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19. Januar 2008

Nokias empörende Entscheidung. Nokias rationale Entscheidung

Die erste, die spontane und sozusagen natürlich Reaktion war Empörung.

Da gibt es in Bochum eine Nokia- Fabrik, die gewinnbringend arbeitet. Die Mitarbeiter haben sich, so erfuhr man es aus den ersten Straßen- Interviews, große Mühe gegeben, es Nokia recht zu machen; gerade in den vergangenen Monaten. Sie haben sich abgerackert für dieses Unternehmen, so ähnlich sagte es eine Frau.

Und was macht dieses Unternehmen, dem diese gutgehende Fabrik mit ihren motivierten Mitarbeitern gehört? Es macht sie zu, diese Fabrik. Es kümmert sich einen Dreck um die menschlichen Tragödien, die es damit bewirkt. Ex und hopp. So geht man doch nicht mit Menschen um.

Das war die erste Reaktion, auch bei mir. Wut im Bauch. Eine Wut, die sich noch steigerte, als Weiteres herauskam.

Heraus kamen die Millionen- Subventionen, für die das Unternehmen die Hand aufgehalten hatte, nur um sich vom Acker zu machen, kaum daß die mit der Gewährung dieser Fördermittel verknüpfte Bindung erloschen war.

Heraus kam, daß man die Produktion in einen rumänischen Industriepark zu verlagern gedenke. Natürlich auch dieser wieder subventioniert. Bezahlt von uns, den Steuerzahlern, die wir den unersättlichen Brüsseler Subventions- Topf mit unserem sauer verdienten Geld füllen; ihn ständig nachfüllen müssen, damit die Euros aus ihm herausquellen können wie der Brei aus der Mühle im Märchen.

Und das Ganze wurde auch noch von einem Sprecher von Nokia, Typ Herrenreiter, in einem schneidenden Statement mitgeteilt, dessen Härte noch durch seinen finnischen Akzent unterstrichen wurde. Im Wortsinn sang- und klanglos mitgeteilt wurde das von ihm. So ungefähr wird es sich angehört haben, wenn die Opfer Stalins ihr Todesurteil vorgelesen bekamen.



Sie finden, lieber Leser, den Stil, in dem ich das beschrieben habe, unangemessen ironisch? Nein, ironisch soll er eigentlich nicht klingen. Worauf ich hinweisen möchte, das ist die Fülle an, sagen wir, Grund- Konstellationen, an nachgerade archetypischen Situationen, die da zusammenkommen.

Man könnte sagen, daß da Klischees erfüllt werden. Ich würde es weniger negativ ausdrücken: Es sind Frames, es sind Scripts, es sind Templates, die aktiviert werden; alles Begriffe, die man mit "Schema" übersetzen kann.

Und es sind nicht nur kognitive Schemata, sondern diese Schemata sind noch dazu reich an Emotionen.

Da werden Schwächere von Stärkeren aufs Kreuz gelegt; da wird all das ehrliche Bemühen mit Undank belohnt. Das weckt Mitleid, erzeugt Hilfsbereitschaft.

Da zeigen die Krupps brutalstmöglich ihre Macht über die Krauses. Klassenkampf- Phantasien werden wach.

Da tritt dieser Finne auf wie ein despotischer Aristokrat im "Zorro"- Film; es empört sich der Zorn der Ohnmächtigen gegen diese Arroganz der Macht.

Da entscheiden Fremde, die sich keinen Deut für unsere nationalen deutschen Interessen interessieren; wir scharen uns zusammen gegen diese Anderen, schließen die Reihen.

Und, das Bild der Bilder, von biblischer Kraft und Archaik: Da sind Heuschrecken über uns hergefallen, haben gefressen, was sie kriegen konnten, und ziehen jetzt weiter, um andernorts dem einzigen zu frönen, was sie können, nämlich fressen, verdauen und weiterfressen, bis alles kahl ist.



Ich will überhaupt nicht erörtern, wieweit diese Schemata in Bezug auf den aktuellen Fall zutreffen oder gar "wahr" sind. Das ist bei solchen kognitiven Schemata immer schwer zu sagen, weil sie einerseits ja nur dann aktiviert werden, wenn sie auf eine Situation in gewissem Umfang passen, und weil sie andererseits mehr enthalten als diese Situation selbst; weil sie über diese hinausgehen, sie anreichern, sie interpretieren. Sie repräsentieren mehr und anderes als die Wirklichkeit, aber sie sind auch nicht losgelöst von der Wirklichkeit.

Wieviel Wirklichkeit sie im jetzigen Fall enthalten und wieviel an Zutaten, das will ich, wie gesagt, unerörtert lassen. Ich möchte lediglich den bescheidenen Vorschlag machen, sie einmal, wenn man sich ihrer Wirksamkeit bewußt geworden ist, beiseitezuschieben, sie sozusagen zu suspendieren und die Situation nüchtern zu betrachten.

Dann sind, so scheint mir, einige Fakten unschwer zu erkennen:
  • Erstens, Nokia ist für die im Zusammenhang mit den Subventionen vereinbarte Zeit in Bochum geblieben. Danach war es frei, einen neuen Standort zu wählen.

  • Frau Thoben, Wirtschaftsministerin in NRW, hat gestern gesagt, Nokia habe Vereinbarungen nicht eingehalten, was die Zahl der zu schaffenden Arbeitsplätze anging. Das hat aber, wenn es denn stimmt, nichts mit der jetzigen Standort- Entscheidung zu tun. Frau Thoben hätte es schon früher rügen können und müssen. Es jetzt dem Konzern vorzuwerfen erscheint wie eine hilflose Straf- Aktion.

  • Zweitens, Investitionsentscheidungen sind keine moralischen, sondern kaufmännische Entscheidungen. Ein Vorstand würde gegen seine Pflichten verstoßen, wenn er einen unter kaufmännischem Gesichtspunkt ungünstigeren Standort einem günstigeren vorzöge.

  • Drittens, Handys werden in Deutschland, sieht man von dieser bisherigen Ausnahme Nokia in Bochum ab, so gut wie nicht mehr gefertigt. Ebenso, wie bei uns keine DVD-Player hergestellt werden, wie bis auf wenige hochwertige Nischenprodukte die gesamte Unterhaltungs- Elektronik dort produziert wird, wo die Arbeitskraft ungleich billiger ist als bei uns; also in asiatischen und osteuropäischen Ländern.

  • Mittels Subventionen eine deutsche Handy-Produktion am Leben zu erhalten, konnte vielleicht noch sinnvoll erscheinen, bevor Siemens das Handtuch warf. Im Nachhinein war es eine Fehlentscheidung; und Nokia macht jetzt nichts anderes, als sie zu korrigieren.

  • Man kann nun viertens, wie es die Kommunisten und die sogenannten Globalisierungsgegner oder -kritiker tun, das alles kritisieren, es als Auswüchse eines inhumanen Kapitalismus geißeln usw. Rezepte, wie man es denn anders machen könnte, lassen diese Kritiker vermissen; außer der Weltrevolution. Man kann ja den Rumänen oder den Chinesen nicht Löhne auf unserem Niveau verordnen.
  • Solange wir im Kapitalismus leben, wird die Globalisierung, wird im Zeitalter der globalen Kommunikation und des globalen Verkehrs das Entstehen einer Weltwirtschaft, das Entstehen großer Wirtschaftsräume wie der EU so wenig zu verhindern sein, wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, im Zeitalter der Eisenbahn und des Telegraphen, das Entstehen nationaler Wirtschaftsräume in Europa hätte nach Belieben unterbunden werden können.

    Erstmals können Länder der früher so genannten "Dritten Welt" und können Länder, die in kommunistischer Armut und Unterentwicklung gelebt hatten, ähnlich hochwertige Güter herstellen wie wir. Sie können sich, wie es immer der Traum der "Dritte- Welt- Bewegung" gewesen ist, damit aus ihrer Armut befreien.

    Sie können es nur tun, indem sie ihren einzigen Vorteil, das niedrige Lohnniveau, ausschöpfen. Die jetzige Entscheidung von Nokia reagiert auf diese Situation.



    Also, alles in Butter? Nein, keineswegs.

    Künstlich am Leben halten kann man einen Standort nicht, den das Unternehmen selbst nicht erhalten will. Aber man kann sehr viel dafür tun, daß den Betroffenen das Ende ihrer bisherigen Arbeitsstätte so wenig schmerzhaft wie möglich wird. Man kann und muß über Sozialpläne verhandeln, über Abfindungen, über Kredithilfen und andere Hilfen für die Betroffenen. Auf kommunaler Ebene muß natürlich geprüft werden, welche anderen Unternehmen man ansiedeln kann.

    Das alles geschieht in Deutschland üblicherweise, wenn eine Schließung droht.

    Und es ist bei uns noch etwas anderes üblich, woran sich der internationale Konzern Nokia nun allerdings überhaupt nicht gehalten hat: Wenn ein Unternehmen eine Schließung plant, dann knallt es sie nicht auf den Tisch, sondern es deutet erst einmal eine solche Möglichkeit an. Dann wird verhandelt. Die Gewerkschaften, die zuständige Landesregierung könne zeigen, wie sehr sie sich für die Interessen der Menschen einsetzen. Die Betroffenen können "etwas tun", indem sie Reden anhören, Plakate und Fahnen schwingen, vielleicht gar streiken.

    Das alles ändert zwar fast nie etwas an der Schließung, die ja aufgrund rationaler Kriterien erfolgt. Aber es macht sie doch psychologisch erträglicher. Und es bringt manchmal das Unternehmen in eine Situation, das eine oder andere Zugeständnis nachzuschieben, was Abfindungen usw. angeht.

    Dieses Ritual hat Nokia schnöde verweigert. Ökonomisch kann man den Verantwortlichen des Konzerns nichts vorwerfen. Aber psychologisch haben sie sich wie gefühlskalte Psychopathen aufgeführt.

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    25. Oktober 2007

    Ist der Islam eigentlich wichtig; ist es der terroristische, der totalitäre Islamismus?

    Der Islam interessiert mich nicht. Ich werde nicht Arabisch lernen, um den Koran lesen zu können, um die Auseinandersetzungen zwischen den Spielarten des Islam verstehen zu konnen. Wenn ich mich einmal mit Religionen beschäftigen sollte, dann mit dem Judentum und mit dem Buddhismus - zwei Religionen philosophischen Zuschnitts.

    Was mir der Islam, diese Verkündigungsreligion, überhaupt nicht zu sein scheint. Er scheint mir im wesentlichen in Vorschriften zu bestehen, die einzuhalten die Gläubigen verpflichtet sind, und ein paar schlichten Glaubenssätzen, die sie vermutlich just wegen ihrer Schlichtheit inbrünstig glauben. Die Gelehrten des Koran befassen sich, so scheint mir, hauptsächlich damit, zu entscheiden, was erlaubt und was verboten ist.

    Naja, vielleicht irre ich mich da. Ich verstehe halt nichts vom Islam.

    Ja, aber muß man sich denn nicht mit dem Islam befassen, weil er politisch so bedeutsam ist? Weil Moslems nach Europa einwandern, in solchen Scharen, daß manche gar eine "Islamisierung" Europas fürchten? Weil es einen kriminellen Islamismus gibt, der mit seinen Verbrechen weltweit die Völker zu terrorisieren trachtet?

    Weil ein islamisches Land, Pakistan, schon die Atombombe hat und ein zweites, der Iran, dabei ist, sie zu bauen? Weil im Irak eine Schlacht zwischen demokratischem Fortschritt und der Rückständigkeit einander und den Westen bekriegender Frommer geschlagen wird?



    Gewiß, das sind gegenwärtige Probleme, es sind aktuelle Krisenherde.

    Aktuell freilich auch in dem Sinn, daß diese Themen erst seit ein, zwei Jahrzehnten so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Verwandten vor vielleicht fünfzehn Jahren, der einen rechtskonservativen Informationsdienst, die "Vertraulichen Mitteilungen", bezog. Dort hatte er viel von der Gefahr des Islamismus gelesen und versuchte mir das nahezubringen. Ich hielt das für abwegig; so wie wohl fast alle, die sich damals für Politik interessierten. Propaganda von rechtsaußen, so sah man das seinerzeit.

    Nun, heute ist diese Präokkupation mit dem Islam längst kein "rechtes Thema" mehr. Gewiß nicht ohne Grund; sicherlich aufgrund der Ereignisse, die seither stattgefunden haben. Nicht zuletzt dadurch, daß die Bedrohung Israels, die lange Zeit von säkularen nationalistischen, oft auch sozialistischen arabischen Organisationen ausging, immer mehr zu einer Bedrohung durch islamistische Gruppen geworden ist.

    Aber sind das sozusagen säkulare Ereignisse? Ereignisse, die unsere Epoche prägen? Hat sich an der Bedrohung Israels etwas fundamental geändert dadurch, daß nicht mehr die PLO und die PFLP es von der Landkarte tilgen wollen, sondern die Hamas und die Hisbollah? Wird für spätere Geschichtsschreiber einmal der Islamismus im Mittelpunkt dessen stehen, was sie über die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts schreiben?



    Ich bezweifle das. In der kleinen Serie über die Misere Arabiens habe ich argumentiert, daß der Islamismus wesentlich eine Folge der Rückständigkeit des arabischen Kulturkreises ist; und ich habe auf einen der Faktoren aufmerksam gemacht, die meines Erachtens dafür kritisch sind: Arabien wurde nicht von einer westlichen Macht kolonisiert, sondern es gehörte Jahrhunderte zum rückständigen Osmanischen Reich.

    Der Erfolg vieler Staaten in den Teilen der Welt, die einmal die "Dritte Welt" hießen, beruhen auf Kultur und Bildung, vor dem Hintergrund einer eigenen alten Hochkultur (China, Japan, Indien) und/oder der Kultur, die von Kolonialherren übernommen wurde (Indien, die meisten anderen der heute erfolgreichen Schwellenländer).

    Die Araber aber haben eine jahrhundertelange Geschichte als Untertanen des Osmanischen Reichs hinter sich. Es fehlt ihnen - so habe ich in der Serie argumentiert - dadurch noch die Voraussetzung dafür, den Weg Indiens, Chinas oder auch Malaysias und Indonesiens zu gehen.



    Wenn das richtig ist, dann ist der Islamismus ein vorübergehendes Phänomen. Auch die Länder des arabischen Kulturkreises werden den Weg in die Moderne gehen, und auch dort werden religiöse Fanatiker, sobald die Moderne Einzug gehalten hat, wieder eine kleine, radikale Minderheit ohne politischen Einfluß sein; so, wie überall auf der Welt.

    Deshalb glaube ich nicht, daß in der Sicht späterer Historiker der Islamismus eine herausgehobene Rolle in der Geschichte der ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts spielen wird.

    Was sie einmal als die zentralen Charakteristika unserer Epoche sehen werden, das ist, da wir noch mitten in dieser Epoche stecken, naturgemäß schwer zu sagen. Man braucht Distanz, um ein Zeitalter charakterisieren zu können.

    Es gibt da viele Möglichkeiten: Vielleicht wird es der jetzt heraufziehende amerikanisch- chinesische Konflikt sein, der unser Zeitalter so kennzeichnet, wie der Kalte Krieg die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vielleicht wird es der Zerfall Afrikas sein, vielleicht ein Wiedererstehen des Kommunismus in Lateinamerika. Vielleicht sind es auch - obwohl ich das für eher unwahrscheinlich halte - klimatische Veränderungen, die einmal als das Hauptmerkmal unseres Zeitalters gelten werden.

    Vielleicht wird man aber auch unser Zeitalter, wie ich hier optimistisch vermutet habe, als dasjenige charakterisieren, in dem sich im Rahmen der Globalisierung Aufklärung, Kapitalismus, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit weltweit durchzusetzen begonnen haben.

    Der Islam jedenfalls wird, da bin ich ziemlich sicher, im Rückblick keine große Rolle spielen. Vielleicht wird man in seinem jetzigen Boom einen letzten Nachklapp des religiösen Zeitalters sehen, das mit der Aufklärung zu Ende ging.

    Und gar der terroristische Islamismus, der islamistische Totalitarismus, wie er in Afghanistan herrschte und wie er immer noch im Iran herrscht - ich denke, ihn wird man als die letzte Variante des Totalitarismus sehen, der mit dem Kommunismus, dem Nazismus und dem Faschismus die Mitte des 20. Jahrhunderts prägte.

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    11. Juni 2007

    Das Elend Afrikas, das Elend der Entkolonialisierung

    Thilo Thielke, der Afrika- Korrespondent des "Spiegel", hat sich in einem sehr lesenswerten Kommentar vom Herzen geschrieben, was vermutlich jeder schreiben könnte, der die Fakten kennt und der die politische Afrika- Folklore miterleben muß, wie sie bei uns in diesen Tagen von Köln über Rostock bis Heiligendamm wieder einmal "hunderttausende junger Menschen" in ihren Bann gezogen hat.

    Man kann sie ja verstehen, die jungen Leute, die wenig wissen, aber viel fühlen. Sie sehen die Bilder vom Elend in Afrika, sie sehen unseren Wohlstand. Und sie schließen, daß es den Afrikanern so schlecht geht, weil es uns so gut geht.

    Was - Thielke weist wieder einmal darauf hin - schlicht nicht wahr ist. Afrika wird nicht von den Europäern und Amerikanern ausgebeutet, sondern es leidet unter seinen heimischen Ausbeutern. Es ist arm, nicht weil wir es arm halten, sondern weil - mit Ausnahme der Südafrikanischen Republik, in einigen wenigen Bereichen - es keinem afrikanischen Land gelungen ist, eine moderne, wettbewerbsfähige Industrie aufzubauen.

    Ghana hatte, als es selbständig wurde, ungefähr dieselbe Wirtschaftskraft wie damals Südkorea und Taiwan. Es liegt nicht an der Politik der USA, der Europäer, daß Südkorea und Taiwan heute moderne Industriestaaten sind und Ghana nicht. Dazu schreibt der Afrika- Korrespondent des "Handelsblatts", Wolfgang Drechsler:
    Gerade die potenziellen "Lokomotiven" Nigeria, Kongo, Kenia oder Äthiopien, die mehr als 300 Millionen Menschen beherbergen, kommen nicht unter Dampf. Auch eine jüngste OECD-Studie bietet kaum Aussicht auf Besserung. Denn die für Afrika gemeldete Wachstumsrate von durchschnittlich fünf Prozent basiert auf einem extrem niedrigen Niveau und beruht fast ausschließlich auf dem globalen Rohstoffboom.

    Strukturen für eine nachhaltige Entwicklung findet man in Afrika kaum. Und von Integration in die Weltwirtschaft kann nach wie vor kaum die Rede sein. Viele Merkmale der Misere Nigerias, insbesondere Korruption und Missmanagement, finden sich auch in den anderen Teilen des Kontinents. Im Klartext: So gut wie alle Versuche einer selbstbestimmten postkolonialen Entwicklung sind in Afrika gescheitert.


    Auf den TV-Bildschirmen sehen wir dieses Elend in Afrika. Wir sehen den Wohlstand der USA, wir kennen den unseren. Also sind doch die einen arm, weil die anderen, die Reichen, sie ausbeuten; wie sollte es anders sein?

    Daß die wohlmeinenden, kenntnislosen jungen Leute das glauben, was sozusagen augenfällig zu sein scheint, kann man ihnen nicht verübeln. Diejenigen, die ihre "Bewegung" organisieren, die sie mit "Argumenten" versorgen, wissen es natürlich besser.

    Aber ihnen ist klar, daß die Empörung dieser junger Leute wunderbar für ihre Agitprop genutzt werden kann. In dieser Agitprop ist es ja nicht einfach "der weiße Mann", der für das Elend in Afrika haftbar gemacht wird. Sondern es ist "der Kapitalismus".

    "Der Neo-Imperialismus" hieß das früher. Diese allzusehr an Lenin erinnernde Vokabel ist aus der Massenlinie der antikapitalistischen Propaganda verschwunden. Also "die neoliberale Globalisierung"; das ist im Augenblick die Sprachregelung.




    Ich bin, was das Elend Afrikas angeht, im Lauf der Jahre immer pessimistischer geworden. Mir scheint immer plausibler, daß die Wurzel des Problems die Entkolonialisierung ist.

    Ein kurzer Blick zurück:

    Als, seit dem späten fünfzehnten Jahrhundert, Europa dank der wissenschaftlich- technischen Revolution, die die Renaissance eingeleitet hatte, die Welt zu erobern begann, gab es ein Problem der, sagen wir, kulturellen Ungleichzeitigkeit.

    Die anderen Hochkulturen - die chinesische, die japanische, die indische, die arabische - waren bis dahin der europäischen Kultur mindestens ebenbürtig, ihr in vielen Belangen überlegen gewesen.

    Aber mit der Renaissance, dann mit der Aufklärung, mit der daraus entspringenden Industrialisierung und dem ungeheuren Fortschritt der Wissenschaften seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts gewannen die Europäer einen immer größeren kulturellen (manche meinen: nein, nur "zivilisatorischen") Vorsprung gegenüber den anderen Hochkulturen; erst recht natürlich den Stammeskulturen, den Feudalgesellschaften in Afrika.

    Das begründete - im doppelten Wortsinn - die Dominanz der abendländischen (europäisch- nordamerikanischen) Kultur, die bis ins 20. Jahrhundert anhielt und die in unserer Zeit schwindet.

    Die alten Hochkulturen hatten stets die Voraussetzungen dafür, diesen - historisch gesehen, vorübergehenden - Vorsprung unserer abendländischen Kultur aufzuholen. Jede dieser Hochkulturen hat im Lauf der Jahrhunderte eine wissenschaftliche Tradition geschaffen, eine Tradition der Gelehrsamkeit. Jede hat städtische und komplexe staatliche soziale Strukturen, hat Menschen mit hoher Selbstdisziplin hervorgebracht. Über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende sind in diesen Hochkulturen Eliten entstanden - geistige Eliten, künstlerische Eliten, Machteliten.

    Dort, wo das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem das erlaubte, wie in Japan, Taiwan, Hongkong, Südkorea, Malaysia, begann auf dem Boden dieser Voraussetzungen das Aufholen des Westens schon früh; und es ist heute weitgehend abgeschlossen.

    Rotchina waren bis vor kurzem durch den Kommunismus Fesseln angelegt. Indien hatte ebenfalls jahrzehntelang auf den Sozialismus gesetzt; wenn auch einen weniger repressiven. Seit sich dort der Liberalismus durchgesetzt hat, erlebt das Land eine förmliche Explosion des wirtschaftlich- technischen Fortschritts.

    Alles Länder mit den Voraussetzungen, die das Ergebnis einer langen Entwicklung zur Hochkultur sind.



    Afrika hat sie nicht. Gewiß, nicht überall in Afrika war man im 19. Jahrhundert auf dem Niveau von Stammeskulturen, wie überwiegend südlich des Äquators. Es gab an den Küsten im Osten wie im Westen Länder, deren Gesellschaften mit den Feudalgesellschaften der dorischen Antike oder des europäischen Mittelalters vergleichbar waren.

    Aber es gab nichts, was der chinesischen, der japanischen, der indischen Hochkultur und den Kulturen in ihrem Umfeld vergleichbar gewesen wäre.

    Indien zu "kolonisieren" war eine Absurdität gewesen. Ebensogut hätten die Inder sich aufmachen können, Großbritannien zu kolonisieren. Die Selbständigkeit Indiens war eine historische Notwendigkeit; die Korrektur eines historischen Irrtums.

    Aber nachdem Indien am 15. August 1947 selbständig geworden war, entwickelte sich eine Dynamik der "Entkolonialisierung". Wenn Indien - warum nicht auch die Goldküste, die Elfenbeinküste? Warum nicht auch Belgisch- Kongo, Angola?

    Innerhalb von kaum zwei Jahrzehnten warf England, warf Frankreich die meisten der Kolonien ab wie Ballast, der ein Schiff niederzieht. Die Belgier folgten, am Ende auch die Portugiesen. Diese allerdings erst, nachdem sie vergeblich in Angola und in Mozambique kommunistische Aufstände bekämpft hatten.

    In Kenya hatten die Mau- Mau- Terroristen mit unglaublicher Brutalität gehaust. Von der "Barbarei von Wilden" sprach damals "Time Magazine". Es war zu befürchten, daß derartige "Befreiungskriege" bald den ganzen Kontinent überziehen würden. Die Kolonialmächte zogen es verständlicherweise vor, das Feld zu räumen. Die Kolonien waren längst nicht mehr profitabel. Ihretwegen blutige Kriege zu führen wäre unsinnig gewesen.

    Kein einziges der "in die Unabhängigkeit entlassenen" afrikanischen Länder war damals aber auch nur annähernd reif dafür, eine moderne Industrienation zu werden.

    Es hätte Jahrzehnte, wahrscheinlich ein Jahrhundert oder länger gedauert und riesige Investitionen gekostet, um in diesen Ländern die gesellschaftlichen Strukturen, den Bildungsstand, die Mentalität zu schaffen, wie sie China, Indien und Japan in Jahrtausenden entwickelt hatten.



    Das wollten und konnten die Kolonialmächte nicht. Zumal man sich im Kalten Krieg befand. Im Wettstreit zwischen dem Kommunismus und der Freiheit konnten es sich der freie Westen nicht leisten, sich dem Vorwurf des "Kolonialismus" auszusetzen, nur weil man riesige Geldmittel in die Entwicklung von Kolonien gepumpt hätte, die irgendwann doch selbständig geworden wären.

    Die Entkolonialisierung war für die Kolonialmächte rational. Für Afrika war sie eine Katastrophe.


    Es kam, wie es kommen mußte: Statt zu den entwickelten Industrie- Nationen aufzuschließen, fällt Afrika immer weiter zurück. Man exportiert nicht, wie China oder Malaysia, High Tech, sondern Rohstoffe. Man lebt immer mehr von Entwicklungshilfe; sozusagen als globale Sozialhilfe- Empfänger ohne die Aussicht, in das Erwerbsleben eingegliedert zu werden. Noch einmal Wolfgang Drechsler:
    Die Entwicklungsgelder, die einst als Hilfe zur Selbsthilfe gedacht waren, sind längst zu einer Dauerlösung verkommen, die alle Eigeninitiative erstickt.
    So ist es wohl. Und die Aussichten sind - soweit ich das beurteilen kann - hoffnungslos. Denn das, was vor einem halben Jahrhundert versäumt wurde - die allmähliche Entwicklung Afrikas unter fortdauernder Kolonial- Herrschaft - läßt sich heute nicht mehr nachholen.

    24. April 2007

    Eine Anmerkung zum Erfolg der Bundesrepublik Deutschland. Zugleich eine Ergänzung zur Oster- LobhudelEi

    Natürlich gab es viele Gründe dafür, daß die alte Bundesrepublik - unser Land also bis zur Wiedervereinigung - der erfolgreichste Staat Europas war. Nur von einem dieser Gründe ist hier die Rede; und zwar anläßlich der momentanen Situation in Frankreich.

    Als Deutschland rotgrün und Frankreich rechts regiert war, also zwischen dem Ende der neunziger und der ersten Hälfte der zweitausender Jahre, da gab es etwas ganz Untypisches: Deutschland rutschte in Europa ans Ende der Erfolgsskala ab, und Frankreich lag - quelle surprise! - vor uns.

    Heute ist klar, daß das nur an der Unfähigkeit, an der Rückwärtsgewandtheit der Rotgrünen gelegen hatte und daran, daß Frankreich zugleich das Glück hatte, nicht links regiert zu werden.

    Jetzt richten sich die Verhältnisse sozusagen wieder. Erneut schaut - wie seit Jahrzehnten, mit Ausnahme eben jenes Zwischenspiels - Frankreich auf Deutschland, und man fragt sich dort, warum man nicht so erfolgreich ist wie wir, die voisins d'Outre-Rhin, die Nachbarn jenseits des Rheins.



    Ja, warum? Ich möchte dazu eine These zur Diskussion stellen: Der Erfolg der Bundesrepublik Deutschland basiert - nicht ausschließlich, aber doch ganz wesentlich - darauf, daß bei uns wie in keinem anderen Land Euopas jede Variante des Extremismus diskreditiert war und ist. Und das verdanken wir unserer leidensreichen Geschichte.

    Der Rechtsextremismus war nach 1945 in Deutschland derart diskreditiert, daß er nach dem Untergang des rechtsextremen Verbrecher- Regimes keine politische Rolle mehr spielen konnte; sie nach Menschenermessen in Deutschland nie mehr spielen wird. (Weswegen, nebenbei gesagt, der "Kampf gegen Rechts" etwas Gespenstisches hat; Schattenboxen).

    Der Linksextremismus war in der Bundesrepublik ebenso diskrediert durch das kommunistische Verbrecher- Regime in der DDR.

    Nein, die DDR war bei weitem nicht so verbrecherisch wie das Dritte Reich; eine Gleichsetzung wäre abwegig. Sie war nur so verbrecherisch wie Franco- Spanien oder das Chile Pinochets; eine milde oder, wie Günter Grass es formulierte, "kommode" Form der Verletzung der Menschenrechte, der Behandlung der Menschen als unmündige Untertanen.

    Aber die UdSSR war unter Lenin und Stalin sehr wohl so verbrecherisch gewesen wie Hitlers Deutschland; und die DDR war ja nur ihr Ableger, ihr "Satellit", wie man in den fünfziger Jahren sagte.

    Also spielte in der alten Bundesrepublik der Rechtsextremismus keine Rolle, spielte der Linksextremismus keine Rolle.

    Vestigia terrent. Wer so hautnah erlebt hat wie wir Deutschen, wozu Extremismus unweigerlich führt (und kein anderes europäisches Volk hat diese doppelte Erfahrung innerhalb derselben Generationen gemacht), der ist immun gegen extremistische Versuchungen.



    Folglich gab es in der alten Bundesrepublik das, was man die "Gemeinsamkeit der Demokraten" nannte. Man hatte ja gemeinsam in der Haft der Gestapo gesessen, ob man nun ein linker oder ein rechter Widerstandskämpfer gewesen war. Man hatte gemeinsam das Exil in den USA gesucht, ob man nun links oder rechts gewesen war.

    Der Rechte Adenauer war ein erbitterter Feind der Nazis; so wie der Linke Schumacher ein erbitterter Feind der Kommunisten war.



    Anders gesagt: Das politische System war sozusagen abgedichtet gegen die Feinde der Demokratie. Alle Demokraten standen einander in ihren Überzeugungen ungleich näher als die linken Demokraten den linken Feinden der Demokratie, als die rechten Demokraten den rechten Feinden der Demokratie.

    Das war einmalig in einem demokratischen Europa, in dem es fast durchweg die Spaltung zwischen Links und Rechts gab, und nicht die zwischen Demokraten und Feinden der Demokratie.

    Das machte dieses System der alten Bundesrepublik Deutschland so stabil und damit so erfolgreich: Die Konsens- Demokratie.

    Nichts erregte in den Bundestagsdebatten der sechziger, der siebziger Jahre so sehr Abscheu, als wenn die demokratischen Linken den demokratischen Rechten absprachen, konsequente Gegner des Extremismus zu sein; oder umgekehrt.

    Da hagelte es Ordnungsrufe im Parlament, gegen Wehner auf der einen und den Baron von und zu Guttenberg auf der anderen Seite. Denn der Konsens der Demokraten war der höchste Wert. Jemanden zu verdächtigen, mit den Kommunisten oder den Nazis zu paktieren, war das Ehrenrührigste, was man dem politischen Gegner überhaupt vorwerfen konnte.



    In Frankreich war und ist das radikal anders. Die wichtigste Front verläuft dort nicht zwischen Demokraten und Feinden der Demokratie, sondern zwischen Linken und Rechten.

    Schon am vergangenen Wahlabend haben die kommunistischen Kandidaten und Kandidatinnen erklärt, ihre Wähler sollten im zweiten Wahlgang Ségolène Royal wählen. Und diese hat nicht etwa gesagt, daß sie von Feinden des demokratischen Rechtsstaats keine Stimmen bekommen will.

    Sondern im Gegenteil - Revolutionäre wie Buffet, Besancenot und Laguiller, die erklärtermaßen das parlamentarische System vernichten und die Diktatur des Proletariats errichten wollen, sind jetzt willkommene Unterstützer der demokratischen Sozialistin Royal. So, wie auch Sarkozy die Stimmen der Rechtsextremisten nicht verschmähen wird.



    Und das hat logischerweise seinen Preis. Solange die Extremisten in Frankreich nicht Parias sind, sondern Bundesgenossen der jeweiligen Seite, bestimmen sie die Politik mit.

    Und solange Extremisten mitbestimmen, kann es keine durchgreifende Modernisierung, keine ernsthaften neoliberalen Reformen geben; kann Frankreich also nicht zu Deutschland aufschließen.

    Also wird es mit Frankreich weiter abwärts gehen. Egal, ob nun Sarkozy mit den Stimmen der Anhänger Le Pens gewinnt oder Royal mit den Stimmen der Vierten Internationale.



    Freilich können Abhänge unterschiedlich steil sein.

    Ein Frankreich unter einer Präsidentin Royal hätte den Niedergang vor sich, den Deutschland unter Schröder erlebt hat.

    Sarkozy würde es sicherlich besser machen; aber die Rechtextremisten, denen er seine Wahlsieg verdanken würde, würden ihm Fesseln anlegen wie die Liliputaner dem Gulliver - tied to pegs.

    Ein Präsident, der seine Mehrheit den Feinden Europas, der Globalisierung, der Modernisierung verdankt, kann keine europafreundliche, keine die Globalisierung akzeptierende, keine moderne Politik machen.

    Das hätte nur Bayrou gekonnt, der von linken und rechten Demokraten, gegen die linken und rechten Extremisten, gewählt worden wäre.

    Vorbei.



    Wer sich für die sieben Folgen der Serie "Oster-LobhudelEi" interessiert, der/die gebe bitte "LobhudelEi" in die Suchfunktion dieses Blogs ein.

    9. April 2007

    Zettels Oster-LobhudelEi (6): Modell Deutschland. Eine Mini-Historie, Teil drei

    Das "glücklichste Volk der Welt" waren wir Deutschen beim Fall der Mauer - so sagte es der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Walter Momper.

    Damit traf er das allgemeine Empfinden.

    Diese Monate zwischen dem Oktober 1989 und Mitte 1990 waren für viele - auch für mich - die politisch intensivsten ihres Lebens. Emotional; denn was sich da abspielte, ließ niemanden kalt. Aber auch kognitiv: Meinungen und Einstellungen gerieten ins Wanken. Die Welt hatte sich so schnell verändert, wie das - jedenfalls in Mitteleuropa - über fast ein halbes Jahrhundert undenkbar gewesen war.

    Man konnte das im Grunde nicht fassen, was sich da zutrug. Eine Diktatur wurde nicht blutig gestürzt, sondern gab schlicht klein bei. Alle diese Spannungen, die in Deutschland dadurch bestanden hatten, daß wir im Westen reich und frei und die im Osten arm und unterdrückt gewesen waren, entluden sich in einem kollektiven Freudenrausch.




    Ich schiebe eine persönliche Erinnerung ein: Wir hatten über die Jahre der Trennung Kontakt zu Verwandten in der DDR gehalten, so gut es eben ging. Nun auf einmal "durften" sie "reisen". Wir haben sie zu Weihnachten 1989 zu uns eingeladen, und sie uns dann zu Ostern 1990 zu sich.

    Für die einen wie die anderen waren es nicht nur bewegende Erfahrungen der neu gewonnenen Gemeinsamkeit, der Möglichkeit von unbehinderten Kontakten; sondern es war auch ein riesiges Staunen.

    Die Verwandten gingen durch die Warenhäuser im Westen und konnten nicht fassen, was sie sahen. Sie konnten die Qualität des Straßensystems, den Zustand der Städte nicht fassen, nicht den ganzen für sie unvorstellbaren Luxus, in dem wir im Westen lebten.

    Und wir waren, als wir sie dann ein Vierteljahr später besuchten, erschüttert von der Armut, die in der DDR herrschte, von dem jämmerlichen Zustand dieses Landes.

    Weder die einen noch die anderen hatten sich die Kluft so groß vorgestellt.




    Kaum jemand in der Bundesrepublik hatte sich ein realistisches Bild davon gemacht, in welchem Ausmaß der Kommunismus das Land herunter gewirtschaftet hatte. Das Wort "marode" wurde auf einmal zu einem Modewort.

    Allmählich dämmerte es allen, daß dieses Land DDR, das in jeder Hinsicht am Ende gewesen war, nicht innerhalb von fünf Jahren zu "Blühenden Landschaften" werden konnte; wie wir alle es gedacht hatten. Helmut Schmidt galt als großer Pessimist, als er die Zeit bis zur Angleichung der Lebensverhältnisse auf 15 Jahre veranschlagte. Heute wissen wir, daß er selbst er ein zu großer Optimist gewesen war.

    Das lag allerdings auch daran, daß sich die unerwartet großen Probleme der Wiedervereinigung mit anderen Problemen verbanden. Wir sind mit dem Jahr 1990 in dem Jahr angekommen, von dem an die Überschrift "Modell Deutschland" immer weniger paßt. Aber nun gut, führen wir die Mini- Historie zu Ende.



    Es war schlicht zu viel, was in jenem Jahrzehnt an Problemen - nein, sich nicht einfach addierte, sondern multiplizierte. Denn jedes dieser Probleme machte die anderen schlimmer.

    Da stellte sich erstens also heraus, daß die DDR in einem ungleich schlechteren Zustand gewesen war, als selbst die skeptischsten Experten das gewußt hatten. Die Infrastruktur kaum über dem Stand von 1950; die Fabriken durchweg veraltet und nicht konkurrenzfähig; der Staat überschuldet; die Städte verrottet.

    Und vor allem: Die Bevölkerung durch sechzig Jahre Diktatur in einem Maß gezeichnet, wie kaum jemand sich das hatte vorstellen können - in ihrer Mehrheit (d.h. mit Ausnahme der Angehörigen der Nomenklatura und des Repressionsapparats auf der einen und dem Häuflein der Dissidenten auf der anderen Seit) überwiegend unselbständig, ängstlich, obrigkeitsgläubig, ohne Selbstvertrauen. Untertanen halt, wie sie jede Diktatur hervorbringt.

    Dieses am Boden liegende, rückständige Teil- Land wurde nun durch die Einführung der D-Mark und des Kapitalismus unvorbereitet in die Moderne katapultiert.



    In eine Moderne, in der sich die Regeln des ökonomischen Spiels grundlegend zu ändern begonnen hatten. Das nämlich trat zur gleichen Zeit als zweites Problem hervor.

    Bis dahin war es so gewesen, daß die Hochlohn- Länder die hochwertigen Waren herstellten und die Niedriglohn- Länder die weniger hochwertigen Waren, die folglich zu billigen Preisen angeboten wurden.

    Gewiß, es hatte Ausnahmen gegeben - Korea und Singapur, teilweise auch Japan, hatten anfangs hochwertige Waren zu niedrigen Gestehungskosten angeboten. Aber da das freie Gesellschaften waren, hatten sich die Löhne schnell angeglichen und damit die Produktionskosten.

    Jetzt trat aber China auf den Plan und holte in rasendem Tempo zu den Industrienationen auf, was die Fähigkeit anging, hochwertige Güter zu produzieren. Aber nicht, was die Löhne anging, denn eine kommunistische Diktatur kann ihre Untertanen beliebig arm halten.



    Also strömten zunehmend hochwertige Güter, vor allem der Elektronik, zu Tiefstpreisen auf den Weltmarkt. Das führte zu einer massiven Anpassungskrise in Europa. In Deutschland traf sie mit den Folgen der Wiedervereinigung zusammen und mit einem dritten, massivem Problem: Der steckengebliebenen Reform des Sozialstaats.

    Daß aus vielen Gründen der Sozialstaat nicht so weiter existieren konnte, wie er in den siebziger Jahren ausgebaut worden war, hatte schon ein Jahrzehnt zuvor Otto Graf Lambsdorff in seiner berühmten Denkschrift erkannt; dem "Lambsdorff- Papier", das eine entscheidende Rolle beim Bruch der sozialliberalen Koalition gespielt hatte. Eine Denkschrift von nur 15 Seiten, die nicht nur die damalige Situation brillant analysierte, sondern die auch heute, ein Vierteljahrhundert später, noch aktuell (also höchst lesenswert) ist. (Der Link zu der PDF-Datei findet sich an der verlinkten Adresse).

    Es hatte auch gegen Ende der achtziger Jahre zaghafte Versuche zum Gegensteuern gegeben. Aber dann stand die Bewältigung der Wiedervereinigung auf der Tagesordnung. Und die Bewältigung der Globalisierung.

    Und vor allem hatte von Mitte der neunziger Jahre an die SPD, gesteuert von dem Taktiker Oskar Lafontaine, mit ihrer Mehrheit im Bundesrat jede Reform blockiert. Die offensichtliche Absicht war es, die Regierung Kohl in eine Lage zu manövrieren, in der sie die Bundestagswahlen 1998 verlieren würde.

    Diese Taktik ging auf. Auf die schwierigen acht Jahre nach der Wiedervereinigung folgten die katastrophalen sieben Jahre der rotgrünen Regierung. Anmerkungen dazu im letzten Teil dieser kleinen Serie.

    23. November 2006

    Deutschland im Herbst. Oder: Die VerSPIEGELte Presse

    Mal ehrlich - wer hätte damit gerechnet, daß Deutschland nach einem Jahr Großer Koalition so gut dastehen würde?

    Außenpolitisch haben wir wieder Gewicht; die antiamerikanische Politik der Rotgrünen ist Vergangenheit. Die Achse Moskau-Berlin-Paris liegt, vor sich hinrostend, auf dem Schrotthaufen der Geschichte. Innerhalb eines Jahres hat die Kanzlerin ein internationales Ansehen gewonnen, wie es selbst Helmut Schmidt und Helmut Kohl erst im Lauf von Jahren ihrer Kanzlerschaft hatten erreichen können.

    Die Wirtschaft boomt. Die Arbeitslosigkeit sinkt. Der Haushalt ist nach Jahren erstmals wieder verfassungsgemäß. Die Kriterien von Maastricht werden wieder erfüllt.

    Ohne die Großkotzigkeit der Schröder-Regierungen, ohne die immer wieder "nachgebesserten" Gesetze, ohne die ständig korrigierten unsoliden Prognosen, ohne windige Schlagworte à la "Agenda 2010", ohne diese ganze Schaumschlägerei, die Rotgrün kennzeichnete, arbeitet die jetzige Regierung zurückhaltend, solide und erfolgreich. Die Kanzlerin prägt mit ihrer Persönlichkeit diesen Arbeitsstil.



    Gewiß, wir haben nun einmal keine liberalkonservative Regierung, sondern eine schwarzrote. Also gibt es manches, das wie eine Fortsetzung der rotgrünen Restaurationszeit anmutet, dieses nachgerade gespenstischen Versuchs altgewordener Linker, ihre Jugendträume aus den siebziger Jahren als Sechzigjährige in die Tat umzusetzen.

    Der bisher schlimmste Rückfall dieser Art war das unsägliche Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das man im Grund nur mit einem difficile satiram non scribere kommentieren kann. Auch die Gesundheitsreform trägt diese rotgrüne "Handschrift"; obwohl sie zugleich auch diejenige der CDU trägt. Ob ein solches seltsames Palimpsest überhaupt realitätsfähig ist, bleibt abzuwarten. Ich glaube es eher nicht.



    Aber abgesehen von solchen Rückfällen und Einschränkungen hätten wir Deutsche doch jeden Grund, aufzuatmen und uns zu freuen. Der Mehltau ist weggeblasen. Deutschland ist erkennbar dabei, in die Gegenwart zurückzukehren, die Realitäten der Dritten Technologischen Revolution, der Globalisierung, der weltweiten Deregulierung und Liberalisierung zur Kenntnis zu nehmen und sich darauf einzustellen. Überall wird Deutschland reformiert; manchmal fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit, wie bei der größten Universitätsreform in der Deutschen Geschichte, der allgemeinen Einführung der Bachelor-Studiengänge, die gegenwärtig stattfindet.

    Nur, was tun die Deutschen? (Nein, nicht die Deutschen; aber doch ein erschreckend großer Teil unseres Volks): Sie motzen. Sie verweigern dieser erfolgreichen Regierung ihre Zustimmung. Ja, gewisse Umfragen werden sogar so interpretiert, daß eine Mehrheit das Vertrauen in die Demokratie verloren habe.

    Quer durch die Medien wird das mit moroser Bedenklichkeit kommentiert. Politikverdrossenheit wird mal wieder konstatiert, unsere Zukunft wird in Frage gestellt.



    Berechtigterweise? Nein, gewiß nicht. Aber alle diese düsteren Kommentare sollten schon ernstgenommen werden. Nicht, weil sie berechtigter Ausdruck einer angeblichen deutschen Misere wären. Sondern weil sie eine ihrer wesentlichen Ursachen sind.

    In unseren Medien hat sich in den vergangenen Jahrzehnten das abgespielt, was ich ihre VerSPIEGELung nennen möchte.

    Eine Demokratie braucht eine investigative, eine gnadenlos alle Mängel aufdeckende Presse. Sie braucht auch eine Presse, die das Bestehende radikal in Frage stellt, die den Herrschenden nicht ihre Selbstrechtfertigungen und den Dummen nicht ihre Sottisen glaubt.

    Diese Rolle hat in der Bundesrepublik der SPIEGEL gespielt; seit ihrem Bestehen. Er hat sie hervorragend gespielt. Rudolf Augstein hat sein Blatt zu Recht einmal das "Sturmgeschütz der Demokratie" genannt.

    Was ein Lob ist; aber ja doch ein sehr selbstkritisches Selbstlob. Eine Presse, die in ihrer Gesamtheit aus Sturmgeschützen besteht, würde den demokratischen Rechtsstaat schnell in Schutt und Asche schießen.

    Also: Einen SPIEGEL brauchte die Bundesrepublik, sie brauchte ihn dringend. Kein Presseorgan hat sich um die deutsche Demokratie so verdient gemacht. Aber eine Presse, die durchweg investigativ, erbarmungslos kritisch, nur aufs Aufdecken von Mängeln gerichtet ist - die ist alles andere als der Demokratie zuträglich.

    In diese Richtung aber hat sich die deutsche Presse entwickelt. Investigativ sind sie heute alle, vom Stern über die taz bis zur FAZ. Von den "politischen Magazinen" im öffentlich-rechtlichen TV ganz zu schweigen, die von Anfang an so konzipiert gewesen waren; ein deutsches Unikum.

    Auch kritisch, nicht selten ätzend kritisch, sind sie alle. Selbst die Zeit, unter Bucerius und der Gräfin von angelsächsischer Fairness, stimmt heute oft ein ins Konzert der, nennen wir sie so: Pankritiker, also der die schlechte Wirklichkeit schlechthin Bejammernden, ein.



    Warum? Nun, only bad news is good news; das ist sicher ein wichtiges Motiv. Der Wettbewerb ist härter geworden. Neid ist das vermutlich stärkste Motiv von sehr vielen Menschen. Das Aufdecken von Durchstechereien, von Intrigen und von Versuchen Mächtiger, sich ungerechtfertigt zu bereichern - das ist ein sicheres Mittel, Leser zu finden, Quote zu machen. Es war früher das Alleinstellungsmerkmal des SPIEGEL und, auf einer anderen Ebene, der Boulevardpresse. Heute ist es das Erfolgsrezept eines großen Teils aller Medien.

    Aber natürlich kann die Presse nicht eine Unzufriedenheit erzeugen, wenn es dafür nicht eine reale Basis gibt. Viele Menschen in Deutschland, wie viele Menschen in ganz Westeuropa, haben Angst. Sie sind zu Recht beunruhigt, denn wir befinden uns nun einmal in einer historischen Situation, in der wir Westeuropäer es viel schwerer haben werden, als wir es in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hatten, unserem Goldenen Zeitalter.

    Wir vergreisen, wir sehen uns zunehmend mächtiger wirtschaftlicher Konkurrenz gegenüber, wir müssen mit Einwanderung zurechtkommen. Wir schienen den Reichtum gepachtet zu haben, und nun müssen wir ihn nicht nur mit der ganzen Welt teilen, sondern es besteht die reale Gefahr, daß wir ärmer werden. Wir sind nicht mehr besser als die anderen, und bald werden wir vielleicht viel schlechter sein.

    Die Angst vor einer derartigen Entwicklung versuchen viele Menschen an Personen festzumachen, an Institutionen; sie irgendwie zu konkretisieren.

    Sie versuchen, ihre Angst zu beherrschen, indem sie ihr Namen und Bilder zuordnen. Indem sie sie auf das Versagen bestimmter Parteien, auf die Schlechtigkeit der "politischen Klasse", auf die "Gier" der Manager und dergleichen zurückführen. So, wie unsere Vorfahren Dämonen oder den Teufel für das verantwortlich gemacht haben, dem sie sich ausgeliefert fühlten und das sie anders nicht begreifen konnten.

    Man muß also realistisch sein. In gewissem Umfang müssen wir mit einer negativen Grundstimmung vieler Deutscher leben; auch wenn wir - hoffentlich - 2009 eine liberalkonservative Regierung bekommen, die, wenn sie über mehrere Legislaturperioden Bestand haben sollte, Deutschland wieder ganz nach vorn bringen könnte. Eine neue Adenauerzeit, eine neue Kohl-Epoche ist durchaus möglich.



    Es sei denn, daß diese negative Grundstimmung uns 2009 eine Linksregierung beschert; bestehend aus der SPD mit den Grünen und/oder der PDS.

    Dann allerdings müßten auch diejenigen, die wie ich Optimisten sind, wohl ihre Position korrigieren. Eine erneute Linksregierung könnte Deutschland wahrscheinlich nicht überstehen, ohne daß wirklich der Niedergang eintritt, den jetzt viele fürchten.

    Aber noch bin ich Optimist. Bei Wahlen geht es ja immer nur um einen Swing von ein paar Prozent. 2005 waren es ein paar Prozent Dumme, die sich mit dem Gespenst des "Professors aus Heidelberg" schrecken ließen. Warum sollten es 2009 nicht ein paar Prozent Intelligente sein, deren Herz zwar links schlägt, die aber bereit sind, die Realität zur Kenntnis zu nehmen und die deshalb, sagen wir, liberal wählen?