12. April 2009

Zettels OsterfragerEi (4): Warum sind wir Deutschen (bisher) in der Krise so gelassen geblieben? Ganz anders als die Franzosen

Es mag Zufall gewesen sein, aber es hatte etwas Symbolisches: Die Demonstrationen gegen den Nato-Gipfel in Baden-Baden und Straßburg blieben auf der deutschen Seite überwiegend friedlich, während sie jenseits des Rheins fast schon den Charakter einer Aufruhr annahmen; mit Brandstiftungen, Plünderungen und diversen sonstigen Gewalttaten als Krönung des "Friedensmarschs".

Aufruhr - damit kann man in diesen Tagen Manches in Frankreich kennzeichnen. Nicht nur Aktionen, sondern auch die Stimmung in einem Teil der Bevölkerung; einem freilich großen Teil, vielleicht der Hälfte.

Bereits im Januar gab es eine Aktion, die von den französischen Kommunisten und ihren Verbündeten als "Generalstreik" deklariert wurde. Im März wiederholte sich das Spektakel.

Ich habe damals darauf hingewiesen, daß nicht "die Franzosen" demonstrierten, sondern nur eine Minderheit. Aber die Unterstützung für diese Minderheit ist doch ganz erheblich. Eine Umfrage nach den Demonstrationen im März ergab die "Solidarität" von nicht weniger als 62 Prozent der Befragten mit den Demonstranten; was immer hier unter Solidarität zu verstehen ist.

Bezeichnend, auf eine makabre Weise bezeichnend, ist die Haltung der Franzosen zu den sogenannten Séquestrations de PDG. Was ist das? Extremisten bemächtigen sich des Sptzenmanagers eines Unternehmens und halten ihn mehr oder weniger lang gefangen. So widerfuhr es kürzlich den Chefs von Sony France, von 3M in Pithiviers; so widerfuhr es fünf Managern von Caterpillar in Grenoble.

Und wie finden die Franzosen das? Sie sind tief gespalten. Heute erscheint dazu eine Umfrage, über die der Nouvel Observateur gestern vorab berichtete.

Drei Meinungen waren vorgegeben, zwischen denen die Befragten sich entscheiden sollten. 27 Prozent entschieden sich für "Das ist ein Vorgehen, das ich angesichts der Schwere der Krise billige". Nur 23 Prozent wählten "Das ist ein Vorgehen, das ich ablehne und das bestraft werden sollte". 50 Prozent entschieden sich für ein Sowohl-als-auch: "Das ist ein Vorgehen, das ich ablehne, das aber straffrei bleiben sollte".



Man stelle sich vor, was in Deutschland los wäre, wenn Extremisten Mitglieder der Leitung ihrer Unternehmen gefangen setzen würden! Aber wir brauchen uns das nicht vorzustellen, denn es wird nicht stattfinden.

Während - nein, nicht "die Franzosen", aber doch die, grob gesagt, linke Hälfte der französischen Gesellschaft in Aufruhr ist; während in Frankreich der Kommunist Olivier Besancenot monatelang in den Umfragen als der "beste Gegenspieler " von Nicolas Sarkozy an der Spitze lag, interessieren wir Deutsche uns vor allem dafür, daß die Abwrackprämie nicht vorzeitig ausläuft.

Wie kommt es, daß Deutsche und Franzosen so verschieden auf die Krise reagieren? Liegt es an der jeweiligen aktuellen Situation? Liegt es an historischen Traditionen? Gibt es noch andere Gründe?

Warum bewahren wie Deutschen kühlen Kopf; in einem nachgerade atemberaubenden Maß? Die schlimmste Krise seit 1929 wird uns prophezeit. Wir aber planen weiter unseren Urlaub, freuen uns auf das neue Auto, interessieren uns mehr für den Niedergang von Bayern München als für den der deutschen Exportwirtschaft.

Oder ist das gar nicht so? Beschreibe ich hier nur eine Oberfläche, unter der es brodelt?



Es ist Tradition in diesem Blog, daß zu Ostern eine kleine Sonder- Serie läuft. Im Jahr 2007 war es Zettels Oster- LobhudelEi, in der ich u.a. ein positives Bild unserer Geschichte seit 1945 gezeichnet habe. Vergangenes Jahre begann die Serie Zettels OsterfragerEi, die jetzt ihre Fortsetzung findet.

Wie immer bei der OsterfragerEi bitte ich um Antworten. Wie immer gibt es dazu einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Wer seine Meinung beisteuern möchte, sich dort aber nicht anmelden mag, der kann mir gern auch eine Mail schicken; ich füge sie dann in den Thread ein. Die Adresse sehen Sie, wenn sie rechts oben auf das kleine Bild von Zettels Haus klicken und dann unter Contact auf Email.



Die Titelvignette zeigt die Signatur Karls des Großen, des letzten Herrschers von sowohl Deutschland als auch Frankreich. Sie ist copyrightfrei, weil der Urheber schon länger als 70 Jahre tot ist.

11. April 2009

Zitat des Tages: "Ein großer Erfolg der Ostermarschierer". Anmerkungen zum dreifachen Steinmeier

Die europäische Bewegung, die vor 50 Jahren mit der Kampagne für nukleare Abrüstung begann, kann nach langen politischen Auseinandersetzungen einen großen Erfolg verbuchen.

Frank-Walter Steinmeier in einer Erklärung zu den diesjährigen Ostermärschen.

Kommentar: Dieses Satz Frank-Walter Steimeiers ist aus drei Gründen interessant.

Erstens als ein Satz des Ministers Steinmeier. Der "große Erfolg", den Steinmeier den Ostermarschierern attribuiert, besteht nämlich nach seiner Ansicht in der "jüngste(n) Erklärung der Präsidenten Barack Obama und Dmitrij Medwedjew, die Atomwaffenarsenale massiv zu reduzieren". Und daraus wiederum leitet er ab, daß die USA ihre Atomwaffen aus Deutschland abziehen sollten. Die "Süddeutsche Zeitung":
Im Magazin Spiegel forderte Steinmeier den Abzug der letzten in Deutschland lagernden US-Atomwaffen und geht damit auf Gegenkurs zu Kanzlerin Merkel. "Diese Waffen sind heute militärisch obsolet", sagte der SPD-Politiker. Er werde sich dafür einsetzen, dass die verbliebenen Sprengköpfe abgezogen würden.
Hier ist das Bemerkenswerte, daß sich der Minister Steinmeier (wieder einmal) über die Kabinettsdisziplin und die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin hinwegsetzt. Ohne einen entsprechenden Kabinettsbeschluß prescht er in einer so wichtigen Frage vor; so als sei er der Oppositionsführer und nicht der Vizekanzler dieser Regierung.

In keinem ordentlich regierten Staat gibt es so etwas. Aber von Steinmeier sind wir es inzwischen gewohnt. Seine Eigenmächtigkeit ging ja schon so weit, daß er dem noch nicht einmal im Amt befindlichen Barack Obama einen anbiedernden "Offenen Brief" schrieb, statt in Abstimmung mit der Kanzlerin die üblichen diplomatischen Kanäle zur Kontaktaufnahme zu nutzen.

Bemerkenswert ist der Satz zweitens als ein Satz des Linken Steinmeier. Dieser graue Mann, der die Karten immer so eng an die Brust drückt, daß er sie selbst kaum sehen kann, gilt seltsamerweise als ein Mann der Mitte, ja manchmal als SPD-Rechter. Nichts deutet aber darauf hin, daß er das ist.

Bevor er die Laufbahn der Grauen Eminenz einschlug, hat er sich politisch sehr eindeutig positioniert, und zwar ganz linksaußen in der SPD; dort, wo auch die Zusammenarbeit mit Kommunisten nicht tabuisiert ist. Als er kürzlich Mitglieder der Partei "Die Linke", die nicht auf der orthodoxen Parteilinie sind, als "Sektierer" bezeichnete, da bediente sich Steinmeier noch einmal der Diktion, die er damals gelernt haben dürfte.

Die Bewegung "Kampf dem Atomtod", die Bewegung der jetzt von Steinmeier gerühmten Ostermarschierer also, wurde teils von diesem DKP-nahen (anfangs noch KPD-nahen) Flügel der SPD getragen, teils von der KPD bzw. DKP selbst sowie von sogenannten "undogmatischen Linken". An solche Leute ist Steinmeiers jetzige Erklärung offensichtlich adressiert.

Und damit sind wir bei dem Wahlkämpfer Steinmeier. Die Führung der SPD hat es traditionell vermieden, sich mit den Ostermarschierern zu solidarisieren. Wenn Steinmeier es jetzt ostentativ tut, dann schlägt der Wahlkämpfer Steinmeier damit zwei Fliegen mit einer Klappe:
  • Zum einen biedert er sich bei Linken an. Den Kommunisten soll das Wasser abgegraben werden, indem Steinmeier sich in die linke Tradition stellt, die die Partei "Die Linke" für sich reklamiert.

  • Indem Steinmeier diese Tradition mit der jetzigen Politik des Präsidenten Obama verknüpft, schlägt er zugleich das Thema an, das außenpolitisch den Wahlkampf der SPD bestimmen dürfte: Wir, die SPD, sind im Tritt mit der neuen US-Regierung. Wir wollen das, was auch Obama will. Die Kanzlerin hingegen wird man mit Bush in Verbindung bringen; sie als nicht mehr auf der Höhe der Zeit befindlich darstellen.
  • Der erwähnte "Offene Brief" Steinmeiers hat das bereits Anfang des Jahres angekündigt: Steinmeier will sich im Wahlkampf als derjenige präsentieren, der den besseren Draht zu den USA des Präsidenten Obama hat. Etwas von Obamas Glanz soll auf ihn fallen.



    Nicht schlecht ausgedacht. Bestens ausgedacht als flankierende Maßnahme zu dem Konzept für einen innenpolitischen Wahlkampf, auf das die SPD-Spitze sich am vergangenen Dienstag laut "Spiegel- Online" verständigt hat.

    Und die Union? Die Kanzlerin ist mit dem Regieren beschäftigt. Die CDU-Zentrale scheint noch damit befaßt zu sein, herauszufinden, wann denn die nächsten Bundestagswahlen stattfinden.



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    10. April 2009

    Hat Präsident Obama vor König Abdullah einen Diener gemacht? Oder war da gar noch mehr? Urteilen Sie selbst!

    Die Sache ist jetzt mehr als eine Woche alt, aber sie bewegt noch immer - nun, vielleicht nicht die Welt, nicht einmal Amerika; aber doch viele Amerikaner: Hat er einen Diener gemacht? Hat Präsident Obama sich tief vor dem saudischen König Abdullah verbeugt?

    Es ist eine Frage wie die, ob der Ball damals im Wembley- Stadion im Tor war oder nicht; ob ein gewisser Präsident "sex with this woman" gehabt hatte (was ist "sex"?), ob derselbe Präsident, als er Marijuana rauchte, das eigentlich gar nicht tat, weil er nämlich nicht inhalierte.

    Das sind Fragen, die die Welt bewegen können. Wie auch die, ob Obama nun den Diener gemacht hat oder nicht. Oder war es gar noch mehr?



    Die Szene spielte am 1. April auf dem Empfang zur Konferenz der G-20 in London. Sie ist durch ein Foto dokumentiert, das Sie hier anschauen können; sowie durch ein Video, dessen entscheidende Passage (13 Sekunden) zum Beispiel hier bei der israelischen Zeitung Haaretz zu sehen ist.

    Alles klar? Nein.

    Denn erstens gibt es inzwischen so etwas wie ein Dementi aus dem Weißen Haus. Der Autor des einflußreichen und im allgemeinen zuverlässige Blogs Politico, Ben Smith, hat sich vorgestern im Weißen Haus erkundigt:
    "It wasn't a bow. He grasped his hand with two hands, and he's taller than King Abdullah," said an Obama aide, who spoke on the condition of anonymity.

    "Es war keine Verbeugung. Er faßte seine Hand mit beiden Händen, und er ist größer als König Abdullah", sagte ein Mitarbeiter Obamas, der sich unter der Bedingung äußerte, anonym zu bleiben.
    Und zweitens ist ein Verdacht aufgekommen, der in der Tat nicht von der Hand zu weisen ist: Daß Obama sich nicht nur vor Abdullah tief verbeugt, sondern ihm dabei auch die Hand geküßt hat. Das jedenfalls schrieb der kommentierende Leser Alan SA als Antwort auf den gestrigen Artikel in Haaretz.

    Könnte sein. Schauen Sie sich das Video noch einmal an - wie Obama auf Abdullah zugeht und sich dann so tief verbeugt, wie man das eigentlich nicht tut. Es sei denn, daß man eben eine Hand küssen möchte. Man kennt das von Audienzen des Papsts.

    Sehen Sie sich vielleicht auch noch einmal das Foto an. Alle Umstehenden gucken nach schräg unten. Wo treffen sich ihre Blicke? Ungefähr da, wo - leider verdeckt - in diesem Augenblick Abdullahs Hand und Obamas Mund sich befunden haben dürften.



    Nehmen Sie, lieber Leser, das aber bitte nicht allzu ernst. Wir nähern uns hier Bildanalysen à la Moon Hoax und 9/11. Aber die Sache selbst ist schon ernst.

    Natürlich geht es nicht um diese Geste als solche. Es geht um die Neuorientierung der amerikanischen Politik gegenüber den moslemischen Ländern und damit natürlich auch gegenüber Israel.

    Barack Obama nennt sich neuerdings gelegentlich Barack Hussein Obama; er hat das zum Beispiel in der Diskussion mit Jugendlichen anläßlich des Nato-Gipfels getan. (Wer ihn im Wahlkampf so genannt hatte, wurde als übler Verleumder angesehen).

    Als ersten ausländischen Staatsmann rief er nach seiner Amtseinführung den Palästinenser- Präsidenten Abbas an. Sein erstes Interview nach der Amtseinführung gab er dem arabischen Sender Al-Arabiya. In seiner Antrittsrede hat er - vor der Erwähnung der anderen Religionen, auch der jüdischen - die USA als "eine Nation von Christen und Moslems" bezeichnet.

    Bereits in dieser ersten Rede hat er das verkündet, was er jetzt in Ankara bekräftigt hat: Seine Regierung sieht sich als enger Partner der moslemischen Welt. Aus dem Text seiner Rede vor dem türkischen Parlament:
    We will listen carefully, bridge misunderstanding, and seek common ground. We will be respectful, even when we do not agree. And we will convey our deep appreciation for the Islamic faith, which has done so much over so many centuries to shape the world for the better – including my own country.

    Wir werden aufmerksam zuhören, unsere Mißverständnisse überbrücken und eine gemeinsame Grundlage suchen. Wir werden respektvoll sein, selbst wenn wir nicht übereinstimmen. Und wir werden unsere tiefe Hochachtung für den islamischen Glauben vermitteln, der über so viele Jahrhunderte so viel dafür getan hat, die Welt zum Besseren zu verändern - auch mein eigenes Land.
    Die Verbeugung vor dem saudischen König, Hüter der Heiligen Stätten des Islam, symbolisiert diesen Wandel in der amerikanischen Politik. Denn König Abdullah kommt eine besondere Bedeutung für diese neue Politik der Zusammenarbeit mit der moslemischen Welt zu.

    Und das nicht nur wegen seiner heraugehobenen Funktion als der Herrscher in Mekka und Medina, sondern auch wegen seines politischen Gewichts. Dieses zeigt sich zum Beispiel in seinem Nahost- Plan von 2002, der inzwischen der offizielle Plan der Arabischen Liga ist. Er sieht nicht nur die Schaffung eines Staats Palästina vor, sondern auch den Rückzug Israels aus allen besetzten Gebieten einschließlich Ost- Jerusalems und eine "gerechte Lösung" des Problems der Flüchtlinge - was aus arabischer Sicht deren (und vor allem deren Nachkommen) Recht auf Rückkehr nach Israel bedeutet.

    Das wäre - Leo Renner hat es im American Thinker so drastisch formuliert - das Ende Israels als jüdischer Staat.

    Wie Haaretz am 5. April berichtete, hat Obamas Nahost- Beauftragter George Mitchell bereits vor einigen Wochen auf einer Konferenz mitgeteilt, daß die USA die Initiative Abdullahs in ihre Nahostpolitik einarbeiten ("incorporate") würden.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Die Titelvignette zeigt das offizielle Foto von Präsident Obama. Es wurde wenige Stunden vor seinem Amtsantritt von Peter Souza aufgenommen und ist unter Creative Commons Attribution 3.0 Unported License freigegeben.

    9. April 2009

    Zitat des Tages: Claudia Roth will den Schießsport verbieten. Totalitäres Denken bei den Grünen

    Sportschützen können ihren Sport auch mit Luftgewehren oder anderen Waffen ausüben, die weniger gefährlich sind.

    Die Vorsitzende von "Die Grünen" Claudia Roth gegenüber der "Frankfurter Rundschau" als Erläuterung zu ihrer Forderung, Schützenvereinen die Verwendung scharfer Waffen zu verbieten.

    Kommentar: Sportschützen schießen mit scharfen Waffen. Sie tun das weltweit; so wie Kegler mit der Kugel kegeln und der Schlittensport mit Schlitten betrieben wird. Internationale Wettbewerbe finden überwiegend mit scharfen Waffen statt.

    Claudia Roths Forderung ist also nichts anderes als die Forderung, den Schießsport in Deutschland faktisch zu verbieten; oder sagen wir: ihn abzuwürgen. Der Deutsche Schützenbund hat 1.476 Millionen Mitglieder. Diesen soll ihr Sport größtenteils untersagt werden.

    Das Empörende an der Forderung Roths ist das Staatsverständnis, das sie erkennen läßt: Wie in einem totalitären Staat soll die Obrigkeit bis in das Privatleben hinein bestimmen dürfen, wie die Menschen ihr Leben gestalten.

    Nein, "Die Grünen" sind keine totalitäre Partei. Aber sie sind von allen deutschen Parteien, sieht man von den Kommunisten und den Nazis ab, die mit Abstand freiheitsfeindlichste Partei; eine Partei, die sich totalitärem Denken keineswegs generell verschließt.



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    8. April 2009

    Wer sind eigentlich die US-Abgeordneten, die Fidel und Raúl Castro besuchten? Nebst einigen Informationen über den alltäglichen Rassismus in Cuba

    Wahrscheinlich haben Sie die Meldung gelesen: Im Rahmen der Umwertung aller Werte, die gegenwärtig die Regierung Obama außenpolitisch veranstaltet, hat eine Delegation amerikanischer Abgeordneter und Senatoren Cuba besucht; ja einige Mitglieder wurden gar vom Comandante en Jefe Fidel Castro persönlich empfangen. Die FAZ hat das gestern so gemeldet:
    Eine Delegation von amerikanischen Parlamentariern ist am Dienstag nach einem Treffen mit Präsident Raúl Castro auch mit Kubas Revolutionsführer Fidel Castro zusammengetroffen. Die amerikanische Delegation unter Leitung der demokratischen Abgeordneten Barbara Lee war für fünf Tage nach Kuba gereist, um einen Dialog in Gang zu bringen und folgten einer Einladung Castros zu einem Gedankenaustausch. Der 82 Jahre alte Fidel Castro habe einen "sehr energiegeladen" Eindruck gemacht, berichtete Lee dem amerikanischen Fernsehsender CNN. Die Zusammenkunft mit Castro sei "bewegend" gewesen.
    Wer ist diese Abgeordnete Barabara Lee?

    Aus der Wikipedia erfahren wir: Sie begann ihre politische Karriere bei den Black Panthers in Oakland, wo sie 1973 für den Mitbegründer der Black Panthers, Bobby Seale, arbeitete. Seale war ein schwarzer Extremist, einer der Chicago Eight, der durch besondes rüdes Verhalten vor Gericht auffiel und deshalb zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Ein späterer Prozeß, in dem er der Anstiftung zum Mord an einem abtrünnigen Mitglied beschuldigt wurde, endete ohne Urteilsspruch.

    Barbara Lee ist von Beruf Sozialarbeiterin. Politisch hervorgetreten ist sie 2001, als sie als einziges Mitglied des Kongresses gegen das Gesetz stimmte, das militärisches Vorgehen gegen Terroristen autorisierte. Sie war Vorsitzende des Progressive Caucus und ist jetzt Vorsitzende des Black Caucus.

    Ein Caucus ist eine Gruppe von Abgeordneten, vergleichbar den "Kreisen", in denen sich bei uns Parlamentarier zusammenfinden; anders als bei uns sind diese Gruppen aber oft parteiübergreifend. Im Progressive Caucus haben sich die Linksaußen des Repräsentantenhauses organisiert. Der Congressional Black Caucus ist eine Vereinigung schwarzer Abgeordneter sowohl des Senats als auch des House of Representatives.



    Womit wir bei der Delegation sind, die Cuba bereiste. Es war keineswegs, wie die FAZ unisono mit anderen Medien meldete, einfach "eine Delegation von amerikanischen Parlamentariern". Sondern die Reisenden waren, wie man heute im American Thinker lesen kann, Delegierte dieses Black Caucus.

    Von den sechs Mitgliedern der Delegation hat nicht nur Barbara Lee eine linksextreme Vergangenheit. Ein anderes Mitglied der Delegation, Bobby Rush, war einst der Gründer der Black Panthers von Illinois und saß wegen illegalen Waffenbesitzes sechs Monate im Gefängnis.

    Kein Wunder also, daß diese Delegierten von der Begegnung mit Fidel Castro hingerissen waren. Im American Thinker zitiert:
    "He looked directly into my eyes! ... and then he asked: how can we help President Obama? Fidel Castro really wants President Obama to succeed."

    "Er sah mir direkt in die Augen! ... und dann fragte er: Wie können wir Präsident Obama helfen? Fidel wünscht Präsident Obama wirklich Erfolg"

    (Delegierte Laura Richardson)

    "It was quite a moment to behold! ... Fidel Castro was very engaging and very energetic."

    "Es war wirklich ein unvergeßlicher Augenblick ... Fidel Castro war bezaubernd und energiegeladen"

    (Leiterin der Delegation Barbara Lee)

    "He's one of the most amazing human beings I've ever met!"

    "Er ist einer der faszinierendsten Menschen, die ich jemals kennegelernt habe."

    (Delegierter Emanuel Cleaver)

    "It was almost like visiting an old friend"

    "Es war fast wie der Besuch bei einem alten Freund"

    (Delegierter Bobby Rush; diesmal über Raúl Castro).
    Jener Fidel Castro, der nach Ansicht des Delegierten Cleaver einer der fasziniernden Menschen ist, gehört zu den großen Schlächtern des Zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Kriegstreiber, dessen Söldner in Afrika mordeten; der allein in den Wochen nach seiner Machtergreifung Tausende exekutieren ließ.



    Ein Bild vom Ausmaß der Brutalität dieses Regimes gibt das Cuba Archive, das akribisch die Morde dokumentiert.

    Sieht man sich dazu den Artikel in der Wikipedia über Menschenrechte in Cuba an und insbesondere den Artikel über Rassismus in Cuba, dann wird sichtbar, wie seltsam, ja wie absurd gerade das Lob schwarzer Politiker für das Regime Castros ist.

    Kaum ein Land ist immer noch so offen rassistisch wie Cuba. Die Herrschaft der Kommunisten ist zugleich die Herrschaft einer weißen Clique.

    Jeder, der sich den cubanischen Propandasender CubaVision ansieht, kann das feststellen: Die Journalisten, die politischen Würdenträger, die Kulturschaffenden, die gezeigt werden, sind fast ausschließlich Weiße. Nur in den Musiksendungen dominieren die Schwarzen; und im Publikum natürlich, das den Reden der weißen Herrenschicht zu lauschen und ihnen zu applaudieren hat.

    Laut der Wikipedia kontrollieren die 20 bis 35 Prozent der Weißen in Cuba alle Machtpositionen. Die Schwarzen leiden unter einer noch größeren Armut als die Bevölkerung insgesamt.

    Nach einer in der Wikipedia zitierten Untersuchung der EU herrscht in Cuba ein systematischer und durch die Institutionen geförderter Rassismus. Schwarze werden von gutbezahlten Positionen ausgeschlossen. Sie erhalten die schlechtesten Wohnungen, müssen am längsten auf ärztliche Versorgung warten und Leitungsfunktionen werden ihnen verweigert.

    Humberto Fontova, der Autor des Artikels im American Thinker und Verfasser mehrer Bücher über Cuba, schreibt dazu, daß nur neun Prozent der Mitglieder der herrschen Kommunistischen Partei Schwarze sind, aber neunzig Prozent der Insassen von Gefängnissen.



    Auch viele in Deutschland - wohl vor allem viele Linksliberale -, die das Regime in Cuba als undemokratisch kritisieren, glauben, daß es doch immerhin sozial sei.

    Davon kann keine Rede sein. Es ist die Diktatur einer weißen Nomenklatura, die sich auf Kosten der immer mehr verarmenden, überwiegend schwarzen Bevölkerung ein schönes Leben macht. Wie jede Klassenherrschaft kann auch diese nur mit Gewalt aufrechterhalten werden. Cuba, dessen politische Polizei einst vom MfS ausgebildet wurde, ist heute einer der perfektesten Polizeistaaten der Welt. Eine rassistische Klassenherrschaft.

    Ja, sehen das denn die schwarzen Abgeordneten nicht, die nach Cuba reisten und von Fidel Castro schwärmen? Nein, sie sehen es vermutlich nicht. So wenig, wie es viele deutsche Linke (und leider auch manche Liberale) sehen, die unfähig oder wohl eher nicht willens sind, die Realität wahrzunehmen.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Fidel Castro, aufgenommen 2009. Bildquelle: Presidencia Argentina; Copyright intern registiert als OTRS ticket 2007042610015988. Frei unter Creative Commons Attribution 2.0 License (Ausschnitt, bearbeitet). Der Artikel enthielt ursprünglich ein Zitat von Ernesto Guevara, das ich aber wieder herausgenommen habe, weil sich die Quelle nicht hinreichend verifizieren ließ. Mit Dank an Abraham.

    Zitat des Tages: Günter Grass, Herbert Wehner und "Lenin'sche Bündnispolitik"

    Grass bedankt sich, indem er liest: das Wehner-Porträt aus seinem "Tagebuch einer Schnecke", das Warschau-Kapitel aus "Mein Jahrhundert", dann ein paar mehr oder weniger politische Kurzgedichte aus dem Band "Fundsachen für Nichtleser". Anschließend erzählt er, wie er Herbert Wehner in einem langen Streitgespräch vom Sinn privater Wählerinitiativen überzeugte. "Das", habe Wehner endlich gesagt, "ist Leninsche Bündnispolitik!". So verstand man sich durch Nichtverstehen.

    Andreas Kilb gestern in der FAZ über einen Auftritt von Günter Grass im Willy- Brandt- Haus.

    Kommentar: Das Gespräch mit Wehner, an das Grass sich erinnert, dürfte 1965 stattgefunden haben. Damals gehörte Grass zu den Gründern einer Wählerinitative für die SPD, des "Wahlkontors deutscher Schriftsteller". Man unterstützte die SPD zu den Bundestagswahlen jenes Jahres. Gut ein Jahr später hatte Wehner das Ziel seiner Bündnispolitik erreicht, zusammen mit der CDU/CSU die erste Große Koalition zu bilden.

    Die Anekdote, die Grass erzählt, ist bezeichnend. Denn das Grundprinzip des Leninismus ist die Bündnispolitik.

    In den Jahren vor der Oktoberrevolution hatte Lenin in einer schonungslosen Analyse erkannt, daß die Bolschewiken niemals in freien Wahlen eine Mehrheit erlangen würden. Also konnten sie die Macht nur erobern, wenn sie sich mit anderen verbündeten und diese, ebenso wie die Nicht- Partner, anschließend ausmanövrierten.

    Das hat Lenin in Perfektion exerziert. Im einzigen frei gewählten Parlament nach der Oktoberrevolution hatten die Bolschewiken gerade einmal 168 von 703 Mandaten. Genug, um durch Bündnisse mit den Bündniswilligen und durch Ausschaltung der nicht Bündniswilligen die Macht an sich zu reißen.

    Wehner, der Altkommunist, dachte in Lenin'schen Kategorien. Er hatte offenbar zunächst nicht viel davon gehalten, daß politisch unerfahrene Schriftsteller wie Grass, Nicolaus Born und Peter Härtling sich in den Wahlkampf einmischten. Bis er erkannte, daß damit bürgerliche Schichten in eine Bündnis mit der Arbeiterklasse geholt werden konnten, die von der SPD allein nicht erreicht worden wären. Bis er also merkte, daß das, was Grass ihm vorschlug, genau in seinen Plan zur Eroberung der Macht paßte, dessen erste Stufe das Bündnis mit progressiven bürgerlichen Kräften sein sollte.



    In der DDR haben die Kommunisten diese Bündnispolitik bis zum Schluß betrieben; wenn auch als Farce. Aber die DDR war eben nie ein Einparteienstaat. Die Bündnispartner hatten ihren Platz, ihre Nische - von den in der CDU organisierten Christen bis zu kollaborationswilligen Nazis, für die von den Kommunisten eigens die NDPD gegründet worden war; später war sie die Partei der Reste des konservativen Mittelstands in der DDR.

    In der alten Bundesrepublik verfolgte die DKP diese Bündnisstrategie auf andere Art. Als Partei war sie unbedeutend, aber über Umfeldorganisationen wie die VVN, durch Unterwanderung von Gewerkschaften, durch Einflußnahme auf Bewegungen wie "Kampf dem Atomtod", die Anti-AKW- und die Friedensbewegung hatte sie eine politische Bedeutung, die weit über ihre Stärke bei Wahlen hinausreichte.

    Das Ziel war ab den sechziger Jahren gemäß der Stamokap- Theorie das "breite antimonopolistische Bündnis" mit der SPD und den Gewerkschaften, durch das die DKP langfristig entscheidenden Einfluß auf die Bundesrepublik zu gewinnen hoffte.

    Auch heute betreiben die deutschen Kommunisten eine konsequente Lenin'sche Bündnispolitik.

    Zum einen, indem die PDS die WASG schluckte und dabei in Kauf nahm, auch Trotzkisten und nichtkommunistische Linke in der Partei zu haben; "Sektierer" also, wie sie - die kommunistische Diktion korrekt verwendend - Frank- Walter Steinmeier nannte. Gerade die orthodoxesten Leninisten wie die Gruppe um Sahra Wagenknecht haben diese Politik mitgetragen; sie war und ist eben lupenreiner Leninismus.

    Zum anderen betreiben die Kommunisten heute Lenin'sche Bündnispolitik dadurch, daß sie, wo immer sich eine Chance bietet, das Regierungsbündnis mit der SPD suchen. Mit jener SPD, die man andererseits als Partei des Sozialabbaus, als Partei der völkerrechtswidrigen Angriffskriege usw. aufs Heftigste kritisiert.

    Wenn es um die Machtfrage geht, dann spielt dergleichen keine Rolle; dann schluckt der geschulte Leninist jede Kröte. Sogar mit allen Anzeichen, daß es ihm schmeckt.



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    7. April 2009

    Kurioses, kurz kommentiert: Warum gibt es in Köln fünfmal so viele Wohnungseinbrüche wie in München? Im "Zeit-Magazin" hat jemand eine Idee

    Das "Zeit-Magazin" hat eine hübsche Rubrik namens "Deutschlandkarte". Auf einer Karte der Bundesrepublik werden statistische Daten visualisiert; etwa die Zahl der Schützenvereine in den einzelnen Regionen und Städten, die Zahl der aus der Stadtbibliothek entliehenen Bücher pro Einwohner oder, sagen wir, die Zahl der Fahrräder.

    Im aktuellen Heft 15/2009 sind es die Zahlen der Wohnungseinbrüche, die auf einer solchen Karte dargestellt sind.

    An der Spitze der Großstädte liegen u.a. Köln und Hamburg; am unteren Ende Städte wie Stuttgart und München. Genaue Zahlenwerte sind nicht angegeben; ich habe sie aber einmal für Köln und Stuttgart aus der Polizeilichen Kriminalstatistik herausgesucht: Im Jahr 2007 - das sind die aktuellsten Zahlen - kamen in Köln 428 Wohnungseinbrüche auf 100.000 Einwohner, womit die Stadt bundesweit an der Spitze liegt. In München waren es 87.

    Zu den "Deutschlandkarten" gibt es jeweils ein paar erklärende Sätze. Und was diesmal deren Autor, Matthias Stolz, sich ausgedacht hat, das erscheint mir kurios genug, um es kurz zu kommentieren.

    Warum gibt es in Köln fast fünfmal so viele Einbrüche pro Einwohner wie in München? Stolz bietet dafür diese Erklärung an: "Eingebrochen wird dort, wo viel Reichtum und Armut an einem Ort zusammenkommen, man könnte auch sagen: wo die Einkommensschere ... besonders weit aufgeht."



    Eine bemerkenswerte Erklärung. Bemerkenswert erstens, weil sie repräsentativ ist für die seltsame, aber weit verbreitete Theorie der Kriminalität, die sich dahinter verbirgt: Verbrecher begehen ihre Taten, weil sie arm sind. Sie holen sich unter Bruch der Gesetze bei den Reichen das, was ihnen legal verwehrt wird.

    Das ist ein offenbar unausrottbarer Mythos.

    Natürlich gibt es Kriminalität, die aus Armut entsteht - Mundraub zum Beispiel; die Nachkriegskriminalität, als viele stahlen oder Schwarzmarkt- Geschäfte machten, damit ihre Familie überleben konnte.

    Die Regel aber war Armutskriminalität nie; und schon gar nicht ist sie es heute in einem reichen Land wie Deutschland, in dem jedem die Sozialhilfe ein anständiges Leben ermöglicht. Aber der Mythos lebt und lebt und lebt.

    Bemerkenswert ist zweitens, wie dieser Mythos dem Autor Matthias Stolz offenbar den Blick für das Offensichtliche verstellt: Nicht hungernde Arme verüben Einbrüche, sondern ganz überwiegend Berufsverbrecher und organisierte Banden.

    Aus einem Bericht der "Welt" zum Anstieg der Zahl der Wohnungseinbrüche in Hamburg im Jahr 2008:
    Die Zahl der Wohnungseinbrüche stieg um 1099 auf jetzt 6811. (...) "Wir hatten es vor allem mit reisenden Tätern zu tun", sagt ein Beamter. Dabei handelte es sich häufig um Rumänen oder Bulgaren, bei denen eine Identitätsfeststellung sehr schwierig ist, weil sie sich oft mit nicht amtlichen Papieren der Roma- und Sinti- Union ausweisen wollen, oder um Chilenen, die professionell in Hamburg auf Einbruchstour gingen.
    Wenn Städte wie Köln und Hamburg bei den Einbrüchen an der Spitze liegen und München am unteren Ende der Skala, dann dürfte das also im wesentlichen an Unterschieden im Auftreten solcher Banden liegen.

    Warum sie in Hamburg und Köln gern ihrer Tätigkeit nachgehen und in Stuttgart und München offenbar weniger gern - das ist die interessante, das wäre die zu untersuchende Frage.

    Mit einer Schere zwischen Arm und Reich hat es jedenfalls exakt nichts zu tun. Und schon gar nicht stimmt, was Matthias Stolz auch noch schreibt: "Einbrecher, das verrät diese Karte, scheuen es wie rechtschaffene Menschen auch, weite Wege zum Arbeitsplatz zurückzulegen". Aus Rumänien, aus Bulgarien, gar aus Chile nach Hamburg und nach Köln - wenn das kein weiter Weg zur Arbeit ist!



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    6. April 2009

    Zitat des Tages: "Frieden und Sicherheit einer Welt ohne Atomwaffen" strebt Obama an. Wäre denn eine Welt ohne Atomwaffen friedlich und sicher?

    So today, I state clearly and with conviction America's commitment to seek the peace and security of a world without nuclear weapons.

    (So verkünde ich heute mit Klarheit und aus Überzeugung die Verpflichtung Amerikas, den Frieden und die Sicherheit einer Welt ohne Atomwaffen anzustreben).

    Präsident Obama gestern in seiner Rede auf dem Hradschin- Platz in Prag.



    Kommentar: Wäre eine Welt ohne Atomwaffen dank der Abwesenheit dieser Waffen friedlich und sicher? Ich sehe dafür keinen Anhaltspunkt.

    Seit es Atomwaffen gibt, hat sich etwas Bedeutsames in der Weltpolitik geändert: Konflikte zwischen Großmächten werden seither nicht mehr militärisch ausgetragen.

    Das ist außerordentlich bemerkenswert, denn es widerpricht allen Erfahrungen der Weltgeschichte.

    Wenn sich zwei Großmächte gegenüberstanden, wie in der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts die USA und die UdSSR, dann führte ihr beiderseitiges Machtstreben unweigerlich zum Krieg; oft zu wiederholten Kriegen, bis ein Sieger feststand. Ägypten und Babylonien; Griechenland und das Perserreich; Rom und Karthago; das Arabische Reich und das Abendland; Spanien und England; Preußen und Österreich; Frankreich und Preußen.

    So war es bis zum Zweiten Weltkrieg, einschließlich diesem. Aber seither ist es nicht mehr so. Als die Spannungen zwischen den USA und der UdSSR nach 1945 stetig wuchsen, erwarteten viele den Dritten Weltkrieg. Er fand nicht statt.

    Das nukleare Gleichgewicht hat es verhindert, daß die USA und die UdSSR in den Krieg gegeneinander gezogen sind. Die Atomwaffen haben es später ebenso verhindert, daß das aufstrebende China seinen Konflikt mit der UdSSR militärisch austrug. Sie verhindern es heute, daß der sich abzeichnende Hegemonial- Konflikt zwischen China und den USA in einen Krieg münden wird.

    Ein Krieg zwischen Atommächten ist als Mittel der Machtpolitik ausgeschlossen, denn er würde zu ihrer beider Vernichtung führen. Man hat dafür das Gleichnis der zwei Skorpione in einem Glas verwendet. Solange sie einander nicht attackieren, leben sie. Sticht der eine zu, dann bleibt dem anderen noch Zeit zum Zustechen, bevor sie beide sterben. Also sticht keiner zu.



    Man kann mit guten, mit ausgezeichneten Gründen wünschen, daß die Atomwaffen, dieses Teufelszeug, wieder aus der Welt verschwinden. Man wäre dann immerhin vor einer Auslöschung großer Teile der Menschheit in einem atomaren Inferno sicher. Aber daß damit auch Frieden und Sicherheit ihren Einzug halten würden, ist nicht zu erkennen. Die Welt wäre weiter so unfriedlich und so unsicher wie eh und je. Sehr wahrscheinlich wäre sie noch unsicherer und noch weniger friedlich.

    Nicht nur würde es wieder Kriege zwischen Großmächten geben können, vielleicht Weltkriege. Sondern Staaten, die sich allen Verboten zum Trotz Atomwaffen verschaffen, hätten dann die Möglichkeit, sich gegenüber jedem anderen Staat, selbt gegenüber jeder Großmacht, zur Hegemonie aufzuschwingen. Einige Atomraketen würden Millionen- Heere aufwiegen, ja übertreffen. Ein außerordentlicher Anreiz also zur heimlichen Atomrüstung. Wie will man diese verhindern?

    Wie leicht es ist, Kontrollen zu umgehen, zeigen Nordkorea und der Iran. Wenn sie atomar gerüstet sein werden, wird man sie unter den heutigen Bedingungen durch Gegendrohungen in Schach halten können. In einer Welt nach den Vorstellungen Obamas nicht mehr.



    Was haben sich also die Berater Präsident Obamas gedacht, als sie sich entschlossen, die USA auf die Verpflichtung festzulegen, eine Welt ohne Atomwaffen anzustreben? Haben sie wirklich durchdacht, wie die Welt aussehen wird, wenn dieses Ziel erreicht ist? Haben sie überlegt, wie man dann den Dritten, den Vierten Weltkrieg, wie man die Hegemonie atomarer Schurken verhindern kann?

    Vielleicht ist das alles durchdacht. Ich bezweifle es aber. So, wie ich bezweifle, daß Obama sein anderes großes Versprechen wirklich durchdacht hatte. Er machte es am 3. Juni 2008:
    ... I am absolutely certain that generations from now, we will be able to look back and tell our children that this was the moment when we began to provide care for the sick and good jobs to the jobless; this was the moment when the rise of the oceans began to slow and our planet began to heal.

    ... bin ich vollkommen sicher, daß wir Generationen später zurückblicken und unseren Kindern sagen können, daß dies der Augenblick war, als wir begannen, den Kranken Versorgung den Arbeitslosen gute Arbeit zu geben; daß dies der Augenblick war, als sich der Anstieg der Ozeane verlangsamte und unser Planet zu heilen begann.
    Der "Augenblick", den Präsident Obama meinte, war derjenige, an dem seine eigene Nominierung zum Präsidentschafts- Kandidaten feststand. Sie können sich das Video dieser Rede hier ansehen.

    Das Versprechen, den Anstieg der Ozeane zu verlangsamen und die Welt zu heilen, machte der Kandidat Obama; da mag dergleichen Vollmundigkeit noch angehen. Aber die Verpflichtung, eine Welt ohne Atomwaffen herbeizuführen, ist am 5. April 2009 der Präsident Barack Obama im Namen der Vereinigten Staaten von Amerika eingegangen.

    Auch Präsident Kennedy hatte seine Amtszeit mit einem großen Versprechen begonnen; nämlich dem, innerhalb eines Jahrzehnts Menschen auf dem Mond landen zu lassen. Das war äußerst ehrgeizig; es war ein mutiges Ziel. Aber doch eines, dessen Realisierbarkeit, dessen Chancen und Risiken genau abgewogen waren. So, wie man das vom Präsidenten der Vereinigten Staaten erwartet.



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    5. April 2009

    Marginalie: "Die Vermummten haben uns alles versaut". Meint Giti aus Biberach. Sie ist halt naiv

    "'Das finde ich echt das Letzte. Das war keine Demonstration', sagte Giti aus dem oberschwäbischen Biberach. 'Die Vermummten haben uns alles versaut.'" So zitiert "Spiegel- Online" eine friedliche Teilnehmerin der Demonstration gegen den Nato- Gipfel über ihre weniger friedlichen Genossen.

    "Die Vermummten"? Gestern sendete die ARD im Rahmen ihrer Berichterstattung über den Gipfel Bilder aus dem Zeltlager, das die Organisatoren der Demonstration in der Nähe von Straßburg auf dem Gelände eines Lehr- Bauernhofs errichtet hatten.

    Unter anderem wurde ein Sprecher der Organisatoren interviewt, der durch ein auf seinen Anorak geklebtes Schild "Presse" als deren Pressesprecher zu erkennen war.

    Der Mann war vermummt. Natürlich erfuhr man auch nicht seinen Namen.



    Es ist eben nicht so, wie die naive Giti aus Biberach es sich wünscht. Würden die Organisatoren einer friedlichen Kundgebung sich wirklich von den Kriminellen distanzieren wollen, dann könnten sie das.

    Sie müßten dann erstens selbst offen auftreten - unvermummt und, wenn jemand sich gegenüber den Medien äußert, auch mit Namen.

    Zweitens müßten sie jede Kooperation mit "Autonomen" und sonstigen Gruppen strikt ablehnen, die in der Vergangenheit immer wieder kriminelles Verhalten gezeigt haben. Davon kann aber keine Rede sein.

    Hier ist die Website des Organisations- Komitees. Unter den Links zu den unterstützenden Organisationen findet man beispielsweise die "Anarchistische Gruppe [:ag] Freiburg" und die "Autonome Antifa Freiburg" Seit' an Seit' mit Organisationen wie "Grüne Alternative Freiburg", dem "Netzwerk Friedenskooperative" und der SDAJ Freiburg.

    Und drittens müßten die friedlichen Demonstranten, wenn sie glaubwürdig sein wollten, mit der Polizei bei der Festnahme von Straftätern zusammenarbeiten; sie also zum Beispiel identifizieren, sie festhalten, bis sie von der Polizei übernommen werden können.

    Sie lachen, wenn Sie das lesen? Ja, zu Recht. Die Vorstellung, daß die "Friedlichen" ihre Friedlichkeit dadurch unter Beweis stellen, daß sie mithelfen, Straftäter vor Gericht zu bringen, ist schon sehr lustig.



    Und Giti aus Biberach ist halt sehr naiv. Viele der jungen, wirklich friedlichen Demonstranten sind es vermutlich. Aber nicht die angeblich friedlichen Organisationen, auf die diese jungen Leute hereinfallen. Jedenfalls deren Mehrheit nicht.



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    Realität in acht Päckchen (6): Erkenntnis und Interesse. Fromme Lügen

    Das Thema der fünften Folge war postmoderner Relativismus; die Auffassung, daß die Realität etwas Konstruiertes sei, bezogen auf die jeweilige Kultur und in diesem Sinn relativ.

    Der Ausgangspunkt ist ein unstreitiger Sachverhalt: Unser Bild der Welt ist weithin kulturell vermittelt. Was wir wissen, das wissen wir ganz überwiegend nicht aus eigener sinnlicher Erfahrung, sondern wir haben es erfahren, wir haben es gelernt, es ist uns beigebracht und mitgeteilt worden.

    Wenn also die Realität uns in so großem Maß nur durch die Kultur bekannt ist - ist sie dann nicht vielleicht auch nur ein Erzeugnis der Kultur? Bestehend aus Konstrukten, aus Narratives, aus gemeinsamen Annahmen und Überzeugungen, die aber von Kultur zu Kultur verschieden sind?

    Ob das eine haltbare Position ist, habe ich vorerst offen gelassen und zunächst nur darauf hingewiesen, welche eigenartige und bedenkliche Dialektik dieser Haltung innewohnt:

    Wenn es so viele gleichwertige Realitäten gibt wie Kulturen und Communities, dann scheint das auf den ersten Blick eine große Toleranz zu begründen. Denn Jeder ist sich ja bewußt (oder sollte es jedenfalls sein), daß andere Weltsichten genauso berechtigt sind wie seine eigene. Also sollte er diese respektieren.

    Zu beobachten ist aber, daß diese Toleranz leicht in Intoleranz umschlägt.

    Indem die Realität zum Erzeugnis einer Kultur deklariert wird, wird sie in ihrer jeweiligen Gestalt auch sozusagen zum Besitz dieser Kultur. Verbindlich für ihre Mitglieder, so wie es religöse Wahrheiten sind. Kritik wird abgewiesen; man immunisiert sich dagegen. Diskussionen sind ja auch im Grunde sinnlos, wenn jede Kultur und Community ihre eigene Wahrheit hat.

    Man kann diese Realität, diese Wahrheit dann instrumentalisieren; man macht von seinem Besitz Gebrauch. Perspektivität, ja Parteilichkeit wird verordnet und im Extremfall erzwungen. Kurz, die Erkenntnis verliert ihr Eigengewicht; sie wird in den Dienst des Interesses gestellt. Dies will ich in der jetzigen Folge weiter beleuchten.



    Erkenntnis im Dienst von Interesse hört auf, Erkenntnis zu sein. Der Kommunismus mit seiner Instrumentalisierung der Wahrheit ist dafür ein besonders empörendes Beispiel, aber gewiß nicht das einzige. Der Sachverhalt tritt in unzähligen Varianten auf.

    Das gegenwärtig vielbeklagte Phänomen, daß die Menschen das Vertrauen in die Politik verloren hätten, hat, beispielsweise, damit zu tun. Es gehört zu den Regeln des politischen Spiels, daß jeder die Dinge so darstellt, wie es seinen - den von ihm vertretenen - Interessen entspricht. Es gehört auch zu diesen Regeln, daß er das nicht sagt, sondern vorgibt, einfach die Wahrheit zu sagen. Er verbirgt sein Interesse hinter dem, was er für objektiv notwendig, für sachlich geboten erklärt.

    Das dürfte zu allen Zeiten so gewesen sein. Möglicherweise tritt es heute aber sichtbarer zutage, weil das Spiel einerseits perfekter, andererseits aber auch offener gespielt wird.

    Ähnlich wie die moderne kommerzielle Werbung beim Adressaten die Erkenntnis voraussetzt, er solle verführt werden, und sie mit dieser Situation spielt, scheint auch die politische Reklame auf dem Weg zu einer Ästhetisierung ihrer Botschaft zu sein. So als wolle man den Wähler zu der Einsicht bringen: Da alle ohnehin dieselbe Politik machen, laßt uns doch den wählen, der sie am ansprechendsten verkauft.

    Die tapsige Raffinesse früherer Politiker wirkt dagegen fast schon anheimelnd. Ihr politisches Spiel glich den Trickaufnahmen in einem alten Film, die sich gegenüber der Realität des übrigens Films sofort als unecht entlarvten; während die heutige Vermarktung von Politik einem modernen Science- Fiction- Film ähnelt, in dem sich die Frage nach der Trickaufnahme gar nicht mehr stellt, weil alles, ob Trick oder echt, ohnehin aus demselben Computer kommt.

    Viele Menschen reagieren darauf mit einem grundlegenden Mißtrauen gegenüber allem, was öffentlich verlautbart wird. Diesem nicht unberechtigten Mißtrauen korrespondiert eigenartigerweise eine große Bereitschaft, die abstrusesten Behauptungen zu glauben, wenn sie aus gewissermaßen inoffiziellen Quellen stammen.

    Das reicht von den zahllosen Verschwörungstheorien (siehe dazu die Serie in diesem Blog) zum Mord an Kennedy über die Ufologie bis zum Glauben an die Wirksamkeit der Bach- Blüten- Therapie. Diejenigen, die ihren Regierungen, die der Industrie, die der Wissenschaft und die den Medien nicht glauben, weil sie hinter dem, was diese als Wahrheit ausgeben, Interessen vermuten - dieselben Menschen sind eigenartigerweise bereit, dem, was Scharlatane, Phantasten und Dummköpfe aus durchsichtigem eigenen Interesse als Wahrheit deklarieren, nahezu kritiklos Glauben zu schenken.

    Es ist, als würde man aus der Erkenntnis, daß die Mächtigen ihre Interessen als Wahrheit verkaufen, den Umkehrschluß ziehen, daß das, was die Ohnmächtigen behaupten, interessefreie Wahrheit sei.



    Ob man die Wahrheit für bestimmte Ziele instrumentalisieren darf, ist - das versteht sich - eine alte Frage. Zu denen, die sie am gründlichsten diskutiert haben, gehört Arthur Schopenhauer.

    Im fünfzehnten Kapitel des zweiten Bandes von "Parerga und Paralimpomena", seinen gesammelten Kleinen Schriften, benutzt Schopenhauer unter der Überschrift "Über Religion" ein Stilmittel, das er meines Wissens in keiner anderen Schrift eingesetzt hat: Er läßt zwei fiktive Personen auftreten, Philalethes und Demopheles, also zu deutsch den Wahrheitsfreund und den Fürsprecher des Volkes. Sie disputieren über Religion.

    Schopenhauer war bekanntlich Atheist. Die beiden Personen, in die er sich hier aufspaltet, streiten also nicht für oder wider Religion in dem Sinn, daß einer ihr Anhänger und der andere ihr Gegner wäre. Daß ein intelligenter und philosophisch gebildeter Mensch nicht einer Religion anhängen kann, setzen sie gemeinsam voraus. Vielmehr geht es darum, ob die Religion dem weniger gebildeten Volk nicht trotzdem nahegebracht werden müsse, um es zur Sittlichkeit anzuhalten und um das dem Menschen eigene metaphysische Bedürfnis zu befriedigen.

    Die beiden Disputanten setzen sich fair auseinander. Es ist offensichtlich, daß Schopenhauer jedem der beiden eine vernünftige und mit guten Argumenten begründbare Position zubilligt. Am Ende läuft es aber doch auf ein eindeutiges Ergebnis hinaus. Philalethes setzt sich durch mit dem zentralen Argument "Kein Irrthum aber ist unschädlich; sondern jeder wird früher oder später Dem, der ihn hegt, Unheil bereiten". Kein noch so guter Zweck rechtfertigt nach Schopenhauers Überzeugung die pia fraus, die fromme Lüge.

    In einer anderen seiner kleinen Arbeiten, der "Skizze der Lehre vom Idealen und Realen", kommentiert Schopenhauer die Schriften von Fichte, Hegel und Schelling. Er tut das in einem Anhang zu dem Aufsatz, um diese Autoren noch nicht einmal äußerlich in die Nähe von Philosophen wie Descartes, Locke oder Kant zu rücken, mit denen er sich zuvor befaßt hat. Einer Auseinandersetzung würdigt er diese drei nämlich nicht.

    Sie sind für ihn "bloße Sophisten: sie wollen scheinen, nicht seyn ... Daß sie ... in der Philosophie nichts Wirkliches leisten konnten, lag, im letzten Grunde, daran, daß IHR INTELLEKT NICHT FREI GEWORDEN, sondern im Dienst des WILLENS geblieben war; da kann er zwar für diesen und dessen Zwecke außerordentlich viel leisten, für die Philosophie hingegen, wie für die Kunst, nichts. Denn diese machen gerade zur ersten Bedingung, daß der Intellekt nur aus eigenem Antrieb thätig sei und, für die Zeit dieser Thätigkeit, aufhöre, dem Willen dienstbar zu seyn, d.h. die Zwecke der eigenen Person im Auge zu haben. Er selbst aber, wenn allein aus eigenem Triebe thätig, kennt, seiner Natur nach, keinen anderen Zweck, als eben nur den der Wahrheit".

    Wie kaum ein anderer Philosoph des 19. Jahrhunderts war Schopenhauer sensibel für eine solche Inanspruchnahme der Erkenntnis durch Interesse (sieht man von Nietzsche ab, der davon freilich fasziniert war). Als der große Verehrer Kants sah er mit Abscheu, wie Fichte und Hegel Kants Idealismus aus seiner Sicht ruinierten, indem sie aus dem strengen transzendentalen einen gewissermaßen libertären subjektiven Idealismus hervorzauberten.

    Was Kant als Grenzen der Erkenntnis analysiert hatte - ihre Bedingtheit durch Anschauungsformen und die Kategorien unseres Verstands -, verdrehte dieser subjektive Idealismus zu Freiheiten der Subjektivität: In den Begriffen entfaltet sich die Wirklichkeit, das Ich setzt die Welt.



    Man kann das durchaus als die idealistische Variante des postmodernen "Anything goes" sehen; und gewiß ist es kein Zufall, daß Fichte sich politisch engagierte und daß Hegel eine gewaltige Anziehungskraft auf Politiker ausübte, die es nach einer philosophischen Untermauerung ihres politischen Wollens verlangte. Wer als Politiker die Welt verändern will, der wird leicht Affinität zu einer Philosophie empfinden, die die Welt als Hervorbringung des Menschen versteht.

    Das ist sie aber nicht. Religionen mögen menschliche Hervorbringungen sein; Ideologien sind es sicher. Der Realität aber, so wie sie sich der Wissenschaft erschließt, fehlt diese Beliebigkeit.

    Die heidnischen Religionen der Antike sind vergangen. Aber die Euklidische Geometrie hat ihre Gültigkeit nicht verloren; wenngleich sie natürlich erweitert wurde. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften sind kumulativ; das Frühere wird aufgenommen und weiterentwickelt, manchmal auch modifiziert.

    Es ist ein kontinuierlicher Erkenntisprozeß, in dem das geschieht. Demokrits Atomistik ist eine frühe Wurzel der modernen Physik, und die Methode, mit der Eratosthenes im drittten vorchristlichen Jahrhundert den Umfang der Erde bestimmte, hat noch immer ihre Gültigkeit.

    In den Wissenschaften werden nicht je eigene Realitäten konstruiert, sondern man arbeitet gemeinsam - jeder auf den Schultern der Vorausgehenden stehend, jeder angewiesen auf die Zusammenarbeit mit seinen Zeitgenossen - an der Erkenntnis der einen, der einzigen Realität.

    Erkenntnis der Realität ist eben etwas anderes als Meinen; so, wie schon im sinnlichen Erkennen sich Wahrnehmung und Täuschung unterscheiden lassen. Darum geht es in der nächsten Folge.



    Hier die Gliederung der Serie. Bereits erschienene Folgen sind jeweils verlinkt.
    1. Eine Frage der "Zeit". Ein paar Happen Philosophie
    2. Ein Alptraum. Vom Träumen überhaupt
    3. Fiktion und Realität. Fiktive Realitäten
    4. Realität als Konsens. Cues und distales Fokussieren
    5. Postmoderne Toleranz. Postmoderne Intoleranz
    6. Erkenntnis und Interesse. Fromme Lügen
    7. Erkenntnistheorie und Wahrnehmungspsychologie
    8. Wissenschaftliche Erkenntnis


    Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen der Serie sowie eine Zusammenfassung finden Sie hier. Titelvignette: Alice im Wunderland. Frei, weil das Copyright erloschen ist.

    4. April 2009

    Marginalie: Erdogan hier, Karzai dort. Was motiviert sie, den Westen herauszufordern? Vielleicht rationales Kalkül

    Natürlich ist es ein Zufall, aber die beiden Meldungen passen schon gut zusammen:

    Im Nato-Rat legt sich Erdogan quer und will der Wahl von Rasmussen zum Nato-Generalsekretär partout nicht zustimmen. Nicht etwa, weil er Einwände gegen dessen Qualifikation für das Amt hätte - sondern weil in Dänemark einmal Mohammed- Karikaturen veröffentlicht worden waren und weil dort ein kurdischer Sender geduldet wird.

    Es geht also nicht um die Nato, es geht nicht um die Person. Es geht um Religion und um türkischen Nationalismus.

    Und ausgerechnet im Vorfeld des Nato- Gipfels, auf dem über eine Ausweitung des Militär- Einsatzes für ein freies, demokratisches Afghanistan beraten wurde, wird bekannt, daß der Präsident Karzai, der dieses moderne Afghanistan verkörpern soll, ein rückständiges Gesetz gutgeheißen hat, das die Rechte schiitischer Frauen - so jedenfalls wird berichtet - mehr beschränkt, als sie das selbst unter den Taliban gewesen waren.

    Beide Male hat man den Eindruck, daß der Westen mutwillig herausgefordert wird.

    Zu Afghanistan schreibt Ulrich Gebauer in "Spiegel- Online": "Grundsätzlich ist es nach Einschätzung von Diplomaten schwierig, mit Kritik auf Kabul einzuwirken. Aus Erfahrung wissen die Experten, dass Einmischung oft zu einer Verfestigung der Positionen in der afghanischen Politik führt".

    Und auch Erdogan und Gül haben - das ist der Stand, während ich dies schreibe - offenbar alle Bemühungen von Merkel, Sarkozy und dem telefonierenden Berlusconi an sich abprallen lassen, doch noch einzulenken.

    Die Türkei hat den Eklat riskiert. Sie hat sich außerhalb der Gemeinschaft der Nato- Staaten gestellt. Und das ohne einen Anlaß in der Sache, allein aus zwei erklärten Motiven heraus, die beide mit der Nato nicht das Geringste zu tun haben.



    Islamismus? Irrationales Verhalten von Fundamentalisten? Ich glaube, eher nicht.

    Karzai steht vor Wahlen, die er leicht verlieren kann. Er ist auf die Stimmen der Schiiten angewiesen. Aufgrund einer Seltsamkeit der afghanischen Verfassung hat er einem Gesetz zustimmen können, das nur für Schiiten gilt. So scharf auch Dasjenige abzulehnen ist, das in dem Gesetz steht - an den faktischen Verhältnissen dürfte es nichts ändern.

    Was natürlich schlimm genug ist. Aber Afghanistan ist eben nicht auf dem Weg zu einer aufgeklärten Demokratie; der Westen kann froh sein, wenn er langfristig die Taliban und die Kaida militärisch in Schach hält. (Siehe diesen kürzlichen Artikel in diesem Blog sowie den Kommentar von Thomas Pauli und meine Anmerkungen dazu).

    Karzais Entscheidung für dieses Gesetz spiegelt leider nur die reale Situation in Afghanistan wider. Für eine Demokratisierung, wie sie im Irak zu gelingen scheint, fehlen alle Voraussetzungen.



    Und Erdogan? Auch er handelt durchaus rational. Er hat heute der Welt deutlich gemacht, daß die Nato nicht allein ein Bündnis westlicher Staaten ist, sondern daß sich darin auch ein islamischer Staat befindet. Erdogans Adressat ist die islamische Welt, ist insbesondere der Nahe Osten.

    Etwas, das beim Moslems Mißfallen erregt, wird die Nato fortan nicht mehr beschließen können; nicht, solange die Türkei Mitglied ist und dort nicht wieder (was überhaupt nicht zu erwarten ist) der Säkularismus an Boden gewinnt.

    Vor zwei Monaten habe ich über eine Analyse von George Friedman berichtet, der für die Türkei die Option einer Führungsmacht im Nahen Osten skizziert hat, ungefähr im Gebiet des einstigen Osmanischen Reichs.

    Auch hier möchte ich auf die Diskussion in "Zettels kleinem Zimmer" aufmerksam machen, in der die Analyse Friedmans mit zum Teil ausgezeichneten Argumenten kritisiert wurde.

    Heute aber hat Erdogan gezeigt, daß er gedenkt, die Türkei als eine islamische Macht zu profilieren. Auch und gerade in der Nato.



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    Drohen Kriege um Wasser? Sehr wahrscheinlich nicht. Nur würde sich kein Buch verkaufen, in dem das steht. Über Apokalypsen

    Über ein nicht geschriebenes Buch konnte man vorgestern im Internet- Magazin Slate lesen.

    Schreiben wollte eigentlich Wendy Barnaby dieses Buch. Sie ist die Chefredakteurin der Zeitschrift People & Science, die von der British Science Association herausgegeben wird und die sich mit gesellschaftlichen Auswirkungen der Wissenschaften befaßt.

    Die Chefredakteurin Barnaby also wurde von einem Verlag gefragt, ob sie ein Buch über die bevorstehenden Kriege um Wasser schreiben wolle. Sie sagte zu und machte sich ans Recherchieren - mit dem Ergebnis, daß sie dieses Buch so, wie man das besprochen hatte, nicht würde liefern können. Denn Kriege um Wasser sind, wie sie herausfand, äußerst unwahrscheinlich.

    Sie schlug dem Verlag vor, ein Manuskript dieses Inhalts zu schreiben. Aber surprise, surprise: Sie erhielt die Antwort, daß "'predicting an absence of war over water would not sell' many copies", daß man mit der Vorhersage, es werde keine Kriege um Wasser geben, keine Auflage machen würde.

    Also hat Barnaby das Ergebnis ihrer Recherchen jetzt auf anderem Weg publiziert, nämlich als Artkel in der Zeitschrift Nature.



    Was hat sie herausgefunden?

    Erstens hat es sich für die um Wasserrechte streitenden Länder bisher immer als günstiger erwiesen, sich vertraglich zu einigen, als Krieg um Wasser zu führen. So gibt es ein erfolgreich arbeitendes Komitee, das Wasserkonflikte zwischen Israel und den Palästinensern regelt. Sogar die verfeindeten Staaten Indien und Pakistan haben durch Vermittlung der Weltbank einen Frieden im Konflikt um Wasser geschlossen. Auch Ägypten ist mehr am Handel mit seinen Nachbarn interessiert als an einem Krieg um Wasser.

    Und zweitens kann man Wasser in gewisser Weise im Handel erwerben. Barnaby spricht von "virtuellem Wasser". Ungefähr 1000 Kubikmeter Wasser werden pro Jahr benötigt, um die Lebensmittel zu erzeugen, die eine Person verzehrt. Wenn man diese Lebensmittel importiert, dann importiert man "virtuelles Wasser":
    Ten million people now live between the Jordan River and the Mediterranean Sea. If they were to be self- sufficient in food, they would need ten billion cubic metres of water per year. As it is, they have only about one- third of that: enough to grow 15-20% of their food. They import the rest in the form of food.

    Heute leben zehn Millionen Menschen zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer. Würden sie ihre Nahrung selbst erzeugen, dann würden sie zehn Milliarden Kubikmeter Wasser im Jahr benötigen. Tatsächlich haben sie nur ein Drittel so viel: Genug, um 15 bis 20 Prozent ihrer Nahrung anzubauen. Den Rest importieren sie als Nahrungsmittel.



    Noch bis weit ins Zwanzigste Jahrhundert hinein war "Autarkie" ein Ziel, das viele politische Entscheidungen bestimmte. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde argumentiert, daß der deutsche Kohlebergbau erhalten bleiben müsse, damit wir uns notfalls selbst mit Energie versorgen können. Auch in der Landwirtschafts- Politik spielte diese Überlegung immer wieder eine Rolle.

    Im Zeitalter der Globalisierung gibt es aber keine Autarkie mehr, und sie ist auch gar nicht mehr erforderlich. Wohl kann es darum gehen, Versorgungswege zu sichern und sich nicht einseitig von einem bestimmten Lieferanten abhängig zu machen. Aber grundsätzlich liegt kein besonderer Vorteil mehr darin, etwas selbst zu erzeugen, statt es zu importieren.

    Das gilt, wie Barnaby zeigt, auch für Wasser; jedenfalls in erheblichem Umfang. Natürlich kann ein Land nicht alles (virtuelle) Wasser importieren. Aber das ist auch gar nicht erforderlich.

    Im übrigen ist Wasser zwar eine knappe Ressource, aber eine sich weitgehend selbst regenierende. Wasser geht ja nicht verloren; seine Gesamtmenge auf dem Erdball ist im wesentlichen konstant. Allerdings gibt es Engpässe bei der Gewinnung von Wasser, seiner Aufbereitung, seiner Verteilung dorthin, wo es benötigt wird.



    Also - mal wieder eine apokalyptische Vorstellung, die sehr wahrscheinlich fern der Realität liegt.

    Vor knapp drei Jahrzehnten, am 16.11. 1981, titelte der "Spiegel": "Saurer Regen über Deutschland - der Wald stirbt". Er lebt noch immer.

    Vor vierzig Jahren erwartete man eine katatrophale Bevölkerungsexplosion mit Hungerepidemien. "Daß bald ausgedehnte Hungersnöte die übervölkerten Teile von drei Kontinenten überziehen werden, ist so unvermeidlich wie das Eis am Pol", schrieb damals einer der führenden deutschen Journalisten, Claus Jacobi.

    Jetzt ist es das Eis am Pol, um dessen Existenz gebangt wird. Was aus ihm werden wird, bleibt abzuwarten. Mit den Kriegen um Wasser jedenfalls wird es wohl nichts werden.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Dschwen; frei unter Creative Commons Attribution ShareAlike 2.5

    3. April 2009

    Marginalie: Abgewrackt. Was treibt uns in den Verschrottungswahn?

    Erst ein Quartal dieses Jahres ist um, und schon dürfte das Wort des Jahres feststehen: "Abwrackprämie". (Als Unwort des Jahres schlage ich "Umweltprämie" vor). Zum heutigen Wort des Tages hat es die Abwrackprämie schon gebracht.

    Was sich da abspielt, das haben sich die SPD-Politiker wohl nicht träumen lassen, die die Abwrackprämie schon schon im November 2008 ins Spiel gebracht hatten:

    Vom "Abwrack- Wahn" konnte man gestern in "Zeit- Online" lesen; anderswo wird von einer "Abwrackhysterie" geschrieben. Die Regierung rechnet derzeit mit 1,2 Millionen Anträgen, rund das Doppelte dessen, was erwartet worden war.

    Was aufgrund einer Schätzung der Zahl der Autos in Deutschland, die schrottreif sind, erwartet worden war. Aber ganz offensichtlich werden ja nicht nur diese jetzt verschrottet. Sondern viele Autobesitzer schicken ein Auto in die Schrottpresse, das noch Jahre hätte fahren können.

    Das war von vornherein abzusehen gewesen. Als im Januar diese Abwrackprämie beschlossen wurde, habe ich es hier beschrieben und kritisiert. Was die Bundesregierung da subventioniert, das ist eine unglaubliche Verschwendung von Volksvermögen. Dieselbe Regierung, die uns per Dosenpfand bedrängt, leere Dosen nicht einfach wegzuwerfen, fördert gezielt das "Wegwerfen" von Hunderttausenden fahrtüchtiger Autos. Ex und hopp.



    Nun gut, das ist Politik. Wir Bürger aber sind doch im allgemeinen vernünftig? Wir überlegen uns, was wir tun, wir schätzen dessen Folgen realistisch ab?

    Hier nicht. Denn offensichtlich ist bei vielen Bürgern der Wunsch, nur ja nicht die Prämie zu verpassen, so groß, daß sie sich völlig irrational verhalten.

    Sie überlegen erstens nicht, daß sie Geld sparen, wenn sie ihr altes Auto länger fahren, solange es noch fahrtüchtig ist. Mag sein, daß sich am Ende der Kauf eines Neuwagens doch rechnet, aber diese Überlegung wird meist gar nicht angestellt.

    Zweitens sieht es so aus, daß viele unbedingt die Verschrottungsprämie haben wollen, obwohl sie für ihr Auto, würden sie es verkaufen oder in Zahlung geben, einen höheren Preis als 2500 Euro erzielen könnten. Der Verband der Internationalen Kraftfahrzeug- Hersteller VDIK schätzt, daß mindestens die Hälfte aller Fahrzeuge, die für die Abwrackprämie in Frage kommen, noch einen Marktwert von mehr als 2500 Euro hatten. Für viele davon wird jetzt trotzdem ein Antrag gestellt. Dazu gestern "Zeit Online":
    Allerdings scheinen viele der Antragsteller gar nicht überprüft zu haben, ob ihr Wagen nicht eigentlich noch mehr als 2500 Euro wert ist. (...) Deshalb warnte jetzt schon die Entsorgungsbranche die Bürger, übereilt alte Autos zu verschrotten. Nur um noch die 2500 Euro zu bekommen, würden Fahrzeuge inzwischen "blind" in die Verschrottung gegeben.



    Was ist da los? In "Spiegel- Online" stellte gestern Reinhard Mohr, in der Kulturredaktion des gedruckten "Spiegel" zuständig für Tiefsinn allgemein und Achtundsechziger Tiefsinn im Besonderen, dazu allerlei tiefsinnige Überlegungen an, die in dieser Passage kulminieren:
    Die Deutschen, gebrannte Kinder von Inflations-, Arbeitslosigkeits-, Revolutions- und Kriegswirren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sublimieren ihre Erregungsängste ganz anders [als die Franzosen; Zettel]. Ihre Revolte ist die Abwrackprämie, die geordnete und staatlich reglementierte Metamorphose von alt zu neu. Ohne Antrag läuft hier nichts, dafür gibt es auch etwas gratis: Die Veränderung eines misslichen Jetzt- Zustandes in ein Stück Zukunft auf vier Rädern.
    Ach nein, lieber Reinhard Mohr. Ich fürchte, es ist viel banaler. Was wir erleben, ist die Addition von - vielleicht auch noch die Wechselwirkung zwischen - zwei Effekten, die der Sozialpsychologie wohlbekannt sind:
  • Was alle haben wollen, möchte man auch haben. Aus der alten DDR wird berichtet, daß dort, wo eine Schlange stand, viele Bürger sich zunächst einmal einfach anstellten, ohne zu wissen, was es überhaupt gab. Danach konnte man sich dann immer noch erkundigen. Wenn viele sich anstellten, dann war es das jedenfalls offenbar wert, sonst würden sie sich ja nicht anstellen.

    Zu diesem Effekt kommt jetzt, bei der Abwrackprämie, auch noch Torschlußpanik hinzu. Jeder weiß, daß das Programm demnächst beendet oder reduziert wird; gestern war schon von einer Halbierung auf 1250 Euro die Rede. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

  • Etwas geschenkt zu bekommen, ist attraktiver, als es dem realen Wert des Geschenkten entspricht. Jeder kennt das vom Marktschreier: Er bietet erst seinen Aal für einen bestimmten Preis an. Und dann legt er "kostenlos" noch eine Makrele und einen Hering drauf. Der Kunde freut sich über das Schnäppchen und greift zu. Hätte der Marktschreier gleich denselben Preis für alle drei Fische verlangt, dann hätte der Kunde es sich vielleicht anders überlegt.

    So auch hier: Was die Abwrackprämie so unwiderstehlich macht, ist, daß es Geld vom Staat gibt. Bar auf die Kralle. Wenn man hingegen sein Altauto an einen Händler verkauft, dann bekommt man ja - psychologisch betrachtet - nichts geschenkt, sondern nur den Gegenwert für das, was einem gehört.
  • So sind wir Menschen halt. Wir verhalten uns bei derartigen Entscheidungen, wie überhaupt, sehr oft irrational. Falls es Sie interessiert - in der Wikipedia finden Sie eine Liste solcher Fehler und Irrtümer, zusammen mit Links zu vielen, vielen Artikeln, in denen sie erläutert werden.



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    2. April 2009

    Arabische Fantasia. Bericht über die Konferenz der Arabischen Liga in Doha. Bizarre Arabesken

    Als die Kinder noch bescheidener waren als heute, hatten sie Freude an kleinen, bunten Bildern, die diversen Produkten beigelegt waren - Margarine beispielsweise, Zigaretten.

    Man sammelte diese Bilder, und wenn man diejenigen zu einem Thema so einigermaßen beieinander hatte, dann wünschte man sich von den Eltern ein Album, in das man jedes an der vorgesehenen Stelle einkleben konnte.

    Man lernte dadurch etwas über die Geschichte, über die Natur, über die Welt überhaupt.

    Eines dieser Bilder, an das ich mich noch gut erinnere, hieß "Arabische Fantasia". Es war vermutlich dem Gemälde von Eugène Delacroix nachempfunden, das ich für die Titelvignette verwendet habe. Als Erläuterung erfuhr man, daß bei den Arabern Reiterspiele beliebt sind, bei denen viel in die Luft geschossen, überhaupt viel Tamtam gemacht wird, ohne daß aber wirklich etwas passiert.

    Auch Karl May beschreibt dergleichen; seinem einzigen Theaterstück "Babel und Bibel" hat er den Untertitel "Arabische Fantasia" gegeben.

    Für Karl May wurde der Araber als solcher durch "seinen" Halef verkörpert, jenen kleinen, treuen und mutigen Gefährten, der freilich aufschnitt, was das Zeug hielt und der, wenn er nicht gerade kämpfen mußte, in einer Welt verstiegener Träume lebte. Arabische Fantasia eben.



    An diese Arabische Fantasia habe ich mich erinnert, als ich bei Recherchen zu einem anderen Thema auf einen ausführlichen Bericht über die Gipfel- Konferenz arabischer Staatsmänner in Doha gestoßen bin, die am Montag zu Ende ging.

    Über den Aufritt des libyschen Präsidenten Muammar al-Gaddafi heißt es zum Beispiel:
    The Libyan leader disrupted the summit's opening session by taking a microphone, saying that he was the king of kings of Africa and the imam (leader) of Muslims, before walking out of the hall.

    Der Führer Libyens störte die Eröffnungssitzung des Gipfels, indem er sich ein Mikrofon nahm und sagte, daß er der König der Könige Afrikas und der Imam (Führer) der Moslems sei. Dann verließ er den Saal.
    Bizarr? Längst nicht so bizarr wie das, was sonst noch auf dieser Konferenz gesagt und beschlossen wurde.

    Da ist zum Beispiel die Sache mit Omar al-Bashir. Er ist Präsident des Sudan, und seit dem 4. März wird er wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit mit Internationalem Haftbefehl gesucht.

    Wie reagierten die versammelten arabischen Staatsmänner darauf? Sie schrieben in das Schlußdokument: "We reiterate our solidarity with Sudan and our rejection of the measure of the .... International Criminal Court against His Excellency", man erneuere die Solidarität mit dem Sudan und weise die Maßnahme gegen Seine Exzellenz zurück.

    Bashir dankte und versprach: "We will spare no effort in establishing peace and security in every corner of Sudan"; man werde keine Anstrengung scheuen, Frieden und Sicherheit in jeder Ecke des Sudan wieder herzustellen.

    Das wollen wir ihm gern glauben, dem Omar al-Bashir, und die Mittel, die er bei diesen Friedens- Missionen einsetzt, sind bekannt.

    Sind sie also etwa mit Kriegsverbrechen einverstanden, die Führer der arabischen Welt? Keineswegs. Aus dem verlinkten Artikel des Informations- Dienstes MENAFN:
    The summit's final communiqué, which was read out by Arab League Secretary- General Amr Moussa, stressed the need to bring Israeli leaders to justice for alleged war crimes committed during Israel's 22-day offensive in the Gaza Strip.

    In dem Abschlußkommuniqué, das vom Generalsekretär der Arabischen Liga, General Amr Moussa, verlesen wurde, wird die Notwendigkeit betont, Führer Israels wegen der Anschuldigung von Kriegsverbrechen, die während der 22tägigen Offensive im Gaza-Streifen begangen wurden, vor Gericht zu bringen.
    Am schönsten, am Fantasia- haftesten aber ist die Sache mit den Komoren.

    Deren Präsident Ahmed Abdullah Sambi war nämlich auch da. Und er drängte die versammelten Führer, sich gegen das zu stellen, was jetzt in Mayotte stattfindet.

    Mayotte? Vermutlich haben Sie den Namen dieser Inselgruppe noch nie gehört; so wenig, wie ich bis gestern. Sie gehört geografisch zu den Komoren, hat es aber in zwei Abstimmungen 1974 und 1976 abgelehnt, sich dem Staat "Komoren" anzuschließen.

    Seither hatte Mayotte einen speziellen Status, den einer collectivité départementale. Am Sonntag nun haben die Einwohner abgestimmt, ob sie ein normales franzöisches département werden wollen; also so französisch wie, sagen wir, die départements Moselle oder Var. 95,2 Prozent der Abstimmenden wollten das.

    Wie reagierte der Präsident Ahmed Abdullah Sambi auf dieses ja immerhin recht eindeutige Votum?
    Comoros President Ahmed Abdullah Sambi urged fellow Arab leaders to reject the vote by residents of the Indian Ocean island of Mayotte to become a part of France. (...) "The island of Mayotte is an occupied Arab territory and all measures by the occupation state are illegal," Sambi told the summit. He urged Arab leaders to voice "solidarity with the people of the island of Comoros in their legitimate, legal sovereign right to recover the island of Mayotte".

    Der Präsident der Komoren, Ahmed Abdullah Sambi, drängte bei den anderen arabischen Führern darauf, das Votum der Einwohner der Insel Mayotte im Indischen Ozean zurückzuweisen, ein Teil Frankreichs zu werden. (...) "Die Insel Mayotte ist besetzes arabische Territorium, und alle Maßnahmen der Besatzungsmacht sind illegal", erklärte Sambi gegenüber dem Gipfel. Er forderte dringend von den arabischen Führern, "Solidarität mit den Menschen der Komoren zu üben, was ihr legitimes, legales Souveränitätsrecht angeht, die Insel Mayotte zurück zu gewinnen".



    So viel zur arabischen Fantasia von der Wiedergewinnung einer Inselgruppe, deren Einwohner glücklich sind, endlich vollberechtigte Franzosen zu sein; jedenfalls das verbriefte Recht zu haben, daß sie das bis 2011 sein werden.

    Ja, aber gibt es in der arabischen Welt denn nicht auch Staatsmänner, die sich wie Erwachsene benehmen und nicht wie Hadschi Halef Omar ben Hadschi Abul Abbas ibn Hadschi Dawud al Gossarah?

    Vermutlich gibt es sie. Aber in einer Welt der Fantasia agieren sie im Hintergrund, oder sie passen sich rhetorisch an.

    Vom ägyptischen Staatspräsidenten Mubarak ist in dem Bericht gar nicht die Rede, auch nicht von den Führern der Staaten des Maghreb oder vom jordanischen König.

    Und vom "Custodian of the Two Holy Mosques King Abdullah", dem Wächter der beiden Heiligen Moscheen, König Abdullah von Saudi- Arabien, wird nur berichtet, daß er sich zu einem Gespräch mit dem Emir von Katar, Scheich Hamad bin Khalifa Al-Thani, und mit Oberst Gaddafi traf.

    Thema des Gesprächs war laut der saudischen Nachrichtenargentur "the importance of clearing the Arab atmosphere and achieving Arab reconciliation"; die Bedeutung einer Reinigung der arabischen Atmosphäre und des Erreichens einer Versöhnung der Araber.

    Auch so eine Fantasia, seit Jahrhunderten.



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    1. April 2009

    Marginalie: Der Terrorismus im Irak nimmt wieder zu

    Nach der Wahl Barack Obamas wußte niemand, ob er sein Wahlversprechen halten würde, innerhalb von 16 Monaten alle US-Truppen aus dem Irak abzuziehen. Damals - am 10. November 2008 - habe ich erwartet, daß die Kaida abwarten werde, ob er dieses Versprechen hält oder bricht.

    Würde er es halten, dann hätte die Kaida allen Grund gehabt, ihre Aktivitäten so lange zu reduzieren, vielleicht weitgehend einzustellen, bis der letzte amerikanische Soldat den Irak verlassen hat. Dann hätte sie freie Bahn, das Land doch noch zu erobern; jedenfalls in einigen Provinzen soweit Fuß zu fassen, daß sie dort Ausbildungslager à la Afghanistan würde einrichten können.

    Inzwischen wissen wir, daß Obama sein Versprechen gebrochen hat, und zwar vollständig. Er hat das zwar, wie es seine Art ist, durch Rhetorik sehr geschickt kaschiert. Aber die tatsächliche Entscheidung, die er Ende Februar getroffen hat, beinhaltet, daß mehr als ein Drittel der gegenwärtig im Irak stationierten Truppen dort verbleiben werden.

    Was bedeutet das für die Kaida und die anderen (vor allem Baa'th-) Terroristen im Irak? Damals, im November, stand dazu hier zu lesen:
    Sie [die Kaida] dürften wohl eher damit rechnen, daß Obama sein Wahlversprechen bricht und exakt die Politik Bushs fortsetzen wird, die US-Truppen nur in dem Maß abzuziehen, in dem das die Kommandeure vor Ort für militärisch vertretbar halten.

    Ist dies die Lagebeurteilung der El Kaida, dann bleibt ihr nur die allerletzte Option, jetzt mit allem, was sie noch hat, loszuschlagen, um noch einmal die Öffentliche Meinung in den USA zu ihren Gunsten zu mobilisieren. Sie hat es bei Obama mit einem Präsidenten zu tun, der darauf mehr ansprechen könnte als George W. Bush. Die El Kaida könnte versuchen, Obama sozusagen gewaltsam zur Einhaltung seines Wahlversprechens zu zwingen.
    Diese Reaktion zeichnet sich jetzt ab.

    Gestern berichtete die New York Times über wieder verstärkte terroristische Aktivitäten im Irak. Bedenklich ist vor allem die Zusammenarbeit zwischen Anhängern Saddam Husseins und der Kaida:
    Among the most powerful now is Nashqabandi, which is believed to have ties to a former Hussein deputy, Izzat Ibrahim al-Douri. The organization, which gets money from Iraqi exiles in Syria, formed an alliance with religious Sunni extremists, according to American and Iraqi military intelligence.

    "Al Qaeda and the hard-core Saddamists are the main threats to the national security of Iraq," said Mowaffak al-Rubaie, Iraq's national security adviser. "Nashqabandi is the cradle; they are providing logistical support for Al Qaeda," he said. "What we are seeing is the resurgence of the hard- core Saddamists, but using Al Qaeda in Iraq as a front and as suicide bombers."

    Unter den stärksten ist die Nashqabandi, wahrscheinlich mit Verbindungen zu dem einstigen Stellvertreter Saddam Husseins, Izzat Ibrahim al-Douri. Diese Organisation, die Gelder von Exil- Irakern in Syrien erhält, hat laut irakischen und amerikanischen militärischen Geheimdienst- Kreisen eine Allianz mit religiösen sunnitischen Extremisten gebildet.

    "Die Kaida und der harte Kern der Saddamisten sind die hauptsächliche Bedrohung der nationalen Sicherheit des Irak" sagte Mowaffak al-Rubaie, der Nationale Sicherheitsberater des Irak. "Die Nashqabandi ist die Wiege; sie liefern der Kaida die logistische Unterstützung", sagte er. "Was wir beobachten, das ist die Rückkehr des harten Kerns der Saddamisten, wobei er aber die Kaida im Irak als Front und als Selbstmord- Attentäter einsetzt".
    Es ist eine "smaller but still lethal insurgency", die sich da bildet, ein kleinerer, aber doch tödlich bedrohlicher Aufstand. Wie generell beim Terrorismus im Irak geht es nicht darum, militärisch die Macht zu erobern, sondern die Öffentliche Meinung in den USA zu beeinflussen.

    Unter Präsident Bush hatte diese Strategie nicht gefruchtet, weil dieser lieber miserable Umfragewerte in Kauf nahm, als dem Terror nachzugeben. Bei Präsident Obama könnte sie sich als erfolgreich erweisen.

    "Bis zu" 50.000 Mann will er im Irak belassen. Es könnten auch null Mann werden, wenn Obama ein zweites Mal, wie im Januar 2007, sich für die Flucht vor der Kaida entscheidet.



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    Zehn Wörter, die man gegenüber Moslems vermeiden sollte. Das Neueste zur Political Correctness. Sprache als politische Waffe

    Der Westen hat es vorgemacht, vor allem die USA haben uns das vorgemacht, als in den siebziger, den achtziger Jahren die Sprache gereinigt wurde.

    Wörter wie "Neger", "Zigeuner", "Eskimo", "Behinderter", "Blinder", "Tauber", ja sogar das deutsche "Fräulein" oder die "Frau Professor" wurden tabuisiert. Man konnte sie nicht mehr unschuldig verwenden. Wer sie entgegen der Tabuisierung benutzte, der setzte sich dem Verdacht aus, ein Rassist, ein male chauvinist, ein Elitärer, wenn nicht Schlimmeres zu sein.

    Aufgrund dieses Drucks war es schließlich auch so, daß nur noch solche Leute diese Begriffe verwendeten. Diejenigen, die die Sprache als Waffe einsetzten, hatten auf der ganzen Linie gesiegt.

    Denn die Sprache ist eine mächtige Waffe beim Kampf um kulturelle Dominanz. Das haben inzwischen auch die Moslems erkannt.

    Oder jedenfalls hat es ein Autor erkannt, Chris Seiple, der sich am Wochenende im Christian Science Monitor Gedanken darüber machte, welche Begriffe und Ausdrücke man im Umgang mit Moslems vermeiden sollte. Titel: "10 terms not to use with Muslims", zehn Begriffe, die man gegenüber Moslems nicht verwenden sollte.

    Er wolle, schreibt Seiple, "share the advice given to me from dear Muslim friends worldwide regarding words and concepts that are not useful in building relationships with them", die Ratschläge weitergeben, die ihm liebe moslemische Freunde aus aller Welt gegeben hätten, was Wörter und Begriffe angehe, die für den Aufbau einer Beziehung zu ihnen nicht von Nutzen seien.



    Was dann in der Liste der zehn Begriffe kommen würde, habe ich zum Teil erwartet. Andere Begriffe, die ich erwartet hatte - "Kreuzzug" zum Beispiel, oder "Kolonialvölker" - kommen nicht darin vor. Bei der Mehrzahl der Begriffe hat es mir aber doch sozusagen die Sprache verschlagen.

    Hier ist sie, die Liste der zehn Wörter, die man beim Umgang mit Moslems laut Chris Seiple vermeiden sollte; er ist übrigens Präsident eines Institute for Global Engagement, das für weltweite Religionsfreiheit eintritt:
    1. "The Clash of Civilizations."

    2. "Secular"

    3. "Assimilation"

    4. "Reformation"

    5. "Jihadi"

    6. "Moderate"

    7. "Interfaith"

    8. "Freedom"

    9. "Religious Freedom"

    10. "Tolerance"
    Mit anderen Worten, Seiples "liebe Freunde" wünschen sich, daß wir auf so ungefähr alle Begriffe verzichten, die sich auf die Werte unserer Kultur beziehen - von Freiheit und Säkularität bis zu Toleranz und dem interreligiösen Dialog ("Interfaith").

    Wie begründen sie das, die lieben Freunde? Nehmen wir zwei Beispiele:
    8. "Freedom." Unfortunately, "freedom," as expressed in American foreign policy, does not always seek to engage how the local community and culture understands it. Absent such an understanding, freedom can imply an unbound licentiousness. The balance between the freedom to something (liberty) and the freedom from something (security) is best understood in a conversation with the local context and, in particular, with the Muslims who live there. "Freedom" is best framed in the context of how they understand such things as peace, justice, honor, mercy, and compassion.

    8. "Freiheit". Leider sucht "Freiheit", wie es in der amerikanischen Außenpolitik zum Ausdruck kommt, nicht immer zu erfassen, wie die örtliche Gemeinschaft und Kultur sie versteht. Fehlt ein solches Verständnis, dann kann Freiheit unbegrenzte Beliebigkeit bedeuten. Die Balance zwischen der Freiheit für etwas (Handlungsfreiheit) und der Freiheit von etwas (Sicherheit) läßt sich am besten im Gespräch mit dem lokalen Kontext und vor allem den Moslems begreifen, die dort leben. "Freiheit" sollte am besten im Zusammenhang mit der Art und Weise gefaßt werden, wie sie Dinge wie Frieden, Gerechtigkeit, Ehre, Gnade und Mitleid verstehen.

    9. "Religious Freedom." Sadly, this term too often conveys the perception that American foreign policy is only worried about the freedom of Protestant evangelicals to proselytize and convert, disrupting the local culture and indigenous Christians. Although not true, I have found it better to define religious freedom as the promotion of respect and reconciliation with the other at the intersection of culture and the rule of law – sensitive to the former and consistent with the latter.

    9. "Religionsfreiheit". Leider vermittelt dieser Begriff allzu oft die Wahrnehmung, daß die amerikanische Außenpolitik sich nur um die Freiheit protestantischer Evangelikaler kümmert, Abtrünnige zu gewinnen und zu bekehren und damit die örtliche Kultur und die das Christentum der Einheimischen zu zerstören. Zwar stimmt das nicht, aber ich finde es besser, Religionsfreiheit als die Förderung des Respekts und der Versöhnung mit dem Anderen zu definieren; und zwar an der Schnittstelle zwischen Kultur und Gesetzlichkeit - sensibel für die erstere und in Übereinstimmung mit der letzteren.
    Wenn ich Seiple nicht ganz falsch verstehe, dann will er mit dem letzten Satz sagen: Wir müssen sensibel für die Kultur der Anderen sein, auch wenn ihnen die Scharia vorschreibt, angebliche oder tatsächliche Ehebrecherinnen bis zum Hals einzugraben, die Ehebrecher bis zur Hüfte, und dann solange Steine auf sie zu werfen, bis sie eines qualvollen Todes gestorben sind. Und wir müssen die dortige Gesetzlichkeit respektieren, die nun einmal - auch wenn das nicht unbedingt unseren Wertvorstellungen entspricht - dies verlangt.



    Wer ist schon Chris Seiple? Man könnte ihn vergessen, wenn er nicht eine Meinung bis zu ihrern absurden Konsequenzen vertreten würde, die im linken Lager, bis zu den "Linksliberalen", weit verbreitet ist: Kulturen sind nun mal verschieden. Wir respektieren, daß fromme Moslems Ehebrecherinnen steinigen. Dafür erwarten wir, daß sie es respektieren, wenn bei uns den Männern nur eine Ehefrau erlaubt ist.

    Was schon etwas seltsam ist. Aber in Wahrheit ist es ja noch schlimmer. Denn während Leute wie Seiple dafür eintreten, die unmenschlichen "Werte" der Scharia zu respektieren, denken deren Verfechter natürlich überhaupt nicht daran, die westlichen Werte der Freiheit des Individuums, der Trennung von Staat und Religion, der Achtung von Minderheiten, kurz: der Aufklärung zu respektieren.

    Mit anderen Worten: Seiple möchte gern, daß wir Toleranz im westlichen Sinn üben, und daß wir zugleich diesen westlichen Begriff der Toleranz gegenüber den Moslems verleugnen.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Daniel Pipes. Titelvignette: Suleiman der Prächtige, zeitgenössische Darstellung. Public Domain.