24. Februar 2022

Der Kulturkrieg ist da. Ein Gedankensplitter.

Man könnte es sich wohl einfach machen und die derzeitigen Verzweifelungsmaßnahmen der kanadischen Regierung auf einen eher mehr als minder durchgeknallten Regierungschef zurückführen. Aber damit würde man sich die Dinge vielleicht etwas einfach machen, wichtiger aber noch, man würde etwas viel tiefgründigeres übersehen.

16. Februar 2022

"Wippchen's ukrainischer Krieg": Isch over!



Was ihnen bewilligt werden wird, steht noch nicht fest. Wie mir heute Herbert von Bismarck, ein junger Staatsmann, der die Diplomatie mit der Vatermilch eingesogen hat, sagte, sei Rußland nicht in der Geberlaune, da dasselbe von seinem Beati kein Possidentes missen wolle. Indes sei doch anzunehmen, daß ihnen schließlich eine Pferdebahn, Straßenbeleuchtung, Droschken erster Classe, Asphaltpflaster und vielleicht auch ein Rieselfeld bewilligt werden würde.


(Julius Stettenheim, „Der Orientalische Krieg,“ Wippchen’s sämmtliche Berichte, Band I)

Selbstlob hat bekanntlich einen leichten Hautgoût, und ich will für mich keine besonderen Sehergaben reklamieren, zumal Voraussagen, einem bekannten Ondit zufolge, schwierig sind, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Aber was die aktuellen Entwicklungen im Zwist zwischen der Ukraine und der Russische Förderation betrifft, so dieses Netztagebuch für sich in Anspruch nehmen, nicht allzuweit daneben gelegen zu haben. An dieser Stelle schrieb ich vor fast 10 Wochen, am 9. Dezember 2021, unter der Überschrift „Der passende Soundtrack“ Folgendes:

Scherz einmal beiseite: eine militärische Invasion russischer Streitkräfte auf dem Staatsgebiet der Ukraine, vor der in der BBC gestern und vor zwei Tagen eindringlich gewarnt wurde und der New York Times auch heute eine Schlagzeile widmete („Ukraine Commanders Say a Russian Invasion Would Overwhelm Them“), dürfte in Moskau nicht auf der Agenda stehen. Die russische Regierung ist daran interessiert, im Sicherheitsgefüge der Welt weiterhin die Rolle einer „kleinen Weltmacht“ zu spielen und ihren Bürgern einen bescheidenen, aber sicheren Wohlstand zu garantieren. Sich zum Pariah der Weltöffentlichkeit zu machen und all die Stabilität der vergangenen 15 Jahre für einen zweifelhaften und nicht dauerhaft beizulegenden kurzfristigen Scheinerfolg zu opfern, dürfte man dort nicht als wünschenswert erachten. Zudem: wenn die Moskauer Führung dergleichen in Betracht ziehen würde, hätten wir in den letzten sieben Jahren, seit der (Re)-Annektion der Krim, dergleichen längst gesehen. (…) Die Halluzination, US-amerikanische Truppen könnten auf dem Gebiet der Ukraine demnächst in Kampfhandlungen mit russischem Militär verwickelt werden, darf getrost als solche verbucht werden: als Illusion, als Wahnidee, an deren Zustandekommen keine der beiden Seiten auch nur das geringste Interesse hat. Freilich gehört solches Rasseln mit dem rhetorischen Schwertgehänge ebenfalls zur Kunst der Diplomatie
.

Das wird besonders augenfällig, wenn man den nur noch als hysterisch zu bezeichnenden Überschriften und „Meldungen“ durchweg aller großen Medien-Outlets der letzten Wochen und Tage vergleicht, von denen ich einmal völlig wahllos ein Bäckerdutzend herausgegriffen habe.

14. Februar 2022

Wer wird eigentlich die Verantwortung tragen?

Eigentlich ist es eine rhetorische Frage, aber auch wenn die nahe liegende Antwort "Niemand" lautet, so lohnt es sich doch, diese zu stellen, angesichts der schnellen Pferde, die mancherorts angespannt werden, um schnell wegzukommen. Die Rede ist von den Toten der Impfpflicht. Und zwar nicht der allgemeinen, die inzwischen schon lange eine offene Totgeburt ist, sondern der speziellen Impfpflicht, die ja nun derzeit Gesetzeslage ist und Mitte nächsten Monats (also in etwas mehr als vier Wochen) bittere Realität werden wird und auf einen Schlag gute 10-15% aller Pfleger, Krankenschwestern, Ärzte, Notfallsanitäter und Feuerwehrleute mit einem Schlag berufsunfähig machen wird.

13. Februar 2022

"Wippchen's ukrainischer Krieg"





(Die deutsche Force de Frappe im Fronteinsatz)

Trotz ihrer Weiblichkeit ist die Mandschurei der Zankapfel der Neuzeit. Wer mir dies vor zehn Jahren gesagt haben würde, den hätte ich ausgelächelt, daß er mir das Mitleid angesehen hätte. Wer bekümmerte sich um die Mandschurei? Du etwa, lieber Leser? Deine Wangen wären dir eher eingefallen, als dies. Du magst es mir glauben. Kaum wußte man in Europa, wo die Mandschurei liegt, und man hatte die Empfindung, sie wisse es selber nicht. Die Mandschuren waren uns ein völlig fremdes Volk. Während viele Völker bei uns öffentlich auftraten, um sich uns gegen Entree zu zeigen, blieben uns die Mandschuren völlig fern, obschon sie doch gewiß gern Geld verdienten. Wir kannten, wenn nichts weiter, von den Chinesen den Tee, von den Buren die reisenden Generäle, von den Japanern die Operette Mikado, von den Lappen die Flicken, von den Isländern das Moos, von den Eskimos die Kälte, von den Tartaren die Nachricht. Wer hat jemals einen lebenden Mandschuren gesehen? Die Frage nach dem kleinen Kohn wäre rascher bejaht. Und plötzlich liegt die Mandschurei als Zankapfel vor uns!

Ich wohne im Mikadohof, in dessen Speisesaal allabendlich Versammlungen stattfinden, welche die Regierung zwingen wollen, den Russen die Zähne zu zeigen. »Diese Regierung« sagte ein gestriger Volksredner, »will das nicht. Aber warum denn nicht? Wir sind mit China fertig geworden und werden mit Rußland noch fertiger werden. Aber wenn wir uns hüten, mit ihnen – verzeihen Sie das harte Wort! – zu brechen, so werden sie fortfahren, uns auf der Nase herumzutanzen, und das ist ein Tanz, den ich la Décadanse nennen möchte, weil wir zugrunde gehen, wenn wir es uns gefallen lassen. Wir müssen die Russen aus der Mandschurei treiben. (Rufe: Raus! Raus!) Wenn sie sich erst eingenistet haben, dann kriegen sie keine zehn Pferde heraus, genau wie die Rebläuse, die Ratten, die schweren Rätsel. Also: Krieg! Krieg mit Moskau!« Und nun folgte ein Durch und Durcheinander von Stimmen: Krieg! Krieg mit Moskau! daß ich glaubte, in Laubes Demetrius von Schiller zu sein, ein wüstes Schreien, das sich wie ein Kaninchen auf die Straße fortpflanzte, so daß niemand mehr imstande war, sein eigenes Schreien zu hören.

Julius Stettenheim, "Wippchens Russisch-Japanischer Krieg" (1904)


12. Februar 2022

Streiflicht: Prinz Harry kauft nur ein Ticket

"Everything woke turns to shit"
                                            --- Donald Trump


Ich gebe es gerne zu, statt 20 Euro für einen Kinoabend (wenn das denn reicht) auszugeben, ziehe ich es meistens vor, auf heimischer Couch die eine oder andere, meist amerikanische, Serie zu konsumieren. Gerne auch am Stück bis drei Uhr morgens, wenn die Kontinuität nur gut genug ist. Ich mag lange Handlungsrahmen und finde Kinofilme im Vergleich einfach zu kurz. Charakterentwicklung kann man nicht ernsthaft in 90 Minuten packen und die Hintergrundgeschichten der Charaktere ist dann auch meist nicht Sache des Kinofilms. 

8. Februar 2022

Geschichten von der Demo: Von Framing, Jubelpersern und anderen, dunklen Gestalten

Es ist mal wieder erstaunlich im deutschen Blätterwald: Da demonstrieren jede Woche über 100.000 Leute in der ganzen Republik gegen den Staat, aber die Medien berichten allenfalls am Rande darüber. Randmeldungen. Ein paar (extrem fragwürdige) Zahlen werden abgearbeitet, einige fallen auch unter den Tisch und ab und zu verirrt sich auch ein Foto, vor allem dann, wenn es dem passenden Narrativ entspricht, in den Artikel. Anders sieht es natürlich aus, wenn sich "Gegendemonstrationen" bilden, dann entstehen auch schon mal seitenlange Artikel, gerne auf mit dem einen oder anderen Foto, idealerweise mit möglichst menschlichem Antlitz. 

6. Februar 2022

BigTech und der Tod der Freiheit. Eine Historie und Gedankensplitter.

"Power tends to corrupt and absolute power corrupts absolutely."
                                                                        -- Lord Acton

1993 war das Jahr in dem dieser Autor das erste Mal einen Zugang zum Internet bekam, damals noch mit Tools, an die sich heute nur noch Eingeweihte und Historiker erinnern können: Mosaic, Netscape, Tin oder Gopher. Im Vergleich zu heute war die Technik unheimlich primitiv, nur ein Bild runterzuladen konnte Minuten dauern, an Filme war gar nicht zu denken und der Austausch von Nachrichten im damaligen Usenet konnte bis zu 24 Stunden dauern. Einwählen konnte man sich mit Modems, bei denen schon eine Übertragungsgeschwindigkeit von knapp 33.000 Baud (also knapp 4 kByte pro Sekunde) als recht schnell galt. Und der Zugang kostete Geld und das nicht zu knapp, die Minutenpreise waren recht happig und eine lange Nacht konnte schnell soviel kosten wie ein heutiger High-Speed Zugang für einen ganzen Monat. Es war die Antike des Internets. (Ja, Opa erzählt vom Krieg.)

30. Januar 2022

Streifklicht: Habeck plant den Glücksindex. Eine Absage an den Wohlstand.

Es hat nicht lange gedauert. Im Unterschied zu seiner mehr oder minder dauerüberforderten Kollegin "aus dem Völkerrecht" hat Robert Habeck sich direkt ein paar Gedanken gemacht, wie man grüne Politik, bzw. die Folgen grüner Politik erfolgreich verschleiern kann. Dabei ist er zunächst darauf gestoßen, dass grüne Politik nicht allzu wirtschaftskompatibel ist, zumindest wenn man nicht von staatlich garantierten Monopolen für Windradbetreiber ausgeht. Und die Entwicklung der Wirtschaft wird gemeinhin gemessen am Wachstum des Bruttoinlandproduktes, was damit auch direkt mit dem Wohlstand einer Gesellschaft korreliert.

28. Januar 2022

Clown World: Wenn die SED liberaler ist als die FDP

Es gab mal einen guten, alten Witz, den ich sinngemäß zitieren darf:

Wenn ....
der beste Golfer ein Schwarzer ist,
der beste Rapper ein Weißer ist,
die Franzosen die Amerikaner der Arroganz bezichtigen
und die Deutschen nicht mehr in den Krieg ziehen wollen,
dann merkst Du, dass die Welt sich geändert hat.

27. Januar 2022

Klinischer Wahnsinn III





Nach den ersten beiden Durchgängen heute hier der Regelkatalog, den das Bundesland Hessen aktuell in Sachen "Zungangsberechtigung zur Teilnahme am öffentlichen Leben" erlassen hat. Auch hier erübrigt sich jeder Kommentar. Ich hatte ja beim zweiten Teil meiner Hoffnung Ausdruck gegeben, daß es nicht mehr allzuviele Einträge in dieser Sammlung geben sollte. Allein, man muß nicht in der Liga des Kleinen Zynikers spielen, um zu befürchten, daß die sich ständig wandelnden und verschärften Maßnahmen lang genug in Kraft bleiben, bis jedes Bundesland und jede Großgemeinde Gelegenheit hatte, sich hier einzureihen.

Der verbotene Datensatz, eine Verschwörungstheorie am Wegesrand

Wie der geneigte Leser weiß, ist dieser Autor zwar kein Anhänger aber doch ein interessierter Leser der einen oder anderen unterhaltsamen Verschwörungstheorie. Dieses Interesse ist durch die letzten zwei Jahre deutlich intensiviert worden, in Anbetracht der Tatsache wie viele angebliche Verschwörungstheorien ("Es ist ein Lockdown geplant.", "Nein, Verscwörungstheorie" / "Der Virus stammt aus dem Labor", "Nein, Verschwörungstheorie" / "Nach der Wahl kommt die Impfpflicht", "Nein, Verschwörungstheorie") sich im Nachhinein als korrekte Beschreibung der Realität erwiesen haben.

22. Januar 2022

Klabauterbach und die Mathematik

Im Rahmen dessen dass unser ... geschätzter Gesundheitsminister bekannt dafür ist in Talkshows schon einmal den einen oder anderen Bären aufzubinden, sollte seine letzte Story bei Markus Lanz nicht einmal etwas besonderes sein. Sollte. Ist sie dann aber doch.

Denn es sollen, so hat Lauterbach behauptet, die Schnelltests, die derzeit landauf-landab durchgeführt werden, selbstverständlich Teil der Inzidenz Zahlen des RKI sein sollen. Was das RKI bei späterer Nachfrage bestritten hat. Nun ist es zum einen bezeichnend, dass ein Fernsehmoderator wie Lanz offenkundig besser über die Vorgänge informiert ist, als ein Gesundheitsminister. Etwas anderes ist aber noch viel bezeichnender: Einem Epidemiologen, als der Lauterbach sich gerne verkauft, wäre so ein Fehler niemals unterlaufen, hätte ihm nicht unterlaufen dürfen. 

20. Januar 2022

Randnotiz: Trampolina droht mit Konsequenzen

Man weiß nicht ob man lachen oder weinen möchte, wenn man dieser Tage die Zeitung liest, ich habe mich mal für lachen entschieden, weil so vieles inzwischen nur noch zum Weinen ist, was die deutsche Politik so fabriziert. Es war zugegebenermaßen abzusehen, dass eine abgebrochene Politikstudentin nicht unbedingt als Außenminister taugen würde, aber vielleicht hatte man auch damit gerechnet, dass im Fall eines echten Konfliktes ohnehin eher der Kanzler, der dieser Tage allenfalls mit Abwesenheit glänzt, das Steuer übernimmt. Aber weit gefehlt: Deutschland wird von Trampolina vertreten und Trampolina hat nun ganz böse den Finger gehoben und den bösen Russen mit "gravierenden Konsequenzen" gedroht.

19. Januar 2022

Bruchlinien der Gesellschaft. Ein Gedankensplitter.

Das Simplifizieren von Menschen auf bestimmte Gruppen ist immer schwierig: Argumentativ begibt man sich grundsätzlich in die Falle, man würde Menschen Unrecht tun, man würde komplexe Probleme zu einfach darstellen, man würde einfache Lösungen für schwierige Probleme suchen. Alles richtig. Und doch oftmals zu kurz gesprungen. Das Leben an sich, wie auch die Menschen an sich, sind extrem komplex. Zu komplex, um ihnen wirklich in dem Sinne gerecht zu werden. Unser Verstand kann das (das kann man auch ziemlich trivial zeigen) nicht leisten, entsprechend sortieren wird die Dinge in Schubladen ein. Und das macht es uns dann doch einfacher Zusammenhänge zu verstehen. Auch wenn sie im Einzelnen nicht immer ganz gerecht sind.

18. Januar 2022

Klinischer Wahnsinn II

Als Postscriptum zu meinem Beitrag von vor zwei Tagen, als Fortsetzung oder als zweiter Teil einer womöglich noch geraume Zeit fortzusetzenden Serie möchte ich heute das Regelwerk dokumentieren, das "THE LÄND" Baden-Württemberg (die Schreibung in Majuskeln ist augenscheinlich Teil dieser peinlichen Imagekampagne) angesichts der "steigenden Fallzahlen durch die Omikron-Variante" am 12. Januar 2022 für seine Bürger erlassen hat und das vorerst bis zum 1. Februar gelten soll. Auch hier ist jeder Kommentar überflüssig. Außer vielleicht die Anmerkung, daß man schon aus dem "Land der Tüftler und Erfinder" kommen muß, um den Besuch von Weihnachtsmärkten für den Zeitraum vom 12. Januar bis zu 1. Februar regeln zu wollen. Henryk M. Broders Befund: "Deutschland ist ein Irrenhaus. Könnte man die Bundesrepublik überdachen, wäre es eine geschlossene Anstalt" ist nur noch durch den Zusatz zu ergänzen: "...in der die Insassen die Anstaltsleitung übernommen haben."
(Ein Klick auf die Seiten vergrößert sie bis zur Lesbarkeit.)

16. Januar 2022

Klinischer Wahnsinn

Ein Bild, sagt die alte Spruchweisheit, ist mehr wert als tausend Worte. Und es gibt Bilder, zu denen sich jeder Kommentar erübrigt, weil sie für sich selbst sprechen. Nicht zuletzt deshalb, weil einem die Worte fehlen, das angemessen zu kommentieren. Wer wissen will, wie es aussieht, wenn die Obrigkeit eines Landes (von "Regierung" will man hier gar nicht mehr sprechen; die feudalistische Anmaßung ist unübersehbar) jeden Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat, braucht nur einen Blick auf diese Beilage des Kölner Stadtanzeigers vom Freitag, dem 14. Januar 2022 zu werfen. Es gibt kein anderes Wort dafür: ja, dieses Land hat den Verstand verloren. Man kann nur raten, dergleichen als Ausdruck oder auf einem sicheren Speichermedium zu sichern und aufzubewahren, um in späteren Jahren, wenn dies hinter uns liegt, den fassungslosen Nachgeborenen als Beweis präsentieren, daß es dergleichen "tatsächlich einmal gegeben hat." So wie die überstempelten 50-Millionen-Mark Scheine aus der Hochphase der Inflation vor 99 Jahren.
PS: Völlig überraschend hat das Robert Koch-Institut heute Nachmittag einen Erlass herausgegeben, nachdem der "Genesenenstatus" nach einer erfolgten Infektion mit dem Coronavirus bereits nach drei Monaten anstatt wie bisher einem halben Jahr hinfällig wird und eine Impfung oder Nachimpfung erfoderlich wird, um nicht als "Ungeimpfter" zu gelten. Damit soll "der Druck erhöht werden," um die Quote der Geimpften, die der einzige Richtwert unserer Politiker geworden zu sein scheint, in die Höhe zu treiben. Der Clou dabei ist, daß der Genesenen-Status erst 28 Tage nach einem Nachweis der Infektion durch einen PCR-Test anerkannt wird. Man darf also nur noch 72 Tage am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, wenn man sich weigert, sich gegen einen Erreger inokulieren zu lassen, dessen Infektion man hinter sich hat. Der Kleine Zyniker registriert dies als ein Novum in der Medizingeschichte der letzten 200 Jahre, also der Moderne. Und der Kleine Pragmatiker nimmt es als weiteren Beweis, daß Wahnsinnige sich anmaßen, über uns zu bestimmen.
U.E.

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10. Januar 2022

Paul Scheerbart, „Das Ende der Fleischnot.“ Mit einem Abstecher ins Jahr 2022



Von den künstlerischen Ausmalungen der Zukunft, die es in das „kollektive Gedächtnis“ geschafft haben und deren Handlungen mit einer ganz konkreten Jahreszahl verbunden ist, in dem sie stattfindet, gibt es genau drei – und das aus dem schlichten Grund, weil dieses Jahr in ihrem Titel genannt wird. Bei denen das Geschehen also nicht vage „in naher“ oder „einer ferneren“ kommenden Zeit spielt, sondern der Zuschauer (und Leser), dem danach zumute wäre, einen Kalender befragen könnte. Dazu zählt George Orwells maßgebliche Anti-Utopie „1984“ – bei dem die Vertauschung der letzten beiden Zahlen des Jahres 1948, in dem das Buch entstand, die Wegmarke lieferte. Sodann das Original und die Fortsetzung zu Arthur C. Clarkes „2001 – A Space Odyssey“ (Buch und Filmfassung 1968), „2010 – Odyssey II“ (1981) samt ihrer Verfilmung durch Peter Hyams von 1984 (die deutsche Kinofassung trägt den Titel „Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“) und nicht zuletzt das gerade angebrochene Kalenderjahr, das dadurch eine ikonische Unterfütterung erhielt, indem Richard Fleischer 1973 seinen Film „Soylent Green“ in eben diesem Jahr 2022 spielen ließ. (*)

(* Pophörer älteren Baujahrs mögen noch das "One-Hit-Wonder" von Zager & Evans aus dem Jahr 1966 dazuzählen: "In the Year 2525." Aber der kleine Schlager nutzt die Jahreszahl nur zu einem Schnelldurchlauf von Stichworten zur bevorstehenden abschüssigen Karriere von Homo Sapiens: "In the year 25-25 / if man is still alive / if woman can survive / they may fight..." Edward Bellamys "Looking Backward, from the Year 2000" aus dem Jahr 1887 war das Buch, das für die nächsten 110 Jahre das titelgebende Jahr als Zielmarke der Naherwartung aufgabe; und Louis-Sebastien Merciers "L'An 2440" war im Jahr 1771 die erste literarische Zukunftsschau überhaupt, die diesen Namen verdient - aber beide Texte sind längst dem kulturellen Gedächtnis entfallen.)

Harry Harrisons Roman „Make Room! Make Room!” aus dem Jahr 1966, der Fleischer und seinem Drehbuchautor Stanley Greenberg als Vorlage diente, spielt im New York des Jahres 1999, und endet mit dem Beginn des „neuen Jahrtausends“ auf dem Times Square, auf dem die berühmte Neon-Leuchtschrift an der Front der „New York Times“ triumphierend erklärt, die Bevölkerung der Vereinigten Staaten habe im abgelaufenen Jahr einen neuen Höchststand von 334 Millionen erreicht - von denen, wie wir zu Anfang des Films erfahren, sich ein Zehntel auf dem Terrotorium New Yorks drängt (in der Filmfassung sind daraus 40 Millionen geworden). Fleischer und Greenberg verlegten die Handlung ihres Films 23 Jahre in die Zukunft, um das Elend, den Niedergang, die trostlose, hoffnungslos übervölkerte Welt als Dauerzustand noch eindrücklicher zu vermitteln – vor allem aber, um den Protagonisten jede Erinnerung an bessere vergangene Zeiten zu verwehren. Einzig Sol Roth – gespielt von Edward G. Robinson in seiner letzten Filmrolle -, der in hohem Alter steht, erinnert sich noch an jene Zeit, als es noch Tiere und organische Nahrung gab. Es gibt natürlich einen Schwarzmarkt; auf dem ein Glas Erdbeermarmelade vor 150 Dollar zu haben ist. Sols kleine Bibliothek an Referenzwerken und seine Kontakte als früherer Archivverwalter der Polizei haben es Frank Thorn – gespielt von Charlton Heston – mit dem er sich einer heruntergekommenen Wohnküche teilt, ermöglicht, aus dem gewöhnlichen Polizeidienst und der Jagd auf solche Schmuggler zu entkommen und sich der Aufklärung „richtiger“ Verbrechen zu widmen.

8. Januar 2022

神秘小屋。Die geheimnisvolle Hütte auf der Rückseite des Mondes





I saw him through my telescope,
On a cloudless night in June,
As he rested between voyages
At his beach house on the moon.

There are windows to the galaxies
And hallways to the past.
There are trapdoors to the future
And a splintered ancient mast.
There are relics from Apollo trips,
When the earthmen came to play,
And a hammock from a distant star,
Out in the Milky Way.

- Jimmy Buffett, "Beach House on the Moon" (1999)



(Michael van Langrens Mondkrate von 1645)

Wenn es auf dem Mond „Meere“ gibt (die Bezeichnung geht auf den niederländischen Astronomen Michael Florent van Langren (1598-1675) zurück, der sie in seiner 1645 gedruckten Mondkarte, dem „Plenilunum,“ als erster für die dunklen Basaltebenen verwendeten, die für einen irdischen Betrachter das „Gesicht in der Mondscheibe“ bilden), mit weiteren maritimen Bezeichnungen wie Ozean („Oceanus“) und Bucht („Sinus“), ist es folgerichtig, daß dort auch Strandhütten zu finden sind. Und daß es auf dem Erdtrabanten Hasenköttel gibt, darf ab heute als wissenschaftlich nachgewiesene Tatsache gelten.



Vor einem Monat, am 7. Dezember 2021, setzte die nationale chinesische Raumfahrtbehörde, im Westen allgemein nicht als 国家航天局 (Guójiā Hángtiānjú), sondern nach dem Akronym ihrer englischen Bezeichnung CNSA bezeichnet, die Medien und sozialen Medien nicht nur in China, aber vor allem natürlich dort, mit einem Photo in Aufregung, das von dem Mondrover Yutu-2 aufgenommen wurde, der seit seit 3 Jahren, seit dem 3. Januar 2019 den 180 Kilometer durchmessenden Krater Von Kármán erkundet, der von uns aus „gesehen“ fast in der Mitte der uns abgewandten Hemisphäre, auf halber Strecke zum Mondsüdpol liegt. Das Bild, am Ende des 36. „Mondtags“ aufgenommen, zeigt am Horizont der geröllübersäten Ebene des Kraterbodens eine seltsam kompakte, blockige Struktur vor dem Himmelshintergrund. Das seltsame Gebilde, dem das Team, das für die Routenplanung und die Steuerung des Rovers zuständig ist, die Bezeichnung 神秘小屋 (Shénmì Xiǎowū, „Rätselhafte Hütte“) gab, traf den gleichen Nerv wie die vor Jahresfrist überall aus dem irdischen Kraut schießenden „Monolithen“ nach dem Vorbild von Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“ – nur daß es sich hier ersichtlich NICHT um einen Scherz von Erdlingen handeln konnte. In den chinesischen Medienberichten und sozialen Medien erhielt das Gebilde sehr schnell weitere Namen: 凯旋门 (Kǎixuán Mén, „Triumphbogen“), 外星基地 (Wàixīng Jīdì, „Basis der Außerirdischen“) oder 广寒宫 (Guǎng Hán Gōng, „Weiter Palast der großen Kälte“). Das letzte braucht vielleicht eine kleine Erläuterung: der „Palast der großen Kälte“ ist in der chinesischen Überlieferung der Wohnsitz der Mondgöttin Chang’e, nach der die Landesonden des chinesischen Mondprogramms ihren Namen tragen, und vor dem der Mond- oder Jadehase für sie unablässig das Elixir der Unsterblichkeit in einem Mörser zerstampft. Und nach diesem Jadehasen (玉兔 ,Yùtù, auch „Mondhase,“ Yuètù - der Gleichklang der Namen ist kein Zufall) ist auch der Rover benannt.

6. Januar 2022

Der Brummkreisel



Eigentlich - "eigentlich" - ist dies ein Job für den ArgoNerd, der an dieser Stelle vor kurzem im Zusammenhang mit dem Kurznachrichtenmedium Twitter erwähnt wurde. Andererseits ist dessen übliches Verfahren hier nicht mehr hinreichend, um dem Anlaß gerecht zu werden. Sein Verfahren besteht darin, fast immer ohne Erläuterung oder Überschrift zwei zeitversetzte öffentliche Äußerungen von Politikern nebeneinander zu setzen, die trefflich den Satz illustrieren, den die größte deutsche Kanzlerin in der Geschichte des Universums im Jahr 2008 getan hat: "Man kann sich nicht darauf verlassen, daß das, was vor den Wahlen gesagt wird, auch wirklich nach den Wahlen gilt, und wir müssen damit rechnen, daß das in verschiedenen Weisen sich wiederholen kann.“

Deshalb seien an dieser Stelle nur einige Aussagen hergesetzt, in denen sich Christian Lindner, Vorsitzender der Freien Demokratischen Partei und seit jetzt vier Wochen Finanzminister dieses Landes, im Lauf des letzten halben Jahres zum Thema "Impflicht" geäußert hat.

3. Januar 2022

"Von Schafen und Menschen"





Ein oberflächlicher Beobachter könnte ja zu dem Schluß kommen, der Berufsstand der Satiriker und der losen Vögel, die wider den Stachel löcken, sei in diesem Land nicht mehr auszuüben. Die Maßnahmen unserer Politik lassen sich nicht mehr durch Zuspitzung überbieten; die Obrigkeit hat das Ressort des Absurden und Irrlichternden selbst in Eigenregie übernommen, und unsere Medien, zumal die Staatsmedien, begnügen sich damit, sich unter der Kennung „Satire“ nur noch plumpe, brachiale Invektiven gegenüber Teilen der Bevölkerung herauszunehmen, die sich nicht zur Wehr setzen können („Meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau!“ – sofern sie nicht als Politiker, religiös anders Orient-ierte, sexuell divers Gepolte oder Noch-nicht-lange-im-Land-Weilende den Stempel des Sakrosankten tragen. Außerdem gebe es längst nicht mehr hierzulande, über das man lachen könnte.

2. Januar 2022

Mircea Eliade, "Anno Domini" (1928)





Ich werde hier nicht über das abgelaufene Jahr (gemeint ist: 1927) schreiben. Für einen jungen Autor schickt es sich nicht, Bilanzen aufzustellen. Uns verbindet nichts mit dem ewiggleichen Ablauf der Tage und Nächte, mit den üblichen alltäglichen Sorgen und Nöten, den immergleichen Mühen und Ablenkungen. Für uns junge Leute ist anderes wichtig: sind wir damit zufrieden, uns mit dem zu beschäftigen, das uns in den Zeitungen vorgesetzt wird, mit dem was uns Schriftsteller in ihren Romanen über Alltagsorgen beschreiben? Warum sollen wir uns denn überhaupt mit Büchern abgeben und uns dazu äußern – zu neuen Büchern, zu kulturellen Ereignissen, neuen angesagten Namen? Solche Dinge können von nur uns verachtet werden; sie sind uns gleichgültig.

In diesem Jahr – 1927 – hat keine von uns Jungen dafür gesorgt, daß die Reputation eines Älteren wirklich verblasst ist. Keiner von uns Jungen hat etwas Neues, Tiefempfundenes hervorgebracht, daß unsere Seele anrührte. Wir haben uns alle nur – das sollten wir ehrlich eingestehen – am Rand des immergleichen Abgrunds amüsiert, mit denselben ererbten Gesten, den immergleichen Floskeln. Keiner hat geistig etwas riskiert und sich den ungewohnten, neuen Erfahrungen hingegeben, aus denen sich neue Diamanten für unser geistiges Dasein schürfen lassen.

Wir waren allesamt nur mittelmäßig, und stolz auf unsere erbärmlichen Vergnügungen. Wir dürfen uns nicht selbst betrügen und uns mit unseren Eltern und älteren Verwandten vergleichen, als sie im selben Alter wie wir waren. Uns darf es nur um unseren eigenen Weg gehen. Was kümmern uns die jugendlichen Irrtümer anderer Generationen, die in Paris Mode geworden sind, all die Kulturbanausen – wenn wir doch spüren, daß auch für uns das Mittelmaß zum Maßstab geworden ist, daß unsere Schwäche uns daran gehindert hat, zu Helden zu werden, und daß wir lieber die Trübsal und die matten Aufregungen eines ganzen Landes ertragen, anstatt unseren Geist zu stählen und klar zu halten?

1. Januar 2022

Ray Bradbury, "Der Spaziergänger" (1951)





In die Stille hinauszutreten, die die Stadt an einem nebelverhangenen Abend um acht Uhr im November ausfüllte, die Füße auf den unebenen Gehsteig zu setzen, über die grasbewachsenen Seitenstreifen zu gehen und mit den Händen in den Taschen durch das Schweigen zu gehen: das war es, was Leonard Mead über alles genoss. Manchmal blieb er an einer Straßenkreuzung stehen und blickte nach allen vier Richtungen die langen Straßenzüge hinab, wie sie im Mondlicht dalagen, bevor er sich für eine Straße entschied. Es war egal, wohin er sich wandte. Er war allein in dieser Welt, in diesem Jahr 2053 – oder so gut wie allein. Und sobald er seine Entscheidung getroffen hatte, setzte er sich in Bewegung, während sein Atem vor ihm wie Zigarrenrauch in die kalte Luft stieg.

Manchmal war er stundenlang unterwegs und kehrte erst um Mitternacht nach Hause zurück. Auf seinen Spaziergängen sah er die Häuser und Bungalows mit ihren dunklen Fenstern; es war fast, als ob er über einen Friedhof spazierte. Nur schwache Lichtschimmer blinkten wie Glühwürmchen hinter den Fenstern auf. Ab und zu erschienen graue Gespenster an Zimmerwänden, vor denen noch keine Vorhänge zugezogen waren, oder Flüstern und leise Stimmen waren zu hören, wo noch ein Fenster in einem der wie Grabsteine anmutenden Gebäude offenstand.

Dann blieb Leonard Mead stehen, neigte den Kopf, lauschte, sah genau hin und ging dann weiter, ohne ein Geräusch auf dem unebenen Gehsteig zu machen. Er hatte sich schon lange angewöhnt, bei seinen Gängen weiche Halbschuhe zu tragen, damit ihn nicht unverhofft das Gebell von Hunden begleitete, wenn er auf harten Sohlen unterwegs war, und die Außenlichter angingen und eine ganze Straße über die einsame Gestalt aufgeschreckt wurde, die da an einem frühen Novemberabend vorbeikam.

An diesem Abend hielt er sich zuerst in westlicher Richtung, dort, wo in der Ferne das Meer verborgen lag. Es lag eine gute, kristallklare Kälte in der Luft, die ihm in die Nase schnitt und ihn wie fast wie eine Weihnachtsbaumbeleuchtung in die Lungen fuhr: es fühlte sich an, als ob er das eisige Licht in sich aufleuchten und ausgehen fühlen könnte, als wenn sich seine Lungen mit unsichtbarem Schnee füllen würden. Das leise Rascheln, das seine Schuhe verursachten, als er auf das gefallene Herbstlaub trat, gefiel ihm, und er pfiff leise und kalt vor sich hin, hob ab und zu ein Blatt auf, besah sich das Muster der Blattskelette im Licht der wenigen Straßenlaternen und roch den an Rost erinnernden Geruch.

31. Dezember 2021

Paul Scheerbart, „Das Gespensterfest. Eine Silvestergeschichte“ (1911)





Der alte Baron Münchhausen kann sich von China gar nicht trennen; jetzt hat er bereits den Kaiser von China kennen gelernt – und da schäumt nun seine Begeisterung einfach über. Diese kommt in seinen Briefen an die Gräfin Clarissa vom Rabenstein so heftig zum Ausdruck, daß es sich wohl lohnt, noch einen dieser Briefe hier zum Abdrucke zu bringen.

Die Gräfin, die jetzt vierundzwanzig Jahre ist, muß sich augenblicklich in einer Berliner Klinik einer kleinen Operation unterziehen. Die ist aber nicht im mindestens beunruhigend.

Der alte Baron schreibt ihr aus Peking in seiner bekannten Frische das Folgende:

30. Dezember 2021

Paul Scheerbart, „China und Dampfbahn. Philantropische Betrachtungen“ (1899)



(Ausbau des chinesischen Hochgeschwindigkeits-Streckennetzes zwischen 2008 und 2020)

In den letzten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts hat Europa für den Politiker an Wichtigkeit sehr viel verloren. Europa wurde von der Weltpolitik in den Hintergrund gedrängt. Das mag manchem Europäer wenig behagen, aber diese Thatsache läßt sich nicht mehr übersehen. Es kann uns heute beinahe gleichgültig sein, was unten in der Türkei vorgeht. Aber die Ereignisse in China sind uns sehr wichtig.

Unsere Ansichten über China haben sich in den letzten fünfzig Jahren ganz und gar verändert. China ist für uns nicht mehr ein zu ewigem Stillstande verurteilter Staat. Das Reich der Mitte steht schon so ziemlich im Mittelpunkte der gesamten europäischen Kulturinteressen.

Wenn heute jemand behauptet, daß die Menschheit in China - und nicht in Europa - die höchste Kulturstufe erreichen dürfte, so lacht man nicht mehr. Die japanischen Siege haben den Chinesen nichts geschadet, und sollten europäische Mächte siegreich im großen Chinalande vordringen, so werden sie schließlich ebensowenig ausrichten wie die Japaner. So ohnmächtig Napoleon gegen das große Rußland war, so ohnmächtig könnte dieses einst in Ostasien kämpfen - denn der Chinese sind sehr viele. Ein brennendes Peking kann am Ende wie ein brennendes Moskau wirken. In der alten Welt ist der Angreifer augenscheinlich immer im Nachteil. Hellas konnte Vorderasien nicht totkriegen, der angegriffene Teil war viel stärker, als man anfänglich annahm; und andererseits gelang es den Arabern wieder nicht, in Spanien - im Westen - einen bleibenden Erfolg zu erringen. Auch die Mongolen haben niemals festen Fuß im Westen fassen können. Und so dürften auch die Europäer vergeblich ihre Armeen nach Ostasien senden. Es giebt Politiker, denen das unheimlich klar ist...

Mit welchen Gefühlen würden wir, wenn wir dazu Zeit hätten, heutzutage Schlossers Weltgeschichte lesen! Der alte Schlosser macht sich über China ganz einfach lustig und findet alle chinesischen Zustände lächerlich, benutzt sie nur zu sarkastischen Ausfällen gegen Deutschland, das Reich der Mitte Europas. Schlosser sollte heute von den Toten auferstehen - er würde gleich ganz rot vor Schreck werden und sich genieren - China von oben herab behandeln und eine "Weltgeschichte" schreiben! Blamabel! Wie höflich ist die europäische Politik geworden! Außerordentlich wichtige merkantile und industrielle Interessen sind in Peking zu vertreten.

29. Dezember 2021

Paul Scheerbart, "Der Wetterprophet. Eine chinesische Geschichte" (1910)

Als ich vor drei Monaten in Peking war, lernte ich bei dem italienischen Gesandten am einem lustigen Gesellschaftsabend dem reichen Herrn Li-Ban-Schin kennen, der als Wetterprophet im Land des Zopfes ein großes Ansehen genießt.

Die vornehmen Chinesen sind heute den Europäern gegenüber nicht mehr so diplomatisch zugeknöpft wie vor zehn Jahren noch. Auch im Osten des asiatischen Kontinents ist vieles anders geworden. Und so kam es, daß Li-Ban-Schin mich noch an demselben Abend, an dem er mich kennen lernte, einlud, ihn an einem der nächsten Tage in seiner Villa zu besuchen.

Er sandte mir eines Morgens ganz früh, gleich nach Sonnenaufgang, sein Automobil, und nach dreistündiger Automobilfahrt empfing mich Herr Li-Ban-Schin im Portal seiner Villa zwischen zwei großen weißen Porzellanhunden.

Die Villa war eine Porzellan-Villa – außen blau und innen hellgelb. Schwarzer Sammetbelag bedeckte überall den Fußboden. Und die Hälfte aller Porzellanfliesen war sowohl innen wie außen bemalt. Die Möbel bestanden aus geschnitztem Ebenholz – tief schwarz, aber nicht poliert. Das Köstlichste steckte in den großen bunten plastischen Porzellanfrüchten, die in dekorativen Kränzen mitten in den Wänden und an Tür- und Fensterrahmungen innen wie außen das ganze belebten; diese Weintrauben, Pfirsiche, Pflaumen, Aepfel, Kirschen und Aprikosen erinnerten ein wenig an die italienische Renaissance, obwohl da der Farbenreichtum lange nicht so üppig hervortrat wie hier. Daß diese Porzellan-Villa in China entstand, dafür sprachen die Malereien, die durchaus in rein chinesischem Stil blieben – und zwar in einem ganz alten, dem man Verwandtschaft mit dem modernen Geschmack nicht nachsagen konnte.

Ich mußte zunächst mit Hern Li-Ban-Schin frühstücken. Es gab Tee, Cognac und mindestens dreißig chinesische Delikatessen – dazwischen Zigaretten und Zigarren. Ich hatte jedoch gar keine Zeit, dieses Frühstück viel zu betrachten, denn der Herr des Hauses war sehr gesprächig. Er hatte sich in jüngeren Jahren sehr lange in Berlin aufgehalten und sprach fließend Deutsch.

„Man hält mich hier,“ sagte er lächelnd, „für einen Wetterpropheten. Aber ich bin eigentlich etwas mehr. Mir ist es eigentlich ganz gleichgültig, ob es regnet oder schneit, ob es windig oder nicht windig ist.“