Posts mit dem Label Todesstrafe werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Todesstrafe werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

9. Dezember 2008

Kurioses, kurz kommentiert: Angeklagte in Guantánamo wollen die Zusicherung, hingerichtet zu werden

Mr. Mohammed and the others presented their decision almost as a dare to the American government. When Judge Henley raised questions about the procedure for imposing the death penalty after a guilty plea, some of the detainees immediately suggested they might change their minds if they could not be assured they would be executed.

(Mr. Mohammed und die anderen trugen ihre Entscheidung fast als eine Herausforderung an die amerikanische Regierung vor. Als Richter Henley Fragen in Bezug darauf aufwarf, wie Angeklagte, die sich schuldig bekennen, zum Tode verurteilt werden können, brachten einige der Häftlinge sofort zum Ausdruck, daß sie ihre Entscheidung revidieren könnten, wenn man ihnen nicht zusichern würde, daß sie hingerichtet werden.)

Aus dem Bericht von William Glaberson in der heutigen New York Times über die aktuelle Wende im im Kriegsverbrecher- Prozeß von Guantánamo. Dort hatten die fünf Hauptangeklagten, die der Planung der Anschläge vom 11. September 2001 beschuldigt werden, gestern ein gemeinsames umfassendes Geständnis angekündigt.

Kommentar: Ich weiß nicht, ob "kurios" das richtige Wort ist. Vielleicht wäre "absurd" angemessener, oder auch "pervers": Fünf angeklagte Kriegsverbrecher versuchen einen Prozeß so zu steuern, daß sie sicher sein können, hingerichtet zu werden. Sie drücken auf's Tempo, den Barack Obama will das Lager Guantánamo, in dem der Prozeß stattfindet, auflösen, und möglicherweise auch das Militärgericht, vor dem der Prozeß stattfindet.

Die Angeklagten scheinen zu befürchten, daß sie mit dem Leben davonkommen könnten. Dann wäre die ganze schöne Märtyrer- Karriere am Ende doch noch gescheitert.

Ihre Hinrichtung, dazu "Proteste" in der ganzen islamischen Welt, weitere Morde zu Ehren der Märtyrer - so stellen sie sich die Krönung ihrer Daseins auf Erden vor. Dafür wollen sie offenbar jetzt kämpfen.

Unter Einsatz ihres Lebens.



Für Kommentare bitte hier klicken.

30. September 2008

Zitat des Tages: "Führt Sie in Ketten durch die Straßenschluchten von Manhattan! Hängt sie!"

Was there misbehavior on Wall Street? The wheels of justice will grind. But why wait for justice? If a really good catharsis will allow a return of rationality to Capitol Hill -- yielding a clean rescue package that will actually save the economy -- go for it.

Capping executive pay is piffle. What we need are a few exemplary hangings. Public hangings. On television. Pick a few failed investment firms, lead their CEOs in chains through the canyons of Manhattan and give the mob satisfaction. (...) Whatever it takes to clear our heads.


(Gab es Fehlverhalten seitens der Wall Street? Die Mühlen der Justiz werden mahlen. Aber warum auf die Justiz warten? Wenn eine wirklich gute Katharsis auf dem Capitol Hill wieder Vernunft einkehren läßt - mit dem Ergebnis eines klaren Rettungspakets, das unsere Wirtschaft wirklich bewahren wird - dann auf!

Die Managergehälter zu deckeln ist Kokolores. Was wir brauchen, das sind ein paar exemplarische Hinrichtungen. Öffentliches Hängen. Im Fernsehen. Nehmt ein paar pleite gegangene Investment- Firmen, führt ihre Vorstands- Vorsitzenden in Ketten durch die Straßenschluchten von Manhattan und stellt den Mob zufrieden. (...) Alles, was nötig ist, um uns den Kopf frei zu machen.)

Charles Krauthammer in der Washington Post.

Kommentar: Krauthammers Kolumne ist schon ein paar Tage alt; sie erschien am vergangenen Freitag. Damals schien es für die meisten Kommentatoren noch selbstverständlich, daß der Kongreß dem Bail-out zustimmen würde.

Aber wie so oft lag Charles Krauthammer richtig; diesmal mit seiner Befürchtung, daß die Affekte gegen "die da oben", gegen Wall Street und die "Gierigen" rationales Entscheiden erschweren würde. Deshalb sein sarkastischer Vorschlag, ein paar CEOs öffentlich hinzurichten; zwecks Abfuhr der Affekte und Freimachens der Köpfe für eine rationale Entscheidung.

Man ist seinem Rat nicht gefolgt; und nun haben wir den Kladderadatsch.



Für Kommentare bitte hier klicken.

3. Juli 2008

Marginalie: Funktionalität und Irrationalität der Todesstrafe

Unter den Stichwörtern, die Googelnde in "Zettels Raum" führen, taucht regelmäßig "Hinrichtungsarten" auf.

Das liegt an diesem Artikel, in dem ich mich mit dem eigenartigen Umstand befaßt habe, daß die in den USA gängigen Hinrichtungsarten - der Elektrische Stuhl, die Vergasung, die Todesspritze - alle dadurch gekennzeichnet sind, daß kein Blut fließt. Die Hinrichtung mit diesen Methoden ist zwar potentiell schmerzhafter und durch ihre Dauer qualvoller als die klassischen Methoden des Köpfens oder Erschießens; aber man hat am Ende eine schöne Leiche.

Daß dieser Artiikel zu den am häufigsten ergoogelten Beiträgen in diesem Blog gehören würde, hatte ich nicht erwartet. Es deutet auf ein eigenartiges Interesse an der Todesstrafe hin, die doch eigentlich in Deutschland kein Thema ist.

Als ich jetzt ein wenig recherchiert habe, bin ich gar auf ein Informationsmagazin zum Thema Todesstrafe gestoßen. Das angeschlossene Forum läßt vermuten, daß es dort zumindest nicht ausschließlich darum geht, gegen die Todesstrafe zu argumentieren. Eher ist ein starkes und ambivalentes Interesse an dem Thema wahrzunehmen.

Es ist ein, so scheint mir, archaisches Interesse. Ein Interesse am Tod, am Töten, am rituell eingerahmten Töten.

"Capital Punishment" heißt die Todesstrafe auf englisch, die äußerste - man könnte auch übersetzen: die oberste - Bestrafung. Töten ist die schlechthinnige Ausübung von Macht gegenüber einem Menschen. Auch wenn jemand, der weder Arzt noch sonstwie beruflich mit dem Thema befaßt ist, sich dazu drängt, Sterbehilfe zu leisten, liegt es nahe, an dieses Motiv der Macht über Leben und Tod zu denken.



Im Blog "The Outside of the Asylum" des sehr geschätzten Kollegen Califax ist Anfang der Woche ein kluger Artikel zur Todesstrafe erschienen, der über deren soziale Funktionen reflektiert.

Ich widerspreche Califax nicht. Mir hat insbesondere gefallen, daß er diese Funktionen nüchtern untersucht, ohne den Leser gleich mit seiner eigenen Auffassung zur Todesstrafe (er ist dagegen) zu überfallen.

Nur bin ich nicht sicher, daß diese sozialwissenschaftliche Betrachtungsweise, die nur die Funktionalität der Todesstrafe in den Blick nimmt, uns die ganze Geschichte erzählt. Es gibt da, denke ich, noch diese psychologische, die archaische Ebene des Faszinosums, das der Akt des Tötens ist. Als die ultimative Machtausübung; als der ultimative Schrecken auch.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

6. März 2008

Marginalie: Wie man in China die Parlamentseröffnung feiert. Und in Bagdad wartet "Chemical Ali" auf seine Hinrichtung

Jedes Land hat seine eigene Art, wie man bedeutende politische Ereignisse feiert.

Im kommunistischen China werden, so meldete es gestern der Nouvel Observateur, große politische Geschehnisse regelmäßig dadurch verschönert, daß man Menschen hinrichtet.

In Hunan (Zentralchina) wurde die Sitzungs- Periode des Parlaments eröffnet. Zu Ehren dieses Ereignisses wurden auf Anordnung eines Gerichts in der Stadt Changsha am gestrigen Mittwoch 10 Personen fusiliert. Sie waren wegen Mordes, Diebstahls oder Drogenhandels zum Tod verurteilt worden und zwischen 21 und 38 Jahre alt.

Wie es in der Meldung weiter heißt, wurden in China im Jahr 2006 nach Angaben von Amnesty International 1.010 Menschen exekutiert. Das sind fast zwei Drittel aller von Amnesty weltweit erfaßten Hinrichtungen (1.591).



Alle in Hunan Hingerichteten waren Männer. Wo bleibt da die Frauenquote?

Sie wird von Chinas Bruderstaat Nordkorea zugeliefert.

Wie ebenfalls gestern RP Online berichtete, wurden in Onseong im Nordosten Nordkoreas 15 Menschen öffentlich hingerichtet, darunter 13 Frauen. Sie hatten versucht, aus Nordkorea zu fliehen, oder sie hatten anderen bei Fluchtversuchen über den Grenzfluß Tumen geholfen.



In Bagdad steht die Hinrichtung von "Chemical Ali" bevor, der Zehntausende von Kurden durch Giftgas ermorden ließ.

Jetzt bin ich gespannt, ob, wie vor der Hinrichtung Saddam Husseins, auch diesmal wieder die italienische und die deutsche Regierung sich gegen die Exekution zu Wort melden werden.

Ich meine natürlich, gegen die von "Chemical Ali". Denn wenn in Bagdad ein Massenmörder hängen muß, regt sich offenbar in Europa das Gewissen.

Das belastbarer zu sein scheint, das europäische Gewissen, wenn die Chinesen auf ihre Art die Parlaments- Eröffnung feiern. Oder wenn Nordkorea sein Grenzregime so gestaltet, wie es das eben nun einmal für richtig hält. Das ist ja seine innere Angelegenheit als souveräner Staat.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

27. August 2007

Marginalie: Hinrichtungen

Aus der heutigen FAZ über Hinrichtungen im Iran:
Allein zwischen dem 21. Juni und dem 21. Juli wurden 41 Menschen exekutiert. Am 15. Juli kam es in der nordwestiranischen Stadt Täbris zu öffentlichen Hinrichtungen, als man drei Personen henkte. Unter ihnen war eine Frau. (...)

In der letzten Juliwoche kam es in der Hauptstadt Teheran zu 16 Hinrichtungen. Zwölf der Todesurteile wurden allein am 22. Juli im berüchtigten Evin-Gefängnis vollstreckt. Zwei der Hingerichteten, Fazel Ramazani und Hajat Morad Mohammadi, waren aus politischen Gründen seit acht Jahren inhaftiert
Aus der FAZ vom vergangenen Mittwoch:
Die Europäische Union hatte im Vorfeld gegen die Hinrichtung protestiert und die amerikanischen Behörden aufgefordert, die Vollstreckung von Todesurteilen auszusetzen.
Ja, die amerikanischen. Denn die EU hat nicht etwa gegen die Orgie der Exekutionen im Iran protestiert, sondern gegen die Hinrichtung eines Amerikaners in Texas.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

28. Juli 2007

Marginalie: Ein Geistlicher lobt "eine der besten Handlungen, die es je gab"

Aus der aktuellen Online-Ausgabe der "Gulf News" mit Sitz in Dubai:
Tehran: A senior Iranian cleric praised yesterday the country's judiciary for executing 16 men convicted for various offences including rape and kidnapping.

"The execution of those [convicts] was one of the best ... political and cultural actions that has ever taken place," Ayatollah Ahmad Jannati, a conservative cleric who heads the constitutional watchdog the Guardian Council told Friday prayer worshippers in Tehran.

Teheran. Ein führender iranischer Geistlicher lobte gestern die Justiz des Landes für die Hinrichtung von 16 Männern, die wegen verschiedener Verbrechen wie Vergewaltigung und Entführung verurteilt worden waren.

"Die Hinrichtung dieser [Häftlinge] war eine der besten ... politischen und kulturellen Handlungen, die es je gab", äußerte Ayatollah Ahmad Jannati, ein konservativer Geistlicher, der der Überwachungs- Organisation "Wächterrat" vorsteht, gegenüber Gläubigen beim Freitagsgebet.
Im Sommer geht die Polizei regelmäßig gegen "unmoralisches Verhalten" vor. In den vergangenen Wochen sind Dutzende Menschen wegen dieses "Delikts" - zum Beispiel "unislamische Kleidung" - ins Gefängnis gekommen.

Der Generalstaatsanwalt Saeed Mortazavi erklärte im Staatsfernsehen, daß 17 weitere Personen, die bei dieser Aktion verhaftet wurden, demnächst hingerichtet werden.

Dazu noch einmal der Ayatollah Jannati: "Solche Aktionen sollten sich wiederholen, und die Menschen sollten sie unterstützen und sie verfolgen."

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

6. Januar 2007

Mein liberalkonservativer Vermittlungsausschuß

Als Liberalkonservativer fühle ich mich gelegentlich wie ein wandelnder Vermittlungsausschuß. Der Liberale in mir meint Dies, der Konservative hält Jenes für richtig. Beide haben gute Argumente. Ja mehr noch: Beider Positionen sind keineswegs ad hoc gebildet worden, sondern sie reflektieren tiefsitzende, grundsätzliche Überzeugungen.

Da streiten sie sich nun also, der Konservative und der Liberale in mir. Meist kann einer der den anderen überzeugen, oder man findet einen Kompromiß, und sie können mit einem gemeinsamen Ergebnis an die Öffentlichkeit treten.

Manchmal geht es ihnen auch wie den Gesundheits- und ähnlichen Politikern der Großen Koalition: Sie wollen sich ja verständigen, aber sie kommen nicht zu Potte.

Wenn ihnen das passiert, dem Liberalen in mir, dem Konservativen in mir, dann beneiden sie schon einmal diejenigen, die auf die meisten Fragen eine schnelle Antwort haben, weil sie lupenreine Liberale sind, lupenreine Konservative. Ganz zu schweigen von den Sozialisten, den Kommunisten, den Antideutschen usw., denen ihre politische Haltung die Antworten auf alle Fragen so zuverlässig liefert, wie die Schachtel Marlboro aus dem Zigarettenautomaten plumpst.

Im Unterschied zu Regierungsmitgliedern sind sie, der Konservative in mir, der Liberale in mir, zum Glück nicht zur Einigung verdammt. Wenn sie sich nicht einigen können, dann melden sie halt eine Hung Jury, und die Sache hat sich. Dann sage ich eben zu dem betreffenden Thema nichts.



Drei Themen, die in meinen Vermittlungsausschuß mußten, waren in den letzten Tagen aktuell: Der Fall Gäfgen, oder vielmehr dessen neueste Wendung. Die Hinrichtung Saddam Husseins. Und drittens das Bestreben des Innenministers, für den Fall eines terroristischen Anschlags oder eines solchen Versuchs Rechtssicherheit zu schaffen, was die erforderlichen Gegenmaßnahmen angeht.



Im Fall der Todesstrafe für Saddam Hussein waren die Fronten in meinem kleinen, in pectore residierenden Vermittlungsausschuß klar:

Der Liberale in mir ist gegen die Todesstrafe, bedingungslos und prinzipiell. Er vertritt ungefähr die Position, die Karsten in B.L.O.G klar dargelegt hat: "Eindeutig ist aus meiner Sicht: Die Todesstrafe ist falsch. Immer, unter allen Bedingungen und überall. Auch bei Saddam ...".

Punktum. Man kann ja grundsätzliche Wertentscheidungen nicht von Fall zu Fall zur Disposition stellen.

Der Konservative in mir ist - anders als viele Konservative außerhalb meiner Brust - beileibe kein Anhänger der Todesstrafe. Nur denkt er pragmatisch. Die Todesstrafe, argumentiert er, ist falsch, weil sie ein Überrest archaischen Denkens ist.

Sie stammt aus voraufklärerischen Zeiten, und auch hier sollte die Aufklärung sich allmählich durchsetzen.

Nur halt allmählich, und wenn's mal nicht gleich so weit ist - sei's drum. Der Konservative in mir, der auch ein Pragmatiker ist, kann sich darüber nicht echauffieren.

Die beiden haben sich dann auf das geeinigt, was sie beide guten Gewissens vertreten können: Wie immer man zur Todesstrafe steht, es ist jedenfalls ein Unding, daß die deutsche und die italienische Regierung es ausgerechnet angesichts der Hinrichtung Saddam Husseins für richtig befanden, sich als Gegner der Todesstrafe zu bekennen. Während ihnen zum Beispiel die kürzliche Hinrichtung chinesischer Geistlicher nach einem fragwürdigen Prozeß eine solche Stellungnahme nicht wert gewesen war.



Im Fall der gesetzlichen Regelung dessen, was die Regierung im Fall einer extremen terroristischen Bedrohung tun darf, ist der Liberale in mir dafür, prinzipiell dem Staat so wenige Befugnisse einzuräumen wie möglich. Schon gar nicht, ihm eine Lizenz zum Töten zu erteilen.

Wenn es gar nicht anders geht, dann muß der Verantwortliche es eben auf sich nehmen, sich über das Gesetz hinwegzusetzen, um Menschenleben zu retten. Das ist etwas ganz Anderes, als wenn der Staat diesen Akt der Tötung Unschuldiger ausdrücklich erlaubt.

Auch das BVerfG hat ja nur eine solche ausdrückliche Erlaubnis nicht zugelassen. Darüber, was jemandem passiert, der den Befehl dennoch gibt, hat es sich gar nicht geäußert. Niemals kann aber der Staat es gesetzlich festlegen, daß der Mensch zum Mittel zum Zweck wird. Das steht in krassem Gegensatz zu Paragraph 1 des Grundgesetzes.

Der Konservative in mir hält dem entgegen, daß niemand es Verantwortlichen zumuten kann, in einer solchen Situation gesetzwidrig zu handeln.

Auch im Krieg schickt der Staat Soldaten in den sicheren oder wahrscheinlichen Tod. Es gibt also keineswegs eine generelle Norm - ein allgemeines Gesetz, würde Kant sagen -, die das verbietet. Und die Situation einer extremen terroristischen Bedrohung ist vergleichbar einer Kriegssituation.

Wenn der Einsatz von Soldaten im Krieg in Situationen, in denen sie mit dem Tod rechnen müssen, dem Grundgesetz nicht widerspricht, dann kann dessen Verbot nicht so rigoros sein, wie es der Liberale in mir vorausgesetzt hatte.

Weiter gibt er zu bedenken, der Konservative in mir, daß die Gerichte in unserem Rechtssystem sich in einem solchen Fall nicht anders verhalten können als der Gesetzgeber. Das GG ist schließlich unmittelbar geltendes Recht. So, wie der Frankfurter Polizei- Vizepräsident Daschner verurteilt werden mußte, weil er ein entführtes Kind retten wollte, wird auch der Innenminister verurteilt werden müssen, der den Abschuß eines Flugzeugs befahl; wie nachvollziehbar auch immer seine Motivation gewesen sein möge.

Und wie soll man es erst einem Jagdflieger zumuten, eine Zivilmaschine abzuschießen, wenn es dafür gar keine gesetzliche Grundlage gibt? Müßte nicht zumindest dieser, wenn schon nicht der Innenminister, das Grundgesetz unter dem Arm tragend, den Befehl verweigern? Sagt der Konservative in mir

In diesem Fall hat er, der Konservative in mir eindeutig gewonnen. Man kann es hier nachlesen.



Und im Fall Gäfgen? Es geht um einen Verbrecher, der ein Kind entführt hat, weil er Geld für einen aufwendigen Lebensstil erpressen wollte. Der sich dazu ein Opfer ausgesucht hat, das er gut kannte und das ihm vertraute. Der von vornherein plante, das Kind zu ermorden, und der dann tagelang den Eindruck zu erwecken versucht hat, es sei noch am Leben.

Um einen Verbrecher, der, statt irgendwann wenigstens einen Anflug von Entsetzen über seine eigene moralische Verkommenheit zu zeigen, sich als Opfer präsentiert und sein angeblich verletztes "Menschenrecht" einzuklagen versucht.

Und der jetzt die Chuzpe hat, sein Opfer zu verhöhnen, indem er eine Stiftung für junge Gewaltopfer gründet. Eine "Stiftung", in die er kein Stiftungskapital einbringt; für die er als Lebenslänglicher logischerweise kaum etwas tun kann.

Wenn er es denn wollte, Gutes tun. Aber bei jemandem, der sich so verhalten hat wie dieser Magnus Gäfgen, spricht ja alles dafür, daß auch dies wieder nur ein Schachzug eines psychopathischen Verbrechers ist mit dem Ziel, sich in günstigem Licht darzustellen. Um vielleicht eine vorzeitige Haftentlassung zu erreichen.



Das sagt zu diesem Fall der Konservative in mir, der hier zweifellos auch ein Populist ist.

Der Liberale mahnt ihn und gibt zu bedenken, daß auch ein straffällig Gewordener das Recht hat, eine Stiftung zu gründen. Daß er nicht zusätzlich zu der gegen ihn verhängten Strafe bestraft werden darf. Daß man jedem Menschen die Chance zubilligen muß, sich zu resozialisieren. Daß die Tätigkeit für eine solche Stiftung vielleicht ein guter Weg ist, Magnus Gäfgen zu resozialisieren.

Und daß persönliche Abscheu vor einem Täter bei rechtlichen Entscheidung außen vor zu bleiben hat.



In diesem Fall tagte der Vermittlungsausschuß nur kurz. Der Konservative in mir sagte dem Liberalen auf den Kopf zu, daß er selbst nicht an seine Argumente glaube. Und der gab das nach kurzem Zögern zu.




Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, daß bei diesen drei Fällen der Konservative in mir insgesamt besser abgeschnitten hat als der Liberale. Ich halte das für einen Zufall, bedingt durch diese drei aktuellen Beispiele.

Oder bin ich dabei, konservativer zu werden? Ich werde das aufmerksam verfolgen.

29. Dezember 2006

"Deutschland" gegen die Todesstrafe

"Deutschland lehnt Todesstrafe für Saddam Hussein ab" titelte gestern die Financial Times Deutschland. Und der MDR hatte einen Tag zuvor die Schlagzeile: "Italien kritisiert Todesurteil gegen Saddam Hussein".

Eigentlich sollte ich mich über diese deutliche Stellungnahme von zwei europäischen Regierungen freuen, denn ich bin ein Gegner der Todesstrafe. Ich bin, anders als die Mehrheit der Deutschen, nicht dafür, daß Saddam gehängt wird.



Allerdings muß ich sagen, daß ich auch nicht sehr stark dagegen bin. Es gibt Fälle, wo das mir gleichgültig ist. Ich bin, anders gesagt, kein ideologischer Gegner der Todesstrafe.

Sie ist, so habe ich hier argumentiert, im Wortsinn barbarisch: Ein Relikt aus der Zeit vor der Aufklärung. Rational kann man, so behaupte ich, nicht über sie diskutieren, denn es gibt kein rationales Argument dafür, einen Menschen zu töten, wenn man die Gesellschaft auch auf andere Weise vor ihm schützen kann.

Nur passiert in dieser Welt ja vieles, das nicht rational begründbar ist. Also sollen sie ihn von mir aus hinrichten, ihren bestialischen Dikator, die Iraker. Ich finde es falsch, aber sei's drum. Der Mann genießt nicht mein Mitleid. Ich kann gerade in diesem Fall keinen Grund sehen, mich zu Wort zu melden. Es ist mir schlicht egal, ob der Mann hängt.

Mehr noch: Es erschiene mir nachgerade frivol, mich ausgerechnet gegen die Hinrichtung Saddam Husseins zu ereifern. Man muß doch seine Prinzipien nicht gerade dort laut artikulieren, wo das augenscheinlich nicht passend ist. Gegen die Hinrichtung von Eichmann haben damals auch nicht die Regierungen der Welt protestiert.



Die deutsche Regierung aber meldet sich gegen die Hinrichtung von Saddam Hussein zu Wort. Die italienische meldet sich zu Wort.

Die italienische sogar auf höchster Ebene, nämlich durch eine persönliche Intervention des Außenministers D'Alema, langjähriger Vorsitzender der italienischen Kommunisten: "Italien hat die Bestätigung des Todesurteils gegen Saddam Hussein scharf kritisiert. Außenminister D'Alema sagte, als Italiener und als Europäer sei er gegen die Todesstrafe", so kann man es hier lesen.

Und "Deutschland" steht dem kaum nach. "Deutschland lehnt Todesstrafe für Saddam Hussein ab. Die Bundesregierung hat sich erneut gegen die Todesstrafe für den irakischen Ex-Diktator Saddam Hussein ausgesprochen", so lesen wir es indem erwähnten Artikel der Financial Times Deutschland. Immerhin kein Geringerer als der Vize-Regierungssprecher Thomas Steg hat sich in dieser Weise zum Sprachrohr von "Deutschland" gemacht.



Nun gut, auch wenn die Regierung nicht für "Deutschland" im Sinn der von den Demoskopen ermittelten Mehrheitsmeinung spricht - natürlich hat sie jedes Recht, sich gegen die Todesstrafe auszusprechen, auch anhand eines konkreten Falls.

Nur: Kann mir jemand erklären, warum sie es gerade anhand dieses konkreten Falls tut?



Betrachten wir einen anderen konkreten Fall, den hier von der Baptist Press mit Datum vom 14. Dezember 2006 dokumentierten.

Danach hat die chinesische Regierung drei Männer hinrichten lassen, die von einem Gericht in der Stadt Shuangyashan, Provinz Heilongjiang, zum Tod verurteilt worden waren. Die Hingerichteten sind Xu Shuangfu, Li Maoxing und Wang Jun. Sie waren führende Mitglieder einer christlichen Gemeinde, einer sogenannten House Church; einer "Kirche von unten".

Hingerichtet wurden sie, weil sie angeblich Mitglieder einer mafiaähnlichen Gruppe namens "Eastern Lightning" ermordet hatten. Beweise lagen nicht vor. Die Todesurteile wurden ausschließlich aufgrund der "Geständnisse" der Angeklagten gefällt.

Diese waren nach Aussage ihrer Anwälte gefoltert worden, um die Geständnisse zu erzwingen. Zu den Folterungen gehörten laut dem Bericht, auf den ich mich stütze, Elektroschocks, das stundenlange Aufhängen an den Handgelenken, Hungern und Schlafentzug.



Es ist unmöglich, von hier aus zu beurteilen, ob diese drei Hingerichteten schuldig waren oder nicht. Anders als im Fall Saddam Hussein, dessen Schuld dokumentiert ist.

Aber Gegner der Todesstrafe sind dies ja unabhängig davon, ob der Verurteilte schuldig ist oder nicht.

Also hätten doch, nicht wahr, der italienische kommunistische Außenminister D'Alema und der deutsche stellvertretende Regierungssprecher nach der Verurteilung der drei Chinesen darauf hinweisen müssen, daß wir "Europäer" gegen die Todesstrafe sind und deswegen ihre Hinrichtung ablehnen.

Seltsam, nicht wahr, daß der italienische kommunistische Außenminister, daß der deutsche stellvertretende Regierungssprecher nicht diesen Anlaß wahrnahmen, um unsere "europäische" Gegnerschaft gegen die Todesstrafe öffentlich zu artikulieren, sondern daß sie auf die Verurteilung ausgerechnet Saddam Husseins warteten.

17. Dezember 2006

Kein schöner Tod. Aber eine schöne Leiche

Der Gouverneur von Florida, Jeb Bush, hat die Vollstreckung der Todesstrafe in seinem Bundesstaat ausgesetzt, nachdem es bei einer Hinrichtung am Mittwoch 34 Minuten gedauert hatte, bis der Delinquent endlich tot war.

Die Todesstrafe ist eine barbarische Strafe, und zwar im Wortsinn: Sie hat etwas Archaisches. Ein Relikt aus traditionellen Kulturen, aus voraufklärerischer Zeit. Fast zu allen Zeiten und in allen Kulturen hatte ihr Vollzug zwei charakteristische Merkmale:
  • Die Hinrichtung war grausam, oft unbeschreiblich grausam. Wer sich die abstoßenden Details ansehen will, der findet in der Wikipedia alle bekannten Exekutionsarten sorgfältig beschrieben. Ein Panoptikum des sozial akzeptierten, ja von Religion, Sitte und Gesetz gebotenen Sadismus. Ein cave! auch in Bezug auf das, was Menschen Menschen antun können, sanktioniert durch die Normen ihrer Gesellschaft.

  • Der Vollzug der Todesstrafe war ein soziales Ereignis. Eine öffentliche Zeremonie, ein Schauspiel; manchmal etwas geradezu Festliches. Ein Event, um es in heutiger Sprache zu sagen.



  • Von diesem archaischen Charakter der Todesstrafe ist heute kaum etwas geblieben; auch wenn sie in zivilisatorisch zurückgebliebenen Ländern wie dem Iran, Saudi-Arabien und China noch öffentlich vollstreckt wird, und teilweise (wie beim Steinigen im Iran) auch noch mit großer Grausamkeit.

    Insgesamt hat sich aber doch die Menschlichkeit so weit durchgesetzt, daß man mit dem Delinquenten meist kurzen Prozeß macht. Und dort, wo seit der Aufklärung in zivilisierten Ländern noch von Staats wegen getötet wird, geschah und geschieht das durchweg unter weitgehendem Ausschluß der Öffentlichkeit.

    Am konsequentesten war in dieser Hinsicht die DDR, in der Hinrichtungen sogar vor den Angehörigen geheimgehalten und in einem sozusagen überfallartigen Verfahren vollzogen wurden. Das letzte Opfer dieser Methode des Hinrichtens war Werner Teske, der 1981 in der Weise getötet wurde, daß der Henker aus einer Tür hinter ihn trat und ihn erschoß. Mit diesem "unerwarteten Nahschuß" setzte die DDR sozusagen den Schlußpunkt unter eine Entwicklung, die seit der Aufklärung weg von der öffentlichen und grausamen Exekution geführt hat.



    In den USA hat diese Entwicklung etwas hervorgebracht, das an dem jetzt aktuellen Fall wieder einmal besonders augenfällig - und in seiner ganzen Absurdität - hervorgetreten ist: Eine Vorliebe für unblutige Hinrichtungsarten.

    Wenn man jemanden schnell und weitgehend schmerzlos töten möchte, kann man das durch Köpfen oder Erschießen tun. Aber dabei wird Blut vergossen. Grausam sind diese Hinrichtungsarten nicht für den Delinquenten, aber unter Umständen für denjenigen, der sich das ansehen muß. In den USA wird infolgedessen (mit wenigen Ausnahmen) auf drei Arten hingerichtet, die zu einer schönen Leiche führen, einem heilen Körper des Toten: Vergasen, Elektro-Exekution, die Giftspritze.

    Alle drei Hinrichtungsverfahren sind mit einem - im Vergleich zum Erschießen, Köpfen, sogar zum Henken - langen Todeskampf verbunden; manchmal gelangen fürchterliche Einzelheiten an die Öffentlichkeit. Aber am Ende hat man eine schöne Leiche.



    Ist das pervers? Ja, gewiß.

    Für die Todesstrafe gibt es keine rationale Begründung. Ihre Irrationalität und Inhumanität hat schon 1764 der italienische Aufklärer Cesare Beccaria in seinem Buch Dei delitti e delle pene (Über die Verbrechen und die Strafen) dargelegt; das achtundzwanzigste Kapitel dieses Werks enthält so gut wie alle Argumente gegen die Todesstrafe.

    Für die Todesstrafe gibt es aber sehr wohl irrationale Motive. Sonst wäre sie ja nicht in fast allen Kulturen zu allen Zeiten heimisch gewesen. Die Art, wie man sie stets vollstreckt hat - grausam und öffentlich - weist auf diese Motive hin: gemeinsame Rachsucht, gemeinsame Schaulust, die gemeinsame Lust am Entsetzlichen.

    Wenn man also schon, wie in den USA, Menschen langsam und qualvoll vergast, elektrokutiert (ja, so heißt das, electrocution), wenn man sie an der Giftspritze sterben läßt - warum dann nicht wieder öffentlich, vielleicht im Rahmen einer großen TV-Show? Und warum nicht auf andere Arten, die auch nicht qualvoller sind - henken, verbrennen, in eine Schlangengrube werfen, von Elefanten zertreten lassen?



    PS für Begriffsstutzige: Nein, diesen letzteren Vorschlag meine ich nicht ernst.

    PS für Antiamerikaner: Die letzte Hinrichtung in Großbritannien fand 1964 statt, die letzte in Frankreich 1977. Der US-Staat Michigan schaffte die Todesstrafe 1847 ab.