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1. Februar 2009

Zu seinem 125. Geburtstag: Erinnerung an Theodor Heuss

Hätte Daniel Fallenstein nicht im Blog Antibürokratieteam heute darauf aufmerksam gemacht, dann wäre es mir entgangen: Gestern war ein runder Geburtstag von Theodor Heuss. Vor 125 Jahren wurde er geboren.

Adenauer und Heuss - die beiden gehörten für die Deutschen der fünfziger Jahren zusammen wie, sagen wir, Kara ben Nemsi und Hadschi Halef; oder wie Don Quijote und Sancho Pansa.

Adenauer, das war der listige, trickreiche Rheinländer mit der einfachen, plastischen Sprache. Der Praktiker, der Taktiker: So wurde er damals gesehen. Daß er auch ein Mann mit ehernen Prinzipien war, ein weitblickender Staatsmann, dieser "gußeiserne Kanzler" (so Rudolf Augstein), das haben die meisten - auch Augstein - erst im Rückblick erkannt.

Und Heuss, sein Antipode, sein Gegenstück, sein Zwilling - das war "Papa Heuss", der gemütliche Schwabe mit der tiefen Stimme. "Mäine lieben Landsloide ...", diesen Beginn seiner Weihnachtsansprachen, langsam, bedächtig und in dieser unverwechselbaren Stimmlage eines Basso profondo gesprochen, hat jeder noch ihm Ohr, der ihn damals im Radio erlebt hat.



Er gehörte wie Adenauer zu den Politikern, die ihre prägenden Jugenderfahrungen noch im Kaiserreich gemacht hatten (bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs war er immerhin schon dreißig Jahre alt) und die in der Weimarer Zeit versucht hatten, ein demokratisches Deutschland aufzubauen.

Wie Adenauer überstand der Nazigegner Heuss das Dritte Reich in der, wie man sagte, "inneren Emigration". Als Journalist und Publizist von Publikationsverboten betroffen, aber mal unter Pseudonym, mal in politisch unverdächtigen Genres doch schreibend; sich so über Wasser haltend.

Er war ein in der Wolle gefärbter Liberaler; Biograph von Friedrich Naumann, Gründungsmitglied der DDP, der Vorläuferin der FDP in der Weimarer Republik. Und er übte sein Amt als Liberaler aus; aber in einer in gewisser Hinsicht paradoxen Weise.

Mit seinen liberalen Ansichten hielt er sich zurück. Mir ist nicht erinnerlich, daß er sich jemals in eine politische Streitfrage eingemischt hat, um die liberale Position zu stärken. Aber gerade damit tat er viel für die Liberalität der noch jungen Bundesrepublik.

Er verkörperte den Staatsmann, für den das Gemeinwesen und nicht seine Partei oder auch nur seine politische Philosophie an erster Stelle steht. Er war damit der perfekte Antipode, die perfekte Ergänzung zu Adenauer: Dieser war immer Partei; ein Mann, der keinen Augenblick unklar ließ, welche Meinung er hatte. Er stand für den demokratischen Streit, das Ringen um die beste Lösung. Heuss stand für die Gemeinsamkeit der Demokraten.

Er prägte damit das Amt des Bundespräsidenten. Das Grundgesetz hatte es keineswegs so eindeutig nur repräsentativ angelegt, wie Heuss es gestaltete. Das wurde deutlich, als Konrad Adenauer 1959 vorübergehend erwog, in dieses Amt zu wechseln und dabei die Fäden der Politik in der Hand zu behalten. Ein wenig auf den Spuren Hindenburgs, dem die Weimarer Verfassung freilich weit mehr Befugnisse zuerkannt hatte als das Grundgesetz dem Bundespräsidenten. Das Grundgesetz, so sah es der Jurist Adenauer zunächst, hätte aber durchaus einen erheblich politischeren Präsidenten ermöglicht, als Heuss es aus eigenem Entschluß gewesen war.

Heuss war so etwas wie der Anti- Hindenburg; in jeder Hinsicht. Dieser ein Militär durch und durch, Heuss ein eingefleischter Zivilist. ("Nun siegt mal schön" soll er Soldaten fröhlich zugerufen haben, die er im Manöver besuchte). Hindenburg autoritär, Heuss ein Demokrat par excellence. Hindenburg ein politischer Präsident, Heuss ein bewußt nur repräsentativer.

Wobei es mit "repräsentativ" so eine Sache war. Heuss hielt wenig von staatlicher Repräsentation. Er verstand sich als Bürger- Präsidenten im doppelten Sinn: Als Präsidenten der Bürger, aber auch als einen Präsidenten, der im Amt Bürger geblieben war.



Ein Glücksfall für die Bundesrepublik war er nicht nur durch seine Persönlichkeit, sondern auch deshalb, weil er sich nie auch nur indirekt mit den Nazis eingelassen hatte; 1942 war es Hitler persönlich gewesen, der ein Publikationsverbot über ihn verhängen ließ.

Freilich verhinderte das nicht, daß Zweifel an seiner demokratischen Integrität gesät wurden. Kaum etwas in Heuss' bewegter politischer Biografie wurde so oft erwähnt wie seine Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz. Dabei hatte er nicht zustimmen wollen und auch bereits eine entsprechende Rede vorbereitet. Er fügte sich aber der Disziplin seiner Fraktion, die mehrheitlich für eine Zustimmung war. Im übrigen konnte man aus ehrenwerten Motiven dem Ermächtigungsgesetz zustimmen.

Im Herbst 1959 schied Heuss aus dem Amt. Vor einem halben Jahrhundert! Die ersten Jahre der Bundesrepublik beginnen langsam, aus der Zeitgeschichte in die Historie überzugehen. Oder anders gesagt: Die Bundesrepublik, als Provisorium begründet, gewinnt allmählich das Gewicht und die Würde eines Staats mit Tradition. Daß es eine respektable, eine vorzeigbare Tradition ist, dazu hat Heuss viel beigetragen.



Titelvignette: Bundesarchiv; unter Creative Commons Licence freigegeben. Für Kommentare bitte hier klicken.

7. November 2008

Von Bush zu Obama (1): Warum hat Barack Obama gewonnen? Eine Wahlanalyse auf fünf Ebenen, Teil 2

Die beiden Faktoren, mit denen sich der erste Teil befaßte, lagen auf der persönlichen Ebene und auf derjenigen der Wahlkampf- Taktik: Obama begeisterte von Anfang an durch sein charismatisches Auftreten, und sein Team führte einen nahezu fehlerlosen Wahlkampf.

Dieser Wahlkampf war nicht nur fehlerfrei in dem Sinn, daß dem Team und daß Obama selbst kein größerer Schnitzer unterlief. Sondern er war vor allem deshalb erfolgreich, weil er auf die richtigen Themen setzte: Den Wandel ("Change will come"), die Versöhnung der politischen Gegensätze ("No Red States, no Blue States, only the United States") und auf das immer wiederkehrende "Yes we can".

Alle drei Parolen waren im Grunde abgeschmackt, unoriginell, altbacken.

Als Johannes Rau seinen Wahlkampf 1987 mit dem Thema "Versöhnen statt spalten" bestritt, wurde ihm das nicht nur von den Kommentatoren als populistisch angekreidet, sondern er verlor auch mit Pauken und Trompeten. Anfangs des Wahlkampfs von Barack Obama nannte im Januar Dennis Prager Obamas Versöhnungs- Gerede angesichts der realen Gegensätze "kindisch" (childish).

Ebenso mit dem zweiten Thema: Den Wandel verspricht jeder Provinz- Wahlkämpfer, der Bürgermeister oder Landrat werden will. Gerade ist in Hessen Andrea Ypsilanti mit ihrem Plan eines "Politikwechsels" gescheitert. Helmut Kohl führte den Wahlkampf 1980 mit dem Versprechen einer "geistig- moralischen Wende". Als die Grünen auf der bundespolitischen Bühne erschienen, verkündeten sie großspurig ein "anderes Politik- Verständnis".

Sowohl das Thema des Versöhnens als auch das des Wandels, der Wende gehören zum Standard- Repertoire unzähliger Wahlkämpfe. Und das Motivieren der Wähler durch das Versprechen, gemeinsam werde man es schaffen, tut das ohnehin. Wie konnte es geschehen, daß Obama mit diesen Uralt- Parolen einen derartigen Erfolg hatte?

Weil sie - so meine These - genau in die Zeit paßten; weil sie die in den USA vorherrschende Stimmung exakt trafen. Damit bin ich bei der dritten Ebene der Analyse.



3. Die zeitgeschichtliche Ebene. Die Bezeichnung ist nicht optimal, aber ich habe keine bessere gefunden. Was ich meine, das ist die innen- und außenpolitische Entwicklung, die die USA in den vergangenen Jahren, auch den vergangenen Jahrzehnten, genommen haben und die Stimmung in der Bevölkerung, in der diese Entwicklung heute ihren Niederschlag findet. Deshalb zunächst ein kurzer Blick zurück.

Die ersten Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkriege waren - so las man es damals nicht selten - ein "Amerikanisches Zeitalter" gewesen. Das endete abrupt mit dem Mord an Kennedy, mit dem Vietnam- Krieg und der inneren Krise der siebziger Jahre; der Zeit der gar nicht großen Präsidenten Richard Nixon, Gerald Ford und Jimmy Carter. Parallel dazu verloren die USA außenpolitisch an Einfluß.

Als im Jahr 1979, gegen Ende der Amtszeit Jimmy Carters, iranische "Studenten" die US- Botschaft in Teheran besetzten, Botschaftsangehörige dort mehr als ein Jahr lang festhielten und der Versuch einer militärischen Befreiung dann auch noch kläglich in einem Sandsturm scheiterte, hatte dieser Niedergang sein Symbol gefunden.

Beendet wurde diese mehr als zehnjährige Krise mit der Regierungszeit Ronald Reagans, in den achtziger Jahren. Auf den Niedergang in den Siebzigern folgte eine Zeit des Wiederaufstiegs der USA; in gewisser Weise ein neues Amerikanisches Zeitalter.

Die Grundlage dafür schuf Reagans neoliberale Wirtschaftspolitik und seine außenpolitische Festigkeit; der Aufstieg dauerte unter seinen Nachfolgern George Bush sen. und Bill Clinton an. Als George W. Bush im Herbst 2000 zu Clintons Nachfolger gewählt wurde, waren die USA die einzige verbliebene Supermacht; wirtschaftlich, militärisch und auch in ihrem Ansehen unangefochten.

Unangefochten, noch. So könnte man im Rückblick sagen. Denn während der guten, der erfolgreichen Reagan-, Bush- und Clinton- Jahre zogen sich sozusagen die Gewitter über den USA zusammen.

Im Inneren veränderte sich die Gesellschaft in einem nie gekannten Tempo. Dazu mehr in in einem späteren Abschnitt.

Aber auch die Welt rund um die USA veränderte sich. Die USA waren (und sind) von der Globalisierung mindestens so stark betroffen wie Europa. Chinesische Waren strömten ins Land, die klassischen Industrien waren immer mehr dieser Konkurrenz ausgesetzt; zusätzlich wuchs die Auslagerung von Produktions- Stätten, das Outsourcing. Auch dem amerikanischen Sozialstaat drohte der Kollaps; wie bei uns unter anderem wegen der demographischen Entwicklung.

In dieser Lage kam George W. Bush 2000 an die Macht. Er wollte eigentlich ein innenpolitischer Präsident werden; Reformen des Schulwesens ("No child left behind"), der Gesundheitspolitik (Medicare), Steuersenkungen und die Reform des Rentensystems hatten auf seinem Programm gestanden. Das sollte einerseits die USA fit für die Globalisierung machen und andererseits deren negative Auswirkungen dämpfen.

Zugleich strebte Bush eine konservative Erneuerung der Gesellschaft an; zu seinen ersten Gesetzesvorlagen gehörten beispielsweise erweiterte Zuschüsse an religiöse Wohlfahrts- Einrichtungen. Ein anderes Lieblingsprojekt Bushs war die Senkung der Zahl von Teenager- Schwangerschaften.

Die meisten dieser Vorhaben hat Bush mehr oder weniger erfolgreich im Lauf seiner acht Jahre im Amt realisiert. Seine innenpolitische Bilanz kann sich durchaus sehen lassen. Das alles aber wurde weitgehend überlagert durch den Terrorangriff am 11. September 2001. Er war es, der Bushs Außenpolitik wie auch seiner Innenpolitik eine neue Richtung gab und der eine zentrale Ursache für die heutige Situation ist, in der Obama mit seinen Parolen vom Wandel und von der Einigkeit so erfolgreich sein konnte.



Der Terrorangriff am 11. September und die Art, wie er darauf reagierte, hat Präsident Bush zunächst zu großer Popularität verholfen. Nach der Amtsübernahme hatte er zwischen 50 und 65 Prozent Zustimmung bekommen. Im September 2001 schnellte der Wert auf über 90 Prozent hoch. Am 8./9. Oktober 2001 erreichte Buch mit 92 Prozent den höchsten Zustimmungs- Wert, der seit Beginn dieser Erhebungen unter Franklin D. Roosevelt jemals gemessen wurde. Die Zustimmung fiel dann langsam auf normalere Werte ab, lag aber im Februar 2003, vor dem Beginn des Irak- Kriegs, immer noch höher als vor dem 11. September.

Der Entschluß Bushs, diesen Krieg zu führen, brachte seine Popularität noch einmal auf ein zweites Hoch; vom März bis zum Juni 2003 waren rund 70 Prozent der Amerikaner mit seiner Amtsführung einverstanden. Der Wert sank dann wieder langsam, lag aber im Dezember 2003, nachdem Saddam Husseein gefaßt worden war, noch einmal bei über 60 Prozent. Danach stabilisierte er sich bei 50 Prozent; bei diesem Wert blieb es bis Mitte 2005.

Bis dahin war George W. Bush ein durchaus erfolgreicher Präsident. Die amerikanische Nation war weitgehend mit sich selbst im Reinen: Man hatte auf den Angriff vom 11. September so reagiert, wie es nun einmal hatte sein müssen. Der Lohn war, daß es danach nicht noch einmal einen Angriff dieses Kalibers gegeben hatte. Man war dabei, im Irak eine leidliche Demokratie entstehen zu lassen; das würde den ganzen Nahen Osten dem Frieden und einer stabilen Ordnung ein großes Stück näher bringen.

Wäre Präsident Bush im Sommer 2005 etwas zugestoßen - er wäre nicht als ein ganz großer, aber doch ein passabler Präsident in die Geschichte eingegangen, der in einer schwierigen Situation die Sicherheit der Nation gewährleistet hatte. Dafür - und für eine im Ganzen erfolgreiche Wirtschaftspolitik - hatte ihn ein halbes Jahr zuvor eine Mehrheit der Amerikaner für eine zweite Amtszeit gewählt.

Stellen wir uns einmal den - in der US-Verfassung nicht vorgesehenen - Fall vor, daß es nach einem Ausfall Bushs im Jahr 2005 die Neuwahl eines Präsidenten gegeben hätte.

Dann wären Barack Obamas Parolen vom Wandel und vom Heilen der Gegensätze auf wenig Resonanz gestoßen, ja auf achselzuckendes Unverständnis. Warum wechseln; es lief doch alles gar nicht so schlecht? Welche Gegensätze heilen? Die Wähler hatten sich ja gerade erst deutlich für Bush entschieden; und Kerry hatte überdies auch keine großen Änderungen versprochen.

Barack Obama wäre damals vermutlich noch nicht einmal von seiner Partei nominiert worden; so wenig, wie auf der anderen Seite der Maverick McCain. Man hätte sich als Kandidaten für die Nachfolge jemanden ausgesucht, der im großen und ganzen auf Bushs Linie gewesen wäre; vielleicht Condoleezza Rice auf der einen und Joe Lieberman auf der anderen Seite.

Was ist in den gut drei Jahren seither passiert, was hat die politische Landschaft der USA so verändert, daß so viele Amerikaner einen Wandel wollten, so viele jetzt empfänglich waren für die Versprechungen eines Heilers, der alle Gegensätze im Volk überwinden, der alles ändern will?

Die Antwort liegt, wie ich meine, weniger in irgendeinem politischen Detail, sondern in der Selbstwahrnehmung, dem Selbstbild der Amerikaner. Es hatte sich in diesen drei Jahren so etwas wie eine kollektive Depression eingestellt; und da kam der Doktor Eisenbarth Barack Obama gerade recht als Therapeut.

(Fortsetzung folgt)



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2. Februar 2008

Zitat des Tages: "Deutschland wimmelt von Aufpassern"

Da gibt es diese Aufpasser, diese Jünglinge, die aufpassen, was die damals gemacht haben. Ich meine, Deutschland wimmelt von Aufpassern.

Hans Magnus Enzensberger im Interview mit Thea Dorn über die Befassung mit gebrochenen Biographien.

Thea Dorn ist immer at her best, wenn sie eindrucksvolle alte Männer interviewt; diese scheinen mir auch oft at their best zu sein, wenn Thea Dorn sie interviewt. Das folglich sehr sehenswerte Interview wird am Sonntag um 13.30 auf 3Sat wiederholt.

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31. Januar 2008

Zitat des Tages: "Mut und Demut der Deutschen"

On y commémore partout le 75e anniversaire de la prise du pouvoir par Adolf Hitler et le parti nazi, d'une manière qui fait dire à un ancien ambassadeur d'Israël à Berlin: "Où, dans le monde, a-t-on jamais vu une nation ériger tant de monuments pour immortaliser sa propre honte? Seuls les Allemands ont cette audace et cette humilité."

Il est non moins rare d'entendre un héritier des victimes rendre un hommage si fervent aux héritiers des bourreaux.


(Man erinnert dort [in Deutschland] überall an den 75. Jahrestag der Machtergreifung Adolf Hitlers und der Nazi- Partei, und zwar auf eine Weise, die den früheren Botschafter Israels in Berlin sagen ließ: "Wo in der Welt hat man jemals gesehen, daß eine Nation derart viele Denkmäler errichtete, die an ihre eigene Schande erinnern? Nur die Deutschen haben diesen Mut und diese Demut."

Ebenso selten ist es, daß man einen Erben der Opfer den Erben der Henker eine solche tiefe Ehrerbietung erweisen hört.)

Jean Daniel (87), Doyen der französischen Journalisten, ein jüdischer Humanist algerisch- berberischer Herkunft, in seinem Leitartikel im aktuellen Nouvel Observateur, dessen Herausgeber er ist.

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19. April 2007

Geschichtswissenschaft, Zeitgeschichte, der Fall Filbinger: Ein paar nachdenkliche Nach-Gedanken

Der Fall Oettinger ist so schnell zu Ende gegangen, wie er plötzlich begonnen hatte. Oettinger ist zur Strecke gebracht. Die Waidmänner können die Jagd abblasen. Hase tot. Jagd vorbei. Halali.

Jetzt ist es, denke ich, an der Zeit, sich ein wenig mit den Hintergründen solcher "Fälle" zu befassen.

Den sozialpsychologischen und politischen Hintergrund, nämlich den - so meine Hypothese - Befreiungsschlag einer in den vergangenen Jahren in die Defensive geratenen Linken, was die moralische Meinungsdominanz angeht, habe ich hier zu skizzieren versucht.

Jetzt soll es, wie angekündigt, um die sachlichen Fragen gehen, die in dem Fall im Hintergrund standen, und die zu diskutieren sich lohnt.

Einiges habe ich in Kommentaren in anderen Blogs dazu geschrieben, zum Beispiel bei meinen Freunden von FdoG und WMD. Mit dem jetzigen Beitrag will ich den Blick darauf richten, daß der Fall Filbinger/ Oettinger ja auch etwas mit Wissenschaft zu tun hat: Mit Geschichtsschreibung; genauer mit Zeitgeschichte.



Geschichtsschreibung ist lange keine Wissenschaft gewesen.

Nichts lag den älteren Historikern ferner als das Bemühen um wissenschaftliche Objektivität und Genauigkeit.

Man schrieb in bestimmten Absichten. Herodot und Xenophon beschrieben aus griechischer Sicht den Kampf der Griechen gegen die Perser; Caesar schrieb über den Gallischen Krieg, um seine militärischen Erfolge für den politischen Kampf im rechten Licht erscheinen zu lassen.

Gewiß versuchte Herodot so etwas wie Quellenkritik. Aber da ging es doch darum, zwischen verschiedenen Varianten einer Geschichte zu entscheiden. Das stand im Dienst der politischen, auch der künstlerischen Absicht.



Daß der Historiker seine eigenen Interessen, seine politischen Überzeugungen, die Sichtweise seiner Zeit so weit zurückzustellen hat, wie das jeder Wissenschaftler tun muß, ist eine Erkenntnis, die sich erst im szientistischen 19. Jahrhundert durchsetzte. Sich freilich nicht durchweg durchsetzte; Treitschke war ein Gegenbeispiel.

Aber Leopold von Rankes Forderung, zu schreiben, "wie es eigentlich gewesen ist", wurde doch als Postulat akzeptiert.

Rückschlage gab es dann, das ist wahr; die schändliche Verfälschung der Geschichte durch die Nazis und die Kommunisten war ein solcher Rückschritt, wie ja überhaupt der Totalitarismus des Zwanzigsten Jahrhunderts ein fürchterlicher zivilisatorischer Rückfall gewesen ist.



Nun hat es der Historiker mit der wissenschaftlichen Objektivität freilich schwerer als der Physiker oder, sagen wir, der Neurobiologe. Einen "rückwärtsgewandten Propheten" hat ihn Friedrich Schlegel genannt.

In der Tat: Geschichte schreiben heißt, Lücken zu füllen. Man hat ja das Vergangene nicht in allen seinen Facetten zur Verfügung. Sondern man hat mehr oder weniger vollständige Quellen, Indizien, Dokumente, Artefakte. Aus denen sucht man zu rekonstruieren, wie es "eigentlich gewesen" ist.

Und dabei kommt natürlich die eigene Weltsicht, kommen die eigenen Vorurteile und politischen Überzeugungen des Historikers ihm in die Quere. Er muß bei seinem Versuch der Rekonstruktion mit denjenigen kognitiven Strukturen arbeiten, die ihm nun einmal zur Verfügung stehen.

Geschichte schreiben - das ist, wenn es ein wissenschaftlich ernsthaftes Unternehmen ist, der ständige Kampf gegen die eigene Subjektivität des Historikers.

Dann jedenfalls, wenn er ein guter, ein wissenschaftlich arbeitender Historiker ist. Wenn er die Geschichte nicht als einen Steinbruch mißbraucht, aus dem er die Quader für das entnimmt, was er zum Behuf seiner eigenen Interessen, oder derjeniger seiner Partei, seiner Weltanschauung zu konstruieren trachtet.

Wenn er sich nicht gar prostituiert, wie die marxistischen Historiker, die jedes Streben nach Objektivität haben fahren lassen; weil ja jede Erkenntnis eh Ausdruck von Klasseninteresse sei.

Die großen Historiker haben gezeigt, daß Objektivität in erstaunlichem Maß möglich ist; Gibbons "Decline and Fall of the Roman Empire" und Rankes "Römische Geschichte" sind große Beispiele für eine Geschichtsschreibung, die sich strikt an ihren Gegenstand hält. Beide wunderbar zu lesen, noch dazu; Dokumente einer unglaublichen Gelehrsamkeit.



Ich nähere mich jetzt allmählich wieder dem Fall Filbinger. Der nämlich zeigt paradigmatisch, wie schwer objektive Geschichtsschreibung sein kann.

Sie ist immer dann besonders schwer, wenn es um Zeitgeschichte geht. Das war das Handicap Xenophons und Caesars: Daß sie von Selbsterlebtem schrieben; also von dem, worin sie ihre eigenen Interessen investiert hatten. Auch Herodot schrieb über die Perser im Kontext der anhaltenden Auseinandersetzung der Griechen mit den Persern.

Zeitgeschichte zu schreiben geht im Grenzfall in politische Schriftstellerei, im schlimmsten Fall in politische Polemik über. Oft ist das auch gar nicht anders möglich. Angesichts der himmelschreienden Verbrechen der Nazis konnte man nach 1945 nicht gut sine ira et studio über sie schreiben; man konnte es auch nicht über Stalin, Mao, Pol Pot, nachdem deren Verbrechen offenbar geworden waren.

Das ist eine Frage des Erlebenshorizonts. Wahrscheinlich ist der kühle Blick des Historikers erst nach ungefähr hundert Jahren möglich - das heißt, wenn Historiker heranwachsen, deren Eltern nicht nur, sondern auch deren Groß- und Urgroßeltern nicht mehr Zeitzeugen gewesen sind. Arno Schmidt hat Ähnliches einmal in Bezug auf Oppermanns "Hundert Jahre" erörtert.



Die Frage, ob Filbinger "ein Nazi" war, wirft viele Teil- Fragen auf. Spricht man vom 22jährigen Filbinger, der einen dummen Aufsatz schrieb? Oder vom über Dreißigjährigen, der als Militärrichter urteilen mußte? Meint man seine Gesinnung, oder spricht man von seiner Anpassung an die Diktatur, in der er nun einmal lebte? Auf welche Aussagen, Dokumente, Handlungen stützt man sich?

Für den objektiven, sine ira et studio forschenden Historiker tun sich da, wie man leicht erkennt, zahllose Schwierigkeiten, Probleme des Operationalisierens, des Verifizierens auf.

Mir ist das deutlich geworden, als ich im Geist die entsprechende Frage in Bezug auf Kommunisten in der DDR durchgespielt habe:Wer war in der DDR ein "Kommunist"?

Derjenige, der von der Richtigkeit des Marxismus- Leninismus als "einzige wissenschaftliche Weltanschauung" überzeugt war? Das dürfte, jedenfalls in der letzten Phase der DDR, eine kleine Minderheit nicht nur der Bürger gewesen sein, sondern auch der Nomenklatura.

War in der DDR jeder "Kommunist", der der SED oder einer ihrer Blockparteien angehörte? Oder einer der zahllosen gesellschaftlichen Organisationen; sagen wir, der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft? Dann gab es in der DDR viele Millionen Kommunisten; sicherlich die Mehrzahl der Bevölkerung.

Oder war jeder ein Kommunist, der sich mit diesem Staat arrangiert hatte? Der sich dem "Aufbau des Sozialismus" zumindest nicht aktiv widersetzte? Dann waren die Befürworter einer "Kirche im Sozialismus", Leute wie Stolpe, Kommunisten. Dann waren 90, vielleicht 95 oder 98 Prozent der DDR-Bevölkerung Kommunisten.



Und wer war ein "Gegner des Kommunismus"? Jeder, der lieber in der Bundesrepublik gelebt hätte, als in der DDR? Das dürfte, wie das Jahr 1989 zeigte, die große Mehrheit der Bevölkerung gewesen sein.

Oder wer sich der Mitgliedschaft in allen Organisationen der Kommunisten verweigerte? Dann war nur eine kleine Minderheit Gegner des Kommunismus. Angela Merkel gehörte dann nicht dazu.

Oder wer sich weigerte, in einer Einrichtung dieses Staats zu arbeiten? Dann war beispielsweise Wolfgang Thierse kein Gegner des Kommunismus, der Mitarbeiter in einem DDR- Ministerium gewesen war, wenn auch nur einige Jahre.

Oder war nur Gegner des Kommunismus, wer aktiv gegen ihn gearbeitet, sich also der Gefahr einer Verhaftung, einer langjährigen Gefängnisstrafe ausgesetzt hat? Dann waren es vielleicht ein paar Tausend von siebzehn Millionen, die Gegner des Kommunismus waren, in der DDR.



Ich kannte zu DDR-Zeiten einen Kollegen, der "Reisekader" war, also in den Westen zu Konferenzen reisen, sogar Gastprofessuren wahrnehmen durfte. Natürlich war er Mitglied der SED; sonst hätte er das niemals gedurft.

Er hat mir damals erzählt, wie er auf jeder seiner Reisen ohne Unterbrechung beobachtet wurde; etliche Agenten von Markus Wolf waren ihm offenbar immer auf den Fersen. Er war kein Marxist, aber er hielt viel von der Idee des Sozialismus; in gewisser Weise war er ein überzeugter, wenn auch sehr kritischer DDR-Bürger. War er Kommunist?

Mein Patenonkel war Soldat im Zweiten Weltkrieg und, wie Filbinger, Jurist. Er wurde aber nicht als Militärrichter verwendet, sondern als schlichter Gefreiter. Er war als Student Mitglied der NSDAP geworden.

Als Soldat sagte er seine Meinung über die Nazis so unverblümt, daß er nur knapp dem Kriegsgericht entging. Ich habe in seinem Nachlaß Briefe gefunden, in denen er damals mit geradezu tollkühner Leichtfertigkeit - seine Briefe hätten ja abgefangen werden können - vernichtend über die Nazis urteilte.

Aber er war Mitglied der NSDAP; er hatte bei Carl Schmitt promoviert. War er Nazi?



Also, wenn man objektiv zu sein versucht, dann sind das alles sehr schwierige Fragen.

Aber es ist ja nicht die raison d'être von Politikern, objektiv zu sein.

Natürlich gibt es einen Handlungskontext, in dem man sich nicht die Blässe des Gedankens leisten kann. Man fragt sich dann, wie vermutlich Angela Merkel, nicht, ob Oettinger mit seiner Charakterisierung von Filbinger im Recht oder im Unrecht gewesen war, sondern welche politische Wirkung seine Trauerrede hatte und noch weiter haben konnte.

Wer unter den Nazis, wer unter den Kommunisten gelitten hat, wessen Verwandte vielleicht von den Nazis ermordet wurden, dem wird man keine Objektivität abverlangen können.

Nur - und das ist jetzt meine subjektive Bemerkung zum Objektiven: Ich selbst lebe nun einmal in einer beruflichen, aber auch persönlichen Welt, in der es mir darum geht, ob etwas wahr ist oder falsch.

Und ich schreibe deshalb einen Blog, statt mich aktiv politisch zu betätigen, weil ich mir diese um Objektivität bemühte, diese sich nicht an der Wirkung orientierende Sichtweise erlauben möchte.