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3. Februar 2009

"Es ist unvermeidlich, daß die Macht der Türkei wächst". Erdogans Ausbruch in Davos. Dessen Hintergrund, analysiert von Stratfor-Chef George Friedman


Sehen Sie sich bitte einmal diese Abbildung genau an (für die volle Größe anklicken). Dann haben Sie, ohne weiterzulesen, bereits Vieles von dem verstanden, was in diesem Artikel steht.

Die Abbildung stammt aus einem gestrigen Aufsatz im Informationsdienst Stratfor, den ich schon häufig zitiert habe. Der Autor ist der Stratfor- Chef George Friedman. Titel: "Erdogan's outburst and the future of the Turkish state" - Erdogans Ausbruch und die Zukunft des türkischen Staats.

Mit "Zukunft" meint Friedman die geopolitische ebenso wie die innenpolitische Zukunft der Türkei. Beide hängen eng miteinander zusammen, schreibt Friedman, und der Ausbruch Erdogans sollte im Zusammenhang damit gesehen werden.

Im folgenden fasse ich aus meiner eigenen Sicht das zusammen, was mir an dem Artikel Friedmans besonders interessant erscheint. Diesen ganz zu lesen empfehle ich sehr.



Innenpolitisch ist die Situation der Türkei durch drei Faktoren gekennzeichnet: Erstens eine schnell wachsende Wirtschaft. Zweitens eine islamistische Bewegung, die zunehmend an Bedeutung gewinnt. Drittens ein Militär, das sich als Wächter der laizistischen kemalistischen Tradition im Inneren und einer zurückhaltenden, nicht- imperialistischen Außenpolitik versteht; mit traditionell guten Beziehungen zu Israel.

Erdogan verkörpert so etwas wie den Vektor aus diesen drei Kräften. Er ist Islamist, aber ein gemäßigter. Er ist ein türkischer Nationalist, aber bisher keiner mit imperialistischen Gelüsten; westlich orientiert wie das Militär. Er ist mit seiner Politik einer Modernisierung der Türkei auch der Mann der Wirtschaft.

Diese drei Kräfte schränken aber auch seinen Spielraum ein. In diesem Kontext muß man seinen Ausbruch in Davos sehen - ob nun echt oder gespielt; ob von langer Hand vorbereitet oder aus der Situation heraus entstanden.

Der Gaza- Krieg hat die türkischen Islamisten mobilisiert. Ihnen mußte Erdogan Zucker geben; aber möglichst so, daß kein diplomatisches Prozellan zerdeppert wird.

Dem diente der Eklat in Davos auf eine perfekte Weise. Sein Adressat war ja nicht der Staatspräsident Peres; also war es kein Affront gegen Israel. Erdogan protestierte vielmehr gegen den Moderator, den Kolumnisten der Washington Post David Ignatius. Aber in der Öffentlichkeit der Türkei wurde der Vorfall so wahrgenommen, daß Erdogan Israel in seine Schranken gewiesen hatte. Es war Theaterdonner; eine Vorstellung für die Galerie. Friedman:
The Turkish prime minister needed to show his opposition to Israel’s policies to his followers in Turkey’s moderate Islamist community without alarming Turkey’s military that he was moving to rupture relations with Israel. Whether calculated or not, Erdogan’s explosion in Davos allowed him to appear to demonstrate vocal opposition to Israel — directly to Israel’s president, no less — without actually threatening ties with Israel.

Der türkische Premier mußte seinen Anhängern in der moderat- islamistischen Gruppierung seine Opposition gegen die Politik Israels zeigen, ohne das türkische Militär befürchten zu lassen, daß er sich darauf zubewege, die Verbindungen zu Israel zu kappen. Ob nun kalkuliert oder nicht, die Explosion Erdogans in Davos erlaubte es ihm, scheinbar lautstarke Opposition gegen Israel zu zeigen - direkt gegenüber dem Präsidenten Israels, nichts Geringers als dies -, ohne aber die Bindungen zu Israel tatsächlich zu gefährden.
Das also ist - in Friedmans Analyse - die innenpolitische Seite, die freilich eng mit der geostrategischen Lage der Türkei verknüpft ist.



Die Abbildung zeigt diese geostrategische Lage der Türkei sowie die Grenzen des einstigen Osmanischen Reichs. Sie visualisiert die zentrale Position, die die heutige Türkei einnimmt:
Asia Minor is the pivot of Eurasia. It is the land bridge between Asia and Europe, the northern frontier of the Arab world and the southern frontier of the Caucasus. Its influence spreads outward toward the Balkans, Russia, Central Asia, the Arab world and Iran. Alternatively, Turkey is the target of forces emanating from all of these directions.

Kleinasien ist die Drehachse Eurasiens. Es ist die Landbrücke zwischen Asien und Europa, die Nordgrenze der arabischen Welt und die Südgrenze des Kaukasus. Sein Einfluß erstreckt sich nach außen in Richtung Balkan, Rußland, Zentralasien, die arabische Welt und den Iran. Andersherum betrachtet, ist die Türkei das Ziel von Kräften, die von allen diesen Richtungen ausgehen.
In dieser Situation steht die heutige Türkei vor zwei geostrategischen Optionen.

Die eine besteht in einer Fortsetzung der Politik, die im Kern auf Kemal Pascha zurückgeht und die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg konkretisiert wurde.

Atatürk hatte erstens den radikalen Abschied von der Tradition des Osmanischen Reichs gewollt, zweitens eine westliche Orientierung der Türkei. In der Nachkriegszeit bedeutete das die Integration der Türkei in die Nato.

Dies war auch eine Reaktion auf die Bedrohung durch die Sowjetunion. Diese antwortete auf die Nato- Bindung der Türkei damit, daß sie einen eigenen Einflußbereich in Arabien aufbaute; vor allem in Ägypten, Syrien, dem Irak. (Später kamen andere Länder wie der Jemen hinzu). Auf diese zusätzliche Bedrohung von Süden her reagierte die Türkei ihrerseits damit, daß sie eine enge Zusammenarbeit mit Israel und mit dem Iran des Schah suchte.

Davon sind die Verbindungen zu Israel geblieben. Seit dem Ende der UdSSR haben sich aber auch die Beziehungen zur arabischen Welt verbessert, so daß die Türkei im Nahost- Konflikt ein wichtiger Vermittler geworden ist.

Das ist die traditionelle Option der Türkei; diejenige, die, wie gesagt, in der Tradition Kemal Paschas steht. Aber mit dem Aufkommen und der schnellen Ausbreitung des Islamismus steht die Türkei immer deutlicher vor einer alternativen Option:
Under this second vision, Turkey would extend its power outward in support of Muslims. This vision, if pursued to the full, would involve Turkey in the Balkans in support of Albanians and Bosnians, for example. It would also see Turkey extend its influence southward to help shape Arab regimes. And it would cause Turkey to become deeply involved in Central Asia, where it has natural ties and influence. Ultimately, this vision also would return Turkey to maritime power status, influencing events in North Africa. It is at its heart a very expansionist vision.

Nach dieser zweiten Vision würde die Türkei ihre Macht nach außen hin erweitern, zur Unterstützung von Moslems. Bis zum Ende verfolgt, würde diese Vision beinhalten, daß daß die Türkei auf dem Balkan zum Beispiel Albaner und Bosnier unterstützt. Sie würde auch dazu führen, daß die Türkei ihren Einfluß in südliche Richtung ausdehnt, um arabischen Regimes ihren Stempel aufzudrücken. Und sie würde die Türkei veranlassen, sich bis weit hinein nach Zentralasien zu engagieren, wo sie natürliche Bindungen und Einfluß hat. Letztlich würde diese Vision die Türkei auch wieder zu einer Seemacht werden lassen, so daß sie das Geschehen in Nordafrika beeinflussen könnte. Es ist im Kern eine expansionistische Vision.
In der Tat. Es ist ja nichts anderes als die Vision, das Osmanische Reich neu entstehen zu lassen (die Abbildung zeigt, daß dieses einst alle die von Friedman genannten Regionen umfaßte). Insofern nicht unähnlich dem Versuch Wladimir Putins (mit dem ja überhaupt Erdogan Vieles gemeinsam hat), das Reich der Zaren und der Sowjets wieder erstehen zu lassen.

Friedman weist darauf hin, daß die Türkei durchaus das Potential für eine solche imperiale Politik hat: Sie ist zusammen mit Indonesien, Pakistan, dem Iran und Ägypten eines der fünf großen islamischen Länder. Indonesien, Ägypten und Pakistan stecken aber in innenpolitischen Schwierigkeiten; Iran ist durch seine Konflikt mit den USA gebunden. Die Türkei mit ihrer hochgerüsteten Armee und ihrer boomenden Wirtschaft - weltweit inzwischen an 17. Stelle - könnte hingegen zur Führungsmacht der islamischen Welt aufsteigen.



Die Wahrscheinlichkeit, daß die Türkei diesen expansionischen Weg beschreiten wird, sieht Friedman als groß an. Gebremst werden könne sie allerdings durch Rußland, das seinerseits - siehe den Georgien- Krieg - die Expansion nach Süden sucht. Aber auch das werde langfristig wenig am Aufstieg der Türkei ändern:
But regardless of what level Russian power returns to over the next few years, the longer- term growth of Turkish power is inevitable — and something that must be considered carefully.

Aber unabhängig davon, bis auf welche Höhe die Macht Rußlands in den kommenden Jahren zurückkehrt, ist langfristig der Machtzuwachs der Türkei unvermeidlich - und etwas, das sorgsam bedacht werden muß.
In der Tat. Und nicht zuletzt im Hinblick auf den Versuch der Türkei, Mitglied der EU zu werden.

Interessanterweise erwähnt George Friedman diesen Aspekt mit keinem Wort.



Abbildung: Stratfor; mit Erlaubnis des Urhebers reproduziert. Für Kommentare bitte hier klicken.

13. März 2008

Zitat des Tages: Welchem Staat gegenüber sollten Deutsche loyal sein?

Im Grunde sollten sie gegenüber beiden loyal sein.

Der türkische Ministerpräsident Erdogan im Interview mit der FAZ auf die Frage des Interviewers Rainer Hermann, wem die 800.000 Türken mit deutscher Staatsbürgerschaft loyal sein sollten - Deutschland oder der Türkei.

Dazu schreibt in einem Kommentar, ebenfalls in der FAZ, deren innenpolitischer Redakteur Georg Paul Hefty:
Das allerdings ist ein international neues Verständnis von Einbürgerung: Aus Erdogans Sicht bleiben die Türken durch ihre deutsche Staatsangehörigkeit weiterhin türkische Bürger.

Deutschland (...) hat noch nicht den Weg gefunden, wie es das religiöse Leben seiner muslimischen Bürger ohne Mitsprache aus dem Ausland gewährleisten und ordnen kann.
Die Verwunderung von Hefty über die Äußerung Erdogans teile ich. Ich frage mich, wie wohl die US-Regierung reagieren würde, wenn ein auswärtiger Regierungschef sich in dieser Weise über die US-Bürger äußerte, die aus seinem Land in die USA eingewandert sind.

Allerdings scheint es mir bei der "Mitsprache aus dem Ausland", die Erdogan beansprucht, nicht nur um das "religiöse Leben" zu gehen. Erdogan sieht sich als Sachwalter der türkischstämmigen Deutschen, weil er sie nicht als türkischstämmige Deutsche betrachtet, sondern als Türken, die ihren Aufenthalt in Deutschland genommen und hier einen Paß erworben haben.

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16. Februar 2008

Zettels Meckerecke: "Türken in Deutschland werden wegen ihrer Religionsausübung kriminalisiert"

Zu meinen Lieblingswitzen gehört ein jüdischer Witz, den Freud erzählt hat. Ein Mann leiht einem anderen einen Krug, und als er ihn zurückbekommt, ist ein Loch drin. Zur Rede gestellt, verteidigt sich der Entleiher: In dem Krug sei gar kein Loch. Das Loch sei außerdem schon drin gewesen, als er den Krug entlieh. Und er hätte den Krug gar nicht entliehen.

Jede der drei Behauptungen kann den Entleiher vielleicht entlasten. Aber zusammen tun sie es nicht.

Freud benutzte das als Illustration dafür, daß das Unbewußte keine logischen Widersprüche kennt. Mir ist der Witz eingefallen, als ich in "Stern.de" einen von Manuela Pfohl verfaßten Kommentar gelesen habe.

An sich wäre ein Kommentar von Manuela Pfohl nicht unbedingt wert, seinerseits kommentiert zu werden. Aber was sie schreibt, illustriert nicht nur trefflich das, was auch Freuds Witz illustrieren sollte, sondern es scheint mir auch repräsentativ für die seltsame Sympathie zu sein, deren sich der Ministerpräsident Erdogan neuerdings bei einem Teil der deutschen Journalistik erfreut.



Seit seinen beiden Auftritten in Berlin und in Köln genießt Erdogan diese Sympathie. Sei es, wenn es um seinen Vorschlag geht, in Deutschland türkische Universitäten zu gründen, sei es bei seiner Bezeichnung der Assimilation als, je nach Übersetzung, "Schande für die Menschheit" oder "Verbrechen gegen die Menschlichkeit".

Mit dieser Ablehnung der Assimilation befaßt sich die Kommentatorin Pfohl, die sich dabei in launiger Weise an den "Deutschen Michel" wendet; offenbar sieht sie bei diesem Belehrungsbedarf.

Belehrungsbedarf, weil es in der deutschen Öffentlichkeit Empörung darüber gibt, daß Erdogan das Bestreben von türkischen Einwanderern, sich an ihre neue Heimat Deutschland anzupassen, als Schande für die Menschheit oder als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet hat.

Nichts da, meint die Kommentatorin Pfohl:
Wieder eine Integrationsdebatte und wieder nichts als Polemik! Und warum das alles? Weil der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan seine Landsleute in der Bundesrepublik zwar zur Integration aufruft, gleichzeitig aber vor Assimilation warnt.
Was sei denn falsch daran, fragt unsere Kommentatorin weiter, "wenn die Türken in der Bundesrepublik ihre kulturelle Identität bewahren, sich ihrer Herkunft bewusst und auf die Leistungen ihres Volkes stolz sind?"

Vielleicht ist Frau Pfohl entgangen, daß die öffentliche Empörung sich ja keineswegs gegen Türken richtete, die das tun, sondern dagegen, daß Erdogan denjenigen Einwanderern, die sich assimilieren wollen, Schande oder Verbrechen vorgeworfen hat. "Warnen" nennt sie das, die Kommentatorin Pfohl.

Wie auch immer, in dem Krug ist, so will uns Frau Pfohl sagen, gar kein Loch. Wenn die Deutschen türkischer Abstammung es ablehnen, sich zu assimilieren, dann ist das aus ihrer Sicht in Ordnung.

Kann man so sehen, von mir aus. Nur: Dies gesagt, erklärt uns Frau Pohl, wie das Loch in den Krug gekommen ist. Nachdem sie geschrieben hat, daß es gar kein Problem gibt, sagt sie uns jetzt, wer an diesem Problem schuld ist.

Wer? Elementary, my dear Watson: "...so lange Türken wegen ihrer grundgesetzlich zugesicherten Religionsausübung misstrauisch beäugt oder gar kriminalisiert werden (...), muss das gemeinsame Projekt scheitern. Nur bitteschön - daran sind dann nicht die Türken schuld!"



Sie werden wegen ihrer Religionsausübung kriminalisiert, Türken in Deutschland, behauptet unsere Kommentatorin. Und deshalb - unter anderem deshalb - besteht die Gefahr, daß "das gemeinsame Projekt scheitert".

Das ist fast noch beeindruckender, als lediglich die Anpassung von Einwanderern an ihre neue Heimat als Schande oder Verbrechen zu bezeichnen. Darauf ist noch nicht einmal der Ministerpräsident Erdogan gekommen.

Mit Dank an C. - Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

12. Februar 2008

Zettels Meckerecke: Türkische Halbwahrheiten. Oder: Warum soll der Soldat den Vorgesetzten grüßen?

Fragt der Ausbilder den Rekruten: "Warum soll der Soldat den Vorgesetzten grüßen?" Anwortet der Rekrut: "Recht haben Sie, Herr Feldwebel. Warum soll er eigentlich?"

Warum sollen in Deutschland keine türkischen Universitäten eingerichtet werden? Ja, warum sollen sie denn eigentlich nicht? Fragte gestern in der "Süddeutschen Zeitung" deren Feuilletonchef Thomas Steinfeld. Titel: "Türkische Wahrheiten".



Für den unbedarften Medienkonsumenten ist die Sache klar: Der Ministerpräsident Erdogan hat das anläßlich eines Besuchs in Deutschland vorgeschlagen, auf dem er deutlich, nein überdeutlich gemacht hat, wie er sich die Zukunft der türkischen Einwanderer wünscht:

Sie sollen keine Deutsche werden. Sie sollen, auch wenn sie demnächst seit fünf, sechs Generationen in Deutschland leben, Türken bleiben. Mit "ihrer eigenen Sprache", der türkischen. Mit "ihrer Kultur".

Sie sollen sich vor allem - das wäre ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sagt Erdogan - um keinen Preis assimilieren. Anders also als die bisherigen Einwanderer nach Deutschland, die Polen, Russen, Italiener, Spanier zum Beispiel, die im letzten Jahrhundert eingewandert sind. Anders als heute die Einwanderer nach Kanada, Frankreich, die USA, beispielsweise.

Kurz, Erdogan sieht die Türken in Deutschland überhaupt nicht als Einwanderer im üblichen Sinn dieses Worts. Sondern für ihn sind und bleiben es Türken, die sich lediglich dafür entschieden haben, ihren Wohnsitz in Deutschland zu nehmen. "Kolonisten", das wäre vielleicht das passende Wort für das, was ihm vorschwebt. So wie die Wolgadeutschen, sagen wir.

Dort - hier also - sollen die Kolonisten natürlich ihre "eigene" Infrastruktur haben, ihre wenn auch vielleicht nicht geographischen, so doch kulturellen Enklaven. Nicht nur Geschäfte und Moscheen, nicht nur Teestuben und Vereinsheime, sondern eben auch Schulen und Universitäten. Was man als Türke nun einmal braucht, um sich wie in der Türkei zu fühlen. Auch wenn man seit vielen Generationen die Türkei allenfalls noch aus dem Urlaub kennt.



Was ist davon zu halten?

Wer will, daß es so kommt, wie das Erdogan will, wer also den Zweivölker- Staat Deutschland will, der wird ihm die türkischen Schulen und Universitäten nicht verweigern. Denn sonst müßten ja die Türken deutsche Universitäten besuchen; mit der erheblichen Gefahr, sich dabei des Menschheits- Verbrechens der Assimilation schuldig zu machen.

Wer andererseits - und das scheint ja bis jetzt noch der deutsche Konsens zu sein - der Auffassung ist, daß die Einwanderung nach Deutschland so, wie das in jedem Einwanderungsland der Fall ist, zur Integration, zur Anpassung, schließlich zur Assimilation führen soll, der wird nicht mit Erdogan konform gehen können. Er wird sein Ansinnen ablehnen, für die Einwanderer aus der Türkei eigene Universitäten zu errichten.



Kommen wir nun zum Literaturchef Steinfeld und seinem Artikel.

Mit dem Thema kennt sich Thomas Steinfeld aus; er hat selbst jahrelang in Schweden und in Kanda Deutsch und Deutsche Literatur gelehrt. Er hat zur Ergänzung auch noch im Archiv nachgesehen und nennt erst einmal Zahlen: Wieviele deutsche Schulen es im Ausland gibt, wieviele deutsche Lehrer an diesen Schulen.

So auch in der Türkei, wie auch anders. Und dort sei gar eine deutsche Universität geplant. Es gebe doch auch an deutschen Universitäten Unterricht auf Englisch, schreibt Steinfeld weiter. Es gebe in Berlin ein französisches Gymnasium. "All diese Unternehmungen gelten als Beförderung der internationalen Verständigung, als Erfolge des Dialogs zwischen den Kulturen. Geht es aber um die Türkei und die Türken, gelten die Regeln nicht mehr. Die Aufregung wirkt um so absurder ...", und so fort.



Was soll man dazu sagen? Ist denn dem Literaturchef Steinfeld nicht bewußt, daß die deutschen Schulen im Ausland, daß die französischen, amerikanischen usw. Gymnasien in Deutschland nicht dazu dienen, einer dort in einer kulturellen Enklave ansässigen Minderheit Erziehung und Bildung in ihrer "eigenen" Kultur anzubieten?

Sieht Steinfeld nicht oder will er nicht sehen, daß diese Schulen, daß auch die geplante deutsche Universität in der Türkei die genau umgekehrte Funktion haben: Denjenigen, die in ihrer eigenen Kultur verwurzelt sind - den Deutschen in Deutschland, den Türken in der Türkei - das Angebot zu machen, sich auch in einer weiteren Kultur umzusehen, deren Sprache, deren soziale Kompetenzen, deren Abschlüsse und Zertifikate zu erwerben?

Ob Thomas Steinfeld wirklich nicht wahrnimmt, daß es hier um sehr verschiedene Fälle geht; so verschieden, daß man sie nicht argumentativ in einen Topf werfen kann? Oder ist ihm das klar, und er will uns Leser nur ein wenig auf den Arm nehmen? Ich weiß es nicht.

Jedenfalls beläßt er es nicht dabei, dem "Kultur- Chauvinisten" Erdogan (so heute im TV die türkischstämmige Rechtsanwaltin und Bürgerrechtlerin Seyran Ates) nur in Sachen Universität argumentativ beizuspringen. Sondern er setzt noch einen drauf, der Literaturchef, indem er für den mangelnden Assimilationswillen von Türken in Deutschland nicht etwa diese selbst verantwortlich macht, sondern uns Deutsche.

Die "Klein-Türkei" in Deutschland, schreibt er, sei
die Konsequenz einer arroganten Weigerung anzuerkennen, dass man mehr als zwei Millionen Einwanderer im Land hat. Über Jahrzehnte wurden diese Türken, ihre Kinder und sogar Kindeskinder, in Deutschland in einem rechtlich unsicheren Zustand gehalten. Man wird es ihnen nicht vorwerfen können, wenn sie daraus den Schluss ziehen, dass ihr Leben hier nicht fest gegründet ist, dass die Vorbehalte gegen sie jederzeit in offenen Rassismus umschlagen, dass sie wieder "nach Hause geschickt" werden können - und dass sie sich abschirmen.
Jens Jessen läßt grüßen. So, wie dieser für den Angriff von zwei Jugendlichen auf einen Rentner nicht diese selbst verantwortlich machte, sondern die negativen Erfahrungen, die sie angeblich mit erwachsenen Deutschen gemacht hatten, so ist es jetzt bei Steinfeld die "arrogante Weigerung", überhaupt die Existenz der Einwanderer aus der Türkei "anzuerkennen", die diese sozusagen gegen ihren Willen dazu trieb, Türken bleiben zu wollen.

Daß sie das selbst wollen könnten, aus freien Stücken, als autonome, für sich selbst verantwortliche Bürger; ganz so, wie (der ja auch vermutlich nicht durch deutsche Arroganz dazu getriebene) Erdogan es will - auf diesen Gedanken scheint Steinfeld gar nicht zu kommen.

"Türkische Wahrheiten" sind das nicht, die Steinfeld uns mitteilt. Bestenfalls Halbwahrheiten.

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Zitat des Tages: Beckstein über Erdogan

Diese Rede war höchst unerfreulich.

Der bayrische Ministerpräsident Beckstein gegenüber der "Nürnberger Zeitung" zur Kölner Rede des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Über die Haltung Becksteins zu einem EU-Beitritt der Türkei heißt es in dem lesenswerten Artikel: "In der EU will er – wie seine Partei – das Land auf keinen Fall sehen. Man dürfe sich keine Illusionen machen, warnt er. 'Sind sie erst aufgenommen, streben sie sicher eine Führungsrolle an', warnt Beckstein."

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11. Februar 2008

Marginalie: Nein. Schande. Verbrechen. Starke Worte des Ministerpräsidenten Erdogan. Vielleicht auch ein einziges starkes Wort

Türkisch müßte man können.

Am Freitag gab es hier im Blog ein "Zitat des Tages", gesprochen von dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan in Berlin, als er dort zusammen mit der Kanzlerin vor Schülern aufgetreten war. Dieses Zitat hatte ich "Spiegel Online" entnommen, und es lautete, in indirekter Rede formuliert: "Er sage aber Nein zu Assimilation. Menschen müssten in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptiert werden".

Starker Tobak, dachte ich da, am Freitag. Das, was doch das erwünschte und auch unvermeidliche Ergebnis jeder Einwanderung ist, die Assimilation der Einwanderer an die Kultur ihrer neuen Heimat, das hat Erdogan abgelehnt. In dem kleinen Beitrag habe ich diskret darauf hingewiesen, daß Erdogan und seine Partei der Assimilation wohl weniger ablehnend gegenüberstehen, wenn es um die Kurden in der Türkei geht.



Am Samstag dann habe ich einen bemerkenswerten Artikel der türkischstämmigen deutschen Soziologin Necla Kelek in der FAZ kommentiert. Kelek schreibt darin über autoritäre Strukturen und über Gewalt in den Familien türkischer Einwanderer. In dem Kommentar habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß an der Entstehung und Duldung dieser Situation die antiautoritäre Bewegung mit ihrem Multi- Kulturalismus ein gerütteltes Maß Schuld trägt.

Als Nachtrag zu diesem Beitrag habe ich auf einen weiteren Artikel von Necla Kelek hingewiesen. Dort berichtet sie über jenen Auftritt Erdogans in Berlin, in dem das Zitat über die Assimilation gefallen war.

Nur stand bei Kelek etwas anderes über Assimilation als das, was ich aus "Spiegel Online" zitiert hatte. Dort stand: "Erdogan sagte, dass Assimilation eine Schande für die Menschheit sei."

Eine Schande für die Menschheit.

Das also war am Samstag. Gestern nun erschienen Berichte über den Auftritt Erdogans in Köln. Und was stand da zu lesen? Überschrift des dpa-Berichts, wie ihn FAZ.Net brachte: "Assimilierung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit".



Vermutlich hatte Erdogan bei beiden Auftritten dieselbe Formulierung auf Türkisch verwendet. Mal war sie als ein schlichtes Nein wiedergegeben worden, von Kelek als eine "Schande für die Menschheit" und von dpa nun gar als ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Ganz sicher bin ich nicht; denn ich kann kein Türkisch und kann deshalb mit der Aufzeichnung des Berliner Auftritts in dieser Hinsicht nichts anfangen.

Eine Schande für die Menschheit ist nun freilich nicht ganz dasselbe wie ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Crime Against Humanity); das schwerste überhaupt juristisch definierte Verbrechen. Aber was auch immer Erdogan genau sagte und welche Übersetzung es trifft - jedenfalls war es offenbar nicht nur ein lautes "Nein!" gewesen, wie ich es in meinem "Zitat des Tages" angenommen hatte. Es war eine Äußerung tiefen Abscheus gewesen.



Das wirft nun allerdings Fragen auf.

Wenn er einen solchen Abscheu vor Assimilation hat - wie stellt er sich, der Chef der türkischen Regierung, denn die Zukunft der Einwanderer aus der Türkei nach Deutschland vor?

Will er türkische Kolonien in Deutschland, ungefähr wie die Siedlungsgebiete der Wolgadeutschen im zaristischen Rußland? Will er einen deutschen Vielvölker- Staat, mindestens Zweivölker- Staat, in dem Angehörige verschiedener Nationen leben, verbunden allein durch den gemeinsamen Paß und eine gemeinsame Verkehrssprache? Mit einem Eintrag zur "Nationalität" im Paß, so wie das in der Sowjetunion vorgesehen war?

Falls das seine Vorstellung sein sollte, dann, so scheint mir, wird es hohe Zeit, daß die Bundesregierung, daß alle deutschen Parteien diesem Recep Tayyip Erdogan klarmachen, daß das nicht unsere Vorstellung von der Zukunft unseres Landes ist.

Und wir sollten uns verbitten, daß er sich in dieser impertinenten Weise in unsere Inneren Angelegenheiten einmischt.

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8. Februar 2008

Zitat des Tages: Nein zur Assimilation

Er sage aber Nein zu Assimilation. Menschen müssten in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptiert werden.

Der türkische Ministerpräsident Erdogan über die Kurdenpolitik seiner Regierung türkischen Einwanderer in Deutschland; laut "Spiegel Online".

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6. Juni 2007

Marginalie: Eine Soziologin türkischer Abstammung über Großmoscheen. Nebst Anmerkungen zur Kölner Stadtverwaltung

Bisher bin ich, als Liberaler, der Auffassung gewesen, daß Moslems, wie jede andere Religions- Gemeinschaft, im demokratischen Rechtsstaat ein Recht auf ihre Gotteshäuser haben müssen. Ich habe die Bedenken derer, die dagegen eintreten, daß in Deutschland Großmoscheen gebaut werden, nicht nachvollziehen können.

Ich habe meine Auffassung auch jetzt nicht geändert. Aber ich muß zugeben, daß ich nachdenklich geworden bin. Jedenfalls im Fall der geplanten Großmoschee in Köln- Ehrenfeld.

Es gibt zwei Gründe dafür, daß ich nachdenklich geworden bin.



Erstens: Eine der immerhin in dieser Sache Hauptverantwortlichen der Stadt Köln, die diesen Moscheebau will und fördert, die Sozial- und Integrations- Dezernentin Bredehorst, hat nicht nur erklärt: "Ich kenne nicht so viel vom Islam". Sondern sie bezeichnete in derselben Rede gleich auch noch den Holocaust als einen Ausrutscher.

Das war eine Rede auf einer Veranstaltung der Stadt Köln, von der ich aufgrund der mir bekannten Berichte nicht unbedingt den Eindruck habe, daß auf dieser Veranstaltung alle Seiten gleichermaßen zu Wort kommen konnten. Wenn - wovon ich überzeugt bin - dieser Augenzeugenbericht zutrifft, dann wurde von der Stadt Köln vielmehr, sagen wir, ein wenig einseitig verfahren.

Das begründet kein Vertrauen in die Kölner Stadtverwaltung, was ihr Verständnis für den Islam, was ihre Kenntnis des Holocaust, was überhaupt ihr Verständnis für Geschichte und Gesellschaft angeht.

Man hat vielmehr den Eindruck, daß da eine - vielleicht gutwillige, vielleicht aber auch auf die Wählerstimmen türkischer Einwanderer schielende - Laienspielschar am Werke ist.



Zweitens: In der FAZ beschreibt Necla Kelek, eine deutsche Soziologin türkischer Abstammung, sehr eingehend, was es mit einer solchen Großmoschee auf sich hat:
Wenn man in Ankara die größte Moschee, die Kocatepe Camii besichtigen will, steht man zunächst vor einem Einkaufszentrum. Man geht durch die Hosen- und Hemdenabteilung des Kaufhauses, bevor man den Aufgang zur Moschee findet. Die riesige Moschee ruht in ihrer ganzen Breite auf einem Geschäft. (...) Die Moschee ist in der islamischen Tradition ein sozialer und kein sakraler Ort. (...)

Moscheen erfüllten, wie der Islamwissenschaftler Peter Heine in seinem Islam-Lexikon schreibt, administrative Funktionen: "Hier fanden die Sitzungen des Stammesrates statt, und sie waren Versammlungsorte, wenn sich die Männer zu einem Kriegszug aufmachten." (...)

Moscheen sind selbst nach muslimischer Lesart keine Sakralbauten wie Kirchen oder Synagogen, sondern "Multifunktionshäuser". (...) Deshalb ist die Frage des Moscheebaus auch keine Frage der Glaubensfreiheit, sondern eine politische Frage. (...) So wie in vielen Moscheen in Deutschland der Islam praktiziert wird, erweist er sich als ein Hindernis für die Integration. Diese Moscheen sind Keimzellen einer Gegengesellschaft.

Vor allem die größeren Moscheen in Deutschland entwickeln sich zu "Medinas". (...) Dort üben schon Kinder die Abgrenzung von der deutschen Gesellschaft, dort lernen sie die Gesellschaft in Gläubige und Ungläubige zu unterscheiden, dass Frauen den Männern zu dienen haben, dass Deutsche unrein sind, weil sie Schweinefleisch essen und nicht beschnitten sind.

Diese Moscheen entwickeln sich zu Zentren, in denen wie in einer kleinen Stadt alle Bedürfnisse abgedeckt werden. (...) Freitagsmoscheen im Stadtbild sind wie die Kopftücher auf der Straße ein sichtbares politisches Statement. Es soll sagen: Wir sind hier, wird sind anders, und wir haben das Recht dazu. (...)

Die Zahl der Sekten und konkurrierender Glaubensrichtungen des Islam ist kaum zu überschauen, doch wird vorgegeben, man trete gemeinsam auf und es wird die taqiyya, die Kunst der Verstellung und des Verschweigens der wahren Haltung gegenüber „Ungläubigen“ praktiziert. Die Initiatoren der Kölner Moschee sind Vertreter der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Was die Ditib in Deutschland vorführt, ist Politik im Auftrag der türkischen Regierung (...)
Die Regierung Erdogan ist bekanntlich eine islamistische, eine türkisch- nationalistische Regierung. Wenn Frau Kelek Recht hat, dann stellt sich in der Tat die Frage ob es nicht zu kurz gesprungen ist, den Bau einer solchen Moschee nur unter dem Gesichtspunkt der Glaubensfreiheit zu sehen.

Gebetsorte, vergleichbar unseren Kirchen und den jüdischen Synagogen, stehen selbstverständlich im säkularen Rechtsstaat auch Moslems zu.

Aber der Bau eines politisch- religiösen Zentrums, das auf die Förderung einer Parallel- Gesellschaft gerichtet ist, in dem eine kleine Stadt entsteht mit Friseuren, Geschäften, Teestuben - das scheint mir weder durch das Grundgesetz begründet noch politisch vernünftig zu sein.