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3. April 2009

Marginalie: Abgewrackt. Was treibt uns in den Verschrottungswahn?

Erst ein Quartal dieses Jahres ist um, und schon dürfte das Wort des Jahres feststehen: "Abwrackprämie". (Als Unwort des Jahres schlage ich "Umweltprämie" vor). Zum heutigen Wort des Tages hat es die Abwrackprämie schon gebracht.

Was sich da abspielt, das haben sich die SPD-Politiker wohl nicht träumen lassen, die die Abwrackprämie schon schon im November 2008 ins Spiel gebracht hatten:

Vom "Abwrack- Wahn" konnte man gestern in "Zeit- Online" lesen; anderswo wird von einer "Abwrackhysterie" geschrieben. Die Regierung rechnet derzeit mit 1,2 Millionen Anträgen, rund das Doppelte dessen, was erwartet worden war.

Was aufgrund einer Schätzung der Zahl der Autos in Deutschland, die schrottreif sind, erwartet worden war. Aber ganz offensichtlich werden ja nicht nur diese jetzt verschrottet. Sondern viele Autobesitzer schicken ein Auto in die Schrottpresse, das noch Jahre hätte fahren können.

Das war von vornherein abzusehen gewesen. Als im Januar diese Abwrackprämie beschlossen wurde, habe ich es hier beschrieben und kritisiert. Was die Bundesregierung da subventioniert, das ist eine unglaubliche Verschwendung von Volksvermögen. Dieselbe Regierung, die uns per Dosenpfand bedrängt, leere Dosen nicht einfach wegzuwerfen, fördert gezielt das "Wegwerfen" von Hunderttausenden fahrtüchtiger Autos. Ex und hopp.



Nun gut, das ist Politik. Wir Bürger aber sind doch im allgemeinen vernünftig? Wir überlegen uns, was wir tun, wir schätzen dessen Folgen realistisch ab?

Hier nicht. Denn offensichtlich ist bei vielen Bürgern der Wunsch, nur ja nicht die Prämie zu verpassen, so groß, daß sie sich völlig irrational verhalten.

Sie überlegen erstens nicht, daß sie Geld sparen, wenn sie ihr altes Auto länger fahren, solange es noch fahrtüchtig ist. Mag sein, daß sich am Ende der Kauf eines Neuwagens doch rechnet, aber diese Überlegung wird meist gar nicht angestellt.

Zweitens sieht es so aus, daß viele unbedingt die Verschrottungsprämie haben wollen, obwohl sie für ihr Auto, würden sie es verkaufen oder in Zahlung geben, einen höheren Preis als 2500 Euro erzielen könnten. Der Verband der Internationalen Kraftfahrzeug- Hersteller VDIK schätzt, daß mindestens die Hälfte aller Fahrzeuge, die für die Abwrackprämie in Frage kommen, noch einen Marktwert von mehr als 2500 Euro hatten. Für viele davon wird jetzt trotzdem ein Antrag gestellt. Dazu gestern "Zeit Online":
Allerdings scheinen viele der Antragsteller gar nicht überprüft zu haben, ob ihr Wagen nicht eigentlich noch mehr als 2500 Euro wert ist. (...) Deshalb warnte jetzt schon die Entsorgungsbranche die Bürger, übereilt alte Autos zu verschrotten. Nur um noch die 2500 Euro zu bekommen, würden Fahrzeuge inzwischen "blind" in die Verschrottung gegeben.



Was ist da los? In "Spiegel- Online" stellte gestern Reinhard Mohr, in der Kulturredaktion des gedruckten "Spiegel" zuständig für Tiefsinn allgemein und Achtundsechziger Tiefsinn im Besonderen, dazu allerlei tiefsinnige Überlegungen an, die in dieser Passage kulminieren:
Die Deutschen, gebrannte Kinder von Inflations-, Arbeitslosigkeits-, Revolutions- und Kriegswirren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sublimieren ihre Erregungsängste ganz anders [als die Franzosen; Zettel]. Ihre Revolte ist die Abwrackprämie, die geordnete und staatlich reglementierte Metamorphose von alt zu neu. Ohne Antrag läuft hier nichts, dafür gibt es auch etwas gratis: Die Veränderung eines misslichen Jetzt- Zustandes in ein Stück Zukunft auf vier Rädern.
Ach nein, lieber Reinhard Mohr. Ich fürchte, es ist viel banaler. Was wir erleben, ist die Addition von - vielleicht auch noch die Wechselwirkung zwischen - zwei Effekten, die der Sozialpsychologie wohlbekannt sind:
  • Was alle haben wollen, möchte man auch haben. Aus der alten DDR wird berichtet, daß dort, wo eine Schlange stand, viele Bürger sich zunächst einmal einfach anstellten, ohne zu wissen, was es überhaupt gab. Danach konnte man sich dann immer noch erkundigen. Wenn viele sich anstellten, dann war es das jedenfalls offenbar wert, sonst würden sie sich ja nicht anstellen.

    Zu diesem Effekt kommt jetzt, bei der Abwrackprämie, auch noch Torschlußpanik hinzu. Jeder weiß, daß das Programm demnächst beendet oder reduziert wird; gestern war schon von einer Halbierung auf 1250 Euro die Rede. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

  • Etwas geschenkt zu bekommen, ist attraktiver, als es dem realen Wert des Geschenkten entspricht. Jeder kennt das vom Marktschreier: Er bietet erst seinen Aal für einen bestimmten Preis an. Und dann legt er "kostenlos" noch eine Makrele und einen Hering drauf. Der Kunde freut sich über das Schnäppchen und greift zu. Hätte der Marktschreier gleich denselben Preis für alle drei Fische verlangt, dann hätte der Kunde es sich vielleicht anders überlegt.

    So auch hier: Was die Abwrackprämie so unwiderstehlich macht, ist, daß es Geld vom Staat gibt. Bar auf die Kralle. Wenn man hingegen sein Altauto an einen Händler verkauft, dann bekommt man ja - psychologisch betrachtet - nichts geschenkt, sondern nur den Gegenwert für das, was einem gehört.
  • So sind wir Menschen halt. Wir verhalten uns bei derartigen Entscheidungen, wie überhaupt, sehr oft irrational. Falls es Sie interessiert - in der Wikipedia finden Sie eine Liste solcher Fehler und Irrtümer, zusammen mit Links zu vielen, vielen Artikeln, in denen sie erläutert werden.



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    24. Juni 2008

    Psychologen, Psychiater, Populisten. Wie sollten wir auf Jugendkriminalität reagieren?

    Ende 2007 haben in München zwei jugendliche Kriminelle einen Rentner fast umgebracht. Sie haben ihn zu ermorden versucht: So jedenfalls sieht es die Anklagebehörde in dem Prozeß, durch den jetzt wieder, so wie damals, vor einem halben Jahr, diese Tat die Öffentlichkeit beschäftigt.

    Wenn ein Thema die Öffentlichkeit beschäftigt, dann ist das oft Anlaß für Fachleute, sich zu Wort zu melden. Zum einen, weil man sie dann um ihren Rat bittet. Zum anderen, weil sie selbst zu Recht vermuten, daß jetzt die Zeit günstig ist, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen.

    Das sind Anliegen unterschiedlicher Art: Man möchte die wissenschaftliche Sicht der Dinge darstellen. Man will vor einer falschen Beurteilung in der Öffentlichkeit, gar vor populistischen Entscheidungen warnen. Und man nutzt die Gelegenheit auch nicht selten, um darauf aufmerksam zu machen, daß die Sache noch lange nicht erforscht sei und daß man dringend mehr Geld brauche, um sie besser erforschen zu können.



    So ist es auch jetzt im Fall des vermutlichen Mordversuchs in München. Heute berichtet in der "Süddeutschen Zeitung" Markus C. Schulte von Drach in einem längeren Artikel über eine "Stellungnahme zur Jugendgewalt", die der Kölner Psychiater Gerd Lehmkuhl zusammen mit drei Kollegen - darunter, wie es scheint, der Sozialpsychologie Friedrich Lösel - formuliert habe.

    In der übrigen deutschen Presse wird über diese Stellungnahme nicht berichtet; es ist also zu vermuten, daß die Wissenschaftler sie, jedenfalls vorerst, nur für die SZ geschrieben haben.

    Am Ende des Artikels läßt Friedrich Lösel, nun, nicht gerade die Katze aus dem Sack, aber uns doch einen Blick in die Motivationslage für solche Stellungnahmen tun:
    Auch wenn Gewalt nicht grundsätzlich ein Ausländerproblem ist: Programme zur Vorbeugung von Jugendgewalt sollten auf Migrantenfamilien zugeschnitten werden, fordert Lösel. Solche Programme gibt es. Und sie wirken. Lösels Team hat in den vergangenen Jahren die Entwicklung von Kindern in mehr als 600 Familien beobachtet, von denen jede zweite von Erziehern, Sozialarbeitern und Psychologen unterstützt wurde. (...)

    Trotz der Erfolge stehen die Programme vor dem Aus. Ihnen fehlt das Geld. Statt Konzepte umzusetzen, beschäftigen sich Politiker offenbar lieber mit "vordergründigen Erklärungen und kurzfristigen Interventionen", monieren die Psychiater in ihrem Manifest.
    Gewiß, mehr Geld für die Forschung kann man immer brauchen. Wenn die Drittmittel- Finanzierung für ein Forschungsprojekt nicht weiterbewilligt wird, dann liegt das im allgemeinen an negativen wissenschaftlichen Gutachten darüber, und nicht an Politikern. Aber andererseits können Politiker den Topf für Forschungsmittel auffüllen und so die Chance aller erhöhen, etwas zu bekommen.

    Aber es wäre falsch, das Motiv für derartige Stellungnahmen allein in der Einwerbung von Forschungsmitteln zu sehen. Wenn es um Jugendkriminalität, wenn es um Kriminalität überhaupt geht, dann nehmen viele Psychiater, Psychologen, auch viele Soziologen die Notwendigkeit wahr, ihrer Sicht gegenüber Denjenigen Geltung zu verschaffen, die andere Sichtweisen vertreten.

    Juristen sehen in solchen Taten Verbrechen, die es zu bestrafen gilt. Sie fragen nach der Schuld der Täter. Sie fragen sich, wie es in Menschen aussehen muß, die dazu fähig sind, einen am Boden liegenden alten Mann fast zu Tode zu treten. Sie fragen nach der Höhe der Strafe, die einer solchen Schuld angemessen ist und die andererseits der Generalprävention dient, also der Abschreckung anderer, die vielleicht auch eine solche Tat begehen könnten.

    Die Sicht der Psychiater und Sozialpsychologen ist eine ganz andere. Sie fragen danach, was denn in der Entwicklung der Täter schief gelaufen ist, so daß es zu der Tat kommen konnte. Sie fragen nach der Schuld der Gesellschaft, nach den politischen und ökonomischen Verhältnissen, die - so nehmen sie an - dazu führen, daß Menschen straffällig werden.

    Sie fragen danach, also versuchen sie es zu erforschen. Sie betreiben Feldforschung in den Familien, sie explorieren und testen die Täter, sie rekonstruieren Biographien. Dann machen sie Vorschläge, was man zur Prävention tun konnte.

    Meist sind es Rezepte, die auf ein stärkeres Eingreifen des Staats hinauslaufen. Diese Wissenschaftler möchten gern die Gesellschaft verbessern; in der Erwartung, daß damit auch die Kriminalität geringer werden würde. Sie denken nicht in Kategorien von Schuld und Verantwortung, sondern von Ursache und Wirkung. Sie verstehen sich als Sozialingenieure.

    Mit dieser Sichtweise, mit diesen Ergebnissen, Einsichten und Empfehlungen treten sie bei Gelegenheit an die Öffentlichkeit; schreiben sie Manifeste wie jetzt, stellen sie sich der Kamera.

    Nicht alle mit demselben hartnäckigen Eifer wie Christian Pfeiffer, dessen spitznasiges Gesicht so regelmäßig auf dem Bildschirm auftaucht wie die Mainzelmännchen. Aber der Einfluß dieser Sozialwissenschaftler auf die Medien, und über sie auf die Öffentlichkeit, ist doch beträchtlich. Sie dominieren den öffentlichen Diskurs.



    Weil das so ist, hat es mich doch ein wenig gewundert, von den Autoren des jetzigen Manifests zu erfahren, daß sie sich sozusagen als unbeachtete Mauerblümchen sehen:
    Statt populistische Forderungen zu stellen, sollten sich Politiker lieber konstruktiven Programmen zuwenden, so die Psychiater. Schließlich gebe es längst "umfassende wissenschaftliche Ergebnisse zur Entstehung, zur Vorbeugung und zum Verlauf aggressiven und dissozialen Verhaltens". Jugendgewalt lasse sich durchaus verhindern. Aber das "erfordert ein Umdenken".
    Ein Umdenken? Das, was diese Autoren offenbar in ihrem Manifest formuliert und/oder dem SZ-Journalisten Schulte von Drach in den Notizblock diktiert haben, ist ungefähr so sehr gängige Meinung wie die Auffassung, daß bei Sonnenschein das Wetter schön ist.

    Ein "Umdenken" ist in dem, was Schulte von Drach berichtet, allenfalls bei den Autoren selbst zu erkennen, und zwar in zwei Punkten, die freilich - von ihnen oder von Drach - ganz, ganz vorsichtig formuliert werden: Daß Kriminalität auch genetische Ursachen haben könnte, und daß Jugendkriminalität gehäuft unter Einwanderern und Kindern von Einwanderern vorkommt.

    Dazu lesen wir in dem Artikel (Hervorhebungen von mir):
    Die Experten gehen heute auch davon aus, dass eine Neigung zur Aggression teilweise vererbt sein kann. Damit sie sich bemerkbar macht, müssen allerdings nachteilige soziale Faktoren hinzukommen.
    Und zur Kriminalität jugendlicher Ausländer und Einwanderer:
    Manche der gewaltauslösenden Faktoren treten in Migrantenfamilien offenbar häufiger auf. Denn Kinder aus diesen Familien gehören tatsächlich etwas häufiger zu den Intensivtätern als der Nachwuchs deutscher Eltern.
    Eine gewiß vorsichtige Formulierung angesichts des Ergebnisses einer kürzlichen Untersuchung, zitiert im Sachstandsbericht 2008 des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags WD 7 - 007/08 über die Gewaltkriminalität von Jugendlichen. Unter anderem wurden in dieser Untersuchung zur Dunkelziffer 19.000 Schüler der 9. Klasse anonym befragt, ob sie im vergangenen Jahr eine Körperverletzung begangen hätten. Das bejahten 19 Prozent der deutschen und 37,5 Prozent der türkischstämmigen Jugendlichen. Die Letzteren also "etwas häufiger".



    Keine Frage, die Kriminologie und die sie tragenden Wissenschaften sind nützliche, ja unverzichtbare Unternehmungen. Sie liefern Einsichten in die Ursachen und Bedingungen des Verbrechens; sie geben damit vielleicht Ansatzpunkte für das, was man zu dessen Bekämpfung tun kann.

    Nur kann sich diese sozialwissenschaftliche Betrachtung ja gewiß nicht über mangelende Resonanz beklagen; sie ist im Gegenteil dominant.

    Hingegen tritt eine andere, ebenso berechtigte Sichtweise immer mehr in den Hintergrund: Daß es die freie Entscheidung des Einzelnen ist, ein Verbrechen zu begehen. Daß er dafür verantwortlich ist; daß er dafür eine Strafe verdient hat. Daß es böse ist, ein Verbrechen zu behen, und nicht einfach der Schlußpunkt einer Kausalkette.

    Auf dem allgemeinen Bewußtsein, daß das so ist, beruht jede funktionierende Rechtsordnung. Die sozialwissenschaftliche Betrachtungsweise, wie sie in dem Artikel von Schulte von Drach propagiert wird, klammert diese Aspekte des Moralischen, der freien Selbstverantwortung des Täters, der Schuld und Strafe aus; sie hat in empirischen Wissenschaften ja auch nichts verloren.

    Nur wird in dem Maß, in dem diese letztere Betrachtungsweise zur allein selbstverständlichen wird, das Bewußtsein für Recht und Unrecht sich reduzieren. Wer als Täter auf alle die ungünstigen Faktoren hinweisen kann, die zu seiner Tat geführt hätten, der braucht keine Schuld anzuerkennen.

    Er, das Opfer der Gesellschaft, hatte - so kann er es leicht sehen, im doppelten Sinn "leicht" - nur das Pech, sich erwischen zu lassen. Vor Gericht wird er den Reuigen spielen. Nicht, weil er in Kategorien von Schuld und Verantwortung denken gelernt hätte, sondern weil er verstanden hat, daß das zur Rolle eines Opfers der Gesellschaft dazugehört.

    Die beiden Täter vor München bitten jetzt, vor Gericht, ihr Opfer um Verzeihung. Vor Tisch las man's anders: "Zum Motiv sagte einer der Schläger: 'Wir waren besoffen, da sind doch alle aggressiv'. Von Reue keine Spur." So stand es drei Tage nach der Tat, am 23. Dezember 2007, in "Spiegel Online".



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