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5. April 2009

Realität in acht Päckchen (6): Erkenntnis und Interesse. Fromme Lügen

Das Thema der fünften Folge war postmoderner Relativismus; die Auffassung, daß die Realität etwas Konstruiertes sei, bezogen auf die jeweilige Kultur und in diesem Sinn relativ.

Der Ausgangspunkt ist ein unstreitiger Sachverhalt: Unser Bild der Welt ist weithin kulturell vermittelt. Was wir wissen, das wissen wir ganz überwiegend nicht aus eigener sinnlicher Erfahrung, sondern wir haben es erfahren, wir haben es gelernt, es ist uns beigebracht und mitgeteilt worden.

Wenn also die Realität uns in so großem Maß nur durch die Kultur bekannt ist - ist sie dann nicht vielleicht auch nur ein Erzeugnis der Kultur? Bestehend aus Konstrukten, aus Narratives, aus gemeinsamen Annahmen und Überzeugungen, die aber von Kultur zu Kultur verschieden sind?

Ob das eine haltbare Position ist, habe ich vorerst offen gelassen und zunächst nur darauf hingewiesen, welche eigenartige und bedenkliche Dialektik dieser Haltung innewohnt:

Wenn es so viele gleichwertige Realitäten gibt wie Kulturen und Communities, dann scheint das auf den ersten Blick eine große Toleranz zu begründen. Denn Jeder ist sich ja bewußt (oder sollte es jedenfalls sein), daß andere Weltsichten genauso berechtigt sind wie seine eigene. Also sollte er diese respektieren.

Zu beobachten ist aber, daß diese Toleranz leicht in Intoleranz umschlägt.

Indem die Realität zum Erzeugnis einer Kultur deklariert wird, wird sie in ihrer jeweiligen Gestalt auch sozusagen zum Besitz dieser Kultur. Verbindlich für ihre Mitglieder, so wie es religöse Wahrheiten sind. Kritik wird abgewiesen; man immunisiert sich dagegen. Diskussionen sind ja auch im Grunde sinnlos, wenn jede Kultur und Community ihre eigene Wahrheit hat.

Man kann diese Realität, diese Wahrheit dann instrumentalisieren; man macht von seinem Besitz Gebrauch. Perspektivität, ja Parteilichkeit wird verordnet und im Extremfall erzwungen. Kurz, die Erkenntnis verliert ihr Eigengewicht; sie wird in den Dienst des Interesses gestellt. Dies will ich in der jetzigen Folge weiter beleuchten.



Erkenntnis im Dienst von Interesse hört auf, Erkenntnis zu sein. Der Kommunismus mit seiner Instrumentalisierung der Wahrheit ist dafür ein besonders empörendes Beispiel, aber gewiß nicht das einzige. Der Sachverhalt tritt in unzähligen Varianten auf.

Das gegenwärtig vielbeklagte Phänomen, daß die Menschen das Vertrauen in die Politik verloren hätten, hat, beispielsweise, damit zu tun. Es gehört zu den Regeln des politischen Spiels, daß jeder die Dinge so darstellt, wie es seinen - den von ihm vertretenen - Interessen entspricht. Es gehört auch zu diesen Regeln, daß er das nicht sagt, sondern vorgibt, einfach die Wahrheit zu sagen. Er verbirgt sein Interesse hinter dem, was er für objektiv notwendig, für sachlich geboten erklärt.

Das dürfte zu allen Zeiten so gewesen sein. Möglicherweise tritt es heute aber sichtbarer zutage, weil das Spiel einerseits perfekter, andererseits aber auch offener gespielt wird.

Ähnlich wie die moderne kommerzielle Werbung beim Adressaten die Erkenntnis voraussetzt, er solle verführt werden, und sie mit dieser Situation spielt, scheint auch die politische Reklame auf dem Weg zu einer Ästhetisierung ihrer Botschaft zu sein. So als wolle man den Wähler zu der Einsicht bringen: Da alle ohnehin dieselbe Politik machen, laßt uns doch den wählen, der sie am ansprechendsten verkauft.

Die tapsige Raffinesse früherer Politiker wirkt dagegen fast schon anheimelnd. Ihr politisches Spiel glich den Trickaufnahmen in einem alten Film, die sich gegenüber der Realität des übrigens Films sofort als unecht entlarvten; während die heutige Vermarktung von Politik einem modernen Science- Fiction- Film ähnelt, in dem sich die Frage nach der Trickaufnahme gar nicht mehr stellt, weil alles, ob Trick oder echt, ohnehin aus demselben Computer kommt.

Viele Menschen reagieren darauf mit einem grundlegenden Mißtrauen gegenüber allem, was öffentlich verlautbart wird. Diesem nicht unberechtigten Mißtrauen korrespondiert eigenartigerweise eine große Bereitschaft, die abstrusesten Behauptungen zu glauben, wenn sie aus gewissermaßen inoffiziellen Quellen stammen.

Das reicht von den zahllosen Verschwörungstheorien (siehe dazu die Serie in diesem Blog) zum Mord an Kennedy über die Ufologie bis zum Glauben an die Wirksamkeit der Bach- Blüten- Therapie. Diejenigen, die ihren Regierungen, die der Industrie, die der Wissenschaft und die den Medien nicht glauben, weil sie hinter dem, was diese als Wahrheit ausgeben, Interessen vermuten - dieselben Menschen sind eigenartigerweise bereit, dem, was Scharlatane, Phantasten und Dummköpfe aus durchsichtigem eigenen Interesse als Wahrheit deklarieren, nahezu kritiklos Glauben zu schenken.

Es ist, als würde man aus der Erkenntnis, daß die Mächtigen ihre Interessen als Wahrheit verkaufen, den Umkehrschluß ziehen, daß das, was die Ohnmächtigen behaupten, interessefreie Wahrheit sei.



Ob man die Wahrheit für bestimmte Ziele instrumentalisieren darf, ist - das versteht sich - eine alte Frage. Zu denen, die sie am gründlichsten diskutiert haben, gehört Arthur Schopenhauer.

Im fünfzehnten Kapitel des zweiten Bandes von "Parerga und Paralimpomena", seinen gesammelten Kleinen Schriften, benutzt Schopenhauer unter der Überschrift "Über Religion" ein Stilmittel, das er meines Wissens in keiner anderen Schrift eingesetzt hat: Er läßt zwei fiktive Personen auftreten, Philalethes und Demopheles, also zu deutsch den Wahrheitsfreund und den Fürsprecher des Volkes. Sie disputieren über Religion.

Schopenhauer war bekanntlich Atheist. Die beiden Personen, in die er sich hier aufspaltet, streiten also nicht für oder wider Religion in dem Sinn, daß einer ihr Anhänger und der andere ihr Gegner wäre. Daß ein intelligenter und philosophisch gebildeter Mensch nicht einer Religion anhängen kann, setzen sie gemeinsam voraus. Vielmehr geht es darum, ob die Religion dem weniger gebildeten Volk nicht trotzdem nahegebracht werden müsse, um es zur Sittlichkeit anzuhalten und um das dem Menschen eigene metaphysische Bedürfnis zu befriedigen.

Die beiden Disputanten setzen sich fair auseinander. Es ist offensichtlich, daß Schopenhauer jedem der beiden eine vernünftige und mit guten Argumenten begründbare Position zubilligt. Am Ende läuft es aber doch auf ein eindeutiges Ergebnis hinaus. Philalethes setzt sich durch mit dem zentralen Argument "Kein Irrthum aber ist unschädlich; sondern jeder wird früher oder später Dem, der ihn hegt, Unheil bereiten". Kein noch so guter Zweck rechtfertigt nach Schopenhauers Überzeugung die pia fraus, die fromme Lüge.

In einer anderen seiner kleinen Arbeiten, der "Skizze der Lehre vom Idealen und Realen", kommentiert Schopenhauer die Schriften von Fichte, Hegel und Schelling. Er tut das in einem Anhang zu dem Aufsatz, um diese Autoren noch nicht einmal äußerlich in die Nähe von Philosophen wie Descartes, Locke oder Kant zu rücken, mit denen er sich zuvor befaßt hat. Einer Auseinandersetzung würdigt er diese drei nämlich nicht.

Sie sind für ihn "bloße Sophisten: sie wollen scheinen, nicht seyn ... Daß sie ... in der Philosophie nichts Wirkliches leisten konnten, lag, im letzten Grunde, daran, daß IHR INTELLEKT NICHT FREI GEWORDEN, sondern im Dienst des WILLENS geblieben war; da kann er zwar für diesen und dessen Zwecke außerordentlich viel leisten, für die Philosophie hingegen, wie für die Kunst, nichts. Denn diese machen gerade zur ersten Bedingung, daß der Intellekt nur aus eigenem Antrieb thätig sei und, für die Zeit dieser Thätigkeit, aufhöre, dem Willen dienstbar zu seyn, d.h. die Zwecke der eigenen Person im Auge zu haben. Er selbst aber, wenn allein aus eigenem Triebe thätig, kennt, seiner Natur nach, keinen anderen Zweck, als eben nur den der Wahrheit".

Wie kaum ein anderer Philosoph des 19. Jahrhunderts war Schopenhauer sensibel für eine solche Inanspruchnahme der Erkenntnis durch Interesse (sieht man von Nietzsche ab, der davon freilich fasziniert war). Als der große Verehrer Kants sah er mit Abscheu, wie Fichte und Hegel Kants Idealismus aus seiner Sicht ruinierten, indem sie aus dem strengen transzendentalen einen gewissermaßen libertären subjektiven Idealismus hervorzauberten.

Was Kant als Grenzen der Erkenntnis analysiert hatte - ihre Bedingtheit durch Anschauungsformen und die Kategorien unseres Verstands -, verdrehte dieser subjektive Idealismus zu Freiheiten der Subjektivität: In den Begriffen entfaltet sich die Wirklichkeit, das Ich setzt die Welt.



Man kann das durchaus als die idealistische Variante des postmodernen "Anything goes" sehen; und gewiß ist es kein Zufall, daß Fichte sich politisch engagierte und daß Hegel eine gewaltige Anziehungskraft auf Politiker ausübte, die es nach einer philosophischen Untermauerung ihres politischen Wollens verlangte. Wer als Politiker die Welt verändern will, der wird leicht Affinität zu einer Philosophie empfinden, die die Welt als Hervorbringung des Menschen versteht.

Das ist sie aber nicht. Religionen mögen menschliche Hervorbringungen sein; Ideologien sind es sicher. Der Realität aber, so wie sie sich der Wissenschaft erschließt, fehlt diese Beliebigkeit.

Die heidnischen Religionen der Antike sind vergangen. Aber die Euklidische Geometrie hat ihre Gültigkeit nicht verloren; wenngleich sie natürlich erweitert wurde. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften sind kumulativ; das Frühere wird aufgenommen und weiterentwickelt, manchmal auch modifiziert.

Es ist ein kontinuierlicher Erkenntisprozeß, in dem das geschieht. Demokrits Atomistik ist eine frühe Wurzel der modernen Physik, und die Methode, mit der Eratosthenes im drittten vorchristlichen Jahrhundert den Umfang der Erde bestimmte, hat noch immer ihre Gültigkeit.

In den Wissenschaften werden nicht je eigene Realitäten konstruiert, sondern man arbeitet gemeinsam - jeder auf den Schultern der Vorausgehenden stehend, jeder angewiesen auf die Zusammenarbeit mit seinen Zeitgenossen - an der Erkenntnis der einen, der einzigen Realität.

Erkenntnis der Realität ist eben etwas anderes als Meinen; so, wie schon im sinnlichen Erkennen sich Wahrnehmung und Täuschung unterscheiden lassen. Darum geht es in der nächsten Folge.



Hier die Gliederung der Serie. Bereits erschienene Folgen sind jeweils verlinkt.
1. Eine Frage der "Zeit". Ein paar Happen Philosophie
2. Ein Alptraum. Vom Träumen überhaupt
3. Fiktion und Realität. Fiktive Realitäten
4. Realität als Konsens. Cues und distales Fokussieren
5. Postmoderne Toleranz. Postmoderne Intoleranz
6. Erkenntnis und Interesse. Fromme Lügen
7. Erkenntnistheorie und Wahrnehmungspsychologie
8. Wissenschaftliche Erkenntnis


Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen der Serie sowie eine Zusammenfassung finden Sie hier. Titelvignette: Alice im Wunderland. Frei, weil das Copyright erloschen ist.

16. Oktober 2008

Marginalie: Der Reiz von Verschwörungstheorien. Das Elend der Verschwörungstheorien. Und etwas von Karl Valentin

In einem seiner Sketche - ich habe ihn schon einmal erwähnt - ist Karl Valentin als Patient beim Arzt, den natürlich Liesl Karlstadt spielt:
Karl Valentin (Patient): Ich leide an einer Nieren- Erkrankung.

Liesl Karlstadt (Arzt): Aber am Anfang einer Nieren- Erkrankung hat man keine Schmerzen, und auch sonst merkt man nichts.

Karl Valentin (Patient): Genau diese Symptome habe ich.
Dieser Dialog ist die perfekte Illustration des Reizes, des Elends von Verschwörungstheorien.

Je weniger Indizien man für eine Verschwörung findet, umso mehr deutet das auf eine Verschwörung hin. Denn perfekte Verschwörer - die CIA, der Mossad usw. - hinterlassen bei ihren Taten keine Spuren.

Das macht den Reiz von Verschwörungstheorien aus: Man ist völlig losgelöst, wie Peter Schillings Major Tom in den Wolken. Man kann sich ohne empirische Bodenhaftung seinen Vermutungen in sozusagen platonischen Höhen hingeben.

Es macht aber auch ihr Elend aus.

Der Patient Karl Valentin (ja auch im richtigen Leben ein Hypochonder) hat keine Chance, seine Symptome zu verlieren, da diese ja eben im Fehlen von Symptomen bestehen. Wie will man Symptome verlieren, die man gar nicht hat?

So sind auch Verschwörungstheorien nicht widerlegbar. Jedenfalls gute Verschwörungstheorien. Der Hinweis, daß sie aus der Luft gegriffen seien, daß es nichts gibt, was für sie spricht, schreckt den Verschwörungstheoretiker nicht.

Eben! ruft er und lacht triumphierend. Eben!

Sie finden, ich übertreibe? Dann lesen Sie einmal, was seit dem Tod Jörg Haiders an Verschwörungstheorien im Internet kursiert. Lesen Sie zum Beispiel einmal diesen Kommentar zu einem heutigen Artikel in der "Welt":
Ich denke, wenn ein bestimmter Geheimdienst dahinter steckt, dann wird das ganze niemals an die Oeffentlichkeit kommen duerfen. Die Ermittlungen werden dann dahingehend gelenkt, dass die Oeffentlichkeit zufrieden ist. Was sich hinter den Kulissen abspielt, ist der uns allen wahrscheinlich kaum bewusst. ("Freier Denker", 16.10.2008, 11.30 Uhr).


Verschwörungstheorien interessieren mich. Sie sind aus meiner Sicht die Antwort auf eine Welt, in der wir die Realität immer weniger aus eigener Anschauung kennen, in der wir also immer mehr darauf angewiesen sind, Vermittlern zu trauen.

Hier finden Sie eine Serie, in der ich das im einzelnen ausgeführt habe.



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27. Januar 2008

Marginalie: Ronald Reagans Steuern und das Romney-Wispern im Web

Als ich vergangene Nacht nach "Romney whisper" gegoogelt habe, gab es 49 Fundstellen. Aktuell sind es 6.480.

So breiten sich Themen im Web aus. So breitet sich ein Thema aus, das an Albernheit, an Lächerlichkeit kaum zu überbieten ist.

Donnerstag Abend hatte es eine dieser TV-Debatten zwischen den republikanischen Kandidaten für die Präsidentschaft gegeben. Mitt Romney hatte sich zu Ronald Reagan bekannt, und da hatte nun ein Journalist namens Mike Russert, der die Debatte moderierte, eine etwas gemeine Frage an Romney gestellt:

"Governor Romney, you are a big fan of Ronald Reagan. Will you do for Social Security what Ronald Reagan did in 1983?" Romney sei doch ein großer Fan von Reagan. Ob er zugunsten der Sozialversicherung das tun werde, was Ronald Reagan 1983 getan habe.

Gemein war die Frage deshalb, weil Reagan, eigentlich ein Befürworter von Steuersenkungen, damals die Steuern erhöht hatte. Romney ging aber, so schien es jedenfalls, nicht in die Falle, sondern antwortete, er werde keine Steuern erhöhen.



So weit, so gut. Nun fiel aber einem Blogger - wer der erste war, habe ich nicht herausgefunden - etwas auf: Unmittelbar bevor Romney antwortet, hört man in der Aufzeichnung ein Wispern. Und diese Flüsterstimme sagt: "He raised taxes", er erhöhte die Steuern. (Nachdem die Sache die Runde in der Blogosphäre gemacht hatte, gab es auch andere Lesarten, zB "Don't raise taxes". Es war halt geflüstert).

Tja, und nun wissen Sie - falls Sie die Story nicht ohnehin schon kennen -, wie es weiterging. War da nicht schon einmal, es war im Jahr 2004, die Geschichte mit Präsident Bush gewesen, auf dessen Rücken sich unter dem Sakko ein Kasten abgezeichnet hatte, ganz eindeutig ein Empfangsgerät für Einflüsterungen, damit der Dumme nicht allzu dumme Antworten gab?

Also, offensichtlich hatte da auch jemand Romney eingeflüstert. Jedenfalls breitete sich das im Web aus wie ein Präriefeuer. In einem Blog des Internet- Auftritts der Demokratischen Partei schrieb Bob Fertik zum Beispiel am 25. Januar um 22:05 Uhr:
Romney Cheats With an Earpiece!

Well folks that's it for the Mittster - he was caught on tape with an earpiece! Listen for yourself as someone whispers "he raised taxes" (...) Call every radio and TV talk show you can and tell them to play this on the air! Let's expose Romney to the world as the fraud that he is.

Romney betrügt mit einem Ohrhörer!

Liebe Leute, das war's für Mittster [Mitt Romney] - er wurde auf dem Tonbandmitschnitt mit einem Ohrhörer erwischt! Hört selbst, wie jemand flüstert "Er erhöhte die Steuern" (...) Ruft alle Radiostationen und TV-Talkshows an, die ihr erreichen könnt, und sagt ihnen, sie sollen das senden! Laßt uns Romney für alle Welt als den Betrüger entlarven, der er ist.
Andere Blogs waren ein wenig zurückhaltender, aber diskutiert wurde die Theorie, daß Romney mit einem kleinen Mann im Ohr seine Diskussion bestritten habe, quer durch die Blogosphäre. Schnell waren Namen wie "Romney Whisper" oder gar "Romney Mystery" im Umlauf. Auch die deutsche Blogosphäre erreichte das Thema in der Nacht zum Samstag.



Now wait a minute. Nehmen wir einmal an, Romney hätte einen gut verborgenen Ohrhörer getragen, der ihm die Antworten auf die Fragen der Journalisten zuflüsterte - wie in aller Welt hätte denn das Mikrofon, in das Romney sprach, dieses Geflüster tief in Romneys Ohr aufzeichnen sollen? Und wieso nur das Geflüster zu dieser einzigen Frage?

Nun, vielleicht hat der Helfer ja nur einmal geflüstert. Und vielleicht wurde das Geflüster gar nicht über Schallwellen aufgenommen, sondern, wer weiß, wer weiß, "somehow the transmission to Romney from his assistant got picked up", irgendwie wurde die Übertragung von dem Assistenten an Romney aufgefangen, wie "Mogie" von Greenpassion.org vermutet.

Und falls jemand herausfinden sollte, daß auch das technisch nicht gut möglich ist, dann werden die Verschwörungs- Theoretiker eben etwas anderes vermuten; vielleicht war es ja der Schutzengel des Mormonen Romney, dessen Flüstern auf die Tonspur der Aufzeichnung geriet.



Während ich dies schrieb, lief im Hintergrund auf Al Jazeera ein Interview mit dem Astronauten Edward "Buzz" Aldrin, einem der beiden ersten Menschen auf dem Mond. Er wurde gegen Ende des Interviews nach dem "Moon Hoax" gefragt. Seine Antwort: So etwas werde es immer geben. Es werde immer Menschen geben, die jeden Unsinn verbreiteten, nur um zu zeigen, wie schlau sie selbst seien, und wie dumm die Mehrheit ihrer Mitbürger.

Und was war nun wirklich geschen? Der Sender NBC, von dem die Aufzeichnung stammt, hat es untersucht und inzwischen die Erklärung gefunden: Wie es oft passiert, war versehentlich nicht nur das Mikrofon Romneys eingeschaltet, als dieser zur Antwort ansetzte. Sondern es war auch noch ein Mikrofon im Publikum aktiviert. Und in dessen Nähe hatte jemand, der offenbar politisch gut informiert war, auf die Frage des Journalisten Russert hin gesagt, vielleicht zu seinem Nachbarn: "He raised taxes".

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11. September 2007

Marginalie: Haben die Hohlwelt-Theoretiker doch Recht?

Diese Frage wurde heute zur besten Sendezeit in einer Sendung des ZDF diskutiert. Nach der Hohlwelt-Theorie (jedenfalls bestimmten Versionen davon) leben wir auf der Innenfläche einer hohlen Weltkugel, in deren Zentrum die Sonne steht. Das Licht breitet sich auf gekrümmten Bahnen aus. Mond, Planeten und Fixsterne sind Illusionen.

Die Autoren der Sendung - Michael Renz und Guy Smith - warfen viele der Fragen auf, die von den Hohlwelt- Theoretikern gestellt werden und ließen etliche von ihnen ausführlich zu Wort kommen.

Renz und Smith hatten bei der Vorbereitung ihrer Sendung versucht, diese Zweifel an der offiziellen Kosmologie auch mit Regierungsbeamten und Top- Wissenschaftlern zu diskutieren, hatten von diesen aber immer wieder Absagen bekommen. Die angesprochenen Astronomen lehnten es ab, zur Hohlwelt- Theorie Stellung zu nehmen.

In der Sendung fragen die Autoren deshalb, warum man ihnen Informationen vorenthalte. Auch wurden immer wieder Täfelchen eingeblendet, auf denen der ablehnende Bescheid dieser und jener Stelle zu lesen war. "Wir erwarteten, dass uns die Regierung unter die Arme greifen würde (...) Von wegen! Man hat uns jede Tür nicht nur vor der Nase zugeschlagen, sondern auf die Nase draufgehauen. (...) Wir fragen uns warum?" sagte dazu Michael Renz in einer Vorab-Info.

Am Ende konstatieren die Autoren, daß für die Hohlwelt- Theorie "die Beweise fehlen". Tja, schade.



PS: Diese Geschichte ist fast wahr. Allerdings ging es heute Abend im ZDF, 20.15 bis 21.00 Uhr, nicht um die Hohlwelt-Theorie, sondern um die Theorie, daß die Angriffe vom 11. September 2001 von der US-Regierung selbst inszeniert worden seien. Meine Befürchtungen über diese Sendung wurden von ihr weit übertroffen.

PPS: Einen sehr schönen Artikel über die Hohlwelt-Theorie, mit vielen noch schöneren Bildern, findet man hier. Dort steht auch eine Passage über Hohlwelt- Theoretiker, die bestens auf die Leute paßt, die in dieser Sendung ausführlich zu Wort kommen durften:
Like pseudoscientists of all varieties, they carefully select those aspects of experience they wish to incorporate into their model, ignoring the vast amount of other scientific phenomena that conventional science has already successfully dealt with. They cite old, discredited, or poorly documented, observations, experiments and theories as supportive of their views. Often they wage a guerrila war against "conventional science", and characterize scientists as imperceptive or even stupid for not acknowledging their cleverness and the truth of their alternative models.

Wie Pseudowissenschaftler aller Spielarten suchen sie sich sorgfältig diejenigen Aspekte der Erfahrung aus, die sie in ihr Modell einfügen wollen, und dabei ignorieren sie die riesige Menge anderer wissenschaftlicher Phänomene, die die konventionelle Wissenschaft schon erfolgreich erklärt hat. Sie zitieren alte, diskreditierte oder schlecht belegte Beobachtungen, Experimente und Theorien, die ihre Auffassungen unterstützen. Oft führen sie einen Guerrilla- Krieg gegen die "konventionelle Wissenschaft" und bezeichnen die Wissenschaftler als uneinsichtig oder gar dumm, weil sie ihre Klugheit und die Wahrheit ihrer alternativen Modelle nicht erkennen.
PPPS: Als Leiter dieser unsäglichen Sendung stand Guido Knopp im Abspann.

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30. August 2007

Zettels Meckerecke: "Es gibt eine Verschwörung der amerikanischen Regierung". Über eine angekündigte ZDF-Sendung

Es wird September. Wie alljährlich seit 2001 ist das nicht nur der Monat, in dem die Blätter zu fallen beginnen, sondern auch der, in dem die Verschwörungstheorien erblühen.

Verschwörungstheorien sind eine moderne Variante des Gerüchts. Gerüchte, so sagt es die einschlägige Forschung, entstehen, wenn erstens ein Thema wichtig ist, wenn es emotional bewegt. Und wenn zweitens zu diesem Thema die Informationen unzulänglich sind. Die US-Forschung hat das in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts anhand von Kriegs- Gerüchten untersucht.

Die Angriffe des 11. September 2001 erfüllten beide Kriterien. Also schossen die Verschwörungstheorien aus dem Boden wie Pilze nach einem warmen Regen. Sie hatten eine kurze Konjunktur, bevor sie Punkt für Punkt widerlegt wurden. Keines dieser teilweise ans Paranoide grenzenden Gerüchte hält einer Überprüfung statt.

Und überprüft wurden sie - so gründlich, wie das nur geht.

Hier ist eine Linkliste zu den Widerlegungen. Eine ausgezeichnete Zusammenfassung der Argumente ist die von Mike Williams. Es gibt sogar eine Zeitschrift, die sich allein der Entlarvung der Gerüchte widmet, die über 9/11 in die Welt gesetzt wurden.

Und die offizielle Version ist andererseits durch eine überwältigende Fülle an Fakten belegt.



Kurzum, der Fall ist geschlossen. Was in den Monaten nach dem 11. September 2001 noch möglich war - die Informationslücken durch Spekulationen auszufüllen - ist vorbei: Es gibt so gut wie keine Informationslücken mehr. Der Ablauf ist aufgeklärt, die Schuldigen sind bekannt.



Nur nicht der Redaktion des ZDF. Diese hat tatsächlich die Stirn, für den kommenden 11. September die Sendung des ZDF-Mitarbeiters Renz und eines englischen Koautors anzukündigen, die hier vorgestellt wird. Auszüge aus der Ankündigung:
Es gibt mehr als 50 Verschwörungstheorien, die sich mit dem Anschlag beschäftigen, der vor sechs Jahren die Welt erschütterte. 'Diese Diskussion läuft sehr häufig abseits der etablierten Medien im Internet ab', erklärt Renz. Doch die Fragen und Zweifel, die dort geäußert werden, seien keinesfalls völlig aus der Luft gegriffen.
Und dann folgt die ganze Litanei der längst widerlegten "Zweifel":
Warum schaffte es niemand, die vier Flugzeuge abzufangen und gegebenenfalls abzuschießen? Wo sind die Trümmerteile an der Absturzstelle in Shanksville, Pennsylvania? Passt ein Flugzeug überhaupt in das verhältnismäßig kleine Loch im Pentagon? Wurde das World Trade Center in Wahrheit gesprengt? Dienten die Flugzeuge nur zur Ablenkung?
Und so weiter, die ganze ausgeleierte Gebetsmühle, die sich seit sechs Jahren dreht. Fazit des Reporters Renz: "Je tiefer man bohrt, auf umso mehr Fragezeichen stößt man."

Hat er irgendwas herausgefunden, der Reporter Renz, das nicht längst behauptet und widerlegt wurde? Hat er irgend einen neuen Beleg für eine Verschwörung? Die Ankündigung liefert dafür keinen Anhaltspunkt.

Doch, einen hat er, der Reporter Renz: "'Wir erwarteten, dass uns die Regierung unter die Arme greifen würde, denn wir wollten mit unseren Recherchen ja viele der kursierenden Verschwörungstheorien aus der Welt schaffen', erinnert sich der Reporter. 'Von wegen! Man hat uns jede Tür nicht nur vor der Nase zugeschlagen, sondern auf die Nase draufgehauen.'" Also, meint er, "... halte die amerikanische Regierung der Öffentlichkeit tatsächlich sehr viele Informationen vor. 'Wir fragen uns warum?'"

Mit anderen Worten, die US-Behörden sahen keinen Anlaß, einem deutschen TV-Reporter, der längst widerlegten "Theorien" nachforschen will, "unter die Arme zu greifen".

Was natürlich den Schluß rechtfertigt: "'Es gibt eine Verschwörung der amerikanischen Regierung nach dem 11. September', sagt ZDF-Reporter Michael Renz."



Mit Dank an Luclog, durch den ich auf die Sendung aufmerksam geworden bin.

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24. Mai 2007

Empfehlung: "Rendezvous mit dem Tod" (heute im SWR)

Heute um 23.40 wiederholt der SWR die Sendung von Wilfried Huismann "Rendezvous mit dem Tod". Sie befaßt sich mit den Hintergründen des Mords an John F. Kennedy.

Ich empfehle diese Sendung sehr.

Als ich sie zum ersten Mal sah, hatte ich nicht viel erwartet - halt wieder eine der vielen Verschwörungstheorien, dachte ich. So plausibel oder unplausibel wie alle; denn alle picken sie ja einzelne Fakten heraus und hängen daran ihre Spekulationen auf. Wie immer bei Verschwörungstheorien fehlt, so erwartete ich es, die empirische Bodenhaftung.

Aber das ist bei dieser Sendung nicht so. Wilfried Huismann, ein renommierter Dokumentarfilmer, hat drei Jahre an diesem Film gearbeitet. Was er behauptet, erscheint mir ausnehmend gut durch Interviews und Dokumente belegt. Einen Hintergrund- Artikel brachte damals, als der Film erstmals vom WDR ausgestrahlt wurde, die "London Times".

Wenn ich die Sendung heute aufgezeichnet und noch einmal genau angesehen habe, gibt es voraussichtlich noch einen ausführlicheren Beitrag dazu; auch zu der Kritik, die ausgerechnet aus dem WDR auf Huismann niederging.




Nachtrag: Die Sendung wurde leider kurzfristig zugunsten eines Beitrags über den Radsport abgesetzt. Ein neuer Sendetermin scheint noch nicht festzustehen.

4. Januar 2007

Rückblick: Verschwörungstheorien

Hier hat es im August und September 2006 eine kleine Serie über Verschwörungstheorien gegeben; Links zu den einzelnen Folgen der Serie findet man in "Zettels kleinem Zimmer". Ergänzend dazu möchte ich jetzt auf dieses Interview mit dem Journalisten und Buchautor Tobias Jaecker aufmerksam machen, auf das ich wiederum durch Ex-Blond aufmerksam geworden bin.

Jaecker befaßt sich besonders mit antisemitischen Verschwörungstheorien. Aber andere, vor allem die antiamerikanischen, funktionieren wohl sehr ähnlich.