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4. Juli 2009

Zettels Meckerecke: Kein Krimi auf sächsisch. Über den bürokratischen Wahnwitz des öffentlich- rechtlichen Rundfunks

Erinnern Sie sich noch an Steffen Heitmann? Ja, richtig. Das war der konservative Christ, Theologe aus der DDR, den Helmut Kohl im Jahr 1993 als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten vorschlug.

Er fiel damals einer Medienkampagne zum Opfer, weil er Äußerungen getan hatte wie diese: "Eine multikulturelle Gesellschaft kann man nicht verordnen, sie kann allenfalls wachsen". Das galt damals - gerade mal sechzehn Jahre ist's her - als "reaktionär".

Ich hatte gar nicht gewußt, daß Heitmann noch ein aktiver Politiker ist. Das ist er. Noch; denn zur Wahl des Sächsischen Landtags am 30. August tritt er nicht mehr an.

Nun also ist er wieder in den Schlagzeilen, der Steffen Heitmann; genauer: in den Vorausmeldungen von "Spiegel- Online".

Wegen dem Sächsischen. Wegen was? Wächn dem Säggsschn. Heitmann nämlich hat sich zu Wort gemeldet und fordert, "wieder mehr die im MDR-'Sendegebiet beheimateten Dialekte' zu pflegen"; so die Vorausmeldung. Vorbildlich sei da der Bayerische Rundfunk. "Skandalös" gar findet es Heitmann, daß selbst im MDR-Tatort nur Nebenfiguren sächsischen Dialekt sprechen dürften.

Falls es stimmt, dann ist das in der Tat ein Skandal. Nicht wegen des sächsischen Dialekts, sondern wegen des Umstands, daß die Bürokraten eines öffentlich- rechtlichen Senders selbst das festlegen - welchen Dialekt die Personen in einer Kriminalserie zu sprechen haben, oder eben nicht.

Und es scheint schon zu stimmen. Denn so schließt die Vorab- Meldung:
Beim MDR heißt es, die Prüfung der Frage, ob Sendungen mit sächsischer Sprachfärbung ausgestrahlt werden könnten, habe kurz vor dem Abschluss gestanden. Doch dann sei die Nachricht gekommen, dass Sächsisch der unsympathischste deutsche Dialekt sei. Man prüfe nun weiter.
Man prüft weiter. Vermutlich ist eine Kommission eingestzt, die jetzt monatelang darüber brütet, ob ein Kriminalkommissar oder ein Mörder im sächsischen "Tatort" leicht, kräftig oder ganz stark sächseln darf oder nur mit geringem sächsischem Akzent sprechen.

Vielleicht findet man nach langen Beratungen und Verhandlungen ja eine Lösung - ein Mörder darf mittelschwer sächseln, ein Kommissar leicht, und eine Leiche hat überhaupt den Mund zu halten.



So ist das, wenn Kultur zur Beute von Bürokraten wird. Statt es den Drehbuchschreibern zu überlassen, ob und wie sie innerhalb der Dramaturgie einer solchen Serie wen welche Mundart sprechen lassen; statt es den Regisseuren und Schauspielern zu überlassen, wie sie das umsetzen, wird so etwas par ordre du mufti festgelegt, von den Damen und Herren Bürokraten höchstselbst.

Auf Kosten der Gebührenzahler, die gezwungen werden, diesen bürokratischen Fettbauch zu mästen. Von seinem "Steuergeld", wie man in Sachsen wohl sagt oder sagte.

Woher ich das weiß? Von einem sächsischen Großonkel, der diese Geschichte zu erzählen pflegte:
Bilden Sie einen Satz mit "Furche", "Sonne", "Norwegen" und "Wasser"! Lösung (auf Sächsisch vorgetragen): "Forche Woche machde mein Vadder bangrod. Sonne Bleide! Nor wächen's Steuergeld. Wasser nu machd, wäs'ch nischd".
In einem "Tatort" MDR hätte - wenn die Meldung des "Spiegel" stimmt - diese Geschichte, die mich als Kind sehr amüsiert hat, kein Kommissar und kein Mörder erzählen dürfen. Allenfalls eine Nebenfigur. Also vielleicht der Gärtner, der es dann doch nicht war.



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23. Februar 2009

Zitat des Tages: Die "Voraussetzungen für eine staatlich kontrollierte Bewußtseinsindustrie". Frank Schirrmacher macht sich Sorgen um den Rundfunk

In Zeiten, da alle Verbände und Parteien sich per Internet manifestieren können, ist ihr Mittun in den öffentlich- rechtlichen Gremien zumindest fragwürdig. Wer ihnen durchgehen lässt, dass sie eine Personalpolitik nach Parteibuch wie in der alten Republik durchziehen, schafft angesichts der Vergesellschaftungstendenzen in der Gesamtgesellschaft und der Krise traditioneller Medien die Voraussetzungen für eine staatlich kontrollierte Bewusstseinsindustrie.

Der Mitherausgeber der FAZ Frank Schirrmacher zu Bestrebungen, den Vertrag von Nikolaus Brender als Chefredakteur des ZDF nicht zu verlängern.


Kommentar: Fragwürdig war das "Mittun" von Parteien und Verbänden (vulgo: ihre Herrschaft über die Rundfunk- Räte) nun freilich schon immer.

Diese Fragwürdigkeit beruht nicht darauf, daß die Parteien und die mit ihnen jeweils verbündeten "gesellschaftlich relevanten Gruppen" (von den Gewerkschaften über die Kirchen bis hin zu - beispielsweise im Rundfunkrat des NDR - dem Landesmusikrat Schleswig- Holstein e. V.) eine Macht okkupieren würden, die ihnen nicht zusteht.

Sondern diese Macht ist ihnen ausdrücklich durch die Rundfunk- Verträge verliehen. Auch wenn die aus den Parlamenten entsandten Vertreter der Parteien in den Rundfunk- Räten nicht die Mehrheit haben, sind sie doch fast durchweg der Kristallationspunkt für die übrigen Mitglieder. Irgendwie muß man ja Mehrheiten bilden, und diese werden in der Regel von den Profis aus der Politik organisiert; mittels ihrer jeweiligen Sympathisanten aus den Verbänden.

Wie stellt sich Frank Schirrmacher denn Rundfunkräte vor, die anders funktionieren? Träumt er von Politikern, die keine Politik machen, sondern die in edler Selbstbescheidung nur über die Freiheit der Journalisten wachen?

Das hat es nie gegeben, und ich sehe nicht, wie es das geben kann. Wenn man die Herrschaft der Parteien über den öffentlich- rechtlichen Rundfunk abschaffen will, dann muß man den öffentlich- rechtlichen Rundfunk abschaffen.



Das allerdings wäre längst fällig. Dafür, daß der Rundfunk heute immer noch diesen Status hat - den man mit ebenso viel oder wenig Berechtigung dem Zeitungswesen oktroyieren könnte -, gibt es nicht mehr die geringste vernünftige Begründung.

Der öffentlich- rechtliche Rundfunk ist ein alter Zopf. Er geht zurück auf das Jahr 1919, als die frisch ins Amt gekommene Reichsregierung sich die Hoheit über den Rundfunk aneignete, um diesen nicht in die Hand von Revolutionären fallen zu lassen. Daß von den Benutzern Gebühren erhoben wurden, war sinnvoll, als 1923 der Sendebetrieb begann. Da gab es am Jahresende genau 467 Teilnehmer im ganzen Reichsgebiet. Daß diese für ihr exklusives Vergnügen zahlen sollten - und nicht der Steuerzahler -, war vernünftig.

Heute gibt es keinen Grund, warum beispielsweise Gottschalk oder Harald Schmidt uns nicht werbefinanziert zum Lachen bringen sollten. Wohl aber gibt es ein massives Argument dagegen, daß sie es öffentlich- rechtlich tun: Dann könnte es keine albernen Vorstöße aus den Rundfunk- Räten heraus mehr geben, wie jüngst den von Therese Wieland, frühere Ordinariatsrätin und jetzt Mitglied des Rundfunkrats des Süddeutschen Rundfunks, gegen "Schmidt & Pocher" und den von Angelika Niebler, Europa- Kandidatin der CSU, gegen Gottschalks "Wetten, daß ...?".



Daß jemand es hinbekommt, dieses Monstergebilde des öffentlich- rechtlichen Rundfunks abzuschaffen oder wenigstens (wofür ich bin) auf aus Steuern finanzierte Bildungs-, Kultur- und Wissenschafts- Programme zu reduzieren; ist freilich unwahrscheinlich. Dafür dient dieses System zu vielen mächtigen Interessen.

Nur: Daß dann, wenn die Mächtigen ein solches Instrument haben, sie es auch nutzen - wer kann ihnen das verdenken? Es ist ihr gutes Recht. Ihr gutes öffentliches Recht, sozusagen.

Mag sein, daß Vorstöße wie jetzt der von Frank Schirrmacher dem Chefredakteur Brender seinen Sessel erhalten. Daran, daß ein von Parteien kontrollierter Rundfunk nun mal ein Parteien- Rundfunk ist, ändert das nichts.



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26. Januar 2009

Zettels Meckerecke: Frau Dr. Niebler gebietet dem Verfall Einhalt. Anrüchiges im öffentlich- rechtlichen Fernsehen. Nebst einem Lob für Gottschalk

Zum ersten ist es sehr erfreulich, dass eine Europaabgeordnete sich die Zeit nimmt, Wetten dass..? zu gucken. Ihre Forderungen ans öffentlich- rechtliche Fernsehen decken sich exakt mit meinen. Im Kot- Bereich gehen sie offensichtlich auseinander. Denn wenn bei zwei Tierpflegern die Liebe zu ihren Schutzbefohlenen soweit geht, dass sie sogar deren Dung am Geruch erkennen können, ist das ein beruflicher Einsatz, den auch eine Europaabgeordnete anerkennend zu Kenntnis nehmen sollten. (...)

Als Mutter müsste sie wissen, dass auch bei Kindern hinten wieder rauskommt, was man vorne reinsteckt. Und noch keine Mutter der Welt hat sich davor geekelt.


Thomas Gottschalks Entgegnung auf die Intervention der Europa- Abgeordneten Dr. Angelika Niebler gegen die Sendung "Wetten, daß ...?" am vergangenen Samstag.

In der Sendung hatten zwei Tierpfleger gewettet, den Kot verschiedener Zootiere am Geruch unterscheiden zu können. Frau Niebler: "Diesem Verfall der guten Sitten müssen wir Einhalt gebieten, denn hier geht es um das Vertrauen der Zuschauer."

Kommentar: Jetzt hat es also Thomas Gottschalk wieder einmal in diesen Blog geschafft. Noch dazu zu diesem Thema! Sie finden, das ist unter dem Niveau von ZR?

Nein, da protestiere ich aber heftig. Fast so heftig, wie die Abgeordnete Niebler protestiert hat.

Denn erstens wird hier einmal wieder die absurde Bevormundung des von uns bezahlten Fernsehens durch Politiker deutlich.

Was in aller Welt hat eine solche, doch ganz ulkige Wette mit "Verfall der guten Sitten" und "Vertrauen der Zuschauer" zu tun? Nichts? Sie sagen es.

Und wenn die guten Sitten bei Gottschalk verfallen würden - was in aller Welt geht das die Europa- Abgeordnete Niebel an? Ja, gut, sie ist im Fernsehrat des ZDF. Aber - und das ist das zweite Ärgernis - sie macht sich ja nur vorgeblich in dieser Eigenschaft die Hände an diesem Thema schmutzig.

Denn vor allem ist die Abgeordnete Niebel in diesen Tagen Kandidatin. Am 7. Juni sind Europawahlen. Angelika Niebler steht auf Platz 2 der CSU-Liste. Also drängt es sie in die Schlagzeilen. Wenn es gar nichts anderes gibt, halt in drei Teufels Namen zum Thema Kot.

Non olet? Ich finde das schon anrüchig.



Im übrigen, lieber Leser, ist Thomas Gottschalk keineswegs unter dem Niveau dieses Blogs.

Der Mann macht seinen Job, und er macht ihn gut. Auf eine erfreuliche, eine zu lobende Weise absolviert er das mit Witz und Selbstironie. Bei keiner anderen Sendung dieses Sendeformats im deutschen TV vermittelt der Showmaster so fröhlich und mit soviel Augenzwinkern, daß er die ganze Chose selbst nicht allzu ernst nimmt; daß es ihm aber durchaus Spaß macht, uns damit ein wenig Spaß zu machen.

Damit freilich ist er zu leicht, zu lustig, zu seicht für das öffentlich- rechtliche Fernsehen, dieses seltsame Relikt aus der Zeit der Rundfunk- Pioniere.

"Witz" hatte ja einmal die Bedeutung von Intelligenz. Und intelligent ist er, dieser Thomas Gottschalk.

Das hat er im vergangenen Oktober gezeigt, als er den zürnenden Marcel Reich-Ranicki so geschickt besänftigte, daß dieser ihm gar, gerührt, die Duz- Bruderschaft antrug.

Und auch die jetzige Reaktion ist doch wieder vom Feinsten: Der Frommen Helene, die ihm moralisch kommt, nimmt Gottschalk den Wind aus den Segeln, indem er erstens an die in vielen Zoo- Serien gestärkte Tierliebe der Deutschen appelliert und zweitens dann auch noch ein niedliches Baby ins Spiel bringt.

Ist das nicht unwiderstehlich?



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11. September 2008

Kurioses, kurz kommentiert: "Ein Lichtstrahl aus dem Stillen Ozean". Otto E. Rössler erklärt uns den Weltuntergang

Dieter W. Feuerstein: Sie haben sich schon mehrfach mit erheblichen Bedenken zum CERN zu Wort gemeldet. Was befürchten Sie bei den bevorstehenden Experimenten?

Otto E. Rössler: Nach meinen Abschätzungen werden Schwarze Löcher mit einer Wahrscheinlichkeit von ca. 16 Prozent tatsächlich entstehen. (...) Sie werden ... stabil sein und vermutlich exponentiell wachsen.

Dieter W. Feuerstein: Wie müssen wir uns den Weltuntergang Ihrer Meinung nach vorstellen, wenn der LHC tatsächlich in Betrieb geht?

Otto E. Rössler: (...) Wahrscheinlich wird irgendein Satellit einen Lichtstrahl – mit größter Wahrscheinlichkeit aus dem Stillen Ozean, der größten Wasserfläche der Erde – erkennen. Die Strahlung wird zunehmen, Erdbeben sind die nächste Folge, dann geht aber alles recht schnell.(...)

Dieter W. Feuerstein: Die Experten haben sich mit Ihren Berechnungen bislang nicht befaßt. Gab es andere Versuche, ein Problembewußtsein in der Gesellschaft zu erzeugen?

Otto E. Rössler: Ich habe Gregor Gysi – den ich sehr verehre – einen Brief in dieser Sache geschrieben.


Aus der "Jungen Welt" vom 1. August 2008.

Kommentar: Dieser Otto E. Rössler trat gestern auch in den TV-Nachrichten auf.

Ein offenbar vielgefragter Experte? Ein besorgter Teilchenforscher?

Der Mann ist Mediziner und hat sich nach dem Studium der Biologie zugewandt. Er arbeitet als Biochemiker an der Eberhard- Karls- Universität Tübingen, an deren Gemäuer er auch schon einmal Graffiti sprühte.

Über Teilchenphysik hat er nie gearbeitet, geschweige denn dazu etwas in einer peer reviewed Fachzeitschrift publiziert. Sein Urteil über die am CERN geplanten Experimente hat - um beim Thema zu bleiben - das Gewicht null.

Daß die "Junge Welt" so jemanden in einem Interview zu Wort kommen läßt, in dem er freundlicherweise auch gleich seine Verehrung für Gregor Gysi kundtut - geschenkt.

Was aber bringt die Redaktionen beispielsweise des SWR oder gestern der Tagesschau dazu, jemandem ein öffentliches Forum zu geben, der offenbar zum Thema wissenschaftlich überhaupt nicht ausgewiesen ist? Der sich irgend etwas angelesen hat und abwegige Behauptungen aufstellt, die von Fachleuten einhellig als unseriös zurückgewiesen werden?

Eines der wenigen Argumente, die man für einen öffentlich- rechtlichen Rundfunk ins Feld führen kann, lautet, daß es dort seriöser zugehe als bei den auf Werbung angewiesenen Privaten. Man hat manchmal den Eindruck, die Sender legten es darauf an, dieses Argument zu untergraben.



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4. September 2008

Der 44. Präsident der USA (17): Hat Sarah Palin eine große Rede gehalten? Redenschreiber, Teleprompter und das öffentlich-rechtliche Fernsehen

Haben Sie jemals etwas darüber erfahren, wer für Barack Obama die Reden schreibt? Ich nicht.

Ich vermute, viele in Deutschland wissen gar nicht, daß er seine Reden so wenig selbst schreibt, wie irgend ein anderer amerikanischer Spitzenpolitiker das tut; dafür haben sie alle ihre Profis. Die Reden werden ihnen geschrieben (manchmal vielleicht nach ihren Anweisungen). Nur ablesen müssen sie sie selbst.

Allerdings nicht von einem altmodischen Manuskript auf dem Rednerpult, sondern von zwei - für die Kameras in der Regel unsichtbaren - Telepromptern, die links und rechts vom Rednerpult stehen.

Deshalb wandert der Blick, der Kopf des Redners, immer hin und her. Scheinbar den Kontakt mit allen Teilen des Publikums suchend. In Wahrheit beim Ablesen zwischen den beiden Telepromptern wechselnd.

Als Barack Obama in Berlin gesprochen hatte, hat ihn Ralph Giordano also ein wenig falsch beurteilt, als er meinte: "Er ist ein guter Rhetoriker, der eine halbe Stunde ohne Manuskript spricht - als sei er bereits der Präsident". Nein, er war nur ein, sagen wir, kreativer Ableser. Als sei er bereits der Präsident

Die Medien gehen darauf im allgemeinen nicht ein. Sie lassen uns die Illusion, die Redner trügen ihre eigenen Gedanken und Formulierungen vor; gar in freier Rede.

Es sei denn, es handelt sich um eine Rednerin, und sie heißt Sarah Palin.



Schon gestern bei CNN brachte eine den Demokraten sehr nahestehende Journalistin, Donna Brazile, die Bemerkung unter, die Rede Palins sei von Bush- Leuten verfaßt worden. Auch demokratische Politiker sagten das danach noch.

Und folglich erreichte diese Botschaft auch uns deutsche TV-Zuschauer. Heute Mittag in der Tagesschau um 13.00 sagte Ina Ruck über Palins Rede: "Die Rede stammt aus der Feder eines Redenschreibers von Präsident Bush".

Was uns das sagen will, liegt auf der Hand: Erstens, die gute Frau kann allenfalls das ablesen, was andere Leute ihr aufgeschrieben haben. Mehr hat sie nicht auf dem Kasten. Und zweitens sind das Leute vom bösen Bush; damit wissen wir ja, was wir von der Kandidatin Sarah Palin zu halten haben.



Und wie war sie nun wirklich, diese Rede? Lassen Sie mich, bevor ich dazu komme, eine allgemeine Bemerkung vorausschicken:

Wenn ich eine Rede, die ich im TV miterlebt habe, später im Wortprotokoll oder als den vorbereiteten Redetext lese, dann kann es passieren, daß ich enttäuscht - oder aber auch, daß ich positiv überrascht bin.

Manchmal wundere ich mich beim Nachlesen, daß mir die Rede so gut gefallen hatte; sie erscheint mir jetzt viel belangloser. Manchmal entdecke ich aber auch erst beim Lesen Aspekte, Feinheiten, Qualitäten, die mir beim Zuhören entgangen waren, und sie erscheint mir nach der Lektüre viel besser.

Der Inhalt einer Rede - das, was man im Wortprotokoll nachlesen kann - ist eben nur einer der Aspekte der vorgetragenen Rede. Deren Wirkung hängt auch von vielen anderen Aspekten ab - der Mimik und Gestik, der Art des Sprechens. Vor allem aber von einem Faktor, der schwer genau zu fassen ist und den man gern "Präsenz" nennt: Die Fähigkeit, die Zuhörer - vor allem, wenn sie auch Zuschauer sind - "in seinen Bann zu ziehen"; mit welchen Mitteln auch immer.



Vergangene Nacht habe ich die Rede von Sarah Palin in CNN verfolgt. Heute Vormittag habe ich sie im Wortprotokoll nachgelesen.

Sie ist eine jener Reden, die mir beim Zuhören ausgezeichnet gefielen und von denen ich beim Nachlesen enttäuscht war. Das spricht für die Präsenz der Rednerin.

Nein, es ist kein schlechter Text, wenn man ihn liest; man spürt da schon den Profi. Aber von jemandem vorgetragen, dem diese Präsenz fehlt - sagen wir, von Hillary Clinton oder in Deutschland von Angela Merkel - hätte er längst nicht die Stürme der Begeisterung ausgelöst wie heute Nacht in Dayton, Ohio.

Wie schaffte es Sarah Palin, durch die Art ihres Vortrags aus einem guten Redetext eine brillante Rede zu machen?

Schwer zu sagen. Sie setzte keines der Mittel der Rhetorik ein, mit denen Barack Obama operiert - diese herrische Gestik, diese Mimik mit dem à la Mussolini vorgereckten Kinn und dem konzentrierten Gesichtsausdruck, dem Crescendo in der Stimme, den gezielten Pausen, dem Wechsel zwischen ganz leise und sehr laut.

Nichts davon bei Palin. Also, was macht ihre Präsenz aus? Ich habe eben noch einmal die Aufzeichnung angesehen und glaube, ich habe eine Erklärung: Ihre Rhetorik besteht darin, daß sie keine Rhetorik hat.

Wenn Hillary Clinton spricht, bin ich immer in Versuchung, geistig abzuschalten. So künstlich, so antrainiert, so langweilig wirkt das alles.

Langweilig ist Obama nicht, sondern in gewisser Weise schon faszinierend. Aber aus jedem Knopfloch lugt die Selbstdarstellung, das Narzißtische díeses begnadeten Schauspielers hervor.

Palin hatte ihre Rede gewiß auch präpariert. Aber wie frisch, wie authentisch, kam sie rüber, im Vergleich zu diesen beiden anderen!

Meist gewinnend lächelnd, aber dann plötzlich mit einem Aufblitzen von Aggressivität, wenn sie Obama anging und dabei wie eine fauchende Katze die Nase - nein, nicht rümpfte, nicht kräuselte, irgendwie straffte. Dieses fast fröhliche Lachen, wenn sie eine Pointe gelandet hatte und das Publikum jubelte.



Wie die Hinterwäldlerin aus dem fernen Alaska wirkte diese Frau jedenfalls nicht. Sie wirkte geradezu unglaublich selbstsicher und selbstbewußt. In sich ruhend. "Abgeklärt" würde man bei einem Fußballer vielleicht sagen.

Was Hillary Clinton mit all ihrer Intelligenz, mit ihrer unendlichen Anstrengung nie geschafft hat - daß sie authentisch wirkt, daß ihr spontan die Herzen zufliegen - das hat Sarah Palin auf Anhieb hinbekommen.

Am Ende ihrer Rede gab es eine kleine, aber feine Überraschung:

John McCain, für den ein Auftritt gar nicht vorgesehen gewesen war, stand unversehens auf der Bühne, auf der sich inzwischen die Familie Palin versammelt hatte.

Er begrüßte alle, umarmte Sarah Palin, blickte sich dann stolz um und sagte: "Don't you think we made the right choice for the next Vice President of the United States?" Und dann wandte er sich der Famlie zu und sagte seinen zweiten Satz des Abends: "What a beautiful family". Sprach's, schüttelte noch ein paar Hände und trollte sich wieder.



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17. Juni 2008

Zitat des Tages: "Unkündbar, unabwählbar". Der Atavismus des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Wer mit einer Ware unzufrieden ist, verweigert den Kauf, wer glaubt, dass seine Steuern verschwendet werden, wählt eine andere Partei, wer an der Kirche verzweifelt, tritt eben aus. All diese Wege sind uns Radio- und Fernsehkunden versperrt - die einzige Möglichkeit, aus ARD und ZDF auszutreten, bestünde darin, alle Fernseh- und Radiogeräte aus dem Haushalt zu entfernen: Unkündbar, unabwählbar, das ist der Status der Leute, die angeblich die Demokratie garantieren und Wettbewerbsbedingungen für sich selber fordern.

Claudius Seidl in der FAZ

Kommentar: Wieso wird eigentlich der Rundfunk in Deutschland in dieser öffentlich- rechtlichen Form betrieben, während Zeitungen, Zeitschriften und andere Printmedien vom Staat unabhängig sind?

Das ist allein ein historischer Zufall. Es geht zurück auf das Funkregal von 1919, mit dem die Reichsregierung das Hoheitsrecht des Reiches zur Einrichtung und zum Betrieb von Sende- und Empfangsanlagen einführte.

Das war die Reaktion auf eine revolutionäre Aktion im November 1918, als sich Aufständische einer Rundfunkanalage bemächtigt und den "Sieg der Revolution" verkündet hatten.

Die Folge dieser staatlichen Kontrolle über die Sendeanlagen war, daß auch der Sendebetrieb, als er 1923 aufgenommen wurde, eine Angelegenheit des Staats war und dieser dafür Gebühren einzog.

Das ist heute alles so atavistisch wie die Postkutsche.



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22. Mai 2008

Zitat des Tages: Reyhan Sahin und der Bildungsauftrag des öffentlich - rechtlichen Rundfunks

Das kann sich ein öffentlich - rechtlicher Rundfunk, der auch einen Bildungsauftrag hat, nicht leisten

Therese Wieland, frühere Ordinariatsrätin und jetzt Mitglied des Rundfunkrats des Süddeutschen Rundfunks, laut "Süddeutscher Zeitung" über den Auftritt der Rapperin Reyhan Sahin bei "Schmidt & Pocher" am 24. April.

Kommentar: Mir war bisher nicht bewußt, daß die ARD die Sendung "Schmidt & Pocher" in Wahrnehmung ihres Bildungsauftrags ausstrahlt.

Schön wäre es ja, wenn das öffentlich - rechtliche Fernsehen auf einen Bildungsauftrag reduziert und aus Steuermitteln finanziert werden würde. Dafür plädiere ich seit langem.

Aber solange wir horrende Gebühren für die wenige Zeit zahlen, in der viele von uns noch einen der öffentlich - rechtlichen Sender einschalten, haben wir doch wohl auch ein Recht auf Sendungen ohne Bildungsauftrag.



Mir übrigens hat der Auftritt von Reyhan Sahin gefallen. In der türkischen Kultur, der sie entstammt, gibt es offenbar noch das, was sie perfekt spielt und bei ihrem Auftritt in Schmidts und Pochers Show witzig ironisiert hat: Die hemmungslose, ordinäre Schlampe. Den Gegentyp zur züchtigen Maid mit Kopftuch und gesenktem Blick.

Wie Reyhan Sahin diese Figur - man könnte vielleicht sagen: diesen Archetypen - gibt, das kommt mir erheblich ehrlicher und gekonnter vor als die ständigen Auftritte der Autorin Charlotte Roche, in denen sie für ein Buch mit offenbar ähnlicher Thematik wirbt.

Für ein Buch, das ich, zugegeben, nicht gelesen habe und wohl auch nicht lesen werde. Von dem ich aber ahne, daß es sich zu den Darbietungen von Reyhan Sahin ungefähr so verhält wie ein vegetarischer Gemüsebratling zu einem Porterhouse Steak.



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13. Mai 2008

Zettels Meckerecke: Oper im TV - dreimal kurz gemeckert

Arte übertrug gestern Abend "Cosí fan tutte": Eine opulente, muntere Aufführung des Festivals von Aix- en- Provence. Wie schön, wenn Mozart, wie hier von Patrick Chéreau, als Mozart inszeniert wird, statt daß ein Regisseur einen Komponisten, einen Autoren mißbraucht, um uns an seiner Weltanschauung und/oder seinen untherapierten neurotischen Konflikten teilhaben zu lassen.

Soweit ist da nichts zu meckern. Arte zeigte die Aufzeichnung einer gelungenen Inszenierung.

Eine Aufzeichnung. Und there's the rub. Wer aufzeichnet, kann weglassen. Der Endverbraucher zum Beispiel kann, wenn er aufgezeichnet fernsieht, die Werbepausen im Film weglassen. Und die Verantwortlichen des Fernsehens die Pausen im Theater.

Ja, glauben sie denn, ein Stück von - wie hier - drei Stunden hätte nur deshalb eine Pause, damit die Bühne umgebaut werden kann? Finden sie selbst, wenn sie in die Oper oder ins Theater gehen, es denn nicht erfreulich, daß man zur Halbzeit sich die Beine vertreten, ein wenig über das Gesehene und Gehörte plaudern, einen Piccolo trinken kann? Und sonstiges tun, wozu es einen ja vielleicht drängt?

Niemand - na gut, fast niemand - würde im Theater oder in der Oper drei Stunden ohne Pause spielen. Warum wird dann im TV in der Regel die Aufzeichnung ohne Pause gesendet? Hat man einen Vertrag mit den Herstellern von Festplatten- Empfängern mit Time Shift- Funktion?



Nun gut, man kann sich natürlich als Zuschauer, dem diese Funktion nicht zur Verfügung steht, selbst die Pause nehmen und einen Teil der Aufführung verpassen. Auch beim Fußball kommen viele Zuschauer ja erst wieder von den Klos und Bratwurst- Buden ins Stadion, wenn längst wieder angepfiffen ist.

Ich weiß nicht, wie das am Sonntag war, als die Aufzeichnung einer Oper nicht drei, sondern geschlagene fünf Stunden lang gesendet wurde, die der Wiener "Meistersinger" in 3Sat. Denn wir haben diese Sendung nicht gesehen. Teils wegen der abschreckenden Länge. Teils aber auch, weil ein Service fehlte, der bei der Übertragung von Opern selbstverständlich sein sollte: Die Untertitelung.

Es mag ja Genies der rezeptiven Sprachverarbeitung geben, die einen gesungenen Wagner- Text verstehen können. Ich nicht; jedenfalls überwiegend nicht.

Wenn ich aber Sprache höre, auch gesungene, dann versuche ich sie zu verstehen. Wenn das anstrengend ist, wenn es fortlaufend sogar mißlingt, dann komme ich mir vor wie ein Schwerhöriger oder wie jemand, der einer Konversation auf Griechisch zu folgen versucht. Nein, danke.

Gewiß, es gibt Musikbegeisterte, die die wichtigsten Libretti so einigermaßen auswendig können. Es gibt vermutlich auch Menschen, denen es nichts ausmacht, nichts zu verstehen, sofern sie nur ungefähr die Handlung kennen. Sie kommen ja wegen der Musik, vielleicht noch wegen der Kostüme und der Kulissen in die Oper. Es sei ihnen gegönnt, aber ich bin da halt anders. Ich will verstehen, was mir geboten wird.

Nicht nur ich scheine dieses Bedürfnis zu haben, und es scheint auch nicht neu zu sein. Meine Großeltern pflegten nicht nur mit dem "Opernglas" in die Oper zu gehen, sondern auch mit kleinen Textbüchlein, in denen sie gelegentlich mitlasen, wenn es hell genug dafür war.

Heute ist es für die Bühnentechnik natürlich kein Aufwand mehr, den Text zu projizieren. Erst recht ist es für das TV das Leichteste von der Welt, eine Aufführung zu untertiteln. Warum tat man es nicht, als gestern fünf Stunden lang Wagner übertragen wurde, von viertel nach neun bis viertel nach zwei?



Ja, von viertel nach neun bis viertel nach zwei. Womit ich bei der dritten Meckerei bin. Was denken sich die für das Programm Verantwortlichen bei solchen Sendezeiten? "Cosí fan tutte" begann gar erst um halb elf und lief bis halb zwei in der Nacht.

Gut, ich bin ein Nachtmensch und kann es mir leisten, das auch auszuleben; mich trifft das also nicht. Aber wie soll ein Zuschauer eine solche Sendung sehen, der am nächsten Morgen um sechs oder sieben Uhr aufstehen muß?

Aus den Programmen der ARD und des ZDF und auch der meisten Dritten sind Theater- und Opernübertragungen weitgehend verschwunden; man hat sie, wenn nicht gleich in den Theaterkanal, zu 3Sat und Arte abgeschoben. Und dort nun werden sie tief in die Nacht verfrachtet.

Deutlicher kann man die Mißachtung von Kultur kaum zum Ausdruck bringen. Das einzige, was das gebührenfinanzierte Fernsehen überhaupt rechtfertigen kann - daß es sich leisten kann, auch ein wenig kulturorientiert zu sein -, wird so absolviert, als wolle man die Zuschauer einladen, von dieser Programmsparte nur ja keinen Gebrauch zu machen.



Genug gemeckert. Zum Schluß das Positive, damit Sie nicht fragen müssen: "Und wo bleibt das Positive?" Hier ist es, und sie werden vielleicht überrascht sein, es hier in ZR zu lesen: Ich empfehle Musikfreunden das cubanische Staatsfernsehen, Cubavisión Internacional. Die Frequenzdaten findet man hier.

Ich verfolge dieses Programm regelmäßig, seit Castro krank wurde und sich damit Veränderungen in Cuba abzeichneten, und habe Informationen aus diesem Programm auch hier in ZR immer wieder einmal verarbeitet.

Diese politische Sendungen sind natürlich so, wie Fernsehen überall im Sozialismus ist: Zum Gähnen langweilig, einseitig und uninformativ, interesssant nur im Hinblick auf die politischen Tendenzen, die man aus ihnen ablesen kann.

Empfehlenswert aber sind die Musiksendungen in Cubavisión. Viel gute caribische Folklore, auch anspruchsvolle Ballettsendungen. Und viel Jazz. Heute zum Beispiel eine Sendung über den und mit dem Jazzpianisten Frank Emilio. Sendezeiten 16.15 und 20.00 Uhr MEZ.



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24. April 2008

Zettels Meckerecke: Demographischer Schwachsinn

Vielleicht haben Sie es sich ja schon lange abgewöhnt, noch die ARD einzuschalten, außer Schmidt und Pocher am Donnerstag, und Montags die Wiederholung von Dittsche, den Sie am Samstag, auf dem neuen Sendeplatz, mal wieder versäumt haben. Dann sind Sie gut dran.

Wer allerdings, vielleicht ja nur aus alter Gewohnheit, in diesen Tagen regelmäßig die ARD oder auch nur eines der Dritten einschaltet, der hat eine gute Chance, von einem Déjà Vu ins nächste befördert zu werden.

Mit einem Langeweile- Faktor, der nun doch schon erheblich an den "Deutschen Fernsehfunk" der DDR erinnert, läuft in dieser Woche nein, zwar keine Kampagne zum sozialistischen Ernteeinsatz, aber so etwas Ähnliches: Es ist eine "Themenwoche". Das Thema der Themenwoche lautet "Demographischer Wandel".

Wenn man die zugehörige WebSite aufruft, dann trifft man, nach einer gewissen Ladezeit, auf eine neckische Animation, die ein wenig an die Bilderbücher erinnert, mit denen Kindern eine Lebenswelt anschaulich vor Augen geführt werden soll. Hier die der "Stadt".

Also sieht man, was so zu einer Stadt gehört: Eine Fabrik, ein Hochhaus, eine Bank, eine Busstation, ein Rathaus, einen Fluß usw. usw. "Und was haben wir denn hiiiiiier? - "Ein Auto" - "Und welche Farbe hat das Auto?" - "Rooot!" - "Richtig, Leonie, richtig, Lukas. Und was macht das Auto?"

Tja, da müssen Leoni und Lukas ein wenig beobachten, denn es ist ja eine Animation. Sie sehen dann, daß das rote Auto aus einer Art Carport fährt, an dem Hochhaus links in der kleinen Stadt, auf dem oben ein rotes Kreuz prangt, damit wir wissen, daß es ein Krankenhaus ist. Dann biegt es links ab, das rote Auto, und verschwindet hinter dem Hochhaus.

Und dann? Dann ist es weg, das rote Auto. Wie vom Erdboden verschluckt. Vielleicht in den Fluß gefallen? Doch nein! Wenn Lukas, wenn Leonie schön brav aufpassen, dann ist das rote Auto auf einmal wieder da. Ganz links oben fährt es ins Bild, hin zum dem Carport. Wie die Sonne, die im Westen unter- und im Osten wieder aufgeht, kommt das Auto, das hinter dem Hochhaus verschwunden war, ganz woanders wieder heraus.

Na, da staunen sie aber, der Lukas, die Leonie.



Sie finden, lieber Leser, so dämlich, so auf das Niveau von Erstkläßlern zugeschnitten wie diese Animation kann doch der Internet- Auftritt der ARD zu dieser "Themenwoche" nicht sein?

Dochdoch. Das geht schon. Denn die Zielgruppe sind zwar nicht Erstkläßler, aber doch sowas Ähnliches, nämlich die Alten. Da muß man alles schon kindgerecht aufbereiten. Also, "Unsere Kleine Stadt", das ist der Einstieg in die einzelnen Themen, für diejenigen, denen es schwer fiele, eine Liste zu lesen.

Stellen Sie sich vor, sie gehören zur Zielgruppe. Dann müssen Sie jetzt mit Ihrem Cursor - wissen Sie, das ist dieser kleine Pfeil, den sie mit der Maus bewegen können (die Maus, das ist dieses kleine Ding in Ihrer Hand) - also, Sie führen jetzt Ihren Cursor über diese unsere Kleine Stadt, und wenn Sie zum Beispiel auf dem Bankgebäude sind, dann werden Sie staunen: Dann erscheint nämlich eine Schrift, und auf der steht: "Bank: Soziale Sicherheit". Sie haben sich nicht verlesen: Bank, soziale Sicherheit. Und wenn Sie darauf klicken, dann erfahren Sie, was Sie darüber erfahren können, in der Themenwoche, in der ARD.

Sie finden, lieber Leser, ich langweile Sie mit dieser Schilderung? Ja, das ist schon möglich. Aber dann sehen Sie sich mal in dieser Themenwoche um, mit der sich die ARD nach ihrer Selbsteinschätzung "programmübergreifend ihrer gesellschaftlichen Verantwortung" stellt. Und wagen Sie es dann noch, mir Langweiligkeit vorzuhalten.

Da konnten Sie zum Beispiel im "Morgenmagazin" der ARD am Montag erleben, wie "TV-Pensionäre" die Sendung moderieren; am Dienstag waren Ballettänzer "im Alter von 64 bis 80 Jahren" zu bestaunen; und heute brachte ein "90jähriger Rocksänger" seine Kunst zu Gehör.

So beginnt der Tag bei der ARD in dieser Themenwoche. Und so geht es dann weiter, den lieben langen Tag. Bis Abends Wiso über die Rentner aufklärt, die aus Spanien zurück nach Deutschland wollen, bis bei Beckmann Hildegard Hamm-Brücher "zum ersten Mal über das Älterwerden" spricht; bis bei Anne Will über "Die Alten übernehmen die Macht" diskutiert wird, dieweil andere Sendungen uns mit dem "3. Frühling" und "Senioren-Pop mit einem Schuß Erotik" Lust aufs Alter machen.

Und wer immer noch nicht genug hat, der kann sich über die "Altenheimhochburg Oyten" informieren, über ein "Altenheim für Migranten", über "Musizieren im Alter" und "Generationswechsel in der Landwirtschaft". Und so fort, Dutzende von Sendungen.



Was soll der Unfug? Die "gesellschaftliche Verantwortung", der sich die ARD- Verantwortlichen gefälligst zu "stellen" haben, besteht darin, uns für unsere Gebühren einen fairen Gegenwert zu liefern, uns also zu unterhalten, uns zu informieren. Wir bezahlen sie nicht dafür, uns mit einer Woche Sendungen zum immer selben Thema zu langweilen.

Nun gut, man braucht sie ja nicht einzuschalten, diese Sendungen. Zumal man viele schon kennt. Denn diese "Themenwoche" war zugleich die Gelegenheit, alte Sendungen zu recyclen.

"Mehr Zeit zu leben - Chancen einer alternden Gesellschaft" lautet der schönfärbende Obertitel dieser Themenwoche. "Eine neue Chance für alte Sendungen" wäre treffender gewesen.



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