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21. Februar 2009

Kurioses, kurz kommentiert: Ein Auftrag für Andrea Ypsilanti

Andrea Ypsilanti, Hessens frühere SPD- Vorsitzende, bekommt von der Parteispitze in Berlin eine neue Aufgabe. Sie soll den kultur- und bildungspolitischen Teil des SPD- Regierungsprogramms ausarbeiten.

Aus einer Vorabmeldung zum aktuellen "Spiegel" 9/1009.

Kommentar: Eine ausgezeichnete Entscheidung. Besonders sorgfältig wird sich Frau Ypsilanti bestimmt dem Abschnitt über Politische Kultur widmen.



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18. Januar 2009

Zitat des Tages: Was die Wähler Andrea Ypsilanti nicht verziehen haben

Ein Teil der Wähler hat uns nicht verziehen, daß wir im November 2008 keine parlamentarische Mehrheit für einen Regierungswechsel hinbekommen haben, und ein anderer Teil war enttäuscht, daß wir den Weg zu einer Minderheitsregierung beschreiten wollten. Das werden wir aufarbeiten müssen.

Andrea Ypsilanti heute Abend zu Beginn der Erklärung, in der sie ihren Rücktritt mitteilte.

Kommentar: Es ist schon gespenstisch. Noch nicht einmal beim Rücktritt bringt sie es fertig, die Wahrheit zu sagen.



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Wahlen in Hessen: Schwarzgelb 54 bis 56 Prozent; Volksfront 41 bis 43 Prozent. Sagen die letzten Umfragen. Aber die Hessen könnten uns überraschen

Vor zehn Monaten war die Situation in Hessen bereits derart verfahren, daß hier zu lesen stand: "Jetzt hilft nur noch ein Reset. Jetzt helfen nur noch Neuwahlen".

Aber da begann für Hessen erst ein politisches Annus horribilis, das so ungefähr alles an Peinlichem, Schäbigem und Verlogenem brachte, was die Politik zu bieten hat. Politik so, wie sie der Politologe Franz Walter propagiert.

Wie werden die Hessen heute auf dieses Schauspiel, auf diese Schmierenkomödie reagieren? Ich bin mir da sehr unsicher.



Die drei Umfragen vom Januar (von Forsa, der Forschungsgruppe Wahlen und Infratest dimap) ergaben freilich so übereinstimmende Daten, daß man meinen könnte, das Wahlergebnis stehe schon so gut wie fest: Die CDU erreichte zweimal 41 und einmal 42 Prozent; die SPD zweimal 24 und einmal 25 Prozent, die FDP zweimal 13 und einmal 15 Prozent und die Kommunisten zweimal 5 und einmal 4 Prozent. Selten stimmen Umfragen so perfekt überein.

Schwarzgelb 54 bis 56 Prozent; die Volksfront 41 bis 43 Prozent - so sieht es aus. Das ist in der Tat das wahrscheinlichste Wahlergebnis. Hier sind aber einige Gründe, warum die Hessen uns überraschen könnten:
  • Neuwahlen nach einem Jahr derartigen politischen Frusts hat es in der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Niemand hat Erfahrungswerte, wie die Wähler darauf reagieren. Beispielsweise - das erscheint mir wahrscheinlich - mit eine ungewöhnlich niedrigen Wahlbeteiligung. Anders als ihre amerikanischen Kollegen erheben deutsche Demoskopen nicht, wie sicher es ist, daß ein Befragter, der seine Präferenz zu Protokoll gibt, auch tatsächlich zur Wahl geht. Das könnte zu einer Abweichung des Ergebnisses von den Umfragen führen.

  • Die Umfragen sehen seit der Entscheidung für Neuwahlen Schwarzgelb weit vor der Volksfront. Das könnte auf das Verhalten von Wählern zurückwirken, die sich im letzten Augenblick sagen: "So stark wollen wir Koch denn doch nicht machen". In Frankreich nennt man das "Oui, mais"- Stimmen; "Ja, aber"- Stimmen. Vor allem die FDP könnte davon profitieren, die sich in der Krise des vergangenen Jahres als eine glaubwürdige Partei vorteilhaft abgehoben hat; nicht zuletzt ein Verdienst ihres ausgezeichneten Vorsitzenden Jörg- Uwe Hahn.

  • Thorsten Schäfer- Gümbel hat eine bessere Figur gemacht, als viele erwartet haben; was angesichts der bescheidenen Erwartungen freilich nicht schwer war. Möglich, daß das der SPD doch noch die eine oder andere Stimme mehr einbringt, als die Umfragen erwarten lassen.

  • Die Kommunisten haben im Wahlkampf ein miserables Bild geboten. Vielen Wählern dürfte erst jetzt aufgegangen sein, daß "Die Linke" eine kommunistische Partei ist. Es gilt zwar bei Demoskopen als Erfahrungswert, daß eine geringe Wahlbeteiligung extremistischen Parteien nützt, weil deren Anhänger diszipliniert zur Wahl gehen. Das gilt aber nicht für eine Partei in einem so konfusen Zustand, wie ihn die hessischen Kommunisten zeigen. Falls sie Stimmen verlieren, könnten diese der SPD zugutekommen.
  • Das sind überwiegend Faktoren, die dazu führen könnten, daß die SPD etwas besser abschneidet, als die Umfragen erwarten lassen.

    Andererseits neigen die Hessen dazu, Politiker und Parteien abzustrafen. Das Desaster der CDU vor einem Jahr war wesentlich eine Reaktion auf den Wahlkampf Roland Kochs, der als manipulativ wahrgenommen wurde. In diesem Umfang hatte das kaum eine Umfrage vorhergesehen. Auch jetzt ist denkbar, daß der Zorn auf die Intriganz der Andrea Ypsilanti und ihrer Gefolgsleute so groß ist, daß die SPD am Ende noch schlechter abschneidet, als die Umfragen erwarten lassen.



    "Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich's Wetter, oder es bleibt, wie's ist" - das ist also so ungefähr die Qualität dessen, was mir diesmal prognostizierbar erscheint. Sieht man von einer geringen Wahlbeteiligung ab, die es wohl geben wird.

    Eigentlich scheue ich es nicht, mich mit einer Prognose festzulegen; bei der Wahl des französischen Präsidenten im Frühjahr 2007 und bei den amerikanischen Wahlen jetzt im vergangenen November habe ich das getan.

    Aber heute nicht. Ich bin gespannt, ob die Hessen sich brav an die Umfragen halten, oder ob sie uns überraschen. Wer den Wahlabend nicht nur am TV, sondern auch im Internet verfolgen möchte, dem ist wie immer die schnelle und präzise Berichterstattung bei Wahlrecht.de zu empfehlen.



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    4. Januar 2009

    Kurioses, kurz kommentiert: Hiobsbotschaften, Festtagsstimmung, Hütchenspiel. Über den Zustand der hessischen SPD

    Dem Neuen bleibt in diesem Wahlkampf wahrlich nichts erspart. Kaum hatte am Sonntag SPD- Chef Franz Müntefering dem Kandidaten beim Neujahrsempfang in Gießen den Rücken gestärkt, trifft Schäfer-Gümbel schon die nächste Hiobsbotschaft.

    Christian Teevs heute in "Spiegel- Online" über die Nachricht, daß der hessische SPD- Generalsekretär Norbert Schmitt seinen Rückzug von diesem Amt angekündigt hat.


    Es war eher eine Art Festtagsstimmung, die sich unter den ungefähr 800 Genossen und geladenen Gästen auf dem Neujahrsempfang der hessischen SPD einstellte. Daran vermochten auch SPD- Spitzenkandidat Thorsten Schäfer- Gümbel und SPD- Bundeschef Franz Müntefering nichts zu ändern.

    Die "Frankfurter Rundschau" heute in ihrer Online- Ausgabe.



    Kommentar: Offenbar lädt die Situation in der hessischen SPD zu unfreiwilligen Witzen ein. In der Tat - wer weiß, ob es heutzutage nicht eine Hiobsbotschaft für einen SPD- Kandidaten ist, wenn ihm der Parteichef den Rücken stärkt? Und wer weiß, ob nicht den Delegierten jede Festtags- Stimmung vergeht, wenn sie Müntefering und Schäfer- Gümbel auftreten sehen?

    Bei Andrea Ypsilanti und ihren Getreuen, zu denen auch Norbert Schmitt gehört, hat man den Eindruck, daß sie Franz Walters Lobpreisung der Lüge in der Politik ("Ein Stratege operiert geheim; er täuscht, legt falsche Spuren, hebt Fallgruben aus, lauert hinter Hecken") voll verinnerlicht haben, um es in der Sprache ihres Milieus auszudrücken.

    Das hat nicht so ganz den gewünschten Erfolg gebracht. Aber vor allem hat es offenbar in der hessischen SPD ein Klima erzeugt, wie es eben herrscht, wenn jeder in jedem anderen einen Lügner vermuten muß.

    Das lädt zu Witzen ein, absichtlichen und unabsichtlichen. Das führt auch dazu, daß jemand unfreiwillig die Wahrheit sagt. Aus einer ddp-Meldung vom 13. Dezember über den Alsfelder Parteitag der hessischen SPD:
    Schäfer-Gümbel ließ offen, ob es nach der Wahl eine Zusammenarbeit mit den Linken geben werde. "Wir beenden das Hütchenspiel in der Landespolitik und schließen keine Koalition aus", sagte er.
    Das Hütchenspiel verspricht er zu beenden, der Thorsten Schäfer- Gümbel? "Das Hütchenspiel (auch Nussschalenspiel) ist eine Form des Trickbetrugs"; so beginnt der einschlägige Artikel in der Wikipedia.



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    15. Dezember 2008

    Kurioses, kurz kommentiert: Warum sagte sie nicht einfach ja? Andrea Ypsilanti über Handy-Fotografie in der Wahlkabine

    Alfred Schier: Die CDU in Hessen fordert ja jetzt ultimativ von Ihnen und anderen Spitzenpolitikern der SPD in Hessen, daß Sie eine eidesstattliche Erklärung abgeben, daß das so nicht stattgefunden hat, daß ...

    Andrea Ypsilanti: Das habe ich nicht nötig. Weil es einfach ein absurder Vorwurf ist, den wir aufgeklärt haben, wo es eine ganz ausführliche Darlegung der Sachverhalte gibt. Ich möchte dazu auch nicht mehr Stellung nehmen. Dazu ist alles gesagt.

    Alfred Schier:Na gut, so ganz kann ...

    Andrea Ypsilanti:: Jadoch. Es ist alles dazu gesagt.

    Alfred Schier:Ich hätte gerne von Ihnen eine klare Aussage dazu. Geben Sie mir Ihr Wort, daß es derartige Bestrebungen in der SPD-Fraktion nicht gegeben hat, daß keine Abgeordneten aufgefordert, bedrängt wurden, ihre Stimmabgabe mit Foto-Handy zu dokumentieren?

    Andrea Ypsilanti:: Warum soll ich Ihnen ... ich habe Ihnen ganz klar gesagt, das war ... es ist mir nicht zu Kenntnis gegangen [sic] ..., wenn sich, wie Frau E ... Everts behauptet, man sich in der Kantine darüber unterhalten hat, dazu kann ich nichts sagen, ich war nicht mit in der Kantine. Aber Sie glauben doch nicht, daß ich toleriert hätte, daß es eine Gefährdung einer geheimen Wahl gegeben hätte. Und es ist sowieso absurd. Es gab so vorgestanzte Abstimmungszettel, denen hatten wir ja auch zugestimmt, wie wollen Sie die fotografieren? Was ... was heißt das, was zeigt das? Ich hätte nie im Leben so etwas toleriert.


    Andrea Ypsilanti gestern im Gespräch mit Alfred Schier im Sender "Phoenix".

    Kommentar: Und dabei hätte sie doch nur sagen brauchen: Ja, ich geben Ihnen mein Wort.

    Kurios, daß sie das nicht getan hat. Finden Sie nicht?



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    14. Dezember 2008

    Zitat des Tages: "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf". Über Hessens SPD und Thorsten Schäfer-Gümbel als Unterstützer der sozialistischen Revolution

    Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Wer das für eine leere Drohung hält, sollte mal auf einen SPD-Parteitag in Hessen.

    Der Chef des Politischem Ressorts der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", Volker Zastrow, in deren heutiger Ausgabe.

    Kommentar: Was Zastrow in dem Artikel berichtet, läßt dieses Fazit keineswegs als übertrieben erscheinen:

    Da deklarierte eine gewisse Ulli Nissen auf dem Frankfurter Parteitag der hessischen SPD am vergangenen Wochenende, der Abweichlerin Carmen Everts sollten "die Beine abfaulen"; und sie bekam dafür, schreibt Zastrow, "begeisterten Beifall und zustimmende Zurufe". (Everts wäre dann ungefähr so dran wie ihre Mitstreiterin Silke Tesch, die beinamputiert ist).

    Da sagt ein Delegierter, der anonym bleiben möchte (einer, der laut Zastrow "kein Feigling ist"), er sei bei den Standing Ovations für Ypsilanti nicht sitzengeblieben - "sonst hätten sie mir ins Knie geschossen".

    Nicht wahr, das klingt mehr nach einer kommunistischen als nach einer sozialdemokratischen Partei? Zumindest bei dem Kandidaten Thorsten Schäfer- Gümbel wird man in der Tat Zweifel haben dürfen, ob er mehr im sozialdemokratischen oder mehr im kommunistischen Lager steht.



    Auch wenn Sie, lieber Leser, sonst nicht die Zeit haben, weiterführende Links anzuklicken, bitte tun sie das mit diesem zu El Militante. Auch wenn Sie kein Spanisch lesen, geben Ihnen Aufmachung und Schlagwörter einen Eindruck davon, mit wem Sie es zu tun haben.

    Falls Sie Spanisch lesen, dann gehen Sie bitte zu dem Text "¿Qué somos y qué defendemos?" (Was sind wir und wofür stehen wir?). Sie lesen dort:
    El periodo de relativa estabilidad social, económica, política y militar surgido después de la Segunda Guerra Mundial se ha terminado. En esta nueva época histórica, el capitalismo salvaje está provocando un ascenso de la lucha de clases.

    Esta nueva época será también la de la revolución, como se ve claramente en los tremendos acontecimientos que están sucediendo en América Latina y particularmente en Venezuela, cuyo proceso revolucionario es hoy por hoy la punta de lanza de la lucha contra el capitalismo a escala mundial. La revolución venezolana es una demostración contundente de la vigencia de las ideas del marxismo revolucionario, de la lucha por la transformación socialista de la sociedad. (...)

    La salida a la barbarie capitalista sólo puede ser revolucionaria e internacionalista, uniendo a los trabajadores por encima de cualquier diferencia nacional.

    Die Periode relativer sozialer, ökonomischer, politischer und militärischer Stabilität, die nach dem Zweiten Weltkrieg heraufgezogen war, ist zu Ende. In der jetzigen neuen historischen Epoche provoziert der Raubtier- Kapitalismus eine Verschärfung des Klassenkampfs.

    Diese neue Epoche wird auch diejenige der Revolution sein, wie sich deutlich an den gewaltigen Ereignissen zeigt, die in Lateinamerika und vor allem in Venezuela stattfinden, dessen revolutionärer Prozeß heutzutage die Speerspitze des Kampfs gegen den Kapitalismus im Weltmaßstab ist. Die venezolanische Revolution ist der schlagende Beweis der Kraft der Ideen des revolutionären Marxismus, des Kampfs für die sozialistische Transformation der Gesellschaft. (...)

    Der Weg heraus aus der kapitalistischen Barbarei kann nur revolutionär und internationalistisch sein. Er muß alle Arbeiter zusammenführen, welches auch immer die nationalen Unterschiede sind.
    Diese Organisation El Militante nun hat eine Kampagne "Hands off Venezuela" (Hände weg von Venezuela) gestartet. Näheres über diese Kampagne findet man in deren Selbstdarstellung und in der Wikipedia.

    Der Aufruf wurde auch aus Deutschland unterzeichnet. Hier können Sie die Liste der deutschen Unterzeichner sehen. Sie beginnt mit einer optisch abgesetzten Gruppe, über der "Members of Parliament" steht, Abgeordnete. Dort stehen fünf Namen, und zwar in dieser Reihenfolge:
    Lothar Bisky (PDS chairman, member of Brandenburg state parliament)

    Sahra Wagenknecht (PDS Executive member) on behalf of Venezuela Avanza, German solidarity campaign, www.venezuela-avanza.de

    Thorsten Schäfer-Gümbel, SPD, MdL (member of state parliament in Hessen)

    Petra Fuhrmann, SPD, Friedrichsdorf MdL (member of state parliament in Hessen)

    Marco Pighetti (chairman of Wiesbaden SPD and member of the state parliament (Landtag) in Hessen)
    Das sind offenbar die einzigen deutschen Parlamentarier, die diesen Aufruf unterzeichnet haben. Danach beginnt die Liste der Nicht- Parlamentarier.



    Schäfer-Gümbel ist entweder ein naiver Dummkopf oder ein Sympathisant des revolutionären Kommunismus. Eine dritte Möglichkeit sehe ich nicht. (Es sei denn, daß jemand seine Unterschrift gefälscht hat. Das ist aber nicht der Fall, denn er bestreitet die Unterschrift nicht).

    Für einen naiven Dummkopf halte ich ihn nicht.

    Unter Revolutionären, unter Sympathisanten der sozialistischen Revolution ist man freilich nicht zimperlich. Da geht es schon mal zu wie in einer Gesellschaft, in der der Mensch dem Menschen ein Wolf ist.

    Da kann man, wen wundert es dann noch, "... mit Händen greifen, dass nicht Überzeugung diese Partei zusammenhält, sondern Psychoterror". So Volker Zastrow über den Frankfurter Parteitag der SPD.



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    7. Dezember 2008

    Zitate des Tages: "Ovationen" für die "ins Bodenlose gefallene" Andrea Ypsilanti

    Unterdessen ist Andrea Ypsilanti von ihrer Partei einstimmig als Direktkandidatin für die Landtagswahl aufgestellt worden. Bei der Abstimmung am Samstag in Frankfurt erhielt sie trotz eines Gegenkandidaten alle 54 abgegebenen Stimmen. Mit ganz großer Mehrheit nominierte die Frankfurter SPD sie auch für den zweiten Platz auf der Landesliste. (...) Frau Ypsilanti wurde von dem Parteitag mit Ovationen bedacht.

    Das FAZ.Net am 6. Dezember über die hessische SPD.

    Geradezu ins Bodenlose gefallen ist die hessische SPD-Vorsitzende Ypsilanti. Nachdem sie im Januar mit 1,1 eingestuft worden war, dem damals besten Wert aller Spitzenkandidaten, erhält sie jetzt mit minus 2,2 eine verheerende Note. Selbst von SPD-Anhängern wird sie mit minus 0,1 bewertet. Zudem finden es sieben von zehn wahlberechtigten Hessen gut, dass Ypsilanti nicht Ministerpräsidentin geworden ist, nur jeder Vierte bedauert es.

    Die FAZ am 5. Dezember über die hessischen Wähler.

    Die Daten entstammen der aktuellen Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen.

    Kommentar: Zwei Momentaufnahmen, die illustrieren, wie weit sich die SPD in Hessen von der Bevölkerung entfernt hat.

    Vielleicht sollte die SPD, nach dem Rezept Bertolt Brechts, das Volk auflösen und ein neues wählen.



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    19. November 2008

    Zettels Meckerecke: Ein "neuer Fall" für die hessische SPD. Heute löst sich der Landtag auf. Die SPD bald auch?

    "Bis heute Mittag waren wir nicht besorgt. Das ist für uns ein neuer Fall". So äußerte sich Oliver Schopp- Steinborn, Pressesprecher des SPD-Bezirks Hessen- Süd, gegenüber "Spiegel- Online" zu der Möglichkeit, die Maßnahmen der SPD gegen drei der vier Dissidenten könnten diesen eine Handhabe geben, die Neuwahlen anzufechten.

    Die SPD hat sich gegenüber den Dissidenten so verhalten, wie man es von Linken mit einem Touch von Leninismus erwarten konnte: Nicht nur Parteiordnungs- Verfahren wurden eingeleitet. Sondern den Abweichlern wurden schon einmal die Mitgliederrechte vorsorglich entzogen; diese wurden "ausgesetzt". Die Dissidenten dürfen nicht mehr an Parteiversammlungen teilnehmen, haben kein Rede- oder Antragsrecht.

    Sie sind also auch nicht in der Lage, sich auf den zuständigen Versammlungen um ein neues Mandat zu bewerben. So geht man auf der Linken halt mit Abweichlern um.

    Dummerweise könnte es sein, daß diejenigen, die da so furios agiert haben, mal wieder juristisch auf die Nase fallen.

    Daß die SPD-Linke, wenn es um Juristisches geht, eher salopp denkt, hat sie ja unter Beweis gestellt, als sie holterdipolter das Hochschulgesetz ändern wollte, ohne sich erst einmal sachkundig zu machen, wie das denn geht.

    Jetzt also könnte es durchaus sein, daß das Aussperren der Dissidenten gegen das vom BVerfG formulierte Prinzip verstößt, daß Parteimitglieder "gleichberechtigt an den Versammlungen zur Aufstellung von Kandidaten mitwirken können". Wer nicht mehr rein darf, kann nicht gut mitwirken, schon gar nicht gleichberechtigt. Und Parteimitglieder sind die Dissidenten ja noch, wenn auch zum Leidwesen von Ypsilanti und ihren Getreuen.



    Als die Sache mit der Abschaffung der Studiengebühren erst einmal in die Hose ging, war es die CDU-Regierung, die Ypsilanti und GenossInnen darauf aufmerksam machte, daß sie sich schon an die Rechtslage halten sollten. Auch diesmal sind die Genossen nicht - siehe das Zitat - selbst darauf gekommen, sondern ihr ins Auge gefaßter Koalitonspartner hat sie mit der Nase darauf gestoßen. Der Hessische Rundfunk berichtete gestern:
    Der Bezirksvorstand der SPD Hessen-Süd hatte den beiden Abgeordneten die Parteirechte entzogen, nachdem sie die Wahl der SPD Chefin Andrea Ypsilanti zur Ministerpräsidentin verhindert hatten. Everts und Walter hatten beklagt, damit würden sie von einer erneuten Kandidatur für den Landtag ausgeschlossen.

    Der Geschäftsführer der Grünen, Kai Klose, forderte die SPD am Dienstag in einem Brief auf, dafür zu sorgen, dass dadurch kein Grund für eine Anfechtung der Landtagswahl entsteht. Die SPD solle schnellstmöglich prüfen, ob die Sofortmaßnahmen "mit den rechtlichen Regularien zur Aufstellung der Kandidatinnen und Kandidaten zur Landtagswahl vereinbar sind".
    Das ist schon etwas peinlich; so, wie ja auch die Grünen es gewesen waren, die die SPD immer wieder gedrängt hatten, zu prüfen, ob denn auch alle ihre Abgeordneten für Ypsilanti stimmen würden.

    Es scheint, daß sie jetzt geprüft hat, die hessische SPD, und zwar wirklich "schnellstmöglich". Nachdem sie dank der Grünen erkannt hatte, daß ein "neuer Fall" gegeben ist. Denn laut "Spiegel- Online" gibt es inzwischen einen Brief des Vorstands des Bezirks Hessen- Süd an die Dissidenten. Einen Brief, der einen nun wirklich mit den Ohren schlackeln läßt, ob soviel dummdreister Schlitzohrigikeit.

    Die Genossen machen nämlich darauf aufmerksam, daß die drei zwar nicht als Mitglieder der SPD an den Versammlungen teilnehmen können, auf denen die Kandidaten nominiert werden - aber kandidieren dürften sie gleichwohl. Es sei der SPD ja nicht verboten, auch jemanden aufzustellen, der gar kein Parteimitglied sei:
    Der SPD-Bezirksvorstand hat bei seiner Beschlussfassung über Sofortmaßnahmen Kandidaturen für öffentliche Wahlämter nicht ausgeschlossen. Er hat sich davon leiten lassen, dass selbst KandidatInnen, die nicht Mitglied der SPD sind, von SPD- Gliederungen aufgestellt werden können.


    Mit genau dieser dummdreisten Schlitzohrigkeit hat Andrea Ypsilanti die Glaubwürdigkeit ihrer Partei ruiniert, als sie ihre "Garantie" als Geschwätz von gestern abtat.

    Mit genau dieser dummdreisten Schlitzohrigkeit wurde ein Schäfer- Gümbel vorgeblich als für am besten geeignet befunden, hessischer Ministerpräsident zu werden. Ein Mann, den man - in "Zettels kleinem Zimmer" hat R.A. darauf hingewiesen - bei den letzten Wahlen noch nicht einmal in das Wahlkampf- Team von Andrea Ypsilanti aufgenommen hatte. Der nicht einer der sechs Stellvertreter von Ypsilanit im Fraktions- Vorsitz hatte werden dürfen. Dem man keinen Vorsitz eines Auschusses hatte anvertrauen wollen. Ein absoluter Hinterbänkler also.

    Die hessische SPD, eine Partei mit einer ehrenwerten Vergangenheit, die Partei von Georg August Zinn und von Fritz Bauer, ist dabei, zu einer Linkspartei zu verkommen, in der allein die Taktik gilt. Die sich insofern bestens auf die Volksfront vorbereitet. Nur könnte sie das mit ihrer Selbstauflösung als sozialdemokratische Partei bezahlen.



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    12. November 2008

    Zettels Meckerecke: "Alles war schon hergerichtet und verteilt war jede Rolle". Über den Sühneprinzen Schäfer-Gümbel

    Woran erinnerte mich diese Konstellation nur? Eine Frau in politischer Verantwortung, die etwas verbockt, was auf große Empörung stößt, und dann schickt sie einen jungen Mann vor, damit er die Schmach für sie ausbadet?

    Und dann fiel es mir ein: Der Sühneprinz! Die Sache mit dem Sühneprinzen aus dem Geschichtsunterricht in meiner Schulzeit. Man kann sie hier sehr schön nachlesen, mit langen Zitaten aus der zeitgenössischen Presse.

    Es war im September 1901. In den Wirren des Boxer- Aufstands in China war der deutsche Botschafter von Ketteler zu Tode gekommen, und der Kaiserin- Mutter wurde die Schuld daran zugeschrieben. Das Kaiserhaus mußte sich entschuldigen. Aber weder der Kaiser noch seine Mutter taten das, sondern ein Bruder des Kaisers wurde auf die unangenehme Mission nach Deutschland geschickt - eben der "Sühneprinz" Tschun.

    An ihn also erinnert mich die Rolle, die Thorsten Schäfer- Gümbel für Andrea Ypsilanti zu spielen hat. Im Hinterkopf hatte ich diese Assoziation wohl schon gehabt; aber richtig ins Bewußtsein geschoben hat sie sich erst, als gestern Abend die beiden bei Kerner auftraten.

    Ja, da saß sie, die Kaiserin- Mutter. Und da saß daneben der Sühneprinz, die Hände meist gefaltet oder um die Stuhllehne gekrampft, der nur redete, wenn er gefragt wurde. Wie es sich gehört. Der auf die Frage, ob er sich nach den Wahlen mit Andrea Ypsilanti um den Fraktionsvorsitz streiten werde, unter allgemeiner Heiterkeit sagte: "Nein, ich werde ja Ministerpräsident."

    Und Andrea Ypsilanti zum selben Thema: "Sie wollen doch auch noch überrascht werden, Herr Kerner."



    Kann man da meckern? Ach, was sollte man. Das ist doch Realsatire.

    Nur den Titel dieser "Meckerecke" sollte ich noch aufklären. Der Satz "Alles war schon hergerichtet und verteilt war jede Rolle", der so hübsch auf das Paar Ypsilanti- Gümbel gestern Abend paßt, ist der Anfang eines satirischen Gedichts von Peter Schlemihl (Pseudonym von Ludwig Thoma) zu der damaligen Posse mit dem Sühneprinzen. Ebenfalls hier nachzulesen.



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    11. November 2008

    Die vier hessischen SPD-Dissidenten bei Reinhold Beckmann. Wie glaubwürdig sind sie? Über Gewissensentscheidungen

    Nach der Pressekonferenz, die die vier hessischen SPD- Dissidenten gestern vor einer Woche im Wiesbadener Dorint- Hotel hielten, haben sich viele gefragt, was sie zu ihrem Verhalten motiviert haben mochte.

    Warum haben drei von ihnen sich nicht früher erklärt? Warum haben sie sogar bei Probe- Abstimmungen ihre Bereitschaft zu Protokoll gegeben, nach erfolgreichen Verhandlungen mit den Grünen für eine von "Die Linke" tolerierte Ministerpräsidentin Ypsilanti zu stimmen?

    Sofort tauchte das Gerücht auf, die drei seien von der Energie- Industrie gekauft worden. Eine der Quellen für diese Gerüchte war die Bundestags- Abgeordnete Helga Lopez, die gerade wegen Steuerhinterziehung rechtskräftig verurteilt wurde. Die Vermutung liegt nahe, daß da jemand sein eigenes Verhältnis zu "Silberlingen" (so Lopez) auf andere projiziert hat.

    Dieses Gerücht war schlechterdings infam; so, wie Maßnahmen der Führung der SPD- Fraktion wie der Ausschluß der vier aus Fraktionssitzungen und der kolportierte Plan, sie gar im Landtag getrennt von der Fraktion zu setzen, nur als schäbig bezeichnet werden können.



    Aber die Frage nach dem Motiv bleibt. Hätte jemand, der aus Gewissensgründen eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten ablehnt, das nicht sofort sagen können und müssen? Hätte nicht spätestens der Schritt von Dagmar Metzger für die drei anderen der Anlaß sein müssen, sich ihr anzuschließen?

    Es gibt da einen Erklärungsbedarf; ein Bedürfnis, besser zu verstehen, was in den Dissidenten vorgegangen ist.

    In den letzten Tagen sind zwei Artikel erschienen, die sich im Detail, offenbar gestützt auf eingehende Gespräche mit den Dissidenten, mit dieser Frage befassen: Ein Artikel von Matthias Bartsch, Konstantin von Hammerstein und Kerstin Kullmann im gedruckten "Spiegel" dieser Woche ("Spiegel" 46/2008, S. 26 - 30) und ein Bericht von Thorsten Holl in der FAZ.

    Gestern Abend dann sind die Vier in der Sendung "Beckmann" aufgetreten und haben sich den wie immer direkten, bohrenden, aber fairen Fragen von Reinhold Beckmann gestellt.

    Es beginnt sich ein Bild abzuzeichnen. Nicht für alle vier. Die Motive und das Verhalten von Dagmar Metzger lagen von Anfang an offen zutage. Bei Jürgen Walter andererseits ist auch jetzt noch vieles im Dunklen. Er hat ja den Koalitionsvertrag mitverhandelt und danach nicht etwa kritisiert, daß man überhaupt mit den Kommunisten paktieren wolle, sondern er hat sich über den Zuschnitt des für ihn vorgesehenen Ministeriums beschwert.

    Aber die Motivation der beiden Abgeordneten Carmen Everts und Silke Tesch, die Motive nicht nur für ihre Entscheidung, sondern auch für ihr Entscheidungsverhalten, beginnen sich doch abzuzeichnen.



    Warum haben die beiden Abgeordneten sich nicht gleich erklärt?

    Gewissensentscheidungen sind ihrem Wesen nach keine einfachen Entscheidungen. Das, was wir "Gewissen" nennen, zeigt sich ja überhaupt erst im Konflikt. Ohne Konflikt handelt man eben, wie man es für richtig hält. Erst wenn dem etwas entgegensteht, kommt das Gewissen ins Spiel.

    Das kann zu quälenden, langwierigen Konflikten führen. Da drückt man nicht auf den Knopf, und heraus purzelt die Gewissensentscheidung wie das Horoskop aus dem Automaten. Da quält man sich.

    Die Offiziere des 20. Juni standen in einem solchen Konflikt, in dem ihr Gewissen von ihnen verlangte, ihren Hitler geleisteten Eid zu brechen. Kommunisten, die am Ende mit ihrer Partei brachen, haben diesen langen Konflikt regelmäßig erlebt. Wolfgang Leonhard hat das zum Beispiel in "Die Revolution entläßt ihre Kinder" geschildert.

    Diese Beispiele sind sicher zu hoch gegriffen, um das zu beschreiben, was Silke Tesch und Carmen Everts an Konflikt zu bewältigen hatten. Aber in gewisser Weise war ihre Situation doch vergleichbar: Sie standen vor der Wahl, entweder ihre Überzeugung zu verraten oder ihrer Partei zu schaden.

    In einer solchen Situation findet man es häufig, daß die im Konflikt Stehenden vor einer Entscheidung zurückweichen, solange diese nicht zwingend erforderlich ist. Es könnte ja immer noch eine Situation eintreten, die ihnen die im einen wie im anderen Fall bittere Entscheidung erspart. So schilderte es gestern Carmen Everts bei Beckmann:
    Meine Hoffnung war, daß wir einen Ausstieg finden aus dieser Linksbeteiligung. Und daß wir - wir haben ja harte Kriterien formuliert, es gab bei der Linkspartei sehr harte Ansagen auf ihrem Parteitag ... und ich hatte schon die Hoffnung am Ende, daß auch in den Koalitionsverhandlungen und zum Abschluß dieses Prozesses man den Ausstieg noch findet.
    Reinhold Beckmann hat dem entgegengehalten, daß doch die "Linken" sich "fast kooperativ verhalten" hätten; daß es "auf den letzten Metern doch gar keine Chance mehr" gegeben hätte, daß sich noch etwas ändert. Darauf Everts:
    Aber man stellt sich, glaube ich, die Frage "Wie stimmst du ab?" dann erst wirklich ganz am Ende. (...) Es ist eine existenzielle Frage gewesen ... die habe ich mir am Ende sehr, sehr nachdrücklich gestellt.
    Ich finde das überzeugend. So überzeugend wie die schnelle Entscheidung der Abgeordneten Metzger, die - aus "altem SPD-Adel" stammend - mit Selbstbewußtsein ihrem inneren Kompaß folgte. Bei Carmen Everts und Silke Tesch war das anders. Es verdient deshalb nicht weniger Respekt.



    Respekt verdienen die beiden Abgeordneten auch, weil sie mit ihrer Entscheidung schwere persönliche Konsequenzen auf sich genommen haben; nicht nur die jetzige schmähliche Behandlung durch ihre Partei, sondern auch eine ungewisse wirtschaftliche Zukunft. Dazu der "Spiegel" über die Lage vor der Entscheidung der beiden Abgeordneten:
    Everts, Tesch und Walter ist klar, was sie mit ihrem Schritt riskieren. Eine Welle des Hasses wird über sie niedergehen, sie werden Teile ihres sozialen Umfelds abschneiden, vor allem aber werden sie vor dem wirtschaftlichen Nichts stehen. Walter wird wohl als Anwalt wieder Arbeit finden, Everts verfügt über eine gute wirtschaftliche Ausbildung, aber was wird aus Tesch, deren Familie hauptsächlich von ihren Abgeordneten- Diäten lebt?
    Silke Tesch hat in dem Gespräch angedeutet, daß ihr Mann schwer erkrankt ist und daß sie selbst (wie auch Carmen Everts) mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat. Auch solche persönlichen Gesichtspunkte spielen bei derartigen Entscheidungen eine Rolle.

    Die Ökonomie kennt das Konstrukt des Homo Ökonomicus, der sich in seinen Entscheidungen allein von seinem wirtschaftlichen Vorteil leiten läßt. In der Politik tendieren wir oft dazu, die Akteure ähnlich als lauter kleine Ausgaben eines Homo Politicus zu sehen, dessen Entscheidungen allein vom Machtmotiv bestimmt sind.

    In dem Gespräch bei Beckmann klang immer wieder an, daß Andrea Ypsilanti nachgerade blind gewesen sei für die Signale, die von den späteren Dissidenten kamen. Ähnlich hat sie offenbar die Folgen falsch eingeschätzt, als sie Jürgen Walter mit einem Mini- Ministerium abspeisen wollte, in dem er von Ypsilantis Intimus, dem für das Wirtschafts- Ministerium vorgesehenen Hermann Scheer, abhängig gewesen wäre.

    Sie hat wohl damit gerechnet, daß ein Homo Politicus auch das schluckt, wenn er nur Minister werden darf. Er wird es als Rückschlag verbuchen und weitermachen.

    Sie hat offenbar ebenso damit gerechnet, daß Silke Tesch und Carmen Everts am Ende doch lieber ihr Mandat behalten als dieses opfern und ihre wirtschaftliche Existenz zur Disposition stellen würden, nur um ihrem Gewissen zu folgen.

    Bei Silke Tesch hat sie sicherheitshalber noch etwas nachhelfen wollen, indem sie ihr für den Fall von Wohlverhalten das Amt einer Vizepräsidentin des Landtags in Aussicht stellte; mit höheren Diäten und einem Dienstwagen.

    Andrea Ypsilanti wollte - so wurde es ihr laut "Spiegel" aus der Fraktion vorgehalten - den ganzen rechten Flügel "abschneiden". Sie wollte "durchregieren", wie es im Gespräch bei Beckmann gesagt wurde.

    Sie fühlte sich offenbar stark genug dafür, weil sie vom Egoismus der anderen ausging. Sie setzte darauf, daß am Ende Jürgen Walter seinen Vorteil darin sehen würde, Minister zu werden; daß Silke Tesch den Vorteil ergreifen würde, Vizepräsidentin zu werden; daß Carmen Everts lieber weiter in der SPD Karriere machen würde, als ins Nichts zu fallen.

    Und als diese sich nicht wie erwartet verhielten, hatte sie laut "Spiegel" nur eine Erklärung: "Wer hat euch gekauft?"

    So denken sie, Leute wie Andrea Ypsilanti.



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    8. November 2008

    Kurioses, kurz kommentiert: Die Breite der hessischen SPD

    Ypsilanti ist in der hessischen SPD breiter getragen als je zuvor.

    Der hessische "Fast- Wirtschaftsminister" Hermann Scheer gestern in einem Interview mit Carsten Volkery von "Spiegel- Online".

    (Er) ist ein strategisch denkender Mensch, der in der Breite der Partei verankert ist.

    Der hessische SPD-Geschäftsführer Reinhard Kahl heute gegenüber der "Frankfurter Rundschau" über den vorgeschlagenen Spitzenkandidaten Schäfer- Gümbel.

    Kommentar: Je schmaler die Wählerbasis einer Partei wird, umso lieber redet man dort offenbar von Breite.



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    7. November 2008

    Zitat des Tages: "Die politische Kultur in Deutschland ist noch weit von der amerikanischen entfernt"

    Auf der Gewissenswaage einiger Abgeordneter wog die öffentliche Empörung über Frau Ypsilantis Wählertäuschung letztlich schwerer als das persönliche Opfer, das sie für den Bruch der Parteiloyalität bringen mussten. Solange aber die Ausübung des freien Mandats bei Gewissensentscheidungen mit Existenzvernichtung bestraft werden kann, ist die politische Kultur in Deutschland noch einen Ozean weit von der amerikanischen entfernt.

    Der Leiter des Ressorts Innenpolitik der FAZ, Stefan Dietrich, in einem lesenswerten Kommentar, in dem er den Politikstil in Washington und in Wiesbaden vergleicht.

    Kommentar: Zwischen dem Umgang unter politischen Gegnern in den USA und in Deutschland (nicht nur in Wiesbaden) liegen in der Tat Welten.

    Das gilt nicht nur für Wahlkämpfe, sondern auch für die Parlamente. Ich empfehle jedem, der sich ein Bild davon machen will, wie gesittete Parlamentarier miteinander umgehen, einmal Übertragungen aus dem US-Senat zu verfolgen. Ausschußsitzungen werden von CNN häufig übertragen.

    In Deutschland gibt es, wie Stefan Dietrich zu Recht schreibt, immer noch die auf die Weimarer Republik zurückgehende Art, die politische Auseinandersetzung nicht mit Ideen zu führen, sondern mit "verbalen Dolchstößen".

    Vielleicht ist das "noch" aber auch nicht ganz treffend. Seit es in Deutschland wieder eine starke kommunistische Partei gibt, sehen viele auf der Linken offenkundig die Chance, Politik nicht nur als den Wettbewerb um die Regierungsverantwortung zu betreiben, sondern als den Kampf um einen "Politikwechsel".

    Also um die Macht, eine neue Republik schaffen. Mit dem - so schreibt Stefan Dietrich - "Wille[n], den Gegner politisch zu vernichten".



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    Marginalie: Was ist los in der hessischen SPD?

    Für 13.30 war eine Pressekonferenz der hessischen SPD angekündigt worden. Phoenix wollte übertragen. Ein Vertrauter Ypsilantis sagte dann dem Mann vor Ort von Phoenix, das lohne sich doch gar nicht; es werde nichts Neues geben.

    Inzwischen ist die Pressekonferenz ganz abgesagt worden. Es schwirren Gerüchte.

    Der Bürgermeister von Baunatal, Manfred Schaub, wird als Spitzenkandidat für die Wahlen genannt. Aber auch von einer Reaktivierung von Hans Eichel ist die Rede, der bereits von 1991 bis 1999 hessischer Ministerpräsident gewesen war. Und gar von Heidemarie Wieczorek- Zeul, die es in der hessischen Landespolitik freilich nur bis in den Kreistag von Groß-Gerau geschafft hatte. (Allerdings war sie in der SPD bis 1999 Vorsitzende des linken Bezirksverbands Hessen- Süd; Bezirksverbände haben in der SPD aber nur eine geringe Macht).

    Andererseits bringt die "Frankfurter Rundschau" die Meldung aus dem hessischen Landtag, "mehrere Abgeordnete" der SPD hätten Andrea Ypsilanti "ihr Vertrauen und ihre Unterstützung bei einer erneuten Spitzenkandidatur" zugesichert.

    Kommentar: Daß Andrea Ypsilanti, die sich bisher als sehr karriereorientiert gezeigt hat, von sich aus das Handtuch wirft, kann ich mir nur schwer vorstellen. Ob die Fraktion und die Partei mit ihr noch einmal in den Wahlkampf ziehen wollen, ist freilich eine andere Frage. Ein drittes Mal "mit demselben Kopf gegen dieselbe Wand"?

    Da die SPD nach menschlichem Ermessen diese Wahl verlieren wird, dürfte die Spitzenkandidatur nicht gerade heiß umkämpft sein.

    Falls Ypsilanti es nicht macht oder nicht machen darf, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man findet jemanden wie den Bürgermeister von Baunatal, für den schon die Kandidatur eine hohe Ehre wäre (bisher ist er nur als Sportpolitiker hervorgetreten); oder man läßt eines der alten Parteirösser wie Eichel und Wieczorek- Zeul noch einmal durch die Manege traben.



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    4. November 2008

    Andrea Ypsilanti hat alles richtig gemacht. Nur schafft leninistische Taktik Dissidenten. Daran ist sie gescheitert

    In kaum einem Kommentar zum Scheitern von Andrea Ypsilanti fehlt der Hinweis darauf, daß sie Fehler gemacht hätte.

    "Zweifellos hat auch Ypsilanti Fehler gemacht. Sie hat es nicht verstanden, die Fraktion auf ihren Kurs einzuschwören" schreibt Christian Teevs in "Spiegel- Online". Ypsilanti habe nicht so "geschmeidig" agiert wie Wowereit, als er die Koalition mit der PDS schmiedete, befindet die "Berliner Morgenpost". "Am Ende hat sie - wie im ersten Anlauf direkt nach der Wahl - wieder die Regeln des politischen Handwerks außer Acht gelassen", konstatiert der Chefredakteur der "Frankfurter Rundschau", Uwe Vorkötter.

    In gewisser Weise stimmt das natürlich; trivialerweise. Wenn jemand politisch so völlig scheitert, dann muß er etwas falsch gemacht haben. Niederlagen fallen ja nicht vom Himmel.

    Aber falsch war nicht, wie Andrea Ypsilanti dies und jenes angepackt hat. Falsch war nicht ihr taktisches Verhalten. Falsch war und ist ihr ganzes Verständnis von Politik.



    In einer Diskussion gestern Abend im HR sagte jemand, Ypsilanti betreibe Politik wie bei den Jusos. Das trifft, scheint mir, den Kern der Sache.

    Genauer sollte man sagen: Wie die Jusos das in den siebziger Jahren von den Kommunisten übernommen haben. Leninistisches Verhalten.

    Lenin hatte die Grundeinsicht, daß er für seine Politik niemals eine Mehrheit finden werde; nicht in seiner Partei, erst recht nicht in der Bevölkerung. Diese Einsicht bestimmt bis heute das Verhalten jeder kommunistischen Partei. Die Strategie, die Taktik aller Kommunisten geht von der Frage aus, wie man sich durchsetzen kann, obwohl man in der Minderheit ist.

    Dazu dienten auch die Mittel und Tricks, wie sie von Jusos in den siebziger Jahren in die SPD eingeführt wurden - das Hantieren mit der Geschäftsordnung, das Kaltstellen von Andersdenkenden, ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit, der Bruch von Zusagen, sobald man sich davon einen Vorteil verspricht.

    Es war ein Machiavellismus, der da Einzug hielt, wie er in der SPD zuvor unbekannt gewesen war. Viele verließen damals die Partei oder zogen sich in eine passive Rolle zurück, weil diese Art, mit Parteifreunden umzugehen, sie abstieß.

    So hat sich Andrea Ypsilanti von Anfang an verhalten. So hat sie sich bis zum Schluß verhalten.

    Sie wußte, daß sie vor den Wahlen in ihrer Partei keine Mehrheit für eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten bekommen würde (18 von 26 Unterbezirken hatten sich für Jürgen Walter ausgesprochen; bei den Delegiertenstimmen auf dem Nominierungs- Parteitag stand es im ersten Wahlgang pari, dann gewann Ypsilanti hauchdünn).

    Sie wußte erst recht, daß die SPD die Wahlen verlieren würde, wenn sie angekündigt hätte, daß sie für den Fall, daß es für Rotgrün nicht reicht, eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten anstrebte. Also schloß sie das kategorisch aus; komplett mit Garantie. Was ihre Garantie wert war, das war ja den meisten Wählern nicht bewußt.



    Als dann die Zeit dafür gekommen war, die Früchte dieser Taktik zu ernten, sollte der Plan A in Kraft treten.

    Dieser sah - das ist heute ja fast vergessen - kein offenes Bündnis mit den Kommunisten vor. Alles sollte klammheimlich passieren: SPD und Grüne bereiten eine Minderheitsregierung vor; dann stellt sich Ypsilanti zur Wahl und erklärt, einmal gewählt, niemand könne bei einer geheimen Wahl wissen, wo denn die Stimmen hergekommen seien. Danach hätte man mit wechselnden Mehrheiten regieren können; in der Regel mit den Stimmen der Kommunisten.

    So hatte es Ypsilanti bereits am 11. Februar, also zwei Wochen nach der Wahl, mit Kurt Beck besprochen, und dieser hatte - so berichtete es damals der gedruckte "Spiegel" - dazu angemerkt: "Wer weiß schon, von wem man da gewählt wird".

    Nun also wußte aufgrund des "Spiegel"- Berichts ganz Deutschland, was Ypsilanti dem Beck hatte nahebringen können; und damit blieb ihr nichts als ein offizielles Bündnis mit den Kommunisten. Plan B also.

    Ein Bündnis, das nicht etwa zunächst in den Parteigliederungen erörtert wurde. Alles sollte in der Fraktion entschieden werden, deren Abgeordnete man mit der Gefahr von Neuwahlen, die viele von ihnen ihr Mandat kosten würde, unter Druck setzen konnte. Der Richtungswechsel der SPD sollte, wenn schon nicht ganz heimlich, so doch wenigstens ohne Diskussion in der Partei herbeigeführt werden. Getreu also dem Prinzip des demokratischen Zentralismus, daß oben entschieden und unten zugestimmt wird.

    Fast wäre das gelungen. Hätte nicht die mutige Dagmar Metzger sich verweigert.



    Als die Taktik, in der Fraktion alles klar zu machen und die Partei außen vor zu lassen, als also dieser Plan B gescheiterte war, trat Plan C in Kraft. Ypsilanti ließ ein Zustimmungstheater in der SPD veranstalten, das mit einem ergebnisoffenen demokratischen Prozeß ungefähr so viel zu tun hatte wie Flughörnchen mit einem Airbus A 380.

    Es wurde nicht alternativ über verschiedene Optionen diskutiert und abgestimmt, sondern die Delegierten hatten nur die "Wahl", entweder dem Kurs Ypsilantis zuzustimmen, oder ihre Partei in eine ausweglose Lage zu bringen.

    Auf den vier "Regionalkonferenzen" in Frankfurt, Melsungen, Alsfeld und Bensheim, die nicht öffentlich waren, wurde diskutiert, aber nicht entschieden. Die Parteiführung vermittelte aber regelmäßig nach außen den Eindruck, es gebe eine einhellige Zustimmung zu der Zusammenarbeit mit den Kommunisten. Kritik wurde ignoriert, heruntergespielt, beiseite geschoben.

    Wie das im demokratischen Zentralismus so ist, wurden "Abweichler" nicht nur ignoriert, sondern auch unter Druck gesetzt. Auf der gestrigen Pressekonferenz sagte die Abweichlerin Carmen Everts: "Sie können sich gar nicht vorstellen, welcher Angst und welchem Druck wir in den vergangenen Monaten ausgesetzt waren." Und Silke Tesch: "Ich habe oft erlebt, dass Kollegen mit Wut und Frust im Bauch aus Sitzungen herausgegangen sind".

    Die Gegner einer Zusammenarbeit mit den Kommunisten waren am Ende ausmanövriert. Ypsilanti war sich ihres Sieges so sicher, daß sie es sich glaubte leisten zu können, auch noch ihren Vize Jürgen Walter zu demütigen, indem sie ihm ein auf Mini- Kompetenzen reduziertes Ministerium anbot. Das leninistische Machtspiel schien erfolgreich abgeschlossen.

    Warum ist es doch gescheitert? Weil die Besiegten am Ende nicht mitgespielte haben; anders als in kommunistischen Parteien, wo das Spiel mit dem Ritual der Unterwerfung endet, genannt Selbstkritik.



    Daß nicht alles nach Ypsilantis Wunsch lief, bahnte sich an, als Walter sich weigerte, sich demütigen zu lassen, nur um Minister werden zu dürfen. Und wie es dann weiterging, hat Carmen Everts gestern auf der Pressekonferenz beschrieben:
    Und die Entscheidung ist jetzt am Wochenende gefallen. Wir haben, Frau Tesch und ich, zusammen mit Bauchschmerzen den Parteitag verfolgt. Wir sind danach zusammen zu der Entscheidung gekommen, nach einem langen Prozeß, und haben dann Jürgen Walter und Dagmar Metzger dazugebeten, und haben dann zusammen besprochen und entschieden.
    Ist es Ihnen beim Ansehen dieser Pressekonferenz auch so gegangen wie mir? Ich dachte: Woran erinnert mich das eigentlich, wie da Leute sitzen und von ihren "Bauchschmerzen" berichten, von dem Druck, dem sie ausgesetzt waren, von ihrem Konflikt, sich der Partei zu beugen oder ihrem Gewissen zu folgen?

    Und dann fiel es mir ein: So saßen DDR- Dissidenten vor der Presse, wenn sie sich entschlossen hatten, in den Westen zu fliehen oder von einer Reise in den Westen nicht wieder in die DDR zurückzukehren.



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    3. November 2008

    Marginalie: Fluch der Lüge. Mit Ypsilanti ist ein Politikverständnis gescheitert

    Als Frau Ypsilanti im Februar hatte erkennen lassen, daß sie ihr Wort brechen würde, gab ihr der Politologie Franz Walter Flankenschutz mit einem Artikel im "Spiegel". Überschrift: "Lob der Lüge".

    "Lüge" beschreibt treffend die Politik, die heute gescheitert ist. Franz Walter hat sie freilich empfehlen wollen. Auszug:
    Denn in der Politik geht es um Macht, nicht um Sinnstiftung, nicht um Identitätswahrung, nicht einmal um Glaubwürdigkeit. Ein Politiker, der ein "grundehrlicher Kerl" sein möchte, wäre eine katastrophale Fehlbesetzung. (...)

    Insofern müssen Politiker kaltschnäuzig, unsentimental, knochenhart, listig sein. Sie müssen als kühl kalkulierende Strategen überzeugen. Aber ein Stratege darf um Himmels willen nicht auf dem offenen Markt Wahrheiten ausplaudern. Ein Stratege hat die nächsten Züge nicht anzukündigen, gar zur Abstimmung zu stellen.

    Ein Stratege operiert geheim; er täuscht, legt falsche Spuren, hebt Fallgruben aus, lauert hinter Hecken. Ein Stratege und großer Politiker muss - ja, er muss - zuweilen Potemkinsche Dörfer errichten, ohne Skrupel von links nach rechts und zurück rochieren, mindestens den Gegner durch falsche Ankündigungen in die Irre führen. Man muss nur aufpassen, dass dies alles zugleich als "glaubwürdig" erscheint.
    Nach diesem Rezept ist Frau Ypsilanti verfahren.

    Die Strategin hat nur eines nicht bedacht: Daß es auch in der Politik Menschen geben könnte, die dieses machiavellistische Spiel nicht mitspielen.

    Mein damaliger Kommentar zu dem Text von Franz Walter ist hier zu lesen.



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    26. Oktober 2008

    Zettels Meckerecke: Ypsilanti in der Falle. Vorbei mit dem "glanzvollen Theater"

    Wie schafft man es als Sozialdemokrat, zugleich von Wählern der linken Mitte gewählt zu werden und mit den Kommunisten zusammenzuarbeiten? Ganz einfach: Man macht es eben nicht zugleich.

    Man gewinnt, erster Akt, die Wähler der linken Mitte, indem man hoch und heilig verspricht - indem man garantiert -, daß man nicht mit den Kommunisten zusammenarbeiten wird. Zweiter Akt: Nachdem man deren Stimme eingesackt hat - sie können sie ja nicht mehr zurückholen - , arbeitet man mit den Kommunisten zusammen.

    Als Frau Ypsilanti es so machte, hat sie Dasjenige in die Tat umgesetzt, was der Politologe Franz Walter für die Kunst des Politischen hält, nämlich das geschickte Lügen; oder, in Walters Diktion, "Irreführung, Maskerade, das glanzvolle Theater".

    Sie hat zugleich aber auch eine Falle gebastelt, in der sie nun selber hockt.



    Keine Art von Verbrechern sind so mobil wie die Hochstapler und Betrüger. Sie "treten auf", verschwinden, sind kurz danach woanders am Werk. Der Grund liegt auf der Hand: Betrug und Hochstapelei funktionieren nur, solange man den Betrüger, den Hochstapler für ehrlich hält.

    Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's gänzlich ungeniert, was zwar nicht Wilhelm Busch dichtete, sondern vermutlich Werner Kroll. Wahr bleibt's. Aber wahr bleibt eben auch, daß mit der gewonnenen Ungeniertheit das Vertrauen verloren ist, dem man den erfolgreichen Coup verdankt hatte.

    Der Hochstapler also "begibt sich weiter fort bis an einen andern Ort". Und das ist nun wirklich von Wilhelm Busch. Andrea Ypsilanti, mit ihrem ruinierten Ruf, kann sich aber nicht, wie der Tobias Knopp, woanders hin begeben. Also weiß jeder, woran man mit ihr ist.

    Sie sitzt damit in einer Falle, die in der Spieltheorie unter dem Stichwort Repeated Games untersucht wird, wiederholte Spiele.

    Die Spieltheorie analysiert unter anderem das Lügen und Täuschen und kommt grundsätzlich zu dem nicht sehr erfreulichen Schluß, daß sich eine solche Strategie unter Umständen durchaus lohnen kann. Nur funktioniert das eben nicht mehr bei wiederholten Spielen. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. À la longue gewinnt der Zuverlässige und nicht der Lumpenhund. Es sei denn, daß jener sich vom Acker machen und es anderswo versuchen kann. Aber dann ist es eben kein Repeated Game mehr.



    In dieser Falle also steckt jetzt Andrea Ypsilanti. Jeder rechnet damit, daß sie trickst, und ist gewarnt. Auch ihre Genossen.

    In den Koalitionsverhandlungen mit den Grünen galt es einerseits, einen Koalitionsvertrag hinlänglich nach dem Geschmack nicht nur der Grünen, sondern auch der Kommunisten zu basteln, auf die man ja fortan angewiesen sein wird.

    Andererseits aber muß Ypsilanti fürchten, von denjenigen in der Fraktion, denen es auch um die wirtschaftliche Zukunft Hessens geht, nicht gewählt zu werden, wenn sie den Grünen und den Kommunisten entgegenkommt.

    Schön wäre es gewesen, hätte sie das à la Landtagswahlen lösen können: Erst den Grünen und den Kommunisten "garantieren", daß sie eine grünlinke Wirtschaftspolitik machen wird, und dann das Gegenteil tun, um die Moderaten zu gewinnen.

    Nur braucht sie ja die Stimmen der einen wie der anderen am selben Tag, zur selben Stunde. Wortbruch funktioniert also diesmal leider nicht.

    Was tun? Divide et impera, das war offenbar Ypsilantis Plan. Teilen nämlich will sie das Wirtschaftsministerium, eins links, eins rechts. Und damit ihren Widersacher Jürgen Walter einerseits einbinden, damit er für sie stimmt. Ihn andererseits aber in ein machtloses Ressort schicken, in dem er sich im Dauerclinch aufreiben sollte. Nicht schlecht ausgedacht; fast so gut wie der Trick mit der Garantie.



    Bisher hat Hessen ein Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung. Es soll - so steht es in einer Vorabmeldung des "Spiegel" - aufgeteilt werden in ein Ressort für "Wirtschaft, Landesentwicklung und Bauen" und ein Ministerium für "Verkehr und Europa- Angelegenheiten".

    Das eine, das mächtige Ministerium soll der SPD- Linksaußen Hermann Scheer bekommen, der eigentlich gern Umweltminister geworden wäre. Und das andere, das schäbige Restministerium, mit der Zuständigkeit für Europa ein wenig aufgemotzt, hatte die schlaue Andrea Ypsilanti ihrem rechten Widersacher, dem Netzwerker Jürgen Walter zugedacht. Der hätte dort gegen den ungleich mächtigeren Hermann Scheer ungefähr so erfolgreich ankämpfen können, wie das gestern Abend Danilo Häußler gegen Mikkel Kessler versucht hat.

    Walter nun allerdings roch den Braten und lehnte dieses Danaergeschenk - auch "Focus" hat dazu eine Vorausmeldung, in der das steht - nach eigener Aussage ab. Eine "absurde Konstruktion" nannte er - jetzt wieder gegenüber dem "Spiegel" - diese Aufteilung. Einen "enormen Abstimmungsbedarf" hätte sie bedeutet; sprich: Er hätte als Verkehrsminister keine Entscheidung fällen können, die nicht der für Landesplanung zuständige Scheer hätte aushebeln können.

    Offenbar hatte Andrea Ypsilanti den Genossen Jürgen Walter falsch eingeschätzt. Sie mag sich gedacht haben, daß er alles akzeptieren würde, nur um Minister zu werden. Daß er auf ein Ministeramt so versessen sei, wie sie selbst offenbar auf das Amt der Ministerpräsidentin. Wozu dann logischerweise auch gehört hätte, daß er sein Kreuzchen bei Andrea Ypsilanti macht.

    Er will aber nicht um jeden Preis Minister werden, wie sich jetzt zeigt. Er will das nicht nur nicht, sondern er verkündet diesen seinen Willen so nachdrücklich, daß ihn am Montag sowohl der "Spiegel" als auch "Focus" zitieren werden. Jeder soll wissen, was Ypsilanti mit ihm vorgehabt hatte, und daß er das nicht mit sich machen läßt.

    Ob er es bei diesem Warnschuß bewenden läßt, der Jürgen Walter, oder ob er bei der geheimen Wahl scharf schießt, das ist jetzt eine spannende Frage.



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    9. Oktober 2008

    Marginalie: "Das wollen wir erst mal sehen". Neues über "Die Linke" in Hessen. Van Ooyens Vergangenheit, Wisslers Aufstieg

    Wenn alles gut geht - wenn es also den denkbar schlechtesten Ausgang nimmt - dann wird Anfang November Andrea Ypsilanti zur Ministerpräsidentin des Landes Hessen gewählt.

    Sie wird dann mit den Stimmen der Partei gewählt werden, die gegenwärtig "Die Linke" heißt; und auf diese Partei wird sie nicht nur für ihre Wahl angewiesen sein, sondern für alles, was sie als Ministerpräsidentin durchzusetzen gedenkt.

    Als sich diese Entwicklung im vergangenen März abzeichnete, habe ich einmal nachgesehen, wer eigentlich die sechs Abgeordneten dieser Partei sind, die künftig über das Schicksal des Landes Hessen mitentscheiden sollen. Das Fazit lautete damals:
    Eine Frau ohne politische Erfahrung (Cárdenas Alfonso), eine Trotzkistin (Wissler), eine Veteranin linker Demos (Schott). Ein linker Gewerkschafts- Funktionär (Schaus), ein Funktionär von Organisationen aus dem Umfeld der alten, oft DKP- nahen extremen Linken (van Ooyen). Und ein Altlinker, schon in den achtziger Jahren bei einer von der SPD abgespaltenen Links- Sekte gelandet (Wilken).
    Über zwei dieser glorreichen Sechs gibt es jetzt Neues zu vermelden.



    Die eine ist Janine Wissler.

    Als ich im März über sie schrieb, schien sie mir ein ziemlich unbeschriebenes Blatt zu sein. Trotzkistin aus dem ehemaligen "Linksruck"; jetzt "Marx21". Also eine Revolutionärin. Wie die meisten Trotzkisten aber auch eine Entristin.

    Entrismus - das kommt vom französischen "entrer", eintreten. In den Dreißiger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts traten auf Trotzkis Rat hin viele seiner französischen Anhänger in die sozialdemokratische S.F.I.O. ein, um sie von innen her für die Revolution fit zu machen; seither ist dieses Unterwandern die Taktik vieler Strömungen des Trotzkismus.

    Daß sie die Revolution wollen, daraus machen die Trotzkisten - anders als die Leninisten aus der DKP und der SED, und insofern sympathischer - keinen Hehl. Auch Janine Wissler nicht, dazu gleich noch etwas.

    Aber sie suchen nicht nur den Weg über die "Mobilisierung der Massen". Sondern parallel dazu versuchen sie, linke Parteien unter ihre Kontrolle zu bringen; zumindest sie zu beeinflussen. Der französische Politiker Lionel Jospin, später Ministerpräsident und Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten, war ein solcher Entrist; noch als Generalsekretär seiner sozialdemokratischen Partei PS war er zugleich Mitglied einer trotzkistischen Zelle.

    Bis vor kurzem wählten die deutschen trotzkistischen Entristen die SPD als Ziel ihrer Unterwanderung. Die DKP kam nicht in Frage, denn Leninisten und Trotzkisten sind einander spinnefeind. Dann entstand die WASG, die von Anfang an einen trotzkistischen Flügel hatte. Durch die Vereinigung mit der PDS sind die Trotzkisten nun in "Die Linke" angekommen.

    Und in dieser Partei hat Janine Wissler, seit ich im März über sie schrieb, eine erstaunliche Karriere gemacht.

    Im Mai wurde sie in den 44köpfigen Parteivorstand von "Die Linke" gewählt; und zwar mit der zweithöchsten Stimmenzahl. Die trotzkistische Studentin ist damit heute eine der führenden Kommunistinnen in Deutschland.

    Zugleich wurde sie zur Prima inter pares ihrer Fraktion im Hessischen Landtag. Dazu schreibt heute Christian Teevs in "Spiegel- Online":
    Wissler rückt zunehmend ins Licht der Öffentlichkeit. Wenn Journalisten druckfähige Zitate brauchen, klingelt ihr Telefon. Auch in der sechsköpfigen Fraktion gibt inzwischen sie den Ton an (...)

    Obwohl auch parteiintern Kritik geäußert wurde, sitzt die heimliche Chefin der hessischen Linken fest im Sattel. Die Gründe dafür liegen zuvorderst in Berlin. In der Parteispitze genießt sie breite Rückendeckung. Allen voran Oskar Lafontaine sieht in ihr ein großes politisches Talent, das er bereitwillig fördert.
    Für diese Karriere mußte sie natürlich ein wenig Kreide fressen, die Janine Wissler. Aber doch nicht allzuviel. Anders als damals Jospin, der ein konspirativ arbeitender Trotzkist war, ist Janine Wissler eine offene Trotzkistin. Also eine, die sich zur Revolution bekennen darf. Aus dem Artikel von Christian Teevs:
    Janine Wissler beißt sich auf die Lippe, sie will jetzt nichts Falsches sagen. Dabei passt ihr die Frage des Reporters gar nicht: Von der hessischen Linken sei doch nicht ernsthaft eine Revolution zu erwarten, oder? Wissler wendet sich ab und will gehen. Doch dann lässt sie die Zurückhaltung fallen: "Das wollen wir erst mal sehen."



    Der zweite, über den Neues zu berichten ist, ist der Fraktionsvorsitzende Willi van Ooyen. Das Neue ist freilich Altes - nur ist neu, daß dieses Alte jetzt wieder von Interesse ist.

    Damals im März hatte ich darauf hingewiesen, daß van Ooyen aus dem Umkreis der DKP kommt und zeitweilig Geschäftsführer der von der DDR finanzierten "Deutschen Friedens- Union" war. Wie sehr er dabei verstrickt war, das beschreibt Hubertus Knabe, der Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, in der heutigen FAZ:
    Der Vorsitzende der Linksfraktion im hessischen Landtag war das, was man in der Zeit des Kalten Krieges einen Einflussagenten nannte. 1976, direkt nach seinem Studium, wurde er nach eigenen Angaben Landesgeschäftsführer der "Deutschen Friedens-Union" (DFU). 1984 stieg er zum Bundesgeschäftsführer auf und damit zu einem der drei Spitzenfunktionäre dieser Organisation.

    Die DFU aber war nichts anderes als ein Trojanisches Pferd der DDR. Gegründet wurde die Partei 1960 auf hintergründiges Betreiben von SED und DDR- Staatssicherheitsdienst als Ersatz für die verbotene KPD. Mit ihr als Tarnorganisation und Sympathisanten- Sammelbecken wollte die SED Einfluss auf die westdeutsche Politik gewinnen.
    Soweit nichts Neues, was van Ooyen und den Charakter der DFU angeht. Nun aber wird es interessant. Interessant wie immer, wenn es ums Geld geht.

    Die DFU nämlich (mit gerade mal tausend Mitgliedern in den achtziger Jahren) wurde fast zur Gänze aus der DDR finanziert. Knabe zitiert aus einer damals geheimen Information für das Politbüro, wonach die DFU jährlich rund fünf Millionen Mark aus der Schatulle für DDR- Westagitation erhielt. Noch kurz vor dem Ende der DDR - am 15. Oktober 1989 - genehmigte Honecker 3,1 Millionen für die DFU (von insgesamt 65 Millionen für die "DKP und befreundete Organisationen").

    Wußte van Ooyen, daß seine DFU eine von der DDR finanzierte Organisation war? Oder war er ein reiner Tor, "nach eigenen Angaben ein harmloser Friedensaktivist, der jahrelang die 'Ostermärsche' organisierte", wie Knabe schreibt?

    Das möchte van Ooyen gern glauben machen. Im März dieses Jahres behauptete er, so zitiert es Knabe: "Bei mir ist nie jemand mit Geld aus der DDR oder Moskau angekommen."

    Knabe allerdings hat recherchiert und ist auf einen Artikel gestoßen, der in der "taz" in der Wendezeit erschien, am 29. November 1989. Damals sagte van Ooyen: "Durch die Entwicklung in der DDR ist eine entscheidende Finanzquelle überraschend versiegt."

    Und damals enthüllte er laut Knabe offenbar auch, wie die Finanzierung aus der DDR funktioniert hatte:
    Bundesdeutsche Handelsunternehmen im Ost- West- Geschäft investierten - notgedrungen oder gern - einen Teil ihrer Gewinne in den hiesigen Kampf für den Sozialismus. Wer in der BRD an Krim- Sekt oder Gorbatschow- Wodka verdienen wollte, hatte vertragsgemäß einen Teil der Rendite an DFU oder DKP auszuschütten. Van Ooyen plaudert damit aus, was in DFU- und DKP-Kreisen bislang als Verleumdung hartnäckiger Anti-Kommunisten galt.
    Dieser van Ooyen also ist, wenn Andrea Ypsilanti es schaffen sollte, demnächst der Fraktionsvorsitzende einer der Parteien, die ihre Regierung stützen. Und die Macht in dieser Fraktion hat die Revolutionärin Janine Wissler.



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    5. Oktober 2008

    Zitat des Tages: "Mehrheit links der Union". Wie Andrea Ypsilanti die Wirklichkeit verbiegt

    Nun, so Ypsilanti unter dem Jubel der Delegierten, gelte das Motto Willy Brandts: "Die Mehrheit links der Union für eine andere Politik zu organisieren, im Interesse der Menschen in diesem Land."

    Ralf Euler in der FAZ über den Auftritt Andrea Ypsilantis auf dem Parteitag der hessischen SPD in Rotenburg an der Fulda am vergangenen Wochenende. Überschrift des Artikels: "Die Mehrheit links der Union".

    Kommentar: Diese von Ypsilanti reklamierte Mehrheit gibt es nicht; und es hat sie in Hessen nie gegeben.

    Es gab sie nicht bei den Wahlen am 27.1.2008.

    Denn es ist unbekannt, wieviele der 36,7 Prozent der Wähler, die ihre Stimme der SPD gaben, dies nur im Vertrauen darauf taten, daß sie nicht mit den Kommunisten zusammenarbeiten würde. (Ypsilanti vier Wochen vor den Wahlen: "Bei meinem Nein zu Rot-Rot bleibt es auch nach dem Wahlabend. Garantiert." Sowie: "Es wird mit der Linkspartei, so sehr sie sich auch anstrengt und anbiedert, keine Zusammenarbeit geben").

    Ebenso ist unbekannt, wie groß der (vermutlich geringere) Anteil der linksextremen Wähler ist, die aus einer Haltung der Fundamental- Opposition heraus einer Unterstützung der SPD ablehnend gegenüberstehen und die "Die Linke" nur gewählt haben, weil Ypsilantis Versprechen eine solche Unterstützung ausschloß.

    Auf das Wahlergebnis vom Januar kann sich also die Behauptung, es gebe eine "Mehrheit links der Union", nicht berufen. (Willy Brandt, den Ypsilanti zitiert, hat damit übrigens keineswegs eine Volksfront- Mehrheit gemeint; eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten war für den Antikommunisten Brandt undenkbar).

    Ebensowenig kann sich diese Behauptung darauf stützen, daß Umfragen jetzt eine solche Mehrheit erkennen lassen würden.

    Das Gegenteil ist der Fall. Bei der ersten Umfrage nach der Wahl (Emnid, 21.02. – 05.03) hatte die SPD noch 35 Prozent. Das war, bevor Ypsilantis Wortbruch feststand. Seither ist die SPD auf zwischen 26 und 28 Prozent abgestürzt.

    Einen Teil dieser der SPD verlorengegangenen Wähler konnten zwar die "Grünen" auffangen, aber ein Teil wandte sich auch der CDU oder der FDP zu. Diese stehen heute (CDU zwischen 38 und 40 Prozent; FDP zwischen 10 und 12 Prozent) deutlich besser da als bei den Wahlen.

    In allen Umfragen seit Anfang April haben die CDU und die FDP zusammen eine klare Mehrheit; immer diejenige der Sitze, meist auch die absolute Mehrheit der Stimmen (Emnid 6.4: 49 Prozent; Forsa 9.4.: 50 Prozent; Forsa 5.6.; 51 Prozent; Forsa 27.8.: 50 Prozent; Infratest dimap 4.9.: 51 Prozent).

    Daß Ypsilanti möglicherweise zur Ministerpräsidentin gewählt wird, liegt ausschließlich daran, daß sie mit einem falschen Versprechen die Mehrheit der Mandate für diese Volksfront erschlichen hat. Sie wird in diesem Fall eine Regierung bilden, die von den hessischen Wählern nicht gewollt wurde und die auch heute von ihnen nicht gewollt wird.

    Ypsilanti hat sich damit so trickreich verhalten, wie ich es vor den Wahlen erwartet hatte. Die Hessen werden, sollte sie es schaffen, sich noch auf manche Überraschung desselben Kalibers gefaßt machen können.



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    10. September 2008

    Kurioses, kurz kommentiert: Zweimal politisch korrekt

    Also versuchen wir es mit einer Minderheitsregierung ... Minderheitenregierung.

    Andrea Ypsilanti gestern Abend bei Kerner; sie war zu dieser Show zugeschaltet worden.

    In dieser Sendung war auch Claus Kleber zu Gast, der aus den USA die Angewohnheit mitgebracht hat, klare Fragen zu stellen und sich nicht mit unklaren Antworten zufrieden zu geben. Er erinnerte Frau Ypsilanti daran, daß sie (auch beispielsweise im "heute- Journal", merkte er genüßlich an) nach dem Verhalten der SPD genau in einer Situation wie jetzt in Hessen - keine eigene Mehrheit für Rotgrün, aber auch keine für Roland Koch - gefragt worden sei.

    Und für just diese Situation hätte sie doch jede Zusammenarbeit mit "Die Linke" ausgeschlossen. Was sich denn jetzt geändert habe? Darauf hatte Frau Ypsilanti eine entwaffnende Antwort: Damals hätte sie gedacht, "Die Linke" käme nicht ins Parlament.

    Kommentar: Da hat sie sich einen Augenblick verplappert, die Andrea Ypsilanti. Denn was sie damit sagte, das war ja: Ich habe jede Zusammenarbeit mit "Die Linke" ausgeschlossen, weil ich dachte, daß sie gar nicht möglich sein würde. Ich habe ein Versprechen gegeben, weil ich annahm, es käme sowieso nicht zu der Situation, in der ich es hätte einhalten müssen.

    Aber nun zum Zitat: "Minderheitsregierung" hatte Ypsilanti richtig gesagt und sich dann in "Minderheitenregierung" verbessert.

    Man könnte das als Freud'schen Versprecher interpretieren: In Ypsilantis Hinterkopf habe der Gedanke herumgespukt, daß die Umfragen ja inzwischen in der Tat die SPD als eine Minderheit zeigen. Diese abgesackte Partei plus Kommunisten plus Grüne - das wäre in der Tat eine Regierung von "Minderheiten".

    Ich glaube aber nicht an eine Freud'sche Fehlleistung. Schon deshalb nicht, weil solche Fehlleistungen kaum jemals in Korrekturen vorkommen, sondern eher ihrerseits der Gegenstand von Korrekturen sind. Ypsilanti hat sich korrigiert. Sie hatte erst richtig "Minderheitsregierung" gesagt und das dann zu "Minderheitenregierung" verbessert.

    Was wollte also Frau Ypsilanti da korrigieren, und warum?

    Sie hatte, vermute ich, so etwas im Kopf wie den "politisch korrekten Vielfalts- Plural". Man sagt nicht mehr "Soldaten", sondern "Soldatinnen und Soldaten". Man spricht nicht mehr von "Deutschen" sondern von "den in Deutschland lebenden Menschen". Aus dem Wort "Energie" hat man den Plural "Energien" hervorgezogen.

    Wessen Gehirn voll ist mit solchen Pluralen, für den klingt "Minderheit" irgendwie nicht richtig. "Minderheiten", so ist es politisch korrekt.



    Das zweite kuriose Zitat stammt von dem amerikanischen Standup Comedian Bill Maher, einer Art amerikanischem Harald Schmidt. Er äußerte sich gestern Abend in CNN über Sarah Palin, wer tut das nicht in diesen Tagen. Und er tat das in der Weise, daß er Gründe dafür aufzählte, warum er sie nicht wählen würde. Darunter war dieser Grund:

    Because she doesn't believe in Global Warming.

    Kommentar: Ist das nicht schön? Früher einmal verfiel jemand der sozialen Mißachtung, wenn er nicht an Gott glaubte, oder nicht an den Dialektischen Materialismus. Und heutzutage wird man - jedenfalls für Leute wie Bill Maher - unwählbar, wenn man nicht an die Globale Erwärmung glaubt.

    Zumindest sollte man als Politiker also seinen Wählern vor der Wahl versprechen, daß man an die Globale Erwärmung glaubt.

    Nach der Wahl, das wird man dann sehen.



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    26. August 2008

    Zitate des Tages: "Die Seelen nehmen Form an, und die Leiber". Jähne, Hacks, Ypsilanti

    Denn zu verkaufen, besser, zu vermitteln hatte der erste Kosmonaut der DDR einiges. Zum Beispiel das Bild eines Berufsoffiziers der NVA, eines Elitepiloten und respektierten Mitgliedes der SED. (...) Und er war vielen Symbol für jenes Reich der Möglichkeiten, das Peter Hacks später so besang: "Wer reifen wollte, war befugt zu hoffen. Die Seelen nahmen Form an, und die Leiber. Dem Ärmsten stand die höchste Stelle offen. Was Männer durften, durften auch die Weiber." Danke Sigmund Jähn.

    Die kommunistische "Junge Welt" heute in einem Artikel über den DDR- Kosmonauten Sigmund Jähn, der vor dreißig Jahren mit "Sojus 31" zu einem Raumflug startete.



    Schließlich gab es jedoch vor allem ein Wort, in Peking selbst von den eifrigsten "Demokraten" gemieden: Das Wort "Freiheit", "individuelle Freiheit", auch unter Linken gelegentlich in Mode. Man ist geneigt, die undankbare Rolle des kleinen Jungen aus dem herrlichen Märchen von Hans Christian Andersen "Des Kaisers neue Kleider" leicht abgewandelt zu übernehmen: "Die Freiheit, von der ihr so unermüdlich verkündet, gibt es doch gar nicht!" (...)

    Nehmen wir das faszinierende Bild der schlanken Ruderboote auf dem Wasser ... Es wäre zutiefst peinlich, angesichts dieses Panoramas von persönlichen Freiheiten zu schwadronieren, denn allein die Legierung ist das Erfolgsrezept.


    Walter Ruge in derselben Ausgabe der "Jungen Welt".



    ... auch die Bundesspitze der Linken scheint sich mittlerweile für eine Koalition zu erwärmen. Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch sagte der Frankfurter Rundschau (Montagausgabe), sollte die hessische SPD-Chefin Andrea Ypsilanti Koalitionsverhandlungen anstreben, "werde ich mich dafür einsetzen, daß wir da nicht nein sagen".

    Die "Junge Welt" in derselben Ausgabe.



    Kommentar: Drei Artikel, zufällig in derselben Ausgabe derselben Zeitung. Wie der Zufall es will, ergänzen sie einander aufs Schönste:
  • Der nostalgische Rückblick auf die DDR mit dem (unfreiwillig entlarvenden) Zitat von Peter Hacks (einem Verehrer von Ulbricht und Stalin);

  • die zynische Ablehnung der Freiheit des Individuums mit Verweis auf den Sport durch den Altkommunisten Walter Ruge (Titel des Artikels: "Olympia retrospektiv: Gedanken zum Verhältnis von Freiheit und Sport");

  • und die nüchterne Meldung darüber, daß die Kommunisten in Wiesbaden am liebsten auf die Salamischeibe der Tolerierung verzichten und gleich die Koalition als das kräftigere Stück Wurst abschneiden würden.
  • Sie können immer ungehemmter die DDR verherrlichen und sich über die Freiheit lustig machen, weil sie immer sicherer darauf rechnen können, bald in der Bundesrepublik an der Macht beteiligt zu sein.



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