratentum zurück.

Es wird nichts übrig bleiben, als nach der Strategie zu verfahren, die Thomas Jefferson gegen die Piraten der nordafrikanischen Barbarenküste durchgesetzt hat: Nicht den scheinbar bequemen Weg gehen und Lösegeld zahlen; damals gar Tribute. Sondern international zusammenarbeiten und den Piraten mit der einzigen Sprache begegnen, die sie verstehen, der Sprache der Gewalt.



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20. November 2008

Zitat des Tages: Herr Oberst Gertz würde nicht begrüßen

Deshalb würde ich es nicht begrüßen, wenn deutsche Soldaten noch ein zweites Mal den Fuß in Somalia hineinsetzen müßten.

Der Vorsitzende des Bundeswehr-Verbands, Oberst Bernhard Gertz, auf einer Pressekonferenz, die im Augenblick von dem Sender "Phoenix" übertragen wird.



Kommentar: Was Gertz bisher gesagt hat, kommt mir überwiegend vernünftig vor. Zur Piratenbekämpfung vor Somalia hat er z.B. darauf hingewiesen, daß das eine militärische und nicht eine polizeiliche Aufgabe ist und daß es nachgerade "irreal" sei, wenn Hubschrauber der Bundeswehr Piraten, die ein Schiff angreifen, zwar vertreiben, aber sie nicht verfolgen und stellen dürfen.

So weit, so gut. Nur - was hat ein Soldat sich in dieser Weise zu äußern? Und Gertz äußert sich ständig in dieser Weise. "Ich hoffe, daß die Große Koalition die Kraft hat ..." hat er in der Pressekonferenz einen Satz begonnen. "Deshalb dürfe die Regierung nicht 'unsere Soldaten in einen aussichtslosen Kampf mit größeren Opfern führen'" - so zitierte ihn im April die "Süddeutsche Zeitung".

Ein Soldat hat seine Befehle auszuführen. Er darf und soll als Kommandeur vor Ort, als Generalstäbler der politischen Führung seine Einschätzung der Lage mitteilen. Er kann das auch öffentlich tun, wenn er dazu eingeladen wird, wie in den USA etwa der General Petraeus regelmäßig vor dem Verteidigungsausschuß des Senats.

Aber daß ein Soldat, der Funktionär eines Interessenverbands, sich hinstellt und der Regierung öffentlich Ratschläge erteilt, was sie der Truppe befehlen soll und was bitte nicht - das wäre in den USA, das wäre im Vereinigten Königreich oder in Frankreich undenkbar.



Seit die Bundeswehr in den fünfziger Jahren aufgebaut wurde, haben Politiker aller Parteien immer wieder betont, daß sie nicht - so, wie das der Weimarer Reichswehr gern zugeschrieben wird - ein "Staat im Staate" sein dürfe.

Die Bundeswehr muß - darüber sind alle sich einig - sich der zivilen Führung unterordnen. Es gilt der Primat der Politik. Die militärische Führung hält sich in Deutschland vorbildlich daran. Wie kann es da dem Bundeswehr- Verband erlaubt sein, in dieser ungezügelten Weise zu politisieren?



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