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22. Mai 2009

Morgen wird Horst Köhler vermutlich wiedergewählt. Ein Rückblick auf die Kandidatur der unglücklichen Gesine Schwan

Was für ein Tag morgen! Das Grundgesetz wird sechzig Jahre alt, und der Bundespräsident kämpft um seine Wiederwahl. Ach ja, und die Spielzeit der Bundesliga geht mit spannenden Kämpfen an der Spitze und im Keller zu Ende. Das wollen wir ja auch nicht vergessen.

Damit, daß er um seine Wiederwahl kämpfen mußte - zumindest damit -, wird Horst Köhler in die Geschichte eingehen.

Bisher wurden alle Bundespräsidenten, die sich für eine zweite Amtszeit zur Verfügung stellten, mit einer breiten Mehrheit wiedergewählt. Natürlich gibt es darauf keinen formalen Anspruch; aber es macht schon Sinn. Denn der Präsident soll sein Amt überparteilich ausüben. Ist ihm das gelungen, dann liegt es nahe, daß er auch überparteilich wiedergewählt wird.

Ist Horst Köhler mit einer einvernehmlichen Wiederwahl gescheitert, weil er sein Amt schlechter, weil er es weniger überparteilich ausgeübt hätte als seine Vorgänger?

Keineswegs. Er war in seiner jetzt zu Ende gehenden ersten Amtszeit ein selbständiger, ein den Politikern oft unbequemer Präsident. Daß er sein Amt politisch einseitig ausgeübt hätte, wird ihm selbst die SPD nicht vorwerfen können. Er hat die Wiederwahl ebenso verdient wie Theodor Heuß, wie Heinrich Lübke, wie Richard von Weizsäcker.

Warum also muß er morgen um sein Amt kämpfen? Warum hat die SPD mit der bisherigen Tradition gebrochen, einen erfolgreichen Präsidenten über Parteigrenzen hinweg wiederzuwählen?



Die Antwort ist einfach: Weil die SPD die Wahl des Bundespräsidenten für ihre politische Strategie einsetzen wollte.

Die Entscheidung fiel vor gut einem Jahr, Anfang Mai 2008. Damals hatte eine Frau das Sagen in der SPD: Die Linksaußen- Politikerin Andrea Nahles, deren Büro im Augenblick damit beschäftigt ist, bisherige Kommunisten in die SPD zu holen.

Zwar war der engere Vorstand (Kurt Beck und seine Stellvertreter Steinbrück, Steinmeier und eben Nahles) mehrheitlich keineswegs links. Aber der biedere, sich freilich durchaus auch in täppischem Machiavellismus versuchende Kurt Beck war im heimischen Mainz verwurzelt geblieben und hatte nie in Berlin Fuß gefaßt; er war ja auch hauptamtlich mit dem Regieren in Mainz beschäftigt. Auch Steinmeier und Steinbrück hatten große Ministerien zu verwalten. Andrea Nahles aber konnte sich voll der Partei widmen; sie wurde damit so etwas wie die geschäftsführende Vorsitzende.

Und als diese fädelte sie den Coup ein, den ich damals, am 20. Mai 2008, im einzelnen beschrieben habe:

Köhler hatte sich damals noch nicht geäußert, ob er eine zweite Amtszeit anstrebe. Wie bei Heuß, Lübke und Weizsäcker rechnete man damit, daß er das nur tun würde, wenn er des Vertrauens einer breiten Mehrheit in der Bundesversammlung würde sicher sein können.

Also hatten die Mini- Machiavellis von der SPD sich, angeführt von Andrea Nahles, ein "Geheimtreffen" ausgedacht, das so geheim war, daß es sofort der Presse bekannt wurde. Man hatte sich auf die Kandidatin Gesine Schwan verständigt, teilte das aber nicht mit, weil man ja "Respekt vor dem Amt des Präsidenten" hatte.

Durchsickern aber ließ man es; in einem breit sickernden Bach, sozusagen. Die Hoffnung war offensichtlich, damit Köhler zum Verzicht auf eine zweite Amtszeit zu bewegen. Gegen einen neuen Kandidaten der Union würde Schwan dann ausgezeichnete Chancen haben.

Köhler aber reagierte nicht wie erwartet (wie auch ich es erwartet hatte): Er verkündete nun erst recht, daß er für eine zweite Amtszeit kandidieren würde. Er nahm es in Kauf, als erster deutscher Bundespräsident um sein Amt kämpfen zu müssen.



Warum wollte Andrea Nahles den Präsidenten Köhler weghaben? Sie wollte nicht eigentlich den Präsidenten Köhler weghaben. Sie wollte eine Gegenkandidatin gewählt sehen, und zwar mit den Stimmen der Volksfront aus SPD, Grünen und Kommunisten.

Damals sollten die Weichen für eine Volksfront- Regierung nach dem 27. September 2009 gestellt werden. Ein "Stück Machtwechsel"; so, wie bei der Wahl Gustav Heinemanns am 5. März 1969 erstmals auf Bundesebene eine sozialliberale Koalition agierte, die dann im Herbst auch die Regierung bildete.

Kein Wunder, daß die Nominierung Gesine Schwans bei den Anhängern einer Volksfront auf begeisterte Zustimmung stieß; ich habe damals in zwei Artikeln diese Medienkampagne für Schwan kommentiert.

Alles schien so schön zu laufen; Schwan benahm sich zunächst sehr geschickt, indem sie sich alsbald mit den Kommunisten anlegte. So konnte das Image einer Freundin der Kommunisten gar nicht erst aufkommen; und daß diese sie dennoch aus machtpolitischem Kalkül wählen würden, war der Kennerin des Kommunismus Schwan natürlich klar.

Alles hätte so schön werden können - wenn nicht Beck gestürzt und damit Nahles entmachtet worden wäre. Wenn nicht damit in der SPD auf einmal nicht mehr die Volksfront für 2009 angesagt gewesen wäre, sondern die Ampel.

Damit hing nun die Kandidatur Gesine Schwans in der Luft. Sie war unter diesen neuen Auspizien der SPD schon fast genierlich; würde doch eine Stimmabgabe der Kommunisten für die SPD- Kandidatin nur häßliche Befürchtungen nähren, daß die SPD am Ende doch auf eine Volksfront zusteuern könnte.

Eine Woge der Begeisterung in der ganzen Linken hatte Gesine Schwan ins Amt tragen sollen. Jetzt rührte sich in der SPD kaum noch eine Hand für sie. Ich habe diesen Frust der Kandidatin Gesine Schwan Anfang des Jahres hier und hier kommentiert. Sie konnte einem nachgerade Leid tun, diese Kandidatin, die mit hoch erhobener Fahne vorneweg marschierte; nur folgte ihr kaum noch jemand.



Und wie wird es nun morgen ausgehen? Ich halte es für wahrscheinlich, daß Horst Köhler schon im ersten Wahlgang gewählt werden wird.

Gut möglich, daß auch einige aus der SPD für ihn stimmen, die es nicht darauf ankommen lassen wollen, daß am Ende die Kommunisten ihren Peter Sodann zurückziehen und erklären, sie würden für Schwan stimmen. Gut möglich sogar, daß auch die Kommunisten an einer solchen Konstellation nicht mehr interessiert sind. Warum sollen sie noch für eine Kandidatin der Volksfront stimmen, solange die SPD die Volksfront brüsk ablehnt?



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: The International Monetary Fund. In der Public Domain, bestätigt durch das Wikimedia OTRS system.

20. Mai 2008

Zettels Meckerecke: Westentaschen-Machiavellis. Wie die SPD bei der Wahl des Bundespräsidenten taktiert

Das Taktieren der SPD in Sachen Bundespräsident ist ebenso durchsichtig, wie es mal wieder ein Beispiel für den täppischen Machiavellismus ist, der offenbar - siehe Wiesbaden - unter Kurt Beck zum Markenzeichen der SPD zu werden beginnt.

Bisher hat sich noch stets in der Geschichte der Bundesrepublik ein Bundespräsident nur dann zur Wiederwahl gestellt, wenn er sicher sein konnte, sowohl von Regierungsseite als auch von der Opposition gewählt zu werden.

Das ist bisher erst dreimal geschehen. Fünf der Präsidenten (Heinemann, Scheel, Carstens, Herzog und Rau) amtierten nur für eine Amtsperiode.

Theodor Heuß wurde 1954 mit den Stimmen sowohl der Regierungsparteien CDU/CSU und FDP als auch der SPD-Opposition wiedergewählt.

Bei seiner Wiederwahl 1974 erhielt Heinrich Lübke sowohl die Stimmen der Regierungspartei CDU als auch die der in der Opposition stehenden SPD; die FDP allerdings hatte mit Ewald Bucher ihren eigenen Kandidaten aufgestellt.

Richard von Weizsäcker hatte bei seiner Wiederwahl 1989 keinen Gegenkandidaten und wurde von den Regierungsparteien sowie von der SPD-Opposition unterstützt.

Es liegt also auf der Hand, daß Bundespräsident Köhler nur dann für eine zweite Amtsperiode zur Verfügung stehen wird, wenn auch die SPD sich für ihn entscheidet. Angesichts der bisherigen Tradition in diesem Punkt würde eine Wiederwahl mit einem knappen Ergebnis nachgerade einer Demontage Köhlers und einer Beschädigung des Amtes gleichkommen.



Verhielte sich die SPD fair statt machiavellistisch, dann würde sie dem Bundespräsident die Information geben, die er für seine Entscheidung braucht: Ihm entweder mitteilen, daß sie ihn unterstützen wird, oder ihm sagen, daß er nicht auf ihre Stimmen rechnen kann. Falls sie zu dieser Entscheidung jetzt nicht in der Lage ist, dann hätte sie den Mund zu halten gehabt.

Was aber machen diese Westentaschen- Machiavellis um Kurt Beck, Andrea Nahles und Hubertus Heil?

Sie veranstalten das Spektakel eines "Geheimtreffens", das so geheim ist, daß es schon am selben Abend mit allen Einzelheiten, inclusive Teilnehmerliste und Ort des Geschehens von dpa gemeldet wird.

Der Generalsekretär Heil tut dann erst so, als sei es in dem Treffen gar nicht um die Wahl des Bundespräsidenten gegangen. Dann läßt man durchsickern, daß es sehr wohl darum gegangen sei und daß Frau Schwan nicht abgeneigt sei.

Von dem, was das Ergebnis dieses angeblich geheimen Treffens war, wird eine so breite Spur gelegt, wie das Winnetou zu tun pflegte, wenn er sicher sein wollte, daß seine Verfolger ihn auch ja nicht aus dem Auge verlieren. So breit, daß in der gestrigen FAZ Stefan Dietrich schreiben konnte:
Nachdem sich der Parteivorsitzende Beck und seine drei Stellvertreter mit der von Andrea Nahles schon zur Wunschkandidatin ausgerufenen Gesine Schwan getroffen haben, ist die Grundsatzentscheidung über die Nominierung einer Gegenkandidatin – ein Kandidat kommt wohl nicht in Frage – gefallen.
Nur bekanntgeben tun sie die Entscheidung nicht, die Führer der SPD. Das täten sie aus Respekt nicht, versichern sie treuherzig. Wie dpa meldet:
Die SPD wolle zuerst Klarheit, ob Köhler erneut zur Verfügung stehe, sagte Heil. Das gebiete der Respekt vor dem höchsten Staatsamt. Die SPD habe aber das Recht, einen eigenen Kandidaten zu nominieren.
Was Heil und seine Genossen veranstalten, ist allerdings, wie R.A. bei den Kollegen von B.L.O.G. treffend bemerkt, "gerade das Gegenteil von 'Respekt vor dem höchsten Staatsamt'":
Die SPD fordert, daß sich Köhler aus dem Fenster lehnt und um eine zweite Amtszeit bittet. Um ihm anschließend sagen zu können: "Ätsch, wir würden Dich aber lieber absägen".
Den Vortritt will sie Köhler lassen, sagt die SPD. Man kann jemandem auch den Vortritt lassen, um ihn von der Treppe hinabzustoßen.



Der Respekt vor dem Amt des Präsidenten nämlich ist bei Beck und Heil offensichtlich so ausgeprägt, daß sie ihn als Schachfigur in ihrem Spiel "Wir fädeln mittels der Wahl einer Bundespräsidentin die Volksfront- Koalition ein" verwenden möchten.

Denn ohne eine vorausgehende Zusage der SPD, ihn zu wählen, kann Köhler sich, siehe oben, nicht zu einer zweiten Amtszeit zur Verfügung stellen.

Die SPD gedenkt ihn also in eine Situation zu manövrieren, in der er gar keine Wahl hat, als abzusagen. Das soll dann das Signal für unsere kleinen Machiavellis sein, sich hinzustellen und mit biederem Blick zu sagen: Tja, unter diesen Bedingungen werden wir natürlich unsere eigene Kandidatin präsentieren. Niemand kann doch von uns erwarten, einen neuen CDU- Kandidaten mitzuwählen.

Es ist schlau eingefädelt, freilich nur so bauernschlau, wie nicht nur Beck und Heil, sondern auch ihre Wiesbadener Genossin Ypsilanti halt sind. SchülerInnen eher jener Leuchte der deutschen Politologie, des Lobredners der Lüge Franz Walter, als des großen Niccolò Machiavelli.

Und wer weiß, vielleicht fallen die kleinen Taktierer ja auch so auf die Nase wie ihre Kollegin in Wiesbaden. Laut einer heute veröffentlichten Forsa-Umfrage liegt die SPD jetzt bei 23 und "Die Linke" bei 13 Prozent. Das ist die Quittung für die taktischen Meisterleistungen der SPD-Spitze. Und 57 Prozent dieser kleinen Schar der verbliebenen SPD-Anhänger sind dafür, daß die SPD Köhler mitwählt. Nur 35 Prozent hätten gern einen eigenen SPD-Kandidaten, also nach Lage der Dinge die Kandidatin Schwan.

35 Prozent von 23 Prozent, das sind etwas mehr als sieben Prozent der Befragten. Auch wenn vermutlich aus den anderen Parteien noch manche eine Kandidatur von Gesine Schwan unterstützen würden - von einer Massenbewegung zu ihren Gunsten wird man nicht eben sprechen können.

Mir scheint, sie müssen sich warm anziehen, die Meister der Taktik an der Spitze der SPD. Und hoffen, daß sie nicht am Ende des Jahres 2009 unter einem Bundeskanzler Gregor Gysi oder Oskar Lafontaine ins Kabinett müssen, vereidigt von einem wiedergewählten Präsidenten Köhler.

Na gut, das war jetzt Satire. Aber wo hört, angesichts der im Irrgarten der Taktik herumtaumelnden SPD-Führung, die Wirklichkeit auf und fängt Satire an?



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24. Februar 2008

Marginalie: Das heutige Wahlergebnis könnte die Wiederwahl Bundespräsident Köhlers gefährden

Ein oft wenig beachteter Effekt jeder Landtagswahl ist, daß sich die Zusammensetzung der Bundesversammlung ändern kann. Bisher hat dort Schwarzgelb noch eine Mehrheit, die aber seit den Wahlen in Hessen und Niedersachsen auf nur drei Stimmen geschrumpft ist. Die heutigen Wahlen in Hamburg könnten sie weiter reduzieren, wenn auch wahrscheinlich noch nicht ganz verlorengehen lassen.

Die Wahl des Bundespräsidenten findet voraussichtlich am 23. März 2009 statt. Bundespräsident Köhler wurde bekanntlich ausschließlich mit den Stimmen von CDU/CSU und FDP gewählt. Es ist gut möglich, daß es für seine Wiederwahl durch diese Parteien nicht mehr reicht.

Er wird dann entweder Stimmen bei den anderen Parteien suchen müssen, oder wir haben in gut einem Jahr einen neuen Bundespräsidenten.

Schon dreimal in der Geschichte der Bundesrepublik hat die Wahl eines Bundespräsidenten einen "Machtwechsel" eingeläutet:
  • Im März 1969 wurde, während in Bonn noch die Große Koalition unter dem CDU-Kanzler Kiesinger regierte, Gustav Heinemann mit den Stimmen von SPD und FDP zum Präsidenten gewählt; nach den Wahlen im Herbst bildeten diese beiden Parteien die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt. Aus diesem Jahr stammt das Wort, daß die Wahl Heinemanns "ein Stück Machtwechsel" gewesen sei.

  • Bei der Wahl des Bundespräsidenten im Mai 1979 war in Bonn noch die sozialliberale Koalition an der Macht, aber aufgrund der vorausgegangenen Wahlen zu den Landtagen hatte sie in der Bundesversammlung ihre Mehrheit verloren. Gewählt wurde der CDU-Mann Karl Carstens. Diese Wahl erwies sich als der Vorbote des Regierungswechsels zu dem CDU-Kanzler Helmut Kohl.

  • Der jüngste derartige Fall ist die Wahl von Horst Köhler, die im Frühjahr 2004, also noch unter der rotgrünen Koalition, bereits von Angela Merkel vorbereitet und durchgesetzt wurde.
  • Die jetzt für Hessen so heftig diskutierte Frage, ob sich ein Demokrat von den Kommunisten mitwählen lassen darf, könnte sich sehr gut in brisanter Form bei der Wahl des Bundespräsidenten im kommenden Jahr stellen. Mit auch dann wieder einer Weichenstellung für die Regierungsbildung nach den Bundestagswahlen im selben Jahr.

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    26. Juni 2007

    Köhler hat Recht: Der Bundespräsident sollte direkt gewählt werden

    "Ich glaube, daß es kein schlechtes Modell wäre, den Bundespräsidenten direkt zu wählen. Vielleicht sogar nur für eine Periode von sieben oder acht Jahren" sagte der Bundespräsident am Sonntag Abend bei "Christiansen".

    Was hat sich Köhler bei diesem Vorstoß gedacht? Daß er das einfach nur so dahergesagt hat, ist bei einem so bedächtigen Mann auszuschließen.

    Also wollte er eine öffentliche Debatte anstoßen - über den Wahlmodus, also über das Amt des Bundespräsidenten.

    Also über eine Reform unserer Verfassung. Denn wenn man über die Wahl des Bundespräsidenten spricht, dann wird auch über seine Stellung und seine Rechte zu sprechen sein. Zum Beispiel das Recht, den Bundestag aufzulösen, wenn eine Regierung erkennbar am Ende ist, wie die Rotgrünen 2005 und vielleicht bald die Schwarzroten.



    Eine Direktwahl des Bundespräsidenten ist ja nicht eine sozusagen wahltechnische Frage. Sie würde das Amt des Präsidenten ganz erheblich aufwerten. Ein Präsident, der sein Mandat unmittelbar vom Volk hat, kann dem Parlament, kann der Regierung mit einem ganz anderen Gewicht gegenübertreten als ein Präsident, der sein Amt Parlamentariern verdankt.

    Gibt es Gründe dafür, eine solche Verschiebung des Machtgleichgewichts in Berlin anzustreben? Ja. Es gibt meines Erachtens sogar einen ganz dringenden Grund: Seit der Gründung der "Linkspartei" ist die Zeit stabiler Mehrheiten im Bundestag vorbei.

    Solange wir das Verhältniswahlrecht haben, wird es im Bundestag künftig mindestens sechs Parteien geben - CDU, CSU, SPD, FDP, Die Grünen und Die Linken.

    Eine siebte Partei rechts von der CSU könnte leicht hinzukommen. Denn je mehr die CDU gezwungenermaßen nach links rückt, um eine Volksfront vielleicht doch zu verhindern, umso mehr Platz läßt sie für eine nationalkonservative bis rechtsextreme Partei.



    Mit anderen Worten: Wir steuern unweigerlich auf Weimarer Verhältnisse zu.

    In der guten alten Bundesrepublik gewann entweder die eine odere die andere Seite Bundestagswahlen. Wo es einmal mehrere Koalitionsmöglichkeiten gab, war jeweils schon in der Wahlnacht klar, wer mit wem zusammengehen würde - 1969 die SPD mit der FDP, 1998 die SPD mit den Grünen.

    Das erste Mal haben wir nach den Wahlen 2005 erlebt, was Weimarer Verhältnisse sind. Lange, quälende Verhandlungen, an deren Ende eine Regierung steht, mit der niemand wirklich glücklich ist. Eine so unnatürliche Koalition, daß schon, wie wir es in diesen Tagen erleben, nach zwei Jahren die "Gemeinsamkeiten aufgebraucht" sind.

    So wird es fortan die Regel nach einer Bundestagswahl sein. Die Zeit der stabilen Regierungen ist vorbei. Ob nun eine Große Koalition oder die Ampel oder Jamaika oder die Volksfront - es sind alles unnatürliche, also instabile Koalitionen zwischen Partnern, die in fundamentalen Fragen differieren.

    Die beiden einzigen Koalitionen zwischen natürlichen Partnern, die weitgehend übereinstimmen, sind Rotgrün oder Schwarzgelb. Für beide sind angesichts der Aufstiegs der Kommunisten die Chancen nahezu null.



    Also wird dem Bundespräsidenten eine Schlüsselrolle zukommen, wie sie der Präsident in allen Ländern mit Weimarer Verhältnissen hatte und hat. Er wird, wie der Präsident der Weimarer Republik, wie der französische Staatspräsident der Vierten Republik, wie der Präsident der italienischen Nachkriegsrepublik, nach den Wahlen sondieren, Konstellationen prüfen, die Parteiführer konsultieren müssen, bevor er dem Bundestag einen Kandidaten für das Amt des Kanzlers vorschlägt.

    Und er wird während der Legislaturperiode die Kontinuität zu bewahren haben, wenn eine der unnatürlichen Koalitionen mal wieder zerbrochen ist, wenn er über eventuelle Neuwahlen entscheiden muß. Also sollte er durch Direktwahl legimiert sein, also sollten seine Rechte erheblich erweitert werden. In der unruhigen See, auf die wir zusteuern, brauchen wir einen starken Kapitän.



    Natürlich wäre eine solche Stärkung des Amtes des Präsidenten nur Stückwerk. Wirklich vor Weimarer Verhältnissen bewahren könnte uns nur ein Mehrheitswahlrecht

    Aber dafür wird es keine Mehrheit geben.

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    7. Mai 2007

    Christian Klar: Der Präsident hat souverän entschieden

    Horst Köhler ist ein Mann, der Wert auf seine Souveränität legt. Jetzt hat er sich entschieden, Christian Klar nicht zu begnadigen - ohne Rücksicht auf die Pressionen, die man von allen Seiten auf ihn auszuüben versuchte.

    Vorgestern sah es so aus, als werde er Klar begnadigen. Ich habe dazu geschrieben, daß wir eine solche Entscheidung zu respektieren hätten. Auch wenn wir sie für falsch hielten, wie ich zum Beispiel.

    Jetzt bin ich gespannt, wie diejenigen reagieren, deren Meinung nun der Präsident nicht gefolgt ist. Ich hoffe, auch sie respektieren die souveräne Entscheidung Köhlers.

    6. Mai 2007

    Marginalie: Mörder trifft Präsidenten

    "Getroffen" hat der Serienmörder Klar den Bundespräsidenten glücklicherweise nicht, wie einige Agenturen melden; aber er hat sich offenbar mit ihm getroffen.

    Was freilich auch seltsam klingt - ein Mörder "trifft" sich eigentlich mit einem Präsidenten nicht, oder umgekehrt. Sondern allenfalls könnte ein Präsident, der über ein Gnadensuch zu entscheiden hat, den Mörder vorladen oder vorführen lassen, um sich von ihm ein Bild zu machen.

    Ihn vorladen natürlich ins Präsidialamt; wohin sonst? Köhler allerdings ist eigens nach Süddeutschland gereist, wie gemeldet wird, um sich mit dem Mörder zu treffen.



    Seltsam, ungewöhnlich, ein wenig stillos. Ob der Präsident bei jedem Mörder, der um Gnade bittet, eine Reise unternimmt, um sich mit ihm zu treffen?

    Andererseits ist dieser eigenwillige Stil wohl Ausdruck der, sagen wir, trotzigen Selbständigkeit, mit der Köhler sein Amt führt. Etwas zu trotzig freilich, zu verkrampft, zu sehr diese Souveränität hervorkehrend, um wirklich souverän zu wirken.



    Wie wird der Präsident entscheiden? Wäre Carstens oder Weizsäcker, wäre Heinemann oder Herzog, wäre einer der wirklich souveränen Präsidenten zu einem Mörder hingefahren, um sich mit ihm zu treffen, dann wäre das ein klares Signal gewesen, daß er ihn begnadigen will.

    Aber bei Köhler bin ich da nicht so sicher. Vielleicht will er seine Souveränität zuerst durch diese Geste demonstrieren und dann dadurch, daß er gerade nicht das macht, was sie andeutet. Es würde seinem Stil entsprechen.



    Wie immer er entscheidet: Wir haben das zu respektieren. Wenn jetzt Politiker glauben, ihren Beitrag abliefern zu dürfen oder zu sollen oder gar zu müssen - dann haben sie offenbar die Gewaltenteilung nicht verstanden.

    Köhler ist der Gnadenherr. Es liegt im Wesen der Gnade, daß sie nicht begründungsfähig ist. Schon gar nicht haben Politiker sich in das einzumischen, was ein originäres Recht des Präsidenten ist.