30. Juni 2012

Überlegungen zur Freiheit (13): Tugendrepublik Deutschland. Die Ergebnisse von "Freiheitsindex Deutschland 2011", im Detail betrachtet (Teil 2)

Das wissenschaftliche Projekt, mit dem ich mich in diesem zweiteiligen Artikel befasse, entstand in Kooperation verschiedener Einrichtungen, die ich in der vorläufigen Notiz am Montag genannt habe.

Im ersten Teil habe ich über Ergebnisse des Teilprojekts berichtet, das in den Händen des Instituts für Demoskopie Allensbach lag; einer umfangreichen repräsentativen Befragung. Das setze ich jetzt fort, befasse mich kurz mit einem zweiten Teilprojekt (einer im Institut für Publizistik der Universität Mainz erstellten Inhaltsanalyse von Medienberichten) und ziehe am Schluß ein Fazit der Untersuchung.

Im ersten Teil habe ich mich mit denjenigen Fragen der Allensbach-Umfrage befaßt, in denen es um Freiheit und Tabus ging. Ein weiterer Fragenkomplex befaßte sich mit dem Verständnis des Staats und seiner Aufgaben.

Marginalie: Filz à la française. Des Präsidenten Hollande promotion Voltaire

Frankreich ist so etwas wie eine meritokratische Klassengesellschaft. Eine Klassengesellschaft, weil es eine herrschende Klasse gibt, die sich überwiegend aus den Absolventen der Grandes Écoles rekrutiert, der Elite­hochschulen. Meritokratisch, also mit einer strikten Selektion nach Leistung, weil im Prinzip jeder Zugang zu einer Grande École hat. Er muß nur intellektuell brillant und immens fleißig sein; und er muß es allerdings auch noch geschafft haben, sich in Vorbereitungskursen für die Aufnahmeprüfung trimmen zu lassen.

Ich bin auf dieses System der erbarmungslosen Selektion einer Elite in Frankreich immer einmal wieder eingegangen; zuletzt vor einem Jahr:

Überlegungen zur Freiheit (13): Tugendrepublik Deutschland. Die Ergebnisse von "Freiheitsindex Deutschland 2011", im Detail betrachtet (Teil 1)

Darüber, was an einer wissenschaft­lichen Untersuchung aufregend, was mitteilenswert und diskussionswürdig ist, kann man sehr unterschiedlicher Meinung sein.

Als ich zu der Untersuchung "Freiheits­index Deutschland 2011" am vergangenen Montag eine vorläufige Notiz in Form eines Zitats des Tages schrieb, folgte ich der Sicht von Michael Miersch in der "Achse des Guten" und in "Focus", der herausgestellt hatte, wieviel Prozent der Deutschen für das Verbieten seien - daß beispielsweise 32 Prozent dafür seien, es solle verboten sein, zu sagen "Frauen gehören an den Herd".

Jetzt habe ich mir die Untersuchung genau angesehen. Der Teil, in dem danach gefragt wurde, was zu sagen verboten werden sollte, ist der uninteressanteste; methodisch so fragwürdig, daß man diese Daten besser vergißt. Ich komme darauf im zweiten Teil zurück.

Zunächst aber zu den interessanteren Daten; zu denjenigen, genauer gesagt, die ich selbst interessant finde.

29. Juni 2012

Kurioses, kurz kommentiert: "Die wissen selbst nicht, was sie tun". Scholl und Beckmann über italienische Straßenköter und Pflegefälle

Mehmet Scholl: ... und die Italiener überraschen uns mit permanentem Spiel immer wieder in die Spitze. Das ist sowas Unangenehmes, weil da eben zwei Pflegefälle da vorne rumrennen, die eigentlich überhaupt nicht zu kontrollieren sind. Die wissen ... die machen alles wie auf der Straße. Die wissen selber nicht, was sie tun. Aber das machen sie grandios.

Reinhold Beckmann: Zwei Straßenköter im Strafraum, Balotelli und Cassano (...)
Mehmet Scholl und Reinhold Beckmann gestern in der Halbzeitpause des Spiels Deutschland-Italien.

Der Kommentar kommt heute aus dem kleinen Zimmer, von C.:

Marginalie: Salafisten in Tunesien und die Freiheit der Kunst. Ein Nazivergleich

Ein deutscher Autor hätte diesen Vergleich schwerlich gezogen, aber der Franzose Abdelwahab Meddeb, Schriftsteller und Professor für Vergleichende Literatur­wissen­schaft an der Universität Paris-X in Nanterre, tut es: Er vergleicht die Lage in Tunesien, das seit dem Wahlsieg der Islamisten livrée aux fanatiques sei, den Fanatikern ausgeliefert, mit den Verhältnissen in Deutschland nach der Machtergreifung der Nazis.

Sein Aufsatz ist gestern in Le Monde erschienen. Der Titel weist allerdings auf eine andere Parallele zu Deutschland hin: "Ennahda se prétend inspiré par la Démocratie chrétienne allemande" - Die Ennahda behauptet von sich, von der deutschen CDU inspiriert zu sein.

Zitat des Tages: Heroisches Italien, am Boden zerstörte Deutsche. Ein Wort des Trostes


Finisce come sempre, con gli italiani che si abbracciano e i tedeschi, annichiliti e increduli. (Es endete wie immer - mit Italienern, die sich umarmen und Deutschen, am Boden zerstört und fassungslos).
Die italienische Tageszeitung Leggo über das gestrige Spiel. Überschrift: "Italia eroica" - Heroisches Italien.

Kommentar: Ja, wie immer bei solchen Turnieren. Diesmal wohl besonders bitter, weil man sich seiner Sache so sicher gewesen war. Hochmut kommt vor den Fall, wie meine Großmutter gern sagte.

Zum Trost möchte ich auf das hinweisen, was ich vor vier Jahren zur EM 2008 geschrieben habe, über die Rolle des Zufalls im Fußball, über die Dynamik nichtlinearer Systeme:

28. Juni 2012

Deutschland-Italien 1970. Eine Erinnerung an das "Jahrhundertspiel"


Die Inschrift auf dieser Gedenktafel am Aztekenstadion in Mexiko-Stadt lautet in deutscher Übersetzung:

Das Aztekenstadion ehrt die Nationalmannschaften von
Italien (4) und Deutschland (3),
bei der Weltmeisterschaft 1970 Akteure des
"Jahrhundertspiels"
17. Juni 1970

Wer, sagen wir, vor 1962 oder 1963 geboren und Deutscher ist, der wird sich an dieses Jahrhundertspiel erinnern. Wie das Spiel heute Abend war es ein Halbfinale zwischen Deutschland und Italien. An einem Mittwoch, dem 17. Juni, also dem Tag der Deutschen Einheit. Der Volksaufstand in der DDR lag damals gerade einmal 17 Jahre zurück, war also noch frischer in Erinnerung als heute die Wiedervereinigung.

Als die 90. Minute lief, schien das Spiel durch das frühe Tor Boninsegnas verloren zu sein. Wir Zuschauer hatten resigniert, vor unseren Fernsehern; damals noch ohne Public Viewing und überwiegend noch schwarzweiß.

Eine rosige wirtschaftliche Zukunft für Afrika? Nur auf den ersten Blick

Wenn das Fernsehen und die Zeitungen über Afrika berichten, dann selten Gutes. Das liegt nicht nur an dem bekannten zynischen journalistischen Grundsatz Bad news is good news - schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Sondern die politische Lage in vielen Ländern Afrikas ist noch immer durch Instabilität gekennzeichnet.

Das aktuelle Beispiel ist Mali, dessen Norden sich für unabhängig erklärt hat, nachdem als Folge des Sturzes von Gaddafi große Mengen an Waffen aus Ostlibyen dorthin gelangt waren. Diese Rebellion ist deshalb bemerkenswert, weil in ihr gewissermaßen zwei Epochen aufeinandertreffen: Die Zeit der "Nationalen Befreiungsbewegungen", wie sie nach dem Vorbild der algerischen FLN und der Mau-Mau-Bewegung in Kenia ab den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts überall in Afrika entstanden; und die heutige Epoche des islamistischen Terrorismus.

27. Juni 2012

Marginalie: Religiöse Beschneidung erlauben oder verbieten? Was im Kölner Urteil steht. Warum ich dazu keine Meinung habe

Heute hat mich jemand, sichtlich engagiert, danach gefragt, ob ich schon von dem Urteil zur Beschneidung gehört hätte.

Ja, das hatte ich; es ging ja gestern durch die Medien. Kaum eine Zeitung oder ein Sender, die nicht über das Urteil des Landgerichts Köln berichteten, nachdem zuerst die "Financial Times Deutschland" darauf aufmerksam gemacht hatte; bereits vorgestern.

Deutschland im Öko-Würgegriff (31): Die deutschen Erdgasvorräte sind zehnmal so groß wie bisher angenommen. Haben Sie diese Meldung irgendwo gelesen?

Die Bundesanstalt für Geowissen­schaften und Rohstoffe (BGR) hat eine Untersuchung zu den Möglich­keiten vorgelegt, in Deutschland Schiefergas zu gewinnen; Erdgas, das aus dichten Tongesteinen geholt wird. Eine Pressemitteilung dazu finden Sie hier; der Bericht selbst steht als PDF-Datei zur Verfügung. Reuters brachte zu dieser Unter­suchung vorgestern einen ausführ­lichen Artikel von Vera Eckert. Allerdings in seinem englischsprachigen Dienst; eine deutsche Version konnte ich nicht finden.

Das Thema ist von zentraler Bedeutung für die künftige deutsche Energieversorgung, denn die Behörde hat nachgerade Sensationelles zu melden:

Aufruhr in Arabien (29): Im Machtspiel des Nahen Ostens beginnt mit der Wahl Morsis eine weitere Runde. Eine neue strategische Option für Erdogan

Im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts gab es ein komplexes Machtgefüge, innerhalb dessen der Kanzler Bismarck das Jonglieren "mit fünf Glaskugeln" beherrschte. So jedenfalls schrieb es ihm sein Kaiser Wilhelm I. zu; und Bismarcks Nachfolger Caprivi hat es erwähnt, als er anläßlich von Vertrags­verhandlungen mit Rußland kundtat, daß er selbst dieses Spiel leider nicht beherrsche.

Es gab damals die fünf europäischen Groß­mächte England, Frankreich, Österreich, Rußland und Deutschland, die miteinander um Macht und Einfluß kämpften; mit wechselnden Allianzen, mit einem komplexen System von Verträgen. Ähnlich sieht es, seit die USA sich aus dem Irak zurückgezogen haben, im Nahen Osten aus.

Hier sind allerdings nur vier Kugeln im Spiel: Der Iran, die Türkei, Saudi-Arabien und Ägypten. Auch hier wechseln die Allianzen.

26. Juni 2012

Es wird ernst!

Die von den Verantwortlichen gerne zur Ablenkung als "Eurokrise" bezeichnete Schuldenkrise in Europa scheint in eine neue Phase zu treten. 

Die erste Phase ab dem Frühjahr 2010 war eine des hektischen Improvisierens. Merkozy und Genossen waren durch den griechischen Bankrott völlig überrascht worden. Und sie hofften durch erst zweistellige, dann dreistellige Milliardentransfers die Lage beruhigen zu können. 

Spätestens im Sommer 2010 muß ihnen klar geworden sein, daß sie die Krise nicht bewältigt, sondern nur vergrößert hatten. Offziell wurden "die Spekulanten" als Sündenböcke benannt und es begann die zweite Phase: Die Ad-Hoc-Finanzmaßnahmen sollten durch feste Institutionen abgelöst werden, durch "Schirme" und Verträge à la EFSF, ESM und "Fiskalpakt". 

Wie zu erwarten war hat all' dies die Krise nicht lösen können. Man kann eben ein Schuldenproblem nicht durch Aufnahme von noch mehr Schulden lösen. Es beginnt nun die dritte Phase, Schäuble droht mit der "perfekten Lösung" - nämlich der vollständigen Zentralisierung der Macht in Europa.

Marginalie: Ägyptens Präsident Morsi hat der iranischen Agentur Fars gar kein Interview gegeben? Hier ist es, in fünf Teilen

Das fängt ja gut an, möchte man sagen.

Dr. Mohamed Morsi Issa Ayyat ist seit Sonntag der gewählte, wenn auch noch nicht vereidigte Präsident Ägyptens. Und schon hat er seine erste Affäre.

Die iranische Nachrichtenagentur Fars hat ein Interview mit ihm veröffentlicht, geführt nach deren Angaben am vergangenen Sonntag in den Stunden vor der Verkündigung des Wahlergebnisses. In diesem Interview sagte Morsi bemerkenswerte Dinge, die beispielsweise der Sender Al Arabiya und die Kairoer Zeitung Al Ahram verbreiteten

Marginalie: Die Ineffizienz der Energieeffizienz. Denn der Verbraucher, er will nicht so

Gewiß, Deutschland ist nicht Mexiko. In Mexiko wäre vermutlich niemand auf den Gedanken verfallen, über die Frage der künftigen Stromerzeugung ausgerechnet eine Ethikkommission beraten zu lassen. In Mexiko, wie in den meisten Ländern der Welt, sind Erzeugung und Verbrauch von Strom Themen der Wirtschaft und der Technologie, nicht der Ethik und des Gewissens.

Und dennoch - vielleicht sollte auch in Deutschland das zu denken geben, was kürzlich im "Handelsblatt" Malte Buhse über Energiesparen in Mexiko berichtete.

25. Juni 2012

Marginalie: Morsis "Druckausgleich" und das "Islamische Erwachen". Der neue ägyptische Präsident wendet sich in Richtung Teheran

Ägyptens neuer Präsident, Dr. Mohamed Morsi Issa Ayyat, ist promovierter Ingenieur, Fachgebiet Metallurgie. Am gestrigen Montag, als das Wahlergebnis noch nicht verkündet worden war, er es aber vermutlich schon kannte (es war den Kandidaten vorab mitgeteilt worden), gab er der iranischen Nachrichtenagentur Fars ein Interview.

Der Wortlaut des Interviews ist noch nicht publiziert, aber Teile seines Inhalts wurden heute beispielsweise von der Kairoer Zeitung Al Ahram und dem arabischen Sender Al Arabiya wiedergegeben.

Zitat des Tages: "Die Deutschen akzeptieren mehr und mehr Kontrollen und Verbote". Eine Untersuchung zum Verständnis von Freiheit in Deutschland

... anders als noch vor wenigen Jahren ist heute vor allem die junge Generation der Meinung, dass jeder seines Glückes Schmied sei. (...) Als gegenläufige Entwicklung hierzu muss man die Tatsache deuten, dass die Bevölkerung mehr und mehr dazu neigt, gesellschaftliche Ziele aller Art als Aufgabe des Staates zu sehen, mehr und mehr Kontrollen und Verbote in zahlreichen Lebensbereichen zu akzeptieren oder sogar zu fordern.
Aus dem Geleitwort von Ulrike Ackermann zum Freiheitsindex Deutschland 2011, einer umfassenden empirischen Untersuchung zum Verständnis von Freiheit in Deutschland.

Kommentar: Endlich!

Es gibt kaum einen Aspekt deutscher Befindlichkeit, dem sich Sozialwissenschaftler und Demoskopen nicht mit Hingabe widmen. Fragen aber, wie sie Ulrike Ackermann in ihrem Geleitwort formuliert, sind bisher kaum gründlich und systematisch untersucht worden:

24. Juni 2012

Eilmeldung: Morsi zum Wahlsieger in Ägypten erklärt

Die ägyptische Wahlkommission hat auf einer Presse­konferenz, die von Al Jazeera übertragen wurde, soeben "im Namen Allahs des Allmächtigen" Mohamed Morsi zum Wahlsieger erklärt.

Der Vorsitzende der Wahlkommission, Farouk Sultan, hat es spannend gemacht, indem er zunächst eine längere Rede hielt, bevor er endlich mit dem Namen herauskam. Das dauerte fast eine Stunde.

Marginalie: Der "Marsch für das Leben", die Deutsche Bahn und eine feministische Ereiferung. Wo endet die Demokratie?

An sich eine Lappalie; eine feministische Ereiferung. Bemerkenswert wird sie dadurch, diese Ereiferung, daß sie dem Ressort "Wirtschaft" von "Sueddeutsche.de" einen zweiseitigen Artikel wert ist.

In diesem Artikel von Hannah Beitzer, der am Freitag erschien, findet man das folgende Zitat:
"Es ist schade, was heute alles unter 'Demokratie' und 'freiheitlich' subsumiert wird, in diesem Fall Homophobie und ein Angriff auf die Selbstbestimmungsrechte von Frauen."
Die das laut "Sueddeutsche.de" so formulierte, ist Magda Albrecht, die den feministischen Blog "Mädchenmannschaft" betreibt (laut Eigenwerbung 2009 sowohl für den "Grimme Online Award" als auch für den "Deutschen Medienpreis" nominiert).

Worum geht es?

23. Juni 2012

Todesstrafe und Ökostrategie. Ein Gastbeitrag von Juno

"Spiegel Online" meldet auf seiner Wissenschaftsseite Erstaunliches:
Hawaiianern drohte Todesstrafe bei falscher Altenpflege

Wer zu wenig oder falsch pflegte, konnte des Todes sein. Jahrhundertelang galten auf Hawaii strenge Regeln, um die Alten zu schützen: Die moderne Gesellschaft könnte viel vom alten Gesetz der Insulaner lernen, meinen zwei Forscher, die Hawaii mit Florida verglichen haben.
Was ist daran erstaunlich? Natürlich nicht so sehr die Bräuche alter Naturvölker. Dass es bei diesen, gemessen an unseren heutigen Maßstäben, manchmal brutal und blutig zuging, wissen wir ja im Prinzip.

Das eigentlich Erstaunliche ist, dass "Spiegel-Online" hier mit einem billigenden, ja sogar fast empfehlenden Ton über die Todesstrafe schreibt.

Marginalie: Die Brisanz des syrisch-türkischen Flugzeugzwischenfalls

Nach einer Dringlichkeits­sitzung des türkischen Nationalen Sicherheitsrats hat Premier Erdogan gestern eine sorgfältig formulierte Erklärung abgegeben, in der mitgeteilt wird, daß ein türkisches Flugzeug von der syrischen Luftabwehr abgeschossen wurde. Die Türkei werde "entschlossen mit den notwendigen Schritten antworten".

Nach der Analyse von Stratfor hat die Türkei sich damit wahrscheinlich zu einem militärischen Gegenschlag entschlossen, der über die bisherige finanzielle, logistische, militärische und politische Unterstützung der syrischen Rebellen hinausgeht.

Marginalie: Breivik-Prozeß - "Im Zweifel für den Angeklagten"? Das Loch in der Logik der Staatsanwaltschaft

"Im Zweifel für die Anstalt" titelte die FAZ. "Im Zweifel geisteskrank" lautete die Überschrift bei "Spiegel-Online". Die beiden Artikel erschienen, nachdem am Donnerstag die Staatsanwaltschaft ihr Schluß­plädoyer im Osloer Breivik-Prozeß gehalten hatte. Beschrieben wurde eine juristische Argumentation der Staatsanwälte, die in "Spiegel-Online" Gerald Traufetter und Espen A. Eik den "Trick mit dem Zweifel" nennen.

In der Tat entwickelten die Staatsanwälte Inga Bejer Engh und Svein Holden eine verblüffende Argumentation; Holden trug sie in seinem Teil des gemeinsamen Plädoyers vor.

22. Juni 2012

"Lies nicht mit den Schmuddelkindern!" Sarrazin, seine intellektuellen Gegner und das nationale deutsche Interesse. Ein Gastbeitrag von Juno

An Thilo Sarrazin scheiden sich in Deutschland die Geister. Und zwar buchstäblich: Sage mir, wie du es mit Sarrazin hältst, und ich sage dir, wer du bist! Lesen ist gar nicht nötig, es geht vor allem um Bekenntnis und Gruppenzugehörigkeit: Kaufen oder boykottieren - das ist hier die Frage.

Absurderweise sind es gerade die im eigenen Verständnis linksliberalen Meinungsbildner, die den Boykott zur Pflicht aller Anständigen erklärt haben. Ausgerechnet diejenigen, die sich als die Debattenführer in Politik und Medien sehen, wetteiferten zuletzt darin, Sarrazin bereits vorbeugend aus dem Kreis des Diskussionswürdigen zu verbannen. Motto: "Lies nicht mit den Schmuddelkindern".

Zettels Meckerecke: "Dreistigkeit". Was ein Leitender Redakteur des "Spiegel" zur Debatte über den Islam in Deutschland beizutragen hat

Gehört der Islam zu Deutschland?

Ja, ist denn dieses Thema nicht ausgelutscht, nach allen Seiten gedreht und gewendet; ist es nicht hin und her und nochmals her und hin diskutiert worden? Gibt es noch irgendeinen Aspekt, der nicht beleuchtet, ein Argument, das nicht wieder und wieder vorgetragen worden wäre?

Das ist schon so.

21. Juni 2012

Deutschlands demographische Zukunft. Eine ausgezeichnete interaktive Grafik zu Sarrazin (2010). Vom Statistischen Bundesamt

Nicht immer sagt ein Bild mehr als tausend Worte. Aber sehr oft sagt eine Grafik mehr als viele Zahlen. Jedenfalls dann, wenn sie diese Zahlen treffend visualisiert; und vor allem dann, wenn sie interaktiv ist - wenn man also selbst entscheiden kann, was man sehen möchte; wenn man zwischen Modellannahmen wählen und sich deren jeweilige Konsequenzen zeigen lassen kann.

Eine solche Grafik zu demographischen Entwicklung Deutschlands habe ich jetzt dort gefunden, wo ich sie am wenigsten vermutet hätte - bei einer Behörde. Es ist das Statistischen Bundesamt.

Klicken Sie einmal hier.

Marginalie: In Ägypten bereiten die Sicherheitskräfte den Schutz koptischer Kirchen vor. Siegt Shafiq, werden Ausschreitungen erwartet

Eigentlich sollte Ägyptens zentrale Wahlkommission SPEC heute verkünden, ob Mohamed Morsi oder Ahmed Shafiq die Wahl zum Präsidenten gewonnen hat. Jetzt wurde mitgeteilt, daß mit der Bekanntgabe des Ergebnisses erst für Samstag oder Sonntag zu rechnen ist.

Zur Begründung heißt es, es müßte noch Beschwerden beider Bewerber wegen Unregelmäßigkeiten und Wahlfälschungen nachgegangen werden. Dazu gehört, wie die Online-Ausgabe von Al Ahram gestern schrieb, die Behauptung des Shafiq-Lagers, rund eine Million Stimmzettel seien von der angeblich islamistisch unterwanderten Staatsdruckerei bereits mit einem Kreuz für Morsi an die Wahllokale ausgeliefert worden